The Project Gutenberg EBook of Nebel der Andromeda, by Fritz Brehmer

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Title: Nebel der Andromeda
       Das merkwrdige Vermchtnis eines Irdischen

Author: Fritz Brehmer

Release Date: July 7, 2020 [EBook #62575]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEBEL DER ANDROMEDA ***




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                             Fritz Brehmer
                          Nebel der Andromeda




                          Nebel der Andromeda


              Das merkwrdige Vermchtnis eines Irdischen.

                                  Von
                             Fritz Brehmer


                      Sechstes bis zehntes Tausend

                 L. Staackmann Verlag / Leipzig / 1920


                        Alle Rechte vorbehalten
         Fr Amerika: Copyright 1920 by L. Staackmann, Leipzig


                    Druck von C. Grumbach in Leipzig


                         Es ist zwar ein befremdlicher und dem
                         Anscheine nach ungereimter Anschlag, nach
                         einer Idee, wie der Weltlauf gehen mte, wenn
                         er gewissen vernnftigen Zwecken angemessen
                         sein sollte, eine _Geschichte_ abfassen zu
                         wollen; es scheint, in einer solchen Absicht
                         knne nur ein _Roman_ zustande kommen. Wenn
                         man indessen annehmen darf, das die Natur
                         selbst im Spiele der menschlichen Freiheit
                         nicht ohne Plan und Endabsicht verfahre, so
                         knnte diese Idee doch wohl brauchbar werden;
                         und ob wir gleich zu kurzsichtig sind, den
                         geheimen Mechanism ihrer Veranstaltung
                         durchzuschauen, so drfte diese Idee uns doch
                         zum Leitfaden dienen, ein sonst planloses
                         Aggregat menschlicher Handlungen, wenigstens
                         im groen, als ein System darzustellen.

                         _Imm. Kant_: Idee zu einer allgemeinen
                         Geschichte in weltbrgerlicher Absicht.






Ein Kapitn, der einige Jahre in den westindischen Gewssern kreuzte,
traf dort, und zwar in Venezuela, mit einem Manne zusammen, dessen
Erlebnisse zu dem Sonderbarsten zhlen, von dem man gehrt haben drfte,
und der auch sonst in seiner Persnlichkeit weit ab von den Bezirken des
Alltglichen stand.

Eine Verkettung von Umstnden lie den Kapitn in den Besitz der
merkwrdigen schriftlichen Hinterlassenschaft des Mannes gelangen, und
gab damit die Lsung eines geheimnisvollen Rtsels, ber das hier
berichtet werden soll, in seine Hnde. --

Nachdem der Kapitn schon einige Male den venezolanischen Hafenplatz
Porto Cabello angelaufen hatte, kam ihn dort eines Tages der Wunsch an,
eine Wanderung in die Vorberge zu unternehmen, aus welchen der den Hafen
bildende Flu in einem Tale fliet, dessen wildromantische Schnheit
sowohl wie seine Fruchtbarkeit sehr gerhmt werden.

Zwar befand sich das Land gerade wieder mitten in einer der dort
blichen Revolutionen, und ein Dutzend Meilen landeinwrts, beim Flecken
San Felipe, war einige Tage zuvor gar eine Art von Schlacht geschlagen
worden. Aber um den Hafen herum sollte noch alles ruhig sein.

Es empfahl sich also die Zeit zu nutzen, ehe die Kmpfe auch hierher
bersprangen und das Spazierengehen in den Bergen unmglich machten. --

Der Weg hat seine eigne Schnheit. Nach einer etwa einstndigen, recht
heien Wanderung durch die leichtansteigende Ebene gelangt man in den
Taleingang, der von einem hochgelegenen, noch aus spanischer
Kolonialzeit stammenden Bergfort bewacht wird.

Bald nachdem man in das Tal eingetreten ist, ziehen sich die Berge zu
beiden Seiten enger zusammen. Der Flu, der bisher dem Wanderer als
ein trger, recht langweiliger und versandeter Wassergreis
entgegengeschlichen kam, zeigt sich hier in dem bermut tollender
Jugend.

Mit sichtlicher Freude am Turnerischen springt er von Steinstufe zu
Steinstufe, teilt sich gelegentlich vor widerborstig sich
entgegenstemmenden mrrischen Felsen gewandt in mehrere Teile, vereinigt
sich hinter den Verdutzten wieder mit gurgelndem Lachen zu verdoppelter
Sprhkraft, spielt darauf in einem stillen, buchtartigen und tiefblauen
Wasserbecken den Harmlosen, um sich gleich darauf wieder mit gewaltigem
Satze brausend in eine Tiefe zu strzen, friedliche Steine und allerlei
ob der Strung verrgertes Gerll mit sich reiend.

Lustige Schlingels von Bchen springen ihm gelegentlich aus der
Nachbarschaft zu, werfen sich sprhend und zischend in seinen Lauf und
beteiligen sich an dem bermtigen Treiben. Sie kommen aus Nebentlern,
in denen Kakaoplantagen ihre kostbaren Produkte gedeihen lassen oder in
dunklen Orangenwldern die goldenen pfel reifen. Im zerklfteten Tale
des Flusses stehen hohe Bume, Bananen wachsen berall, und auf den
Hhen ragen die Kokospalmen.

Ein reiches, berreiches Land, geschaffen fr ein Leben in Glck und
Friede, wenn seine Bewohner eben nicht -- Menschen wren.

Am Flusse entlang ist von Fischern und Plantagenarbeitern ein Pfad
ausgetreten und gelegentlich auch in den Felsen eingehauen, den jetzt
langsam hinanzusteigen dem solcher Freuden entwhnten Kapitn eine
Wohltat war.

Nachdem er so, sich an der wechselnden Szenerie erfreuend, ein Stndchen
einsam emporgeklommen war, bemerkte er, da jetzt ein anderer Mann vor
ihm schritt, den er wohl eingeholt haben mochte.

Allmhlich nher kommend, stellte er fest, da dieser ein Weier war,
ein hochgewachsener, fast riesenhafter Mann von ungewhnlich schnem,
ebenmigem Krperbau. Er schritt, sich auf einen hohen Stock sttzend,
langsam vorwrts. Sein Gang war elastisch, und bei jedem Schritte
spielten seine nicht massigen, aber sichtlich stahlharten Muskeln.

Der Mann trug auer einer kurzen leinenen Hose und dem Korkhelm
keinerlei Kleidung. Sein Gesicht war nicht zu sehen.

Da man in dieser Gegend auerhalb der Stdte selten Weie zu treffen
pflegt, so bedeutete das Auftreten des Mannes ein Ereignis. Der nackte
Mann, der wohl gemerkt haben mute, da ihm jemand folge, begann jetzt
mit seinen langen sehnigen Beinen auszuschreiten, und nun war fr den
Kapitn nicht mehr daran zu denken, ihn einzuholen.

Dennoch wurde sein Wunsch erfllt: Weit vorne ber einem Grat sah man
jetzt zwischen den sich teilenden Bumen die Silhouette eines Reiters.
Vorsichtig und anscheinend mde stieg sein Maultier bergab. Der Reiter
schien nicht fest darauf zu sitzen. Er hing stark vornber.

Als der nackte weie Mann mit ihm zusammentraf, hielten beide an, und
dann war zu sehen, wie der Reiter mit Hilfe des anderen mhsam vom Tiere
stieg.

Der Kapitn, an die Gruppe herankommend, sah bald, da der Reiter,
der nur mit einer Hose, hohen braunen Stiefeln und einem
kokardengeschmckten Filzhut bekleidet war, am Oberkrper schwere
blutende Wunden trug und einen stark geschwchten Eindruck machte.

Der weie Riese sprach mit ihm in dem verdorbenen Spanisch jenes Landes,
das aber trotz zahlreicher indianischer Beimischungen leidlich
verstndlich ist.

Es handelte sich um einen Revolutionr, Halbindianer, gleich der
Mehrzahl der brigen Landesbewohner Mischblut der alten spanischen
Kolonisten und der Ureinwohner dieser Berge. Er war in der Schlacht bei
San Felipe verwundet von seinem Trupp abgekommen, hatte sich in den
Bergen verirrt und war berdies durch Raub whrend des Schlafes seines
Gepcks, seiner Waffen und seiner Oberkleidung verlustig gegangen. Jetzt
suchte er nach Porto Cabello zu gelangen. Seine Krfte waren indessen
schon derartig erschpft, da man ihn unmglich allein weiterziehen
lassen konnte.

Mit offensichtlicher Sachkenntnis untersuchte der weie Mann die Wunden
des armen, jmmerlich sthnenden Kerls. Dabei stellte sich heraus, da
ein Gescho den Brustkasten durchschlagen und, da sich auch Bluthusten
zeigte, offenbar die Lunge verletzt hatte.

Es war dringend ntig, die Wunden zu verbinden, zumal sich schon
Insekten darin festsetzten. Da aber natrlich kein Verbandzeug zur Hand
war, entledigte sich der Kapitn kurzerhand seines leinenen Hemdes und
zerschnitt es mit Hilfe des anderen in lange Streifen, aus denen dieser
mit bemerkenswerter Geschicklichkeit einen Notverband herstellte.
Gesprochen wurde dabei kein Wort.

Als die Prozedur des Verbindens beendet war, sank der Verwundete
ohnmchtig zusammen, konnte aber durch einen Schluck aus der Flasche des
Kapitns wenigstens wieder so weit zu Krften gebracht werden, da man
ihn auf sein Tier zu heben vermochte.

Der nackte Mann wandte sich nun zu dem Kapitn und fragte ihn mit
wohltnender, tiefer Stimme in reinem Spanisch, ob er helfen wolle, den
Verwundeten in seine, des Fragenden, unferne Wohnung zu bringen. Die
Zustimmung verstand sich von selber.

So schritten sie, den armen Teufel von Revolutionr sttzend, links und
rechts neben dem Maultier bergan.

Der Kapitn konnte jetzt in Ruhe die Zge des sonderbaren Samariters
betrachten, da dieser sich oft besorgt dem Verwundeten zukehrte, um
dessen Zustand zu beobachten.

Der Mann war offenbar germanischer Herkunft. Man htte ihn etwa fr
einen Nordlnder halten knnen, jedenfalls lie das schmale, bartlose
Gesicht mit stark herausgearbeiteten Zgen eine solche Vermutung zu.
Mund und Nase waren krftig entwickelt, und das Antlitz trotz reichlich
groer, aber gesunder Oberzhne von auffallendem Ebenma. Als er einmal
den Korkhelm abnahm, erwies es sich, da sein weiches volles Haar schon
ergraut war.

Das Bemerkenswerteste an dem Gesicht waren die groen, wasserklaren,
blauen Augen, die mit beinahe unheimlich langem Blicke die Dinge faten.

Das Alter des Mannes war schwer zu schtzen: Er mochte ebensogut ein
frh ergrauter Dreiiger wie ein jugendlicher Fnfziger sein.

Ein Gesprch, das der Kapiteln einige Male anzuknpfen versuchte,
verlief jedesmal im Sande. Der Riese ging zwar hflich darauf ein,
antwortete jedoch mit derart knappen Worten, da der andere es vorzog,
weiterhin zu schweigen.

Nach einer kleinen halben Stunde beschwerlichen Weges an dem Flusse
entlang war man am Ziele angekommen.

An einer Stelle, wo der Flu ein stilles bewaldetes Becken bildete, mit
kleinen Felseninseln darin, stand auf hohem Ufer, halb in den Fels
hineingebaut, ein niedriges steinernes Haus. Zwischen den vorderen Ecken
des Daches und zwei eingerammten Pfhlen war ein altes Schiffssegel als
Sonnendach ausgespannt, das die Tr und die beiden einzigen Fenster
berschattete.

Unter dem Sonnensegel stand ein steinerner Tisch, und neben diesem ein
bequemer groer Korbsessel, wie er in den Tropen benutzt wird.

Unweit des Hauses, von dem aus man einen freien Blick ber das Becken
und den unteren, mit einem Wasserfall beginnenden Flulauf hatte, lag
ein kleiner, dichter Orangenhain, symmetrisch angelegt, und
bemerkenswerterweise von einem niedrigen, sauberen, festgezimmerten
Holzzaune mit einer verschlossenen Tr umgeben. Rechts und links neben
der Tr standen zwei hohe Zypressen. Die Anlage machte, zumal in dieser
Umgebung, einen sonderbar ernsten und fast feierlichen Eindruck.

Der nackte Mann zog den Mulo unter das Sonnensegel und band ihn an einen
der Pfhle. Gemeinsam hob man den verwundeten Revolutionsmann, dessen
Zustand immer bedenklicher zu werden schien, herab, und fhrte ihn in
den Korbstuhl.

Auf dem Tische standen die Reste eines Morgenmahles und daneben lag ein
aufgeschlagenes Buch.

Der Herr dieses kleinen Anwesens lud den Kapitn mit einer wortlosen
Gebrde ein, auf einem anderen Stuhle, den er aus dem Hause geholt,
Platz zu nehmen. Dann ging er hinein und kam nach einigen Minuten wieder
heraus. Whrenddessen hatte der Gast das Buch aufgenommen und zu seinem
Erstaunen es als Goethes Dichtung und Wahrheit, und zwar in der
Sprache des Dichters, erkannt.

Nun trug man gemeinsam den Verletzten in das Huschen, das nur einen
einzigen Raum enthielt, dessen Wnde, wie der Kapitn zu seinem
Erstaunen feststellte, zum grten Teil mit Bchern bestanden waren.

Man legte den armen Menschen auf das groe eiserne Bett, dessen
Moskitonetz schon zurckgeschlagen war. Der Hauseigentmer brachte
Wasser herbei, go ein Glas voll, drckte eine Zitrone hinein, ste es
mit Zucker und gab es dem Verwundeten, der es gierig austrank und dann
matt zurckfiel.

Der groe Mann beugte sich ber die Brust des Kranken und legte sein Ohr
daran, drehte ihn dann behutsam auf die Seite, behorchte den Rcken und
sagte, indem er sich achselzuckend aufrichtete, leise auf Spanisch: Es
geht zu Ende.

Der Gast schlug vor, einen Arzt aus Porto Cabello zu holen. Der Nackte
lehnte geringschtzig ab: Es seien Pfuscher. Als der andere aber
erklrte, da er der Fhrer eines im Hafen liegenden Kriegsschiffes sei,
das einen Arzt an Bord habe, stimmte er zu, schlug jedoch vor, noch eine
Stunde den weiteren Verlauf der Dinge abzuwarten. Vielleicht wre es
berhaupt zwecklos, den Arzt kommen zu lassen, der ohnehin kaum vor fnf
Stunden oben sein knne. Vorderhand sei es das Richtigste, dem Kranken,
der schon ein Sterbender wre, Ruhe zu gnnen. Dies sagte er mit solcher
Sicherheit, als sei ihm die Hilfeleistung in derartigen Fllen nichts
Fremdes.

Darauf ging man hinaus und schickte sich an, indem man an dem
Steintische Platz nahm, die verabredete Stunde zu warten.

Der Wirt ging ins Haus zurck, zog sich einen weien Anzug an, brachte
Wein, Weibrot und Frchte heran, bot alles wortlos aber freundlich an,
setzte sich dann und blickte in die Ferne.

Auch der Gast schwieg lange, vermochte aber doch seine Begierde, nheres
ber den merkwrdigen Einsiedler zu erfahren, auf die Dauer nicht zu
unterdrcken. Nach einiger Zeit nahm er den aufgeschlagenen Band in die
Hand und sagte in der Sprache Goethes: Ein seltener Vogel in diesen
Bergen!

Der Wirt erwiderte, die Sprache aufnehmend: Wohl mglich. Ein
Singvogel. Die hiesigen singen nicht.

Der Kapitn lie nun nicht wieder locker, aber er belstigte seinen Wirt
nicht mit Fragen, sondern begann ber den neutralen Goethe zu sprechen,
vorsichtig, wortknapp und wohlberlegt.

Dem Wirte schien diese Art Unterhaltung, wohl des Gegenstandes wegen,
nicht mizubehagen. Er fand kurze, treffsichere Antworten, die eine gute
Unterrichtung bewiesen.

Bald war man mitten in einem Literaturgesprch, zu welchem der tropische
Wasserfall befremdet herberbrummte.

Als der Kapitn nebenbei auf die groe Zahl der Bcher im Hause hinwies,
sagte der Wirt, sie seien vorzugsweise naturwissenschaftlicher und
astronomischer Art. Im brigen habe er in seinem Vaterlande Medizin
studiert und auch die Staatsprfung dort bestanden, ohne allerdings
lange als Arzt beruflich ttig gewesen zu sein. Im weiteren Gesprch
erfuhr der Gast noch, da der Einsiedler auch Naturwissenschaften und
Philosophie studiert habe. ber seine sonstigen Umstnde aber schwieg er
durchaus.

Das Gesprch war durch das Sthnen und Husten des armen Teufels, der die
Ursache dieser literarischen Zusammenkunft geworden war, fters gestrt
worden. Der Wirt mute mehrfach zu ihm hineingehen, und bedauerte, kein
Morphium zur Hand zu haben, um ihm den Todeskampf zu erleichtern. Es sei
schwer fr ihn, seltenere Medikamente zu bekommen.

In der Tat whrte es nicht mehr lange, bis der bedauernswerte Bursche zu
Ende gelitten hatte. Wirt und Gast standen bei ihm in seinem letzten
Augenblicke, und der erstere sprach, whrend er ihm die gebrochenen
Augen zudrckte, ein ernstes und gtiges Wort ber das arme, verirrte
Menschlein, das hier sein junges Leben hingegeben habe fr das Phantom
einer neuen Freiheit, die doch nichts anderes sei, als eine neue
Knechtschaft unter jene zahlreichen krperlichen und seelischen
Tyrannen, die der Mensch zu eigener Qual sich selber zu schaffen nicht
unterlassen knne.

Man ratschlagte, was jetzt zu tun sei, und kam zu dem Ergebnis, da der
Kapitn nach Porto Cabello zurckkehren, dort die Behrde
benachrichtigen und sie veranlassen solle, den Toten am nchsten Tage in
der Frhe abzuholen.

Weil es aber der tropischen Temperatur wegen nicht angngig war, die
Leiche im Hause zu behalten, und der Wirt sein Bett ja auch selber
brauchte, mute der Tote dieses jetzt rumen, wozu der Gast seine Hilfe
anbot.

Der Wirt schien zu berlegen, an welchen Ort er den toten Mann betten
solle, fate aber schnell einen Entschlu, nahm einen Schlssel von der
Wand, holte ein weies Laken, und sie hoben nun miteinander den Toten
auf. Der Wirt schritt fhrend voran.

An der Zauntr des kleinen umfriedeten Orangenhaines machte er Halt und
legte seine traurige Last nieder, um mit dem Schlssel die Tr zu
ffnen. Darauf schritt der kleine Kondukt weiter, einen schmalen,
zwischen den Orangenbumen verborgenen, kurzen Fupfad entlang, der in
das Innere des kleinen Haines fhrte, das von Bumen frei und mit Gras
bestanden war.

Inmitten dieses fast hallenartigen Pltzchens, in dessen vier Ecken
abermals Zypressen gepflanzt waren, lag in feierlichem Halbdunkel ein
einzelnes, sorgfltig gepflegtes Grab. Ein kleines Stck Fels stand
darauf, dessen Vorderseite glatt gehauen war. Hier war von ungebter
Hand, aber deutlich lesbar, ein einziges Wort eingegraben: _IRID_.
Diesem oder dieser Irid gaben sie den toten Mann als traurigen
Schlafgenossen, bedeckten ihn sorgfltig mit dem Laken gegen die
Insekten, und gingen schweigend von dannen.

Wieder vor dem Hause angelangt, verabschiedete sich der Gast von dem
Einsiedler. Dieser sagte dabei fast schchtern und ohne Betonung: Es
wrde mich freuen, wenn Sie wiederkmen.

                   *       *       *       *       *

Die Persnlichkeit des einsamen Mannes hatte den Kapitn ungemein
gefesselt, und zwar nicht nur der merkwrdigen Umstnde wegen, unter
denen er lebte. Noch nie war er einem Menschen begegnet, der, trotz
herber Verschlossenheit, in solchem Mae anzuziehen vermochte. Eine Art
innerer Kraft schien von ihm auszugehen, wie sie Leuten zu eigen ist,
die spter als Religionsstifter oder Heilige verehrt werden.

So geschah es, da auf dem Rckwege zum Hafen die Gedanken des Kapitns
sich ausschlielich mit dem sonderbaren Einsiedler beschftigten und des
ernsten und eindrucksvollen Ereignisses des sterbenden Revolutionrs
fast ganz vergaen.

In Porto Cabello angekommen, verstndigte er sofort den Konsul, der
sogleich das Weitere veranlate.

Bei dieser Gelegenheit erfuhr der Kapitn, da die Persnlichkeit des
einsamen Mannes wohl bekannt war. Man erzhlte von ihm das Folgende:

Er wohne schon seit lngeren Jahren dort oben, fhre ein vollkommen
abgeschlossenes Leben und sei als merkwrdiger Sonderling verschrien, im
brigen aber ein nicht nur durchaus gutartiger, sondern auch stets
hilfsbereiter Mensch.

Offenbar sei er frher in seiner Heimat Arzt gewesen, und er praktiziere
auch jetzt als solcher oben in den Bergen. Eine Konzession der Regierung
habe er allerdings nie nachgesucht, und wrde sie auch der
Hintertreibung der venezolanischen rzte wegen, die mit Recht seine
Konkurrenz frchteten, schwerlich erhalten haben.

Man dulde ihn stillschweigend, und zwar besonders der eingeborenen
Bevlkerung wegen, die groe Stcke auf ihn hielte, und ihn als eine Art
Heiligen verehre, obwohl er nach allem, was der Konsul darber in
Erfahrung bringen konnte, niemals irgendwelche Wunderkuren oder
Charlatanerien vollfhre, sondern im Gegenteile hchst sachgem
vorginge.

Allerdings bediene er sich in starkem Mae der Suggestion, und man
sagte, da er durch diese in der Tat gelegentlich ganz auerordentliche
und fast rtselhafte Erfolge erziele. Niemand, der mit ihm
zusammenkomme, auch der Konsul nicht, knne sich einer starken
suggestiven Wirkung entziehen, die der Mann, sichtlich ohne es zu
wollen, und bestimmt, ohne einen bsartigen Gebrauch davon zu machen,
ausbe.

Man erzhlte, da er die Gewohnheit habe, in seiner Einsamkeit fast
nackt zu gehen. In seinen Lebensbedrfnissen sei er ungemein
anspruchslos. Seine Einknfte bestanden ausschlielich aus Naturalien,
die ihm die Eingeborenen, denen er auch auerhalb seiner rztlichen
Ttigkeit viel mit Rat und Tat beistehe, zutrgen.

Er habe einen regelrechten und wenn auch etwas eigenartigen, so doch
sehr erfolgreichen Schulunterricht in seiner Behausung eingerichtet.
Ferner fertige er fast die gesamten schriftlichen Arbeiten fr die
Eingeborenen des Distriktes der Vorberge an: Eingaben an die Regierung,
Steuerangelegenheiten, Rechtsberatung und hnliches. Bei Streitigkeiten
untereinander pflegten die Bergbewohner seinen Schiedsspruch anzurufen,
dem sie sich dann ohne Murren beugten.

Diese Ttigkeit be er derartig verstndig, klug und vershnlich aus,
da der Distrikt hinsichtlich der Verwaltung als der bequemste der
ganzen Provinz glte. Alle bisherigen Provinzialregierungen hatten den
Fremden daher nicht nur gern geduldet, sondern ihm sogar
verschiedentlich Geldzuwendungen angeboten, die er annahm, aber nur in
der Form von Bchern, welche die Behrden ihm auf seinen Wunsch durch
Vermittlung des Konsuls beschaffen muten.

Irgendeine andere Beziehung zu den Behrden, dem Konsul oder berhaupt
zu einem Europer oder Gebildeten, lehne er nachdrcklich, wenn auch
nicht gerade verletzend ab. Es sei denn, da jemand seinen rztlichen
Rat erbte, den er dann aber stets ohne jedes Entgelt erteile. --

Diese Erzhlungen allein htten gengt, das schon geweckte Interesse des
Kapitns an dem seltsamen Manne zu erhhen, der, wie der Kapitn erfuhr,
Markus Geander hie, von den Eingeborenen aber gerne heimlich San
Marco oder _el santo desnudo_, der nackte Heilige, genannt wurde,
Namen, ber die er aber sehr ungehalten sein sollte, da er sich
gelegentlich als ein hchst unkirchlicher Mann und als ein
ausgesprochener Atheist erwiesen hatte, wenngleich er die Eingeborenen
auch in ihren kirchlichen Angelegenheiten in durchaus vershnlichem
Sinne beriet. Mehr aber noch als diese berichteten Dinge machte den
Einsiedler ein tiefes und rtselvolles Geheimnis, das ber seiner
Herkunft lag, zum Gegenstande eines fast bersinnlich erregten Staunens.

