Project Gutenberg's Mozart auf der Reise nach Prag, by Eduard Morike

Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
copyright laws for your country before downloading or redistributing
this or any other Project Gutenberg eBook.

This header should be the first thing seen when viewing this Project
Gutenberg file.  Please do not remove it.  Do not change or edit the
header without written permission.

Please read the "legal small print," and other information about the
eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file.  Included is
important information about your specific rights and restrictions in
how the file may be used.  You can also find out about how to make a
donation to Project Gutenberg, and how to get involved.


**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**

**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**

*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****


Title: Mozart auf der Reise nach Prag

Author: Eduard Morike

Release Date: February, 2005 [EBook #7503]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on May 11, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MOZART AUF DER REISE NACH PRAG ***




Produced by Gunther Olesch and Andrew Sly
This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - DE"
(http://www.gutenberg2000.de/moerike/mozart/mozart.htm), prepared by
Gerd Bouillon.




Eduard Mrike

Mozart auf der Reise nach Prag

Eine Novelle



Im Herbst des Jahres 1787 unternahm Mozart in Begleitung seiner
Frau eine Reise nach Prag, um >Don Juan< daselbst zur Auffhrung zu
bringen.

Am dritten Reisetag, den vierzehnten September, gegen elf Uhr morgens,
fuhr das wohlgelaunte Ehepaar, noch nicht viel ber dreiig Stunden
Wegs von Wien entfernt, in nordwestlicher Richtung jenseits vom
Mannhardsberg und der deutschen Thaya bei Schrems, wo man das schne
Mhrische Gebirg bald vollends berstiegen hat.

>Das mit drei Postpferden bespannte Fuhrwerk<, schreibt die Baronesse
von T. an ihre Freundin, >eine stattliche, gelbrote Kutsche, war
Eigentum einer gewissen alten Frau Generalin Volkstett, die sich
auf ihren Umgang mit dem Mozartischen Hause und ihre ihm erwiesenen
Geflligkeiten von jeher scheint etwas zugut getan zu haben.< - Die
ungenaue Beschreibung des fraglichen Gefhrts wird sich ein Kenner des
Geschmacks der Achtziger Jahre noch etwa durch einige Zge ergnzen.
Der gelbrote Wagen ist hben und drben am Schlage mit Blumenbuketts,
in ihren natrlichen Farben gemalt, die Rnder mit schmalen
Goldleisten verziert, der Anstrich aber noch keineswegs von jenem
spiegelglatten Lack der heutigen Wiener Werksttten glnzend, der
Kasten auch nicht vllig ausgebaucht, obwohl nach unten zu kokett mit
einer khnen Schweifung eingezogen; dazu kommt ein hohes Gedeck mit
starrenden Ledervorhngen, die gegenwrtig zurckgestreift sind.

Von dem Kostm der beiden Passagiere sei berdies so viel bemerkt. Mit
Schonung fr die neuen, im Koffer eingepackten Staatsgewnder war der
Anzug des Gemahls bescheidentlich von Frau Konstanzen ausgewhlt;
zu der gestickten Weste von etwas verschossenem Blau sein gewohnter
brauner berrock mit einer Reihe groer und dergestalt fassonierter
Knpfe, da eine Lage rtliches Rauschgold durch ihr sternartiges
Gewebe schimmerte, schwarzseidene Beinkleider, Strmpfe und auf den
Schuhen vergoldete Schnallen. Seit einer halben Stunde hat er wegen
der fr diesen Monat auerordentlichen Hitze sich des Rocks entledigt
und sitzt, vergnglich plaudernd, barhaupt, in Hemdrmeln da. Madame
Mozart trgt ein bequemes Reisehabit, hellgrn und wei gestreift;
halb aufgebunden fllt der berflu ihrer schnen lichtbraunen Locken
auf Schultern und Nacken herunter; sie waren zeit ihres Lebens noch
niemals von Puder entstellt, whrend der starke, in einen Zopf gefate
Haarwuchs ihres Gemahls fr heute nur nachlssiger als gewhnlich
damit versehen ist.

Man war eine sanft ansteigende Hhe zwischen fruchtbaren Feldern,
welche hie und da die ausgedehnte Waldung unterbrachen, gemachsam
hinauf und jetzt am Waldsaum angekommen.

Durch wieviel Wlder, sagte Mozart, sind wir nicht heute, gestern
und ehegestern schon passiert! - Ich dachte nichts dabei, geschweige
da mir eingefallen wre, den Fu hineinzusetzen. Wir steigen einmal
aus da, Herzenskind, und holen von den blauen Glocken, die dort so
hbsch im Schatten stehn. Deine Tiere, Schwager, mgen ein bichen
verschnaufen.

Indem sie sich beide erhoben, kam ein kleines Unheil an den Tag,
welches dem Meister einen Zank zuzog. Durch seine Achtlosigkeit war
ein Flakon mit kostbarem Riechwasser aufgegangen und hatte seinen
Inhalt unvermerkt in die Kleider und Polster ergossen. Ich htt es
denken knnen, klagte sie; es duftete schon lang so stark. O weh,
ein volles Flschchen echte Rose d'Aurore rein ausgeleert! Ich
sparte sie wie Gold. - Ei, Nrrchen, gab er ihr zum Trost
zurck, begreife doch, auf solche Weise ganz allein war uns dein
Gtter-Riechschnaps etwas ntze. Erst sa man in einem Backofen,
und all dein Gefchel half nichts, bald aber schien der ganze Wagen
gleichsam ausgekhlt; du schriebst es den paar Tropfen zu, die ich mir
auf den Jabot go; wir waren neu belebt, und das Gesprch flo munter
fort, statt da wir sonst die Kpfe htten hngen lassen wie die
Hmmel auf des Fleischers Karren, und diese Wohltat wird uns auf dem
ganzen Weg begleiten. Jetzt aber la uns doch einmal zwei wienerische
Nosn recht expre hier in die grne Wildnis stecken!

Sie stiegen Arm in Arm ber den Graben an der Strae und sofort tiefer
in die Tannendunkelheit hinein, die, sehr bald bis zur Finsternis
verdichtet, nur hin und wieder von einem Streifen Sonne auf sammetnem
Moosboden grell durchbrochen ward. Die erquickliche Frische, im
pltzlichen Wechsel gegen die auerhalb herrschende Glut, htte dem
sorglosen Mann ohne die Vorsicht der Begleiterin gefhrlich werden
knnen. Mit Mhe drang sie ihm das in Bereitschaft gehaltene
Kleidungsstck auf. -

Gott, welche Herrlichkeit! rief er, an den hohen Stmmen
hinaufblickend, aus: man ist als wie in einer Kirche! Mir deucht, ich
war niemals in einem Wald und besinne mich jetzt erst, was es doch
heit, ein ganzes Volk von Bumen beieinander! Keine Menschenhand hat
sie gepflanzt, sind alle selbst gekommen und stehen so, nur eben, weil
es lustig ist, beisammen, wohnen und wirtschaften. Siehst du, mit
jungen Jahren fuhr ich doch in halb Europa hin und her, habe die Alpen
gesehn und das Meer, das Greste und Schnste, was erschaffen ist:
jetzt steht von ungefhr der Gimpel in einem ordinren Tannenwald an
der bhmischen Grenze, verwundert und verzckt, da solches Wesen
irgend existiert, nicht etwa nur so una finzione di poeti ist, wie
ihre Nymphen, Faune und dergleichen mehr, auch kein Komdienwald, nein
aus dem Erdboden herausgewachsen, von Feuchtigkeit und Wrmelicht der
Sonne grogezogen Hier ist zu Haus der Hirsch mit seinem wundersamen
zackigen Gestude auf der Stirn, das possierliche Eichhorn, der
Auerhahn, der Hher. - Er bckte sich, brach einen Pilz und pries die
prchtige hochrote Farbe des Schirms, die zarten weilichen Lamellen
an dessen unterer Seite, auch steckte er verschiedene Tannenzapfen
ein. Man knnte denken, sagte die Frau, du habest noch nicht
zwanzig Schritte hinein in den Prater gesehen, der solche Raritten
doch auch wohl aufzuweisen hat.

Was Prater! Sapperlot, wie du nur das Wort hier nennen magst! Vor
lauter Karossen, Staatsdegen, Roben und Fchern, Musik und allem
Spektakel der Welt, wer sieht denn da noch sonst etwas? Und selbst
die Bume dort, so breit sie sich auch machen, ich wei nicht -
Bucheckern und Eicheln, am Boden verstreut, sehn halter aus als wie
Geschwisterkind mit der Unzahl verbrauchter Korkstpsel darunter. Zwei
Stunden weit riecht das Gehlz nach Kellnern und nach Saucen.

O unerhrt! rief sie, so redet nun der Mann, dem gar nichts ber
das Vergngen geht, Backhhnl im Prater zu speisen!

Als beide wieder in dem Wagen saen und sich die Strae jetzt nach
einer kurzen Strecke ebenen Wegs allmhlich abwrts senkte, wo eine
lachende Gegend sich bis an die entfernteren Berge verlor, fing unser
Meister, nachdem er eine Zeit lang still gewesen, wieder an: Die Erde
ist wahrhaftig schn und keinem zu verdenken, wenn er so lang wie
mglich darauf bleiben will. Gott sei's gedankt, ich fhle mich so
frisch und wohl wie je und wre bald zu tausend Dingen aufgelegt, die
denn auch alle nacheinander an die Reihe kommen sollen, wie nur mein
neues Werk vollendet und aufgefhrt sein wird. Wieviel ist drauen in
der Welt und wieviel daheim, Merkwrdiges und Schnes, das ich noch
gar nicht kenne, an Wunderwerken der Natur, an Wissenschaften, Knsten
und ntzlichen Gewerben! Der schwarze Khlerbube dort bei seinem
Meiler wei dir von manchen Sachen auf ein Haar so viel Bescheid wie
ich, da doch ein Sinn und ein Verlangen in mir wre, auch einen Blick
in dies und jens zu tun, das eben nicht zu meinem nchsten Kram
gehrt.

Mir kam, versetzte sie, in diesen Tagen dein alter Sackkalender in
die Hnde von Anno fnfundachzig; da hast du hinten angemerkt drei bis
vier Notabene. Zum ersten steht: >Mitte Oktober gieet man die groen
Lwen in kaiserlicher Erzgieerei<; frs zweite, doppelt angestrichen:
>Professor Gattner zu besuchen!< Wer ist der?

O recht, ich wei - auf dem Observatorio der gute alte Herr, der mich
von Zeit zu Zeit dahin einldt. Ich wollte lngst einmal den Mond und
's Mandl drin mit dir betrachten. Sie haben jetzt ein mchtig groes
Fernrohr oben; da soll man auf der ungeheuern Scheibe, hell und
deutlich bis zum Greifen, Gebirge, Tler, Klfte sehen und von der
Seite, wo die Sonne nicht hinfllt, den Schatten, den die Berge
werfen. Schon seit zwei Jahren schlag ichs an, den Gang zu tun, und
komme nicht dazu, elender und schndlicher Weise!

Nun, sagte sie, der Mond entluft uns nicht. Wir holen manches
nach.

Nach einer Pause fuhr er fort: Und geht es nicht mit allem so? O
pfui, ich darf nicht daran denken, was man verpat, verschiebt und
hngen lt! - von Pflichten gegen Gott und Menschen nicht zu reden -
ich sage, von purem Genu, von den kleinen unschuldigen Freuden, die
einem jeden tglich vor den Fen liegen.

Madame Mozart konnte oder wollte von der Richtung, die sein
leichtbewegliches Gefhl hier mehr und mehr nahm, auf keine Weise
ablenken, und leider konnte sie ihm nur von ganzem Herzen recht geben,
indem er mit steigendem Eifer fortfuhr: Ward ich denn je nur meiner
Kinder ein volles Stndchen froh? Wie halb ist das bei mir und immer
en passant! Die Buben einmal rittlings auf das Knie gesetzt, mich
zwei Minuten mit ihnen durchs Zimmer gejagt, und damit basta, wieder
abgeschttelt! Es denkt mir nicht, da wir uns auf dem Lande zusammen
einen schnen Tag gemacht htten, an Ostern oder Pfingsten, in
einem Garten oder Wldel, auf der Wiese, wir unter uns allein, bei
Kinderscherz und Blumenspiel, um selber einmal wieder Kind zu werden.
Allmittelst geht und rennt und saust das Leben hin - Herr Gott!
bedenkt mans recht, es mcht einem der Angstschwei ausbrechen!

Mit der soeben ausgesprochenen Selbstanklage war unerwartet ein sehr
ernsthaftes Gesprch in aller Traulichkeit und Gte zwischen beiden
erffnet. Wir teilen dasselbe nicht ausfhrlich mit und werfen lieber
einen allgemeinen Blick auf die Verhltnisse, die teils ausdrcklich
und unmittelbar den Stoff, teils auch nur den bewuten Hintergrund der
Unterredung ausmachten.

Hier drngt sich uns voraus die schmerzliche Betrachtung auf, da
dieser feurige, fr jeden Reiz der Welt und fr das Hchste, was dem
ahnenden Gemt erreichbar ist, unglaublich empfngliche Mensch, soviel
er auch in seiner kurzen Spanne Zeit erlebt, genossen und aus sich
hervorgebracht, ein stetiges und rein befriedigtes Gefhl seiner
selbst doch lebenslang entbehrte.

Wer die Ursachen dieser Erscheinung nicht etwa tiefer suchen will,
als sie vermutlich liegen, wird sie zunchst einfach in jenen, wie es
scheint, unberwindlich eingewohnten Schwchen finden, die wir so gern
und nicht ganz ohne Grund mit alle dem, was an Mozart der Gegenstand
unserer Bewunderung ist, in eine Art notwendiger Verbindung bringen.

Des Mannes Bedrfnisse waren sehr vielfach, seine Neigung zumal fr
gesellige Freuden auerordentlich gro. Von den vornehmsten Husern
der Stadt als unvergleichliches Talent gewrdigt und gesucht,
verschmhte er Einladungen zu Festen, Zirkeln und Partien selten
oder nie. Dabei tat er der eigenen Gastfreundschaft innerhalb
seiner nheren Kreise gleichfalls genug. Einen lngst hergebrachten
musikalischen Abend am Sonntag bei ihm, ein ungezwungenes Mittagsmahl
an seinem wohlbestellten Tisch mit ein paar Freunden und Bekannten,
zwei-, dreimal in der Woche, das wollte er nicht missen. Bisweilen
brachte er die Gste, zum Schrecken der Frau, unangekndigt von der
Strae weg ins Haus, Leute von sehr ungleichem Wert, Liebhaber,
Kunstgenossen, Snger und Poeten. Der mige Schmarotzer, dessen
ganzes Verdienst in einer immer aufgeweckten Laune, in Witz und Spa,
und zwar vom grberen Korn, bestand, kam so gut wie der geistvolle
Kenner und der treffliche Spieler erwnscht. Den grten Teil seiner
Erholung indes pflegte Mozart auer dem eigenen Hause zu suchen.
Man konnte ihn nach Tisch einen Tag wie den andern am Billard im
Kaffeehaus und so auch manchen Abend im Gasthof finden. Er fuhr
und ritt sehr gerne in Gesellschaft ber Land, besuchte als
ein ausgemachter Tnzer Blle und Redouten und machte sich des
Jahrs einige Male einen Hauptspa an Volksfesten, vor allen am
Brigitten-Kirchtag im Freien, wo er als Pierrot maskiert erschien.

Diese Vergngungen, bald bunt und ausgelassen, bald einer ruhigeren
Stimmung zusagend, waren bestimmt, dem lang gespannten Geist nach
ungeheurem Kraftaufwand die ntige Rast zu gewhren; auch verfehlten
sie nicht, demselben nebenher auf den geheimnisvollen Wegen, auf
welchen das Genie sein Spiel bewutlos treibt, die feinen flchtigen
Eindrcke mitzuteilen, wodurch es sich gelegentlich befruchtet.
Doch leider kam in solchen Stunden, weil es dann immer galt, den
glcklichen Moment bis auf die Neige auszuschpfen, eine andere
Rcksicht, es sei nun der Klugheit oder der Pflicht, der
Selbsterhaltung wie der Huslichkeit, nicht in Betracht. Genieend
oder schaffend kannte Mozart gleichwertig Ma und Ziel. Ein Teil der
Nacht war stets der Komposition gewidmet. Morgens frh, oft lange noch
im Bett, ward ausgearbeitet. Dann machte er von zehn Uhr an, zu Fu
oder im Wagen abgeholt, die Runde seiner Lektionen, die in der Regel
noch einige Nachmittagsstunden wegnahmen. >Wir plagen uns wohl auch
rechtschaffen<, so schreibt er selber einmal einem Gnner, >und es
hlt fter schwer, nicht die Geduld zu verlieren. Da halst man sich
als wohlakkreditierter Cembalist und Musiklehrmeister ein Dutzend
Schler auf, und immer wieder einen neuen, unangesehn, was weiter
an ihm ist, wenn er nur seinen Taler per marca bezahlt. Ein jeder
ungrische Schnurrbart vom Geniekorps ist willkommen, den der Satan
plagt, fr nichts und wieder nichts Generalba und Kontrapunkt zu
studieren: das bermtigste Komtechen, das mich wie Meister Coquerel,
den Haarkrusler, mit einem roten Kopf empfngt, wenn ich einmal nicht
auf den Glockenschlag bei ihr anklopfe usw.< Und wenn er nun, durch
diese und andere Berufsarbeiten, Akademien, Proben und dergleichen
abgemdet, nach frischem Atem schmachtete, war den erschlafften Nerven
hufig nur in neuer Aufregung eine scheinbare Strkung vergnnt. Seine
Gesundheit wurde heimlich angegriffen, ein je und je wiederkehrender
Zustand von Schwermut wurde, wo nicht erzeugt, doch sicherlich genhrt
an eben diesem Punkt und so die Ahnung eines frhzeitigen Todes, die
ihn zuletzt auf Schritt und Tritt begleitete, unvermeidlich erfllt.
Gram aller Art und Farbe, das Gefhl der Reue nicht ausgenommen, war
er als eine herbe Wrze jeder Lust auf seinen Teil gewhnt. Doch
wissen wir, auch diese Schmerzen rannen abgeklrt und rein in jenem
tiefen Quell zusammen, der, aus hundert goldenen Rhren springend, im
Wechsel seiner Melodien unerschpflich, alle Qual und alle Seligkeit
der Menschenbrust ausstrmte.

Am offenbarsten zeigten sich die bsen Wirkungen der Lebensweise
Mozarts in seiner huslichen Verfassung. Der Vorwurf trichter,
leichtsinniger Verschwendung lag sehr nahe; er mute sich sogar an
einen seiner schnsten Herzenszge hngen. Kam einer, in dringender
Not ihm eine Summe abzuborgen, sich seine Brgschaft zu erbitten, so
war meist schon darauf gerechnet, da er sich nicht erst lang nach
Pfand und Sicherheit erkundigte; dergleichen htte ihm auch in der Tat
so wenig als einem Kinde angestanden. Am liebsten schenkte er gleich
hin, und immer mit lachender Gromut, besonders wenn er meinte, gerade
berflu zu haben.

