The Project Gutenberg EBook of Smtliche Werke 5-6: Die Dmonen, by 
Fjodor Michailowitsch Dostojewski

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Title: Smtliche Werke 5-6: Die Dmonen

Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Contributor: Dmitri Mereschkowski

Editor: Arthur Moeller van den Bruck

Translator: E. K. Rahsin

Release Date: April 23, 2020 [EBook #61906]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMTLICHE WERKE 5-6: DIE DMONEN ***




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                   F. M. Dostojewski: Smtliche Werke

            Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
                herausgegeben von Moeller van den Bruck

                      bertragen von E. K. Rahsin


               Erste Abteilung: Fnfter und sechster Band


                           F. M. Dostojewski




                              Die Dmonen


                                 Roman


                     R. Piper & Co. Verlag, Mnchen


                  R. Piper & Co. Verlag, Mnchen, 1921
                          11. bis 20. Tausend


                   Copyright 1921 by R. Piper & Co.,
                           Verlag in Mnchen.


                               ............

             >Herr, wir haben in dem Dunkel
             uns verirrt. Was tun wir nun?
             Jede Wegspur ist verloren!
             Teufel haben ganz gewi
             uns hier auserkoren, --
             zerren jetzt und drehen uns
             mit Dmonenmacht
             wohl zickzack im Kreis herum,
             in dem Schneesturm und der Nacht.

                               ............

             Wieviel sind's? Wohin die Hetze?
             Und was singen sie im Trab?
             Feiern sie heut Hexenhochzeit?
             Oder tanzen sie ums Grab,
             das sie grad' dem Hausgeist graben?<

                               ............

                                              _A. Puschkin._

          Es war aber daselbst eine groe Herde Sue an der
          Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, da er
          ihnen erlaubte, in dieselben zu fahren. Und er
          erlaubte ihnen.

          Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen, und
          fuhren in die Sue; und die Herde strzte sich vom
          Abhange in den See, und ersoffen.

          Da aber die Hirten sahen, was da geschah, flohen
          sie, und verkndigten's in der Stadt und in den
          Drfern. Da gingen sie hinaus, zu sehen, was da
          geschehen war, und kamen zu Jesu, und fanden den
          Menschen, von welchem die Teufel ausgefahren waren,
          sitzend zu den Fen Jesu, bekleidet und
          vernnftig, und erschraken.

          Und die es gesehen hatten, verkndigten's ihnen,
          wie der Besessene war gesund worden.

                            Evangel. Luk, Kap. VIII, 32--37
                          (nach der bersetzung von Luther).




                                 Inhalt


                                                                   Seite
   Dostojewski, der Nihilismus und die Revolution. Von M. v. d.       IX
      B.
   Vorbemerkung                                                    XXIII
   Personen-Verzeichnis                                             XXXI

    1.  Kapitel: Statt einer Einleitung: einiges Ausfhrliche aus      1
           der Biographie des wohlachtbaren Stepan
           Trophimowitsch Werchowenski
    2.  Kapitel: Prinz Heinz. Die Brautwerbung                        59
    3.  Kapitel: Fremde Snden                                       110
    4.  Kapitel: Die Hinkende                                        175
    5.  Kapitel: Die allwissende Schlange                          229
    6.  Kapitel: Die Nacht                                           304
    7.  Kapitel: Die Nacht (Fortsetzung)                             384
    8.  Kapitel: Das Duell                                           426
    9.  Kapitel: Alle in Erwartung                                   446
   10.  Kapitel: Vor dem Fest                                        485
   11.  Kapitel: Pjotr Stepanowitsch in Ttigkeit                    521
   12.  Kapitel: Bei den Unsrigen                                    595
   13.  Kapitel: Zarewitsch Iwan                                     636
   14.  Kapitel: Wie Stepan Trophimowitsch beschlagnahmt wurde       654
   15.  Kapitel: Die Flibustier. Der verhngnisvolle Morgen          670
   16.  Kapitel: Die Matinee                                         709
   17.  Kapitel: Das Ende des Festes                                 760
   18.  Kapitel: Ein beendeter Roman                                 813
   19.  Kapitel: Der letzte Beschlu                                 847
   20.  Kapitel: Die Reisende                                        887
   21.  Kapitel: Die mhevolle Nacht                                 940
   22.  Kapitel: Stepan Trophimowitschs letzte Reise                 995
   23.  Kapitel: Der Schlu                                         1052

    1.  Anhang: Material zum Roman Die Dmonen. Aus den           1073
           Notizbchern F. M. Dostojewskis
    2.  Anhang: Bruchstck aus einem bisher unverffentlichten      1121
           Kapitel des Romans Die Dmonen
   Anmerkung                                                        1139




            Dostojewski, der Nihilismus und die Revolution.


Der Keim des Nihilismus lag bereits im Sektenwesen. Die Raskolniki haben
zuerst durch das russische Volk eine revolutionre Stimmung getragen und
religisen Aufruhr verbreitet. Weil der Russe rechtglubig bleiben
wollte, wurde er altglubig, um andersglubig und schlielich unglubig
zu werden. Der Raskol war ursprnglich ein Kampf des Volkes um seine
einzige Bildung: die geistliche. Es war ein Kampf um das Wenige, das
Arme im Geiste besaen, die an Vorstellungen nicht rhren lassen
wollten, in die sie sich durch Jahrhunderte eingewhnt hatten: an
Ritual, Legende und Text. Es war ein Kampf, der zu keiner Reformation
fhrte, sondern zum Schisma, und schlielich zur Hresie. Aber in diesem
Kampfe standen Beschrnkte wie Besessene, und standen wild bis zum
Fanatismus. Das Ende der Zeiten, das tausendjhrige Reich, der
Antichrist auf Erden wurde von ihnen erwartet. Schon hier wird die
Verbindung von Apokalypse und Nihilismus, aber auch Konservativismus
deutlich, die in allen russischen Revolutionen irgendwie wiederkehrt.

Der religise Nihilismus wurde allmhlich zum politischen Nihilismus.
Als Peter erschien und um weltlicher Reformen willen die Kirche dem
Staate unterwarf, da sah man den Antichrist auch in ihm, dem Zaren. Ja,
schon wagten die Raskolniki in ihrem Kampfe gegen die Kirche auch den
Kampf gegen den Staat. Sie erfuhren Zuzug aus allen Kreisen, die in
Reibung mit der Obrigkeit lagen. Im Raskol sammelten sich die
Unzufriedenen des Landes. Es kam, wer ein schlechtes Gewissen hatte. Es
kam der Beamte, der veruntreut, und der Bauer, der aufbegehrt hatte. Es
kam der Soldat, der seiner Truppe entlaufen war. Es kamen Strelitzen,
denen dem Blutgerichte von Moskau zu entrinnen gelang. Es kamen
kosakische Freibeuter, aber auch ukrainische Patrioten, Leute aus der
Anhngerschaft schon des Stenka Rasin und wieder des Mazeppa. Es kamen
die Barfler. Es kamen Verbrecher. Es kamen Mrder, Ruber und Diebe,
sie alle, denen der Kettenweg nach Sibirien drohte. Sie alle kamen und
wurden hier Brder vom Gesindel, doch Brder in Freiheit.

Die Form dieser Brderschaft war noch nicht die der Verschwrung. Aber
die Taktik der Nihilisten kndigte sich schon unter den Sektierern an.
Geheime Beziehungen wurden zwischen den Gemeinden unterhalten, wie
hernach zwischen den Gruppen. Verfolgte wurden verborgen, falsche
Psse wurden ausgefertigt, und wie man spter Proklamationen zusteckte,
so wurden damals Hostien, Reliquien und verbotene Postillen
geschmuggelt. In den geluterten Brderschaften der Stundisten, der
Molokanen oder der Duchoborzen, deren Anhnger sich um ein
ausgeklgeltes Sonderideechen zu sammeln pflegten, wurde
dieser religise Nihilismus schlielich ganz brav, ehrbar und
pietistisch-tugendhaft. Aber auch von ihnen, freilich auch von den
Popenfamilien, in denen auf den orthodoxen Vater der problematische Sohn
folgte, ging die nihilistische Unterschichtung des russischen Volkes
weiter aus. Noch Raskolnikoff, in dessen Hirn statt der harmlosen
Beunruhigung, wie man den Namen des Heilandes richtig zu schreiben habe,
die gefhrliche Frage nach Gut und Bse whlte, trug von den Raskolniki
den Familiennamen und gehrte ihnen nicht nur nach der Abstammung
sondern auch in der Anlage an.

Der Dmon des Nihilismus war in einer noch mittelalterlichen Zeit wie
ein unheimliches Tier gewesen. In der Zeit der Dekabristen sah man ihn
in byronischer Gestalt unter jungen Enthusiasten umgehen. Die
Dekabristen waren entzckte Jnglinge, die von der franzsischen
Revolution freisinnige Begriffe gelernt und aus den europischen
Feldzgen fortschrittliche Vorstellungen mitgebracht hatten. Von ein
paar idealen Forderungen, Aufhebung der Zensur und ffentlichkeit des
Gerichts, erhofften sie eine Besserung der schlechten russischen Welt.
Aber sie hatten keine bestimmte politische Idee. Daran scheiterten sie.
Die jungen Politiker und radikalen Ideologen der vierziger Jahre dagegen
kamen in Debattierklubs zusammen. Alle ernsten Elemente, die suchten,
die sich vorwrtstasteten, freilich auch alle, die in die Irre gingen,
sammelten sich in diesen Debattierklubs, deren einer unter dem Namen der
Petraschewzen deshalb berhmt geworden ist, weil Dostojewski in die
Geschichte der Verschwrung verwickelt wurde, die man seinen Mitgliedern
anhing. Dostojewski meinte diese Zeit der Unruhe in Ruland, des
bergangs und der Ungewiheit, als er schrieb: damals gab es unter den
jungen Leuten sehr, sehr viele, die von irgend etwas durchdrungen waren,
die irgend etwas erwarteten ... Aber auch die Petraschewzen hatten noch
keine bestimmte politische oder soziale Idee. Sie beschftigten sich nur
mit Ideen. Sie lasen die Bcher von Saint-Simon und Proudhon, von Owen
und Fourier. Sie bezogen die Phalanstre. Doch eine Einheitlichkeit
der Tendenz gab es in diesen Debattierklubs nicht. Unter die
Einheitlichkeit eines Programms htte man die Petraschewzen nicht
bringen knnen. Und fr eine Einheitlichkeit der Aktion fehlte jede
Voraussetzung. In seinem Rechtfertigungsschreiben merkte Dostojewski an:
man kann sagen, da man dort nicht drei Menschen fand, die in
irgendeinem Punkte ber ein beliebig aufgegebenes Thema
bereinstimmten.

Es war die Zeit der literarisch-politischen Forderungen. Auch
Dostojewski hatte damals seine Forderungen. Und er hatte, er leugnete es
nicht, seine Klagen. Er sprach im Kreise der Petraschewzen fr die
Aufhebung der Leibeigenschaft und hielt die Bauernbefreiung fr
unumgnglich. Aber er tat es nicht als Liberaler aus einer Lehrmeinung,
die ihre Grundstze liebt, sondern als Russe aus Liebe fr das Volk. Er
wollte die Menschen befreien, aber er wollte es in Volklichkeit und
nicht durch Vergesellschaftung. Auch er las die Bcher der Sozialisten,
weil sie, wie er sagte, mit Begeisterung fr das Wohl der Menschen
geschrieben seien. Aber den Fourierismus lehnte er ab, whrend
Petraschewski sich fr ihn einsetzte. Das Wohl der Menschen schien ihm
in Ruland nur vom Volke aus durch den Staat sichergestellt werden zu
knnen.

Auch Dostojewski war ein Revolutionr. Als Russe, als russischer Mensch
mit allen seinen russischen Mglichkeiten, die vom Orthodoxen bis zum
Nihilistischen reichen, teilte auch er in einem Winkel, in einer
verborgenen Abgrndigkeit seines sehr zusammengesetzten Wesens diese
uerste aller politischen Mglichkeiten. Als er einmal den Wunsch
uerte, da auch die Bauernbefreiung wieder von oben gemacht werden
solle, und als dagegengehalten wurde, da dies wohl niemals geschehen
werde, da entschied er fast zgernd: Ja -- dann mit Gewalt. Er selbst
wird in dieser Zeit als ein Mensch geschildert, dessen ganzes Wesen sich
zum Verschwrer geeignet habe, still, wortkarg, nur fhig, unter vier
Augen sich auszusprechen, doch dann, wenn die Rede ihn hinri, von
mchtiger berzeugungskraft. Aber Dostojewski war Revolutionr nicht aus
Doktrin, sondern beinahe schon aus jener Pathologie, die es zu einer
Erlsung fr den Russen macht, die Krankheit seines Mitmenschen zu
teilen, sie aus Wissen mitzuleiden, und aus Mitleid sich zu empren.
Dostojewski, der die Fhigkeit besa, jedes Revolutionrtum
mitzuerleben, hatte als Russe vor allem das Erlebnis des Nihilismus, war
mit ihm seelisch vertraut, folgte ihm wahlverwandt. Aber diese
Vielseitigkeit, die nur ein Ausdruck seines Russentums war, schlo
zugleich die Mglichkeit ein, da er auch den anderen Weg ging, nicht
unbedingt den reaktionren der Uwaroffschen Formel, doch den
konservativen eines wissenden Menschen, der schlielich zum
Groinquisitor fhrte.

In Sibirien kam Dostojewski dem russischen Volke ganz nahe. In der
Katorga lernte er es in einem tglichen Umgange erst kennen. Und er
erkannte, wie tiefe und starke Menschen es doch in diesem Volke gab, die
voll von der eigenen Echtheit und schweren Ursprnglichkeit einer
besonderen russischen Natur waren. Sie hatten Verbrechen begangen: aber
Dostojewski war Psychologe und Amoralist genug, um den Verbrecher zu
verstehen. Wenn er sie prfte, dann fand er heraus, da sie im Grunde
alle gtig waren. Und wenn er die Menschen, mit denen er in der Katorga
zusammentraf, mit den Petersburger Doktrinren verglich, die von
europischen Konstitutionen und Revolutionen redeten, dann fiel der
Vergleich sehr zuungunsten der Doktrinre aus. Diese Verbrecher hatten
in ihrem analphabetischen Wesen die Schnheit der autochthonen Kraft vor
jenen voraus. Fr diese autochthone Kraft trat Dostojewski in der
Folge ein, wobei er sowohl gegen die Uwaroffs wie gegen die
europisch-radikalen Elemente zu kmpfen hatte. Mit diesem autochthonen
russischen Volke fhlte er sich verbunden und in der Gewiheit eins, da
es auch dann, wenn es nicht geneigt sein sollte, das Bestehende zu
erhalten, in seiner Grundlage so unverstrbar sein werde, wie es seiner
noch dunklen Bestimmung sicher sein konnte. Er fhlte voraus, was heute
in Ruland Ereignis geworden ist, fhlte, da Ruland durch Untergang
werde hindurch gehen mssen, und sagte: Noch ist die zuknftige,
selbstndige russische Idee nicht geboren, nur ist die Erde unheimlich
schwanger von ihr und schon schickt sie sich an, sie unter furchtbaren
Qualen zu gebren.

Dostojewski liebte das russische Volk wegen seiner angeborenen
Empfnglichkeit fr eine naive Sittlichkeit. Aber er erkannte auch, wie
unberechenbar in seinen Trieben, im Widerspruche seiner Leidenschaften,
in der Heftigkeit von Zuneigung oder Abneigung es war. Seine Gier, seine
Fleischlichkeit, seine verhngnisvolle Selbstverschwendung war wie eine
zweite Natur, die eine erste Natur stndig verschlang. Seine
Malosigkeit war die Gegenseite seiner Anspruchlosigkeit. Nicht anders
schien sein angeborenes Emprertum nur der Gegensatz zu sein, den ein
Volk, das so unausgeglichen war, stndig aus sich hervorzubringen und
von sich abzustoen suchte. Dostojewski erkannte, da ein solches Volk
konservativ gezgelt werden mute. Und mit einem politischen Denken, das
auf Bindung nicht auf Auflsung gerichtet war, begann Dostojewski, als
er aus Sibirien zurckgekehrt war, in Ruland bewut zu wirken: mit
einem konservativen Denken, das auf Menschenkenntnis beruhte und von
Volkskenntnis herkam, mit den berzeugungen eines psychologischen
Konservativismus, der einem Volke entsprach, dessen Wesen selbst ein
ewig beunruhigter und doch wieder hergestellter Konservativismus ist.

In Ruland fand Dostojewski eine vllig vernderte politische Lage vor.
Die Aufhebung der Leibeigenschaft sollte endlich erfolgen. Und manche
andere liberale Reform stand bevor. Aber gleichzeitig hatte unter der
Oberflche des ffentlichen und gesellschaftlichen Lebens, in den
Winkeln, Mansarden und Schlupfwinkeln der Hauptstadt, in den
Verschwrerkreisen der Londoner und Zricher Emigration eine Bewegung
eingesetzt, von der die liberalen Forderungen der vierziger Jahre
bereits anarchisch berboten wurden: die nihilistische. Ihre
Erscheinungen reichten bis in die Zeit der Petraschewzen zurck.
Dostojewski selbst besttigte den Nihilisten, da sie von den
Petraschewzen herstammten, obwohl diese noch keine Nihilisten gewesen
seien. Zwar war der Untersuchungsrichter im Petraschewzenprozesse im
Unrecht gewesen, wenn er die wachsende Zahl der von ihren Bauern
erschlagenen Gutsbesitzer, oder die der Brandstiftungen auf dem Lande,
der Diebsthle und Einbrche, auf die politische Rechnung der
Angeklagten schrieb. Das waren Erscheinungen, die sich ohne Zutun der
Petersburger Doktrinre aus dem tumultuarischen Zuge der Bauernbewegung
ergaben, die der Aufhebung der Leibeigenschaft voranging und die nicht
mit ihr aufhrte. Nach wie vor traten Sektiererrevolten hinzu, und noch
immer kam es wie zu Nicolais Zeiten vor, da die Alt- und
Andersglubigen sich zu Tausenden zusammenrotteten, um ihre Kirchen vor
Niederlegung zu bewahren, und das Militr, das mit der Exekutive betraut
war, schimpflich davonjagten. Das religise Motiv im russischen
Emprertum verband sich mit dem sozialen Motive.

Aber auch manche Vorformen des politischen Nihilismus waren Dostojewski
aus seiner ersten Petersburger Zeit bekannt. Ein Petraschewze hatte
zuerst die Idee der Fnf ausgeheckt, die Dostojewski hernach der
Komposition seiner Dmonen als Skelett zugrunde legte: die Idee eines
groen politischen Bundes, in dem Gruppen der Tat, die einander nicht
kannten, von geheimnisvoller Oberleitung abhingen. Der Bund nannte sich
die Gesellschaft der Propaganda und einer von den Mitgliedern hatte
gar eine Brderschaft der Leute von anarchischer Gesinnung zu
gegenseitiger Hilfe vorgeschlagen. Entwrfe fr die Organisation
solcher Verbnde wurden ausgearbeitet. Die Aussichten eines Aufstandes
wurden errtert. Nicht zuletzt gehrten die geheimen Druckereien als
rtselhafte Herkunftsorte massenhafter Flugschriften oder die heimlichen
Versammlungen der Petersburger Gesinnungsgenossen in ingermanlndischen
Stdten zu den Erscheinungen, die Dostojewski als Dmonenmotive
herbernehmen und auf den terroristischen Schauplatz einer ungenannten
russischen Gouvernementsstadt verlegen konnte. In der Zeit seiner
Verbannung war die Taktik der Nihilisten ausgebildet worden. Man suchte
eine Verbindung mit Leuten aus dem Volke, um so in den Massen eine
Aufklrung ber die Fremdform der russischen Zustnde zu verbreiten. Die
Zeit kndigte sich an, in der die Studenten ins Volk gingen. Typ wie
Rolle der nihilistischen Studentin bereitet sich vor. In den Stdten kam
es zu ersten Arbeiterstreiks. Und schon ging von ersten Attentaten der
Schrecken der nihilistischen Bewegung ber das Land aus.

Der Nihilismus hatte noch keine Idee. Als Turgenjeff das Wort und den
Begriff fand, die allmhlich auf die ganze Zeitveranlagung und
Geistesverfassung bertragen wurden, da wollte er mit Nihilismus den
russischen Ausdruck des europischen Positivismus bezeichnen. In der Tat
war der Nihilismus zunchst durchaus aufklrerisch. Er war zu
atheistisch, um religis zu sein. Er war rein verneinend. Und es hat
lange gedauert, bis er das praktische Christentum Tolstois aufnahm, das
ihn endlich wenigstens mit russischen Gehalten erfllte. Eine Idee aber
bekam er erst dann, als die Revolution die Klassentheorie fr sich in
Anspruch nahm und Marx der Diktator der russischen Ideologen wurde.

Die Nihilisten waren Mrtyrer, solange sie um ihrer Ziele willen ihr
eigenes Leben zerstrten. Wie aber -- wenn sie das Leben der anderen
zerstrten! Wie aber -- wenn sie Ruland zerstrten! Auch Dostojewski
hatte, genau wie Tolstoi, und wie jeder Russe, schon aus altruistischen
Grnden in seiner apostolischen Lehre soziale Elemente. Aber das war das
Groe an Dostojewski, und das unterscheidet ihn von der Einstellung der
Marxisten, da er die konomischen Probleme eine Schicht tiefer fate,
als der Sozialismus sie sah und noch heute sieht: nicht im
Wirtschaftlichen, sondern im Menschlichen. Man sollte dem Volke nicht
sein Volkstum nehmen, weil man ihm dann sein Menschentum nahm! Man
sollte nicht Hand an das Volk legen! Und das Volk sollte nicht Hand an
sich selbst legen! Um des Volkes willen nahm Dostojewski den Kampf gegen
den Radikalismus auf. In seinen politischen Schriften untersuchte er den
Urgrund, auf dem Ruland steht, und brachte dessen ewige Gegebenheiten
in eine bereinstimmung mit seinen eigenen menschlichen Erlebnissen, die
ihn einmal sagen lie, da wir Revolutionre aus Konservativismus
sind, d. h. Kmpfer fr das urrussische Wesen, zu dem die europische
Staatsauffassung, Liberalismus und Parlamentarismus, ebensowenig pate,
wie etwa die europische Tracht. In den Dmonen aber lie er Schatoff,
den Russenglubigen, diesen Einzigen, dem er je die verhaltene
Begeisterung eines volksuchenden Helden gab und dessen Gestalt er wie
die eines Jngers liebte, das Wort sagen: Wer kein Volk hat, der hat
auch keinen Gott. Dostojewski stand in seinem Kampfe mit der
Leidenschaft eines Eiferers, mit den ungeheuren Krften, die der
schwchliche Mensch aus der Idee holt, von der er besessen ist. Als
Fanatiker hatte er die Massivitt nicht, um das Volk durch Reform vor
der Revolution zu bewahren. Und als Erscheinung blieb Dostojewski in der
Reihe der groen Problematiker, die von Rousseau bis Nietzsche geht,
wenn er auch als Dichter die epische Form und als Denker das
apostolische Wort vor ihnen voraus hat. Aber als Mystiker wute er, da
der Mensch seiner Unvollkommenheit berantwortet ist. Als Politiker ging
er davon aus, da jede Opposition, die der Mensch aus Doktrin an den
Unterbau und das Gefge des Seienden setzt, nur die geringe Wichtigkeit
eines Endlichen haben kann, die von einem Unendlichen eingeschlossen
wird. Und als Russe verkndete er dem russischen Volke, in dessen
Glauben allein sich das Christentum unversehrt erhalten habe, da es das
Gottestrgervolk der Erde sei, das dereinst dieses Christentum
verwirklichen und die Eigenliebe durch die Menschenliebe berwinden
werde. Es ist wahr, Dostojewski ging in seinem Kampfe, den er mit Hohn
und jeder geistigen berlegenheit fhrte, mit einfachen Menschen
zusammen, mit echtrussischen Leuten, mit allzu russischen Leuten. Er
ging mit dem Inquisitor Pobjedonosszeff zusammen. Auch dieses Wissen war
in seiner Menschenkenntnis, in seiner Russenkenntnis, da der russische
Mensch sogar fr die Liebe zu schwach ist, die ihm gebracht wird, und
da sich mit ihr, wenn man sie nicht an den Menschen verschwenden,
sondern ihn durch Liebe behaupten will, Macht ber den Menschen
verbinden mu.

Dostojewski erkannte frh, da Radikalismus nicht Wurzelung sondern
Entwurzelung bedeutet. Was war es denn schlielich, das der Radikalismus
in Ruland entwurzeln wollte? War es nicht: die europische Form? Um so
zorniger war daher sein Kampf gegen die halbgebildeten Radikalen und
europaverehrenden Westler, weil sie diese europische Form auch noch in
ihren letzten und schalsten uerungen -- als Republik, als
Konstitutionalismus und Kapitalismus -- auf atheistischer Grundlage in
Ruland einfhren wollten. Er fhlte, da die russische Revolution
kommen werde. Dostojewski war kein Pazifist und frchtete niemals den
Krieg. Er sagte: Nicht immer mu man den Frieden predigen, und nicht im
Frieden allein liegt die Erlsung -- die kann zuweilen auch der Krieg
bringen. Aber er fhlte, da diese Revolution die Erlsung noch nicht
bringen werde. Er frchtete die Revolution um Rulands willen. Er
frchtete sie, weil er ihre Trger kannte, die er dann in den Dmonen
in einer Reihe von Karikaturen vorfhrte, von absonderlichen und
lcherlichen, aber gefhrlichen Gestalten. Er deckte in den Dmonen
die Zusammenhangslosigkeit des gottlosen und volklosen Nur-Ich-Menschen
auf, die ihn aus seiner Natur reit und in Tendenzen absondert. Er
deckte die Wurzellosigkeit auf.

Die russische Revolution hat Dostojewski bis jetzt recht gegeben. Hinter
ihrem ersten Abschnitte stand Tolstoi. Sie kam aus der Aufklrung. Und
sie bedeutete die Auflsung. Aber in dem Augenblicke, in dem sich
entscheidet, da auch sie nicht nur Zerfall bringt, sondern da nach
grausamer Umschichtung ein Aufbau aus ihr hervorgeht, wird hinter ihrem
zweiten Abschnitte wieder Dostojewski stehen. Er bedeutet
Wiederanknpfung.

                                                           M. v. d. B.




                              Vorbemerkung


Von Dostojewskis fnf groen Romanen ist der dritte, Die Dmonen, in
den Jahren 1870 und 71 in Dresden geschrieben, in Petersburg beendet und
1871/72 in der konservativen Zeitschrift Der russische Bote
verffentlicht worden.

Die beiden Strophen des ersten Mottos hat Dostojewski der Ballade
Bjssy von A. Puschkin entnommen und deren Titel auch zum Titel des
Romans gewhlt: mit Bjssy bezeichnet der Russe gewisse bse Geister,
Dmonen oder Teufel von der Art, die im zweiten, dem Evangelium Luc
entnommenen Motto, in die Sue fhrt; in der schnen Ballade Puschkins
(geschr. 1829), die eine Schneesturmnacht in der Steppe schildert, sind
es unzhlige tolle Gespenster, von denen sich der Kutscher eines
reisenden Herrn wie von Trobuben des Teufels genarrt und vom Wege
weggezerrt glaubt. Die Strophen des Mottos sind ein Teil der hilflosen
Antwort des Kutschers auf den Befehl des Herrn (des Dichters), doch
weiterzufahren.

Im Ersten Anhang sind aus Dostojewskis Notizbuchaufzeichnungen
Entwrfe und Gedanken mitgeteilt, die Dostojewski ursprnglich in den
Dmonen zu entwickeln gedachte, sowie einige Skizzen zu den
Hauptpersonen, die von ihm spter teils in starker Vernderung, teils
berhaupt nicht verwandt worden sind.

Im Zweiten Anhang konnte nur der Anfang eines von Dostojewski nicht
verffentlichten Kapitels mitgeteilt werden: der Besuch Stawrogins bei
dem Bischof Tichon. Das Manuskript des greren Teiles dieses
wichtigsten Kapitels wird im Moskauer Dostojewski-Museum aufbewahrt:
sein Inhalt ist bisher nur der Familie und einigen alten Freunden
Dostojewskis bekannt. Wie Dostojewskis Tochter in ihrem (deutsch bei E.
Reinhardt, Mnchen erschienenen) Buch Dostojewski Seite 180 berichtet,
hat ihre Mutter dieses ganze Manuskript zu Anfang dieses Jahrhunderts
verffentlichen wollen, doch die alten Freunde ihres Mannes htten sich
der Verffentlichung widersetzt. Das hat brigens bald nach Dostojewskis
Tode 1881 auch sein konservativer Freund N. N. Strachoff getan.

Nach Dostojewskis eigenen Angaben handelt es sich hier um eine Broschre
Stawrogins von etwa 60 deutschen Druckseiten, also dem Umfange nach um
ein hnliches Buch im Buche wie Iwan Karamasoffs Legende vom
Groinquisitor. Bekannt geworden ist sonst nur, da in dieser Schrift
von Stawrogin die Vergewaltigung eines Mdchens mit unertrglichem
Realismus geschildert sei. Nun ist es aber Dostojewskis Art, bestimmte
Ideen -- seine strksten und revolutionrsten -- immer in einer
hnlichen, so auffallend vorsichtigen Form zu bringen, sei es als Traum
oder Halluzination, oder als Jugendwerk eines seiner Helden, mit der
Entschuldigung, der Betreffende sei damals noch sehr jung gewesen, wie
z. B. Iwan Karamasoff, oder krank, wie Hippolyt oder Stawrogin, er aber,
Dostojewski, teile nur als Chronist diese sonderbaren Gedanken einzelner
Menschen unserer Zeit mit. Man darf demnach wohl annehmen, da es sich
auch in dieser noch geheimgehaltenen Broschre Stawrogins, die
Dostojewski eine Herausforderung der Gesellschaft nennt, nicht nur um
die realistische Schilderung einer Episode handelt, sondern da diese
Episode nur der Ausgangspunkt fr ihn ist, um der Gesellschaft, den von
ihm so gehaten _europischen_ Gesellschaftsgesetzen, den
Fehdehandschuh hinzuwerfen (wie in der Legende vom Groinquisitor
die Legende nur die Kostmierung seines Kampfes gegen den Katholizismus
oder vielmehr gegen den alttestamentlichen Staats- oder Gesellschaftsbau
ist). Nach einem berblick ber das Gesamtwerk Dostojewskis ist es nicht
schwer zu erraten, worauf Stawrogin-Dostojewski in dieser
unverffentlichten Schrift hinauswill, hinauswollen mu. Und es ist nur
zu verstndlich, da seine Freunde, wie Strachoff, dem er trotz aller
Freundschaft doch viel zu unverstndlich war, und der Machthaber
Pobjedonszeff sich _gegen_ die Verffentlichung dieser
Herausforderung aussprachen. Was aber trotzdem von diesem, allen
ehrlich konservativen Menschen viel zu unverstndlichen Geist
Stawrogin-Dostojewskis in dem Roman Die Dmonen verblieben ist, das
sind -- nach dem Fortfall der erwhnten Kampfschrift Stawrogins -- fast
nur ein paar Worte von Schatoff und Drosdoff, die jetzt wie zwei kleine
Inseln daliegen, zwischen denen der Kontinent vorlufig noch versunken
bleibt.

Die Dmonen sind auch sprachlich Dostojewskis geheimnisvollstes Werk.
Nicht nur, da er sich nachlssig ausdrckt (Seite 1 sagt er z. B.: die
Geschichte _be_schreiben, statt schreiben), da er wichtige
Satzglieder auslt, die unklarsten Stze baut, -- er hat sich auerdem
noch vielfach der frheren Umschreibungen bedient, zu der die
Schriftsteller von der strengen Zensur unter Nikolai I. gezwungen worden
waren. Er treibt die Vorsicht so weit, da er z. B. in den ersten
Kapiteln, wo sich fast alles um die innerpolitischen Verhltnisse dreht,
kein einziges Mal das Wort Politik oder politisch braucht. Damit nun die
unzhligen verschleierten Anspielungen dem unorientierten Leser nicht
vllig unklar bleiben, sind dem Text kleine erluternde Funoten
beigefgt worden, eingehendere Erluterungen dagegen in den Ersten
Anhang verwiesen.

Einen Kommentar fr sich wrden dann noch die Ausflle
Schatoff-Dostojewskis gegen Belinski und die sogenannten Westler
erfordern, d. h. gegen die Verehrer europischer Kultur, die, im
Gegensatz zu den Slawophilen, zwischen Ruland und Europa keinen
Unterschied sahen und europische Staatsformen auch fr Ruland
erstrebten, whrend von den Slawophilen besonders Dostojewski hinter
allen parlamentarischen, liberalen Formen der Europer sein
Schreckgespenst, die Plutokratie, den deshalb so verspotteten
brgerlichen Gesellschaftsbau, nahen sah. Hierzu sei bemerkt, da es
_vor_ der Aufhebung der Leibeigenschaft in Ruland nur zwei Parteien
gab, eine kleine, aber allmchtige, und eine groe, aber ohnmchtige,
wie es etwa in einer Korrektionsanstalt (mit der man den Staat Nikolais
I. verglichen hat) vom Standpunkt liberaler Individualisten nur wenige
Unterdrcker und viele Unterdrckte gibt. Mgen die letzteren unter sich
auch noch so verschieden sein, in ihrem Gegensatz zu den Machthabern der
Anstalt sind sie doch alle einig. Dieser einmtige Wille wurde damals
die Richtung genannt, von der Liputin Seite 44 spricht. Es gab nur
_eine_ Richtung, d. h. nur einen Willen: aus dieser Enge
hinauszukommen. Kaum aber hatte sich unter Alexander II. das Tor der
Korrektionsanstalt geffnet, da zeigten sich sofort die groen
Unterschiede innerhalb der Schar der Herausdrngenden, und _die_
Richtung begann sich zu verzweigen, zunchst in Slawophile und Westler,
dann aber in die verschiedenen Arten der Slawophilen und Westler
(Monarchisten, Republikaner, Radikale, Kommunisten gab und gibt es bei
diesen und bei jenen, und hinzu kommen dann noch die Unterschiede in der
Einstellung zur Orthodoxie). Die frhere geschlossene Front der einen
Richtung gegen Nikolai I., unter dem die Werke der orthodoxen
Slawophilen genau so verboten waren wie die der franzsischen
Revolutionre und Atheisten, zerbrckelte zu einem Kampf untereinander,
in dem jeder nach mindestens zwei Seiten kmpfte, wenn nicht nach drei
oder vier Seiten.

Die Dmonen sind das Buch der ersten Jahre dieser Kmpfe, in denen die
einzelnen Menschen sich wahrlich nicht nach Parteischlagworten
unterscheiden lassen, sondern nur nach einem inneren anstndigen Kern
oder dem Fehlen eines solchen.

Man hat dieses Werk Dostojewskis als ein Pamphlet gegen alles
Revolutionre aufgefat, weil einzelne Vertreter einer der
revolutionren Gruppen, die an europische Schlagwrter glauben,
verhhnt und entlarvt werden. Doch nichts ist falscher, als den
Verfasser _deshalb_ gleich fr konservativ zu halten. Die Konservativen
sind hier ja noch viel schlimmer karikiert. Richtig wre es, ber alles,
was Dostojewski voll Zorn und Spott ber diese Art _unwissender_
Revolutionre geschrieben hat, die Worte zu setzen, mit denen er sich
einmal unbewut verrt: ... ich rgerte mich und ich schmte mich fast
fr ihre Ungeschicktheit ... (Bd. XI der Ausgabe, Autobiographische
Schriften, Seite 170).

Es war der Zorn darber, da diese dummen Jungen die Revolution oder
das Neue russische Wort durch ihre trichten Redereien und Taten nur
lcherlich machten, ihm _seine_ groe Revolution verpfuschten.

Nur aus dieser Kampfstellung nach links und nach rechts, nach rckwrts
und vorwrts sind die vielfachen sogenannten Widersprche Dostojewskis
in den Dmonen zu verstehen oder das parteipolitische Chaos in seinen
Werken. Er schildert z. B. den Revolutionr Pjotr Werchowenski als
ungebildeten Flegel, als gewissenlosen Intriganten, Schurken und
schlielich Mrder, doch vor dem konservativen Vertreter der alten
Ehrbegriffe, Karmasinoff, der auswandernden Ratte, wird selbst dieser
Betrger pltzlich zu einer nationalen Gre -- ganz zu schweigen von
den Konflikten, in die Dostojewski sich in den Entwrfen zu diesen
Gestalten (im Ersten Anhang) unverhofft, doch unvermeidlich hineinredet.
Es ist, als ob die kleinen trichten Geisterchen, die Trobbchen des
Teufels in der tollen Sturmnacht der Revolution, in der keine Spur des
alten Weges mehr zu sehen ist, ihm unter der Hand und vor den Augen
zergingen und er hinter ihrem kleinen dmonischen Eigensinn pltzlich
die Umrisse eines riesigen Dmons zu spren, zu begreifen beginne, wenn
er den alten Idealisten und Dichter ihnen ihre Torheiten verzeihen lt.

Inwieweit aber Dostojewski auch hier schon, nicht erst im letzten Bande
der Karamasoff, selber zu jenem riesigen Dmon wird, entzieht sich
vorlufig noch der Beurteilung. Man fasse es nicht als Zufall auf, da
Stawrogins Herausforderung ein halbes Jahrhundert lang vergraben
geblieben ist. Vielleicht ist es selbst heute noch zu frh, die Menschen
aus dem so vielfach verhllten, geheimnisvollen Becher Dostojewskis
schon _sehend_ trinken zu lassen.

ber die Absicht der Witwe Dostojewskis, dieses Manuskript nunmehr zu
verffentlichen, und ber das vorlufige Scheitern dieses Planes an den
gegenwrtigen russischen Zustnden gibt das S. XXIV erwhnte Buch von
Aime Dostojewskaja gleichfalls einigen Aufschlu.

Eng verbunden mit Stawrogin ist sein Schler Kirilloff. Dostojewski
hat wohl selbst nicht genau gewut, warum er diesen so eigentmlich
falsch sprechen lt; er hat wohl nur mit der Sicherheit des Knstlers
empfunden, da diese Nuance zu dieser Gestalt gehrt oder mindestens
pat.

Kirilloff spricht nicht in der Weise falsch, wie ein Auslnder oder wie
ein Kind. Seine Sprechart, die deutsch in unstilisierter Form wohl kaum
so wiederzugeben wre, da sie berhaupt glaubhaft bliebe, lt sich
kurz nur durch eine bertreibung charakterisieren: er spricht ungefhr
wie ein Mensch, der die Namen der Dinge nur im Nominativ kennt. Nur
spricht er so nicht mit Flei, nicht stilisiert, nicht bewut, ja
vieles sagt er auch ganz richtig wie jeder andere Mensch in der Bindung
der Syntax, mit der richtigen Endung, die die Beziehung der Dinge
angibt; aber zwischendurch ist es immer wieder, als wrden aus ihm ganz
unmittelbar nur Tatsachen laut, die das Gefhl hervorstt, ohne da das
Gehirn sie einkleidet. Vielleicht lt sich der Gegensatz
veranschaulichen mit dem Gegensatz zwischen der beugenden, die
Beziehung angebenden Buchstabenschrift der Gegenwart und der starren
Bilderschrift der alten gypter oder der Chinesen. Wer Rassegesetzen
nachforscht, mag die Angaben ber sein dunkles uere in Beziehung
bringen zu dem Geist, der diese alten Sprachen schuf; wer sich mit
Kirilloffs Philosophie als heutigem Ausdruck russischen Geistes befat,
wird in ihr und dieser Sprechart vielleicht eine bereinstimmung finden:
nur das Wesentliche des Wortes zu geben, wie nur das Wesentliche der
Welt zu suchen, im Wesen Gottes als Mensch zu vergehn, um Gott auf die
Erde zu bringen.

                                                              E. K. R.




                          Personenverzeichnis
                (unter Angabe der Aussprache der Namen)


   Warwra Petrwna S'tawrgina -- Witwe eines Generals.
   Nicola Wsswolodowitsch S'tawrgin -- ihr Sohn.
   S'tepn Trofmowitsch Werchownski -- Dichter und Hauslehrer.
   Pjotr S'tepnowitsch Werchownski -- sein Sohn.
   Praskwja Iwnowna Drsdowa -- Witwe eines Generals.
   Lisawta Nicoljewna Tschina -- ihre Tochter aus erster Ehe.
   Mawrkij Nicoljewitsch Drsdoff -- Offizier, Neffe des
      verstorbenen Generals Drosdoff.
   Iwn ssipowitsch *** -- der frhere Gouverneur.
   Andre Antnowitsch von Lembke -- der neue Gouverneur.
   Jlija Michalowna von Lembke -- seine Frau.
   Karmasnoff -- ein berhmter Schriftsteller.
   Artmij Pwlowitsch Gagnoff -- Rittmeister a. D.
   Lebd'kin -- ein angeblicher Hauptmann a. D.
   Mrja Timofjewna ... -- seine Schwester.
   Iwn Schtoff             } Kinder eines
   Drja Pwlowna Schtowa   } verstorbenen Dieners der
      (genannt D-scha)      } Stawrgins.
   Mrja Igntjewna Schtowa -- Schtoffs Frau.
   Arna Prchorowna Wirgnskaja -- eine Hebamme.
   Alexe Nlytsch Kirlloff -- ein Ingenieur.
   Schigleff -- Verfasser einer Schrift ber revolutionre Theorien.
   Tolkatschnko, Erkel und andere Anhnger revolutionrer Ideen.
   Liptin   }
   Wirgnski } Beamte.
   Lm'schin }
   Aljscha Telt'nikoff -- ein ehemaliger Beamter.
   Fdjka -- ein entsprungener Verbrecher.
   Flibustjroff -- ein Polizeioffizier.
   Ssemjn Jkowlewitsch -- ein Prophet.
   Tchon -- ein im Kloster zurckgezogen lebender Bischof.
   Alexe Jegrytsch  }
   Nas-t-ja         }    Dienstboten.
   Agfja             }

                               Ortsnamen:

Skworschniki, Dchowo, Brkowo; die Fabrik der Brder Schpiglin,
Matwjewo.

   Nheres ber die historischen Vorbilder einzelner Gestalten siehe
                            Seite 1118-1120.

Namen einzelner Nebenpersonen hat Dostojewski im Laufe der Erzhlung
manchmal unbewut gendert. So nennt er z. B. den alten Gaganoff anfangs
_Pjotr_ Pawlowitsch, spter dagegen _Pawel_ Pawlowitsch und folglich
seinen Sohn Artemij _Pawlowitsch_. Ferner heit ein Kanzleibeamter des
Gouverneurs zuerst _Blmer_, spter _Blm_. Der Name Kirlloff ist bald
mit zwei, bald mit einem l geschrieben. Um Miverstndnisse infolge
solcher Flchtigkeiten zu vermeiden, ist in der bersetzung immer die
erste Form beibehalten worden. E. K. R.




                            Erstes Kapitel.
    Statt einer Einleitung: einiges Ausfhrliche aus der Biographie
           des wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski.


                                   I.

Indem ich mich anschicke, die so seltsamen Ereignisse wiederzugeben, die
sich unlngst in unserer bisher noch durch nichts hervorgetretenen Stadt
zugetragen haben, sehe ich mich gezwungen, da ich mir nicht anders zu
helfen wei, zunchst etwas weiter auszuholen und mit einigen
biographischen Einzelheiten ber den talentvollen und wohlachtbaren
Stepan Trophimowitsch Werchowenski zu beginnen. Mgen diese Einzelheiten
nur als Einleitung zu der geplanten Chronik dienen, doch die Geschichte
selbst, die ich zu beschreiben beabsichtige, beginnt erst spter.

Ich will es sogleich ganz offen sagen: Stepan Trophimowitsch spielte
unter uns immer eine gewisse besondere und sozusagen brgerliche[1]
Rolle und liebte diese Rolle bis zur Leidenschaft, -- liebte sie sogar
so, da er ohne sie wohl berhaupt nicht htte leben knnen. Nicht, da
ich ihn damit einem Schauspieler auf der Bhne vergleichen wollte: Gott
behte, das will ich um so weniger, als ich selber ihn ja doch achte.
Hier konnte vielmehr alles Sache der Gewohnheit sein oder, besser
gesagt, die Folge einer immerwhrenden, im Grunde edlen Neigung, einer
Neigung schon von Kindheit an, zu der angenehmen Illusion von seiner
schnen brgerlichen Stellungnahme. So liebte er z. B. ungeheuer seine
Lage als Verfolgter und sozusagen Verbannter. Um diese beiden
Wrtchen spielt nun einmal ein klassischer Glanz eigener Art[2], und
eben dieser scheint ihn dann, nachdem er ihn einmal bezaubert hatte, im
Laufe so vieler Jahre in seiner Selbsteinschtzung immer mehr erhht zu
haben, bis er schlielich auf einem gewissen beraus hohen und fr die
Eigenliebe so angenehmen Piedestal zu stehen glaubte. In einem
satirischen englischen Roman des vorigen Jahrhunderts hat sich ein
gewisser Gulliver im Lande der Liliputaner, wo die Menschen nur einige
Zoll gro waren, so daran gewhnt, sich als Riese zu fhlen, da er auch
in den Straen Londons unwillkrlich den Passanten und Equipagen zurief,
sie sollten vor ihm ausweichen und sich vorsehen, damit er sie nicht
irgendwie zertrete, denn er hielt sich immer noch fr einen Riesen und
die anderen fr jene Kleinen. Da lachte man ihn aus und schalt ihn und
die rohen Kutscher schlugen sogar mit der Peitsche nach ihm: aber war
das auch gerecht? Was kann die Gewohnheit nicht alles bewirken? Die
Gewohnheit hatte auch unseren Stepan Trophimowitsch fast zu demselben
Wahn gebracht, wie den Gulliver, nur da dieser Wahn sich bei ihm in
einer, wenn man sich so ausdrcken darf, unschuldigeren und
unverletzenderen Weise uerte, denn schlielich war er doch ein
prchtiger Mensch.

Ich denke es mir sogar so: da man ihn in der Literatur mit der Zeit
allenthalben ganz vergessen hatte; nur darf man deshalb gewi noch nicht
sagen, da er auch frher nie bekannt gewesen sei. Unstreitig hat auch
er einmal zu der berhmten Plejade[3] gewisser gefeierter Dichter der
letzten Generation gehrt, und eine Zeitlang -- brigens doch nur einen
allerkleinsten Augenblick lang -- war sein Name von manchen voreiligen
Leuten beinahe schon in einer Reihe mit Tschaadajeff, Belinski,
Granowski und dem damals im Auslande gerade erst beginnenden Herzen[4]
genannt worden. Aber das Wirken Stepan Trophimowitschs endete fast schon
im selben Augenblick, in dem es begonnen hatte, -- es ward, wie er sich
ausdrckte, von einem Wirbelsturm zusammentreffender Umstnde[5]
zerstrt. Und was stellt sich nun heraus? Da es nicht nur keinen
Wirbelsturm, sondern nicht einmal Umstnde damals gegeben hat,
wenigstens nicht in seinem Fall. Ich habe erst jetzt, erst vor ein paar
Tagen, zu meinem grten Erstaunen erfahren, dafr aber mit vollkommener
Glaubwrdigkeit, da Stepan Trophimowitsch hier bei uns, in unserem
Gouvernement, nicht nur nicht in der Verbannung gelebt hat, wie man hier
allgemein annahm, sondern da er nicht einmal, gleichviel wann, unter
Aufsicht gestanden hat. Wie gro mu demnach seine Einbildungskraft
gewesen sein! Er glaubte doch vor sich selber aufrichtig und sein Leben
lang, da man in gewissen Sphren bestndig vor ihm auf der Hut wre,
da jeder seiner Schritte unablssig beobachtet und vermerkt werde, und
da jedem der drei Gouverneure, die wir im Laufe der letzten zwanzig
Jahre hier gehabt haben, schon bei der bergabe des Gouvernements als
erstes von Stepan Trophimowitsch Werchowenski gesprochen worden sei, so
da jeder neue Gouverneur bereits von dort aus eine gewisse eigene, mit
Sorgen verbundene Vorstellung von ihm mitgebracht habe. Htte aber
jemand mit unwiderlegbaren Beweisen diesen bei alledem ehrlichsten
Menschen beruhigen und berzeugen wollen, da ihm nicht das Geringste
drohe, so wrde ihn das unbedingt beleidigt haben. Und dabei war er doch
der klgste, der begabteste Mensch, war gewissermaen sogar ein Mann der
Wissenschaft, obgleich er brigens in der Wissenschaft ... nun, sagen
wir, nicht gerade viel geleistet hat, oder gar, wie es scheint,
berhaupt nichts. Aber das pflegt ja bei uns in Ruland mit den Mnnern
der Wissenschaft durchgehends so zu sein.

Nach seiner Rckkehr aus dem Auslande hatte er als Lektor auf dem
Lehrstuhl einer Universitt geglnzt, bereits ganz am Ende der vierziger
Jahre. Es gelang ihm aber nur, ein paar Vorlesungen zu halten, ich
glaube, ber die Araber; es gelang ihm auch noch, eine glnzende
Dissertation zu verteidigen: ber die in der Epoche zwischen 1413 und
1428 aufkeimende kulturelle und hanseatische Bedeutung des deutschen
Stdtchens Hanau und zugleich ber jene besonderen und etwas unklaren
Grnde, weshalb es zu dieser Bedeutung dann doch berhaupt nicht
gekommen ist. Diese Dissertation traf mit einem feinen Stich geschickt
und schmerzhaft die damaligen Slawophilen und schuf ihm mit einem
Schlage unzhlige und grimmige Feinde unter ihnen. Dann -- brigens
schon nach dem Verlust des Lehrstuhls -- schrieb und verffentlichte er
noch wahrscheinlich aus Rache und um zu zeigen, wen sie verloren hatten)
in einer fortschrittlichen Monatsschrift, die aus Dickens bersetzte und
George Sand verkndete, den Anfang einer tiefsinnigsten Untersuchung --
ich glaube, ber die Grnde der auergewhnlich edlen sittlichen
Anschauungen irgendwelcher Ritter in irgendeiner Epoche, oder etwas
hnliches. Jedenfalls war es ein hoher, ungemein edler Gedanke, den er
darin durchfhrte. Nur wurde, wie man spter erzhlte, die Fortsetzung
dieser Untersuchung schleunigst verboten und sogar die fortschrittliche
Zeitschrift soll wegen der gedruckten ersten Hlfte zu leiden gehabt
haben. Das ist auch sehr gut mglich, denn was geschah damals nicht? In
diesem Falle aber ist es doch wahrscheinlicher, da nichts Derartiges
geschah und nur der Autor selber die Mhe scheute, den Aufsatz zu
beenden. Seine Vorlesungen ber die Araber jedoch stellte er deshalb
ein, weil ein von ihm an irgend jemanden geschriebener Brief mit der
Darlegung irgend welcher Umstnde irgendwie von irgend jemandem
(offenbar von einem seiner reaktionren Feinde) aufgefangen worden war,
woraufhin irgendjemand irgendwelche Erklrungen von ihm verlangte[6].
Ich wei zwar nicht, ob es wahr ist, aber man behauptete auerdem, da
gerade damals in Petersburg eine riesige, widernatrliche und
antistaatliche Gesellschaft, bestehend aus nahezu dreizehn Mann,
aufgesprt worden sei, eine Gesellschaft, die das Gebude fast
erschttert htte. Man sagte, sie htten nichts Geringeres vorgehabt,
als Fourier selber zu bersetzen[7]. Und ausgerechnet zur selben Zeit
mute dann noch in Moskau eine Dichtung Stepan Trophimowitschs
beschlagnahmt werden, ein Poem, das er schon sechs Jahre zuvor in Berlin
geschrieben hatte, in seiner ersten Jugend, und dessen Abschriften,
unter der Hand weitergegeben, bei zwei Liebhabern der Dichtkunst und
einem Studenten gefunden wurden. Ein Exemplar davon liegt jetzt auch in
meinem Schreibtisch: erst im vorigen Jahre erhielt ich es von Stepan
Trophimowitsch persnlich, in eigenhndiger neuester Abschrift, mit
autographischer Widmung und in prachtvollem roten Saffianeinbande. Das
Poem ist brigens nicht ohne Poesie, ja es ist nicht einmal ohne ein
gewisses Talent verfat, ist allerdings etwas sonderbar, aber damals (d.
h. richtiger in den dreiiger Jahren) wurde oft in dieser Art
geschrieben. Das Thema des Poems wiederzugeben, macht mir freilich
Schwierigkeiten, denn, wenn ich die Wahrheit sagen soll: ich habe es
berhaupt nicht verstanden. Es ist irgend so eine Allegorie in
lyrisch-dramatischer Form, die an den zweiten Teil des Faust erinnert.
Die Dichtung beginnt mit einem Chor der Frauen, dann folgt ein Chor der
Mnner, darauf ein Chor irgendwelcher Krfte, und zum Schlu der Chre
tritt ein Chor von Seelen auf, die noch nicht gelebt haben, aber doch
gar zu gern auch mal leben mchten. Alle diese Chre singen von etwas
sehr Unbestimmtem, grtenteils von irgendeinem Fluch, aber sie singen
es wie mit einem Schimmer hheren Humors. Doch pltzlich verwandelt sich
die Szene und es beginnt ein Fest des Lebens, auf dem sogar die
Insekten singen; dann tritt eine Schildkrte auf mit allerhand
lateinischen sakramentalen Worten und es singt irgend etwas, wenn ich
mich recht erinnere, sogar ein Mineral, also ein sonst doch schon ganz
unbelebter Gegenstand. berhaupt singen alle ununterbrochen, reden sie
aber einmal miteinander, so ist es mehr ein unbestimmtes Schimpfen, aber
wiederum wie mit einem Schimmer hherer Bedeutung. Schlielich, nach
einem abermaligen Szenenwechsel, sieht man eine wildromantische Gegend,
in der zwischen Felsen ein zivilisierter junger Mann umherirrt und
irgendwelche Grser abreit, an denen er dann saugt. Auf die Frage einer
Fee, warum er das tue, antwortet er, er suche Vergessenheit, weil er ein
berma von Leben in sich fhle, und diese Vergessenheit im Safte dieser
Grser finde, sein Hauptwunsch aber sei -- mglichst bald den Verstand
zu verlieren (ein Wunsch, der vielleicht schon berflssig ist). Darauf
erscheint pltzlich auf einem schwarzen Pferde ein Jngling von
unbeschreiblicher Schnheit und ihm folgen in frchterlicher Menge alle
Vlker. Der Jngling stellt den Tod dar und die Vlker lechzen alle nach
ihm. Und schlielich, in der allerletzten Szene, erscheint pltzlich der
babylonische Turm und irgendwelche Athleten bauen ihn nun schon zu Ende
und singen dazu einen Sang der neuen Hoffnung, und wie sie die hchste
Spitze vollenden, da luft der Beherrscher, sagen wir des Olymps, in
komischer Form davon, und die Menschheit, die jetzt endlich begreift,
beginnt sofort, indem sie sich seines Platzes bemchtigt, ein neues
Leben mit vollkommenem Durchschauen der Dinge. Dieses Poem also wurde
damals fr gefhrlich befunden. Im vorigen Jahre schlug ich Stepan
Trophimowitsch vor, es nunmehr drucken zu lassen, da es in unserer Zeit
doch eine ganz unschuldige Dichtung sei, aber er lehnte den Vorschlag
mit sichtbarem Mibehagen ab. Die Auffassung, da es eine vollkommen
unschuldige Dichtung sei, gefiel ihm offenbar gar nicht, und diesem
Umstande schreibe ich auch die gewisse Khle zu, die seinerseits mir
gegenber volle zwei Monate andauerte. Doch siehe da! Pltzlich, und
fast zur selben Zeit, als ich ihm vorschlug, das Poem hier drucken zu
lassen, wurde unser Poem _dort_ gedruckt, d. h. im Auslande, und
erschien in einem der revolutionren Sammelbnde, ohne da Stepan
Trophimowitsch berhaupt etwas davon wute. Er erschrak zunchst
nicht wenig, strzte zum Gouverneur, entwarf einen hochedlen
Rechtfertigungsbrief fr Petersburg, las ihn mir zweimal vor, schickte
ihn aber dann doch nicht ab, da er, wie sich herausstellte, gar nicht
wute, an wen er ihn senden sollte. Kurz, er regte sich einen ganzen
Monat lang auf, doch ich bin berzeugt, da er dabei in den geheimen
Buchten seines Herzens ungemein geschmeichelt war. Von dem ihm
zugestellten Exemplar des Sammelbandes trennte er sich berhaupt nicht
mehr, ja er schlief fast mit ihm, am Tage aber versteckte er es unter
die Matratze, weshalb er das Mdchen kaum noch das Bett aufbetten lie,
und obschon er Tag fr Tag ein gewisses Telegramm erwartete, schaute er
doch sehr von oben herab. Das Telegramm kam aber nicht. Da shnte er
sich auch mit mir wieder aus, was wiederum von der groen Gte seines
sanften, nicht nachtragenden Herzens zeugt.


                                  II.

Ich behaupte ja nicht, da er wirklich niemals zu leiden gehabt hat[8],
ich habe mich jetzt nur endgltig berzeugt, da er die Vorlesungen ber
seine Araber so lange htte fortsetzen knnen wie er wollte, wenn er nur
die ntigen Erklrungen abgegeben htte. Er aber warf sich damals gleich
in die Brust und schickte sich mit besonderer Eilfertigkeit an, sich
selber ein fr allemal einzureden, da seine Laufbahn vom Wirbelsturm
der Umstnde fr immer zerstrt sei. Doch wenn man schon die ganze
Wahrheit sagen soll, so war der eigentliche Grund dieser nderung seiner
Laufbahn die gerade jetzt in zartfhlendster Weise wiederholte Anfrage
der Gemahlin des Generalleutnants Stawrogin, einer sehr reichen Dame, ob
er die Erziehung und ganze geistige Ausbildung ihres einzigen Sohnes,
gewissermaen als hherer Pdagoge und Freund, bernehmen wolle -- von
dem glnzenden Gehaltsangebot ganz zu schweigen. Dieses Angebot war ihm
schon frher einmal gemacht worden, in seiner Berliner Zeit, gleich nach
dem Tode seiner ersten Frau. Diese war ein etwas leichtsinniges junges
Mdchen aus unserem Gouvernement gewesen, brigens nicht unsympathisch,
die er in seiner ersten Jugend, ohne sich besondere Gedanken zu machen,
geheiratet und mit der er dann viel Leid zu ertragen gehabt hatte,
erstens weil seine Mittel zu ihrem beiderseitigen Unterhalt nicht
ausreichten, und dann noch aus anderen, bereits sehr zarten Grnden. Sie
starb schlielich in Paris, nachdem sie die letzten drei Jahre getrennt
von ihm gelebt hatte, und hinterlie ihm einen fnfjhrigen Sohn -- die
Frucht der ersten freudevollen und noch ungetrbten Liebe, wie sich der
trauernde Stepan Trophimowitsch einmal in meiner Gegenwart unversehens
uerte. Das Kind war brigens schon bald nach der Geburt nach Ruland
geschickt worden -- zu ein paar Tanten irgendwo in der Provinz, die es
erziehen sollten. Damals also, nach dem Tode seiner ersten Frau, hatte
er das Angebot der Warwara Petrowna Stawrogina nicht angenommen, sondern
noch vor Ablauf des Trauerjahres seine zweite Frau, eine schweigsame
kleine Berlinerin, geheiratet, und zwar, was das Auffallende war,
eigentlich ohne jede besondere Notwendigkeit. Doch auerdem hatte er
noch andere Grnde gehabt, das Angebot abzulehnen: ihn lockte der gerade
damals lauttnende Ruhm eines unvergelichen Professors und so wollte
auch er seine Adlerschwingen erproben. Jetzt aber, nachdem er sich die
Schwingen versengt hatte, war es nur natrlich, da er, besonders
nachdem auch seine zweite Frau, kaum ein Jahr nach der Trauung,
gestorben war, dem wiederholten verlockenden Angebot nicht widerstand.
Das Entscheidende war also die glhende Anteilnahme, sowie die
unschtzbare und, wenn man so sagen darf, klassische Freundschaft, die
Warwara Petrowna Stawrogina ihm entgegenbrachte. So warf er sich denn in
die Arme dieser Freundschaft und die whrte gute zwanzig Jahre. Ich habe
soeben den Ausdruck gebraucht er warf sich in die Arme dieser
Freundschaft, doch Gott behte und bewahre einen jeden davor, deshalb
an etwas berflssiges und Miges zu denken. Nein, diese Umarmung ist
einzig in hchst moralischem Sinne zu verstehen. Es waren nur die
feinsten und zartesten Bande, die diese beiden so merkwrdigen Menschen
auf ewig miteinander verknpften.

Die Stellung eines Erziehers wurde auch noch deshalb angenommen, weil
das kleine Gtchen, das seine erste Frau hier in unserem Gouvernement
hinterlassen hatte, unmittelbar an Skworeschniki, das herrliche, nahe
der Stadt belegene Gut der Stawrogins grenzte. Und zudem war es ja immer
mglich, in der Stille des Kabinetts und bereits ohne von der
Riesenhaftigkeit der Universittsarbeiten absorbiert zu werden, sich
ganz den Aufgaben der Wissenschaft zu widmen und die einheimische
Literatur mit den tiefsten Erforschungen zu bereichern. Solche
Erforschungen ergaben sich dann zwar nicht, doch dafr bot sich die
Mglichkeit, das ganze brige Leben, mehr denn zwanzig Jahre lang,
sozusagen einen Vorwurf zu verkrpern -- buchstblich nach dem
Dichterwort:

   ... Idealist und Liberaler,
   Standest du vorm Vaterlande
   Als verkrperter Vorwurf da!

Doch jener Typ[9], auf den sich diese Worte bezogen, htte vielleicht
auch das Recht gehabt, zeitlebens in diesem Sinne zu posieren,
vorausgesetzt, da er es wollte, obschon so etwas doch recht langweilig
sein mu. Unser Stepan Trophimowitsch aber war, wenn man schon die
Wahrheit sagen soll, nur ein Nachahmer im Vergleich zu jenen
Charakteren, ja und das Stehen ermdete ihn auch, weshalb er denn oft
genug ein bichen auf der Seite lag. Aber gleichviel, auch in liegender
Stellung verblieb er eine Verkrperung des Vorwurfs -- das mu man ihm
schon lassen --, um so mehr, als fr die Provinz auch das vollauf
gengte. Oh, man htte ihn sehen sollen, wenn er sich bei uns im Klub an
den Kartentisch setzte! Seine ganze Miene sprach dann frmlich: Karten!
Ich spiele mit euch Jeralsch![10] Wie ist das vereinbar? Wer kann das
verantworten? Wer hat mein Wirken zertrmmert und es in Jeralsch
verwandelt? Ach, geh unter, Ruland! und wrdevoll spielte er aus, --
selbstredend Coeur zuerst.

Im Grunde aber liebte er sogar sehr, ein Partiechen zu machen, weswegen
er nicht selten, und besonders in der letzten Zeit, mit Warwara Petrowna
unangenehme Auseinandersetzungen hatte, zumal er im Spiel immer verlor.
Doch davon spter. Ich will nur bemerken, da er ein sogar
gewissenhafter Mensch war (d. h. manchmal) und darum oft trauerte. Im
Laufe der ganzen zwanzigjhrigen Freundschaft mit Warwara Petrowna
pflegte er regelmig drei- bis viermal im Jahre seinem Brgergram,
wie wir das nannten, zu verfallen, das heit einfach einer Hypochondrie,
doch der Ausdruck Brgergram gefiel der verehrten Warwara Petrowna.
Spterhin war es auch noch der Champagner, dem er ab und zu verfiel oder
zu verfallen begann, aber auch in der Beziehung schtzte ihn die
feinfhlige Warwara Petrowna das ganze Leben lang vor allen trivialen
Neigungen. Er bedurfte ja auch wirklich einer Art Kinderwrterin, denn
mitunter konnte er sehr sonderbar sein: konnte mitten in der erhabensten
Trauer pltzlich auf die volkstmlichste Weise zu spotten anfangen. Ja,
es gab Augenblicke, wo er sich sogar ber sich selbst in humoristischem
Sinne zu uern begann. Nichts aber frchtete Warwara Petrowna so, wie
humoristischen Sinn. Sie war eben eine klassisch empfindende Frau, war
als Frau eine Mzenatin, die nur nach hheren Gesichtspunkten handelte.
Unschtzbar war denn auch der zwanzigjhrige Einflu dieser hheren Dame
auf ihren armen Freund. Doch von ihr mte man eingehender sprechen, was
ich denn auch tun will.


                                  III.

Es gibt sonderbare Freundschaften; es gibt Freunde, die nur miteinander
streiten, das ganze Leben in Streit verbringen, und doch nicht
voneinander lassen knnen. Das Auseinandergehen ist ihnen sogar ganz
unmglich: der Freund, der aus Eigensinn als erster die Verbindung
zerrisse, wrde auch als erster krank werden und womglich sterben, wenn
es darauf ankommt. Ich wei genau, da Stepan Trophimowitsch mehrere
Male, und zwar manchmal nach den intimsten Herzensergssen unter vier
Augen mit Warwara Petrowna, pltzlich, nachdem sie ihn verlassen hatte,
vom Diwan aufsprang und mit den Fusten an die Wand zu hmmern begann.
Nicht sinnbildlich, sondern ganz einfach und sogar so, da er einmal den
Putz von der Wand losschlug. Vielleicht wird man nun fragen: wie ich
denn eine so zarte Einzelheit habe erfahren knnen? Wie nun, wenn ich
selbst Augenzeuge war? Wie, wenn er wiederholt an meiner Schulter
geschluchzt und mir dabei in grellen Farben seine letzten Geheimnisse
erzhlt hat? (Und was, ja was kam dann nicht alles ber seine Lippen!)
Doch nach solchem Geschluchze geschah fast immer Folgendes: am nchsten
Tage war er dann bereit, sich wegen seiner Undankbarkeit selber zu
kreuzigen; dann rief er mich eilig zu sich oder kam schnell selbst zu
mir, nur um mir mitzuteilen, da Warwara Petrowna, was Ehre und
Zartgefhl betrifft, ein Engel sei, er aber sei das absolute
Gegenteil. Und nicht nur zu mir kam er dann, nein, er schrieb das alles
in wortreichen Briefen auch Warwara Petrowna, gestand ihr, ohne sich zu
scheuen, den Brief mit seinem vollen Namen zu unterzeichnen, da er z.
B. erst gestern einem beliebigen Menschen erzhlt habe, sie halte ihn
nur aus Ruhmsucht in ihrem Hause, doch im Grunde beneide sie ihn nur um
seines Wissens und seiner Talente willen; ja, sie hasse ihn sogar und
wage nur nicht, ihren Ha offen zu zeigen, aus Furcht, er knnte dann
weggehen und ihrem Ruf in der Literaturgeschichte schaden; infolgedessen
verachte er sich nun selbst und habe er beschlossen, eines gewaltsamen
Todes zu sterben; von ihr aber erwarte er nur noch ein letztes Wort, das
alles entscheiden werde usw., usw. in dieser Art. Nach diesem Beispiel
kann man sich ungefhr vorstellen, zu welch einer Hysterie die nervsen
Ausbrche dieses unschuldigsten von allen 50jhrigen Suglingen manchmal
ausarteten! Einen dieser Briefe nach irgendeinem Streit zwischen ihnen
aus einem geringfgigen Anla, aber mit erbitterndem Ausgang, habe ich
selbst gelesen. Ich war entsetzt und beschwor ihn, den Brief doch nicht
abzusenden.

Ich kann nicht ... es ist ehrlicher ... es ist meine Pflicht ... ich
sterbe, wenn ich ihr nicht alles gestehe, alles! antwortete er nahezu
fiebernd und sandte den Brief tatschlich ab.

Gerade darin aber lag der Unterschied zwischen ihnen, da Warwara
Petrowna einen solchen Brief niemals abgesandt htte. Freilich, er
liebte ber alle Maen zu schreiben, schrieb ihr selbst damals, als sie
noch in demselben Hause wohnten, schrieb in hysterischen Fllen sogar
zweimal am Tage. Ich wei genau, da Warwara Petrowna immer mit der
grten Aufmerksamkeit diese Briefe durchlas, auch wenn sie ihrer zwei
am Tage erhielt, um sie dann, nummeriert und sortiert, in einer
besonderen Schatulle aufzubewahren; auerdem aber hob sie sie noch in
ihrem Herzen auf. Und nachdem sie dann ihren Freund den ganzen Tag
vergeblich auf eine Antwort hatte warten lassen, benahm sie sich ihm
gegenber am nchsten Tage, als wre so gut wie nichts Besonderes
geschehen, als lge gar nichts vor. Auf die Weise hatte sie ihn
allmhlich so zugestutzt, da er schon von selbst nicht mehr an das
Vorgefallene zu erinnern wagte und ihr nur eine Weile in die Augen sah.
Doch vergessen tat sie nichts, er aber verga manchmal schon gar zu
schnell, und ermutigt durch ihre Ruhe, konnte er oft schon am selben
Tage wieder lachen und beim Champagner allen mglichen Unsinn treiben,
wenn ihn seine Freunde gerade an dem Tage besuchten. Mit welchen
verbitternden Gefhlen mu sie in solchen Augenblicken auf ihn gesehen
haben, er aber bemerkte berhaupt nichts! Es sei denn, da ihm nach
einer Woche, einem Monat oder erst nach einem halben Jahr in einem
besonderen Augenblick zufllig irgendein von ihm gebrauchter Ausdruck in
so einem Brief einfiel und nach und nach der ganze Brief mit allen
Einzelheiten und Umstnden, und dann verging er pltzlich vor Scham und
qulte sich mitunter dermaen, da er wieder an seinen Anfllen von
Cholerine erkrankte. Diese ihn heimsuchenden eigentmlichen Anflle, die
an Cholerine erinnerten, waren in gewissen Fllen der gewhnliche
Ausgang seiner nervsen Erschtterungen und stellten ein in ihrer Art
interessantes Kuriosum seiner Physis dar.

Ja, Warwara Petrowna hat ihn gewi und sogar sehr oft gehat; er aber
hat bis zum Schlu nur eines nicht an ihr erkannt: da er nmlich zu
guter Letzt fr sie zu einem Sohn geworden war, zu ihrem Geschpf, ja
man kann sagen, zu einer Erfindung von ihr, da er schon Fleisch von
ihrem Fleisch war und da sie ihn keineswegs aus Neid, um seiner
Talente willen bei sich hielt und unterhielt. Und wie mssen solche
Verdchtigungen sie verletzt haben! In ihr verbarg sich eine gewisse
unertrgliche, unduldsame Liebe zu ihm, mitten unter ununterbrochenem
Ha, unter Eifersucht und Verachtung. Sie beschtzte ihn vor jedem
Stubchen, gab sich unermdlich zweiundzwanzig Jahre lang mit ihm ab,
und die Sorge htte ihr den Schlaf geraubt, wenn man seinen Ruf als
Dichter, als Gelehrter, sein Wirken im kulturbrgerlichen Sinne
angetastet htte. Sie hatte ihn sich ausgedacht und war selber die
erste, die an die Wirklichkeit ihrer eigenen Dichtung glaubte. Er war so
etwas wie ihr Traumbild. Aber sie verlangte von ihm tatschlich viel
dafr, manchmal geradezu sklavischen Gehorsam. Und nachtragend war sie
bis zur Unglaublichkeit. brigens werde ich doch lieber gleich zwei
Flle erzhlen.


                                  IV.

Einmal, gerade in der Zeit, als sich die ersten Gerchte von der
Aufhebung der Leibeigenschaft im Lande zu verbreiten begannen, beehrte
ein Petersburger Baron, ein Mann mit den allerhchsten Verbindungen, der
noch dazu von Amts wegen der mit Jubel erwarteten Neuerung sehr nahe
stand, auf der Durchfahrt Warwara Petrowna mit seinem Besuch. Sie liebte
und pflegte solche Bekanntschaften auerordentlich, zumal ihre
Verbindungen mit der hohen Gesellschaft nach dem Tode ihres Mannes
betrchtlich abgenommen hatten und schlielich ganz aufzuhren drohten.
Der Baron verweilte etwa eine Stunde bei ihr und trank Tee. Von ihren
Bekannten war sonst niemand zugegen, nur Stepan Trophimowitsch ward von
ihr eingeladen und sozusagen zur Schau gestellt. Der Baron hatte denn
auch richtig schon frher von ihm gehrt, oder tat wenigstens, als habe
er von ihm gehrt, doch wandte er sich beim Tee selten an ihn. Natrlich
htte sich Stepan Trophimowitsch gesellschaftlich nie irgendwie
blamieren knnen, er hatte berhaupt die feinsten Manieren; obschon er,
glaube ich, nicht von hoher Herkunft war. Aber er war von der frhesten
Kindheit an in einem vornehmen Moskauer Hause aufgewachsen, also sehr
gut erzogen; Franzsisch sprach er wie ein Pariser. Der Baron mute
mithin auf den ersten Blick erkennen, mit welchen Menschen Warwara
Petrowna sich umgab, wenn sie auch in der Provinz lebte. Allein, es
sollte anders kommen. Als nmlich der Baron die neuen Gerchte von der
bevorstehenden groen Reform ausdrcklich besttigte, da konnte Stepan
Trophimowitsch pltzlich nicht an sich halten und rief ein Hurra!,
wobei er mit der Hand noch eine Geste machte, die Begeisterung
ausdrcken sollte. Er rief es brigens nicht laut und geradezu elegant;
ja, vielleicht war die Begeisterung sogar wohlberlegt und die Geste
absichtlich vor dem Spiegel einstudiert, eine halbe Stunde vor dem Tee;
doch offenbar miglckte ihm hierbei irgend etwas, so da der Baron sich
ein kaum merkliches Lcheln erlaubte, wenn er auch sofort beraus
hflich eine Phrase ber die allgemeine und erklrliche Ergriffenheit
aller russischen Herzen angesichts der groen Begebenheit einflocht.
Darauf empfahl er sich bald und verga dabei nicht, Stepan
Trophimowitsch zum Abschiede zwei Finger zu reichen. Als Warwara
Petrowna in den Salon zurckkehrte, schwieg sie zunchst etwa drei
Minuten lang und tat, als suchte sie etwas auf dem Tisch; doch pltzlich
wandte sie sich zu Stepan Trophimowitsch und stie, bleich, mit
blitzenden Augen, halblaut zischelnd hervor: Das werde ich Ihnen nie
vergessen!

Am anderen Tage verhielt sie sich zu ihrem Freunde als wre nichts
geschehen, ber das Vorgefallene verlor sie weiter kein Wort. Erst nach
dreizehn Jahren, in einem tragischen Augenblick, erinnerte sie ihn
pltzlich an diesen Vorfall und wieder erbleichte sie dabei genau so wie
damals. Nur zweimal in ihrem Leben hat sie zu ihm gesagt: Das werde ich
Ihnen nie vergessen! Der Fall mit dem Baron war schon der zweite Fall;
aber auch der erste war an und fr sich so charakteristisch und hat, wie
mir scheint, im Schicksal Stepan Trophimowitschs so viel bedeutet, da
ich mich entschliee, auch ihn zu erwhnen.

Das war im Jahre 1855, im Mai, kurz nachdem man in Skworeschniki die
Nachricht vom Tode des Generalleutnants Stawrogin, des leichtsinnigen
alten Herrn, erhalten hatte, der auf der Reise nach der Krim zur
bernahme eines Kommandos in der aktiven Armee unterwegs an einer
Magenerkrankung gestorben war. Warwara Petrowna war also nun Witwe und
ging in tiefstem Schwarz. Freilich, innerlich konnte ihre Trauer nicht
sehr gro sein, denn schon die letzten vier Jahre hatten die beiden
Gatten wegen der Charaktergegenstze vollkommen getrennt gelebt und sie
hatte ihm nur eine Art Pension ausgesetzt. (Der Generalleutnant besa
selber nur 150 Seelen und sein Gehalt, auerdem seinen alten Adel und
Beziehungen; der ganze Reichtum dagegen und Skworeschniki gehrten
Warwara Petrowna, als der einzigen Tochter eines sehr reichen
Branntweinpchters.) Nichtsdestoweniger hatte die Pltzlichkeit der
Nachricht sie erschttert und so zog sie sich denn in die Einsamkeit
zurck. Selbstredend befand sich Stepan Trophimowitsch ununterbrochen
bei ihr.

Der Mai stand in voller Blte; die Abende waren wundervoll.
Maulbeerbume dufteten. Die beiden Freunde kamen allabendlich im Garten
zusammen, saen bis in die Nacht hinein in einer Laube und breiteten
ihre Gefhle und Gedanken voreinander aus. Es gab manchen poetischen
Augenblick. Unter dem Eindruck ihrer Schicksalsnderung sprach Warwara
Petrowna mehr als gewhnlich. Sie schmiegte sich gleichsam an das Herz
ihres Freundes, und das setzte sich so mehrere Abende fort. Pltzlich
kam Stepan Trophimowitsch ein eigentmlicher Gedanke: Wie? rechnete die
erschtterte Witwe jetzt vielleicht auf ihn? Erwartete sie etwa nach
Ablauf des Trauerjahres einen Heiratsantrag von ihm? -- Ein zynischer
Gedanke; aber gerade die Hhe der Organisation begnstigt doch mitunter
noch die Neigung zu zynischen Gedanken, schon allein durch die
Vielseitigkeit der Entwicklung. Er begann zu berlegen und fand, da es
wirklich diesen Anschein gewann. Er wurde nachdenklich: Ein riesiges
Vermgen, das ist allerdings wahr, aber ... In der Tat, Warwara
Petrowna war nicht gerade das, was man unter einer Schnheit versteht:
sie war eine groe, gelbe, magere Frau, mit einem bermig langen
Gesicht, in dem irgend etwas entfernt an einen Pferdekopf erinnerte.
Stepan Trophimowitsch schwankte immer mehr unter solchen Betrachtungen,
qulte sich mit Zweifeln und weinte sogar zweimal wegen seiner eigenen
Unentschlossenheit (er weinte ziemlich oft). An den Abenden, also in der
Laube, nahm sein Gesicht einen kaprizisen Ausdruck an, und zuweilen war
sogar etwas Ironisches, etwas Kokettes, und zugleich Hochmtiges darin.
Das geschieht ganz unwillkrlich, und sogar je edler der Mensch ist,
um so bemerkbarer wird es. Ob nun Stepan Trophimowitschs
Befrchtungen grundlos waren oder nicht, das ist schwer zu sagen: am
wahrscheinlichsten ist, da Warwara Petrowna an eine Heirat berhaupt
nicht dachte -- jedenfalls htte sie sich wohl niemals entschlieen
knnen, ihren alten Namen, den der Stawrogins, mit dem seinen zu
vertauschen, selbst wenn sein Name in der Literatur noch so berhmt
gewesen wre. Vielleicht war es von ihr aus nur ein weibliches Spiel,
der Ausdruck eines unbewuten weiblichen Bedrfnisses, das ja in manchen
weiblichen Fllen doch so natrlich ist. brigens kann ich mich fr
nichts verbrgen, die Tiefe des Frauenherzens ist sogar bis heute noch
unerforschlich! Doch ich fahre fort.

Es ist anzunehmen, da Warwara Petrowna aus dem eigentmlichen
Gesichtsausdruck ihres Freundes bald erriet, was in ihm vorging; sie war
feinfhlig und verstand zu beobachten, er aber war manchmal schon gar zu
naiv. Trotzdem vergingen die Abende nach wie vor poetisch und bei
anregender Unterhaltung. Einmal jedoch, bei Anbruch der Nacht, trennten
sie sich nach einem besonders lebhaften, interessanten und poetischen
Gesprch mit einem heien Hndedruck an der Treppe des Gartenhauses, in
das Stepan Trophimowitsch in jedem Sommer aus dem riesigen Herrenhause
von Skworeschniki berzusiedeln pflegte. Als er eingetreten war, nahm er
zunchst, gleichsam zerstreut und doch wie in Gedanken versunken, eine
Zigarre, zndete sie aber noch nicht an, sondern trat ermdet ans offene
Fenster und schaute regungslos den wie Flaum leichten, hellen Wlkchen
zu, die an dem klaren Monde vorberglitten, als pltzlich ein leises
Gerusch ihn aufschreckte und er sich umsah. Vor ihm stand wieder
Warwara Petrowna, von der er sich vor kaum vier Minuten im Garten
getrennt hatte. Ihr gelbes Gesicht war fast blulich, ihre Lippen
schienen sich krampfhaft zusammenzupressen und die Mundwinkel zuckten.
So sah sie ihm wohl volle zehn Sekunden lang schweigend in die Augen,
mit festem, unerbittlichem Blick, und pltzlich stie sie in schnellem
Geflster hervor:

Das werde ich Ihnen nie vergessen!

Als Stepan Trophimowitsch mir zehn Jahre spter diese traurige
Geschichte erzhlte, flsternd, nachdem er zuvor die Tr verschlossen
hatte, versicherte er mir, er sei damals auf der Stelle so erstarrt, da
er weder gehrt noch gesehen habe, wie Warwara Petrowna wieder
verschwand. Und da sie spter kein einziges Mal den Vorfall auch nur
erwhnt hatte und alles seinen Lauf ging, als wre nichts geschehen, so
war er sein lebelang geneigt, anzunehmen, da das Ganze nur eine
Halluzination vor der Erkrankung gewesen sei, zumal er tatschlich noch
in derselben Nacht erkrankte und ganze zwei Wochen lang das Bett hten
mute, was denn auch, brigens sehr zur rechten Zeit, den Gesprchen in
der Laube ein Ende machte.

Doch ungeachtet seiner Idee von der Halluzination war es dennoch, als
erwartete er jeden Tag, whrend der ganzen Jahre, so etwas wie eine
Fortsetzung und sozusagen Erklrung dieses Geschehnisses. Er glaubte
nicht, da es damit auch beendet sei! Und wenn er das nicht glaubte, wie
sonderbar mu er dann doch manchmal auf seinen Freund geschaut haben!


                                   V.

Sie hatte sogar das Kostm fr ihn erdacht, das er seitdem bestndig
trug. Es war geschmackvoll und charakteristisch zugleich: ein langer
schwarzer Rock, fast bis oben zugeknpft, der aber prachtvoll sa; ein
weicher Hut (im Sommer aus Stroh) mit breiter Krempe; eine Halsbinde aus
weiem Batist, mit groem Knoten und hngenden Enden; ein Stock mit
silbernem Knauf, dazu das Haar fast bis auf die Schultern. Er war
dunkelblond und erst in der letzten Zeit begann er ein wenig zu
ergrauen. Den Schnurrbart und Bart rasierte er. Man sagt, in seiner
Jugend sei er ein beraus schner Mensch gewesen. Doch meiner Meinung
nach war er auch im Alter eine ungemein eindrucksvolle Erscheinung. Aber
kann man denn bei dreiundfnfzig Jahren berhaupt von Alter reden? Doch
aus einer gewissen Brger-Eitelkeit machte er sich nicht nur nicht
jnger, sondern war sogar gleichsam stolz auf die Soliditt seiner
Jahre, und in diesem Kostm, hoch von Wuchs, hager, mit dem langen Haar
erinnerte er gleichsam an einen Patriarchen, oder noch besser: an das
Portrt des Dichters Kkolnik[11], das in den dreiiger Jahren als
Lithographie in irgendeiner Ausgabe erschien, besonders wenn er im
Sommer im Garten sa, auf einer Bank unter blhendem Flieder, die Hnde
auf den Stock gesttzt, ein aufgeschlagenes Buch neben sich und in
poetisches Sinnen versunken beim Anblick des Sonnenuntergangs. brigens
in betreff der Bcher mu ich bemerken, da er in der letzten Zeit das
Lesen gewissermaen aufzugeben begann. Aber das geschah doch erst in der
allerletzten Zeit. Die Zeitungen und Zeitschriften dagegen, die Warwara
Petrowna in Menge sich zuschicken lie, die las er bestndig. Fr die
Fortschritte der russischen Literatur interessierte er sich gleichfalls
unausgesetzt, freilich ohne dabei seiner eigenen Wrde auch nur das
geringste zu vergeben. Eine Zeitlang befate er sich auch eifrig mit dem
Studium unserer inneren und ueren Tagespolitik, doch alsbald gab er
das resigniert wieder auf. Es kam aber auch anderes vor: da er z. B.
einen Band Tocqueville in den Garten mitnahm, in seiner Rocktasche aber
einen Paul de Kock versteckt hatte. Doch das sind brigens
Belanglosigkeiten.

Zu dem Portrt von Kkolnik mchte ich hier nur in Klammern bemerken:
da dieses Bild Warwara Petrowna zum erstenmal in die Hnde geraten war,
als sie noch in Moskau in einem adeligen Mdchenpensionat erzogen wurde.
Sie verliebte sich sofort in dieses Bild, nach der Gewohnheit smtlicher
jungen Mdchen in Pensionaten, die sich nun einmal in alles zu verlieben
pflegen, was ihnen nur zu Gesichte kommt, aber zugleich auch in ihre
Lehrer, und zwar vornehmlich in die der Schnschreibe- und Zeichenkunst.
Im vorliegenden Fall jedoch war das Bemerkenswerte nicht diese
Eigenschaft junger Mdchen, sondern lediglich der Umstand, da Warwara
Petrowna die erwhnte Lithographie noch im fnfzigsten Lebensjahr unter
ihren teuersten Kostbarkeiten aufbewahrte, also vielleicht nur deshalb
auch fr Stepan Trophimowitsch jenes besondere Kostm erdacht hatte, das
dem auf diesem Bilde dargestellten zum Teil so hnlich war. Aber auch
das ist natrlich nur eine Nebensache.

In den ersten Jahren oder, genauer gesagt, in der ersten Hlfte seines
Aufenthalts bei Warwara Petrowna hatte Stepan Trophimowitsch immer noch
an schriftstellerische Ttigkeit gedacht und sich eigentlich jeden Tag
ernstlich vorgenommen, mit dem Werk, das ihm vorschwebte, zu beginnen.
In der zweiten Hlfte aber begann er offenbar, die frheren Vorstudien
schon zu vergessen. Immer hufiger sagte er zu uns: Man sollte meinen,
jetzt knnte ich mit der Arbeit beginnen, das Material ist
zusammengetragen, und doch entsteht nichts! Es will einfach nicht in mir
arbeiten! und wehmtig lie er den Kopf hngen. Zweifellos sollte
gerade das ihn in unseren Augen noch mehr erhhen, ihn als einen
Mrtyrer der Wissenschaft hinstellen; aber im Grunde und fr sich selbst
verlangte ihn doch nach etwas anderem. Man hat mich vergessen, niemand
braucht mich! entrang es sich ihm mehr als einmal. Diese gesteigerte
Schwermut bemchtigte sich seiner besonders ganz am Ende der fnfziger
Jahre. Warwara Petrowna begriff schlielich, da die Sache ernst war.
Zudem konnte auch sie den Gedanken nicht ertragen, da ihr Freund
vergessen sei und niemand ihn brauche. Um ihn zu zerstreuen, aber
zugleich auch um seinen Ruhm zu erneuen, reiste sie damals mit ihm nach
Moskau, wo sie mit einigen tadellosen Vertretern der Literaten- und
Gelehrtenwelt bekannt war; doch es erwies sich, da auch Moskau nicht
zufriedenstellen konnte.

Es war damals eine besondere Zeit[12]; etwas Neues brach an, etwas, das
der vorhergegangenen Stille schon gar zu unhnlich war, etwas schon gar
zu Seltsames, das jedoch berall gesprt wurde, selbst in Skworeschniki.
Verschiedene Gerchte drangen auch dorthin. Die Tatsachen waren ja im
allgemeinen mehr oder weniger bekannt, aber es war klar, da auer den
Tatsachen noch eigentmliche sie begleitende Ideen aufzutauchen
begannen, und zwar, was das Wichtigste war, Ideen in auergewhnlicher
Menge. Gerade das aber wirkte verwirrend: es war ganz und gar unmglich,
sich ein Urteil zu bilden und genau zu erfahren, was diese Ideen
eigentlich bezweckten. Warwara Petrowna wollte, infolge der weiblichen
Konstruktion ihrer Natur, unbedingt ein Geheimnis in ihnen verborgen
wissen. Sie begann nun zunchst selber die Zeitungen und Zeitschriften
zu lesen, dazu auslndische verbotene Ausgaben und sogar die damals
aufkommenden Proklamationen (alles das wurde ihr zugestellt); doch ihr
wurde davon nur schwindlig. Sie begann dann Briefe zu schreiben; man
antwortete ihr wenig und je weiter man ging, um so unverstndlicher
wurde es. Stepan Trophimowitsch ward darauf feierlichst von ihr gebeten,
ihr alle diese Ideen ein fr allemal zu erklren; doch seine
Erklrungen befriedigten sie entschieden nicht. Der Standpunkt, von dem
aus Stepan Trophimowitsch die allgemeine Bewegung beurteilte, war ein im
hchsten Grade hochmtiger; bei ihm lief alles darauf hinaus, da man
ihn vergessen habe und niemand ihn brauche. Da aber geschah es, da man
sich schlielich auch seiner erinnerte; zuerst in auslndischen
Zeitschriften[13] als eines verbannten Mrtyrers, und danach sofort auch
in Petersburg, als eines ehemaligen Sternes in einem bekannten
Sternbilde; man verglich ihn aus irgendeinem Grunde sogar mit
Radischtscheff[14]. Darauf schrieb jemand in einer Zeitung, er sei
bereits gestorben, und stellte einen Nekrolog ber ihn in Aussicht.
Stepan Trophimowitsch belebte sich nach diesen Erwhnungen seines Namens
im Nu wie ein Auferstandener, und nahm eine hchst wrdevolle Haltung
an. Der ganze Hochmut in seinem bisherigen Verhalten gegenber den
Zeitgenossen fiel im Handumdrehen von ihm ab und statt dessen erglhte
in ihm der Wunsch: sich der Bewegung anzuschlieen und seine Kraft zu
zeigen. Warwara Petrowna begann sofort von neuem und an alles zu glauben
und war ganz Eifer fr die Sache. Es wurde beschlossen, ohne den
geringsten Aufschub nach Petersburg zu reisen, alles an Ort und Stelle
in Erfahrung zu bringen, persnlich zu ergrnden, und sich hinfort,
falls angngig, ganz und ungeteilt der neuen Aufgabe zu widmen. Unter
anderem erklrte sie sich bereit, eine eigene Zeitschrift zu grnden und
dieser von nun an ihr ganzes Leben zu weihen. Als Stepan Trophimowitsch
sah, wieweit es gekommen war, wurde er noch selbstbewuter, und begann
bereits unterwegs, sich zu Warwara Petrowna fast gnnerhaft zu
verhalten, -- was sie sich sofort merkte und in ihrem Herzen aufhob.
brigens hatte sie noch einen anderen sehr wichtigen Grund zu dieser
Reise, nmlich die Erneuerung ihrer Beziehungen zu den hheren Kreisen.
Man mute sich, soweit das mglich war, in der Gesellschaft wieder in
Erinnerung bringen, mute wenigstens den Versuch machen. Doch offiziell
war der Anla zu dieser Reise ein Wiedersehen mit ihrem einzigen Sohn,
der damals seine Studien im Petersburger Adelslyzeum beendete.


                                  VI.