Man berichtete darber dem Kapitn das Nachfolgende:

Die Fischer der Bergflugegend, in der er noch heute wohnte, hatten ihn,
von dem damals noch nie jemand ein Wort gehrt, eines Morgens bei
Sonnenaufgang bewutlos auf dem Felsen des Flusses, halb im Wasser
liegend, gefunden. In seinen Armen hatte er ein, wie die Leute
versichern, ber alle menschlichen Begriffe schnes, gleich ihm
vollkommen nacktes und bewutloses junges Weib gehalten, dessen blonde
Zpfe fest um des Mannes Hals gebunden waren. Beide lebten noch. Er
selbst hatte sofort nach dem Auffinden die Augen aufgeschlagen und
offenbar fr Sekunden das Bewutsein wiedererlangt, um es dann aber
sofort wieder zu verlieren.

Das junge Weib war gleich darauf, ohne die Augen geffnet zu haben,
gestorben, und man hatte sie begraben mssen, ehe der Mann aufs Neue zur
Besinnung kam.

Als dieser, den eine Fischerfamilie bei sich aufgenommen hatte, nach
Monaten von schweren inneren Verletzungen genas, hatte er den Wunsch
geuert, an dem Orte zu bleiben, wo man ihn und sein Weib gefunden und
dieses begraben habe. Die Fischer und Plantagenarbeiter der Gegend,
denen er sich whrend seiner langsamen Genesung anschlo, hatten ihm
geholfen, das Huschen zu errichten, das er jetzt bewohne.

Fr die Wahrheit dieser Erzhlungen, die gewi merkwrdig klangen,
verbrgten sich zuverlssige Augenzeugen: Die Fischerfamilie, die ihn
damals aufnahm, lebte, jedenfalls in ihrer jngeren Generation, noch
heute. Die Leute waren durchaus intelligent, verstndig und in ihren
Aussagen glaubwrdig. Auch wurde der Vorfall von zahlreichen anderen
Eingeborenen der Gegend besttigt.

Es blieb nun ein undurchsichtiges und geradezu unheimliches Rtsel, wie
der auffallende Mann, und noch dazu mit einer Frau, ohne von einem
Menschen des Kstenstriches gesehen zu sein, in die einsame Berggegend
gekommen war.

Wenn auch der Umstand der um den Hals des Mannes geknpften Zpfe auf
die Absicht eines gemeinsamen Selbstmordes schlieen lie, so erhhte
die Tatsache, da man nicht die geringste Spur irgendeiner Kleidung,
nicht einmal Ringe an den Fingern gefunden hatte, die Rtselhaftigkeit
des Falles noch bedeutend. Die Annahme einer Beraubung war bei der
Ehrlichkeit der Indianer gnzlich ausgeschlossen.

Der Mann, von dessen Anwesenheit die Behrden brigens erst erfuhren,
als dieser schon mit der Bevlkerung ganz zusammengewachsen war,
erklrte dann auf dringendes Befragen, nur seinen Namen sagen, ber
alles andere aber, solange er lebe, nie einem Menschen Auskunft geben zu
wollen. Dabei war er bis heute geblieben.

Im brigen hatte er zugesagt, die Gesetze des Landes zwar befolgen, sie
aber nicht anerkennen zu wollen, da er auerhalb seiner selbst keinerlei
Gesetz oder berordnung irgendwelcher Art als bestehend anshe. Er
betrachte sich als den Mittelpunkt seiner Welt.

Man hielt ihn damals fr geistesgestrt, wenn auch gutgeartet, und sah
das vermeintliche Leiden als Folge seiner rtselhaften Vergangenheit an,
eine Ansicht, an der man in Porto Cabello noch heute festzuhalten
schien, die der Kapitn aber nicht zu der seinen zu machen vermochte.

Als der Kapitn von der Einladung des seltsamen Mannes erzhlte, war man
allerseits verwundert. Es hatte zwar nie an Wissensdurstigen gefehlt,
die immer und immer wieder versucht hatten, sich auf alle Art dem
Sonderling zu nhern, um sein Vertrauen zu gewinnen, und dann vielleicht
das Geheimnis zu entrtseln, aber auch die taktvollsten
Anbahnungsversuche hatte er stets sofort als solche erkannt und ihnen
die bndige Erklrung entgegengesetzt, er hege den Wunsch, ganz fr sich
allein zu leben. --

Es kostete den Kapitn nach diesen Erffnungen einige berwindung,
seinem dringenden Wunsche, den Einsamen wiederzusehen, nachzugeben, aber
die berlegung, da die Einladung ja, wenn auch nicht sehr
nachdrcklich, so doch ganz freiwillig erfolgt war, und da er sich im
brigen ja sofort wieder entfernen knne, sobald er etwa die Empfindung
habe, dem Manne lstig zu fallen, veranlate ihn doch, an einem der
nchsten Tage abermals den Weg das Flutal hinauf zu machen. --

Der Einsiedler war, als der Kapitn anlangte, gerade dabei, etwa zehn
oder zwlf Indianerkindern Unterricht zu erteilen. Gegen das Struben
des Gastes bestand er darauf, seine Beschftigung abzubrechen und
erklrte berdies, da es des Sonnenbrandes wegen unmglich sei, vor
Abend wieder in die Ebene hinabzusteigen.

Als die Kinder sich entfernt hatten, begrte er den Ankmmling noch
einmal herzlich, aber doch mit einiger im Kontrast zu seiner sonstigen
Sicherheit stehenden Befangenheit. Des Umganges mit Menschen seiner
Bildungsstufe seit vielen Jahren entwhnt, bedurfte es fr ihn offenbar
einiger bung, sich wieder zurecht zu finden.

Der Kapitn rechnet den Tag, den er mit dem weltflchtigen Manne dort
oben verlebte, zu den reichsten und eindruckvollsten seines Lebens. Von
Stunde zu Stunde gewann er den Ernsten, Rtselhaften lieber, der in
seiner krperlichen Gre und Schnheit und vermge seiner starken, wenn
auch zurckhaltenden Suggestivkraft in der Tat dem Bilde zu gleichen
schien, das man sich von einem Heiligen machen knnte.

Die Unterhaltungen drehten sich ausschlielich um Kunst, Literatur und
Naturwissenschaften. In den beiden ersten Gebieten fragte der Wirt viel,
als wolle er sich belehren lassen, obwohl er erheblich ber das
Mittelma europischer Durchschnittsbildung hinaus unterrichtet war.
Mindestens zeigte er, auch wo ihm fachliches Wissen etwa mangelte, einen
sicheren Instinkt, und vermochte klar das Echte vom Gemachten zu
unterscheiden.

In naturwissenschaftlichen Dingen aber, die er von einem hohen
philosophischen Standpunkte aus behandelte, war er uneingeschrnkt der
Fhrer der Unterhaltung. Dem Gaste dnkte es ein seltener Gewinn, ihm da
zuzuhren. Die Erscheinungen der organischen Welt waren dem Einsiedler
nur das Material, aus welchem er seine Gedanken ber Vergangenheit und
Zukunft aufbaute.

Von der Technik hielt er nichts. Die riesenhafte Entwicklung der
technischen Welt, von der er sehr wohl zu wissen schien, und die er
brigens einen Anfang nannte, interessierte ihn nur insofern, als sie
naturwissenschaftliche Entdeckungen betraf. Die sinnvolle Anwendung aber
dieser Entdeckungen schtzte er nicht als einen Gewinn fr die
Menschheit ein. Er sagte darber etwa: Was ntze es, da man heute in
fnf Tagen von Paris nach New York fahren knne. Der Konkurrent kann es
gleichfalls. Es dient letzten Endes nur der bervlkerung, auf welche
soziologische Erscheinung er berhaupt schlecht zu sprechen war. Und was
ntze es, da man bei strahlendem Lichte sitze? Kant habe bei einer
llampe geschrieben, Shakespeare, Rembrandt und Cervantes wohl gar bei
einem Kienspan, und Homer sei vielleicht gleich ihm, dem Einsiedler, mit
Beginn der Dunkelheit zu Bett gegangen.

Die Technik der Nachrichtenbermittlung, die seit seiner europischen
Jugendzeit gewaltige Fortschritte gemacht hatte, verachtete er tief, und
erklrte sie fr einen der schlimmsten Feinde der Menschheit.

Es gbe fr ihn, so fhrte er aus, auerhalb der philosophischen und
naturwissenschaftlichen Erkenntnis nur ein einziges Gebiet, auf dem
unser Zeitalter Fortschritte gemacht habe: die Gesundheitslehre. Und
auch hier wre nur ein Anfang.

Alles dies uerte er aber keineswegs mit Anmaung, sondern in Form und
Inhalt bescheiden, und lediglich als Resultat seines Denkens.

Als das Gesprch einmal auf das Gebiet psychologischer Forschungen kam,
lenkte er merkwrdig schnell ab. Ebenso vor kosmischen und
astronomischen Fragen, fr die der Gast als Seemann eine besondere
Vorliebe hegte. Auffallend war dabei der Umstand, da gerade auf diesen
drei Gebieten eine besonders groe Zahl von Bchern, und zwar
ausschlielich gut und mit Sachkenntnis ausgewhlte, vorhanden war.

Als der Gast sich nach reichem Tage am Abend verabschieden wollte,
erklrte der Wirt, ihn bis zum Talausgang begleiten zu wollen. Es sei
schwer, in der Dunkelheit den Weg zu finden.

So schritten die beiden noch stundenlang in die sinkende Nacht hinein.
Obwohl dabei des schmalen beschwerlichen Pfades und der zahlreichen
lrmenden Wasserflle und Stromschnellen wegen nur wenig gesprochen
wurde, so schien es dem Kapitn doch, als ob gerade die zweisame stumme
Wanderung nach dem im geistigen Austausche verbrachten Tage das Hin- und
Herflieen des sympathisierenden Fluidums zwischen ihm und seinem neuen
sonderbaren Freunde merkbar verstrke.

                   *       *       *       *       *

Der Kapitn besuchte von nun an im Verlaufe seiner westindischen
Kreuzfahrten, whrend derer die Umstnde ihn noch mehrere Male
veranlaten, den Hafen von Porto Cabello anzulaufen, den Santo Desnudo,
sooft er konnte.

Diese Besuche gehrten zu den schnsten Freuden seiner
mittelamerikanischen Lebensepoche. Es bildete sich ein Verhltnis
zwischen den ungleichen Mnnern heraus, dem das Kriterium wirklicher
Freundschaft innewohnte, insofern als jeder der beiden Beteiligten im
Geben und Empfangen gleich innige Freude empfand.

Niemals aber ward auch nur mit einem Worte das persnliche Schicksal des
Einsamen erwhnt.

In der letzten Stunde aber, da der Kapitn, im Begriffe, nach Europa
zurckzukehren, Abschied nahm, begann der Einsame in kurzen allgemeinen
Stzen von einem gewaltigen Erlebnis seiner Vergangenheit zu sprechen,
dessen Inhalt er zu Papier gebracht habe. Die Niederschrift wolle er dem
scheidenden Freunde als Vermchtnis berantworten.

Er bergab ihm dabei ein versiegeltes Bndel. Die Siegel waren mit einem
groben, offenbar selbst geschnittenen Petschaft hergestellt.

An die bergabe knpfte er die Bitte, das Bndel nicht zu ffnen, bis
die Nachricht seines Todes, fr deren bermittlung er Sorge tragen
wrde, bei dem Freunde eingetroffen sei. Dann aber knne dieser, wenn er
es fr richtig halte, den Inhalt der ffentlichkeit preisgeben.

Vor einiger Zeit nun erhielt der Kapitn auf Umwegen ein amtliches
Schreiben des jetzigen Konsuls aus Porto Cabello, in welchem dieser von
dem Ableben eines gewissen Markus Geander Nachricht gibt. Der
Verstorbene habe in dem Amtsbezirke des Konsulates gewohnt und sei an
jener epidemischen Krankheit, die krzlich die ganze Erde berzog,
zugrunde gegangen. In seinem Nachlasse habe sich die Bitte an das
Konsulat um bermittlung dieser Nachricht gefunden.

Und somit lt der Kapitn das Vermchtnis des einsamen Freundes
hinausgehen, des merkwrdigen Mannes, der einen Blick in die Geheimnisse
der Zukunft tat und dafr mit ewiger Traurigkeit bezahlen mute.




Das Vermchtnis des Santo Desnudo.




In Einsamkeit und Schweigen versinken meine Tage.

Wenn aber der Tod die Qual des Lebens von mir genommen haben wird, dann
soll der Mund des Mannes nicht mehr stumm bleiben, der einen doppelten
Himmel sah, den Himmel des ewigen Kosmos und den Himmel der ewigen
Liebe.

Darum schreibe ich in der Stille meiner Abende diese Bltter, deren
Inhalt doch nicht mehr sein kann, als ein armseliger Faden durch den
Reichtum des wundersamen Labyrinthes meines Erlebens.

Mein Bericht nennt nie gehrte Geschehnisse. Wer aber an seiner Wahrheit
zweifeln sollte, den frage ich gleich Pilatus: Was ist Wahrheit?

Du armer, winziger Mensch, du drftiges Glied einer kleinen Menschheit,
die in den Jahrmillionen des Erdenlebens fr wenige hundert Jahrtausende
haften darf an diesem eifrig kreisenden und in all seiner Wichtigtuerei
nichts bedeutenden Mitlufer einer jener Sonnen, denen das Weltall ist
wie den Tropfen der Ozean, du weniger als mikrokosmisches Wesen, wie
darfst du dich ermessen zu fragen, was Wahrheit sei!

Alle Erkenntnis ist dir nur eine Vorstellung. Aus Vorstellungen baust du
das Kartenhaus deines Wissens. Vorgestellt vor die Wahrheit, gleich
einem bemalten Wandschirme, bleibt stets das Bild, wie es allein deinen
beschrnkten Erkenntnisorganen zu erscheinen vermag. Nur das Bild auf
dem Wandschirme siehst du.

Ereifere dich darum nicht zu sehr. Beschaue das Bild. Irgend etwas daran
hnelt immer der Wahrheit, die fr alle Ewigkeit dahinter verborgen
bleibt.




Ich entsinne mich deutlich, schon in meiner frhesten Jugend einen
angeborenen Respekt vor dem Willen des Menschen empfunden zu haben.

Als der bedeutendste und jedenfalls wesentlichste Mensch erschien mir
mein Vater, und ich glaubte fest, da alles geschehen knne, was er
wolle. Er brauche nur zu wollen, dann gbe es keine Hindernisse. In der
Tat hatte ich oft genug Gelegenheit, festzustellen, da von seinem
Willen das ganze Erdenrund meiner Kinderwelt beherrscht wurde.

Meine Mutter nannte mich eigensinnig. Heute wei ich, da dieser
Eigensinn nichts anderes gewesen ist, als embryonale Willenskraft. Ich
wage es heute allen Mttern zu raten, sich des Eigensinns ihrer Buben zu
freuen. Die Gte des Himmels, die ja dafr sorgt, da immer nur wenigen
Auserwhlten ein Besonderes beschieden sei, wird diese Buben vor solch'
ungewhnlichen Folgen der Willenskraft bewahren, wie sie mir zuteil
geworden sind.

Spter, nachdem ich meine Studien beendet und die Nase in die Welt
gesteckt hatte, ward ich mir mehr und mehr der Bedeutung der
Willenskraft bewut. Ich begann mich, auch auer meiner selbst, mit ihr
planmig wissenschaftlich zu beschftigen.

Dabei kam ich auf auergewhnliche Wege: der Okkultismus, die Xenologie,
winkte mit gefhrlichen Lockungen. Doch blieb ich mit den Fen auf dem
Boden, und stellte fest, da die greifbaren Beweise mancher scheinbar
bersinnlichen Krfte und Erscheinungen nichts sind als das Resultat
eines auf einem ganz bestimmten Wege gefhrten, ungewhnlichen Willens.
Die unerhrten Dinge, die etwa ber indische Fakire glaubhaft berichtet
werden, erklrten sich mir auf diese Weise.

berhaupt begann ich immer mehr und mehr zu erkennen, da zu allen
Zeiten und in allen Lebensbezirken gewisse erstaunliche Geschehnisse,
die sich auf Erden zutragen und zugetragen haben, der Ausflu entweder
der Willenskraft oder ihres Erlahmens zu sein pflegen.

Die Menschheitsgeschichte bekam unter dieser Betrachtungsweise fr mich
ein eigenes, persnliches Aussehen. Ich sah willensstarke und
willensschwache Vlker. Ich sah das Wachsen und das Erlahmen der
Willenskraft. Ich sah Werden und Vergehen. Ich skizzierte den Plan zu
einer Geschichte der Menschheit als Subjekt und Objekt der Willenskraft.

Und dann erstand mir Giordano Bruno, der scholastischer Wertung des
trockenen Intellekts die Kraft des Willens entgegenhielt gleich einer
lodernden Fackel.

Giordano Bruno! Herrlichstes Menschentum in seiner gloriosen Synthese
von Verstand und Geist, von Wissen und Ahnen, von physikalischem Denken
und geniehafter Intuition! Hand in Hand mit jenem Lionardo aus Vinci
schreitest du lchelnd durch die Haine der Ewigkeit. In weiter Ferne
verglimmt das Feuer des Scheiterhaufens, auf dem man deinen armen Leib
vernichtete, im ersten Jahre des Jahrhunderts, in welchem sie einen
Shakespeare begruben, und selig zu preisende Mtter einem Rembrandt van
Rhyn und einem Johann Sebastian Bach das Leben gaben. --

Um der Wahrheit willen aber mu ich berichten, da mich bei meinen
Beobachtungen ber die Willenskraft bald nicht mehr so sehr die ethische
Betrachtungsweise, die allein Giordano Brunos wrdig gewesen wre,
anzog, als vielmehr die ungewhnlichen Erscheinungen des physischen
Willens. Ich dachte nicht etwa daran, meine Erkenntnisse zu nutzen, um
das Niveau meines eigenen Ich zu heben, oder um meine Seelenkraft zu
strken fr den Betrieb des Lebens, sondern ich beobachtete
wissenschaftlich an mir selbst die Tatsache, da die gebte Willenskraft
imstande ist, rein physisch die unerhrtesten Leistungen zu vollbringen,
ja, da sie es sogar vermag, die scheinbar granitenen Fundamentstze der
Physik zu zerbrechen.

Der erste Versuch, der mir gelang, war folgender: Neben meinem Papier
lag der Bleistift. Ich hielt die geffnete Hand in einigem Abstande
senkrecht ber ihn, betrachtete ihn scharf und konzentrierte meine
ganze, schon sehr geschulte Kraft auf die Forderung, da der Bleistift
sich in meine Hand bewegen solle. Nach einer gewissen Zeit erhob sich
dieser in der Tat und flog, entgegen den Regeln der Schwerkraft, fast
blitzartig gegen meine Handflche. Allerdings, da ich zu berrascht war,
um die Finger sofort zu schlieen, fiel er gleich wieder auf den Tisch
zurck. Erst spter gelang es mir, ihn festzuhalten.

hnliche Experimente glckten mir immer mehr und mehr, so da ich in
meiner Vermutung vom Vorhandensein einer groen, auerhalb aller
physikalischen Grenzen liegenden, fr unsere Erkenntnis neuen Kraft
immer mehr bestrkt wurde, einer Kraft, die lediglich durch ein fr
unsere Sinne unfabares geistiges Fluidum wirkt, und die in seinen
Dienst zu zwingen der Mensch dadurch vermag, da er sich gewissermaen
in die Schwingungen dieses geistigen Fluidums einschaltet, und zwar
vermittels einer uns noch unbekannten Gehirnfunktion, die erregt werden
kann, wenn der Wille aufs uerste angestrengt wird. Diese Anstrengung,
in Schwingungen umgesetzt, mu in einem bestimmten Augenblicke der
Wellenlnge der unbekannten neuen Kraft gleichkommen. In diesem
bestimmten Augenblicke ist die Einschaltung vollzogen und die Kraft
steht im Dienste des Eingeschalteten.

Welche Zeitspanne ich jedesmal gebrauchte, um mit Hilfe meiner
Willenskraft jenen Zustand zu erreichen, vermag ich nicht zu sagen, da
die allergeringste Ablenkung von der Konzentration, wie etwa ein Blick
auf die Uhr, das Gelingen des Experimentes unmglich machte.

Von kleinen Versuchen ging ich allmhlich zu greren und schwierigeren
ber: Ich zwang andere Menschen, nach meinem Willen ungewhnliche
Handlungen zu verrichten, ber die sie sich, ohne die Ursache zu ahnen,
selber wunderten. Ich erreichte es, schwerere Gegenstnde, wie etwa
Mbelstcke, lediglich vermge meines Willens vom Flecke zu bewegen. Ich
lie einen groen Hund sich in die Hhe heben, so da er hchst
verwundert und ngstlich winselnd haushoch in der Luft schwebte.

Ja, es gelang mir sogar, mich selber, der ich im Garten lag, so hoch zum
Schweben zu bringen, da meine Hnde die ste einer Linde erreichen
konnten. Die Schwerkraft bot mir keine Hindernisse mehr. Mein Wille
hatte sie berwunden!

Ich hielt diese Versuche und Beobachtungen streng geheim vor jedermann,
und zwar einmal, weil ich frchtete, da mich frs erste das Mitwissen
anderer noch an der ntigen Willenszusammenfassung hindern wrde, ferner
aber auch des Entschlusses halber, erst dann damit hervorzutreten, wenn
ich die Elemente meiner Entdeckungen wissenschaftlich ergrndet haben
wrde und, gegen jeden Zweifel gewaffnet, fest in der Hand hielte. --

Ich mu gestehen, da mich die Jahre dieser geheimen Ttigkeit nicht
glcklich gemacht haben, wenn ich auch, meinem Ehrgeize nachgebend, hohe
Hoffnungen auf die Zukunft setzte. Meine Nervenverfassung litt ungemein
unter den hufigen Willensberanstrengungen. Trotzdem ich mich des
Besitzes auergewhnlicher Krperkrfte erfreute, ward ich krank, ohne
allerdings meine Umgebung dies wissen zu lassen.

Da in gleichem Schritte mit der beranstrengung der Nerven auch die
Forderungen meiner Sinne wuchsen, so fand ich mich oft dazu verfhrt,
mittels der mir innewohnenden merkwrdigen Kraft auf Frauen zu wirken um
sie fr mich zu gewinnen.

Dieser letzte Umstand trug mir zwar manche vorbergehend glckliche
Stunde ein, aber auch eine Flle von Unbequemlichkeiten und ernsten
Verlegenheiten, zumal wenn ich, was sich einige Male einstellte,
seelisch beteiligt war.

In solchem Falle ward mir meine geheime Kraft zum Ekel. Mein Mannesstolz
mute erwarten, da ich um meiner selbst willen geliebt wurde, das
Bewutsein aber, da vielleicht nur mein eigener Wille die geliebte Frau
in meine Arme fhrte, fra als bser, giftiger Zweifel in mir und
vergllte mir das wenige Glck, dessen ich genieen durfte.

Zwar glaube ich heute, da einige Frauen mich redlich liebten, aber
gerade die eine -- Erna Maria -- der meine heie Leidenschaftlichkeit
sich zuwandte, entzog sich mir khl, als ich -- um die Echtheit ihrer
Gefhle auf die Probe zu stellen -- einmal nur einige Stunden lang meine
geheime Kraft ihr gegenber unterdrckte.

Tief enttuscht, krperlich und seelisch elender denn je, floh ich
hinauf in die hohen Berge, zu einem alten Freunde, dem Frster.

Er wohnt im Tal. Aber hoch oben, an der Grenze der Vegetation, steht
seine Diensthtte, mit Herd und Bett leidlich behaglich hergerichtet.
Neben der Hauswand gurgelt aus einer Rhre ein kleiner Brunnen.

Eines Morgens stieg ich dort hinauf, wo nur Gemsen meine Nachbarn
wurden, und gelegentlich ein neugieriger Hirsch mein Besucher. --

Die Tage auf dem Berge blieben sonnig und warm, und die Nchte
sternenklar und lind. In der dritten Nacht erwachte ich aus irgendeinem
bsen Traume in Schwei gebadet und stellte fest, da die Luft in meiner
Htte drckend, und da es besser sei, im Freien zu liegen. Also nahm
ich Matratze, Kissen und Decke, und bettete mich auf einem
moosbewachsenen Felsvorsprung oberhalb meines Huschens.

Dies Lager empfand ich in solchem Mae kstlich, da ich nicht wieder zu
schlafen vermochte. Ich lag regungslos ausgestreckt und meine Gedanken
ballten sich zu plastischer Figrlichkeit. Das Rauschen der Fhren unter
mir, das Gurgeln des Brunnens und all das melodische Gerusch der
Bergeinsamkeit unter dem unbeschreiblich klaren, glitzernden
Sternenhimmel wirkten auf mich mit fast zauberhafter Kraft.

Das Bild des deutschen Hirtenknaben Nikolaus von Cues trat vor meine
empfangsbereite Seele. Im Purpur des Kardinals zu Rom stand er vor mir.
Zweitausend Jahre nach Aristarchs Tode rief er in die geistige Enge des
Mittelalters das Wort vom gewaltigsten Begriffe aller Zeiten:
Unendlichkeit!

Und Giordano Bruno aus Nola zertrmmerte mit khnem Schlage die letzte
der glsernen Sphren, die noch die Planetenharmonie des Kopernikus
umgab, jenen berrest des gigantischen Irrtums ptolomischen Denkens,
und stie der Menschheit die Tore auf, hinter denen der Kusaner den
freien Ausblick auf die Unendlichkeit verhieen hatte.