Die Mittel, die ein solcher Aufwand neben dem ordentlichen Hausbedarf
erheischte, standen allerdings in keinem Verhltnis mit den
Einknften. Was von Theatern und Konzerten, von Verlegern und Schlern
einging, zusamt der kaiserlichen Pension, gengte um so weniger,
da der Geschmack des Publikums noch weit davon entfernt war, sich
entschieden fr Mozarts Musik zu erklren. Diese lauterste Schnheit,
Flle und Tiefe befremdete gemeinhin gegenber der bisher beliebten,
leicht falichen Kost. Zwar hatten sich die Wiener an >Belmonte und
Konstanze< - dank den populren Elementen dieses Stcks - seinerzeit
kaum ersttigen knnen, hingegen tat, einige Jahre spter, >Figaro<,
und sicher nicht allein durch die Intrigen des Direktors, im
Wettstreit mit der lieblichen, doch weit geringeren >Cosa rara< einen
unerwarteten, klglichen Fall; derselbe >Figaro<, den gleich darauf
die gebildeten oder unbefangenern Prager mit solchem Enthusiasmus
aufnahmen, da der Meister in dankbarer Rhrung darber seine nchste
groe Oper eigens fr sie zu schreiben beschlo. - Trotz der Ungunst
der Zeit und dem Einflu der Feinde htte Mozart mit etwas mehr
Umsicht und Klugheit noch immer einen sehr ansehnlichen Gewinn von
seiner Kunst gezogen: so aber kam er selbst bei jenen Unternehmungen
zu kurz, wo auch der groe Haufen ihm Beifall zujauchzen mute. Genug,
es wirkte eben alles, Schicksal und Naturell und eigene Schuld,
zusammen, den einzigen Mann nicht gedeihen zu lassen.

Welch einen schlimmen Stand nun aber eine Hausfrau, sofern sie ihre
Aufgabe kannte, unter solchen Umstnden gehabt haben msse, begreifen
wir leicht. Obgleich selbst jung und lebensfroh, als Tochter eines
Musikers ein ganzes Knstlerblut, von Hause aus brigens schon an
Entbehrungen gewhnt, bewies Konstanze allen guten Willen, dem Unheil
an der Quelle zu steuern, manches Verkehrte abzuschneiden und den
Verlust im Groen durch Sparsamkeit im Kleinen zu ersetzen. Nur
eben in letzterer Hinsicht vielleicht ermangelte sie des rechten
Geschicks und der frhern Erfahrung. Sie hatte die Kasse und fhrte
das Hausbuch; jede Forderung, jede Schuldmahnung, und was es
Verdrieliches gab, ging ausschlielich an sie. Da stieg ihr wohl
mitunter das Wasser an die Kehle, zumal wenn oft zu dieser Bedrngnis,
zu Mangel, peinlicher Verlegenheit und Furcht vor offenbarer Unehre,
noch gar der Trbsinn ihres Mannes kam, worin er tagelang verharrte,
unttig, keinem Trost zugnglich, indem er mit Seufzen und Klagen
neben der Frau oder stumm in einem Winkel vor sich hin den einen
traurigen Gedanken, zu sterben, wie eine endlose Schraube verfolgte.
Ihr guter Mut verlie sie dennoch selten, ihr heller Blick fand meist,
wenn auch nur auf einige Zeit, Rat und Hlfe. Im wesentlichen wurde
wenig oder nichts gebessert. Gewann sie ihm mit Ernst und Scherz, mit
Bitten und Schmeicheln fr heute soviel ab, da er den Tee an ihrer
Seite trank, sich seinen Abendbraten daheim bei der Familie schmecken
lie, um nachher nicht mehr auszugehen, was war damit erreicht? Er
konnte wohl einmal, durch ein verweintes Auge seiner Frau pltzlich
betroffen und bewegt, eine schlimme Gewohnheit aufrichtig verwnschen,
das Beste versprechen, mehr als sie verlangte, - umsonst, er fand sich
unversehens im alten Fahrgeleise wieder. Man war versucht zu glauben,
es habe anders nicht in seiner Macht gestanden, und eine vllig
vernderte Ordnung nach unsern Begriffen von dem, was allen Menschen
ziemt und frommt, ihm irgendwie gewaltsam aufgedrungen, mte das
wunderbare Wesen geradezu selbst aufgehoben haben.

Einen gnstigen Umschwung der Dinge hoffte Konstanze doch stets
insoweit, als derselbe von auen her mglich war: durch eine
grndliche Verbesserung ihrer konomischen Lage, wie solche bei dem
wachsenden Ruf ihres Mannes nicht ausbleiben knne. Wenn erst, so
meinte sie, der stete Druck wegfiel, der sich auch ihm, bald nher,
bald entfernter, von dieser Seite fhlbar machte, wenn er, anstatt
die Hlfte seiner Kraft und Zeit dem bloen Gelderwerb zu opfern,
ungeteilt seiner wahren Bestimmung nachleben drfte, wenn endlich der
Genu, nach dem er nicht mehr jagen, den er mit ungleich besserem
Gewissen haben wrde, ihm noch einmal so wohl an Leib und Seele
gedeihe, dann sollte bald sein ganzer Zustand leichter, natrlicher,
ruhiger werden. Sie dachte gar an einen gelegentlichen Wechsel ihres
Wohnorts, da seine unbedingte Vorliebe fr Wien, wo nun einmal nach
ihrer berzeugung kein rechter Segen fr ihn sei, am Ende doch zu
berwinden wre.

Den nchsten, entscheidenden Vorschub aber zu Verwirklichung ihrer
Gedanken und Wnsche versprach sich Madame Mozart vom Erfolg der neuen
Oper, um die es sich bei dieser Reise handelte.

Die Komposition war weit ber die Hlfte vorgeschritten. Vertraute,
urteilsfhige Freunde, die, als Zeugen der Entstehung des
auerordentlichen Werks, einen hinreichenden Begriff von seiner Art
und Wirkungsweise haben muten, sprachen berall davon in einem Tone,
da viele selber von den Gegnern darauf gefat sein konnten, es
werde dieser >Don Juan<, bevor ein halbes Jahr verginge, die gesamte
musikalische Welt von einem Ende Deutschlands bis zum andern
erschttert, auf den Kopf gestellt, im Sturm erobert haben.
Vorsichtiger und bedingter waren die wohlwollenden Stimmen anderer,
die, von dem heutigen Standpunkt der Musik ausgehend, einen
allgemeinen und raschen Sukze kaum hofften. Der Meister selber teilte
im stillen ihre nur zu wohl begrndeten Zweifel.

Konstanze ihrerseits, wie die Frauen immer, wo ihr Gefhl einmal
lebhaft bestimmt und noch dazu vom Eifer eines hchst gerechten
Wunsches eingenommen ist, durch sptere Bedenklichkeiten von da und
dort her sich viel seltener als die Mnner irremachen lassen, hielt
fest an ihrem guten Glauben und hatte eben jetzt im Wagen wiederum
Veranlassung, denselben zu verfechten. Sie tats, in ihrer frhlichen
und blhenden Manier, mit doppelter Beflissenheit, da Mozarts Stimmung
im Verlauf des vorigen Gesprchs, das weiter zu nichts fhren
konnte und deshalb uerst unbefriedigend abbrach, bereits merklich
gesunken war. Sie setzte ihrem Gatten sofort mit gleicher Heiterkeit
umstndlich auseinander, wie sie nach ihrer Heimkehr die mit dem
Prager Unternehmer als Kaufpreis fr die Partitur akkordierten hundert
Dukaten zur Deckung der dringendsten Posten und sonst zu verwenden
gedenke, auch wie sie zufolge ihres Etats den kommenden Winter
hindurch bis zum Frhjahr gut auszureichen hoffe.

Dein Herr Bondini wird sein Schfchen an der Oper scheren, glaub es
nur; und ist er halb der Ehrenmann, den du ihn immer rhmst, so lt
er dir nachtrglich noch ein artiges Prozentchen von den Summen ab,
die ihm die Bhnen nacheinander fr die Abschrift zahlen; wo nicht,
nun ja, gottlob, so stehen uns noch andere Chancen in Aussicht, und
zwar noch tausendmal solidere. Mir ahnet allerlei.

Heraus damit!

Ich hrte unlngst ein Vgelchen pfeifen, der Knig von Preuen hab
einen Kapellmeister ntig.

Oho!

Generalmusikdirektor, wollt ich sagen. La mich ein wenig
phantasieren! Die Schwachheit habe ich von meiner Mutter.

Nur zu! Je toller, je besser.

Nein, alles ganz natrlich. - Vornweg also nimm an: bers Jahr um
diese Zeit...

Wenn der Papst die Grete freit...

Still doch, Hanswurst! Ich sage, aufs Jahr um Sankt gidi mu schon
lngst kein Kaiserlicher Kammerkomponist mit Namen Wolf Mozart in Wien
mehr weit und breit zu finden sein.

Bei dich der Fuchs dafr!

Ich hre schon im Geist, wie unsere alten Freunde von uns plaudern,
was sie sich alles zu erzhlen wissen.

Zum Exempel?

Da kommt zum Beispiel eines Morgens frh nach neune schon unsere alte
Schwrmerin, die Volkstett, in ihrem feurigsten Besuchssturmschritt
quer bern Kohlmarkt hergesegelt. Sie war drei Monat fort, die groe
Reise zum Schwager in Sachsen, ihr tgliches Gesprch, solang wir sie
kennen, kam endlich zustand; seit gestern nacht ist sie zurck, und
jetzt mit ihrem bervollen Herzen - es schwattelt ganz von Reiseglck
und Freundschaftsungeduld und allerliebsten Neuigkeiten - stracks hin
zur Oberstin damit! die Trepp hinauf und angeklopft und das Herein
nicht abgewartet: stell dir den Jubel selber vor und das Embrassement
beiderseits! - >Nun, liebste, beste Oberstin< hebt sie nach einigem
Vorgngigen mit frischem Odem an: >ich bringe Ihnen ein Schock Gre
mit, ob Sie erraten, von wem? Ich komme nicht so geradenwegs von
Stendal her, es wurde ein kleiner Abstecher gemacht, linkshin, nach
Brandenburg zu.< - >Wie? Wr es mglich... Sie kamen nach Berlin? sind
bei Mozarts gewesen?< - >Zehn himmlische Tage!< - >O liebe, se,
einzige Generalin, erzhlen Sie, beschreiben Sie! Wie geht es unsern
guten Leutchen? Gefallen sie sich immer noch so gut wie anfangs dort?
Es ist mir fabelhaft, undenkbar, heute noch, und jetzt nur desto mehr,
da Sie von ihm herkommen - Mozart als Berliner! Wie benimmt er sich
doch? Wie sieht er denn aus?< ->O der! Sie sollten ihn nur sehen.
Diesen Sommer hat ihn der Knig ins Karlsbad geschickt. Wann wre
seinem herzgeliebten Kaiser Joseph so etwas eingefallen, he? Sie waren
beide kaum erst wieder da, als ich ankam. Er glnzt von Gesundheit und
Leben, ist rund und beleibt und vif wie Quecksilber; das Glck sieht
ihm und die Behaglichkeit recht aus den Augen.<

Und nun begann die Sprecherin in ihrer angenommenen Rolle die neue
Lage mit den hellsten Farben auszumalen. Von seiner Wohnung Unter
den Linden, von seinem Garten und Landhaus an bis zu den glnzenden
Schaupltzen seiner ffentlichen Wirksamkeit und den engeren Zirkeln
des Hofs, wo er die Knigin auf dem Piano zu begleiten hatte, wurde
alles durch ihre Schilderung gleichsam zur Wirklichkeit und Gegenwart.
Ganze Gesprche, die schnsten Anekdoten schttelte sie aus dem rmel.
Sie schien frwahr mit jener Residenz, mit Potsdam und mit Sanssouci
bekannter als im Schlosse zu Schnbrunn und auf der kaiserlichen Burg.
Nebenbei war sie schalkhaft genug, die Person unsres Helden mit einer
Anzahl vllig neuer hausvterlicher Eigenschaften auszustatten, die
sich auf dem soliden Boden der preuischen Existenz entwickelt hatten
und unter welchen die besagte Volkstett als hchstes Phnomen und
zum Beweis, wie die Extreme sich manchmal berhren, den Ansatz
eines ordentlichen Geizchens wahrgenommen hatte, das ihn unendlich
liebenswrdig kleide. - >Ja, nehmens nur, er hat seine dreitausend
Taler fix, und das wofr? Da er die Woche einmal ein Kammerkonzert,
zweimal die groe Oper dirigiert - Ach, Oberstin, ich habe ihn gesehn,
unsern lieben, kleinen, goldenen Mann inmitten seiner trefflichen
Kapelle, die er sich zugeschult, die ihn anbetet! sa mit der Mozartin
in ihrer Loge, schrg gegen den hchsten Herrschaften ber! Und was
stand auf dem Zettel, bitte Sie - ich nahm ihn mit fr Sie - ein
kleines Reis'prsent von mir und Mozarts dreingewickelt - hier schauen
Sie, hier lesen Sie, da stehts mit ellenlangen Buchstaben gedruckt!<
->Hilf Himmel! Was? 'Tarar!'< ->Ja, geltens Freundin, was man erleben
kann! Vor zwei Jahren, wie Mozart den 'Don Juan' schrieb und der
verwnschte giftige, schwarzgelbe Salieri auch schon im stillen
Anstalt machte, den Triumph, den er mit seinem Stck davontrug in
Paris, demnchst auf seinem eignen Territorio zu begehen und unserem
guten, Schnepfen liebenden, allzeit in 'Cosa rara' vergngten Publikum
nun doch auch mal so eine Gattung Falken sehn zu lassen, und er und
seine Helfershelfer bereits zusammen munkelten und raffinierten, da
sie den 'Don Juan' so schn gerupft wie jenesmal den 'Figaro', nicht
tot und nicht lebendig, auf das Theater stellen wollten - wissens, da
tat ich ein Gelbd, wenn das infame Stck gegeben wird, ich geh nicht
hin, um keine Welt! Und hielt auch Wort. Als alles lief und rannte -
und, Oberstin, Sie mit -, blieb ich an meinem Ofen sitzen, nahm meine
Katze auf den Scho und a meine Kaldausche; und so die folgenden paar
Male auch. Jetzt aber, stellen Sie sich vor, 'Tarar' auf der Berliner
Opernbhne, das Werk seines Todfeinds, von Mozart dirigiert!< - >Da
mssen Sie schon drein!< rief er gleich in der ersten Viertelstunde,
>Und wrs auch nur, da Sie den Wienern sagen knnen, ob ich dem
Knaben Absalon ein Hrchen krmmen lie. Ich wnschte, er wr selbst
dabei, der Erzneidhammel sollte sehen, da ich nicht ntig hab, einem
andern sein Zeug zu verhunzen, damit ich immerfort der bleiben mge,
der ich bin!<

Brava! Bravissima! rief Mozart berlaut und nahm sein Weibchen bei
den Ohren, verkte, herzte, kitzelte sie, so da sich dieses Spiel
mit bunten Seifenblasen einer ertrumten Zukunft, die leider niemals,
auch nicht im bescheidensten Mae, erfllt werden sollte, zuletzt in
hellen Mutwillen, Lrm und Gelchter auflste.

Sie waren unterdessen lngst ins Tal herabgekommen und nherten sich
einem Dorf, das ihnen bereits auf der Hhe bemerklich gewesen und
hinter welchem sich unmittelbar ein kleines Schlo von modernem
Ansehen, der Wohnsitz eines Grafen von Schinzberg, in der freundlichen
Ebene zeigte. Es sollte in dem Ort gefttert, gerastet und Mittag
gehalten werden. Der Gasthof, wo sie hielten, lag vereinzelt am Ende
des Dorfs bei der Strae, von welcher seitwrts eine Pappelallee von
nicht sechshundert Schritten zum herrschaftlichen Garten fhrte.

Mozart, nachdem man ausgestiegen, berlie wie gewhnlich der Frau die
Bestellung des Essens. Inzwischen befahl er fr sich ein Glas Wein in
die untere Stube, whrend sie nchst einem Trunke frischen Wassers nur
irgendeinen stillen Winkel, um ein Stndchen zu schlafen, verlangte.
Man fhrte sie eine Treppe hinauf, der Gatte folgte, ganz munter vor
sich hin singend und pfeifend. In einem rein geweiten und schnell
gelfteten Zimmer befand sich unter andern veralteten Mbeln von
edlerer Herkunft - sie waren ohne Zweifel aus den grflichen Gemchern
seinerzeit hierher gewandert - ein sauberes, leichtes Bett mit
gemaltem Himmel auf dnnen, grn lackierten Sulen, dessen seidene
Vorhnge lngst durch einen gewhnlichern Stoff ersetzt waren.
Konstanze machte sichs bequem, er versprach, sie rechtzeitig zu
wecken, sie riegelte die Tr hinter ihm zu, und er suchte nunmehr
Unterhaltung fr sich in der allgemeinen Schenkstube. Hier war jedoch
auer dem Wirt keine Seele, und weil dessen Gesprch dem Gast so wenig
wie sein Wein behagte, so bezeugte er Lust, bis der Tisch bereit wre,
noch einen Spaziergang nach dem Schlogarten zu machen. Der Zutritt,
hrte er, sei anstndigen Fremden wohl gestattet und die Familie
berdies heut ausgefahren.

Er ging und hatte bald den kurzen Weg bis zu dem offenen Gattertor
zurckgelegt, dann langsam einen hohen alten Lindengang durchmessen,
an dessen Ende linker Hand er in geringer Entfernung das Schlo von
seiner Fronte auf einmal vor sich hatte. Es war von italienischer
Bauart, hell getncht, mit weit vorliegender Doppeltreppe; das
Schieferdach verzierten einige Statuen in blicher Manier, Gtter und
Gttinnen, samt einer Balustrade.

Von der Mitte zweier groen, noch reichlich blhenden Blumenparterre
ging unser Meister nach den buschigen Teilen der Anlagen zu, berhrte
ein paar schne dunkle Piniengruppen und lenkte seine Schritte auf
vielfach gewundenen Pfaden, indem er sich allmhlich den lichteren
Partien wieder nherte, dem lebhaften Rauschen eines Springbrunnens
nach, den er sofort erreichte.

Das ansehnlich weite, ovale Bassin war rings von einer sorgfltig
gehaltenen Orangerie in Kbeln, abwechselnd mit Lorbeeren und
Oleandern, umstellt; ein weicher Sandweg, gegen den sich eine schmale
Gitterlaube ffnete, lief rund umher. Die Laube bot das angenehmste
Ruhepltzchen dar; ein kleiner Tisch stand vor der Bank, und Mozart
lie sich vorn am Eingang nieder.

Das Ohr behaglich dem Gepltscher des Wassers hingegeben, das Aug auf
einen Pomeranzenbaum von mittlerer Gre geheftet, der auerhalb der
Reihe, einzeln, ganz dicht an seiner Seite auf dem Boden stand und
voll der schnsten Frchte hing, ward unser Freund durch diese
Anschauung des Sdens alsbald auf eine liebliche Erinnerung aus seiner
Knabenzeit gefhrt. Nachdenklich lchelnd reicht er hinber nach der
nchsten Frucht, als wie um ihre herrliche Rnde, ihre saftige Khle
in hohler Hand zu fhlen. Ganz im Zusammenhang mit jener Jugendszene
aber, die wieder vor ihm aufgetaucht, stand eine lngst vermischte
musikalische Reminiszenz, auf deren unbestimmter Spur er sich ein
Weilchen trumerisch erging. Jetzt glnzen seine Blicke, sie irren da
und dort umher, er ist von einem Gedanken ergriffen, den er sogleich
eifrig verfolgt. Zerstreut hat er zum zweiten Mal die Pomeranze
angefat, sie geht vom Zweige los und bleibt ihm in der Hand.
Er sieht und sieht es nicht; ja so weit geht die knstlerische
Geistesabwesenheit, da er, die duftige Frucht bestndig unter der
Nase hin und her wirbelnd und bald den Anfang, bald die Mitte einer
Weise unhrbar zwischen den Lippen bewegend, zuletzt instinktmig
ein emalliertes Etui aus der Seitentasche des Rocks hervorbringt, ein
kleines Messer mit silbernem Heft daraus nimmt und die gelbe kugelige
Masse von oben nach unten langsam durchschneidet. Es mochte ihn dabei
entfernt ein dunkles Durstgefhl geleitet haben, jedoch begngten sich
die angeregten Sinne mit Einatmung des kstlichen Geruchs. Er starrt
minutenlang die beiden innern Flchen an, fgt sie sachte wieder
zusammen, ganz sachte, trennt und vereinigt sie wieder.