Sie trafen in Petersburg ein und verlebten dort fast die ganze
Wintersaison. Allein zu den groen Fasten platzte alles wie eine
regenbogenfarbene Seifenblase. Die Illusionen verflogen, der geschwatzte
Unsinn aber klrte sich nicht nur nicht auf, sondern wurde noch
widerlicher. Doch zunchst: die Wiederanknpfung der hheren Beziehungen
gelang fast gar nicht, oder nur in uerst mikroskopischem Mae, und
selbst das nur mittels erniedrigender Bemhungen. Die gekrnkte Warwara
Petrowna strzte sich darauf ganz in die neuen Ideen und erffnete
Abende in ihrem Salon. Sie lud Literaten ein und man fhrte ihr die
sogleich in Menge zu. Alsbald kamen sie schon von selbst auch
uneingeladen; einer brachte den anderen mit. Sie hatte noch nie solche
Literaten gesehen. Eitel waren sie bis zur Unglaublichkeit, aber sie
waren es ganz offen und ungeniert, wie wenn sie damit eine Pflicht
erfllten. Manche (wenn auch lngst nicht alle) erschienen sogar in
betrunkenem Zustande, aber auch das geschah in einer Weise, als wren
sie sich dabei einer besonderen, erst gestern darin entdeckten Schnheit
bewut. Alle waren sie auf irgendetwas bis zur Seltsamkeit stolz. Auf
allen Gesichtern stand geschrieben, da sie berzeugt waren, soeben erst
ein ungeheuer wichtiges Geheimnis entdeckt zu haben. Den Gebrauch von
Schimpfworten rechneten sie sich offenbar zur Ehre an. Was sie alle
eigentlich geschrieben hatten, war ziemlich schwer zu erfahren; aber es
gab da Kritiker, Romanschriftsteller, Dramatiker, Satiriker, Polemiker.
Stepan Trophimowitsch drang sogar in ihren hchsten Kreis ein, von wo
aus die ganze Bewegung geleitet wurde. Bis zu diesen Regierenden war es
unglaublich hoch, doch ihm kamen sie bereitwillig entgegen, obschon
natrlich kein einziger von ihnen etwas Nheres ber ihn wute oder
gehrt hatte, auer da er eine Idee vertrete. Er manvrierte dann so
um sie herum, da er auch sie bewog, etwa zwei- oder dreimal in Warwara
Petrownas Salon zu erscheinen, trotz all ihrer olympischen Erhabenheit.
Diese Herren waren sehr ernst und sehr hflich; benahmen sich gut; die
brigen hatten sichtlich Furcht vor ihnen; aber man sah ihnen an, da
sie keine Zeit hatten. Es erschienen auch zwei oder drei ehemalige
literarische Berhmtheiten, die sich damals zufllig in Petersburg
aufhielten, und mit denen Warwara Petrowna schon lange die feinsten
Beziehungen unterhielt. Doch zu Warwara Petrownas Verwunderung waren
diese wirklichen und bereits zweifellosen Berhmtheiten unter ihren
Gsten stiller als Wasser, niedriger als Gras, manche aber von ihnen
schmiegten sich an dieses neue Gesindel geradezu an und suchten sich
schmhlicherweise bei ihm einzuschmeicheln. Anfangs hatte Stepan
Trophimowitsch Glck; man griff sofort nach ihm und begann ihn in
ffentlichen literarischen Veranstaltungen zur Schau zu stellen. Als er
an einem ffentlichen literarischen Abende zum erstenmal als einer der
Vortragenden die Rednerbhne betrat, begrte ihn rasendes
Hndeklatschen, das gute fnf Minuten lang andauerte. Neun Jahre spter
gedachte er dieses Abends mit Trnen in den Augen, -- brigens mehr
infolge seiner Knstlernatur als aus Dankbarkeit. Ich schwre Ihnen und
wette darauf, sagte er zu mir (aber nur zu mir und als tiefstes
Geheimnis), da unter diesem ganzen Publikum niemand auch nur das
geringste von mir wute! Ein beachtenswertes Gestndnis: also war in
ihm doch ein scharfer Verstand, wenn er schon damals auf der
Rednerbhne, trotz seines Rausches, seine wirkliche Stellung so klar zu
erkennen vermochte; und andererseits war doch wiederum kein scharfer
Verstand in ihm, wenn er sogar nach neun Jahren nicht ohne die
Empfindung einer Krnkung daran zurckdenken konnte. Unter anderem
veranlate man ihn, zwei oder drei Kollektivproteste (wogegen -- das
wute er selbst nicht) gleichfalls zu unterschreiben; jedenfalls tat
er's. Auch Warwara Petrowna wurde zur Hergabe ihres Namens veranlat,
und auch sie unterschrieb einen Protest gegen irgendein schndliches
Verhalten. brigens hielt sich die Mehrzahl dieser neuen Leute aus
irgendeinem Grunde fr verpflichtet, auf Warwara Petrowna, wenn sie auch
ihre Abende besuchten, doch mit Verachtung und unverhohlenem Spott
herabzusehen. Stepan Trophimowitsch deutete mir gegenber spter in
bitteren Augenblicken an, da sie in eben jener Zeit begonnen habe, ihn
zu beneiden. Sie begriff natrlich, da diese Leute kein Umgang fr sie
waren, aber trotzdem empfing sie sie bei sich mit eigensinnigem Eifer,
mit aller weiblich-hysterischen Ungeduld, und hrte vor allem nicht auf,
etwas zu erwarten. An den Abenden in ihrem Salon sprach sie wenig,
obschon sie zu sprechen verstanden htte; aber sie hrte um so
aufmerksamer zu. Man sprach ber alles Mgliche: von der Abschaffung der
Zensur und des Buchstabens Jerr als harten Endzeichens, von der
Ersetzung der russischen Schriftzeichen durch lateinische, sprach ber
die Tags zuvor erfolgte Verschickung irgend jemandes nach Sibirien, ber
einen Skandal, der sich in der Passage zugetragen, ber die Vorteile
einer Aufteilung Rulands nach seinen Vlkerschaften, unter freiem
fderativem Zusammenschlu, ber die Abschaffung des Heeres und der
Flotte, ber die Wiederherstellung Polens bis zum Dnjepr, ber die
Bauernbefreiung und die Proklamationen, ber die Abschaffung des
Erbrechts, der Familie, der Kinder und der Geistlichen, ber die
Frauenrechte, ber das Haus des Verlegers Krajewski, das niemand Herrn
Krajewski verzeihen konnte, usw. usw. Es war klar, da sich in dieser
Kohorte der neuen Menschen viele Spitzbuben befanden, aber zweifellos
gab es auch viele ehrliche, sogar sehr anziehende Menschen unter ihnen,
trotz gewisser wunderlicher Nuancen. Die ehrlichen waren viel
unverstndlicher als die unehrlichen und frechen; aber es lie sich
nicht feststellen, welche Art die andere in der Hand hatte. Als Warwara
Petrowna ihre Absicht, eine Zeitschrift herauszugeben, ausgesprochen
hatte, strmten noch viel mehr Leute herbei. Doch sofort hagelten ihr
auch schon Beschuldigungen ins Gesicht, sie sei eine Kapitalistin und
beute die Arbeitenden aus. Der Unverfrorenheit der Anklagen kam nur ihre
Unverhofftheit gleich. Da geschah es aber, da der hochbetagte General
Iwan Iwanowitsch Drosdoff, der ehemalige Freund und Regimentskamerad des
verstorbenen Generals Stawrogin, ein beraus ehrenwerter Mann (in seiner
Art) und den wir hier alle gekannt haben, ein bis zum uersten
starrkpfiger und reizbarer Mensch, der entsetzlich viel zu essen
pflegte und den Atheismus ber alles frchtete, -- da dieser General an
einem der Abende bei Warwara Petrowna mit einem berhmten Jngling in
Streit geriet. Und schon nach den ersten Worten warf ihm dieser ins
Gesicht: Wenn das wirklich Ihre Ansicht ist, dann sind Sie ja ein
General, in dem Sinne, als knne er ein noch strkeres Schimpfwort als
die Bezeichnung General nicht finden. Iwan Iwanowitsch brauste malos
auf: Jawohl, mein Herr, ich bin ein General und Generalleutnant und
habe _meinem_ Kaiser gedient, du aber, mein Bester, bist nur ein Bengel
und ein Gottesleugner! Es kam zu einem hchst unstatthaften Skandal. Am
anderen Tage wurde der Fall in der Presse entsprechend behandelt, und
man begann Unterschriften zu einem Kollektivprotest gegen Warwara
Petrownas schndliches Verhalten zu sammeln, da sie dem General nicht
hatte die Tr weisen wollen, was sie sofort htte tun mssen. Und in
einem illustrierten Blatt erschien eine Karikatur, die Warwara Petrowna,
den General und Stepan Trophimowitsch boshaft als drei reaktionre
Freunde darstellte; dem Bilde waren auch Verse beigefgt, die der
Dichter aus dem Volk eigens zu diesem Ereignis verfat hatte. Ich
bemerke hierzu von mir aus, da allerdings viele Personen im
Generalsrang die Gewohnheit haben, komischerweise zu sagen: Ich habe
_meinem_ Kaiser gedient ... also ganz als htten sie nicht denselben
Kaiser wie wir einfachen Untertanen des Zaren, sondern einen eigenen,
besonderen fr sich.

Natrlich war es danach nicht mglich, noch lnger in Petersburg zu
bleiben, zumal auch Stepan Trophimowitsch endgltig Fiasko machte. Er
hatte es schlielich doch nicht ausgehalten und von den Rechten der
Kunst zu reden begonnen, da aber war das Lachen ber ihn noch lauter
geworden. Bei seinem letzten Vortrag gedachte er durch kulturfordernde
Redekunst zu wirken, da er sich einbildete, damit die Herzen rhren zu
knnen, doch rechnete er gleichzeitig auf den Respekt vor seinem
Mrtyrertum als Verbannter. So gab er denn die Wertlosigkeit und
Lcherlichkeit des Wortes Vaterland ohne weiteres zu, erklrte sich
auch mit dem Gedanken, da die Religion schdlich sei, einverstanden,
doch dafr verkndete er laut und mit Entschlossenheit, da Stiefel
etwas Geringeres seien als Puschkin, und zwar etwas bedeutend
Geringeres. Er wurde erbarmungslos ausgepfiffen, so da er auf der
Stelle, vor dem ganzen Publikum, ohne von der Rednerbhne
hinabzusteigen, in Trnen ausbrach. Warwara Petrowna brachte ihn halbtot
nach Hause. _On m'a trait comme un vieux bonnet de coton!_{[1]} soll
er nur noch wie benommen gestammelt haben. Sie pflegte ihn die ganze
Nacht, gab ihm Kirschlorbeertropfen und trstete ihn unentwegt bis zum
Morgen mit den Versicherungen: Sie sind noch wertvoll, Ihre Stunde wird
noch kommen, man wird Sie anerkennen ... an einem anderen Ort.

Am folgenden Tage aber erschienen bei Warwara Petrowna bereits frh
morgens fnf Literaten, von denen ihr drei ganz unbekannt waren, ja die
sie noch nie auch nur gesehen hatte. Mit strenger Miene teilten sie ihr
mit, sie htten die Angelegenheit der von ihr geplanten Zeitschrift
geprft und in der Sache einen Beschlu gefat. Warwara Petrowna hatte
entschieden niemanden beauftragt, diese Angelegenheit zu prfen und ber
ihre Zeitschrift etwas zu beschlieen. Der Beschlu bestand darin, da
Warwara Petrowna, nachdem sie die Zeitschrift gegrndet, diese
unverzglich mitsamt dem Kapital ihnen zu bergeben habe, mit den
Rechten einer freien Handelsgesellschaft; sie selbst aber solle nach
Skworeschniki zurckkehren und nicht vergessen, Stepan Trophimowitsch
mitzunehmen, der mit seinen Anschauungen veraltet sei. Aus Zartgefhl
erklrten sie sich bereit, ihr das Eigentumsrecht zuzuerkennen und ihr
alljhrlich ein Sechstel des Gewinnes zuzusenden. Das Rhrendste war
dabei, da von diesen fnf Menschen vier ganz gewi nicht die geringste
eigenntzige Absicht hatten und nur um der allgemeinen Sache willen
diese Mhe auf sich nahmen.

Wir waren wie betubt, als wir abfuhren, erzhlte Stepan
Trophimowitsch, ich konnte noch berhaupt nichts fassen, und ich
erinnere mich, zum Rattern der Rder murmelte ich immer nur vor mich
hin: >Wjek, Wjek, Wjek ... Ljeff Kambeck--beck--beck ... Wjek, Wjek,
Wjek ...<[15] und der Teufel wei was noch alles, bis wir in Moskau
eintrafen. Erst in Moskau kam ich wieder zu mir -- als htte ich dort
tatschlich etwas anderes gefunden? Oh, meine Freunde! rief er vor uns
manchmal ergriffen aus, Sie knnen sich ja gar nicht vorstellen, welch
eine Trauer und welch eine Wut einem die ganze Seele erfllen, wenn die
groe Idee, die Sie schon lange heilig halten, von Unwissenden
aufgegriffen und zu ebensolchen Dummkpfen, wie jene selbst sind, auf
die Strae hinausgeschleppt wird, und pltzlich begegnet man ihr schon
auf dem Trdelmarkt, wo sie kaum wiederzuerkennen ist, im Schmutz,
unsinnig aufgestellt, schief, ohne jede Proportion, ohne Harmonie, als
Spielzeug dummer Kinder! Nein! Zu unserer Zeit war es nicht so, unser
Streben ging nicht nach der Richtung. Nein, nein, ganz und gar nicht
nach der Richtung. Ich erkenne nichts wieder ... Aber unsere Zeit wird
von neuem anbrechen und wird alles Wackelnde, Gegenwrtige wieder auf
den festen Weg lenken. Denn was sollte sonst wohl werden? ...


                                  VII.

Gleich nach ihrer Rckkehr aus Petersburg schickte Warwara Petrowna
ihren Freund ins Ausland: zur Erholung; aber es tat auch not, da sie
sich fr einige Zeit voneinander trennten, das fhlte sie. Stepan
Trophimowitsch fuhr mit Entzcken ab. Dort werde ich auferstehen! rief
er aus, dort werde ich mich nun endlich der Wissenschaft zuwenden!
Doch schon in den ersten Briefen aus Berlin begann wieder das alte Lied:
Mein Herz ist zerrissen, schrieb er an Warwara Petrowna, ich kann
nichts vergessen! Hier in Berlin hat mich alles an das Alte erinnert, an
die Vergangenheit, an die ersten Begeisterungen und die ersten Qualen.
Wo ist sie? Wo seid ihr jetzt beide? Wo seid ihr, meine beiden Engel,
deren ich niemals wert war? Und wo ist mein Sohn, mein geliebter Sohn?
Und schlielich, wo bin ich, ich selbst, wo ist mein frheres Ich, das
sthlern an Kraft und wie ein Fels unerschtterlich war, whrend jetzt
irgendein Andrejeff, _c'est  dire un_ rechtglubiger Narr mit einem
Bart, _peut briser mon existence en deux_{[2]} usw. usw. Was diesen
Sohn betrifft, so ist hierzu zu bemerken, da er ihn in seinem ganzen
Leben nur zweimal gesehen hatte: das erstemal, als der Sohn geboren
wurde, und das zweitemal gerade jetzt in Petersburg, wo der junge Mann
sich zum Eintritt in die Universitt vorbereitete. Erzogen worden war
der Knabe, wie bereits erwhnt, von Tanten im Gouvernement O..., 700
Werst von Skworeschniki (auf Warwara Petrownas Kosten). Und was den
erwhnten Andrejeff betrifft, so war das ganz einfach unser hiesiger
Kaufmann, ein Ladenbesitzer, ein groer Sonderling, archologischer
Autodidakt und leidenschaftlicher Sammler russischer Altertmer, der
manchmal Stepan Trophimowitsch in Kenntnissen zu berbieten suchte, doch
vor allem ber Gesinnungsfragen mit ihm debattierte. Dieser achtbare
Kaufmann mit grauem Bart und in Silber gefater groer Brille schuldete
Stepan Trophimowitsch noch 400 Rubel fr einige Dessjtinen Wald, die er
auf dessen kleinem (an Skworeschniki grenzenden) Gute zum Abholzen
gekauft hatte. Obschon nun Stepan Trophimowitsch von Warwara Petrowna
fast verschwenderisch mit Mitteln zu dieser Reise ausgestattet worden
war, hatte er auf diese 400 Rubel doch noch besonders gerechnet,
wahrscheinlich fr seine geheimen Ausgaben, und er war fast in Trnen
ausgebrochen, als Andrejeff ihn bat, sich noch einen Monat zu gedulden.
brigens hatte Andrejeff durchaus ein Anrecht auf einen solchen
Aufschub, da er die ersten Raten alle fast ein halbes Jahr vor dem
Termin bezahlt hatte, weil das Geld damals von Stepan Trophimowitsch
gerade dringend bentigt worden war. Jenen ersten Brief Stepan
Trophimowitschs aus Berlin las Warwara Petrowna mit Spannung,
unterstrich mit dem Bleistift den Ausruf Wo seid ihr jetzt beide?
versah den Brief mit dem Datum und verschlo ihn in die Schatulle. Er
hatte natrlich an seine beiden verstorbenen Frauen gedacht. In dem
zweiten Brief aus Berlin gab es eine Variation des Liedes: Ich arbeite
tglich zwlf Stunden, (wenn er doch wenigstens elf geschrieben
htte, murmelte Warwara Petrowna), stbere in den Bibliotheken umher,
vergleiche, mache Auszge, scheue keinen Weg; war bei den Professoren.
Habe die Bekanntschaft mit der reizenden Familie Dundassoff erneuert.
Wie entzckend Nadjshda Nikoljewna selbst jetzt noch ist! Sie lt Sie
gren. Ihr junger Gatte und alle drei Neffen sind gleichfalls in
Berlin. Abends Unterhaltung mit der Jugend, meist bis zum Morgengrauen;
unsere Nchte sind nahezu attisch, jedoch natrlich nur was Feinheit und
Geschmack anlangt; alles Hhere; viel Musik, spanische Motive, Plne
einer Erneuerung der Menschheit, die Idee der ewigen Schnheit,
sixtinische Madonna, Licht mit Durchbrchen der Finsternis, aber auch
die Sonne hat Flecken! Oh, mein Freund, Sie mein edler, treuer Freund!
Mit meinem Herzen bin ich bei Ihnen und der Ihrige; mit Ihnen allein
ginge ich berall hin, _en tout pays_, und wre es selbst _dans le pays
de Makar et de ses veaux_,{[3]} von welchem Lande wir in Petersburg vor
unserer Abreise, Sie erinnern sich wohl noch, so zitternd gesprochen
haben. Denke jetzt lchelnd daran zurck. Als ich die Grenze
berschritten hatte, fhlte ich mich in Sicherheit, ein seltsames, neues
Empfinden, zum erstenmal nach so langen Jahren ... usw. usw.

Alles Unsinn! urteilte Warwara Petrowna, indem sie auch diesen Brief
zu den anderen legte. Wenn sie bis zum Morgenrot attische Nchte
verleben, dann wird er doch nicht zwlf Stunden ber den Bchern sitzen.
War er etwa betrunken, als er das schrieb? Was fllt dieser Dundassowa
ein, mich gren zu lassen? brigens, mag er sich amsieren ...

Der Satz _dans le pays de Makar et de ses veaux_ sollte bedeuten:
wohin Makar die Klber nicht getrieben hat[16]. Stepan Trophimowitsch
bersetzte manchmal auf die verdrehteste Weise russische Sprichwrter
und Redensarten ins Franzsische, obschon er sie zweifellos besser zu
deuten und zu bersetzen verstanden htte; aber er tat das aus Vorliebe
zu einer gewissen Nonchalance und fand es witzig.

Doch von dem Amsieren hatte er bald genug, nicht einmal vier Monate
hielt er es aus und kam nach Skworeschniki zurckgeflogen. Seine letzten
Briefe bestanden fast ausschlielich aus Ergssen der gefhlvollsten
Liebe zu seinem abwesenden Freunde, und waren buchstblich von Trnen
der Sehnsucht verwischt. Es gibt Naturen, die auerordentlich am Hause
hngen, ganz wie die Stubenhndchen. Das Wiedersehen der Freunde war
eine freudige Hochspannung. Nach zwei Tagen aber verlief alles wieder
nach alter Art, und sogar noch langweiliger als frher. Mein Freund,
sagte Stepan Trophimowitsch nach vierzehn Tagen zu mir, aber als grtes
Geheimnis, mein Freund, ich habe etwas fr mich furchtbar ... Neues
entdeckt: _Je suis un_ einfacher Schmarotzer _et rien de plus! Mais
r--r--rien de plus!_{[4]}


                                 VIII.

Darauf trat eine stille Zeit ein und dauerte fast diese ganzen neun
Jahre. Die hysterischen Ausbrche mit dem Geschluchze an meiner Schulter
wiederholten sich zwischendurch zwar regelmig, strten aber sonst
keineswegs unser Wohlbehagen. Ich wundere mich eigentlich nur, da
Stepan Trophimowitsch in dieser Zeit nicht dick wurde. Nur seine Nase
rtete sich ein wenig und seine Gromut nahm noch zu. Allmhlich bildete
sich um ihn ein Kreis von Freunden, der brigens immer klein blieb.
Warwara Petrowna kmmerte sich wohl nur wenig um diesen Kreis, aber wir
erkannten sie doch alle als unsere Patronesse an. Nach der Petersburger
Enttuschung hatte sie sich endgltig in unserem Gouvernement
niedergelassen: im Winter lebte sie in ihrem groen Hause in der Stadt,
im Sommer drauen auf ihrem Gute. Nie vorher hatte sie eine solche
gesellschaftliche Bedeutung und soviel Einflu gehabt, wie in diesen
Jahren, das heit, bis zur Ernennung des neuen, unseres jetzigen
Gouverneurs. Dessen Vorgnger dagegen, der unvergeliche, weiche Iwan
Ossipowitsch, war mit ihr nah verwandt, und nicht umsonst hatte sie ihm
manche Wohltat erwiesen. Seine Frau zitterte geradezu bei dem Gedanken,
sie knne Warwara Petrowna irgendwie mifallen, und so grenzte denn,
nach ihrem Beispiel, die Ehrerbietung der stdtischen Kreise vor Warwara
Petrowna fast schon an sndhaften Gtzendienst. Bei solchen Zustnden
hatte es natrlich auch Stepan Trophimowitsch gut. Er war Mitglied des
Klubs, verlor wrdevoll im Kartenspiel und erwarb sich die allgemeine
Achtung, wenn auch viele in ihm nur einen Gelehrten sahen. Spterhin,
als Warwara Petrowna ihm eine eigene Wohnung zu beziehen gestattete, war
unser Verkehr noch zwangloser. Wir versammelten uns etwa zweimal
wchentlich bei ihm, und dann gab es lustige Abende, besonders wenn er
mit dem Champagner nicht kargte. Er bezog ihn von dem bereits erwhnten
Andrejeff und die Rechnungen wurden halbjhrlich von Warwara Petrowna
bezahlt. Der Zahlungstag war dann allerdings fast immer auch ein Tag der
Cholerine.

Das lteste Mitglied des Freundeskreises war Liputin, ein
Gouvernementsbeamter in nicht mehr jungen Jahren, sehr liberal; in der
Stadt galt er fr einen Atheisten. Verheiratet war er zum zweiten Male,
mit einer jungen und sehr netten Frau, die sogar eine Mitgift in die Ehe
gebracht hatte. Auerdem hatte er drei halberwachsene Tchter. Diese
ganze Familie hielt er in Gottesfurcht und hinter Schlo und Riegel, war
sehr geizig und hatte sich von seinem Gehalt ein kleines Haus gekauft
und sogar ein Kapital erspart. Er war ein unruhiger Mensch, dazu als
Beamter nur von niedriger Rangklasse; in der Stadt wurde er nicht
sonderlich geachtet und die bessere Gesellschaft verkehrte nicht mit
ihm. berdies war er ein berchtigtes Klatschmaul und schon mehr als
einmal dafr bestraft worden, sogar schmerzhaft, das erstemal von einem
Offizier, ein anderes Mal von einem achtbaren Familienvater und
Gutsbesitzer. Wir dagegen liebten seinen scharfen Verstand, seine
Wibegier, seine eigentmliche boshafte Lustigkeit. Warwara Petrowna
mochte ihn nicht, aber er verstand es immer irgendwie, sich ihr
anzupassen.

Auch Schatoff, ein anderer aus diesem Kreise, der jedoch erst im letzten
Jahre in ihn eintrat, erfreute sich nicht der besonderen Zuneigung
Warwara Petrownas. Schatoff war frher Student gewesen, war aber nach
einem Studentenkrawall relegiert worden. Auf die Welt war er noch als
Warwara Petrownas Leibeigener gekommen, als Sohn ihres verstorbenen
Kammerdieners Pawel Fjodoroff, weshalb sie sich seiner besonders
angenommen und ihn als Knaben von Stepan Trophimowitsch hatte
unterrichten lassen. Sie mochte ihn nicht wegen seines Stolzes und
seiner Undankbarkeit und konnte es ihm nicht verzeihen, da er nach
seiner Relegation nicht sofort nach Skworeschniki zurckgekehrt war. Ja,
auf ihren eigens deshalb geschriebenen Brief an ihn hatte er seinerzeit
berhaupt nicht geantwortet, sondern es vorgezogen, in der Familie eines
gebildeteren Kaufmanns Kinder zu unterrichten und mit ihr ins Ausland zu
fahren, mehr als Kinderwrter, denn als Erzieher. Zugleich jedoch fuhr
eine Gouvernante mit, ein junges, lebhaftes russisches Frulein, und als
der Kaufmann diese nach zwei Monaten, wegen freier Anschauungen
wegjagte, zog es auch Schatoff vor, sich langsam davon zu machen, ihr
nach Genf nachzureisen und sich dort mit ihr trauen zu lassen. In Genf
verlebten sie ungefhr drei Wochen zusammen, dann aber trennten sie
sich, als freie Menschen, die durch nichts aneinander gebunden waren --
nicht zuletzt auch deshalb, weil sie kein Geld hatten. Schatoff trieb
sich darauf noch eine Weile in Europa umher, lebte Gott wei wovon: man
sagt, er habe auf der Strae Stiefel geputzt und sei in einer Hafenstadt
Lasttrger gewesen. Schlielich aber kehrte er doch in seine Heimatstadt
zurck, vor knapp einem Jahre, und zog zu seiner alten Tante, die aber
bereits nach einem Monat starb. Zu seiner Schwester Dascha, Warwara
Petrownas Zgling und besonderem Liebling, die bei ihr wie eine
gesellschaftlich Gleichstehende lebte, hatte er nur seltene und
entfernte Beziehungen. Unter uns war er immer finster und schweigsam,
und nur zuweilen, wenn man an seine berzeugungen rhrte, war er von
einer krankhaften Reizbarkeit und dann sehr unvorsichtig in seinen
uerungen. Schatoff mu man zuerst anbinden, wenn man mit ihm
disputieren will, pflegte Stepan Trophimowitsch zu scherzen; aber er
liebte ihn. Im Auslande hatte Schatoff einige seiner sozialistischen
berzeugungen vollstndig gendert und war zum entgegengesetzten Extrem
bergegangen. Er war eines jener idealen russischen Geschpfe, die
pltzlich von irgendeiner starken Idee getroffen und auf der Stelle
gleichsam zu Boden gedrckt werden von ihrer Schwere, manchmal sogar fr
immer. Sie sind niemals imstande, mit ihr fertig zu werden, sondern
beginnen sogleich leidenschaftlich an sie zu glauben, und so vergeht
dann ihr ganzes Leben wie in den letzten Krmpfen unter einem auf ihnen
lastenden Steine, der sie halbwegs schon erdrckt hat. Schatoffs ueres
entsprach vollkommen seinen berzeugungen: er war plump, blond, stark
behaart, von niedrigem Wuchs, mit breiten Schultern, hatte dicke Lippen,
sehr dichte, berhngende, weiblonde Augenbrauen, eine finstere Stirn,
unfreundlichen, hartnckig gesenkten, und sich gleichsam wegen
irgendetwas schmenden Blick. Sein Haupthaar bildete an einer Stelle
einen Bschel, der sich um keinen Preis ankmmen lie und daher immer in
die Hhe stand. Er war ungefhr sieben- oder achtundzwanzig Jahre alt.
Ich wundere mich nicht mehr darber, da seine Frau von ihm weggelaufen
ist, meinte Warwara Petrowna einmal, nachdem sie ihn aufmerksam
gemustert hatte. Dabei bemhte sich Schatoff, trotz seiner groen Armut,
wenigstens immer sauber gekleidet zu sein. Nach seiner Rckkehr hatte er
Warwara Petrowna wieder nicht um Untersttzung gebeten, sondern sich
durchgeschlagen, so gut es eben gehen wollte; er arbeitete bei
Kaufleuten oder sonstwie. Einmal sa er in einem Laden; darauf sollte er
als Gehilfe des Transportfhrers mit einem Frachtschiff wegfahren, aber
da erkrankte er kurz vor der Abfahrt. Man kann sich kaum eine
Vorstellung davon machen, welch einen Grad von Armut Schatoff zu
ertragen fhig war, und sogar ohne es zu merken. Nach der Krankheit
bersandte ihm Warwara Petrowna heimlich und ungenannt hundert Rubel. Er
erfuhr aber schlielich, von wem die Summe stammte, sann lange nach,
nahm sie dann doch an und ging geraden Weges zu Warwara Petrowna, um
sich bei ihr zu bedanken. Sie empfing ihn herzlich, aber auch diesmal
enttuschte er schmhlich ihre Erwartungen: er sa ihr nur fnf Minuten
gegenber, schwieg fast die ganze Zeit, sah zu Boden, lchelte blde,
und pltzlich, gerade an der interessantesten Stelle des Gesprchs,
stand er auf, machte eine schiefe und ungeschickte Verbeugung, schmte
sich dabei zu Tode und -- krach! hinter ihm lag Warwara Petrownas
kostbares und kunstvolles Nhtischchen zerschlagen am Boden, und
Schatoff verlie das Zimmer mehr tot als lebendig. Liputin tadelte ihn
wegen der ganzen Geschichte heftig: einmal, weil er die hundert Rubel
von seiner frheren Herrin und Despotin nicht mit Verachtung
zurckgewiesen hatte und dann, weil er auch noch zur Danksagung
hingegangen war. Schatoff wohnte am uersten Ende der Stadt und er sah
es nicht gern, wenn ihn jemand, selbst von uns, besuchte. Zu den Abenden
bei Stepan Trophimowitsch erschien er regelmig und lieh dann Bcher
und Zeitungen von ihm.

Ein anderer aus unserem Kreise, ein gewisser Wirginski, erinnerte,
obgleich er scheinbar in allem Schatoffs vollstndiges Gegenteil war,
innerlich doch sehr an ihn. Es war das ein hiesiger Beamter, gleichfalls
ein Ehemann, ein bedauernswerter junger Mensch von schon dreiig
Jahren, mit bedeutenden Kenntnissen, die er grtenteils auf
autodidaktischem Wege erworben hatte. Auch Wirginski war arm, dabei
verheiratet, und obendrein noch gezwungen, Tante und Schwester seiner
Frau zu ernhren. Diese drei Damen teilten die allerneuesten
Anschauungen, nur da sie bei ihnen etwas vulgr herauskamen, gleich
auf die Strae geschleppten Ideen, wie sich Stepan Trophimowitsch
einmal bei einem anderen Anla ausdrckte. Sie schpften alles aus
Bchern und waren jederzeit bereit, alles, was noch irgendwie unmodern
war, zum Fenster hinaus zu werfen -- wenn nur aus den fortschrittlichen
Winkeln der Hauptstdte das zu tun angeraten wurde. Madame Wirginskaja
hatte als Mdchen lange in Petersburg gelebt; jetzt war sie Hebamme in
unserer Stadt. Wirginski selbst war ein Mensch von seltener
Herzensreinheit, und nie in meinem Leben habe ich eine ehrlichere
Begeisterung gesehen. Niemals, niemals werde ich von diesen lichten
Hoffnungen lassen, sagte er zu mir mit leuchtenden Augen. Von diesen
lichten Hoffnungen sprach er stets nur leise mit Wonnegefhl und
flsternd, wie von einem Geheimnis. Er war ziemlich hoch von Wuchs, aber
sehr dnn und schmal in den Schultern, bla, mit sehr sprlichem, leicht
rtlichem Haar. Den oft recht hochmtigen Spott Stepan Trophimowitschs
ber die eine oder andere seiner Meinungen ertrug er sanftmtig, doch
zuweilen widersprach er ihm sehr ernst und setzte ihn durch seine
Einwnde in Verlegenheit. Im brigen ging Stepan Trophimowitsch
freundlich mit ihm um, ja und berhaupt verhielt er sich zu uns allen
vterlich.

Alle seid ihr von den >unausgebrteten<, bemerkte er einmal scherzhaft
zu Wirginski, wenn ich auch gerade an Ihnen, Wirginski, nicht diese
Be--schrnkt--heit bemerkt habe, wie ich sie in Petersburg _chez ces
sminaristes_{[5]} angetroffen; aber trotzdem sind Sie unausgebrtet.
Schatoff mchte furchtbar gern ausgebrtet sein, aber auch er ist
unausgebrtet.

Und ich? fragte Liputin.

Sie, -- Sie sind einfach die goldene Mitte, die sich berall einlebt
... auf ihre Art. Liputin schwieg gekrnkt.

Man erzhlte sich von Wirginski, und leider war es nur zu glaubwrdig,
was man sich erzhlte, seine Frau habe ihm bereits nach dem ersten Jahr
ihrer Ehe eines schnen Tages mitgeteilt, da er von nun an abgesetzt
sei, und da ein gewisser Herr Lebdkin seine Stelle einnehmen werde.
Dieser Herr Lebdkin, ein Zugereister, stellte sich spter als eine sehr
fragwrdige Erscheinung heraus, die vor allem nicht das geringste Recht
auf den sich selber beigelegten Titel eines Hauptmanns a. D. hatte. Was
er verstand, das war lediglich den Schnurrbart zu drehen, zu trinken und
den grten Unsinn zu schwatzen. Er war dabei taktlos genug, sofort zu
Wirginskis berzusiedeln, freute sich hier vor aller Welt des freien
Tisches und begann zu guter Letzt noch, den Hausherrn von oben herab zu
behandeln. Man behauptete brigens, da Wirginski seiner Frau, nachdem
sie ihm jene Mitteilung gemacht, geantwortet habe: Mein Freund, bis
jetzt habe ich dich nur geliebt, aber von nun ab achte ich dich. In
Wirklichkeit wird wohl kaum ein so altrmischer Ausspruch gefallen sein,
und manche behaupten denn auch, da er im Gegenteil schrecklich geweint
habe. Eines Tages, etwa zwei Wochen nach seiner Absetzung, begaben sie
sich alle, die ganze Familie, in das Wldchen vor der Stadt, um dort
mit Bekannten Tee zu trinken. Wirginski war geradezu fieberhaft lustig
gestimmt und beteiligte sich am Tanz; doch pltzlich, und zwar ohne
jeden vorhergegangenen Streit, packte er den Hnen Lebdkin, der solo
einen Cancan tanzte, mit beiden Hnden an den Haaren, ri ihn nieder und
begann ihn kreischend, schreiend und weinend zu zerren und zu hauen. Der
Hne erschrak dermaen, da er sich nicht einmal wehrte, und solange der
andere ihn prgelte, fast nicht muckste; nachher freilich spielte er
dann mit dem ganzen Feuer eines edlen Menschen den Beleidigten.
Wirginski bat seine Frau die ganze Nacht auf den Knien um Verzeihung,
doch die ward ihm nicht gewhrt, da er sich immerhin nicht bereit
erklrte, auch Lebdkin um Entschuldigung zu bitten; auerdem wurde ihm
Mangel an berzeugungstreue und Dummheit vorgeworfen; letzteres deshalb,
weil er whrend einer Auseinandersetzung mit einer Frau vor dieser auf
den Knien gelegen. Der Hauptmann verschwand bald darauf und erschien
erst in allerletzter Zeit wieder in unserer Stadt, mit seiner Schwester
und mit neuen Absichten; doch davon spter. Es war also kein Wunder, da
der arme Familienmensch bei uns Ablenkung suchte und ein Bedrfnis
nach unserer Gesellschaft hatte. Von seinen huslichen Angelegenheiten
sprach er bei uns brigens nie. Nur einmal, als er mit mir von Stepan
Trophimowitsch heimging, war es, als wollte er etwas ber seine Lage
verlauten lassen, doch schon im nchsten Augenblick rief er, indem er
meine Hand ergriff, flammend aus: Aber das tut ja nichts, das ist ja
nur eine Privatangelegenheit; das strt doch die >allgemeine Sache<
nicht im geringsten, nicht im geringsten!

Es kamen auch noch andere, mehr zufllige Gste zu unseren Abenden:
beispielsweise der kleine Jude Lmschin, ferner ein Hauptmann Kartusoff.
Vorbergehend kam manchmal auch noch ein wibegieriger alter kleiner
Herr, aber der starb. Einmal fhrte Liputin einen verbannten polnischen
Geistlichen, Slonzewski, bei uns ein, und anfangs lieen wir ihn aus
Grundsatz an unseren Abenden teilnehmen, dann aber lehnten wir ihn doch
ab.


                                  IX.

Eine Zeitlang hie es von uns in der Stadt, unser Kreis sei eine
Pflanzsttte der Freigeisterei, der Sittenverderbnis und der
Gottlosigkeit; ja eigentlich behauptete sich dieser Ruf sogar die ganze
Zeit. Und dabei gab es bei uns doch nur das allerunschuldigste, liebe,
echt russische, heitere, liberale Geschwtz. Der hhere Liberalismus
und der hhere Liberale, d. h. ein Liberaler ohne jedes Ziel, sind ja
nur in Ruland mglich. Stepan Trophimowitsch brauchte, wie jeder
wortwitzige Mensch, ganz einfach einen Zuhrer, und auerdem war ihm das
Bewutsein unentbehrlich, da er die hchste Pflicht, Ideen zu
verbreiten, erflle. Und schlielich mute man doch jemanden haben, mit
dem man Champagner trinken und so beim Glase eine gewisse Art heiterer
Gedanken ber Ruland und den russischen Geist, ber Gott im
allgemeinen und den russischen Gott im besonderen austauschen konnte.
Aber auch dem Stadtklatsch waren wir ganz und gar nicht abgeneigt und
gelangten manchmal zu strengen, hochmoralischen Verurteilungen. Wir
gerieten auch auf das Thema der Weltgeschichte, errterten ernst das
zuknftige Schicksal Europas und der Menschheit; prophezeiten doktrinr,
da Frankreich nach dem Csarismus mit einem Schlage auf die Stufe eines
Staates zweiten Ranges herabsinken werde, und waren vollkommen
berzeugt, da das ungeheuer schnell und leicht geschehen knne. Dem
Papst hatten wir schon lngst die Rolle eines gewhnlichen Metropoliten
in dem geeinigten Italien vorausgesagt, und waren vollkommen berzeugt,
da diese ganze tausendjhrige Frage in unserem Jahrhundert der
Humanitt, der Industrie und der Eisenbahnen nur eine Lappalie sei. Aber
der hhere russische Liberalismus verhlt sich ja nun einmal nicht
anders zu der Sache. Manchmal sprach Stepan Trophimowitsch auch ber die
Kunst, und zwar sehr gut, blo leider ein wenig zu abstrakt. Hin und
wieder kam er auch auf seine Jugendfreunde zu sprechen -- lauter
Persnlichkeiten, die in der Geschichte unserer Entwicklung ihren Platz
haben --, er gedachte ihrer mit Rhrung und Verehrung, aber ein wenig
auch wie mit Neid. Wurde es einmal gar zu langweilig, dann setzte sich
das Jdchen Lmschin (ein kleiner Postbeamter), der meisterhaft Klavier
spielte, an das Instrument, und zwischen den Stcken, die er vortrug,
ahmte er in Tnen das Grunzen eines Schweines nach, oder ein Gewitter,
oder eine Entbindung mit dem ersten Schrei des Kindes usw., usw.; nur
deswegen wurde er auch eingeladen. Hatten wir stark getrunken -- und das
kam vor, wenn auch nicht oft --, so gerieten wir meist in Begeisterung,
und einmal sangen wir sogar im Chor, zu Lmschins Begleitung, die
Marseillaise, nur wei ich nicht, ob das, was dabei herauskam, auch
wirklich die Marseillaise war. Den groen Tag des 19. Februar[17]
feierten wir natrlich mit Enthusiasmus, und gewhnten uns diese Feier
mit Wein und Toasten auch in den folgenden Jahren noch lange nicht ab.
brigens: einige Zeit vor dem groen Tage hatte Stepan Trophimowitsch
sich angewhnt, ein paar geschraubte Strophen vor sich hinzumurmeln, die
damals allen bekannt waren:

   Es nahen die Mnner, die xte geschrft,
   Bereiten Schreckliches vor!

Als Warwara Petrowna das einmal vernahm, rief sie: Was fr ein Unsinn!
und verlie erzrnt das Zimmer. Liputin aber, der gerade zugegen war,
bemerkte boshaft zu Stepan Trophimowitsch: Aber es wre doch schade,
wenn die frheren Leibeigenen den Herren Gutsbesitzern etwas
Unangenehmes bereiteten, -- und er fuhr sich mit dem Zeigefinger um den
Hals herum.

_Cher ami_,{[6]} erwiderte ihm hierauf Stepan Trophimowitsch gutmtig,
glauben Sie mir, da _dieses_ (er wiederholte die Geste um den Hals
herum) nicht den geringsten Nutzen brchte, weder unseren
Gutsbesitzern, noch uns anderen insgesamt. Auch ohne Kpfe wrden wir
nichts herzustellen verstehen, obschon gerade unsere Kpfe uns am
meisten hindern, etwas zu verstehen.

Ich mu bemerken, da viele bei uns annahmen, am Tage des Manifestes
werde etwas Ungewhnliches geschehen; etwas von der Art, wie es Liputin
andeutete. Es scheint, da auch Stepan Trophimowitsch diese
Befrchtungen teilte, und sogar in solchem Mae, da er kurz vor dem
groen Tage Warwara Petrowna pltzlich zu bitten begann, ins Ausland
reisen zu drfen. Aber der groe Tag verging, es vergingen noch mehr
Tage, und das hochmtige Lcheln erschien wieder auf Stepan
Trophimowitschs Lippen. brigens uerte er damals einige bemerkenswerte
Gedanken ber den Charakter des Russen im allgemeinen und des russischen
Bauern im besonderen. Er meinte schlielich:

Als hitzige Leute sind wir etwas voreilig gewesen mit unseren
Buerlein. Wir haben sie in Mode gebracht, und ein ganzer Zweig unserer
Literatur hat sich mehrere Jahre lang nur mit ihnen abgegeben, wie mit
einer neuentdeckten Kostbarkeit. Wir haben Lorbeerkrnze auf verlauste
Kpfe gesetzt. Das russische Dorf hat uns im Laufe der ganzen tausend
Jahre nichts weiter gegeben als den Nationaltanz, den Kamrinski. Hat
doch ein hervorragender russischer Dichter, dem es berdies nicht an
Scharfsinn fehlte, ausgerufen, als er zum erstenmal die groe Rachel auf
der Bhne sah: >Die Rachel tausche ich nicht gegen einen russischen
Bauern ein!< Ich bin bereit, noch viel weiter zu gehen: ich wrde sogar
alle russischen Bauern fr die eine Rachel hingeben. Es ist Zeit,
nchterner zu urteilen und nicht unseren einheimischen unfeinen
Teergeruch mit _bouquet de l'impratrice_{[7]} zu verwechseln.

Liputin stimmte ihm sofort bei, meinte aber, da sich zu verstellen und
die Buerlein zu verherrlichen damals immerhin um der Richtung[18]
willen notwendig gewesen sei; da sogar die Damen der hchsten
Gesellschaftskreise bei der Lektre des Anton Pechvogel[19] Trnen
vergossen htten, und manche htten sogar aus Paris an ihre
Gutsverwalter geschrieben, sie sollten von nun an mit den Bauern
mglichst human umgehen.

Da geschah es eines Tages, und zum Unglck gerade nach den ersten
Gerchten von Anton Petrowitsch[20], da es auch in unserem
Gouvernement, und nur 15 Werst von Skworeschniki, zu einem gewissen
Miverstndnis kam, so da man in der ersten Hitze ein Militrkommando
hinschickte. ber diesen Vorfall regte sich Stepan Trophimowitsch
ungeheuer auf. Im Klub schrie er, wir brauchten mehr Militr; er eilte
zum Gouverneur, um zu versichern, da er mit diesen Umtrieben nichts zu
schaffen habe, und er bat, ihn nicht in diese Sache hineinzuziehen, auf
Grund der Erinnerung an Gewesenes. Zum Glck ging das alles bald vorber
und lste sich in nichts auf; nur mute ich mich damals doch ber Stepan
Trophimowitsch wundern.

Drei Jahre spter[21] begann man, wie erinnerlich, vom Nationalismus zu
sprechen und es bildete sich eine ffentliche Meinung. Darber
spottete er sehr.

Meine Freunde, belehrte er uns, sollte unsere Nationalitt neuerdings
wirklich geboren oder >im Entstehen begriffen< sein, wie sie jetzt in
den Zeitungen behaupten, dann sitzt sie doch vorlufig gewi noch in
irgend so einer Petrischule[22], ber dem deutschen Buch und lernt ihre
ewige deutsche Lektion. Da der Lehrer ein Deutscher ist, das lobe ich.
Doch am wahrscheinlichsten drfte sein, da nichts geschehen wird und
nichts >im Entstehen begriffen< ist, sondern alles so weitergeht wie
ehedem, nmlich einfach unter Gottes Schutz! Meinem Dafrhalten nach
gengt das auch fr Ruland, _pour notre sainte Russie_.{[8]} Zudem sind
doch alle diese Nationalismen und das Allslawentum viel zu alt, um neu
zu sein. Die Nationalitt ist doch bei uns, wenn Sie wollen, noch nie
anders in Erscheinung getreten, als in Gestalt eines Einfalls miger
Klubherren, und zum berflu noch eines Moskauer Klubs. Ich rede
natrlich nicht von den Zeiten Igors[23]. Und schlielich kommt doch
alles nur vom Migsein. Jedenfalls bei uns alles vom Migsein, auch
das Gute, auch das Schne. Alles von unserem herrschaftlichen, lieben,
gebildeten, launenzchtenden Migsein! Dreiigtausend Jahre lang
wiederhole ich das schon! Wir verstehen nicht, von eigener Arbeit zu
leben. Und was reden sie nur so viel von dieser ffentlichen Meinung,
die es bei uns jetzt auf einmal geben soll, -- so pltzlich, wie ohne
weiteres fertig vom Himmel gefallen? Begreifen die Leute denn wirklich
nicht, da zur Erlangung einer eigenen Meinung vor allen Dingen Arbeit
gehrt, eigene Mhe, eigener Versuch in der Sache, eigene Erfahrung!
Ohne eigene Mhe wird nie etwas erworben. Wenn wir arbeiten werden,
werden wir auch eine eigene Meinung haben. Da wir aber niemals arbeiten
werden, so wird auch immer die Meinung derjenigen magebend sein, die an
unserer Statt bisher gearbeitet haben, also die Meinung immer desselben
Europa, immer derselben Deutschen, die ja schon seit zwei Jahrhunderten
unsere Lehrer sind. berdies ist Ruland ein viel zu groes
Miverstndnis, als da wir allein es erklren knnten, ohne die
Deutschen und ohne Arbeit. Schon seit zwanzig Jahren lute ich die
Alarmglocke und rufe zur Arbeit! Ich habe mein Leben dafr hingegeben,
um aufzuwecken und zu rufen, und habe geglaubt, ich Tor, da es nicht
vergeblich sei! Jetzt glaube ich das nicht mehr, aber ich werde trotzdem
bis zum Schlu luten, bis man mir den Strang aus der Hand nimmt, um zu
meiner Seelenmesse zu luten!

Leider stimmten wir ihm damals bei. Aber hrt man denn nicht auch jetzt
noch oft genug genau solchen lieben, klugen, liberalen, alten,
russischen Unsinn?

An Gott glaubte unser Lehrer. Ich begreife nicht, warum mich hier alle
als einen Gottleugner hinstellen?, sagte er manchmal. Ich glaube an
Gott, _mais distinguons_:{[9]} ich glaube an ihn wie an ein Wesen, das
sich Seiner in mir nur bewut wird. Ich kann doch nicht wie Nastassja
glauben (sein Dienstmdchen), oder wie irgend so ein begterter Herr,
der nur >fr alle Flle< glaubt, oder wie unser lieber Schatoff, --
brigens nein, Schatoff kommt hier nicht in Frage. Schatoff glaubt
_gewaltsam_, wie ein Moskauer Slawophile. Was aber das Christentum
betrifft, so bin ich, bei all meiner aufrichtigen Hochachtung vor ihm,
doch kein Christ. Eher bin ich ein Heide der klassischen Vorzeit, wie es
der groe Goethe war, oder ein antiker Grieche. Schon dieses Eine, da
das Christentum fr das Weib kein Verstndnis hatte! -- wie das George
Sand in einem ihrer genialen Romane so glnzend auseinandergesetzt hat.
Und was den Ritus, Fasten und dergleichen betrifft, ja da begreife ich
nicht, wen das etwas angeht, wie ich mich dazu verhalte? Mgen unsere
hiesigen Denunzianten sich auch noch so sehr bemhen, zum Jesuiten will
ich deshalb doch nicht werden. 1847 schrieb Belinski aus dem Auslande an
Gogol seinen bekannten Brief, in dem er ihm heftig vorwarf, da er an
>irgendeinen Gott< glaube. _Entre nous soit dit_,{[10]} ich kann mir
nichts Komischeres denken, als den Augenblick, da Gogol (der Gogol von
damals![24]) diesen Brief las! Ja, das waren doch Mnner! Sie liebten
doch ihr Volk, sie waren imstande, um des Volkes willen zu leiden, ja
sogar alles frs Volk zu opfern, und doch waren sie gleichzeitig Manns
genug, diesem Volk nicht beizupflichten, wenn es galt, die eigene
berzeugung zu wahren, ihm nicht nachsichtig in gewissen Anschauungen zu
Gefallen zu reden. Ein Belinski konnte doch nicht in Fastenl oder in
Rettich mit Erbsen das Heil suchen! ...

Doch hier ergriff Schatoff Partei:

Nie haben diese Ihre Mnner das Volk geliebt, nie um des Volkes willen
gelitten und nichts haben sie frs Volk geopfert, wie sehr sie sich das
auch eingebildet haben mgen! brummte er unwirsch mit ungeduldigem
Ruck, doch gesenktem Blick.

Was, die sollen das Volk nicht geliebt haben! rief Stepan
Trophimowitsch entrstet. Oh, und wie haben sie Ruland geliebt!

Weder Ruland noch das Volk! rief nun auch Schatoff erzrnt; seine
Augen funkelten. Man kann nicht lieben, was man gar nicht kennt, sie
aber hatten ja vom russischen Volke berhaupt keinen Begriff! Alle diese
Mnner haben das russische Volk einfach bersehen. Belinski hat genau
wie der Wibegierige in der Kryloffschen Fabel den Elefanten im Museum
gar nicht bemerkt, da er ja seine ganze Aufmerksamkeit den franzsischen
sozialistischen Kferchen zuwandte; bei denen ist er auch ewig
geblieben. Und dabei war er doch noch der Gescheiteste von euch allen!
Und nicht nur bersehen haben Sie alle das Volk, Sie haben sich sogar
mit Ekel und Verachtung zu ihm verhalten, schon aus dem einen Grunde,
weil Sie sich unter einem Volk einzig das franzsische Volk vorzustellen
vermochten, und selbst von diesem nur die Pariser, und Sie schmten
sich, da das russische Volk nicht ebenso war. Das ist die nackte
Wahrheit! Wer aber kein Volk hat, der hat auch keinen Gott! Seien Sie
versichert, da alle die, die aufhren, ihr Volk zu verstehen, und die
Verbindung mit ihm verlieren, sofort auch den Glauben der Vter
verlieren und Atheisten oder Indifferente werden. Ich sage damit nur die
Wahrheit! Das ist auch der Grund, weshalb Sie alle und auch wir jetzt
alle entweder widerliche Atheisten oder indifferentes, verderbtes Pack
sind und nichts weiter! Sie gleichfalls, Stepan Trophimowitsch, ich
schliee Sie keineswegs aus, hab's sogar vor allem in bezug auf Sie
gesagt, damit Sie's wissen!

Nach einem solchen Monolog (und derartige Ausbrche kamen bei ihm oft
vor) geschah es gewhnlich, da Schatoff nach seiner Mtze griff und
sofort zur Tr hinaus wollte, in der festen berzeugung, da nun alles
zu Ende sei und er seine freundschaftlichen Beziehungen zu Stepan
Trophimowitsch fr immer zerstrt habe. Doch der verstand es stets, ihn
rechtzeitig zurckzuhalten.

Ei, sollten wir nicht Frieden schlieen, Schatoff, nach all diesen
netten Wrtchen? pflegte er dann zu ihm zu sagen, indem er ihm von
seinem Lehnstuhl aus gutmtig die Hand hinstreckte.

Der plumpe, doch leicht verlegen werdende und sich schmende Schatoff
war kein Freund von Zrtlichkeiten. uerlich war er ein rauher Mensch,
doch innerlich war er, glaube ich, unendlich zartfhlend. Wohl
berschritt er oft das Ma, aber er war selbst der erste, der darunter
litt. Auf Stepan Trophimowitschs vershnliche Worte brummte er etwas vor
sich hin, trat wie ein Br auf demselben Fleck von einem Bein auf das
andere, schmunzelte pltzlich ganz unvermittelt, legte die Mtze wieder
aus der Hand und setzte sich schlielich auf seinen alten Platz, den
Blick die ganze Zeit hartnckig zu Boden gesenkt. Natrlich gab es dann
sofort Wein und Stepan Trophimowitsch brachte einen passenden Toast aus,
z. B. auf das Andenken eines jener frheren bedeutenden Mnner.




                            Zweites Kapitel.
                     Prinz Heinz. Die Brautwerbung.


                                   I.

Auer Stepan Trophimowitsch gab es auf der Welt noch ein Wesen, an dem
Warwara Petrowna nicht weniger hing als an ihm: das war ihr einziger
Sohn Nicolai Wszewolodowitsch Stawrogin. Fr ihn war seinerzeit Stepan
Trophimowitsch als Erzieher angenommen worden. Der Knabe war damals acht
Jahre alt und seine Eltern lebten bereits getrennt, so da das Kind nur
unter der Obhut der Mutter heranwuchs. Man mu es Stepan Trophimowitsch
lassen: er verstand es, seinen Zgling an sich zu fesseln. Sein ganzes
Geheimnis bestand darin, da er selbst noch ein Kind war. Ich war damals
noch nicht hier, er aber bedurfte ja bestndig eines Freundes, und er
trug kein Bedenken, ein so junges Wesen zu seinem Vertrauten zu machen.
Ja, es machte sich ganz von selbst, da zwischen ihnen nicht der
geringste Abstand fhlbar ward. Oft weckte er seinen zehn- oder
elfjhrigen Freund in der Nacht auf, nur um ihm unter Trnen sein
gekrnktes Herz auszuschtten oder ihm ein Familiengeheimnis zu
enthllen, ohne gewahr zu werden, da so etwas denn doch unzulssig war.
Sie fielen einander um den Hals und weinten. Von seiner Mutter wute der
Knabe, da sie ihn sehr liebte; doch er selbst liebte sie wohl kaum. Sie
sprach wenig mit ihm, tat ihm selten einen Zwang an, aber ihr aufmerksam
ihm folgender Blick wurde von ihm immer krankhaft intensiv gesprt. Den
Unterricht und die moralische Erziehung berlie sie brigens ganz
Stepan Trophimowitsch. Damals glaubte sie an ihn noch ohne
Einschrnkung. Es ist anzunehmen, da der Lehrer die Nerven seines
Zglings ein wenig angegriffen hat: als dieser mit sechzehn Jahren auf
das Lyzeum gebracht wurde, war er schwchlich und bla, seltsam still
und nachdenklich. (Spter zeichnete er sich durch auergewhnliche
Krperkraft aus.) Anzunehmen ist ferner, da die Freunde nachts nicht
immer nur ber irgendwelche Familiengeschichten weinten. Stepan
Trophimowitsch hatte es verstanden, im Herzen seines Freundes die
tiefsten Saiten zu berhren, und in ihm das erste, noch unbestimmte
Empfinden jener ewigen, heiligen Sehnsucht hervorzurufen, die manche
auserwhlte Seele, die sie einmal gekostet und erkannt hat, nachher
schon nie mehr gegen eine billige Zufriedenheit eintauschen mag. (Es
gibt auch solche Liebhaber dieser Sehnsucht, denen sie teurer ist als
die vollkommenste Zufriedenheit, selbst wenn eine solche fr sie
wirklich erreichbar wre.) Jedenfalls aber war es gut, da der Zgling
und der Erzieher, wenn auch spt, voneinander getrennt wurden.

Whrend der ersten zwei Jahre im Lyzeum kam der Jngling in den Ferien
nach Haus. Als dann Warwara Petrowna und Stepan Trophimowitsch sich in
Petersburg aufhielten, fand auch er sich manchmal zu den literarischen
Abenden im Salon seiner Mutter ein, hrte zu und beobachtete. Er sprach
wenig und war wie immer still und schchtern. Zu Stepan Trophimowitsch
verhielt er sich mit der frheren zarten Aufmerksamkeit, war aber doch
etwas zurckhaltender: von hohen Dingen und Erinnerungen an Vergangenes
zu sprechen vermied er sichtlich. Als er das Lyzeum absolviert hatte,
trat er auf den Wunsch der Mutter beim Militr ein und wurde bald in
eines der angesehensten Garde-Kavallerieregimenter aufgenommen. Er kam
aber nicht zur Mutter, um sich ihr in der Uniform zu zeigen, und schrieb
aus Petersburg immer seltener. Geld schickte ihm Warwara Petrowna ohne
zu sparen, obschon die Einnahmen von ihren Gtern nach der Aufhebung der
Leibeigenschaft so zurckgegangen waren, da sie in der ersten Zeit
nicht einmal die Hlfte der frheren Summen erhielt. Fr die Erfolge
ihres Sohnes in der hchsten Petersburger Gesellschaft interessierte sie
sich sehr. Was ihr nicht gelungen war, gelang dem jungen, reichen und
hoffnungsvollen Offizier ohne weiteres. Er erneuerte Bekanntschaften, an
die sie nicht mehr hatte denken knnen, und berall wurde er mit dem
grten Vergngen aufgenommen. Doch schon sehr bald begannen seltsame
Gerchte ihr zu Ohren zu kommen: es hie, der junge Mann habe ganz
pltzlich und geradezu sinnlos toll zu leben begonnen. Nicht, da er
spiele oder trinke; aber man sprach von einer wilden Zgellosigkeit, von
Menschen, die er mit seinen Trabern berfahren hatte, von einer
grausamen Rcksichtslosigkeit gegen eine Dame der guten Gesellschaft,
mit der er in Beziehungen gestanden und die er dann ffentlich beleidigt
habe. Ja, in dieser Sache sei sogar etwas schon gar zu unverhllt
Schmutziges hervorgetreten. Und berhaupt sei er, wie man hinzufgte,
ein herausfordernder Streitsucher, bndele an und beleidige dann einfach
aus Lust am Beleidigen. Warwara Petrowna regte sich auf und war
bekmmert. Stepan Trophimowitsch versicherte ihr, das seien nur die
ersten strmischen Ausbrche eines allzu reich Veranlagten, das Meer
werde sich schon wieder beruhigen, und alles das erinnere nur an die
Jugend des Prinzen Heinz, der mit Falstaff, Poins und Mrs. Quickly seine
Streiche vollfhrte. Diesmal rief Warwara Petrowna nicht Unsinn, alles
Unsinn! wie sie es sich in der letzten Zeit Stepan Trophimowitschs
Auseinandersetzungen gegenber angewhnt hatte; im Gegenteil, sie hrte
sehr aufmerksam zu, lie sich alles ausfhrlich erklren, nahm dann
selbst den Shakespeare zur Hand und las beraus achtsam das unsterbliche
Werk. Doch die Lektre beruhigte sie nicht, auch fand sie die
hnlichkeit nicht so gro. Fieberhaft erwartete sie die Antworten auf
mehrere Briefe. Die blieben auch nicht aus; bald traf die unheilvolle
Nachricht ein, Prinz Heinz habe fast zu gleicher Zeit zwei Duelle
gehabt, sei bei beiden der einzig Schuldige gewesen, habe den einen
Gegner auf der Stelle niedergestreckt und den anderen zum Krppel
geschossen und infolgedessen sei er vor Gericht gestellt. Es endete
damit, da er zum Gemeinen degradiert, seiner Rechte beraubt und
strafweise in eines der Linien-Infanterieregimenter versetzt wurde, und
das war noch als ein besonders gndiges Urteil zu betrachten.

Im Jahre 1863 gelang es ihm, sich auszuzeichnen; er erhielt das
Ehrenkreuz und wurde zum Unteroffizier befrdert, dann aber merkwrdig
schnell auch zum Offizier. Inzwischen hatte seine Mutter wohl an hundert
Briefe mit Bitten und Beschwrungen nach Petersburg geschrieben und sich
um seinetwillen sogar manches Demtigende erlaubt. Nach seiner
Befrderung nahm der junge Mensch pltzlich seinen Abschied, kam aber
wieder nicht nach Skworeschniki und hrte sogar ganz auf, an die Mutter
zu schreiben. Man erfuhr schlielich auf Umwegen, da er sich wieder in
Petersburg aufhalte, doch in der frheren Gesellschaft habe man ihn gar
nicht mehr gesehen; er habe sich irgendwo gleichsam versteckt.
Nachforschungen ergaben, da er in einer sonderbaren Gesellschaft lebte,
sich dem Abschaum der Petersburger Bevlkerung angeschlossen hatte,
irgendwelchen stiefellosen Beamten, verabschiedeten Militrs, die in
angemessener Form um Almosen baten, Trunkenbolden, deren schmutzige
Familien er besuchte, Tage und Nchte in dunklen Spelunken und in Gott
wei was fr Winkelgassen zubrachte, heruntergekommen, verlumpt war, und
da ihm das offenbar gefalle. Um Geld bat er seine Mutter nicht; er
besa ja auch selbst ein kleines Gut (den frheren Dorfbesitz des
Generals Stawrogin), das immerhin etwas einbrachte und das er, wie
verlautete, an einen Deutschen aus Sachsen verpachtet hatte. Schlielich
bat ihn die Mutter doch sehr, zu ihr zu kommen, und Prinz Heinz erschien
in unserer Stadt. Damals sah ich ihn zum erstenmal.

Er war ein sehr schner junger Mann von etwa fnfundzwanzig Jahren, und
ich mu gestehen, seine Erscheinung berraschte mich. Ich hatte
erwartet, einen schmutzigen, verkommenen, von Ausschweifungen
ausgemergelten, nach Branntwein riechenden Menschen zu erblicken. Statt
dessen erblickte ich den elegantesten Gentleman, der mir je zu Gesicht
gekommen ist. Tadellos gekleidet und von einer Haltung, wie sie nur ein
Herr, der an den feinsten Anstand gewhnt ist, haben kann. Ich war nicht
der einzige, der staunte: es staunte die ganze Stadt, der brigens Herrn
Stawrogins Lebensgeschichte sogar mit solchen Einzelheiten bekannt war,
da man sich kaum zu erklren vermochte, wie diese hier in die
ffentlichkeit hatten gelangen knnen. Alle unsere Damen verloren den
Verstand vor Aufregung ber den neuen Gast. Sie teilten sich in zwei
schroff entgegengesetzte Parteien: von der einen wurde er vergttert,
von der anderen gehat bis zum Blutrachedurst; den Verstand freilich
hatten beide Parteien verloren. Fr die einen hatte es einen besonderen
Reiz, da sich in seiner Seele vielleicht ein schreckliches Geheimnis
barg; anderen gefiel es entschieden, da er ein Mrder war. Es stellte
sich auch heraus, da er eine beraus annehmbare Bildung und sogar
einige wissenschaftliche Kenntnisse besa. Von letzteren war allerdings
nicht viel ntig, um uns in Erstaunen zu setzen; aber er konnte auch
ber aktuelle und sehr interessante Fragen sprechen und sogar mit
auffallender Besonnenheit. Erwhnt sei noch als Seltsamkeit: alle fanden
hier, da er ein beraus vernnftiger Mensch sei. Er war nicht sehr
gesprchig, formvollendet ohne Gesuchtheit, erstaunlich bescheiden und
dabei khn und selbstbewut, wie bei uns sonst niemand. Unsere Stutzer
sahen auf ihn mit Neid und kamen neben ihm berhaupt nicht in Betracht.
Auch sein Gesicht berraschte mich: das Haar war fast schon gar zu
schwarz, die hellen Augen fast schon zu ruhig und klar, die
Gesichtsfarbe fast schon zu zart und wei, die Wangenrte ebenfalls wie
ein wenig zu grell und rein, die Zhne wie Perlen, die Lippen wie
Korallen, -- man sollte meinen, ein bildschner Mann, und doch war diese
Schnheit gleichsam auch abstoend. Manche sagten, sein Gesicht erinnere
an eine Maske; doch brigens, was wurde nicht alles gesagt. Unter
anderem sprach man auch viel von seiner auergewhnlichen Krperkraft.
Dabei war er von Gestalt beinahe hoch gewachsen. Warwara Petrowna
blickte mit Stolz auf ihren Sohn, aber immer auch mit Unruhe. Er lebte
bei uns etwa ein halbes Jahr -- trge, still, ziemlich verdrossen; er
verkehrte in der Gesellschaft, und erfllte mit standhafter
Aufmerksamkeit alle Vorschriften unserer Gouvernementsstadt-Etikette.
Mit dem Gouverneur war er vterlicherseits verwandt und verkehrte in
seinem Hause wie ein naher Verwandter. So vergingen ein paar Monate, und
pltzlich zeigte das Tier seine Krallen.

Nebenbei: unser lieber Iwan Ossipowitsch htte in der guten alten Zeit
bei seiner Gastfreiheit einen vorzglichen Adelsmarschall abgegeben,
aber zum Gouverneur in einer so mhevollen Zeit wie die unsrige pate er
mit seiner Arbeitsscheu entschieden nicht. In der Stadt hie es denn
auch immer, nicht er, sondern Warwara Petrowna verwalte das
Gouvernement. Das war freilich eine spitze Bemerkung, aber trotzdem eine
Unwahrheit. Warwara Petrowna hatte in den letzten Jahren konsequent und
bewut jeden hheren Ehrgeiz aufgegeben und ihre Ttigkeit freiwillig
auf ein von ihr selbst streng umgrenztes Gebiet beschrnkt. Sie begann
sich pltzlich mit der Bewirtschaftung ihres Gutes zu befassen, und in
zwei, drei Jahren hatte sie den Ertrag desselben nahezu wieder auf die
frhere Hhe gebracht. Statt sich literarischem Ehrgeiz hinzugeben,
begann sie zu sparen. Selbst Stepan Trophimowitsch wurde von ihr etwas
weiter entfernt, indem sie ihm jetzt endlich eine eigene Wohnung zu
mieten erlaubte. Allmhlich begann er sie eine prosaische Frau zu
nennen, oder scherzhaft seinen prosaischen Freund. Selbstredend
erlaubte er sich solche Scherze nur in der respektvollsten Form und
nachdem er lange einen passenden Augenblick abgewartet hatte.

Wir alle, die wir ihr nahestanden, begriffen natrlich, da der Sohn fr
sie gleichsam zu einer neuen Hoffnung, einem neuen Traum geworden war.
Ihre leidenschaftliche Liebe zu ihm hatte schon in der Zeit seiner
ersten Erfolge in der Petersburger Gesellschaft begonnen, und war dann
besonders seit dem Augenblick gewachsen, als sie die Nachricht von
seiner Degradation erhalten hatte. Und dabei frchtete sie ihn doch
offensichtlich und schien vor ihm frmlich seine Sklavin zu sein. Man
merkte ihr an, da sie etwas Unbestimmtes, Geheimnisvolles frchtete,
etwas, das auch sie selbst nicht zu nennen vermocht htte, und oft
betrachtete sie heimlich und unverwandt ihren _Nicolas_, als berlege
sie und als suche sie etwas zu erraten ... und siehe da: pltzlich --
streckte das Tier seine Krallen aus.


                                  II.

Unvermutet erlaubte sich unser Prinz zwei, drei unmgliche Frechheiten
gegen verschiedene Personen. Das Emprendste an ihnen war gerade ihre
unerhrte Neuheit, ihre Unglaublichkeit; da sie tatschlich allen sonst
blichen Dreistigkeiten so unhnlich waren in ihrer trichten
Bengelhaftigkeit, berdies wei der Teufel wozu eigentlich begangen, so
vollstndig ohne jeden Anla. Eines der ehrenwertesten Hupter unseres
Klubs, Pjotr Pawlowitsch Gaganoff, ein bejahrter und sogar
verdienstvoller Mann, hatte die unschuldige Angewohnheit, zur
Bekrftigung jeder Behauptung heftig hinzuzufgen: Nein, mich wird man
nicht an der Nase fhren! Nun, das hatte ja weiter nichts auf sich.
Aber als er eines Tages im Klub in der Hitze des Wortgefechts, inmitten
einer Schar ihn umstehender Klubherren (lauter angesehner
Persnlichkeiten) wieder einmal diesen Nachsatz anhing, trat Nicolai
Wszewolodowitsch, der am Gesprch ganz unbeteiligt und allein abseits
gestanden hatte, pltzlich auf Pjotr Pawlowitsch zu, fate ihn
unerwartet aber fest mit zwei Fingern an der Nase und zog ihn ein paar
Schritte weit im Saal hinter sich her. Einen Groll konnte er gegen Herrn
Gaganoff nicht haben. Man htte das fr einen echten Schuljungenstreich
halten knnen, natrlich fr einen ganz unverzeihlichen; indes war
Nicolai Wszewolodowitsch, wie man spter erzhlte, im Augenblick der Tat
geradezu nachdenklich, ganz als wre er nicht vllig bei Sinnen
gewesen, aber das vergegenwrtigte man sich und erwog man erst spter.
In der ersten Emprung dachten alle nur an den zweiten Augenblick, als
er alles bereits zweifellos richtig begriff, jedoch statt verlegen zu
werden, pltzlich boshaft und belustigt lchelte, ohne die geringste
Reue, wie es hie. Es erhob sich ein schrecklicher Lrm; er wurde
umringt. Nicolai Wszewolodowitsch wandte sich um, sah ringsum alle an,
ohne jemandem zu antworten, und betrachtete interessiert die Gesichter
der erregt Durcheinanderschreienden. Schlielich war es, als werde er
pltzlich wieder nachdenklich -- wenigstens wurde spter so erzhlt --,
er runzelte die Stirn, trat dann festen Schrittes auf den beleidigten
Pjotr Pawlowitsch zu und sagte schnell, dabei sichtlich gergert:

Sie entschuldigen natrlich ... Ich wei wirklich nicht, weshalb mich
pltzlich die Lust anwandelte ... Es war eine Dummheit ...

Die Nachlssigkeit dieser Entschuldigung kam einer neuen Beleidigung
gleich. Es erhob sich ein noch greres Geschrei. Nicolai
Wszewolodowitsch zuckte mit den Achseln und ging hinaus. Nun kannte die
Emprung keine Grenzen, und Herr Stawrogin wurde sofort einstimmig aus
der Zahl der Mitglieder des Klubs ausgeschlossen. Darauf wurde im Namen
des ganzen Klubs an den Gouverneur die Bitte gerichtet, mittels der ihm
anvertrauten Administrativgewalt den schdlichen Unruhstifter zu zgeln
und damit die Ruhe der gesamten anstndigen Gesellschaft unserer Stadt
gegen schdliche Anschlge zu sichern. Mit boshafter Unschuld wurde
hinzugefgt, vielleicht lasse sich auch gegen Herrn Stawrogin ein
Gesetz finden, um dem Gouverneur wegen Warwara Petrowna einen Stich zu
versetzen. Der Gouverneur war gerade verreist, wurde aber bald
zurckerwartet. Inzwischen bereitete man dem beleidigten Pjotr
Pawlowitsch richtige Ovationen: man umarmte und kte ihn, die ganze
Stadt machte bei ihm Visite. Man plante sogar ihm zu Ehren ein Diner im
Klub, auf Subskription, und gab es nur auf seine dringende Bitte hin
auf, -- vielleicht aber auch, weil man sich schlielich darauf besann,
da der Mann ja immerhin an der Nase gefhrt worden war und mithin
eigentlich kein Grund zu Festlichkeiten vorlag.

Indes, wie hatte das alles nur geschehen knnen? Bemerkenswert war
besonders der Umstand, da kein Mensch diesen Streich auf zeitweiliges
Irresein zurckfhrte. Also traute man offenbar auch einem gesunden und
geistesklaren Nicolai Wszewolodowitsch Derartiges zu.

Bemerkenswert erschien mir auch jener Ausbruch eines allgemeinen Hasses,
mit dem bei uns damals alle ber den Ruhestrer und grostdtischen
_bretteur_{[11]} herfielen. Man wollte in jener Tat unbedingt die
freche, wohlberlegte Absicht sehen, mit einem Schlage die ganze
Gesellschaft zu beleidigen. Jedenfalls hatte er niemanden fr sich
gewonnen, sondern alle gegen sich in Harnisch gebracht, und wodurch nur?
Bis dahin hatte er noch niemanden gekrnkt, hflich aber war er schon so
gewesen, wie ein Herr aus einem Modeblatt, wenn der nur sprechen knnte.
Ich nehme an, da man ihn wegen seines Stolzes hate. Selbst unsere
Damen, die mit seiner Vergtterung begonnen hatten, entrsteten sich
jetzt ber ihn noch rger als die Mnner.

Warwara Petrowna war furchtbar betroffen. Spter gestand sie einmal
Stepan Trophimowitsch, sie habe das schon lange, schon das ganze halbe
Jahr kommen fhlen, und sogar gerade etwas in dieser Art, ein
bedeutsames Bekenntnis von seiten einer leiblichen Mutter. Es hat also
angefangen! dachte sie erschauernd. Nach einer schlaflosen Nacht und
nachdem sie am Morgen Stepan Trophimowitsch um Rat gefragt und bei ihm
sogar geweint hatte, was ihr noch nie in Gegenwart anderer geschehen
war, wollte sie vorsichtig, aber entschlossen eine Aussprache mit ihrem
Sohn herbeifhren. Und doch zitterte sie davor. _Nicolas_, der stets so
hflich und ehrerbietig gegen die Mutter war, hrte sie eine Weile, die
Augenbrauen zusammengezogen, sehr ernst an; pltzlich stand er auf, ohne
ein Wort zu antworten, kte ihr die Hand und ging hinaus. Am Abend
desselben Tages aber kam es dann gleich zu einem zweiten Skandal, der,
wenn er auch lngst nicht so schlimm war wie der erste, die Entrstung
in der Stadt doch noch sehr verstrkte.

Diesmal traf es unseren Freund Liputin. Der erschien bei Nicolai
Wszewolodowitsch gerade als dieser seine Mutter verlassen hatte, und bat
ihn instndig, ihm die Ehre seines Besuchs zu erweisen: der Geburtstag
seiner Frau sollte durch eine kleine Abendgesellschaft gefeiert werden.
Warwara Petrowna hatte schon lange mit Sorge diese Neigung ihres Sohnes
wahrgenommen, Bekanntschaften selbst mit Leuten der dritten
Gesellschaftsschicht anzuknpfen. Bei Liputin hatte er bisher noch nicht
im Hause verkehrt. Er erriet, da dieser ihn jetzt wegen des Skandals im
Klub einlud, als Liberaler ber diesen Skandal entzckt war und
aufrichtig meinte, gerade so msse man mit allen Huptern des Klubs
verfahren. _Nicolas_ begann zu lachen und versprach zu kommen.

Die Gste, von denen sich eine Menge eingefunden hatte, waren nicht
Honoratioren, aber gewitzte Leute. Der geizige Liputin pflegte nur
zweimal im Jahr Gste einzuladen, dann aber einmal nicht zu knausern.
Der Ehrengast Stepan Trophimowitsch war diesmal krankheitshalber nicht
erschienen. Es wurde Tee gereicht, und es gab reichlich kalten Imbi und
Schnpse; gespielt wurde an drei Tischen, die Jugend aber begann, in
Erwartung des Abendessens, nach Klaviermusik zu tanzen. Nicolai
Wszewolodowitsch forderte Frau Liputin auf -- eine beraus nette kleine
Frau, der vor ihm schrecklich bange war --, tanzte mit ihr zwei Touren,
setzte sich dann neben sie, unterhielt sich mit ihr, brachte sie zum
Lachen. Als er da bemerkte, wie hbsch sie war, wenn sie lachte, fate
er sie pltzlich vor den Augen aller Gste um die Taille und kte sie
mitten auf den Mund, wohl dreimal hintereinander, mit ganzer
Herzenslust. Die arme Frau fiel vor Schreck in Ohnmacht. Nicolai
Wszewolodowitsch trat zu dem Ehemann, der in der allgemeinen Verwirrung
wie betubt dastand, wurde bei dessen Anblick selbst verlegen, und
nachdem er ihm hastig zugemurmelt: Seien Sie nicht bse, ging er
hinaus. Liputin aber lief ihm ins Vorzimmer nach, reichte ihm
eigenhndig den Pelz und geleitete ihn unter Verbeugungen die Treppe
hinunter. Doch schon am nchsten Tage gab es zu dieser verhltnismig
harmlosen Geschichte ein ganz ulkiges Nachspiel, das Liputin sogar ein
gewisses Ansehen verschaffte und das er sogleich zu seinem grten
Vorteil auszunutzen verstand.

Gegen zehn Uhr morgens erschien im Hause der Madame Stawrogina Liputins
Magd Agafja, ein munteres, gewandtes, rotbackiges Weiblein von etwa
dreiig Jahren; sie war von Liputin mit einem Auftrage zu Nicolai
Wszewolodowitsch geschickt und wollte unbedingt den Herrn selber
sehen. Der hatte starke Kopfschmerzen, kam aber doch heraus. Warwara
Petrowna glckte es, die Ausrichtung des Auftrags mit anzuhren.

Sergei Wassiljitsch (d. h. Liputin), begann Agafja wortgewandt zu
plappern, hat mir anbefohlen, vorerst seine beste Empfehlung
auszurichten; und dann lt er sich nach Ihrer Gesundheit erkundigen,
wie Sie nun eigentlich geruht haben, nach dem Gestrigen sozusagen, und
wie Sie sich nun eigentlich fhlen, eben nach dem Gestrigen, meint er?

Nicolai Wszewolodowitsch lchelte.

Bestelle meine Empfehlung, und ich liee bestens danken. Und sage von
mir deinem Herrn, Agafja, er wre der klgste Mensch in der ganzen
Stadt.

Ja und auf diese Antwort sollte ich Ihnen dann antworten, versetzte
Agafja noch wortgewandter, da er das auch ohne Sie schon selber wei
und Ihnen ganz dasselbe wnscht, sozusagen.

Was! ... aber wie konnte er denn wissen, was ich dir antworten wrde?

Ja, das wei ich schon nicht, aber als ich schon hinausgegangen und
schon die ganze Gasse hinuntergegangen war, hre ich pltzlich, er luft
mir nach, ohne Mtze, und: >Du,< sagte er, >Agafjuschka<, sagte er,
>wenn er dir nun sagt, bestelle deinem Herrn, da er der Klgste in der
ganzen Stadt ist, dann sag' du ihm sogleich und vergi das nicht, da
wir das auch ohne ihn schon wissen und ihm blo auch dasselbe wnschen<,
sozusagen ...


                                  III.

Schlielich fand auch die Auseinandersetzung mit dem Gouverneur statt.
Nach der so heftigen Beschwerde des Klubs war es diesem ja sofort klar,
da etwas geschehen mute, aber was? Unserem gastfreundlichen alten
Herrn schien sein junger Verwandter ebenfalls nicht ganz geheuer zu
sein. Gleichwohl entschlo er sich endlich, ihm gtlich zuzureden, den
Klub und den Beleidigten um Entschuldigung zu bitten, falls ntig sogar
schriftlich; dann aber wollte er ihm wohlwollend nahelegen, z. B. zu
Bildungszwecken nach Italien zu reisen oder berhaupt ins Ausland, etwas
weiter weg von uns. In dem Raum, wo er diesmal _Nicolas_ empfing, war
wie zufllig noch sein Gnstling und Sekretr Aljoscha Teltnikoff
anwesend und damit beschftigt, an einem Tisch in der Ecke Postsachen zu
ffnen. Im Nebenzimmer aber sa in der Nhe der Tr ein dicker und
krftiger Oberst, ein Freund und frherer Kamerad des Hausherrn, und las
die Zeitung Die Stimme, anscheinend ohne die Vorgnge im anderen Raum
zu beachten. Iwan Ossipowitsch begann vorsichtig, holte weit aus, sprach
fast flsternd, verlor aber immer wieder den Faden. _Nicolas_ schaute
sehr unfreundlich drein, gar nicht wie ein Verwandter, war bleich, sa
mit gesenktem Blick da und hrte mit zusammengezogenen Brauen zu, wie
wenn er einen heftigen Schmerz unterdrckte.

Sie haben ein gutes Herz, _Nicolas_, ein edles Herz, sagte unter
anderem der alte Herr, Sie sind beraus gebildet, haben sich in den
hchsten Kreisen bewegt, haben sich auch bei uns bisher musterhaft
aufgefhrt und dadurch das Herz Ihrer von uns allen verehrten Mutter
beruhigt ... Und nun beginnt das alles von neuem, und wieder in einem so
rtselhaften und fr alle gefhrlichen Kolorit! Ich rede zu Ihnen als
Freund Ihres Hauses, als ein Sie liebender, bejahrter Verwandter ... So
sagen Sie doch, was in aller Welt treibt Sie zu solchen Ausschreitungen,
die mit allen hergebrachten Formen und Sitten so unvereinbar sind?

_Nicolas_ hatte gergert und ungeduldig zugehrt. Pltzlich blitzte in
seinem Blick gleichsam ein verschlagener und spttischer Ausdruck auf:
Ich kann es Ihnen ja meinethalben sagen, was mich dazu treibt, sagte
er unwirsch, sah sich um und beugte sich zum Ohr Iwan Ossipowitschs. --
Der wohlerzogene Aljoscha Teltnikoff trat noch drei Schritte weiter zum
Fenster, der Oberst rusperte sich hinter seiner Zeitung. Der arme Iwan
Ossipowitsch hielt eilig und vertrauensvoll sein Ohr hin; er war uerst
neugierig. Und da geschah denn abermals etwas ganz Unmgliches und doch
andererseits in einer Hinsicht nur zu Deutliches. Der alte Herr fhlte
auf einmal, da _Nicolas_, statt ihm ein interessantes Geheimnis
zuzuflstern, pltzlich den oberen Teil seines Ohres mit den Zhnen
fate und ziemlich fest zubi.

_Nicolas_, was ... soll das! sthnte er mechanisch mit einer ganz
fremdklingenden Stimme. -- Aljoscha und der Oberst begriffen nicht
recht, was da vorging; es schien ihnen bis zum Schlu, da dem Alten
etwas zugeflstert wurde, aber dessen verzweifeltes Gesicht beunruhigte
sie doch. Sie glotzten sich mit aufgerissenen Augen an und wuten nicht,
ob sie noch warten oder schon zu Hilfe eilen sollten, wie verabredet
war. _Nicolas_ erriet das wohl und bi noch ein wenig schmerzhafter zu.

_Nicolas, Nicolas!_ sthnte das Opfer wieder, nun ... genug ... mit
dem Scherz ... -- Noch ein Augenblick, und der Arme wre gestorben;
doch der Unmensch hatte Erbarmen und lie das Ohr los. Diese ganze
Todesangst hatte eine volle Minute gedauert und der Alte bekam eine Art
Ohnmachtsanfall. Eine halbe Stunde spter aber wurde _Nicolas_ verhaftet
und eingesperrt. Das war freilich eine schroffe Manahme, doch unser
weichherziger Regent war dermaen erzrnt, da er die Verantwortung
selbst Warwara Petrowna gegenber zu bernehmen wagte. Und tatschlich,
als diese sofort eilig und erregt zum Gouverneur gefahren kam, wurde ihr
erklrt, da sie nicht empfangen werden knne, und ohne auszusteigen
fuhr sie heim. Sie konnte diese Absage zunchst berhaupt nicht fassen.

Endlich aber fand alles seine Erklrung! Gegen zwei Uhr nachts begann
der Arrestant, der bis dahin erstaunlich ruhig gewesen war und sogar
geschlafen hatte, pltzlich zu toben, schlug mit den Fusten gegen die
Tr, ri mit bermenschlicher Kraft das eiserne Gitter von dem Fenster
ab, zerschlug die Scheibe und zerschnitt sich dabei die Hnde. Als der
wachhabende Offizier mit der Mannschaft herbeigeeilt kam und die Zelle
aufschlieen lie, stellte es sich heraus, da der Gefangene sich im
strksten Fieberdelirium befand; er wurde nach Hause zur Mutter
geschafft. Nun war ja alles klar. Unsere drei rzte uerten sich dahin,
da der Kranke sehr wohl schon vor drei Tagen in diesem Fieberzustande
wie benommen gewesen sein knne. Somit hatte Liputin als erster das
Richtige erraten. Der zartfhlende Iwan Ossipowitsch war nun sehr
betreten, auch im Klub schmte man sich und begriff nicht, wie man auf
diese einzig mgliche Erklrung nicht verfallen war. Natrlich gab es
auch Skeptiker, aber die konnten sich nicht behaupten.

_Nicolas_ lag gute zwei Monate. Die ganze Stadt besuchte Warwara
Petrowna. Und sie verzieh. Als _Nicolas_ sich zum Frhling hin wieder
erholte und mit dem Vorschlag der Mutter, nach Italien zu reisen,
einverstanden war, da bat sie ihn, vorher doch berall seine
Abschiedsvisite zu machen und sich bei der Gelegenheit zu entschuldigen,
wo das ntig und soweit es mglich war. _Nicolas_ versprach ihr auch
das, und sogar mit groer Bereitwilligkeit. Und alsbald erfuhr man im
Klub, er habe mit Pjotr Pawlowitsch eine beraus zartfhlende Aussprache
gehabt, durch die dieser vollkommen zufriedengestellt worden sei.
Whrend dieser Visiten soll _Nicolas_ sehr ernst und sogar ein wenig
dster gewesen sein. Alle empfingen ihn anscheinend mit aufrichtiger
Teilnahme, doch im Grunde waren alle verlegen und nur froh, da er nach
Italien reiste. Iwan Ossipowitsch weinte sogar, konnte sich aber aus
einem unbestimmten Grunde doch nicht entschlieen, ihn zum Abschied zu
umarmen. Allerdings blieben bei uns manche doch berzeugt, der
Taugenichts habe alle nur zum Besten gehabt, die Krankheit aber sei eine
Sache fr sich gewesen. Auch zu Liputin fuhr er zur Abschiedsvisite.

Sagen Sie mal, fragte er ihn, wie konnten Sie damals im voraus
wissen, was ich ber Ihren Verstand sagen wrde, und die Antwort darauf
schon mitgeben?

Ganz einfach, sagte Liputin lachend, weil auch ich Sie fr klug
halte, also war's nicht schwer!

Immerhin ein seltsames Zusammentreffen. Aber erlauben Sie: dann hielten
Sie mich damals fr gescheit und nicht fr wahnsinnig?

Fr den gescheitesten und klgsten, und ich stellte mich nur so, als
glaubte ich, Sie wren nicht bei voller Vernunft. Und Sie haben mir ja
auch sofort den Beweis fr die Ungetrbtheit Ihres Geistes
zurckgesandt.

brigens irren Sie sich da doch ein wenig: ich war tatschlich ...
krank, sagte _Nicolas_ verstimmt. Wie! glauben Sie denn wirklich, ich
wre fhig, bei vollem Verstande Menschen zu berfallen? Wozu denn das?

Liputin wand sich betreten und wute nicht recht, was er antworten
sollte. _Nicolas_ erblate ein wenig, oder vielleicht schien es Liputin
nur so.

Jedenfalls haben Sie eine sehr amsante Denkweise, fuhr _Nicolas_
fort, und ich begreife natrlich, da Sie Ihre Agafja zu mir schickten,
um mich zu verhhnen.

Ich konnte Sie doch nicht zum Duell fordern?

Ach, ja, richtig! Ich habe ja auch so etwas gehrt, da Sie Duelle
nicht lieben ...

Wozu denn Franzsisches ins Russische bersetzen!

Sie halten es mit dem Nationalismus?

Liputin wand sich noch mehr, antwortete aber nichts.

Was, was! Sehe ich recht! rief _Nicolas_ pltzlich, als er mitten auf
dem Tisch, wie ein Prunkstck an der sichtbarsten Stelle, einen Band von
_Considrant_ erblickte. Sind Sie etwa gar Fourierist? Das fehlte noch!
Aber ist denn das keine bersetzung aus dem Franzsischen? und er
klopfte lachend auf das Buch.

Nein, nicht aus dem Franzsischen! Liputin sprang fast mit einem
gewissen Grimm vom Stuhl auf. Das ist eine bersetzung aus der Sprache
der ganzen Menschheit, und nicht blo aus dem Franzsischen! Aus der
Sprache der universalen sozialen Republik und Harmonie, jawohl! Und
nicht aus dem Franzsischen allein!

Sapperment! Aber so eine Sprache gibt es ja berhaupt nicht! versetzte
_Nicolas_ immer noch lachend.

Von Herrn Stawrogin soll zwar erst spter die Rede sein, doch mchte ich
eines schon hier bemerken: da von allen Eindrcken, die er damals bei
uns empfing, am grellsten sich seinem Gedchtnis die unscheinbare und
fast gemeine Gestalt Liputins eingeprgt hatte, dieses kleinen
Provinzbeamten, eiferschtigen Ehemannes, rohen Familiendespoten,
Wucherers und Geizhalses, der selbst die berbleibsel der Mahlzeiten und
Lichtstmpfchen verschlo, und doch gleichzeitig ein glhender Anhnger
Gott wei was fr einer zuknftigen sozialen Harmonie war, sich nachts
an den phantastischen Bildern der zuknftigen Phalanstere berauschte, an
deren baldige Verwirklichung in Ruland er so glaubte wie an sein
eigenes Vorhandensein. Und alles das dortselbst, wo er sich ein
Huschen erspart, wo er zum zweitenmal geheiratet hatte, und wo es
vielleicht im Umkreise von hundert Werst keinen Menschen gab, der auch
nur annhernd ein Mitglied dieser universalen sozialen Republik und
Harmonie htte sein knnen.

Gott mag wissen, wie es in solchen Menschen aussieht! dachte _Nicolas_
oft verwundert, wenn er sich dieses unvermuteten Fourieristen erinnerte.


                                  IV.

Unser Prinz reiste drei Jahre lang und noch lnger, so da er bei uns
fast ganz in Vergessenheit geriet. Unser Kreis freilich wute durch
Stepan Trophimowitsch, da er ganz Europa bereist hatte, sogar in
gypten und in Jerusalem gewesen war; dann hatte er sich mit einer
wissenschaftlichen Expedition auch nach Island begeben. Ferner hie es,
er habe einen Winter an einer deutschen Universitt Kolleg gehrt. An
seine Mutter schrieb er nur selten, aber die fhlte sich dadurch nicht
mehr gekrnkt. Die Beziehungen zwischen ihr und ihrem Sohn hatten nun
einmal diese Form angenommen, die sie wortlos hinnahm; im brigen dachte
sie bestndig an ihren _Nicolas_ und sehnte sich nach ihm. Doch davon
erfuhr kein Mensch etwas. Selbst von Stepan Trophimowitsch zog sie sich
anscheinend ein wenig zurck. Sie schmiedete heimlich Plne, wurde noch
sparsamer und rgerte sich immer mehr ber Stepan Trophimowitschs
Verluste im Kartenspiel.

Da erhielt sie im April dieses Jahres ganz unverhofft einen Brief aus
Paris, und zwar von ihrer Jugendfreundin, der Generalin Praskowja
Iwanowna Drosdowa. Diese schrieb ihr pltzlich nach acht Jahren, Nicolai
Wszewolodowitsch verkehre viel in ihrem Hause, habe mit Lisa (ihrer
einzigen Tochter) Freundschaft geschlossen und beabsichtige, sich ihnen
anzuschlieen, wenn sie im Sommer nach der Schweiz reisten, obwohl er in
der Familie des Grafen K... (einer in Petersburg hchst einflureichen
Persnlichkeit), die jetzt gleichfalls in Paris weile, wie ein
leiblicher Sohn aufgenommen werde, so da er, man knne sagen, fast ganz
im Hause des Grafen lebe. Der Brief war kurz, doch sein Zweck deutlich.
Warwara Petrowna dachte denn auch nicht lange nach, entschlo sich
schnell und fuhr mit ihrer Pflegetochter Dascha Mitte April nach Paris
und dann nach der Schweiz. Im Juli kehrte sie allein zurck; sie hatte
Dascha bei Drosdoffs gelassen, die mit ihr Ende August heimkehren
sollten.