Nie im Leben hatte ich das Wesen der Unendlichkeit in solcher alles
berwltigenden Gre gefhlt, wie in dieser kstlichen Bergnacht.

Ich sah das unbersehbare Firmament schimmernder Lichtpunkte ber mir,
und wute, da es ein Gewebe ist aus Sonnen, und wohl jeder einzelne
Stern der Mittelpunkt eines gewaltigen Planetensystems, hnlich dem, in
welchem die Erde kreist.

Und da ich, versunken in dem gttlichen Gefhl des Zusammenflieens von
Ewigkeit und Unendlichkeit, mich dem Kosmos nahe zu whnen begann,
erkannten meine gebten Augen an jener dunkeln Stelle des Himmels die
winzige Spirale des Nebelschleiers im Sternbilde der Andromeda, und ein
leises Erschauern zitterte durch meinen gemarterten Krper: das Schweben
einer andern Welt!

Einer Welt, der die Flle der Sonnen, die als Sternenzelt, als
Milchstrae den Himmel unserer Erde bedeckt, nichts anderes gilt, als
ein zarter, kaum erkennbarer Nebelhauch.

O irdische Erde, armes Sandkorn am Strande der Unendlichkeit, die
kleinste Welle splt dich hinweg und lt dich versinken im Ozean des
Alls! Wer es vermchte, dich zu verlassen und sich aufzuschwingen durch
die Rtselhaftigkeiten des thers, zu jenen ber jedes Begreifen fernen
Bezirken, von wo die ganze getrmte krperliche Furchtbarkeit eines
neuen Kosmos als nur ein winziges Wolkenflckchen herberdmmert!

Eine Nacht lang lag ich starr ausgestreckt, und meine Seele senkte sich
tief in diesen schauervollen Wunsch.

Alles Krperliche fiel von mir ab. Ferne Melodien erklangen, und
stundenlang lag mein zitternder Leib in der Wollust einer einzigen
groen Empfngnis.

Meine Augen wichen nicht von jenem weltenfernen weien Hauch, dem
Andromeda ihren Namen gab. Ein anderer Perseus, war alles, was ich an
Sehnsucht aufzubringen vermochte, und alle die Regungen der
geheimnisvollen Kraft, die mir dienstbar geworden war, auf jene
himmlische Andromeda gerichtet.

Meine Augenlider erstarrten im Krampf des Zwanges zum Geffnetsein, und
die ungeheure Konzentration meiner Seele lie mich nicht erkennen, da
der Morgen dmmerte hinter den stlichen Bergnachbarn, und der erste
Strahl der Sonne emporzuckte ber den Felskuppen.

Da fhlte ich, wie aus der Ferne, mehr ahnungsvoll als krperlich, eine
fremdartige Vernderung meines Zustandes: eine unbegreifliche
Leichtigkeit kam ber mich. Leib und Glieder schienen krperlos
geworden, in luftiger Form zerflossen, zum Geistigen gewandelt.

Mir war, als schwebe ich frei ber meinem Lager. Deutlich fhlte ich,
wie ich mich mit langsam wachsender Geschwindigkeit zu heben begann. Ein
frischer Luftzug strich ber meine Wangen und Hnde, ein leises Summen
in meinen Ohren wuchs an zu mchtigem Brausen, und in einer heroischen
Symphonie von Geigenklingen, Harfenschwirren, Orgelton und hohen
Knabenchren, und in einem unbeschreiblich kstlichen Gefhle von
Seligkeit schwanden mir die Sinne.




Mein Erwachen war schreckartig.

Kaltes Wasser schlug mir ber dem Kopfe zusammen, drang in Mund und Nase
und lie meinen sich ffnenden Augen nichts als blaugrn-glserne
Undurchdringlichkeit.

Ich breitete die Arme aus, um nicht tiefer zu sinken, und fhlte, da
ich wieder stieg. Meine Glieder begannen zu arbeiten.

Ich sah deutlich den Wasserspiegel ber mir, und ehe mir der Atem
ausging, tauchte ich aus der Flut auf.

Als meine Augen frei wurden, sah ich, da ich in einem klaren See von
miger Gre schwamm.

Um die nahen Ufer standen mchtige dunkle Laubbume. Unweit der Stelle
aber, an der ich auftauchte, war das Walddunkel gelichtet. Eine
hellgrne Wiese breitete sich ansteigend aus. In deren Mitte, in einiger
Entfernung vom Wasser, stand ein kleines weies Haus von kubischer Form
mit einem lichtblauen Dache.

Dieser Wiese strebte ich zu. Die Arme zum Schwimmen breitend und die
Beine von mir stoend fhlte ich eine berraschende Kraft. Ein Gefhl
von Jugend und Strke war in mir, als sei eine Erneuerung des Fleisches
vorgegangen.

Mein Geist aber widersetzte sich der krperlichen Umwelt. Ich fhlte
nicht die Mglichkeit, ber meine Lage und meinen Zustand nachzudenken.
Den kleinen Ausschnitt des Weltbildes, das mich umgab, vermochte ich
nicht mit meinem Denkvermgen in Einklang zu bringen.

ber der Wiese, unweit des weien Huschens, ging, strahlend im
Frhglanze, die Sonne auf.

Als ich dem Ufer nahe kam, gewahrte ich, was mir die Blendung der
morgendlichen Lichtflut bisher verborgen hatte, ein Bild von tiefer
Einprgsamkeit.

Am Wasser stand hochaufgerichtet ein Weib. Die Sonne wob aus
lichtblondem Haar eine Gloriole um sein Antlitz, und lie durch das
leichte Gewand die Silhouette des schlanken, edelgeformten Krpers
erscheinen.

Das Weib breitete wie ekstatisch die Arme aus. Gleich einem
lichtumflossenen Kreuz stand die Gestalt vor der Sonne.

Meine Fe fhlten jetzt Grund. In wenigen Augenblicken war ich am
Strande, zitternd vor Klte und Erregung.

Da lie das Weib die Arme sinken, kniete nieder und senkte tief das
Haupt.

Die seltsame Schnheit des Augenblicks ergriff mich tief. Ich kniete
neben dem Weibe und nahm seine Hnde in die meinen. Da hob es den Kopf,
und es war schner, als ich je ein Weib gesehen hatte.

Wie ich aber fhlte, da sein Blick an mir emporglitt, sah ich, da ich
nackt war, und ich schmte mich.

Ich wandte mich ab, gab die Hnde meiner Gefangenen frei und trat
aufstehend hinter ihren Rcken, eine Mglichkeit suchend, mich zu
verbergen.

Aber auch sie erhob sich, wandte sich zu mir und sah wortlos lange und
tief in meine Augen.

Die ihrigen waren blau und dunkel zugleich, und mich deuchte, es gbe
nichts Kstlicheres auf der Welt als diese Augen.

Ich fhlte krperlich, wie ihr Blick fragend in mein Inneres drang, und
empfand einen starken unbequemen Zwang.

Die tiefe Ruhe des Weibes, das dringende, wortlose Fragen und die
peinliche Hilflosigkeit meiner Lage irritierten mich ungemein, und in
einem aufkommenden Gefhl von Trotz stellte ich meine oft erprobte
Suggestivkraft auf die Fremde ein.

Die Wirkung erhhte meine Verlegenheit nur: Eine Weile hielt sie, meinem
Blicke begegnend, stand, dann aber begann sie hell und frhlich zu
lachen und schttelte mit einer bestimmten Gebrde nachdrcklich den
Kopf.

Ich hatte keine Macht ber sie. Da sie sah, da ich hilflos und, ein
zweiter Odysseus, mich krperlich schmend, abgewendet vor ihr stand,
entledigte sie sich eines leichten Obergewandes, gab es mir lchelnd und
half mir mit ruhigen Hnden und ohne Scheu es um meine Hften zu
befestigen.

Welch ein hohes Ma von innerer Sicherheit mu dies Weib haben, dachte
ich, und schickte mich an, woran mich die se Fremdartigkeit der Lage
bisher gehindert hatte, mit einigen gestammelten Worten um Vergebung zu
bitten und zu fragen, was ich beginnen solle.

Das junge Weib sah mir einen Augenblick merkwrdig erschrocken in die
Augen, wieder mit jenem tiefen, durchdringenden Blicke, dann legte sie
ihre Fingerspitzen auf meine Lippen und deutete auf das weie Huschen.
Schweigend schritten wir nebeneinander den sanften Abhang hinauf.

Ich wagte nicht, den Kopf zu heben, so sehr verschchterte mich die
Verlegenheit meiner Lage. Ich sah die Grser und Blumen der Wiese im
Morgentau, von meiner Begleiterin aber sah ich nur die Fe. Sie waren
blo, gleich den meinen, und so schn, als habe Praxiteles sie geformt.




Wir traten in das Huschen ein.

Das untere Stockwerk enthielt nur einen einzigen Raum. Weiche Bastmatten
bedeckten den Boden, einige niedere Ruhebetten, gleichfalls mit
Bastmatten berzogen, standen an den Wnden. Nur weniges Gert sah ich.
Es erschien mir fremdartig, aber jedes einzelne war edel in der Form und
offenbar von gutem Material.

Meine Gastfreundin fhrte mich durch den Raum. Im Hintergrunde ging eine
kleine Treppe in die Hhe. Wir stiegen hinauf, wo im oberen Stockwerk
einige nur mit hellen Vorhngen verschlossene Tren auf einen
gemeinsamen Vorraum fhrten.

Sie schob den Vorhang einer der Tren beiseite und lud mich mit einer
Handbewegung zum Eintreten, und mit einer anderen zum Platznehmen auf
einem sauberen Bette ein.

Dann holte sie von anderer Stelle eine groe wollene Decke, eine
Schssel mit kstlich ausschauenden fremdartigen Frchten, einen Teller
mit feinem weien Brot und ein Glas mit Honig. Endlich trug sie eine
hohe kristallene Karaffe goldfarbigen Weines und ein schn geschliffenes
Glas herein.

Das kleine Mahl richtete sie auf einem neben dem Bette stehenden
niederen Tische her.

Ich sa whrenddessen regungslos und sah ergriffen der Anmut ihrer
Hantierungen zu. In heiterer Gelassenheit schritt sie ein und aus, einer
jugendlichen Knigin gleich. Alles an ihr leuchtete in Schnheit,
Reinheit und Harmonie. Wie ihre ber alle Begriffe vornehmen Hnde die
Gegenstnde anfaten, war reinster Gleichklang.

Als sie alles beieinander hatte, breitete sie beide Hnde aus, machte
lchelnd eine kleine Verbeugung und ging stumm hinaus. Ich war dankend
aufgestanden.

In der Tr aber besann sie sich, kehrte noch einmal zurck, trat vor
mich hin und sah mir abermals mit ihrem fragevollen tiefen Blicke in die
Augen. Dann schttelte sie leise den Kopf, als verstnde sie etwas
nicht, und sprach ein einziges kleines Wort, das gleich einer winzigen
Melodie erklang, mir aber unverstndlich blieb.

Ich zuckte hflich bedauernd die Schultern. Sie lachte frhlich, zeigte
mit beiden Hnden auf sich, verneigte sich ein wenig und wiederholte:
Irid. Dann wies sie fragend mit dem Finger auf mich.

Ich verstand. Es war ihr Name. Und sie wollte den meinen wissen. Ich
nannte ihn und kopierte dazu ihre Bewegungen: Markus.

Ich mute das Wort noch einmal wiederholen. Dann sprach sie es mit ihrer
melodienreichen Stimme lachend nach, nickte mir zu und ging, den Vorhang
hinter sich schlieend, hinaus. --




Nun ich allein war, begann ich mich in meiner traumhaften Lage
einzurichten. Ich hllte mich in das weite Tuch, stellte beim Betrachten
der appetitlichen Mahlzeit fest, da ich erheblichen Hunger verspre,
und griff wacker zu.

Der goldene Wein erwies sich als s und schwer. Er tat meinem
abgekhlten Krper ungemein wohl.

Ich wurde warm, lauschte den leisen Geruschen, die gelegentlich von
unten herauf tnten, und sehnte mich nach meiner Wirtin.

Irid! Fremd und sonderbar klingt dein Name. Ich mu ihn laut
aussprechen. Irid. Er tnt meinem Ohre wohl.

Sprche ich deine Sprache, ich wollte dir sagen, da ich dich liebe,
Irid! Ich liebe auch deinen Namen, Irid!

Erna Maria sei vergessen und versunken!

Erna Maria? Ich tat zum ersten Male seit dem Erwachen im See, was ich
lngst htte tun sollen: ich dachte nach.

Was war geschehen? Wo war ich? Vor Erna Maria war ich geflohen. Vor der
Erkenntnis, da meine Liebe diese Frau kalt lie, sobald meine
suggestive Willenskraft nicht auf sie wirkte.

Beim Frster auf dem Berge hatte ich geschlafen. Halt! Da war es: die
Nebelspirale der Andromeda!

Mein Wunsch, auf einen Planeten jener Andromedawelt zu gelangen, meine
gewaltige Willensanstrengung und meine Transfiguration, deren Beginn ich
noch mit wachen Sinnen erlebt hatte!

Es war gelungen. Es gab keinen Zweifel: ich befand mich auf einem
Planeten irgendeines Sonnensystems im Nebel der Andromeda!

Meine Gedanken begannen sich ob der Furchtbarkeit dieser Erkenntnis
aufzulsen. Der se Wein und der verwirrende Eindruck des
unbeschreiblich kstlichen Empfanges -- Irid! Irid! -- taten das Ihre.
Chaotisch trmten und berstrzten sich die Dinge in meinem Hirn und ich
geriet in einen ekstatisch-fieberhaften Zustand, von dem eine
Schilderung zu geben meiner Erinnerung heute wohl nur drftig gelingen
wird:

Ich prfte mich ratlos und voll Unruhe, ob ich wache oder etwa trume.
Ich kniff mir in die Glieder, ich sprang auf, ging umher, ich a hastig,
ich trank, ich trank sogar ziemlich viel, aber ohne Zweifel: nie bin ich
mehr wach gewesen als jetzt!

Ich delirierte weiter: Zwar glaube ich meine Natur so weit zu kennen,
da ich sagen kann: ich bin wach. Aber ist nicht all unser Naturerkennen
nur das Surrogat einer Erklrung?

Und dennoch: sehe ich nicht hier die Umwelt, wie ich sie schon immer
sah: durch die Brille all der tausend Begriffe und Deutungen, die ich
ererbt und erworben habe? Ich sehe sie wie immer: von meinem eigenen,
erfahrenen Ich aus. Nur in ungewhnlichen Formen.

Nicht etwa wie im Traume, wo ich, erlst von dem durch unzhlige
Vererbungsreihen und gehufte eigene Erfahrung pedantisch gewordenen
Arbeiten meiner Psyche, die Dinge sehe, wie sie wirklich sind, bunt,
reich, ungeheuer, vielgestaltig, freigemacht von den unwirklichen
Zweckmigkeitsbegriffen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, losgelst
von dem willkrlichen Begriffe des Raumes!

Oder sollte ich dennoch trumen? Sollten die Regulierungs- und
Hemmungsvorrichtungen meiner brav gedrillten Psyche einmal, einmal, wie
im Traume, den Dingen in ihr wahres, wirkliches Gesicht schauen? So also
wre die Welt? Darauf trinke ich!

Also wre der Satz nicht wahr, da unser Glck von unserer Unwissenheit
abhngt? Sollte ich nun wissend sein und -- wie mich deucht -- glcklich
zugleich?

Sehe ich jetzt das Ding an sich, von dem ich glaubte, da es immer im
undurchsichtigen Dunkel bliebe?

Sind dieser kstliche, goldbraune Wein, dieses im doppelten und
schnsten Sinne des Wortes himmlische Weib das Ding an sich? Dann will
ich es preisen mit Zimbeln und Schalmeien!

Aber bin ich berhaupt mit meinen Gedanken in der Gegenwart? Wer ist
solches je?!

Und was ist Gegenwart? Ach was! Ich achte sie nicht mehr, diese grobe
Zerhackung alles Geschehens in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Ich
bin ich! Wo ich bin, sind alle drei in eins! -- Wein her! --
Schulbegriffe! Fcher eines Konferenzzimmer-Regals! Aristoteles war ein
Registrator! Auf dein Wohl, Giordano Bruno aus Nola! Dieses Glas der
Unendlichkeit!

Und nun kling an mit mir, Nolenser, auf den alten Aristarch, der schon
Jahrhunderte vor der Geburt des Menschensohnes aus Bethlehem die Erde um
die Sonne kreisen lie, und der den Begriff der Unendlichkeit an der
Wurzel packte. Wit ihr heute, Menschen, was das heit?! Preis und Lob
sei ihm in Ewigkeit, Amen!

Man hat ihm nicht geglaubt, dem wackeren Manne aus Samos, wo auch ein
heier Wein wchst gleich diesem. Der Schwindel des Aristoteles ist
durch die Jahrtausende gezogen.

Lat uns auch auf Kopernikus anstoen. Zwar whnte er noch eine letzte
glserne Kseglocke ber den Kosmos gestlpt, aber dennoch: Kopernikus!

Sagen Sie, Herr Kopernikus, warum sollte ich nicht auf einen
Andromeda-Planeten gelangen? Bitte: warum nicht? Der Wille vermag, was
er will. Daher hat er seinen Namen.

Wozu in aller Welt gibt es denn eine Atomisierung?

Entfernung? Was heit Entfernung? Was heit Zeit? Raum und Zeit sind
von der Wirklichkeit unverbrgte Anschauungsformen! Mehr nicht! Zhlen
nicht mehr mit, wenn es um groe Dinge geht! Ich hre da immer nur
Worte.

Worte sind Rechenpfennige, gut fr Kartenspiel. Groe Geschfte macht
man nicht mit Rechenpfennigen. Gebt mir andere Zwischenwerte als Worte,
meine Gedanken umzusetzen!

Irid, dein Wein ist reif und s, wie der Duft deiner Brste!

Andromeda-Nebel! Vor zwei Jahrhunderten hat dich ein wackerer Mann
zuerst gesehen, der Simon Marius hie. In einer eiskalten Nacht um
Weihnachten, als ihm die Hnde fast erfroren an seinem Teleskop,
entdeckte er ihn, und dann schrieb er in sein Buch, er habe einen Stern
gefunden, wie er noch keinen sah, der she aus wie eine ferne
Lichtflamme hinter der Hornscheibe einer Stallaterne. Alter
scharfsichtiger Simon Marius! Dein Name klingt weise! Ich will dich
nicht auslachen, weil, ehe du ein Hofmathematikus wurdest, du der
Musikus Mayer aus Gunzenhausen gewesen bist. Auch Astronomen sind nur
Musikanten! Die Harmonie des Kosmos ist ihre Musik! Als du neun Tage vor
dem groen Galilei die Jupitersmonde entdeckt hattest, holtest du deine
Geige in die Fernrohr-Kuppel und hast in der stillen Nacht so schn
darauf gespielt, da, wie du endetest, vom ganzen Rund des Himmels ein
leiser, ferner Applaus ertnte. Bravo, Simon Marius! _Da capo!_ Und mir
hast du die Andromeda geschenkt! Den Nebelschleier der Andromeda -- --

Mein Gott, ich htte mich ja auch auf einen andern Planeten atomisieren
lassen knnen! Ich hatte ja die freie Wahl. Aber es mu wohl hier auf
diesem Ball jemand gewesen sein, der mich anzog. Irid? Ich will mit ihr
darber sprechen.

Noch einer? Wer ist das? Ach ja, natrlich! Herr Scheiner aus Potsdam!
Auch ein wackerer Astronaut dieser Herr Scheiner! Hat zuerst der Erde im
Andromeda-Nebel eine andere Welt gezeigt. Eine andere Welt!

Und die Erde hat nicht gebebt bei dieser Entdeckung!

Die Erde ist dumm! Wer kennt Herrn Scheiner unter den Menschen der Erde?

Dumme Menschen! Lernen in der Schule von Kolumbus die abgeschmacktesten
Eiergeschichten, aber von Scheiner, der eine andere Welt rekognosziert
hat, haben sie nie gehrt! Prosit, Herr Scheiner! Was ist Amerika gegen
eine Welt voll Sonnen?! Wenn ich mal nach Potsdam komme -- --

Aber nein doch! Ich bin jetzt eine halbe Million Lichtjahre von Potsdam
entfernt.

Wein! Mich schwindelt!

Aber was sagt da Epikur, der die feine kluge Atomlehre des Demokrit --
Aristoteles, Ruhe! -- zu Ende gedacht hat?

Dieser Epikur, der ein Erz-Epikureer war und den Wein nicht verachtete!
Da trink, Epikur!

Was sagtest du doch? Die Zeit, in der sich Atome im leeren Raume
bewegen, ist unmebar und unfabar klein. Na also! Gegen Atome sind
Lichtstrahlen altersschwache Schnecken! Fr Atome gibt es nur ein
Schnelligkeitsma: der Wille! Wer sagt da noch etwas? Aristoteles? Du?
Geh' raus mit deinem Sphrenschwindel!

Ich war eben atomisiert, und mein Wille hat die Atome meines Krpers in
Minuten durch den Weltenraum geschleudert. Das ist doch wissenschaftlich
ganz klar!

Am Zielpunkte meines Willens war die Atomisierung beendet und mein
Krper setzte sich neu zusammen.

Sehr erfrischt hat mich diese Auflsung. Man sollte so etwas fters
machen! Alle Krankheitskeime sind, so darf ich wohl hoffen, dabei ebenso
zum Teufel gegangen, wie meine Kleider. Sieh' da! Sogar der goldene Ring
an meinem Finger mitsamt dem Stein ist fortgeschmolzen! Aber kein Haar
scheint mir zu fehlen.

Dafr ist meine Haut frisch und straff, und die Ngel meiner Hnde und
Fe sind rosig wie die eines Mgdleins.

Irid! Irid! Nie sah ich Fe wie die deinen! Auf dein Wohl, Irid! Den
letzten Tropfen dieses Weines auf dein Wohl! Ich will jetzt schlafen.
Ich bin mde. Irid -- -- --




Ich mute lange und tief geschlafen haben. Als ich erwachte, bedurfte es
geraumer Zeit, bis ich mich in der Situation zurechtfand.

Es war warm geworden, und die Sonne stand schon kurz vor dem Untergehen.

Ich rieb mir die Augen. Was mochte die Uhr sein? Hatte dieser Globus
berhaupt dieselbe Umlaufszeit, wie unsere Erde? Die Gre der Sonne da
drauen allerdings schien der unsern gleich zu sein.

berhaupt, welche Merkwrdigkeit: Alles, was ich bisher sah, erschien
mir zwar fremd, aber doch in Form und Materie dem Irdischen durchaus
hnlich.

Vor allem Irid! Fremd und merkwrdig zwar scheint sie, aber ein Weib wie
alle, die mich bisher gelockt hatten. Doch eine veredelte Blume gegen
jene!

Sie mute, whrend ich schlief, bei mir gewesen sein: die Reste meines
Mahles waren fortgerumt. Auch die leergetrunkene Flasche.

Der Wein ist reichlich schwer gewesen fr meinen frisch atomisierten
Krper, dem alle Giftstoffe entzogen waren. Trotzdem war mir sehr wohl,
und ich reckte meine neugeborenen Glieder in bewutem Kraftgefhl.

Als ich mich im Zimmer umschaute, fand ich zu meiner freudigen
berraschung Kleider und alles, dessen man sonst bedarf, um unter
Menschen zu erscheinen. O kluge Irid! Oder ist ein Mann im Hause? Das
wre des Teufels!

Jedenfalls begann ich die Kleider anzulegen, eine Arbeit, die mir einige
Mhe verursachte, da der Schnitt, wie ja alles in dieser neuen Welt,
ungewhnlich war.

Die Kleider zeigten eine entfernte hnlichkeit mit den griechischen
Gewndern und waren gleich diesen buntfarbig, doch hielt ich sie fr
knapper anliegend. Auch glaube ich nicht, da die Griechen Taschen in
ihren Gewndern trugen.

Zuletzt blieben nur noch die Sandalen brig, deren Anlegen mir erst nach
einigen Mierfolgen gelang.

Alles pate glcklicherweise gut, und ich fand mich in einem Spiegel
ganz stattlich und leidlich reprsentabel ausschauend.

So verlie ich denn mein Zimmer und trat zgernd auf die Treppe zu dem
unteren groen Raume.

Da sa Irid an einem Fenster. Wieder schien die Sonne durch ihr lichtes,
ungewhnlich reiches Haar und schuf einen goldig-zarten Nimbus um ihren
schnen Kopf.

Sie hatte ein groes Buch auf den Knien und war derartig vertieft in ihr
Lesen, da sie erst aufblickte, wie ich schon mitten im Raume stand.
Solches Versunkensein eines jungen Weibes! Fast schien es, als habe sie
geschlafen. Dem aber war nicht so.

Sie legte lchelnd ihr Buch beiseite, erhob sich, breitete die Hnde ein
wenig aus und machte eine leichte Verbeugung. Ich tat desgleichen.