Da hrt er Tritte in der Nhe, er erschrickt, und das Bewutsein, wo
er ist, was er getan, stellt sich urpltzlich bei ihm ein. Schon im
Begriff, die Pomeranze zu verbergen, hlt er doch gleich damit inne,
sei es aus Stolz, sei's, weil es zu spt dazu war. Ein groer,
breitschulteriger Mann in Livree, der Grtner des Hauses, stand vor
ihm. Derselbe hatte wohl die letzte verdchtige Bewegung noch gesehen
und schwieg betroffen einige Sekunden. Mozart, gleichfalls sprachlos,
auf seinem Sitz wie angenagelt, schaute ihm halb lachend, unter
sichtbarem Errten, doch gewissermaen keck und gro mit seinen blauen
Augen ins Gesicht; dann setzte - er fr einen Dritten wre es hchst
komisch anzusehn gewesen - die scheinbar unverletzte Pomeranze mit
einer Art von trotzig couragiertem Nachdruck in die Mitte des Tisches.

Um Vergebung, fing jetzt der Grtner, nachdem er den wenig
versprechenden Anzug des Fremden gemustert, mit unterdrcktem Unwillen
an: ich wei nicht, wen ich hier...

Kapellmeister Mozart aus Wien.

Sind ohne Zweifel bekannt im Schlo?

Ich bin hier fremd und auf der Durchreise. Ist der Herr Graf
anwesend?

Nein.

Seine Gemahlin?

Sind beschftigt und schwerlich zu sprechen.

Mozart stand auf und machte Miene zu gehen.

Mit Erlaubnis, mein Herr - wie kommen Sie dazu, an diesem Ort auf
solche Weise zuzugreifen?

Was? rief Mozart, zugreifen? Zum Teufel, glaubt Er denn, ich wollte
stehlen und das Ding da fressen?

Mein Herr, ich glaube, was ich sehe. Diese Frchte sind gezhlt, ich
bin dafr verantwortlich. Der Baum ist vom Herrn Grafen zu einem Fest
bestimmt, soeben soll er weggebracht werden. Ich lasse Sie nicht fort,
ehbevor ich die Sache gemeldet und Sie mir selbst bezeugten, wie das
da zugegangen ist.

Sei's drum. Ich werde hier so lange warten. Verla Er sich darauf!

Der Grtner sah sich zgernd um, und Mozart, in der Meinung, es sei
vielleicht nur auf ein Trinkgeld abgesehn, griff in die Tasche, allein
er hatte das geringste nicht bei sich.

Zwei Gartenknechte kamen nun wirklich herbei, luden den Baum auf eine
Bahre und trugen ihn hinweg. Inzwischen hatte unser Meister seine
Brieftasche gezogen, ein weies Blatt herausgenommen und, whrend da
der Grtner nicht von der Stelle wich, mit Bleistift angefangen zu
schreiben:

>Gndigste Frau! Hier sitze ich Unseliger in Ihrem Paradiese,
wie weiland Adam, nachdem er den Apfel gekostet. Das Unglck ist
geschehen, und ich kann nicht einmal die Schuld auf eine gute Eva
schieben, die eben jetzt, von Grazien und Amoretten eines Himmelbetts
umgaukelt, im Gasthof sich des unschuldigsten Schlafes erfreut.
Befehlen Sie, und ich stehe persnlich Ihro Gnaden Rede ber meinen
mir selbst unfalichen Frevel. Mit aufrichtiger Beschmung

Hochdero                          untertnigster Diener W. A. Mozart,
                                             auf dem Wege nach Prag.<

Er bergab das Billett, ziemlich ungeschickt zusammengefaltet, dem
peinlich wartenden Diener mit der ntigen Weisung. Der Unhold hatte
sich nicht sobald entfernt, als man an der hinteren Seite des
Schlosses ein Gefhrt in den Hof rollen hrte. Es war der Graf, der
eine Nichte und ihren Brutigam, einen jungen, reichen Baron, vom
benachbarten Gut herberbrachte. Da die Mutter des letztern seit
Jahren das Haus nicht mehr verlie, war die Verlobung heute bei ihr
gehalten worden; nun sollte dieses Fest in einer frhlichen Nachfeier
mit einigen Verwandten auch hier begangen werden, wo Eugenie gleich
einer eigenen Tochter seit ihrer Kindheit eine zweite Heimat fand. Die
Grfin war mit ihrem Sohne Max, dem Leutnant, etwas frher nach Hause
gefahren, um noch verschiedene Anordnungen zu treffen. Nun sah man in
dem Schlosse alles, auf Gngen und Treppen, in voller Bewegung, und
nur mit Mhe gelang es dem Grtner, im Vorzimmer endlich den Zettel
der Frau Grfin einzuhndigen, die ihn jedoch nicht auf der Stelle
ffnete, sondern, ohne genau auf die Worte des berbringers zu
achten, geschftig weitereilte. Er wartete und wartete, sie kam nicht
wieder. Eins um das andere von der Dienerschaft, Aufwrter, Zofe,
Kammerdiener, rannte an ihm vorbei; er fragte nach dem Herrn - der
kleidete sich um; er suchte nun und fand den Grafen Max auf seinem
Zimmer, der aber unterhielt sich angelegentlich mit dem Baron und
schnitt ihm, wie in Sorge, er wolle etwas melden oder fragen, wovon
noch nichts verlauten sollte, das Wort vom Munde ab: Ich komme schon
- geht nur!- Es stand noch eine gute Weile an, bis endlich Vater und
Sohn zugleich herauskamen und die fatale Nachricht empfingen.

Das wr ja hllenmig! rief der dicke, gutmtige, doch etwas jhe
Mann; das geht ja ber alle Begriffe! Ein Wiener Musikus, sagt Ihr?
Vermutlich irgend solch ein Lump, der um ein Viatikum luft und
mitnimmt, was er findet?

Verzeihen Euer Gnaden, darnach sieht er gerad nicht aus. Er deucht
mir nicht richtig im Kopf; auch ist er sehr hochmtig. Moser nennt
er sich. Er wartet unten auf Bescheid; ich hie den Franz um den Weg
bleiben und ein Aug auf ihn haben.

Was hilft es hintendrein, zum Henker? Wenn ich den Narren auch
einstecken lasse, der Schaden ist nicht mehr zu reparieren! Ich sagt
Euch tausendmal, das vordere Tor soll allezeit geschlossen bleiben.
Der Streich wr aber jedenfalls verhtet worden, httet Ihr zur
rechten Zeit Eure Zurstungen gemacht.

Hier trat die Grfin hastig und mit freudiger Aufregung, das offene
Billett in der Hand, aus dem anstoenden Kabinett. Wit ihr, rief
sie, wer unten ist? Um Gottes willen, lest den Brief - Mozart aus
Wien, der Komponist! Man mu gleich gehen, ihn heraufzubitten - ich
frchte nur, er ist schon fort! Was wird er von mir denken! Ihr,
Velten, seid ihm doch hflich begegnet? Was ist denn eigentlich
geschehen?

Geschehn? versetzte der Gemahl, dem die Aussicht auf den Besuch
eines berhmten Mannes unmglich allen rger auf der Stelle
niederschlagen konnte: der tolle Mensch hat von dem Baum, den
ich Eugenien bestimmte, eine der neun Orangen abgerissen, hm! das
Ungeheuer! Somit ist unserm Spa geradezu die Spitze abgebrochen, und
Max mag sein Gedicht nur gleich kassieren.

O nicht doch! sagte die dringende Dame. Die Lcke lt sich leicht
ausfllen, berlat es nur mir. Geht beide jetzt, erlst, empfangt den
guten Mann, so freundlich und so schmeichelhaft ihr immer knnt. Er
soll, wenn wir ihn irgend halten knnen, heut nicht weiter. Trefft ihr
ihn nicht im Garten mehr, sucht ihn im Wirtshaus auf und bringet ihn
mit seiner Frau. Ein greres Geschenk, eine schnere berraschung fr
Eugenien htte der Zufall uns an diesem Tag nicht machen knnen.

Gewi! erwiderte Max, dies war auch mein erster Gedanke.
Geschwinde, kommen Sie, Papa! Und - sagte er, indem sie eilends nach
der Treppe liefen - der Verse wegen seien Sie ganz ruhig. Die neunte
Muse soll nicht zu kurz kommen; im Gegenteil, ich werde aus dem
Unglck noch besonderen Vorteil ziehen. - Das ist unmglich! -
Ganz gewi. - Nun, wenn das ist - allein ich nehme dich beim Wort -
so wollen wir dem Querkopf alle erdenkliche Ehre erzeigen.

Solange dies im Schlo vorging, hatte sich unser Quasi-Gefangener,
ziemlich unbesorgt ber den Ausgang der Sache, geraume Zeit schreibend
beschftigt. Weil sich jedoch gar niemand sehen lie, fing er an,
unruhig hin und her zu gehen; darber kam dringliche Botschaft vom
Wirtshaus, der Tisch sei schon lange bereit, er mchte ja gleich
kommen, der Postillon pressiere. So suchte er denn seine Sachen
zusammen und wollte ohne weiteres aufbrechen, als beide Herren vor der
Laube erschienen.

Der Graf begrte ihn, beinah wie einen frheren Bekannten, lebhaft
mit seinem krftig schallenden Organ, lie ihn zu gar keiner
Entschuldigung kommen, sondern erklrte sogleich seinen Wunsch, das
Ehepaar zum wenigsten fr diesen Mittag und Abend im Kreis seiner
Familie zu haben.

Sie sind uns, mein liebster Maestro, so wenig fremd, da ich wohl
sagen kann, der Name Mozart wird schwerlich anderswo mit mehr
Begeisterung und hufiger genannt als hier. Meine Nichte singt und
spielt, sie bringt fast ihren ganzen Tag am Flgel zu, kennt Ihre
Werke auswendig und hat das grte Verlangen, Sie einmal in mehrerer
Nhe zu sehen, als es vorigen Winter in einem Ihrer Konzerte anging.
Da wir nun demnchst auf einige Wochen nach Wien gehen werden, so war
ihr eine Einladung beim Frsten Gallizin, wo man Sie fter findet, von
den Verwandten versprochen. Jetzt aber reisen Sie nach Prag, werden
so bald nicht wiederkehren, und Gott wei, ob Sie der Rckweg zu uns
fhrt. Machen Sie heute und morgen Rasttag! Das Fuhrwerk schicken
wir sogleich nach Hause, und mir erlauben Sie die Sorge fr Ihr
Weiterkommen.

Der Komponist, welcher in solchen Fllen der Freundschaft oder dem
Vergngen leicht zehnmal mehr, als hier gefordert war, zum Opfer
brachte, besann sich nicht lange; er sagte diesen einen halben Tag
mit Freuden zu, dagegen sollte morgen mit dem frhesten die Reise
fortgesetzt werden. Graf Max erbat sich das Vergngen, Madame Mozart
abzuholen und alles Ntige im Wirtshaus abzumachen. Er ging, ein Wagen
sollte ihm gleich auf dem Fue nachfolgen.

Von diesem jungen Mann bemerken wir beilufig, da er mit einem von
Vater und Mutter angeerbten heitern Sinn Talent und Liebe fr schne
Wissenschaften verband und ohne wahre Neigung zum Soldatenstand sich
doch als Offizier durch Kenntnisse und gute Sitten hervortat. Er
kannte die franzsische Literatur und erwarb sich, zu einer Zeit, wo
deutsche Verse in der hheren Gesellschaft wenig galten, Lob und Gunst
durch eine nicht gemeine Leichtigkeit der poetischen Form in der
Muttersprache nach guten Mustern, wie er sie in Hagedorn, in Gtz und
andern fand. Fr heute war ihm nun, wie wir bereits vernahmen, ein
besonders erfreulicher Anla geworden, seine Gabe zu nutzen.

Er traf Madame Mozart, mit der Wirtstochter plaudernd, vor dem
gedeckten Tisch, wo sie sich einen Teller Suppe vorausgenommen hatte.
Sie war an auerordentliche Zwischenflle, an kecke Stegreifsprnge
ihres Manns zu sehr gewhnt, als da sie ber die Erscheinung und
den Auftrag des jungen Offiziers mehr als billig htte betreten sein
knnen. Mit unverstellter Heiterkeit, besonnen und gewandt, besprach
und ordnete sie ungesumt alles Erforderliche selbst. Es wurde
umgepackt, bezahlt, der Postillon entlassen, sie machte sich, ohne zu
groe ngstlichkeit in Herstellung ihrer Toilette, fertig und fuhr
mit dem Begleiter wohlgemut dem Schlosse zu, nicht ahnend, auf welche
sonderbare Weise ihr Gemahl sich dort eingefhrt hatte.

Der befand sich inzwischen bereits sehr behaglich daselbst und auf
das beste unterhalten. Nach kurzer Zeit sah er Eugenien mit ihrem
Verlobten; ein blhendes, hchst anmutiges, inniges Wesen. Sie war
blond, ihre schlanke Gestalt in karmoisinrote, leuchtende Seide mit
kostbaren Spitzen festlich gekleidet, um ihre Stirn ein weies Band
mit edlen Perlen. Der Baron, nur wenig lter als sie, von sanftem,
offenem Charakter, schien ihrer wert in jeder Rcksicht.

Den ersten Aufwand des Gesprchs bestritt, fast nur zu freigebig,
der gute launige Hausherr vermge seiner etwas lauten, mit Spen
und Histrchen sattsam gespickten Unterhaltungsweise. Es wurden
Erfrischungen gereicht, die unser Reisender im mindesten nicht
schonte.

Eines hatte den Flgel geffnet, >Figaros Hochzeit< lag aufgeschlagen,
und das Frulein schickte sich an, von dem Baron akkompagniert, die
Arie Susannas in jener Gartenszene zu singen, wo wir den Geist der
sen Leidenschaft stromweise, wie die gewrzte sommerliche Abendluft,
einatmen. Die feine Rte auf Eugeniens Wangen wich zwei Atemzge lang
der uersten Blsse; doch mit dem ersten Ton, der klangvoll ber ihre
Lippen kam, fiel ihr jede beklemmende Fessel vom Busen. Sie hielt sich
lchelnd, sicher auf der hohen Woge, und das Gefhl dieses Moments,
des einzigen in seiner Art vielleicht fr alle Tage ihres Lebens,
begeisterte sie billig.

Mozart war offenbar berrascht. Als sie geendigt hatte, trat er zu
ihr und fing mit seinem ungezierten Herzensausdruck an: Was soll man
sagen, liebes Kind, hier, wo es ist wie mit der lieben Sonne, die sich
am besten selber lobt, indem es gleich jederman wohl in ihr wird! Bei
solchem Gesang ist der Seele zumut wie dem Kindchen im Bad: es lacht
und wundert sich und wei sich in der Welt nichts Besseres. brigens
glauben Sie mir, unsereinem in Wien begegnet es nicht jeden Tag, da
er so lauter, ungeschminkt und warm, ja so komplett sich selber zu
hren bekommt. - Damit erfate er ihre Hand und kte sie herzlich.
Des Mannes hohe Liebenswrdigkeit und Gte nicht minder als das
ehrenvolle Zeugnis, wodurch er ihr Talent auszeichnete, ergriff
Eugenien mit jener unwiderstehlichen Rhrung, die einem leichten
Schwindel gleicht, und ihre Augen wollten sich pltzlich mit Trnen
anfllen.

Hier trat Madame Mozart zur Tre herein, und gleich darauf erschienen
neue Gste, die man erwartet hatte: eine dem Haus sehr eng verwandte
freiherrliche Familie aus der Nhe, mit einer Tochter, Franziska, die
seit den Kinderjahren mit der Braut durch die zrtlichste Freundschaft
verbunden und hier wie daheim war.

Man hatte sich allerseits begrt, umarmt, beglckwnscht, die beiden
Wiener Gste vorgestellt, und Mozart setzte sich an den Flgel. Er
spielte einen Teil eines Konzerts von seiner Komposition, welches
Eugenie soeben einstudierte.

Die Wirkung eines solchen Vortrags in einem kleinen Kreis wie der
gegenwrtige unterscheidet sich natrlicherweise von jedem hnlichen
an einem ffentlichen Orte durch die unendliche Befriedigung, die in
der unmittelbaren Berhrung mit der Person des Knstlers und seinem
Genius innerhalb der huslichen bekannten Wnde liegt.

Es war eines jener glnzenden Stcke, worin die reine Schnheit sich
einmal, wie aus Laune, freiwillig in den Dienst der Eleganz begibt,
so aber, da sie, gleichsam nur verhllt in diese mehr willkrlich
spielenden Formen und hinter eine Menge blendender Lichter versteckt,
doch in jeder Bewegung ihren eigensten Adel verrt und ein herrliches
Pathos verschwenderisch ausgiet.

Die Grfin machte fr sich die Bemerkung, da die meisten Zuhrer,
vielleicht Eugenie selbst nicht ausgenommen, trotz der gespanntesten
Aufmerksamkeit und aller feierlichen Stille whrend eines bezaubernden
Spiels, doch zwischen Auge und Ohr gar sehr geteilt waren. In
unwillkrlicher Beobachtung des Komponisten, seiner schlichten,
beinahe steifen Krperhaltung, seines gutmtigen Gesichts, der
rundlichen Bewegung dieser kleinen Hnde war es gewi auch nicht
leicht mglich, dem Zudrang tausendfacher Kreuzundquergedanken ber
den Wundermann zu widerstehen.

Zu Madame Mozart gewendet, sagte der Graf, nachdem der Meister
aufgestanden war: Einem berhmten Knstler gegenber, wenn es ein
Kennerlob zu spitzen gilt, das halt nicht eines jeden Sache ist, wie
haben es die Knige und Kaiser gut! Es nimmt sich eben alles einzig
und auerordentlich in einem solchen Munde aus. Was drfen sie sich
nicht erlauben, und wie bequem ist es zum Beispiel, dicht hinterm
Stuhl Ihres Herrn Gemahls, beim Schluakkord einer brillanten
Phantasie dem bescheidenen klassischen Mann auf die Schulter zu
klopfen und zu sagen: >Sie sind ein Tausensasa, lieber Mozart!< Kaum
ist das Wort heraus, so gehts wie ein Lauffeuer durch den Saal: >Was
hat er ihm gesagt?< - >Er sei ein Tausendsasa, hat er zu ihm gesagt!<
Und alles, was da geigt und fistuliert und komponiert, ist auer sich
von diesem einen Wort; kurzum, es ist der groe Stil, der familire
Kaiser-Stil, der unnachahmliche, um welchen ich die Josephs und die
Friedrichs von je beneidet habe, und das nie mehr als eben jetzt, wo
ich ganz in Verzweiflung bin, von anderweitiger geistreicher Mnze
zufllig keinen Deut in allen meinen Taschen anzutreffen. Die Art,
wie der Schfer dergleichen vorbrachte, bestach immerhin und rief
unausbleiblich ein Lachen hervor.

Nun aber, auf die Einladung der Hausfrau, verfgte die Gesellschaft
sich nach dem geschmckten runden Speisesalon, aus welchem den
Eintretenden ein festlicher Blumengeruch und eine khlere, dem Appetit
willkommene Luft entgegenwehte.

Man nahm die schicklich ausgeteilten Pltze ein, und zwar der
distinguierte Gast den seinigen dem Brautpaar gegenber. Von einer
Seite hatte er eine kleine ltliche Dame, eine unverheiratete Tante
Franziskas, von der andern die junge reizende Nichte selbst zur
Nebensitzerin, die sich durch Geist und Munterkeit ihm bald besonders
zu empfehlen wute. Frau Konstanze kam zwischen den Hauswirt und ihren
freundlichen Geleitsmann, den Leutnant; die brigen reihten sich ein,
und so sa man zu elfen nach Mglichkeit bunt an der Tafel, deren
unteres Ende leer blieb. Auf ihr erhoben sich mitten zwei mchtig
groe Porzellanaufstze mit gemalten Figuren, breite Schalen, gehuft
voll natrlicher Frchte und Blumen, ber sich haltend. An den Wnden
des Saals hingen reiche Festons. Was sonst da war oder nach und nach
folgte, schien einen ausgedehnten Schmaus zu verknden. Teils auf der
Tafel, zwischen Schsseln und Platten, teils vom Serviertisch herber
im Hintergrund blinkte verschiedenes edle Getrnk vom schwrzesten Rot
bis hinauf zu dem gelblichen Wei, dessen lustiger Schaum herkmmlich
erst die zweite Hlfte eines Festes krnt.