Drosdoffs waren gleichfalls eine Gutsbesitzerfamilie unseres
Gouvernements, aber der Dienst des Generals hatte sie in letzter Zeit
verhindert, sich hier auf ihrem herrlichen Gut aufzuhalten. Nach dem
Tode des Generals im vorigen Jahre war dann die untrstliche Praskowja
Iwanowna mit ihrer Tochter ins Ausland gereist, unter anderem auch in
der Absicht, es im Sptsommer in der Schweiz, in Vernex-Montreux, mit
einer Traubenkur zu versuchen. Nach ihrer Rckkehr aus dem Auslande
wollte sie sich dann endgltig in unserem Gouvernement niederlassen. In
der Stadt besa sie ein groes Haus, das schon viele Jahre leer stand,
mit geschlossenen Fensterlden. Drosdoffs waren sehr reich. Praskowja
Iwanowna, in erster Ehe Frau Tuschina, war gleichfalls die Tochter eines
Branntweinpchters der alten Zeit und hatte gleichfalls eine groe
Mitgift erhalten. Der Rittmeister a. D. Tuschin war aber auch selbst ein
vermgender Mann gewesen und kein unbegabter Mensch. Er hinterlie
seiner siebenjhrigen Tochter Lisa ein bedeutendes Vermgen, zu dem
spter noch das ganze Erbe ihrer Mutter hinzu kommen mute, da diese aus
ihrer zweiten Ehe keine Kinder hatte. Warwara Petrowna war mit dem
Ergebnis ihrer Reise sehr zufrieden. Sie glaubte, mit Praskowja Iwanowna
bereingekommen zu sein, und teilte nach ihrer Ankunft alles, weit
offener als sonst, Stepan Trophimowitsch mit. Der rief Hurra! und
schnippte mit den Fingern. Seine Freude war um so aufrichtiger, als er
die Zeit ihrer Abwesenheit in grter Mutlosigkeit verbracht hatte. Vor
ihrer Abreise hatte sie ihm, diesem Weibe, nichts von ihren Plnen
mitgeteilt, vielleicht weil sie frchtete, er knne ausplaudern. Doch
schon in der Schweiz hatte sie sich gesagt, da sie den verlassenen
Freund nach ihrer Rckkehr besser behandeln msse. Tatschlich war ihre
pltzliche Abreise mit dem wortkargen Abschied fr sein schchternes
Herz der Anla zu qualvollen Zweifeln gewesen. Auerdem qulte ihn noch
eine bedeutende Geldverpflichtung, die er ohne ihre Hilfe unmglich
decken konnte. Und dann war noch allerhand gerade whrend ihrer
Abwesenheit hinzugekommen: so hatte im Mai die Herrschaft unseres guten
Iwan Ossipowitsch ihr Ende gefunden und war der Einzug unseres neuen
Gouverneurs, Andrei Antonowitsch von Lembke, erfolgt. Danach hatte sich
das Verhalten unserer Gesellschaft zu Warwara Petrowna und damit
natrlich auch zu Stepan Trophimowitsch merklich zu ndern begonnen. Das
beeindruckte ihn um so mehr, als er natrlich schon wieder erregt
befrchtete, man habe den neuen Gouverneur bereits auf ihn als einen
gefhrlichen Menschen aufmerksam gemacht. Er erfuhr auch, da man sich
in der Stadt erzhlte, die Gemahlin des neuen Gouverneurs und Warwara
Petrowna seien frher bekannt gewesen, doch htten sie sich schlielich
verfeindet und den Verkehr abgebrochen. Als aber nun Warwara Petrowna
nach ihrer Rckkehr so munter und siegesgewi seinen Bericht anhrte, u.
a. auch das Gercht, demzufolge manche Damen es lieber mit der neuen
Gouverneurin halten wollten, die eine echte Aristokratin sei, und
folglich den Verkehr mit Warwara Petrowna aufzugeben beabsichtigten, da
richtete sich sofort auch Stepan Trophimowitschs gesunkener Mut wieder
auf. Er wurde im Nu wieder heiter und begann mit besonderem, freudig
dienstbeflissenem Humor die Ankunft des neuen Gouverneurs zu schildern.

Es wird Ihnen, _excellente amie_,{[12]} zweifellos bekannt sein,
begann er kokett, die Worte geckenhaft in die Lnge ziehend, was ein
russischer Regierungsbeamter im allgemeinen, und was im besonderen ein
neuangestellter, ein neugebackener russischer Beamter ist. Dagegen
drften Sie kaum Gelegenheit gehabt haben, praktisch zu erfahren, was
der _Machtrausch_ eines russischen Beamten bedeutet ...

Machtrausch eines Beamten? Wie meinen Sie das?

Das heit ... _Vous savez, chez nous ... En un mot_,{[13]} stellen Sie
den erbrmlichsten Nichtsnutz als Verkufer von, sagen wir,
irgendwelchen elenden Eisenbahnfahrkarten an, und dieser erbrmlichste
Wicht wird sich sofort fr berechtigt halten, wie ein Jupiter auf Sie
herabzusehen, wenn Sie eine Fahrkarte lsen wollen, _pour vous montrer
son pouvoir_.{[14]} >Warte<, denkt er dann bei sich, >ich will dir meine
Macht zeigen!< Und das geht bei ihnen bis zur Selbstberauschung an
dieser ihrer Macht. _En un mot_ ...

Ja, fassen Sie sich krzer, wenn Sie knnen.

_En un mot_, dieser Herr von Lembke hat also zunchst das Gouvernement
bereist. Er ist zwar ein Deutschrusse griechisch-katholischer Konfession
und sogar ein beraus schner Mann in den vierziger Jahren ...

Schner Mann? Er hat Augen wie ein Schaf.

Allerdings. Doch aus Hflichkeit will ich dem Urteil unserer Damen
nicht widersprechen ...

Ich bitte Sie, reden wir von etwas anderem! brigens, Sie tragen eine
rote Halsbinde; schon lange?

Das ... ich ... ich habe das nur heute ...

Und sind Sie auch tglich sechs Werst spazieren gegangen, wie es Ihnen
der Arzt verordnet hat?

Nicht ... nicht immer.

Wute ich's doch! schon in der Schweiz ahnte ich das! rief sie
gereizt. Jetzt werden Sie mir aber zehn Werst tglich gehen! Sie sind
ja geradezu heruntergekommen! Sie sind ja nicht nur alt, Sie sind ein
Greis geworden ... ich erschrak geradezu, als ich Sie wiedersah, trotz
Ihrer roten Halsbinde ... _quelle ide rouge_!{[15]} Erzhlen Sie weiter
von diesem Lembke, wenn es wirklich etwas von ihm zu erzhlen gibt, nur
kommen Sie bald zu einem Ende; ich bin mde.

_En un mot_, ich wollte ja auch nur sagen, da er einer von denen ist,
die erst mit vierzig Jahren anfangen Karriere zu machen, sei es dank
einer pltzlich erworbenen Gattin oder einem nicht minder verzweifelten
Mittel. ber mich hat man ihm natrlich sofort alles zugetragen: da ich
die Jugend verdrbe und den Atheismus verbreite. Er hat auch sofort
Erkundigungen eingezogen. Und als man ihm von Ihnen berichtete, bisher
htten eigentlich Sie das Gouvernement verwaltet, da hat er sich zu
uern erlaubt, >so etwas werde hinfort nicht mehr vorkommen<.

Hat er das wirklich gesagt?

Wortwrtlich. Seine Gemahlin werden wir hier erst Ende August
erblicken; sie kommt direkt aus Petersburg.

Nein, aus dem Auslande. Ich bin mit ihr dort zusammengetroffen. In
Paris und in der Schweiz. Sie ist mit Drosdoffs verwandt.

Verwandt? Was fr ein merkwrdiges Zusammentreffen! Man sagt, sie sei
ehrgeizig und ... habe durch Beziehungen gute Protektion?

Unsinn, die paar Verwandten! Bis zum fnfundvierzigsten Jahr sa sie
als alte Jungfer da, ohne eine Kopeke, dann hat sie endlich diesen von
Lembke erwischt und nun ist ihr ganzer Ehrgeiz seine Karriere.

Es heit, sie sei zwei Jahre lter als er?

Fnf Jahre. Ihre Mutter hat mich in Moskau umschmeichelt, damit ich sie
zu den Bllen einlud, damals zu Wszewolod Nicolajewitschs Lebzeiten. Die
Tochter aber sa dann ohne Tnzer da, bis ich ihr aus Mitleid nach
Mitternacht den ersten Kavalier zuschickte. Niemand wollte sie mehr
einladen ... Ich sage Ihnen, wie ich jetzt nach Paris kam, stie ich
sofort auf eine Intrige. Sie haben doch soeben jenen Brief der Drosdowa
gelesen; was konnte noch klarer sein? Aber was fand ich? Diese dumme
Drosdowa -- sie ist immer dumm gewesen -- sieht mich fragend an: warum
ich denn gekommen sei? Sie knnen sich meine Verwunderung vorstellen!
Aber natrlich: da intrigiert diese Lembke und dann ist da dieser
Vetter, ein Neffe des seligen Drosdoff, -- da war mir alles klar! Ich
habe dann alles wieder zurechtgerckt; und Praskowja ist nun wieder auf
meiner Seite; aber es war eine richtige Intrige im Gange!

Die Sie indes besiegt haben. Sie sind ein Bismarck!

Auch ohne ein Bismarck zu sein, kann ich Falschheit und Dummheit
erkennen, wo ich ihnen begegne. Die Lembke ist falsch und Praskowja ist
dumm. Selten habe ich eine so verdrossene Frau gesehen wie die, dazu hat
sie noch geschwollene Fe und zum berflu ist sie noch gutmtig. Es
gibt wohl nichts dmmeres als einen gutmtigen Dummkopf!

Doch, einen bsen Dummkopf, _ma bonne amie_,{[16]} ein bser Dummkopf
ist noch viel dmmer.

Vielleicht haben Sie recht. Erinnern Sie sich noch an Lisa?

_Charmante enfant!_{[17]}

Aber jetzt nicht mehr _enfant_, sondern Weib, und ein Weib mit
Charakter. Ein edler und feuriger Mensch, und ich liebe es an ihr, da
sie der Mutter nicht gehorcht, dieser leichtglubigen Nrrin. Wegen
dieses Vetters kam es da fast zu einem ganzen Drama.

Ach richtig, er ist ja mit Lisa persnlich gar nicht verwandt[25] ...
Hat er denn Absichten?

Sehen Sie, er ist ein junger Offizier, sehr schweigsam, sogar
bescheiden. Ich will immer gerecht sein. Ich glaube, er ist selbst gegen
diese Intrige und hat keine Wnsche, nur die Lembke scheint da
intrigiert zu haben. Er achtete _Nicolas_ sehr. Sie verstehen, die ganze
Sache hngt von Lisa ab. Als ich sie in der Schweiz verlie, stand sie
sich mit _Nicolas_ ausgezeichnet, und er hat mir versprochen, im
November herzukommen. Folglich war das nur eine Intrige der Lembke, und
Praskowja war einfach blind. Pltzlich sagt sie mir, meine Vermutungen
seien einfach Einbildung. Da habe ich ihr aber ins Gesicht gesagt, da
sie eine Nrrin ist. Wenn mich nicht _Nicolas_ gebeten htte, es
vorlufig aufzuschieben, wre ich nicht heimgereist, ohne dieses falsche
Frauenzimmer entlarvt zu haben. Sie hat sich durch _Nicolas_ beim Grafen
K. einzuschmeicheln, hat Mutter und Sohn zu entzweien versucht. Aber
Lisa ist auf unserer Seite und mit Praskowja habe ich mich verstndigt.
Wissen Sie, da Karmasinoff mit ihr verwandt ist?

Was? Verwandt mit Frau von Lembke?

Nun ja. Aber nur entfernt verwandt.

Karmasinoff, der Novellist?

Nun ja doch, der Schriftsteller, worber wundern Sie sich? Natrlich
hlt er sich selbst fr eine Gre. Ein aufgeblasener Wicht! Sie wird
mit ihm zusammen herkommen, jetzt macht sie sich dort mit ihm wichtig.
Hier will sie literarische Abende veranstalten. Er kommt auf einen
Monat, um hier sein letztes Gut zu verkaufen. Fast wre ich mit ihm in
der Schweiz zusammengetroffen, was ich durchaus nicht wollte. brigens
hoffe ich doch, da er geruhen wird, mich wiederzuerkennen. Frher hat
er in meinem Hause verkehrt, hat Briefe an mich geschrieben. Es wre mir
lieb, wenn Sie sich sorgfltiger kleideten, Stepan Trophimowitsch; Sie
werden mit jedem Tage nachlssiger ... Wissen Sie denn nicht, wie mich
das qult! Was lesen Sie jetzt?

Ich ... ich ...

Verstehe schon. Wie gewhnlich die Freunde, die Gelage, der Klub, die
Karten und der Ruf eines Atheisten. Dieser Ruf gefllt mir nicht,
besonders jetzt mchte ich ihn nicht hren. Das ist doch alles nur
leeres Geschwtz. Das mu doch einmal gesagt werden.

_Mais, ma chre_{[18]} ...

Hren Sie mich an: in allen gelehrten Fragen bin ich natrlich
unwissend, ein Laie, im Vergleich zu Ihnen, aber auf der Heimreise habe
ich viel ber Sie nachgedacht. Und ich bin zu einer Einsicht gelangt.

Und zu welcher?

Zu der, da nicht wir beide die Klgsten auf der Welt sind, sondern da
es auch noch klgere gibt als wir.

Das ist sowohl scharfsinnig wie treffend gesagt. _Mais, ma bonne
amie_,{[19]} wenn ich auch das Rechte, nehmen wir an, nicht am besten
wei und mich objektiv vielleicht irre, so habe ich doch mein allgemein
menschliches, ewiges, hheres Recht auf mein freies Gewissen? Ich habe
doch das Recht, kein Heuchler und Fanatiker zu sein, wenn ich das nicht
sein will, und dafr werde ich naturgem, solange die Welt steht, von
verschiedenen Leuten gehat werden. _Et puis, comme on trouve toujours
plus de moines que de raison_,{[20]} und da das ganz meine Meinung ist
...

Wie, wie war das, was sagten Sie da? Das stammt gewi nicht von Ihnen,
das haben Sie bestimmt irgendwo gelesen?

Das hat Pascal gesagt.

Das hab' ich mir doch gleich gedacht ... da es kein Ausspruch von
Ihnen ist! Warum sagen Sie niemals etwas so kurz und treffend, sondern
ziehen alles immer so in die Lnge? ...

_Ma foi, chre_{[21]} ... warum? Erstens wahrscheinlich deshalb, weil
ich immerhin nicht Pascal bin, _et puis_{[22]} ... zweitens, weil wir
Russen in unserer Sprache nichts auszudrcken verstehen ... Wenigstens
haben wir bisher noch nichts in ihr ausgedrckt ...

Hm! Darin haben Sie vielleicht doch nicht recht. Aber knnten Sie sich
denn nicht wenigstens solche Aussprche aufschreiben oder merken, fr
den Fall, wissen Sie, wenn das Gesprch ... Ach, Stepan Trophimowitsch,
ich habe mir unterwegs vorgenommen, einmal ernst mit Ihnen zu sprechen,
sehr ernst.

_Chre, chre amie!_

Jetzt, wo alle diese Lembkes und Karmasinoffs ... Oh Gott, wie sind Sie
heruntergekommen! Oh, wie Sie mich damit qulen! ... Ich mchte, da
diese Menschen Hochachtung vor Ihnen empfnden, denn sie sind ja alle
nicht einmal soviel wert wie ein Finger von Ihnen, Ihr kleiner Finger,
aber Sie, wie halten Sie sich! Was werden diese Leute in Ihnen sehen?
Wen kann ich ihnen prsentieren? Statt vornehm als Zeuge dazustehn, ein
Beispiel zu sein, umgeben Sie sich mit solch einem Pack, Sie haben
unmgliche Gewohnheiten angenommen, sind alt geworden, knnen ohne Wein
und Karten nicht mehr leben, Sie lesen nur noch Paul de Kock und
schreiben selbst berhaupt nichts mehr, whrend die dort alle schreiben.
Ihre ganze Zeit vergeuden Sie im Geschwtz. Ist es denn mglich, darf
man sich denn das erlauben, sich mit solchem Gesindel anzufreunden, wie
es Ihr ewiger Liputin ist?

Warum denn >mein ewiger Liputin<? protestierte Stepan Trophimowitsch
schchtern.

Und Schatoff? Ist er immer noch derselbe?

_Irascible, mais bon._{[23]}

Ich kann Ihren Schatoff nicht ausstehen; er ist bse und eingebildet!

Wie geht es Darja Pawlowna?

Sie fragen nach Dascha? Wie kommen Sie pltzlich darauf? Warwara
Petrowna sah ihn forschend an. Sie ist gesund. Ich habe sie bei
Drosdoffs gelassen ... In der Schweiz habe ich etwas ber Ihren Sohn
gehrt; Schlechtes, nicht Gutes.

_Oh, c'est une histoire bien bte! Je vous attendais, ma bonne amie,
pour vous raconter_{[24]} ...

Genug, Stepan Trophimowitsch, gnnen Sie mir Ruhe, ich bin ohnehin
erschpft. Wir werden noch Zeit haben, uns auszusprechen, besonders ber
das Schlechte. Wenn Sie lachen, spritzt jetzt von Ihren Lippen schon
Speichel, das ist ja bereits greisenhaft! Und wie sonderbar Sie jetzt
immer lachen ... Gott, wie viele schlechte Gewohnheiten Sie angenommen
haben! Karmasinoff wird Ihnen bestimmt keinen Besuch machen! Hier aber
sind alle schon ohnehin froh ber ... Erst jetzt zeigen Sie sich in
Ihrer wahren Gestalt. Aber genug, genug, ich bin mde! Sie knnten doch
wahrlich endlich einmal auf einen Menschen Rcksicht nehmen!

Stepan Trophimowitsch nahm also Rcksicht auf einen Menschen, aber er
entfernte sich verwirrt.


                                   V.

Unser Freund hatte in der Tat nicht wenige schlechte Gewohnheiten
angenommen, besonders in der letzten Zeit. Er war sichtlich und schnell
heruntergekommen, und es war richtig, er vernachlssigte auch schon sein
ueres. Er trank auch mehr, wurde weinerlicher und nervser; seine
Liebe zum Schnen aber war schon zu einer bersensibilitt geworden.
Sein Gesicht hatte die seltsame Fhigkeit erlangt, erstaunlich schnell
den Ausdruck zu wechseln, z. B. die feierlichste Miene im Nu in einen
komischen oder sogar dummen Ausdruck zu verwandeln. Einsamkeit ertrug er
berhaupt nicht mehr und wollte bestndig unterhalten sein, sei es mit
Stadtklatsch oder Anekdoten, wenn es nur etwas Neues war. Kam lngere
Zeit niemand zu ihm, so wanderte er trbselig durch die Zimmer, trat ans
Fenster, sah gedankenverloren hinaus, schob dabei die Lippen hin und
her, seufzte tief und schlielich begann er fast zu flennen. Er glaubte
immer, Vorahnungen zu haben, frchtete etwas Unerwartetes,
Unabwendbares, wurde schreckhaft und achtete sehr auf seine Trume.

Diesen Tag und den Abend verbrachte er sehr traurig. Er lie mich zu
sich bitten, war sehr aufgeregt, erzhlte viel, aber recht
zusammenhanglos. Es schien mir schlielich, da ihn etwas Besonderes
bedrckte, etwas, das er sich vielleicht selber nicht erklren konnte.
Sonst hatte er bei solchen Gelegenheiten, wenn er mir vorzuklagen
begann, nach einer Weile immer ein Flschchen bringen lassen, und alles
war dann bald in weit trstlicherem Lichte erschienen. Diesmal aber
unterdrckte er sichtlich mehrmals den erwachenden Wunsch, eine Flasche
bringen zu lassen. -- Und worber rgert sie sich denn eigentlich?
klagte er wie ein Kind. _Tous les hommes de gnie et de progrs en
Russie taient, sont et seront toujours des_ Kartenspieler _et des_
Trinker _qui boivent_{[25]} anfallweise ... ich aber bin noch lange kein
so groer Spieler und Trinker ... Sie macht mir Vorwrfe, warum ich
nichts schreibe! Sonderbarer Einfall! ... Warum ich nichts tue! Sie
sagt, ich msse als Beispiel und Vorwurf dastehen! _Mais entre nous soit
dit_,{[26]} was kann denn ein Mensch, dessen Bestimmung es ist, als
verkrperter Vorwurf dazustehen, anderes tun als Nichtstun, -- wei sie
das denn nicht?

Und schlielich erriet ich auch jenen wichtigsten und besonderen Kummer,
der ihn diesmal so unablssig qulte. Er war schon mehrere Male vor dem
Spiegel stehen geblieben. Schlielich wandte er sich von ihm ab und
sagte in einer seltsamen Verzweiflung:

_Mon cher, je suis un_{[27]} heruntergekommener Mensch!

Ja, in der Tat, bis dahin, bis zu diesem Tage war er wenigstens von
einem bestndig berzeugt geblieben, trotz aller neuen Anschauungen
und Ideennderungen Warwara Petrownas, nmlich davon, da er fr ihr
weibliches Herz immer noch bezaubernd sei, d. h. nicht nur als
Verbannter oder als berhmter Gelehrter, sondern auch als schner Mann.
Zwanzig Jahre lang hatte diese schmeichelhafte und beruhigende
berzeugung tief verwurzelt in ihm gelebt, und vielleicht fiel ihm
nichts so schwer, wie da er von allen seinen berzeugungen ausgerechnet
diese aufgeben mute. Ahnte er vielleicht an diesem Abend, welch eine
ungeheure Prfung ihm schon in so naher Zukunft bevorstand?


                                  VI.

Ich komme jetzt zu der Wiedergabe jenes zum Teil vergessenen
Geschehnisses, mit dem meine Chronik eigentlich erst beginnt.

Ende August kehrten Drosdoffs zurck. Sie trafen kurz vor ihrer
Verwandten ein, der lange von der ganzen Stadt erwarteten Gattin unseres
neuen Gouverneurs, und berhaupt machte ihr Erscheinen bei uns einen
auffallenden Eindruck in der Gesellschaft. Doch davon spter; hier sei
nur bemerkt, da Praskowja Iwanowna der sie ungeduldig erwartenden
Warwara Petrowna ein hchst beunruhigendes Rtsel mitbrachte: _Nicolas_
hatte sich bereits im Juli von ihnen getrennt und war mit der Familie
des Grafen K. nach Petersburg zurckgekehrt. (_NB._ Der Graf hatte drei
heiratsfhige Tchter.)

Von Lisaweta habe ich nichts erfahren knnen, aus diesem stolzen
Trotzkopf ist ja nichts herauszubringen, schlo Praskowja Iwanowna,
aber ich habe ja selbst gesehen, da zwischen ihr und _Nicolas_ etwas
vorgefallen ist. Die Ursache ist mir unbekannt, aber ich glaube, Sie
werden sich, meine Liebe, nach diesen Ursachen am besten bei Ihrer Darja
Pawlowna erkundigen. Meiner Meinung nach ist Lisa gekrnkt worden. Ich
bin nur froh, da ich Ihren Liebling Dascha endlich wieder Ihnen
abliefern kann. Gott sei Dank, nun bin ich sie los!

Doch mit diesen giftigen, offenbar absichtlich so vielsagenden Worten
geriet sie an die Falsche: Warwara Petrowna verlangte sofort streng eine
nhere Erklrung. Praskowja Iwanowna wurde hierauf sehr viel
kleinlauter, ja schlielich begann sie zu weinen und ihr Herz
auszuschtten. Es sei also zwischen Lisa und _Nicolas_ tatschlich zu
einem Zerwrfnis gekommen, doch Gott wei aus welchem Grunde. Ihre
Anspielung auf Darja Pawlowna nahm sie wieder zurck und bat sogar
ausdrcklich, ihre in der Gereiztheit gesprochenen Worte ganz zu
vergessen. Zu jenem Zerwrfnis htte wohl der trotzige und spttische
Charakter Lisas den Ansto gegeben, und der stolze _Nicolas_ sei zwar
sehr verliebt gewesen, habe aber die Sptteleien doch nicht ertragen und
selbst zu spotten begonnen. Kurz, alle diese Erklrungen kamen sehr
unklar heraus. Und dann htten sie noch Stepan Trophimowitschs Sohn
kennen gelernt, -- Das war ein ganz gewhnlicher junger Mann, sehr
lebhaft und frei, aber sonst nichts Besonderes. Diesen jungen Mann habe
nun Lisa unrechterweise sehr bevorzugt, wohl um _Nicolas_ eiferschtig
zu machen, nur sei ihr das nicht gelungen: statt eiferschtig zu werden,
habe _Nicolas_ sich selbst mit dem jungen Manne befreundet, ganz als
bemerke er nichts oder als wre ihm das ganz gleichgltig. Nun und das
emprte Lisa. Der junge Mann reiste brigens bald weiter, Lisa aber
begann nun bei jeder Gelegenheit Streit mit _Nicolas_. Sie bemerkte, da
dieser manchmal mit Dascha sprach, und das rgerte sie furchtbar. Da
gab's denn ewig Streit und fr mich Aufregungen die aber hatten die
rzte mir doch so verboten! Und pltzlich erhielt _Nicolas_ von der
Grfin einen Brief und reiste sofort ab. Ihr Abschied war wieder
freundschaftlich. Auf dem Wege zur Bahnstation, wohin wir ihn
begleiteten, war Lisa sehr lustig und lachte viel. Alles Verstellung
natrlich! Kaum aber war er weg, da wurde sie sehr nachdenklich,
erwhnte ihn berhaupt nicht mehr und lie auch mich nicht einmal von
ihm sprechen. Meine Bemerkung ber Dschachen aber war falsch, nehmen
Sie es mir nicht bel, Mtterchen, verzeihen Sie mir schon die Snde! Es
waren ja nur ganz gewhnliche Gesprche, die laut gefhrt wurden. Mich
hat das alles nur so nervs gemacht. Aber auch Lisa verhlt sich zu
Dascha jetzt wieder so freundlich, wie sie vorher verkehrten. Und mit
_Nicolas_ wird sie sich gewi ebenso ausshnen, wenn er nur bald herkme
...

Warwara Petrowna sagte nur, sie kenne Darja und das sei alles Unsinn. An
_Nicolas_ aber schrieb sie noch am selben Tage und bat ihn sehr, doch
wenigstens einen Monat frher zu kommen als er versprochen hatte. -- Und
doch blieb fr sie etwas Unklares in der ganzen Sache: _Nicolas_ ist
nicht der Mann, der vor dem Spott eines Mdchens davonluft ... Jenen
Offizier haben sie richtig mitgebracht und als Verwandten im Hause
einquartiert. Wie kam diese Praskowja darauf, Darja so zu verdchtigen?
Und dann diese schnelle Entschuldigung ... Sicher steckt etwas dahinter,
was sie nicht sagen wollte, aber zu plump angedeutet hatte ... Warwara
Petrowna dachte die ganze Nacht darber nach. Zum Morgen hin aber war
ihr Plan fertig, wie sie wenigstens _ein_ Hindernis beseitigen knnte.
Das war nun freilich ein sehr merkwrdiger Plan, und was in ihrem Herzen
vorging, als sie diesen Entschlu fate, wei ich nicht, noch werde ich
versuchen, alle Widersprche, die er enthielt, zu erklren. Bemerken mu
ich nur, da bis zum Morgen nicht der geringste Verdacht gegen Dascha in
ihr zurckgeblieben war. Aber sie htte es ja auch nie fr mglich
gehalten, da ihr _Nicolas_ sich fr diese ihre ... Darja lebhafter
interessieren knnte. Am Morgen, als Dascha am Teetisch hantierte, sah
Warwara Petrowna sie lange und prfend an und sagte sich schlielich
wohl zum zwanzigsten Male berzeugt: Alles Unsinn! Es fiel ihr nur
auf, da Dascha seltsam mde aussah und noch stiller war als gewhnlich.
Nach dem Tee setzten sie sich beide wie immer an eine Handarbeit und
Warwara Petrowna lie sich nun einen ausfhrlichen Bericht ber die
Eindrcke erstatten, die Dascha im Auslande empfangen hatte, ber die
Natur, die Menschen, Sitten, Kunstwerke, Gewerbe usw. Nur ber Drosdoffs
und das Leben bei diesen stellte sie nicht eine Frage. Als Dascha eine
halbe Stunde mit ihrer gleichmigen, eintnigen, aber etwas schwachen
Stimme erzhlt hatte, unterbrach sie sie pltzlich:

Darja, hast du mir denn nichts Eigenes zu sagen?

Nein, ich habe nichts, antwortete Dascha nach einem ganz kurzen
Nachdenken und sah Warwara Petrowna mit ihren hellen Augen an.

Auf der Seele, auf dem Herzen, auf dem Gewissen?

Nichts, wiederholte Dascha leise, doch wie mit einer finsteren
Festigkeit.

Wute ich's doch! Damit du's weit, Dascha, ich werde nie an dir
zweifeln. Aber setze dich hierher, auf diesen Stuhl, damit ich dich
besser sehen kann, und hre mich an. So. Also hre jetzt: willst du
nicht heiraten?

Dascha antwortete nur mit einem fragenden, langen, brigens nicht einmal
allzu verwunderten Blick.

Wart; sei still! Erstens ist da ein Unterschied in den Jahren, ein sehr
groer sogar, aber das ist doch nur dummes Gerede. Du bist vernnftig,
in deinem Leben soll es keine Fehler geben. brigens ist er noch ein
schner Mann ... Kurz, ich meine Stepan Trophimowitsch, den du immer so
geachtet hast. Nun?

Dascha sah sie noch fragender an, jetzt aber nicht nur erstaunt, sondern
auch sichtbar errtend.

Wart, sei still, berlege es! Meinem Testament zufolge hast du zwar
Geld. Aber wenn ich sterbe, was wird dann aus dir, selbst mit diesem
Gelde? Man wird dich doch betrgen, dich ums Geld bringen und dann bist
du verloren. Heiratest du aber ihn, so bist du die Frau eines
angesehenen Mannes. Und andererseits: sterbe ich, was wird dann aus ihm,
wenn ich auch seine Existenz sichergestellt habe? Auf dich aber kann ich
mich verlassen. Wart, ich habe noch nicht zu Ende gesprochen: er ist
leichtsinnig, trge, charakterlos, grausam, egoistisch, hat hliche
Schwchen, aber du schtze ihn trotzdem, erstens schon deshalb, weil es
noch viel schlechtere gibt. Warum schweigst du und siehst nicht auf? --
Warte, sei noch still! Er ist ein altes Weib, aber um so besser fr
dich. Ein bemitleidenswertes Weib. Er verdiente es gar nicht, von einer
Frau geliebt zu werden. Aber wegen seiner Schutzlosigkeit verdient er es
schlielich doch; also liebe du ihn auch deswegen. Du verstehst mich
doch? (Dascha nickte.) Das wute ich, habe auch nichts anderes von dir
erwartet. Er wird dich lieben, denn er mu es, er mu! Mu dich
vergttern! (Ihre Stimme klang seltsam gereizt und hart.) brigens
wird er sich auch so schon in dich verlieben, ich kenne ihn doch. Zudem
werde ich ja selbst hier sein. Sei unbesorgt, ich werde schon nach dem
Rechten sehen. Er wird sich ber dich beklagen, wird dich verleumden,
mit dem ersten besten ber dich sprechen, wird dir Briefe schreiben aus
dem Nebenzimmer, sogar zwei am Tage, aber ohne dich wird er doch nicht
leben knnen, und das ist schlielich die Hauptsache. Zwinge ihn, dir zu
gehorchen; verstehst du das nicht, ist's dein eigener Schade. Er wird
sich erhngen wollen, wird dir damit drohen -- glaube ihm nichts; das
ist alles Unsinn; aber sei trotzdem vorsichtig, denn vielleicht ist die
Stunde verhngnisvoll und er tut es wirklich. Das kommt vor bei solchen
Menschen; nicht aus Strke, sondern aus Schwche hngen sie sich auf;
und darum bringe ihn nie zum uersten, -- das ist der erste Grundsatz
in der Ehe. Und vergi auch nicht, da er ein Dichter ist. Hre, Darja:
es gibt kein greres Glck als sich zu opfern. Und auerdem tust du mir
damit einen groen Gefallen, und das ist die Hauptsache. Denke nicht,
da ich mich aus Dummheit soeben versprochen habe; ich wei, was ich
sage. Ich bin egoistisch; sei du es auch. Ich will dich ja nicht
zwingen; alles hngt von dir ab; wie du entscheidest, so wird es sein.
Nun, warum sitzt du so da, sag' jetzt etwas!

Mir ist alles gleich, Warwara Petrowna, wenn ich schon unbedingt
heiraten soll, sagte Dascha mit fester Stimme.

Unbedingt? Was willst du damit andeuten? Warwara Petrowna sah sie
streng und unverwandt an. Dascha schwieg und kratzte mit der Nadel am
Stickrahmen. -- Du bist sonst zwar gescheit, jetzt aber irrst du dich
doch. Es ist mir jetzt doch nur seinetwegen in den Sinn gekommen, dich
zu verheiraten. Gbe es keinen Stepan Trophimowitsch, so dchte ich gar
nicht daran, obwohl du bereits zwanzig Jahre alt bist ... Nun?

Ich werde tun, was Sie wnschen.

Also du bist einverstanden! Wart, sei still, wohin willst du? Ich bin
noch nicht fertig. In meinem Testament habe ich dir fnfzehntausend
Rubel vermacht. Die gebe ich dir aber schon jetzt sofort nach der
Trauung. Davon wirst du ihm achttausend geben, d. h. nicht ihm, sondern
mir. Denn er hat eine Schuld von achttausend, die ich bezahlen werde,
nur soll er wissen, da es mit deinem Gelde geschieht. Siebentausend
behltst du demnach, davon gib ihm nichts, nicht einen Rubel. Bezahle
nie seine Schulden. Tust du es einmal, nimmt das Ausbeuten kein Ende.
Ihr werdet von mir fnfzehnhundert Rubel jhrlich bekommen, auer der
Wohnung und Bekstigung, die ihr auch weiterhin von mir erhalten werdet.
Dieses Jahrgeld werde ich dir als ganze Summe auszahlen, in jedem Jahr,
unmittelbar in deine Hnde. Aber sei auch gut zu ihm und gib ihm
zuweilen etwas, und auch seinen Freunden mut du schon erlauben, ihn zu
besuchen, einmal wchentlich. Kommen sie fter, so wirf sie hinaus. Aber
ich werde ja immer hier sein. Sterbe ich, so bekommt ihr die Pension bis
zu seinem Tode, hrst du, bis zu _seinem_ Tode, denn es ist _seine_ und
nicht deine Pension. Dir aber werde ich auer den siebentausend, die du
dir, wenn du nicht dumm bist, unangebrochen aufheben kannst, noch
weitere achttausend testamentarisch vermachen. Aber mehr bekommst du
nicht von mir. Damit du's weit. Nun, bist du einverstanden? Aber nun
antworte doch endlich!

Ich habe schon geantwortet, Warwara Petrowna.

Vergi nicht, da es dein freier Wille ist.

Erlauben Sie nur, Warwara Petrowna, hat Stepan Trophimowitsch schon mit
Ihnen davon gesprochen?

Nein, er hat nichts gesprochen und wei berhaupt nichts davon, aber
... er wird sofort sprechen! -- Sie stand hastig auf und nahm ihren
schwarzen Schal. Dascha errtete wieder ein wenig und sah ihr mit
fragendem Blick nach. Pltzlich wandte sich Warwara Petrowna mit
zornflammendem Gesicht zu ihr um und fuhr sie wie ein Habicht an: Du
Trin! Du undankbare Trin! Glaubst du wirklich, da ich dich auch nur
im geringsten blostellen werde? Auf den Knien wird er dich anflehen, er
wird vergehen mssen vor Glck, _so_ wird das geschehen! Oder glaubst
du, da er dich um dieser Achttausend willen nehmen wird und ich jetzt
hinlaufe, um dich zu verkaufen? Trin, Trin, alle seid ihr undankbare
Trinnen! Gib mir meinen Schirm!

Und sie begab sich zu Fu zu Stepan Trophimowitsch.


                                  VII.

In der Tat: sie glaubte aufrichtig, mit dieser Verheiratung Darja nichts
Bses anzutun; im Gegenteil, sie hielt sich jetzt erst recht fr deren
Wohltterin. Um so grer war daher ihr Unwille, als sie den unsicheren
und mitrauischen Blick ihrer Pflegetochter bemerkte. Sie liebte sie
aufrichtig; ja, Praskowja Iwanowna hatte recht, wenn sie Dascha ihren
Liebling nannte. Warwara Petrowna hatte sich schon frh gesagt, als
Dascha noch ein Kind war, der Charakter dieses Mdchens gleiche
entschieden nicht dem ihres Bruders Iwan Schatoff, sie sei still, sanft,
sehr aufopferungsfhig, treu, beraus bescheiden, verstndig und, was
die Hauptsache war, dankbar. In diesem Leben werden keine Fehler
vorkommen, sagte sie, als Dascha zwlf Jahre alt war, und da es ihre
Art war, sich fr jeden Einfall, der ihr gefiel, eigensinnig und
leidenschaftlich einzusetzen, hatte sie dann sofort beschlossen, Dascha
wie eine leibliche Tochter zu erziehen. Sie legte fr sie ein Kapital
beiseite und nahm eine Gouvernante ins Haus, Mi Criggs, die bis zu
Daschas sechzehntem Jahre bei ihnen blieb. Dann setzten Lehrer vom
Gymnasium, ein Franzose und eine arme adelige Dame, die Klavierstunden
gab, den Unterricht fort. Aber der Hauptpdagoge war doch Stepan
Trophimowitsch, der eigentlich Dascha entdeckt und das stille Kind
schon unterrichtet hatte, als es von Warwara Petrowna noch gar nicht
beachtet wurde. Ich weise nochmals darauf hin: es war erstaunlich, wie
Kinder an ihm hingen. Auch Lisa hatte er von ihrem achten bis elften
Jahre unterrichtet (selbstredend unentgeltlich). Er hatte sich in das
reizende Kind ganz verliebt und erzhlte ihr wie schne Dichtungen die
Einrichtung der Welt, die Geschichte der Menschheit und der ersten
Vlker. Das war fesselnder als arabische Mrchen. Lisa verging vor
Begeisterung fr diese Geschichten, zu Hause aber kopierte sie ihren
Lehrer in einer hchst drolligen Weise. Als dieser sie einmal dabei
berraschte, flog sie ihm in ihrer Verlegenheit einfach an den Hals und
begann zu weinen. Er aber weinte gleich mit: vor lauter Entzcken. Bald
aber reiste Lisa weg und die kleine Dascha blieb allein. Spter berlie
er den Unterricht den Lehrern, die ins Haus kamen, und kmmerte sich
lange Zeit gar nicht mehr um sie. Einmal aber, als Dascha bereits
siebzehn war, fiel ihm bei Tisch pltzlich ihre Lieblichkeit auf. Er
begann mit ihr zu sprechen, war ersichtlich sehr zufrieden mit ihren
Antworten und fragte sie zum Schlu, ob sie nicht mit ihm die Geschichte
der russischen Literatur durchnehmen wolle. Warwara Petrowna lobte ihn
fr den guten Gedanken und dankte ihm. Dascha aber war selig. Doch als
er nach den ersten paar Stunden ankndigte, das nchste Mal wrden sie
das Igorlied durchnehmen, erklrte pltzlich Warwara Petrowna, die wie
immer zugegen war, da es weitere Stunden nicht mehr geben werde. Stepan
Trophimowitsch straffte sich, schwieg aber; Dascha wurde feuerrot. --
Das hatte sich genau drei Jahre vor Warwara Petrownas jetzigem
unverhofften Einfall zugetragen.

Der arme Stepan Trophimowitsch sa ahnungslos allein zu Hause und hielt
trbselig schon lange Ausschau, ob denn nicht ein Bekannter zu ihm
komme. Aber es wollte keiner kommen. Ein feiner Sprhregen fiel; es
wurde kalt. Er seufzte. Pltzlich sahen seine Augen eine erschreckende
Vision: Warwara Petrowna, bei diesem Wetter, auf dem Wege zu ihm! Und zu
Fu! Er war so verblfft, da er alles verga und sie empfing wie er
war: in seiner fraisefarbenen wattierten Hausjacke.

_Ma bonne amie!_{[16]} rief er ihr mit schwacher Stimme entgegen.

Sie sind allein, das freut mich. Ich kann Ihre Freunde nicht ausstehen.
Wie das hier wieder vollgeraucht ist! Und das Frhstck noch nicht
beendet, dabei ist es schon zwlf! Wahrhaftig: Unordnung ist doch Ihre
Seligkeit. Und Ihr einziges Behagen. Was sind das fr Papierfetzchen auf
dem Fuboden? Nastassja, Nastassja! Mach' mir mal hier alle Fenster auf,
Mtterchen! Wir gehen in den Salon. Ich habe mit Ihnen zu reden. Du aber
fege hier doch wenigstens einmal im Leben aus! ... Schlieen Sie gut die
Tr, Nastassja wird natrlich horchen. Setzen Sie sich und hren Sie zu.
Wohin, wohin? Wohin wollen Sie?

Ich ... sofort ... ich bin sofort wieder da ...

Ah, Sie haben den Rock gewechselt. Sie musterte ihn spttisch. Der
pat allerdings besser zu ... unserem Gesprch. Aber so setzen Sie sich
doch endlich, ich bitte Sie!

Sie erklrte ihm alles mit einem Schlage, scharf und einleuchtend. Sie
streifte auch die Achttausend, die er so ntig hatte. Sie sprach
ausfhrlich von der Mitgift. Er ri die Augen auf und begann zu zittern.
Er hrte alles, aber er konnte nichts klar erwgen. Er wollte etwas
entgegnen, aber die Stimme versagte.

_Mais, ma bonne amie_, zum _dritten_ Mal und in meinen Jahren, und mit
einem solchen Kinde! brachte er schlielich hervor. _Mais c'est une
enfant!_{[28]}

Das schon zwanzig Jahre alt ist, gottlob! Sie sind ein sehr kluger und
gelehrter Mann, aber vom Leben verstehen Sie nichts. Sie werden ewig
eine Kinderfrau ntig haben. Sterbe ich, was wird dann aus Ihnen? Sie
aber ist ein bescheidenes, verstndiges, charakterfestes Mdchen; zudem
werde ich ja selbst immer hier sein, ich sterbe ja nicht gleich. Sie ist
huslich, ist ein Engel an Sanftmut. Dieser glckliche Gedanke kam mir
schon in der Schweiz. Begreifen Sie auch: ich selbst sage es Ihnen, da
sie ein Engel ist! rief sie pltzlich jhzornig. Sie bilden sich wohl
ein, da ich Sie noch bitten, alle Vorzge aufzhlen mu! Nein, Sie
mten auf den Knien ... Oh, Sie leerer, leerer, engherziger Mensch!

Aber ich ... ich bin doch schon ein Greis!

Fnfzig Jahre sind nicht das Ende, sondern nur die Hlfte des Lebens.
Sie sind ein schner Mann und wissen das selbst. Sie wissen auch, wie
sehr Dascha Sie verehrt. Und wenn ich sterbe, was wird dann aus ihr? Sie
haben einen angesehenen Namen, ein liebevolles Herz. Sie werden sie
bilden, werden sie retten, ja retten! Inzwischen wird auch Ihr Werk
fertig werden und das wird Ihren Ruhm erneuern ...

Allerdings ... bin ich gerade im Begriff, meine >Skizzen aus der
spanischen Geschichte< vorzunehmen ...

Nun sehen Sie, das trifft sich ja ausgezeichnet.

Stepan Trophimowitsch schwindelte der Kopf; die Wnde drehten sich um
ihn herum. _Excellente amie!_{[12]} ... seine Stimme zitterte
pltzlich, ich ... ich htte nie gedacht, da Sie mich je mit ... einer
anderen ... verheiraten knnten!

Sie sind doch kein junges Mdchen, das man verheiratet, Sie heiraten
doch selbst, stie sie giftig hervor.

_Oui, j'ai pris un mot pour un autre ... Mais ... c'est gal_{[29]}
... Er sah sie wie verloren an.

Das sehe ich, da Ihnen das _gal_{[30]} ist, sagte sie mit bissiger
Verachtung. Herrgott, er wird ja ohnmchtig! Nastassja, Nastassja!
Wasser! -- Aber er kam schon wieder zu sich. Warwara Petrowna nahm
ihren Schirm. Ich sehe, da man mit Ihnen jetzt nicht reden kann ...

_Oui, oui, je suis incapable_{[31]} ...

Aber bis morgen mssen Sie sich erholt und entschlossen haben. Bleiben
Sie zu Hause. Aber schreiben Sie mir keine Briefe; werde sie nicht
lesen. Morgen werde ich um dieselbe Zeit wiederkommen, allein, und ich
hoffe, da Ihre Antwort eine befriedigende sein wird. Sorgen Sie dafr,
da dann niemand hier ist und da in den Zimmern Ordnung herrscht, denn
wie sieht das hier aus! Nastassja, Nastassja! ...

Natrlich war er am nchsten Tage einverstanden. Es blieb ihm ja auch
nichts anderes brig, -- aus einem besonderen Grunde ...


                                 VIII.

Das Gut, das seine erste Frau hinterlassen hatte, gehrte nicht ihm,
sondern seinem Sohn. Stepan Trophimowitsch hatte es sozusagen nur
verwaltet und auf Grund einer Abmachung dem Sohn tausend Rubel jhrlich
als Einnahme des Gutes zugesandt. Das heit: diese Summe war regelmig
von Warwara Petrowna entrichtet worden, Stepan Trophimowitsch aber hatte
auch nicht einen Rubel dazu beigesteuert. Die ganze Einnahme vom Gut,
die brigens nur fnfhundert Rubel im Jahre betrug, hatte er immer
selbst verbraucht, dazu das Gut schlielich noch ruiniert, da er es ohne
Warwara Petrownas Wissen an einen Hndler verpachtet und den Wald, der
das Wertvollste war, nach und nach parzellenweise zum Abholzen verkauft
hatte, wenn er grere Spielverluste im Klub Warwara Petrowna doch nicht
zu gestehen wagte. Fr diesen Wald, der etwa achttausend Rubel wert war,
hatte er im ganzen nur fnftausend erhalten. Sie knirschte natrlich,
als sie das schlielich erfuhr. Aber nun hatte der Sohn pltzlich
geschrieben, er werde kommen, um das Gut zu verkaufen, und den Vater
beauftragt, sich inzwischen nach Kufern umzusehen. Selbstredend schmte
sich nun Stepan Trophimowitsch bei seiner grozgigen und nicht
materialistischen Einstellung zu solchen Dingen vor _ce cher
fils_,{[32]} den er brigens zuletzt vor neun Jahren in Petersburg als
Studenten gesehen hatte. Der Wert des Gutes war von etwa vierzehn- auf
kaum fnftausend Rubel gesunken. Wie sollte er das diesem Sohne nun
sagen? Freilich htte er als offiziell Bevollmchtigter den Wald
verkaufen drfen, und da dem Sohn jahrelang tausend Rubel statt etwa
fnfhundert geschickt worden waren, konnte er auch einer Abrechnung
ruhig entgegensehen. Doch Stepan Trophimowitsch war nun einmal ein
nobler Mensch, der Hheres im Sinne hatte. In seiner Phantasie stellte
er sich ein ganz anderes Bild vor: wie er diesem _cher fils_, wenn er
endlich kam, die _ganze_ Summe auf den Tisch legte, ohne die doppelt
gezahlten Jahresraten berhaupt zu erwhnen, wie er ihn unter Trnen
fest an seine Brust drckte und damit alle Abrechnungen fr immer aus
der Welt schaffte. Vorsichtig hatte er auch Warwara Petrowna fr dieses
schne Bild zu gewinnen gesucht. Er deutete an, da eine solche
Einstellung zu einer pekuniren Frage auch ihrer Freundschaft, der
Idee dieser Freundschaft noch eine besondere, edle Nuance verleihen
wrde, sie, d. h. die Vter oder die frhere Generation berhaupt, als
so viel selbstloser und gromtiger im Vergleich zu der neuen
leichtsinnigen und sozialistischen Jugend hinstellen mte. Er sprach
noch allerhand, aber sie schwieg. Schlielich teilte sie ihm nur trocken
mit, da sie das Gut fr siebentausend kaufen wolle. Doch von den
fehlenden Achttausend -- dem Wert des Waldes -- sprach sie kein Wort.
Das war etwa einen Monat vor dem Heiratsantrag geschehen.

Was wir hier ber diesen seinen Sohn wuten, waren eigentlich nur etwas
seltsame Gerchte. Vor sechs Jahren hatte er das Studium an der
Universitt beendet und sich dann ohne Beschftigung in Petersburg
herumgetrieben. Pltzlich hie es, er habe sich an der Abfassung einer
geheimen Proklamation beteiligt; und bald darauf verlautete, er sei
bereits in der Schweiz. Also geflchtet.

Das wundert mich, sagte damals Stepan Trophimowitsch, sichtlich
bestrzt _Petrscha -- c'est une si pauvre tte!_{[33]} ... Aber wissen
Sie, das kommt alles von eben diesem Unausgebrtetsein, und von der
Empfindsamkeit! Was sie fesselt, ist nicht der Realismus, sondern die
empfindsame, ideale Seite des Sozialismus, sozusagen seine religise
Frbung, seine Poesie ... ins Blaue hinein, natrlich. Und gerade mir,
mir mu das widerfahren! Ich habe hier schon so viele Feinde, _dort_
noch mehr, man wird es also dem Einflusse des Vaters zuschreiben ...
Gott! Petrscha ein Aufwiegler! In was fr Zeiten leben wir!

brigens schickte Petrscha aus der Schweiz sehr bald seine genaue
Adresse, damit ihm das Geld wie gewhnlich zugesandt werde: also war er
doch kein Emigrant von jener Art. Und jetzt, nach etwa vierjhrigem
Aufenthalt im Auslande, war er schon wieder im Vaterlande und kndete
sogar seinen Besuch an; somit konnte doch berhaupt keine Anklage gegen
ihn vorliegen. Ja, nicht nur das: es schien ihn jemand sogar zu
protegieren. Er schrieb jetzt aus Sdruland, wo er sich in jemandes
privatem Auftrage befand und etwas Wichtiges auszufhren hatte. Das war
ja alles sehr schn, aber woher nun die fehlenden Achttausend nehmen, um
den vollen Wert des Gutes auszahlen zu knnen? Wie nun, wenn es statt zu
jenem schnen Charakterbilde pltzlich zu einem Proze kam? Eine
unbestimmte Empfindung sagte Stepan Trophimowitsch, da _ce cher fils_
auf keines seiner Anrechte verzichten werde. Woher kommt das, fragte
er mich damals einmal halblaut, da alle diese fanatischen Sozialisten
und Kommunisten gleichzeitig so geizig, erwerbsbeflissen und besitzstolz
sind, ja je mehr einer Sozialist ist, je weiter er dabei geht, um so
mehr ist er selber gerade >Besitzer<. Sollte das wirklich auch von der
Empfindsamkeit herrhren? Ich wei nicht, ob an dieser Beobachtung
Stepan Trophimowitschs etwas Wahres ist. Damals wute ich nur, da
Petrscha von dem Verkauf des Waldes bereits einiges erfahren hatte, und
auch Stepan Trophimowitsch wute das. Und da kamen nun diese Achttausend
mit dem Vorschlage Warwara Petrownas pltzlich herbeigeflogen! Aber sie
gab auch deutlich zu verstehen, da sie auf keinem anderen Wege
herbeifliegen wrden. Selbstredend erklrte er sich einverstanden.

Damals, nach ihrem ersten Morgenbesuch, lie er mich sofort dringend zu
sich bitten. Er war sehr erregt, redete viel und gut, weinte
zwischendurch, dann gab es eine leichte Cholerine, kurz, alles verlief
wie gewhnlich. Darauf holte er das Bild seiner zweiten Frau hervor, der
Deutschen, rief: Kannst du mir verzeihen?, weinte wieder und war
berhaupt wie aus dem Konzept gebracht. Vor Kummer tranken wir ein
bichen. brigens schlief er bald und s ein. Am folgenden Morgen band
er meisterhaft seine weie Halsbinde, kleidete sich mit Sorgfalt an und
besah sich oft im Spiegel. Sein Taschentuch bespritzte er mit Parfm,
brigens nur ein wenig, doch als er Warwara Petrowna kommen sah, nahm er
schnell ein anderes und steckte das parfmierte unter ein Kissen.

Vortrefflich! lobte ihn Warwara Petrowna, als sie die Erklrung seines
Einverstndnisses vernommen hatte. Endlich einmal sind Sie der Stimme
der Vernunft gefolgt. Es eilt brigens nicht, fgte sie hinzu, whrend
sie den Knoten seiner Halsbinde betrachtete. Vorlufig schweigen Sie,
auch ich werde darber schweigen. Bald ist Ihr Geburtstag, ich werde
dann mit ihr zu Ihnen kommen. Geben Sie eine kleine Abendgesellschaft,
nur Tee, keine Spirituosen, bitte; brigens, ich werde das selbst
arrangieren. Dann knnen wir -- nicht eine Verlobung feiern, sondern es
nur zu verstehen geben, ohne alle Feierlichkeiten. Und zwei Wochen
spter kann dann die Hochzeit stattfinden, gleichfalls ohne Lrm. Nach
der Trauung knnten Sie beide ein wenig verreisen, nach Moskau, zum
Beispiel. Vielleicht fahre ich mit. Doch die Hauptsache: bis dahin
schweigen Sie.

Stepan Trophimowitsch war erstaunt. Stotterte etwas von vorher mit der
Braut doch sprechen mssen usw. Doch zu seiner Verblffung fiel sie ihm
gereizt ins Wort: Wozu denn das? Vielleicht wird berhaupt nichts
daraus ... Und auf seinen verstndnislosen Blick aus aufgerissenen
Augen: Nun ja. So. Ich werde noch sehen ... brigens wird alles so
geschehen, wie ich gesagt habe, seien Sie unbesorgt, ich werde Darja
selbst vorbereiten. Alles Ntige wird ohne Sie gesagt und getan werden,
Sie haben da berhaupt keine Rolle zu spielen. Und keine Briefe zu
schreiben! Und da Sie nichts verlauten lassen. Ich werde gleichfalls
schweigen.

Sie wollte ihm offenbar nichts erklren und verlie ihn sichtlich
verstimmt. Eine solche Bereitwilligkeit seinerseits hatte sie doch wohl
berrascht. Er aber -- ach! -- er berschaute seine Handlungsweise ganz
und gar nicht, sah sie berhaupt nur von seinem Gesichtspunkt aus. Ja,
es stellte sich bei ihm sogar ein gewisser neuer Ton ein, etwas
Siegesgewisses und Leichtsinniges. Er _fhlte_ sich!

Das gefllt mir! rief er aus und blieb aufgebracht und wichtig vor mir
stehen. Haben Sie es gehrt? Sie will es so weit treiben, da ich
schlielich nicht mehr will. Denn ich knnte doch auch einmal meine
Geduld verlieren und ... nicht mehr wollen. >Wozu denn das?< fragt sie
mich. Aber warum mu ich denn unbedingt heiraten? Nur weil sie pltzlich
den lcherlichen Einfall hat? Aber ich bin doch ein ernster Mensch und
habe vielleicht gar keine Lust, mich den Launen einer unvernnftigen
Frau zu fgen! Ich habe Pflichten meinem Sohne gegenber und ... und
gegen mich selbst! Ich bringe ein Opfer -- begreift sie das auch?
Vielleicht habe ich nur deshalb eingewilligt, weil das Leben mir
langweilig geworden und alles mir schlielich gleich ist. Aber wenn sie
mich reizt, knnte es geschehen, da mir pltzlich nicht mehr alles
gleich ist! Ich kann mich beleidigt fhlen und mich weigern! _Et enfin
le ridicule_{[34]} ... Was werden die Menschen sagen! >Vielleicht wird
berhaupt nichts daraus< --! Das ist denn doch! ... Das ist der Gipfel!
Das ist ... ja was soll denn das heien? _Je suis un forat, un
Badinguet, un_{[35]} an die Wand gedrckter Mensch! ...

Und dabei blickte doch etwas launisch Selbstgeflliges, etwas
leichtfertig Spielerisches durch alle diese anklagenden Ausrufe hervor.
Am Abend tranken wir wieder ein wenig.




                            Drittes Kapitel.
                             Fremde Snden.


                                   I.

Es verging ungefhr eine Woche und die Sache begann sich hinzuziehen.
Nebenbei bemerkt: ich hatte in dieser Zeit als sein einziger, ihm ewig
unentbehrlicher Vertrauter viel auszustehen. Er schmte sich, und das
war die Hauptursache seiner Qual. Er schmte sich vor allen Menschen,
glaubte, die ganze Stadt wisse es bereits, und so sa er denn nur zu
Hause und empfing keinen auer mir! Ja, er schmte sich sogar vor mir,
und je mehr er sich mir gegenber aussprach, um so mehr rgerte er sich
gleichzeitig ber mich. Eine Woche war so vergangen, er aber wute noch
immer nicht, ob er nun Brutigam war oder noch unverlobt. Auch die Braut
hatte er noch nicht gesprochen, ja, war sie denn berhaupt seine Braut?
ja, war das Ganze berhaupt ernst gemeint? Aus einem ihm unbekannten
Grunde lehnte Warwara Petrowna es ab, ihn zu empfangen, und auf einen
seiner ersten Briefe (er schrieb natrlich wieder unzhlige) hatte sie
ihm kurzweg geantwortet, sie msse ihn bitten, sie fr einige Zeit mit
Briefen, Fragen und Besuchen zu verschonen, da sie sehr beschftigt sei;
sie habe ihm selbst viel Wichtiges mitzuteilen, warte dazu aber den
ersten freieren Augenblick ab und werde ihn dann schon wissen lassen,
wann er wieder zu ihr kommen knne. Weitere Briefe werde sie ihm
unerffnet zurckschicken, denn das sei doch nur Spielerei.

Doch selbst diese Krnkungen und die Ungewiheit waren noch nichts im
Vergleiche zu der Qual eines einzigen und _ganz bestimmten_ Gedankens,
der ihn unausgesetzt verfolgte und der die Hauptursache seiner Scheu vor
den Menschen war. Natrlich hatte ich die Richtung dieses Gedankens
schon lngst erraten, und das merkte er, wie es ihm auch nicht entging,
da mich die Hlichkeit dieses _Verdachts_, der in ihm beim Suchen nach
einer Erklrung fr Warwara Petrownas seltsamen Heiratsplan erwacht war,
aufrichtig emprte. Er wagte nicht, diesen Verdacht offen auszusprechen,
und doch schien er an ihm fast zu ersticken. Er konnte keine zwei
Stunden ohne mich auskommen, lie mich immer wieder zu sich bitten, doch
wenn ich dann kam, sprach er wieder blo von allem Mglichen, nur nicht
von dem, was ihn so qualvoll beschftigte. Das rgerte mich doppelt und
mein rger rgerte wiederum ihn. Manches andere freilich erkannte er
sehr richtig und definierte es sogar sehr treffend.

Oh, wie hat sie sich verndert! klagte er unter anderem ber Warwara
Petrowna. War sie denn damals so, als wir noch ber hohe Dinge
diskutierten! Werden Sie es mir glauben, damals hatte sie Gedanken,
eigene Gedanken! Jetzt ist alles anders. Sie sagt, das sei alles nur
altmodisches Geschwtz! Sie verachtet das Frhere ... Jetzt ist sie so
ein Kommis, so ein konom, ein erbitterter Mensch, und immer rgert sie
sich ...

Worber kann sie sich denn jetzt noch rgern, Sie haben doch ihren
Wunsch erfllt und eingewilligt, warf ich ein. -- Er sah mich mit einem
feinen Lcheln an.

_Cher ami_, htte ich nicht eingewilligt, so htte sie sich allerdings
furchtbar gergert, furcht--bar! Aber immerhin weniger als jetzt, wo ich
eingewilligt habe.

Mit dieser Bemerkung schien er sehr zufrieden zu sein. Aber die
Zufriedenheit hielt nicht lange vor; bald war er wieder finsterer und
erregter als je. Was nun mich betrifft, so rgerte ich mich vor allem
darber, da er noch immer nicht Drosdoffs seinen Besuch machte, obschon
diese ihn lngst erwarteten. Dabei hatte er selbst eine Art Sehnsucht
nach Lisaweta Nicolajewna und schien zu hoffen, in ihrer Gegenwart
gewissermaen eine Erleichterung seiner jetzigen Qualen und Klarheit
ber seine Zweifel zu finden. Nach dem Entzcken zu urteilen, mit dem er
von ihr sprach, mute er sie fr ein auergewhnliches Wesen halten. Und
doch ging er nicht hin, sondern schob den Besuch von Tag zu Tag auf. Ich
rgerte mich darber malos, denn: ich brannte darauf, ihr vorgestellt
zu werden, und diesen Dienst konnte nur er mir erweisen. Gesehen hatte
ich sie schon oft, aber natrlich nur auf der Strae, wenn sie in
Begleitung eines hbschen Offiziers, ihres sogenannten Verwandten,
spazieren ritt. Meine Verblendung dauerte zwar nur kurze Zeit und ich
sah ja die Aussichtslosigkeit meiner Schwrmerei sehr bald ein, aber
damals war ich doch emprt ber meinen Freund wegen seiner Scheu,
Drosdoffs seinen Besuch zu machen oder auch nur das Haus zu verlassen.
Und das alles wegen jenes hlichen Verdachts! Unser Freundeskreis war
von ihm schon am ersten Tage brieflich benachrichtigt worden, da die
Abende bei ihm zeitweilig ausfallen mten, und spter hatte ich noch
auf seine instndige Bitte hin, (damit nur ja niemand sich darber
wundere und eine andere Ursache vermute) jeden einzeln aufsuchen und ihm
erklren mssen, da Warwara Petrowna unserem Alten, wie wir ihn unter
uns nannten, eine groe eilige Arbeit aufgetragen habe: einen
mehrjhrigen Briefwechsel in Ordnung zu bringen und hnliches. Nur zu
Liputin war ich noch nicht gegangen und ich wollte es auch nicht recht;
ich wute im voraus, da er mir doch kein Wort glauben, vielmehr sofort
argwhnen werde, da man gerade vor ihm etwas geheimhalten wolle. Und
dann wrde er natrlich in der Stadt berall herumlaufen, um sich zu
erkundigen, und dabei nur Klatsch verbreiten. Da traf ich ihn pltzlich
ganz zufllig auf der Strae. Ich begann mich zu entschuldigen, ich sei
noch nicht dazu gekommen, ihn gleichfalls aufzusuchen usw., doch er
unterbrach mich sogar und zeigte seltsamerweise gar keine Neugier, ja,
er ging selbst sofort auf ein anderes Thema ber und begann seinerseits
die Neuigkeiten zu erzhlen, die sich bei ihm inzwischen angesammelt
hatten. Zunchst berichtete er von der Ankunft der Gemahlin unseres
neuen Gouverneurs, die neue Gesprchsthemata mitgebracht habe, und von
der Opposition gegen diese Themata, die sich im Klub schon gebildet
habe; alle Welt rede jetzt von neuen Ideen, alle seien hinter ihnen her
usw. usw. Kurz, er erzhlte eine gute Viertelstunde, und zwar so
amsant, da ich mich nicht loszureien vermochte, obschon ich ihn
persnlich nicht ausstehen konnte. Er war in meinen Augen der geborene
Spion, der alle Stadtgeheimnisse wute, besonders alle skandalsen, und
sein vorherrschender Charakterzug war, wie mir schien, der Neid. Als ich
Stepan Trophimowitsch von dieser Begegnung erzhlte, regte er sich, zu
meiner Verwunderung, unglaublich auf und stellte die seltsame Frage:
Wei Liputin schon etwas davon oder wei er noch nichts? Ich suchte
ihn zu beruhigen und zu berzeugen, da Liputin doch unmglich von
Warwara Petrownas Plan etwas gehrt haben knne; durch wen denn? Aber
sein Argwohn blieb und pltzlich sagte er:

Glauben Sie es mir oder glauben Sie es nicht, aber ich bin berzeugt,
da ihm nicht nur _unsere_ Lage bereits bekannt ist, sondern da er
auerdem noch etwas wei, was weder ich noch Sie wissen, und was wir
vielleicht auch nie erfahren werden, oder erst dann, wenn es schon zu
spt ist, wenn es kein Zurck mehr gibt!

Ich schwieg, aber diese Worte deuteten doch vieles an. Er aber bereute
sichtlich schon im nchsten Augenblick, sie ausgesprochen und seinen
Verdacht verraten zu haben.


                                  II.

Eines Morgens -- es war am siebenten oder achten Tage nach Stepan
Trophimowitschs Einwilligung zu heiraten -- hatte ich, als ich wie
gewhnlich gegen elf Uhr zu meinem bekmmerten Freunde eilte, unterwegs
ein kleines Erlebnis: ich begegnete Karmasinoff[26], dem groen
Schriftsteller, wie Liputin ihn zu nennen pflegte.

Karmasinoffs Schriften hatten mich in meinen Jnglingsjahren entzckt,
begeistert. Seine spteren tendenzisen Novellen gefielen mir viel
weniger als seine ersten Werke, die noch viel Poesie enthielten; manche
aber sagten mir gar nicht mehr zu. Und zuletzt hatte ich eine Skizze von
ihm gelesen, die ungeheure Aussprche darauf erhob, naive Poesie und
zugleich hchste Psychologie zu bringen. Diese Skizze sollte den
Untergang eines Schiffes irgendwo an der englischen Kste schildern, den
er als Augenzeuge miterlebt hatte, doch in Wirklichkeit schilderte sie
nur ihn, den Verfasser. Man las es frmlich zwischen den Zeilen: So
seht doch auf mich, seht, wie ich in diesen Augenblicken war! Was geht
euch dieses Meer an, der Sturm usw., _ich_ bin es doch, der euch das mit
genialer Feder schildert! Als ich damals Stepan Trophimowitsch meine
Meinung ber diese Skizze sagte, stimmte er mir bei. Trotzdem htte ich
Karmasinoff jetzt, whrend seines Besuches in unserer Stadt, gern
gesehen oder gar seine Bekanntschaft gemacht, was durch Stepan
Trophimowitschs Vermittlung mglich war; sie waren ja frher befreundet
gewesen. Und da begegnete ich ihm nun pltzlich an einer Straenecke.
Ich erkannte ihn sofort; man hatte ihn mir schon vor drei Tagen gezeigt,
als er mit der Gouverneurin in einer Equipage vorberfuhr.

Er war ein sehr kleiner, gezierter alter Herr, brigens wohl nicht ber
fnfundfnzig Jahre alt, mit ziemlich frischem Gesichtchen, dichten
grauen Lckchen, die unter seinem runden Zylinderhut hervorquollen und
sich um seine kleinen, netten, rosafarbenen Ohren ringelten. Sein
sauberes Gesichtchen war nicht gerade hbsch, mit den dnnen, langen,
verschlagen geschlossenen Lippen, der etwas fleischigen Nase und den
stechenden, klugen kleinen uglein. Er war eigentlich etwas altmodisch
gekleidet, wenigstens erinnerte der Mantel, den er trug, an die Umhnge,
die bei Regenwetter etwa in der Schweiz oder in Oberitalien getragen
werden. Dafr aber waren alle die kleinen Sachen, wie Hemdknpfchen, das
Krgelchen, die Schildpattlorgnette am schmalen schwarzen Bndchen, der
Ring am Finger unbedingt genau von der Art, wie sie von Leuten des
untadelig guten Tones getragen werden.

Er blieb an der Straenecke stehen und sah sich aufmerksam um. Als er
bemerkte, da ich ihn neugierig ansah, wandte er sich an mich und fragte
mit honigsem, wenn auch kreischendem Stimmchen:

Gestatten Sie die Frage, wie komme ich auf dem nchsten Wege zur
Bykoffstrae?

Zur Bykoffstrae? Hier ... hier geradeaus, rief ich erregt, und dann
die zweite Querstrae links.

Ich danke Ihnen sehr.

Verwnscht sei dieser Augenblick! Er hatte aus meiner Verlegenheit und
Erregung natrlich sofort alles erraten, d. h. da ich wute, wer er
war, da ich seine Werke verschlungen hatte und darum so befangen und so
dienstbeflissen war. Er lchelte, nickte und ging weiter. Ich wei
nicht, warum ich ihm nachging. Da blieb er wieder stehen.

Und knnten Sie mir auch angeben, wo hier in der Nhe Droschken
stehen? kreischte wieder seine Stimme.

Droschken? Hier ... bei der Kirche stehen immer welche! und fast wre
ich selbst nach einer Droschke gelaufen. Ich vermute, da er gerade das
von mir auch erwartete. Natrlich kam ich sofort zur Besinnung und blieb
stehen, aber meine erste Bewegung hat er bestimmt bemerkt, da er mich
die ganze Zeit mit diesem schndlichen Lcheln scharf beobachtete. Da
aber geschah etwas fr mich Unvergeliches: er lie pltzlich ein
Sckchen oder eine Art Tschchen fallen, das er in der linken Hand trug.
Und ich machte unwillkrlich eine Bewegung, um es aufzuheben. Natrlich
besann ich mich sofort und hob es nicht auf, nur wurde ich rot wie ein
Dummkopf. Er aber nutzte die Situation raffiniert zu seinen Gunsten aus.

Bemhen Sie sich nicht, ich kann ja selbst ... sagte er in bezaubernd
liebenswrdigem Tone, aber erst, als kein Zweifel mehr darob bestand,
da ich es nicht aufheben wrde. Er hob es selbst auf, nickte mir zu und
ging weiter, indem er mich wie einen dummen Jungen stehen lie. Das war
ebensogut, als htte ich es aufgehoben. In den ersten fnf Minuten hielt
ich mich fr lebenslnglich blamiert; doch als ich mich dem Hause Stepan
Trophimowitschs nherte, lachte ich pltzlich laut auf: die Begegnung
kam mir so komisch vor, da ich sofort beschlo, sie meinem Freunde zur
Erheiterung zu erzhlen.


                                  III.

Aber diesmal fand ich ihn zu meiner Verwunderung ganz verndert vor. Er
strzte mir freilich mit einer gewissen Spannung entgegen und begann mir
zuzuhren, aber er war doch sichtlich so zerstreut, da er meinen
Bericht anfangs gar nicht verstand. Kaum aber hatte ich den Namen
Karmasinoff ausgesprochen, als er pltzlich geradezu auer sich geriet.

Reden Sie nicht von ihm, nennen Sie ihn nicht! rief er fast wie
rasend. Hier, hier, sehen Sie, lesen Sie! Er ri ein Schubfach auf und
warf mir drei kleine Zettel zu. Es waren drei Zuschriften Warwara
Petrownas an ihn, die sich alle auf Karmasinoff bezogen und deutlich
ihre Besorgnis verrieten, der groe Schriftsteller knnte vergessen,
ihr seine Visite zu machen. Das erste Briefchen, das sie vor drei oder
vier Tagen geschrieben hatte, lautete:

Sollte er Sie heute endlich beehren, so bitte von mir kein Wort.
Erwhnen Sie mich berhaupt nicht und erinnern Sie ihn nicht daran. W.
S.

Der zweite Zettel vom vergangenen Tage lautete:

Sollte er sich heute endlich entschlieen, Ihnen seine Visite zu
machen, so drfte es das beste sein, ihn berhaupt nicht zu empfangen.
Das wre meine Meinung. Wie die Ihre ist, wei ich nicht. W. S.

Und den dritten hatte er vor einer Stunde erhalten:

Ich bin berzeugt, da in Ihren Zimmern eine Fuhre Papierschnippel und
allerhand umherliegt und der Zigarrenrauch undurchdringlich ist. Ich
schicke Ihnen Marja und Fmuschka, die werden in einer halben Stunde
alles aufrumen. Stren Sie sie nicht, setzen Sie sich so lange in die
Kche. Ich sende Ihnen einen bucharischen Teppich und zwei chinesische
Vasen, die ich Ihnen schon lange schenken wollte, und auerdem meinen
Teniers (diesen aber nur fr einige Zeit). Die Vasen knnte man aufs
Fensterbrett stellen und den Teniers hngen Sie rechts unter Goethes
Portrt, dort ist er sichtbarer. Wenn er endlich erscheint, so empfangen
Sie ihn mit vollendeter Hflichkeit, aber reden Sie nur von Belanglosem,
z. B. von irgendetwas Gelehrtem, und mit einem Gleichmut, als htten Sie
sich erst gestern getrennt. ber mich kein Wort. Vielleicht komme ich am
Abend zu Ihnen, um zu sehen, wie es aussieht. W. S.

_P. S._ Wenn er heute nicht kommt, so wird er berhaupt nicht kommen.

Ich las und wunderte mich im stillen, da solche Kleinigkeiten ihn so
erregen konnten. Als ich aufsah bemerkte ich, da er inzwischen seine
weie Halsbinde mit einer roten vertauscht hatte. Hut und Stock lagen
auf dem Tisch. Er war bla und seine Hnde zitterten.

Ich will von ihren Besorgnissen nichts wissen! schrie er emprt als
Antwort auf meinen fragenden Blick. _Je m'en fiche!_{[36]} Ihr fllt es
ein, sich wegen Karmasinoff aufzuregen, aber auf meine Briefe antwortet
sie mir nicht! Dort, sehen Sie, dort auf dem Schreibtisch liegt mein
Brief, den sie mir gestern unerffnet zurckgeschickt hat! Was geht es
mich an, da sie sich um _Ni--k--lenka_ Sorgen macht! _Je m'en fiche et
je proclame ma libert! Au diable le Karmazinoff! Au diable la
Lembke!_{[37]} Die chinesischen Vasen habe ich im Vorzimmer versteckt
und den Teniers in der Kommode untergebracht, von ihr aber habe ich
verlangt, mich sofort zu empfangen. Jawohl: _verlangt_, mich sofort zu
empfangen, sofort! Ich habe ihr genau solch einen mit Bleistift
geschriebenen Zettel unversiegelt durch Nastassja geschickt und warte
jetzt. Ich will, da Darja Pawlowna mir persnlich sagt, was gesagt
werden mu, mit eigenem Munde und vor dem Angesicht des Himmels oder
wenigstens vor Ihnen. _Vous me seconderez, n'est-ce pas, comme ami et
tmoin._{[38]} Ich will nicht errten mssen, ich will nicht lgen
mssen, ich will keine Geheimnisse, in dieser Sache werde ich
Geheimnisse nicht dulden! Sie sollen mir alles gestehen, ehrlich, offen
und anstndig, und dann ... dann werde ich vielleicht die ganze heutige
Generation durch meine Gromut in Erstaunen setzen! ... Bin ich denn ein
Schuft, mein Herr? schlo er pltzlich und sah mich so drohend an, als
htte gerade _ich_ ihn fr einen Schuft gehalten.

Ich bat ihn, zur Beruhigung ein wenig Wasser zu trinken. So erregt hatte
ich ihn noch nie gesehen. Er lief die ganze Zeit hin und her. Pltzlich
blieb er in einer ganz ungewhnlichen Pose vor mir stehen.

Glauben Sie wirklich, begann er mit krankhaftem Hochmute, mich vom
Kopfe bis zu den Fen messend, da ich, Stepan Werchowenski, nicht so
viel sittliche Kraft in mir fnde, um meine Habe -- mein armseliges
Bndel! -- auf meine schwachen Schultern zu laden, zum Tore
hinauszugehen und fr immer von hier zu verschwinden, wenn das die Ehre
und das hohe Prinzip der Unabhngigkeit fordern? Es wre nicht das erste
Mal, da Stepan Werchowenski Despotismus durch Gromut zurckweist,
selbst wenn es sich um den Despotismus eines wahnsinnigen Weibes
handelt, also um den krnkendsten und grausamsten Despotismus, den es
auf der Welt berhaupt geben kann, wiewohl Sie soeben beliebten, ber
meine Worte zu lcheln, mein Herr! Oh, Sie glauben natrlich nicht, da
ich soviel Gromut aufzubringen vermchte, um mein Leben lieber bei
einem Kaufmann als Hauslehrer zu beschlieen oder hinter einem Zaune
Hungers zu sterben! Antworten Sie mir, antworten Sie sofort: trauen Sie
mir das zu oder trauen Sie's mir nicht zu?

Ich schwieg aber absichtlich. Ich tat sogar, als brchte ich es nicht
ber mich, ihn durch eine verneinende Antwort zu krnken, und knnte
doch auch nicht bejahend antworten. In diesem ganzen Benehmen lag etwas,
was mich entschieden verletzte, nicht mich persnlich, o nein! ... Ich
werde das spter erklren. Er wurde bla.

Vielleicht langweilt Sie berhaupt der Umgang mit mir, G--ff (dies ist
mein Familienname), und Sie wrden lieber ... den Verkehr mit mir ganz
aufgeben? fragte er in jenem Tone bleicher Ruhe, die gewhnlich einem
auergewhnlichen Ausbruch vorhergeht. Ich sprang erschrocken auf; in
dem Augenblick kam Nastassja herein und bergab ihm schweigend einen
Zettel. Er warf einen Blick darauf und reichte ihn mir. Auf dem Papier
standen nur vier Worte von Warwara Petrowna: Bleiben Sie zu Hause.

Stepan Trophimowitsch nahm schweigend Hut und Stock und ging zur Tr;
ich wollte ihm unwillkrlich folgen. Da hrten wir pltzlich Stimmen und
Schritte im Korridor. Er blieb wie vom Donner gerhrt stehen.

Liputin! Ich bin verloren! flsterte er und packte mich am Arm. -- Da
trat Liputin schon ins Zimmer.


                                  IV.

Warum er durch Liputins Besuch verloren sei, wute ich mir zwar nicht zu
erklren, aber sein Schreck war doch so auffallend, da ich beschlo,
hier acht zu geben. Schon die Art, wie Liputin auftrat, sagte einem
sofort, da er heute trotz aller Verbote ein besonderes Recht zum
Eintritt zu haben glaubte. Er brachte einen uns unbekannten Herrn mit,
offenbar einen Zugereisten. Als Antwort auf den leeren Blick des starr
dastehenden Stepan Trophimowitsch rief er sogleich laut:

Ich bringe einen Gast mit, einen besonderen! Ich wage es, Ihre
Einsamkeit zu stren. Herr Kirilloff, ein hervorragender Ingenieur der
Wegebaukunst. Doch das Wichtigste ist: er kennt Ihren Sohn, sogar sehr
gut, und hat einen Auftrag von ihm.

Den Auftrag haben Sie hinzugefgt, sagte der Gast schroff, davon habe
ich nichts. Aber Werchowenski kenne ich. Das ist so. Ich habe ihn im
Gouvernement Ch. verlassen. Zehn Tage zurck.[27]

Stepan Trophimowitsch reichte ihm mechanisch die Hand und forderte ihn
auf, Platz zu nehmen. Dann sah er mich an, dann Liputin und pltzlich,
wie sich besinnend, setzte er sich selbst schnell hin, behielt aber Hut
und Stock, offenbar unbewut, in der Hand.

Aber was sehe ich, Sie wollen selbst ausgehen! rief Liputin. Und mir
hat man doch gesagt, Sie seien vor lauter Arbeit ganz krank!

Ja, ich fhle mich nicht wohl und wollte deshalb spazieren gehen. Ich
... Stepan Trophimowitsch stockte pltzlich, warf schnell Hut und Stock
auf den Diwan und -- errtete.

Ich sah mir inzwischen schnell den Gast nher an. Er war ein junger Mann
von ungefhr siebenundzwanzig Jahren, anstndig gekleidet, gutgewachsen
und mager, brnett, mit blassem Gesicht von gleichsam ein wenig
erdig-brauner Hautfarbe und mit schwarzen glanzlosen Augen. Er schien
nachdenklich und zerstreut zu sein, sprach seltsam abgebrochen und
grammatisch geradezu falsch, wenigstens stellte er die Worte sehr
sonderbar zusammen und bei jedem lngeren Satz gerieten sie ihm
anscheinend durcheinander. Liputin, dem Stepan Trophimowitschs Schreck
natrlich nicht entgangen war, hatte fr sich einen Rohrstuhl fast bis
in die Mitte des Zimmers gezogen, um in gleicher Entfernung vom Gast und
vom Hausherrn sitzen zu knnen, die einander gegenber jeder auf einem
Diwan Platz genommen hatten. Seine scharfen Augen fuhren neugierig im
Zimmer umher.

Ich ... ich habe Petrscha so lange nicht mehr gesehen ... Haben Sie
ihn im Auslande getroffen? brachte Stepan Trophimowitsch, zum Gast
gewandt, unsicher hervor.

Auch hier und auch im Auslande.

Herr Kirilloff ist soeben nach vierjhriger Abwesenheit zurckgekehrt,
bemerkte Liputin, aus dem Auslande, wo er sich in seinem Fach
vervollkommnet hat, und jetzt ist er zu uns gekommen, da er Aussicht
hat, eine Anstellung beim Bau unserer Eisenbahnbrcke zu erhalten. Ihr
Sohn hat ihn in der Schweiz auch mit Drosdoffs bekannt gemacht, und er
kennt auch Nicolai Stawrogin!

Ja?! ... Ich ... ich habe Petrscha so lange nicht mehr gesehen ... und
habe eigentlich so wenig das Recht, mich Vater zu nennen ... _oui, c'est
le mot_.{[39]} Ich ... wie haben Sie ihn denn dort verlassen?

Ja, so ... Er wird selbst kommen. Herr Kirilloff beeilte sich
sichtlich, die Antwort los zu werden. Er war entschieden gergert, sa
finster da und hrte ungeduldig zu.

Er wird herkommen! Endlich werde ich ... Ja, sehen Sie, ich habe
Petrscha so lange nicht mehr gesehen! Stepan Trophimowitsch kam von
diesem Satz nicht los. Ich erwarte jetzt meinen armen Jungen, vor dem
... oh, vor dem ich so schuldig dastehe! Das heit, ich wollte sagen,
da ich ihn in Petersburg damals fr nichts Besonderes hielt ... _ou
quelque chose dans ce genre_.{[40]} Der Junge war, wissen Sie, nervs,
sehr empfindsam, und ... ngstlich. Bevor er zu Bett ging, verneigte er
sich vor dem Heiligenbilde und bekreuzte sein Kopfkissen, um in der
Nacht nicht zu sterben, _je m'en souviens. Enfin_,{[41]} kein bichen
Gefhl fr das Schne, das heit fr etwas Hheres, oder Tieferes, kein
einziger Keim einer zuknftigen Idee ... _c'tait comme un petit
idiot_.{[42]} brigens, ich ... entschuldigen Sie, ich ... bin momentan
...

Das Kissen bekreuzte, sagten Sie das im Ernst? erkundigte sich Herr
Kirilloff pltzlich mit besonderem Interesse.

Ja, er bekreuzte es ...

Nein, ich fragte nur so; fahren Sie fort.

Stepan Trophimowitsch sah Liputin fragend an.

Ich bin Ihnen sehr dankbar fr Ihren Besuch, aber ich mu gestehen, ich
bin jetzt nicht imstande ... Doch gestatten Sie die Frage, wo wohnen
Sie?

In der Bogojawlenskstrae, im Filippoffschen Hause.

Ach, das ist ja dasselbe Haus, in dem auch Schatoff wohnt, bemerkte
ich unwillkrlich.

Ja, eben, genau in demselben Hause, rief Liputin schnell, nur wohnt
Schatoff oben und er unten bei Lebdkin. Und er ist auch mit Schatoff
und Schatoffs Frau bekannt, mit dieser sogar besonders nah und gut.

_Comment!_{[43]} So wissen Sie etwas von dieser unglcklichen Ehe _de
notre pauvre ami_{[44]} mit dieser Frau? fragte Stepan Trophimowitsch
pltzlich lebhaft, mit aufrichtigem Mitgefhl. Sie sind der erste, der
diese Frau persnlich kennt; und wenn nur ...

Welch ein Bldsinn! Kirilloff sah dabei, ganz rot vor Zorn, Liputin
ungehalten an. Was Sie immer zu allem hinzufgen, Liputin! Ich kenne
Schatoffs Frau gar nicht ... habe sie nur einmal gesehen, von weitem ...
Was fgen Sie immer hinzu! Und er machte eine schroffe Wendung auf dem
Diwan, griff schon nach seiner Mtze, legte sie aber wieder hin, und als
er wieder wie frher dasa, richtete er pltzlich seine schwarzen
aufflammenden Augen mit einer gewissen Herausforderung auf Stepan
Trophimowitsch. Ich vermochte mir diese sonderbare Reizbarkeit berhaupt
nicht zu erklren.

Verzeihen Sie, versetzte Stepan Trophimowitsch fein, ich verstehe,
da das eine sehr zarte Angelegenheit ...

Gar keine zarte Angelegenheit, und das ist einfach schamlos ich habe
aber nicht zu Ihnen >Bldsinn< gesagt, sondern zu Liputin, weil er immer
hinzufgt. Entschuldigen Sie, wenn Sie es auf sich dachten. Ich kenne
Schatoff, aber seine Frau, nein, die gar nicht!

Ich verstehe, oh, ich verstehe. Ich habe ja nur gefragt, weil ich
unseren armen Freund sehr liebe und mich immer fr ihn interessiert habe
... Der junge Mann hat, meiner Meinung nach, etwas zu pltzlich, zu
schroff seine frheren, vielleicht noch unreifen, aber immerhin
richtigen Ansichten gendert. Er sagt jetzt dermaen sonderbare Dinge
ber _notre sainte Russie_,{[45]} da ich diesen Umschwung in seinem
Inneren -- anders mchte ich's nicht nennen -- einer starken
Erschtterung seines Privatlebens zuschreibe, in erster Linie seiner
unglcklichen Ehe. Ich, der ich mein armes Ruland studiert habe und wie
meine fnf Finger kenne, und meinem Volke mein ganzes Leben geweiht
habe, ich versichere Ihnen, da er das russische Volk nicht kennt, und
zudem ...

Ich kenne das russische Volk auch gar nicht und ... um es zu studieren
ist auch gar keine Zeit da! fiel ihm der Ingenieur wieder ins Wort und
wieder machte er eine schroffe Wendung auf seinem Platz.

Aber er studiert es, studiert es, hakte Liputin flink ein, er hat
schon damit begonnen und jetzt arbeitet er an einer ungemein
interessanten Abhandlung ber die Ursachen der Zunahme der Selbstmorde
in Ruland und berhaupt ber die Ursachen, die die Verbreitung des
Selbstmordes in der menschlichen Gesellschaft frdern oder hemmen. Er
ist auch schon zu ganz erstaunlichen Folgerungen gelangt!

Der Ingenieur geriet in schreckliche Erregung.

Dazu haben Sie gar kein Recht! sagte er zornig. Ich schreibe gar
keine Abhandlung. Ich will keine solche Dummheiten. Ich habe Sie unter
uns gefragt, nur versehentlich. Und nichts von einer Abhandlung; ich
verffentliche nicht, Sie aber haben kein Recht ...

Liputin ergtzte sich augenscheinlich an diesem Zorn.

Ja dann verzeihen Sie schon, vielleicht habe ich mich falsch
ausgedrckt, wenn ich Ihre literarische Arbeit eine Abhandlung nannte.
Er sammelt nmlich nur Beobachtungen, aber an den Kern der Frage oder
sozusagen an ihre sittliche Seite rhrt er berhaupt nicht, ja er lehnt
sogar die Sittlichkeit selbst ganz ab und hlt sich dafr an den
neuesten Grundsatz der allgemeinen Zerstrung zum Zwecke der Erreichung
guter Endziele. Er verlangt ber hundert Millionen Kpfe, um die gesunde
Vernunft in Europa zur Herrschaft zu bringen, also noch viel mehr, als
auf dem letzten Weltkongre verlangt wurden. In der Beziehung geht er
viel weiter als alle anderen!

Der Ingenieur hrte mit einem geringschtzigen und blassen Lcheln zu.
Eine halbe Minute schwiegen wir alle.

Das ist so dumm, Liputin, sagte Kirilloff schlielich, nicht ohne eine
gewisse Wrde. Ich habe Ihnen nur einige Punkte gesagt, und Sie haben
sie so aufgefat, das ist Ihre Sache. Aber Sie haben gar kein Recht
dazu, und ich spreche davon zu niemandem. Ich verachte das Sprechen.
Wenn ich berzeugungen habe, so sind sie fr mich klar. Ich
philosophiere nicht mehr ber das, was schon ganz klar ist. Ich kann es
nicht ausstehen, zu philosophieren. Ich will niemals philosophieren.

Und vielleicht tun Sie ganz recht daran, konnte Stepan Trophimowitsch
sich nicht enthalten, zu bemerken.

Ich habe mich bei Ihnen entschuldigt, aber ich rgere mich hier ber
niemanden, fuhr der fremde Gast schnell und erregt fort. Ich habe vier
Jahre lang wenig Menschen gesehen. Vier Jahre habe ich wenig gesprochen
und mich bemht, mit keinem Menschen zusammenzukommen, wegen meiner
Ziele, die weiter niemanden angehen. Liputin fand das zum Lachen. Ich
sehe das, aber ich beachte es nicht. Man kann mich nicht beleidigen,
aber ich rgere mich nur ber seine Ungeniertheit. Doch wenn ich Ihnen
nicht meine Gedanken erklre, schlo er unerwartet und sah uns alle der
Reihe nach mit festem Blick an, so unterlasse ich das nicht deshalb,
weil ich eine Anzeige bei der Regierung frchte, nein, bitte, denken Sie
nicht Dummheiten von der Art ...

Dazu sagte schon niemand mehr etwas. Wir sahen uns nur an. Sogar Liputin
verga zu spottlcheln.

Meine Herren, ich bedaure unendlich, sagte Stepan Trophimowitsch
pltzlich entschlossen und erhob sich, aber ich fhle mich nicht wohl.
Entschuldigen Sie mich.

Ach, das ist, damit wir fortgehen! rief Herr Kirilloff und sprang
sofort auf. Gut, da Sie es sagten, ich bin sonst vergelich.

Er trat mit gutmtigem Ausdruck und ausgestreckter Hand auf Stepan
Trophimowitsch zu. Schade, da Sie krank sind und ich gekommen bin.

Ich wnsche Ihnen allen Erfolg bei uns, sagte Stepan Trophimowitsch
wohlwollend und gab ihm langsam die Hand. Ich verstehe schon, da Sie,
der Sie so lange im Auslande ohne Verkehr gelebt haben, auf uns Urrussen
mit Erstaunen blicken mssen -- und wir natrlich desgleichen auf Sie.
_Mais ce a passera._{[46]} Nur eines macht mir Sorge: Sie wollen hier
unsere Brcke bauen, und erklren sich zu gleicher Zeit fr das Prinzip
der allgemeinen Zerstrung? Dann wird man Sie unsere Brcke nicht bauen
lassen!

Was?! Wie, was haben Sie gesagt? rief Kirilloff bestrzt; bis er
pltzlich begriff: Ach so! und er brach in das heiterste und
harmloseste Lachen aus; dabei nahm sein Gesicht auf einen Augenblick
einen ganz kindlichen Ausdruck an, der ihm, wie mir schien, ungemein gut
stand.

Liputin rieb sich die Hnde vor Vergngen ber Stepan Trophimowitschs
gelungene Bemerkung.

Ich aber fragte mich noch immer, warum Stepan Trophimowitsch ausgerufen
hatte, ich bin verloren, als er Liputin kommen hrte.


                                   V.

Wir waren alle aufgestanden. Es war jener Augenblick, in dem die Gste
und der Hausherr noch die letzten liebenswrdigen Worte zu wechseln
pflegen, um dann zufrieden auseinander zu gehen.

Da bemerkte pltzlich Liputin, der bereits an der Tre stand, wie
beilufig: Er ist ja nur deshalb so mrrisch, weil er mit dem Hauptmann
Lebdkin den Streit gehabt hat. Der schlgt seine schne Schwester, die
Irrsinnige, jeden Morgen und jeden Abend mit der Nagaika, mit einer
echten Kosakenpeitsche, sage ich Ihnen! Herr Kirilloff aber ist deswegen
schon auf die andere Seite, in den Flgel des Hauses gezogen, um das
nicht tglich anhren zu mssen. Na ja, -- also auf Wiedersehen!

Die kranke Schwester? Die Irrsinnige? Mit der Nagaika? rief Stepan
Trophimowitsch, als sei er selbst von einem Peitschenschlage getroffen
worden. Welch eine Schwester? Was fr ein Lebdkin?

Lebdkin -- na, dieser verabschiedete Hauptmann doch! Frher nannte er
sich >Stabskapitn<! antwortete Liputin, indem er noch einmal ins
Zimmer zurcktrat.

Ach, was geht mich sein Rang an! Welche Schwester? Mein Gott ... Sie
sagen Lebdkin, aber -- bei uns war doch auch ein Lebdkin!

Eben, eben, derselbe Lebdkin ist's ja auch! Erinnern Sie sich noch,
der damals bei Wirginski ...

Aber der fiel doch mit seinen falschen Papieren herein?!

Nun ja, damals, jetzt aber ist er zurckgekehrt, schon vor drei Wochen,
und zwar unter den allersonderbarsten Umstnden.

Aber das ist doch ein ganz nichtswrdiger Mensch!

Mein Gott, als ob es solche bei uns nicht geben knnte! gab Liputin
pltzlich spottlchelnd zur Antwort und dabei sahen seine listigen
uglein Stepan Trophimowitsch an, ihn gleichsam betastend, befhlend.

Ach Gott, darum handelt es sich doch nicht ... brigens, Nichtswrdige
-- darin stimme ich mit Ihnen vollkommen berein, besonders mit Ihnen!
Aber was weiter? Was wollten Sie damit sagen? Sie wollten doch unbedingt
etwas damit sagen!! Stepan Trophimowitsch bestand auf einer Antwort.