Ein groer schner Hund, der neben ihr gelegen hatte, kam auf mich zu,
beschnupperte mich und sah mich mit klugen Augen an. Alles schien hier
zu fragen. Irid rief ihn mit einem kurzen volltnenden Worte zu sich und
lud mich zum Sitzen ein.

Und nun begann wieder dies seltsame, wortlose Fragen, das mir recht
unbequem war und mich in Verlegenheit setzte. Fast schien es mir, als ob
das junge Weib besondere innere Krfte besitze, den meinen weit
berlegen.

Einige Male schien sie Unbegreifliches in mir zu finden. Dann schttelte
sie lchelnd den Kopf.

Ich kam mir vor, wie in einem stummen Examen und wute nicht, was alles
dies zu bedeuten habe.

Dann aber stand sie auf, nahm mich bei der Hand und fhrte mich an einen
kleinen hbsch gedeckten Tisch, den ich bisher nicht bemerkt hatte.
Alles Geschirr darauf war dem unsern hnlich, nur schien es leichter und
von einfachen, edelsten Formen.

Als Irid nun eine kleine Glocke in Bewegung setzte, ffnete sich bald
eine Tr neben der Treppe. Ein zweites menschliches Wesen trat ein.

Gespannt betrachtete ich es. Es war ein Weib, nur wenig lter als Irid,
gleichfalls gro und gut gebaut, aber starkknochiger und nicht von dem
Adel der Herrin. Die Kleidung war von derselben einfachen, losen und
wenig verbergenden Art, wie sie Irid trug, aber dunkler. Das schne,
gleichmige Gesicht und die Ruhe der Bewegungen schienen kaum einer
Dienerin eigen. Sie sprach kein Wort und nahm keine Notiz von meiner
Anwesenheit.

Die Dienerin trug ein Mahl auf aus schnen, aber fleischlosen Speisen,
denen nicht nur ich, sondern auch Irid krftig zusprach. Ich freute mich
der Feststellung, da dies berirdische Geschpf einen ganz menschlichen
und, wie mir schien, durchaus irdischen Hunger zeigte.

Als sie einen leichten roten Wein einschenkte und ich, ihr zutrinkend,
mein Glas gegen sie hob, lchelte sie fragend. Die Gewohnheit war ihr
fremd. Aber gleich verstand sie den Sinn und ahmte nach, was ich ihr
vormachte. Als unsere Glser aneinander klangen, lachte sie belustigt
auf.

Nachdem das stumme, aber freundliche Mahl beendet war, erhoben wir uns.
Irid nahm mich bei der Hand und fhrte mich in ihrem Hause umher. Der
schne Hund, den sie Turu nannte, folgte uns.

Wenn auch, wie ich schon sagte, sich nur die ntigsten Gegenstnde und
Gerte vorfanden, und zwar ohne allen ueren Schmuck, so schufen doch
die edeln Proportionen und die wohl erwogenen Farben aller Dinge umher
eine solche Harmonie, da schnes Behagen und tiefe Ruhe die Wirkung des
Gesamtbildes war.

Die gerumige Kche und die hbsche Wohnung der Dienerin lagen mit
einigen Wirtschaftsrumen in einem besonderen Huschen hinter dem
Haupthause, mit diesem durch einen kurzen gedeckten Gang verbunden.

Auerdem war noch ein zweckmiges Badehuschen mit einem kleinen
Schwimmbade da.

Das obere Stockwerk enthielt auer meinem Zimmer, das mir ein Gastzimmer
zu sein schien, nur noch zwei Rume: Irids Schlafzimmer und, mit diesem
verbunden, eine Bibliothek.

Also schlief Irid neben mir! Ohne Tren, nur durch Vorhnge getrennt.
Ein befremdlicher aber anmutiger Gedanke!

Wer ist dieses junge Weib? Ist es ein Mdchen? Eine Witwe? In welcher
Einsamkeit lebt sie! Ich sah nichts von Nachbarn. Nur die ewig stumme
Dienerin. Das Haus stand einzeln in einem kleinen Garten am Rande der
auf drei Seiten von hohem Walde umgebenen Seewiese. Eine abgeschlossene
Welt. Eine Welt des Rtsels und des sesten Wunders!

Die Sonne war inzwischen untergegangen. Irid fhrte mich jetzt hinaus
auf die Wiese und hinunter zum Waldsee. An der Stelle, auf der ich sie
heute frh begrt hatte, hielt sie inne, lagerte sich im Grase und hie
mich desgleichen tun. Der Hund Turu war mit uns.

In der friedlichen Stille des Sommerabends lagen wir zu dritt
nebeneinander, wortlos wie immer, Irid mit ihren stummen Fragen, ich
voll der buntesten Gedanken und in tausend Zweifeln ber meine Lage,
wohl die merkwrdigste, in der sich je ein Mensch befunden hat, und
Turu, der Hund, die Schnauze auf den Pfoten, behaglich trumend.

Die Gedanken jagten sich in mir. Lge nicht dies jugendschne Weib neben
mir, duftend in der reifen Sinnlichkeit ihres Krpers, ngste htten
mich berfallen.

Ihre weien Fe waren mir nahe, und ich konnte nicht unterlassen, mit
der Hand darber zu streicheln. Sie lie mich gewhren, auch als ich
begann die zarte Haut ihres schlanken Beines zu liebkosen.

Dann aber nahm sie meine Hnde in die ihren, hielt sie lange fest, sah
mir ernst in die Augen und gab sie mir zurck.

Ich fhlte, da ich, trotz des halben Gewhrenlassens und des
krperlichen Naheseins, keine Berechtigung hatte, von Irid mehr zu
fordern als sie freiwillig gab. Die Grenze lag einzig und allein in
ihrer Hand. Sie war die Strkere.

Ich begann eine Art Gefhl vor ihr zu bekommen, wie ein Kind vor der
Mutter. Mir war, als wisse und verstehe sie alles in mir, und als
leitete sie mich mit ihren berlegenen Gedanken.

Dieses Gefhl erweckte in mir, der ich unter Frauen immer der Herr
gewesen war, einen Zustand der Unsicherheit und Abhngigkeit, wie er mir
bisher fremd geblieben war.

Dennoch lag eine eigentmliche Se in dem Bewutsein, der Hrige dieser
herrlichen Frau zu sein.

Als wir ein Weilchen gesessen hatten, sprach Irid einige Worte zu ihrem
Hunde, der mit klugen Augen zuhrte, sich dann erhob, dem Hause
zutrottete und nach einiger Zeit zurckkehrte, zu meiner berraschung
auf dem Rcken, gleich einem Sattel, eine groe Decke tragend, die Irid
ihm abnahm und, da die Wiese feucht zu werden begann, fr uns
ausbreitete. Auch der Hund bekam seinen Platz darauf.

Dies alles ereignete sich mit solcher Selbstverstndlichkeit, als ob
eine derartige Hilfe des Hundes das durchaus Alltgliche sei. Kein
Zweifel: das Tier verstand die Sprache seiner Herrin!

Aber auch nur zu dem Hunde hatte diese bisher gesprochen, und zu mir.
Mit der Dienerin war kein Wort gewechselt worden.

Rtselvolles Haus des Schweigens! Mir soll es recht sein. Ich liebe
wortkarge Menschen.

Allmhlich wurden die Sterne sichtbar, und ich begann darin zu suchen.
Kein Sternbild war gleich dem unseres Erdenhimmels. Eine Milchstrae
jedoch, hnlich der uns von Kindheit an vertrauten, wlbte sich von
Horizont zu Horizont.

Wo in dem kosmischen Gewimmel mochte meine Erdensonne sein?

Irid sah, was ich suchte. Sie verstand mein Denken. Sie wies mit dem
Finger auf ein Sternbild von sechs Sternen, und bedeutete mich, es zu
betrachten. Ich zweifelte keinen Augenblick, da sie mir den Ort unserer
Sonne zeigte.

Nach und nach dunkelte es vollkommen, und die Sterne spiegelten sich im
Waldsee. Irids Blicke hingen mit den meinen am Himmel.

Nach einem Weilchen stie sie einen kleinen Laut aus und zeigte abermals
in das Bild der sechs Sterne: Mitten darin stand jetzt die zarte Spirale
eines Nebelwlkchens!

Ergriffen legte sie ihre Arme um meinen Hals und kte meine Wangen. --

Dann gingen wir Hand in Hand die Wiese hinauf, dem Huschen zu.

Irid brachte mich in mein Zimmer, grte mich stumm und freundlich, und
bald hrte ich, als ich erregt auf meinem Bette sa, wie sie sich zur
Ruhe legte, und wie nach einiger Zeit die ruhigen, festen Zge ihres
Atems zu mir herberdrangen.

Da legte auch ich mich nieder zu Trumen, die von nun an das wache Leben
an Traumhaftigkeit weit hinter sich lassen sollten.




Am nchsten Morgen schaute Irid in meine Tr und winkte mir, der ich vom
Gerusche ihres Erscheinens erwachte, frhlich Guten Morgen zu. Sie kam
in weitem weiem Mantel aus dem Bade, und ihr weiches, lichtes Haar
bedeckte sie bis zu den Hften.

Das Frhstck war im Grtchen vor dem Hause angerichtet. Im nahen Walde
sangen und zwitscherten die Vgel. Ich konnte mich nicht besinnen, je
einen Tag kstlicher und friedlicher begonnen zu haben.

Nach dem Frhstcke ntigte mich Irid in die Halle, wies mir einen Stuhl
im Hintergrunde an und legte, mich bedeutungsvoll ansehend, den Finger
auf den Mund.

Aus dem Walde begannen jetzt Kinderstimmen laut zu werden, und bald
strmten drei kleine pausbckige Buben von sieben oder acht Jahren in
die Halle und hingen sich mit Hallo und Freudengebrll an die Kleider
der lachenden Irid, die sich der aggressiven Brschchen kaum erwehren
konnte.

Binnen kurzem sprang noch ein Prchen herein, Junge und Mdel, und
einige Minuten danach noch zwei kleine Mdchen. Alle Kinder waren etwa
im gleichen Alter, sehr leicht, einfach und reinlich gekleidet und von
prachtvoller Gesundheit. Mit dieser kleinen Schar kam Leben in die
bisher stumme Welt.

Wenn auch die kleinen Geister nicht so viel plapperten, wie Kinder
meiner Erde, und berdies Irid noch recht oft den Zeigefinger auf die
Lippen legte, um das Mulchenkonzert noch weiter abzudmpfen, so taten
mir die jungen, menschlichen Stimmen nach all dem Schweigen doch wohl.
Auch Irids schnes, volles Organ bekam ich nun fter zu hren.

Die Kinder lagerten sich auf den Ruhebetten an den Wnden, Irid setzte
sich auf einen Stuhl in der Mitte der kleinen Halle, und ich stellte
fest, da ein regelrechter Schulunterricht begann.

Auf mich achtete, nachdem jedes der Kinder mich durch eine kleine
Verbeugung begrt hatte, niemand mehr. Es war fr die Kinder, als ob
ich nicht mehr da sei.

Ich mu gestehen, da dieser Schulunterricht, von dem ich nicht das
leiseste Wort verstand, mich erheblich mehr ermdete als offenbar die
Kinder, die oft mit Lachen und Frhlichkeit den Ernst der Stunde
unterbrachen.

Vorausberichtend will ich schon jetzt sagen, da Irid Lehrerin von Beruf
war. Sie unterrichtete die kleinen Abcschtzen, die aber nicht vor
vollendetem siebenten Jahre zur Schule geschickt werden. Der Unterricht
findet fr diese Kleinen in Gruppen von nicht mehr als acht Kindern, und
ausschlielich in den Husern der Lehrer statt. Diese Huser sind,
berall verteilt, an besonders schnen Punkten gelegen und werden, neben
einer reichen Bezahlung, den Lehrern und Lehrerinnen von der
Gemeinschaft zur Verfgung gestellt.

Bei der dnngesten Bevlkerung des Planeten und der weitlufigen
Wohnweise seiner Bewohner ist es mglich, die Kinder in nur so geringer
Zahl zu verteilen.

Der Lehrberuf, zumal der fr die Kinder bis zu 16 Jahren, ist der
angesehenste auf dem Planeten. Kinderlehrer zu sein gilt fr die hchste
Auszeichnung.

Die Ernennung seitens der Gemeinschaft der einzelnen Wohnkreise erfolgt
schon seit undenklichen Zeiten nur nach eingehender Prfung vor allem
der menschlichen und seelischen Qualitten des sich Bewerbenden, der
sich die geforderte umfassende wissenschaftliche Vorbildung ganz nach
eigener Neigung selber beschaffen mu.

Wer nicht ber eine heitere, geduldige Sinnesart und ber einen gesunden
Humor verfgt, hat von vornherein keinerlei Aussichten. Ebenso wird
nicht zugelassen, wer zur Pedanterie, zum leichten Verrgertsein, zu
besonderer Ordnungsliebe neigt, oder wer die schlechte Angewohnheit,
alle Dinge von der praktischen Seite anzufassen, nicht loswerden kann.
Gesundheit, krperliche Frische und Gewandtheit, Lebenssicherheit und
eine vollkommene Beherrschung aller Formen sind Voraussetzung. Alles
dieses wird bei der Auswahl der sich Bewerbenden erheblich mehr beachtet
als die wissenschaftliche Befhigung.

Da aller Unterricht, auch der hchsten Art, kostenlos erteilt wird, so
steht es jedem frei, sich auf den vielgesuchten Lehrerberuf
vorzubereiten. Wenige jedoch nur erreichen das Ziel. Den anderen ist das
vielseitige Studium fr ihre Geistesbildung nicht verloren.

Eine solche Lehrerin nun war Irid, und zwar stellte ich spter mit
Genugtuung fest, da ihr Ruf weit ber den ihres eigenen Wohnkreises
hinausging. Zahlreiche andere Wohnkreise schon hatten sich um sie
beworben. Sie aber zog es vor, in dem ihrer Geburt zu bleiben und sich
mit dem vergleichsweise anspruchslosen Hause zu begngen, das ihr hier
zur Verfgung stand.

Ihre Jugend -- sie war erst 23 Jahre alt -- wre nach unsern Begriffen
ihrem Ruhm ein Hindernis gewesen. Dort aber bedeutet Jugend, wenn sie
mit Tchtigkeit verbunden ist, ein besonderes Guthaben in der
allgemeinen Einschtzung. Jungen Leuten wird in allen Berufen, mit
Ausnahme des der Totengrber, der Vorzug gegeben.

In den nchsten Tagen begann ich von Irids Unterricht wohl einiges zu
begreifen, aber dies gengte mir, die gesamte gedankliche Grundlage der
Bildung jenes Planeten als von der des unserigen grundverschieden zu
erkennen, dergestalt, da ich nur mit der grten Mhe berhaupt folgen
konnte, und mich, der ich auf Erden geglaubt hatte, ein ber den
Durchschnitt hinausgehendes Ma von Intelligenz zu besitzen, schmte,
hier hinter den Kindern zurckzustehen.

Ich sprach, um mich und Irid nicht blozustellen, im Unterricht kein
Wort. Des Nachmittags aber, wenn ich mit dem Mdchen allein war, lehrte
sie mich so gut es ging ihre Sprache verstehen.

Den tieferen Grund meiner fr diese Welt geringen Begriffsgabe erfuhr
ich erst spter, erst nach meiner Bekanntschaft mit Irids Vater, von der
ich bald berichten werde. --

Bis zum Beginn dieser Bekanntschaft zogen die Tage in gleichmiger
Einfrmigkeit hin. Ich sah auer Irid, der Dienerin, die Okk hie, den
Kindern und dem Hunde Turu niemanden, wohnte des Vormittags dem
Schulunterrichte bei, erhielt des Nachmittags in wunderschnen Stunden
Sprachunterricht, und verbrachte stumme, fragende und nicht immer
glckliche Abende mit dem schnen Mdchen, zu dem mich ein immer strker
aufkommendes Liebesgefhl mit Leidenschaft hinzog.

Irids seelische Kraft und Sicherheit aber setzte eine unbersteigbare
Mauer zwischen mich und ihre letzte Gunst.

Das Mdchen war von starken Sinnen. Ich fhlte das mit Bestimmtheit. Und
da sie mich gern habe, da ich ihr vielleicht mehr als sympathisch sei,
mute ich allein aus der Tatsache meiner Aufnahme in ihrem Hause
entnehmen. Auch lie sie sich von mir kleine Liebkosungen gern gefallen,
pflegte Hand in Hand mit mir zu gehen, legte ihren Arm um meine
Schulter, bot mir oft Wange und Scheitel zum Kusse, zeigte sich ohne
Scheu, aber auch ohne jede Spur von Koketterie, oftmals in der
allerknappsten Kleidung vor mir, pflegte des Morgens, um mich zu wecken,
mein Zimmer zu betreten, und liebte es berhaupt, sich mit mir auf einen
derartig innigen Verkehrsfu zu stellen, da ich daraus das
Allerglcklichste htte fr mich entnehmen knnen, wenn mich das
Bewutsein ihrer absoluten geistigen und seelischen Superioritt auch
nur einen Augenblick htte verlassen knnen. Dann ihren Widerstand zu
brechen, dachte ich mir leicht.

So aber blieb ich der Hrige und Abhngige, und begann mich immer mehr,
trotz aller hingebenden Gte und Freundschaft des Mdchens, als eine Art
Genossen ihres Hundes Turu zu fhlen, in welchem Vergleiche ich berdies
noch den krzeren zog, da Turu vor mir voraus hatte, von der Sprache
unserer gemeinsamen Herrin erheblich mehr zu verstehen, als ich.




Als wir dieses Leben einige Wochen gefhrt hatten, bedeutete mir Irid
eines Tages, da sie ausgehen wrde.

Am Abend kehrte sie zurck. Sie war bei ihrem Vater gewesen.

Am nchsten Nachmittage kam dieser selber zu uns. Er wohnte, wie ich
erfuhr, nicht weit von Irids Hause, und war einige Wochen verreist
gewesen.

Ein hochgewachsener Mann trat ein, trotz seines Alters von elastischer
und fast jugendlicher Haltung. Grauweies, halblanges Haar umrahmte in
leichten Locken ein kluges Antlitz von starken Zgen, dessen erster
Eindruck Gte war.

Er erschien reich und sorgfltig gekleidet und sttzte sich auf einen
Stock mit goldenem Knopfe.

Irid begrte ihn herzlich und kte seine Hnde. Dann setzten wir uns.

Jene saen Hand in Hand einander gegenber und sahen sich wortlos lange
in die Augen. Dabei verrieten aber ihre lebhaften Mienen, da whrend
dieses befremdlichen Anschauens allerlei in ihnen vorging. Eine
regelrechte Unterhaltung mit Zustimmung, Verneinung, Freude,
berraschung oder anderen Empfindungen schien stattzufinden.

Ich hatte Anstze zu solcher hchst merkwrdigen Unterhaltungsart schon
zwischen Irid und ihren kleinen Schlern, und auch zwischen ihr und der
Dienerin Okk zu bemerken geglaubt. Um was aber es sich handelte, konnte
ich vorlufig nicht ergrnden.

Die stumme Konversation schien sich jetzt offenbar um mich zu drehen,
denn nun wandte sich der alte Herr zu mir, ergriff meine Hand und sah
mir mit ebensolchen stummen Fragen in die Augen, wie es schon seine
Tochter so oft getan hatte.

Ich gestehe, da ich recht verlegen war und gewi keine eindrucksvolle
Rolle gespielt habe an diesem Abend. Der Vater meiner Herrin aber
lchelte freundlich und strich mir ber Haar und Wangen, wie man ein
fremdes groes Tier streichelt, das sich als gutartig erwiesen hat.

Whrend des ganzen Abends wurden keine zwanzig Worte gewechselt. Nicht
einmal als Irid Wein herbeitrug, kam ein hrbares Gesprch in Flu.

Als nach dem stummen Abendbrote der alte Herr sich empfohlen hatte,
blieben Irid und ich noch ein Weilchen beim Weine sitzen. Dann holte sie
aus ihrer Bibliothek ein geigenhnliches Saiteninstrument, auf dem sie
ein leidenschaftlich bewegtes Spiel begann.

Sie hatte nur wenige Takte gespielt, als ich zu meiner freudigen
berraschung eine Knnerin in ihr erkannte. Doch mu ich gestehen, da
es einiger Wochen gebrauchte, bis ich mich in den neuen ungewohnten
Reichtum ihrer ungemein komplizierten und mir fremdartigen Harmonik
einzufhlen vermochte.

Aber schon an dem ersten Abend empfand ich die schier unerschpfliche
Flle dieser Musik, die in starkem Widerspruch zu dem gesetzten Wesen
dieser wortgeizigen, gemessenen Menschen stand.

Als Irid geendet hatte und ich ihre Hnde in die meinen nahm, fhlte
ich, da ihr Krper leise zitterte in innerer Erregung.

An diesem Abend duldete sie es, da ich ihre Lippen kte. Doch
erwiderte sie meine Ksse nicht. Als ich meine Arme um sie schlang und
mein Gesicht gegen ihre Brust prete, hrte ich wohl ihr Herz schneller
schlagen, aber meine Stunde war noch nicht gekommen.




Als die Dmmerung des nchsten Abends begann, gab mir Irid zu verstehen,
da wir ihren Vater besuchen wrden.

Es war mein erster Ausgang auf dem Planeten. Ich nahm an, da Irid mich
bisher geflissentlich zurckgehalten und auch vor Besuchern geschtzt
habe, weil sie wollte, da ich mich erst notdrftig in die neuen
Verhltnisse einleben solle.

Wir gingen eine kleine Stunde weit auf guten Wegen zwischen hohen
Wldern hindurch und an einigen sorgfltig bestellten Feldern vorbei.
Nur wenige Huser inmitten schner Grten standen am Wege.

Die Vegetation glich ganz der meiner Erde, nur wollte mich dnken, als
ob die Mehrzahl der hiesigen Pflanzen voller, reicher, ppiger sei. Ganz
besonders fiel mir das am Korn auf: die hren schienen wenigstens die
doppelte, oft auch die drei- oder vierfache Trchtigkeit der unsern zu
haben. Gleich Weinbeeren quollen die Krner am Halme.

Die Huser erwiesen sich durchgngig als vergleichsweise nur klein. Aber
alle waren in ungemein wohltuenden Proportionen gebaut und leuchtend in
der Farbe. Der geringen Zahl der Huser entsprach auch die der Menschen,
denen wir begegneten.

Diese Menschen waren ausnahmslos gro, gut gewachsen, von schnen Zgen
und edler, sicherer Haltung. Ich, der ich daheim als eine Art Riese in
meiner Umwelt wanderte, zhlte hier unter den Mnnern keineswegs zu den
besonders groen.

Wortlos, wie stets, ging ich neben meiner gut ausschreitenden Wirtin
her. Gelegentlich wies sie auf Dinge, denen wir begegneten, und prgte
mir ihre Namen ein.

Die Sprache jenes Planeten, um auch dies, was ich erst in mhseligen
Studien spter erfuhr, schon vorausgreifend zu berichten, ist gegen die
unserige ungemein entwickelt: Sie bedient sich der einfachen
Wortbegriffe unseres irdischen Inventars lediglich fr konkrete Dinge,
fr ungedankliche Gegenstndlichkeiten. Alles Abstrakte, Mentale dagegen
drckt sie in merkwrdig konzentriert zusammengesetzten
Begriffskomplexen aus, die, wenn man ihre Einzelelemente beherrscht,
verblffend bildhaft, anschaulich, fast anfabar wirken und die
buntesten und reichsten Zusammensetzungen zulassen.

Gesprche gedanklichen Inhaltes werden dabei wie das Schauen in ein
Kaleidoskop: zu immer neuen, berraschenden Bildern formen sich durch
die leiseste Bewegung des Geistes die Einzelteile der Gedanken.

Sprachliche Zwischenglieder werden kaum angewendet. Man reiht die
Gedankenkomplexe scheinbar verbindungslos aneinander. Bindung geben
lediglich die innere Logik und der uere tektonische Aufbau.

Jene Menschen denken und sprechen -- soweit letzteres berhaupt gebt
wird -- nicht mehr in der alle Denkarbeit retardierenden Wortsprache
unserer Erde, sondern in synthetischen Einzelbildern, gewissermaen in
gedanklich wunderbar tiefen und reichen Differenzialen oder Integralen.

Diese Einstellung gibt die Mglichkeit, den bunt durcheinander
kollernden, sich berstrzenden Gedankenreichtum des Gehirns sofort zu
greifen und in handlichen Formen festzuhalten, whrend bei der
schwerflligen, und dabei doch dnnen Wortsprache unserer Erde auch den
grten Meistern der Rede eine Flle der blitzartig kommenden und
gehenden Gedanken unausgedacht, ungenutzt und kaum selbst geahnt im
ther verpufft. Denken ist fr uns irdische Menschen ja nur ein Name.
Hinter das wahre Wesen sind wir noch nicht gekommen.

Inwieweit durch die hohe Entwicklung dieser Sprache auch deren
schriftliche Fixierung eine ganz besondere Gestaltung erfahren hat,
darber will ich spter einiges sagen, jetzt aber in Krze --
vorausgreifend -- andeuten, da auch die Logik jener Welt von der unsern
erheblich verschieden ist: Das Kausalittsgesetz besteht dort nur noch
in der Geschichte der Philosophie: Man hat sich lngst abgewhnt, jede
Zustandsnderung als Wirkung mit einer Ursache zu verknpfen. Man nimmt
die Geschehnisse in ihrer Gesamtheit.