Bis gegen diesen Zeitpunkt hin bewegte sich die Unterhaltung, von
mehreren Seiten gleich lebhaft genhrt, in allen Richtungen. Weil aber
der Graf gleich anfangs einigemal von weitem und jetzt nur immer nher
und mutwilliger auf Mozarts Gartenabenteuer anspielte, so da die
einen heimlich lchelten, die andern sich umsonst den Kopf zerbrachen,
was er denn meine, so ging unser Freund mit der Sprache heraus.

Ich will in Gottes Namen beichten, fing er an, auf was Art mir
eigentlich die Ehre der Bekanntschaft mit diesem edlen Haus geworden
ist. Ich spiele dabei nicht die wrdigste Rolle, und um ein Haar, so
s ich jetzt, statt hier vergngt zu tafeln, in einem abgelegenen
Arrestantenwinkel des grflichen Schlosses und knnte mir mit leerem
Magen die Spinneweben an der Wand herum betrachten.

Nun ja, rief Madame Mozart, da werd ich schne Dinge hren.

Ausfhrlich nun beschrieb er erst, wie er im >Weien Ro< seine Frau
zurckgelassen, die Promenade in den Park, den Unstern in der Laube,
den Handel mit der Gartenpolizei, kurz, ungefhr was wir schon wissen,
gab er alles mit grter Treuherzigkeit und zum hchsten Ergtzen der
Zuhrer preis. Das Lachen wollte fast kein Ende nehmen; selbst die
gemigte Eugenie enthielt sich nicht, es schttelte sie ordentlich.

Nun, fuhr er fort, das Sprichwort sagt: Hat einer den Nutzen, dem
Spott mag er trutzen! Ich hab meinen kleinen Profit von der Sache,
Sie werden schon sehen. Vor allem aber hren Sie, wie's eigentlich
geschah, da sich ein alter Kindskopf so vergessen konnte. Eine
Jugenderinnerung war mit im Spiele.

Im Frhling 1770 reiste ich als dreizehnjhriges Brschchen mit meinem
Vater nach Italien. Wir gingen von Rom nach Neapel. Ich hatte zweimal
im Konservatorium und sonst zu verschiedenen Malen gespielt. Adel und
Geistlichkeit erzeugten uns manches Angenehme, vornehmlich attachierte
sich ein Abbate an uns, der sich als Kenner schmeichelte und brigens
am Hofe etwas galt. Den Tag vor unserer Abreise fhrte er uns in
Begleitung einiger anderen Herren in einen kniglichen Garten, die
Villa reale, bei der prachtvollen Strae geradhin am Meere gelegen,
wo eine Bande sizilianischer commedianti sich produzierte - figli di
Nettuno, wie sie sich neben andern schnen Titeln auch nannten. Mit
vielen vornehmen Zuschauern, worunter selbst die junge liebenswrdige
Knigin Karolina samt zwei Prinzessen, saen wir auf einer langen
Reihe von Bnken im Schatten einer zeltartig bedeckten niedern
Galerie, an deren Mauer unten die Wellen pltscherten. Das Meer
mit seiner vielfarbigen Streifung strahlte den blauen Sonnenhimmel
herrlich wider. Gerade vor sich hat man den Vesuv, links schimmert,
sanft geschwungen, eine reizende Kste herein.

Die erste Abteilung der Spiele war vorber; sie wurde auf dem
trockenen Bretterboden einer Art von Fle ausgefhrt, die auf dem
Wasser stand, und hatte nichts Besonderes; der zweite aber und
der schnste Teil bestand aus lauter Schiffer-, Schwimm- und
Taucherstcken und blieb mir stets mit allen Einzelheiten frisch im
Gedchtnis eingeprgt.

Von entgegengesetzten Seiten her nherten sich einander zwei
zierliche, sehr leicht gebaute Barken, beide, wie es schien, auf
einer Lustfahrt begriffen. Die eine, etwas grere, war mit einem
Halbverdeck versehen und nebst den Ruderbnken mit einem dnnen Mast
und einem Segel ausgerstet, auch prchtig bemalt, der Schnabel
vergoldet. Fnf Jnglinge von idealischem Aussehen, kaum bekleidet,
Arme, Brust und Beine dem Anschein nach nackt, waren teils an dem
Ruder beschftigt, teils ergtzten sie sich mit einer gleichen Anzahl
artiger Mdchen, ihren Geliebten. Eine darunter, welche mitten auf dem
Verdecke sa und Blumenkrnze wand, zeichnete sich durch Wuchs und
Schnheit sowie durch ihren Putz vor allen brigen aus. Diese dienten
ihr willig, spannten gegen die Sonne ein Tuch ber sie und reichten
ihr die Blumen aus dem Korb. Eine Fltenspielerin sa zu ihren Fen,
die den Gesang der andern mit ihren hellen Tnen untersttzte.
Auch jener vorzglichen Schnen fehlte es nicht an einem eigenen
Beschtzer; doch verhielten sich beide ziemlich gleichgltig
gegeneinander, und der Liebhaber deuchte mir fast etwas roh.

Inzwischen war das andere, einfachere Fahrzeug nher gekommen. Hier
sah man blo mnnliche Jugend. Wie jene Jnglinge Hochrot trugen, so
war die Farbe der letztern Seegrn. Sie stutzten beim Anblick der
lieblichen Kinder, winkten Gre herber und gaben ihr Verlangen nach
nherer Bekanntschaft zu erkennen. Die Munterste hierauf nahm eine
Rose vom Busen und hielt sie schelmisch in die Hhe, gleichsam
fragend, ob solche Gaben bei ihnen wohl angebracht wren, worauf von
drben allerseits mit unzweideutigen Gebrden geantwortet wurde.
Die Roten sahen verchtlich und finster darein, konnten aber nichts
machen, als mehrere der Mdchen einig wurden, den armen Teufeln
wenigstens doch etwas fr den Hunger und Durst zuzuwerfen. Es stand
ein Korb voll Orangen am Boden; wahrscheinlich waren es nur gelbe
Blle, den Frchten hnlich nachgemacht. Und jetzt begann ein
entzckendes Schauspiel, unter Mitwirkung der Musik, die auf dem
Uferdamm aufgestellt war.

Eine der Jungfrauen machte den Anfang und schickte frs erste ein
paar Pomeranzen aus leichter Hand hinber, die, dort mit gleicher
Leichtigkeit aufgefangen, alsbald zurckkehrten; so ging es hin und
her, und weil nach und nach immer mehr Mdchen zuhalfen, so flogs mit
Pomeranzen bald dem Dutzend nach in immer schnellerem Tempo hin und
wider. Die Schne in der Mitte nahm an dem Kampfe keinen Anteil, als
da sie hchst begierig von ihrem Schemel aus zusah. Wir konnten
die Geschicklichkeit auf beiden Seiten nicht genug bewundern. Die
Schiffe drehten sich auf etwa dreiig Schritte in langsamer Bewegung
umeinander, kehrten sich bald die ganze Flanke zu, bald schief das
halbe Vorderteil; es waren gegen vierundzwanzig Blle unaufhrlich in
der Luft, doch glaubte man in der Verwirrung ihrer viel mehr zu sehen.
Manchmal entstand ein frmliches Kreuzfeuer, oft stiegen sie und
fielen in einem hohen Bogen; kaum ging einmal einer und der andere
fehl, es war, als strzten sie von selbst durch eine Kraft der
Anziehung in die geffneten Finger.

So angenehm jedoch das Auge beschftigt wurde, so lieblich gingen frs
Gehr die Melodien nebenher: sizilianische Weisen, Tnze, Saltarelli,
Canzoni a ballo, ein ganzes Quodlibet, auf Girlandenart leicht
aneinandergehngt. Die jngere Prinze, ein holdes, unbefangenes
Geschpf, etwa von meinem Alter, begleitete den Takt gar artig mit
Kopfnicken; ihr Lcheln und die langen Wimpern ihrer Augen kann ich
noch heute vor mir sehen.

Nun lassen Sie mich krzlich den Verlauf der Posse noch erzhlen,
obschon er weiter nichts zu meiner Sache tut! Man kann sich nicht
leicht etwas Hbscheres denken. Whrenddem das Scharmtzel allmhlich
ausging und nur noch einzelne Wrfe gewechselt wurden, die Mdchen
ihre goldenen pfel sammelten und in den Korb zurckbrachten, hatte
drben ein Knabe, wie spielenderweis, ein breites, grngestricktes
Netz ergriffen und kurze Zeit unter dem Wasser gehalten; er hob es
auf, und zum Erstaunen aller fand sich ein groer, blau, grn und gold
schimmernder Fisch in demselben. Die Nchsten sprangen eifrig zu,
um ihn herauszuholen, da glitt er ihnen aus den Hnden, als wr
es wirklich ein lebendiger, und fiel in die See. Das war nun eine
abgeredte Kriegslist, die Roten zu betren und aus dem Schiff zu
locken. Diese, gleichsam bezaubert von dem Wunder, sobald sie merkten,
da das Tier nicht untertauchen wollte, nur immer auf der Oberflche
spielte, besannen sich nicht einen Augenblick, strzten sich alle
ins Meer, die Grnen ebenfalls, und also sah man zwlf gewandte,
wohlgestalte Schwimmer den fliehenden Fisch zu erhaschen bemht, indem
er auf den Wellen gaukelte, minutenlang unter denselben verschwand,
bald da, bald dort, dem einen zwischen den Beinen, dem andern zwischen
Brust und Kinn herauf wieder zum Vorschein kam. Auf einmal, wie die
Roten eben am hitzigsten auf ihren Fang aus waren, ersah die andere
Partei ihren Vorteil und erstieg schnell wie der Blitz das fremde,
ganz dem Mdchen berlassene Schiff unter groem Gekreische der
letztern. Der nobelste der Burschen, wie ein Merkur gewachsen, flog
mit freudestrahlendem Gesicht auf die Schnste zu, umfate, kte sie,
die, weit entfernt, in das Geschrei der andern einzustimmen, ihre Arme
gleichfalls feurig um den ihr wohlbekannten Jngling schlang. Die
betrogene Schar schwamm zwar eilends herbei, wurde aber mit Rudern und
Waffen vom Bord abgetrieben. Ihre unntze Wut, das Angstgeschrei der
Mdchen, der gewaltsame Widerstand einiger von ihnen, ihr Bitten und
Flehen, fast erstickt vom brigen Alarm, des Wassers, der Musik, die
pltzlich einen andern Charakter angenommen hatte - es war schn ber
alle Beschreibung, und die Zuschauer brachen darber in einen Sturm
von Begeisterung aus.

In diesem Moment nun entwickelte sich das bisher locker eingebundene
Segel: daraus ging ein rosiger Knabe hervor mit silbernen Schwingen,
mit Bogen, Pfeil und Kcher, und in anmutvoller Stellung schwebte er
frei auf der Stange. Schon sind die Ruder alle in voller Ttigkeit,
das Segel blhte sich auf: allein gewaltiger als beides schien die
Gegenwart des Gottes und seine heftig vorwrtseilende Gebrde das
Fahrzeug fortzutreiben, dergestalt, da die fast atemlos nachsetzenden
Schwimmer, deren einer den goldenen Fisch hoch mit der Linken ber
seinem Haupte hielt, die Hoffnung bald aufgaben und bei erschpften
Krften notgedrungen ihre Zuflucht zu dem verlassenen Schiffe nahmen.
Derweil haben die Grnen eine kleine bebuschte Halbinsel erreicht,
wo sich unerwartet ein stattliches Boot mit bewaffneten Kameraden
im Hinterhalt zeigte. Im Angesicht so drohender Umstnde pflanzte
das Hufchen eine weie Flagge auf, zum Zeichen, da man gtlich
unterhandeln wolle. Durch ein gleiches Signal von jenseits ermuntert,
fuhren sie auf jenen Haltort zu, und bald sah man daselbst die guten
Mdchen alle bis auf die eine, die mit Willen blieb, vergngt mit
ihren Liebhabern das eigene Schiff besteigen. Hiermit war die Komdie
beendigt.

Mir deucht, so flsterte Eugenie mit leuchtenden Augen dem Baron in
einer Pause zu, worin sich jedermann beifllig ber das eben Gehrte
aussprach, wir haben hier eine gemalte Symphonie von Anfang bis zu
Ende gehabt und ein vollkommenes Gleichnis berdies des Mozartischen
Geistes selbst in seiner ganzen Heiterkeit! Hab ich nicht recht? Ist
nicht die ganze Anmut >Figaros< darin?

Der Brutigam war im Begriff, ihre Bemerkung dem Komponisten
mitzuteilen, als dieser zu reden fortfuhr.

Es sind nun siebzehn Jahre her, da ich Italien sah. Wer, der es
einmal sah, insonderheit Neapel, denkt nicht sein Leben lang daran?
und wr er auch, wie ich, noch halb in Kinderschuhen gesteckt! So
lebhaft aber wie heut in Ihrem Garten war mir der letzte schne Abend
am Golf kaum jemals wieder aufgegangen. Wenn ich die Augen schlo -
ganz deutlich, klar und hell, den letzten Schleier von sich hauchend,
lag die himmlische Gegend vor mir verbreitet! Meer und Gestade, Berg
und Stadt, die bunte Menschenmenge an dem Ufer hin und dann das
wundersame Spiel der Blle durcheinander! Ich glaubte wieder dieselbe
Musik in den Ohren zu haben, ein ganzer Rosenkranz von frhlichen
Melodien zog innerlich an mir vorbei, Fremdes und Eigenes, Krethi und
Plethi, eines immer das andere ablsend. Von ungefhr springt ein
Tanzliedchen hervor, Sechsachteltakt, mir vllig neu. - Halt, dacht
ich, was gibts hier? Das scheint ein ganz verteufelt niedliches Ding!
Ich sehe nher zu - alle Wetter! das ist ja Masetto, das ist ja
Zerlina! -

Er lachte gegen Madame Mozart hin, die ihn sogleich erriet.

Die Sache, fuhr er fort, ist einfach diese. In meinem ersten Akt
blieb eine kleine leichte Nummer unerledigt, Duett und Chor einer
lndlichen Hochzeit. Vor zwei Monaten nmlich, als ich dieses Stck
der Ordnung nach vornehmen wollte, da fand sich auf den ersten Wurf
das Rechte nicht alsbald. Eine Weise, einfltig und kindlich und
spritzend von Frhlichkeit ber und ber, ein frischer Busenstrau mit
Flatterband dem Mdel angesteckt, so mute es sein. Weil man nun im
geringsten nichts erzwingen soll und weil dergleichen Kleinigkeiten
sich oft gelegentlich von selber machen, ging ich darber weg und
sah mich im Verfolg der greren Arbeit kaum wieder danach um. Ganz
flchtig kam mir heut im Wagen, kurz eh wir ins Dorf hereinfuhren, der
Text in den Sinn; da spann sich denn weiter nichts an, zum wenigsten
nicht, da ichs wte. Genug, ein Stndchen spter, in der Laube beim
Brunnen, erwisch ich ein Motiv, wie ich es glcklicher und besser zu
keiner andern Zeit, auf keinem andern Weg erfunden haben wrde. Man
macht bisweilen in der Kunst besondere Erfahrungen, ein hnlicher
Streich ist mir nie vorgekommen. Denn eine Melodie, dem Vers wie auf
den Leib gegossen - doch, um nicht vorzugreifen, so weit sind wir
noch nicht, der Vogel hatte nur den Kopf erst aus dem Ei, und auf der
Stelle fing ich an, ihn vollends rein herauszuschlen. Dabei schwebte
mir lebhaft der Tanz der Zerline vor Augen, und wunderlich spielte
zugleich die lachende Landschaft am Golf von Neapel herein. Ich hrte
die wechselnden Stimmen des Brautpaars, die Dirnen und Bursche im
Chor.

Hier trllerte Mozart ganz lustig den Anfang des Liedchens:

    Giovinette, che fatte all' amore, che fatte all' amore,
    Non lasciate, che passi l'et, che passi l'et, che passi l'et!
    Se nel seno vi bulica il core, vi bulica il core,
    Il remedio vedete lo qu! La la la! La la la!
    Che piacer, che piacer che sar!
    Ah la la! Ah la la usf. *

    *  Liebe Schwestern, zur Liebe geboren,
       Ntzt der Jugend schn blhende Zeit!
       Hngt ihr's Kpfchen in Sehnsucht verloren,
       Amor ist euch zu helfen bereit.
       Tralala
       Welch Vergngen erwartet euch da! usw.

Mittlerweile hatten meine Hnde das groe Unheil angerichtet. Die
Nemesis lauerte schon an der Hecke und trat jetzt hervor in Gestalt
des entsetzlichen Mannes im galonierten blauen Rock. Ein Ausbruch des
Vesuvio, wenn er in Wirklichkeit damals an dem gttlichen Abend am
Meer Zuschauer und Akteurs, die ganze Herrlichkeit Parthenopes mit
einem schwarzen Aschenregen urpltzlich verschttet und zugedeckt
htte, bei Gott, die Katastrophe wre mir nicht unerwarteter und
schrecklicher gewesen. Der Satan der! so hei hat mir nicht leicht
jemand gemacht. Ein Gesicht wie aus Erz - einigermaen dem grausamen
rmischen Kaiser Tiberius hnlich! Sieht so der Diener aus, dacht ich,
nachdem er weggegangen, wie mag erst Seine Gnaden selbst dreinsehen.
Jedoch, die Wahrheit zu gestehn, ich rechnete schon ziemlich auf den
Schutz der Damen, und das nicht ohne Grund. Denn diese Stanzel da,
mein Weibchen, etwas neugierig von Natur, lie sich im Wirtshaus
von der dicken Frau das Wissenswrdigste von denen smtlichen
Persnlichkeiten der gndigen Herrschaft in meinem Beisein erzhlen,
ich stand dabei und hrte so...

Hier konnte Madame Mozart nicht umhin, ihm in das Wort zu fallen und
auf das angelegentlichste zu versichern, da im Gegenteil er der
Ausfrager gewesen; es kam zu heitern Kontestationen zwischen Mann
und Frau, die viel zu lachen gaben. - Dem sei nun, wie ihm wolle,
sagte er, kurzum, ich hrte so entfernt etwas von einer lieben
Pflegetochter, welche Braut, sehr schn, dazu die Gte selber sei und
singe wie ein Engel. Per Dio! fiel mir jetzt ein, das hilft dir aus
der Lauge! Du setzt dich auf der Stelle hin, schreibst's Liedchen auf,
soweit es geht, erklrst die Sottise der Wahrheit gem, und es gibt
einen trefflichen Spa. Gedacht, getan. Ich hatte Zeit genug, auch
fand sich noch ein sauberes Bgchen grn liniert Papier. - Und hier
ist das Produkt! Ich lege es in diese schnen Hnde, ein Brautlied aus
dem Stegreif, wenn Sie es dafr gelten lassen.

So reichte er sein reinlichst geschriebenes Notenblatt Eugenien ber
den Tisch, des Onkels Hand kam aber der ihrigen zuvor, er haschte es
hinweg und rief: Geduld noch einen Augenblick, mein Kind!