Ach, das sind ja lauter Dummheiten und sonst nichts! ... Dieser
>Hauptmann< hat uns damals allem Anscheine nach nicht wegen falscher
Papiere verlassen, sondern einzig und allein, um sein verrcktes
Schwesterlein aufzusuchen, das sich an einem unbekannten Orte versteckt
hielt. Na, und jetzt hat er sie eben hergebracht. Und das ist alles. Was
ist denn dabei? Warum regen Sie sich denn so darber auf, Stepan
Trophimowitsch? Ich erzhle doch nur, was ich von ihm selber in seiner
Betrunkenheit erfahren habe. Wenn er nchtern ist, schweigt er darber.
Ein reizbarer Mensch brigens, na, und so ... na, so ein dichtender Mars
mitunter, wenn der Geist ber ihn kommt, doch meist von blem Geschmack.
Und das verrckte Schwesterlein, das dabei noch hinkt, scheint mir von
irgend jemand entehrt worden zu sein. Der Herr Bruder aber bezieht einen
jhrlichen Tribut, als Belohnung fr die Ehrenbeleidigung, wie er sagt.
Meiner Meinung nach ist das freilich nur Geschwtz. Er prahlt einfach.
Aber das liee sich doch mit weniger Geld auch machen! Doch Tatsache
ist, da er Geld hat, und zwar in groen Summen! Vor anderthalb Wochen
ging er fast barfu, und jetzt hat er -- ich habe es selbst gesehen! --
Hunderte in den Hnden. Die Schwester hat tglich irgendwelche Anflle,
und schreit dann, worauf er sie mit der Peitsche >in Ordnung bringt<,
wie er zu sagen pflegt, -- denn man msse in das Weib >Achtung
pflanzen<. Ich begreife nicht, wie Schatoff es aushlt, ber ihnen zu
wohnen. Herr Kirilloff hat es nur drei Tage aushalten knnen. Nun ist er
umgezogen, wie gesagt. Er kannte sie noch von Petersburg her!

Ist das wirklich alles wahr? wandte sich Stepan Trophimowitsch an den
Ingenieur.

Sie schwatzen furchtbar viel, Liputin, brummte dieser wtend.

Geheimnisse und wieder Geheimnisse! Woher kommt das doch, da es bei
uns pltzlich so viele Geheimnisse gibt? Stepan Trophimowitsch konnte
nicht mehr an sich halten. Der Ingenieur rgerte sich, errtete, zuckte
ungeduldig mit den Schultern und ging schon aus dem Zimmer.

Herr Kirilloff hat ihm sogar die Peitsche aus der Hand gerissen, sie
zerbrochen und dann aus dem Fenster geworfen, fgte da Liputin schnell
mit schlauem Lcheln hinzu.

Kirilloff kehrte sofort um: Was soll das alles, Liputin? Das ist doch
dumm. Und weshalb?

Aber wozu denn aus Bescheidenheit gerade die edelsten Regungen der
Seele verheimlichen?! -- das heit, Ihrer Seele, selbstredend Ihrer
Seele, ich spreche nicht von der meinen! antwortete Liputin.

Wie das dumm ist ... und gar nicht ntig. Lebdkin ist ein ganz leerer
Mensch und kommt fr die Sache gar nicht in Betracht und schadet ihr
nur. Warum schwatzen Sie so viel berflssiges? Ich gehe!

Ach, wie schade! rief da Liputin mit hellem Lcheln aus. Sie gehen
schon -- sonst htte ich Stepan Trophimowitsch noch mit einer kleinen
Anekdote erfreut! Und zu diesem gewandt: Bin sogar mit der Absicht
hergekommen, sie Ihnen unbedingt zu erzhlen. Doch Sie werden sie ja
bestimmt schon gehrt haben. Na, dann eben ein anderes Mal! Herr
Kirilloff hat es ja so eilig ... Auf Wiedersehen also! Nein, hat aber
Warwara Petrowna mich vorgestern belustigt! Sie schickte extra nach mir.
Einfach zum Kranklachen war's. Na, auf Wiedersehen, Wiedersehen!

Aber schon hatte Stepan Trophimowitsch ihn pltzlich an den Schultern
gepackt, zu sich herumgedreht und fest auf einen Stuhl gesetzt.

Liputin erschrak ordentlich.

Ja, wie denn? fragte er und sah von seinem Stuhl aus ngstlich und
verwundert zu Stepan Trophimowitsch empor. Doch fate er sich schnell.
Ja, denken Sie sich, pltzlich ruft man mich und fragt mich im geheimen
-- was ich eigentlich von Nicolai Stawrogin denke: ob ich ihn fr
wahnsinnig halte oder nicht? Wie soll man da nicht staunen?

Sie sind verrckt geworden, Liputin! sagte Stepan Trophimowitsch. Sie
wissen nur zu gut, da Sie gekommen sind, um mir irgendeine Gemeinheit
zu sagen.

Mir fiel sofort die Bemerkung Stepan Trophimowitschs ein, Liputin wisse
nicht nur von unserer Sache, sondern wisse noch viel mehr, als wir je
erfahren wrden.

Erlauben Sie, Stepan Trophimowitsch! stotterte Liputin, als ob jener
ihn furchtbar erschreckt htte. Erlauben Sie ...

Schweigen Sie jetzt! Ich bitte Sie, Herr Kirilloff, kommen Sie zurck
und setzen sie sich. Bitte, hier! Und Sie, Liputin, Sie werden jetzt
erzhlen, aber einfach und ohne Ausreden!

Htte ich gewut, da es Sie so aufregt, so wrde ich gar nicht davon
angefangen haben ... und ich dachte doch, Sie wten das alles selbst
... schon lngst ... von Warwara Petrowna!

Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Aber fangen Sie endlich an, sage
ich Ihnen!

Na, dann haben Sie doch wenigstens die Gte, sich auch zu setzen! Denn
wenn Sie so vor mir herumlaufen, da wrde ja alles ganz kunterbunt
herauskommen!

Stepan Trophimowitsch berwand sich und lie sich sehr formell auf einen
Sessel nieder. Der Ingenieur blickte finster zu Boden. Liputin aber sah
mit unglaublichem Hochgenu von einem zum andern.

Ja, womit nun anfangen ... Sie haben mich ganz konfus gemacht ...


                                  VI.

Vor drei Tagen also, da schickt sie pltzlich ihren Diener zu mir: sie
liee bitten, sozusagen, morgen um zwlf zu ihr zu kommen. Knnen Sie
sich das denken? Nun, ich lie natrlich meine Arbeit Arbeit sein und um
Punkt zwlf klingelte ich an ihrer Tr. Man fhrte mich gleich in das
Empfangszimmer. Ich wartete kaum eine Minute, als Warwara Petrowna auch
schon eintrat. Sie bot mir einen Stuhl an und setzte sich selbst mir
gegenber. Ich sa nun also, brachte es aber zunchst nicht ber mich,
meinen Ohren wie sonst zu trauen. Sie wissen doch, wie sie mich immer
behandelt hat. Sie begann also, wie es so ihre Art ist, gerade heraus
und ohne alle Umschweife: >Sie erinnern sich wohl noch<, sagte sie, >der
drei sonderbaren Handlungen meines Sohnes vor vier Jahren. Die ganze
Stadt konnte sie nicht begreifen, bis sich dann alles durch seine
Erkrankung aufklrte. Eine dieser Handlungen ging Sie sogar persnlich
an. Auf meine Bitte hin machte mein Sohn Ihnen spter, als er wieder
hergestellt war, seinen Besuch. Ich wei, da er Ihnen schon frher
mehrfach begegnet war und sich mit Ihnen unterhalten hatte. Ich mchte
Sie nun bitten, mir doch mit voller Offenheit zu sagen, wie Sie< -- hier
stockte sie ein wenig -- >wie Sie damals meinen Sohn fanden ... wie Sie
ihn beurteilten ... welcher Meinung Sie ber ihn waren ... und ... was
Sie jetzt von ihm denken.<

Hier stockte sie aber schon wirklich, wartete sogar ein Weilchen, und
pltzlich wurde sie rot. Ich war nicht wenig erschrocken. Aber schon
gleich darauf fuhr sie wieder fort, nicht gerade mit rhrender Stimme,
nein, das gerade nicht, denn das wrde auch nicht zu ihr passen, aber so
sonderbar eindringlich: >Ich will<, sagte sie, >da Sie mich gut und
ohne ein Miverstndnis verstehen,< sagte sie. >Ich habe Sie zu mir
gebeten, weil ich Sie fr einen Menschen halte, der fhig ist, richtig
zu beobachten.< (Wie finden Sie das Kompliment?) >Sie verstehen gewi
auch, da es eine Mutter ist, die mit Ihnen spricht,< sagte sie ...
>Mein Sohn hat in seinem Leben manches Unglck gehabt und manche
Widerwrtigkeit ber sich ergehen lassen mssen. Alles das,< sagte sie,
>htte nun auf seinen Verstand, ich meine, auf seine Gemtsstimmung
einwirken knnen. Selbstverstndlich spreche ich nicht etwa von Wahnsinn
... das ist ganz und gar ausgeschlossen!< Das sagte sie so, wissen Sie,
in einem festen und stolzen Ton! >Aber es knnte da etwas Besonderes
sein, etwas Wunderliches, eine gewisse Gedankenrichtung, die Neigung zu
gewissen eigentmlichen Anschauungen< ... Das sind alles ihre eigenen
Worte, und glauben Sie mir, Stepan Trophimowitsch, ich staunte nur so,
mit welcher Genauigkeit Warwara Petrowna eine Sache zu erklren
versteht. Wirklich, eine kluge Dame! >Jedenfalls<, sagte sie, >ist mir
selbst an ihm eine fortwhrende Unruhe aufgefallen. Aber ich bin ja
seine Mutter und Sie sind ein fremder Mensch, folglich mssen Sie, bei
Ihrem Verstande, weit fhiger sein, sich ein unbefangenes Urteil ber
ihn zu bilden. Ich beschwre Sie< -- jawohl, so sagte sie wortwrtlich
-- >ich beschwre Sie, mir die ganze Wahrheit zu sagen, ohne jegliche
Beschnigung. Und wenn Sie mir versprechen wollen, nie zu vergessen, da
ich im Vertrauen zu Ihnen gesprochen habe, so seien Sie versichert, da
ich stets bereit sein werde, Ihnen knftig und bei jeder Gelegenheit
meine Dankbarkeit zu beweisen.< Nun, wie finden Sie das?

Sie ... Sie haben mich so berrascht ... stotterte Stepan
Trophimowitsch, da ich Ihnen ... einfach nicht glaube ...

Nein, bedenken Sie doch nur, fiel ihm Liputin lebhaft ins Wort und
tat, als htte er Stepan Trophimowitschs letzte Bemerkung berhaupt
nicht gehrt, wie gro mu ihre Unruhe und Aufregung um ihn sein, wenn
sie sich mit solch einer Frage, von ihrer Hhe herab, an einen Menschen
wendet, wie ich es bin, und sich gar so weit erniedrigt, auch noch um
Verschwiegenheit zu bitten! Wie ist das nur mglich? Sollte sie da nicht
ganz unerwartete Nachrichten ber ihren Sohn erhalten haben?

Ich wei von nichts ... Ich glaube, sie hat keine Nachrichten erhalten
... ich habe sie allerdings ... ein paar Tage lang nicht gesehen ...
aber ich mchte Sie nur daran erinnern, stotterte Stepan Trophimowitsch
wieder, da er sichtlich seine Gedanken nicht mehr sammeln konnte -- ich
mchte Sie nur daran erinnern, Liputin, da Sie im _Vertrauen_ gefragt
worden sind, und da Sie jetzt in Gegenwart ...

Ganz und gar im Vertrauen! Gott soll mich strafen, wenn ich ... Aber
hier ... nun ... sind wir denn hier nicht unter Freunden? Selbst Herr
Kirilloff ...

Ich bin nicht Ihrer Meinung. Zweifellos werden wir _drei_ das Geheimnis
bewahren. Aber Sie selbst, den vierten, frchte ich, und Ihnen traue ich
in keiner einzigen Beziehung.

Ja, wie denn das? Ich bin doch hier der eigentlich Interessierte! Mir
ist doch ewige Dankbarkeit versprochen worden! Und hastig ging Liputin
darber hinweg: brigens, gerade bei der Gelegenheit, mchte ich noch
auf einen sonderbaren, sozusagen psychologischen Fall hinweisen. Gestern
abend, noch unter dem Eindruck des Gesprches mit Warwara Petrowna --
Sie knnen sich doch denken, welch einen Eindruck das auf mich gemacht
hatte! -- wandte ich mich an Herrn Kirilloff mit der harmlosen Frage:
Sie haben, sagte ich, Nicolai Stawrogin doch im Auslande und auch frher
schon in Petersburg gekannt, was halten Sie, frage ich, von seinem
Verstande und berhaupt von seinen geistigen Fhigkeiten? Und darauf
antwortet er mir lakonisch, wie das so seine Art ist: >Ja,< sagt er,
>das ist ein Mensch mit seinem Verstande und gesundem Urteil.< Aber
haben Sie nicht vielleicht, fragte ich weiter, im Laufe der Jahre
gewisse Ideenvernderungen an ihm bemerkt oder eine besondere
Geisteswandlung oder einen gewissen, wie soll ich sagen, nun --
sozusagen doch einen gewissen Irrsinn? Kurz, ich wiederholte Warwara
Petrownas Frage. Nun, und was denken Sie: Herr Kirilloff wird pltzlich
nachdenklich und runzelt die Stirn ... Sehen Sie, genau so wie jetzt.
>Ja,< sagte er dann, >ich bemerkte allerdings zuweilen etwas Sonderbares
an ihm.< Denken Sie sich, wenn schon Herr Kirilloff etwas Sonderbares
bemerkt hat -- was kann dann nicht alles in Wirklichkeit sein?!

Ist das wahr? wandte sich Stepan Trophimowitsch an Kirilloff.

Ich mchte nicht davon sprechen ... sagte Kirilloff, hob aber
pltzlich den Kopf und seine Augen blitzten. Ich mchte Ihr Recht
bestreiten, Liputin. Sie haben fr den Fall gar kein Recht auf mich. Ich
habe gar nicht meine ganze Meinung gesagt. Ich kannte Stawrogin in
Petersburg. Aber das war lange her. Und jetzt, wenn ich ihn auch
wiedergesehen habe, so kenne ich ihn doch nur eben so. Ich bitte Sie,
mich hier ganz beiseite zu lassen, und ... alles das sieht aus wie
Klatsch.

Liputin spielte die beleidigte Unschuld und fhrte die Hnde
auseinander.

Wie Klatsch! Bin ich nicht gar noch ein Spion? Sie haben gut
kritisieren, Herr Kirilloff, wenn Sie sich dabei selber beiseite lassen.
Sogar dieser Hauptmann, Stepan Trophimowitsch, sogar dieser Lebdkin,
der doch so dumm ist, wie -- man schmt sich ja frmlich zu sagen, wie
dumm er ist; es gibt aber so einen russischen Vergleich -- sogar der
denkt offenbar ganz sonderbar von Nicolai Stawrogin, obwohl er seinen
Scharfsinn bewundert. >Bin ganz erstaunt ber diesen Menschen: eine
allwissende Schlange!< -- waren seine eigenen Worte. Ich fragte also
auch ihn, immer noch unter dem gestrigen Eindruck und schon nach dem
Gesprch mit Herrn Kirilloff. >Nun,< fragte ich, >Hauptmann, was glauben
Sie eigentlich, ist Ihre allwissende Schlange, Nicolai Stawrogin nicht
einfach wahnsinnig?< Na, und nun glauben Sie mir oder glauben Sie mir
auch nicht: es war fr ihn, als htte ich ihm hinterrcks einen
Peitschenschlag versetzt -- ohne seine Erlaubnis natrlich. Er sprang
geradezu auf: >Ja,< sagte er, >ja, aber das kann doch keinen Einflu
haben auf ...< Aber auf was das keinen Einflu haben knnte, das sagte
er nicht, sondern versank nur in traurige Gedanken, und zwar in so
traurige Gedanken, sage ich Ihnen, da er davon ganz nchtern wurde. Wir
saen gerade in der Filippoffschen Trinkstube. Erst nach einer halben
Stunde ungefhr schlug er pltzlich mit der Faust auf den Tisch: >Ja,<
schreit er, >meinetwegen auch wahnsinnig, nur kann das keinen Einflu
haben ...< und wieder brach er ab. Ich gebe Ihnen natrlich das Gesprch
nur im Auszug wieder, aber der Sinn ist doch wohl klar? Na, und so, wen
man auch fragt in der Stadt, allen kommt der Gedanke in den Kopf: >Ja,<
sagt ein jeder, >er ist wahnsinnig; gewi, er ist sehr klug; aber
vielleicht auch wahnsinnig.<

Stepan Trophimowitsch sa ganz in Gedanken versunken da und schien
angestrengt zu berlegen. Wie kann Lebdkin das wissen? fragte er.

Eh, wollen Sie sich nicht lieber bei Herrn Kirilloff, der mich soeben
einen Spion nannte, danach erkundigen? Ich wei nichts und rede nur so
zum Zeitvertreib, das nennt man dann Spion, er aber wei die letzten
Geheimnisse und schweigt!

Ich wei gar nichts. Oder wenig, versetzte der Ingenieur mit derselben
Gereiztheit. Sie machen Lebdkin betrunken, um aus ihm was zu erfahren.
Sie haben auch mich hierher gebracht, um aus mir zu erfahren, damit ich
... hier sage. Folglich sind Sie ein Spion!

Ich habe ihn noch nie betrunken gemacht, das wrde mich zu viel Geld
kosten, und das ist er auch gar nicht wert mitsamt seinen Geheimnissen.
Sehen Sie, das ist sein Wert fr mich. Wieviel er fr Sie bedeutet, wei
ich freilich nicht. Sonst ist er es, im Gegenteil, der jetzt mit dem
Gelde nur so um sich wirft, whrend er vor vierzehn Tagen mich noch um
fnfzehn Kopeken anpumpte. Er ist es, der mir Champagner vorsetzt, nicht
ich ihm. Aber Sie haben mir einen guten Gedanken gegeben, und wenn es
ntig sein wird, werde ich ihn schon betrunken machen, um von ihm etwas
zu erfahren ... und dann vielleicht alle eure Geheimnisse auf einmal ...
so viel ihrer da sind! setzte er bse hinzu.

Stepan Trophimowitsch sah die beiden verstndnislos an. Sie hatten sich
beide Blen gegeben, und zwar ohne Scheu vor uns anderen Anwesenden.
Mir schien es, als habe Liputin diesen Kirilloff einzig deshalb zu uns
gebracht, um ihn durch eine dritte Person ins Gesprch zu ziehen -- sein
bliches Manver.

Herr Kirilloff kennt den Nicolai Stawrogin sogar sehr gut, fuhr
Liputin in gereiztem Tone fort, blo will er das nicht eingestehen. Und
was den Hauptmann Lebdkin betrifft, so hat der ihn noch viel frher
gekannt, als er uns hier mit seinem Besuch beglckte. Sogar schon vor
fnf, sechs Jahren in Petersburg, zur Zeit der sogenannten >unbekannten<
Lebensepoche Nicolai Stawrogins. Man knnte daraus schlieen, da unser
Prinz damals sehr sonderbare Bekanntschaften gehabt haben mu. Auch mit
Herrn Kirilloff ist er in eben dieser Zeit bekannt geworden.

Hten Sie sich, Liputin, ich warne Sie. Nicolai Stawrogin wird bald
herkommen, und das ist einer, der seinen Mann zu stehen wei!

Ja, aber was hat denn das mit mir zu tun? Ich bin der erste, der
behauptet, da er den feinsten, den erlesensten Verstand hat, und in
diesem Sinne habe ich auch Warwara Petrowna gestern vollkommen beruhigt.
>Nur fr seinen Charakter,< sagte ich, >kann ich nicht einstehen.< Auch
Lebdkin sagt ganz dasselbe. >Unter seinem Charakter,< sagt er, >habe
auch ich gelitten.< Ach, Stepan Trophimowitsch, Sie haben gut sagen:
>Klatsch< und >Spionage<, aber bitte nicht zu vergessen: erst, nachdem
Sie sehr schn alles aus mir herausgezogen haben, und mit was fr einer
Neugier noch dazu! Sehen Sie, Warwara Petrowna, die traf gestern gleich
den Nagel auf den Kopf. >Sie haben,< sagte sie, >persnlich durch ihn zu
leiden gehabt, darum wende ich mich auch an Sie!< Ja, und war es denn
nicht so? Mute ich denn nicht vor der ganzen Gesellschaft eine
persnliche Beleidigung von Seiner Hochwohlgeboren hinunterschlucken?
Ich glaube, ich habe Grund genug, mich fr diese Klatschgeschichten zu
interessieren! Heute drckt er einem die Hand, morgen aber schlgt er
sie einem, dir nichts, mir nichts, ins Gesicht, und das noch in
ehrenwerter Gesellschaft, grad so, wie's ihm gefllt. Rein aus bermut,
wie's scheint. Und was die Hauptsache ist! Diese Herren haben die Frauen
natrlich immer auf ihrer Seite! Schmetterlinge sind sie und mutige
Hhnchen! Gutsbesitzersshne mit Flgelchen hinten dran, wie einstmals
Amor ... diese Herzfresser _ la_ Petschorin![28] Sie, Stepan
Trophimowitsch, als fanatischer Junggeselle, haben gut reden und mich
wegen Seiner Hochwohlgeboren einen Geschichtenmacher zu nennen. Aber
heiraten Sie mal erst -- Sie sind ja doch noch ein ganzer Mann! -- so
eine nette kleine junge Frau, und Sie werden selber vor unserem Prinzen
alle Tren verrammeln und gar Barrikaden im eigenen Hause bauen! Hier
lohnt es sich ja gar nicht mehr, zu reden! Selbst von solch einer
Mademoiselle Lebdkin, die gepeitscht wird, wrde ich glauben -- bei
Gott! --, wenn sie nicht verrckt und lahm wre, da sie ein Opfer
unseres Prinzen ist, und da Lebdkin sich deshalb in seiner
>Familienehre< gekrnkt fhlt, wie er sich immer ausdrckt. Sie glauben,
die wre mit seinem feinen Geschmack nicht in Einklang zu bringen? Mein
Gott, auch der strt diese Herren nicht immer. Jede kleine Beere wird
gegessen, sie mu nur die richtige Stimmung treffen. Sie sprechen von
Klatsch? Aber -- sage ich es denn allein, wenn schon die ganze Stadt es
ausschreit? Ich nicke nur und hre zu. >Ja<-sagen ist bekanntlich nicht
verboten!

Die ganze Stadt schreit ... das heit, was schreit denn die ganze
Stadt?

Na, ich meine, Hauptmann Lebdkin schreit's in betrunkenem Zustande, so
da die ganze Stadt es hren kann. Ist das nicht dasselbe, wie wenn die
ganze Stadt es schreit? Bin ich etwa schuld daran? Ich rede nur mit
Freunden darber. Ich hoffe doch, hier unter Freunden zu sein? und mit
unschuldigem Lcheln sah er uns alle an. Und dabei ist _noch_ etwas
geschehen! Denken Sie mal: es stellt sich heraus, da unser Prinz ihm,
dem Lebdkin, aus der Schweiz durch ein junges Mdchen dreihundert Rubel
geschickt hat. Ich habe die Ehre, die junge Dame persnlich zu kennen,
sie ist ohne Tadel und sozusagen eine sittsame Waise. Nach einiger Zeit
aber erfhrt Lebdkin aus der sichersten Quelle von einem edlen
Menschen, da ihm nicht dreihundert Rubel, sondern tausend zur bergabe
gesandt worden sind! >Folglich,< schreit er, >hat das Mdchen mich um
siebenhundert Rubeln bestohlen!< Und er will das Geld durch die Polizei
herausfordern, wenigstens droht er so und schreit dabei, da die ganze
Stadt es hren kann ...

Das ist gemein, gemein von Ihnen! rief pltzlich der Ingenieur und
sprang vom Stuhl auf.

Ja aber -- Sie selbst sind doch dieser edle Mensch, der Lebdkin
versichert hat, da nicht dreihundert, sondern tausend geschickt worden
sind! Der Hauptmann hat es mir in der Filippoffschen Kneipe, betrunken
wie immer, selbst mitgeteilt.

Das ... das ist ein unglckliches Miverstndnis. Jemand hat sich
geirrt und es ist ... ein Bldsinn -- und Sie sind gemein!

Ja, ich will gewi gerne glauben, da es reiner Bldsinn ist. Ich bin
sogar tief betrbt, da man das ehrenwerte Mdchen in die Geschichte
hineingezogen hat. Erstens mit den siebenhundert Rubeln, und zweitens
wei jetzt alle Welt, da sie mit Nicolai Stawrogin intim befreundet
gewesen ist. Was kostet es denn Seine Hochwohlgeboren, den jungen
Stawrogin, ein ehrenwertes Mdchen zu schnden, oder auch eine fremde
Frau zu beschimpfen, wie es mein >Fall< war? Kommt ihnen dann noch ein
gromtiger Mensch unter die Finger, so zwingen sie ihn, mit seinem
ehrlichen Namen fremde Snden zu decken. Genau so hab ich's doch erleben
mssen! Ich rede ja nur von mir ...

Hten Sie sich, Liputin! Stepan Trophimowitsch erhob sich drohend. Er
war totenbla.

Glauben Sie ihm nicht, glauben Sie nicht! Jemand hat sich geirrt und
Lebdkin ist immer betrunken! rief der Ingenieur in unbeschreiblicher
Aufregung aus. Alles wird sich aufklren, aber ich kann nicht mehr ...
ich halte es fr eine Gemeinheit ... und genug ... genug!

Er strzte aus dem Zimmer.

Aber wohin denn, was haben Sie? Ich gehe doch mit Ihnen! rief Liputin
erschrocken, sprang auf und lief ihm nach.


                                  VII.

Stepan Trophimowitsch stand einen Augenblick wie in Gedanken versunken
da, er sah auch mich an, doch ohne mich zu sehen, und schlielich
ergriff er Hut und Stock und verlie langsam das Zimmer. Ich ging ihm
nach. Erst als er aus der Tr trat, bemerkte er mich.

Ach ja, Sie knnen mein Zeuge sein ... _de l'accident. Vous
m'accompagnerez, n'est-ce pas?_{[47]}

Stepan Trophimowitsch, gehen Sie trotzdem zu ihr? Bedenken Sie doch,
was daraus entstehen kann!

Er blieb stehen und flsterte mit einem armseligen und geistesabwesenden
Lcheln, in dem Scham und vollkommene Verzweiflung, doch zugleich eine
seltsame Ekstase lag:

Ich kann doch nicht >fremde Snden< heiraten ...

Endlich war das verhngnisvolle Wort ausgesprochen, das er eine ganze
Woche mit Kniffen und Winkelzgen vor mir zu verstecken gesucht hatte!

Ich war einfach emprt.

Und ein so schmutziger, ein so ... niedriger, gemeiner Gedanke konnte
in Ihrem Kopf entstehen, in Ihnen, in Stepan Werchowenski! Sie mit Ihrem
guten, reinen Herzen, und das noch -- vor Liputin und seinem Klatsch!

Er sah mich an, antwortete nichts und ging weiter. Ich wollte ihn nicht
verlassen, sondern bei Warwara Petrowna sein Zeuge sein. Ich htte ihm
verziehen, wenn er, mit seinem weibischen Kleinmut, auf Liputins
Verleumdung hin alles geglaubt htte: nun aber war es doch klar, da er
schon frher von selbst auf diesen Verdacht gekommen, da er ihn die
ganze Zeit mit sich herumgetragen und da Liputin ihn jetzt nur
besttigt hatte. Er hatte sich nicht gescheut, gleich vom ersten Tage an
das junge Mdchen zu verdchtigen, ohne den geringsten Grund dazu zu
haben. Die herrische Handlungsweise Warwara Petrownas hatte er sich eben
nur mit dem verzweifelten Wunsch erklren knnen, die galanten Snden
ihres teuren Nicolas so schnell wie mglich mit einer Hochzeit zu
decken.

Und dafr sollte er bestraft werden, das wnschte ich ihm von ganzem
Herzen.

_O, Dieu qui est si grand et si bon!_{[48]} Oh, wer wird mich jetzt
trsten! rief er aus, als er ungefhr hundert Schritte gegangen war und
pltzlich stehen blieb.

Gehen wir nach Hause, und ich werde Ihnen sofort alles erklren! rief
ich und wollte ihn mit Gewalt zurckbringen.

Da ist er ja! Stepan Trophimowitsch, das sind doch Sie? Sie? ertnte
pltzlich eine frische und mutwillige junge Stimme, die mir wie Musik
klang.

Noch sahen wir niemanden, als pltzlich eine Reiterin neben uns hielt.
Es war Lisaweta Nicolajewna, gefolgt von ihrem tagtglichen Begleiter.
Sie zgelte das Pferd.

Kommen Sie, kommen Sie doch schneller! rief sie laut und lustig. Ich
habe ihn zwlf Jahre lang nicht gesehen und gleich erkannt. Er aber ...
Erkennen Sie mich wirklich nicht?

Stepan Trophimowitsch ergriff ihre Hand. Er sah sie an, als htte er ein
Gebet zu ihr auf den Lippen, und konnte doch kein Wort hervorbringen.

Er hat mich erkannt und freut sich! Mawrikij Nicolajewitsch, er scheint
entzckt zu sein, da er mich wiedersieht! Warum sind Sie denn in diesen
ganzen zwei Wochen nicht zu uns gekommen? Tante beteuerte, Sie seien
krank und man drfe Sie nicht aufregen, aber ich wei doch, das hat sie
nur gelogen. Ich habe mit den Fen gestampft und auf Sie gescholten,
aber ich wollte unbedingt, unbedingt, da Sie, von selbst, als Erster zu
uns kmen, und darum habe ich nicht nach Ihnen geschickt. Gott, er hat
sich ja nicht ein bichen verndert! und sie beugte sich im Sattel nach
vorn, um ihn genauer betrachten zu knnen. -- Es ist ja ganz
lcherlich, wie wenig er sich verndert hat! Ach, doch, es sind doch
kleine Fltchen an den Augen, viele Fltchen, und auf den Wangen ... und
graue Haare -- aber die Augen sind noch ganz dieselben! Ganz! Und ich?
Habe ich mich verndert? Ja? Aber warum schweigen Sie noch immer?

Ich erinnerte mich in dem Augenblick, da man mir erzhlt hatte, sie sei
fast erkrankt, als man sie, elfjhrig, nach Petersburg brachte, und da
sie whrend der Krankheit geweint und immer nach Stepan Trophimowitsch
verlangt habe.

Sie ... ich ... stotterte er mit vor Freude unsicherer Stimme. Soeben
rief ich noch aus: wer wird mich trsten? und da erklang Ihre Stimme ...
Ich halte das fr ein Zeichen _et je commence  croire_.{[49]}

_En Dieu? En Dieu, qui est l haut et qui est si grand et si
bon?_{[50]} Sehen Sie mal, ich kenne Ihre Lektionen noch auswendig.
Mawrikij Nicolajewitsch, welch einen Glauben er mir damals beibrachte
_en Dieu, qui est si grand et si bon_! Und erinnern Sie sich noch Ihrer
Erzhlungen von Kolumbus, und wie er Amerika entdeckte, und wie sie da
alle >Land, Land!< geschrieen haben!? Meine Kinderfrau Aljona Frolowna
sagte mir, da ich noch nachher im Traume >Land! Land!< gerufen habe.
Und wissen Sie noch, wie Sie mir die Geschichte des Prinzen Hamlet
erzhlt haben? Und wie Sie mir den Transport der armen Auswanderer von
Europa nach Amerika beschrieben haben? Das war ja alles gar nicht wahr,
spter habe ich erfahren, wie man sie hinbertransportiert hat. Aber wie
er mir damals alles so viel schner vorgelogen hat! Mawrikij
Nicolajewitsch, viel schner und besser, als es in Wirklichkeit ist!
Warum sehen Sie Mawrikij Nicolajewitsch so an? Das ist der allerbeste
und der allertreueste Mensch auf dem Erdball, und Sie mssen ihn
unbedingt ebenso lieben wie ich! _Il fait tout ce que je veux._{[51]}
Aber, Liebling, Stepan Trophimowitsch, Sie mssen wohl wieder
unglcklich sein, wenn Sie mitten auf der Strae ausrufen: wer wird mich
trsten? Also wieder einmal unglcklich, ja?

Jetzt bin ich glcklich -- --

Tante krnkt Sie? fuhr sie fort, ohne seine Worte zu beachten. Immer
diese bse, ungerechte, unsere unschtzbare, teure, bse Tante! Ach,
wissen Sie noch, wie Sie im Garten in meine Arme flogen und ich Sie
trstete und dann selber mit Ihnen weinte? Aber so frchten Sie sich
doch nicht vor Mawrikij Nicolajewitsch, er wei alles, alles von Ihnen.
Sie knnen an seiner Schulter weinen, so lange Sie wollen, und er wird
stehen so lange wie Sie wollen. Schieben Sie Ihren Hut zurck, nein,
nehmen Sie ihn ganz ab, auf einen Augenblick nur, heben Sie sich auf die
Fuspitzen, ich werde Sie gleich auf die Stirn kssen, so wie ich Sie
das letzte Mal zum Abschied gekt habe. Sehen Sie, diese Dame dort am
Fenster freut sich ber uns ... Nher, nher! Gott, wie er grau geworden
ist!

Und sie beugte sich im Sattel und kte ihn auf die Stirn.

Nun, und jetzt zu Ihnen nach Haus! Ich wei, wo Sie wohnen. Ich werde
gleich, in einer Minute, bei Ihnen sein. Sie Eigensinn, also werde ich
Sie doch zuerst besuchen. Dann aber schleppe ich Sie auf den ganzen Tag
zu mir. Gehen Sie jetzt und bereiten Sie sich vor, mich zu empfangen!

Und sie ritt mit ihrem Kavalier davon. Wir aber kehrten nach Hause
zurck. Stepan Trophimowitsch setzte sich auf den Diwan und weinte.

_Dieu, Dieu!_ rief er. _Enfin une minute de bonheur!_{[52]}

Nach zehn Minuten erschien sie in Begleitung des jungen Mannes. Stepan
Trophimowitsch ging ihr entgegen.

_Vous et le bonheur, vous arrivez en mme temps!_{[53]}

Hier haben Sie Blumen. Ich war bei der Blumenfrau. Wie Sie wissen, hat
sie den ganzen Winter Bukette fr Geburtstagskinder zum Verkauf. Hier
stelle ich Ihnen also nochmals Mawrikij Nicolajewitsch vor, bitte sich
mit ihm zu befreunden. Eigentlich wollte ich Ihnen eine Pastete statt
der Blumen bringen, aber Mawrikij Nicolajewitsch behauptete, das sei
nicht im russischen Stil.

Dieser Mawrikij Nicolajewitsch war Hauptmann der Artillerie, etwa
dreiunddreiig Jahre alt, hoch und schlank, von tadellosem ueren, mit
Achtung gebietenden, auf den ersten Blick streng erscheinenden Zgen --
trotz einer erstaunlichen und beraus taktvollen Gte, die man ihm
sofort anmerkte, auch wenn man ihn gar nicht oder kaum kannte. Im
brigen war er schweigsam, schien kaltbltig zu sein und sehr
zurckhaltend. Spter sagten einige bei uns, er sei im Grunde beschrnkt
gewesen, aber das war entschieden ein falsches Urteil.

Die Schnheit Lisaweta Nicolajewnas zu beschreiben, will ich lieber
nicht versuchen. Die ganze Stadt sprach ja schon von ihr, obwohl einige
Damen fast vom Gegenteil berzeugt waren und sie beinahe hlich fanden.
Es gab aber auch solche, die Lisaweta Nicolajewna nicht nur um ihrer
Schnheit willen haten, sondern, und vor allen Dingen, wegen ihres
Stolzes. Drosdoffs hatten es noch unterlassen, die blichen Visiten zu
machen -- und das beleidigte natrlich jeden und alle, obgleich man in
der Stadt sehr wohl wute, da der Grund dazu in Praskowja Iwanownas
Unwohlsein lag. Sodann hate man Lisa auch noch wegen ihrer
Verwandtschaft mit der Gouverneurin, und drittens, weil sie tglich
spazieren ritt, denn bis jetzt hatte es bei uns noch keine Amazonen
gegeben. Zwar wuten alle sehr gut, da die rzte ihr das Reiten
verordnet hatten, aber das nderte nicht im geringsten das Urteil der
Damen, sondern gab nur noch einen Anla, auch ber ihre Krnklichkeit zu
witzeln und zu sptteln. Lisa war in der Tat krank: schon auf den ersten
Blick fiel einem ihre nervse Unruhe auf. Wie sehr sie damals litt, das
sollte sich freilich erst spter aufklren. Wenn ich heute an sie
zurckdenke und sie mir dabei vorstelle, kann ich sie brigens nicht
mehr so wunderschn finden, wie ich sie damals fand. Vielleicht war sie
sogar ausgesprochen hlich. Sie war hoch von Wuchs, schlank, biegsam
und krftig. Doch frappierte das Gesicht beinahe durch die
Unregelmigkeit der Zge. Es war dabei bleich, mit ziemlich starken
Backenknochen, hager, und die Augen waren ein wenig schrg gestellt,
waren geschlitzt wie bei den Kalmcken. Aber es lag etwas in diesem
Gesicht, das einen unwiderstehlich anzog. Irgendeine Macht ruhte in dem
brennenden Blick ihrer dunklen Augen. Stolz und zuweilen sogar
vermessen: so wirkte sie und erschien wie eine Siegerin, die nicht
anders konnte, als besiegen. Ihr war es nicht gegeben, gut zu sein, aber
sie kmpfte darum, es dennoch zu sein. Es waren viele edle Triebe in
dieser Natur und eine Menge groer Anstze, aber alles das suchte in ihr
nach einem Ausgleich und konnte ihn nicht finden: alles in ihr war
Chaos, Unruhe und Aufregung. Vielleicht stellte sie auch gar zu groe
Anforderungen an sich selbst und fand dabei niemals die Kraft in sich,
diese Anforderungen zu befriedigen.

Sie setzte sich auf den Diwan und betrachtete das Zimmer.

Warum werde ich in solchen Minuten immer traurig? Knnen Sie mir das
nicht erklren, Sie gelehrter Mensch? Ich habe immer gedacht, da ich
wei Gott wie froh sein wrde, wenn ich Sie wiedershe und mit Ihnen
ber all das Gewesene sprechen knnte ... und nun bin ich fast -- gar
nicht froh, obgleich ich Sie doch lieb habe ... Ach Gott, mein Bild
hngt hier bei Ihnen! Geben Sie es her, schnell, ich wei, ich erinnere
mich ...

Vor neun Jahren hatten Drosdoffs Stepan Trophimowitsch aus Petersburg
ein Aquarellbildchen der kleinen zwlfjhrigen Lisa zugeschickt und seit
der Zeit hing es bei ihm an der Wand.

War ich wirklich ein so nettes Kind? Ist das wirklich mein Gesicht?

Sie stand auf und trat mit dem Bildchen in der Hand vor den Spiegel.

Nehmen Sie es schnell, schnell! rief sie aus und gab das Bildchen
zurck. Hngen Sie es jetzt nicht auf, spter, spter, ich will es
nicht sehen. Sie lie sich wieder auf den Diwan nieder. Das eine Leben
verging und es begann ein anderes, und das andere verging und es begann
ein drittes, und so geht es fort. Die Enden aber sind immer wie mit der
Schere abgeschnitten. Sehen Sie mal, von was fr alten Sachen ich rede,
und doch ist so viel Wahrheit darin!

Sie sah mich lachend an. Schon einigemal hatte sie mich betrachtet, aber
Stepan Trophimowitsch kam in seiner Aufregung gar nicht darauf, mich ihr
vorzustellen.

Aber warum hngt mein Bild unter Sbeln? Und warum haben Sie hier
berhaupt so viele Sbel und Dolche?

Ich wei nicht, warum bei Stepan Trophimowitsch an der Wand zwei
Yatagane hingen und ber ihnen ein echter Tscherkessendolch.

Als sie die Frage stellte, sah sie mich wieder an, so da ich schon
antworten wollte. Da kam Stepan Trophimowitsch endlich darauf, mich
vorzustellen.

Ich wei, ich wei, sagte sie -- es freut mich sehr. Mama hat auch
schon von Ihnen gehrt. Und bitte, hier stelle ich Ihnen Mawrikij
Nicolajewitsch vor, ein prachtvoller Mensch. Ich hatte mir von Ihnen
eigentlich einen komischen Begriff gemacht. -- Sie sind doch Stepan
Trophimowitschs >Vertrauter<?

Ich errtete.

Ach, bitte verzeihen Sie, ich wollte durchaus nicht dieses Wort sagen,
es ist nichts Komisches dabei, sondern nur so ... Und auch sie errtete
verwirrt. brigens, ich sehe nicht ein, warum sich da jemand dessen
schmen soll, da er ein wertvoller Mensch ist, nicht wahr? -- Aber
jetzt mssen wir gehen, Mawrikij Nicolajewitsch. Stepan Trophimowitsch,
da Sie in einer halben Stunde bei uns sind! O Gott, wie viel wir uns zu
erzhlen haben! Jetzt bin ich Ihre Vertraute, in allen Dingen, hren
Sie, in _allen_ Dingen!

Stepan Trophimowitsch erschrak sofort.

O, Mawrikij Nicolajewitsch wei alles, vor ihm brauchen Sie sich nicht
zu genieren.

_Mais_,{[54]} was wei er denn?

Aber warum tun Sie denn so? rief sie erstaunt. Ah, so ist es also
wahr, da man es uns verheimlichen will? Ich wollte es nicht glauben!
Dascha wird gleichfalls versteckt. Tante lie mich vorhin auch nicht zu
Dascha gehen, sie sagte, sie habe Kopfschmerzen.

Aber ... aber wie haben Sie es denn erfahren knnen?

Mein Gott, so wie alle! Als ob dazu viel gehrt!

Ja, wissen es denn wirklich schon alle? ...

Wie denn nicht? Mama, das ist wahr, die hat es zuerst durch Aljona
Frolowna, meine Kinderfrau, erfahren, und der hat es Ihre Nastassja
schleunigst erzhlt. Sie haben es doch Nastassja gesagt? Sie sagt
wenigstens, Sie htten es ihr selbst mitgeteilt.

Ich ... ich habe einmal davon gesprochen ... stotterte Stepan
Trophimowitsch, ber und ber rot, aber ich habe blo angedeutet ...
_j'tais si nerveux et malade et puis_{[55]} ...

Sie lachte.

Und da kein anderer Freund zur Hand war und Nastassja Ihnen gerade in
den Weg lief -- nun, ich wei schon! Die aber hat ja berall
Freundinnen. Doch lassen wir das, das ist ja alles ganz gleichgltig.
Mgen es die Leute doch wissen, um so besser! Und kommen Sie bald, wir
speisen frh. Ach, da habe ich etwas vergessen! sie setzte sich wieder.
Hren Sie mal, wer ist Schatoff?

Schatoff? Das ist Darja Pawlownas Bruder ...

Ach, das wei ich doch, da er ihr Bruder ist, -- wie Sie wirklich
sind! unterbrach sie ihn ungeduldig. Ich will wissen, was er
eigentlich ist, was fr ein Mensch?

_C'est un pense-creux d'ici. C'est le meilleur et le plus irascible
homme du monde._{[56]}

Das habe ich auch schon gehrt, da er ein Sonderling ist. Aber das
gehrt nicht zur Sache. Man sagte mir, da er drei Sprachen spricht,
auch englisch, und sich mit literarischen Arbeiten beschftigt. In
diesem Fall knnte ich ihm viel Arbeit verschaffen. Ich habe jemanden
ntig, der mir helfen kann, und je schneller ich einen finde, desto
besser. Aber wird er die Arbeit annehmen, was meinen Sie? Man hat ihn
mir dazu empfohlen.

O natrlich, _et vous ferez un bienfait_.{[57]}

Ich tue es gar nicht wegen des _bienfait_, sondern weil ich einen
Gehilfen brauche.

Ich bin mit Schatoff befreundet, sagte ich, und wenn Sie mich
beauftragen wollten, so wrde ich sofort zu ihm gehen.

Das ist ja herrlich! Sagen Sie ihm, bitte, da er morgen um zwlf Uhr
zu mir kommen soll. Ich danke Ihnen! Mawrikij Nicolajewitsch, sind Sie
bereit?

Sie ritten davon. Ich begab mich natrlich gleich zu Schatoff.

_Mon ami!_{[58]} rief mir Stepan Trophimowitsch nach, kommen Sie
unbedingt um zehn oder elf Uhr zu mir, wenn ich zurckgekommen bin. Oh,
ich bin schuldig, verzeihen Sie mir, ich bin vor allen, vor allen
schuldig!


                                 VIII.

Schatoff war ausgegangen. Nach zwei Stunden ging ich wieder zu ihm --
und wieder war er nicht zu Hause. Um acht Uhr abends ging ich zum
dritten Male hin, um ihm, wenn ich ihn wieder nicht antreffen sollte,
einen Zettel zu hinterlassen. Und richtig, er war wieder nicht zu Haus,
sein Zimmer war verschlossen: er lebte ganz allein und ohne einen
Dienstboten. Einen Augenblick fragte ich mich, ob ich nicht zu Lebdkins
gehen und dort nach ihm fragen sollte: aber auch dort war die Tr
verschlossen, es war weder ein Licht zu sehen, noch ein Laut zu hren --
die Wohnung schien vollstndig leer zu sein. Ich entschlo mich also,
morgen frh wiederzukommen, denn auf das Zettelchen konnte ich mich
nicht verlassen. Schatoff war mitunter so eigensinnig und dazu
schchtern, da war es leicht mglich, da er einfach nicht hinging.
Gerade als ich aus der Tr trat, stie ich auf Herrn Kirilloff. Er
erkannte mich sofort, und da er mich ansprach und fragte, wen ich
suchte, erzhlte ich ihm die ganze Geschichte und erwhnte auch meinen
Zettel.

Kommen Sie, sagte er, ich werde es machen.

Kirilloff wohnte seit diesem Morgen, wie uns schon Liputin erzhlt
hatte, im Flgel auf dem Hof. In dieser Hlfte des Hauses, die fr ihn
allein zu gro gewesen wre, wohnte auer ihm noch ein altes, taubes
Weib, das ihn auch bediente. Der Hausbesitzer selbst, Herr Filippoff,
war nebenan in sein neues Heim gezogen, wo er eine Trinkstube hielt, und
die Alte, die mit ihm verwandt war, beaufsichtigte nun das alte Haus.
Die Zimmer in diesem Flgel waren sauber, aber die Tapeten schmutzig. Im
ersten Zimmer, in das wir eintraten, standen die verschiedensten alten
Mbel: zwei l'Hombretische, eine Kommode aus Ellernholz, ein groer
Tisch aus rohen Brettern, wohl aus einer Bauernstube oder Kche; ferner
ein paar Sthle und ein Diwan mit geflochtenen Lehnen und harten
Lederkissen. In einer Ecke hing ein altes Heiligenbild, vor dem die Alte
das Lmpchen schon angezndet hatte, und an den Wnden hingen zwei alte
ldruckbilder, von denen das eine den Kaiser Nicolai I. und das andere
irgendeinen Bischof darstellte.

Kirilloff zndete ein Licht an und holte aus seinem Koffer, der in einer
Ecke noch unausgepackt stand, ein Kuvert, Siegellack und ein
Kristallpetschaft.

Versiegeln Sie Ihren Brief und schreiben Sie die Adresse darauf.

Ich sagte, da das unntig sei, aber er bestand auf seinem Wunsch.
Nachdem ich die Adresse geschrieben hatte, nahm ich meinen Hut und
wollte gehen.

Ich dachte, Sie wrden Tee trinken, sagte er. Ich habe Tee gekauft.
Wollen Sie nicht?

Ich lehnte nicht ab. Die Alte brachte bald darauf eine riesige Teekanne
mit heiem Wasser und eine kleinere mit gezogenem Tee, zwei groe
einfache Tassen, Weibrot und einen ganzen Teller mit Stckzucker.

Ich liebe Tee, sagte Kirilloff, besonders in der Nacht. Ich gehe auf
und ab und trinke, bis zum Morgen. Im Auslande ist Teetrinken nachts
unbequem.

Sie legen sich erst gegen Morgen schlafen?

Immer, schon lange. Ich esse wenig. Trinke immer Tee ... Und ganz
unvermittelt sagte er pltzlich: Liputin ist schlau, aber ungeduldig.

Es wunderte mich, da er heute offenbar zu sprechen wnschte, und ich
entschlo mich, die Gelegenheit zu benutzen.

Das war ein unangenehmes Miverstndnis, heute vormittag, bei Stepan
Trophimowitsch, bemerkte ich.

Er machte ein gergertes Gesicht.

Das war Dummheit; das sind furchtbare Nichtigkeiten; alles, was da war,
denn Lebdkin spricht betrunken. Ich habe Liputin nichts gesagt, nur die
Richtigkeit erklrt; denn jener hatte gefaselt. Liputin hat viel
Phantasie; statt die Nichtigkeit einzusehen, hat er gleich Berge daraus
gebaut. Gestern vertraute ich ihm.

Und heute mir? fragte ich lachend.

Aber Sie wuten doch vorher schon von allem. Liputin ist schwach, oder
ungeduldig, oder schdlich, oder ... neidisch.

Das letzte Wort berraschte mich.

Hm. brigens haben Sie so viele Kategorien aufgestellt, da es
schlielich kein Wunder ist, wenn er in eine von ihnen hineinpat.

Oder in alle zusammen.

Ja, auch das ist richtig. Liputin ist ein Chaos! Er log zwar vorhin,
aber sagen Sie, ist es nicht trotzdem wahr, da Sie ein Buch schreiben
wollen?

Warum soll das gelogen sein? entgegnete er finster und sah zu Boden.

Ich entschuldigte mich und versicherte, da ich ihn nicht ausfragen
wolle. Er errtete.

Liputin hat da die Wahrheit gesagt. Ich schreibe. Nur ist das ganz
gleich.

Wir schwiegen wohl eine Minute lang; pltzlich lchelte er wieder sein
Kinderlcheln.

Das von den Kpfen hat er sich selbst ausgedacht, nach einem Buch, und
er selbst erzhlte es mir zuerst, nur versteht er es schlecht; ich aber
suche nur den Grund, warum die Menschen sich nicht selbst zu tten
wagen; das ist alles. Aber auch das ist ganz gleich.

Wieso, nicht wagen? Als ob es wenig Selbstmorde gbe?

Sehr wenig.

Finden Sie wirklich?

Er antwortete nicht, stand auf und ging, in Gedanken versunken, auf und
ab.

Was hlt denn, Ihrer Meinung nach, die Leute davon ab, sich selbst zu
tten? fragte ich.

Er sah mich zerstreut an, als mte er sich erst erinnern, wovon wir
sprachen.

Ich ... ich wei noch wenig ... Zwei Vorurteile halten davon ab, zwei
Grnde. Nur zwei: der eine ist sehr klein und der andere ist sehr gro.
Aber auch der kleine ist sehr gro.

Welches ist denn der kleine?

Der Schmerz.

Der Schmerz? Ja, glauben Sie denn, da _das_ so wichtig ist ... in
solchem Fall?

Das Allererste. Es gibt zwei Arten: Die, welche sich aus groem Leid
umbringen, oder aus Ha, oder aus Wahnsinn, oder sonst da irgendwie ...
die tun es pltzlich. Die denken wenig an den Schmerz, und tun's
pltzlich ... Aber die, die sich aus berlegung tten -- die denken
viel.

Ja, gibt es denn berhaupt solche, die sich aus berlegung tten?

Sehr viele. Wenn es kein Vorurteil gbe, wrden es noch mehr sein; sehr
viele; alle!

Was, sogar schon alle?

Er schwieg.

Aber gibt es denn keine Mglichkeit, schmerzlos zu sterben?

Er blieb vor mir stehen: Denken Sie sich einen Stein von der Gre
eines groen Hauses; er hngt ber Ihnen und Sie sind unter ihm; wenn er
auf Sie fllt, auf den Kopf -- wird es schmerzen?

Ein Stein von der Gre eines Hauses? Natrlich, furchtbar!

Ich spreche nicht von der Angst; wird es schmerzen?

Ach so! Ein Stein, so gro wie ein Berg, eine Million Pud schwer? --
Selbstverstndlich nicht ein bichen!

Aber wenn Sie so liegen, whrend er hngt, werden Sie furchtbare Angst
davor haben, da es schmerzen wird. Jeder groe Gelehrte, jeder Arzt,
alle, alle werden Angst haben. Jeder wird wissen, da es nicht schmerzt,
doch jeder wird sehr frchten, da es schmerzen wird.

Nun, und der groe, der zweite Grund?

Das Jenseits.

Sie meinen die Strafe?

Einerlei. Das Jenseits, nichts als das Jenseits.

Gibt es denn nicht auch solche Atheisten, die an ein Jenseits gar nicht
glauben und es vollstndig leugnen?

Er schwieg wieder.

Sie urteilen vielleicht nur nach sich selbst?

Niemand kann anders urteilen, als nach sich selbst, sagte er und
errtete wieder. Die vollstndige Freiheit wird erst dann sein, wenn es
ganz einerlei sein wird, ob man lebt oder nicht. Das ist das ganze
Ziel.

Das Ziel? Ja, aber dann wird vielleicht niemand mehr leben wollen?

Niemand, sagte er bestimmt.

Der Mensch frchtet den Tod, weil er das Leben lieb hat, so verstehe
ich es wenigstens, bemerkte ich, und so will es die Natur.

Das ist die Gemeinheit und hier steckt der ganze Betrug! Seine Augen
blitzten auf. Das Leben ist Schmerz, das Leben ist Angst, und der
Mensch ist unglcklich. Jetzt liebt der Mensch das Leben, weil er
Schmerz und Angst liebt. Und so hat man's gemacht. Das Leben wird einem
jetzt fr Angst und Schmerz gegeben. Hierin liegt der ganze Betrug.
Jetzt ist der Mensch noch nicht jener Mensch. Aber es wird einen neuen
Menschen geben, einen glcklichen und stolzen. Wem es ganz einerlei sein
wird, ob leben oder nicht leben, der wird der neue Mensch sein. Wer
Schmerz und Angst besiegen wird, der wird selbst Gott sein. Aber _den_
Gott wird es dann nicht mehr geben.

Also gibt es Ihrer Meinung nach doch noch _den_ Gott?

Es gibt Ihn nicht, aber Er ist da. Im Stein ist kein Schmerz, aber in
der Angst durch den Stein ist Schmerz. Gott ist der Schmerz der Angst
vor dem Tode. Wer Schmerz und Angst besiegt, der wird selbst Gott
werden. Dann wird ein neues Leben sein, ein neuer Mensch, alles neu ...
Dann wird man die Weltgeschichte in zwei Teile teilen: vom Gorilla bis
zur Vernichtung Gottes, und von der Vernichtung Gottes bis ...

Bis zum Gorilla --?

... bis zur physischen Vernderung der Erde und des Menschen. Der
Mensch wird Gott sein und wird sich physisch verndern. Und das ganze
Weltall wird sich verndern, und alle Dinge werden sich verndern, und
alle Gedanken und alle Gefhle. Was glauben Sie, wird sich dann nicht
auch der Mensch physisch verndern?

Wenn es uns ganz gleich sein wird, ob wir leben oder nicht leben, so
werden sich alle selbst totschlagen, und darin wird dann vielleicht eine
Vernderung bestehen.

Das ist einerlei. Den Betrug wird man totschlagen. Ein jeder, der die
_groe_ Freiheit will, mu sich selbst zu tten wagen. Wer sich selbst
zu tten wagt, der hat das Geheimnis des Betruges erkannt. Weiter gibt
es keine Freiheit. Hier ist alles und weiter ist nichts. Wer sich selbst
zu tten wagt, der ist Gott. Jetzt kann es jeder machen, da Gott
aufhrt, zu sein, und da nichts mehr ist. Aber noch hat es niemand
einmal getan!

Selbstmrder hat es zu Millionen gegeben.

Aber alle nicht deswegen. Alle haben sie sich mit Angst und nicht
deswegen gettet. Nur wer sich ttet, um die Angst totzuschlagen, der
wird sofort Gott sein.

Dazu wird er vielleicht keine Zeit mehr haben, bemerkte ich.

Das ist einerlei, sagte er leise, mit ruhigem Stolz und fast ein wenig
mit Verachtung. Es tut mir leid, da Sie sich darber wohl lustig
machen, fgte er nach einer halben Minute hinzu.

Und mich wundert, wie Sie vorhin so gereizt sein konnten und jetzt so
ruhig sind, obgleich Sie doch -- glhend sprechen.

Vorhin? Vorhin war es komisch, antwortete er mit einem Lcheln. Ich
liebe nicht, zu schimpfen, und lache nie, fgte er traurig hinzu.

Ja, Ihre Nchte beim Tee verbringen Sie nicht gerade lustig.

Ich stand auf und nahm meine Mtze.

Finden Sie? Er lchelte mit einem gewissen Erstaunen. Warum? Nein,
ich ... ich wei nicht, verwirrte er sich pltzlich -- ich wei nicht,
wie es bei den andern ist. Ich fhle, da ich nicht so wie jedermann
kann. Jeder denkt, und dann denkt er gleich an was anderes. Ich kann
nicht an anderes, ich denke mein ganzes Leben lang nur an Eines. Mich
hat Gott mein Leben lang geqult, schlo er pltzlich mit erstaunlicher
Mitteilsamkeit.

Aber sagen Sie doch, warum sprechen Sie manchmal so sonderbar ... so
sonderbar falsch? Sollten Sie wirklich in den fnf Jahren im Auslande
das Sprechen verlernt haben?

Spreche ich denn falsch? Ich wei nicht. Nein, nicht weil ich im
Auslande war. Ich habe immer so gesprochen ... mir ist es einerlei.

Und eine noch indiskretere Frage: ich glaube Ihnen vollkommen, da Sie
nicht gern mit Menschen zusammen sind und wenig mit ihnen sprechen --
warum haben Sie aber jetzt mit mir so aufrichtig gesprochen?

Mit Ihnen? Sie saen vorhin so gut da ... und Sie ... aber, einerlei
... Sie haben viel hnlichkeit mit meinem Bruder, viel,
auerordentlich, sagte er errtend. Er starb, vor sieben Jahren; der
ltere; sehr, sehr viel hnlichkeit ...

Er hatte wohl einen groen Einflu auf Ihre Anschauungen?

N--ein, er sprach wenig. Er sprach gar nicht. -- Ich werde Ihren Zettel
abgeben.

Er begleitete mich mit der Laterne bis zur Pforte, um sie hinter mir
zuzuschlieen.

Selbstverstndlich verrckt, entschied ich bei mir.

Doch da kam es zu einer neuen Begegnung.


                                  IX.

Kaum hatte ich den Fu auf die hohe Schwelle des Pfrtchens gesetzt, als
mich pltzlich eine starke Hand an der Brust packte.

Wer da? brllte eine Stimme. Freund oder Feind? Bekenne!

Das ist einer von den Unsrigen, den Unsrigen! kreischte neben ihm
Liputin aus der Fistel. Das ist Herr G--ff, ein junger Mann von
klassischer Bildung, und mit Beziehungen zur allerhchsten
Gesellschaft!

Gefllt mir, falls zur Gesellschaft ... kla--a--ssischer ... das
bedeutet also ge--bild--det--ster ... Ich bin der Hauptmann a. D.
Ignatius Lebdkin, zu Diensten der Welt und der Freunde ... wenn sie
treu sind, wenn sie nur treu sind, die Schufte!

Hauptmann Lebdkin, gro, dick, fleischig, krauskpfig, rot und wie
gewhnlich betrunken, hielt sich vor mir kaum auf den Fen und konnte
nur mit groer Mhe die Worte hervorbringen. Ich hatte ihn schon frher
von weitem gesehen.

A--ah, der ist auch da! schrie er von neuem auf, als er Kirilloff
bemerkte, der noch immer mit seiner Laterne an der Pforte stand. Er
erhob schon seine Faust zum Schlage, lie sie aber wieder sinken.

Verzeihe dir, wegen der Gelehrtheit! Ignatius Lebdkin -- der
gebil--det--ste ...

   Die Granate der flammenden Liebe
   Platzte in Ignats Brust.
   Da setzte sich der Invalide
      weil er -- weil er ...
   Um Sebastopol weinen mut'.

Wenn ich auch nie in Sebastopol gewesen bin und ... mich noch des
Gebrauches aller meiner Glieder erfreue -- aber ... wie finden Sie den
Reim? Er kam wieder mit seinem betrunkenen Gesicht auf mich zu.

Er hat keine Zeit, er mu nach Hause gehen, beredete ihn Liputin.
Morgen wird er Lisaweta Nicolajewna erzhlen -- --

Lisaweta? brllte Lebdkin wieder. Steh! bleib! Noch eine Variante:

   Von Amazonen begleitet,
   Sprengt sie dahin wie der Wind.
   O, welch eine Freud mir bereitet
   Das a--ris--to--kra--tische Kind!

                                         Der Amazonenknigin gewidmet.

Begreifst du auch? Das ist ein Hymnus! Das ist ein Hymnus, wenn du kein
Esel bist! Diese Trdler, die knnen es nicht verstehen! Steh! er
packte mich am Mantel und hielt mich fest, wie ich mich auch losreien
wollte. Sage ihr, da ich ein Ritter der Ehre bin, und Daschka ...
Daschka werde ich mit zwei Fingern ... Leibeigene Skla--avin! -- und
darf sich nicht unterstehn --

Mit diesen Worten fiel er hin: ich hatte mich ihm mit Gewalt entwunden
und ihm dabei einen starken Sto versetzt. Dann lief ich auf die andere
Seite der Strae. Liputin kam mir nach.

Alexei Nilytsch wird ihn schon aufheben. Wissen Sie, was ich eben von
ihm erfahren habe? -- das Verschen haben Sie doch gehrt? Nun, er hat
dieselben Verse an die >Amazonenknigin< aufgeschrieben und wird sie
morgen Lisaweta Nicolajewna mit seiner vollen Unterschrift zusenden. Was
sagen Sie dazu?

Ich knnte wetten, da Sie ihn dazu beredet haben.

Dann wrden Sie verlieren! Liputin lachte. Verliebt, verliebt, wie
ein Kater. Aber wissen Sie auch, da die Liebe mit Ha begonnen hat? Er
hate Lisaweta Nicolajewna, weil sie reitet, und zwar dermaen, da er
sie laut auf der Strae zu beschimpfen anfing. Das hat er wahrhaftig
getan! Noch vorgestern hat er auf sie geschimpft, als sie vorberritt.
Zum Glck hat sie nichts gehrt. Und jetzt pltzlich Gedichte! Wissen
Sie auch, da er einen Antrag riskieren will? Im Ernst, im Ernst!

Wie kommt es, Liputin, da berall, wo sich Schmutz ansammelt, Sie
dabei sind und womglich noch eine fhrende Rolle spielen? fragte ich
ruhig, aber innerlich rasend vor Wut.

Nun, Herr G--ff, Sie gehen etwas weit. Das Herzchen hat wohl
geschlagen, als es vom Nebenbuhler hrte, wie?

Wa--as? schrie ich und blieb stehen.

Ja, aber jetzt werde ich Ihnen zur Strafe nichts mehr sagen! Und wie
gern wrden Sie doch noch mehr wissen! Schon allein, da dieser Narr
jetzt nicht mehr ein gewhnlicher Hauptmann ist, sondern Gutsbesitzer
unseres Gouvernements und noch dazu ein Grogrundbesitzer, da ihm
Nicolai Stawrogin sein ganzes Gut, frher zweihundert Seelen stark, vor
ein paar Tagen verkauft hat. Bei Gott, ich lge nicht! Eben hab ich's
erfahren, aber dafr aus der sichersten Quelle. So, und nun krabbeln Sie
mal mit Ihrem Verstande allein weiter, mehr sage ich nicht. Auf
Wiedersehen!


                                   X.

Stepan Trophimowitsch erwartete mich mit hysterischer Ungeduld. Er war
vor einer Stunde zurckgekehrt und noch wie betrunken, als ich eintrat.
Wenigstens die ersten fnf Minuten hielt ich ihn nicht fr ganz
nchtern, so sehr hatte ihn der Besuch bei Drosdoffs aus dem
Gleichgewicht gebracht.

_Mon ami_, ich habe meinen Faden nun vollstndig verloren. _Lise_ ...
ich liebe und verehre diesen Engel wie frher, namentlich wie frher;
aber mir scheint, sie haben mich nur erwartet, um etwas von mir zu
erfahren, um etwas aus mir herauszuquetschen und dann -- geh mit Gott!
... Das ist so!

Schmen Sie sich! rief ich emprt, ich hielt es wirklich nicht mehr
aus.

Mein Freund, ich bin jetzt ganz allein. _Enfin c'est ridicule._{[59]}
Denken Sie nur, auch dort ist alles mit Geheimnissen vollgepfropft. Sie
warfen sich geradezu auf mich mit diesen >Nasen< und >Ohren< -- und wer
wei was noch fr welchen Petersburger Geschichten. Sie haben ja erst
jetzt erfahren, was vor vier Jahren mit Nicolai Wszewolodowitsch hier
passiert ist: >Sie waren hier, Sie haben es gesehen, ist es wahr, da er
wahnsinnig ist?< Und woher diese Idee aufgetaucht ist -- ich wei es
nicht! Warum will diese Praskowja unbedingt, da _Nicolas_ verrckt sei?
Sie will es, sie will es! _Ce Maurice_,{[60]} oder wie er da heit,
dieser Mawrikij Nicolajewitsch, _brave homme tout de mme_{[61]} ...
Sollte sie wirklich in seinem Interesse, und nachdem, wie sie selbst aus
Paris geschrieben hat, _ cette pauvre amie ... Enfin_,{[62]} >diese
Praskowja<, wie _ma chre amie_ sie immer nennt, die ist ja eine Type!
-- ist des unsterblichen Gogols leibhaftige >Frau Kstchen<[29], nur
eine bse >Madame Kstchen<, ein eingebildetes Kstchen, und in endlos
vergrertem Mastabe!

Dann wird ja ein Kasten draus und noch dazu einer in endlos
vergrertem Mastabe!

Ach, nun dann in verkleinertem, wie Sie wollen, das bleibt sich gleich,
-- nur unterbrechen Sie mich nicht, -- mir dreht sich schon sowieso
alles im Kopf. Dort fuhren sie auch schon aus der Haut; auer _Lise_
natrlich, die sprach noch immer von >_Tante, Tante!_<{[63]} Aber _Lise_
ist schlau und es steckte noch etwas dahinter! Geheimnisse natrlich.
Und mit der Mutter hat sie sich gezankt. _Cette pauvre tante!_{[64]} Es
ist ja wahr, despotisch ist sie. Aber da ist jetzt eine >Gouverneurin<,
die Nichtachtung der Gesellschaft, die Nichtachtung Karmasinoffs,
pltzlich der Gedanke vom Wahnsinn -- _ce Lipoutine, ce que je ne
comprends pas_{[65]} ... u--und ... Sie sagten dort, sie lege sich
Essigkompressen um den Kopf, und da kommen wir ihr noch mit unseren
Klagen und Briefen ... O, wie ich sie in dieser Zeit geqult habe! _Je
suis un ingrat!_{[66]} Denken Sie sich, wie ich zurckkomme, finde ich
von ihr einen Brief vor; lesen Sie! lesen Sie! O, wie unedel das alles
von mir war!

Er reichte mir den soeben erhaltenen Brief Warwara Petrownas. Ich
glaube, ihr hatte der letzte Brief mit dem bleiben Sie zu Haus leid
getan, denn dieses Briefchen war hflich, wenn auch kurz und bestimmt.
Sie bat ihn, bermorgen, also Sonntag, um zwlf Uhr zu ihr zu kommen,
und riet ihm, einen seiner Freunde mitzubringen -- in Klammern stand
mein Name --, und ihrerseits verpflichtete sie sich, Schatoff, als Darja
Pawlownas Bruder, einzuladen: Dann knnen Sie von ihr die endgltige
Antwort erhalten. Gengt das jetzt? Ist es diese Formalitt, nach der
Sie so trachteten?

Beachten Sie doch diese gereizte Frage zum Schlu ber die Formalitt.
O, die Arme, der Freund meines Lebens! Aber ich mu gestehen, diese
pltzliche Entscheidung des Schicksals hat mich fast erdrckt. Ich sage
ganz aufrichtig, ich habe immer noch gehofft, aber jetzt -- _tout est
dit_, ich wei schon, da alles aus ist. _C'est terrible!_{[67]} O,
wenn's doch keinen Sonntag gbe! Alles wrde beim Alten bleiben. Sie
wrden mich hier wie immer besuchen, und ich wrde hier ...

Liputins Gemeinheiten und Klatschgeschichten haben Sie ja ganz aus der
Fassung gebracht, wie es scheint.

Mein Freund, da haben Sie wieder eine andere schmerzhafte Stelle
>freundschaftlich< mit Ihrem Finger berhrt. Aber diese
>freundschaftlichen< Finger pflegen im allgemeinen unbarmherzig und
zuweilen einfltig zu sein. Pardon, aber glauben Sie oder glauben Sie
mir nicht: ich hatte die Gemeinheiten schon beinahe vergessen, das
heit, ich hatte sie keineswegs vergessen, aber die ganze Zeit, die ich
bei _Lise_ war, habe ich mich bemht, glcklich zu sein, meinetwegen aus
Dummheit bemht. Aber jetzt, jetzt mu ich an diese gromtige, humane
Frau denken, die so duldsam mit meinen niedrigen Fehlern ... das heit,
wenn auch nicht gerade duldsam ... aber wie bin ich denn selbst, ich mit
meinem leeren, scheulichen Charakter! Bin ich nicht ein trichtes Kind,
mit dem ganzen Egoismus eines solchen, aber nur ohne seine Unschuld?
Zwanzig Jahre hat sie mich gehtet, wie eine Kinderfrau, _cette pauvre
tante_, wie _Lise_ sie so grazis nennt ... Und pltzlich, nach zwanzig
Jahren, will das Kindchen heiraten, verheirate es und verheirate es! ...
ein Brief auf den anderen ... sie aber macht sich Essigkompressen ...
u--und ... nun hat das Kind auch glcklich erreicht, was es wollte ...
Sonntag ein verheirateter Mensch ... Spa! ... Warum habe ich denn
selbst darauf bestanden, warum habe ich denn die Briefe geschrieben?
brigens, hab's vergessen, zu sagen: _Lise_ vergttert Darja ...
wenigstens sagt sie: >_C'est un ange_,{[68]} nur ein verschlossener.<
Beide rieten sie mir zu -- sogar Praskowja ... nein, brigens die
Praskowja riet mir nicht zu. O, wieviel Gift in diesem >Kstchen<
steckt! Ja, und auch _Lise_ hat mir eigentlich nicht dazu geraten: >Wozu
brauchen Sie zu heiraten, Sie haben doch genug an gelehrten Genssen!<
und dabei lachte sie. Ich verzieh ihr das Lachen, denn ihr blutet ja
auch das Herz. Aber sie sagten mir doch, ich knne ohne Frau nicht mehr
auskommen. Es kommen Ihre schwachen Jahre und sie wird Sie dann pflegen,
zudecken, oder wie sie es da sagten ... _Ma foi_,{[69]} ich habe ja auch
schon die ganze Zeit so bei mir gedacht, da die Vorsehung selbst sie
mir am Abend meiner wilden Tage schickt, und da sie mich zudecken ...
_enfin_,{[70]} im Haushalt ntzlich sein wird. Sehen Sie, wieviel Staub
hier ist, sehen Sie, all das liegt hier so herum. Ich sagte noch vor
kurzem, man solle aufrumen und da ... ein Buch auf der Diele ... _La
pauvre amie_{[71]} rgert sich immer, da es bei mir so verkramt
aussieht ... Jetzt werde ich nicht mehr ihre Stimme vernehmen! _Vingt
ans!_{[72]} U--und da gibt es nun noch anonyme Briefe, und denken Sie
nur, es heit, _Nicolas_ htte an Lebdkin ein Gut verkauft! _C'est un
monstre. Enfin_,{[73]} was ist Lebdkin? _Lise_ hrt und hrt, Gott, wie
sie zuhrt! Ich vergab ihr das Lachen, als ich sah, mit welchem Gesicht
sie zuhrte, und _ce Maurice_ ... ich wrde jetzt nicht gern in seiner
Haut stecken, _brave homme tout de mme_,{[74]} aber ein wenig
schchtern ... brigens, Gott hab' ihn selig! ...

Er verstummte: er schien erschpft zu sein und sa wie gebrochen da, mit
mdem Blick auf den Boden starrend. Ich benutzte die Pause und erzhlte
von meinem Besuch im Filippoffschen Hause; auch unterlie ich es nicht,
ber diese Geschichten meine Meinung zu sagen, und erklrte ihm kurz und
trocken, da es meiner Meinung nach durchaus mglich wre, da Lebdkins
Schwester -- die ich nie gesehen -- in der Tat einmal Nicolai Stawrogins
Opfer gewesen, vielleicht in seiner >rtselhaften Petersburger Zeit<,
wie Liputin sich ausdrckte ... und da es wahrscheinlich ist, da
Lebdkin, aus irgendeinem Grunde, von Stawrogin Geld erhlt. Was aber
die Klatschgeschichten ber Darja Pawlowna anbetrfe, so seien die
einzig Liputins Erfindung. Das meine auch Kirilloff.

Stepan Trophimowitsch hrte zerstreut meinen Versicherungen zu, ganz als
gingen sie ihn nichts an. Ich erwhnte auch mein Gesprch mit Kirilloff
und fgte hinzu, da ich ihn im brigen fr wahnsinnig hielte.

Er ist nicht wahnsinnig, aber er gehrt zu den Menschen mit kurzen
Gedanken, murmelte Stepan Trophimowitsch seltsam gelangweilt. _Ces
gens-l supposent la nature et la socit humaine autres que Dieu ne les
a faites et qu'elles ne sont rellement._{[75]} Man lt sich mit ihnen
ein, aber Stepan Werchowenski wenigstens hat das nicht getan. Ich habe
sie damals in Petersburg gesehen, _avec cette chre amie_{[76]} (oh, wie
ich _cette chre amie_ damals beleidigt habe!), doch weder ihr
Geschimpfe noch ihre Lobsprche haben mir Furcht einflen knnen.
Frchte diese Leute auch jetzt nicht, _mais parlons d'autre chose_{[77]}
... Ich glaube, ich habe Schreckliches angerichtet; stellen Sie sich
vor, ich habe Darja Pawlowna gestern einen Brief geschrieben und ... wie
verwnsche ich ihn nun ... und mich dazu!

Was haben Sie ihr denn geschrieben?

Oh, mein Freund, glauben Sie mir, das war alles so edel gedacht! Ich
teilte ihr mit, da ich vor etwa fnf Tagen an _Nicolas_ geschrieben
habe, und gleichfalls gromtig.

Jetzt begreife ich! rief ich aufgebracht. Und welch ein Recht hatten
Sie, die beiden so einander gegenberzustellen?

Aber, _mon cher_, erdrcken Sie mich doch nicht ganz, schreien Sie
nicht so, ich bin ja schon sowieso zerknirscht ... und zerdrckt wie
eine Schabe, ... und schlielich, ich glaube doch, es war alles edel.
Nehmen Sie an, da da wirklich etwas passiert ist ... _en Suisse_{[78]}
... oder angefangen hat. Ich mu doch ihre Herzen vorher fragen, um ...
_enfin_{[70]} -- um nicht die Herzen zu stren und wie ein Pfosten auf
ihrem Weg ... Ich ... i--ich habe es einzig und allein aus Edelmut
getan.

O Gott, wie dumm Sie das gemacht haben! sagte ich unwillkrlich.

Dumm, dumm, griff er das Wort sogleich und fast gierig auf. Noch nie
haben Sie etwas Klgeres gesagt, _c'tait bte mais que faire? Tout est
dit._{[79]} Werde ja sowieso heiraten, auch wenn's >fremde Snden< sind,
also wozu brauchte ich da noch zu schreiben! Nicht wahr?

Ach, so meine ich es ja nicht!

Oh, jetzt erschrecken Sie mich aber nicht mehr mit Ihrem Geschrei;
jetzt steht vor Ihnen nicht mehr jener Stepan Werchowenski, der ist
begraben, _enfin -- tout est dit_.{[80]} Ja und warum schreien Sie
eigentlich? Einfach, weil nicht Sie heiraten und nicht Sie einen
gewissen Kopfschmuck zu tragen brauchen! Wieder schneiden Sie ein
Gesicht! Aber, mein armer Freund, Sie kennen die Frau nicht, ich aber
habe in meinem ganzen Leben nichts anderes getan, als sie studiert.
>Willst du die Welt besiegen, besiege dich selbst<, das einzige, was
einem anderen solchen Romantiker, wie Sie einer sind, Schatoff, dem
Bruder meiner zuknftigen Gattin, als Ausspruch gelungen ist. Ich eigne
mir gern seinen Ausspruch an. Nun, auch ich bin bereit, mich selbst zu
besiegen, und heirate, aber was erobere ich anstatt der ganzen Welt?
Ach, mein Freund, die Ehe! Die ist der moralische Tod jeder stolzen
Seele, jeder Unabhngigkeit. Das Eheleben verdirbt mich, nimmt mir die
Energie, nimmt mir den Mut, der nun einmal zum Dienst an einer Sache
ntig ist. Dann kommen noch die Kinder, die am Ende gar nicht meine sind
-- das heit, selbstverstndlich nicht meine! --, der Weise frchtet
sich nicht, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken ... Liputin schlug mir
heute vor, mich mit Barrikaden vor _Nicolas_ zu schtzen. Er ist dumm,
dieser Liputin. Das Weib betrgt selbst das allwissende Auge Gottes. _Le
bon Dieu_{[81]} wute natrlich, als er das Weib schuf, was er
unternahm. Aber ich bin berzeugt, da sie Ihn selbst -- dabei gestrt
und Ihn verleitet hat, sie gerade so und ... mit solchen Attributen zu
schaffen; denn wer wrde sich umsonst solche Scherereien auf den Hals
laden? Ich wei, Nastassja wrde sich ber diese Freidenkerei rgern,
aber ... _enfin tout est dit_.{[80]}

Er wre nicht er gewesen, wenn er ohne ein billiges Wortspielchen
ausgekommen wre, wenigstens trstete er sich jetzt damit, -- aber
leider nicht auf lange.

Oh, wenn es doch kein bermorgen gbe, wenn doch dieser Sonntag nicht
wre! rief er pltzlich in heller Verzweiflung aus. Warum kann diese
Woche nicht ohne Sonntag sein -- _si le miracle existe_?{[82]} Was wrde
es denn die Vorsehung kosten, einen einzigen Sonntag aus dem Kalender zu
streichen, meinetwegen, um den Atheisten ihre Macht zu zeigen _et que
tout soit dit_!{[83]} Oh, wie ich sie geliebt habe! _Vingt ans_{[72]}
... und all die zwanzig Jahre hat sie mich nicht verstanden!

Von wem sprechen Sie denn jetzt? Ich kann Sie wirklich nicht
verstehen, fragte ich verwundert.

_Vingt ans!_ und nicht ein einziges Mal hat sie mich verstanden, oh,
das ist grausam! Und sollte sie wirklich glauben, da ich aus Angst
heirate? Oh, welche Schmach! _Tante, tante_, ich bin dein! Mag sie es
erfahren, diese _tante_, da sie das einzige Weib ist, das ich zwanzig
Jahre lang vergttert habe! Sie mu es erfahren, anders geht das nicht,
sonst mu man mich mit Gewalt schleppen zu dem da ... _ce qu'on appelle
le_{[84]} Altar!

Ich hrte zum ersten Mal dieses Bekenntnis und ich will nicht
verheimlichen, da mich eine wahnsinnige Lust zu lachen anwandelte. Oder
tat ich ihm Unrecht?

Er allein ist mir jetzt geblieben, meine einzige Hoffnung! rief er
pltzlich, wie von einer neuen Idee erleuchtet. Jetzt ist nur er es
allein, mein armer Junge, der mich retten kann und -- warum kommt er
denn noch nicht? Mein Sohn, mein Petruscha ... und wenn ich's auch nicht
verdient habe -- Vater zu heien, eher ein Tiger bin ... so ...
_laissez-moi mon ami_{[85]} ... ich werde ein wenig schlafen, um meine
Gedanken zu sammeln. Ich bin so mde, so mde, ja, und auch Sie mssen,
glaube ich, zu Bett, _voyez-vous_{[86]} ... es ist schon zwlf.




                            Viertes Kapitel.
                              Die Hinkende


                                   I.

Diesmal war Schatoff nicht starrkpfig, sondern erschien, auf meinen
Brief hin, richtig um zwlf Uhr. Wir trafen fast zu gleicher Zeit ein,
denn auch ich war gekommen, um meine erste Visite zu machen. Lisa, die
_Mam_ und Mawrikij Nicolajewitsch saen alle drei im groen Salon und
stritten sich gerade. Die _Mam_ wnschte, da Lisa ihr einen bestimmten
Walzer vorspiele, und als Lisa das tat, behauptete sie, das sei ein
anderer Walzer. Mawrikij Nicolajewitsch trat in seiner Einfalt fr Lisa
ein und beteuerte, da es wirklich der gewnschte Walzer gewesen sei,
doch da begann die alte Dame vor rger zu weinen. Sie war krank und
konnte kaum gehen. Ihre Fe waren geschwollen, und nun tat sie schon
seit ein paar Tagen nichts anderes, als da sie launisch war und mit
allen und jedem Streit anfing, obgleich sie Lisa immer ein wenig
frchtete. ber unseren Besuch war man sehr erfreut. Lisa errtete vor
Freude, und nachdem sie mir _merci_ gesagt hatte (natrlich wegen
Schatoff), ging sie auf ihn zu. In ihren Augen lag Neugier.

Schatoff war linkisch an der Tr stehen geblieben. Sie dankte ihm dafr,
da er gekommen war, und fhrte ihn dann zur Mutter.

Das ist Herr Schatoff, Mama, von dem ich Ihnen schon erzhlt habe, und
hier ist Herr G--ff, ein Freund von mir und Stepan Trophimowitsch.

Wer von Ihnen ist nun der Professor?

Keiner von ihnen ist Professor, Mama.

Wieso, einer ist doch Professor. Du hast mir selbst gesagt, da ein
Professor kommen wird -- wahrscheinlich ist es der? und sie wies dabei
auf Schatoff.

Ich habe Ihnen nichts von einem Professor gesagt. Herr G--ff ist
Beamter und Herr Schatoff ist Student.

Student, Professor -- die sind doch beide von der Universitt. Du
willst immer nur streiten. Der Schweizer sah anders aus.

Mama nennt Pjotr Stepanowitsch immer >Professor<, sagte Lisa und
fhrte Schatoff in die andere Salonecke zu einem Sofa, auf dem sie dann
Platz nahm. Wenn ihre Fe schmerzen, ist sie immer so, sie ist nmlich
krank, sagte sie dabei leise zu ihm, whrend sie ihn wieder neugierig
betrachtete und besonders auf seinen abstehenden Haarschopf sah.

Sind sie Militr? fragte mich Madame Drosdoff, der mich Lisa
unbarmherzig berlassen hatte.

Nein, ich diene ...

Herr G--ff ist Stepan Trophimowitschs bester Freund, rief Lisa ihr aus
der anderen Ecke zu.

Sie dienen bei Stepan Trophimowitsch? Aber der ist doch auch
Professor!

Ach, Mama, Sie machen ja schon alle Menschen zu Professoren! rief Lisa
unwillig.

Es gibt ihrer auch so schon zu viele! Du aber willst nur wieder deiner
Mutter widersprechen. -- Waren Sie hier, als Nicolai Wszewolodowitsch
das erste Mal, vor vier Jahren, bei Warwara Petrowna war?

Ich antwortete bejahend.

War irgendein Englnder mit ihm hier?

Nein, nicht, da ich wte.

Lisa fing an zu lachen.

Sehen Sie nun, Mama, da berhaupt kein Englnder hier gewesen ist --
also, wieder Lgen! Warwara Petrowna und Stepan Trophimowitsch lgen
alle beide. Ja, und berhaupt -- alle lgen! Gestern, erklrte sie
darauf, zu uns gewandt, fanden nmlich _tante_ und Stepan
Trophimowitsch eine hnlichkeit zwischen Nicolai Wszewolodowitsch und
dem Prinzen Heinz aus Shakespeares >Heinrich IV.<, und daher glaubt Mama
nun, da ein Englnder mit ihm hier gewesen sei.

Wenn kein Englnder da war, so war auch kein Heinz da, und euer Nicolai
Wszewolodowitsch machte nur seine eigenen Streiche.

Mama tut nur mit Absicht so, fand Lisa fr ntig, Schatoff auseinander
zu setzen. Sie kennt Shakespeare sehr gut; ich habe ihr selbst den
ersten Akt von >Othello< vorgelesen. Sie ist jetzt immer so gereizt,
wissen Sie. -- Mama, hren Sie, es schlgt zwlf, Sie mssen Ihre
Medizin einnehmen.

Der Doktor ist gekommen, meldete das Dienstmdchen.

Die Alte erhob sich und rief ihr Hndchen: Semirka, Semirka, komm du
doch wenigstens mit mir. Aber das widerliche alte Tierchen Semirka
gehorchte ihr nicht, sondern kroch zu Lisa unter das Sofa.

Du willst also nicht? Nun, dann will ich dich auch nicht mehr. Leben
Sie wohl, mein Lieber, Ihren Namen habe ich leider vergessen, wandte
sie sich an mich.

Anton Lawrentjewitsch ...

Schon gut, lassen Sie nur, bei mir geht's doch blo zum einen Ohr
hinein, zum andern hinaus. Begleiten Sie mich nicht, Mawrikij
Nicolajewitsch, ich habe nur Semirka gerufen. Noch kann ich, Gott sei
Dank, allein gehen, und morgen werde ich spazieren fahren!

Und sichtlich gergert verlie sie langsam den Salon.

Anton Lawrentjewitsch, Sie unterhalten sich inzwischen mit Mawrikij
Nicolajewitsch, -- nicht wahr? Ich kann Sie versichern, da Sie beide
nur gewinnen werden, wenn Sie nhere Bekanntschaft machen, sagte Lisa
und lchelte Mawrikij Nicolajewitsch freundschaftlich zu. Er aber
erstrahlte frmlich unter ihrem Blick.

So mute ich mich denn, wohl oder bel, mit Mawrikij Nicolajewitsch
unterhalten.


                                  II.

Die Angelegenheit, die Lisaweta Nicolajewna mit Schatoff besprechen
wollte, erwies sich zu meinem Erstaunen als tatschlich rein
literarisch. Ich wei nicht, warum ich berzeugt gewesen war, da sie
ihn aus einem anderen Grunde zu sich gerufen htte. Als wir nun sahen,
da sie aus ihrem Anliegen kein Geheimnis vor uns machte und auch nicht
leise sprach, hrten wir unwillkrlich zu; und bald zog sie uns sogar
mit ins Gesprch und bat auch uns um Rat. Sie hatte, wie sie uns
auseinandersetzte, schon lange die Herausgabe eines ihrer Meinung nach
sehr ntzlichen Buches geplant. Da sie aber in solchen literarischen
Sachen keine Erfahrung besa, so brauchte sie einen Mitarbeiter. Der
Ernst, mit dem sie Schatoff ihren Plan zu erklren versuchte, setzte
mich wirklich in Erstaunen.

Also auch eine von den Modernen, dachte ich. Sie scheint nicht
umsonst in der Schweiz gewesen zu sein.

Schatoff hrte ihr aufmerksam zu, den Blick eigensinnig an den Boden
geheftet, und ohne jegliche Verwunderung darber, da ein junges Mdchen
der Gesellschaft sich mit solchen Sachen abgab.

Es handelte sich um Folgendes. In einem Lande wie Ruland erscheint
jhrlich eine groe Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften aller Art,
und in ihnen wird tagaus tagein von allen mglichen Ereignissen
berichtet. Aber wenn dann das Jahr vergangen ist, werden die alten
Zeitungen berall weggerumt, in Schrnke gesteckt, oder sie liegen
herum, werden zerrissen, werden zum Einschlagen verwandt usw. Manch
eines von den mitgeteilten Ereignissen bleibt wohl im Gedchtnis des
Lesers haften, wenn es auf ihn einen Eindruck gemacht hat, und gert
erst nach Jahren in Vergessenheit. Nun wrden aber viele spter gern
nachschlagen und das einmal Gelesene wieder lesen wollen, aber was gbe
das fr eine Arbeit, in diesem Meer von Blttern die Stelle zu finden,
zumal man sich oft nicht einmal erinnert, in welchem Jahre oder Monat
und in welcher Zeitung man die betreffende Sache gelesen hat. Indessen
knnte, wenn man alle derartigen Geschehnisse eines ganzen Jahres
sammelte und in einem einzigen Bande herausgbe -- selbstverstndlich
nach einem bestimmten Plan und nach einem bestimmten leitenden Gedanken
geordnet, mit einteilenden berschriften, mit einem Index und mit
bersichtlicher Angabe der Zeit (Monate und Tage) -- so knnte eine
solche Zusammenfassung des Stoffes in einem bersichtlichen Werke die
ganze Charakteristik des russischen Lebens im Laufe dieses Jahres
veranschaulichen, obwohl von den Ereignissen selbst, im Vergleich zu all
den unzhligen Geschehnissen, von denen die Zeitungen berichten,
natrlich nur ein kleiner Bruchteil gebracht werden soll.

Wir wrden also statt einer Menge Bltter mehrere dicke Bcher haben,
und das wre alles, bemerkte Schatoff.

Doch Lisaweta Nicolajewna verteidigte ihren Gedanken mit groem Eifer,
obgleich es schwer war, ihn einleuchtend zu erklren, ganz abgesehen
davon, da sie sich auch nicht recht auszudrcken verstand. Es msse nur
ein einziger Band werden, und nicht einmal ein sehr dicker, beteuerte
sie. Oder wenn es auch ein dickes Buch werden sollte, so msse es doch
bersichtlich sein, und deshalb sei die Hauptsache der Plan und die Art
der Einteilung des Stoffes. Selbstredend drfe nicht alles genommen und
abgedruckt werden. Erlasse, Regierungsmanahmen, rtliche Verordnungen,
Gesetze -- so wichtig das alles auch sei -- in das Buch brauchte man
davon doch nichts aufzunehmen. berhaupt knnte man vieles weglassen und
sich auf eine Auswahl von Geschehnissen beschrnken, die mehr oder
weniger das ethische und persnliche Leben des Volkes, sozusagen die
Persnlichkeit des russischen Volkes im gegebenen Augenblicke
ausdrckten. Freilich kme alles in Betracht: Kuriositten, Brnde,
Spenden, Stiftungen, die verschiedensten guten oder schlechten
Handlungen, verschiedene Aussprche und Reden, ja, schlielich auch
Nachrichten von berschwemmungen, ja meinethalben auch einzelne
Regierungserlasse, aber aus allem msse nur das herausgesucht werden,
was die Epoche kennzeichnet. Alles msse eben unter einem bestimmten
Gesichtswinkel erfat und hingestellt werden, und hinter allem msse ein
Gedanke stehen, der den Zusammenhang des Ganzen sichtbar werden lasse.
Und schlielich msse das Buch sogar als Lektre interessant und
fesselnd sein, ganz zu schweigen von seinem Wert als notwendiges
Nachschlagebuch! Es wre also gewissermaen ein Bild des geistigen,
sittlichen, inneren russischen Lebens im Laufe eines Jahres. Es mu so
sein, da alle es kaufen, es mu zu einem richtigen Handbuch werden,
behauptete Lisa. Ich wei wohl, da hierbei der Plan die Hauptsache
ist, und deshalb wende ich mich an Sie, schlo Lisa. Sie war recht in
Eifer geraten, und obgleich sie sich unklar und unvollstndig
ausgedrckt hatte, begann Schatoff zu begreifen.

Es wrde also doch so etwas mit einer Tendenz werden, eine
Zusammenstellung von Fakten unter einem bestimmten Gesichtswinkel,
brummte er, immer noch ohne den Kopf zu erheben.

Keineswegs mit einer Tendenz, das ist gar nicht ntig! Nichts als
Objektivitt -- das soll die ganze Richtschnur sein.

Aber die Richtung wre ja an sich nichts Schlimmes, sagte Schatoff und
bewegte sich endlich, auch liee sich das wohl nicht vermeiden, sobald
man berhaupt eine Auswahl trifft. In der Art der Auswahl und
Zusammenstellung wird eben schon der Hinweis enthalten sein, wie man das
Ganze verstehen soll. Ihre Idee ist nicht schlecht.

So glauben Sie, da man ein solches Buch zustande bringen kann? fragte
Lisa erfreut.

Man mu sich das noch berlegen. Es wrde ein groes Unternehmen
werden. So pltzlich lt sich nichts ausdenken. Da mu man Erfahrungen
sammeln. Selbst whrend der Arbeit drften wir noch nicht recht wissen,
wie es am besten zu machen wre. Vielleicht finden wir das erst nach
vielen Versuchen. Aber der Gedanke fngt an, einem klar zu werden. Es
ist ein ntzlicher Gedanke.