So hrte ich einmal Irids Vater einen Begriffskomplex uern, der etwa
bedeutete: Es werden so viele Menschen geboren, die nie den Leib der
Mutter sehen, und gerade diese halte ich fr die wertvollsten. Ich
glaube nmlich, da durch den brutalen Akt der Zeugung und die sich
daran anschlieende hchst langsame Fleischwerdung das Beste im Menschen
vernichtet wird.

Ich erfuhr, da man die Geburt des Menschen schon von dem Augenblicke an
rechnet, in dem das Weib den Wunsch der Befruchtung durch einen
bestimmten Mann versprt, und der Befruchtungswille dieses Mannes sich
gleichzeitig mit dem des Weibes kreuzt.

Der Trieb zur Befruchtung gilt also nicht als die Ursache der Entstehung
eines Menschen, sondern ist schon der Mensch selber in seinem Beginne.
--

Irids Vater empfing uns in seinem gerumigen, bequemen Hause mit einem
reichlichen Mahle, dem aber auch leider, wie an Irids Tische, jegliche
Fleischspeise fehlte.

Als ich hierber einmal zu Irid eine Bemerkung gemacht hatte, war sie
tief entsetzt und fast beleidigt gewesen. Ihr Vater erklrte mir spter,
da man schon seit vielen Jahrtausenden kein Fleisch von toten Tieren
e. Diese frchterliche Unsitte der Urmenschen sei, nachdem das
Verzehren von Menschenfleisch schon frher sein Ende gefunden habe,
lngst erloschen, und nur mit Abscheu berichte die Menschheitsgeschichte
von solchen Exzessen barbarischer Wildheit.

Der Vater, Worde mit Namen, war gleichfalls Kinderlehrer gewesen. Er
hatte dann aber vor einigen Jahren sein Amt an Irid abgegeben, als diese
die Qualifikation dazu erlangt hatte, und lebte nun ganz seinen privaten
Studien.

Spter erfuhr ich, da er einen weittnenden Namen als Historiker fhre,
und stellte fest, da er seine umfangreichen historischen Arbeiten auf
soziologischer Grundlage aufbaue und auf fr unsere Begriffe
unergrndliche tiefe naturwissenschaftliche und vor allem aber
psychologische Kenntnisse sttze.

Die Psychologie berhaupt war die Wissenschaft, die alles andere weit
hinter sich lie, und die man als die groe Wurzel des geistigen Lebens
auf diesem Planeten betrachtete.

Wir tranken einen ausgezeichneten roten Wein zum Mahle und fhlten uns
in aller unserer Wortkargheit recht heiter und vergngt. Vater und
Tochter pflegten sich in die Augen zu sehen und sagten sich dabei in
ihrer stummen Sprache offenbar viele Dinge, die auch mich betrafen.
Jedenfalls erwiesen sie mir oftmals lchelnd kleine Freundlichkeiten,
strichen mir ber das Haar, legten mir gute Bissen auf und tranken mir
lachend zu, welche Sitte sie von mir erlernt hatten, und von welcher
Worde brigens sagte, da sie ihm in uralten Niederschriften schon
begegnet sei.

Nach Tische ffnete der alte Herr in der Halle eine Art Wandschrank, der
den Spieltisch einer Hausorgel mit zwei Manualen, Pedal, Registern und
Koppeln enthielt.

Und nun zogen die Klnge einer reinen vierstimmigen Fuge durch den Raum.
Gleich einer Symbolik des Menschenlebens wob es dahin, ein sich Finden
und sich Trennen, ein Zusammenklingen und Wiederauseinanderstrmen, ein
Verlieren, Suchen und glckliches Vereinigtsein, eine unendliche
Harmonie der Linien und der Tne, die alles Irdische vergessen lie und
den Geist in Raume fhrte von unerschpflicher Seligkeit.

Irid hatte ihren Kopf an meine Schulter gelegt. Ich sah, da Trnen in
ihren Augen standen.

Als der Vater geendet hatte, fate sie mich mit beiden Hnden und kte
mich auf den Mund.

Nach einem Weilchen stillen Versunkenseins und -- wie ich gestehe, in
der Erinnerung an Johann Sebastian Bach -- einigem Heimweh meinerseits,
trug Worde neuen Wein herbei, und wir wurden wieder frhlich, bis ich
dann mit Irid Arm in Arm durch die Nacht zu unserem Hause
zurckwanderte.

Vor ihrer Schlafzimmertr kte sie mich noch einmal, wehrte aber meinen
Hnden und bot mir Gutenacht.




Die Ttigkeit meines inneren Menschen bewegte sich zwischen zwei Polen:
der von Tag zu Tag wachsenden Liebe zu dem ber alles Begreifen schnen
und fr mich so rtselvollen jungen Weibe, zu dessen Gefhrten mich ein
groes Wunder gemacht hatte, und der Beobachtung der merkwrdigen
auerirdischen Welt, die mich hier umgab.

Meine Liebe zu Irid war zu heier Leidenschaftlichkeit gediehen, und das
nahe Zusammensein mit ihr, ohne da wegen der starken Hemmung durch ihre
psychische berlegenheit eine vollkommene Vereinigung zwischen uns
mglich gewesen wre, htte mich aufgerieben und seelisch und krperlich
krank gemacht, wenn ich nicht durch die sich mir von Stunde zu Stunde
mehr erschlieende Umwelt dauernd auf das lebhafteste gefesselt worden
wre.

Zumal der wohltuende Umgang mit dem alten Worde, der auer Irid frs
erste der einzige Mitwisser meiner kosmischen Herkunft blieb, gab meinem
immer mehr erwachenden Wissensdurst reichliche Nahrung. Der alte
Gelehrte, dem es bald leicht fiel, sich in der so auerordentlich viel
primitiveren Wortsprache, welche allein ich beherrschen lernte,
auszudrcken, begann mich immer mehr und mehr in sein Herz zu schlieen,
und fhrte mich allgemach in die Welt seines Planeten, soweit ich sie zu
begreifen vermochte, ein.

Allerdings mute ich mir gefallen lassen, mich als eine Art gebndigten
Wilden oder gnstigenfalls als ein groes Kind angeschaut zu wissen, wie
denn auch die Wortsprache, die allein unser Verstndigungsmittel blieb,
die Ausdrucksform der Kinder ist. Worde sowohl wie Irid sprachen also
mit mir, im Vergleiche mit ihrer eigenen erwachsenen Ausdrucksweise,
etwa wie bei uns trichte Mtter mit ihren kleinen Kindern zu plappern
pflegen.

Ich hatte inzwischen erkannt, da der Planet, auf dem ich jetzt meine
Tage verbrachte, der Erde in allen seinen kosmischen und physikalischen
Lebensbedingungen vollkommen gliche. Er kreist in einem gleichen
Abstande und mit gleicher Umlaufszeit um seine Sonne, hat dieselbe
Gre, dieselbe geologische Beschaffenheit und berhaupt dieselbe
Gesamtverfassung, wie die Erde, so da sich auf ihm, da die
biologischen, chemischen und physikalischen Grundgesetze im ganzen
Weltall die gleichen zu sein scheinen, und berdies jene Sonne eine der
unsern gleiche Wrme spendet, dieselben Lebensformen entwickelten wie
auf der Erde. Auch nur ein einziger Mondtrabant umkreist ihn.

Es mgen um die Milliarden und aber Milliarden von Sonnen des Weltalls
wohl manche solcher Planeten kreisen, die Zwillings-Geschwister der
irdischen Erde sind.

Da gerade von einem solchen ich in meiner Atomisierung angezogen wurde,
hatte seinen Grund nicht in meinem Willen, sondern lag, wie ich spter
erfuhr, in anderer Ursache.

Meine Unterhaltungen mit dem alten Gelehrten aber zeigten mir doch einen
gewaltigen, grundlegenden Unterschied zwischen dem jetzigen Zustande der
Erde und dem der Drom, wie jener Planet sich nannte: das war das Alter
des Menschengeschlechtes. Die Drom-Menschheitsentwickelung wies gleich
der unserer Erde verschiedene Epochen auf, die in ihren Anfngen ganz
denen der Erde gleichen: Man unterscheidet dort, wie bei uns, eine
Steinzeit sowie eine Kupfer- und Bronzezeit, auf die eine Eisenzeit
folgte. Dann begann eine Maschinenzeit von krzerer Dauer, die in eine
ungemein intensive Elektrizittszeit berging. Im ersten Anfange dieser
letzteren Zeit etwa stand die Erde, als ich sie verlie.

Auf der Drom hatte die Elektrizittszeit einen geradezu mrchenhaften
Aufschwung alles technischen Knnens gezeitigt. Die alte Geschichte
enthlt die phantastischsten Beschreibungen von unerhrten Wunderwerken
der Elektrizitt und anderer Krfte.

Himmel, Erde, Feuer und Wasser boten dem menschlichen Verstande keine
Hindernisse mehr.

Wenn man anfangs den Vogelflug mit Erfolg nachgeahmt hatte, so gelang
dies spter in noch vollkommenerem Mae mit dem der Insekten. Mit
blitzartiger Geschwindigkeit und in vollkommenster Sicherheit
durchsausten die damaligen Drom-Menschen die Lfte. Ungeheure Tunnel,
von denen Spuren noch heute erhalten sind, fhrten von Erdteil zu
Erdteil. Die Hlle der Drom bohrte man an, um das Feuer daraus zu
entnehmen. Die Stickstoffzufuhr aus der Atmosphre wurde durch
knstliche Entladungen vervielfacht: man setzte die Wirkung des Blitzes
in das Wachstum der Pflanzen, die Muskelkraft des Tieres, die
Gehirnsubstanz des Menschen um, man nutzte radioaktive Ausstrahlungen
als Wrme- und Kraftquelle, und am Ende gar verstand man es, die
Rotationskraft des Mondes als Vorspann zu nehmen.

Aber die Geschichte lehrt, da all dies den heutigen Menschen
unbegreifliche Getriebe jener versunkenen Fabelwelt kein Glck gebracht
hat.

Inmitten ihrer grandiosen Erfindungen bekmpfte sich die Menschheit
untereinander in unerhrt gewaltigen Kriegen, von deren mrderischer
Furchtbarkeit man sich heute keine Vorstellung mehr machen kann, und
schlug sich in grauenhafter Bestialitt gegenseitig zu Millionen und
aber Millionen nieder.

Trotz dieser Abschlachtungen aber blieb die Drom-Oberflche von
unruhevollen, geschwtzigen und hastig arbeitenden Menschen derartig
angefllt, da sie sich wie der Umkreis eines Ameisenhaufens ausgenommen
haben mag.

Man sollte auch meinen, da wenigstens die in der damaligen Urzeit
hchst mangelhafte Kenntnis des menschlichen Krpers, die es nicht
erlaubte, mit den Krankheiten fertig zu werden, die Menschheit
verkleinert habe. Dem aber war nicht so: zwar raffte die Krankheit
gleich dem Kriege unzhlige Millionen dahin, aber wie Hydrakpfe wuchs
die wuchernde Menschheit nach.

Der unerhrten berschtzung verstandesgemen, technischen Knnens
jener wilden Zeit entsprach eine unwirkliche, phantastische und
barbarische Ethik:

Der groe Irrtum der Menschen jener Drom-Epoche, der viele Jahrtausende
angehalten hat, da nmlich sich im Krper die Seele als besonderes
Lebewesen, als eine Art Einwohner, aufhalten solle, fhrte dazu, dieser
Seele bersinnliche Eigenschaften beizulegen, und ihr aus Grnden
mangelnden Naturerkennens die Fiktionen von Gottheiten der
verschiedensten Art vorzusetzen, vom einzigen Gotte bis zu einem ganzen
Gtter- oder Heiligenhimmel, oft auf das tiefsinnigste und
gehaltreichste ausgedacht und mit unendlicher Liebe mystisch verklrt,
um welche Gottheiten sich die Drom-Menschen dann dauernd bis aufs Blut
uneinig waren.

Durch das ungeistige Wesen, das sie in ihrer Verblendung um die
Gottheiten herum inszenierten, schufen sie den Begriff von Gut und Bse,
und trieben durch Lehre und Beispiel sich selber gegenseitig immer von
neuem unwiderstehlich zum Schlechten.

Zwar gab es auch schon in jenen Urzeiten Menschen, die den Mut besaen,
diese Gottheiten als Erzeugnisse der menschlichen Phantasie zu erkennen,
als Produkte des menschlichen Bedrfnisses nach Anlehnung, Unterordnung,
Unfreiheit, nach bersinnlicher Mystik oder doch als die gedachte
transzendente Verlngerung einer zu kurzen sinnlichen Erkenntnis, als
die bequeme Erklrung scheinbar rtselhafter Vorgnge. Aber diese
wenigen Menschen wurden einerseits mit Ha und Abscheu oder wenigstens
mit Geringschtzung behandelt, anderseits taten sie sich auf ihre
Erkenntnis etwas Besonderes zugute, legten sich wissenschaftlich
klingende Namen bei und machten ein aufdringlich groes Wesen von sich.

Da in solch' barbarischem Getriebe die Kunst unbeirrt die herrlichsten
und kstlichsten Blten trieb, erscheint uns heute auf den ersten Blick
unverstndlich, erklrt sich aber aus der blutwarmen, unverbrauchten,
grenden Jugend des damaligen Menschengeschlechtes, als dessen reinste
Krfte die Knste aus dem Grunde des brodelnden Kessels gleich Gasblasen
durch alles siedende Aufwallen hindurch unverletzt zur Oberflche
aufstiegen.

Auch die Wissenschaft, soweit sie sich nicht zur Sklavin der Technik
machte, stand bereits inmitten vergleichsweise hoher Erkenntnisse. Von
dem Lebenswichtigsten allerdings, vom Menschen, wute sie wenig.

berhaupt kam der Mensch in dieser sonderbarsten und aufregendsten Zeit,
die der Drom je beschieden war, am schlechtesten weg.

Die immer mehr wachsende berfllung des Planeten, die sich hchst
unzweckmigerweise auf einigen ihrer Gebiete einstellte, whrend andere
frei blieben, schuf von selbst die Notwendigkeit der Einteilung und
Organisation der sich drngenden Menschheit.

Von jeher hatte in jenen Urzeiten eine merkwrdige Doppelschichtung
bestanden, deren Lagerungen sich in unregelmigen Perioden vernderten.

Auf der einen Seite war dies die ber die ganze Drom hinweggehende
wagerechte Schichtung in eine dnne obere Lage und eine dichte untere
Lage. Die obere Lage bestand aus den Besitzenden, die untere aus den
Besitzlosen. Geistiges hatte damit nichts zu tun. Es handelte sich
lediglich um das Materielle.

Dem stand auf der andern Seite die senkrechte Schichtung gegenber. Sie
teilte die Menschheit nach dem Ursprungsorte ihrer Sprachen und Stmme
und der geographischen Lage ihrer Wohnsitze in allerhand grere oder
kleinere Gemeinschaften, die sich Nationen nannten, meist
untereinander bitter verfeindet waren, und sich, wenn es irgend anging,
auf das heftigste und in jeder Art bekriegten. Die Kriege pflegten dann
die Grenzen der senkrechten Schichtungen ber ihre ursprngliche
sprachliche und geographische Lage mehr oder weniger weit hin und her zu
schieben, welche Verschiebungen immer neuen Anla zu weiteren Kriegen
gaben. Oft gar nahmen diese Verschiebungen einen solchen Umfang an, da
eine der Nationen das Gebiet der andern ganz bedeckte.

Gelegentlich einigte man sich in der Menschheit dahin, da die Kriege
von nun an aufhren, und alle einen groen Freundschaftsbund schlieen
sollten. Diese Einigung pflegte aber nur den Mchtigeren der senkrechten
Schichtungen zugute zu kommen, und zwar auch nur so lange, als diese
sich untereinander vertragen, ein Zustand, der selten lange anhielt.

Auch die groe wagerechte Doppelschichtung der Besitzenden und
Besitzlosen nderte oftmals ihre Lage zueinander. Dieser Wechsel war
stets von Kmpfen begleitet, die den Kriegen der Nationen an
Furchtbarkeit nicht nachstanden.

Die dichtere Lage der wagerechten Schichtung, die Besitzlosen, strebte
zudem dauernd danach, das System der senkrechten Schichtung in Nationen
berhaupt aufzuheben, weil dieses System ihrem Streben, die Oberhand zu
gewinnen, entgegenstand. Wenn tatschlich die sptere und lngere
Geschichte der Drom-Menschheit eine solche senkrechte Schichtung der
Nationen nicht mehr aufweist, und lediglich die Dichtkunst in Prosa und
Vers die schnen Ursprachen jener Epochen auf uns berbracht hat, so ist
das aber nicht als ein Erfolg der Schicht der Besitzlosen anzusprechen,
sondern lediglich die Wirkung der groen _Geisteszeit_, die einsetzte,
als mit dem Ende der Elektrizittszeit die Drom-Geschichte einen
Gipfelpunkt von goldener und blutroter Strahlung erreicht hatte, wie er
nicht hher und machtvoller, aber auch nicht wilder und furchtbarer
gedacht werden kann.

Ein gewaltiger, himmelragender Weltberg mu jener Gipfel gewesen sein,
umlagert von den groen, immer grenden und wechselnden
Menschheitsorganisationen.

Das Einzelstudium der Geschichte jener Drom-Zeit weist, wie mich Worde
lehrte, Organisationsformen der mannigfaltigsten Art auf.

Am verbreitetsten war gegen das Ende jener unseligen Zeit die sogenannte
Republik, in welcher Einrichtung stets eine (meist nur geringe) Mehrheit
der Minderheit die Gesetze vorschrieb, und in der es zuzugehen pflegte,
wie auf einer jener schnell rotierenden Drehscheiben, wie man sie frher
zur Volksbelustigung auf den Jahrmrkten vorfhrte. Auf ihnen hlt sich
immer, um nicht abgeschleudert zu werden, einer am andern fest. Nur
einigen wenigen aber gelingt es, in der Mitte der Scheibe so lange
festzusitzen, bis sie der Zug eines anderen, gleichfalls zur Mitte
Strebenden aus dem Gleichgewicht bringt und der tangentialen Wirkung der
Rotationskraft aussetzt.

Diese sogenannten Republiken gab es in allen Formaten und Spielarten.
Stets aber mute ein erheblicher Teil der Menschheit dem Willen des
andern Teils untertan sein, obwohl das Wort Untertan als in hohem Mae
beleidigend galt.

Auch Republiken mit schn drapierten Herrschern waren darunter. Diese
letzteren band man in der Mitte der Drehscheiben an fr sie
eingeschraubten goldenen Ringen bewegungslos fest.

Zeitweilig hatte sich auch eine ganz besondere Organisationsform
aufgetan, die leugnete eine Republik zu sein und von sich behauptete,
die Lsung der groen Menschheitsfrage bringen zu knnen.

In der Theorie war sie, das mu man ihr noch heute, nach langen
Jahrtausenden, zugestehen, schon vergleichsweise recht unbarbarisch
ausgedacht. Keiner sollte darin mehr bedeuten, mehr besitzen und mehr
Gewalt haben als der andere. Alle die trennenden und aufregenden
Schichtungen, sowohl die wagerechten in Besitzende und Besitzlose, wie
die senkrechten in Nationen, sollten damals schon, wie es heute ist,
aufgehoben werden.

Aber es blieb bei der Theorie, denn die Voraussetzung fr ihre
praktische Durchfhrung, die _Vergeistigung der Menschheit_, war in
jenem Menschheitszustande der Barbarei noch nicht erfllt.

Die Versuche zur Errichtung solcher Gemeinschaften waren
begreiflicherweise dazu verurteilt, am Materiellen kleben zu bleiben,
und erreichten nur, da das Individuum sich wie in einem gewaltigen,
alles nivellierenden Schafstalle vorkam, in dem keiner sich wohl fhlte,
jeder unfreier war als zuvor, und da sich neben und vor die reinen und
gutglubigen Grnder und Fhrer Unberufene, Eitle, Macht- und
Blutdrstige drngten, die der Menschheit das Leben zur Hlle machten.
Die Hauptsache aber, der oberhalb des geknebelten Individuums thronende
Staat, ohne den die ungeistige Menschheit jener Barbarenzeit eben
nicht bestehen konnte, blieb, wie sehr die Schpfer der Organisation
dies auch bestritten, unter anderem Namen nach wie vor am Leben.

Am wohlsten scheint sich nach den erhaltenen Inschriften und
schriftlichen berlieferungen die Menschheit noch in jenen seltenen
Ausnahmefllen befunden zu haben, wo ein durch ungewhnliche Gaben vor
seinen Mitmenschen ausgezeichneter Einzelner, getragen von dem Vertrauen
aller, diktatorisch an der Spitze der Organisation stand.

Aber auch die geringe Zahl dieser Einzelnen, von denen die Geschichte
wei, Fhrer im Geiste, blutgeborene Knige aus den Geschlechtern der
Urzeit, oder geistesgeborene Shne des Volkes, hatten unter dem
Barbarismus und dem niedrigen Kulturniveau ihrer Umwelt schwer zu
leiden.

Im ganzen betrachtet, bedeutete jede nderung der Organisationsform, so
hoch auch sie von ihren Anhngern als die endliche Erfllung der
ersehnten Freiheit gepriesen wurde und welcher Art sie auch gewesen sein
mochte, nichts als gnstigenfalls einen Gewinn fr die Gesellschaft auf
Kosten des Individuums.




Ich drang im Laufe unserer Abende in Worde, mich wissen zu lassen, wie
sich die Dromgeschichte nach dem Versinken jener gewaltigen
Elektrizittsepoche gestaltet habe.

Es wurde dem alten Gelehrten nicht leicht, sich mir verstndlich zu
machen. Meine Welt, unsere irdische Menschenwelt, war gegen jene der
Drom, das hatte ich inzwischen begriffen, um zahlreiche Jahrtausende in
der Entwickelung zurck, mir aber mangelte die Erfahrung jenes
gewaltigen Zeitunterschiedes.

Wiederholtes Geschehen gibt gleich addierten Zahlen eine Summe. Dies
wiederholte Geschehen findet im Rahmen der organischen Welt seinen
reichsten und letzten Ausdruck in der Vererbung. Da aber das hchste
Organ die menschliche Psyche ist, entstanden in der Entwickelung
ungezhlter Zeitrume, so klingt in unserm Bewutsein die Psyche aller
hinter uns versunkenen Jahrtausende mit.

Mir aber fehlten in der meinen eine Anzahl von Jahrtausenden, und zwar
gerade die letzten.

Der alte Gelehrte befand sich also mir gegenber in einer Lage, als ob
etwa auf unserer Erde jemand einen vielleicht aus der Steinzeit wieder
auferstandenen Mann, dem man unsere Sprache, soweit er sie zu begreifen
vermag, notdrftig beigebracht hat, die Entwickelung der letzten
Jahrtausende erklren will.

Es gelang aber doch Wordes feinem psychologischen Verstndnis, sich in
mein primitives Denkvermgen hineinzufinden und mir den weiteren Verlauf
der Dinge auf der Drom einigermaen begreiflich zu machen.

Alle diese Menschheitsorganisationen, fuhr er fort, haben also nur eines
erreicht: ihren eigenen Aufbau und Zerfall. Dem _einzelnen Menschen_
gaben sie wenig oder nichts. Im Gegenteil: je strker und machtvoller
die Organisation als solche dastand, um so weniger bedeutete darin der
einzelne Mensch, auf dessen Erhaltung, Freiheit, Wohlbefinden es jedoch
letzten Endes ja allein htte ankommen sollen.

Es hlt heute schwer, sich eine Vorstellung von einer Welt zu machen, in
der die Nahrungs- und Ordnungsorganisationen _oberhalb_ der einzelnen
Individuen standen, in der die Organe dieser Organisationen, deren
Versammlungen, Kommissionen, ja deren einzelne Beamtete berechtigt und
sogar verpflichtet waren, ber den Menschen zu bestimmen, Regeln fr
sein Verhalten aufzustellen, ihm Befehle zukommen zu lassen, ihm Verbote
zu erteilen, wie wir es unsern Haustieren gegenber zu tun pflegen.

Aber nicht nur diese wirtschaftlichen Verbnde, Staat, Gesellschaft,
Gemeinschaft oder wie immer sie sich nannten, bten eine Gewalt ber den
einzelnen Menschen aus, auch merkwrdige, irreale Begriffe der
verschiedensten Art hatte sich die Menschheit im Laufe der Jahrtausende
ihres Urzustandes selber ausgedacht, von denen sie sich in jedem ihrer
Schritte qulend beeinflussen lie.

Religion, Sitte, Moral und wie sonst sie diese selbstgeschaffenen
Begriffe nannten, die gleich unsichtbaren, nur in der naiven Phantasie
jener Menschen vorhandenen Gespenstern ihre Geieln ber ihnen
schwangen, sie mehr und mehr von der Natur und dem Selbstverstndlichen
fortfhrten, ihre psychischen Qualitten von Jahrhundert zu Jahrhundert
verschlechterten und unermeliches Elend ber die Menschheit brachten.