Auf seinen Wink tat sich die Flgeltr des Salons weit auf, und es
erschienen einige Diener, die den verhngnisvollen Pomeranzenbaum
anstndig, ohne Gerusch in den Saal hereintrugen und an der Tafel
unten auf eine Bank niedersetzten; gleichzeitig wurden rechts und
links zwei schlanke Myrtenbumchen aufgestellt. Eine am Stamm des
Orangenbaums befestigte Inschrift bezeichnete ihn als Eigentum der
Braut; vorn aber, auf dem Moosgrund, stand, mit einer Serviette
bedeckt, ein Porzellanteller, der, als man das Tuch hinwegnahm, eine
zerschnittene Orange zeigte, neben welche der Oheim mit listigem Blick
des Meisters Autographen steckte. Allgemeiner unendlicher Jubel erhob
sich darber.

Ich glaube gar, sagte die Grfin, Eugenie wei noch nicht einmal,
was eigentlich da vor ihr steht? Sie kennt wahrhaftig ihren alten
Liebling in seinem neuen Flor und Frchteschmuck nicht mehr.
Bestrzt, unglubig sah das Frulein bald den Baum, bald ihren Oheim
an. Es ist nicht mglich, sagte sie. Ich wei ja wohl, er war nicht
mehr zu retten.

Du meinst also, versetzte jener, man habe dir nur irgend ungefhr
so ein Ersatzstck ausgesucht? Das wre was Rechts! Nein, sieh nur her
- ich mu es machen, wie's in der Komdie der Brauch ist, wo sich die
totgeglaubten Shne oder Brder durch ihre Muttermler und Narben
legitimieren. Schau diesen Auswuchs da! und hier die Schrunde bers
Kreuz, du mut sie hundertmal bemerkt haben. Wie, ist ers, oder ist
ers nicht? - Sie konnte nicht mehr zweifeln; ihr Staunen, ihre
Rhrung und Freude war unbeschreiblich.

Es knpfte sich an diesen Baum fr die Familie das mehr als
hundertjhrige Gedchtnis einer ausgezeichneten Frau, welche wohl
verdient, da wir ihrer mit wenigem hier gedenken.

Des Oheims Grovater, durch seine diplomatischen Verdienste im Wiener
Kabinett rhmlich bekannt, von zwei Regenten nacheinander mit gleichem
Vertrauen beehrt, war innerhalb seines eigenen Hauses nicht minder
glcklich im Besitz einer vortrefflichen Gemahlin, Renate Leonore. Ihr
wiederholter Aufenthalt in Frankreich brachte sie vielfach mit dem
glnzenden Hofe Ludwigs XIV. und mit den bedeutendsten Mnnern und
Frauen dieser merkwrdigen Epoche in Berhrung. Bei ihrer unbefangenen
Teilnahme an jenem steten Wechsel des geistreichsten Lebensgenusses
verleugnete sie auf keinerlei Art in Worten und Werken die angestammte
deutsche Ehrenfestigkeit und sittliche Strenge, die sich in
den krftigen Zgen des noch vorhandenen Bildnisses der Grfin
unverkennbar ausprgt. Vermge eben dieser Denkungsweise bte sie in
der gedachten Soziett eine eigentmliche naive Opposition, und ihre
hinterlassene Korrespondenz weist eine Menge Spuren davon auf, mit
wieviel Freimut und herzhafter Schlagfertigkeit, es mochte nun von
Glaubenssachen, von Literatur und Politik oder von was immer die Rede
sein, die originelle Frau ihre gesunden Grundstze und Ansichten zu
verteidigen, die Blen der Gesellschaft anzugreifen wute, ohne doch
dieser im mindesten sich lstig zu machen. Ihr reges Interesse fr
smtliche Personen, die man im Hause einer Ninon, dem eigentlichen
Herd der feinsten Geistesbildung, treffen konnte, war demnach
so beschaffen und geregelt, da es sich mit dem hheren
Freundschaftsverhltnis zu einer der edelsten Damen jener Zeit, der
Frau von Svign, vollkommen wohl vertrug. Neben manchen mutwilligen
Scherzen Chapelles an sie, vom Dichter eigenhndig auf Bltter mit
silberblumigem Rande gekritzelt, fanden sich die liebevollsten
Briefe der Marquisin und ihrer Tochter an die ehrliche Freundin aus
sterreich nach ihrem Tod in einem Ebenholzschrnkchen der Gromutter
vor.

Frau von Svign war es denn auch, aus deren Hand sie eines Tages, bei
einem Feste zu Trianon, auf der Terrasse des Gartens den blhenden
Orangenzweig empfing, den sie sofort auf das Geratewohl in einen Topf
setzte und glcklich angewurzelt mit nach Deutschland nahm.

Wohl fnfundzwanzig Jahre wuchs das Bumchen unter ihren Augen
allgemach heran und wurde spter von Kindern und Enkeln mit uerster
Sorgfalt gepflegt. Es konnte nchst seinem persnlichen Werte zugleich
als lebendes Symbol der feingeistigen Reize eines beinahe vergtterten
Zeitalters gelten, worin wir heutzutage freilich des wahrhaft
Preisenswerten wenig finden knnen und das schon eine unheilvolle
Zukunft in sich trug, deren welterschtternder Eintritt dem Zeitpunkt
unserer harmlosen Erzhlung bereits nicht ferne mehr lag.

Die meiste Liebe widmete Eugenie dem Vermchtnis der wrdigen Ahnfrau,
weshalb der Oheim fters merken lie, es drfte wohl einst eigens in
ihre Hnde bergehen. Desto schmerzlicher war es dem Frulein denn
auch, als der Baum im Frhling des vorigen Jahres, den sie nicht hier
zubrachte, zu trauern begann, die Bltter gelb wurden und viele Zweige
abstarben. In Betracht, da irgendeine besondere Ursache seines
Verkommens durchaus nicht zu entdecken war und keinerlei Mittel
anschlug, gab ihn der Grtner bald verloren, obwohl er seiner
natrlichen Ordnung nach leicht zwei- und dreimal lter werden konnte.
Der Graf hingegen, von einem benachbarten Kenner beraten, lie ihn
nach einer sonderbaren, selbst rtselhaften Vorschrift, wie sie das
Landvolk hufig hat, in einem abgesonderten Raume ganz insgeheim
behandeln, und seine Hoffnung, die geliebte Nichte eines Tags mit dem
zu neuer Kraft und voller Fruchtbarkeit gelangten alten Freund zu
berraschen, ward ber alles Erwarten erfllt. Mit berwindung seiner
Ungeduld und nicht ohne Sorge, ob denn wohl auch die Frchte, von
denen etliche zuletzt den hchsten Grad der Reife hatten, so lang am
Zweige halten wrden, verschob er die Freude um mehrere Wochen auf
das heutige Fest, und es bedarf nun weiter keines Worts darber, mit
welcher Empfindung der gute Herr ein solches Glck noch im letzten
Moment durch einen Unbekannten sich verkmmert sehen mute.

Der Leutnant hatte schon vor Tische Gelegenheit und Zeit gefunden,
seinen dichterischen Beitrag zu der feierlichen bergabe ins reine zu
bringen und seine vielleicht ohnehin etwas zu ernst gehaltenen Verse
durch einen vernderten Schlu den Umstnden mglichst anzupassen. Er
zog nunmehr sein Blatt hervor, das er, vom Stuhle sich erhebend und an
die Cousine gewendet, vorlas. Der Inhalt der Strophen war kurz gefat
dieser:

Ein Nachkmmling des vielgepriesnen Baums der Hesperiden, der vor
alters, auf einer westlichen Insel, im Garten der Juno, als eine
Hochzeitsgabe fr sie von Mutter Erde, hervorgesprot war und welchen
die drei melodischen Nymphen bewachten, hat eine hnliche Bestimmung
von jeher gewnscht und gehofft, da der Gebrauch, eine herrliche Braut
mit seinesgleichen zu beschenken, von den Gttern vorlngst auch unter
die Sterblichen kam.

Nach langem vergeblichen Warten scheint endlich die Jungfrau gefunden,
auf die er seine Blicke richten darf. Sie erzeigt sich ihm gnstig und
verweilt oft bei ihm. Doch der musische Lorbeer, sein stolzer Nachbar
am Bord der Quelle, hat seine Eifersucht erregt, indem er droht,
der kunstbegabten Schnen Herz und Sinn fr die Liebe der Mnner zu
rauben. Die Myrte trstet ihn umsonst und lehrt ihn Geduld durch ihr
eigenes Beispiel; zuletzt jedoch ist es die andauernde Abwesenheit
der Liebsten, was seinen Gram vermehrt und ihm nach kurzem Siechtum
tdlich wird.

Der Sommer bringt die Entfernte und bringt sie mit glcklich
umgewandtem Herzen zurck. Das Dorf, das Schlo, der Garten, alles
empfngt sie mit tausend Freuden. Rosen und Lilien, in erhhtem
Schimmer, sehen entzckt und beschmt zu ihr auf, Glck winken ihr
Strucher und Bume: fr einen, ach, den edelsten, kommt sie zu spt.
Sie findet seine Krone verdorrt, ihre Finger betasten den leblosen
Stamm und die klirrenden Spitzen seines Gezweigs. Er kennt und sieht
seine Pflegerin nimmer. Wie weint sie, wie strmt ihre zrtliche
Klage!

Apollo von weitem vernimmt die Stimme der Tochter. Er kommt, er
tritt herzu und schaut mitfhlend ihren Jammer. Alsbald mit seinen
allheilenden Hnden berhrt er den Baum, da er in sich erbebt, der
vertrocknete Saft in der Rinde gewaltsam anschwillt, schon junges
Laub ausbricht, schon weie Blumen da und dort in ambrosischer Flle
aufgehen. Ja - denn was vermochten die Himmlischen nicht? - schn
runde Frchte setzen an, dreimal drei, nach der Zahl der neun
Schwestern; sie wachsen und wachsen, ihr kindliches Grn zusehends mit
der Farbe des Goldes vertauschend.

Phbus - so schlo sich das Gedicht -

    Phbus berzhlt die Stcke,
    Weidet selbsten sich daran,
    Ja, es fngt im Augenblicke,
    Ihm der Mund zu wssern an.

    Lchelnd nimmt der Gott der Tne
    Von der saftigsten Besitz:
    La uns teilen, holde Schne,
    Und fr Amorn - diesen Schnitz!

Der Dichter erntete rauschenden Beifall, und gern verzieh man die
barocke Wendung, durch welche der Eindruck des wirklich gefhlvollen
Ganzen so vllig aufgehoben wurde.

Franziska, deren froher Mutterwitz schon zu verschiedenen Malen bald
durch den Hauswirt, bald durch Mozart in Bewegung gesetzt worden war,
lief jetzt geschwinde, wie von ungefhr an etwas erinnert, hinweg und
kam zurck mit einem braunen englischen Kupferstich grten Formats,
welcher wenig beachtet in einem ganz entfernten Kabinett unter Glas
und Rahmen hing. Es mu doch wahr sein, was ich immer hrte, rief
sie aus, indem sie das Bild am Ende der Tafel aufstellte, da sich
unter der Sonne nichts Neues begibt! Hier eine Szene aus dem goldenen
Weltalter - und haben wir sie nicht erst heute erlebt? Ich hoffe doch,
Apollo werde sich in dieser Situation erkennen.

Vortrefflich! triumphierte Max, da htten wir ihn ja, den schnen
Gott, wie er sich just gedankenvoll ber den heiligen Quell hinbeugt.
Und damit nicht genug - dort, seht nur, einen alten Satyr hinten im
Gebsch, der ihn belauscht! Man mchte darauf schwren, Apoll besinnt
sich eben auf ein lange vergessenes arkadisches Tnzchen, das ihn in
seiner Kindheit der alte Chiron zu der Zither lehrte.

So ists! nicht anders! applaudierte Franziska, die hinter Mozart
stand. Und, fuhr sie gegen diesen fort, bemerken Sie auch wohl den
fruchtbeschwerten Ast, der sich zum Gott heruntersenkt?

Ganz recht; es ist der ihm geweihte lbaum.

Keineswegs! die schnsten Apfelsinen sinds! Gleich wird er sich in
der Zerstreuung eine herunterholen.

Vielmehr, rief Mozart, er wird gleich diesen Schelmenmund mit
tausend Kssen schlieen! Damit erwischte er sie am Arm und schwur,
sie nicht mehr loszulassen, bis sie ihm ihre Lippen reiche, was sie
denn auch ohne vieles Struben tat. Erklre uns doch, Max, sagte die
Grfin, was unter dem Bilde hier steht!

Es sind Verse aus einer berhmten Horazischen Ode. Der Dichter
Ramler in Berlin hat uns das Stck vor kurzem unbertrefflich deutsch
gegeben. Es ist vom hchsten Schwung. Wie prchtig eben diese eine
Stelle:

    - - - hier, der auf der Schulter
    Keinen unttigen Bogen fhret!
    Der seines Delos grnenden Mutterhain
    Und Pataras beschatteten Strand bewohnt,
    Der seines Hauptes goldne Locken
    In die kastalischen Fluten tauchet.

Schn! wirklich schn! sagte der Graf, nur hie und da bedarf es
der Erluterung. So zum Beispiel, >der keinen unttigen Bogen fhret<
hiee natrlich schlechtweg: der allezeit einer der fleiigsten Geiger
gewesen. Doch, was ich sagen wollte: Bester Mozart, Sie sen Unkraut
zwischen zwei zrtliche Herzen.

Ich will nicht hoffen - wieso?

Eugenie beneidet ihre Freundin und hat auch allen Grund.

Aha, Sie haben mir schon meine schwache Seite abgemerkt. Aber was
sagt der Brutigam dazu?

Ein- oder zweimal will ich durch die Finger sehen.

Sehr gut; wir werden der Gelegenheit wahrnehmen. Indes frchten Sie
nichts, Herr Baron; es hat keine Gefahr, solang mir nicht der Gott
hier sein Gesicht und seine langen gelben Haare borgt. Ich wnsche
wohl, er tts! er sollte auf der Stelle Mozarts Zopf mitsamt seinem
schnsten Bandl dafr haben.

Apollo mge aber dann zusehen, lachte Franziska, wie er es anfngt
knftig, seinen neuen franzsischen Haarschmuck mit Anstand in die
kastalische Flut zu tauchen!

Unter diesen und hnlichen Scherzen stieg Lustigkeit und Mutwillen
immer mehr. Die Mnner sprten nach und nach den Wein, es wurden
eine Menge Gesundheiten getrunken, und Mozart kam in den Zug, nach
seiner Gewohnheit in Versen zu sprechen, wobei ihm der Leutnant das
Gleichgewicht hielt und auch der Papa nicht zurckbleiben wollte;
es glckte ihm ein paarmal zum Verwundern. Doch solche Dinge lassen
sich fr die Erzhlung kaum festhalten, sie wollen eigentlich nicht
wiederholt sein, weil eben das, was sie an ihrem Ort unwiderstehlich
macht, die allgemein erhhte Stimmung, der Glanz, die Jovialitt des
persnlichen Ausdrucks in Wort und Blick fehlt.

Unter andern wurde von dem alten Frulein zu Ehren des Meisters ein
Toast ausgebracht, der ihm noch eine ganze lange Reihe unsterblicher
Werke verhie. -  la bonne heure! ich bin dabei! rief Mozart und
stie sein Kelchglas krftig an. Der Graf begann hierauf mit groer
Macht und Sicherheit der Intonation, kraft eigener Eingebung, zu
singen:

    Mgen ihn die Gtter strken
    Zu den angenehmen Werken -

    Max (fortfahrend):
    Wovon der da Ponte weder
    Noch der groe Schikaneder -

    Mozart:
    Noch bei Gott der Komponist
    's mindest wei zu dieser Frist!

    Graf:
    Alle, alle soll sie jener
    Hauptspitzbub von Italiener
    Noch erleben, wnsch ich sehr,
    Unser Signor Bonbonnire*

    * So nannte Mozart unter Freunden seinen Kollegen Salieri,
      der, wo er ging und stand, Zuckerwerk naschte, zugleich mit
      Anspielung auf das Zierliche seiner Person.

    Max:
    Gut, ich geb ihm hundert Jahre -

    Mozart:
    Wenn ihn nicht samt seiner Ware -

    Alle drei con forza:
    Noch der Teufel holt vorher,
    Unsern Monsieur Bonbonnire.

Durch des Grafen ausnehmende Singlust schweifte das zufllig
entstandene Terzett mit Wiederaufnahme der letzten vier Zeilen in
einen sogenannten endlichen Kanon aus, und die Frulein Tante besa
Humor oder Selbstvertrauen genug, ihren verfallenen Soprano mit
allerhand Verzierungen zweckdienlich einzumischen. Mozart gab nachher
das Versprechen, bei guter Mue diesen Spa nach den Regeln der Kunst
expre fr die Gesellschaft auszufhren, das er auch spter von Wien
aus erfllte.

Eugenie hatte sich im stillen lngst mit ihrem Kleinod aus der Laube
des Tiberius vertraut gemacht; allgemein verlangte man jetzt das
Duett vom Komponisten und ihr gesungen zu hren, und der Oheim war
glcklich, im Chor seine Stimme abermals geltend zu machen. Also erhob
man sich und eilte zum Klavier ins groe Zimmer nebenan.

Ein so reines Entzcken nun auch das kstliche Stck bei allen
erregte, so fhrte doch sein Inhalt selbst, mit einem raschen
bergang, auf den Gipfel geselliger Lust, wo die Musik an und fr sich
nicht weiter in Betracht mehr kommt, und zwar gab zuerst unser Freund
das Signal, indem er vom Klavier aufsprang, auf Franziska zuging
und sie, whrend Max bereitwilligst die Violine ergriff, zu einem
Schleifer persuadierte. Der Hauswirt sumte nicht, Madame Mozart
aufzufordern. Im Nu waren alle beweglichen Mbel, den Raum zu
erweitern, durch geschftige Diener entfernt. Es mute nach und nach
ein jedes an die Tour, und Frulein Tante nahm es keineswegs bel,
da der galante Leutnant sie zu einer Menuett abholte, worin sie sich
vllig verjngte. Schlielich, als Mozart mit der Braut den Kehraus
tanzte, nahm er sein versichertes Recht auf ihren schnen Mund in
bester Form dahin.

Der Abend war herbeigekommen, die Sonne nah am Untergehen, es wurde
nun erst angenehm im Freien, daher die Grfin den Damen vorschlug,
sich im Garten noch ein wenig zu erholen. Der Graf dagegen lud die
Herren auf das Billardzimmer, da Mozart bekanntlich dies Spiel sehr
liebte. So teilte man sich denn in zwei Partien, und wir unsererseits
folgen den Frauen.

Nachdem sie den Hauptweg einigemal gemchlich auf und ab gegangen,
erstiegen sie einen runden, von einem hohen Rebengelnder zur Hlfte
umgebenen Hgel, von wo man in das offene Feld, auf das Dorf und die
Landstrae sah. Die letzten Strahlen der herbstlichen Sonne funkelten
rtlich durch das Weinlaub herein.

Wre hier nicht vertraulich zu sitzen, sagte die Grfin, wenn
Madame Mozart uns etwas von sich und dem Gemahl erzhlen wollte?

Sie war ganz gerne bereit, und alle nahmen hchst behaglich auf den im
Kreis herbeigerckten Sthlen Platz.

Ich will etwas zum Besten geben, das Sie auf alle Flle htten hren
mssen, da sich ein kleiner Scherz darauf bezieht, den ich im Schilde
fhre. Ich habe mir in Kopf gesetzt, der Grfin Braut zur frhlichen
Erinnerung an diesen Tag ein Angebind von sonderlicher Qualitt zu
verehren. Dasselbe ist so wenig Gegenstand des Luxus und der Mode, da
es lediglich nur durch seine Geschichte einigermaen interessieren
kann.

Was mag das sein, Eugenie? sagte Franziska. Zum wenigsten das
Tintenfa eines berhmten Mannes.

Nicht allzu weit gefehlt! Sie sollen es noch diese Stunde sehen;
im Reisekoffer liegt der Schatz. Ich fange an und werde mit Ihrer
Erlaubnis ein wenig weiter ausholen.