Endlich sah er auf und seine Augen leuchteten sogar vor Vergngen, so
sehr war er jetzt interessiert.

Haben Sie sich das selbst ausgedacht? fragte er Lisa freundlich und,
wie das so seine Art war, fast verschmt.

Ach, das Ausdenken war kein Kunststck, dafr aber ist das der Plan um
so mehr, erwiderte Lisa lchelnd. Ich verstehe wenig davon und bin
nicht sehr klug, ich verfolge nur das, was mir selbst klar ist ...

Sie verfolgen?

Das ist wohl nicht das richtige Wort? forschte Lisa schnell und
wibegierig.

Nein, doch ... man kann es sagen. Ich fragte nicht deswegen.

Ich habe mir schon im Auslande gesagt, da auch ich der allgemeinen
Sache irgendwie ntzlich sein knnte. Ich besitze mein eigenes Geld, und
es liegt tot da. Warum soll ich nicht gleichfalls arbeiten? Und zudem
kam mir jene Idee ganz von selbst, ich habe mich gar nicht angestrengt
oder sie mir ausgedacht --, der Gedanke war auf einmal da, und da freute
ich mich sehr. Ich sah nur gleich ein, da es ohne einen Mitarbeiter
nicht gehen wrde, da ich allein doch nichts verstehe. Der Mitarbeiter
soll natrlich auch gleich der Mitherausgeber sein. Wir machen es dann
zur Hlfte: von Ihnen kommt der Plan und die Arbeit, von mir die Idee
und die Mittel zur Herausgabe. Das Buch wird sich doch bezahlt machen!

Wenn wir den richtigen Plan finden, wird das Buch schon gehen.

Ich mu nur vorausschicken, da ich es nicht wegen des mglichen
berschusses tue, aber ich mchte doch sehr, da es viel gekauft wird,
und auf einen berschu wre ich natrlich furchtbar stolz.

Aber was soll ich denn dabei?

Aber ich bitte doch gerade Sie, dieser Mitarbeiter zu sein ... Wir
teilen dann. Sie werden doch den Plan ausdenken.

Woher wissen Sie, ob ich das kann?

Man hat mir schon von Ihnen erzhlt ... ich wei, da Sie sehr klug
sind und ... zu arbeiten verstehen und ... viel denken. Mir hat Pjotr
Stepanowitsch Werchowenski in der Schweiz von Ihnen erzhlt, fgte sie
eilig hinzu. Er ist ein sehr kluger Mensch, nicht wahr?

Schatoff sah sie im Nu mit einem gleichsam huschenden Blick an, der kaum
ber sie hinglitt, senkte aber sofort wieder die Augen.

Auch Nicolai Stawrogin hat mir viel von Ihnen erzhlt.

Schatoff wurde pltzlich rot.

brigens, hier sind schon Zeitungen. Sie nahm hastig ein
zusammengebundenes Paket, das auf einem Stuhl bereit lag. Ich habe
schon versucht, eine Auswahl zu treffen und ein bichen
zusammenzustellen -- ich habe die Stellen angestrichen und nummeriert
... Sie werden schon selbst sehen ...

Schatoff nahm das Paket.

Nehmen Sie es mit nach Haus, sehen Sie es dort durch -- Sie wohnen doch
irgendwo?

In der Bogojawlenskstrae, im Filippoffschen Hause.

Ich wei, wo das ist. Dort soll, wie ich gehrt habe, neben Ihnen auch
irgendein Hauptmann wohnen, ein Herr Lebdkin? fuhr Lisa mit derselben
hastenden Eile fort.

Schatoff sa, das Paket, wie er es genommen hatte, frei in der Hand
haltend, wohl eine ganze Minute ohne zu antworten da und blickte zu
Boden.

Zu diesen Sachen werden Sie sich doch wohl einen anderen aussuchen
mssen, denn ich -- tauge nicht dazu, sagte er schlielich mit ganz
eigentmlich gesenkter Stimme, ja, fast flsternd.

Lisa flammte auf.

Von was fr Sachen reden Sie? Mawrikij Nicolajewitsch! rief sie
diesen, bitte geben Sie mir jenen Brief.

Auch ich trat nach Mawrikij Nicolajewitsch an den Tisch.

Sehen Sie dies hier, wandte sie sich pltzlich an mich, whrend sie in
sichtlich groer Erregung den Brief entfaltete. Haben Sie schon je
etwas hnliches gesehen? Bitte, lesen Sie es laut vor. Ich will, und es
ist ntig, da auch Herr Schatoff es hrt, wandte sie sich darauf an
mich, haben Sie schon je in Ihrem Leben so was gelesen? Bitte, lesen
Sie laut vor. Auch Herr Schatoff soll's hren.

Ich las nicht wenig erstaunt das Folgende:

   An die vollendete Schnheit, die Jungfrau Lisaweta Nicolajewna
   Tuschina.

   Gndiges Frulein!

      O, wie ist sie wunderbar,
      Lisaweta Tuschina!
      Wenn sie morgens ausreitet
      Und durch ihre Locken der Wind gleitet!
      Dann wnsch' ich mir von ihr alle Wonne
      Und denk', sie sei meine Frau und meine Sonne.

                           (Gedichtet von einem Ungelehrten nach einem
                                                             Streite.)

   Gndiges Frulein!

   Am meisten bedauere ich, da ich vor Sebastopol nicht einen Arm zum
   Ruhme der Tapferkeit verloren habe, sintemal ich dort berhaupt
   nicht gewesen bin, sondern man mich whrend des ganzen Feldzuges mit
   der Lieferung von ganz gemeinem Proviant beschftigt hat. Sie aber
   sind eine Gttin im Altertum und ich bin vor Ihnen nichts, doch
   jetzt ahne ich, was Unermelichkeit ist. Betrachten Sie alles, was
   ich Ihnen sage, als Verse, denn Verse sind Poesie, und Poesie ist
   Unsinn, aber sie entschuldigt das, was man in der Prosa
   Unverschmtheit nennt. Wie aber sollte sich eine Sonne ber eine
   Infusorie rgern, wenn es doch, mit dem Mikroskop betrachtet,
   unendlich viele Infusorien schon in einem Wassertropfen gibt! Sogar
   der groe Klub der Nchstenliebe zu groem Viehzeug in Petersburg,
   der mitleidig fr die Rechte von Hunden und Pferden kmpft, nimmt
   sich der kleinen Infusorie nicht an, weil sie nicht ausgewachsen
   ist. Auch ich bin noch nicht ausgewachsen. Der Gedanke an eine
   Heirat wrde komisch sein. Aber durch einen Menschenhasser, den Sie
   verachten, werde ich bald zweihundert ehemalige Seelen besitzen.
   Kann vieles mitteilen, und habe Dokumente in der Hand, wofr es
   sogar nach Sibirien gehen kann. Verachten Sie also nicht meinen
   Antrag. Dieser Brief ist rein poetisch zu verstehen.

                                                   Hauptmann Lebdkin,
                          Ihr ergebenster Freund, der immer Zeit hat.

Das hat ein Betrunkener geschrieben, rief ich aus, ein erbrmlicher
Mensch! -- Ich kenne ihn!

Ich erhielt ihn gestern, begann Lisa, hochrot im Gesicht, uns hastig
zu erklren. Ich begriff sofort, da irgend ein Narr ihn geschrieben
hat. Deshalb habe ich ihn Mama auch gar nicht gezeigt, um sie nicht
aufzuregen. Doch was soll ich tun, wenn er mir noch mehr solche Briefe
schreibt? Mawrikij Nicolajewitsch wollte zu ihm gehen, um es ihm zu
verbieten. Sie aber, Herr Schatoff, da Sie doch im selben Hause wohnen,
Sie knnen mir vielleicht etwas Nheres ber ihn mitteilen?

Ein verkommener Mensch, murmelte Schatoff zur Antwort.

Ist er immer so dumm?

O nein, wenn er nicht betrunken ist, ist er durchaus nicht dumm.

Ich habe einen General gekannt, der in seinen Muestunden genau solche
Gedichte schrieb, bemerkte ich amsiert.

Sogar aus diesem Brief ist zu ersehen, da er nicht dumm sein
kann, sagte der sonst so schweigsame Mawrikij Nicolajewitsch
berraschenderweise.

Man sagt, er habe hier eine Schwester bei sich? fragte Lisa.

Ja, eine Schwester.

Und er soll sie tyrannisieren, ist das wahr?

Schatoff sah Lisa wieder kurz an, runzelte die Stirn, brummte nur: Was
geht das mich an! und wandte sich zur Tr.

Ach, aber so warten Sie doch, rief Lisa erregt, wohin wollen Sie denn
schon? Wir mssen doch noch so vieles besprechen! ...

Was denn besprechen? Ich werde Ihnen morgen Bescheid sagen ...

Aber die Hauptsache ist doch, wie wir es drucken! Glauben Sie mir doch
endlich, da es mir mit dem Buch wirklich ernst ist! beteuerte Lisa in
wachsender Unruhe. Wenn wir es nun herauszugeben beschlieen, wo soll
das Buch dann gedruckt werden? Wir werden doch deshalb nicht nach Moskau
reisen, und die hiesige Druckerei kommt fr eine solche Ausgabe doch
nicht in Frage. So habe ich denn beschlossen, eine eigene Druckerei zu
grnden, sagen wir, auf Ihren Namen, und Mama wrde bestimmt nichts
dagegen haben, wenn es auf Ihren Namen geschieht ...

Woher wissen Sie, da ich zu drucken verstehe? fragte Schatoff
finster.

Ja, das hat mir Pjotr Stepanowitsch Werchowenski schon in der Schweiz
gesagt, da Sie das alles verstehen, und er wollte mir sogar einen Brief
an Sie mitgeben, aber dann habe ich's vergessen ...

Wie ich mich jetzt erinnere, ging hierauf eine Vernderung in Schatoffs
Gesicht vor sich. Er stand noch ein paar Sekunden da und pltzlich
verlie er das Zimmer.

Lisa rgerte sich.

Geht er immer so weg? fragte sie mich.

Ich zuckte nur mit der Schulter -- doch in diesem Augenblick kam
Schatoff schon zurck und legte das Paket auf den Tisch.

Ich kann nicht Ihr Mitarbeiter sein, habe keine Zeit ...

Aber warum, warum denn nicht? Sie haben sich wohl ber irgend etwas
gergert? fragte Lisa ganz traurig und ihre Stimme klang bittend.

Und dieser Ton in ihrer Stimme schien ihn stutzig zu machen: ein paar
Augenblicke lang sah er sie unverwandt an, als wolle er bis in ihre
Seele hineinschauen.

Einerlei, murmelte er dann dumpf, ich will nicht ...

Und er ging wirklich weg.

Lisa blieb ganz niedergeschlagen zurck -- sogar weit
niedergeschlagener, als man es nach dem Vorgefallenen htte verstehen
knnen; wenigstens schien es mir damals so.

Ein uerst sonderbarer Mensch, bemerkte Mawrikij Nicolajewitsch.


                                  III.

Allerdings wirkte Schatoff sonderbar, aber schlielich war an diesem
ganzen Vorfall doch gar zu vieles unklar. Es mute da hinter manchem
noch ein anderer Sinn stecken. Diese Buchgeschichte z. B. kam mir
durchaus unglaubhaft vor und ich dachte bei mir, da sie wohl nur ein
Vorwand zu irgendwelchen anderen Zwecken sein knne. Und dann dieser
verrckte Brief mit dem Versprechen von Mitteilungen und Dokumenten,
und warum hatten sie es vermieden, davon zu sprechen, warum sprachen sie
sogleich von ganz etwas anderem? Warum war Schatoff so pltzlich
fortgegangen, und so auffallenderweise gerade dann, als man von der
Druckereifrage zu sprechen begann? Alles das gab mir zu denken und ich
kam zu der berzeugung, da hier etwas Geheimnisvolles vorliegen msse.
-- -- Doch es war Zeit, da auch ich mich verabschiedete.

Lisa schien meine Anwesenheit im Zimmer ganz vergessen zu haben. Sie
stand immer noch tief nachdenklich auf demselben Platz am Tisch und
starrte vor sich hin.

Ach, auch Sie wollen gehen? Nun, auf Wiedersehen, sagte sie
freundlich. Gren Sie Stepan Trophimowitsch von mir und reden Sie ihm
doch zu, da er so bald wie mglich zu mir komme. Mama kann sich leider
nicht von Ihnen verabschieden ... Sie entschuldigen gewi!

Ich verabschiedete mich noch von Mawrikij Nicolajewitsch und ging
hinaus. Als ich schon die Treppe hinabgegangen war, kam mir der Diener
nachgelaufen.

Das gndige Frulein lassen Sie sehr bitten, zurckzukommen.

Als ich daraufhin wieder zurckging und eintrat, war Mawrikij
Nicolajewitsch ganz allein im groen Salon. Lisa dagegen erwartete mich
im anstoenden kleineren Empfangszimmer, dessen Tr nur angelehnt war.

Bleich und augenscheinlich noch unentschlossen stand sie mitten im
Zimmer und lchelte mir zu, als ich eintrat. Pltzlich ergriff sie meine
Hand und zog mich schnell zum Fenster.

Ich will sie sehen, flsterte sie und sah mich mit heiem, starkem,
ungeduldigem Blick an, der jeden Widerspruch unmglich machte. Ich mu
sie mit meinen eigenen Augen sehen, und dazu brauche ich Ihre Hilfe.

Sie schien wirklich auer sich und ganz verzweifelt zu sein.

Wen wollen Sie sehen, Lisaweta Nicolajewna? fragte ich erschrocken.

Diese Lebdkina, diese Lahme ... Es ist doch wahr, da sie lahm ist?

Ich habe sie nie gesehen, aber ich hrte noch gestern, da sie
allerdings lahm sein soll, antwortete ich rasch und sprach gleichfalls
so leise wie mglich.

Ich ... mu sie unbedingt sehen! Knnen Sie das nicht heute noch
einrichten?

Lisa tat mir furchtbar leid.

Das ... das scheint mir ganz unmglich. Wie ... sollte man --? Ich
wollte ihr den Gedanken ausreden. Doch als ich sah, da sie ganz
verzweifelt war, sagte ich: Ich knnte ja zu Schatoff gehen ...

Wenn Sie mir nicht helfen, dann werde ich morgen selbst zu ihr gehen.
Allein. Denn Mawrikij Nicolajewitsch weigert sich, mich dorthin zu
begleiten. Ich hoffe jetzt nur noch auf Sie, denn sonst habe ich ja
niemanden. Mit Schatoff habe ich tricht gesprochen. Aber ich wei, Sie
sind ein Ehrenmann, und vielleicht mir ein wenig zugetan. Tun Sie es!
Bitte, bitte!

Da erfate mich der leidenschaftliche Wunsch, ihr in allem behilflich zu
sein.

Gut, sagte ich entschlossen, nachdem ich eine Weile berlegt hatte.
Ich werde noch heute selbst hingehen und den Versuch machen, sie zu
sehen und zu sprechen. Unter allen Umstnden. Ich werde Ihren Wunsch
erfllen. Ich gebe Ihnen mein Wort. Nur mssen Sie mir gestatten, vorher
mit Schatoff darber zu sprechen.

Ja, sagen Sie ihm, da ich sie sehen mu! Da ich nicht lnger warten
kann! Und sagen Sie ihm, da ich ihn vorhin wirklich nicht zum besten
gehabt habe. So etwas hat er wohl geglaubt. Deshalb scheint er ja
fortgegangen zu sein. Seine Ehrlichkeit, sein Ehrgefhl war gekrnkt.
Ich habe ihm aber ganz gewi nichts vorgespiegelt. Ich will wirklich das
Buch herausgeben und eine Druckerei grnden ...

Ja, Schatoff ist der ehrlichste Mensch, beteuerte ich eifrig.

Und wenn es Ihnen nicht gelingt, dann -- dann gehe ich morgen selbst zu
ihr. Einerlei, was daraus entsteht. Und wenn auch alle es erfahren!

Aber vor drei Uhr kann ich unmglich bei Ihnen sein!

Gut, also dann morgen um drei. Und nicht wahr, ich habe mich nicht in
Ihnen getuscht, bei Stepan Trophimowitsch, als ich Sie fr ein wenig --
mir zugetan hielt? lchelte sie mir zu, drckte mir zum Abschied die
Hand und ging schnell in den groen Salon, in dem Mawrikij
Nicolajewitsch offenbar auf sie wartete.

Ich verlie das Haus, bedrckt von meinem Versprechen und unfhig,
fassen zu knnen, was geschehen war. Ich hatte einen Menschen in
wirklicher Verzweiflung gesehen, ein junges Mdchen, das sich nicht
scheute, sich blozustellen und einem ihr fremden Menschen ihr ganzes
Vertrauen zu schenken. Ihr Lcheln, das Lcheln einer Frau, die
Anspielung, da sie wisse, wie ich ihr zugetan sei, das alles regte mich
nicht wenig auf. Doch sie tat mir leid, so, so leid! Ihre Geheimnisse
wurden fr mich pltzlich zu etwas Heiligem. Wenn man mir diese
Geheimnisse htte mitteilen wollen, -- ich wrde nicht zugehrt haben.
Ich ahnte ja mancherlei ... Aber wie sollte ich nun dieses seltsame,
dieses unheimliche Zusammentreffen zustandebringen? Meine ganze Hoffnung
setzte ich auf Schatoff. Ich sagte mir zwar gleich, da er dabei wenig
werde helfen knnen. Aber immerhin, ich ging sofort zu ihm.


                                  IV.

Erst am Abend, um acht Uhr, traf ich ihn zu Haus. Zu meiner Verwunderung
hatte er Besuch: Alexei Nilytsch Kirilloff und ein Herr Schigaleff --
der Bruder der Frau Wirginski -- waren bei ihm.

Dieser Schigaleff war erst seit ungefhr zwei Monaten in unserer Stadt;
ich wei nicht, woher er kam. Wirginski hatte ihn mir gelegentlich auf
der Strae vorgestellt und ich wute von ihm wenig mehr, als da in
einem fortschrittlichen Petersburger Blatt einmal ein Artikel von ihm
erschienen war. Wir hatten uns damals nur flchtig begrt und kaum ein
Wort miteinander gewechselt. Das einzige, was ich von ihm behalten
hatte, war der Eindruck, in meinem ganzen Leben noch nie ein so
finsteres, griesgrmiges, mrrisches Gesicht gesehen zu haben. Er
schaute drein, als erwarte er den Untergang der ganzen Welt, und zwar
nicht nach irgendwelchen Voraussagungen, die schlielich auch nicht in
Erfllung zu gehen brauchten, sondern genau so, als wisse er sogar schon
die Stunde des Untergangs mit tdlicher Sicherheit: etwa bermorgen
frh, punkt fnf Minuten vor halb elf. Und dann waren mir noch ganz
besonders seine Ohren aufgefallen, Ohren von einer geradezu
bernatrlichen Gre, lang, breit und dick, die noch obendrein fast im
rechten Winkel nach links und rechts vom Kopf wegstrebten. Seine
Bewegungen waren plump und langsam. Wenn Liputin vielleicht hin und
wieder davon getrumt hatte, da die Phalansterien sich auch in unserem
Gouvernement verwirklichen knnten, so wute dieser Schigaleff sicher
Tag und Stunde voraus, wann das geschehen werde. Jedenfalls hatte er
geradezu den Eindruck eines Unheilverknders auf mich gemacht; und da
ich gerade ihn jetzt bei Schatoff antraf, wunderte mich sehr, -- um so
mehr, als Schatoff Besuch schon an und fr sich nicht ausstehen konnte.

Bereits auf der Treppe hrte ich, da sie alle drei ungewhnlich laut
miteinander sprachen und, wie mir schien, sich heftig stritten. In dem
Augenblick aber, als ich eintrat, verstummten sie sofort. Und pltzlich
setzten sie sich, whrend sie bis dahin gestanden hatten. So mute auch
ich mich setzen. Wir schwiegen alle. Schigaleff tat so, als kenne er
mich berhaupt nicht. Mit Kirilloff tauschte ich einen Gru, und ich
wei nicht, weshalb wir uns nicht die Hand reichten. Schigaleff sah mich
streng und finster an, mit einem Ausdruck, der vllig naiv die feste
berzeugung zeigte, da ich sofort aufstehen und wieder weggehen wrde.
Da erhob sich endlich Schatoff und die anderen folgten seinem Beispiel.
Sie gingen fort, ohne ein Wort zu sagen, noch sich zu verabschieden.
Erst an der Tr wandte sich Schigaleff noch einmal zu Schatoff und sagte
in drohendem Tone:

Vergessen Sie aber nicht, da Sie Rechenschaft schuldig sind!

Zum Teufel mit eurer Rechenschaft, ich bin keinem von euch etwas
schuldig! rief Schatoff ihnen wtend nach, schlug die Tr zu und drehte
den Schlssel um.

Narren! sagte er, nachdem sein Blick mich gestreift hatte, mit kurzem,
eigentmlich gehssigem Auflachen.

Sein Gesicht sah bse aus, und ich wunderte mich, da er diesmal als
erster zu sprechen begann. Frher war es gewhnlich so gewesen, wenn ich
ihn besuchte, was freilich sehr selten geschah, da er sich mimutig in
einen Winkel setzte und auf meine Fragen mrrisch antwortete. Erst nach
lngerer Zeit begann er aufzutauen und dann erst sprach er mit
Vergngen. Beim Abschied aber wurde er jedesmal wieder unwirsch, und
wenn er einen zur Tr geleitete, tat er es mit einer Miene, als drnge
er seinen persnlichen Feind aus dem Hause.

Ich habe gestern bei diesem Herrn Kirilloff Tee getrunken, sagte ich,
um ein Gesprch anzuknpfen. Bei ihm scheint der Atheismus ein bichen
zur fixen Idee geworden zu sein.

Der russische Atheismus ist noch nie ber ein schlechtes Wortspiel
hinausgekommen, brummte Schatoff, whrend er den alten Lichtstumpf aus
dem Leuchter nahm und ein neues Licht einsetzte.

Ich glaube nicht, da es diesem Kirilloff um Wortspiele zu tun ist. Er
versteht ja, wie's scheint, berhaupt kaum zu sprechen -- wie sollte er
da noch an Wortspiele denken!

Papierene Menschen; aus Lakaientum kommen ihnen alle diese Gedanken,
bemerkte Schatoff ruhig, nachdem er sich in der Zimmerecke auf einen
Stuhl gesetzt und die Handflchen auf die Kniee gesttzt hatte.

Ha ist auch dabei, sagte er nach einer Weile des Schweigens. Diese
Leute wrden selbst als erste sterbensunglcklich sein, wenn Ruland
sich auf irgendeine Weise vernderte, und wre es auch genau nach ihrem
Wunsch, und pltzlich unermelich reich und glcklich werden wrde. Dann
htten sie ja niemanden mehr, den sie hassen, auf den sie spucken, ber
den sie spotten knnten! Hier ist's nichts als ein einziger tierischer,
grenzenloser Ha auf Ruland, der sich in ihren Organismus
hineingefressen hat ... Und von irgendwelchen heimlichen Trnen, die
sich angeblich hinter dem sichtbaren Lachen verbergen sollen[30], ist
hier berhaupt keine Spur vorhanden! Noch nie ist in Ruland etwas
Dmmeres gesagt worden, als dieses falsche Wort von den >heimlichen
Trnen<! sagte er fast jhzornig.

Wei Gott, Sie sind aber wtend! sagte ich lachend.

Und Sie sind >gemigt liberal<. Schatoff lchelte flchtig. Wissen
Sie, sagte er nach einer Weile ganz pltzlich, ich habe das vorhin
vielleicht falsch gesagt, das vom >Lakaientum der Gedanken<. Sie werden
gewi bei sich gedacht haben: >Das sagt er nur, weil er von einem Lakai
geboren ist, ich aber bin's nicht.<

Aber das habe ich durchaus nicht gedacht ... wie kommen Sie darauf!
...

Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, ich frchte Sie nicht. Frher
stammte ich nur von einem Lakaien ab, jetzt bin ich selber zu einem
geworden, zu genau so einem, wie auch Sie einer sind. Unser russischer
Liberaler ist vor allen Dingen Lakai und wartet nur darauf, wie und wo
er jemandem die Stiefel putzen kann.

Was fr Stiefel? Was meinen Sie mit dieser Allegorie?

Was Allegorie! Sie lachen, wie ich sehe ... Stepan Trophimowitsch hat
ganz recht, wenn er sagt, da ich unter einem Stein liege, schon halb
erdrckt, aber noch nicht zerdrckt bin und mich nur noch in den letzten
Krmpfen winde. Das hat er gut gesagt.

Stepan Trophimowitsch behauptet, da die Deutschen Ihnen zur fixen Idee
geworden sind, entgegnete ich leichthin. Und es ist ja auch etwas
Wahres dabei: wir haben uns doch vieles Deutsche eingesackt.

Ja, zwanzig Kopeken haben wir von ihnen genommen und dafr hundert
Rubel vom eigenen Kapital gegeben. -- Wir schwiegen ... Diese Ideen
hat er sich in Amerika an den Hals gelegen.

Wer das? Was an den Hals gelegen?

Ich meine Kirilloff. Wir haben dort beide vier Monate lang in einer
Htte auf dem Fuboden gelegen.

Ja, sind Sie denn je in Amerika gewesen? fragte ich verwundert. Sie
haben nie davon gesprochen.

Wozu davon sprechen. Vor drei Jahren zogen wir mit einem
Emigrantentransport fr unser letztes Geld nach den Vereinigten Staaten
von Amerika, um das Leben eines amerikanischen Arbeiters, oder vielmehr:
>um den Zustand eines Menschen in der allerschwersten sozialen Lage
_praktisch_, d. h. durch _persnliche_ Erfahrung kennen zu lernen.< Das
war unser Ziel, war der Grund, warum wir auswanderten.

Herrgott! rief ich aus. Das htten Sie doch ebensogut zur Erntezeit
in unserem Gouvernement durch >persnliche Erfahrung< kennen lernen
knnen, ohne deshalb nach Amerika dampfen zu mssen!

Doch Schatoff fuhr fort: Wir verdingten uns als Arbeiter bei einem
Exploiteur. Im ganzen waren wir sechs Russen: Studenten, sogar
Gutsbesitzer und Offiziere waren unter uns, und alle hatten dasselbe
groartige Ziel. Und so arbeiteten wir denn, qulten uns und rackerten
uns ab -- bis Kirilloff und ich fortgingen: wir wurden krank, hielten es
nicht aus. Bei der Abrechnung zog uns dann der Exploiteur noch das Fell
gehrig ber die Ohren, zahlte anstatt der dreiig Dollar, die er uns
laut der Abmachung schuldig war, mir nur acht und Kirilloff fnfzehn
aus. brigens hat man uns obendrein noch geprgelt, und nicht nur einmal
... Ja, und damals war es denn, da wir beide in einem elenden Stdtchen
vier Monate lang zusammen in einer Htte auf dem Fuboden lagen.
Kirilloff dachte seine Gedanken und ich dachte meine Gedanken.

Und der Exploiteur hat Sie wirklich geprgelt? Da werden Sie ihm wohl
auch nicht schlecht mitgespielt haben?

Keineswegs. Im Gegenteil, wir sahen beide sofort ein, da >wir Russen
im Vergleich zu den Amerikanern kleine Kinder sind und da man entweder
in Amerika geboren oder lange Jahre mit ihnen zusammen gearbeitet haben
mu, um die Hhe ihrer Leistung zu erreichen<. Wir waren natrlich
entzckt von Amerika und lobten dort alles: den Spiritismus, das
Lynchgesetz, die Revolver und die Vagabunden. Und wenn man fr eine
Dreikopekensache von uns einen Dollar verlangte, so zahlten wir ihn
nicht nur mit Vergngen, sondern mit Begeisterung. Einmal, in der
Eisenbahn, zog mein Nachbar aus meiner Rocktasche meine Haarbrste
heraus und begann sich damit sein Haar zu striegeln. Kirilloff und ich
tauschten nur einen Blick aus und stimmten sofort darin berein, da
mein Nachbar vollkommen im Recht war und seine Handlungsweise uns sehr
gefiel ...

Sonderbar, da solche Ideen uns Russen nicht nur in den Kopf kommen,
sondern von uns auch vollfhrt werden, bemerkte ich.

Papierene Menschen, wiederholte Schatoff.

Aber immerhin, ber einen ganzen Ozean schwimmen, in ein unbekanntes
Land, und wenn auch >um durch persnliche Erfahrung< usw. etwas kennen
zu lernen -- darin liegt, wei Gott, doch eine gewisse Grozgigkeit ...
Wie sind Sie denn wieder zurckgekommen?

Ich schrieb an einen Menschen nach Europa und der schickte mir hundert
Rubel.

Die ganze Zeit, whrend der Schatoff sprach, hatte er, wie immer, zu
Boden gesehen, selbst dann, wenn er erregt sprach. Jetzt aber hob er
pltzlich den Kopf.

Wollen Sie wissen, wer dieser Mensch war?

Nun, wer war es denn?

Nicolai Stawrogin.

Er stand pltzlich auf, trat an seinen Schreibtisch -- es war ein
einfacher Tisch aus Lindenholz -- und tat, als suche er etwas auf ihm.

Es ging bei uns damals das dunkle, aber glaubwrdige Gercht, Schatoffs
Frau htte mit Nicolai Stawrogin in Paris eine Zeitlang gelebt, und zwar
gerade vor etwa zwei Jahren, also in eben der Zeit, als Schatoff in
Amerika war -- freilich schon lange nachdem sie ihn in Genf verlassen
hatte. Wenn es sich so verhlt, was plagte ihn dann, mir jetzt diesen
Namen zu nennen und das ... noch breitzutreten? fragte ich mich.

Ich habe sie ihm bis heute noch nicht zurckgegeben, sagte er, sich
wieder zu mir wendend, und nachdem er mich kurz, aber prfend angesehen
hatte. Dann setzte er sich wieder. Und pltzlich fragte er mich schroff
und schon in ganz anderem Tone:

Sie sind natrlich mit einer bestimmten Absicht zu mir gekommen; was
wnschen Sie?

Ich erzhlte ihm sofort alles und betonte besonders, da ich Lisa unter
allen Umstnden helfen und das ihr gegebene Wort halten mchte. Auch
beteuerte ich ihm, da sie ihn mit der Buchangelegenheit keineswegs habe
beleidigen wollen, da er sie vllig miverstanden haben msse. Sein
pltzlicher Aufbruch habe sie denn auch aufrichtig betrbt.

Er hrte mich sehr aufmerksam an.

Vielleicht habe ich in der Tat wieder einmal eine Dummheit gemacht ...
Aber wenn sie nicht verstanden hat, warum ich fortging -- um so besser
fr sie!

Er stand auf, ging zur Tr, ffnete sie und horchte hinaus.

Sie wollen sie selbst sehen?

Ja, das ist es ja eben! Wie liee sich das machen? Ich erhob mich
schon erfreut.

Gehen wir ganz einfach hin, solange sie noch allein ist. Lebdkin darf
natrlich nicht erfahren, da wir bei ihr gewesen sind, sonst peitscht
er sie wieder. Heimlich gehe ich oft zu ihr. Gestern habe ich ihn
grndlich geprgelt, als er sie wieder zu schlagen anfing.

Ist das wirklich wahr, da er sie schlgt?

Gewi; an den Haaren hab ich ihn von ihr fortgerissen. Er wollte sich
schon mit den Fusten auf mich strzen, aber ich konnte ihm doch noch
einen Schrecken einjagen. Dabei blieb es. Nun frchte ich, ihm knnte
das wieder einfallen, wenn er heute betrunken zurckkehrt, und dann wird
er sie erst recht hauen.

Wir gingen sogleich nach unten.


                                   V.

Die Tr zu Lebdkins war nicht verschlossen und so traten wir
ungehindert ein. Ihre ganze Wohnung bestand aus nur zwei erbrmlichen
kleinen Zimmern mit verrucherten Wnden, an denen die schmutzigen
Tapeten buchstblich in Fetzen herabhingen.

Frher hatte sich in diesen Rumen Filippoffs Schenke befunden, die
jetzt in das neue Haus bergefhrt worden war. Die brigen Zimmer, die
frher auch noch zur Schenke gehrt hatten, waren jetzt verschlossen,
nur diese beiden hatte man an Lebdkin vermietet. An Mbeln standen in
der Wohnung ein paar einfache Holzbnke, Tische aus rohen Brettern und
nur ein einziger alter Sessel mit einer abgebrochenen Armlehne. Im
Hinterzimmer stand in einer Ecke ein Bett mit einer Kattundecke. Das war
das Bett von Lebdkins Schwester. Der Hauptmann aber schlief einfach auf
dem Fuboden, und da er fast immer betrunken nach Hause kam, nicht
selten so, wie er war, in den Kleidern. berall war Schmutz, lagen
Krmchen und Fetzchen auf dem Fuboden; in der Mitte des ersten Zimmers
lag ein groer, dicker, ganz nasser Lappen, um den sich eine richtige
Pftze gebildet hatte, und in dieser stand ein alter schiefgetretener
Schuh. Man sah an allem, da hier niemand etwas tat; kein Ofen wurde
geheizt, kein Essen gekocht; ja, sie besaen nicht einmal einen Samowar,
wie Schatoff mir ausfhrlicher berichtete. Der Hauptmann war mit seiner
Schwester ohne eine Kopeke hier eingetroffen und hatte in der ersten
Zeit tatschlich, wie Liputin erzhlte, seine Bekannten um ein paar
Kopeken angebettelt. Dann aber, als er pltzlich in den Besitz von
groen Summen geriet, hatte er sofort zu trinken angefangen und sich
seitdem natrlich noch weniger um den Haushalt gekmmert.

Marja Timofejewna Lebdkina, die ich so sehr zu sehen wnschte, sa
ruhig und lautlos im zweiten Zimmer, in einer Ecke, hinter einem
einfachen Kchentisch auf einer Bank. Auch als wir eingetreten waren,
hatte sie uns nicht angerufen, noch sich berhaupt gerhrt. Schatoff
sagte, da ihre Flurtr nie verschlossen werde, und einmal sei sie sogar
die ganze Nacht sperrangelweit offen geblieben. Beim schwachen Schein
eines dnnen Lichtchens in einem eisernen Leuchter erkannte ich ein
krankhaft mageres weibliches Wesen von vielleicht dreiig Jahren, in
einem dunklen alten Kattunkleide, mit langem, bloem Halse und dnnem,
dunklem Haar, das im Nacken zu einem kleinen Knoten, von der Gre des
Fustchens eines zweijhrigen Kindes, zusammengedreht war. Sie sah uns
ziemlich heiter entgegen. Auer dem Licht stand vor ihr auf dem Tisch
ein kleiner billiger Spiegel, wie man ihn bei Bauern sieht, lag ein
altes Spiel Karten, ein zerblttertes Liederbuch und ein kleines
Weibrot, von dem sie bereits ein- oder zweimal abgebissen hatte. Man
merkte, da sie sich gepudert und geschminkt und die Lippen mit irgend
etwas rot gefrbt hatte; ja, selbst die Brauen, die ohnehin schon lang,
fein gezeichnet und dunkel zu sein schienen, hatte sie noch gestrichen,
-- aber auf ihrer schmalen und hohen Stirn sah man trotz des Puders drei
lange, tiefe Falten. Ich wute schon, da sie hinkte, doch diesmal stand
sie whrend unserer Anwesenheit nicht auf, so sah ich sie auch nicht
gehen. Irgend einmal, vielleicht in der ersten Jugend, konnte dieses
abgezehrte Gesicht vielleicht nicht unschn gewesen sein; aber ihre
stillen, freundlichen grauen Augen fielen auch jetzt noch auf. Etwas
Trumerisches und Inniges lag in ihrem stillen, fast frohen Blick. Diese
stille, ruhige Freude, die sich auch in ihrem Lcheln ausdrckte,
wunderte mich nach allem, was ich von der Kosakenpeitsche und allen
Niedertrchtigkeiten ihres Bruders gehrt hatte. Sonderbar, da ich
dieses Mal statt des drckenden und bangen Widerwillens, den man sonst
stets in der Gegenwart solcher von Gott gezeichneten Geschpfe
empfindet, -- da es mir diesmal, und fast vom ersten Augenblick an,
geradezu angenehm war, sie zu betrachten und zu beobachten, und
hchstens Mitleid, doch keine Spur von Abscheu, bemchtigte sich meiner
spter.

Sehen Sie, so sitzt sie hier ganze Tage mutterseelenallein und rhrt
sich nicht, legt Karten oder betrachtet sich im Spiegelchen, sagte
Schatoff noch an der Tr zu mir. Er gibt ihr ja auch nichts zu essen.
Die Alte aus dem Nebenhause, die Kirilloff bedient, bringt ihr zuweilen
etwas aus bloem Erbarmen. Wie man sie nur so mit dem Licht allein
lassen kann!

Schatoff sagte das zu meiner Verwunderung ganz laut, als ob wir allein
im Zimmer wren.

Guten Tag, Schatuschka! begrte ihn pltzlich Marja Timofejewna.

Ich habe dir, Marja Timofejewna, einen Gast gebracht, erwiderte
Schatoff.

Gut, der Gast soll mir willkommen sein. Ich wei nicht, wen du da
mitgebracht hast, ich glaube aber, solch einen habe ich noch nie
gesehen. Dabei sah sie mich, ber das Licht hinweg, aufmerksam an.
Gleich darauf wandte sie sich jedoch wieder zu Schatoff, und zu diesem
allein sprach sie dann auch die ganze Zeit (mich aber beachtete sie
weiter berhaupt nicht mehr, ganz als wre ich gar nicht anwesend).

Es wurde dir wohl langweilig, da oben im Dachkmmerlein einsam
umherzugehen? fragte sie lachend. Da sah ich, da sie sehr schne Zhne
hatte.

Auch das, aber vor allem wollte ich dich wieder einmal besuchen.

Schatoff zog eine Bank an den Tisch, setzte sich, und wies auch mir
einen Platz neben sich an.

Unterhaltung habe ich immer gern, nur bist du so drollig, Schatuschka,
bist ganz wie ein Mnch! Wann hast du dich zum letztenmal gekmmt? Komm
her, ich werde es wohl wieder tun mssen -- und sie zog aus ihrer
Kleidertasche einen Kamm. Du hast wohl seit dem letzten Mal, als ich
dich kmmte, dein Haar berhaupt nicht mehr angerhrt.

Ja, wie soll ich denn? Ich habe doch keinen Kamm, sagte auch Schatoff
heiter.

Wirklich nicht? Warte mal, dann werde ich dir meinen schenken, nicht
diesen, einen andern ... nur mut du mich daran erinnern.

Und mit dem ernsthaftesten Gesicht machte sie sich daran, ihn zu kmmen,
zog ihm sogar auf der Seite einen Scheitel, bog sich dann zurck, um zu
sehen, ob er gut geraten war -- und steckte schlielich den Kamm wieder
in die Tasche.

Weit du was, Schatuschka? sagte sie und schttelte dabei den Kopf,
du bist doch ein vernnftiger Mensch und trotzdem grmst du dich. Es
wird mir ganz sonderbar, wenn ich euch alle so sehe: ich verstehe nicht,
wie knnen Menschen sich grmen und immer traurig sein? Sehnsucht ist
doch nicht Traurigkeit. Mir ist immer froh zu Mut.

Auch mit dem Bruder?

Du meinst Lebdkin? Ach, der ist mein Knecht. Mir ist es ganz gleich,
ob er hier ist oder nicht. Ich befehle nur: >Lebdkin, bring mir Wasser,
Lebdkin, gib mir die Stiefel<, und er luft schon. Zuweilen sndige ich
wohl auch und lache ber ihn.

Und genau so ist es, sagte Schatoff zu mir gewandt, und zwar wieder
mit lauter Stimme, ohne sich zu genieren. Sie behandelt ihn tatschlich
wie ihren Diener, ich habe es selbst gehrt, wie sie ihm zuruft:
>Lebdkin, bring mir Wasser<, und dabei lacht sie. Der Unterschied
besteht nur darin, da er nicht nach dem Wasser luft, sondern sie dafr
prgelt, -- und trotzdem frchtet sie ihn tatschlich nicht im
geringsten. Sie hat immer ihre nervsen Anflle, fast tglich, die
wirken natrlich auf ihr Gedchtnis, so da sie alles vergit und
verwechselt. Glauben Sie, da sie noch wei, wann und wie wir
hereingekommen sind? brigens, vielleicht wei sie's doch noch,
jedenfalls aber hat sie es sich auf ihre Art umgedichtet und hlt uns
wohl jetzt fr Gott wei was, nur nicht fr das, was wir sind -- obschon
sie dabei ganz genau wei, da ich >Schatuschka< bin. Das macht auch
nichts, da ich jetzt laut spreche, ja selbst wenn ich zu ihr spreche,
strt das sie nicht mehr, sobald sie einmal mit ihren eigenen Gedanken
beschftigt ist. Sie ist eine groe Trumerin, acht Stunden, zuweilen
den ganzen Tag sitzt sie auf demselben Fleck, ohne sich zu rhren. Sehen
Sie das Weibrot da: angebissen hat sie es vielleicht heute frh,
aufessen wird sie es vielleicht erst morgen. Da legt sie auch schon
wieder Karten aus ...

Rate ich doch aus den Karten und rate, Schatuschka, aber immer kommt es
so wie nicht richtig heraus, sagte pltzlich Marja Timofejewna, die das
letzte Wort Schatoffs wohl gehrt hatte, und ohne aufzusehen streckte
sie die linke Hand mechanisch nach dem Weibrot aus (auch das vom Brot
mochte sie gehrt haben).

Die Hand fand auch schlielich das Brtchen, doch sie selbst lie sich
von neuen Gedanken wieder gefangennehmen, und nachdem sie das Brtchen
eine Weile in der linken Hand gehalten hatte, legte sie es mechanisch
wieder zurck, ohne es zum Munde gefhrt zu haben.

Es ist immer dasselbe: ein Weg, ein bser Mann, ein Sterbebett, ein
Brief irgendwoher, eine unvorhergesehene Nachricht, Trug und Hinterlist.
Ach -- alles Lgen, denke ich! -- Was meinst du dazu, Schatuschka? Wenn
Menschen lgen, warum sollen dann nicht auch Karten lgen? und sie
mischte pltzlich die Karten durcheinander. Dasselbe habe ich auch
einmal der Mutter Praskowja gesagt ... das war eine ehrwrdige alte
Frau. Immer kam sie zu mir in die Zelle, um sich von mir die Karten
legen zu lassen, aber heimlich, da die Mutter-btissin es nicht sah.
Und nicht sie allein kam zu mir. Sie seufzen und sthnen dann immer,
schtteln alle die Kpfe, raten hin und her und denken und bereiten sich
auf etwas Groes vor -- ich aber lache. >Woher wollen Sie denn pltzlich
einen Brief bekommen, Mutter Praskowja,< sage ich, >wenn zwlf Jahre
keiner gekommen ist?< Ihre Tochter aber hat der Mann irgendwohin nach
der Trkei gebracht und zwlf Jahre hat sie von ihr kein Lebenszeichen
erhalten. Und wie ich gerade so am nchsten Abend beim Tee sitze, bei
der btissin -- aus frstlichem Hause war sie bei uns -- sitzt da bei
ihr noch eine angereiste Dame und auch noch ein Mnchlein aus dem
Kloster vom Berge Athos, so ein drolliger, kleiner Mensch. Was glaubst
du wohl, Schatuschka, dieser selbe Mnch hat am selben Morgen der Mutter
Praskowja von der Tochter aus der Trkei einen Brief gebracht -- da hast
du den Karo-Buben, die unvorhergesehene Nachricht! Wir trinken also Tee
und der Mnch vom Berge Athos sagt zu der Mutter-btissin: >Und vor
allem<, sagt er, >ehrwrdige Mutter-btissin, hat der Herr Euer Kloster
gesegnet, seitdem es einen so kostbaren Schatz in seinem Schoe birgt<,
sagt er. >Was fr einen Schatz?< fragt die Mutter-btissin. >Nun, die
heilige Lisaweta doch!< sagt er. Diese Lisaweta war nmlich bei uns in
einer Zelle in der Klostermauer eingemauert, wie in einem Kfig, und der
war nur einen Faden lang und anderthalb Faden hoch, und da sitzt sie
schon siebzehn Jahre lang hinter einem eisernen Gitter, Winter und
Sommer nur in einem hanfleinenen Hemde, und sticht immer mit einem
Strohhlmchen oder einem Reisigstckchen in die Leinwand und spricht
kein Wort und kmmt sich nicht und wscht sich nicht all diese siebzehn
Jahre. Im Winter, wenn es kalt wird, steckt man ihr ein Pelzchen zu und
tglich ein Kstchen mit Brot und einen Krug mit Wasser. >Wahrlich, ein
schner Schatz,< sagt die Mutter-btissin (hat sich gergert -- sie
konnte die Lisaweta nicht leiden). >Lisaweta,< sagt sie, >sitzt nur aus
Bosheit und Eigensinn, und alles das ist Verstellung.< Mir gefiel das
nicht, was sie sagte, denn ich wollte mich auch so einschlieen lassen.
>Ich glaube,< sage ich, >Gott und die Natur ist alles eins.< Alle rufen
sie da, wie aus einem Munde: >Hrt doch, hrt!< Die btissin lachte und
fing mit der Dame zu tuscheln an, ich wei nicht worber, und rief mich
nachher zu sich, streichelte mich, und die Dame schenkte mir ein rosa
Bndchen -- willst du, ich zeige es dir? Und das Mnchlein fing gleich
an, mich zu belehren und sprach freundlich und demtig zu mir und wohl
auch mit viel Verstand. Ich sitze und hre zu. >Hast du verstanden?<
fragte er mich dann. >Nein,< sage ich, >ich habe gar nichts verstanden
und lassen Sie mich lieber in meiner Ruh<, sage ich -- und seit der Zeit
haben sie mich auch ganz in meiner Ruh gelassen, Schatuschka. Aber wenn
ich dann aus der Kirche kam, flsterte mir unsere Greisin, eine alte,
alte Nonne zu -- die bte bei uns fr ihre Weissagungen --: >Was ist
das, die Mutter Gottes, wie dnkt es dich?< -- >Die groe Mutter,<
antwortete ich, >das ist die groe Hoffnung, die ewige Zuversicht des
Menschengeschlechts.< -- >Ganz recht,< sagt sie, >die Mutter Gottes --
das ist die groe Mutter, unsere fruchtbare Erde, und wahrlich ich sage
dir, eine groe Freude liegt in ihr fr den Menschen. Und jedes
Erdenleid und jede Erdentrne ist uns eine Freude. Und wenn du mit
deinen Trnen die dunkle Erde unter dir trnkst, einen halben Meter
tief, so wird dir wahrlich zur selbigen Stunde noch alles zur Freude
gereichen. Und gar keinen, gar keinen Kummer wirst du mehr haben,< sagt
sie, >denn sieh,< sagt sie, >eine solche Weissagung gibt es.< Das konnte
ich nie mehr vergessen. Seit der Zeit begann ich zu beten, ich beugte
mich zur Erde und kte die Erde und weinte. Und sieh, ich sage dir,
Schatuschka, es ist nichts Schlechtes in diesen Trnen, und wenn du auch
gar kein Leid hast, du wirst die Trnen vor lauter Freude weinen. Die
Trnen weinen sich selbst. Zuweilen ging ich zum See, an das Ufer: auf
der einen Seite vom See stand unser Kloster und auf der anderen unser
spitzer Berg, wir nannten ihn denn auch einfach den Spitzberg. Und so
steige ich denn auf diesen Berg und wende mich mit dem Gesicht nach
Osten und falle auf die Erde nieder und weine und weine, und wei nicht,
wie lange ich weine, und habe dann alles vergessen und ich wei gar
nichts mehr. Dann stehe ich auf und wende mich zurck, und die Sonne
geht unter so gro, und es ist eine Pracht und Herrlichkeit -- liebst
du's auch, so die Sonne zu sehen, Schatuschka? Schn ist es, aber
traurig ... Und ich wende mich wieder zurck nach Osten, und der
Schatten, der Schatten von unserem Berge luft schmal und lang wie ein
Zeiger ber den See, eine Werst weit oder noch weiter -- bis zur Insel
im See, und teilt diese steinige Insel, wie sie da ist, gerade in zwei
Hlften. Und wie er sie so teilt, da geht auch die Sonne ganz unter und
alles erlischt pltzlich. Und dann kommt wieder die Sehnsucht so ber
mich, und pltzlich kommt auch die Erinnerung wieder, und ich frchte
die Dunkelheit, Schatuschka. Und immer mehr weine ich dann um mein
kleines Kind ...

Hast du denn eines gehabt? fragte Schatoff, der ihr die ganze Zeit
aufmerksam zugehrt hatte, und stie mich leicht mit dem Ellenbogen an.

Wie denn nicht! Ein kleines, rosiges, mit so winzigen Fingerchen, und
all mein Leid ist nur, da ich nicht mehr wei, ob es ein Knabe oder ein
Mdchen war. Zuweilen erinnere ich mich dessen, da es ein Knabe war,
und zuweilen scheint es mir wieder, da es ein Mdchen war. Als ich es
damals gebar, da wickelte ich es gleich in Batist und Spitzen und band
es mit rosa Bndchen zu und bettete es auf Blumen und sprach ein Gebet
ber ihm und trug das Ungetaufte und trage es durch den Wald und frchte
mich im Walde, denn ich habe Angst und weine, und am meisten weine ich
darber, da ich geboren habe und doch den Mann nicht kenne.

Vielleicht kanntest du ihn doch? fragte Schatoff vorsichtig.

Drollig bist du doch, Schatuschka, mit deiner Vernunft. Vielleicht,
vielleicht hatte ich ihn auch ... aber was liegt daran, wenn es doch
ebenso ist, als wenn ich ihn nicht gehabt htte? Da hast du nun ein
unschweres Rtsel, nun rat einmal! sagte sie lchelnd.

Wohin hast du denn das Kind getragen?

In den Teich hab ich's getragen, seufzte sie.

Schatoff berhrte mich wieder mit dem Ellenbogen.

Aber was dann, wenn du das Kind berhaupt nicht gehabt hast und alles
bei dir nur Phantasie ist?

Eine schwere Frage gibst du mir auf, Schatuschka, sagte sie grbelnd
und ohne jegliche Verwunderung ber die Frage. Ich kann dir aber
hierauf gar nichts sagen, vielleicht habe ich auch keines gehabt. Mir
scheint, da du nur aus Neugier so fragst; aber ich werde deshalb nicht
aufhren, um mein Kind zu weinen, ich habe es doch nicht im Traum
gesehen? Groe Trnen erglnzten in ihren Augen. Schatuschka,
Schatuschka, ist es wahr, da deine Frau von dir fortgelaufen ist?
fragte sie pltzlich, legte ihm beide Hnde auf die Schultern und
blickte ihn mitleidig an. Aber du rgere dich nicht, mir ist ja dabei
auch weh. Weit du, Schatuschka, was fr einen Traum ich gehabt habe --
er kommt wieder zu mir und lockt mich: >Ktzchen,< sagte er, >mein
Ktzchen, komm her zu mir!< Sieh, ber das >Ktzchen< freute ich mich am
meisten: er liebt mich, dachte ich.

Vielleicht kommt er auch bald in Wirklichkeit, murmelte Schatoff
halblaut.

Nein, Schatuschka, das ist schon ein Traum ... er kann nicht in
Wirklichkeit kommen. Kennst du das Lied:

   Ich brauche nicht Dein neues, hohes Schlo!
   Hier in dieser Zelle will ich bleiben,
   Leben und beten,
   Beten zu Gott -- fr dich ...

Ach, Schatuschka, mein Liebling, warum fragst du mich denn nie etwas?

Du wirst ja doch nichts sagen, darum frage ich auch lieber gar nicht.

Nein, nein, ich sage nichts und wenn du mich auch totschlgest!
beteuerte sie schnell. Verbrenne mich lebendig, ich sage nichts! Und
wie es auch schmerzte, nichts werde ich sagen, nichts werden die
Menschen erfahren!

Nun, siehst du, jeder hat das Seine, sagte Schatoff noch leiser, und
senkte noch tiefer den Kopf.

Aber wenn du mich btest, vielleicht wrde ich es dir dann doch sagen
... vielleicht wrde ich es dir dann doch sagen! flsterte sie wie
verzckt. Warum bittest du mich nicht? Bitt' mich, bitt' mich
ordentlich, Schatuschka, vielleicht werde ich's dir dann sagen. Flehe
mich an, Schatuschka, bitte und beschwre mich, damit ich dann selbst
einwillige ... Schatuschka, Schatuschka!

Aber Schatuschka schwieg. Eine Minute lang schwiegen wir alle. Langsam
flossen die Trnen ber ihre gepuderten Wangen. Die Hnde hielt sie
immer noch auf seinen Schultern, sie hatte sie vergessen aber sie sah
ihn nicht mehr an.

Eh, was geht das mich an, wre auch Snde, sagte Schatoff pltzlich
und erhob sich von der Bank. Stehen Sie auf! Er zog rgerlich die Bank
fort und schob sie auf ihren Platz zurck:

Damit er nichts merkt, wenn er kommt. Wir mssen jetzt gehen.

Ach, du sprichst wieder von meinem Diener! lachte Marja Timofejewna
auf. Hast Angst! Nun, dann lebt wohl, meine lieben Gste, aber hr, nur
noch einen Augenblick, was ich dir sagen will! Neulich kam dieser
Nilytsch her, mit Filippoff, dem Hauswirt, dem Rotkopf, weit du, gerade
als meiner auf mich losschlug. Wie ihn der Hauswirt da packt und durchs
Zimmer schleift, schreit er: >Bin nicht schuld, bin nicht schuld, mu
fr fremde Schulden dulden!< Glaubst du wohl, wir haben alle so darber
gelacht ...

Aber das war doch ich, sagte Schatoff, ich zog ihn doch gestern an
den Haaren von dir fort. Der Hauswirt dagegen war vor drei Tagen nur
hergekommen, um sich mit euch zu schimpfen, ... hast wohl wieder alles
verwechselt?

Wart einmal, ja, ich habe es wirklich verwechselt, vielleicht warst du
es. Aber wozu ber solche Nebensachen streiten, ist es nicht einerlei,
wer ihn fortri? lachte sie.

Gehen wir, schnell! Schatoff zog mich am rmel, die Pforte knarrt:
trifft er uns bei ihr, so wird er sie wieder schlagen.

Kaum waren wir die Treppe hinaufgelaufen, als wir auch schon betrunkenes
Geschimpfe hrten. Schatoff zog mich in sein Zimmer und verschlo die
Tr.

Sie werden einen Augenblick hier sitzen mssen, wenn Sie keine
Geschichten mit ihm haben wollen. Hren Sie? Er quiekt wie ein Ferkel,
ist wohl wieder ber die Schwelle gestolpert -- fast jedesmal fllt er
lang hin.

Aber ohne Geschichten ging es einstweilen doch nicht ab.


                                  VI.

Schatoff stand an der Tr und horchte hinaus. Pltzlich sprang er
zurck.

Er kommt herauf, das wute ich ja! rief er wtend mir leise zu. Jetzt
haben wir ihn bis Mitternacht auf dem Halse!

Ein paar starke Faustschlge an die Tr kndeten Lebdkin an.

Schatoff! ... Schaa--toff, mach auf! brllte der Betrunkene.
Schatoff, Freund ... Und pltzlich sang er los -- die bekannte Romanze
--:

   >Kam zu dir mit einem Gru,
   Um zu knden, da der Mo--o--orgenstrahl
   Glhend ... be--ebend ... seinen ersten Ku
   Von den Wipfeln dieser W--e--elder stahl!
   La dir knden vom Erwachen ...<

Kch -- hm! zum Teufel! rusperte er sich --

   >Vom Erwachen unter Zwei--e--eigen ...<

Haha! klingt ja fast wie unter Ruten! Nein, lieber von was anderem! ...

   >Jeder Vogel -- hat mal Durst!
   Weit du auch, was ich trinke?
   Trinke, ja, trinke?
   Wei ich doch ... selber es nicht ...
   Was ich ... was ich ...<

Hm! ... Hol' sie der Teufel, diese dumme Neugier! Schatoff, begreifst du
auch, wie schn es auf Erden zu leben ist!

Antworten Sie nicht! flsterte mir Schatoff zu.

Hr', mach doch auf! ... Begreifst du auch, da es etwas Hheres gibt,
als Raufereien unter ... der Menschheit? ... Es gibt, weit du, es gibt
Augenblicke im Leben eines edlen Menschen ... Schatoff, ich bin gut, ich
verzeihe dir alles ... Nur, weit du, mach doch auf! ... Schatoff, hre
-- zum Teufel mit den Proklamationen! -- Wie?

Schweigen.

Begreifst du auch, Esel, da ich verliebt bin! Ich habe mir einen Frack
gekauft, sieh, einen Frack der Liebe fr die Liebe, -- fnfzehn
Silberrubel! Eines Hauptmannes Liebe verlangt eben gesellschaftlichen
Anstand ... Mach auf! brllte er pltzlich wie ein wildes Tier und
begann von neuem, in toller Wut mit den Fusten an die Tr zu donnern.

Scher' dich zum Teufel! schrie nun auch Schatoff.

S--s--s--kla--a--ve! Leibeigener Skla--ve, und deine Schwester ist auch
eine Skla--a--vin ... eine Die--bin!

Und du hast deine Schwester verkauft!

Du lgst! Ich dulde aus Edelmut, whrend ich ... Mit einer einzigen
Erklrung knnte ich ... Begreifst du auch, wer sie eigentlich ist?

Nun, wer denn? Schatoff trat neugierig an die Tr.

Wirst du es aber auch begreifen?

Werd schon begreifen, wenn du es nur sagst -- nun, wer ist sie denn?

Ich habe den Mut, es zu sagen! Ich habe immer den Mut, dem Publikum
alles zu sagen!

Scheint doch nicht, neckte ihn Schatoff geflissentlich und nickte mir
zu, jetzt nur gut aufzumerken.

Was, du meinst, ich wa--age es nicht?

Natrlich wagst du es nicht.

Wie, ich wa--a--ge es nicht?

So sag's doch, wenn du die herrschaftlichen Ruten nicht frchtest ...
Bist doch ein Feigling -- und willst ein Hauptmann sein!

Ich ... ich ... sie ... sie ist ... stotterte Lebdkin.

Nun? Schatoff legte das Ohr ans Schlsselloch.

Ein Schweigen entstand und dauerte mindestens eine halbe Minute an.

Du Sch--sch--u--uft! ertnte es endlich hinter der Tr, und der
Hauptmann stolperte so schnell wie er nur konnte und keuchend wie ein
Samowar die Treppe hinunter, wobei jede Stufe unter seinem Gewicht
knarrte.

Nein, er ist schlau, selbst in der Betrunkenheit wird er sich nicht
verraten. Schatoff kam langsam von der Tr zurck.

Aber was soll denn das alles bedeuten? fragte ich.

Schatoff winkte nur mit der Hand, ging wieder zur Tr, ffnete sie und
begann nach unten zu lauschen. Lange horchte er, ging sogar ein paar
Stufen hinab ... endlich kam er wieder zurck.

Es ist nichts zu hren, hat sie also nicht geprgelt, wird wohl gleich
eingeschlafen sein. Es ist Zeit, Sie mssen nach Hause gehen.

Hren Sie, Schatoff, was soll ich aus all dem schlieen?

Eh, schlieen Sie daraus, was Sie wollen! antwortete er mit mder und
schlecht gelaunter Stimme und setzte sich an seinen Schreibtisch.

Ich ging. Ein unerhrter Gedanke bemchtigte sich meiner mehr und mehr.
Mit Sorge dachte ich an den nchsten Tag.


                                  VII.

Dieser nchste Tag -- der Sonntag, an dem Stepan Trophimowitschs
Schicksal sich unwiderruflich entscheiden sollte -- war einer der
merkwrdigsten Tage meiner Geschichte, war ein Tag der berraschungen,
an dem Altes seine Lsung fand und Neues sich knpfte, ein Tag greller
Erklrungen und -- noch schlimmerer Verwirrung.

Wie ich schon erzhlt habe, mute ich meinen Freund am Morgen zu Warwara
Petrowna begleiten, und um drei Uhr sollte ich dann bei Lisaweta
Nicolajewna sein, um ihr zu erzhlen ... ja, ich wute selbst nicht,
was! und ihr zu verhelfen -- wozu? das wute ich ebensowenig. Und nun
fand pltzlich alles eine Lsung, die weder ich noch sonst jemand
erwartet hatte ... Kurz, es war ein Tag seltsam zusammentreffender
Zuflle.

Er begann damit, da wir, Stepan Trophimowitsch und ich, als wir um elf
bei Warwara Petrowna erschienen, sie nicht zu Hause antrafen: sie war
noch nicht aus der Kirche zurckgekehrt. Mein armer Freund war aber
dermaen nervs oder innerlich erregt, da schon dieser eine Umstand ihn
sofort gleichsam vernichtete, und vllig erschpft sank er im
Empfangssalon auf einen Sessel. Ich bot ihm ein Glas Wasser an, doch
trotz seines bleichen Gesichts und seiner zitternden Hnde lehnte er es
mit Wrde ab. brigens mchte ich hier bemerken, da er diesmal mit
geradezu erlesener Eleganz gekleidet war: er trug die feinste
Batistwsche, die weie Halsbinde war meisterhaft geschlungen, hielt in
der einen Hand einen neuen Hut und strohfarbene Handschuhe, und zu all
dem kam noch ein leiser, ganz leiser Parfmduft.

Kaum hatten wir uns gesetzt, als Schatoff, vom Diener gefhrt, eintrat.
Warwara Petrowna hatte offenbar auch ihn um diese Zeit zu sich gebeten.
Stepan Trophimowitsch erhob sich schon, um ihm die Hand zu reichen, doch
Schatoff, der zunchst aufmerksam zu uns herbersah, wandte sich
pltzlich zur Seite und setzte sich auf einen Stuhl an der Wand, ohne
uns auch nur mit dem Kopf zuzunicken. Mein armer Freund sah mich wieder
ganz erschrocken an.

So saen wir noch eine ganze Weile in tiefstem Schweigen. Stepan
Trophimowitsch begann zwar einmal mir irgend etwas zuzuflstern, doch da
er wahrscheinlich selbst nicht recht wute, was er sagen wollte, so
verstummte er bald wieder. Nach einiger Zeit kam der Diener noch einmal
herein, um irgend etwas auf dem Tisch zu ordnen; oder richtiger -- um
nach uns zu sehen. Da wandte sich pltzlich Schatoff an ihn und fragte
laut:

Alexei Jegorytsch, ist Darja Pawlowna gleichfalls zur Kirche gefahren?

Nein, Warwara Petrowna geruhten allein zum Gottesdienst zu fahren,
Darja Pawlowna aber sind zu Hause geblieben, sie fhlten sich nicht ganz
wohl, meldete Alexei Jegorytsch mit Anstand.

Mein armer Freund warf mir hierauf wieder einen erregten Blick zu, so
da ich mich schon gergert von ihm abwenden wollte. Da ertnte drauen
das Rollen einer Equipage, die vorfuhr, und ein gewisses fernes
Hinundher im Hause kndete uns an, da die Herrin zurckgekehrt war. Wir
standen auf. Schritte nherten sich. Aber was war das? Wir hrten
Schritte von mehreren Personen. War denn Warwara Petrowna nicht allein
zurckgekehrt? Das war doch etwas sonderbar, da sie selbst uns zu dieser
Stunde und zu diesem besonderen Zweck zu sich gebeten hatte. Schlielich
vernahmen wir seltsam schnelle Schritte, fast ein Eilen, so aber pflegte
Warwara Petrowna sonst doch nicht zu gehen. Und pltzlich flog die Tre
auf und tatschlich -- Warwara Petrowna erschien, atemlos und in
ungewhnlicher Erregung. Hinter ihr aber kam, langsamer, leiser,
Lisaweta Nicolajewna, und die fhrte an der Hand -- Marja Timofejewna
Lebdkina! Htte ich das im Traum gesehen, so htte ich selbst dann
meinen Augen nicht getraut.

Was war geschehen?

Nun mu ich um etwa eine Stunde zurckgreifen und erzhlen, was sich
inzwischen in der Kirche zugetragen hatte.

An eben diesem Sonntage war der Adel und die ganze Gesellschaft der
Stadt fast vollzhlig zum Morgengottesdienst erschienen. Man wute, da
die neue Gouverneurin zum erstenmal nach ihrer Ankunft bei uns in die
Kirche gehen werde. Es hatte sich schon herumgesprochen, da sie eine
Freidenkerin sei und die neuesten Anschauungen teile. Und berdies
wuten schon alle Damen, da sie in einer prchtigen, sehr eleganten
Toilette erscheinen werde, weshalb sich denn alle gleichfalls auf das
sorgfltigste geputzt hatten. Nur Warwara Petrowna war wieder schlicht
und ganz in Schwarz erschienen, genau so, wie sie sich in den letzten
vier Jahren immer kleidete. Whrend des Gottesdienstes stand sie auf
ihrem alten Platz, links, in der ersten Reihe, und vor ihr hatte ihr
Diener in Livree ein Samtkissen hingelegt, kurz, alles war so, wie es
immer gewesen war. Manche Leute wollten zwar bemerkt haben, da Warwara
Petrowna an diesem Morgen ganz besonders lange und inbrnstig gebetet
habe; ja, spter, als man sich alles wieder vergegenwrtigte,
versicherte man sogar, sie habe Trnen in den Augen gehabt. Die Messe
war schlielich zu Ende und unser Oberpriester, der Vater Pawel, trat
aus der Sakristei, um eine feierliche Predigt zu halten. Seine Predigten
wurden bei uns sehr geschtzt und man hatte ihm schon oft zugeredet, sie
doch drucken zu lassen, wozu er sich aber nie entschlieen konnte. An
diesem Sonntage nun fiel die Predigt jedoch besonders lang aus.

Da kam, nachdem die Predigt schon begonnen hatte, noch eine Dame in
einer leichten Mietdroschke angefahren, in einem von jenen altmodischen
Vehikeln, auf denen Herren rittlings, Damen nur seitlich sitzen konnten,
weshalb sie sich an dem Grtel des Kutschers festhalten muten, da sie
bei jedem Sto des Wagens wie ein Wiesengrschen im Winde schaukelten.
Diese Droschken gibt es auch heute noch in unserer Stadt. Der Kutscher
hielt an der Kirchenecke, da er wegen der vielen Equipagen und sogar
Gendarmen vor dem Portal nicht weiterzufahren wagte. Die Dame sprang ab
und gab dem Kutscher vier Kopeken.

Was, ist es zu wenig, Wanj?[31] fragte sie erschrocken, als sie sah,
da der Kutscher ein Gesicht schnitt. Das ist aber alles, was ich
habe, fgte sie traurig hinzu.

Nun, schon gut ... hab nicht an Verdienst gedacht ... Der Wanjka
winkte mit der Hand und sah sie an, als dchte er: Wre ja auch Snde,
dich zu krnken ...

Er steckte seinen Lederbeutel unter die Bluse und fuhr, begleitet vom
Spott der anderen wartenden Kutscher, wieder davon. Sptteleien und
Verwunderung begleiteten auch die Dame, so lange sie sich durch die
Volksmenge und die wartenden Diener bis zur Kirchentr drngte. Aber es
war auch wirklich etwas Ungewhnliches und berraschendes in dem
Erscheinen einer solchen Person so pltzlich irgendwoher und am
Sonntagmorgen mitten unter dem Volk.

Sie war krankhaft mager und hinkte; ihr Gesicht war stark gepudert und
geschminkt und der lange Hals war unbedeckt. Sie hatte weder ein Tuch
noch einen Umwurf, war nur in einem alten dunklen Kattunkleide, trotz
des khlen, windigen, wenn auch sonnigen Septembertages. Ihr Kopf war
gleichfalls unbedeckt und in den kleinen Haarknoten im Nacken hatte sie
an der rechten Seite eine Rose aus Seidenpapier gesteckt, eine von
solchen, mit denen die Ostercherubim geschmckt werden. So einen
Ostercherub in einem Kranz aus Papierrosen hatte ich gerade am Abend
vorher unter den Heiligenbildern bemerkt, als ich bei Marja Timofejewna
sa. Hinzu kam, da die Dame, wenn auch mit niedergeschlagenen Augen,
doch mit einem beinahe mehr als heiteren, fast verschmitzten Lcheln
durch das Volk ging. Vielleicht htte man sie, wenn sie noch einen
Augenblick lnger in der Menge geblieben wre, berhaupt nicht in die
Kirche eintreten lassen. So aber gelang es ihr noch, durch das Portal zu
schlpfen, und unauffllig schob sie sich dann weiter nach vorn.

Obgleich die Predigt noch nicht zu Ende war und die ganze Kirche
andchtig zuhrte, wandten sich manche Augen doch interessiert und
verwundert heimlich der Neueingetretenen zu. Diese kniete zunchst
nieder, beugte ihr gepudertes Gesicht auf den Fuboden, und berhrte ihn
mit der Stirn; so kniete sie lange, und wie es schien, weinte sie;
nachdem sie sich aber wieder aufgerichtet und von den Knien erhoben
hatte, begann sie alsbald fast heiter und mit sichtlichem Vergngen die
Menschen und die Kirchenwnde zu betrachten. Einzelne Damen schienen sie
besonders zu interessieren, und sie stellte sich sogar auf die
Fuspitzen, um besser sehen zu knnen, und zweimal kicherte sie dabei
ganz eigentmlich. Doch schlielich erreichte auch die Predigt ihr Ende
und man trug das Kreuz vor den Altar. Die Gouverneurin trat sofort vor,
doch schon nach ein paar Schritten blieb sie stehen, um Warwara Petrowna
den Vortritt zu geben, die gleichfalls gerade auf das Kreuz zuschritt
und dabei tat, als sei ihr niemand im Wege. Die ungewhnliche
Bescheidenheit der Gouverneurin sollte natrlich ein feiner Stich fr
Warwara Petrowna sein -- so faten es wenigstens die Damen der
Gesellschaft auf. Auch Warwara Petrowna hatte den Stich wohl verstanden,
bersah ihn jedoch und kte mit unerschtterlicher Vornehmheit das
Kreuz, worauf sie dann sofort dem Ausgange der Kirche zuschritt. Ihr
Diener in Livree bemhte sich ganz unntzerweise, einen Weg durch die
Anwesenden zu bahnen, da alle schon von selbst hflich vor ihr zur Seite
traten. Da geschah es aber, da in der Vorhalle, wo das Volk dicht
gedrngt stand, Warwara Petrowna dennoch einen Augenblick stehen bleiben
und warten mute. Und hier nun drngte sich pltzlich das sonderbare
Geschpf, mit der Papierrose im Haar, durch das Volk zu ihr hin -- und
fiel vor ihr auf die Kniee. Warwara Petrowna, die man nicht leicht
erschrecken konnte, besonders nicht in der ffentlichkeit, sah ruhig,
streng und erhaben auf die Kniende herab.

Ich mu hier bemerken, da Warwara Petrowna, wenn sie auch sparsamer,
ja, wie manche behaupteten, sogar ein bichen geizig geworden war, zu
wohlttigen Zwecken doch immer noch viel Geld ausgab. Noch vor einem
Jahr, als in einzelnen Gegenden unseres Gouvernements Hungersnot
herrschte, hatte sie an das Hilfskomitee fnfhundert Rubel gesandt. Und
schlielich hatte sie noch in der letzten Zeit, kurz vor der Ernennung
des neuen Gouverneurs, bereits ein Damenkomitee zustandegebracht, das
den rmsten Wchnerinnen in der Stadt und im Gouvernement
Untersttzungen zukommen lassen sollte. Man warf ihr bei uns Ehrgeiz
vor, doch ihr fester, durchsetziger Wille hatte die Hindernisse fast
schon beseitigt, das Komitee war bereits so gut wie gegrndet, und
Warwara Petrowna dachte schon mit Begeisterung daran, ein hnliches
Komitee auch in Moskau zu grnden, und wie dieser Gedanke schlielich in
jedem Gouvernement fruchtbar gemacht werden knnte. Da kam aber der
Wechsel des Gouverneurs, und alles geriet ins Stocken; die neue
Gouverneurin aber hatte, wie es hie, schon Zeit gehabt, in der
Gesellschaft einige spitze und schlielich nicht ganz unsachliche
Bemerkungen ber die Unzweckmigkeit des Grundgedankens solcher
Komitees zu uern. Diese Bemerkungen aber waren -- selbstredend mit
Ausschmckungen -- Warwara Petrowna sofort hinterbracht worden. Zwar
kann nur Gott allein wissen, was in der Tiefe eines Menschenherzens
vorgeht, aber in diesem Fall glaube ich doch, annehmen zu drfen, da
Warwara Petrowna in diesem Augenblick nicht ungern vor der Knienden
stehen blieb, zumal sie ja wute, da sogleich die Gouverneurin und dann
die ganze hhere Gesellschaft an ihr vorbergehen mute. -- So mag sie
jetzt doch sehen, wie gleichgltig mir das ist, was sie da ber meinen
Ehrgeiz in meinen Wohlttigkeitsplnen spttelt. Was geht sie mich an!

Was haben Sie, meine Liebe, um was bitten Sie? fragte Warwara Petrowna
und musterte aufmerksam die vor ihr kniende Bittstellerin.

Diese sah mit entsetzlich zaghaftem, verschmtem und fast andchtigem
Blick zu ihr auf, und pltzlich lachte sie wieder mit jenem
absonderlichen Kichern.

Was hat sie? Wer ist sie? Warwara Petrowna sah mit befehlendem und
fragendem Blick die Umstehenden an.

Alles schwieg.

Sie sind wohl unglcklich? Sie brauchen eine Untersttzung?

Ich kam ... ich wollte ... stammelte die Kniende mit einer Stimme, die
vor Aufregung versagte. Ich bin nur gekommen, um Ihnen die Hand zu
kssen ... und wieder kicherte sie. Und mit einem schmeichelnden
Ausdruck im Gesicht, wie kleine Kinder ihn haben, wenn sie etwas
erbitten mchten, wollte sie schon Warwara Petrownas Hand ergreifen,
doch pltzlich, als htte irgend etwas sie erschreckt, zog sie ihre
Hnde bang zurck.

Nur deshalb sind Sie gekommen? Warwara Petrowna lchelte mitleidig,
zog schnell ihr Perlmutterportemonnaie hervor, entnahm ihm einen
Zehnrubelschein und gab ihn der Unbekannten.

Diese nahm ihn an. Warwara Petrowna war sichtlich sehr interessiert und
hielt die Unbekannte offenbar nicht fr eine gewhnliche Bittstellerin.

Sieh, volle zehn Rubel hat sie gegeben! flsterte jemand in der
Volksmenge.

Ihre Hand, bitte, stammelte wieder die Kniende, die mit den Fingern
der linken Hand den Schein nur an einem Eckchen krampfhaft festhielt,
whrend der Windzug ihn bewegte.

Warwara Petrowna runzelte aus einem unbekannten Grunde ein wenig die
Stirn, reichte jedoch mit ernster, strenger Miene ihre Hand hin: die
Unglckliche kte sie andchtig. Ihr dankbarer Blick leuchtete jetzt
geradezu wie in Seligkeit auf.

Und gerade in diesem Augenblick kam die Gouverneurin, strmte die ganze
Schar unserer Damen und hheren Wrdentrger dem Ausgang zu. Die
Gouverneurin mute vor dem Gedrnge am Portal stehen bleiben und ein
wenig warten, und die anderen folgten ihrem Beispiel.

Sie zittern ja, Sie haben wohl kalt? fragte pltzlich Warwara
Petrowna, warf sofort ihren Mantel ab, den der Diener auffing, und zog
von ihren Schultern einen schwarzen (keineswegs billigen) Schal, den sie
eigenhndig um den entblten Hals der immer noch vor ihr Knienden
schlang.

Aber so stehen Sie doch auf, stehen Sie auf, ich bitte Sie!

Diese erhob sich.

Wo wohnen Sie? Wei denn hier wirklich niemand, wo sie wohnt? wandte
sich Warwara Petrowna wieder ungeduldig an die Umstehenden.

Ich glaube, das ist die Lebdkin, meinte schlielich jemand -- es war
das unser ehrenwerter Kaufmann Andrejeff: ein Mann mit langem Bart,
einer in Silber gefaten Brille und in russischer Tracht. Seinen runden
Filzhut hielt er jetzt in der Hand. Die wohnen bei Filippoff in der
Bogojawlenskstrae, fgte er hinzu.

Lebdkin? Bei Filippoff? Ich habe den Namen gehrt ... Ich danke Ihnen,
Nikon Semjonytsch, aber wer ist dieser Lebdkin?

Nennt sich >Hauptmann< ... ein Mensch, der sozusagen ... keinen Halt
hat. Die hier ist wohl seine Schwester. Sie mu aber, denke ich, seiner
Aufsicht entlaufen sein, bemerkte er leiser und blickte dabei Warwara
Petrowna bedeutsam an.

Ich verstehe schon, danke, Nikon Semjonytsch. Meine Liebe, Sie sind
Frulein Lebdkin?

Nein, ich heie nicht Lebdkin.

Aber vielleicht heit Ihr Bruder Lebdkin?

Mein Bruder heit Lebdkin.

Also, hren Sie, meine Liebe, ich werde Sie jetzt zu mir bringen und
von mir aus wird man Sie dann zu Ihnen nach Hause fahren. Wollen Sie mit
mir kommen?

Ach ja, ach ja, ich will, ich will! und Frulein Lebdkin klatschte in
die Hnde vor Vergngen.

Tante, Tante! Nehmen Sie auch mich mit! ertnte pltzlich Lisaweta
Nicolajewnas Stimme.

Lisa war an diesem Sonntage mit der Gouverneurin, ihrer Verwandten, zum
Gottesdienst erschienen, whrend Praskowja Iwanowna auf den Rat des
Arztes hin eine Spazierfahrt unternommen und Mawrikij Nicolajewitsch
gebeten hatte, sie zu begleiten. Lisa, die mit der Gouverneurin die
Kirche verlassen wollte, lie nun pltzlich ihre Verwandte einfach
stehen und drngte sich ungestm zu Warwara Petrowna.

Liebling, du weit doch, da ich dich immer gern bei mir sehe, aber was
wird deine Mutter dazu sagen? begann Warwara Petrowna wrdevoll, doch
pltzlich gewahrte sie Lisas ungewhnliche Aufregung und wurde unsicher.

Tante, Tante, ich mu jetzt unbedingt mit Ihnen fahren! flehte Lisa
und kte Warwara Petrowna ungestm.

_Mais qu'avez-vous donc, Lise?_{[87]} fragte die Gouverneurin mit
ausdrucksvoller Verwunderung.

Ach, verzeihen Sie, Liebste, _chre cousine_!{[88]} Ich fahre zu
Tante! Lisa hatte sich schon im Fluge zu ihrer unangenehm berhrten
_chre cousine_ herumgewandt und kte sie schnell zweimal. Bitte,
sagen Sie _maman_, da sie gleich zu Tante kommen soll, um mich
abzuholen. _Maman_ wollte heute unbedingt zu Tante fahren, sie hat es
gestern selbst gesagt, ich verga nur, Ihnen das vorhin schon zu sagen!
beteuerte Lisa, zitternd vor Aufregung. Verzeihen Sie mir, _Julie_,
seien Sie mir nicht bse ... _chre cousine_! ... Tante, ich bin
bereit!

Tante, flsterte sie dieser zu, wenn Sie mich jetzt nicht mitnehmen,
laufe ich zu Fu Ihrer Equipage nach!

Zum Glck hrte das niemand. Warwara Petrowna trat vor Schreck sogar
einen Schritt zurck und sah entsetzt das anscheinend wahnsinnige
Mdchen an. Dieser Blick entschied: sie beschlo, Lisa auf jeden Fall
mitzunehmen.

Dem mu ein Ende gemacht werden! entfuhr es ihr unwillkrlich. Ich
nehme dich mit Vergngen mit, Lisa, fgte sie laut hinzu, aber
natrlich nur, wenn Julija Michailowna damit einverstanden ist, wandte
sich Warwara Petrowna mit offenem Blick und freundlicher Wrde
unmittelbar an die Gouverneurin.

Oh, gewi! Ich werde sie doch nicht um dieses Vergngen bringen
wollen, zwitscherte mit erstaunlicher Liebenswrdigkeit die
Gouverneurin Julija Michailowna, zumal ich ja schon wei, was fr ein
phantastisches, eigenwilliges Kpfchen auf diesem Hlschen sitzt! --
und sie lchelte geradezu bezaubernd.

Ich danke Ihnen aufrichtig, dankte Warwara Petrowna mit sehr hflichem
Gru, aber wie immer noch voll Wrde.

Und es ist mir um so angenehmer, diesen Wunsch Lisas zu erfllen, fuhr
Julija Michailowna in ihrer plappernden Redeweise fort und errtete
sogar vor angenehmer Erregung, als Lisa jetzt nicht nur das Vergngen
haben wird, zu Ihnen zu fahren, sondern mit diesem Vergngen noch einer
so schnen Regung nachgeben kann, wie es das Mitgefhl mit dieser ...
(sie blickte bezeichnend auf die Unglckliche) ... wie es die
Barmherzigkeit ist ... und ... und das noch gewissermaen an der
Schwelle der Kirche ...

Eine solche Auffassung macht Ihnen unbedingt Ehre, uerte Warwara
Petrowna in bewundernder Weise ihren Beifall.

Und Julija Michailowna streckte sofort mit liebenswrdigem Eifer die
Hand aus und Warwara Petrowna drckte sie mit aufrichtiger
Bereitwilligkeit. Der allgemeine Eindruck war vorzglich. Die Gesichter
der Anwesenden erstrahlten vor Vergngen und viele lchelten s und
wohlgefllig.

Kurz, die ganze Stadt sah pltzlich ein, da nicht die Gouverneurin aus
angeblicher Miachtung Warwara Petrowna bisher noch nicht ihren Besuch
gemacht hatte, sondern da, im Gegenteil, Warwara Petrowna es war, die
zu Julija Michailowna Distance wahrte, whrend diese, wie man jetzt
meinte, wohl schon zu Fu zu Warwara Petrowna geeilt wre, wenn sie nur
gewut htte, ob sie berhaupt empfangen werden wrde. Und so stieg denn
Warwara Petrownas Ansehen pltzlich wieder aufs hchste.

Steigen Sie ein, meine Liebe, sagte Warwara Petrowna zu der Lebdkin
und wies auf die vorgefahrene Equipage.

Und die Unglckliche eilte frhlich zum Wagenschlag, wo der Diener schon
bereitstand und sie hineinhob.

Wie! Sie hinken! rief pltzlich Warwara Petrowna entsetzt und
erbleichte. (Alle haben es damals bemerkt, jedoch nicht verstanden,
warum.) ...

Die Equipage rollte davon. Warwara Petrownas Stadthaus lag ganz in der
Nhe der Kirche. Lisa erzhlte mir spter, die Lebdkin habe whrend der
ganzen drei Minuten der Fahrt hysterisch gelacht, Warwara Petrowna aber
habe dagesessen wie in einem hypnotischen Schlaf -- das waren Lisas
Worte.




                            Fnftes Kapitel.
                       Die allwissende Schlange


                                   I.

Warwara Petrowna klingelte sofort nach einem Diener und warf sich dann
in der Nhe des Fensters erschpft in einen Sessel.

Setzen Sie sich dorthin, meine Liebe, wies sie Marja Timofejewna an
dem groen runden Tisch, der in der Mitte des Salons stand, einen Platz
an. Darauf wandte sie sich zu uns: Stepan Trophimowitsch, wer ist das?
Sehen Sie sie an, wer ... was ist sie?

Ich ... ich ... stammelte Stepan Trophimowitsch.

In diesem Augenblick trat der Diener ein.

So schnell wie mglich ein Tasse Kaffee! Und die Equipage soll warten!

_Mais chre et excellente amie ... dans quelle inquitude!_{[89]} ...
rief Stepan Trophimowitsch unsicher aus.

Ach, franzsisch, franzsisch! Marja Timofejewna klatschte in die
Hnde vor Vergngen. Gleich merkt man, da man in vornehmer
Gesellschaft ist! Und sie schickte sich mit Entzcken an, dem
franzsischen Gesprche zuzuhren.

Warwara Petrownas Augen ruhten auf ihr mit Befremden, ja, mit Entsetzen.

Wir schwiegen alle und warteten ungewi auf irgendeine Lsung oder
Erklrung. Schatoff erhob kein einziges Mal seinen gesenkten Kopf und
Stepan Trophimowitsch schaute so erschrocken drein, als trge er die
Schuld an allem. Ich selbst blickte auf Lisa, die fast neben Schatoff
sa. Lisa wiederum sah gespannt bald auf Warwara Petrowna, bald auf die
Lahme: um ihre Lippen zuckte ein Lcheln, kein gutes Lcheln, -- und
Warwara Petrowna bemerkte es wohl. Whrenddessen lie Marja Timofejewna
es sich gut gefallen: sie betrachtete entzckt und ohne jede
Befangenheit die Mbel, die Teppiche, die Bilder an den Wnden, die alte
gemalte Decke, die groe Bronzestatue in der Ecke, die Porzellanlampe,
die Albums und die Nippsachen auf dem Tisch.

Ach, auch du bist hier, Schatuschka! rief sie pltzlich, lustig
lachend, aus. Denk nur, ich seh' dich schon lange und sag' mir: das
kann er doch nicht sein! Wie soll der wohl hierher kommen?

Sie kennen diese Dame? fragte Warwara Petrowna sofort, sich zu
Schatoff wendend.

Ja, sagte Schatoff leise und brummig wie immer -- rckte dabei auf
seinem Stuhle einmal hin und her, blieb aber sitzen.

Was wissen Sie denn von ihr? Etwas schneller, wenn ich bitten darf!

Ja, was denn ... er stockte und lchelte unntigerweise. Sie sehen
doch selbst ...

Was sehe ich? Aber so reden Sie doch!

Sie wohnt in demselben Hause, in dem ich wohne ... mit ihrem Bruder ...
einem Offizier.

Nun, und?

Schatoff stockte wieder. Wozu davon sprechen, knurrte er schlielich
und verstummte endgltig -- und wurde sogar rot.

Natrlich, von Ihnen kann man ja auch nicht mehr erwarten! Warwara
Petrowna wandte sich unwillig von ihm ab. Sie begriff, da hier alle
etwas Bestimmtes wuten und nur deshalb nicht auf ihre Fragen
antworteten, weil sie es ihr verheimlichen wollten.

Der Diener trat wieder ein, mit der bestellten Tasse Kaffee auf
silbernem Teebrett, und prsentierte sie auf Warwara Petrownas Wink
Marja Timofejewna.

Meine Liebe, Sie werden kalt gehabt haben! Trinken Sie etwas Heies,
das wird Sie erwrmen.

_Merci._ Marja Timofejewna nahm die Tasse -- platzte aber pltzlich
laut darber aus, da sie dem Diener _merci_ gesagt hatte. Da sie
jedoch gleichzeitig einen wtenden Blick Warwara Petrownas auffing,
erschrak sie und stellte schnell die Tasse auf den Tisch.

Tante, fragte sie darauf mit einem leichtsinnigen Ausdruck von
Koketterie, Tante, sind Sie mir vielleicht bse?

Wa--as? Warwara Petrowna richtete sich kerzengrade in ihrem Sessel
auf. Was fr eine Tante --? Wie meinten Sie das?

Marja Timofejewna hatte offenbar einen solchen Zorn nicht erwartet: ein
Zittern erschtterte sie frmlich und sie drckte sich angstvoll an die
Stuhllehne. Ich ... ich dachte ..., da man so -- mu, flsterte sie,
den Blick starr auf Warwara Petrowna gerichtet. Lisa hat Sie auch so
genannt.

Was fr eine Lisa?

Da, dort, dieses Frulein! sagte Marja Timofejewna und wies mit dem
Zeigefinger auf Lisaweta Nicolajewna.

So ist die fr Sie schon zur Lisa geworden?

Sie haben sie doch vorhin selbst so genannt. Marja Timofejewna fate
Mut. Und im Traume habe ich genau solch eine Schnheit gesehen, und
sie lachte gleichsam unwillkrlich.

Warwara Petrowna dachte einen Augenblick nach und wurde ersichtlich
ruhiger: ja, sie lchelte sogar ber Marja Timofejewnas letzte
Bemerkung. Als diese aber das Lcheln bemerkte, stand sie auf und trat
mit schchternem Ausdruck hinkend auf sie zu.

Bitte, nehmen Sie, ich verga ganz, das Tuch Ihnen zurckzugeben, seien
Sie mir nicht bse -- und sie nahm den Schal, den ihr Warwara Petrowna
in der Kirche umgelegt hatte, von den Schultern.

Nehmen Sie ihn sofort wieder um und behalten Sie ihn ganz. Setzen Sie
sich! Trinken Sie Ihren Kaffee, und frchten Sie sich bitte nicht vor
mir, meine Liebe! Ich fange schon an, Sie zu verstehen.

_Chre amie_ ... erlaubte sich Stepan Trophimowitsch wieder anzufangen
...

Ach, Stepan Trophimowitsch, hier verliert man auch ohne Sie schon den
Verstand! Verschonen Sie mich wenigstens ... Ziehen Sie bitte an der
Klingel frs Mdchenzimmer, dort!

Neues Schweigen entstand. Warwara Petrownas Blick glitt mitrauisch ber
die Gesichter der Anwesenden. Da erschien Agascha, ihre bevorzugte
Kammerzofe.

Mein kariertes Tuch. Das auslndische. Was macht Darja Pawlowna?

Sie fhlen sich nicht ganz wohl.

Geh', und sag' ihr, ich lasse sie herbitten. Sage ihr, ich liee sie
sehr darum bitten. Auch wenn sie krank ist.

In diesem Augenblick ertnte aus dem Vorzimmer Gerusch von Schritten
und Stimmen und pltzlich erschien in der Tr rot und atemlos Praskowja
Iwanowna, von Mawrikij Nicolajewitsch frsorglich gesttzt.

Ach Gott, endlich da! Lisa, du Wahnsinnige! Was tust du deiner Mutter
an! rief sie mit ihrer kreischenden Stimme, in die sie nach Art aller
reizbaren Menschen ihren ganzen rger legte, schon von der Tr aus ins
Zimmer.

Warwara Petrowna, meine Liebe, ich bin nur deshalb zu Ihnen gekommen,
um meine Tochter abzuholen!

Warwara Petrowna sah sie unmutig an, erhob sich aber, um sie zu
begren, und sagte mit kaum verhehltem Verdru: Guten Tag, Praskowja
Iwanowna. Setze dich, bitte. Ich wute ja, da du kommen wrdest.


                                  II.

Fr Praskowja Iwanowna konnte in einem solchen Empfang nichts
Unerwartetes liegen. Warwara Petrowna hatte sie von Kindheit an unter
dem Anschein der Freundschaft von oben herab, ja, in der Pensionszeit
sogar mit Verachtung behandelt. In den letzten Tagen hatte sich ihr
Verhltnis jedoch noch in einer ganz neuen und bedenklichen Weise
zugespitzt. Die Grnde des drohenden Bruches waren Warwara Petrowna noch
vllig unklar und daher um so beleidigender fr sie. Vor allem mute es
sie krnken, da Praskowja Iwanowna ihr gegenber mit einem Male einen
so unglaublich hochmtigen Ton anschlug. Hinzu kamen die sonderbaren
Gerchte, die ihr zu Ohren gedrungen waren, und die sie nun, eben
infolge ihrer Unklarheit und Unbestimmtheit, so aufregten. Warwara
Petrownas ganzes Wesen war gerade, offen und stolz, nichts hate sie
daher mehr, als versteckte Anschuldigungen. Jeglichem Rnkespiel htte
sie stets einen ehrlichen Krieg vorgezogen. Doch wie dem auch war,
jedenfalls hatten sich die beiden Damen jetzt schon seit fnf Tagen
nicht mehr gesehen. Warwara Petrowna war die letzte gewesen, die der
anderen einen Besuch gemacht hatte -- einen Besuch, von dem sie gekrnkt
und gergert zurckgekehrt war. Ich glaube mich nicht zu tuschen, wenn
ich sage, da Praskowja Iwanowna mit der naiven berzeugung eintrat,
Warwara Petrowna msse und werde aus irgendeinem Grunde vor ihr Angst
bekommen. Andererseits richtete sich in Warwara Petrowna sofort ihr
ganzer Stolz auf, als sie an dem Gesichte Praskowja Iwanownas wahrnahm,
da diese sie als irgendwie unterlegen behandeln wollte. Praskowja
Iwanowna wiederum war, wie so viele unbedeutende Menschen, die sich
sonst im allgemeinen ruhig tyrannisieren lassen, eines jhen und frechen
Angriffes fhig, mit dem sie dann plump bei irgendeiner Gelegenheit
herausplatzte. Zudem war sie noch krank und daher doppelt reizbar.