Es ist -- um nur eines davon zu nennen -- fr uns heute unbegreiflich,
welch' ungeheuerliches, frchterliches, dumm-geheimnisvolles Getue jene
Menschheit mit dem reinsten und schnsten Dinge des Lebens, der Erotik
anstellte! Die alte Geschichte lehrt, da auf keinem Gebiete
menschlicher Beziehungen mehr Unheil angestiftet wurde, als gerade hier.
Mehr noch als in allen anderen Angelegenheiten ihres Lebens machten sich
jene Menschen hier selber zu den armseligsten Sklaven. In
unbegreiflicher Selbstqual verkmmerten sie sich knstlich den schnsten
Ausdruck der Freiheit und des Lebens, den ihnen die Natur verliehen hat.

Es mu eine armselige, enge und dunkle Zeit gewesen sein inmitten aller
ihrer Wunderwerke eines einseitig und knstlich hochgetriebenen
Verstandes!

Das Hchste und Wertvollste an uns, unser Ich, die kstliche Freiheit,
das zu tun oder geschehen zu lassen, wozu uns unser Wunsch und unser
Wille treibt, von dieser Freiheit des Ich war in der Finsternis jener
frhen Tage des Menschengeschlechtes nichts zu finden.

Der lange Weg vom behaarten Menschentiere, das in den
Schachtelhalmwldern nach Nahrung suchte, zum heutigen geistigen
Menschentume fhrte durch eine gewaltige, de Wste, in der lediglich
die Kunst Oasen einer allerdings kstlichen Erfrischung schuf.

Wie lange doch hat es gedauert, bis man sich dazu verstand, alle die
unzhligen, phantastischen Selbstbeschrnkungen ber Bord zu werfen, zu
lernen auf den eigenen Fen seines eigenen Ich zu stehen und als
einziges Gesetz anzuerkennen:

Sei frei wie der Adler ber den Bergen, aber nicht auf Kosten eines
deiner Mitmenschen, deren jedem dein Handeln zu allen Stunden Vorbild
sein soll.

Um aber endlich die arme gemarterte und gefesselte Menschheit aus dem
Dunkel der Sklaverei ins Licht der wahren Freiheit zu fhren, bedurfte
es erst der grten Umwlzung aller Zeiten: der _Vergeistigung_.

Wer diese hchste Tat vollbrachte, wer das groe Menschenrtsel endlich
lste, diese Frage ist schwer zu beantworten.

Schon in der vor-elektrischen Maschinenzeit begann jene
Wissenschaft aufzukeimen, die man damals Psychologie nannte, eine
unbegreiflicherweise gering geschtzte Wissenschaft, der man gerne die
Wissenschaftlichkeit absprach, und die man zeitweilig sogar als
materialistisch mit Ha verfolgte.

Die Erkenntnis nmlich, da die Wahrheit, das Ding an sich, dem
Menschen bis in Ewigkeit verschlossen bleiben wird, da er seiner Umwelt
gegenber niemals aus der Menschenperspektive herauszutreten vermag, da
alles Denken und scheinbare Wissen nichts ist, denn eine Vorstellung,
diese Erkenntnis fhrte zu dem innigen Wunsche, wenigstens diese
Vorstellung zu bessern, zu veredeln, zu vergeistigen. Das Organ aber der
Vorstellung ist die Psyche. Ziel und letzte Forderung menschlichen
Strebens also ward die Beherrschung der Funktionen unserer Psyche.

Schon inmitten des frchterlichen Getriebes der Elektrizittszeit war
von einigen wenigen gelehrten und zugleich einsichtsvollen Mnnern
dieser Erkenntniskeim sorgfltig gehtet und gepflegt worden.

Man entdeckte dann in der Grohirnrinde den Sitz der Funktion des
bewuten Willens.

In jahrhundertelangem stillen Denken und lautlosem Experimentieren
gelang es dem immer grer werdenden Kreise der psychologischen
Forscher, denen auch die Biologen und die brigen Naturwissenschaftler
eifrig dienten, als erste Erkenntnisstufe die Funktion dieses Willens
derartig klar zu erfassen und in seinen einzelnen Elementen blozulegen,
da es darauf nur noch eines weiteren Schrittes bedurfte, um ihn seinem
Besitzer, dem Menschen, als Instrument in die Hand zu geben, dessen er
sich wie seiner brigen Organe, Augen und Ohren, Geruch und Geschmack,
ja wie seiner Glieder, nun willkrlich bedienen konnte.

Denn so unglaubwrdig es klingen mag, bis dahin hatte der Mensch seinen
Willen zwar besessen und sich seiner auch in gewissem Umfange bedient,
aber fast ausschlielich zu ueren Handlungen. Im Innern lag die
ungeheure Kraft des Willens brach.

Die Kenntnis der Funktion des inneren Willens nun endigte die
Elektrizittszeit, deren gewaltige Evolution die gesamte Drom-Menschheit
zu armseligen Sklaven gemacht hatte.

Ihm trat der berwinder entgegen, der einzelne Mensch, _das Ich des
Menschen_. In herrschend erhobener Hand schwang er das unbesiegbare
Schwert seines inneren Willens.

Nachdem der Mensch sich dergestalt auf sich selbst besonnen und sich von
der Materie zum Geiste gewandt hatte, war die erste grundlegende
Umformung, deren der neuerkannte Wille sich annahm, die Regelung der
Zeugung:

Das frei gewordene Weib ward unabhngig vom blinden Zufall. Der Wille
des Weibes bestimmte, ob der Akt der Zeugung, dem sie sich nun frei
hinzugeben vermochte, mit der Schaffung eines Menschen enden solle oder
nicht, und der Wille des Weibes bestimmte das Geschlecht des von ihm
gewollten Kindes.

Ein ungeheurer Rckgang der Geburten war die Folge. Mutter wurde nur das
Weib, das den innern Beruf dazu versprte. Die Zahl der Kinder richtete
sich nach der Fhigkeit der Mutter, sie zu erhalten.

Nachdem der Mensch ein Ich geworden und das hastende Gedrnge der
berfllung einer bequemen, weitlufigen Ruhe und inneren Sicherheit
Platz gemacht hatte, wurde das Weib auch von dem Manne frei, und erst
damit die wahre Mutter ihrer freien Kinder. Wo das Seelenband zerri,
hielt nichts mehr die Mutter beim Vater. Sie ward frei von ihm und er
von ihr. Nur der freie Wille bestimmte fortan das Verhltnis der
Geschlechter untereinander.

Das schnste Geschenk der Natur war von den Fesseln gelst, die
menschliche Beschrnktheit ihm angelegt hatte: der freie Liebesgenu!

Eine weitere Befreiung brachte der Instrument gewordene Wille: der
Mensch ward Herr der Krankheiten.

Wohl vermochte er nicht dem Tode als dem Beschlieer des Alters zu
gebieten, wohl konnte er nicht verhindern, da eine schwere Wunde
entstand, wenn eine unachtsame Sense das Bein traf, aber von dem
gewaltigen Heer der inneren Krankheiten verlor der grte Teil seine
Kraft.

Schon die Urmenschheit kannte den psychischen Einflu auf die inneren
Erkrankungen, aber sie wute ihn nicht zu meistern. Ratlos stand sie vor
Tatsachen, wie solchen, da nach einem schweren Schiffbruche alle
geretteten Kranken der Besatzung, auch die mit heftigem Fieber
behafteten, gesund waren und sich erst entsannen, berhaupt krank
gewesen zu sein, als die Erregung des Unglcksfalles schwand. Man sah
nicht, da hier, noch unbewut, der innere Wille die Krankheit beendet
hatte.

Kranksein ward ein Zustand, der von nun an nicht mehr periodisch durch
alle Menschenleben zog und in der addierenden Wirkung auf die Reihe der
sich folgenden Geschlechter die Menschenkrper verkmmerte und die
Psyche auf das ungnstigste beeinflute. Von einem gesunden Vater
gezeugt, von einer gesunden Mutter geboren, im Besitze eines alle seine
inneren Vorgnge beherrschenden Willens, blieb der Mensch frei von
hemmender Krankheit und nahm zu an Gre und Schnheit des Leibes. --

Eine neue Menschheit erstand, Abscheu und Grauen war in ihr vor allem
Knstlichen, vor alle dem barbarischen Werke ungeistig hochgezchteten
und berschrften Verstandes, aber auch vor den entsetzlichen
Menschenhufungen, die man Stdte genannt hatte, und die in Wahrheit
die Brutsttten aller Ungeistigkeit gewesen waren.

Keiner der fabelhaften Fhigkeiten der Vorzeit mehr bedurfte es, die
Menschen in ihren Bedrfnissen zu erhalten. Die Frucht des Feldes und
des Gartens gengte zu ihrer Ernhrung.

Das Wort Freiheit, mit dem die frheren Jahrtausende sich vergeblich
heiser geschrien hatten in brnstigem Verlangen, verlor sein Gewicht,
nachdem es geworden war wie die Luft: keiner kann ohne sie leben, aber
keiner ruft nach ihr, denn sie erfllt den Raum.

Niemand war des anderen Herr oder Knecht. Nur ein Herr noch galt unter
der Sonne: Ich!

Das Verhltnis der Menschen untereinander begann sich ganz natrlich
nach Neigung und Fhigkeiten zu regeln.

Wer das Bedrfnis versprte, als freier Mann oder als freies Weib in
Sold zu stehen, oder wer nicht die Fhigkeiten fhlte, auf eigenen Fen
in der Welt zu leben, trat in eines anderen Dienst, ohne da der andere
Gewalt ber ihn erlangte.

Die groen Menschheitsorganisationen, die Schichtungen, die wagerechten
der Besitzenden und Besitzlosen sowohl wie die senkrechten der Vlker,
lsten sich ineinander auf.

Die Menschen, weit auseinander hausend, schlossen sich zu freiwilligen
Wohnkreisen zusammen. Mnner und Frauen fanden sich, die gemeinsamen
wirtschaftlichen Dinge, wie Produktionsaustausch, Post, Hygiene und
hnliche Notwendigkeiten zu besorgen. Die Wissenschaft schuf sich selbst
ihre eigenen Institutionen.

Niemals wieder aber bekam die Organisation Gewalt ber irgendeinen der
Einzelmenschen. Sie hing nicht mehr ber den Kpfen der Organisierten,
sondern lag unter ihren Sohlen.

Morgenrte war aufgegangen am Menschheitshimmel. --

Aber noch stand nicht die Sonne letzten Friedens am Himmel. Noch immer
gab es Ruhestrer. Wenn auch ihre Zahl gering war, so bedurfte es doch
noch der Gesetze und ihrer Gter. Noch fehlten zwei Stufen zum vollen
Werke der Menschheits-Vergeistigung.

Jahrtausende des Suchens, Forschens und Erkennens lagen wieder zwischen
jeder dieser Stufen.

Die erste war die _Erkenntnis der Psyche des anderen_.

Die Arbeit begann mit der Blolegung der Funktionen des Denkens, welch'
letzterer Beschftigung man bisher wohl mit intensivster Hingabe, aber
doch ohne irgendeine Kenntnis ihrer Elemente obgelegen hatte.

Nachdem aber der Organismus der Denkttigkeit wissenschaftlich erkannt
war, gab man dem Menschen die Fhigkeit in die Hand, zwar noch nicht
sein eigenes Denken planmig zu erkennen und zu kontrollieren, aber das
jedes anderen Menschen bis in die letzten Zellenregungen zu beobachten.

Embryonale Anfnge zu solchem Erkennen anderer Menschen waren ja auch
schon den Alten bekannt gewesen. Liebesleute, Freundespaare, Mutter und
Kind und hnliche Menschenverbindungen, zwischen denen eine tiefe
Sympathie -- welches Wort fr einen unbekannten Begriff man einsetzte --
bestand, glaubten sich in vielen Dingen zu verstehen, ohne miteinander
zu sprechen. Von zwei Knstlern des Altertums erzhlt man, da sie den
Abend miteinander schweigend verbrachten und sich dann unter
gegenseitigen Worten des Dankes fr die schne Unterhaltung
verabschiedeten.

Aber erst die wissenschaftliche Aufdeckung der Psyche ermglichte es,
jedes beliebigen Menschen psychische Regungen zu erkennen, auf den man
sich einstellt.

Welche Wirkungen diese Fhigkeit, die im Laufe der Zeiten Gemeingut der
gesamten Menschheit wurde, ausbte, liegt auf der Hand: die Lge und die
Falschheit, die bsen Geister vieler Jahrtausende, schwanden aus der
Welt.

Da keiner dem andern mehr etwas verbergen konnte, so verkmmerte die
Neigung der Menschen zu Verstellung und Entstellung, die nach dem
Verlschen der Religionen ohnehin schon erheblich an Verbreitung
eingebt hatte, vollkommen. Nur bei Kindern, die ja die Phasen der
Menschheitsentwickelung im einzelnen Individuum erkennen lassen, findet
man noch Spuren davon.

An die Stelle der Lge trat das Schweigen.

Von einem Weisen aus der alten Geschichte hat sich das Wort erhalten:
Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.

Es war eine Freude geworden, mit Menschen zu leben.




ber die letzte Stufe der Menschheitsvergeistigung sprach Worde noch
nicht. Ich war ihm noch nicht reif genug.

In den Monaten dieser ersten Erkenntnisse, whrend derer unser ueres
Leben seinen unverndert ruhigen Gang weiter lief, nderte sich in
meinen Verhltnissen zu Irid nichts, als da meine Leidenschaft fr das
schne und merkwrdige Mdchen immer mehr wuchs und damit die Qual des
innigen Zusammenseins mit ihr.

Sie mied jeden Verkehr auerhalb des Hauses und wute auch den ganzen
Sommer ber ihre wenigen Bekannten von sich ferne zu halten, so da nur
die stumme Dienerin Okk, der Hund Turu und des Vormittags die Kinder um
uns waren. Selten kamen Geschftsleute, Mnner und Frauen, des
Hausstandes wegen, oder Eltern der Kinder. Ihnen blieb ich fern.

Mit den Kindern aber befreundete ich mich immer mehr.

Sie waren Geist von meinem Geiste. Mit ihnen sprach ich die gleiche
Sprache und dachte ich die gleichen Gedanken.

Ich glaube zwar, da sie manches Mal ber mich spotteten, wie Kinder ja
geistig Armen mitleidslos entgegenzutreten pflegen, aber sie
betrachteten mich doch als ihren Freund, mit dem sich gut schwatzen und
spielen lie.

Ich hatte mir in einem Kellerraume des Hauses eine kleine Werkstatt
eingerichtet, wo ich mit Material, das mir Irids Vater gtig lchelnd
beschaffte, allerhand technische Basteleien veranstaltete. Es tat meinem
angestrengten Geiste wohl, einige Stunden des Tages, whrend derer ich
mich manuell beschftigte, ausruhen zu knnen.

Ich baute kleine elektrische Apparate einfacher Art, wie primitive
Hausklingeln und hnliches. Mein grtes Werk aber war eine
Dampfmaschine, deren Hauptbestandteil ein mehrere Liter fassender Kessel
bildete, der eigentlich Destillationszwecken der Apotheken dienen
sollte. Im Anschlu an diese Leistung wagte ich mich gar an einen
kleinen Dynamo.

Die Arbeit machte mir Freude, und auch den Kindern bereiteten meine
Erzeugnisse viel Spa, whrend Worde und Irid sie belustigt als nichts
anderes betrachteten, denn als kindliche Spielereien, trotzdem ihnen der
Mechanismus meiner gut laufenden kleinen Maschinerien durchaus unbekannt
war und ihr Interesse htte erregen mssen.

Irid blieb zu mir nicht nur stets gleichmig freundlich, gtig und
warmherzig, sondern lie mich auch zu meiner Tortur stets weiterhin
fhlen, da ich ihr krperlich sehr sympathisch sei.

Sie lebte nach wie vor auf das engste mit mir, lie mit Wohlgefallen
meine Liebkosungen geschehen und erwiderte sie wohl gar. Gelegentlich
kte sie mich in Gegenwart ihres Vaters oder der Dienerin. Die
vollkommene Freiheit der Drom-Menschen untereinander lt nicht einmal
den Gedanken aufkommen, ber irgend etwas, das der andere tut, abfllig
zu urteilen. Nur sich selbst gegenber bestehen sie auf strengster
Kritik. Auf meiner Erde hatte ich das Gegenteil beobachtet.

Trotz Irids zrtlicher Freundschaft aber war, wie man begreifen wird,
mein Leben mit ihr ein hchst unvollkommenes. Nie gehrte sie mir ganz,
wie sie berhaupt noch keinem Manne gehrt hatte.

Sie erklrte mir, da sie sich erst mit dem Manne vereinigen wrde, mit
dem sie ein Kind zu zeugen gedchte.

Sie glaube bestimmt, da das aus einer allerersten Liebesvereinigung
hervorgegangene Kind hhere Lebensqualitten besitze, als ein anderes.
Die Auswahl des Mannes zu dieser Zeugung hielte sie fr die wichtigste
Aufgabe ihres Lebens.

Mir ward bei diesen sachlichen Auseinandersetzungen des jungen, gleich
einer reifen Traube schwellenden und vor Sinnenbegierde bebenden Weibes
unheimlich zumute. Sollte ich hier standhalten, mich namenlos qulen
lassen in meiner fast tollen Liebessehnsucht, und dabei, wartend bis
eines Tages jener andere kme, der Irid in seine Arme nehmen durfte,
gleich einem verzogenen Haustiere leben?

Ich war oft sehr verzweifelt und verwnschte das Los, das mich in diese
paradiesische Hlle gebracht hatte.

Ich beschlo, meine bewhrte, irdische, ungeistige Willenskraft wieder
zu ben, um mich zu gegebener Zeit von diesem Planeten fortzuheben.

Der Gedanke aber, Irid fr immer verlassen zu mssen, bereitete mir viel
Qual, und ich fhlte mich frs erste noch nicht bewogen, ihn
auszufhren, zumal ich noch nicht das Letzte ber die Geschichte der
Drom-Menschheit erfahren hatte.

Dies sollte erst im Beginne des Winters, der mit kstlichem Schneefalle
eingesetzt hatte, geschehen.

Eines Abends, als wir beim Weine am Kaminfeuer saen, fand Worde die
Anknpfung an den abgerissenen Faden seines Berichtes.




Die dritte Stufe der groen Evolution der Psyche, begann der alte
Gelehrte, die alleine erst die Menschen unserer Drom endgltig zu dem
machte, was sie heute sind, brachte zugleich die Erfllung eines uralten
Wunsches der Menschheit, eines Wunsches, der fast so alt ist als sie
selbst.

Die berlieferung der Urgeschichte berichtet von einem mystischen Hause,
das die Menschen zu Ehren ihrer alten Gtter errichtet hatten, und ber
dessen Eingange das Wort gestanden habe: _Erkenne dich selbst!_

Aber ebenso stark, wie sich die Sehnsucht nach dieser letzten Erkenntnis
regte, ebenso schwer war die Ausfhrung.

Wie sollte der Mensch sich selber erkennen, nachdem er noch nicht einmal
die Vorstufen der Erkenntnis des Willens und der Erkenntnis der Psyche
anderer erklommen hatte? Dann erst bedurfte es jahrhundertelanger Arbeit
der nach Zahl der Mitarbeiter und Qualitt des Denkens immer gewaltiger
angewachsenen Wissenschaft, um das schwerste aller Rtsel zu lsen.

Atom fr Atom wurde in unendlicher Mhe die Wahrheit zutage gefrdert,
bis endlich das so hei und innig Ersehnte offen dalag.

Der gedankliche Apparat der Psyche war bis in seine letzten geistigen
Fasern blogelegt, wie man einst das Grohirn seziert hatte. Man konnte
nun die Schlsse ziehen, und die Anwendung der Menschheit applizieren.

Die Fhigkeit des Selbsterkennens ist in den letzten Zeitepochen
derartig ausgebildet und zum angeborenen, allgemeinen Besitztum der
geistig nur halbwegs hher Organisierten geworden, da nur noch Kinder
und Halbidioten sich nicht in demselben Umfange selber zu erkennen
vermgen, wie man in die Psyche seines Nebenmenschen schaut.

So wie ich wei, was in diesem Augenblicke in deinen und Irids letzten
Gedanken vorgeht, so wei ich -- den Alten mchte das wunderbar
erscheinen -- wie es in meinem eigenen Innern ausschaut.

Ja, es bedarf nur einer gewissen geringen Anstrengung der besonderen
Funktion meines Hirns, um mich rein krperlich, physisch, auer mir
selber zu sehen und zu hren.

So sehe ich jetzt hier, mir gegenber, den alten Worde auf einem Stuhle
sitzen, mit einigen Handbewegungen ber lngst selbstverstndlich
gewordene Dinge sprechen, und allmhlich mde werden. Auf dein Wohl,
alter Zwillingsbruder! Du sollst noch einige Jahre leben, dann aber
frhlich schlafen gehen!

Der Alte schmunzelte belustigt und stie gleichsam mit sich selber an.
Irid und ich muten, so unheimlich auch mich die Angelegenheit anmutete,
lachen. Wir nahmen unsere Glser und ein allgemeines, ganz irdisches und
heimatliches Anklingen ertnte.

Ich fragte Irid, ob auch sie sich so auerhalb ihrer selbst zu sehen
vermchte. Sie erklrte mir lachend, da schon die Kinder das mit der
Sprache ganz von selber lernen. Nur die Tiere nicht. Turu, der Hund,
kann sich nicht selbst erkennen.

Und -- -- --? warf ich leise ein. Und nicht mein Freund Markus.

Dabei nahm sie meinen Kopf in ihre Hnde und kte mich lachend.

Worde aber schenkte neuen Wein ein, legte sich behaglich zurck und fuhr
fort zu berichten:

Whrend die Menschheit frherer Zeitepochen sich vom Tier lediglich
durch die sogenannte Vernunft unterschied, hat sie durch die
Vergeistigung vermge der Beherrschung der Funktionen des inneren
Willens, der Erkenntnis anderer und endlich der Erkenntnis ihrer selbst
einen solchen Grad von Erhebung ber jenen Urzustand erlangt, da es
schwer hlt an eine noch weitere Entwickelung zu glauben.

Und doch steht uns ohne Zweifel eine solche noch bevor. Denn, wenn auch
scheinbar all' unser ganzes Wesen mehr und mehr von der Materie
unabhngig geworden ist, so hat doch eines sich durch alle Zeiten und
Wandlungen unverndert erhalten: der Zeugungstrieb. In ihm sind wir noch
dem Tiere gleich, so sehr wir auch diese Urkraft schon differenziert zu
haben glauben.

Aber schon jetzt ist die Wissenschaft zu bemerkenswerten Feststellungen
ber die Elemente dieses ersten, letzten und strksten Antriebes zum
Leben gekommen, so da fr knftige Jahrhunderte auch hier Entdeckungen
bevorzustehen scheinen, die geeignet sein konnten, die Vergeistigung
auch auf die geheimnisvollen Bezirke der Erotik auszudehnen.

Wenn es dann zum Gemeingut aller geworden sein wird, die
Geschlechtsliebe, vom Krperlichen getrennt, nur im Seelischen zu
erleben, dann ist die breite Treppe zum Katafalk der Menschheit
erstiegen.

Die alte Drom aber wird bei der Totenfeier keine Trnen weinen. Sie hat
einst Jahrmillionen die Sonne umkreist, ohne da Menschen auf ihrer
Rinde nisteten. Sie wird dann weitere Jahrmillionen ohne diese Mitfahrer
ihre Kreise ziehen, bis einmal das Feuer der Sonne erloschen ist, und
damit im Sonnenbereiche auch der letzte Rest von organischem Leben,
oder, bis die Katastrophe eines kosmischen Zusammenstoes ein schnelles
Ende macht.

Ob nach der Menschheit andere organische Wesen als kleine Dromgtter auf
ihrer Kruste schmarotzen werden, ob dies vielleicht schon vor der
Menschenepoche der Fall war, wir knnen es nicht wissen.

Was heit berhaupt wissen? Es heit nur annehmen, glauben. Die
Wahrheit erfahren wir ja nie, eben weil wir, auch in unserer grten
zeitlichen Gesamtheit, nichts sind als aus Gnaden fr ein
Viertelstndchen Mitgenommene auf der Reise ber jene lange
Weltenstrae, die von der Unendlichkeit ber das Reich und die Kraft und
die Herrlichkeit hinberfhrt zur Ewigkeit.

Geschlecht folgt auf Geschlecht, so lange noch ein Grashalm wchst. Das
Menschengeschlecht ist nur eines von vielen.

Es heit da wenig, ein alter Mensch sein oder ein junger. Es heit da,
Markus, ebenso wenig, einer alten Epoche entstammen oder einer jungen.

Wir, Irid und ich, wir sind alte Menschen. Unsere Zeit ist der Abend.

Wir sind vor dir, der du im Morgen stehst, voraus kraft der Erbschaft
der Jahrtausende, die das Alter unserer Planetenmenschheit von dem der
deinen trennt.

Die ungeistige Zeit des Barbarismus, jene kochende, grende, glhende,
vernichtende, selbstschtige und genugeile Zeit der Maschinen, der
Elektrizitt und aller der uns Alten lcherlich und spielerisch
erscheinenden Undinge ist verklungen.