Vorletzten Winter wollte mir Mozarts Gesundheitszustand, durch
vermehrte Reizbarkeit und hufige Verstimmung, ein fieberhaftes Wesen,
nachgerade bange machen. In Gesellschaft noch zuweilen lustig, oft
mehr als recht natrlich, war er zu Haus meist trb in sich hinein,
seufzte und klagte. Der Arzt empfahl ihm Dit, Pyrmonter und Bewegung
auerhalb der Stadt. Der Patient gab nicht viel auf den guten Rat; die
Kur war unbequem, zeitraubend, seinem Taglauf schnurstracks entgegen.
Nun machte ihm der Doktor die Hlle etwas hei, er mute eine lange
Vorlesung anhren von der Beschaffenheit des menschlichen Geblts,
von denen Kgelgens darin, vom Atemholen und vom Phlogiston - halt
unerhrte Dinge; auch wie es eigentlich gemeint sei von der Natur mit
Essen, Trinken und Verdauen, das eine Sache ist, worber Mozart bis
dahin ganz ebenso unschuldig dachte wie sein Junge von fnf Jahren.
Die Lektion, in der Tat, machte merklichen Eindruck. Der Doktor war
noch keine halbe Stunde weg, so find ich meinen Mann nachdenklich,
aber mit aufgeheitertem Gesicht, auf seinem Zimmer ber der
Betrachtung eines Stocks, den er in einem Schrank mit alten Sachen
suchte und auch glcklich fand; ich htte nicht gemeint, da er sich
dessen nur erinnerte. Er stammte noch von meinem Vater, ein schnes
Rohr mit hohem Knopf von Lapislazuli. Nie sah man einen Stock in
Mozarts Hand, ich mute lachen.

>Du siehst<, rief er, >ich bin daran, mit meiner Kur mich vllig ins
Geschirr zu werfen. Ich will das Wasser trinken, mir alle Tage Motion
im Freien machen und mich dabei dieses Stabes bedienen. Da sind mir
nun verschiedene Gedanken beigegangen. Es ist doch nicht umsonst,
dacht ich, da andere Leute, was da gesetzte Mnner sind, den Stock
nicht missen knnen. Der Kommerzienrat, unser Nachbar, geht niemals
ber die Strae, seinen Gevatter zu besuchen, der Stock mu mit.
Professionisten und Beamte, Kanzleiherrn, Krmer und Chalanten, wenn
sie am Sonntag mit Familie vor die Stadt spazieren, ein jeder fhrt
sein wohlgedientes, rechtschaffenes Rohr mit sich. Vornehmlich hab ich
oft bemerkt, wie auf dem Stephansplatz, ein Viertelstndchen vor der
Predigt und dem Amt, ehrsame Brger da und dort truppweis beisammen
stehen im Gesprch: hier kann man so recht sehen, wie eine jede
ihrer stillen Tugenden, ihr Flei und Ordnungsgeist, gelaner Mut,
Zufriedenheit sich auf die wackern Stcke gleichsam als eine gute
Sttze lehnt und stemmt. Mit einem Wort, es mu ein Segen und
besonderer Trost in der altvterischen und immerhin etwas
geschmacklosen Gewohnheit liegen. Du magst es glauben oder nicht, ich
kann es kaum erwarten, bis ich mit diesem guten Freund das erste Mal
im Gesundheitspa ber die Brcke nach dem Rennweg promeniere! Wir
kennen uns bereits ein wenig, und ich hoffe, da unsere Verbindung fr
alle Zeit geschlossen ist.<

Die Verbindung war von kurzer Dauer: das dritte Mal, da beide
miteinander aus waren, kam der Begleiter nicht mehr mit zurck.
Ein anderer wurde angeschafft, der etwas lnger Treue hielt, und
jedenfalls schrieb ich der Stockliebhaberei ein gut Teil von der
Ausdauer zu, womit Mozart drei Wochen lang der Vorschrift seines
Arztes ganz ertrglich nachkam. Auch blieben die guten Folgen
nicht aus; wir sahen ihn fast nie so frisch, so hell und von so
gleichmiger Laune. Doch machte er sich leider in kurzem wieder allzu
grn, und tglich hatt ich deshalb meine Not mit ihm. Damals geschah
es nun, da er, ermdet von der Arbeit eines anstrengenden Tages, noch
spt, ein paar neugieriger Reisenden wegen zu einer musikalischen
Soiree ging - auf eine Stunde blo, versprach er mir heilig und teuer;
doch das sind immer die Gelegenheiten, wo die Leute, wenn er nur erst
am Flgel festsitzt und im Feuer ist, seine Gutherzigkeit am mehrsten
mibrauchen; denn da sitzt er alsdann wie das Mnnchen in einer
Montgolfiere, sechs Meilen hoch ber dem Erdboden schwebend, wo man
die Glocken nicht mehr schlagen hrt. Ich schickte den Bedienten
zweimal mitten in der Nacht dahin, umsonst; er konnte nicht zu seinem
Herrn gelangen. Um drei Uhr frh kam dieser denn endlich nach Haus.
Ich nahm mir vor, den ganzen Tag ernstlich mit ihm zu schmollen.

Hier berging Madame Mozart einige Umstnde mit Stillschweigen.
Es war, mu man wissen, nicht unwahrscheinlich, da zu gedachter
Abendunterhaltung auch eine junge Sngerin, Signora Malerbi, kommen
wrde, an welcher Frau Konstanze mit allem Recht rgernis nahm. Diese
Rmerin war durch Mozarts Verwendung bei der Oper angestellt worden,
und ohne Zweifel hatten ihre koketten Knste nicht geringen Anteil
an der Gunst des Meisters. Sogar wollten einige wissen, sie habe ihn
mehrere Monate lang eingezogen und hei genug auf ihrem Rost gehalten.
Ob dies nun vllig wahr sei oder sehr bertrieben, gewi ist, sie
benahm sich nachher frech und undankbar und erlaubte sich selbst
Spttereien ber ihren Wohltter. So war es ganz in ihrer Art, da
sie ihn einst gegenber einem ihrer glcklicheren Verehrer kurzweg un
piccolo grifo raso (ein kleines rasiertes Schweinsrsselchen) nannte.
Der Einfall, einer Circe wrdig, war um so empfindlicher, weil er,
wie man gestehen mu, immerhin ein Krnchen Wahrheit enthielt.* Beim
Nachhausegehen von jener Gesellschaft, bei welcher brigens die
Sngerin zufllig nicht erschienen war, beging ein Freund im bermut
des Weins die Indiskretion, dem Meister dies boshafte Wort zu
verraten. Er wurde schlecht davon erbaut, denn eigentlich war es fr
ihn der erste unzweideutige Beweis von der gnzlichen Herzlosigkeit
seines Schtzlings. Vor lauter Entrstung darber empfand er nicht
einmal sogleich den frostigen Empfang am Bette seiner Frau. In einem
Atem teilte er ihr die Beleidigung mit, und diese Ehrlichkeit lt
wohl auf einen mindern Grad von Schuldbewutsein schlieen. Fast
machte er ihr Mitleid rege. Doch hielt sie geflissentlich an sich, es
sollte ihm nicht so leicht hingehen. Als er von einem schweren Schlaf
kurz nach Mittag erwachte, fand er das Weibchen samt den beiden Knaben
nicht zu Hause, vielmehr suberlich den Tisch fr ihn allein gedeckt.

* Man hat hier ein lteres kleines Profilbild im Auge, das, gut
  gezeichnet und gestochen, sich auf dem Titelblatt eines Mozartschen
  Klavierwerks befindet, unstreitig das hnlichste von allen auch
  neuerdings im Kunsthandel erschienenen Portrts.

Von jeher gab es wenige Dinge, welche Mozart so unglcklich machten,
als wenn nicht alles hbsch eben und heiter zwischen ihm und seiner
guten Hlfte stand. Und htte er nun erst gewut, welche weitere
Sorge sie schon seit mehreren Tagen mit sich herumtrug! - eine der
schlimmsten in der Tat, mit deren Erffnung sie ihn nach alter
Gewohnheit so lange wie mglich verschonte. Ihre Barschaft war
ehestens alle und keine Aussicht auf baldige Einnahme da. Ohne Ahnung
von dieser huslichen Extremitt war gleichwohl sein Herz auf eine Art
beklommen, die mit jenem verlegenen, hilflosen Zustand eine gewisse
hnlichkeit hatte. Er mochte nicht essen, er konnte nicht bleiben.
Geschwind zog er sich vollends an, um nur aus der Stickluft des Hauses
zu kommen. Auf einem offenen Zettel hinterlie er ein paar Zeilen
italienisch: >Du hast mirs redlich eingetrnkt, und geschieht mir
schon recht. Sei aber wieder gut, ich bitte Dich, und lache wieder,
bis ich heimkomme. Mir ist zumut, als mcht ich ein Kartuser und
Trappiste werden, ein rechter Heulochs, sag ich Dir!< - Sofort nahm er
den Hut, nicht aber auch den Stock zugleich; der hatte seine Epoche
passiert.

Haben wir Frau Konstanze bis hieher in der Erzhlung abgelst, so
knnen wir auch wohl noch eine kleine Strecke weiter fortfahren.

Von seiner Wohnung bei der Schranne rechts gegen das Zeughaus
einbiegend, schlenderte der teure Mann - es war ein warmer, etwas
umwlkter Sommernachmittag - nachdenklich lssig ber den sogenannten
Hof und weiter an der Pfarre zu Unsrer Lieben Frau vorbei, dem
Schottentor entgegen, wo er seitwrts zur Linken auf die Mlkerbastei
stieg und dadurch der Ansprache mehrerer Bekannten, die eben zur Stadt
hereinkamen, entging. Nur kurze Zeit geno er hier, obwohl von einer
stumm bei den Kanonen auf und nieder gehenden Schildwache nicht
belstigt, der vortrefflichen Aussicht ber die grne Ebene des
Glacis und die Vorstdte hin nach dem Kahlenberg und sdlich nach
den Steierischen Alpen. Die schne Ruhe der uern Natur widersprach
seinem innern Zustand. Mit einem Seufzer setzte er seinen Gang ber
die Esplanade und sodann durch die Alservorstadt ohne bestimmten
Zielpunkt fort.

Am Ende der Mhringer Gasse lag eine Schenke mit Kegelbahn, deren
Eigentmer, ein Seilermeister, durch seine gute Ware wie durch die
Reinheit seines Getrnks den Nachbarn und Landleuten, die ihr Weg
vorberfhrte, gar wohl bekannt war. Man hrte Kegelschieben, und
brigens ging es bei einer Anzahl von hchstens einem Dutzend Gsten
mig zu. Ein kaum bewuter Trieb, sich unter anspruchslosen,
natrlichen Menschen in etwas zu vergessen, bewog den Musiker zur
Einkehr. Er setzte sich an einen der sparsam von Bumen beschatteten
Tische zu einem Wiener Brunnen-Obermeister und zwei andern
Spiebrgern, lie sich ein Schppchen kommen und nahm an ihrem sehr
alltglichen Diskurs eingehend teil, ging dazwischen umher oder
schaute dem Spiel auf der Kegelbahn zu.

Unweit von der letztern, an der Seite des Hauses, befand .ich der
offene Laden des Seilers, ein schmaler, mit Fabrikaten vollgepfropfter
Raum, weil auer dem, was das Handwerk zunchst lieferte, auch
allerlei hlzernes Kchen-, Keller- und landwirtschaftliches Gert,
angleichen Tran und Wagensalbe, auch weniges von Smereien, Dill
und Kmmel zum Verkauf umherstand oder -hing. Ein Mdchen, das als
Kellnerin die Gste zu bedienen und nebenbei den Laden zu besorgen
hatte, war eben mit einem Bauern beschftigt, welcher, sein Shnlein
an der Hand, herzugetreten war, um einiges zu kaufen, ein Fruchtma,
eine Brste, eine Geiel. Er suchte unter vielen Stcken eines heraus,
prfte es, legte es weg, ergriff ein zweites und drittes und kehrte
unschlssig zum ersten zurck; es war kein Fertigwerden. Das Mdchen
entfernte sich mehrmals der Aufwartung wegen, kam wieder und war
unermdlich, ihm seine Wahl zu erleichtern und annehmlich zu machen,
ohne da sie zu viel darum schwatzte.

Mozart sah und hrte auf einem Bnkchen bei der Kegelbahn diesem allen
mit Vergngen zu. So sehr ihm auch das gute, verstndige Betragen des
Mdchens, die Ruhe und der Ernst in ihren ansprechenden Zgen gefiel,
noch mehr interessierte ihn fr jetzt der Bauer, welcher ihm, nachdem
er ganz befriedigt abgezogen, noch viel zu denken gab. Er hatte
sich vollkommen in den Mann hineinversetzt, gefhlt, wie wichtig
die geringe Angelegenheit von ihm behandelt, wie ngstlich und
gewissenhaft die Preise, bei einem Unterschied von wenig Kreuzern, hin
und her erwogen wurden. Und, dachte er, wenn nun der Mann zu seinem
Weibe heimkommt, ihr seinen Handel rhmt, die Kinder alle passen, bis
der Zwerchsack aufgeht, darin auch was fr sie sein mag; sie aber
eilt, ihm einen Imbi und einen frischen Trunk selbstgekelterten
Obstmost zu holen, darauf er seinen ganzen Appetit verspart hat! Wer
auch so glcklich wre, so unabhngig von den Menschen! ganz nur auf
die Natur gestellt und ihren Segen, wie sauer auch dieser erworben
sein will!

Ist aber mir mit meiner Kunst ein anderes Tagwerk anbefohlen, das ich
am Ende doch mit keinem in der Welt vertauschen wrde: warum mu ich
dabei in Verhltnissen leben, die das gerade Widerspiel von solch
unschuldiger, einfacher Existenz ausmachen? Ein Gtchen wenn du
httest, ein kleines Haus bei einem Dorf in schner Gegend, du
solltest wahrlich neu aufleben! Den Morgen ber fleiig bei deinen
Partituren, die ganze brige Zeit bei der Familie; Bume pflanzen,
deinen Acker besuchen, im Herbst mit den Buben die pfel und die Birn
heruntertun; bisweilen eine Reise in die Stadt zu einer Auffhrung und
sonst, von Zeit zu Zeit ein Freund und mehrere bei dir - welch eine
Seligkeit! Nun ja, wer wei, was noch geschieht!

Er trat vor den Laden, sprach freundlich mit dem Mdchen und
fing an, ihren Kram genauer zu betrachten. Bei der unmittelbaren
Verwandtschaft, welche die meisten dieser Dinge zu jenem idyllischen
Anfluge hatten, zog ihn die Sauberkeit, das Helle, Glatte, selbst der
Geruch der mancherlei Holzarbeiten an. Es fiel ihm pltzlich ein,
verschiedenes fr seine Frau, was ihr nach seiner Meinung angenehm
und nutzbar wre, auszuwhlen. Sein Augenmerk ging zuvrderst auf
Gartenwerkzeug. Konstanze hatte nmlich vor Jahr und Tag auf seinen
Antrieb ein Stckchen Land vor dem Krntner Tor gepachtet und etwas
Gemse darauf gebaut; daher ihm jetzt frs erste ein neuer groer
Rechen, ein kleinerer dito samt Spaten ganz zweckmig schien. Dann
Weiteres anlangend, so macht es seinen konomischen Begriffen alle
Ehre, da er einem ihn sehr appetitlich anlachenden Butterfa nach
kurzer berlegung, wiewohl ungern, entsagte; dagegen ihm ein hohes,
mit Deckel und schn geschnitztem Henkel versehenes Geschirr zu
unmageblichem Gebrauch einleuchtete. Es war aus schmalen Stben von
zweierlei Holz, abwechselnd hell und dunkel, zusammengesetzt, unten
weiter als oben und innen trefflich ausgepicht. Entschieden fr
die Kche empfahl sich eine schne Auswahl Rhrlffel, Wellhlzer,
Schneidbretter und Teller von allen Gren sowie ein Salzbehlter
einfachster Konstruktion zum Aufhngen.

Zuletzt besah er sich noch einen derben Stock, dessen Handhabe
mit Leder und runden Messingngeln gehrig beschlagen war. Da der
sonderbare Kunde auch hier in einiger Versuchung schien, bemerkte die
Verkuferin mit Lcheln, das sei just kein Tragen fr Herren. Du hast
recht, mein Kind, versetzte er, mir deucht, die Metzger auf der
Reise haben solche; weg damit, ich will ihn nicht. Das brige hingegen
alles, was wir da ausgelesen haben, bringst du mir heute oder morgen
ins Haus. Dabei nannte er ihr seinen Namen und die Strae. Er ging
hierauf, um auszutrinken, an seinen Tisch, wo von den dreien nur noch
einer, ein Klempnermeister, sa.

Die Kellnerin hat heut mal einen guten Tag, bemerkte der Mann. Ihr
Vetter lt ihr vom Erls im Laden am Gulden einen Batzen.

Mozart freute sich nun seines Einkaufs doppelt; gleich aber sollte
seine Teilnahme an der Person noch grer werden. Denn als sie wieder
in die Nhe kam, rief ihr derselbe Brger zu: Wie stehts, Kreszenz?
Was macht der Schlosser? Feilt er nicht bald sein eigen Eisen?

O was! erwiderte sie im Weitereilen: selbiges Eisen, schtz ich,
wchst noch im Berg, zuhinterst.

Es ist ein guter Tropf, sagte der Klempner. Sie hat lang ihrem
Stiefvater hausgehalten und ihn in der Krankheit verpflegt, und da er
tot war, kams heraus, da er ihr Eigenes aufgezehrt hatte; zeither
dient sie da ihrem Verwandten, ist alles und alles im Geschft, in
der Wirtschaft und bei den Kindern. Sie hat mit einem braven Gesellen
Bekanntschaft und wrde ihn je eher, je lieber heiraten; das aber hat
so seine Haken.

Was fr? Er ist wohl auch ohne Vermgen?

Sie ersparten sich beide etwas, doch langt es nicht gar. Jetzt kommt
mit nchstem drinnen ein halber Hausteil samt Werkstatt in Gant;
dem Seiler wrs ein leichtes, ihnen vorzuschieen, was noch zum
Kaufschilling fehlt, allein er lt die Dirne natrlich nicht gern
fahren. Er hat gute Freunde im Rat und bei der Zunft, da findet der
Geselle nun allenthalben Schwierigkeiten.

Verflucht! - fuhr Mozart auf, so da der andere erschrak und sich
umsah, ob man nicht horche. Und da ist niemand, der ein Wort nach dem
Recht darein sprche? den Herren eine Faust vorhielte? Die Schufte,
die! Wart nur, man kriegt euch noch beim Wickel!

Der Klempner sa wie auf Kohlen. Er suchte das Gesagte auf eine
ungeschickte Art zu mildern; beinahe nahm er es vllig zurck. Doch
Mozart hrte ihn nicht an. Schmt Euch, wie Ihr nun schwatzt. So
machts ihr Lumpen allemal, sobald es gilt, mit etwas einzustehen.
- Und hiemit kehrte er dem Hasenfu ohne Abschied den Rcken. Der
Kellnerin, die alle Hnde voll zu tun hatte mit neuen Gsten, raunte
er nur im Vorbeigehen zu: Komme morgen beizeiten, gre mir deinen
Liebsten; ich hoffe, da eure Sache gut geht. Sie stutzte nur und
hatte weder Zeit noch Fassung, ihm zu danken.

Geschwinder als gewhnlich, weil der Auftritt ihm das Blut etwas in
Wallung brachte, ging er vorerst denselben Weg, den er gekommen, bis
an das Glacis, auf welchem er dann langsamer mit einem Umweg, im
weiten Halbkreis um die Wlle wandelte. Ganz mit der Angelegenheit des
armen Liebespaars beschftigt, durchlief er in Gedanken eine Reihe
seiner Bekannten und Gnner, die auf die eine oder andere Weise in
diesem Fall etwas vermochten. Da indessen, bevor er sich irgend zu
einem Schritt bestimmte, noch nhere Erklrungen von seiten des
Mdchens erforderlich waren, beschlo er, diese ruhig abzuwarten, und
war nunmehr, mit Herz und Sinn den Fen vorauseilend, bei seiner Frau
zu Hause.