Da noch andere zugegen waren, konnte in diesem Falle den Ausbruch eines
Streites zwischen den beiden Jugendfreundinnen nicht verhindern: denn
Stepan Trophimowitsch, Schatoff und ich galten einfach als Hausfreunde,
auf deren Gegenwart man weiter nicht Rcksicht zu nehmen brauchte.
Stepan Trophimowitsch hatte brigens seit dem Eintritt seiner _chre
amie_ noch immer gestanden: jetzt, als auch noch Praskowja Iwanowna auf
der Trschwelle kreischend erschien, sank er ganz erschpft in einen
Sessel und warf mir nur noch einen verzweifelten Blick zu. Schatoff
dagegen drehte sich brsk und brummend auf seinem Stuhle um: und es
schien beinahe, als wolle er aufstehen und fortgehen. Lisa hatte sich
zuerst halb erhoben, aber sich gleich wieder gesetzt; sie schenkte der
Gegenwart ihrer Mutter berhaupt keine Beachtung, doch tat sie das nicht
aus Widerspenstigkeit oder Trotz, sondern weil sie augenscheinlich
ganz unter der Macht ihrer eigenen Gedanken stand -- sie starrte
zerstreut in die Luft und hatte sogar fr Marja Timofejewna nicht mehr
die frhere Aufmerksamkeit brig.


                                  III.

Ach, hierher! Praskowja Iwanowna zeigte auf den Lehnstuhl am Tisch,
und lie sich mit Mawrikij Nicolajewitschs Hilfe schwer auf ihn nieder.
Wrde mich sonst nicht bei Ihnen hinsetzen, meine Liebe, wenn es nicht
die Fe wren --

Warwara Petrowna erhob ein wenig den Kopf, und legte die Hand an die
rechte Schlfe, in der sie augenscheinlich einen stechenden Schmerz
empfand -- _le tic douloureux_,{[90]} wie ihn Stepan Trophimowitsch
nannte.

Warum denn nicht, Praskowja Iwanowna? Warum solltest du dich bei mir
nicht setzen? Dein Mann war mir sein Lebelang freundschaftlich zugetan.
Und mit dir habe ich noch als Kind in der Pension Puppen gespielt.

Praskowja Iwanowna winkte nur mit der Hand ab: Ich konnte es mir ja
schon denken, da Sie wieder von der Pension anfangen wrden! Das tun
Sie ja stets, wenn Sie Vorwrfe machen wollen.

Es scheint, da du schon in schlechter Laune hergekommen bist. Wie geht
es mit deinen Fen? Da wird dir Kaffee gebracht! Nimm bitte ein
Tchen, trink und rgere dich nicht.

Meine Liebe, Sie gehen ja mit mir um, als ob ich ein kleines Mdchen
wre! Ich will keinen Kaffee, danke! und sie winkte eigensinnig dem
Diener ab, der mit dem Tablett zu ihr getreten war. Fr Kaffee dankten
brigens auch die anderen, auer Mawrikij Nicolajewitsch und mir. Stepan
Trophimowitsch nahm zwar ein Tchen, stellte es aber gleich wieder auf
den Tisch. Marja Timofejewna htte ersichtlich allzu gern auch eines,
ihr zweites, genommen. Sie streckte schon die Hand aus, bedachte sich
aber noch im letzten Augenblick und dankte -- worauf sie sich, offenbar
sehr zufrieden mit sich selbst, wieder zurcklehnte.

Warwara Petrowna lchelte verzogen.

Weit du, meine Liebe, du hast dir wohl wieder einmal etwas
eingebildet. Wre nichts Neues! Du hast ja von jeher nur von
Einbildungen gelebt. Wenn ich von der Pension anfange, so rgerst du
dich. Aber weit du noch, wie du ankamst? Wie du der ganzen Klasse
erzhltest, der Husarenleutnant Schablykin htte um dich angehalten, und
wie Madame Lefebure dich sofort der Lge zieh? Dabei hattest du ja gar
nicht gelogen. Du hattest dir die ganze Geschichte eben einfach
eingebildet. Und so war's immer und so wird's wohl auch jetzt wieder
sein. Also erzhle nur, womit du diesmal hergekommen bist, was du dir
jetzt wieder einbildest?

Dabei hat sie sich in der Pension in den Popen verliebt -- hahaha!
rief Praskowja Iwanowna mit gehssigem Lachen, das bald in Husten
berging.

Ah! das hast du also nicht vergessen? Warwara Petrowna sah sie
durchdringend an und ihr Gesicht wurde farblos vor rger.

Praskowja Iwanowna wurde pltzlich ernst. Dann aber fuhr es aus ihr
heraus: Warum ... warum haben Sie meine Tochter in Gegenwart der ganzen
Stadt in Ihren Skandal verwickelt?

In meinen Skandal? Warwara Petrowna richtete sich drohend auf.

Mama, ich mchte Sie doch sehr bitten, sich etwas zu migen, sagte
Lisaweta Nicolajewna pltzlich zu ihr.

Wie! Was ... was sagtest du da? Aber gleich darauf schwieg sie vor dem
aufblitzenden Blick ihrer Tochter.

Was reden Sie von einem Skandal, Mama? Ich bin freiwillig
hierhergekommen, mit Julija Michailownas Erlaubnis, weil ich die
Geschichte dieser Unglcklichen da erfahren wollte, um ihr helfen zu
knnen.

Geschichte dieser Unglcklichen? wiederholte Praskowja Iwanowna
langsam, mit bsem Lachen. Was mischst du dich in solche Geschichten?
Ach, meine Liebe, wir haben jetzt genug von Ihrer Herrschsucht! fuhr
sie darauf wieder Warwara Petrowna an. Bisher haben _Sie_ die ganze
Stadt kritisiert, jetzt aber kommt die Reihe auch einmal an uns!

Warwara Petrowna sa in einer Haltung da, als wolle sie sich sofort auf
Praskowja Iwanowna strzen; dabei war aber ihr Blick kalt und
unbeweglich auf die Gegnerin geheftet.

Sei froh, meine Liebe, sagte sie mit eisiger Ruhe, da wir hier unter
uns sind. Du hast viel berflssiges gesagt.

Ich, meine Liebe, ich frchte die ffentliche Meinung nicht so sehr,
wie gewisse andere Leute. Die Furcht haben _Sie_ vielmehr! Und da wir
hier >unter uns< sind -- nun, um so besser fr Sie, wenn wir hier nicht
unter Fremden sind!

Du bist wohl etwas klger geworden? In der letzten Woche?

O nein, ich bin nicht klger geworden in der letzten Woche, aber die
Wahrheit ist ans Licht gekommen in der letzten Woche.

Was fr eine Wahrheit ist ans Licht gekommen? In der letzten Woche? Was
soll das heien? Was willst du damit sagen?

Da, da ... da sitzt sie ja, die ganze Wahrheit! Und Praskowja Iwanowna
wies pltzlich auf Marja Timofejewna mit jener verzweifelten
Entschlossenheit, die nicht mehr an die Folgen denkt, sondern nur im
Augenblick treffen will.

Marja Timofejewna, die inzwischen mit einer frhlichen Neugierde die
alte Dame betrachtet hatte, lachte lustig auf, als sie jetzt deren
Finger auf sich gerichtet sah, und bewegte sich vergngt auf ihrem
Sessel.

Herr Jesus Christus, sind denn heute alle von Sinnen! murmelte Warwara
Petrowna und lehnte sich zurck.

Und pltzlich wurde sie so bla, da wir alle erschrocken auf sie
zutraten. Stepan Trophimowitsch war als erster bei ihr. Ich folgte ihm.
Auch Lisa stand auf. Am erschrockensten war aber Praskowja Iwanowna
selbst: sie stie einen kurzen Schrei aus, erhob sich, so weit sie es
konnte, und rief bittend mit weinerlicher Stimme:

Meine Liebe, verzeihen Sie, das war ja nur so gesagt! -- Aber so geben
Sie ihr doch wenigstens Wasser!

Bitte, rege dich nicht auf. Und Sie, meine Herren, bitte, setzen Sie
sich wieder. Warwara Petrowna suchte sich zu fassen.

Meine Liebe, begann Praskowja Iwanowna von neuem, nachdem sie sich ein
bichen beruhigt hatte, es war ja tricht, es war ja hlich von mir
... Aber man hat mich mit all diesen anonymen Briefen, die mir wei der
Himmel was fr Leute zuschicken, dermaen gereizt ... wenn sie sie doch
wenigstens _Ihnen_ zuschicken wrden, da sie doch von _Ihnen_ handeln
... aber ich, meine Liebe, ich habe eine Tochter!

Warwara Petrowna, die inzwischen wieder vollstndig Herrin ihrer selbst
geworden war, hatte ihr erstaunt zugehrt und sah sie noch stumm mit
groen Augen an, als sich eine Seitentr ffnete und Darja Pawlowna
eintrat. Sie blieb stehen und sah sich um -- wahrscheinlich ohne
zunchst Marja Timofejewna zu erblicken, von deren Anwesenheit man ihr
nichts gesagt hatte. Unsere Aufregung schien sie zu erschrecken. Stepan
Trophimowitsch hatte sie zuerst bemerkt, er machte eine schnelle
Bewegung, errtete und sagte pltzlich laut: Darja Pawlowna! -- so da
aller Augen sich der Eintretenden zuwandten.

Das also ist eure Darja Pawlowna! rief Marja Timofejewna. Ach,
Schatuschka, deine Schwester gleicht dir aber gar nicht! Wie kann nur
meiner solch ein schnes Wesen die Leibeigene Daschka nennen!

Darja Pawlowna war schon an Marja Timofejewna vorbergegangen und auf
Warwara Petrowna zugeschritten, als der Ausruf sie traf. Sie kehrte sich
jh um und blieb wie versteinert stehen, mit langem, entsetztem Blick
auf die Lahme starrend.

Setze dich, Dascha, sagte Warwara Petrowna mit unheimlicher Ruhe.
Auch sitzend wirst du sie sehen knnen. Kennst du sie?

Ich habe sie nie gesehen, antwortete Dascha leise, nach kurzem
Schweigen. Und dann fgte sie schneller hinzu: Ich glaube, es ist die
kranke Schwester eines Herrn Lebdkin.

Und auch ich sehe Sie zum ersten Male, aber ich wollte Sie schon lange
kennen lernen, denn in jeder Ihrer Bewegungen sehe ich die gute
Erziehung! rief Marja Timofejewna entzckt. Und was da mein Diener
schimpft, -- oh, wie wre es wohl mglich, da _Sie_ Geld entwendet
htten!? Sie, die Sie so wohlerzogen und lieb sind? Denn Sie sind lieb
und lieb und lieb! Das sage ich Ihnen von mir aus! schlo sie ganz
begeistert und mit einer heftigen Handbewegung.

Verstehst du etwas davon? fragte Warwara Petrowna Darja Pawlowna mit
stolzer Wrde.

Ich verstehe ...

Das von dem Gelde hast du auch gehrt?

Damit meint sie gewi jenes Geld, das ich, auf Nicolai
Wszewolodowitschs Bitte in der Schweiz einem gewissen Herrn Lebdkin,
ihrem Bruder jedenfalls, zu bergeben bernahm.

Ein Schweigen entstand.

Hat Nicolai Wszewolodowitsch dich selbst darum gebeten?

Ja, ihm lag sehr viel daran, dieses Geld zu bersenden -- es waren
dreihundert Rubel. Da er aber Herrn Lebdkins Adresse nicht kannte und
nur wute, da er hierher ziehen werde, so bat er mich, ich mge ihm das
Geld bei seiner Ankunft zustellen.

Und was fr ein Geld ist da ... abhanden gekommen? Sie sagte soeben --

Das wei ich nicht. Ich habe auch schon gehrt, da Herr Lebdkin von
mir gesagt haben soll, ich htte ihm nicht das ganze Geld bersandt,
aber das verstehe ich nicht. Es waren genau dreihundert Rubel und genau
dreihundert Rubel habe ich eingezahlt.

Darja Pawlowna hatte sich wieder beruhigt. Es war berhaupt schwer,
dieses Mdchen irgendwie aus der Fassung zu bringen -- mochte sie
innerlich noch so stark bewegt sein. Jetzt antwortete sie auf jede Frage
leise, aber ruhig und bestimmt und ohne die geringste Verwirrung, die
doch das Bewutsein von einer, wenn auch noch so kleinen Schuld immer
hervorruft.

Warwara Petrowna lie whrend der ganzen Zeit, in der Darja Pawlowna
sprach, auch nicht ein einziges Mal den Blick von ihr.

Wenn Nicolai Wszewolodowitsch sich in dieser Angelegenheit nicht einmal
an mich, seine Mutter, gewandt hat, sagte sie ernst und offenbar sich
an alle Anwesenden wendend, obwohl sie dabei Darja Pawlowna allein ansah
-- wenn er vielmehr dich um diese Geflligkeit gebeten hat, so wird er
auch bestimmt seine Grnde dazu gehabt haben. Ich halte mich also gar
nicht fr berechtigt, weiter nach ihnen zu forschen. Und schon, da du
dabei beteiligt bist, das beruhigt mich vollkommen. Das sollst du vor
allem einmal wissen, Dascha. Aber sieh, meine Liebe, du hast vielleicht
doch eine Unvorsichtigkeit begangen. Mit reinem Gewissen. Einfach aus
Lebensunkenntnis. Ich meine: allein schon, da du mit diesem Menschen in
Berhrung gekommen bist. Und was er jetzt ber dich herumerzhlt,
besttigt es ja. Doch ich bin nicht umsonst deine Beschtzerin. Ich
werde dich schon zu verteidigen wissen. -- Aber jetzt mu man alledem
ein Ende machen ...

Am besten ist, fiel Marja Timofejewna ihr ins Wort, Sie schicken ihn,
wenn er selbst zu Ihnen kommt, einfach in die Dienerstube, dort kann er
dann Karten spielen und wir knnen hier sitzen und Kaffee trinken. Ein
Tchen kann man ja auch ihm schicken, aber sonst verachte ich ihn
tief! und sie nickte ausdrucksvoll mit dem Kopf.

Dem mu man ein Ende machen, wiederholte Warwara Petrowna, nachdem sie
ihr aufmerksam zugehrt hatte. Stepan Trophimowitsch, bitte klingeln
Sie.

Stepan Trophimowitsch klingelte, trat aber pltzlich erregt vor.

Wenn ... wenn ich ... wenn ich auch die widerlichste Novelle, oder
besser -- schndlichste Verleumdung gehrt habe ... mit dem allergrten
Unwillen ... _enfin, c'est un homme perdu et quelque chose comme un
forat vad_.{[91]}

Er brach ab. Warwara Petrowna ma ihn mit zugekniffenen Augen vom Kopf
bis zu den Fen. Doch schon gleich darauf trat ihr wrdevoller Diener,
Alexei Jegorowitsch, ein.

Die Equipage! befahl Warwara Petrowna. Du wirst Frulein Lebdkina
nach Hause begleiten.

Herr Lebdkin wartet unten bereits seit einiger Zeit auf sie und hat
sehr gebeten, ihn anzumelden.

Das ist unmglich, Warwara Petrowna, sagte, pltzlich vortretend,
Mawrikij Nicolajewitsch, der bis dahin unerschtterlich geschwiegen
hatte. Sie erlauben, aber das ist kein Mensch, den man in der
Gesellschaft empfangen kann. Das ... das ist ... mit einem Wort, das ist
unmglich, Warwara Petrowna.

Warten, er soll warten! wandte sich diese an den Diener, der sofort
verschwand.

_C'est un homme malhonnte et je crois mme que c'est un forat vad
ou quelque chose dans ce genre_,{[92]} sagte wieder Stepan
Trophimowitsch erregt.

Lisa, es ist Zeit, da wir fahren! rief jetzt auch Praskowja Iwanowna
und erhob sich von ihrem Lehnstuhl. Sie schien bereits zu bereuen, da
sie vorhin im ersten Schreck alles zurckgenommen hatte. Schon als Darja
Pawlowna sprach, hatte sie wieder mit hochmtiger Miene zugehrt. Doch
am meisten wunderte ich mich ber Lisaweta Nicolajewna, die, als Darja
Pawlowna eintrat, das junge Mdchen schon mit gar zu offenem Ha und
unverhohlener Verachtung angesehen hatte.

Bitte, gedulde dich noch einen Augenblick! hielt Warwara Petrowna sie
auf. Sei so gut und setze dich wieder. Ich habe die Absicht, alles zu
sagen, und du hast kranke Fe. So, danke. Ich habe dir vorhin, als mir
die Geduld ri, ein paar unangenehme Worte gesagt. Sei so freundlich und
verzeih sie mir. Es war berflssig und tricht von mir. Ich sehe das
selbst ein. Und da ich immer Gerechtigkeit liebe, so sage ich's.
Natrlich hast auch du allerlei berflssiges gesagt, wie zum Beispiel
das von den anonymen Briefen. Anonyme Briefe sind schon deshalb
verchtlich, weil der Schreiber ein Feigling ist. Fat du es anders auf,
so beneide ich dich nicht. Jedenfalls wrde ich mit so etwas in der
Tasche nicht zu meiner Freundin gehen und mich damit breit machen.
brigens, da du nun einmal davon angefangen hast, so la dir sagen, da
auch ich einen Brief bekommen habe. Vor sechs Tagen. Gleichfalls ohne
Unterschrift. Darin teilt mir der Absender mit, da mein Sohn den
Verstand verloren habe. Ferner, da ich mich vor einem hinkenden
Frauenzimmer hten soll, >das in Ihrem Leben eine groe Rolle spielen
wird<, hie es wrtlich. Ich dachte nach, und da ich wute, da Nicolai
Wszewolodowitsch unzhlige Feinde hat, schickte ich sofort nach einem
Menschen, dem rachschtigsten und verchtlichsten von allen seinen
Feinden. Im Gesprch mit ihm erriet ich denn auch sofort, woher der
Brief stammte. Wenn man auch dich, Praskowja Iwanowna, mit solchen
Briefen behelligt hat, _meinetwegen_ behelligt hat, so bin ich die
erste, der es leid tut. Verzeih, da ich die unschuldige Ursache gewesen
bin. -- brigens habe ich mich entschlossen, diesen verdchtigen
Menschen da unten sofort _hereinzulassen_. Mawrikij Nicolajewitsch hat
wohl kein ganz richtiges Wort gebraucht, als er sagte, da man ihn nicht
_empfangen_ knne. Besonders Lisa wird hier nichts zu tun haben. Komm
her, Lisa, mein Liebling. La mich dich noch einmal kssen.

Lisa stand auf und ging stumm zu Warwara Petrowna. Diese kte sie,
fate ihre Hnde, beugte sich etwas zurck, um sie besser sehen zu
knnen, und blickte sie liebevoll an. Darauf bekreuzte sie sie und kte
sie nochmals. Nun, leb wohl, Lisa, (in ihrer Stimme zitterten fast
Trnen). Glaub mir, da ich nie aufhren werde, dich zu lieben. Was dir
das Schicksal auch bringen mag! Gott sei mit dir, mein Kind, ich habe
immer Seinen Willen gesegnet ... Wie es schien, wollte sie noch etwas
hinzufgen, aber sie nahm sich zusammen und schwieg.

Lisa ging wie in tiefen Gedanken zu ihrem Platz zurck, doch pltzlich
blieb sie vor ihrer Mutter stehen.

Mama, ich werde jetzt noch nicht nach Hause fahren, ich mchte noch bei
Tante bleiben, sagte sie mit leiser Stimme, doch in diesen leisen
Worten lag trotzdem eine unerschtterliche Entschlossenheit.

Groer Gott, was hast du nur wieder? Und ganz erschpft lie ihre
Mutter die schon erhobenen Hnde sinken.

Doch Lisa antwortete ihr nicht; sie setzte sich still wieder auf ihren
Platz in der Ecke, um von neuem ins Leere zu starren.

In Warwara Petrownas Augen leuchtete etwas Sieghaftes und Stolzes auf.

Mawrikij Nicolajewitsch, ich habe eine groe Bitte an Sie. Wrden Sie
so gtig sein und nach unten gehn, um dort nach jenem Menschen zu sehen,
und, wenn es irgend geht, ihn hereinzulassen?

Mawrikij Nicolajewitsch verbeugte sich und verlie das Zimmer. Eine
Minute spter trat er mit Lebdkin wieder ein.


                                  IV.

Ich habe schon einmal von der ueren Erscheinung dieses Herrn
gesprochen: ein groer, krauskpfiger, stmmiger Mann von ungefhr
vierzig Jahren, mit einem roten, ein wenig gedunsenen Gesicht,
fleischigen Wangen, die bei jeder Kopfbewegung erzitterten, kleinen, vom
Blutandrang gerteten Augen, die zuweilen einen recht schlauen Ausdruck
annehmen konnten, mit einem Schnurrbart und Backenbart und der Anlage zu
einem fleischigen Doppelkinn, das schon ziemlich unangenehm aussah. Doch
am meisten berraschte an ihm, da er jetzt in einem Frack und in
sauberer Wsche erschien. Es gibt Menschen, zu denen saubere Wsche
nicht pat, ja, fr die sie sich einfach nicht schickt, hatte Liputin
einmal auf Stepan Trophimowitschs scherzhaft gemachten Vorwurf, da er,
Liputin, in seiner Kleidung nachlssig sei, nicht unrichtig erwidert.
Der Hauptmann aber hatte pltzlich auch neue schwarze Handschuhe, von
denen er den rechten in der Hand hielt, whrend der linke -- den er wohl
nur mit groer Mhe so weit bekommen hatte -- seine fleischige linke
Tatze nur bis zur Hlfte bedeckte, geschweige denn sich zuknpfen lie.
Und in dieser linken Hand hielt er einen nagelneuen, offenbar
gleichfalls zum erstenmal benutzten runden Hut. So hatte es denn doch
seine Richtigkeit mit dem Frack der Liebe, von dem er gestern Abend
Schatoff berichtet hatte. Alle diese Kleidungsstcke waren schon frher
auf Liputins Rat gekauft worden (wie ich spter erfuhr), und jedenfalls
zu einem bestimmten geheimnisvollen Zweck. Zweifellos war er auch jetzt
nicht aus eigenem Antriebe hierhergekommen: selbst wenn er die Szene an
der Kirchentr sofort erfahren htte, wrde er doch niemals in einer
dreiviertel Stunde allein einen solchen Entschlu haben fassen und gar
ausfhren knnen. Betrunken war er dabei nicht, befand sich aber in
jenem stumpfen, nebligen Zustande eines Menschen, der pltzlich nach
langer Betrunkenheit wieder zu sich gekommen ist. Doch ich glaube, man
htte ihn nur zu schtteln brauchen und er wre sofort wieder betrunken
gewesen.

Allem Anscheine nach wollte er mit Temperament ins Zimmer treten, doch
stolperte er zum Unglck sofort ber eine Teppichecke an der Tr,
worber dann Marja Timofejewna vor Lachen fast verging. Er warf der
Schwester einen wtenden Blick zu und nherte sich mit ein paar
Schritten Warwara Petrowna.

Gndige Frau, ich bin gekommen ... begann er drhnend laut, wie durch
eine Trompete.

Seien Sie so freundlich, mein Herr, sich dort -- auf jenen Stuhl dort
zu setzen, sagte Warwara Petrowna, die steif aufgerichtet dasa. Ich
werde Sie auch von dort aus hren und so kann ich Sie besser sehen.

Der Hauptmann blieb stehen, sah blde vor sich hin, kehrte dann aber
doch zurck und setzte sich auf den bezeichneten Stuhl an der Tr. Der
gnzliche Mangel an Zutrauen zu sich selbst und zu gleicher Zeit
unendliche Gereiztheit drckten sich auf seinem Gesicht aus. Er hatte
furchtbare Angst, das sah man, aber auch seine Eigenliebe schien stark
zu leiden, und so konnte man nicht sicher sein, ob er sich nicht im
gegebenen Moment pltzlich, trotz der Feigheit, zu irgend etwas, zur
grten Gemeinheit vielleicht, aufraffen wrde. Augenscheinlich scheute
er jede Bewegung seines vierschrtigen Krpers. Bekanntlich ist der
grte Schmerz solcher Wesen, wenn sie irgend einmal in Gesellschaft
erscheinen, der Gedanke an ihre Hnde: das ununterbrochen wache
Bewutsein, sie nirgendwohin auf anstndige Weise verschwinden lassen zu
knnen. Der Hauptmann nun sa wie betubt da, hielt krampfhaft Hut und
Handschuh fest und konnte seinen zunchst vllig blden Blick nicht von
Warwara Petrownas strengem Gesicht losreien. Er htte sich gewi gern
umgesehen, aber er wagte es einfach nicht. Marja Timofejewna, die wohl
wieder etwas an ihm uerst komisch fand, lachte laut auf, aber auch
jetzt rhrte er sich noch nicht. So hielt ihn Warwara Petrowna
unbarmherzig in diesem Schweigen und betrachtete ihn wohl eine
geschlagene Minute lang schonungslos vom Scheitel bis zur Sohle.

Zuerst gestatten Sie, von Ihnen selbst Ihren Namen zu erfahren, sagte
sie endlich gemessen und vollkommen ruhig.

Hauptmann Lebdkin, drhnte sofort die Antwort. Ich bin gekommen,
gndige Frau ... Und schon war er wieder im Begriff, sich zu erheben.

Erlauben Sie! hielt ihn Warwara Petrowna auf. Dieses
bemitleidenswerte Geschpf, das ich in der Kirche angetroffen habe und
das mein Interesse erregt, ist Ihre Schwester?

Jawohl, gndige Frau, meine Schwester, die meiner Aufsicht entschlpft
ist, denn da sie sich in solchen Umstnden befindet ... er verstummte
pltzlich und wurde feuerrot.

Das heit, miverstehen Sie das nicht, gndige Frau, verwickelte er
sich noch mehr, der leibliche Bruder wrde so was nicht sagen ... In
solchen Umstnden, das heit nicht etwa in _solchen_ Umstnden, im Sinne
von -- in einem Sinne, der die Ehre befleckt ... ich meine, den Ruf ...

Er brach ab.

Mein Herr! Warwara Petrowna hob den Kopf.

Das heit in _solchem_ Zustande! schlo er pltzlich und unvermutet,
mit dem steifen Finger sich vor die Stirn tippend.

Alle schwiegen eine Zeitlang.

Leidet sie schon lange daran? fragte Warwara Petrowna endlich.

Gndige Frau, ich bin gekommen, um fr die an der Kirchentr erwiesene
Gromut zu danken, so recht auf russische, auf brderliche Art ...

Auf brderliche --?

Das heit, gndige Frau, nicht auf brderliche ... oder nur in dem
Sinne auf brderliche Art, da ich der Bruder meiner Schwester bin,
gndige Frau, und, glauben Sie mir, gndige Frau, begann er wieder
schneller zu sprechen, mit hochrotem Kopf, da ich gar nicht so
ungebildet bin, wie ich auf den ersten Blick in Ihrem Salon erscheinen
mag. Wir, meine Schwester und ich, sind berhaupt nichts, im Vergleich
mit der Pracht, die wir hier sehen. Dazu haben wir noch Verleumder. Aber
auf seinen Ruf hlt Lebdkin viel und ist stolz darauf, gndige Frau,
und ... und ich ... ich bin gekommen, um mich zu bedanken ... gndige
Frau, hier ist das Geld!

Und er ri sein Portefeuille aus der Brusttasche und begann, zitternd
vor Ungeduld, mit bebenden Fingern die Papierscheine hervorzuzerren. Man
fhlte, da er so schnell wie mglich irgend etwas aufklren wollte.
Andererseits fhlte er wieder, da diese Geschichte mit dem Gelde ihn
noch dmmer erscheinen lie, und so verlor er denn die letzte
Kaltbltigkeit. Die Finger zitterten, die Scheine wollten sich nicht
zhlen lassen, und zur Erhhung der peinlichen Situation fiel noch ein
grner Papierschein, im Zickzack niedertaumelnd, auf den Teppich.

Zwanzig Rubel, gndige Frau. Mit den Scheinen in der Hand wollte er
auf Warwara Petrowna zutreten. Als er den gefallenen Schein bemerkte,
bckte er sich schon, um ihn aufzuheben, bedachte sich aber, schmte
sich entsetzlich und winkte schlielich mit der Hand ab.

Fr Ihre Leute, gndige Frau, fr den Diener, wenn er hier aufrumt --
mag er an Lebdkin denken!

Aber das kann ich unmglich zulassen! sagte Warwara Petrowna schnell.

In dem Falle ... er bckte sich, hob den Schein auf, wurde dabei
purpurrot im Gesicht und trat schnell ein paar Schritte vor -- die
zwanzig Rubel in der Hand Warwara Petrowna hinhaltend.

Was wollen Sie?! Warwara Petrowna erschrak nun doch so, da sie im
Schreck sogar den Sessel zurckschob.

Mawrikij Nicolajewitsch, Stepan Trophimowitsch und ich traten
unwillkrlich vor ...

Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, ich bin
nicht verrckt, bei Gott, ich bin nicht verrckt! beteuerte der
Hauptmann nach allen Seiten hin.

Nein, mein Herr, Sie scheinen doch nicht bei vollem Verstande zu sein!

Gndige Frau, das ist ja alles nicht das, was Sie denken! Ich bin
selbstverstndlich nur ein Nichtswrdiger ... Oh, gndige Frau, reich
sind Ihre Prunkgemcher, aber arm sind sie bei Maria der Unbekannten,
meiner Schwester, der geborenen Lebdkin, die wir vorlufig >Maria die
Unbekannte< nennen wollen. Aber nur vorlufig, gndige Frau, nur
_zeitweilig_, sintemal Gott selber es nicht zulassen wird, da wir es
ewig tun mssen! Gndige Frau, Sie haben ihr zehn Rubel gegeben, und sie
hat das Geld angenommen, aber nur, weil _Sie_ es waren, gndige Frau!
Hren Sie es wohl, von niemandem in der ganzen Welt wrde sie etwas
annehmen, diese >unbekannte Maria<, denn sonst mte sich der
Stabsoffizier, ihr Grovater, der im Kaukasus unter den Augen Ermoloffs
fiel, noch im Grabe umdrehen! Aber von _Ihnen_ wird sie alles annehmen,
gndige Frau, aber wenn sie mit der einen Hand zehn Rubel nimmt, so wird
sie mit der anderen zwanzig zurckgeben, als Gabe an einen der
Wohlttigkeitsvereine, deren Mitglied Sie sind, gndige Frau. Sie haben
doch in den >Moskauer Nachrichten< angezeigt, da sich jeder hier in dem
Buche Ihres Wohlttigkeitsvereins einschreiben kann ...

Der Hauptmann stockte wieder und atmete schwer, wie nach einer
bergroen Kraftanstrengung; auf seiner Stirn perlten buchstblich dicke
Schweitropfen. Die Rede ber den Wohlttigkeitsverein schien er schon
vorbereitet zu haben und wahrscheinlich gleichfalls unter Liputins
Leitung. Warwara Petrowna sah ihn durchdringend an.

Dieses Buch, sagte sie streng, liegt unten bei meinem Portier. Dort
knnen Sie sich zu jeder Zeit einschreiben, wenn Sie wollen. Jetzt aber
bitte ich Sie, Ihr Geld wieder einzustecken und nicht so in der Luft
damit herumzufuchteln ... So! Auch bitte ich Sie, sich wieder auf Ihren
alten Platz zu setzen ... So! Es tut mir leid, mein Herr, da ich mich
im Falle Ihrer Schwester so versehen und ihr ein Almosen gegeben habe,
whrend sie reich ist. Nur eines verstehe ich nicht -- warum sie nur von
mir allein und sonst von niemandem etwas annehmen wrde. Sie haben das
so betont, da ich darber gern eine nhere Erklrung hren wrde.

Gndige Frau, das ist ein Geheimnis, das erst im Grabe begraben sein
wird! antwortete der Hauptmann.

Was ... wollen Sie damit sagen? fragte Warwara Petrowna mit nicht mehr
ganz so fester Stimme wie bisher.

Gndige Frau ... gndige Frau ...! er verstummte, blickte finster zu
Boden und drckte die rechte Hand aufs Herz. Warwara Petrowna wartete,
doch ohne ihn aus den Augen zu lassen.

Gndige Frau! rief er pltzlich aus, gestatten Sie mir, eine Frage an
Sie zu stellen, nur eine einzige, ganz offen, gerade heraus, auf
russische Art, also unmittelbar aus der Seele?

Bitte.

Haben Sie je gelitten im Leben, gndige Frau?

Sie wollen damit wohl sagen, da Sie durch irgend jemanden gelitten
haben oder noch leiden?

Gndige Frau, ach, gndige Frau! rief er erregt, sprang wieder auf und
schlug sich an die Brust. Hier in diesem Herzen hat sich so viel
aufgehuft, so viel, sage ich Ihnen, da Gott selbst sich wundern wird,
wenn er es beim jngsten Gericht erfhrt!

Hm, stark gesagt!

Gndige Frau, ich ... vielleicht spreche ich -- mit zu groer
Dreistigkeit ...

Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde schon wissen, wann es ntig sein
wird, Sie zu unterbrechen.

Kann ich noch eine Frage an Sie stellen, gndige Frau?

Fragen Sie.

Kann man vor lauter Seelengre sterben?

Das wei ich nicht. Ich habe mir nie diese Frage gestellt.

Sie wissen es nicht! Sie haben sich nie diese Frage gestellt! rief er
mit pathetischer Ironie. Wenn's so ist, wenn's so ist, dann freilich --

   >Schweig stille, mein Herze!<

und er schlug sich von neuem verzweifelt an die Brust.

Schon ging er wieder im Zimmer umher. Die erste Eigenschaft von Menschen
seiner Art pflegt die vollstndige Unfhigkeit zu sein, sich irgendwie
selbst im Zaume zu halten: sie folgen im Gegenteil machtlos dem
ununterdrckbaren Bedrfnis, alles, was ihnen gerade einfllt, sofort
auch zu uern. Gert dann einmal ein derartiger Mensch in eine
Gesellschaft, in die er nicht hineingehrt, so wird er sich zunchst
vielleicht ganz schchtern geben, dann aber, in demselben Grade, in dem
man ihn gewhren lt, aus sich herausgeben und am Ende zu
Unverschmtheiten, wenn nicht gar Ttlichkeiten bergehen.

Der Hauptmann war schon in eine bedrohliche Erregung geraten:
fuchtelnd ging er auf und ab, berhrte die Fragen, die man an ihn
stellte, und sprach so schnell, da die Zunge bei den Zischlauten sich
gleichsam berschlug und er hufig von einem Satz zusammenhanglos auf
den andern bersprang. Ganz nchtern war er wohl wirklich nicht. Lisa
schien er gar nicht zu beachten. Und doch war es andererseits klar, da
gerade ihre Anwesenheit ihn malos aufregte.

So mute es denn doch wohl, bedachte man die ganze unglaubliche
Situation, einen tieferen Grund haben, warum Warwara Petrowna ihren
Widerwillen unterdrckte und diesen Menschen immer noch anhrte.
Praskowja Iwanowna zitterte einfach vor Angst, doch begriff sie wohl
kaum, um was es sich eigentlich handelte. Stepan Trophimowitsch zitterte
gleichfalls, er jedoch, weil er wie gewhnlich viel mehr zu begreifen
glaubte, als da berhaupt zu begreifen war. Mawrikij Nicolajewitsch
hielt sich so, als fhle er sich fr unsere allgemeine Sicherheit
verantwortlich, whrend Lisa bla und mit groen Augen unablssig den
wilden Hauptmann anstarrte. Schatoff sa wie immer mit gesenktem Kopf.

Aber am befremdlichsten war, da Marja Timofejewna nicht nur zu lachen
aufgehrt hatte, sondern ganz traurig geworden war: den rechten Arm auf
den Tisch gesttzt, so folgte sie mit traurigem Blick den Gesten und
Deklamationen ihres Bruders. Nur Darja Pawlowna schien mir ruhig zu
sein.

Das sind ja lauter unsinnige Allegorien, sagte pltzlich Warwara
Petrowna gergert. Sie haben mir noch immer nicht auf meine Frage
geantwortet: warum? Ich will es wissen!

Ich habe nicht gesagt, >warum<? Sie wollen eine Antwort auf dieses
>Warum<? wiederholte Lebdkin und zwinkerte. Ja, gndige Frau, dieses
kleine Wrtchen >warum< ist ber das ganze Weltall ergossen, schon seit
dem ersten Tage der Schpfung, und die ganze Schpfung selber schreit
tglich ihrem Schpfer zu: >warum<? Und nun sind es schon siebentausend
Jahre, da sie keine Antwort darauf erhlt! Mu nun wirklich einzig und
allein der Hauptmann Lebdkin eine Antwort darauf geben? Ist diese
Forderung auch gerecht, gndige Frau?

Aber das ist ja Unsinn, nichts als Unsinn! Warwara Petrowna rgerte
sich und verlor endlich die Geduld. Sie kommen wieder mit Allegorien,
und reden in einem Tone, mein Herr, den ich mir verbitten mchte.

Gndige Frau! -- der Hauptmann hrte sie wieder gar nicht an --
vielleicht wrde ich gerne Ernest heien wollen, und whrend dessen bin
ich gezwungen, den einfachen Namen Ignatius zu tragen -- warum das? h?!
Ich mchte vielleicht gerne Prince de Montbar heien und doch mu ich
mich nur Lebdkin nennen -- h! Warum das? Ich bin ein Poet, gndige
Frau, in meiner Seele ein Poet, und ich knnte von einem Verleger mit
Kuhand tausend Rubel bekommen, und doch bin ich gezwungen, in einem
elenden Loche zu wohnen -- warum das? h! Warum das? Gndige Frau, und
meiner Meinung nach ist Ruland berhaupt nur eine Farce der Natur und
nichts weiter!

Etwas Bestimmteres knnen Sie wohl auf meine Frage nicht sagen?

Ich kann Ihnen ein Gedicht von einer Schabe vortragen, gndige Frau!

Wa--a--as?

Nein, bergeschnappt bin ich noch nicht, gndige Frau! Aber das werde
ich spter einmal sein, blo vorlufig bin ich's noch nicht! Gndige
Frau, einer meiner Freunde hat eine Kryloffsche Fabel gedichtet. Das ist
die Fabel von der Schabe, und wenn ich sie hersagen soll --?

Sie wollen eine Kryloffsche Fabel deklamieren?

Nein, keine Kryloffsche Fabel, gndige Frau, sondern eine von mir
verfate Lebdkinsche Fabel! Glauben Sie mir doch, gndige Frau, da ich
gebildet genug bin, um den groen Fabeldichter Kryloff zu kennen, fr
den der Kultusminister in Petersburg im Sommergarten ein Denkmal
errichtet hat, um das jetzt die Kinder herumlaufen. Sie fragen >warum<?,
gndige Frau, >warum<? -- Die Antwort darauf ist auf dem Hintergrunde
dieser Fabel mit goldenen Lettern geschrieben!

Nun schn, so tragen Sie Ihre Fabel vor.

Und Lebdkin begann sofort:

   Es war einmal eine Schabe,
   Eine Schabe von Kindheit an,
   Die kletterte und fiel
   Gerade in ein Fliegenglas,
   Das Fliegengift enthielt ...

Mein Gott, was ist denn das wieder! Warwara Petrowna sah sich um.

Was das ist, gndige Frau? Das ist, wenn im Sommer, -- der Hauptmann
gestikulierte wieder wie wild und hatte ganz die gereizte Ungeduld eines
Redners, den man in seinem Vortrag unterbrochen hat -- wenn im Sommer
viele Fliegen ins Glas kriechen, so da Fliegensure entsteht, was doch
jeder Esel wei ... Unterbrechen Sie mich nicht, um Gottes willen,
unterbrechen Sie mich nicht ... Sie werden schon sehen, sie werden schon
sehen! --

   >Die Fliegen riefen: was ist das?
   Das ist doch wirklich toll!
   Wir haben selber wenig Na,
   Das Glas ist so wie so schon voll!
   Und schrien wie verrckt
   Zum Jupiter empor.
   Da kam der Diener Nikiphor ...<

-- weiter habe ich es eigentlich noch nicht fertig, brach hier der
Hauptmann ab. Nikiphor nimmt aber das Glas und giet es aus, die ganze
Komdie, die Fliegen, die groe Schabe, ohne aufs Geschrei zu achten,
was man schon lngst htte tun sollen! Doch passen Sie auf, gndige
Frau, passen Sie auf, die Schabe klagt nicht! Und da haben Sie auch
gleich die Antwort auf Ihre Frage -- auf Ihre Frage >warum?< rief er
triumphierend aus. Die Schabe klagt nicht! ... Der Nikiphor ist
natrlich ganz einfach die Natur selbst, fgte er schnell hinzu und
ging zufrieden auf und ab.

Warwara Petrowna war auer sich. Erlauben Sie, da nun auch ich Sie
etwas frage! Was ist das fr ein Geld, das Ihnen Nicolai
Wszewolodowitsch bersandt haben soll? Ein Geld, das Sie nicht
vollzhlig erhalten haben wollen? Weshalb Sie sich erdreisten, eine zu
meinem Hause gehrige Person zu verdchtigen, den Rest unterschlagen zu
haben?

Verleumdung! brllte Lebdkin mit tragisch erhobener rechter Hand.

Nein, das ist keine Verleumdung.

Gndige Frau, es gibt Umstnde, die einen zwingen, eher eine
Familienschande zu tragen, als laut die Wahrheit zu verknden! --
Lebdkin wird nichts ausplaudern, gndige Frau!

Er war wie geblendet: er schien entzckt zu sein und fhlte seine
Bedeutung. Jetzt wollte er bereits beleidigen, Rtsel aufgeben, seine
Macht zeigen ...

Klingeln Sie bitte, Stepan Trophimowitsch, bat Warwara Petrowna.

Oh, Lebdkin ist klug, gndige Frau! fuhr er fort und zwinkerte ihr
mit unangenehmem Lcheln zu. Lebdkin ist klug, aber auch er hat ein
Hindernis, auch er hat eine Vorstufe der Leidenschaften! Und diese
Vorstufe -- das ist die alte kriegerische Husarenflasche! Wenn Lebdkin
in diesem Vorraum ist, gndige Frau, so geschieht es wohl auch, da er
einen Brief in Versen abschickt, in pr--r--rachtvollen Versen, aber den
er dann mit allen Trnen seines Lebens zurckkaufen mchte, sintemal
durch ihn das Ma des Schnen gestrt ward. Doch der Vogel ist
ausgeflogen -- kannst ihn nicht mehr am Schwnzchen einfangen! Sehen
Sie, gndige Frau, das ist der Vorraum. Lebdkin konnte wohl ein Wort
fallen lassen, als er ber das edle Mdchen sprach -- in der Form eines
edlen Unwillens, einer durch Beleidigungen aufgebrachten edlen Seele,
wessen sich jedoch, unedel genug, seine Verleumder sofort bedient haben.
Aber Lebdkin ist klug, gndige Frau, und umsonst sitzt ber ihm der
unheilbringende Wolf, ewig ihn reizend und auf den Augenblick wartend:
Lebdkin wird sich nicht vergessen und ausplaudern! Und auf dem Boden
der Flasche erweist sich jedesmal anstatt des Erwarteten -- die
Schlauheit Lebdkins! Doch genug, oh, genug, gndige Frau! Ihre
Prunkgemcher knnten dem edelsten aller menschlichen Lebewesen gehren,
doch die Schabe klagt nicht! Begreifen Sie, oh, begreifen Sie doch
endlich, da die Schabe nicht klagt, und ehren Sie ihren groen Geist!

In diesem Augenblick ertnte unten am Portal die Klingel und bald darauf
erschien der alte wrdige Alexei Jegorowitsch, etwas auer Atem, da er
auf das Klingelzeichen nicht sofort erschienen war.

Nicolai Wszewolodowitsch haben geruht einzutreffen und kommen schon
hierher, sagte er auf Warwara Petrownas fragenden Blick.

Ich erinnere mich noch heute deutlich dieses Augenblicks. Warwara
Petrowna erblate zuerst, dann aber richtete sie sich mit einem Ausdruck
starrer Entschlossenheit in ihrem Sessel auf. Wir waren alle erstaunt,
ja beinahe erschreckt, -- nicht nur durch diese pltzliche Ankunft
Nicolai Wszewolodowitschs, der erst einen Monat spter erwartet wurde,
sondern mehr noch durch das geradezu unheimliche Zusammentreffen dieser
Zuflle. Selbst der Hauptmann blieb wie ein Pfosten mitten im Zimmer
stehen und starrte mit offenem Munde und dummem Gesicht auf die Tr.

Doch da hrten wir auch schon vom Nebenzimmer her, einem langen groen
Saal, schnelle, kleine Schritte sich nhern, Schritte, die auffallend
rasch und kurz klangen. Und auf der Schwelle erschien -- nicht Nicolai
Wszewolodowitsch, sondern ein vollkommen unbekannter junger Mann.


                                   V.

Es war ein Mensch von etwa siebenundzwanzig Jahren, ein wenig ber
mittelgro, mit dnnem, blondem, ziemlich langem Haar und einem kaum
sich abhebenden unscheinbaren Schnurrbart und Brtchen. Er war sauber
und sogar modern gekleidet, aber nicht elegant. Auf den ersten Blick
schien er ungelenk und griesgrmig zu sein, obgleich er in Wirklichkeit
weder das eine noch das andere, sondern im Gegenteil, uerst gewandt
und unterhaltend war. Einem kurzen, oberflchlichen Eindruck nach htte
man ihn fr einen Sonderling halten knnen, und doch sollte sich hernach
sein Benehmen als gut und sein Gesprch als vollkommen sachlich
herausstellen.

Niemand htte im Grunde sagen knnen, da er hlich sei -- und doch
gefllt sein Gesicht niemandem. Sein Schdel ist von beiden Seiten
gleichsam zusammengedrckt und der Hinterkopf auffallend gro, so da
denn das Gesicht dadurch etwas Spitzes bekommt. Seine Stirne ist hoch
und schmal, aber die eigentlichen Gesichtszge sind klein: ein kleines
Nschen, scharfe Augen, dnne und lange Lippen. Dabei sieht er krnklich
aus, aber das scheint nur so. In seinen Wangen ist, unter den
Backenknochen, eine gewisse trockene Falte, die ihm das Aussehen eines
Rekonvaleszenten nach einer schweren Krankheit verleiht. Und doch ist er
vollkommen gesund, stark, und ist sogar nie in seinem Leben krank
gewesen.

Er geht und bewegt sich immer sehr schnell, doch ohne sich dabei
eigentlich zu beeilen. Ich glaube nicht, da irgend etwas ihn verwirren
knnte. In allen Lebenslagen und in jeder Gesellschaft bleibt er immer
der gleiche. Es ist eine groe Selbstzufriedenheit in ihm, doch er
selbst wei nichts davon. Er spricht schnell und hastend, aber voll
Selbstvertrauen, und nie braucht er nach Worten zu suchen. Die Gedanken,
die er vorbringt, sind bereits vllig zu Ende gedacht. Seine Aussprache
ist ungemein deutlich: jedes Wort fllt wie ein glattes, rundes Krnchen
aus einer groen Vorratskammer. Anfnglich gefllt das wohl, aber schon
bald werden alle diese gleichsam schon fertigen Worte unangenehm und
schlielich geradezu widerlich, und zwar gerade wegen dieser schon allzu
deutlichen Aussprache, wegen dieses Perlengesickers ewig bereiter Worte.
Und man stellt sich unwillkrlich vor, seine Zunge msse ganz besonders
geformt, ungewhnlich lang, dnn und rot sein, mit einer dnnen, sich
ununterbrochen drehenden Spitze.

Dieser junge Mann also kam in den Salon gleichsam hereingeflogen. Ich
glaube wirklich, er begann schon im Vorsaal zu sprechen. Sprechend
wenigstens trat er ein, und in einem Augenblick stand er schon vor
Warwara Petrowna.

... Denken Sie doch nur, Warwara Petrowna, ich komme und glaube, da er
schon vor einer Viertelstunde hier angelangt sei. Wir trafen uns bei
Kirilloff, er ging vor einer halben Stunde fort und sagte mir, ich solle
in einer Viertelstunde herkommen --

Wer das? Wer hat Sie beauftragt, herzukommen? fragte Warwara Petrowna.

Aber Nicolai Wszewolodowitsch doch! So erfahren Sie es wirklich erst
jetzt? Sein Gepck mu doch schon lngst hier eingetroffen sein! Hat man
Ihnen denn das nicht gesagt? brigens knnte man ihm einen Wagen
entgegenschicken, aber ich denke, er wird jeden Augenblick kommen, und
zwar, wie's scheint, gerade in einem Augenblick, der seinen Erwartungen
und, soweit ich wenigstens beurteilen kann, auch einigen seiner
Berechnungen durchaus entspricht. Bei diesen Worten sah er sich die
Anwesenden an und ganz besonders scharf den Hauptmann. Ah, Lisaweta
Nicolajewna, wie es mich freut, Ihnen gleich auf meinem ersten Wege zu
begegnen ... Gestatten Sie -- und er flog schnell zu ihr, um das ihm
lchelnd entgegengestreckte Hndchen Lisas zu drcken. Und auch unsere
hochverehrte Praskowja Iwanowna hat ihren >Professor< nicht vergessen,
und scheint sich noch nicht einmal ber ihn und sein Erscheinen zu
rgern, wie es in der Schweiz immer geschah. Aber wie steht es denn
jetzt mit Ihren Fen? Hatte man recht, als man Ihnen schlielich als
bestes Mittel Heimatluft verschrieb? ... Wie? Kompressen? Ja, das mag
ganz gut sein! Wie habe ich es nur bedauert, Warwara Petrowna, -- er
drehte sich schnell schon wieder herum -- da ich Sie schlielich in
der Schweiz nicht mehr antraf, zumal ich Ihnen so vieles mitzuteilen
hatte! Ich habe allerdings an meinen Alten geschrieben, aber der wird
nach seiner Gewohnheit wohl wieder --

Petruscha! rief da Stepan Trophimowitsch aus, erst jetzt pltzlich aus
der Erstarrung erwachend: er warf die Arme in die Luft und strzte zu
seinem Sohn. _Pierre, mon enfant_,{[93]} ich habe dich nicht einmal
erkannt! und er umarmte ihn krampfhaft, whrend Trnen ihm ber die
Wangen liefen.

Schon gut, schon gut, keine Albernheiten und keine Gesten, wenn ich
bitten darf, aber so la doch! wehrte Petruscha schnell ab und gab sich
alle Mhe, sich aus den Armen des Vaters zu befreien.

Ich habe dir immer, immer Unrecht getan!

Schon gut. Davon spter. Konnte mir schon denken, da du wieder
Albernheiten machen wrdest! So sei doch ein wenig nchterner, ich bitte
dich.

Aber ich habe dich doch zehn Jahre lang nicht gesehen!

Um so weniger Grund zu solchem berschwang ...

_Mais, mon enfant!_{[94]}

Glaub's schon, glaub's schon, da du mich liebst, nimm nur, bitte, die
Hnde weg ... Du strst doch auch die anderen ... Ah, da ist ja auch
schon Nicolai Wszewolodowitsch ... aber so hre doch endlich auf mit den
Albernheiten, ich bitte dich!

Nicolai Wszewolodowitsch war in der Tat schon im Salon: er war sehr
geruschlos eingetreten und einen Augenblick in der Tr stehen
geblieben, whrend sein ruhiger Blick die Versammlung berflog.

Genau so wie vor vier Jahren, als ich ihn zum ersten Male sah, war ich
auch jetzt wieder erstaunt ber seine Erscheinung. Ich hatte ihn
durchaus nicht vergessen; aber ich glaube, es gibt Gesichter, die
jedesmal, wenn sie auftauchen, wieder etwas Neues mit sich bringen,
etwas, das man bis dahin noch nicht an ihnen bemerkt hat. uerlich war
er anscheinend ganz derselbe wie vor vier Jahren: genau so elegant,
genau so unnahbar, beim Eintreten genau so gemessen wie damals, ja, fast
war er sogar ebenso jung. Sein leichtes Lcheln war wieder so offiziell
freundlich und selbstbewut, und sein Blick unverndert streng, in sich
hineindenkend und doch gleichsam zerstreut. Kurz, es war mir, als htte
ich ihn gestern zuletzt gesehen. Nur eines machte mich stutzig: man
hatte ihn zwar immer schn gefunden, aber sein Gesicht glich tatschlich
manchmal einer Maske, wie einzelne gehssige Damen unserer Gesellschaft
behaupteten. Jetzt aber -- ich wei nicht, weshalb -- jetzt erschien er
mir schon auf den ersten Blick von vollendeter, unbestreitbarer
Schnheit, so da man unter keinen Umstnden noch htte sagen knnen,
sein Gesicht erinnere an eine Maske. Kam das vielleicht daher, da er
ein wenig bleicher war als frher und, wie mir schien, ein wenig
abgenommen hatte? Oder leuchtete jetzt vielleicht ein neuer Gedanke in
seinem Blick?

Nicolai Wszewolodowitsch! rief Warwara Petrowna, sich steif
aufrichtend, doch ohne sich von ihrem Lehnstuhl zu erheben, und indem
sie den Eingetretenen mit einer befehlenden Handbewegung zum
Stehenbleiben zwang -- bleibe dort noch einen Augenblick! ...

Um die nun folgende furchtbare Frage Warwara Petrownas verstehen zu
knnen (um derentwillen sie ihn mit dieser Bewegung und diesem Befehl
nicht nhertreten lie), diese Frage, die ich Warwara Petrowna nie und
nimmer zugetraut htte, ja, selbst deren Mglichkeit mir undenkbar
erschienen wre, -- um diese Frage wirklich zu verstehen, mu man sich
zunchst den Charakter Warwara Petrownas vergegenwrtigen, wie er seit
jeher war und von welcher ungestmen Gewaltttigkeit er in manchen
auergewhnlichen Augenblicken sein konnte. Ich bitte auch in Erwgung
zu ziehen, da ungeachtet ihrer groen seelischen Festigkeit, des nicht
geringen Verstandes und des guten Teiles von Takt- und Zartgefhl, den
sie besa, in ihrem Leben dennoch stndig Augenblicke wiederkehrten, wo
sie sich vllig und, wenn man so sagen darf, ohne sich im Zaum zu
halten, fr etwas einsetzte oder sich fr etwas hingab. Ferner bitte
ich, nicht zu vergessen, da der gegenwrtige Augenblick fr sie
tatschlich einer von jenen sein konnte, in denen sich pltzlich alles
Wesentliche eines Menschenlebens wie in einem Fokus vereinigt -- alles
Durchlebte, alles Gegenwrtige und ... warum nicht auch alles
Zuknftige? Und schlielich sei noch an den anonymen Brief erinnert, den
sie erhalten hatte und von dem sie kurz vorher in der Gereiztheit zu
Lisas Mutter einiges hatte verlauten lassen, -- freilich: ohne den
weiteren Inhalt des Briefes zu verraten! Gerade in diesem aber lag
vielleicht die ganze Erklrung der Mglichkeit dieser furchtbaren Frage,
mit der sie sich jetzt pltzlich an den Sohn wandte.

Nicolai Wszewolodowitsch, wiederholte sie mit fester Stimme, jede
Silbe deutlich aussprechend, ich bitte Sie, hier sofort zu sagen, ohne
sich von der Stelle zu rhren, ob es wahr ist, da diese unglckliche,
lahme Person -- diese da, sehen Sie sie an! ... Ob es wahr ist, da das
... Ihre rechtmige Frau ist?[32]

Ich erinnere mich dieses Augenblickes noch heute mit voller
Deutlichkeit. Nicolai Wszewolodowitsch zuckte mit keiner Wimper, sah nur
unverwandt seine Mutter an. Auch nicht die geringste Vernderung ging
auf seinem Gesichte vor. Endlich lchelte er langsam ein gleichsam
nachsichtiges Lcheln und trat, ohne ein Wort zu sagen, still auf seine
Mutter zu, erfate ihre Hand und fhrte sie ehrerbietig an die Lippen.
Und so stark war sein unwiderstehlicher Einflu auf seine Mutter, da
sie ihre Hand ihm auch jetzt nicht zu entziehen vermochte. Sie blickte
ihn nur an und ihre ganze Seele lag in diesem fragenden Blick. Noch ein
Augenblick und sie wrde, so schien es, die Ungewiheit nicht lnger
ertragen haben.

Nicolai Wszewolodowitsch aber schwieg auch jetzt noch. Nachdem er ihre
Hand gekt hatte, berflog sein Blick noch einmal die Anwesenden, und
mit demselben langsamen Schritt trat er zu Marja Timofejewna. Es ist
schwer, die Gesichter der Menschen in gewissen Augenblicken zu
beschreiben. In meiner Erinnerung habe ich z. B., da Marja Timofejewna
damals, fast vergehend vor Schreck, sich erhob und die Hnde wie ihn
anflehend faltete. Aber ich entsinne mich auch, da zu gleicher Zeit in
ihren Augen ein Entzcken aufleuchtete, ein so sinnloses, so maloses
Entzcken, wie Menschen es kaum oder nur schwer zu ertragen vermgen.
Vielleicht war beides richtig: der Schreck, wie das Entzcken? Ich wei
es nicht: ich wei nur, da ich damals schnell einen Schritt vortrat,
weil ich das Gefhl hatte, sie werde sogleich in Ohnmacht fallen.

Sie knnen nicht hier bleiben, sagte Nicolai Stawrogin mit
freundlicher, klangvoller Stimme zu ihr und in seinen Augen, die sie
ansahen, lag pltzlich eine groe Zrtlichkeit.

Er stand in der ehrerbietigsten Haltung vor ihr und jede Bewegung
verriet ungeheuchelte Hochachtung.

Und ungestm, atemlos, halb flsternd stammelte die Arme zu ihm empor:

Aber kann ich ... darf ich ... jetzt gleich ... vor Ihnen niederknien?

Nein, das drfen Sie auf keinen Fall, sagte er mit einem entzckenden
Zulcheln, so da sie pltzlich glckselig auflachte.

Und mit derselben melodischen Stimme, gut und lieb, als ob er einem
kleinen Kinde zuredete, fgte er ernster hinzu:

Vergessen Sie nicht, da Sie ein Mdchen sind und ich Ihr ergebenster
Freund zwar, doch immerhin ein Ihnen fremder Mensch bin, weder Ihr
Gatte, noch Vater, noch Brutigam. Gestatten Sie mir, da ich Ihnen den
Arm reiche, und lassen Sie uns gehen. Ich werde Sie zum Wagen fhren
und, wenn Sie es erlauben, auch nach Hause begleiten.

Sie hrte ihn an und senkte wie sinnend den Kopf.

Gehen wir, sagte sie dann, seufzte und nahm seinen Arm.

Hierbei geschah ihr aber ein kleines Unglck: sie mute wohl zu hastig,
wahrscheinlich mit ihrem kranken, dem zu kurzen Fu aufgetreten sein, --
jedenfalls knickte sie und fiel seitwrts gegen den Sessel und wre wohl
zu Boden gefallen, wenn Nicolai Wszewolodowitsch sie nicht sofort
aufgefangen und gehalten htte. Er legte ihre Hand auf seinen Arm,
sttzte sie stark und fhrte sie, teilnehmend und helfend, behutsam zur
Tr. Sie war sichtlich sehr betrbt ber ihren Fall, war verlegen und
schmte sich schrecklich. Stumm, mit niedergeschlagenen Augen, tief
hinkend wackelte sie neben ihm her, fast hngend an seinem Arm. So
gingen sie hinaus. Ich sah, wie Lisa, die aus irgendeinem Grunde
pltzlich aufsprang, ihnen mit starrem Blick die ganze Zeit nachsah bis
zur Tr. Dann setzte sie sich wortlos wieder hin, doch in ihrem Gesicht
war ein krampfartiges Zucken, als htte sie etwas Ekelhaftes berhrt.

Whrend der ganzen Szene zwischen Nicolai Wszewolodowitsch und Marja
Timofejewna hatte die grte Stille geherrscht.

Als sich jetzt die Tre hinter ihnen schlo, fingen pltzlich alle auf
einmal zu sprechen an.


                                  VI.

Das heit, nein, es wurde nicht gesprochen: es waren wohl nur Ausrufe,
die man hrte. Die Reihenfolge derselben habe ich in der allgemeinen
Verwirrung, die herrschte, vergessen. Sogar Mawrikij Nicolajewitsch
sagte ein paar Worte. Stepan Trophimowitsch rief wieder etwas auf
Franzsisch aus und schlug die Hnde zusammen. Doch am meisten ereiferte
sich sein Sohn Pjotr Stepanowitsch: er bemhte sich verzweifelt und mit
groen Gesten, Warwara Petrowna von etwas zu berzeugen, er wandte sich
an Praskowja Iwanowna, er wandte sich an Lisaweta Nicolajewna, ja, er
rief im Eifer sogar seinem Vater etwas zu -- kurz, er drehte sich mit
grter Lebendigkeit im Zimmer umher. Warwara Petrowna hatte sich,
hochrot im Gesicht, im ersten Augenblick von ihrem Platz erhoben und
erregt Praskowja Iwanowna zugerufen: Hast du gehrt, hast du gehrt,
was er ihr hier soeben gesagt hat? Doch diese konnte nicht mehr
antworten; sie winkte nur abwehrend mit der Hand und murmelte etwas
Unverstndliches: sie hatte eine neue Sorge, und immer wieder wandte sie
den Kopf zu Lisa hin -- doch aufstehen und davonfahren, das wagte sie
nicht mehr, bevor sich die Tochter nicht selbst dazu entschlo.
Inzwischen suchte sich der Hauptmann fortzuschleichen, aber der
Schreck, der ihm bei dem Erscheinen Nicolai Wszewolodowitschs in die
Glieder gefahren war, lhmte ihn noch so sehr, da er es ungeschickt
genug anfing und Pjotr Stepanowitsch ihn, gerade als er aus der Tr
schlpfen wollte, noch am rmel erwischte und zurckzog.

Das ist unbedingt ntig, unbedingt, sagte er, seine Silben wieder wie
Perlen streuend, zu Warwara Petrowna, die er noch immer von irgend etwas
zu berzeugen suchte.

Er stand vor ihr, sie aber hatte sich schon wieder gesetzt und hrte ihn
mit Spannung an, woraus hervorging, da er sich endlich ihre volle
Aufmerksamkeit errungen hatte. Das ist unbedingt ntig, unbedingt! Sie
sehen doch selbst, da hier ein Miverstndnis vorliegt. Es ist aber
alles viel einfacher, als es scheint. Ich wei sehr wohl, da mich
niemand bevollmchtigt hat, Ihnen das alles zu erzhlen, und es scheint
vielleicht geradezu, da ich mich Ihnen aufdrnge. Aber ganz abgesehen
davon, da Nicolai Wszewolodowitsch selbst dieser ganzen Sache weiter
gar keine Bedeutung zuschreibt, gibt es doch auch Flle, in denen es
einem schwer fllt, persnlich die ntigen Erklrungen zu geben -- und
da ist es denn unbedingt geboten, da ein anderer sich dazu entschliet,
dem es weit leichter fllt, von gewissen zarten Dingen zu sprechen.
Glauben Sie mir, Nicolai Wszewolodowitsch war durchaus nicht im Unrecht,
als er Ihnen keine radikale Antwort auf Ihre Frage vorhin gab, -- ganz
abgesehen davon, da die Geschichte berhaupt nicht so wichtig ist. Ich
kenne Nicolai Wszewolodowitsch schon von Petersburg her und ich kann Sie
versichern, da alles, was da vorliegt, ihm nur Ehre macht -- wenn man
dieses unbestimmte Wort >Ehre< nun schon einmal gebrauchen soll ...

Sie wollen damit sagen, da Sie Augenzeuge eines Geschehnisses waren,
aus dem dann diese ganze ... dieses Miverstndnis entstanden ist?

Jawohl, Augenzeuge, und sogar Teilnehmer, wenn Sie wollen, besttigte
Pjotr Stepanowitsch schnell.

Wenn Sie mir Ihr Wort darauf geben knnen, da es die Gefhle meines
Sohnes zu mir nicht krnken wird, zu mir, der er nicht das Ge--ring--ste
verheimlicht ... und wenn Sie dabei so berzeugt sind, da Sie ihm damit
einen Gefallen erweisen --

Unbedingt einen Gefallen, und mir selbst wird es ein Vergngen sein.
Ich bin berzeugt, er wrde mich selbst darum bitten.

Es war gewi sonderbar, da dieser pltzlich vom Himmel gefallene Mensch
so aufdringlich fremde Erlebnisse aufdecken wollte. Er hatte aber an
Warwara Petrownas schmerzhafteste Stelle gerhrt und sie dahin gebracht,
wo er sie zu haben wnschte. Ich selbst wute damals von diesem Menschen
noch so gut wie nichts, um so weniger konnte ich seine Absichten
durchschauen.

Sie meinen? sagte Warwara Petrowna, zunchst noch vorsichtig und
zurckhaltend, denn sie litt offenbar darunter, da sie sich so weit
herablie.

Und wieder fielen, eine nach der anderen, die klaren Silben seiner Rede,
wie kleine Glasperlen von einer Schnur.

Die Sache ist ganz einfach. Im Grunde ist es kaum mehr, als eine
Anekdote. Ein Romanschriftsteller wrde vielleicht einen Roman daraus
machen. Und uninteressant ist der Stoff auch wirklich nicht. Praskowja
Iwanowna und auch Lisaweta Nicolajewna werden gewi gern zuhren, denn
er enthlt, wenn auch nicht wunderbare, so doch viele wunderliche Dinge.
Als vor fnf Jahren in Petersburg Nicolai Wszewolodowitsch diesen Herrn
Lebdkin, der sich da soeben drcken wollte -- Sie sehen, mein
abgesetzter Herr Beamter des Proviantwesens, ich kenne Sie noch sehr
gut, und nicht minder sind mir, wie Nicolai Wszewolodowitsch, Ihre
Gaunerstreiche bekannt, ber die Sie noch Rechenschaft zu geben haben
werden ... Ich bitte sehr um Entschuldigung, Warwara Petrowna, -- vor
fnf Jahren also, in Petersburg, da nannte Nicolai Wszewolodowitsch
diesen Herrn seinen Falstaff: das mu offenbar irgendein ehemaliger
>_caractre bourlesque_<{[95]} gewesen sein, fgte er pltzlich
erklrend hinzu, -- ein Mann, der allen erlaubte, ber ihn zu lachen,
wenn man ihm dafr nur zahlte. Nicolai Wszewolodowitsch fhrte damals in
Petersburg ein Leben, ich kann mich nicht anders ausdrcken, aber es war
ein spottschtiges Leben: denn blasiert pflegt dieser Mensch nie zu
sein, sich aber mit irgendeiner Arbeit zu beschftigen, das verschmhte
er damals. Ich rede, wie gesagt, nur von der damaligen Zeit, Warwara
Petrowna. Dieser Lebdkin also hatte eine Schwester bei sich, dieselbe,
die soeben hier sa. Bruder und Schwester hatten keinen eigenen Herd. Er
trieb sich vor den groen Warenhusern herum, selbstverstndlich stets
in seiner alten Uniform, redete von den Vorbergehenden an, wer ihm von
ihnen gnstig erschien, und vertrank dann das auf diese Weise erbettelte
Geld. Das Schwesterlein aber nhrte sich wie ein Vogel Gottes, half in
den Winkeln und Ecken, wo sie lebte, bald dem einen, bald dem anderen,
und verdiente sich so das Notwendigste. Es war das schrecklichste Sodom:
ich bergehe die Schilderung dieses Lebens, an dem damals auch Nicolai
Wszewolodowitsch aus >Verschrobenheit< Anteil nahm. Das ist sein eigener
Ausdruck. Er pflegt mir vieles nicht zu verheimlichen. Mit Frulein
Lebdkin nun traf er eine Zeitlang fter zusammen; sie begeisterte sich
fr ihn und er war -- nun, er war so etwas wie der Brillant auf dem
schmutzigen Fond ihres Lebens. Doch ich merke, da ich ein schlechter
Schilderer menschlicher Gefhle bin und fahre darum mit den Tatsachen
fort. Trichte Leute begannen sie damals gleich zu necken und zu
verspotten, und da wurde sie traurig. berhaupt lachte man dort immer
ber sie, aber frher hatte sie das nicht bemerkt. Schon damals war ihr
Verstand nicht ganz klar, wenn auch lange nicht so schwach und wirr wie
jetzt. Es ist anzunehmen, da sie als Kind -- vielleicht dank
irgendeiner Wohltterin -- eine etwas bessere Erziehung erhalten hat.
Nicolai Wszewolodowitsch schenkte ihr zunchst nicht die geringste
Aufmerksamkeit, wenn er dort mit ihrem Bruder und den kleinen Beamten
zusammensa und Karten spielte. Aber einmal, als man sie wieder
beleidigte, packte er den betreffenden Beamten einfach am Kragen und
warf ihn -- es war im zweiten Stock -- zum Fenster hinaus. Einen
besonderen Unwillen, gekrnkte Ritterlichkeit oder dergleichen konnte
man an ihm dabei nicht wahrnehmen. Die ganze Szene ging vielmehr unter
allgemeinem Gelchter vor sich und am meisten amsierte sie Nicolai
Wszewolodowitsch selbst. Als alles glcklich ohne gebrochene Glieder
abgelaufen war, vershnte man sich wieder und begann Punsch zu trinken.
Nur die Lebdkin konnte den Vorfall und ihren Beschtzer nicht vergessen
-- und das endete dann schlielich mit der vollstndigen Zerrttung
ihres Verstandes. Ich wiederhole nochmals, da ich ein schlechter
Schilderer von Gefhlen bin. Das Wichtigste war hierbei eben ihr Wahn.
Und Nicolai Wszewolodowitsch tat dann noch alles, um ihn zu verstrken.
Statt gleichfalls zu lachen, begann er sie pltzlich mit berraschender
Hochachtung zu behandeln. Kirilloff, der auch dabei war, -- das ist ein
sonderbarer und origineller Mensch, Warwara Petrowna, Sie werden ihn
vielleicht noch einmal sehen, denn er ist jetzt hier -- dieser Kirilloff
also, der sonst nur zu schweigen pflegt, sagte pltzlich: er behandelt
sie wie eine Marquise und macht sie damit noch ganz verrckt. Und was
glauben Sie, was er diesem Kirilloff, den er brigens achtet, darauf
geantwortet hat? >Sie scheinen anzunehmen, Herr Kirilloff, da ich mich
ber sie lustig mache. Seien Sie versichert, da ich sie in der Tat
denkbar hoch achte, denn sie ist besser, als wir alle.< Und das sagte er
noch, wissen Sie, in vollkommen ernstem Ton. Dabei hatte er ihr aber in
all den Monaten kaum mehr als >guten Tag< und >Adieu< gesagt. Jetzt
freilich brachte er sie bald so weit, da sie ihn fr ihren Brutigam
hielt, der sie nur infolge von allen mglichen romantischen
Familienhindernissen vorlufig nicht >entfhren< knnte -- wir aber
hatten unser weidliches Vergngen daran. Die Geschichte endete damit,
da Nicolai Wszewolodowitsch, als er endlich abreisen mute, das war
also vor jetzt etwa vier Jahren -- er kam damals hierher zu Ihnen -- ihr
eine jhrliche Pension, ich glaube ungefhr dreihundert Rubel, wenn
nicht mehr, aussetzte. Mit einem Wort, es war hchstens der
phantastische Streich eines Beschftigungslosen oder, wie Kirilloff
sagte, es war eine neue Etude eines bersttigten Menschen, um zu
erfahren, wie weit man eine arme Nrrin bringen kann. >Sie haben,< sagte
Kirilloff, >sich absichtlich das letzte Geschpf unter den Menschen
ausgesucht, ein krppeliges Wesen, das sowieso schon mit Schlgen und
Schande bedeckt ist, und von dem Sie von vornherein ganz genau wissen,
da es an seiner tragikomischen Liebe zu Ihnen zugrunde gehen mu -- und
pltzlich beginnen Sie, sie absichtlich zu betrgen, nur um zu sehen,
was dabei wohl herauskommen wird.< Nun, ich meinerseits sehe nicht ein,
wie ein Mensch daran schuld sein soll, wenn ein verrcktes Weib
seinetwegen sich tolle Gedanken macht. Ein Weib, wohlverstanden, mit dem
der betreffende Mensch kaum ein paar oberflchliche Worte gewechselt
hat! Es gibt Dinge, Warwara Petrowna, ber die man nicht nur nicht klug
sprechen kann, sondern ber die berhaupt zu sprechen schon nicht klug
ist. Doch mag es nun Laune oder Sonderbarkeit gewesen sein, aber mehr
kann man schon auf keinen Fall sagen; whrenddessen aber macht man hier
eine ganze Historie daraus ... Ich bin zum Teil darber unterrichtet,
was hier vorgeht.

Pjotr Stepanowitsch brach pltzlich ab und wandte sich wieder Lebdkin
zu. Doch Warwara Petrowna hielt ihn, beinah zitternd vor Aufregung,
zurck.

Sind Sie fertig? fragte sie.

Nein, noch nicht. Zur Vervollstndigung mchte ich noch diesen Herrn
Lebdkin, wenn Sie gestatten ... Sie werden gleich sehen, um was es sich
handelt --

Genug, spter, warten Sie einen Augenblick, ich bitte Sie! Oh, wie gut
war es doch, da ich Sie sprechen lie!

Und vergessen Sie nicht, Warwara Petrowna, Pjotr Stepanowitsch fuhr
gleichsam auf, da Nicolai Wszewolodowitsch persnlich Ihnen berhaupt
keine Antwort auf Ihre Frage geben konnte -- die vielleicht wirklich
etwas zu kategorisch war.

Oh ja, das war sie nur zu sehr!

Und hatte ich nicht Recht, als ich sagte, einem Fremden ist es
leichter, gewisse Dinge zu erklren, als einem Beteiligten?

Ja, ja ... aber in einer Beziehung haben Sie sich doch geirrt, und wie
ich mit Bedauern sehe, irren Sie sich auch jetzt noch.

Wirklich? Und worin wre das?

Ja, sehen Sie ... Aber wie wre es, wenn Sie sich setzten, Pjotr
Stepanowitsch?

Oh, wie Sie wnschen, ich bin auch mde, besten Dank.

Er zog gewandt einen Sessel heran und drehte ihn so, da er zwischen
Warwara Petrowna und Praskowja Iwanowna, die sich am Tisch
niedergelassen hatte, sitzen konnte, whrend Lebdkin, den er nicht aus
dem Auge lie, ihm nun gerade gegenber stand.

Ich meine, Sie irren sich, wenn Sie dieses eine >Laune<, eine
>Sonderbarkeit< nennen ...

Oh, wenn es nur das ist --

Nein, nein, nein, warten Sie, unterbrach ihn Warwara Petrowna, die
sich offenbar zu einem langen und eingehenden Gesprch vorbereitete.

Kaum gewahrte das Pjotr Stepanowitsch, da war er schon die
Aufmerksamkeit selbst.

Nein, das ist etwas Hheres als eine Laune. Das ist, ich versichere
Sie, beinahe etwas Heiliges. Das ist Prinz Heinz, wie ihn Stepan
Trophimowitsch frher so treffend nannte, und was vollkommen richtig
wre, wenn er nicht noch mehr an Hamlet erinnern wrde.

_Et vous avez raison_,{[96]} besttigte Stepan Trophimowitsch mit
Empfindung und Nachdruck.

Ich danke Ihnen, Stepan Trophimowitsch. Ich danke Ihnen ganz besonders
fr Ihren unerschtterlichen Glauben an _Nicolas_, an den Adel seiner
Seele. Diesen Glauben haben Sie auch in mir befestigt, als ich den Mut
schon verlieren wollte.

_Chre, chre_ ...

Stepan Trophimowitsch wollte schon vortreten, berlegte aber dann doch,
da es immerhin gewagt wre, sie zu unterbrechen.

Und wenn _Nicolas_ stets einen stillen, treuen und starken Horatio
neben sich gehabt htte -- auch einer Ihrer schnen Vergleiche, Stepan
Trophimowitsch --, so wre er vielleicht lngst erlst (Warwara
Petrowna geriet schon in einen singenden Ton) von diesem >Dmon der
Ironie< -- auch diesen Ausdruck hat Stepan Trophimowitsch geprgt, --
der ihn sein Lebelang martert. Doch _Nicolas_ hat nie weder einen
Horatio noch eine Ophelia gehabt. Er hat nur eine Mutter gehabt. Aber
was kann eine Mutter in solchen Dingen tun? Wissen Sie, Pjotr
Stepanowitsch, es ist mir jetzt vollkommen klar, da ein Mensch wie
_Nicolas_ sogar in diese schmutzigen Winkel hinabsteigen konnte. Ich
begreife jetzt alles. Ich begreife diese Lust zum Spott ber das Leben,
auf die auch Sie vorhin so vorzglich hinwiesen. Ich begreife diesen
unersttlichen Durst nach Gegenstzen, diesen trben und unheimlichen
Hintergrund seines damaligen Lebens, von dem er sich dann wie eine
leuchtende Erscheinung abhob. Und in dieser schrecklichen Welt trifft er
dann ein Wesen, das alle beleidigen und verspotten, eine Krppelige,
eine Irrsinnige, und zugleich doch einen Menschen, der die edelsten
Gefhle hat! ...

Hm ... ja, nehmen wir an --

Und Sie sagen, Sie knnen nicht begreifen, weshalb er zunchst nicht
wie alle die anderen ber sie lacht! Oh, ihr Menschen! Und Sie knnen
nicht verstehen, da er sie dann vor den Beleidigern beschtzt und sie
wie eine >Marquise< behandelt! Dieser Kirilloff mu ein tiefer
Menschenkenner sein, wenn er auch _Nicolas_ nicht verstanden hat! Ja,
vielleicht ist es gerade dieser Kontrast, aus dem diese ganze unselige
Geschichte entstanden ist. Wre die Beklagenswerte in anderen
Verhltnissen, in einer anderen Umgebung gewesen, dann htte sie wohl
berhaupt nicht diesen trichten Gedanken gefat. Das allerdings, Pjotr
Stepanowitsch, kann nur eine Frau verstehen, und wie schade ist es doch,
da Sie ... das heit ... ich will natrlich nicht sagen, wie schade,
da Sie keine Frau sind, aber da Sie das ganze Verstndnis einer Frau
nun einmal nicht haben knnen.

Das heit also: je schlimmer, desto besser -- ich verstehe, ich
verstehe schon, Warwara Petrowna. Das ist so, wie in der Religion und im
Staat: je schlechter es ein Mensch im Leben hat, oder je unterdrckter
ein Volk ist, desto eigensinniger wird an die Belohnung, die einen im
Jenseits erwartet, gedacht. Und wenn dabei noch hunderttausend
Geistliche mitwirken und den Gedanken anfachen, auf den sie selbst
spekulieren, so ... oh, ich verstehe Sie, Warwara Petrowna, seien Sie
unbesorgt.

Ich glaube -- doch wohl nicht so ganz. Aber sagen Sie, htte denn
_Nicolas_, um jenen unseligen Gedanken in diesem unglcklichen
Organismus zu ertten, (weshalb sie hier dieses Wort gebrauchte,
verstand ich nicht) htte er wirklich ebenso ber sie lachen und hhnen
mssen, wie die anderen rohen Kumpane? Begreifen Sie denn wirklich nicht
dieses groe Mitleiden, diesen edlen Schauer einer edlen Seele, mit dem
_Nicolas_ pltzlich ernst diesem Kirilloff antwortet: >Ich lache
durchaus nicht ber sie.< Oh, diese vornehme, diese heilige Antwort.

_Sublime!_,{[97]} murmelte Stepan Trophimowitsch.

Und vergessen Sie nicht, er ist durchaus nicht reich, wie Sie
vielleicht denken: ich bin reich, aber nicht er, und damals hat er meine
Hilfe niemals in Anspruch genommen.

Ich verstehe das, ich verstehe das alles, Warwara Petrowna, beteuerte
Pjotr Stepanowitsch und bewegte sich bereits etwas ungeduldig auf seinem
Stuhl.

Oh, das ist mein Charakter! In _Nicolas_ erkenne ich mich selbst
wieder. Ich kenne diese Jugend, diese Mglichkeiten strmisch drngender
Ausbrche ... Und wenn wir uns jemals nhertreten sollten, Pjotr
Stepanowitsch, was ich meinerseits aufrichtig wnsche, um so mehr, als
ich Ihnen schon so verpflichtet bin, so werden Sie dann vielleicht
verstehen --

Oh, auch ich wnsche, glauben Sie mir --

-- Diesen Drang, in dem man in blindem Edelmute pltzlich einen
Menschen nimmt, womglich einen, der unser gar nicht wert ist, einen
Menschen, der Sie nicht im geringsten versteht und bereit ist, Sie bei
jeder Gelegenheit zu qulen: und diesen Menschen macht man pltzlich
wider alle Vernunft zu seinem Idealbild, zu seinem Wahnbild, legt in ihn
alle Hoffnungen, beugt sich vor ihm, liebt ihn sein Lebelang, ohne auch
nur zu wissen weshalb, -- vielleicht gerade deshalb, weil er das gar
nicht verdient hat ... Oh, wie ich mein ganzes Leben lang gelitten habe,
Pjotr Stepanowitsch!

Stepan Trophimowitsch suchte erregt meinen Blick, doch ich konnte mich
noch rechtzeitig abwenden.

Und noch vor kurzem, noch vor kurzem -- oh, wie viel mir _Nicolas_
verzeihen mu! ... Sie werden es mir nicht glauben, wie alle mich
geqult haben! Geqult von allen Seiten, alle, alle, Feinde und Freunde,
und die Freunde vielleicht noch mehr als die Feinde. Und als ich den
ersten anonymen Brief erhielt, Pjotr Stepanowitsch, Sie werden es mir
nicht glauben, aber meine Verachtung reichte einfach nicht aus fr diese
ganze Gemeinheit ... Nie, nie werde ich mir diesen Kleinmut vergeben!

Von diesen anonymen Briefen habe ich schon gehrt, sagte Pjotr
Stepanowitsch, pltzlich wieder belebt, seien Sie unbesorgt, den
Verfasser werde ich schon herausbekommen.

Aber Sie knnen sich ja gar nicht vorstellen, was fr Intriguen hier
gesponnen worden sind! Sogar unsere arme Praskowja Iwanowna hat man
beunruhigt -- und dazu war doch wirklich kein Grund vorhanden! Liebe
Praskowja Iwanowna, heute mut du mir schon verzeihen, fgte sie
pltzlich in einer gromtigen Regung hinzu, aber doch nicht ohne einen
leisen triumphierenden Klang in der Stimme.

Schon gut, meine Liebe, murmelte diese widerwillig. Ich aber meine,
man knnte jetzt endlich aufhren, es ist schon viel zu viel gesprochen
worden. Und wieder sah sie scheu ihre Lisa an, die aber blickte auf
Pjotr Stepanowitsch.

Und dieses arme, unglckliche Geschpf, diese Irrsinnige, die alles
verloren, nur das Herz behalten hat, die -- werde ich in mein Haus
aufnehmen! rief Warwara Petrowna pltzlich entschlossen aus. Das ist
eine heilige Pflicht und ich will sie erfllen! Vom heutigen Tage an
stelle ich sie unter meinen Schutz!

Und das wird sogar sehr gut sein, in einem gewissen Sinne wenigstens!
Pjotr Stepanowitsch war wieder ganz Leben. Entschuldigen Sie, aber
vorhin bin ich nicht ganz zu Ende gekommen. Gerade was den Schutz
betrifft. Stellen Sie sich vor, Warwara Petrowna, -- ich fange dort an,
wo ich stehen blieb, -- stellen Sie sich also vor, da damals, als
Nicolai Wszewolodowitsch fortgefahren war, dieser Herr da drben, dieser
Herr Lebdkin, nichts Besseres zu tun wute, als das seiner Schwester
ausgesetzte Geld eilends und restlos zu vertrinken. Ich wei nicht
genau, in welcher Weise Nicolai Wszewolodowitsch die Zahlungsart in der
ersten Zeit angeordnet hatte. Ich wei nur, da er sich schlielich
gentigt sah, wenn er Lebdkins Schwester einigermaen sicherstellen
wollte, sie in einem fernen Kloster unterzubringen -- was denn auch
geschah, selbstredend unter aller nur denkbaren Rcksicht auf ihre
Person, aber unter freundschaftlicher Aufsicht, Sie verstehen schon!
Doch was glauben Sie wohl, wozu Herr Lebdkin sich entschlo? Erst
suchte er mit aller Gewalt zu erfahren, wo man sein Zinspapier, das
heit also seine Schwester, untergebracht hatte, und dann, als ihm dies
gelungen war, erwirkte er, indem er irgendwelche Rechte vorschtzte, da
man sie ihm herausgab, und darauf schleppte er sie hierher. Hier nun gab
er ihr nichts zu essen, sondern schlug sie, und als er auf irgendeine
Weise von Nicolai Wszewolodowitsch eine grere Geldsumme herausbekommen
hatte, ging das alte, wste Trinkleben sofort von neuem an. Von
Dankbarkeit Nicolai Wszewolodowitsch gegenber natrlich keine Spur; im
Gegenteil, nur sinnlose neue Forderungen stellte er an ihn und drohte
gar mit dem Gericht, wenn er nicht Zahlungen erhalten wrde -- nahm also
frech als pflichtmig an, was freiwillig war. -- Herr Lebdkin, ist
_alles_ wahr, was ich hier soeben gesagt habe?

Der Hauptmann, der bis dahin stumm und mit gesenkten Augen dagestanden
hatte, trat schnell zwei Schritte vor, -- das Blut scho ihm ins
Gesicht.

Pjotr Stepanowitsch ... Sie haben mich ... grausam behandelt, brachte
er stockend hervor.

Wieso grausam? Doch ber Grausamkeit oder Zartheit knnen wir spter
sprechen, jetzt aber wollen Sie mir geflligst auf meine Frage
antworten: ist _alles_ wahr, was ich hier gesagt habe, oder nicht?

Ich ... Sie wissen ja selbst, Pjotr Stepanowitsch ... der Hauptmann
stockte und schwieg.

Pjotr Stepanowitsch sa im Lehnstuhl mit bergeschlagenen Beinen und
Lebdkin stand in der ehrerbietigsten Haltung vor ihm. Lebdkins
Unentschlossenheit schien Pjotr Stepanowitsch sehr wenig zu gefallen: in
seinem Gesicht zuckte es und sein Ausdruck wurde bse.

Ja, wollen Sie nicht vielleicht etwas sagen? fragte Pjotr
Stepanowitsch scharf, wobei er mit zusammengekniffenen Augen
durchdringend den Hauptmann anblickte. In dem Falle -- bitte. Haben
Sie die Gte, wir hren.

Sie wissen doch selbst, Pjotr Stepanowitsch, da ich nichts sagen
kann.

Nein, das wei ich durchaus nicht, hre es sogar zum erstenmal; warum
knnen Sie denn nicht?

Lebdkin schwieg und blickte zu Boden.

Erlauben Sie mir, Pjotr Stepanowitsch, fortzugehen, sagte er endlich
entschlossen.

Nicht, bevor Sie mir eine Antwort auf meine Frage gegeben haben. Noch
einmal: ist _alles_ wahr, was ich gesagt habe?

Ja, es ist wahr, sagte Lebdkin dumpf und blickte kurz zu seinem
Peiniger auf.

An seinen Schlfen trat sogar Schwei hervor.

Ist _alles_ wahr?

Alles ist wahr.

Haben Sie nicht noch etwas hinzuzufgen, oder zu bemerken? Wenn Sie
fhlen, da wir Ihnen irgendwie Unrecht getan haben, so sagen Sie es.
Protestieren Sie, geben Sie laut Ihre Unzufriedenheit kund!

Nein, ich habe nichts ...

Haben Sie vor kurzem Nicolai Wszewolodowitsch gedroht?

Das ... das ... war mehr Alkohol, Pjotr Stepanowitsch! (Er hob
pltzlich den Kopf.) Pjotr Stepanowitsch! Wenn die beleidigte
Familienehre und die unverdiente Schande im Menschenherzen aufheulen,
ist dann -- ist dann wirklich der Mensch noch verantwortlich? brllte
er pltzlich wieder los, wie vorher sich nicht mehr im Zaum haltend.

Sind Sie nchtern, Herr Lebdkin? Pjotr Stepanowitsch sah ihn
durchdringend an.

Ich ... bin nchtern.

Was soll das bedeuten: >beleidigte Familienehre< und >unverdiente
Schande<?

Das habe ich nur so ... ich wollte niemanden ... Der Hauptmann sank
wieder zusammen.

Meine Bemerkungen ber Sie und Ihr Benehmen scheinen Sie gekrnkt zu
haben. Sie sind ja sehr empfindlich, Herr Lebdkin. Aber erlauben Sie
mal, ich habe doch noch gar nichts ber Ihr Benehmen im _eigentlichen
Sinne_ gesagt. Ich werde erst anfangen, ber Ihr Benehmen im
_eigentlichen Sinne_ zu sprechen. Ja, es ist sogar sehr leicht mglich,
da ich davon anfangen werde ...

Lebdkin erzitterte pltzlich und starrte wahrhaft entsetzt Pjotr
Stepanowitsch an.

Pjotr Stepanowitsch, ich fange jetzt erst an, aufzuwachen!

Hm! Und ich bin es wohl, der Sie jetzt aufgeweckt hat?

Ja, Sie haben mich aufgeweckt, Pjotr Stepanowitsch, ich aber habe vier
Jahre unter der schwebenden Wolke geschlafen ... kann ich jetzt
fortgehen, Pjotr Stepanowitsch?

Jetzt knnen Sie es ... wenigstens, wenn nicht Warwara Petrowna --?

Die aber winkte nur mit beiden Hnden ab.

Der Hauptmann verbeugte sich und ging, doch nach drei Schritten blieb
er pltzlich wieder stehen, prete die Hand aufs Herz, wollte etwas
sagen, tat es aber doch nicht -- und ging dann endlich schnell zur Tre.
Doch gerade wie er hinaus wollte, wurde sie von auen geffnet und er
stie mit Nicolai Wszewolodowitsch beinahe zusammen. Der Hauptmann
duckte sich gleichsam vor ihm und erstarb auf der Stelle, ohne seine
Augen von ihm abwenden zu knnen, wie ein Kaninchen vor einer
Riesenschlange.

Einen Augenblick wartete Stawrogin, dann schob er ihn mit der Hand
leicht zur Seite und trat ein.


                                  VII.

Stawrogin war heiter und ruhig. Mglich, da er etwas sehr Angenehmes
erfahren hatte, was wir noch nicht wuten ... jedenfalls war er, wie es
schien, mit irgend etwas ganz ausnehmend zufrieden.

Kannst du mir verzeihen, _Nicolas_? Warwara Petrowna konnte sich nicht
bezwingen und erhob sich sogar eilig ihm entgegen.

Da aber lachte Stawrogin auf:

Das fehlte noch! rief er gutmtig und scherzhaft. Ich sehe schon, es
ist euch alles bekannt. Und ich machte mir bereits Vorwrfe whrend der
Fahrt in der Equipage: >Wenigstens htte ich doch den Scherz erzhlen
mssen, denn sonst, wer geht denn so fort.< Als mir aber einfiel, da
Pjotr Stepanowitsch hier geblieben war, sprang die Sorge von mir ab.

Whrend er sprach, blickte er sich flchtig im Zimmer um.

Pjotr Stepanowitsch hat uns eine alte Petersburger Geschichte aus dem
Leben eines eigentmlichen Menschen erzhlt, sagte Warwara Petrowna,
noch ganz entzckt, eines launischen, eines halb wahnsinnigen Menschen,
der aber in seinen Gefhlen immer edel bleibt, immer adlig, immer
ritterlich --

Also so hoch habt ihr mich schon erhoben, scherzte Stawrogin.
brigens bin ich Pjotr Stepanowitsch diesmal sehr dankbar fr seine
Eilfertigkeit (hier tauschte er mit ihm einen blitzartig kurzen Blick).
Sie mssen nmlich wissen, _maman_, da Pjotr Stepanowitsch stets der
allgemeine Friedensstifter ist: das ist nun einmal seine Rolle, seine
Krankheit, sein Steckenpferd, und in der Beziehung kann ich ihn
besonders empfehlen. brigens kann ich mir schon denken, worber er hier
Bericht erstattet hat. Er erstattet ja immer Bericht, wenn er etwas
erzhlt. In seinem Kopf hat er eine Kanzlei. Man merke sich nur, da er
in seiner Eigenschaft als Realist nicht lgen kann und da die Wahrheit
ihm teurer ist als der Erfolg ... selbstverstndlich auer in jenen
besonderen Fllen, wenn ihm der Erfolg teurer ist als die Wahrheit.
(Stawrogin sah sich, whrend er sprach, immer noch um.) Sie sehen also,
_maman_, da nicht Sie mich um Verzeihung zu bitten haben, und da, wenn
hier irgendwo eine Schuld ist, sie natrlich nur mich treffen kann ...
oder sagen wir, wenn hier eine Verrcktheit vorliegt, ich folglich der
Verrckte bin -- man mu doch seinen Ruf aufrechterhalten! und er
umarmte seine Mutter und kte sie zrtlich. Jedenfalls aber ist die
Sache jetzt erzhlt, und ich dchte, nun knnte man aufhren, von ihr zu
sprechen. Seine letzten Worte hatten pltzlich einen trockenen, harten
Unterton.