Aber das war der Morgen! Es war die vollsaftige, heibltige, glubige,
sehnende und irrende _Jugend der Menschheit_!

Sollen wir uns freuen, da schon Abend ist? Ich wei es nicht. Aber ich
wei, da wir uns nicht berheben sollen! Jedes Ding steht fr sich.
Jeder Mensch steht fr sich. Jede Zeit steht fr sich. Ist das Alter
mehr als die Jugend?

Markus, die Jugend soll leben! Markus der Barbar, Markus der Wilde soll
leben!

Worde hob lchelnd sein Glas. Irid aber sah mir in die Augen, und ich
wute, da sie mein sein wrde.




Arm in Arm, wie immer, waren Irid und ich durch die weie Nacht nach
Hause gegangen.

Zum ersten Male seit ich bei ihr lebte, begann das Gefhl jener
Inferioritt, das bisher wie eine Mauer zwischen meiner und ihrer Seele
gestanden hatte, zu weichen.

Die Gedanken des Alten hatten mir einen Teil meines Selbstgefhls
wiedergegeben. Es stieg in mir auf, da ich die psychische berlegenheit
Irids, die sie ja nur der Erbschaft ihrer langen Ahnenreihe verdankte,
zu hoch eingeschtzt habe, und ich ward mir wieder eines bewut, das
mich frher nie verlassen hatte: meiner Mannheit.

Irids Gedanken schienen einen hnlichen Pfad zu wandeln. Mir war, als
schritte nicht mehr die Herrin neben mir, die meinen Arm nur als Sttze
brauchte und mich als ungefhrliches Spielzeug, vielmehr hing ein junges
Weib schwer an mir: Sie lie sich fhren statt mich zu leiten.

Als wir in unserm Hause anlangten, fanden wir die Halle noch warm. Ich
warf einige Scheite in die verglimmende Glut, und Irid blies sie an. Es
war keine Verabredung, da wir, unserer Gewohnheit entgegen, nach der
Rckkehr vom Hause des Vaters noch nicht unsere Schlafzimmer aufsuchten.

Wir entledigten uns unserer Oberkleider und setzten uns nebeneinander
nieder.

Meine tastende Hand fhlte, wie das Herz des Mdchens laut schlug. Meine
Finger umspannten die tief atmende junge Brust und mein Mund suchte den
ihren.

Zum ersten Male wich sie mir aus, nahm meine Hnde in die ihren und
sagte: Hre, Markus!

Sie nannte selten meinen Namen, dessen Aussprache ihr fremd war. Ich
aber hrte kein Wort lieber von ihr.

Und nun begann sie zu sprechen. Lebhafter, wortreicher als sonst flo
ihre Sprache, und der Ton klang anders denn bisher.

Anders auch war ihre Haltung. Es deuchte mich, als she sie zu mir
empor, und in ihren Worten war Respekt, ja etwas wie eine ferne Furcht.

Sie begann von der Zeit zu erzhlen, da ich noch nicht bei ihr gewesen
war.

Sie sei von Mnnern viel besucht worden. Da ihr ja nichts verborgen
blieb, so habe sie auch gewut, da alle diese Mnner sie begehrten.

Oft habe sie eine heie Lust gehabt, dem Begehren, zumal des einen,
nachzugeben. Es sei ihr unendlich schwer geworden zu widerstehen. Und
doch habe sie die Kraft aufgebracht, ihrem Vorsatze, sich erst mit dem
Manne zu vereinigen, der der Vater ihres einzigen Kindes werden solle,
treu zu bleiben.

Es hatte ihr aber keiner gengen knnen.

Alle seien sie weise, ruhig, schweigsam, von letzter Selbstzucht
gewesen, gleich jeglichen Menschen ihrer Welt und gleich ihr selbst. Sie
wute, sie htte mit jedem von ihnen einen schnen, harmonischen und
ruhigen Menschen gezeugt.

Ein starkes inneres Gefhl, wohl atavistischer Herkunft, jedoch drngte
sie zu anderem. Das Bewutsein von der alternden Menschheit war in ihr,
und ein heftiges Sehnen nach Jugend stieg in ihr auf.

Sie konnte sich keine Rechenschaft darber abgeben, welch' einer Jugend
dies Sehnen galt, denn die Mnner, die schweigend um sie warben, waren
jung, stark und schn, aber im Gefhl war es vorhanden, und so schritt
sie ihre Pfade mit sehnenden Sinnen und suchte den Mann der Jugend, dem
allein sie ihre reiche Liebe schenken wollte.

Im vergangenen Frhsommer, nach der Schlaflosigkeit erotisch-heier
Stunden, war sie in der schwindenden Nacht hinuntergeschritten zum See.
Dort hatte sie sich niedergesetzt, und ihr Blick war zu den Sternen
hinaufgegangen und fand in jener Spirale feinen Nebels die andere Welt.

In der heien Phantasie der glhenden, liebesehnenden Erregung sah sie
dort einen andern Planeten mit Mnnern von ungebndigt junger Kraft,
Mnnern von Blut und Feuer, laut, lrmend, fordernd, gebietend, Mnnern,
die statt schweigenden Mitfhlens die Geiel schwangen ber dem sich
widersetzenden Weibe.

Eine erotische Ekstase sei ber sie gekommen. Sie habe einen bestimmten
Mann gesehen, nackt, barbarisch, sie begehrend. Alle ihre Kraft, all ihr
Denken und Wollen und all ihr sinnliches Fhlen habe sich in wonnevoller
Konzentration auf ihn gerichtet.

In diesem paroxystischen Zustande habe sie lange Zeit verharrt. Er habe
auch angehalten, als das Licht der Sterne verlosch; und wie sie fhlte,
da die Sonne sich erhob hinter ihr, habe sie gewut, da jetzt der Mann
kommen msse.

Mit ausgebreiteten Armen, einer Trunkenen gleich, sei sie dem See
zugeschritten, und als der Mann dem Wasser entstieg, nackt, wie ihre
innere Glut ihn gesehen hatte, wre die Kraft in ihr zusammengebrochen,
und fassungslos, zum ersten Male in ihrem Leben, sei sie in die Knie
gesunken.

Nie bisher hatte sie ber den Tag meiner Ankunft gesprochen. Stets war
sie abgebogen, wenn etwa einmal die Rede darauf kommen wollte in unsern
knappen Gesprchen. Jetzt flossen ihre Worte mir zu, gleich einem lange
eingedmmten Strome.

Sie habe mich geliebt, schon ehe sie mich sah. Ihr Wunsch, ihr eigener
Wille htte mich ihr zugetragen. Ihre erotische Kraft habe mich geboren.
Ich sei ihr Geschpf. Aber gerade dieses Bewutsein wieder habe sich wie
ein kalter Ring um ihre Leidenschaft gelegt.

Dann, als sie sah, da mir alle die selbstverstndlichen Eigenschaften
mangelten, die in ihren Augen den Menschen vom hheren Tiere schieden,
als sie sah, da ich schwatzhaft war und spielerisch gleich den Kindern,
eitel und ohne Selbstzucht gleich den Tieren, da ich Torheiten sprach
und tricht handelte, ohne es zu bemerken, da sie die strksten
Gedanken haben konnte vor mir, ohne da ich eine Spur davon empfand, vor
allem aber als sie sah, wie ich wie ein Haustier um sie war, abhngig
von ihren Gedanken und ohne Freiheit vor ihr und vor mir selbst, als sie
alles dieses sah und fhlte, sei der Zweifel in ihr aufgestiegen an mir,
an der kstlichen Vision jenes Morgens und an ihr selbst.

Wohl glaube sie mich zu lieben. Wohl zgen sie ihre Sinne zu mir -- nie
habe sie mir das verborgen -- aber nicht vermchte sie es sich mit mir
zu vereinigen.

Erschpft und mit Trnen in den Augen erhob sie sich, wehrte meinen
Worten und wehrte mir, ihr zu folgen.

Ich aber wute, da sie noch in dieser Stunde mein sein wrde.




Im hohen Triumphe dieses Gefhls reckte ich mich und geno das erste
Kraftbewutsein unter diesen Menschen.

Was bedeutete mir jetzt noch berlegenheit des Geistes! Was berhaupt
Vergeistigung! Was bedeutete das vor der Kraft meiner Arme und vor
meinem Willen zum Besitze!

Ich liebe dieses Weib, und packe ich sie mit meinen Armen, dann soll sie
mein sein durch Himmel und Hlle, durch Leben und Tod!

Ich habe mich dpieren lassen von den Jahrtausenden! Was sind
Jahrtausende?! Der alte, weise Worde hat es gesagt: Ein Viertelstndchen
auf der groen Weltenreise. Was bedeutet eine Viertelstunde frher oder
spter?! Der Augenblick ist alles!

Ich sprang die Treppe hinauf. Ich ri den Vorhang zur Seite von Irids
Schlafzimmer.

Fast entkleidet stand sie vor mir in ihrer herrlichen Jungfrulichkeit.

Abwehrend hob sie die Arme. Ich sprang ins Zimmer.

Sie floh in eine Ecke. Mit angstvoller Stimme, wie ich sie bisher nie
gehrt hatte, rief sie: Ich frchte mich! Ihre Lippen zitterten.

Ich sprang auf sie zu. Ich griff hart mit beiden Hnden nach ihrem
Leibe. Der letzte Rest der Kleidung blieb in Fetzen zwischen meinen
Fingern.

Da schrie sie wie in Todesangst laut auf: Markus!

Der Schrei vergellte in der Einsamkeit der Winternacht.

Mit meinen Hnden hob ich sie jh empor, hoch ber meinen Kopf.

Das Schreien und Struben ihrer starken Jugend war umsonst: in ihrem
Bette lag sie in meinen Armen.

Keine Mauer mehr gab es nun zwischen Markus und Irid!

Ein schwaches Weib wand sich wimmernd in der hchsten Stunde ihres
Lebens unter meiner Kraft.




Als die Wintersonne aufstieg ber dem Schnee, erwachte ich aus tiefem
Traum. In meinen Armen schlief Irid.

Ihr reiches, blondes Haar lag wirr ber dem zerstrten Bett, aber ihre
Brust atmete ruhig.

Als sie unter meiner leisen Liebkosung die Augen aufschlug, fiel ein
unendlich rhrender Blick ser, ergebener Weiblichkeit auf mich, und
ihre Lippen flsterten meinen Namen. --

ber jedes menschliche Begreifen reiche und kstliche Monate folgten
dieser Nacht.

Jeder beginnende Tag ward uns zum Ereignis, und jede neue Nacht
bescherte uns neue Kostbarkeiten.

Unsere Liebe ward uns zu einem Borne, den auszuschpfen uns nie
verliehen zu sein deuchte.

Alles was die Welt an Groem und Schnem geschaffen und besessen in den
Jahrtausenden, schien uns winzig gegen die berquellende Flle unserer
immer wachsenden Leidenschaft.

Ein Hauch dieses sen Mundes war mir mehr als alle Weisheit des
alternden Menschengeschlechtes, inmitten dessen ich lebte als eine neu
aufgesprossene Jugend.

Die Frucht, die unserem Bunde entsprieen sollte, dnkte uns der Keim zu
einem Rinascimento der Menschheit. --

Seit jener ersten Nacht war Irids geistige berlegenheit gewichen. Der
Strkere war jetzt ich. Was ihr bisher an mir barbarisch geschienen
hatte, ward ihr nur lieb und wert.

Ihre Sprache flo von Tag zu Tag leichter. Es machte ihr Freude, zu
sprechen. Immer mehr schwand die angeborene Neigung zum nur inneren
Verarbeiten ihrer Gedanken.

Ich begann, sie meine eigene Sprache zu lehren. Sie begriff sie
berraschend schnell, und bald redeten wir ein lustiges Kauderwelsch
ihrer hochentwickelten Gedankensprache, von der ich ja nur weniges
beherrschte, und meiner primitiven Wortsprache, in die sie sich mit
Inbrunst immer tiefer hineinlebte.

Auch meine einfache Art zu denken begann ihr gelufig zu werden. Sie
verga es bald, ihre Gedanken zu Begriffskomplexen zusammenzuballen, und
erlernte die einfache Urform des logischen Denkens ihrer Vorfahren mit
seiner bersichtlichen Gliederung in Ursache und Wirkung.

Ich fand, da es offenbar leicht fllt, in der Erbreihe rckwrts
schreitend, zu den primitiven Gewohnheiten einer lngst versunkenen
Vergangenheit zurckzukehren, whrend es unendlich viel schwerer ist,
einen Sprung nach vorwrts zu machen.

Mein Verhltnis zu Irid hatte sich dergestalt gendert, da nicht mehr
ich zu ihr, das Krperliche zum Vergeistigten, hinaufschritt, sondern
sie zu mir hinab, in halb unbewuter Preisgabe ihrer berlegenen
Fhigkeiten.

Da diese reziproken Bewegungen in gewissem Umfange auch einen Ausgleich
unserer persnlichen Qualitten verursachten, war fr uns beide ein
Gewinn, und das allmhlich aufkommende Bewutsein dessen ein hohes
Glck. --

In eigenartiger Weise vernderte sich Irids Fhigkeit als Kinderlehrerin
durch ihr Verhltnis zu mir.

Ich stellte fest, da durch ihr Fortschreiten in der primitiven Denkart
und der einfachen Logik meiner Urwelt ihre Fhigkeit, sich den Kindern
mitzuteilen und von diesen verstanden zu werden, immer mehr wuchs: sie
ward selber ein Kind, redete wie ein Kind und hatte kindliche
Anschlge.

Es war eine Freude, zu sehen, wie sie sich immer mehr den Kindern
seelisch nherte und diese zu ihr heranwuchsen, und wie in seltener
Weise Lehrer und Schler sich zu einem Gemeinsamen zusammenschlossen.




Aber gerade der Kinderunterricht sollte fr Irid den ersten Anla zu
Kummer geben: Es begann sich herauszustellen, da sie nicht mehr das
Interesse und vor allem auch nicht die psychische Kraft aufzubringen
vermochte, die Kinder fernerhin in derselben vergeistigten Weise und in
denselben Dingen zu unterrichten, die Zeit und Umwelt von ihr forderten.

Auch in ihrem Verhltnis zum Vater, der bisher allem mit tiefem
Verstndnis gefolgt war, begann sich manches zu trben. Ihr Bedrfnis
nach Mitteilung gegen ihn war geringer geworden, dagegen hatte, was dem
Alten unendlich banal vorkommen mute, sich ein Hang zur mndlichen
Aussprache, in seinem Sinne zur Schwatzhaftigkeit, eingestellt.

Ferner -- es mochte wohl der Ausflu einer Art von bsem Gewissen sein
-- bemhte sie sich, ihr Herabsteigen zu mir vor ihrem Vater zu
verbergen, welcher Rckfall in die barbarische Gewohnheit der
Verstellung diesen auf das schmerzlichste bewegte.

Das Bedenklichste aber war, da Irid nicht nur die Freiheit ihres
eigenen Denkens aufgegeben hatte und sich als einen Teil von mir fhlte,
in demselben Mae meine Hrige, als vor unserer Vereinigung ich der ihre
gewesen war, sondern vor allem, da sie auch aufhrte, diese persnliche
Freiheit als das unter allen Umstnden allein menschenwrdige zu
betrachten.

Sie stand nicht an, zu erklren, da der barbarische Zustand der
Urzeiten, in welchem das Weib im geliebten Manne zu einer kstlichen
zweisamen Einheit von Seele und Leib ganz aufzugehen vermchte, das
Hhere und Edlere sei.

Irid war zur Barbarin geworden!

Als mir das Verstndnis aufging fr die Konflikte, die sich mit
unbedingter Notwendigkeit hieraus ergeben muten, war es schon zu spt.
Im brigen htte ich doch nicht vermocht ein Naturereignis aufzuhalten.

Ich bemhte mich nun wie in der ersten Zeit unseres Beieinanderseins,
mich Irids frherem Denken und Sprechen wieder zu nhern. Ich drang
darauf, da sie meine Unterrichtung in ihrer Sprache mit grerer
Intensitt betriebe. Ich fand auch groe Freude daran, mich in der
schweren Schriftsprache ihrer spten Welt unterrichten zu lassen.

Diese Schriftsprache ist eine Synthese von Buchstaben- und
Zeichenschrift. Konkrete Dinge werden wesentlich in Buchstabenschrift
gegeben, abstrakte dagegen, Haupt- wie Zeitwrter, in Zeichenschrift,
und zwar dergestalt, da man in einer geistvollen und inhaltsreichen
Weise die Zeichen der einzelnen Grundelemente zu neuen Gruppenzeichen,
die dann die auszudrckenden Begriffe ergeben, vereinigt.

So kann man sich, um ein Beispiel zu geben, das gesprochene Wort Liebe
auf die mannigfaltigste Weise geschrieben denken, je nach der seelischen
oder vielleicht auch rein krperlichen Art der bestimmten Liebe, von
der die Rede sein soll:

Will man etwa von der ersten keuschen Liebe eines knabenhaften Jnglings
zu einem noch halb kindlichen Mdchen sprechen, so vereinigt man in
gewisser Weise, je nach Geschmack, Phantasie und Absicht, vielleicht die
Zeichen fr Knospe, Herz, Sonnenaufgang und Liebessehnsucht zu einem
neuen synthetischen Zeichen. Oder aber man will eine rein erotische,
ohne seelische Beteiligung stattfindende, lediglich geschlechtliche
Liebe ausdrcken, so finden sich Zeichen mehr anatomischer Genesis zu
einem Gesamtbegriff zusammen.

Man sieht, da diese Art des Schreibens sich stark der
kollektivistischen Denk- und Ausdrucksmethode der Drom-Menschen nhert.

Aber so sehr mir auch die Beschftigung mit dieser Schrift Freude
bereitete, und je mehr ich darin fortschritt, Irids Interesse neigte
sich immer mehr und mehr dem Primitiven zu.

Der innere seelische Grund hierzu lag natrlich letzten Endes in ihrer
Liebe zu mir, die alles, was mit mir zusammenhing, in besonders
gnstigem Lichte erscheinen lie.

Aber es schien mir doch, als ob auch eine gewisse, schon im Untergrunde,
ihr selbst nicht bewut, vorhanden gewesene bersttigung durch die
Leidenschaft fr mich nur geweckt worden wre.

Ich hatte hnliche Beobachtungen mehr genereller Art von Rckfall in die
Neigung zum Primitiven als Folge der bersttigung schon auf meiner Erde
gemacht.




Eines Umstandes will ich noch Erwhnung tun, der sehr wesentlich dazu
beitrug, Irid mir seelisch zu nhern. Das war die Beschftigung mit der
Kunst, fr die wir beide eine gleich tiefe Neigung empfanden.

Es hatte sich die merkwrdige Tatsache ergeben, da in diesen Bezirken
menschlicher Geistesbettigung der Unterschied unserer Betrachtungsarten
keineswegs so gro war, als es nach der Differenz unseres Gattungsalters
htte vermutet werden mssen.

Je lnger nmlich ich auf der Drom lebte, um so mehr war ich zu der
Erkenntnis gelangt, da die allgemeine Vergeistigung der Kunst nicht zum
Gewinn gereicht hatte.

Es schien mir vielmehr unwiderleglich, da die Menschheitsjugend, der ja
auch ich angehrte, mit ihrer ursprnglichen, barbarischen Frische und
Naivitt der Kunst einen weit fruchtbareren Boden bereitet hatte, als
das vergeistigte Alter es vermochte.

Das Wesen der Vergeistigung ist Trennung von der Materie. Fr die Kunst
bedeutet das Loslsung von der empirischen Natur.

Ich will nun keineswegs bestreiten, da die Kunst der Drom in ihrer
Naturbefreiung nicht auch Bedeutendes und Groes geleistet habe. Ich
sah, um nur eines zu erwhnen, auf ffentlichen Pltzen gigantische,
buntfarbige Glasflsse, hochragend gleich Kathedralen, deren Eindruck zu
dem Gewaltigsten gehrt, das man sich zu denken vermag. Man setzte sie,
um Taten des Geistes, die der Menschheit Dienste geleistet hatten, zu
ehren.

Aber doch hat die Scheu, sich wieder dem Vorbilde der Natur zu nhern,
im Laufe der letzten Zeitepoche geradezu zu einem Sterben der Kunst
gefhrt.

Die Malerei, nicht mehr imstande Landschaften, Bildnisse oder andere
gegenstndliche Dinge der Erfahrungswelt zu gestalten, erschpfte sich
in immer neuen abstrakten Farben- und Linienkompositionen von derartig
vergeistigtem Wesen, da zuletzt eine glatte Flche von einfarbigem
Blau, Rot, Gelb, Grn oder Wei dem ermdeten Auge eine Wohltat dnkte.

Als dann gar die Erkenntnis aufkam, da der Regenbogen der Atmosphre an
abstrakter Farbengebung jegliches Menschenwerk weit hinter sich lt,
war das Ende der Tafelmalerei erreicht.

Der Maler kehrte zurck zur Urform seiner Kunst: Er bestrich die Huser
und die Gerte mit schnen Farben, und versah sie, in abgeklrtem
Geschmacke, mit knappen, einprgsamen Zieraten.

Dem Plastiker, dem sein Schnstes, das Spiel mit dem Menschen- und
Tierleibe, genommen war, fand keinen vollen Ersatz im Errichten
abstrakter, phantastischer Formengebilde oder im Erfinden schner, edler
Proportionen. Auch seine Kunst senkte sich dem Abend zu.

Die Gengsamkeit, die weise Selbstbeschrnkung und die dnne Verbreitung
der alternden Menschheit nahm auch dem Architekten die jugendliche
Freude am Werke seines Geistes. Allerdings gehrten die kleinen Huser
und die einfachen Gebude der Manufakturen, an denen fast ausschlielich
er seine Kunst bettigen konnte, in dem rhythmischen Gleichma ihrer
Verhltnisse zu dem Wohltuendsten, das ich je gesehen habe.

Am meisten hatte an ursprnglicher Frische und Gestaltungskraft die
Dichtkunst eingebt.

Die Formung des nur Geistigen widerstrebt der Dichtkunst. Die Abneigung
gegen die Gestaltung der menschlichen Beziehungen hatte zu einer nur
aphoristisch-philosophischen Dichtart gefhrt, die zwar tiefer und
letzter Weisheit voll war, aber dennoch nicht einmal den Anspruch des
Erstmaligen erheben konnte, denn schon aus den Uranfngen der
berlieferten Literatur sind philosophische Dichtwerke hchster und
letzter Potenz auf uns gekommen, die niemals berboten werden konnten.

Die Schauspielkunst, die all' ihr Lebensblut aus der Menschengestaltung
sog, war schon lngst nicht mehr. Schon die Vergeistigung der Materie,
des Krperlichen, hatte ihr schweres, unheilbares Siechtum gebracht. Als
aber gar die Lge und die Verstellung aus der Welt schieden, deren edle
und schne Seite sie ihr Leben lang den sonst nur gemein und bsartig
betrogenen Menschen gezeigt hatte, legte auch sie sich aufs Sterbelager.

Die _Musik_ aber lebte ber Raum und Zeit!

In ihren edelsten Formen schon von jeher frei von der Materie, schwebte
sie krperlos und ohne Beziehung zu Krpern durch den Raum als der
Schpfung erster, letzter und reinster Ausdruck.

Musik war, als der Urmensch im Dreitakt an den hohlen Baum schlug, als
das Krescendo des Trommelwirbels der Wilden an den Nerven ri, Musik
war, als die Trompeten der Barbaren schmetterten auf den
Schlachtfeldern, als die Pauken und Posaunen drhnten ber dem lodernden
Katafalk des Helden. Musik war, als die armen kleinen Kantoren auf den
wurmstichigen Orgelbnken ihren Gott lobten in vierstimmigen Stzen von
solch' himmlischer Seligkeit, da der Gott klein ward vor der Gre der
bescheidenen Musikanten.

Der erste Strahl des Lichtes, das die Welt durchflo, war Rhythmus
seiner Wellen. Harmonie ist der Donnergang des Kosmos. Rhythmus und
Harmonie sind die Musik der Welten. Musik war im Anbeginn und Musik wird
sein von Ewigkeit zu Ewigkeit.




Je mehr Irid in mir aufging, je mehr sich ihre Seele in die meine
verkroch und ihr Leib von dem meinen lebte, um so mehr schlo sie sich
von der Auenwelt ab. Sogar ihre Dienerin Okk wollte sie entlassen, und
nahm nur auf mein nachdrckliches Abraten davon Abstand.

Dabei wurden ihr Krper, ihr Antlitz, der Ausdruck ihrer Augen immer
herrlicher und lockender.

Seit sie Muttergefhle zu verspren glaubte, schien sie neu zur Welt
gekommen. Ihre Stimme, die wie Silber geklungen hatte, war die einer
geheimnisvoll lutenden Glocke geworden. Ihre Schritte, jede ihrer
Bewegungen waren Verheiungen, und ein Duft von sinnlichem, blhendem,
schwellendem Leben ging aus von ihrem weien Krper. Ich atmete
Seligkeiten.

Unsere Wnsche kannten keine Steigerung mehr. --

Nicht da ihr Vater sie wegen ihrer Sinnesnderung getadelt htte. Dazu
war der Begriff der persnlichen Freiheit zu tief eingewurzelt in jener
Welt.