Mit innerer Gewiheit zhlte er auf einen freundlichen, ja frhlichen
Willkommen, Ku und Umarmung schon auf der Schwelle, und Sehnsucht
verdoppelte seine Schritte beim Eintritt in das Krntner Tor. Nicht
weit davon ruft ihn der Posttrger an, der ihm ein kleines, doch
gewichtiges Paket bergibt, worauf er eine ehrliche und akkurate Hand
augenblicklich erkennt. Er tritt mit dem Boten, um ihm zu quittieren,
in den nchsten Kaufladen; dann, wieder auf der Strae, kann er sich
nicht bis in sein Haus gedulden; er reibt die Siegel auf, halb gehend,
halb stehend verschlingt er den Brief Ich sa߫, fuhr Madame Mozart
hier in der Erzhlung bei den Damen fort, am Nhtisch, hrte meinen
Mann die Stiege heraufkommen und den Bedienten nach mir fragen. Sein
Tritt und seine Stimme kam mir beherzter, aufgerumter vor, als ich
erwartete und als mir wahrhaftig angenehm war. Erst ging er auf sein
Zimmer, kam aber gleich herber. >Guten Abend!< sagt' er; ich, ohne
aufzusehen, erwiderte ihm kleinlaut. Nachdem er die Stube ein paarmal
stillschweigend gemessen, nahm er unter erzwungenem Ghnen die
Fliegenklatsche hinter der Tr, was ihm noch niemals eingefallen
war, und murmelte vor sich hin: >Wo nur die Fliegen gleich wieder
herkommen!< - fing an zu patschen da und dort, und zwar so stark wie
mglich. Dies war ihm stets der unleidlichste Ton, den ich in seiner
Gegenwart nie hren lassen durfte. Hm, dacht ich, da doch, was man
selber tut, zumal die Mnner, ganz etwas anderes ist! brigens hatte
ich so viele Fliegen gar nicht wahrgenommen. Sein seltsames Betragen
verdro mich wirklich sehr. >Sechse auf einen Schlag!< rief er;
>willst du sehen?< - Keine Antwort. - Da legte er mir etwas aufs
Nhkissen hin, da ich es sehen mute, ohne ein Auge von meiner Arbeit
zu verwenden. Es war nichts Schlechteres als ein Hufchen Gold, soviel
man Dukaten zwischen zwei Finger nimmt. Er setzte seine Possen hinter
meinem Rcken fort, tat hin und wieder einen Streich und sprach dabei
fr sich: >Das fatale, unntze, schamlose Gezcht! Zu was Zweck es
nur eigentlich auf der Welt ist - patsch! - offenbar blo, da mans
totschlage - pitsch - darauf verstehe ich mich einigermaen, darf ich
behaupten. - Die Naturgeschichte belehrt uns ber die erstaunliche
Vermehrung dieser Geschpfe - pitsch patsch -: in meinem Hause wird
immer sogleich damit aufgerumt. Ah maledette! disperate! - Hier
wieder ein Stck zwanzig. Magst du sie?< - Er kam und tat wie vorhin.
Hatte ich bisher mit Mhe das Lachen unterdrckt, lnger war es
unmglich, ich platzte heraus, er fiel mir um den Hals, und beide
kicherten und lachten wir um die Wette.

>Woher kommt dir denn aber das Geld?< frag ich. whrend da er den
Rest aus dem Rllelchen schttelt. - >Vom Frsten Esterhazy! durch den
Haydn! Lies nur den Brief.< - Ich las:

>Eisenstadt usw. Teuerster Freund! Seine Durchlaucht, mein gndigster
Herr, hat mich zu meinem gresten Vergngen damit betraut, Ihnen
beifolgende sechzig Dukaten zu bermachen. Wir haben letzt Ihre
Quartetten wieder ausgefhrt, und Seine Durchlaucht waren solchermaen
davon eingenommen und befriedigt, als bei dem ersten Mal, vor einem
Vierteljahre, kaum der Fall gewesen. Der Frst bemerkte mir (ich mu
es wrtlich schreiben): als Mozart Ihnen diese Arbeit dedizierte, hat
er geglaubt, nur Sie zu ehren, doch kanns ihm nichts verschlagen, wenn
ich zugleich ein Kompliment fr mich darin erblicke. Sagen Sie ihm,
ich denke von seinem Genie bald so gro wie Sie selbst, und mehr knn
er in Ewigkeit nicht verlangen. - Amen! setz ich hinzu. Sind Sie
zufrieden?

Postskript. Der lieben Frau ins Ohr: Sorgen Sie gtigst, da die
Danksagung nicht aufgeschoben werde. Am besten geschh es persnlich.
Wir mssen so guten Wind fein erhalten.<

>Du Engelsmann! o himmlische Seele!< rief Mozart ein bers andere Mal,
und es ist schwer zu sagen, was ihn am meisten freute, der Brief oder
des Frsten Beifall oder das Geld. Was mich betrifft, aufrichtig
gestanden, mir kam das letztere gerade damals hchst gelegen. Wir
feierten noch einen sehr vergngten Abend.

Von der Affre in der Vorstadt erfuhr ich jenen Tag noch nichts,
die folgenden ebensowenig, die ganze nchste Woche verstrich, keine
Kreszenz erschien, und mein Mann, in einem Strudel von Geschften,
verga die Sache bald. Wir hatten an einem Sonnabend Gesellschaft;
Hauptmann Wesselt, Graf Hardegg und andere musizierten. In einer Pause
werde ich hinausgerufen - da war nun die Bescherung! Ich geh hinein
und frage: >Hast du Bestellung in der Alservorstadt auf allerlei
Holzware gemacht?< - >Potz Hagel, ja! Ein Mdchen wird da sein? La
sie nur hereinkommen< - So trat sie denn in grter Freundlichkeit,
einen vollen Korb am Arm, mit Rechen und Spaten ins Zimmer,
entschuldigte ihr langes Ausbleiben, sie habe den Namen der Gasse
nicht mehr gewut und sich erst heut zurechtgefragt. Mozart nahm ihr
die Sachen nacheinander ab, die er sofort mit Selbstzufriedenheit
mir berreichte. Ich lie mir herzlich dankbar alles und jedes
wohlgefallen, belobte und pries, nur nahm es mich wunder, wozu er das
Gartengerte gekauft. - >Natrlich<, sagt' er, >fr dein Stckchen an
der Wien.< - >Mein Gott, das haben wir ja aber lange abgegeben! weil
uns das Wasser immer so viel Schaden tat und berhaupt gar nichts
dabei herauskam. Ich sagte dirs, du hattest nichts dawider.< - >Was?
Und also die Spargeln, die wir dies Frhjahr speisten...< - >Waren
immer vom Markt.< - >Seht<, sagt' er, >htt ich das gewut! Ich lobte
sie dir so aus bloer Artigkeit, weil du mich wirklich dauerst mit
deiner Grtnerei; es waren Dingerl wie die Federspulen.<

Die Herrn belustigte der Spa beraus; ich mute einigen sogleich das
berflssige zum Andenken lassen. Als aber Mozart nun das Mdchen ber
ihr Heiratsanliegen ausforschte, sie ermunterte, hier nur ganz frei
zu sprechen, da das, was man fr sie und ihren Liebsten tun wrde, in
der Stille, glimpflich und ohne jemandes Anklagen solle ausgerichtet
werden, so uerte sie sich gleichwohl mit so viel Bescheidenheit,
Vorsicht und Schonung, da sie alle Anwesenden vllig gewann und man
sie endlich mit den besten Versprechungen entlie.

>Den Leuten mu geholfen werden!< sagte der Hauptmann. >Die
Innungskniffe sind das wenigste dabei; hier wei ich einen, der das
bald in Ordnung bringen wird. Es handelt sich um einen Beitrag fr das
Haus, Einrichtungskosten und dergleichen. Wie, wenn wir ein Konzert
fr Freunde im Trattnerischen Saal mit Entree ad libitum ankndigten?<
Der Gedanke fand lebhaften Anklang. Einer der Herrn ergriff das
Salzfa und sagte: >Es mte jemand zur Einleitung einen hbschen
historischen Vortrag tun, Herrn Mozarts Einkauf schildern, seine
menschenfreundliche Absicht erklren, und hier das Prachtgef stellt
man auf einem Tisch als Opferbchse auf, die beiden Rechen als
Dekoration rechts und links dahinter gekreuzt.<

Dies nun geschah zwar nicht, hingegen das Konzert kam zustande; es
warf ein Erkleckliches ab, verschiedene Beitrge folgten nach, da das
beglckte Paar noch berschu hatte, und auch die andern Hindernisse
waren schnell beseitigt. Duscheks in Prag, unsre genausten Freunde
dort, bei denen wir logieren, vernahmen die Geschichte, und _sie_,
eine gar gemtliche, herzige Frau, verlangte von dem Kram aus
Kuriositt auch etwas zu haben; so legt ich denn das Passendste fr
sie zurck und nahm es bei dieser Gelegenheit mit. Da wir inzwischen
unverhofft eine neue liebe Kunstverwandte finden sollten, die nah
daran ist, sich den eigenen Herd einzurichten, und ein Stck gemeinen
Hausrat, welches Mozart ausgewhlt, gewilich nicht verschmhen wird,
will ich mein Mitbringen halbieren, und Sie haben die Wahl zwischen
einem schn durchbrochenen Schokoladequirl und mehrgedachter
Salzbchse, an welcher sich der Knstler mit einer geschmackvollen
Tulpe verunkstigt hat. Ich wrde unbedingt zu diesem Stck raten;
das edle Salz, soviel ich weis, ist ein Symbol der Huslichkeit und
Gastlichkeit, wozu wir alle guten Wnsche fr Sie legen wollen.

So weit Madame Mozart. Wie dankbar und wie heiter alles von den Damen
auf- und angenommen wurde, kann man denken. Der Jubel erneuerte sich,
als gleich darauf bei den Mnnern oben die Gegenstnde vorgelegt und
das Muster patriarchalischer Simplizitt nun frmlich bergeben ward,
welchem der Oheim in dem Silberschranke seiner nunmehrigen Besitzerin
und ihrer sptesten Nachkommen keinen geringern Platz versprach, als
jenes berhmte Kunstwerk des florentinischen Meisters in der Ambraser
Sammlung einnehme.

Es war schon fast acht Uhr; man nahm den Tee. Bald aber sah sich unser
Musiker an sein schon am Mittag gegebenes Wort, die Gesellschaft nher
mit dem >Hllenbrand< bekannt zu machen, der unter Schlo und Riegel,
doch zum Glck nicht allzu tief im Reisekoffer lag, dringend erinnert.
Er war ohne Zgern bereit. Die Auseinandersetzung der Fabel des Stcks
hielt nicht lange auf, das Textbuch wurde aufgeschlagen, und schon
brannten die Lichter am Fortepiano.

Wir wnschten wohl, unsere Leser streifte hier zum wenigsten etwas
von jener eigentmlichen Empfindung an, womit oft schon ein einzeln
abgerissener, aus einem Fenster beim Vorbergehen an unser Ohr
getragener Akkord, der nur von dorther kommen kann, uns wie elektrisch
trifft und wie gebannt festhlt; etwas von jener sen Bangigkeit,
wenn wir in dem Theater, solange das Orchester stimmt, dem Vorhang
gegenbersitzen. Oder ist es nicht so? Wenn auf der Schwelle jedes
erhabenen tragischen Kunstwerks, es heie >Macbeth<, >dipus< oder
wie sonst, ein Schauer der ewigen Schnheit schwebt, wo trfe dies
in hherem, auch nur in gleichem Mae zu als eben hier? Der Mensch
verlangt und scheut zugleich, aus seinem gewhnlichen Selbst
vertrieben zu werden, er fhlt, das Unendliche wird ihn berhren,
das seine Brust zusammenzieht, indem es sie ausdehnen und den Geist
gewaltsam an sich reien will. Die Ehrfurcht vor der vollendeten Kunst
tritt hinzu; der Gedanke, ein gttliches Wunder genieen, es als ein
Verwandtes in sich aufnehmen zu drfen, zu knnen, fhrt eine Art
von Rhrung, ja von Stolz mit sich, vielleicht den glcklichsten und
reinsten, dessen wir fhig sind.

Unsre Gesellschaft aber hatte damit, da sie ein uns von Jugend auf
vllig zu eigen gewordenes Werk jetzt erstmals kennen lernen sollte,
einen von unserem Verhltnis unendlich verschiedenen Stand, und, wenn
man das beneidenswerte Glck der persnlichen Vermittlung durch den
Urheber abrechnet, bei weitem nicht den gnstigen wie wir, da eine
reine und vollkommene Auffassung eigentlich niemand mglich war, auch
in mehr als einem Betracht selbst dann nicht mglich gewesen sein
wrde, wenn das Ganze unverkrzt htte mitgeteilt werden knnen.

Von achtzehn fertig ausgearbeiteten Nummern* gab der Komponist
vermutlich nicht die Hlfte; (wir finden in dem unserer Darstellung
zugrunde liegenden Bericht nur das letzte Stck dieser Reihe, das
Sextett, ausdrcklich angefhrt) - er gab sie meistens, wie es
scheint, in einem freien Auszug, blo auf dem Klavier, und sang
stellenweise darein, wie es kam und sich schickte. Von der Frau ist
gleichfalls nur bemerkt, da sie zwei Arien vorgetragen habe. Wir
mchten uns, da ihre Stimme so stark als lieblich gewesen sein soll,
die erste der Donna Anna (>Du kennst den Verrter<) und eine von den
beiden der Zerline dabei denken.

* Bei dieser Zhlung ist zu wissen, da Elviras Arie mit dem Rezitativ
  und Leporellos >Habs verstanden< nicht ursprnglich in der Oper
  enthalten gewesen.

Genau genommen waren, dem Geist, der Einsicht, dem Geschmacke nach,
Eugenie und ihr Verlobter die einzigen Zuhrer, wie der Meister sie
sich wnschen mute, und jene war es sicher ungleich mehr als dieser.
Sie saen beide tief im Grunde des Zimmers; das Frulein regungslos,
wie eine Bildsule, und in die Sache aufgelst auf einen solchen Grad,
da sie auch in den kurzen Zwischenrumen, wo sich die Teilnahme der
brigen bescheiden uerte oder die innere Bewegung sich unwillkrlich
mit einem Ausruf der Bewunderung Luft machte, die von dem Brutigam an
sie gerichteten Worte immer nur ungengend zu erwidern vermochte.

Als Mozart mit dem berschwenglich schnen Sextett geschlossen hatte
und nach und nach ein Gesprch aufkam, schien er vornehmlich einzelne
Bemerkungen des Barons mit Interesse und Wohlgefallen aufzunehmen. Es
wurde vom Schlusse der Oper die Rede sowie von der vorlufig auf den
Anfang Novembers anberaumten Auffhrung, und da jemand meinte, gewisse
Teile des Finale mchten noch eine Riesenaufgabe sein, so lchelte der
Meister mit einiger Zurckhaltung; Konstanze aber sagte zu der Grfin
hin, da er es hren mute: Er hat noch was in petto, womit er geheim
tut, auch vor mir.

Du fllst, versetzte er, aus deiner Rolle, Schatz, da du das jetzt
zur Sprache bringst; wenn ich nun Lust bekme, von neuem anzufangen?
Und in der Tat, es juckt mich schon.

Leporello! rief der Graf, lustig aufspringend, und winkte einem
Diener: Wein! Sillery, drei Flaschen!

Nicht doch! damit ist es vorbei - mein Junker hat sein Letztes im
Glase.

Wohl bekomms ihm - und jedem das Seine!

Mein Gott, was hab ich da gemacht! lamentierte Konstanze, mit einem
Blick auf die Uhr, gleich ist es elfe, und morgen frh solls fort -
wie wird das gehen?

Es geht halt gar nicht, Beste! nur schlechterdings gar nicht.

Manchmal, fing Mozart an, kann sich doch ein Ding sonderbar fgen.
Was wird denn meine Stanzl sagen, wenn sie erfhrt, da eben das Stck
Arbeit, was sie nun hren soll, um eben diese Stunde in der Nacht, und
zwar gleichfalls vor einer angesetzten Reise, zur Welt geboren ist?

Wrs mglich? Wann? Gewi vor drei Wochen, wie du nach Eisenstadt
wolltest!

Getroffen! Und das begab sich so. Ich kam nach zehne, du schliefst
schon fest, von Richters Essen heim und wollte versprochenermaen
auch blder zu Bett, um morgens beizeiten heraus und in den Wagen zu
steigen. Inzwischen hatte Veit, wie gewhnlich, die Lichter auf dem
Schreibtisch angezndet, ich zog mechanisch den Schlafrock an, und
fiel mir ein, geschwind mein letztes Pensum noch einmal anzusehen.
Allein, o Migeschick! verwnschte, ganz unzeitige Geschftigkeit der
Weiber! du hattest aufgerumt, die Noten eingepackt die muten nmlich
mit: der Frst verlangte eine Probe von dem Opus; - ich suchte,
brummte, schalt, umsonst! Darber fllt mein Blick auf ein
versiegeltes Kuvert: vom Abbate, den greulichen Haken nach auf der
Adresse - ja wahrlich! und schickt mir den umgearbeiteten Rest seines
Textes, den ich vor Monatsfrist noch nicht zu sehen hoffte. Sogleich
sitz ich begierig hin und lese und bin entzckt, wie gut der Kauz
verstand, was ich wollte. Es war alles weit simpler, gedrngter und
reicher zugleich. Sowohl die Kirchhofsszene wie das Finale, bis zum
Untergang des Helden, hat in jedem Betracht sehr gewonnen. (Du sollst
mir aber auch, dacht ich, vortrefflicher Poet, Himmel und Hlle nicht
unbedankt zum zweiten Mal beschworen haben!) Nun ist es sonst meine
Gewohnheit nicht, in der Komposition etwas vorauszunehmen, und wenn
es noch so lockend wre; das bleibt eine Unart, die sich sehr bel
bestrafen kann. Doch gibt es Ausnahmen, und kurz, der Auftritt bei
der Reiterstatue des Gouverneurs, die Drohung, die vom Grabe des
Erschlagenen her urpltzlich das Gelchter des Nachtschwrmers
haarstrubend unterbricht, war mir bereits in die Krone gefahren.
Ich griff einen Akkord und fhlte, ich hatte an der rechten Pforte
angeklopft, dahinter schon die ganze Legion von Schrecken beieinander
liege, die im Finale loszulassen sind. So kam frs erste ein Adagio
heraus: d-moll, vier Takte nur, darauf ein zweiter Satz mit fnfen -
es wird, bild ich mir ein, auf dem Theater etwas Ungewhnliches geben,
wo die strksten Blasinstrumente die Stimme begleiten. Einstweilen
hren Sie's, so gut es sich hier machen lt.

Er lschte ohne weiteres die Kerzen der beiden neben ihm stehenden
Armleuchter aus, und jener furchtbare Choral: >Dein Lachen endet vor
der Morgenrte!< erklang durch die Totenstille des Zimmers. Wie von
entlegenen Sternenkreisen fallen die Tne aus silbernen Posaunen,
eiskalt, Mark und Seele durchschneidend, herunter durch die blaue
Nacht.

>Wer ist hier? Antwort!< hrt man Don Juan fragen. Da hebt es wieder
an, eintnig wie zuvor, und gebietet dem ruchlosen Jngling, die Toten
in Ruhe zu lassen.