Warwara Petrowna kannte diesen Ton, doch ihre Erregung verging deshalb
noch nicht, sogar im Gegenteil.

Aber wie kommt es nur, da du heute schon hier bist, _Nicolas_, du
wolltest doch erst in einem Monat --

Ich werde Ihnen natrlich alles erzhlen, _maman_, doch augenblicklich
-- Und er trat zu Praskowja Iwanowna.

Doch diese schien ihn diesmal berhaupt nicht bemerken zu wollen:
whrend noch vor einer halben Stunde, als er zum ersten Male erschienen
war, ihre ganze Aufmerksamkeit von ihm in Anspruch genommen wurde, war
diese jetzt auf etwas ganz anderes gelenkt. In dem Augenblick, als der
Hauptmann mit Stawrogin beinahe zusammengestoen war, hatte Lisa
pltzlich zu lachen angefangen -- zuerst nur leise und verhalten, dann
aber immer lauter und bemerkbarer. Sie wurde rot. Dieser Gegensatz zu
ihrem kurz vorher noch so dsteren Aussehen war doch zu auffallend. Als
Nicolai Wszewolodowitsch noch mit Warwara Petrowna sprach, winkte sie
Mawrikij Nicolajewitsch zu sich heran, als wolle sie ihm etwas sagen:
doch kaum beugte er sich zu ihr nieder, da lachte sie schon von neuem.
Ja, es schien, als lache sie geradezu ber den armen Mawrikij
Nicolajewitsch. Dabei strengte sie sich furchtbar an, ernst zu bleiben,
und prete immer wieder ihr Taschentuch an die Lippen, doch es gelang
ihr nicht, sich zu bezwingen.

Nicolai Wszewolodowitsch trat mit der unschuldigsten, aufrichtigsten
Miene an sie heran, um sie zu begren.

Verzeihen Sie, bitte, sagte sie schnell, Sie ... Sie haben gewi auch
Mawrikij Nicolajewitsch gesehen ... Gott, wie verboten lang Sie sind,
Mawrikij Nicolajewitsch! Und wieder lachte sie.

Mawrikij Nicolajewitsch war allerdings hoch von Wuchs, aber durchaus
nicht so auffallend, wie sie es pltzlich zu finden schien.

Sie ... sind vor nicht langer Zeit angekommen? fragte sie, sich
gewaltsam zusammennehmend, sogar verlegen, doch mit blitzenden Augen.

Vor ungefhr zwei Stunden, antwortete Stawrogin und sah sie aufmerksam
an. Ich mu hier bemerken, da er ungewhnlich zurckhaltend war in
seiner Hflichkeit, doch ohne diese wrde er vollstndig gleichgltig,
fast gelangweilt ausgesehen haben.

Und wo werden Sie wohnen?

Hier.

Warwara Petrowna beobachtete sie gleichfalls, pltzlich fiel ihr etwas
ein.

Aber _Nicolas_, wo warst du denn bis jetzt, diese zwei Stunden? fragte
sie erstaunt, der Zug kommt doch um zehn Uhr an.

Ich brachte zuerst Pjotr Stepanowitsch zu Kirilloff. Ich hatte ihn in
Matwejewo (drei Stationen vor unserer Stadt), getroffen. So fuhren wir
die letzte Strecke zusammen.

Ich aber wartete schon seit Mitternacht in Matwejewo, griff Pjotr
Stepanowitsch schnell in das Gesprch ein. Unsere letzten Wagen waren
in der Nacht aus den Schienen gesprungen, wir htten uns beinahe noch
die Beine gebrochen!

Mein Gott, rief Lisa, Mama, und wir wollten in der vorigen Woche auch
nach Matwejewo fahren!

Gott erbarme dich! Praskowja Iwanowna bekreuzte sich.

Ach, Mama, Mama, liebe Mama, erschrecken Sie nicht, wenn ich mir bei
einer solchen Gelegenheit auch einmal ein Bein breche, mir knnte das ja
nur zu leicht geschehen! Sie sagen doch selbst, da ich jeden Tag nur
ausreite, um mir das Genick zu brechen. Mawrikij Nicolajewitsch, wrden
Sie mich fhren, wenn ich hinke? fragte sie wieder lachend. Ich wrde
dann nur Ihnen erlauben, mich zu fhren, verlassen Sie sich darauf!
Sagen wir, ich breche mir ein Bein? -- Aber so seien Sie doch so
liebenswrdig, Mawrikij Nicolajewitsch, und sagen Sie sofort, da Sie
sich glcklich schtzen wrden!

Was kann das fr ein Glck sein, wenn man ein Krppel ist? sagte
Mawrikij Nicolajewitsch ernstlich ungehalten.

Dafr wrden Sie allein mich fhren drfen, nur Sie, sonst niemand!

Auch dann wrden _Sie_ mich fhren, Lisaweta Nicolajewna, sagte der
Offizier leise und noch ernster.

Gott, er wollte einen Witz machen, rief Lisa fast entsetzt aus.
Mawrikij Nicolajewitsch, unterstehen Sie sich niemals, einen Witz zu
machen! Aber Sie sind wirklich bis zu einem unglaublichen Grade Egoist!
Doch ich bin berzeugt, zu Ihrer Ehre sei es gesagt, da Sie sich selbst
verleumden. Im Gegenteil, Sie wrden mir von frh bis spt versichern,
da ich ohne Fu weit interessanter sei! Eines ist aber unvereinbar: Sie
sind bermig lang, ich aber wrde, wenn ich hinken mte, ganz klein
sein -- wir wrden also ein schlechtes Paar abgeben!

Und sie lachte krampfhaft.

Die Anspielungen waren flach und herbeigezogen, doch ihr war es diesmal
offenbar nicht um den Ruhm zu tun, geistreich zu sein.

Hysterie, flsterte mir Pjotr Stepanowitsch zu, ein Glas Wasser,
schnell!

Er hatte es erraten: eine Minute spter liefen wir hin und her und
endlich brachte man denn auch Wasser. Lisa umarmte ihre Mutter, kte
sie leidenschaftlich, weinte verzweifelt -- bis sie dann pltzlich
wieder auflachte. Darauf fing auch die Alte zu weinen an. Da fhrte denn
Warwara Petrowna sie beide durch dieselbe Tr, durch die Darja Pawlowna
eingetreten war, hinaus. Doch sie blieben nicht lange im Nebenzimmer,
sondern erschienen schon nach wenigen Minuten wieder im Salon.

Kaum waren sie drauen, da trat Stawrogin an uns heran und begrte uns
-- auer Schatoff, der noch immer in seiner Ecke sa und den Kopf
womglich noch tiefer gesenkt hielt. Stepan Trophimowitsch versuchte
sogleich, irgendein geistreiches Gesprch anzuknpfen, doch Stawrogin
wandte sich ab und wollte zu Darja Pawlowna gehen. Unterwegs jedoch
hielt ihn Pjotr Stepanowitsch auf, der ihn fast mit Gewalt zum Fenster
zog und ihm dort etwas anscheinend sehr Wichtiges zuzuflstern begann.
Nicolai Wszewolodowitsch freilich hrte, whrend der andere lebhaft
gestikulierte, nur zerstreut, fast gelangweilt zu, mit seinem
offiziellen, leicht spttischen Lcheln auf den Lippen -- und
schlielich wurde er ungeduldig und machte sich los.

In diesem Augenblick traten die Damen wieder ein.

Warwara Petrowna fhrte Lisa zu ihrem alten Platz und versicherte
lebhaft, da es den gereizten Nerven unmglich gut tun knne, wenn sie
gleich an die frische Luft ginge: sie solle sich doch erst wenigstens
zehn Minuten erholen! Und sie setzte sich neben Lisa und bemhte sich in
einer schon recht auffallenden Weise um diese.

Pjotr Stepanowitsch lief auch gleich hinzu und begann ein lebhaftes und
lustiges Gesprch.

Whrenddessen trat nun Stawrogin endlich mit seinen langsamen Schritten
zu Darja Pawlowna. Dascha schrak frmlich zurck, als sie ihn auf sich
zukommen sah, und feuerrot, verwirrt, fast taumelnd erhob sie sich
schnell.

Ich glaube, man kann Ihnen gratulieren ... oder noch nicht? Er fragte
es mit einem sonderbaren Zug um den Mund, den ich noch nie an ihm
bemerkt hatte.

Dascha antwortete ihm irgend etwas, aber die Worte konnte ich nicht
verstehen.

Verzeihen Sie, bitte, die Aufdringlichkeit, sagte er und sprach
lauter, aber Sie wissen doch, da man mich absichtlich davon
benachrichtigt hat? Wissen Sie das?

Ja, ich wei, da Sie absichtlich davon benachrichtigt worden sind.

Nun, ich hoffe, mein Glckwunsch hat nicht gestrt, meinte er lachend,
-- und wenn Stepan Trophimowitsch ...

Wozu, wozu gratulieren? Pjotr Stepanowitsch lief schnell herbei,
wozu, wozu gratulieren, Darja Pawlowna? Bah! doch nicht etwa dazu?
Wirklich! Ihre Farbe beweist, da ich recht geraten habe! In der Tat
gibt es doch nur eine einzige Art Glckwunsch, bei dem unsere schnen,
sittsamen jungen Damen zu errten pflegen. Nun, so empfangen Sie ihn
denn auch von mir, wenn ich's richtig erraten habe! Bezahlen Sie aber
auch bitte die Wette! Sie werden sich doch noch erinnern, da wir in der
Schweiz gewettet haben? Sie sagten, da Sie niemals heiraten wrden und
ich sagte das Gegenteil. Nun, und eigentlich bin ich ja halbwegs deshalb
aus der Schweiz hierher gereist ... Apropos -- Schweiz! Aber sag mir
doch, er drehte sich schnell zu Stepan Trophimowitsch herum, wann
fhrst du denn jetzt in die Schweiz?

Ich? ... in die Schweiz? fragte Stepan Trophimowitsch berrascht und
verwirrt.

Ja, wie denn? Fhrst du denn nicht? Aber du heiratest doch ... du
schriebst es doch!

_Pierre!_ rief Stepan Trophimowitsch streng.

Was denn, _Pierre_! Sieh mal, wenn es dir angenehm zu hren ist, so bin
ich hierher geflogen, um dir mitzuteilen, da ich durchaus nichts
dagegen einzuwenden habe! Du wolltest doch meine Meinung mglichst bald
wissen! Wenn man dich aber >retten< mu, wie du in demselben Brief
schreibst, so stehe ich dir dito zu Diensten. Ist es wahr, da er
heiratet, Warwara Petrowna? und wieder drehte er sich schnell zu
dieser. Ich nehme an, da ich hier nicht von Geheimnissen rede. Er
schreibt ja selbst, da die ganze Stadt es bereits wei, da ihm alle
bereits ihre Glckwnsche darbringen wollen, und da er, um dem zu
entgehen, nur noch in der Nacht das Haus verlassen kann. Den Brief habe
ich in der Tasche. Ganz klug bin ich freilich nicht aus ihm geworden.
Sag selbst, Stepan Trophimowitsch, was soll man nun eigentlich: -- soll
man dir >gratulieren<? -- oder soll man dich >retten<? Sie glauben
nicht, Warwara Petrowna, unmittelbar neben den glcklichsten Zeilen
stehen solche der grten Verzweiflung. Zunchst bittet er mich um
Verzeihung: nun, schn, das sind so seine Sentimentalitten ... Aber
brigens -- nein, es ist unmglich, nicht davon zu sprechen: stellen Sie
sich vor, er hat mich im ganzen Leben nur zweimal gesehen, und auch dann
nur zufllig; jetzt pltzlich aber, wie er sich zum dritte Male
verheiraten will, bildet er sich ein, damit mir gegenber irgendwelche
vterlichen Pflichten zu verletzen. Und so fleht er mich tatschlich
ber tausend Werst hinweg an, ihm nicht bse zu sein und meine Erlaubnis
zu seiner Vermhlung zu geben! Du, rgere dich bitte nicht, Stepan
Trophimowitsch, es ist ein Zug unserer Zeit, alles zu verstehen, und ich
verurteile dich ja auch nicht, ja, schlielich macht dir das alles
sogar, wie man das zu nennen pflegt, nur Ehre, usw., usw. Doch davon
wollte ich ja gar nicht sprechen. Die Hauptsache ist vielmehr, da mir
-- nun, eben die Hauptsache nicht klar ist. Schreibst da irgend etwas
von Schweizer Snden ... >Heirate sozusagen fremde Snden<, oder wie du
dich da ausdrckst, -- mit einem Wort: >Snden< sind dabei. >Das
Mdchen<, schreibst du, >ist ein Juwel<, und du, nun natrlich, du bist
ihrer >nicht wert<. Das ist nun einmal sein Stil, sagte er wieder zu
Warwara Petrowna gewandt. Wegen irgendwelcher >fremden Snden< ist er
>gezwungen, zum Altar zu gehen und in die Schweiz zu reisen<, und darum:
>fliege her, um mich zu retten!< Begreifen Sie etwas? Aber ich sehe ...
mir scheint ... ich bemerke am Ausdruck der Gesichter, da -- er drehte
sich nach allen Seiten um und sah die Anwesenden mit dem unschuldigsten
Lcheln an, -- da ich nach meiner Gewohnheit wieder einmal eine
Dummheit gemacht habe ... mit meiner Aufrichtigkeit, oder, wie Nicolai
Wszewolodowitsch sagt -- Eilfertigkeit ... Ich glaubte doch, da wir
hier unter Freunden sind? Das heit selbstverstndlich unter deinen
Freunden, Stepan Trophimowitsch, nur unter deinen, denn ich bin hier ja
fremd ... und nun sehe ich ... sehe ich, da alle irgend etwas wissen,
und nur ich dieses >Etwas< nicht wei ...

Er sah sich noch immer im Kreise um.

So hat Ihnen Stepan Trophimowitsch geschrieben, da er >fremde Snden<
heiraten msse? Warwara Petrowna trat mit entstelltem, fast gelbem
Gesicht und zuckenden Mundwinkeln auf Pjotr Stepanowitsch zu.

Ja, sehen Sie, das heit, wenn ich hier etwas nicht verstanden haben
sollte, so ist das natrlich meine Schuld. Aber ich denke doch ...
selbstverstndlich: er schreibt so! Hier habe ich ja den Brief -- den
wichtigsten. Wissen Sie, Warwara Petrowna, endlose Briefe und
schlielich einfach ein Brief nach dem anderen, so da ich sie spter
gar nicht mehr zu Ende las ... Verzeih mir das Gestndnis, Stepan
Trophimowitsch, aber, nicht wahr, im Grunde hast du sie, wenn du sie
auch an mich adressiert hast, doch mehr fr die Nachgeborenen
geschrieben. Reg' dich nicht auf, es macht ja weiter nichts. Aber diesen
Brief hier, Warwara Petrowna, den habe ich ganz gelesen. Denn diese
>Snden<, diese >fremden Snden<: das sind doch bestimmt irgendwelche
von seinen eigenen Snden und ich knnte wetten, die allerunschuldigsten
-- er aber macht daraus selbstredend eine furchtbare Geschichte, so eine
mit einem edlen Zuge, und vielleicht ist die ganze Geschichte nur um
dieses Zuges willen herbeigezogen. Es gibt da nmlich noch gewisse
Abrechnungen, die nicht ganz stimmen mgen, wozu das verheimlichen!
Denn, wissen Sie, man mu es doch endlich gestehen, wir pflegen dem
Kartenspiel nun einmal etwas zugetan zu sein ... Aber nein, Verzeihung,
das ist schon berflssig, das ist schon wirklich ganz berflssig,
Verzeihung! Doch was ich sagen wollte, Warwara Petrowna, erschreckt hat
er mich tatschlich, und ich schickte mich schon allen Ernstes an, ihn
zu >retten<. Bin ich denn ein Halsabschneider? Er schreibt da etwas von
einer Mitgift ... Aber brigens, heiratest du nun wirklich, Stepan
Trophimowitsch? Doch wir reden hier und reden und ich langweile Sie
bestimmt nur ... und Sie, Warwara Petrowna, verurteilen mich gewi ...

Im Gegenteil, im Gegenteil, ich sehe nur, da Sie die Geduld verloren
haben und dazu hatten Sie ja auch Grund genug, sagte Warwara Petrowna
mit einem bsen Lcheln.

Sie hatte die ganze Zeit mit boshafter Genugtuung Pjotr Stepanowitsch
zugehrt, der augenscheinlich eine bestimmte Rolle spielte. (Was fr
eine, und wozu? -- das wute ich damals nicht! Aber er spielte eine
Rolle, und spielte sie ungeschickt.)

Ganz im Gegenteil, fuhr Warwara Petrowna fort, ich bin Ihnen nur zu
dankbar dafr. Ohne Sie htte ich nichts erfahren. So ffne ich jetzt
zum erstenmal seit zwanzig Jahren die Augen und sehe. Nicolai
Wszewolodowitsch, Sie erwhnten vorhin, da Sie absichtlich
benachrichtigt worden seien. Hat Stepan Trophimowitsch auch Ihnen in
dieser Art und Weise geschrieben?

Ich erhielt von ihm allerdings einen ganz unschuldigen und ... und sehr
... edelmtigen Brief ...

Sie stocken, Sie suchen nach Worten -- schon gut! Stepan
Trophimowitsch, Sie haben mir einen groen Gefallen zu erweisen, wandte
sie sich pltzlich mit blitzenden Augen an diesen. Haben Sie die Gte,
uns sofort zu verlassen und die Schwelle meines Hauses nie mehr zu
berschreiten.

Was mich an der ganzen Szene am meisten wunderte, das war die
erstaunliche Wrde, mit der Stepan Trophimowitsch sich hielt. Whrend
der ganzen berfhrung durch seinen Sohn und selbst unter dem Fluch
Warwara Petrownas machte er nicht ein einziges Mal Miene, sich auch nur
zu verteidigen. Woher nahm er so viel Charakterfestigkeit? Ich habe
spter erfahren, da ihn seines Sohnes Betragen gleich beim ersten
Wiedersehen tief und schmerzlich gekrnkt hatte. Das aber war schon ein
ehrliches, ein _echtes_ Leid. Und hinzu kam dann noch der andere
Schmerz: die qulende Selbsterkenntnis, da er sich niedrig benommen
hatte. Das alles gestand er mir spter selbst mit seiner ganzen
Offenherzigkeit. Nun, und ein wirkliches Leid und ein echter Schmerz
knnen doch sogar einen auergewhnlich leichtsinnigen und
oberflchlichen Menschen ernst und standhaft machen, wenn auch nur auf
kurze Zeit. Ja, wirkliches Leid hat selbst aus Dummkpfen Kluge gemacht,
wenn auch freilich gleichfalls nur auf kurze Zeit; das ist schon so eine
Eigenschaft des Leides. Wenn dem aber so ist, was konnte dann nicht
alles mit einem Menschen wie Stepan Trophimowitsch geschehen? Da konnte
ja echter Schmerz eine vollkommene Umwandlung bewirken! -- Freilich auch
hier nur auf einige Zeit ...

Er verbeugte sich wrdevoll vor Warwara Petrowna, und ohne ein Wort zu
sagen (allerdings blieb ihm ja auch nichts anderes brig), wollte er
schon hinausgehen, als er es doch nicht ber sich gewann und zu Darja
Pawlowna trat. Diese mochte das schon vorausgefhlt haben, denn sie ging
ihm sofort entgegen und begann, in ihrem Schreck, schnell selbst zu
sprechen, als htte sie ihm nur ja zuvorkommen wollen.

Sagen Sie nichts, Stepan Trophimowitsch, sagen Sie nichts, um Gottes
willen, sie streckte ihm erregt die Hand entgegen, in ihrem Gesicht
zuckte es schmerzlich. Seien Sie versichert, da ich Sie immer
hochachten werde, Stepan Trophimowitsch, und denken Sie auch von mir
nicht schlecht, Stepan Trophimowitsch, ich ... ich werde das immer sehr,
sehr schtzen ...

Stepan Trophimowitsch verbeugte sich tief vor ihr.

Es ist dein freier Wille, Darja Pawlowna, du weit, da du in dieser
ganzen Angelegenheit vollkommen frei handeln kannst, sagte pltzlich
Warwara Petrowna bedeutsam.

Ach! Nun -- nun begreife ich alles! rief da Pjotr Stepanowitsch aus
und schlug sich vor die Stirn. Aber ... aber in was fr eine Lage hat
man mich denn nun gebracht? Oh, verzeihen Sie mir, Darja Pawlowna,
verzeihen Sie, wenn Sie knnen! ... Du aber, wandte er sich an seinen
Vater, du hast mich ja in eine schne Lage gebracht!

_Pierre_, du knntest dich auch anders ausdrcken, wenn du mit mir
sprichst, sagte Stepan Trophimowitsch halblaut.

Schrei nur nicht so! Fang nur nicht an zu schreien, ich bitte dich,
fiel ihm _Pierre_, mit den Armen fuchtelnd, ins Wort. Glaub mir, das
sind alles nur alte kranke Nerven und Schreien nutzt da gar nichts. Sag
mir lieber, warum du mich dann nicht gleich darauf vorbereitet hast?
Konntest dir doch denken, da ich hier nach meiner Ankunft sogleich auch
darauf zu sprechen kommen wrde!

Stepan Trophimowitsch blickte ihm offen in die Augen.

_Pierre_, du, der du so viel von dem weit, was hier vorgeht, solltest
du wirklich von dieser Sache nichts, nicht das Geringste gewut, gehrt
haben?

W--a--as? Na, hr mal ... aber das ist doch! Wir sind also nicht nur
ein altes Kind, sondern auch noch ein bses dazu? ... Haben Sie gehrt,
Warwara Petrowna?

Es entstand eine Unruhe im Zimmer. Da sollte aber pltzlich etwas
geschehen, was niemand auch nur htte fr mglich halten oder gar
voraussehen knnen.


                                 VIII.

Zunchst mu ich noch erwhnen, da in den letzten zwei bis drei Minuten
Lisaweta Nicolajewna von einer neuen Unruhe ergriffen worden war. Sie
hatte schnell ihrer Mutter etwas zugeflstert, und dann Mawrikij
Nicolajewitsch, der sich zu ihr niederbeugte. Ihr Gesicht war erregt,
doch zugleich drckte es Entschlossenheit aus. Offenbar hatte sie es
jetzt sehr eilig, fortzukommen, denn als Mawrikij Nicolajewitsch die
Mama vorsichtig aus dem Lehnstuhle zu heben begann, wollte sie schon
helfen -- aber sie bezwang sich noch.

Doch das Schicksal schien es nicht zu wollen, da sie oder sonst jemand
das Zimmer verlie, ohne das Ende des Ganzen mit angesehen zu haben.

Schatoff, den alle in seiner Ecke vllig vergessen hatten, und der, wie
es schien, selbst nicht recht wute, warum er da sa und noch nicht
fortgegangen war -- erhob sich pltzlich von seinem Stuhl und ging mit
nicht schnellen, doch festen Schritten durch das ganze Zimmer auf
Nicolai Stawrogin zu, ihm gerade ins Gesicht sehend.

Stawrogin war der erste, der sofort bemerkte, da Schatoff sich erhob,
und er lchelte kaum -- kaum merklich; doch als Schatoff unmittelbar vor
ihm stand, hrte er auf, zu lcheln.

Jetzt erst, als Schatoff schweigend vor ihm stehen blieb und keinen
Blick von ihm abwandte, bemerkten auch die anderen die beiden.

Alle verstummten -- Pjotr Stepanowitsch ganz zuletzt. Lisa und die Mama
blieben mitten im Zimmer stehen.

So vergingen ungefhr fnf Sekunden.

Der Ausdruck dreister Befremdung in Nicolai Stawrogins Gesicht
verwandelte sich in Zorn, er runzelte die Brauen und -- pltzlich ...

Und pltzlich holte Schatoff mit seinem langen, schweren Arm weit aus
und schlug ihn ins Gesicht.

Stawrogin wankte.

Schatoff hatte ganz eigentmlich geschlagen, nicht so, wie man sonst
Ohrfeigen zu geben pflegt, nicht mit der flachen Hand, sondern mit der
festen, geballten Faust -- die aber war bei ihm gro, schwer, knochig,
mit rtlichem Flaum und Sommersprossen bedeckt. Wenn der Schlag das
Nasenbein getroffen htte, so wrde er es unfehlbar zerschlagen haben,
doch er traf mehr die Wange, den linken Mundwinkel und den Oberkiefer,
aus dem denn auch sofort Blut zu tropfen begann.

Ich glaube, wir schrien alle auf. Oder vielleicht war es auch nur
Warwara Petrowna, die aufschrie. Ich wei es nicht mehr, jedenfalls war
es gleich darauf totenstill. brigens dauerte der ganze Zwischenfall
nicht lnger als zehn Sekunden.

Trotzdem geschah in diesen zehn Sekunden unendlich viel.

Nicolai Stawrogin gehrte zu den Naturen, die Angst berhaupt nicht
kennen. Im Duell stand er, whrend sein Gegner auf ihn zielte, mit der
grten Kaltbltigkeit da. Kam er zum Schu, so zielte und ttete er mit
einer Ruhe, die fast tierisch war. Wenn ihn jemand ins Gesicht
geschlagen htte, so wrde er ihn gar nicht erst lange gefordert,
sondern ihn einfach auf der Stelle totgeschlagen haben: gerade zu diesen
Menschen gehrte er, die mit vollem Bewutsein tten, und nicht etwa in
einem Zustande, in dem der Mensch auer sich und unzurechnungsfhig ist.
Ja, ich glaube sogar, solche Wutausbrche, die einen blenden und
benommen machen, kannte er berhaupt nicht. Selbst bei dem unermelichen
Zorn, der sich seiner bisweilen bemchtigte, behielt er sich immer noch
vollkommen in der Gewalt, und war sich dessen bewut, da ein Totschlag,
den er nicht im Duell beging, ihn zum sibirischen Strfling machen
wrde; und dennoch wrde er den Beleidiger auf der Stelle erschlagen
haben, und zwar ohne auch nur einen Augenblick davor zurckzuschrecken.

Ich habe mich immer bemht, Nicolai Stawrogin richtig zu verstehen. Dank
mancher glcklichen Umstnde wei ich vieles ber ihn. Nahe liegt mir
vor allem, ihn mit gewissen groen russischen Mnnern zu vergleichen,
von denen sich bei uns noch einige legendre Erinnerungen erhalten
haben.

So erzhlt man zum Beispiel von dem Dekabristen[33] L--n, er habe immer
mit Absicht die Gefahr gesucht, habe sich an ihr berauscht und sie zu
seinem Lebensbedrfnis gemacht: als junger Mensch habe er sich fast
grundlos herumduelliert, in Sibirien sei er, nur mit einem Messer
bewaffnet, auf die Brenjagd gegangen und habe in den Wldern mit
entsprungenen Verbrechern, die, nebenbei bemerkt, noch gefhrlicher als
Bren sind, zusammenzutreffen gesucht. Zweifellos kannte ein Mann wie
dieser L--n ganz genau das Gefhl der Angst: aber gerade dieses Gefhl
in sich zu berwinden -- das war es, was ihn reizte. brigens hatte
dieser selbe L--n in der letzten Zeit vor seiner Verschickung nach
Sibirien eine furchtbare Hungerzeit durchgemacht und sich durch die
schwerste Arbeit sein Brot verdient, nur weil er sich den Wnschen
seines reichen Vaters nicht fgen wollte. Also hatte er nicht nur im
Kampf mit Bren und im Duell seine Standhaftigkeit und Willensstrke zu
erproben und zu beweisen gesucht.

Doch seitdem sind viele Jahre vergangen, und die nervse, zerqulte und
gespaltene Natur der Menschen unserer Zeit lt das Bedrfnis nach
solchen unmittelbaren und ungeteilten Empfindungen, wie sie damals von
manchen in ihrem Lebensdrang unruhigen Mnnern der guten alten Zeit so
sehr gesucht wurden, berhaupt nicht mehr aufkommen. Stawrogin htte auf
diesen L--n vielleicht hochmtig herabgesehen, htte ihn einen Feigling
genannt, der sich immer selbst ermutigen msse, ein Hhnchen, oder so
hnlich -- nur wrde er sich nie laut darber geuert haben. Auch er
htte im Duell den Gegner erschossen wie er es ja tatschlich getan,
auch er htte mit Bren gekmpft, und auch dem Ruber im Walde wre er
ebenso sicher und furchtlos entgegengetreten: nur htte er alles das
ohne das geringste Empfinden eines Genusses, sondern einfach aus
unangenehmer Notwendigkeit getan -- schlaff, faul, vielleicht sogar
gelangweilt. Das Bse in ihm war selbstredend gewachsen, im Vergleich zu
L--n, ja selbst zu Lermontoff. In ihm war es vielleicht noch grer als
in diesen beiden zusammen, aber dieses Bse war, wie gesagt, kalt und
ruhig, war, wenn ich mich so ausdrcken darf, _vernnftig_ -- und somit
das Widerlichste, das Furchtbarste, das es berhaupt geben kann.

Also noch einmal: ich hielt ihn damals und halte ihn auch heute noch,
nachdem alles schon vorber ist, fr gerade so einen Menschen, der, wenn
er einen Schlag ins Gesicht erhlt, den Beleidiger sofort und ohne
Zgern totschlgt.

Und doch geschah in diesem Falle etwas ganz anderes -- etwas
Rtselhaftes.

Kaum stand Nicolai Stawrogin wieder fest und aufrecht, nachdem er unter
der Wucht des Schlages schmhlich gewankt hatte, kaum war der gemeine,
gleichsam nasse Schall des Schlages verhallt -- da packte er auch schon
Schatoff mit beiden Hnden fest an den Schultern. Aber sofort, ja schon
im selben Augenblick, ri er die Hnde wieder zurck und kreuzte sie auf
dem Rcken. Er schwieg. Er sah nur Schatoff an. Und sein Gesicht wurde
fahl. Doch sonderbar: sein Blick erlosch gleichsam. Aber schon nach zehn
Sekunden blickten seine Augen wieder kalt und -- ich bin berzeugt, da
ich mich nicht getuscht habe -- vollkommen ruhig: nur bleich war er
noch wie ein Hemd. Freilich wei ich nicht, was in seinem Innern
vorging, ich sah nur das uere.

Ich glaube, ein Mensch, der z. B. ein rotglhendes Eisenstck ergreift
und es in der Hand pret, um seine Standhaftigkeit zu erproben, und der
dann zehn Sekunden lang einen unertrglichen Schmerz aushlt und damit
endet, da er ihn bezwingt -- ich glaube, ein solcher Mensch wrde
hnliches empfinden wie Nicolai Stawrogin in diesen zehn Sekunden.

Der erste von beiden, der die Augen niederschlug, war Schatoff, und wie
man sah, weil er dazu gezwungen war. Darauf wandte er sich langsam um
und verlie das Zimmer, doch nicht mehr mit demselben festen Schritt,
mit dem er vorhin auf Stawrogin zugeschritten war. Er ging leise und
ganz besonders ungelenk hinaus, mit gehobenen Schultern, gleichsam
bucklig und mit gesenktem Kopf, als dchte er schweren Gedanken nach.
Ich glaube, er murmelte irgend etwas. Bis zur Tr ging er vorsichtig,
ohne irgendwo anzustoen oder etwas umzuwerfen, die Tr selbst aber
ffnete er nur ein wenig, so da er sich dann beinahe seitwrts wie
durch einen Spalt durchschob. Gerade dort an der Tr war sein
Haarschopf, der steif auf dem Kopfwirbel abstand, ganz besonders
bemerkbar.

Kaum war die Tre hinter ihm geschlossen, als noch vor allen Ausrufen
ein furchtbarer Schrei durch das Zimmer gellte. Ich sah, wie Lisaweta
Nicolajewna ihre Mutter an der Schulter und Mawrikij Nicolajewitsch am
Arm packte, sie zwei- oder dreimal mitri, als wolle sie so schnell wie
nur mglich weg von hier, doch pltzlich stie sie den Schrei aus und
strzte ohnmchtig lngelang hin. Noch jetzt glaube ich zu hren, wie
ihr Kopf auf den Teppich schlug.




                           Sechstes Kapitel.
                               Die Nacht


                                   I.

Es vergingen acht Tage. Jetzt, wo alles vorber ist und ich die Chronik
schreibe, wissen wir, was hinter dem Ganzen sich verbarg; doch damals
wuten wir noch nichts, und nur natrlich ist es, da uns vieles seltsam
erschien. Wir, d. h. Stepan Trophimowitsch und ich, zogen uns zunchst
vollstndig zurck und beobachteten aus der Ferne, -- nicht ohne
Schrecken. Nur ich begab mich hin und wieder unter Menschen und brachte
meinem Freunde verschiedene Nachrichten, ohne die er es nicht aushielt.

In der Stadt sprach man selbstverstndlich ber nichts anderes als die
Ohrfeigengeschichte, Lisas Ohnmachtsanfall und all das andere, was an
jenem Sonntag Vormittag geschehen war. Nur eines war dabei befremdlich:
durch wen waren diese Begebnisse so schnell und so genau bekannt
geworden? Eigentlich hatte doch keiner von den Anwesenden irgendeinen
Vorteil davon, wenn er das Geschehene ausplauderte. Dienstboten waren
nicht zugegen gewesen. So blieb Lebdkin: er allein htte das eine oder
andere erzhlen knnen, weniger aus Bosheit, als einfach deshalb, weil
er Geheimnisse nun einmal nicht fr sich behalten konnte. Lebdkin aber
war am anderen Tage mitsamt seiner Schwester spurlos verschwunden und im
Filippoffschen Hause konnte mir niemand ber seinen Verbleib Auskunft
geben. Schatoff jedoch, bei dem ich mich nach Marja Timofejewna
erkundigen wollte, hatte seine Tr zugeschlossen und verlie in dieser
ganzen ersten Woche kein einziges Mal sein Zimmer. Ich ging am Dienstag
wieder zu ihm und klopfte an die Tr, und da ich, obgleich alles still
blieb, fest berzeugt war, da er in seinem Zimmer sei, klopfte ich
wieder und wieder. Pltzlich hrte ich, wie er aufsprang, wahrscheinlich
von seinem Bett, mit schnellen Schritten zur Tr kam und mit lauter
Stimme Schatoff ist nicht zu Hause! rief. Da blieb mir nichts anderes
brig, als fortzugehen.

Schlielich kamen Stepan Trophimowitsch und ich auf einen Gedanken, der
uns zunchst gewagt erschien, doch zu dem wir uns gegenseitig immer
wieder ermutigten, nmlich, da es nur sein Sohn Pjotr Stepanowitsch
gewesen sein konnte, der die ganze Geschichte in der Stadt verbreitet
hatte, obwohl er in einem Gesprch mit seinem Vater versichert hatte, er
habe schon am Montag frh an allen Ecken und Enden von den Vorfllen
erzhlen gehrt, aber namentlich Abends im Klub, und sogar dem
Gouverneur und seiner Frau seien selbst die kleinsten Kleinigkeiten
bereits bekannt gewesen. Bemerkenswert ist auch noch, da Liputin, den
ich an eben diesem Montag abends auf der Strae traf, mir auch schon
alles Vorgefallene fast Wort fr Wort und Zug fr Zug zu erzhlen wute.

Viele Damen, besonders die der besten stdtischen Gesellschaft,
erkundigten sich auch angelegentlich nach der rtselhaften Lahmen, wie
man Marja Timofejewna allgemein nannte. Und nicht minder interessierten
sie sich fr den Ohnmachtsanfall Lisaweta Nicolajewnas, zumal dieser ja
auch Julija Michailowna, als Lisas Verwandte und besondere Beschtzerin,
anging. Und was erzhlte man sich nicht alles in den verschiedenen
Kreisen der Stadt! Hinzu kam, da beide Huser fr alle und jeden
verschlossen blieben. Lisaweta Nicolajewna, hie es alsbald, lge im
strksten Nervenfieber, und dasselbe erzhlte man auch von Nicolai
Stawrogin, wobei man sich dann in den widerlichsten ausfhrlichen
Beschreibungen seines Zustandes, ber einen angeblich ausgeschlagenen
Zahn und eine geschwollene Backe, nicht genug tun konnte. In
verschwiegenen Winkeln aber glaubte man schon ganz genau zu wissen, da
in der nchsten Zeit ein Mord stattfinden werde, ein heimlicher, wie in
einer korsischen Vendetta, denn Stawrogin sei nicht der Mann, der eine
solche Beleidigung verge. Im allgemeinen sah man deutlich, wie der
alte Ha gegen Nicolai Stawrogin wieder auflebte, denn selbst
ehrwrdige, sonst ganz gutmtige Leute wuten nichts Besseres zu tun,
als ihn zu beschuldigen, allerdings ohne selber recht zu wissen, was er
verbrochen haben sollte.

Vor allem aber erzhlte man sich flsternd, natrlich unter dem Siegel
der tiefsten Verschwiegenheit, da es zwischen Nicolai Stawrogin und
Lisa Tuschina in der Schweiz zu einer bsen Geschichte gekommen sei, und
er ihre Ehre auf dem Gewissen habe, und da sie spter durch eine
Intrigue entzweit worden seien. Freilich beobachteten vorsichtigere
Leute eine gewisse Zurckhaltung solchen Geschichten gegenber, aber
zuhren taten doch alle mit Begierde.

Aber es gab auch noch andere Gerchte, nur wurden sie nicht so
allgemein, sondern nur dann besprochen, wenn man unter sich war. Ja,
eigentlich war es kaum mehr als ein Gemunkel, das ich nur erwhne, um
den Leser im Hinblick auf die spteren Ereignisse zum Aufmerken zu
veranlassen. Es handelte sich dabei um folgendes: manche Leute sprachen
nmlich, indem sie unmutig die Stirn runzelten, von dem Gott wei woher
aufgetauchten Gercht, Nicolai Stawrogin sei zu einem ganz bestimmten
Zweck in unser Gouvernement geschickt worden; durch den Grafen K. habe
er in Petersburg zu irgendwelchen hchsten Spitzen Beziehungen
angeknpft, ja, vielleicht sei er sogar in den Staatsdienst getreten und
jetzt womglich mit irgendwelchen hochwichtigen Auftrgen hergesandt.
Als nun gewichtige und ernsthafte Leute ber dieses Gercht lchelten
und vernnftig bemerkten, da ein Mensch, der von Skandalen lebte und
bei uns damit begann, da er sich ungestraft ohrfeigen lie, einem
Staatsdiener nicht gerade hnlich she, da wurde ihnen leise
zugetuschelt, da er ja gar nicht offiziell, sondern nur sozusagen
konfidentiell diesen Auftrag erhalten habe, und in solchem Falle sei es
im Interesse der Sache sogar wnschenswert, da der betreffende
Vertrauensmann mglichst wenig an einen Staatsdiener erinnere. Diese
Vorhaltungen verfehlten ihre Wirkung nicht, denn es war bei uns bekannt,
da man die Landesvertretung in unserem Gouvernement dort in der
Hauptstadt mit einer gewissen besonderen Aufmerksamkeit im Auge behielt.
Doch wie gesagt, dieses Gemunkel dauerte nur eine Zeitlang an und
verstummte sogleich, als Nicolai Stawrogin wieder persnlich erschien.
Im brigen aber mu ich noch erwhnen, da der Ursprung vieler dieser
Gerchte zum Teil ein paar kurze, doch gehssige Bemerkungen gewesen
waren, die der Gardeoffizier a. D., Rittmeister Artemij Pawlowitsch
Gaganoff, ein sehr reicher Gutsbesitzer unseres Gouvernements und
Kreises, dabei Petersburger Weltmann, im Klub hatte fallen lassen, wenn
auch in etwas unklaren und schroffen Worten. Dieser Rittmeister a. D.
war der Sohn des verstorbenen Pjotr Pawlowitsch Gaganoff, jenes selben
alten Wrdentrgers, den Nicolai Stawrogin vor vier Jahren im Klub auf
so unverzeihliche Weise beleidigt hatte.

Bekannt war auch schon geworden, da Julija Michailowna Warwara Petrowna
einen Besuch hatte machen wollen, man ihr aber an der Vorfahrt
mitgeteilt habe, Warwara Petrowna knne wegen Krankheit leider nicht
empfangen; ferner, da Julija Michailowna zwei Tage darauf ihren Diener
zu Warwara Petrowna geschickt htte, um sich nach deren Befinden zu
erkundigen; und schlielich hatte sie sogar angefangen, Warwara Petrowna
persnlich zu verteidigen, wenn auch nur in hherem Sinne, d. h. in
einer ganz allgemeinen Weise. Alle anfnglichen Bemerkungen ber den
Vorfall an jenem Sonntag hrte sie kalt und streng an, so da man schon
sehr bald in ihrer Gegenwart nicht mehr davon zu sprechen wagte.
Zugleich verbreitete sich dadurch die berzeugung, Julija Michailowna
habe nicht nur wie die anderen einzelne Gerchte gehrt, sondern wisse
sogar alle letzten Einzelheiten, und zwar wie eine Mitbeteiligte. Ich
bemerke bei dieser Gelegenheit, da es Julija Michailowna zum Teil schon
gelungen war, jenen hheren Einflu zu erringen, nach dem sie so
augenscheinlich strebte. Ein Teil der Gesellschaft sprach ihr bereits
praktischen Verstand zu und viel Takt -- aber davon spter! Jedenfalls
war es nicht zum wenigsten ihre Protektion, die den schnellen Aufstieg
Pjotr Stepanowitschs in unserer Gesellschaft erklrte -- seine
gesellschaftlichen Erfolge, die damals am meisten seinen Vater Stepan
Trophimowitsch in Erstaunen setzten.

Pjotr Stepanowitsch wurde fast im Nu mit der ganzen Stadt bekannt. Am
Sonntag war er angekommen, und schon am Dienstag sah ich ihn mit dem
stolzen, hochmtigen, sonst geradezu unnahbaren Artemij Pawlowitsch
Gaganoff, in freundschaftlichem Gesprch begriffen, in einer Equipage
vorberfahren. Im Hause des Gouverneurs wurde Pjotr Stepanowitsch
gleichfalls vorzglich aufgenommen, so da er dort schon nach wenigen
Tagen die Rolle des gehtschelten jungen Mannes spielte und fast tglich
bei ihnen speiste. Die Bekanntschaft Julija Michailownas hatte er
allerdings schon in der Schweiz gemacht, aber nichtsdestoweniger war
sein schneller Erfolg im Hause Seiner Exzellenz zum mindesten etwas
sonderbar. Hatte es denn nicht von ihm geheien, er sei ein
Revolutionr? Hatte er sich nicht an allen mglichen auslndischen
Verffentlichungen und Kongressen beteiligt? Aus alten Zeitungen kann
ich Ihnen das sogar schwarz auf wei nachweisen! sagte einmal Aljoscha
Teltnikoff wtend zu mir, er, der Arme, der im Hause des alten
Gouverneurs auch einmal der gehtschelte Junge gewesen war und nun als
abgesetzter Beamter sein Leben fristete. Tatsache war eines: der
ehemalige Revolutionr trat in Ruland ohne die geringste Behelligung
auf -- also waren alle Gerchte vielleicht vllig unbegrndet gewesen?
Liputin flsterte mir einmal zu, Pjotr Stepanowitsch habe sich die
Begnadigung durch die Angabe anderer Namen erkauft und stehe seitdem in
Beziehung zu hohen Stellen. Ich teilte diese gehssige uerung Liputins
Stepan Trophimowitsch mit, der darob sehr nachdenklich wurde. Spter
stellte es sich heraus, da Pjotr Stepanowitsch mit sehr guten
Empfehlungen zu uns gekommen war: so z. B. hatte er Julija Michailowna
von der Gattin einer der ersten Persnlichkeiten Petersburgs einen
langen Brief berbracht, in dem unter anderem erwhnt war, da auch Graf
K. Pjotr Stepanowitsch durch Nicolai Stawrogin kennen gelernt und ihn
einen interessanten jungen Mann, trotz der frheren Verirrungen,
genannt habe. Julija Michailowna schtzte ihre sprlichen, so mhevoll
aufrecht erhaltenen Beziehungen zur hohen Gesellschaft bis zur
Unglaublichkeit, und so hatte sie sich denn ber den Brief jener hohen,
alten Dame ungemein gefreut. Trotzdem gab es hier noch etwas
Unerklrliches. Sogar ihren Mann stellte sie zu Pjotr Stepanowitsch in
fast familire Beziehung, so da Herr von Lembke sich schon beklagte --
doch davon gleichfalls spter! Bemerken mchte ich nur noch, da selbst
Karmasinoff, der _groe_ Schriftsteller, sich uerst wohlwollend zu
Pjotr Stepanowitsch verhielt und ihn sofort zu sich einlud -- eine
Eilfertigkeit dieses eingebildeten Menschen, die Stepan Trophimowitsch
noch schmerzhafter als alles andere verletzte. Ich erklrte sie mir
allerdings anders, nmlich: da Karmasinoff durch diesen Nihilisten,
fr den er Pjotr Stepanowitsch zweifellos hielt, mit der
fortschrittlichen Jugend in Fhlung treten wollte. Der groe
Schriftsteller zitterte geradezu vor der Revolutionsbewegung der
Studentenkreise, und da er sich in seiner Unkenntnis der Sache
einbildete, in ihren Hnden liege der Schlssel zur Zukunft Rulands, so
wollte er, nachdem er es erst mit den Alten gehalten hatte, es auch mit
den Jungen nicht verderben, und suchte ihnen, hauptschlich deshalb,
weil sie ihrerseits fr ihn nur Miachtung hatten, in jeder nur
mglichen, und wenn auch fr ihn erniedrigenden Weise zu schmeicheln.


                                  II.

Pjotr Stepanowitsch war brigens nur zweimal zu seinem Vater gekommen,
doch zu meinem Bedauern stets in meiner Abwesenheit. Das erste Mal hatte
er ihn am Mittwoch besucht, also ganze vier Tage nach seinem Eintreffen,
und auch dann nur in Geschften.

Die Abrechnung wegen des Gutes war sozusagen im stillen abgetan worden.
Warwara Petrowna hatte einfach alles auf sich genommen und die ganze
Summe fr das Gtchen, fnfzehntausend Rubel, Pjotr Stepanowitsch
ausgezahlt. Stepan Trophimowitsch wurde erst benachrichtigt, nachdem
alles schon abgeschlossen war. Ihr Kammerdiener Alexei Jegorowitsch
berbrachte ihm irgendein Schriftstck, das er dann stumm und wrdevoll
unterzeichnete. Ja, eines mchte ich bei der Gelegenheit noch
ausdrcklich bemerken: unser Alter bewahrte in diesen Tagen eine
Haltung, wie nie zuvor, war wrdevoll schweigsam, schrieb aber
tatschlich nicht einen einzigen Brief an Warwara Petrowna, was ich
frher einfach nicht fr mglich gehalten htte, so da ich unseren
frheren Stepan Trophimowitsch kaum wiedererkannte, und vor allem war er
ganz ruhig. Diese Ruhe hatte er offenbar pltzlich in einer bestimmten
groen Idee gefunden, und nun sa er da und wartete auf irgend etwas.
Ganz zuerst freilich, gleich am Montag frh, da war er krank -- wenn
sich auch blo seine bliche Cholerine einstellte. Erzhlte ich ihm von
dem, was man in der Stadt sprach, so hrte er aufmerksam zu. Wollte ich
dann aber auf den Kern der Sache bergehen, so winkte er mir sofort ab.
Die beiden Besuche seines Sohnes hatten ihn selbstverstndlich sehr
erregt, aber nicht erschttert oder wankend gemacht. Wohl legte er sich
nachher jedesmal, mit einer Essigkompresse um den Kopf, auf den Diwan:
aber im hheren Sinne blieb er, wie gesagt, doch ruhig.

brigens kam es zuweilen doch vor, da er mir auch nicht abwinkte, wenn
ich mit meinen Erzhlungen allzu sehr ins einzelne gehen wollte. Und
zuweilen schien es mir, als ob ihn seine geheimnisvolle Entschlossenheit
im Stiche liee und er gegen neue strmisch andrngende Ideen innerlich
zu kmpfen htte.

Das geschah zwar nur in Augenblicken, aber ich erwhne sie. Ich ahnte
wohl, da ihn dann der Wunsch anwandelte, aus seiner Einsamkeit
hervorzutreten, sich wieder zu zeigen und einen letzten Kampf zu wagen.

Oh, _cher_, wie ich sie aufs Haupt schlagen wrde! rang es sich am
Donnerstag abend aus ihm hervor, nach Petruschas zweitem Besuch, als
Stepan Trophimowitsch wieder mit einer Essigkompresse auf dem Diwan lag.
Bis zu diesem Augenblick hatte er mit mir noch nicht ein einziges Wort
gesprochen.

... >_Fils_<, >_fils chri_<{[98]} und so weiter ... ich gebe ja zu,
da diese Ausdrcke Unsinn sind, aus dem Wortschatz der Kchinnen
stammen, meinetwegen, ich gebe es selbst zu. Ich habe ihn nicht genhrt
noch gekleidet, ich habe ihn gleich als Sugling aus Berlin per Post
nach Ruland geschickt. Ich gebe das, wie gesagt, ja vollkommen zu ...
>Du hast mich nicht genhrt, nicht gekleidet, sondern per Post
fortgeschickt,< sagt er, >und hier hast du mich obendrein noch
bestohlen.< Aber, Unseliger, rufe ich ihm zu, fr wen hat denn mein Herz
mein ganzes Leben lang geblutet, wenn ich dich auch damals per Post
fortgeschickt habe!? _Il rit._{[99]} Aber ich gebe ja zu, ich gebe ja zu
... wenn auch per Post -- schlo er, wie im Fieber phantasierend.

_Passons_,{[100]} begann er dann nach fnf Minuten wieder. Ich kann
Turgenjeff nicht verstehen. Sein Basaroff[34] ist eine fiktive
Persnlichkeit, die berhaupt nicht existiert. Ich war ja selbst mit
unter den ersten, die sie als unmglich zurckwiesen. Dieser Basaroff
ist gewissermaen ein verschwommenes Gemisch von Nosdreff[35] und Byron.
_Oui, c'est le mot_,{[101]} -- Nosdreff und Byron. Betrachten Sie sie
einmal aufmerksam: sie schlagen Purzelbume und quieken vor Freude wie
die jungen Hunde im Sonnenschein ... sie sind glcklich, sie sind
Sieger! Doch was Byron! Lassen wir den hier aus dem Spiel ... Und zudem
-- wie viel Alltag! Welch eine kchinnenhafte Reizbarkeit der
Eigenliebe! Welch ein erbrmliches Drsten nach _faire du bruit autour
de son nom_, ohne zu bemerken, da _son nom_{[102]} ... Oh, Karikaturen!
-- Aber erlaube, rufe ich ihm zu, willst du denn wirklich dich selbst,
so wie du bist, als Ersatz fr Christus vorschlagen? _Il rit. Il rit
beaucoup. Il rit trop._ Er hat so ein sonderbares Lcheln. Seine Mutter
hatte nicht solch ein Lcheln. _Il rit toujours._{[103]}

Wieder trat Schweigen ein.

Sie sind schlau! Am Sonntag hatten sie sich verabredet ... platzte er
pltzlich heraus.

Zweifellos, sagte ich schnell und spitzte die Ohren, und dazu war die
ganze Komdie noch mit weiem Faden zusammengenht und so ungeschickt
vorgespielt!

Davon rede ich nicht. Aber wissen Sie auch, da das Ganze sogar
absichtlich mit weiem Faden zusammengenht war? Damit es die merkten,
die es merken sollten? Verstehen Sie?

Nein, ich verstehe nicht --

_Tant mieux. Passons._{[104]} Ich bin heute etwas irritiert.

Ja, aber worber haben Sie sich denn mit ihm gestritten, Stepan
Trophimowitsch?

_Je voulais convertir._ Sie lachen natrlich. _Cette pauvre_ Tantchen,
_elle entendra de belles choses_!{[105]} Oh, mein Freund, werden Sie es
mir glauben, da ich mich vorhin ganz als Patriot fhlte! brigens habe
ich mich immer als Russe empfunden ... Und ein echter Russe kann auch
gar nicht anders sein, als wir beide sind. _Il y a l dedans quelque
chose d'aveugle et de louche._{[106]}

Unbedingt, versetzte ich.

Mein Freund, die wirkliche Wahrheit ist immer unwahrscheinlich, wissen
Sie das auch? Um die Wahrheit wahrscheinlich zu machen, mu man
unbedingt etwas Lge hinzumischen. Und so haben es die Menschen denn
auch stets gehalten. Vielleicht ist hierbei etwas, was wir nicht
verstehen knnen. Was meinen Sie, ist hier nicht etwas, was wir nicht
verstehen, in diesem siegesgewissen Gekreisch? Ich wrde wnschen, da
es so wre. Ich wrde es wnschen ...

Ich schwieg. Und auch er schwieg recht lange.

Man sagt: >franzsischer Verstand!< ... begann er pltzlich von neuem
und fast wie im Fieber. Aber das ist eine Lge. So ist es bei uns schon
immer gewesen. Wozu den franzsischen Verstand verleumden? Hier ist es
einfach russische Faulheit, unsere Kraftlosigkeit, unsere erniedrigende
Unfhigkeit, eine Idee hervorzubringen, unsere widerliche Parasitenrolle
unter den Vlkern. _Ils sont tout simplement des paresseux_,{[107]} --
aber nicht >franzsischer Verstand<! Die Russen mten zum Wohle der
brigen Menschheit ganz einfach vertilgt werden ... wie schdliche
Parasiten! Wir, in unserer Jugend, wir haben nach etwas ganz, ganz
anderem gestrebt. Jetzt verstehe ich nichts mehr, ich habe ganz einfach
aufgehrt, zu verstehen! Ja, siehst du denn nicht ein, rief ich ihm zu,
siehst du denn nicht ein, da bei euch die Guillotine nur deshalb auf
dem ersten Plan steht, weil Kopfabschneiden viel, viel leichter ist, als
eine Idee haben? _Vous tes des paresseux! Votre drapeau est une
guenille, une impuissance!_{[108]} Diese Wagen, oder wie sie da ... >das
Rollen der Wagen, die Brot der Menschheit bringen< ... ntzlicher als
die Sixtinische Madonna, oder wie sie da ... _une btise dans ce
genre_.{[109]} Aber siehst du denn nicht ein, rief ich ihm zu, siehst du
denn nicht ein, da ein Mensch auer dem Glck genau ebensosehr und
genau in demselben Mae das Unglck ntig hat? _Il rit!_ -- >Du reit
hier Witze<, sagte er mir, >und ... schonst dabei deine Knochen (er
drckte sich gemeiner aus) auf einem Diwan, der mit Samt bezogen ist<
... Und vergessen Sie nicht, da er mich dabei duzt, den Vater, als
Sohn.[36] Nun, ich wollte ja nicht sagen, wenn wir beide einerlei
Meinung wren ... aber so, wenn wir uns nun zanken?

Wir schwiegen wieder.

_Cher_, sagte er pltzlich, sich schnell erhebend, wissen Sie auch,
da das unbedingt mit irgend etwas enden mu?

Nun, freilich, sagte ich.

_Vous ne comprenez pas. Passons._{[110]} Aber ... gewhnlich endet es
im Leben mit nichts, hier jedoch wird es ein Ende geben, unbedingt,
unbedingt!

Er stand auf und ging in grter Aufregung hin und her -- bis er sich
dann schlielich wieder kraftlos auf den Diwan niedersinken lie.

Am Freitag morgen fuhr Pjotr Stepanowitsch irgendwohin fort in die
Umgegend, und erschien erst am Montag wieder bei uns.

Von dieser Fahrt erfuhr ich durch Liputin: und ebenfalls war es Liputin,
der mir erzhlte, da die beiden Lebdkins auf der anderen Fluseite in
der Fabrikvorstadt wohnten. Ich selbst habe sie hinbergeschafft,
fgte er hinzu, brach aber sofort ab und teilte mir nur noch mit, da
Lisaweta Nicolajewna sich mit Mawrikij Nicolajewitsch verlobt habe --
offiziell habe man es zwar noch nicht bekanntgegeben, aber
nichtsdestoweniger sei es Tatsache.

Lisaweta Nicolajewna sah ich brigens am nchsten Morgen, als sie, zum
erstenmal nach ihrer Krankheit, mit Mawrikij Nicolajewitsch ausritt. Sie
erblickte mich, ihre Augen blitzten auf und sie nickte mir lachend und
sehr freundschaftlich zu.

Ich erzhlte natrlich alles Stepan Trophimowitsch, doch nur der
Nachricht ber die Lebdkins schenkte er einige Aufmerksamkeit. -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
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Jetzt aber, nachdem ich das Wichtigste aus diesen acht Tagen unserer
rtselvollen Ungewiheit erzhlt habe, will ich die weiteren
Geschehnisse anders wiedergeben: mit Kenntnis des ganzen Sachverhalts,
d. h. so, wie sich schlielich alles, als es an den Tag kam, in seinen
Zusammenhngen erklrte. Ich beginne mit dem achten Tage nach jenem
Sonntag, also mit dem Montagabend -- denn im Grunde war es dieser Abend,
an dem die neue Geschichte begann.


                                  III.

Es war sieben Uhr abends. Nicolai Stawrogin sa allein in seinem
Arbeitszimmer, das er schon frher von allen anderen Rumen des Hauses
zu seinem Kabinett erwhlt hatte. Es war ein hoher Raum mit schnen
Teppichen und etwas schweren, altertmlichen Mbeln.

Er sa in der Ecke des Diwans, wie zum Ausgehen angekleidet, doch
anscheinend hatte er nicht die Absicht, aufzubrechen und irgendwohin zu
gehen. Auf dem Tisch vor ihm stand eine Lampe mit einem Lampenschirm.
Die Seiten und Ecken des groen Raumes blieben dunkel. Sein Blick war
nachdenklich und zusammengefat, doch nicht ganz ruhig; sein Gesicht sah
mde und ein wenig abgemagert aus. Er war tatschlich krank, wenn auch
nur an einer Erkltung, verbunden mit einem gewissen Ohrenreien; aber
das Gercht von einem ausgeschlagenen Zahn war doch bertrieben: der
Zahn hatte anfnglich nur gewackelt, war jedoch inzwischen wieder fest
geworden. Auch die von innen verletzte Oberlippe war bereits zugeheilt.
Das Zahngeschwr aber, das mit der Erkltung zusammenhing, hatte er nur
deshalb nicht aufschneiden lassen, um nicht den Arzt empfangen zu
mssen. Doch brigens hatte er nicht nur nicht den Arzt, sondern selbst
seine Mutter kaum auf ein paar Minuten eintreten lassen und auch das
hchstens einmal am Tage und nur um die Dmmerstunde, wenn es schon
dunkelte und das Licht noch nicht brannte.

Auch Pjotr Stepanowitsch, der zwei- bis dreimal tglich bei Warwara
Petrowna vorgesprochen hatte, war nicht von ihm empfangen worden. Erst
jetzt, eben an jenem Montag, nachdem Pjotr Stepanowitsch am Morgen von
seiner dreitgigen Reise zurckgekehrt, schon berall in der Stadt
herumgelaufen war, dann bei Julija Michailowna zu Mittag gespeist hatte
und erst gegen Abend bei Warwara Petrowna erschien, verkndete sie ihm,
die ihn bereits ungeduldig erwartete, da das Verbot aufgehoben sei und
_Nicolas_ wieder empfange. Darauf begleitete sie den Gast selbst bis zur
Tr des Arbeitszimmers ihres Sohnes, denn sie hatte schon lngst ein
Wiedersehen der beiden gewnscht. Pjotr Stepanowitsch hatte ihr
versprochen, nachher noch zu ihr zu kommen und zu berichten, wie er
_Nicolas_ fand. Sie klopfte vorsichtig an die Tr und wagte sogar, als
sie keine Antwort erhielt, den Trflgel drei Finger breit zu ffnen.

_Nicolas_, darf ich Pjotr Stepanowitsch eintreten lassen? fragte sie
leise und gehalten, whrend sie sich zugleich bemhte, sein Gesicht
hinter der Lampe zu erkennen.

Gewi, gewi darf man, das versteht sich doch von selbst! rief laut
und aufgerumt Pjotr Stepanowitsch, ffnete die Tr mit eigener Hand und
trat ein.

Stawrogin hatte das Klopfen seiner Mutter berhrt und nur die scheue
Frage vernommen, aber noch nicht antworten knnen. Vor ihm lag in diesem
Augenblick ein Brief, den er gerade erst durchgelesen hatte und ber den
er dann in tiefes Nachdenken versunken war. Als er nun pltzlich den
Anruf Pjotr Stepanowitschs hrte, fuhr er zusammen und suchte schnell
mit einem Briefbeschwerer den Brief zu bedecken, was ihm aber nur halb
gelang, denn eine Ecke des Briefes und fast das ganze Kuvert waren noch
zu sehen.

Ich habe absichtlich so laut gerufen, um Ihnen Zeit zu geben, sich
vorzubereiten, flsterte Pjotr Stepanowitsch, der im Nu am Tisch war
und sofort mit aufmerksamem Blick das Kuvert musterte, mit wunderlich
naiver Aufrichtigkeit.

-- Und haben gewi noch glcklich bemerken knnen, wie ich vor Ihnen
diesen Brief zu verbergen suchte, sagte Stawrogin ruhig, ohne sich von
seinem Platz zu rhren.

Einen Brief? Na, Sie mit Ihren Briefen ... was gehn mich Ihre Briefe
an, versetzte der andere. Aber ... die Hauptsache, -- fuhr er wieder
leise fort, indem er sich zur Tr wandte, die Warwara Petrowna schon
geschlossen hatte, und wies mit dem Kopf nach dieser Richtung.

Sie horcht nie, bemerkte Stawrogin kalt.

Na, ich meinte blo -- und wenn sie auch horchen sollte! Pjotr
Stepanowitsch erhob sofort wieder die Stimme und setzte sich in einen
Sessel. Ich habe ja sonst nichts dagegen, nur bin ich diesmal gekommen,
um mit Ihnen unter vier Augen zu sprechen. Also endlich, vor allen
Dingen, wie steht es mit der Gesundheit? Sehe schon, da es gut steht,
und morgen werden Sie vielleicht erscheinen, wie?

Vielleicht.

Sie mssen die Leute doch endlich beruhigen und ebenso auch mich!
begann er pltzlich heftig gestikulierend, sah aber dabei ganz heiter
und zufrieden aus. Wenn Sie wten, was ich ihnen alles habe
vorschwatzen mssen! Aber brigens, Sie wissen es ja. Er lachte auf.

Alles wei ich nicht. Ich habe nur von meiner Mutter gehrt, da Sie
sich sehr ... gerhrt haben.

Das heit, ich habe ja nichts Bestimmtes --, wehrte Pjotr
Stepanowitsch schnell ab, als verteidige er sich gegen einen furchtbaren
Angriff. Ich habe nur Schatoffs Frau so ein bichen unter die Leute
gebracht, das heit, ich meine die Gerchte ber Ihre Beziehungen zu ihr
in Paris, was jenen Vorfall vom Sonntag dann durchaus erklren knnte
... Sie rgern sich doch nicht?

Bin berzeugt, da Sie sich sehr bemht haben.

Nun, das allein war es, was ich frchtete! Aber brigens, was heit
denn das: >sehr bemht<? -- das klingt ja ganz wie ein Vorwurf. Doch ich
sehe, da Sie die Sache wenigstens nicht schief auffassen: das war meine
grte Sorge, als ich herkam -- Sie wrden sie nicht _gerade_ nehmen
...

Ich will berhaupt nichts _gerade_ nehmen, sagte Stawrogin mit einer
gewissen Gereiztheit, doch gleich darauf lchelte er spttisch.

Ach, ich rede doch nicht davon, nicht davon, Sie irren sich, nicht
davon! rief Pjotr Stepanowitsch und fuchtelte wieder abwehrend und
streute die Worte wie Erbsen hin, schien aber zugleich sehr erfreut ber
die Reizbarkeit Stawrogins zu sein. Ich werde Sie doch jetzt nicht mit
_unserer_ Sache rgern, in der Lage, in der Sie jetzt sind! Ich kam nur
her wegen der Affre am Sonntag, und auch das nur zum allerkleinsten
Teil, denn, nicht wahr, es geht doch nicht so! Ich bin mit den
aufrichtigsten Erklrungen gekommen, die fr mich notwendig sind, nicht
fr Sie -- dies mag fr Ihre Eigenliebe gesagt sein, aber zu gleicher
Zeit ist es auch wahr. Ich bin gekommen, um von nun an immer aufrichtig
zu sein.

Das heit so viel, da Sie frher unaufrichtig waren?

Das wissen Sie doch selbst ganz genau. Ich habe oft Kniffe angewandt
... Sie lcheln; freut mich sehr, denn das Lcheln ist fr mich ein
Vorwand zur Auseinandersetzung. Ich habe ja absichtlich das Lcheln mit
der kleinen Prahlerei hervorgelockt, damit Sie sich sofort wieder
rgern: wie wagte ich zu denken, da ich mit Kniffen Sie zu betrgen
vermchte, und zweitens, damit ich Grund habe, mich sofort zu erklren.
Sehen Sie, wie aufrichtig ich bin. Na, schn, wre es Ihnen jetzt recht,
mich anzuhren?

Stawrogins Gesicht, das bis dahin verachtend ruhig und beinahe spttisch
ausgesehen hatte, trotz der augenscheinlichen Absicht seines Gastes, ihn
mit diesen zudringlichen, vorbereiteten und bewut plumpen Naivitten zu
rgern, verriet jetzt doch eine gewisse unruhige Neugier.

Also hren Sie, begann Pjotr Stepanowitsch, noch lebhafter als vorhin.
Als ich hierher kam, das heit, berhaupt hierher in diese Stadt, vor
zehn Tagen, da entschlo ich mich natrlich, hier eine Rolle zu spielen.
Besser freilich, sollte man meinen, wr's ganz ohne Rolle, wie ... wie
... nun, als individuelle Persnlichkeit -- nicht wahr? Allerdings kann
nichts schlauer sein, als die Rolle einer individuellen Persnlichkeit,
denn die wrde mir doch niemand zutrauen. Aber wissen Sie, zuerst wollte
ich schon den Rpel spielen, weil das viel leichter ist. Aber der Rpel
ist zugleich auch schon das uerste, und da das uerste immer Aufsehen
und Neugier erregt, so entschied ich mich denn endgltig fr die
individuelle Persnlichkeit. Nun ja, aber wie ist denn nun meine
individuelle Persnlichkeit? -- Doch einfach die goldene Mitte: weder
klug noch dumm, mig begabt und ein bichen vom Mond herabgefallen, wie
hier die vernnftigen Leute sagen. Nicht wahr?

Mglich, da es auch wahr ist, sagte Stawrogin mit einem kaum
merklichen Lcheln.

Ah, Sie geben's zu -- freut mich sehr. Ich wute ja im voraus, da ich
Ihre Gedanken treffen wrde ... Beunruhigen Sie sich nicht, nicht ntig,
gar nicht ntig, ich nehme es durchaus nicht bel. Ich habe mich auch
durchaus nicht in dieser Weise dargestellt, um mir von Ihnen indirekte
Lobsprche herauszuholen, _ la_ >Nein, Sie sind nicht unbegabt, nein,
Sie sind klug<, oder so hnlich ... Ah, Sie lcheln wieder! Bin ich von
neuem hereingefallen? >Sie sind klug< wrden Sie ja gar nicht sagen. Nun
gut, meinetwegen; ich gebe alles zu. _Passons_,{[100]} wie Papachen
sagt, und in Klammern: rgern Sie sich bitte nicht ber meinen
Wortschwall. brigens, da haben wir ja gleich ein Beispiel: ich rede
immer viel zu viel, d. h., ich mache immer viel zu viel Worte, und rede
viel zu eilig -- und doch kommt nichts dabei heraus. Warum? weil ich
nicht zu reden verstehe. Die gut reden, die reden kurz. Und damit, nicht
wahr, damit haben wir gleich einen Beweis fr meine Unbegabtheit! Doch
da diese Gabe der Unbegabtheit bei mir nun einmal eine natrliche Gabe
ist -- warum sollte ich sie da nicht noch knstlich gebrauchen? Nun --
und so gebrauche ich sie denn so und so. Zuerst, als ich hier ankam,
gedachte ich zu schweigen: aber zum Schweigen, dazu gehrt ein groes
Talent, und somit wre es nichts fr mich. Und da Schweigen auerdem
auch noch gefhrlich ist, so habe ich denn endgltig eingesehen, da es
am besten ist, wenn ich rede, und zwar gerade so auf unbegabte Art und
Weise rede, das heit, viel, viel, unendlich viel rede, mich immer
beeile, etwas zu beweisen und zum Schlu mich in meinen Beweisen immer
so verwickele, da der Zuhrer womglich davonluft und dabei womglich
noch ausspuckt. Das hat dann drei Vorteile: erstens, da man sich von
meiner Offenherzigkeit berzeugt, zweitens, da man meiner uerst
berdrssig wird, und drittens, da man mich dabei noch nicht einmal
versteht -- also alle drei Vorteile auf einen Hieb! Wer wird dann noch
vermuten, da ich geheimnisvolle Absichten habe? Ein jeder wrde sich ja
persnlich beleidigt fhlen, wenn ihm dann noch jemand sagte, ich htte
geheimnisvolle Absichten! Die Leute verzeihen mir ja jetzt schon alles,
weil sich nun herausgestellt hat, da ich, die revolutionre
Intelligenz, die einst Proklamationen verfat hat, dmmer bin, als sie.
Ist's nicht so? An Ihrem Lcheln erkenne ich schon, da Sie zustimmen.

Stawrogin dachte nicht daran, zu lcheln oder zuzustimmen, im Gegenteil,
er hrte finster und ein wenig ungeduldig zu.

Wie? Was? Sie sagten: >gleichgltig<?

Stawrogin hatte kein Wort gesagt.

Natrlich, selbstverstndlich, ich versichere Sie, da ich das durchaus
nicht darum ... nun, um Sie mit meiner Freundschaft zu kompromittieren
... Aber wissen Sie, Sie sind heute furchtbar belnehmend! Ich komme zu
Ihnen mit offenem, frohem Herzen, und Sie -- Sie legen jedes meiner
Worte auf die Wagschale! Ich werde heute ber nichts Kitzliches mit
Ihnen sprechen, ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Und mit allen Ihren
Bedingungen bin ich von vornherein einverstanden!

Stawrogin schwieg immer noch.

Wie? Was? Sagten Sie nicht etwas? Sehe schon, hab' wieder nicht das
Rechte getroffen. Sie haben keine Bedingungen gestellt und werden auch
keine stellen. Glaub's schon, glaub's schon, beruhigen Sie sich nur: ich
wei ja selbst, da es sich gar nicht lohnt, sie zu stellen -- nicht
wahr? Ich bernehme schon im voraus die Verantwortung fr Sie, wenn Sie
wollen -- und tue das selbstredend aus Unbegabtheit -- also nichts als
Unbegabtheit und Unbegabtheit ... Sie lachen? Wie? Was?

Nichts ... Stawrogin lchelte endlich, mir fiel nur soeben ein, da
ich Sie in der Tat einmal gewissermaen unbegabt genannt habe, aber da
Sie damals nicht zugegen waren, wird man es Ihnen hinterbracht haben ...
Im brigen bitte ich, etwas schneller zur Sache kommen zu wollen.

Aber ich bin ja gerade dabei! Ich rede doch nur wegen Sonntag! rief
Pjotr Stepanowitsch aus und tat sehr erstaunt. Nun, was war ich am
Sonntag, was meinen Sie? Genau und nichts anderes als die eilfertige,
mittelmige Unbegabtheit in Person. Und genau in meiner
allerunbegabtesten Art und Weise bemchtigte ich mich des Gesprches!
Doch man hat mir schon alles verziehen. Erstens, wie gesagt, weil ich
vom Monde gefallen bin, denn davon ist man tatschlich allgemein
berzeugt, und zweitens, weil ich ein so nettes Geschichtchen zum besten
gab ... und euch allen heraushalf, nicht wahr? So ist es doch?

Sie haben absichtlich so erzhlt, da der Zweifel bleibt und man die
Mache merkt, whrend eine Abmachung berhaupt nicht vorlag und ich Sie
um nichts gebeten hatte.

Das ist's ja! Das ist's ja! besttigte wie in hellem Entzcken Pjotr
Stepanowitsch. Ich habe es ja absichtlich so gemacht, da Sie die ganze
Mechanik merken muten. Ihretwegen habe ich ja gerade die ganze Komdie
gespielt, nur um Sie zu fangen und zu kompromittieren. Ich wollte ja nur
wissen, bis zu welchem Grade Sie sich frchten.

Es wre interessant zu wissen, warum Sie jetzt so aufrichtig sind!

Oh, rgern Sie sich nicht, rgern Sie sich nicht, und funkeln Sie bitte
nicht so mit den Augen ... brigens tun Sie das ja gar nicht. Also
interessant wre es, zu wissen, warum ich jetzt so aufrichtig bin? Ganz
einfach, weil sich jetzt alles verndert hat! Ich habe eben meine
Ansichten ber Sie gendert, das ist es. Den frheren Weg habe ich fr
immer verlassen. Ich werde Sie von nun ab nicht mehr auf die alte Art
und Weise zu kompromittieren versuchen. Ich habe nun einen neuen Weg.

Also die Taktik gendert?

Von Taktik kann hier gar keine Rede sein. Von jetzt ab soll in allem
nur Ihr freier Wille den Ausschlag geben. Sagen Sie >ja<, -- so ist's
gut. Wollen Sie >nein< sagen -- bitte! Da haben Sie meine ganze neue
Taktik. Doch an _unsere_ Sache werde ich auch nicht mit dem kleinsten
Finger rhren, und zwar genau so lange nicht, bis Sie es selbst
befehlen. Sie lachen? Wohl bekomm's! Auch ich lache ja. Aber soeben
meine ich's ernst, vollkommen ernst, wenn auch ein Mensch, der sich so
beeilt, natrlich unbegabt ist, nicht wahr? Einerlei, meinetwegen bin
ich auch unbegabt, nur rede ich jetzt im Ernst, das heit wirklich
vollkommen ernst!

Er sprach in der Tat diesmal ernst, in einem ganz anderen Tone und mit
einer seltsamen Erregung, so da Stawrogin ihn aufmerksam anblickte.

Sie sagen, Sie htten Ihre Ansicht ber mich gendert?

Ja; in dem Augenblick, als Sie damals von Schatoff Ihre Hnde
zurckzogen. Aber genug, genug davon, und bitte keine Fragen weiter!
Mehr sage ich jetzt nicht!

Er war schon aufgesprungen und fuchtelte wieder mit den Hnden, als
wollte er sich an ihn gestellter Fragen erwehren: da aber berhaupt
keine gestellt wurden und er noch nicht die Absicht hatte, wegzugehen,
so setzte er sich wieder hin und beruhigte sich allmhlich.

Nebenbei bemerkt, in Klammern, plapperte er sofort wieder los, man
schwatzt hier und wettet schon darauf, da Sie ihn unbedingt totschlagen
wrden. Lembke beabsichtigte sogar, die Polizei in Bewegung zu setzen,
doch Julija Michailowna hat es ihm verboten ... Aber genug davon, genug,
ich sagte es Ihnen nur, um Sie zu benachrichtigen. Doch halt, noch eins:
ich habe, wie Sie wissen, die Lebdkins noch am selben Tage auf die
andere Fluseite geschafft -- meinen Brief mit der neuen Adresse haben
Sie doch erhalten?

Ja, gleich damals.

Dies aber habe ich nicht aus >Unbegabtheit< getan, sondern einfach aus
Bereitwilligkeit. Wenn es >unbegabt< herausgekommen sein sollte, so
war's dafr doch aufrichtig gemeint.

Schon gut, vielleicht war es gerade so richtig ... murmelte Stawrogin
nachdenklich. Nur schicken Sie mir keine Briefe mehr.

Diesmal ging's nicht anders, und es war ja nur ein einziger.

So wei Liputin davon?

Es war nicht anders mglich. Aber Sie wissen ja selbst, da Liputin
nichts darf ... brigens mte man einmal wieder zu den unsrigen gehen,
-- das heit zu jenen da, nicht zu den _Unsrigen_, kreiden Sie es mir
nur nicht gleich wieder an. Beunruhigen Sie sich nicht: es braucht ja
nicht gleich zu sein -- irgend wann einmal. Augenblicklich regnet es.
Ich werde es denen dann sagen und sie knnen sich versammeln -- wir
gehen dann am Abend hin. Da sitzen sie nun mit offenen Mulern, wie die
jungen Waldraben im Nest, und warten gespannt darauf, was fr einen
Bissen wir ihnen gebracht haben -- kratzen Bcher hervor und fangen gar
an zu streiten. Wirginski ist Allmensch, Liputin Fourierist mit starker
Neigung zu Polizeimethoden. Ein Mensch, sag ich Ihnen, der in einer
Beziehung kostbar ist, aber in den meisten anderen Beziehungen streng
angefat werden mu. Und der dritte, der mit den trauernden Ohren, trgt
gar ein eigenes System vor. Beleidigt sind sie brigens alle: weil ich
mich so wenig um sie kmmere und sie ein bichen kaltgestellt habe,
haha! Aber hingehen mu man zu ihnen.

Sie haben mich jenen wohl als so eine Art Fhrer vorgestellt? fragte
Stawrogin so nachlssig wie mglich.

Pjotr Stepanowitsch sah ihn blitzschnell an. Dann ging er schnell auf
ein anderes Thema ber und tat so, als htte er die Frage ganz berhrt:
brigens bin ich tglich zwei- bis dreimal zu Warwara Petrowna gekommen
und war gezwungen, viel zu sprechen ...

Kann mir denken.

Nein, denken Sie nicht das! Ich habe einfach nur versichert, da Sie
Schatoff nicht totschlagen wrden -- und so hnliche se Sachen. Aber
stellen Sie sich vor: gleich am anderen Tage hatte sie schon erfahren,
da Marja Timofejewna von mir ber den Flu geschafft worden war --
haben Sie ihr das gesagt?

Nicht daran gedacht.

Wut ich's doch, da nicht Sie ... Aber wer auer Ihnen htte es ihr
dann erzhlen knnen?

Liputin, selbstredend.

N--nein, nicht Liputin, murmelte Pjotr Stepanowitsch gergert. Aber
ich werde es schon erfahren, wer es war. Ich denke da eher an Schatoff.
Aber nein, Unsinn, lassen wir das! Aber schlielich ist's doch verdammt
wichtig ... brigens habe ich immer erwartet, da Ihre Mutter pltzlich
mit der Hauptfrage herausplatzte ... Ja! Nur alle die letzten Tage war
sie furchtbar niedergeschlagen, fast finster, heute aber, wie ich
ankomme: siehe da -- sie strahlt frmlich. Woher kommt denn das?

Das kommt daher, da ich ihr heute mein Wort gegeben habe, nach fnf
Tagen um Lisaweta Nicolajewnas Hand anzuhalten, sagte Stawrogin
pltzlich mit unvermuteter Offenheit.

Ah, so ... nun ja ... ja gewi ... stotterte Pjotr Stepanowitsch und
blieb stecken. Man spricht zwar schon von ihrer Verlobung mit Mawrikij
Nicolajewitsch. Sie wissen doch? Es wird auch schon stimmen. Aber Sie
haben recht: sie luft auch vom Altare fort, wenn Sie sie nur rufen. Sie
rgern sich doch nicht darber, da ich so ...?

Nein.

Ich sehe, da es heute furchtbar schwer ist, Sie zu rgern, und fange
an, Sie zu frchten ... Bin sehr gespannt darauf, wie Sie morgen
erscheinen werden. Sicher haben Sie schon vieles in petto. rgern Sie
sich wirklich nicht ber mich, da ich so ...?

Stawrogin antwortete wieder nicht, was Pjotr Stepanowitsch vollends
reizte.

brigens: haben Sie das in betreff Lisaweta Nicolajewnas Ihrer Mutter
im Ernst gesagt? fragte er.

Stawrogin sah ihn kalt und prfend an.

Ah, so, ich verstehe schon: um sie zu beruhigen, nun ja.

Und wenn ich es im Ernst gesagt habe? fragte Stawrogin hart.

Ja ... nun ... na, dann mit Gott, wie man in solchen Fllen zu sagen
pflegt. Wrde ja der Sache nichts schaden. (Sehen Sie, ich habe nicht
gesagt, >_unserer_< Sache, da Sie das Wort >unser< nun einmal nicht
lieben.) Ich aber ... ich -- nun ja, ich stehe zu Ihren Diensten, wie
Sie wissen.

Sie meinen?

Gar nichts, gar nichts meine ich! wehrte Pjotr Stepanowitsch lachend
ab, denn ich wei, da Sie sich Ihre Angelegenheiten im voraus genug
berlegen, und da Sie alles schon bis zu Ende durchgedacht haben. Im
brigen aber wollte ich nur sagen, da ich im Ernst jederzeit zu Ihren
Diensten stehe, jederzeit und unter allen Umstnden und in jedem Fall,
-- das heit wortwrtlich in _je--dem_! Sie verstehen doch?

Stawrogin ghnte.

Ich langweile Sie schon, wie ich sehe, sagte Pjotr Stepanowitsch,
pltzlich aufspringend, ergriff seinen runden, ganz neuen Hut und tat,
als sei er im Begriff, aufzubrechen, indessen blieb er immer noch und
sprach ununterbrochen weiter, jetzt allerdings stehend. Zuweilen schritt
er hin und her, und wenn er sehr lebhaft sprach, schlug er sich mit dem
Hut ans Knie. Ja, eigentlich wollte ich Ihnen noch etwas Ergtzliches
von den Lembkes erzhlen und Sie damit erheitern! schwatzte er weiter,
anscheinend gut gelaunt.

Nein, das doch lieber ein nchstes Mal. Wie geht es brigens mit Julija
Michailownas Gesundheit?

Was das bei Ihnen allen fr gesellschaftliche Gewohnheiten sind! Julija
Michailownas Gesundheit ist Ihnen ja so gleichgltig, wie die Gesundheit
irgendeiner Katze, und doch erkundigen Sie sich! Aber das lobe ich mir.
Also: Julija Michailowna fhlt sich wohl und hat eine Hochachtung vor
Ihnen, na, bis zum Aberglauben. Und was Sie von Ihnen alles erwartet,
grenzt auch schon an Aberglauben. ber den Sonntag schweigt sie, und ist
berzeugt, da Sie alles sofort niederschlagen werden, sobald Sie nur
wieder auf der Bildflche erscheinen. Bei Gott, sie glaubt ohne
weiteres, da Sie wei der Teufel was alles vermgen! Mir scheint, sie
bildet sich ein, Sie knnten einfach Wunder zustande bringen. berhaupt
sind Sie jetzt ein noch viel rtselhafteres Wesen als je, dazu dieser
Nimbus von Romantik, der sich um Sie gebildet hat -- wahrhaftig, eine
uerst vorteilhafte Stellung. Und wie gespannt, wie neugierig man auf
Sie ist! Bevor ich verreiste, war es schon hei, doch als ich
zurckkehrte, war die Hitze noch gestiegen. Danke brigens nochmals
bestens fr die Beschaffung des Briefes. Graf K... wird hier allgemein
mit Andacht gefrchtet. Und Sie hlt man fr so eine Art hheren Spion.
Ich nicke dazu. Sie rgern sich doch nicht?

Nein.

Das ist nmlich fr alles Weitere sogar unbedingt ntig. Die Leute
haben ja hier ihre besonderen Bruche. Ich sporne selbstverstndlich
noch an. Julija Michailowna ist die Anfhrerin, Gaganoff der zweite ...
Sie lachen? Aber ich lebe doch jetzt nach meiner neuen Taktik: ich lge
und lge, und dann sage ich pltzlich ein kluges Wort, und zwar gerade
in dem Augenblick, wenn alle ein solches suchen. Darauf umringt man mich
sofort, fragt und horcht, -- ich aber bin schon wieder mitten im Lgen.
Jetzt haben mich schon alle aufgegeben. >Ach, der!< sagen sie und winken
ab. >Nicht dumm, aber ein bichen doch vom Monde herabgefallen.< Lembke
redet mir zu, in den Staatsdienst zu treten, damit ich mich bessere.
Ach, wenn Sie wten, wie ich ihn trtiere, das heit, eigentlich
kompromittiere. Er glotzt mich nur so an mit seinen Kalbsaugen. Julija
Michailowna hilft mir dabei womglich noch. Doch was ich sagen wollte:
Gaganoff ist grenzenlos wtend auf Sie. Gestern hat er in Duchowo ganz
gemein ber Sie gesprochen. Ich habe ihm natrlich gleich die ganze
Wahrheit gesagt, oder vielmehr, versteht sich, nicht die ganze Wahrheit.
Ich war gestern vom morgen bis zum Abend drauen bei ihm. Prchtiges Gut
brigens, auch das Herrenhaus ist schn.

So ist er jetzt in Duchowo? rief Stawrogin pltzlich lebhaft, ja, fast
sprang er auf, -- wenigstens beugte er sich hastig nach vorn.

Nein, jetzt nicht mehr, er hat mich selbst hierher gebracht, wir kamen
zusammen zurck, sagte Pjotr Stepanowitsch ruhig, anscheinend ohne
Stawrogins Erregung zu bemerken. Was ist das? -- Da habe ich ein Buch
heruntergeworfen, und er bckte sich, um den Band aufzuheben. >Die
Frauen von Balzac<? Illustriert. Habe nicht gelesen. Lembke schreibt
auch Romane.

Was Sie sagen? Stawrogin tat, als interessiere es ihn sehr.

Jawohl, in russischer Sprache; selbstredend heimlich. Nur Julija
Michailowna wei es und erlaubt es ihm. Er ist so eine richtige
Schlafmtze, aber mit Manieren. Wie das alles ausgearbeitet ist! Welch
eine Strenge der Formen, welch eine Folgerichtigkeit und Disziplin!
brigens, es wre gut, wenn auch wir etwas davon htten!

Sie loben die Verwaltung?

Wie sollte ich nicht! Sie ist doch das einzige, was bei uns in Ruland
natrlich und in einem gewissen Grade fertig ist ... nein, nein, ich
werde nicht, ich werde nicht, seien Sie unbesorgt, ich werde nicht!
brach er pltzlich ab. ber das Delikate kein Wort, seien Sie
unbesorgt, kein Wort! Und jetzt leben Sie wohl. -- Sie sind ja fast
grn.

Ich bin erkltet.

Das ist glaubwrdig. Legen Sie sich hin! Doch ja, was ich noch sagen
wollte: hier im Bezirk gibt es auch einige von der Skopzensekte,
interessante Leute ... Doch davon spter. Halt ja, eine kleine Anekdote
mu ich doch noch erzhlen! Hier in der Nhe steht bekanntlich ein
Infanterieregiment. Freitag abend habe ich in B... mit den Offizieren
zusammen gekneipt. Wir haben doch dort drei Genossen -- _vous
comprenez_?{[111]} Nun, es wurde ber den Atheismus gesprochen, und
selbstredend ward Gott zum so und so vielten Male kassiert. Man grhlte
und quiekte vor Freude. brigens: Schatoff meint, da man unbedingt mit
dem Atheismus beginnen msse, wenn man es in Ruland zu einem Umsturz
bringen wolle -- vielleicht hat er recht. Ja, wie gesagt, es wurde ber
Gott gesprochen -- aber da sa auch ein schon ergrauter schnauzbrtiger
Hauptmann, sa und sa, schwieg die ganze Zeit. Pltzlich stand er auf,
blieb mitten im Zimmer stehen, breitete die Arme aus, und sagte laut,
aber doch wie zu sich selbst: >Wenn es keinen Gott gibt, was bin ich
dann noch fr ein Hauptmann?< Und damit nahm er seine Mtze und ging.

Hat einen ganz klugen Gedanken ausgedrckt, sagte Stawrogin und ghnte
-- jetzt schon zum dritten Male.

Ja? Ich hab's nicht verstanden -- wollte Sie fragen. Und was war da
doch noch --? Ja, so: ganz interessant ist die Spigulinsche Fabrik.
Fnfhundert Arbeiter, ein vorzglicher Choleraherd, ist schon seit
fnfzehn Jahren nicht mehr gereinigt, und vom Arbeitslohn wird immer ein
Teil abgezogen, die Besitzer aber sind Millionre. Seien Sie berzeugt,
von den Arbeitern haben schon eine ganze Reihe durchaus richtige
Vorstellungen von der Internationale und Revolution. Wie, Sie lcheln?
Sie werden schon sehen, geben Sie mir nur eine ganz, ganz kleine Weile
Zeit! Ich habe Sie schon einmal um Zeit gebeten. Jetzt tue ich's zum
zweiten Male. Doch Verzeihung, ich hre ja schon auf! Runzeln Sie nicht
die Stirn, ich hre ja schon auf! Leben Sie wohl. -- Ach so! er kehrte
nochmals um und kam zurck. -- Die Hauptsache vergesse ich ganz! Man
hat mir vorhin gesagt, da unsere Koffer aus Petersburg angekommen
sind.

Ja, und? ... Stawrogin sah ihn an, ohne zu verstehen.

Das heit, _Ihre_ Koffer, Ihre Sachen, mit den Fracks, Beinkleidern,
der Wsche -- sind die schon hier?

Ja, man sagte mir vorhin so etwas ...

Ach, knnte man da nicht gleich ...?

Fragen Sie den Alexei.

Schn! Aber morgen, morgen knnte ich sie doch bekommen? Es sind
nmlich mein Frack, ein Anzug und drei Paar Beinkleider darin ... Die
von Charmeur, die er mir noch auf Ihre Empfehlung hin gemacht hat,
erinnern Sie sich?

Ich habe gehrt, Sie sollen hier den Dandy spielen, lchelte
Stawrogin. Ist es wahr, da Sie sogar Reitstunden nehmen wollen?

Pjotr Stepanowitsch verzog den Mund zu einem gezwungenen Lcheln.

Wissen Sie, sagte er dann pltzlich ungeheuer schnell, mit einer
eigentmlich abbrechenden Stimme, in der etwas zu zucken schien. Wissen
Sie, Nicolai Wszewolodowitsch, wir wollen das Persnliche lieber aus dem
Spiel lassen, nicht wahr, ein fr allemal? Sie knnen mich dabei
natrlich verachten, so viel Sie wollen, wenn Ihnen etwas lcherlich
erscheint. Aber, wie gesagt, unter uns wollen wir das Persnliche eine
Zeitlang fortlassen, nicht wahr?

Gut, ich werde es nicht mehr ... sagte Stawrogin vor sich hin.

Pjotr Stepanowitsch lchelte, schlug sich mit dem Hut ans Knie, trat von
einem Fu auf den andern und sein Gesicht nahm wieder den alten Ausdruck
an.

Hier halten mich einige sogar fr Ihren Nebenbuhler bei Lisaweta
Nicolajewna, wie soll ich mich da nicht um mein ueres kmmern? sagte
er lachend. brigens, wer hinterbringt Ihnen denn das alles? Hm! Es ist
schon Punkt acht; ich mu gehen. Habe zwar Warwara Petrowna versprochen,
jetzt bei ihr vorzusprechen, werde das aber bleiben lassen. Sie aber --
legen Sie sich mal hin, dann sind Sie morgen munterer. Drauen ist es
stockdunkel und es regnet -- brigens, ich habe ja meine Droschke, denn
in der Nacht ist es hier nicht ganz geheuer in den Straen ... Doch ja,
was ich noch sagen wollte: hier in der Umgegend treibt sich jetzt ein
gewisser Fedjka herum, ein entsprungener Zuchthusler aus Sibirien, und
stellen Sie sich vor, er ist mein gewesener Leibeigener, den Papachen
vor fnfzehn Jahren unter die Soldaten gesteckt hat, um Geld zu
bekommen. Eine uerst bemerkenswerte Persnlichkeit, dieser Fedjka.

Sie ... haben mit ihm gesprochen? fragte Stawrogin, indem er einmal
kurz aufblickte.

Ja. Vor mir versteckt er sich nicht. Er ist zu allem bereit, zu allem;
fr Geld, selbstredend, aber er hat auch berzeugungen, so in seiner
Art, versteht sich ... Ja, und noch etwas: wenn Sie vorhin wirklich im
Ernst von dieser Absicht -- Sie wissen schon, mit Lisaweta Nicolajewna,
-- so wiederhole ich nochmals, da ich gleichfalls eine zu allem bereite
Persnlichkeit bin, in jeder Beziehung, in welcher Sie nur wollen, und
vollkommen zu Ihren Diensten stehe ... Was, Sie wollen --? Ach so, nein,
nicht den Stock. Denken Sie sich, mir schien, da Sie einen Stock
suchten!

Stawrogin suchte nichts und sagte auch nichts, aber er hatte sich
allerdings seltsam pltzlich erhoben, mit einer eigentmlichen Bewegung
im Gesicht.