Aber er verstand zum ersten Male seine Tochter nicht mehr, und da diese
jetzt in einer andern Welt lebte, so verstrkte sich das Miverstehen
von Tag zu Tag.

Unsere Besuche beim alten Worde wurden seltener, und auch er entschlo
sich nicht mehr so leicht als frher in unser Haus zu kommen.

Und noch ein Anderes ereignete sich: Vasen Ott stellte sich wieder ein.

Vasen Ott, von dem ich, da auch ich ihn bisher nur aus den Erzhlungen
meiner Freunde kannte, noch nicht berichtet habe, war eine Erscheinung
aus Irids Leben vor meiner Zeit. Ein groer Mensch von schlanker Gestalt
und mit tiefdunkeln, trumerischen Augen.

Er hatte gleichfalls den Ehrgeiz gehabt, Kinderlehrer zu werden, konnte
aber die Qualifikation dazu nicht erwerben, und war in die Laufbahn der
Beamteten des Wohnkreises bergetreten, zu welcher Ttigkeit seine
Eigenschaften ausreichten. Seit einiger Zeit stand er an der Spitze der
Beamteten und galt als umsichtiger und zuverlssiger Verwalter der
allgemeinen und ffentlichen Angelegenheiten.

Er kannte Irid von Jahren gemeinsamen Studiums her und liebte sie seit
langem. In der Zahl der Mnner, die um sie geworden hatten, war er
derjenige gewesen, der ihre Sympathien am meisten besa. Mehrere Male
glaubte sie dicht davor gewesen zu sein, seinem stillen, wortlosen
Verlangen nachzugeben. Aber immer hatten sie jene Gedanken, von denen
ich jetzt wute, abgehalten, ihm ihre Liebe zuzuwenden.

Vasen Ott zog sich schlielich enttuscht von ihr zurck, und eine
andere Frau wurde dann spter die Seine. Die beiderseitige Liebe hatte
aber nicht lnger als zwei Jahre vorgehalten und, jetzt, da er wieder
allein lebte, wandte sich sein Begehren abermals Irid zu.

Er begann mit Besuchen bei Worde, der, als einer der ltesten des
Wohnkreises, ohnehin in ffentlichen Geschften mit ihm, als dem ersten
Angestellten, manches zu tun hatte.

Von Worde erst erfuhr Vasen Ott ber das merkwrdige Auftreten des vom
Himmel gefallenen Wilden in Irids Hause.

Da die Barbaren-Erfindung der Zeitungen seit undenklichen Zeiten nicht
mehr bestand, und man sich auch sonst grundstzlich niemals
unaufgefordert um die Angelegenheiten seiner Mitmenschen kmmerte, so
war es, was nach irdischen Begriffen unwahrscheinlich erscheinen mte,
durchaus mglich, da ich jahrelang htte bei Irid wohnen knnen, ohne
da Leute, die mich nicht persnlich kennenlernten, berhaupt etwas von
mir erfuhren. Irgendeine Registrierung der Einwohner, anders als
lediglich nach der Kopfzahl, stand den Angestellten der Wohnkreise nicht
zu.

Vasen Ott erfuhr von Worde, da es ja zwischen jenen Menschen keine
Geheimnisse gibt, da Irid von dem Wilden ein Kind erwarte.

Weit davon entfernt, Irid, deren vollkommenste Freiheit ihm ebenso
heilig war, wie die jedes anderen seiner Mitmenschen, dieserhalb zu
zrnen, erschrak er doch heftig und beschlo, um ihr Schicksal, zumal in
seelischer Hinsicht, besorgt, sie aufzusuchen.

Eines Nachmittags trat er bei uns ein. Irid empfing ihn mit freundlicher
Begrung und stellte mich als ihren Gefhrten vor.

Vasen Ott, der schon wute, da man sich mit mir lediglich in der
Kindersprache verstndigen knne, fragte Irid vorsichtig, ob es mglich
sei, den Wilden jetzt zu entfernen. Er wolle mit ihr allein sprechen.

Irid wurde rot, aber bat mich, der ich ihre kurze Unterhaltung nur halb
verstanden hatte, sie mit dem Gaste allein zu lassen. Dabei kte sie
mich. Ich ging hinaus.

Nach einiger Zeit sah ich von einem Fenster aus den schnen Mann
davongehen und zwar bewegte er sich mit in diesem Lande des gemessenen
Benehmens ungewhnlich hastigen Schritten. In der Gartenpforte drehte er
sich noch einmal nach dem Hause um, und in seinen vorher so stillen
Rehaugen war ein ungewhnliches Leben.

Da hrte ich schon Irids Schritte drauen. Ich eilte ihr entgegen, und
zu meinem ernsten Erstaunen warf sie sich, wie ein Kind weinend und
schluchzend, an meine Schulter.

Ohne da sie ein Wort sagte, wute ich, der Mann habe sie beleidigt.
Meine schnelle Frage besttigte es mir.

Ein ganz irdischer, hchst ungeistiger Zorn stieg in mir auf. Da der
unverschmte Kerl die Entfernung des Wilden verlangt hatte, war schon,
nicht so sehr meinetwegen als Irids halber, die ihn als ihren Gefhrten
vorgestellt hatte, ein starkes Stck gewesen. Es hatte mich schon einige
Mhe gekostet, davon Abstand zu nehmen, den feinen jungen Herren
kurzerhand vor die Tr zu befrdern.

Jetzt aber kochte es in mir einigermaen ber. Ich strzte, die
erschrockene Irid verlassend, hinauf, ergriff in der Tr meinen dort
hngenden derben Wanderstock, rief meinen Freund Turu, den Hund, und
dann liefen wir beide den Weg entlang, auf dem dieser traumugige
Heilige davongegangen war.

Schon auf dem Waldwege bekam ich ihn in Sicht. Ich hetzte Turu, der,
glcklich ber die wilde Jagd, bellend an mir hochsprang, hinter ihm
her.

Der kluge Hund, der ohnehin der Unterredung der beiden beigewohnt und
gewi gefhlt hatte, da Irid den Mann nicht im Guten entlie, fegte nun
mit wtenden Stzen vor mir her.

Vasen Ott, die wilde Jagd hinter sich herkommen hrend, blieb
gravittisch stehen.

Der groe Hund sprang ihm mit bsem Geheul an der Schulter hoch, und
stand, ihm seinen Hundeatem ins Gesicht blasend, bis ich heran war.

Dann tat ich, was mir mein Zorn gebot, nmlich den vergeistigten Herren
ganz irdisch und barbarisch zu verprgeln, bei welcher seinen Instinkten
angenehmen Beschftigung Turu sich durch Vernichtung eines sehr
wichtigen Teiles der Vasen Ottschen Kleidung beteiligte.

Ein Heldenstck ist diese Tat allerdings, trotzdem der Mann mir an Gre
mindestens glich, auch einen Handstock trug, nicht gewesen, denn einmal
war er berrumpelt worden, vor allem aber ist unter den geistigen
Menschen jener Welt jegliche Gewalt, und sei es auch nur im Spiel der
Kinder, in solchem Mae verpnt, da man auf Erden schon einen
kompletten Menschen totschlagen mu, um sich ein solches Ma von
Mibilligung zuzuziehen, wie die alternde Menschheit der Drom sie dem
zuteil werden liee, der es unternhme, einen Menschen im Zorn auch nur
am Rockkragen zu fassen.

Vasen Ott, der Traumugige, hatte also nicht die geringste bung in
solchen Lebenslagen, und konnte gewi auch, trotz Turus aggressiven
Benehmens, eine derartige Handlungsweise von mir nicht vermutet haben.

Aber da es sich ja fr mich keineswegs darum gehandelt hatte, in
ritterlichem Kampfe meine Krfte mit dem Strenfriede zu messen, sondern
vielmehr ausschlielich ihn fr die Beleidigung, die er Irid zugefgt
hatte, zu zchtigen, so kehrte ich befriedigt und im angenehmen
Bewutsein des erreichten Zweckes mit Turu nach Hause zurck.

Als ich Irid berichtete, was sich zugetragen hatte, war diese anfangs
namenlos entsetzt, fand sich aber doch berraschend schnell in die
Situation.

Fr meine Handlungsweise an sich konnte sie zwar das volle, irdische
Verstndnis kaum ganz aufbringen, aber was ich tat, war in ihren Augen
gut, und trotz aller Vergeistigung durch Jahrtausende alte Kultur, die
uns trennte, schien doch ein Fnkchen jenes menschlichen Urgefhls der
Rache fr erlittene Unbill in ihr verblieben zu sein, das sich jetzt mit
Genugtuung meldete.




Da Vasen Ott ein ffentlicher Angestellter war und sogar als deren
erster auch nur vorbergehend schwer zu ersetzen, so konnte es nicht
verborgen bleiben, als er arg verblut einige Tage seiner Ttigkeit fern
sein mute.

Nun gibt es auf der Drom keine Gesetze mehr, die den einzelnen zu
treffen vermchten. Es war also nicht mglich, mich nach irdischen
Begriffen fr meine Tat zu strafen.

Dafr aber pflegte in den beraus seltenen Fllen, da ein Mensch einem
anderen Ungemach zugefgt hatte, und dieser vor den ltesten des
Wohnkreises Klage erhob, ein alter Gebrauch angewandt zu werden: die
ffentliche Bekanntmachung der Tat und des Namens des Tters in den
Versammlungen der Einwohner. Eine andere Folge trat nicht ein.

Aber schon diese zwangsweise Preisgabe des Namens an die ffentliche
Beurteilung wird als ein demtigend tiefer Eingriff in die persnliche
Freiheit empfunden. Da sonst niemals, auch nicht in Gedanken, ein Mensch
ber einen anderen irgend ein tadelndes Urteil fllt, in diesem
besonderen Falle aber Alle zur Kritik aufgefordert werden, so ist das
eine Ungeheuerlichkeit.

Man kann sich, aufgewachsen in den unzhligen und nie endenden
Beschrnkungen des unfreien Menschen unserer Erde, schwer eine
Vorstellung von dem Wesen vollkommenster, auch gedanklicher, Freiheit
machen, das jener Menschheit so viel spterer Jahrtausende zur
selbstverstndlichen Gewohnheit geworden ist. --

In der nchsten Versammlung der Kreisinsassen ward mein Name und meine
Tat bekanntgegeben. Seit mehreren Jahrzehnten war Derartiges nicht mehr
erfolgt.

Worde, wie berichtet, selber einer der ltesten des Kreises, war, obwohl
natrlich der Name seiner Tochter nicht genannt wurde, tief betrbt,
mehr aber ber den Ausbruch tierischer Wildheit des Geliebten seiner
Tochter als ber die krnkende Strafe.




Fr Irid war dieses Ereignis nur der Anla, sich noch mehr als bisher
von der Auenwelt abzuschlieen und sich ganz auf mich zurckzuziehen.

In das hohe Glck unserer zweisamen Tage aber mischte sich drckend das
Bewutsein des Dualismus in Irids Seele.

Sie stand zwischen zwei Welten. Ihre Vergangenheit, die unendliche Reihe
ihrer Vorfahren, die Erbschaft von Jahrtausenden, hielt sie fest in der
Welt ihrer Geburt. Ihr inneres Wollen aber, ihr warmes Sehnen, ihr
ganzes starkes Ich, das als die hchste Macht und das einzige Gesetz zu
betrachten sie mit ihrer gesamten Mitwelt gewohnt war, zog sie zu der
jungen, barbarischen Menschheitsstufe des geliebten Mannes.

Dazu kam noch, da ihr schner Lehrerberuf sie in ernste seelische
Verlegenheiten brachte, seit sie innerlich dem Barbarismus zuneigte.

Die grte Sorge aber bereitete ihr der Knabe, den sie in nicht mehr
dreiviertel Jahren zu gebren hoffte.

Empfangen in einer Stunde heiester Wildheit, so meinte sie jetzt,
gezeugt von einem Vater von, wie sie whnte, urmenschlich quellender
Jugendkraft, mute die Zwiespltigkeit des Gefhls, wie es jetzt sie
erfllte, in ihm dereinst zur Tat erstehen, und statt eines Erneuerers
der alternden Menschheit msse er, wie sie nun in Stunden seelischer
Depression vermeinte, an ihr zum Verbrecher werden. --

Eines Abends, nachdem sie den Tag nachdenklich verbracht hatte,
veranlate sie mich, mit ihr an den See hinunter zu gehen.

An der Stelle, wo wir voreinander gekniet hatten bei meiner Ankunft,
hatte ich eine Bank errichtet.

Hier lieen wir uns nieder, und Irid begann mit dringenden Worten die
Forderung an mich zu richten, in meine Welt zurckzukehren und sie mit
mir zu nehmen, auf da sie dort ihres Knaben genesen, ihn unter Menschen
seines eigenen Blutes aufziehen und mit mir leben knne im Rhythmus und
in den Gedanken meiner Welt.

Ich hielt ihr die Gefahren der furchtbaren kosmischen Reise entgegen,
die Unsicherheit der Ankunft, und die Mglichkeit, da dort drben
vielleicht bittere Enttuschungen ihrer warten mchten.

Sie aber blieb fest in ihren Bitten. Was ihr Wohlbefinden in jener Welt
betrfe, so knne es nirgends grer sein als da, wo ich wre, und wenn
wir unser Ziel nicht erreichen sollten, im ther zerstben oder an
Weltkrpern zerschellten, so wrde es uns gemeinsam treffen und ein
schner Tod sein, denn mit ihren Haaren wolle sie uns aneinander
fesseln. --

An diesem Abend beschlossen wir von dannen zu gehen, sobald sich der Tag
meiner Ankunft gejhrt habe.




Noch etwa eine Woche hatten wir vor uns. Irid nutzte sie, um in der
Stille ihre Angelegenheiten zu ordnen. Unter heien Trnen schrieb sie
einen Abschiedsbrief an den geliebten Vater. Auch ich fgte Worte des
innigsten Dankes hinzu.

Die letzten Tage, nachdem sie alles erledigt hatte, lebte sie wie in
einer Art von Ekstase. Ihre Augen leuchteten in innerer Glut, ihre Fe
schienen, wenn sie schritt, kaum den Boden zu berhren, und ihr Mund,
der so mitteilsam gewordene, war wieder verstummt und flsterte nur noch
meinen Namen. --

Am Abend vor der Nacht unsres Fortgehens trat sie nackt in mein Zimmer.
Wie ein goldschimmernder Mantel lag ihr Haar um das Wei ihres
herrlichen, makellosen Krpers.

Gleich einer Priesterin breitete sie die Arme aus, und ihre Augen waren
wie die Verheiung des Paradieses.

Ich kniete vor ihr und kte ihren Leib.

Als die Nacht halb vorber war, schritten wir, noch trunken von Wollust,
nackt hinunter zum See, wo ich ein Lager bereitet hatte.

Irid flocht ihr Haar in schwere Zpfe. Wir legten uns nieder, verbanden
uns durch Irids Zpfe, umschlangen uns fest und blickten, all' unser
Inneres auf den einen Gedanken unsres Ziels richtend, hinauf zu dem
winzigen Nebel, in dem meine Erde kreiste.

Gleich einem einzigen Krper und einem einzigen Gedanken lagen wir
ineinander gefgt in einer nie gefhlten Flle sinnlichen Vergehens.

Als der Himmel sich rtete, war mir, als ob mein Krper sich zu
erleichtern begnne. Fester umschlangen meine Arme den zitternden Leib
meines jungen Weibes, dessen Mund im Paroxysmus den meinen suchte.

Das Klingen, Harfenschwirren hub an, ein tiefer Orgelton erfllte die
Luft, und als die ersten Sonnenstrahlen ber den Wald huschten, war die
Verbindung mit dem Lager gelst:

Ich schwebte frei empor und -- durch die Wollust der Ekstase hindurch
fhlte ich die Freude ber den Erfolg -- Irid blieb fest in meinen
Armen.

Ihr Atem flo hei ber mein Gesicht. In allem Brausen der beginnenden
Transfiguration vernahm ich deutlich das se Wimmern ihres Mundes, wie
sie meinen Namen stammelte. Dann schwand mir das Bewutsein.




Auch heute, lange einsame Jahre nach den Ereignissen, deren Schilderung
ich hier qualvoll niederschreibe, Jahre, da kein Tag versank, an dem
nicht diese Stunden mir nahe waren, auch heute noch mu ich mich
zwingen, den tiefen Schmerz meiner Seele zu bannen, um in sachlicher
Folge zu berichten, was nun geschah:

Als mein Bewutsein zurckkehrte, war das erste, dessen ich gewahr
wurde, ein furchtbarer krperlicher Schmerz. Aber ich fhlte dennoch,
da Irid noch in meinen Armen war. Ich vermochte die Augen aufzuschlagen
und sah uns auf felsigem Untergrunde halb im Wasser liegen. Irids Augen
waren geschlossen. Mich deuchte, da ihr Mund, wie im Traume, lchelte.

Einige Menschen umstanden uns, und ich hrte Stimmen. Dann schwanden mir
wieder die Sinne. --

Zum anderen Male erwachte ich im Helldunkel eines engen Raumes.
Beizender Rauch zog mir in die Nase. Wieder fhlte ich schwere Schmerzen
in Kopf und Gliedern.

Vor mir sa ein altes Weib mit schwarzem, strhnigem Haar und rotgelben,
faltigen Zgen. Alte, verbrauchte Decken waren ber mich gelegt.

Das Weib sprang, da sie mich die Augen ffnen sah, hoch, kreischte,
anscheinend freudig erregt, auf, und begann eilig mir irgendwelche
Nahrung einzuflen. Bei dieser Prozedur fiel ich wieder in Ohnmacht.

Als ich abermals erwachte, war Nacht umher. Ich vermochte vor Schmerzen
kaum meine Gedanken zu sammeln, griff aber doch um mich, um Irid zu
fassen. Ich fand sie nicht und rief ihren Namen. Ein Sthnen nur mag es
gewesen sein.

Jemand in meiner Nhe rhrte sich, und eine grunzende Mnnerstimme lie
sich vernehmen. Dann wieder erlste mich die barmherzige
Bewutlosigkeit.

So bin ich tagelang zwischen Leben und Gestorbensein hin und her gezogen
worden, bis eines Morgens mein Zustand sich so weit gebessert hatte, da
mir nicht sofort nach dem Erwachen wieder die Sinne schwanden.

Ich stellte fest, da ich in einer armseligen Htte lag. Um mich war
eine Familie von rotbraunen, halb nackten Menschen kaum mittelgroer
Gestalt, die sich hilfsbereit um mich bemhten.

Von Irid war nichts zu sehen. Ich begann nach ihr zu fragen. Man schien
mich nicht zu verstehen.

Ich wurde in meiner Angst unruhig. Ich rief laut Irids Namen.

Man gebot mir, durch Zeichen, zu schweigen und ruhig zu liegen.

Die jngere aber der beiden Frauen schien zu ahnen, was ich wolle. Sie
machte eine Bewegung mit den rundgeformten Hnden vor ihrem mageren
Krper, als ob sie volle Brste fasse, hob dann die Hand ber ihren
Kopf, wie um krperliche Gre anzudeuten, zuckte wie bedauernd mit den
Achseln und wies nach drauen. Es war mglich, da sie Irid meinte, die
also auerhalb der Htte sei. --

Noch viele Tage war meine Kraft zu schwach und der Schmerz in Kopf und
Krper zu heftig, als da ich vermocht htte, irgend etwas in der
Richtung meines Wunsches zu tun.

Dann aber, nachdem ich durch das bewundernswert liebevolle Verhalten der
unbekannten, gastlichen Httenbewohner, die mir kstliche Frchte
brachten, Bananen, Orangen, auch gekochte Fische und eine schne braune
Kakaosuppe, einigermaen wieder zu Krften gekommen war, fhrten mich
die beiden Mnner der Familie, halb mich tragend, hinaus.

Es war eine tropische Vegetation um mich, ich blickte ber ein felsiges
Flutal, und in der Nhe rauschte stark ein Wasserfall.

Sie setzten mich auf einer Bank vor der Htte nieder, neben welcher ein
Fischernetz zum Trocknen hing.

So sa ich in der warmen Sonne, noch nackt, wie sie mich gefunden
hatten. Zum Schutze gegen die Strahlung legten sie mir eine Decke um und
setzten einen Basthut auf meinen Kopf.

Von Irid vermochte ich nichts zu erfahren. In Zeichen gegebenen Fragen
wich man aus oder verstand sie nicht. Ich verging fast vor Qual.

Spter, wieder in der Htte, fand ich ein Stck alter Zeitung, in
spanischer Sprache geschrieben und in Porto Cabello gedruckt, welchen
Ort ich nicht kannte, ihn aber der Umstnde wegen richtig im nrdlichen
Sdamerika whnte.

Nach einigen weiteren Tagen war ich, trotz noch erheblicher Schmerzen,
so weit wieder hergestellt, da ich unter Hilfeleistung der Mnner
einige Schritte gehen konnte.

Als ich nun mit Hilfe spanischer Brocken, deren ich mich jetzt entsann,
dringlicher als bisher nach meinem Weibe fragte, wechselten die Mnner
ernste Blicke, nahmen mich unter die Arme, fhrten mich in eine zwischen
der Htte und dem Flutale liegende kleine Orangenwaldung und wiesen auf
einen frisch aufgeworfenen Hgel von Erde und Steinen.




Die Urkraft meines starken Krpers klage ich an.

Ich klage sie der berwindung des schweren Siechtums an, in das ich
zurckfiel.

Ich klage sie des Fortschrittes meiner Genesung an, whrend derer ich in
stummer Dumpfheit auf dem Grabe sa, bis das brutale Mu des Lebens, der
Zwang, meinem Leibe durch eigene Arbeit Nahrung zu verschaffen, mich zu
dem machte, als der ich dieses niederschreibe.




                     L. Staackmann Verlag, Leipzig

                          Rudolf Hans Bartsch

                               Heidentum

                   Die Geschichte eines Vereinsamten

                Einbandzeichnung von Alfred Keller-Wien

                              40. Tausend
                 Geheftet M. 14.-- :: Pappband M. 20.--
                            Leinen M. 22.50

   Schubert und Stifter sind zugleich in dieser Naturphilosophie,
   die ein gttliches Heidentum aufrichtet aus tiefster Andacht vor
   allem Lebendigen. Das Ethos und seine innigbeseelte Melodie
   klingt zeugend und rein aus diesem gefhlsstarken Buch an die
   Seelen, die der Andacht ihre Tore ffnen.

                                             Das literarische Echo.


                     L. Staackmann Verlag, Leipzig

                            Robert Hohlbaum

                              Unsterbliche

                                Novellen

           Umschlag und Buchschmuck von K. Alex. Wilke, Wien

                               5. Tausend
                   Geheftet M. 6.--, gebunden M. 9.--

   Aus den zahlreichen glnzenden Pressestimmen:

   Ein Buch der Liebe und des Mitleidens. Die Arbeit eines
   knstlerisch erlebenden Menschen ber die groen Dichter unseres
   Volkes.

                                                 Reclams Universum.

   Es sind durchweg Kunstwerke von einer erstaunlichen Innigkeit
   der Einfhlung in die Zeiten sowohl, als auch in die
   grundverschiedensten Charaktere. Die Gre und seelische Wucht
   der einzelnen Helden wird weder theatralisch aufgeputzt, noch
   aber auch sentimental verbrgerlicht.

                                               Die Lese, Stuttgart.


                     L. Staackmann Verlag, Leipzig

                              Marx Mller

                              Die Spieluhr

                    Gedichte und Spiele (1892-1919)

                 Einbandzeichnung v. Kurt Mller-Fernau

                   Geheftet M. 7.50, gebunden M. 9.50

   Marx Mller -- selbst ein ausgezeichneter und mitreiender
   Sprecher -- hat in seiner Spieluhr auf Grund langjhriger
   Erfahrungen alles zusammengestellt, was sich aus seinen eigenen
   und den von ihm bertragenen Dichtungen als besonders
   wirkungsvoll auf den Leser und Hrer erwies. Das Buch umfat also
   nicht nur Gedichte des Heimatlandes und Spiele in
   mittelalterlicher deutscher Art, sondern bringt auch eine groe
   Auswahl aus malayischen Mythen, aus den Lagerliedern Rudyard
   Kiplings, aus altjapanischen Spielen und aus schnen Legenden.
   Der Geschmack des Knstlers hat dafr gesorgt, da nur das Beste
   sowohl an gemtreichen als auch humorvollen Dichtungen vertreten
   ist.


                     L. Staackmann Verlag, Leipzig

                               A. De Nora

                               Die Rcher

                    Novelle aus der Revolutionszeit

            Einbandzeichnung von Professor Hugo Steiner-Prag

                               5. Tausend
                            Pappband M. 7.--

   Eines der wild-heiesten Bcher seit langer Zeit. Nur ein kurzer
   Abri aus der Zeit der Pariser Schreckensherrschaft, als der
   gefrigen Madame Guillotine tglich hunderte von Kpfen des
   franzsischen Adels zum Opfer fielen.

                                                Berliner Tageblatt.


Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
nderungen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 87]:
   ... Wo in dem kosmetischen Gewimmel mochte ...
   ... Wo in dem kosmischen Gewimmel mochte ...






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works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
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without further opportunities to fix the problem.

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
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LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
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unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
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trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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