Nachdem diese drhnenden Klnge bis auf die letzte Schwingung in
der Luft verhallt waren, fuhr Mozart fort: Jetzt gab es fr mich
begreiflicherweise kein Aufhren mehr. Wenn erst das Eis einmal an
einer Uferstelle bricht, gleich kracht der ganze See und klingt bis an
den entferntesten Winkel hinunter. Ich ergriff unwillkrlich denselben
Faden weiter unten bei Don Juans Nachtmahl wieder, wo Donna Elvira
sich eben entfernt hat und das Gespenst, der Einladung gem,
erscheint. - Hren Sie an.

Es folgte nun der ganze lange, entsetzenvolle Dialog, durch welchen
auch der Nchternste bis an die Grenze menschlichen Vorstellens, ja
ber sie hinaus gerissen wird, wo wir das bersinnliche schauen und
hren und innerhalb der eigenen Brust von einem uersten zum andern
willenlos uns hin und her geschleudert fhlen.

Menschlichen Sprachen schon entfremdet, bequemt sich das unsterbliche
Organ des Abgeschiedenen, noch einmal zu reden. Bald nach der ersten
frchterlichen Begrung, als der Halbverklrte die ihm gebotene
irdische Nahrung verschmht, wie seltsam schauerlich wandelt seine
Stimme auf den Sprossen einer luftgewebten Leiter unregelmig auf und
nieder! Er fordert schleunigen Entschlu zur Bue: kurz ist dem Geist
die Zeit gemessen; weit, weit, weit ist der Weg! Und wenn nun Don
Juan, im ungeheuren Eigenwillen den ewigen Ordnungen trotzend, unter
dem wachsenden Andrang der hllischen Mchte, ratlos ringt, sich
strubt und windet und endlich untergeht, noch mit dem vollen Ausdruck
der Erhabenheit in jeder Gebrde - wem zitterten nicht Herz und Nieren
vor Lust und Angst zugleich? Es ist ein Gefhl, hnlich dem, womit man
das prchtige Schauspiel einer unbndigen Naturkraft, den Brand eines
herrlichen Schiffes anstaunt. Wir nehmen wider Willen gleichsam
Partei fr diese blinde Gre und teilen knirschend ihren Schmerz im
reienden Verlauf ihrer Selbstvernichtung.

Der Komponist war am Ziele. Eine Zeit lang wagte niemand, das
allgemeine Schweigen zuerst zu brechen. Geben Sie uns, fing endlich,
mit noch beklemmtem Atem, die Grfin an, geben Sie uns, ich bitte
Sie, einen Begriff, wie Ihnen war, da Sie in jener Nacht die Feder
weglegten!

Er blickte, wie aus einer stillen Trumerei ermuntert, helle zu ihr
auf, besann sich schnell und sagte, halb zu der Dame, halb zu seiner
Frau: Nun ja, mir schwankte wohl zuletzt der Kopf. Ich hatte dies
verzweifelte Dibattimento bis zu dem Chor der Geister, in einer Hitze
fort, beim offenen Fenster, zu Ende geschrieben und stand nach einer
kurzen Rast vom Stuhl auf, im Begriff, nach deinem Kabinett zu gehen,
damit wir noch ein bichen plaudern und sich mein Blut ausgleiche. Da
machte ein berquerer Gedanke mich mitten im Zimmer still stehen.
(Hier sah er zwei Sekunden lang zu Boden, und sein Ton verriet beim
Folgenden eine kaum merkbare Bewegung.) Ich sagte zu mir selbst: wenn
du noch diese Nacht wegstrbest und mtest deine Partitur an diesem
Punkt verlassen: ob dirs auch Ruh im Grabe lie'? - Mein Auge hing am
Docht des Lichts in meiner Hand und auf den Bergen von abgetropftem
Wachs. Ein Schmerz bei dieser Vorstellung durchzckte mich einen
Moment; dann dacht ich weiter: wenn denn hernach ber kurz oder lang
ein anderer, vielleicht gar so ein Welscher, die Oper zu vollenden
bekme und fnde von der Introduktion bis Numero siebzehn, mit
Ausnahme _einer_ Piece, alles sauber beisammen, lauter gesunde, reife
Frchte ins hohe Gras geschttelt, da er sie nur auflesen drfte;
ihm graute aber doch ein wenig hier vor der Mitte des Finale, und er
fnde alsdann unverhofft den tchtigen Felsbrocken da insoweit schon
beiseite gebracht: er mchte drum nicht bel in das Fustchen lachen!
Vielleicht wr er versucht, mich um die Ehre zu betrgen. Er sollte
aber wohl die Finger dran verbrennen; da wr noch immerhin ein
Huflein guter Freunde, die meinen Stempel kennen und mir, was mein
ist, redlich sichern wrden. - Nun ging ich, dankte Gott mit einem
vollen Blick hinauf und dankte, liebes Weibchen, deinem Genius, der
dir solange seine beiden Hnde sanft ber die Stirne gehalten, da
du fortschliefst wie eine Ratze und mich kein einzig Mal anrufen
konntest. Wie ich dann aber endlich kam und du mich um die Uhr
befrugst, log ich dich frischweg ein paar Stunden jnger, als du
warst, denn es ging stark auf viere. Und nun wirst du begreifen, warum
du mich um sechse nicht aus den Federn brachtest, der Kutscher wieder
heimgeschickt und auf den andern Tag bestellt werden mute.

Natrlich! versetzte Konstanze, nur bilde sich der schlaue Mann
nicht ein, man sei so dumm gewesen, nichts zu merken! Deswegen
brauchtest du mir deinen schnen Vorsprung frwahr nicht zu
verheimlichen!

Auch war es nicht deshalb.

Wei schon - du wolltest deinen Schatz vorerst noch unbeschrien
haben.

Mich freut nur, rief der gutmtige Wirt, da wir morgen nicht ntig
haben, ein edles Wiener Kutscherherz zu krnken, wenn Herr Mozart
partout nicht aufstehen kann. Die Ordre >Hans, spann wieder aus!< tut
jederzeit sehr weh.

Diese indirekte Bitte um lngeres Bleiben, mit der sich die brigen
Stimmen im herzlichsten Zuspruch verbanden, gab den Reisenden Anla zu
Auseinandersetzung sehr triftiger Grnde dagegen; doch verglich man
sich gerne dahin, da nicht zu zeitig aufgebrochen und noch vergngt
zusammen gefrhstckt werden solle.

Man stand und drehte sich noch eine Zeit lang in Gruppen schwatzend
umeinander. Mozart sah sich nach jemandem um, augenscheinlich nach
der Braut; da sie jedoch gerade nicht zugegen war, so richtete er
naiverweise die ihr bestimmte Frage unmittelbar an die ihm nahe
stehende Franziska: Was denken Sie denn nun im ganzen von unserm >Don
Giovanni<? Was knnen Sie ihm Gutes prophezeien?

Ich will, versetzte sie mit Lachen, im Namen meiner Base so gut
antworten, als ich kann: Meine einfltige Meinung ist, da, wenn >Don
Giovanni< nicht aller Welt den Kopf verrckt, so schlgt der liebe
Gott seinen Musikkasten gar zu, auf unbestimmte Zeit, heit das, und
gibt der Menschheit zu verstehen... - Und gibt der Menschheit, fiel
der Onkel verbessernd ein, den Dudelsack in die Hand und verstocket
die Herzen der Leute, da sie anbeten Baalim.

Beht uns Gott! lachte Mozart. Je nun, im Lauf der nchsten
sechzig, siebzig Jahre, nachdem ich lang fort bin, wird mancher
falsche Prophet aufstehen.

Eugenie trat mit dem Baron und Max herbei, die Unterhaltung hob sich
unversehens auf ein neues, ward nochmals ernsthaft und bedeutend, so
da der Komponist, eh die Gesellschaft auseinanderging, sich noch gar
mancher schnen, bezeichnenden uerung erfreute, die seiner Hoffnung
schmeichelte.

Erst lange nach Mitternacht trennte man sich; keines empfand bis
jetzt, wie sehr es der Ruhe bedurfte.

Den andern Tag (das Wetter gab dem gestrigen nichts nach) um zehn Uhr
sah man einen hbschen Reisewagen, mit den Effekten beider Wiener
Gste bepackt, im Schlohof stehen. Der Graf stand mit Mozart davor,
kurz ehe die Pferde herausgefhrt wurden, und fragte, wie er ihm
gefalle.

Sehr gut; er scheint uerst bequem.

Wohlan, so machen Sie mir das Vergngen und behalten Sie ihn zu
meinem Andenken.

Wie? ist das Ernst?

Was wr es sonst?

Heiliger Sixtus und Calixtus - Konstanze! du! rief er zum Fenster
hinauf, wo sie mit den andern heraussah. Der Wagen soll mein sein! Du
fhrst knftig in deinem eigenen Wagen!

Er umarmte den schmunzelnden Geber, betrachtete und umging sein neues
Besitztum von allen Seiten, ffnete den Schlag, warf sich hinein und
rief heraus: Ich dnke mich so vornehm und so reich wie Ritter Gluck!
Was werden sie in Wien fr Augen machen!

- Ich hoffe, sagte die Grfin, Ihr Fuhrwerk wiederzusehn bei der
Rckkehr von Prag, mit Krnzen um und um behangen!

Nicht lang nach diesem letzten frhlichen Auftritt setzte sich der
vielgelobte Wagen mit dem scheidenden Paare wirklich in Bewegung und
fuhr im raschen Trab nach der Landstrae zu. Der Graf lie sie bis
Wittingau fahren, wo Postpferde genommen werden sollten.

Wenn gute, vortreffliche Menschen durch ihre Gegenwart vorbergehend
unser Haus belebten, durch ihren frischen Geistesodem auch unser
Wesen in neuen raschen Schwung versetzten und uns den Segen der
Gastfreundschaft in vollem Mae zu empfinden gaben, so lt ihr
Abschied immer eine unbehagliche Stockung, zum mindesten fr den Rest
des Tags, bei uns zurck, wofern wir wieder ganz nur auf uns selber
angewiesen sind.

Bei unsern Schlobewohnern traf wenigstens das letztere nicht zu.
Franziskas Eltern nebst der alten Tante fuhren zwar alsbald auch weg;
die Freundin selbst indes, der Brutigam, Max ohnehin, verblieben
noch. Eugenien, von welcher vorzugsweise hier die Rede ist, weil sie
das unschtzbare Erlebnis tiefer als alle ergriff, ihr, sollte man
denken, konnte nichts fehlen, nichts genommen oder getrbt sein; ihr
reines Glck in dem wahrhaft geliebten Mann, das erst soeben seine
frmliche Besttigung erhielt, mute alles andre verschlingen,
vielmehr, das Edelste und Schnste, wovon ihr Herz bewegt sein konnte,
mute sich notwendig mit jener seligen Flle in eines verschmelzen.
So wre es auch wohl gekommen, htte sie gestern und heute der bloen
Gegenwart, jetzt nur dem reinen Nachgenu derselben leben knnen.
Allein am Abend schon, bei den Erzhlungen der Frau, war sie von
leiser Furcht fr ihn, an dessen liebenswertem Bild sie sich ergtzte,
geheim beschlichen worden; diese Ahnung wirkte nachher, die ganze
Zeit, als Mozart spielte, hinter allem unsglichen Reiz, durch
alle das geheimnisvolle Grauen der Musik hindurch, im Grund ihres
Bewutseins fort, und endlich berraschte, erschtterte sie das, was
er selbst in der nmlichen Richtung gelegentlich von sich erzhlte.
Es ward ihr so gewi, so ganz gewi, da dieser Mann sich schnell
und unaufhaltsam in seiner eigenen Glut verzehre, da er nur eine
flchtige Erscheinung auf der Erde sein knne, weil sie den berflu,
den er verstrmen wrde, in Wahrheit nicht ertrge.

Dies, neben vielem andern, ging, nachdem sie sich gestern
niedergelegt, in ihrem Busen auf und ab, whrend der Nachhall >Don
Juans< verworren noch lange fort ihr inneres Gehr einnahm. Erst gegen
Tag schlief sie ermdet ein.

Die drei Damen hatten sich nunmehr mit ihren Arbeiten in den Garten
gesetzt, die Mnner leisteten ihnen Gesellschaft, und da das Gesprch
natrlich zunchst nur Mozart betraf, so verschwieg auch Eugenie ihre
Befrchtungen nicht. Keins wollte dieselben im mindesten teilen,
wiewohl der Baron sie vollkommen begriff. Zur guten Stunde, in
recht menschlich reiner, dankbarer Stimmung pflegt man sich jeder
Unglcksidee, die einen gerade nicht unmittelbar angeht, aus allen
Krften zu erwehren. Die sprechendsten, lachendsten Gegenbeweise
wurden, besonders vom Oheim, vorgebracht, und wie gerne hrte nicht
Eugenie alles an! Es fehlte nicht viel, so glaubte sie wirklich, zu
schwarz gesehen zu haben.

Einige Augenblicke spter, als sie durchs groe Zimmer oben ging, das
eben gereinigt und wieder in Ordnung gebracht worden war und dessen
vorgezogene, grndamastene Fenstergardinen nur ein sanftes Dmmerlicht
zulieen, stand sie wehmtig vor dem Klaviere still. Durchaus war
es ihr wie ein Traum, zu denken, wer noch vor wenigen Stunden
davorgesessen habe. Lang blickte sie gedankenvoll die Tasten an, die
er zuletzt berhrt, dann drckte sie leise den Deckel zu und zog den
Schlssel ab, in eiferschtiger Sorge, da so bald keine andere Hand
wieder ffne. Im Weggehn stellte sie beilufig einige Liederhefte an
ihren Ort zurck; es fiel ein lteres Blatt heraus, die Abschrift
eines bhmischen Volksliedchens, das Franziska frher, auch wohl
sie selbst, manchmal gesungen. Sie nahm es auf, nicht ohne darber
betreten zu sein. In einer Stimmung wie die ihrige wird der
natrlichste Zufall leicht zum Orakel. Wie sie es aber auch verstehen
wollte, der Inhalt war derart, da ihr, indem sie die einfachen Verse
wieder durchlas, heie Trnen entfielen.

    Ein Tnnlein grnet wo,
    Wer wei, im Walde;
    Ein Rosenstrauch, wer sagt,
    In welchem Garten?

    Sie sind erlesen schon,
    Denk es, o Seele,
    Auf deinem Grab zu wurzeln
    Und zu wachsen.

    Zwei schwarze Rlein weiden
    Auf der Wiese,
    Sie kehren heim zur Stadt
    In muntern Sprngen.

    Sie werden schrittweis gehn
    Mit deiner Leiche;
    Vielleicht, vielleicht noch eh
    An ihren Hufen
    Das Eisen los wird,
    Das ich blitzen sehe!





End of Project Gutenberg's Mozart auf der Reise nach Prag, by Eduard Morike

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MOZART AUF DER REISE NACH PRAG ***

This file should be named 7503-8.txt or 7503-8.zip

Produced by Gunther Olesch and Andrew Sly

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
unless a copyright notice is included.  Thus, we usually do not
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

We are now trying to release all our eBooks one year in advance
of the official release dates, leaving time for better editing.
Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
even years after the official publication date.

Please note neither this listing nor its contents are final til
midnight of the last day of the month of any such announcement.
The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
Midnight, Central Time, of the last day of the stated month.  A
preliminary version may often be posted for suggestion, comment
and editing by those who wish to do so.

Most people start at our Web sites at:
https://gutenberg.org or
http://promo.net/pg

These Web sites include award-winning information about Project
Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).


Those of you who want to download any eBook before announcement
can get to them as follows, and just download by date.  This is
also a good way to get them instantly upon announcement, as the
indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.

http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03

Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90

Just search by the first five letters of the filename you want,
as it appears in our Newsletters.


Information about Project Gutenberg (one page)

We produce about two million dollars for each hour we work.  The
time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
searched and analyzed, the copyright letters written, etc.   Our
projected audience is one hundred million readers.  If the value
per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
files per month:  1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
If they reach just 1-2% of the world's population then the total
will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.

The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
which is only about 4% of the present number of computer users.

Here is the briefest record of our progress (* means estimated):

eBooks Year Month

    1  1971 July
   10  1991 January
  100  1994 January
 1000  1997 August
 1500  1998 October
 2000  1999 December
 2500  2000 December
 3000  2001 November
 4000  2001 October/November
 6000  2002 December*
 9000  2003 November*
10000  2004 January*


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.

We need your donations more than ever!

As of February, 2002, contributions are being solicited from people
and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
Virginia, Wisconsin, and Wyoming.

We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
that have responded.

As the requirements for other states are met, additions to this list
will be made and fund raising will begin in the additional states.
Please feel free to ask to check the status of your state.

In answer to various questions we have received on this:

We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states.  If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

Project Gutenberg Literary Archive Foundation
PMB 113
1739 University Ave.
Oxford, MS 38655-4109

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154.  Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

https://www.gutenberg.org/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
someone other than us, and even if what's wrong is not our
fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
disclaims most of our liability to you. It also tells you how
you may distribute copies of this eBook if you want to.

*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
sending a request within 30 days of receiving it to the person
you got it from. If you received this eBook on a physical
medium (such as a disk), you must return it with your request.

ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
through the Project Gutenberg Association (the "Project").
Among other things, this means that no one owns a United States copyright
on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
distribute it in the United States without permission and
without paying copyright royalties. Special rules, set forth
below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.

Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
any commercial products without permission.

To create these eBooks, the Project expends considerable
efforts to identify, transcribe and proofread public domain
works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
medium they may be on may contain "Defects". Among other
things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged
disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
codes that damage or cannot be read by your equipment.

LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
all liability to you for damages, costs and expenses, including
legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.

If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
you paid for it by sending an explanatory note within that
time to the person you received it from. If you received it
on a physical medium, you must return it with your note, and
such person may choose to alternatively give you a replacement
copy. If you received it electronically, such person may
choose to alternatively give you a second opportunity to
receive it electronically.

THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
PARTICULAR PURPOSE.

Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
the exclusion or limitation of consequential damages, so the
above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
may have other legal rights.

INDEMNITY
You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
and its trustees and agents, and any volunteers associated
with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
texts harmless, from all liability, cost and expense, including
legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
following that you do or cause:  [1] distribution of this eBook,
[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
or [3] any Defect.

DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
You may distribute copies of this eBook electronically, or by
disk, book or any other medium if you either delete this
"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
or:

[1]  Only give exact copies of it.  Among other things, this
     requires that you do not remove, alter or modify the
     eBook or this "small print!" statement.  You may however,
     if you wish, distribute this eBook in machine readable
     binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
     including any form resulting from conversion by word
     processing or hypertext software, but only so long as
     *EITHER*:

     [*]  The eBook, when displayed, is clearly readable, and
          does *not* contain characters other than those
          intended by the author of the work, although tilde
          (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
          be used to convey punctuation intended by the
          author, and additional characters may be used to
          indicate hypertext links; OR

     [*]  The eBook may be readily converted by the reader at
          no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
          form by the program that displays the eBook (as is
          the case, for instance, with most word processors);
          OR

     [*]  You provide, or agree to also provide on request at
          no additional cost, fee or expense, a copy of the
          eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
          or other equivalent proprietary form).

[2]  Honor the eBook refund and replacement provisions of this
     "Small Print!" statement.

[3]  Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
     gross profits you derive calculated using the method you
     already use to calculate your applicable taxes.  If you
     don't derive profits, no royalty is due.  Royalties are
     payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
     the 60 days following each date you prepare (or were
     legally required to prepare) your annual (or equivalent
     periodic) tax return.  Please contact us beforehand to
     let us know your plans and to work out the details.

WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form.

The Project gratefully accepts contributions of money, time,
public domain materials, or royalty free copyright licenses.
Money should be paid to the:
"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

If you are interested in contributing scanning equipment or
software or other items, please contact Michael Hart at:
hart@pobox.com

[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
when distributed free of all fees.  Copyright (C) 2001, 2002 by
Michael S. Hart.  Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
they hardware or software or any other related product without
express permission.]

*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*