Und wenn Sie etwas in betreff dieses Herrn Gaganoff brauchen sollten,
fgte Pjotr Stepanowitsch mit einemmal hinzu und wies dabei mit dem Kopf
schon ganz ungeniert auf den Brief und den Umschlag unter dem
Briefbeschwerer, so kann ich natrlich auch da alles ordnen, und ich
bin berzeugt, da Sie mich nicht umgehen werden.

Und ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und verlie das
Zimmer -- doch bevor er die Tr hinter sich schlo, steckte er noch
einmal den Kopf herein:

Ich bin nur deshalb so ... rief er schnell, ... weil doch
beispielsweise auch Schatoff nicht das Recht hatte, damals am Sonntag
sein Leben zu riskieren, als er zu Ihnen trat -- nicht wahr? Ich mchte
wnschen, da Sie dieses nicht vergen.

Und ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er.


                                  IV.

Vielleicht dachte Pjotr Stepanowitsch, da Nicolai Wszewolodowitsch,
sobald er allein wre, mit den Fusten an die Wand schlagen wrde,
welchem Wutausbruch Pjotr Stepanowitsch natrlich fr sein Leben gerne
heimlich zugesehen htte, wenn das nur irgendwie mglich gewesen wre.
Doch er tuschte sich sehr. Stawrogin blieb vollkommen ruhig. Wohl ganze
zwei Minuten stand er noch in derselben Stellung am Tisch, anscheinend
in tiefe Gedanken versunken; doch bald legte sich ein mdes, kaltes
Lcheln um seinen Mund. Er setzte sich langsam wieder auf den groen
Diwan, auf denselben Platz in der Ecke, und schlo die Augen, wie vor
Mdigkeit. Die eine Ecke des Briefes lugte noch immer unter dem
Briefbeschwerer hervor, doch er rhrte sich nicht einmal, um sie zu
bedecken.

Bald verga er sich ganz.

Warwara Petrowna hatte sich schon alle die Tage mit Sorgen geqult. Als
jetzt auch noch Pjotr Stepanowitsch fortgegangen war, ohne sein
Versprechen zu halten und zu ihr zu kommen, hielt sie es nicht lnger
aus und wagte es, selbst zu ihrem Sohne zu gehen. Die ganze Zeit hatte
sie gedacht, vielleicht werde er doch endlich etwas Bestimmtes,
Entscheidendes sagen. Leise, wie vorhin, klopfte sie an seine Tr, und
da sie keine Antwort erhielt, wagte sie wieder, selbst zu ffnen. Als
sie sah, wie er so unbeweglich und sonderbar still dasa, trat sie, mit
klopfendem Herzen, vorsichtig nher. Es machte sie stutzig, da er so
schnell und so aufrecht sitzend eingeschlafen war; sogar das Atmen
merkte man kaum. Sein Gesicht war bla und streng, doch dabei wie vllig
erkaltet, regungslos. Die Brauen waren ein wenig zusammengezogen und
wirkten finster: so glich er entschieden einer leblosen Wachsfigur.
Warwara Petrowna stand wohl ganze drei Minuten vor ihm, mit verhaltenem
Atem, und pltzlich wurde sie von einer Angst erfat. Auf den Fuspitzen
ging sie hinaus, doch an der Tr blieb sie einen Augenblick stehen,
wandte sich um, machte das Zeichen des Kreuzes ber ihren Sohn und
verlie dann unbemerkt den Raum -- mit einer neuen schweren Empfindung
und neuen Sorgen im Herzen.

Er schlief lange, ber eine Stunde, und die ganze Zeit in derselben
Erstarrung: kein Muskel seines Gesichtes bewegte sich, nicht das
leiseste Zucken ging durch seinen Krper; die Brauen blieben unverndert
streng zusammengezogen. Wre Warwara Petrowna noch weitere drei Minuten
vor ihm stehen geblieben, so wrde sie das erdrckende Empfinden dieser
lethargischen Regungslosigkeit ganz gewi nicht ertragen und ihn
aufgeweckt haben. Doch pltzlich schlug er von selbst die Augen auf,
blieb aber, ohne sich zu rhren, wohl noch zehn Minuten unverndert
sitzen, nur da seine offenen Augen jetzt beharrlich und wibegierig in
die eine dunkle Ecke des Zimmers sahen, wie sich hineinsehend in
irgendeinen ihn dort fesselnden Gegenstand, obgleich sich dort weder
etwas Neues, noch etwas Besonderes befand.

Da begann die groe, alte Wanduhr zu schnurren und schlug einen
einzigen, schweren Schlag. Stawrogin wandte mit einer gewissen Unruhe
den Kopf, um auf das Zifferblatt zu sehen. Doch in demselben Augenblick
ffnete sich die Tapetentr, die zum Korridor fhrte, und der
Kammerdiener Alexei Jegorowitsch trat ein. Er brachte einen dicken
Mantel, ein Halstuch und einen Hut, und in der rechten Hand hielt er
einen silbernen Teller, auf dem ein Zettel lag.

Halb zehn, meldete er mit leiser Stimme und trat, nachdem er den
Mantel an der Tr auf einen Stuhl gelegt hatte, zu Nicolai
Wszewolodowitsch, dem er das Zettelchen prsentierte, ein kleines,
ungeschlossenes Papier, auf dem nur zwei Zeilen mit Bleistift
geschrieben standen.

Nachdem Stawrogin sie berflogen hatte, nahm er einen Bleistift vom
Tisch und kritzelte ein paar Worte auf dasselbe Papier, das er dann
wieder offen auf den Teller zurcklegte.

Sofort zu bergeben, sobald ich ausgegangen bin, sagte er und erhob
sich vom Diwan.

Es fiel ihm noch zur rechten Zeit ein, da er einen leichten Samtrock an
hatte, so berlegte er einen Augenblick und befahl dann, ihm einen
Tuchrock zu bringen, der zu zeremoniellen Abendbesuchen besser pate.
Nachdem er sich ganz angekleidet und den Hut schon aufgesetzt hatte,
verschlo er die Tr, durch die vorhin Warwara Petrowna eingetreten war,
zog dann den Brief unter dem Briefbeschwerer hervor, steckte ihn zu sich
und ging schweigend aus dem Zimmer. Alexei Jegorowitsch folgte ihm. Aus
dem Korridor gingen sie ber eine schmale steinerne Hintertreppe in den
Hausflur hinab, aus dem man unmittelbar in den Park treten konnte. In
einer Ecke des Flurs hatte Alexei Jegorowitsch eine Laterne und einen
Regenschirm versteckt.

Infolge des starken Regens ist der Schmutz in den Straen ganz
unertrglich, meldete Alexei Jegorowitsch wie mit einem entfernten
letzten Versuch, seinen Herrn von dem Ausgehen abzubringen.

Doch Stawrogin machte den Schirm auf und trat schweigend hinaus in den
alten Park, der wie ein Keller dunkel, feucht und na war. Der Wind
brauste und rauschte und schaukelte die Wipfel der groen, halb schon
kahlen Bume, die schmalen Sandwege waren weich und glatt. Alexei
Jegorowitsch ging so, wie er war, im braunen Frack und ohne Mtze, mit
der kleinen Laterne in der Hand, drei Schritte vor seinem Herrn, und
beleuchtete den Weg.

Wird man es nicht bemerken? fragte pltzlich Nicolai Wszewolodowitsch.

Aus den Fenstern wird man es nicht bemerken und auerdem ist alles
vorgesehen, antwortete der Diener leise und mavoll.

Meine Mutter schlft?

Haben sich nach der Gewohnheit der letzten Tage gleich nach neun Uhr
zurckgezogen, und da die gndige Frau es erfhrt, ist ganz
ausgeschlossen. Wann befehlen der Herr, da ich Ihn zurckerwarte?

Um eins, halb zwei, nicht spter als zwei.

Zu Befehl.

Sie umgingen auf den sich schlngelnden Wegen fast den ganzen Park, bis
sie an der Ecke der groen Steinmauer stehenblieben, wo ein kleines
Pfrtchen auf eine schmale entlegene Nebengasse fhrte.

Wird die Tr nicht kreischen? fragte Nicolai Wszewolodowitsch. Doch
Alexei Jegorowitsch sagte, da er zweimal, sowohl gestern wie auch
heute, die Angeln geschmiert habe. Er war bereits ganz durchnt vom
Regen. Als er das Pfrtchen geffnet hatte, reichte er Nicolai
Wszewolodowitsch den Schlssel.

Wenn der Herr geruhen, einen weiten Weg zu unternehmen, so mchte ich
vorher darauf aufmerksam machen, da den Leuten hier herum nicht zu
trauen ist, besonders nicht in entlegenen Gassen und ... am
allerwenigsten jenseits des Flusses, wagte er nochmals zu warnen.

Er war ein alter Diener, der einst Nicolai Wszewolodowitsch auf den
Armen gewiegt und wie eine Kinderfrau mit ihm gespielt hatte, ein
ernster, strenger Mann, der das Gotteswort kannte und gern in der Bibel
las.

Beunruhige dich nicht, Alexei Jegorowitsch.

Gott segne Euch, Herr, aber nur beim Anfang guter Taten.

Wie? Nicolai Wszewolodowitsch, der schon ber die Schwelle getreten
war, blieb stehen.

Der alte Diener wiederholte mit fester Stimme seinen Segenswunsch. Nie
htte er sich frher unterstanden, solche Worte zu seinem Herrn zu
sagen.

Stawrogin sagte nichts, schlo die Tr, steckte den Schlssel in die
Tasche und ging die Gasse entlang, wobei seine Fe bei jedem Schritt an
die drei Zoll tief im Schlamm versanken. Endlich erreichte er eine
lange, einsame Strae, die wenigstens gepflastert war. Die Stadt kannte
er genau: immerhin hatte er noch einen weiten Weg bis zur
Bogojawlenskstrae.

Es war schon nach zehn Uhr, als er endlich vor der verschlossenen Pforte
des Filippoffschen Hauses stehen blieb.

Die untere Etage war unbewohnt, seitdem man Lebdkins fortgeschafft
hatte. Die Fensterlden waren geschlossen. Nur oben in Schatoffs
Dachzimmer sah man noch Licht. Da es an der Pforte keine Klingel gab, so
klopfte Stawrogin. Nichts rhrte sich zunchst. Aber schlielich, nach
abermaligem Klopfen, ffnete sich oben ein Klappfenster und Schatoff
steckte den Kopf heraus. Es war stockdunkel und daher schwer, jemanden
zu erkennen.

Schatoff sah lange hinunter.

Sind Sie es? fragte er pltzlich.

Ja.

Schatoff schlug das Fenster zu, kam nach unten und ffnete die Pforte.

Stawrogin trat ber die hohe Schwelle und ging stumm an ihm vorber in
den Flgel zu Kirilloff.


                                   V.

Hier war alles unverschlossen. Der Flur und die beiden ersten Zimmer
waren dunkel, doch im dritten, in dem Kirilloff wohnte, war es hell, und
dort hrte man Lachen und dazwischen ein seltsames frohes Gequiek.

Stawrogin ging auf das Licht zu, blieb aber vor der offenen Tr stehen,
ohne zunchst einzutreten.

Der Teetisch war gedeckt. Mitten im Zimmer stand die Alte, die das Haus
beaufsichtigte, in einem Unterrock, in Schuhen, doch ohne Strmpfe, und
in einer rmellosen Pelzjacke aus Hasenfell. Sie trug ein
anderthalbjhriges Kindchen mit fast weien Locken, nur mit einem kurzen
Hemdchen bekleidet, mit bloen, dicken Beinchen und erhitztem,
pausbackigem Gesichtchen, auf dem Arm. Offenbar hatte sie es soeben aus
der Wiege genommen. Das Kindchen mochte noch vor kurzem geweint haben,
denn noch standen dicke Trnen unter seinen Augen, doch war es in diesem
Augenblicke froh und lustig, reckte seine rmchen und lachte, wie so
kleine Kinder zu lachen pflegen: mit juchzenden, schluchzenden
Nebentnen.

Vor dem Kindchen spielte Kirilloff mit einem groen roten Gummiball: er
warf ihn krftig auf die Diele, so da er bis an die Decke sprang,
wieder fiel und wieder sprang, whrend das Kindchen dazu berselig sein
Ba! ... Ba! ... rief. Kirilloff fing darauf den Ba auf und gab ihn
dem Kindchen, das dann natrlich den Ba wieder gleich mit seinen
eigenen, ungeschickten Hndchen fortwarf, whrend Kirilloff ihm
nachlief, um ihn aufzuheben. Zum Schlu rollte der Ba unter den
Schrank. Kirilloff aber streckte sich sofort lngelang auf dem Fuboden
aus, um ihn mit der Hand wieder hervorzuholen.

In diesem Augenblick trat Stawrogin ins Zimmer.

Das Kind, das ihn zuerst erblickte, warf sich erschreckt an den Hals der
Alten und begann laut ein langgezogenes, eintniges Kinderweinen, so da
die Alte es sofort hinausbrachte.

Stawrogin? fragte Kirilloff, ohne die geringste Verwunderung ber den
unerwarteten Besuch, zog seine Hand mit dem Ball unter dem Schrank
hervor und erhob sich. Wollen Sie Tee?

Mit dem grten Vergngen, wenn er warm ist, ich bin ganz durchnt.

Warm, sogar hei, sagte Kirilloff mit Vergngen, nachdem er sich davon
berzeugt hatte. Setzen Sie sich. Sie sind schmutzig, tut nichts. Ich
kann's spter mit einem nassen Tuch ...

Stawrogin setzte sich und trank fast auf einen Zug die eingegossene
Tasse Tee aus.

Noch?

Nein, danke.

Kirilloff, der bis dahin gestanden hatte, setzte sich sogleich und
fragte: Wozu sind Sie gekommen?

Bitte, lesen Sie diesen Brief. Er ist von Gaganoff. Sie werden sich
entsinnen, ich habe Ihnen von ihm schon in Petersburg erzhlt.

Kirilloff nahm den Brief, las ihn durch, legte ihn darauf wieder auf den
Tisch und sah Stawrogin erwartungsvoll an.

Mit diesem Gaganoff, erklrte Nicolai Wszewolodowitsch, bin ich, wie
Sie wissen, zum ersten Male in Petersburg vor kaum einem Monat
zusammengetroffen, und dann sind wir uns noch ungefhr dreimal in der
Gesellschaft begegnet. Wir wurden einander nicht vorgestellt, sprachen
auch nicht miteinander und doch fand er Gelegenheit, sich ungezogen mir
gegenber zu benehmen. Ich habe Ihnen das ja damals alles erzhlt. Doch
was Sie nicht wissen, ist folgendes. Als er darauf Petersburg, noch vor
mir, verlie, schrieb er mir einen Brief, der zwar noch nicht so
beleidigend war, wie dieser hier, aber doch schon einen durchaus
unzulssigen Ton hatte. Dabei stand mit keinem einzigen Worte darin,
warum der Brief eigentlich geschrieben worden war. Ich antwortete ihm
sofort und erklrte ihm ganz offenherzig, da ich >da es sich wohl um
den Vorfall mit seinem Vater vor vier Jahren hier im Klub handeln
werde<, -- da ich meinerseits durchaus bereit sei, ihm noch
nachtrglich meine Entschuldigung zu machen, einfach aus dem Grunde,
weil meine Handlung damals im Krankheitszustande geschehen sei. Er
antwortete mir nichts darauf und reiste irgendwohin fort. Nun komme ich
hierher und finde ihn hier in einer wahren Tollwut auf mich. Man hat mir
ffentliche uerungen von ihm mitgeteilt, die regelrechte
Beschimpfungen sind, dazu die unglaublichsten Anschuldigungen. Und heute
erhalte ich diesen Brief, -- einen hnlichen hat wohl noch nie jemand
geschrieben! Mit Ausdrcken wie zum Beispiel >Ihre geschlagene Fratze<.
-- Ich bin nun zu Ihnen gekommen, da ich hoffe, da Sie mir nicht
abschlagen werden, mein Sekundant zu sein?

In der Wut kann man schon ... Puschkin hat auch so geschrieben. Gut,
ich komme. Sagen Sie, wie?

Stawrogin erklrte, da er ihn bte, gleich morgen zu Gaganoff zu gehen.
Er solle die Entschuldigung wiederholen und sogar noch einen zweiten
Entschuldigungsbrief ankndigen -- diesen letzteren aber nur unter der
Bedingung, da Gaganoff sein Wort gibt, keinen weiteren Brief irgendwie
beleidigenden Inhalts zu schreiben, whrend sein letzter Brief als nicht
erhalten betrachtet werden solle.

Zu viel Konzessionen, er wird nicht darauf eingehen ...

Ich bin vor allem hierhergekommen, um zu erfahren, ob Sie berhaupt
bereit sind, ihm solche Bedingungen zu berbringen?

Ich werde schon. Aber er wird nicht darauf eingehen ...

Das wei ich.

Er _will_ sich schlagen. Sagen Sie, wie?

Das ist es eben: ich mchte morgen die ganze Geschichte beendet haben.
Sagen wir, um neun sind Sie bei ihm. Er wird Sie anhren und Ihr
Ersuchen abschlagen. Dann wird er seinen Sekundanten zu Ihnen schicken,
sagen wir -- gegen elf. Mit dem besprechen Sie sich also, und um eins
oder zwei knnten wir an Ort und Stelle sein. Ich mchte Sie sehr
bitten, alles zu tun, was an Ihnen liegt, damit die Angelegenheit diesen
Verlauf nimmt. Waffen natrlich Pistolen. Das Weitere -- darum bitte ich
Sie ganz besonders -- richten Sie so ein: Vereinbaren Sie einen Abstand
von zehn Schritten zwischen den Barrieren. Stellen Sie einen jeden von
uns weitere zehn Schritt von seiner Barriere auf. Nach dem gegebenen
Zeichen gehen wir aufeinander zu. Jeder mu unbedingt bis zu seiner
Barriere gehen. Doch schieen kann er auch schon frher, im Gehen. So,
das wre alles, denke ich.

Zehn Schritt zwischen den Barrieren ist sehr nah, bemerkte Kirilloff.

Nun, dann meinetwegen zwlf, aber nicht mehr. Sie begreifen doch, da
er sich nicht zum Vergngen duellieren will. Verstehen Sie eine Pistole
zu laden?

Ja. Ich habe selbst Pistolen. Ich werde mein Wort geben, da Sie mit
meinen noch nicht geschossen haben. Sein Sekundant gibt auch sein Wort
fr seine Pistolen. Dann werfen wir das Los, ob seine oder unsere.

Vorzglich.

Wollen Sie die Pistolen sehen?

Meinetwegen.

Kirilloff hockte vor seinem Koffer nieder, der noch immer unausgepackt
in der Ecke stand, zog einen Kasten aus Palmenholz hervor, der innen mit
rotem Samt ausgeschlagen war, und entnahm ihm zwei prachtvolle, uerst
kostbare Pistolen.

Habe alles. Pulver, Kugeln, Patronen. Auch einen Revolver, warten Sie.

Er kramte wieder in seinem Koffer und zog einen zweiten Kasten mit einem
sechslufigen Revolver hervor.

Sie haben ja Waffen mehr als ntig! Und sehr teuere.

Sehr.

Der gnzlich mittellose Kirilloff, der brigens seine Armut selbst nie
bemerkte, zeigte sichtlich nicht ohne Stolz seine Kostbarkeiten, die er
zweifellos mit unglaublichen Opfern erstanden hatte.

Sie haben immer noch dieselbe Absicht? fragte Stawrogin mit einer
gewissen Vorsicht, nach minutenlangem Schweigen.

Dieselbe, antwortete Kirilloff kurz: am Ton der Stimme hatte er sofort
erkannt, wovon sein Gast sprach.

Und -- wann? fragte Stawrogin noch vorsichtiger, und wieder nach
lngerem Schweigen.

Kirilloff hatte inzwischen beide Kasten in den Koffer zurckgelegt und
setzte sich nun auf seinen alten Platz.

Das hngt nicht von mir ab. Sie wissen doch. Wann man mir sagen wird,
murmelte er mehr vor sich hin, als wre die Frage ihm ein wenig lstig,
doch gleichzeitig war er, das fhlte man, durchaus bereit, auf andere
Fragen zu antworten.

Er sah dabei mit seinen schwarzen glanzlosen Augen Stawrogin unverwandt
an, mit einem seltsam gelassenen, doch guten und freundlichen Gefhl.

Ich verstehe das gewi -- sich zu erschieen ... begann Stawrogin von
neuem, nachdem er lange, wohl drei Minuten lang grbelnd geschwiegen
hatte, whrend sein Gesicht sich verdsterte. Ich habe mir das selbst
zuweilen vorgestellt. Aber es findet sich dann immer ein gewisser neuer
Gedanke ein: wie, wenn man, zum Beispiel, ein Verbrechen beginge, oder
etwas vor allem Schimpfliches, das heit Schmachvolles, eine Schande,
nur mu sie unendlich gemein sein und zugleich ... lcherlich -- eine
Schandtat, die von der Menschheit in tausend Jahren nicht vergessen
wird, ber die sie tausend Jahre lang flucht, und nun pltzlich der
Gedanke: >ein Schu in die Schlfe und es ist nichts mehr da<. Was gehen
einen dann noch die Menschen an, und da sie einem tausend Jahre lang
fluchen werden! Ist es nicht so?

Sie meinen, das ist ein neuer Gedanke? sagte Kirilloff, nachdem er
eine Weile nachgedacht hatte.

Nein ... das nicht ... aber als ich ihn zum ersten Male dachte, da
empfand ich ihn als ganz neu.

Sie empfanden einen Gedanken -- sprach ihm Kirilloff nach. Das ist
gut. Es gibt viele Gedanken, die waren immer da, und pltzlich werden
sie neu. Das ist richtig. Jetzt sehe ich vieles wie zum erstenmal.

Nehmen wir an, Sie waren auf dem Monde, unterbrach ihn Stawrogin, ohne
Kirilloffs Worte zu beachten, und spann seinen eigenen Gedanken weiter.
Nehmen wir an, Sie haben dort oben alle diese lcherlichen
Schmutzereien begangen. Sie wissen ganz genau, da man Ihnen dort oben
fluchen wird, tausend Jahre lang, ewig, auf dem ganzen Monde ... Aber
Sie sind jetzt hier auf der Erde und sehen auf den Mond von hier aus:
was geht es Sie dann hier auf der Erde an, was Sie dort oben alles getan
haben -- und da die dort tausend Jahre lang bei Ihrem Namen ausspeien
werden, -- ist es nicht so?

Wei nicht, antwortete Kirilloff. Ich bin nicht auf dem Monde
gewesen, fgte er hinzu, aber ohne jede Spur von Ironie, einfach als
Ausdruck der Tatsache.

Wessen Kind war das vorhin?

Die Schwiegermutter der Alten ist angekommen. Nein, Schwiegertochter
... einerlei. Vor drei Tagen. Liegt jetzt krank mit dem Kind. In der
Nacht schreit es viel. Der Magen. Die Mutter schlft, und die Alte
bringt es dann her. Ich spiele Ball mit ihm. Ein Hamburger Ball, hab'
ihn in Hamburg gekauft. Das strkt den Rcken. Ein kleines Mdchen.

Sie lieben Kinder?

Ja, antwortete Kirilloff, brigens ziemlich gleichmtig.

Dann lieben Sie wohl auch das Leben?

Ja, auch das Leben. Wieso?

Wenn Sie doch beschlossen haben, sich zu erschieen.

Wieso denn? Warum zusammen? Das Leben fr sich und jenes fr sich.
Leben ist, aber Tod ist berhaupt nicht.

So glauben Sie an ein zuknftiges ewiges Leben?

Nein, nicht an ein zuknftiges ewiges, sondern an ein diesseitiges
ewiges. Es gibt Minuten, sie kommen zu den Minuten, und die Zeit bleibt
pltzlich stehen und wird ewig sein.

Sie hoffen, zu so einer Minute zu kommen?

Ja.

Das ist in unserer Zeit wohl kaum mglich, meinte Stawrogin,
gleichfalls ohne jede Spur von Ironie, langsam und wie in Gedanken
verloren. In der Apokalypse schwrt der Engel, da es keine Zeit mehr
geben werde.

Ich wei. Das ist dort sehr richtig. Ist deutlich und genau. Wenn der
ganze Mensch das Glck erreicht, dann wird es keine Zeit mehr geben,
weil sie nicht ntig ist. Ein sehr richtiger Gedanke.

Wo wird man sie denn hinstecken?

Nirgendwo wird man sie hinstecken. Zeit ist kein Gegenstand, sondern
eine Idee. Sie wird auslschen im Verstande.

Alte philosophische Gemeinpltze, immer ein und dieselben von allem
Anfange an, murmelte Stawrogin wie mit einem gewissen angeekelten
Bedauern.

Ein und dieselben! Ja, immer ein und dieselben vom Anfang aller
Jahrhunderte an und gar keine anderen niemals! griff Kirilloff mit
blitzenden Augen Stawrogins Wort auf, ganz als lge in diesem Gedanken
fast ein Triumph!

Ich glaube, Sie sind sehr glcklich, Kirilloff?

Ja, sehr glcklich, antwortete dieser, als gbe er die
allergewhnlichste Antwort.

Aber noch vor kurzem waren Sie doch so betrbt und rgerten sich ber
Liputin.

Hm! ... Aber jetzt nicht. Damals wute ich noch nicht, da ich
glcklich war. Haben Sie ein Blatt gesehn? Ein Blatt vom Baum?

Freilich.

Ich sah vor kurzem ein gelbes, etwas grn noch, an den Rndern
angefault. Es kam mit dem Wind. Als ich zehn Jahre war, schlo ich im
Winter die Augen und stellte mir ein Blatt vor, ein grnes, glnzendes,
mit derchen, und die Sonne leuchtet. Ich schlug die Augen auf und
glaubte nicht, denn es war so schn, und schlo sie wieder.

Was soll das? Eine Allegorie?

N--nein ... warum? Keine Allegorie. Einfach ein Blatt. Nur ein Blatt.
Ein Blatt ist gut. Alles ist gut.

Alles?

Alles. Der Mensch ist unglcklich, weil er nicht wei, da er glcklich
ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer es erfhrt, der wird sofort
gleich glcklich sein, im selben Augenblick. Diese Schwiegertochter wird
sterben, und das Kind bleibt -- alles ist gut. Ich habe es pltzlich
entdeckt.

Und wenn jemand vor Hunger stirbt, oder wenn jemand ein kleines Mdchen
entehrt und schndet -- ist das auch gut?

Auch gut. Und wenn man ihm fr das Mdchen den Kopf zerspaltet, auch
das ist gut. Und wenn man ihm den Kopf nicht zerspaltet, auch das ist
gut. Alles ist gut, alles. Fr alle die ist es gut, die da wissen, da
-- alles gut ist. Wenn sie wten, da sie es gut haben, dann wrden sie
es auch gut haben. Aber so lange sie nicht wissen, da sie es gut haben,
so lange werden sie es auch nicht gut haben. Das ist der ganze Gedanke,
der ganze, und auer ihm gibt es berhaupt gar keinen.

Wann haben Sie es denn erfahren, da Sie so glcklich sind?

In der vorigen Woche am Dienstag, nein, am Mittwoch, denn es war schon
Mittwoch. In der Nacht.

Und bei welcher Gelegenheit denn?

Ich wei nicht mehr. So. Ich ging im Zimmer ... Einerlei. Ich brachte
die Uhr zum Stehen. Es war siebenunddreiig Minuten nach zwei.

Wohl zum Symbol dessen, da die Zeit stehen bleiben mu?

Kirilloff schwieg.

Die Menschen sind nicht gut, begann er pltzlich wieder, weil sie
nicht wissen, da sie gut sind. Wenn sie es wissen werden, so werden sie
auch nicht mehr ein kleines Mdchen vergewaltigen. Sie mssen nur alle
erfahren, da sie gut sind, und alle werden sogleich gut sein. Alle ohne
Ausnahme.

Nun, Sie selbst, zum Beispiel, Sie haben es nun erfahren, also sind Sie
jetzt gut?

Ich bin gut.

Damit bin ich brigens einverstanden, sagte Stawrogin, mit gerunzelter
Stirn, vor sich hin.

Wer da lehren wird, da alle gut sind, wird die Welt beenden.

Der das lehrte, den haben sie gekreuzigt, sagte Stawrogin.

Er wird kommen und sein Name wird sein Menschgott.

Gottmensch?

Nein, Menschgott. Das ist der Unterschied.

Sind nicht vielleicht Sie es, der hier das Lmpchen vor dem
Heiligenbilde angezndet hat?

Ja, ich habe es angezndet.

Wieder glubig geworden?

Die Alte liebt, da das Lmpchen ... Heute hatte sie keine Zeit, sagte
Kirilloff undeutlich.

Aber selbst beten Sie noch nicht?

Ich bete zu allem. Sehen Sie, eine Spinne kriecht dort an der Wand und
ich bin ihr dankbar dafr, da sie kriecht.

Seine Augen brannten wieder. Er sah immer noch unverwandt Stawrogin an,
mit festem, standhaftem Blick. Stawrogin beobachtete ihn finster und
widerwillig, doch in seinem Blick lag kein Spott.

Ich wette, da Sie, wenn ich nchstens wiederkomme, bereits an Gott
glauben werden.

Er stand auf und nahm seinen Hut.

Wieso? Kirilloff erhob sich gleichfalls.

Wenn Sie wten, da Sie an Gott glauben, dann wrden Sie an ihn
glauben. Da Sie aber noch nicht wissen, da Sie an ihn glauben, so
glauben Sie auch noch nicht an ihn, sagte Stawrogin mit einem
flchtigen Lcheln.

Das ist es nicht. Kirilloff dachte nach. Sie haben den Gedanken
umgekehrt. Ein Kavalierscherz. Denken Sie daran, was Sie in meinem Leben
bedeutet haben, Stawrogin.

Leben Sie wohl, Kirilloff.

Kommen Sie wieder nachts; wann?

Ja, haben Sie denn schon vergessen, was morgen bevorsteht?

Ach, richtig, ich verga. Aber seien Sie unbesorgt, ich werde nicht
verschlafen. Ich verstehe aufzuwachen, wann ich will. Ich lege mich hin
und sage: um sieben Uhr -- und wache auf um sieben Uhr; um zehn Uhr --
und wache auf um zehn Uhr.

Sie haben ja merkwrdige Eigenschaften. Stawrogin sah in sein bleiches
Gesicht.

Ich werde die Hofpforte aufmachen.

Bemhen Sie sich nicht, Schatoff wird mich hinauslassen.

Ach so, Schatoff. Gut. Leben Sie wohl.


                                  VI.

Die Flurtr des leeren Hauses, in dem Schatoff wohnte, war nicht
verschlossen. Im Flur war es stockdunkel, so da Stawrogin mit der Hand
tastend nach der Treppe zu suchen begann. Da wurde pltzlich im oberen
Stock eine Tr aufgemacht und ein Lichtschimmer lie ihn die Treppe
sehen. Schatoff trat selbst nicht heraus, er lie nur die Tr offen
stehen. Als Stawrogin oben anlangte und an der Trschwelle stehen blieb,
sah er ihn in der anderen Ecke des Zimmers an seinem Tisch stehen und
warten ...

Wrden Sie mich in einer Angelegenheit empfangen? fragte Stawrogin,
ohne einzutreten.

Treten Sie ein. Setzen Sie sich, antwortete Schatoff. Schlieen Sie
die Tr. Warten Sie, ich werde selbst ...

Er schlo die Tr, drehte den Schlssel um und setzte sich dann
Stawrogin gegenber. Er war in dieser Woche merklich abgemagert und
schien jetzt zu fiebern.

Sie haben mich mde geqult, sagte er halblaut murmelnd, den Blick zu
Boden gesenkt. Warum sind Sie nicht frher gekommen?

Sie waren so berzeugt, da ich kommen werde?

Ja ... Warten Sie, ich habe im Fieber phantasiert ... vielleicht
phantasiere ich auch jetzt noch ... Warten Sie.

Er stand auf, ging zu seinem Bcherbrett und nahm von dem obersten der
drei Bretter einen Gegenstand: es war ein Revolver.

In einer Nacht trumte mir im Fieber, da Sie kommen wrden, um mich zu
tten. Da habe ich mir am anderen Morgen von dem Taugenichts Lmschin
fr mein letztes Geld diesen Revolver gekauft. Ich wollte mich Ihnen
nicht ergeben. Spter kam ich wieder zu mir ... Ich habe weder Kugeln,
noch Pulver ... seitdem liegt er hier auf dem Bcherbrett. Warten Sie.

Er ging schon zum Fenster und wollte es ffnen.

Nicht doch, warum hinauswerfen! rief ihn Stawrogin zurck. Er kostet
Geld ... und morgen wrden die Leute davon sprechen, da unter Schatoffs
Fenster Mordwerkzeuge liegen. Legen Sie ihn wieder hin. -- So. Und jetzt
setzen Sie sich. Sagen Sie, warum beichten Sie mir frmlich Ihren
Gedanken, da ich zu Ihnen kommen wrde, um Sie zu tten? Ich bin auch
jetzt nicht gekommen, um mich mit Ihnen zu vershnen, sondern um ber
etwas sehr Notwendiges mit Ihnen zu sprechen. Erklren Sie mir zunchst
eines: Sie haben mich doch nicht wegen meiner Verbindung mit Ihrer Frau
geschlagen?

Sie wissen doch selbst, da ich nicht deswegen ...

Schatoff sah wieder zu Boden.

Und auch nicht wegen des dummen Klatsches ber Darja Pawlowna?

Nein, nein, natrlich nicht! Bldsinn! Meine Schwester hat mir gleich
zu Anfang gesagt ... erwiderte Schatoff mit Ungeduld, schroff, und fast
stampfte er mit dem Fu auf.

Also habe ich es richtig erraten ... und auch Sie haben das andere
erraten, fuhr Stawrogin ruhig fort. Sie irren sich nicht, es ist so:
Marja Timofejewna Lebdkin ist meine rechtmige, mir vor viereinhalb
Jahren in Petersburg angetraute Frau. -- Sie haben mich doch ihretwegen
geschlagen?

Ganz bestrzt sa Schatoff da, hrte und schwieg.

Ich ahnte es und konnte es doch nicht glauben, murmelte er endlich und
sah dabei Stawrogin sonderbar an.

Und so schlugen Sie?

Schatoff wurde feuerrot und stammelte fast zusammenhangslos:

Ich habe es ... wegen Ihrer Erniedrigung ... fr Ihren Fall ... Ihre
Lge ... Ich trat nicht an Sie heran, um Sie zu bestrafen ... Als ich
auf Sie zuging, wute ich selbst noch nicht, da ich schlagen wrde. Ich
... habe es deswegen ... weil Sie so viel in meinem Leben bedeutet haben
... Ich --

Verstehe, verstehe schon, sparen Sie die Worte. Es tut mir leid, da
Sie heute fiebern, denn ich mu ber eine wichtige Sache mit Ihnen
sprechen.

Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet. Schatoff zitterte geradezu
und erhob sich vom Stuhl. Sprechen Sie von Ihrer Angelegenheit, ich
werde dann sprechen ... nachher ...

Er setzte sich wieder.

Diese Sache hat mit alledem nichts gemein, begann Stawrogin, der ihn
mit Neugier beobachtete. Gewisse Umstnde haben mich gezwungen, heute
noch diese spte Stunde zu whlen, um Sie zu benachrichtigen, da man
Sie vielleicht bald ermorden wird.

Schatoff blickte ihn wild an.

Ich wei, da mir Gefahr drohen knnte, sagte er zurckhaltend, aber
-- wie knnen Sie denn das wissen?

Weil ich ebenfalls zu jenen gehre und eben solch ein Mitglied des
Bundes bin, wie Sie.

Sie ... Sie ... ein Glied des ... Bundes?

Ich sehe an Ihren Augen, da Sie alles von mir erwartet htten, nur das
nicht, sagte Stawrogin, mit kaum merklichem Lcheln. Aber, erlauben
Sie, dann wuten Sie also schon, da man Sie ermorden will?

Nicht einmal gedacht habe ich daran! Und auch jetzt glaube ich es
nicht, obschon Sie es sagen! Aber wer kann denn vor diesen Eseln sicher
sein! rief er pltzlich wtend und schlug mit der Faust auf den Tisch.
Ich frchte sie aber nicht! Ich habe mit ihnen gebrochen. Der eine ist
viermal zu mir gekommen und hat mir gesagt, da man austreten kann ...
aber -- er sah auf Stawrogin -- was wissen Sie denn eigentlich davon?

O, frchten Sie nichts, ich betrge Sie nicht, fuhr Stawrogin khl
fort, mit dem Ausdruck eines Menschen, der nur eine Pflicht erfllt.
Sie wollen mich examinieren: was ich davon wei? Ich wei, da Sie in
diesen Verband eingetreten sind, als Sie noch im Auslande waren, kurz
vor Ihrer Reise nach Amerika und, ich glaube, gleich nach unserem
letzten Gesprch, ber das Sie mir dann ja in Ihrem Brief aus Amerika so
viel geschrieben haben. Verzeihen Sie, bitte, da ich nicht gleichfalls
mit einem Brief darauf geantwortet habe, und nur ...

Das Geld schickten! Warten Sie einen Augenblick, unterbrach ihn
Schatoff, zog eilig das Schubfach des Tisches auf und suchte unter einem
Sto von Papieren einen Hundertrubelschein hervor. Hier, bitte, nehmen
Sie die hundert Rubel wieder, die Sie mir schickten, ohne Sie wre ich
dort umgekommen. Ich wrde Ihnen die Summe noch lange nicht zurckgeben
knnen, ... wenn nicht Ihre Mutter diese hundert Rubel vor neun Monaten
... nach meiner Krankheit ... mir meiner Armut wegen geschenkt htte.
Doch fahren Sie fort, bitte ...

Schatoff war vor Aufregung ganz atemlos.

In Amerika nderten Sie dann Ihre Anschauungen, und als Sie nach der
Schweiz zurckgekehrt waren, wollten Sie sich vom Bunde lossagen. Man
antwortete Ihnen nicht, sondern beauftragte Sie, hier in Ruland von
irgend jemandem eine Setzmaschine in Empfang zu nehmen und sie so lange
aufzubewahren, bis eine von jenen beauftragte Person sie Ihnen wieder
abnehmen wrde. Ich bin nicht ber alle Einzelheiten unterrichtet, doch
in der Hauptsache verhlt es sich so, nicht wahr? Sie aber nahmen den
Auftrag unter der Bedingung oder vielleicht auch nur in der Hoffnung an,
da es -- deren letzte Forderung sei, und Sie dann endgltig frei wren.
Alles das habe ich nicht von jenen, sondern ganz zufllig erfahren. Ich
mchte Sie nun auf eines aufmerksam machen, was Sie noch nicht zu wissen
scheinen: da nmlich jene Leute durchaus nicht die Absicht haben, Sie
freizugeben.

Das ist unmglich! brllte Schatoff auf. Ich habe ihnen ehrlich
erklrt, da ich geistig nichts mehr mit ihnen gemein habe! Das ist mein
Recht, das Recht meines Gewissens und meiner berzeugung ... Ich werde
das nicht dulden! Es gibt keine Macht, die ...

Wissen Sie, schreien Sie lieber nicht so, fiel ihm Stawrogin sehr
ernst ins Wort. Dieser Werchowenski ist ein Mensch, der vielleicht in
diesem Augenblick hier auf Ihrem Treppenflur zuhrt, wenn nicht mit
eigenen, so doch mit fremden Ohren, -- was sich ja schlielich gleich
bleibt. Sogar der ewig betrunkene Lebdkin war verpflichtet, Sie zu
beobachten, und Sie muten vielleicht wiederum auf ihn aufpassen, --
war's nicht so? brigens, sagen Sie mir lieber, hat sich Werchowenski
jetzt mit Ihren Argumenten einverstanden erklrt, oder nicht?

Er war einverstanden: er sagte, ich knne -- und ich htte das Recht
...

Nun, dann betrgt er Sie. Ich wei genau, da sogar Kirilloff, der
beinahe berhaupt nicht zu ihnen gehrt, beauftragt war, Nachrichten
ber Sie zu schicken. Agenten haben sie in Mengen, und viele wissen es
nicht einmal, da sie dem Verbande dienen. Auf Sie hat man bestndig
aufgepat. Pjotr Stepanowitsch ist unter anderem auch deshalb
hergekommen, um Ihre Angelegenheit endgltig zu erledigen: da Sie zu
viel wissen und vielleicht sie alle verraten knnten, hat er die
Vollmacht, Sie in einem passenden Augenblick zu beseitigen. Erlauben Sie
mir, zu bemerken, da jene die feste berzeugung haben, da Sie ein
Spion sind, der, wenn er auch bis jetzt noch nichts verraten hat, es
doch bestimmt tun wird. Ist das wahr? fragte Stawrogin in einem
ruhigen, ganz gewhnlichen Tone.

Schatoff verzog den Mund, als er eine solche Frage in einem solchen Tone
hrte.

Und wenn ich ein Spion wre -- _wem_ sollte ich denn etwas verraten?
fragte er hmisch zurck. Nein, lassen Sie das! Zum Teufel mit mir!
Aber _Sie_! rief er aus, sich pltzlich von neuem auf die Nachricht
strzend, die Stawrogin betraf, und die ihn sichtlich weit mehr
erschttert hatte, als die von seiner eigenen Gefahr. Aber _Sie_,
_Sie_, Stawrogin, wie konnten Sie sich in eine so schamlose, geistlose
Knechtsgesellschaft verlieren! ... Sie, ein Mitglied dieser Bande! Ist
denn das die Heldentat Nicolai Stawrogins!? rief er ganz verzweifelt
aus und erhob wie fassungslos die Hnde, als knnte es nichts Bittereres
und Trostloseres fr ihn geben, als diese Entdeckung.

Erlauben Sie -- wunderte Stawrogin sich tatschlich, Sie scheinen ja
frmlich eine Sonne in mir zu sehen und sich selbst, im Vergleich zu
mir, fr so etwas wie ein Insekt zu halten? Auch aus Ihrem Brief aus
Amerika habe ich das ...

Sie ... Sie wissen ... Eh, lassen wir mich aus dem Spiel! brach
Schatoff pltzlich das ab. Aber wenn Sie ber sich selbst etwas sagen,
erklren knnten? ... Auf meine Frage? -- So tun Sie es! bat er erregt.

Mit Vergngen. Sie fragen, wie ich mich in diesen Kreis verlieren
konnte, in diese geistige Spelunke? Ich bin jetzt sogar verpflichtet,
Ihnen einige Mitteilungen darber zu machen. Genau genommen, gehre ich
durchaus nicht zu diesem Bunde, habe auch frher nicht zu ihm gehrt und
habe weit mehr das Recht, als Sie, ihn zu verlassen, da ich ausdrcklich
niemals in ihn eingetreten bin. Im Gegenteil, ich habe den Leuten gleich
zu Anfang erklrt, da ich ihnen durchaus nicht sonderlich gewogen bin,
-- und wenn ich ihnen zufllig einmal geholfen habe, so habe ich das nur
wie ein miger Mensch getan. Ich habe teilweise an der Reorganisation
des Verbandes nach einem neuen Plane mitgearbeitet, doch das ist auch
alles. Jene aber sind jetzt bedenklich geworden und mit sich
bereingekommen, da auch ich ihnen gefhrlich werden knnte, und
deshalb bin auch ich, wenn ich mich nicht irre, zum Tode verurteilt.

Oh, mit Todesurteilen sind sie gleich bei der Hand, das geht bei ihnen
schnell -- und alles vorschriftsmig auf bestempeltem Papier, das dann
von dreieinhalb Menschen unterschrieben wird! Und Sie glauben, da die
dazu fhig wren! ...

Hierin haben Sie teilweise recht, teilweise auch nicht, fuhr Stawrogin
mit der frheren Gleichmtigkeit, fast Faulheit, fort. Zweifellos ist
auch viel Phantasie dabei, wie ja gewhnlich in solchen Fllen, und in
der Phantasie vergrert das Hufchen sein Wachstum und seine Bedeutung.
Ja, meiner Meinung nach besteht die ganze Gesellschaft, wenn Sie wollen,
einzig und allein aus Pjotr Werchowenski, und er ist schon etwas zu
bescheiden, wenn er sich nur fr einen Agenten des Verbandes hlt. Der
Hauptgedanke, der der ganzen Sache zugrunde liegt, ist nicht gerade
dmmer, als bei anderen Verbnden dieser Art. Sie haben Beziehungen zur
_Internationale_. Es ist ihnen gelungen, sich in Ruland Agenten
anzulegen, und sie haben sogar ein ziemlich originelles Verfahren
erfunden ... doch selbstverstndlich nur theoretisch. Was nun Sie und
mich betrifft, ich meine, ihre Absichten mit uns, so ist ihre russische
Organisation eine so dunkle Sache, da man in der Tat auf alles mgliche
gefat sein kann. Und vergessen Sie nicht, Werchowenski ist ein Mensch,
der das, was er will, auch durchsetzt.

Diese Wanze, dieser ungebildete Flegel, dieser Flachkopf, der von
Ruland berhaupt nichts versteht! rief Schatoff wtend aus.

Sie kennen ihn nur flchtig. Es ist wahr, da sie alle nur wenig von
Ruland verstehen, aber schlielich doch wohl nur wenig weniger als Sie
und ich. Auerdem ist Werchowenski Enthusiast.

Werchowenski Enthusiast?

O ja. Es gibt einen Punkt, wo er aufhrt, blo Narr zu sein, und sich
in einen ... Halbverrckten verwandelt. Erinnern Sie sich bitte eines
Ihrer eigenen Aussprche: >wissen Sie auch, wie stark ein einzelner
Mensch sein kann<? Bitte, lachen Sie nicht, er ist sogar sehr fhig, den
Hahn eines Gewehres abzudrcken. Die Leute sind berzeugt, da auch ich
ein Spion bin. Und da sie die Sache nicht anzufassen verstehen, so
beschuldigen sie mit Vorliebe andere der Spionage.

Aber Sie frchten sie doch nicht.

N--nein ... Ich frchte sie nicht sehr ... Doch mit Ihnen ist es etwas
ganz anderes. Ich habe Sie wenigstens gewarnt, damit Sie sich
einzurichten wissen. Es braucht einen nicht zu beleidigen, da einem von
Dummkpfen Gefahr droht. Aber wie ich sehe, ist es schon viertel nach
elf. Stawrogin blickte auf seine Uhr und erhob sich. Ich mchte nur
noch eine ganz nebenschliche Frage an Sie stellen.

Um Gottes willen! rief Schatoff und sprang jh auf.

Sie meinen? Stawrogin sah ihn fragend an.

Sagen Sie, stellen Sie die Frage ... um Gottes willen! wiederholte
Schatoff in unbeschreiblicher Aufregung. Aber mit der Bedingung, da
auch ich dann eine Frage stellen kann! Ich flehe Sie an ... da auch ich
... Ich kann nicht mehr! -- Stellen Sie Ihre Frage.

Stawrogin wartete ein wenig, dann begann er:

Ich hrte, Sie htten hier einigen Einflu auf Marja Timofejewna
gehabt, und diese soll Sie gern gesehen und Ihnen zugehrt haben. Ist
das wahr?

Ja ... sie sah ... Ja -- sie sah mich ... stammelte Schatoff ein wenig
wirr.

Ich habe die Absicht, in diesen Tagen meine Heirat mit ihr hier in der
Stadt ffentlich bekanntzumachen.

Ist das mglich? flsterte Schatoff fast entsetzt.

Sie meinen das -- in welchem Sinne? ... Es liegen durchaus keine
Schwierigkeiten vor. Die Trauzeugen sind hier. Es geschah, wie gesagt,
damals in Petersburg vollkommen ruhig und rechtmig in Gegenwart der
beiden Trauzeugen, Kirilloff und Pjotr Werchowenski, und von Lebdkin,
den ich jetzt das Vergngen habe, meinen Verwandten zu nennen. Es blieb
bisher allen unbekannt, weil diese drei ihr Wort gaben, darber zu
schweigen.

Ich meinte nicht _das_ ... Sie sagen es so ruhig ... aber fahren Sie
fort! Hren Sie, man hat Sie doch nicht mit Gewalt zu dieser Ehe
gezwungen, doch nicht mit Gewalt?

Nein, mich hat niemand mit Gewalt dazu gezwungen. Stawrogin lchelte
ber Schatoffs einfltigen Eifer.

Und was sie da von ihrem Kinde redet? ... beeilte sich Schatoff, wirr,
wie im Fieber.

Von ihrem Kinde redet? Bah! Das wute ich nicht; hre es zum erstenmal.
Sie hat nie ein Kind gehabt und htte es auch gar nicht haben knnen:
Marja Timofejewna ist Mdchen.

Ah! Das dachte ich mir auch! Hren Sie!

Was fehlt Ihnen, Schatoff?

Schatoff bedeckte sein Gesicht mit den Hnden, wandte sich ab, kehrte
sich dann wieder um und packte pltzlich Stawrogin fest an den
Schultern.

Wissen Sie denn auch, wissen Sie denn wenigstens, rief er wieder laut,
warum Sie das alles getan haben und warum Sie sich jetzt zu dieser Bue
entschlieen?

Ihre Frage ist klug und boshaft, aber ich habe die Absicht, auch Sie in
Erstaunen zu setzen. Ja, fast wei ich es, warum ich damals geheiratet
und warum ich mich jetzt entschlossen habe, diese >Bue<, wie Sie sagen,
auf mich zu nehmen.

Lassen wir das ... davon spter ... warten Sie ... sprechen Sie von der
Hauptsache, von der Hauptsache ... Ich habe zwei Jahre auf Sie
gewartet!

Ja?

Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet, ich habe ununterbrochen an
Sie gedacht! Sie sind der einzige Mensch, der's knnte ... Ich habe
Ihnen schon aus Amerika davon geschrieben ...

Ich erinnere mich nur zu gut Ihres langen Briefes.

Der zu lang war, um durchgelesen zu werden? Einverstanden. Sechs Bogen
... Schweigen Sie, schweigen Sie! Sagen Sie: knnen Sie mir noch zehn
Minuten schenken, aber gleich, jetzt gleich ... Ich habe zu lange auf
Sie gewartet!

Bitte, auch eine halbe Stunde, aber nicht mehr, wenn's Ihnen mglich
ist, sich damit zu begngen.

Aber ... nur mit der Bedingung, unterbrach ihn Schatoff jhzornig,
da Sie Ihren Ton ndern. Hren Sie, ich verlange es, ich fordere es,
whrend ich Sie doch darum anflehen mte ... Verstehen Sie, was das
heit, zu fordern, wenn man wei, da man flehen mte?

Ich verstehe, da Sie sich so ber alles Gewhnliche erheben wollen, um
eines hheren Zweckes willen. Stawrogin lchelte kaum merklich. Und
mit Bedauern sehe ich, da Sie im Fieber sind.

Ich bitte, mich zu achten, ich verlange es! rief Schatoff. Nicht
meine Person selbst, zum -- Teufel mit ihr, -- aber das andere ... nur
diesen einen Augenblick, fr diese paar Worte ... Wir sind zwei Wesen
und treffen uns hier auerhalb von Raum und Zeit ... zum letztenmal in
der Welt. Lassen Sie diesen Ihren Ton, und nehmen Sie einen menschlichen
an! Sprechen Sie doch ein einziges Mal im Leben mit einer menschlichen
Stimme! Nicht um meinetwillen, sondern um Ihretwillen! Verstehen Sie
denn nicht, da Sie mir diesen Schlag in Ihr Gesicht schon deshalb
verzeihen mssen, weil ich Ihnen damit Gelegenheit gegeben habe, Ihre
grenzenlose Macht zu fhlen. Schon wieder lcheln Sie Ihr verchtliches,
angeekeltes Gesellschaftslcheln! Oh, wann werden Sie mich endlich
verstehen! Zum Teufel mit dem verfluchten Herrensohn in Ihnen! So
begreifen Sie doch, da ich das _verlange_, sonst will ich nicht mit
Ihnen sprechen, werde es nicht tun, um keinen Preis, fr nichts in der
Welt!

Seine fanatische Wut grenzte schon an Fieberwahnsinn. Stawrogins Gesicht
verfinsterte sich und er wurde vorsichtiger.

Da ich nun schon eingewilligt habe, noch eine halbe Stunde hier zu
bleiben, sagte er eindringlich und ernst, obgleich meine Zeit sehr
kostbar ist, so knnten Sie mir doch glauben, da ich die Absicht habe,
Sie wenigstens mit Interesse anzuhren.

Er setzte sich wieder auf seinen Platz.

Setzen Sie sich! rief Schatoff pltzlich und setzte sich dann
gleichfalls.

Einstweilen erlauben Sie mir aber noch, Sie daran zu erinnern, da ich
meine Bitte an Sie, wegen Marja Timofejewna, eine Bitte, die wenigstens
fr Marja Timofejewna von groer Wichtigkeit ...

Nun? Schatoff rgerte sich, wie ein Mensch, den man pltzlich an der
wichtigsten Stelle seiner Rede unterbricht, und der dann, wenn er seinen
Widerpart auch ansieht, doch noch nicht den Sinn der Worte versteht.

... Und Sie unterbrachen mich, noch bevor ich meine Bitte zu Ende
sprechen konnte, schlo Stawrogin lchelnd.

Eh, was, Unsinn, nachher! rief Schatoff und winkte, da er endlich
diese Anmaung begriff, nur angewidert ab und ging sofort gerade auf
sein Ziel los.


                                  VII.

Wissen Sie auch, begann er fast drohend, mit vorgebeugtem Krper und
glnzenden Augen, wobei er den Zeigefinger seiner Rechten vor sich
erhoben hielt, was er selbst gar nicht zu bemerken schien, wissen Sie
auch, welches jetzt das einzige Gottrgervolk ist, das da kommen wird,
die Welt zu erlsen und zu erneuen mit dem Namen des neuen Gottes -- das
einzige Volk, dem die Quellen des Lebens und des neuen Wortes gegeben
sind ... Wissen Sie auch, welches Volk das ist und wie sein Name
lautet?

Nach Ihrem Gebaren zu urteilen, mu ich unbedingt und wohl so schnell
wie mglich sagen, da dieses Volk das russische sei.

Und schon lachen Sie! Oh, Russen!

Schatoff krallte vor Wut die Hand ins Haar.

Beruhigen Sie sich, ich bitte Sie darum. Im Gegenteil: ich hatte sogar
gerade etwas von dieser Art erwartet.

Von dieser Art erwartet? Aber Ihnen selbst sind diese Worte nicht
bekannt?

Oh, sie sind mir durchaus bekannt. Ich sehe nur zu gut, wohin Sie damit
wollen. Alles, was Sie sagten, und sogar der Ausdruck >Gottrgervolk<
ist nichts anderes, als die Schlufolgerung aus unserem Gesprch, das
wir vor zwei Jahren im Auslande hatten, kurz vor Ihrer Reise nach
Amerika ... Wenigstens so weit ich mich dessen entsinnen kann.

Aber das ist ja doch _Ihr_ Ausspruch, vom Anfang bis zum Ende _Ihr_
Ausspruch -- und nicht der meinige! Ihre eigenen Worte, und nicht nur
die Folgerung aus unserem Gesprch! Und wie knnen Sie berhaupt sagen
>unserem< Gesprch! Es war da ein Lehrer, der groe, mchtige Worte
predigte, und es war da ein Schler, der von den Toten auferstand und
zuhrte. Ich war der Schler und der Lehrer waren Sie.

Doch erlauben Sie, wenn ich mich recht entsinne, so war es gerade nach
meinen Worten, da Sie in jenen Bund eintraten und dann nach Amerika
reisten?

Ja -- doch ich schrieb Ihnen darber aus Amerika. Ich konnte mich
damals noch nicht losreien von all dem, woran ich mich von Kindheit auf
festgesogen hatte, das das Entzcken all meiner Hoffnungen gewesen war
und die Trnen meines ganzen Hasses und meiner ganzen Verzweiflung ...
Oh, es ist schwer, die Gtter zu wechseln! Ich glaubte Ihnen damals
nicht, denn ich wollte nicht glauben und warf mich noch zum letztenmal
in diese ... in diese Kloake ... Doch die Saat blieb und scho auf und
wuchs. Aber sagen Sie im Ernst: haben Sie meinen Brief aus Amerika
berhaupt nicht gelesen?

Ich habe drei Seiten gelesen, die beiden ersten und die letzte, und das
andere berflogen. brigens habe ich mir schon immer vorgenommen ...

Eh, einerlei, lassen Sie es, zum Teufel damit, winkte Schatoff ab.
Wenn Sie aber Ihren frheren Worten untreu geworden sind, wie konnten
Sie sie denn damals aussprechen? Das ist es, was mich jetzt wrgt!

Ich habe auch damals nicht mit Ihnen gescherzt. Als ich Sie berzeugen
wollte, bemhte ich mich vielleicht weit mehr um mich selbst, als um
Sie, antwortete Stawrogin rtselhaft.

Nicht gescherzt! In Amerika habe ich drei Monate auf Stroh gelegen
neben einem ... Unglcklichen, von dem ich erfuhr, da Sie in derselben
Zeit, als Sie in meine Seele Gott und die Heimat pflanzten, das Herz
dieses selben, dieses Maniaken Kirilloff, vergifteten ... Sie haben Lge
und Verleumdung in ihm besttigt und seine Vernunft schlielich zum
Wahnsinn gebracht. Gehen Sie, sehen Sie ihn sich an ... Das ist jetzt
Ihr Geschpf! Aber Sie haben ihn ja gesehen ...

Erstens mchte ich Ihnen sagen, da mir Kirilloff soeben selbst gesagt
hat, da er glcklich ist und vollkommen. Was Sie da von >derselben
Zeit< sagen, das ist allerdings fast richtig -- aber was liegt daran?
Ich wiederhole nochmals, da ich weder Sie noch ihn betrogen habe.

Sie sind Atheist? Sind Sie jetzt Atheist?

Ja.

Und damals?

Ebenso wie heute.

Ich habe nicht fr mich um Achtung gebeten, als ich das Gesprch
begann. Das htten Sie, bei Ihrem Verstande, wirklich verstehen knnen,
murmelte Schatoff unwillig.

Ich bin nicht bei Ihrem ersten Worte aufgestanden, habe nicht dieses
Gesprch abgebrochen, bin nicht fortgegangen, sitze noch jetzt hier und
antworte gehorsam auf Ihre Fragen und ... Schreie -- also habe ich doch
die Achtung vor Ihnen nicht vergessen.

Schatoff unterbrach ihn mit einer Handbewegung:

Erinnern Sie sich noch Ihres Ausspruchs: >ein Atheist kann nicht Russe
sein< -- >ein Atheist hrt sofort auf, Russe zu sein< -- erinnern Sie
sich?

Ja? fragte Stawrogin gleichsam.

Sie fragen noch? Sie haben es vergessen? Und doch ist es einer der
richtigsten Hinweise auf eine der wichtigsten Besonderheiten des
russischen Geistes, die Sie erraten haben. Nein, das haben Sie nicht
vergessen knnen! Und ich werde Sie an noch etwas erinnern. Damals
sagten Sie sogar: >Ja, wer nicht rechtglubig ist, der kann nicht Russe
sein< ...

Mir scheint, das ist ein Gedanke der Slawophilen.

Nein. Die jetzigen Slawophilen wrden sich von ihm lossagen. Heute ist
ja alle Welt klger geworden! _Sie_ aber gingen damals noch weiter: Sie
sagten, da der Katholizismus berhaupt nicht mehr Christentum sei. Sie
behaupteten, da der Christus, den Rom verkndet, der dritten Versuchung
des Satans nicht widerstanden hat, und da Rom, wenn es alle Welt lehrt,
Christus knne ohne Erdenreich auf der Erde nicht bestehen, damit den
Antichrist verkndet und den ganzen Westen zugrunde gerichtet hat. Und
Sie wiesen noch darauf hin, da, wenn Frankreich sich qult, daran
einzig der Katholizismus die Schuld trgt, denn Frankreich habe den
stinkenden rmischen Gott zwar verworfen, einen neuen Gott aber nicht zu
finden vermocht. Ja, das alles haben Sie damals sagen knnen! Ich habe
unsere Gesprche behalten.

Wenn ich glubig wre, so wrde ich zweifellos auch jetzt noch dasselbe
wiederholen: ich log nicht, als ich wie ein Glubiger sprach, sagte
Stawrogin sehr ernst, aber ich versichere Ihnen, da diese
Wiederholungen meiner frheren Gedanken einen unangenehmen Eindruck auf
mich machen. Knnen Sie nicht abbrechen?

Wenn Sie glubig wren?! rief Schatoff, ohne der Bitte die geringste
Beachtung zu schenken. Aber wer war es denn, der mir einst sagte: >Wenn
man mir mathematisch bewiese, da die Wahrheit nicht in Christus ist, so
wrde ich es dennoch vorziehen, mit Christus zu bleiben, als mit der
Wahrheit< --? Sollten Sie das wirklich nicht gewesen sein? Oder haben
Sie das gesagt? Haben Sie's?

Aber erlauben Sie auch mir, endlich zu fragen, -- Stawrogin erhob nun
auch seine Stimme -- was Sie mit diesem ungeduldigen und ... boshaften
Examen eigentlich von mir wollen?

Dieses Examen vergeht und Sie werden nie wieder daran erinnert werden.

Sie bestehen immer noch darauf, da wir auerhalb von Raum und Zeit
sind?

Schweigen Sie! fuhr ihn Schatoff pltzlich an. Ich bin dumm und
ungeschickt, doch mag mein Name in Lcherlichkeit untergehen -- darauf
kommt's nicht an. Aber ... werden Sie mir gestatten, hier vor Ihnen
wenigstens noch Ihren grten Gedanken von damals zu wiederholen ... nur
zehn Zeilen, nur die letzte Zusammenfassung?

Wiederholen Sie ... wenn es wirklich nur die Zusammenfassung ist ...

Stawrogin wollte schon nach der Uhr sehen, bezwang sich aber und tat es
nicht.

Schatoff beugte wieder den Oberkrper vor und auf einen Augenblick erhob
er sogar abermals den Zeigefinger.

Noch kein einziges Volk, begann er, als lese er Zeile fr Zeile aus
einem Buche ab, whrend er dabei Stawrogin unverndert streng ansah,
noch kein einziges Volk hat sich auf den Grundlagen der Vernunft und
Wissenschaft aufgebaut und eingerichtet. Dieses Beispiel hat noch kein
Volk gegeben, auer vielleicht fr die Dauer von hchstens einem
Augenblick, und dann geschah es aus Dummheit. Der Sozialismus mu schon
seinem Wesen nach Atheismus sein, denn er verkndet gleich ausdrcklich
und mit seinem ersten Satz, da er seine Welt ausschlielich auf
Vernunft und Wissenschaft aufzubauen beabsichtigt. Doch Vernunft und
Wissenschaft haben im Leben der Vlker stets, sowohl jetzt wie von
jeher, nur eine zweitrangige und dienende Aufgabe erfllt; und das
werden sie bis zum Ende der Welt tun. Gestaltet und bewegt aber werden
die Vlker von einer ganz anderen Kraft, von einer befehlenden und
zwingenden, deren Ursprung jedoch unbekannt und unerklrlich bleibt. Es
ist die Kraft des unstillbaren Wunsches, zum Ende zu gelangen, und die
sich zu gleicher Zeit stndig des Endes erwehrt. Es ist die Kraft der
fortwhrenden und unermdlichen Besttigung des Seins und Verneinung des
Todes. Es ist der Geist der ewig flieenden Wasser des Lebens, wie die
Heilige Schrift sagt, und mit deren Versiegen die Apokalypse so
furchtbar droht. Es ist der sthetische Trieb, wie die Knstler, es ist
der moralische Trieb, wie die Philosophen ihn nennen. Ich sage einfach:
>Es ist das Suchen nach Gott<. Das ewige Ziel der ganzen Bewegung eines
Volkes, jedes Volkes, und jedes besondere Ziel in jedem Abschnitt seiner
Geschichte ist immer und einzig sein Suchen nach Gott, nach _seinem_
Gott, unbedingt nach seinem eigenen, seinem besonderen Gott, und dann
der Glaube an diesen Gott als an den einzig wahren. Gott ist die
synthetische Persnlichkeit eines ganzen Volkes von seinem Anfang bis zu
seinem Ende. Noch nie ist es vorgekommen, da zwei oder mehrere Vlker
ein und denselben Gott gehabt htten, sondern jedes Volk hat stets
seinen eigenen Gott gehabt. Ein Anzeichen des Niedergangs der Vlker ist
es, wenn ihre Gtter allgemein werden. Und wenn die Gtter allgemein
werden, dann sterben die Gtter und stirbt der Glaube an sie zusammen
mit den Vlkern. Je strker aber ein Volk ist, desto ausschlielicher
ist auch sein Gott. Noch hat es nie ein Volk ohne Religion gegeben, das
heit, ohne Vorstellung von Gut und Bse. Jedes Volk hat seinen eigenen
Begriff von Gut und Bse, und sein eigenes Gut und Bse. Wenn bei vielen
Vlkern die Begriffe von Gut und Bse gemeingltig zu werden beginnen,
dann verwischt sich und verschwindet der Unterschied zwischen Gut und
Bse und die Vlker gehen zugrunde. Noch nie ist die Vernunft fhig
gewesen, Gut und Bse zu erklren, oder auch nur Bse und Gut
auseinanderzuhalten, wenn auch nur annhernd. Im Gegenteil, stets hat
sie Gut und Bse nur schmhlich und klglich miteinander verwechselt.
Die Wissenschaft aber hat immer nur rohe, plumpe Antworten gegeben. Und
besonders hat sich darin die Halbwissenschaft ausgezeichnet, diese
schrecklichste aller Geieln der Menschheit, furchtbarer als Pest,
Hunger und Krieg, die bis zum jetzigen Jahrhundert unbekannt war. Die
Halbwissenschaft -- die ist ein Despot, wie es bisher noch keinen
gegeben hat. Ein Despot, der seine Priester und Sklaven hat, ein Despot,
vor dem alles in Liebe und mit einem Aberglauben sich beugt, der bisher
undenkbar gewesen wre, vor dem sogar die Wissenschaft selbst zittert
und dem sie schmachvoll genug beipflichtet. -- Das sind alles Ihre
eigenen Worte, Stawrogin, nur die ber die Halbwissenschaft, die sind
von mir, der ich selbst solch ein Halbwissenschaftler bin und sie darum
hasse, wie ich nur etwas hassen kann. An Ihren Gedanken aber und sogar
an Ihren Worten habe ich nichts gendert, nicht eine einzige Silbe.

Ich glaube nicht, da Sie nichts verndert haben, bemerkte Stawrogin
vorsichtig, Sie haben alles leidenschaftlich erfat und es auch
leidenschaftlich verndert -- vielleicht ohne es zu bemerken. Schon
allein, da Sie Gott zu einem einfachen Attribut des Volkes erniedrigen
--

Er begann pltzlich, Schatoff mit einer ganz besonderen Aufmerksamkeit
zu betrachten, nicht einmal so sehr auf seine Worte zu hren, als ihn
selbst zu beobachten.

Ich erniedrige Gott zu einem Attribut des Volkes! Im Gegenteil, ich
erhebe das Volk bis zu Gott! Das Volk, -- das ist der Krper Gottes.
Jedes Volk ist nur so lange Volk, wie es noch seinen besonderen, seinen
eigenen Gott hat, und all die anderen Gtter auf der Welt stark und
grausam von sich stt; so lange es noch glaubt, da es nur mit _seinem_
Gott siegen und alle anderen Gtter und Vlker sich unterwerfen kann.
Das haben alle groen Vlker der Erde von sich und ihrem Gotte geglaubt,
wenigstens alle einigermaen hervorragenden, alle, die einmal an der
Spitze der Menschheit gestanden. Die Juden haben nur zu dem Zweck
gelebt, um den wahren Gott zu erwarten, und so haben sie denn jetzt der
Welt den wahren Gott hinterlassen. Die Griechen haben die Natur
vergttert und der Welt ihre griechische Religion, das heit,
Philosophie und Kunst, hinterlassen. Rom hat das Volk im Staate
vergttert und den Vlkern den Staat vermacht. Frankreich war in seiner
ganzen langen Geschichte nur die Verkrperung und Entwicklung des Gottes
>Katholizismus<; und wenn es diesen seinen rmischen Gott schlielich in
den Orkus warf und sich dem Atheismus hingab, der bei den Franzosen
vorlufig noch Sozialismus heit -- so geschah das nur deshalb, weil der
Atheismus schlielich doch gesnder ist als der rmische Katholizismus.
Wenn ein groes Volk nicht glaubt, da in ihm _allein_ die Wahrheit ist
(gerade in _ihm_ allein und unbedingt _ausschlielich_ in ihm), wenn es
nicht glaubt, da es ganz allein fhig und berufen ist, alle anderen
Vlker zu erwecken und sie mit seiner Wahrheit zu erretten, so wird es
sofort zu ethnographischem Material, doch nicht zu einem groen Volk!
Ein wahrhaft groes Volk kann sich auch nie mit einer zweitrangigen
Rolle in der Menschheit zufrieden geben, ja, noch nicht einmal mit einer
erstrangigen, sondern es mu unbedingt und ausschlielich das Erste
unter den Vlkern sein wollen. Ein Volk, das diesen Glauben verliert,
ist kein Volk mehr. Doch da es nur eine Wahrheit gibt, so kann auch nur
ein einziges Volk den einzigen wahren Gott haben, mgen andere Vlker
auch ihre eigenen und noch so groen Gtter besitzen. Das einzige
Gottrgervolk aber -- das sind wir, das ist das russische Volk, und ...
und ... und sollten Sie mich wirklich fr so dumm halten, Stawrogin,
brllte er pltzlich voll Ingrimm, da ich nicht mehr zu unterscheiden
vermag, ob diese meine Worte altes, mrbes Gewsch sind, das von allen
mglichen Moskauer Slawophilenmhlen schon durch und durch gemahlen ist,
oder ob es neue Worte sind, vollstndig reine und neue Worte, die
letzten Worte, die einzigen Worte der Erlsung und Auferstehung und ...
Eh, was geht mich jetzt in diesem Augenblick Ihr Lachen an! Was geht es
mich an, da Sie mich berhaupt nicht, berhaupt nicht verstehen, kein
Wort, keinen Ton ... Oh, wie unsagbar ich es verachte, Ihr stolzes
Lachen und Ihren stolzen Blick gerade jetzt!

Er sprang auf, sogar Schaum war auf seinen Lippen.

Im Gegenteil, Schatoff, ganz im Gegenteil, sagte Stawrogin
ungewhnlich ernst, ohne sich von seinem Platz zu erheben, im
Gegenteil, Sie haben mit Ihren glhenden Worten ungemein starke
Erinnerungen in mir wachgerufen. Ich finde meine eigene Stimmung von
damals, vor zwei Jahren, wieder, und jetzt werde ich Ihnen schon nicht
mehr sagen, da Sie meine Gedanken vergrert haben. Es scheint mir
sogar, da ich sie noch schrfer, noch autokratischer damals prgte, und
ich versichere Ihnen auf jeden Fall, da ich sogar sehr gerne alles
besttigen wrde, was Sie da sagten, aber ...

Aber Sie brauchen den Hasen?

Wa--as?

Das ist ja Ihr eigener, gemeiner Ausdruck! lachte Schatoff hhnisch
auf und setzte sich wieder. >Um eine Hasensauce zu machen, braucht man
einen Hasen, und um an Gott zu glauben, mu erst Gott da sein.< Das
sollen Sie in Petersburg gesagt haben, _ la_ Nosdreff,[37] der den
Hasen an den Hinterbeinen fangen wollte.

Nein, Nosdreff prahlte, er htte ihn bereits gefangen. brigens,
erlauben Sie eine Frage, zumal ich jetzt wohl das volle Recht dazu haben
drfte: Ist Ihr Hase eigentlich schon gefangen oder luft er noch?

Unterstehen Sie sich nicht, mich mit solchen Worten zu fragen! Fragen
Sie mit anderen, mit anderen! Schatoff zitterte pltzlich.

Wie Sie wnschen. Also mit anderen. Stawrogin sah ihn mit hartem Blick
an. Ich wollte nur wissen: glauben Sie selbst an Gott, oder nicht?

Ich glaube an Ruland, ich glaube an seine Rechtglubigkeit ... Ich
glaube an den Leib Christi ... Ich glaube, da die neue Wiederkunft in
Ruland geschehen wird ... Ich glaube ... stammelte Schatoff wie in
Verzckung.

Aber an Gott? An Gott?

Ich ... ich werde glauben -- an Gott.

Kein einziger Muskel bewegte sich im Gesicht Stawrogins. Schatoff sah
ihn glhend, mit Herausforderung an, ganz als htte er ihn verbrennen
wollen mit seinem Blick.

Ich habe Ihnen doch nicht gesagt, da ich berhaupt nicht glaube, rief
er schlielich. Ich gebe doch nur zu verstehen, da ich ein
unglckliches, langweiliges Buch bin und vorlufig nichts weiter,
vorlufig ... Aber was liegt an mir! Es liegt ja alles bei Ihnen! Ich
bin nur ein unbegabter Mensch und kann nur mein Blut hingeben und weiter
nichts, wie jeder unbegabte Mensch. So mag denn mein Blut auch flieen!
Ich spreche jetzt von Ihnen. Ich habe zwei Jahre hier auf Sie gewartet
... Nur um Ihretwillen tanze ich jetzt hier nackt vor Ihnen. Nur Sie ...
Sie allein knnten die Fahne erheben! ...

Er sprach nicht zu Ende und wie in Verzweiflung sttzte er die Arme auf
den Tisch und vergrub den Kopf in den Hnden.

Ich mchte, da Sie darauf zu sprechen gekommen sind, nur eines
bemerken, als Kuriositt, unterbrach Stawrogin pltzlich die Stille.
Warum wollen mir alle immer eine Fahne aufdrngen? Auch Pjotr
Stepanowitsch ist berzeugt, ich allein knnte ihre >Fahne erheben<, --
wenigstens hat man mir diesen Ausspruch von ihm wiedergegeben. Er hat es
sich in den Kopf gesetzt, ich wre fhig, fr sie die Rolle eines Stenka
Rasin[38] zu spielen, dank meiner >ungewhnlichen Fhigkeit zum
Verbrechen< -- gleichfalls seine Worte.

Wie? Dank Ihrer >ungewhnlichen Fhigkeit zum Verbrechen?< fragte
Schatoff.

Genau so.

Hm! ... Aber ist es wahr, fragte Schatoff mit einem bsen Lcheln,
da Sie in Petersburg zu einer viehischen, wollstigen Gesellschaft
gehrt haben? Da Sie sich selbst gerhmt haben, der Marquis de Sade
htte von Ihnen noch lernen knnen? Da Sie Kinder zu sich gelockt und
verdorben haben? Antworten Sie! Und wagen Sie nicht, zu lgen! Stawrogin
kann nicht lgen -- vor Schatoff, der ihn ins Gesicht geschlagen hat!
Sagen Sie, sagen Sie alles, und wenn es wahr ist, so werde ich Sie auf
der Stelle totschlagen! schrie Schatoff wie wahnsinnig.

Diese Worte habe ich gesagt, aber Kindern habe ich nichts angetan,
sagte Stawrogin schlielich, aber erst nach einem gar zu langen
Schweigen.

Er war erblat und seine Augen glhten.

Aber Sie haben es gesagt! fuhr Schatoff herrisch fort, ohne seinen
sprhenden Blick von ihm abzuwenden. Und ist es wahr, da Sie
versichert haben, Sie wten keinen Schnheitsunterschied zwischen
irgendeinem wollstigen, tierischen Streiche und gleichviel welcher
Heldentat, und wre es selbst das Opfer des Lebens fr die Menschheit?
Ist es wahr, da Sie in beiden Polen die gleiche Schnheit fanden, den
gleichen Genu?

So zu antworten ist unmglich ... ich will nicht antworten, murmelte
Stawrogin, der jetzt sehr gut htte aufstehen und fortgehen knnen und
doch nicht aufstand und nicht fortging.

Ich wei es auch nicht, warum das Bse hlich und das Gute schn ist,
aber ich wei, warum die Empfindung dieses Unterschieds erlischt und
verloren geht bei solchen Herrschaften, wie Stawrogin und
seinesgleichen, lie Schatoff, am ganzen Krper bebend, nicht davon ab.
Wissen Sie auch, warum Sie damals geheiratet haben, so schmachvoll,
schndlich und gemein? Gerade deshalb, weil hier die Schmach und
Gemeinheit schon an Genialitt grenzte! Oh, Sie schlendern nicht blo so
am Rande, Sie strzen sich dreist mit dem Kopf voran in den Abgrund
hinab. Aus Leidenschaft zur Qual haben Sie geheiratet, aus Leidenschaft
zu Reue und Gewissensbissen, aus geistiger, sittlicher Wollust. Hier
waren Ihre Nerven wund ... Die Herausforderung an die gesunde Vernunft,
die hierin lag, war schon gar zu verfhrerisch! _Stawrogin!_ und eine
hliche, schwachsinnige Bettlerin, die dazu noch krppelig ist! -- Als
Sie den Gouverneur ins Ohr bissen, empfanden Sie da nicht Wollust?
Empfanden Sie sie? Miger, sich herumtreibender Herrensohn, empfanden
Sie sie?

Sie sind Psychologe, sagte Stawrogin, der bleicher und bleicher wurde,
obschon Sie sich in den Grnden meiner Heirat teilweise irren ... Wer
hat Ihnen brigens all dieses mitteilen knnen? ... Er zwang sich zu
einem Spottlcheln. Doch nicht Kirilloff? Aber der war ja gar nicht
zugegen ...

Warum sind Sie bleich geworden?

Was _wollen_ Sie nur von mir? Stawrogin erhob schlielich die Stimme:
Ich habe hier eine halbe Stunde unter Ihrer Knute gesessen, nun knnten
Sie mich doch wenigstens hflich fortgehen lassen ... wenn Sie in der
Tat keinen vernnftigen Grund haben, mit mir in dieser Art umzugehen.

Vernnftigen Grund?

Zweifellos. Es wre zum mindesten Ihre Pflicht, mir zu sagen, was Sie
eigentlich bezwecken. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, da Sie
es tun wrden. Ich habe aber nur eine einzige rasende Bosheit in Ihnen
gefunden. Ich bitte Sie, mir die Hofpforte zu ffnen.

Er erhob sich. Schatoff strzte ihm nach, wild vor Grimm.

Kssen Sie die Erde, trnken Sie sie mit Trnen, bitten Sie um
Vergebung! rief er, ihn an der Schulter packend.

Ich habe Sie nicht erschlagen ... an jenem Sonntagmorgen ... Ich nahm
beide Hnde zurck ... sagte Stawrogin wie im Schmerz und sah zu Boden.

So sprechen Sie doch, so sagen Sie doch alles! Sie kamen her, um mich
vor der Gefahr zu warnen, Sie lieen es zu, da ich sprach, und morgen
wollen Sie Ihre Heirat ffentlich bekanntmachen! ... Sehe ich es denn
nicht Ihrem Gesicht an, da Sie mit irgendeinem neuen furchtbaren
Gedanken ringen ... Stawrogin, warum bin ich dazu verurteilt, bis in
alle Ewigkeit an Sie zu glauben? Htte ich denn mit einem anderen so
sprechen knnen? Ich habe Keuschheit, aber ich habe mich meiner
Nacktheit nicht geschmt, -- denn es war _Stawrogin_, vor dem ich
sprach! Ich habe mich nicht gefrchtet, den groen Gedanken durch meine
Berhrung zu karikieren, denn _Stawrogin_ hrte mir zu! ... Und werde
ich denn nicht die Spuren Ihrer Tritte kssen, wenn Sie fortgegangen
sind? Ich kann nicht, ich kann Sie nicht aus meinem Herzen reien,
Nicolai Stawrogin!

Es tut mir leid, da ich Sie nicht lieben kann, Schatoff! sagte
Stawrogin kalt.

Ich wei, da Sie es nicht knnen, und ich wei auch, da Sie nicht
lgen. Aber hren Sie, ich werde alles gut machen: ich werde Ihnen den
Hasen verschaffen!

Stawrogin schwieg.

Sie sind Atheist, weil Sie ein Herrensohn sind, der letzte Herrensohn.
Sie haben den Unterschied zwischen Gut und Bse verloren, denn Sie haben
aufgehrt, Ihr Volk zu verstehen ... Es steigt eine neue Generation
herauf, unmittelbar aus dem Herzen dieses Volkes, doch Sie werden sie
nie erkennen, weder Sie noch die Werchowenski, Vater und Sohn, noch ich,
denn auch ich bin ein Herrensohn, ja, ich, der Sohn Ihres leibeigenen
Dieners Paschka ... Hren Sie, verschaffen Sie sich Gott durch Arbeit --
hierin liegt der ganze Kern ... Oder verschwinden Sie als gemeine,
faulende Schimmelschicht ... Erwerben Sie sich Gott durch Arbeit!

Gott durch Arbeit? Mit welcher Arbeit?

Mit gemeiner Bauernarbeit! Gehen Sie, werfen Sie Ihren ganzen Reichtum
hin ... Ah! Sie lachen, Sie frchten wohl, da eine Posse dabei
herauskommen wird?

Doch Stawrogin lachte nicht.

So glauben Sie, da man Gott durch Arbeit erringen kann, und zwar
gerade Bauernarbeit? wiederholte er nachdenklich, als htte man ihm in
der Tat etwas Neues und Ernstes gesagt, worber nachzudenken sich
lohnte. Aber wissen Sie auch, sagte er pltzlich, auf etwas anderes
bergehend, da ich durchaus nicht reich bin und fast nichts mehr
hinwerfen knnte? Ich bin sogar kaum imstande, die Zukunft Marja
Timofejewnas sicherzustellen ... Ja, und damit ich es nicht vergesse:
ich wollte Sie bitten, Marja Timofejewna auch fernerhin, wenn es Ihnen
mglich ist, beizustehen, da doch nur Sie allein einen gewissen Einflu
auf ihren armen Verstand haben knnten. Ich sage das nur auf alle
Flle.

Schon gut, schon gut! Schatoff winkte mit der einen Hand ab, whrend
er mit der anderen das Licht hielt. Sie reden von Marja Timofejewna,
gut, ich werde schon, das ist ja selbstverstndlich ... Aber hren Sie,
gehen Sie zu Tichon.

Zu wem?

Zu Tichon. Er ist ein frherer Bischof, der jetzt -- krankheitshalber
zurckgezogen -- hier in der Stadt wohnt, hier in unserem
Jefimjeff-Kloster.

Und --?

Nichts weiter. Man pilgert und fhrt jetzt zu ihm. Gehen Sie auch zu
ihm, was macht es Ihnen denn aus? Gehen Sie auch!

Hre es zum erstenmal und ... Diese Sorte Menschen habe ich noch nie
gesehn. Ich danke Ihnen, ich werde hingehen.

Hierher! Schatoff leuchtete und geleitete ihn die Treppe hinunter.

So, sagte er und stie die Hofpforte sperrangelweit zur Strae auf.

Ich werde nicht mehr zu Ihnen kommen, Schatoff, sagte Stawrogin leise,
indem er durch die Pforte trat.

Die Nacht war nach wie vor finster und der Regen hatte noch immer nicht
aufgehrt ...




                           Siebentes Kapitel.
                        Die Nacht (Fortsetzung)


                                   I.

Er ging die ganze Bogojawlenskstrae hinunter; schlielich fhrte der
Weg leicht abwrts, seine Fe glitschten im Schlamm, und pltzlich
ffnete sich vor ihm im Dunkeln ein breiter, nebliger, gleichsam leerer
Raum -- der Flu. Die Huser waren hier nicht mehr Huser zu nennen,
sondern Htten, und die Strae hatte sich in vielen Sackgassen und
Gchen verloren. Nicolai Wszewolodowitsch ging eine ganze Weile an den
Zunen entlang, ohne sich vom Fluufer zu entfernen, verfolgte aber
standhaft seinen Weg, doch eigentlich ohne viel an ihn zu denken. Er war
mit ganz anderen Dingen beschftigt und sah sich erstaunt um, als er
sich pltzlich, aus tiefem Denken erwachend, fast in der Mitte unserer
langen, nassen Flobrcke fand. Keine Seele ringsum. Nichts rhrte sich.
Um so sonderbarer erschien es ihm da, als pltzlich fast unmittelbar
neben seinem Ellenbogen eine hflich familire, doch brigens ganz
angenehme Stimme ertnte, aber in jenem slich abgerundeten Redeflu,
mit dem bei uns gar zu zivilisierte Kleinbrger oder lockenhuptige
junge Kommis in den Kauflden zu paradieren pflegen.

Wrde mir der gndige Herr nicht erlauben, das Regenschirmchen mit eins
zu bentzen?

Und tatschlich, eine Gestalt drckte sich unter seinen Schirm, oder tat
wenigstens so, als wage sie es. Der Strolch ging neben ihm, ihn fast
mit dem Ellenbogen fhlend, wie unsere Soldaten sagen. Nicolai
Wszewolodowitsch verlangsamte den Schritt und beugte sich ein wenig, um
dem Unbekannten ins Gesicht sehen zu knnen, soweit das in der
Finsternis mglich war: ein Mensch, nicht gro von Wuchs und in etwa wie
ein heruntergekommener, verbummelter Kleinbrger, schlecht und nicht
warm gekleidet; auf dem krausen, zottigen Haar sa schief eine nasse
Tuchmtze mit halbabgerissenem Schirm. Es schien ein schwarzhaariger
Mensch zu sein, mager und braun; die Augen waren gro, unbedingt
schwarz, mit jenem starken Glanz und gelben Schimmer, wie ihn Zigeuner
haben, -- das erriet man in der Dunkelheit. Alt mochte er sein -- gegen
vierzig, und er war nicht betrunken.

Du kennst mich? fragte Stawrogin.

Herr Stawrogin, Nicolai Wszewolodowitsch. Man hat Sie mir auf der
Bahnstation gezeigt, kaum da die Maschine hielt, akkurat am
vorvergangenen Sonntag. Auer da man schon frher von Ihnen gehrt
hat.

Von Pjotr Stepanowitsch? Du ... du bist der Zuchthusler Fedjka?

Getauft hat man mich Fjodor Fjodorowitsch. Hab bis auf den heutigen Tag
noch eine leibliche Mutter in hiesiger Gegend, eine alte Gottesdienerin,
die zur Erde wchst, fr uns selber Tag und Nacht alleweil zu Gott
betet, damit da sie nicht ganz umsonst ihre Altweiberzeit auf dem Ofen
verliert.

Du bist aus dem Zuchthause entsprungen?

Ich hab' halt selber mein Los verndert und ihnen da den ganzen Krempel
hingeworfen. Denn ich war halt beinah auf Lebenszeit zur Zwangsarbeit
verurteilt, und da war's denn schon ganz absonderlich lang auf das Ende
zu warten ...

Was treibst du hier?

Ja, so, ein Tag und eine Nacht und immer ist noch nichts gemacht. Die
Zeit vergeht halt von selber. Was unser Onkel ist, der ist hier in der
vorigen Woche im Gefngnis gestorben, wo er von wegen falscher Gelder
sa, und da hab ich denn ein Gedchtnisfeierchen fr ihn gemacht und
dabei so selbentlich zweimal zehn Rubel an die Hunde gebracht -- das ist
auch alles von unseren Taten bis eben jetzt. Und dabei haben Pjotr
Stepanowitsch die Mglichkeit, uns einen Paschport auf ganz Ruland zu
verschaffen, als was das Herz nur will, sogar als Kaufmann. Und da wart
ich denn, bis er mir seinen Segen schenkt. Darum sagen sie, -- ich
meine: er, Pjotr Stepanowitsch --, darum sagt er, da Papa dich im
englischen Klub beim Kartenspiel verspielt hat, und so finde ich, sagt
er, ich meine Pjotr Stepanowitsch, so finde ich diese Unmenschlichkeit
ungerecht. -- Sie knnten mir doch, gndiger Herr, mit drei Rubelchen so
zum Erwrmen, fr ein Teechen, wohlwollen?

Du hast mir hier also aufgelauert. Das liebe ich nicht. Auf wessen
Befehl hast du es getan?

Was von Befehl, so ist davon gar nichts gewesen: ich kenn' nur blo
auch Ihre Menschenliebe, wie alle Welt es eben tut. Denn unsere
Einknftekens, Sie wissen ja selbst, Herr, da die halt 'ne Maus auf'm
Schwanz fortschleppen kann. Das war vor'gen Freitag, da habe ich mich
mal vollgeschlagen mit Fleisch, wie Martyn mit Seife, wie man zu sagen
pflegt, aber seit damals hab ich den ersten Tag nichts gegessen, den
zweiten gefastet und den dritten wieder nichts. Wasser ist ja im Flu,
bei Gott, so viel du willst, aber davon allein kann man im Magen doch
nur Karauschen zchten ... Na, und so berhaupt, der gndige Herr werden
doch wohl von den Mildttigen sein? Und ich hab hier gerade 'ne
Gevatterin nich weit, die mich erwartet: nur komm du nich ohne Rubelchen
zu ihr!

Was hat dir denn Pjotr Stepanowitsch von mir versprochen?

Nicht, da er mir was vorversprochen hat, er hat nur so mit Worten
gesagt, da ich, nu ja, dem gndigen Herrn mal ntig sein knnte, wenn
solch ein Streifen mal vorkommt; aber zu was, das hat er eigentlich nich
so geradeheraus gesagt, so mit Genauigkeit, denn Pjotr Stepanowitsch
will nur so zum Beispiel sehen, ob ich nich Kosakengeduld habe, und
Vertrauen hat er nich fr 'ne Kopeke zu mir.

Warum denn nicht?

Ja, Pjotr Stepanowitsch mag wohl ein Astrolom sein und hat jetzt
vielleicht auch alle Gottesplaneten erkannt, aber der Allerklgste ist
er doch noch nich. Ich bin vor Ihnen, gndiger Herr, wie vor Gottes
Antlitz selber, denn ich hab vieles gehrt, was man so spricht von
Ihnen. Pjotr Stepanowitsch -- das ist eins, aber Sie, gndiger Herr, das
ist es eben, sind das andere. Wenn der von einem Menschen sagt: 'n
Gauner, so ahnt ihm schon auer diesem von diesem Menschen gar nichts
mehr. Sagt er: 'n Kamel, so kann der Mensch bei ihm schon nie und nimmer
einen anderen Namen kriegen. Ich aber, ich bin vielleicht, kann sein,
nur am Dienstag und Mittwoch 'n Kamel, aber Donnerstag vielleicht auch
klger als er selber. Jetzt wei er blo eben von mir, da ich gerade
groe Sehnsucht nach einem Paschport habe, denn wissen Sie, in Ruland
geht's ohne Dokumentchen auf keinerlei Art -- und schon glaubt er, er
hat meine Seele in der Hand! Hehe, gepfiffen! Ich sag Ihnen, Herr, Pjotr
Stepanowitsch hat's furchtbar leicht zu leben auf der Welt, denn, sehen
Sie, er stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so
lebt er denn auch mit ihm. Dazu ist er noch geizig, da es schon gar
keine Art mehr mit ihm hat. Er glaubt, da ich auer als durch ihn schon
nie nich wagen werde, Sie zu belstigen, aber ich bin vor Ihnen,
gndiger Herr, wie vor'm Angesicht des leibhaftigen Gottes selber, --
schon die vierte Nacht erwarte ich den gndigen Herrn hier auf dieser
Brcke, in der Sache, da ich auch ohne ihn mit leisen Schritten, wie
man sagt, meinen eigenen Weg finden kann. Besser, denke ich, du
verneigst dich vor 'nem Stiefel als vor 'nem Bastschuh.

Wer hat es dir denn gesagt, da ich nachts ber diese Brcke gehen
werde?

Ja, das ist schon, mu ich sagen, von anderweitig herausgekommen, mehr
aus der Dummheit des Hauptmann Lebdkin, denn der kann schon gar nichts
fr sich behalten ... Also dann drei Rubelchen vom gndigen Herrn fr
die drei Nchte, als fr die Langeweile, zum Beispiel? Und da die
Kleider quatschna sind, davon schweigen wir schon allein von wegen der
Beleidigung.

Ich gehe jetzt nach links und du nach rechts; die Brcke ist zu Ende.
Hre, Fedjka, ich liebe es, da man meine Worte ein fr allemal behlt:
ich gebe dir keine Kopeke und werde dich niemals -- hrst du? -- niemals
brauchen; ferner werde ich dich weder hier auf der Brcke noch sonst wo
treffen, verstanden? Und wenn du dir das nicht merkst -- so binde ich
dich und bergebe dich der Polizei. Jetzt -- marsch!

O je! Aber fr die Unterhaltung schmeien Sie mir doch wenigstens was
-- es war doch lustiger, so zu gehen.

Pack dich!

Ja, aber wissen Sie denn hier auch den Weg? Hier gehen ja doch so
verdrehte Wege ... ich knnte zeigen, denn die hiesige Stadt auf diesem
Ufer -- das ist doch ganz, als ob der Teufel sie im Korb getragen htte:
alles hat er durcheinandergeschttelt.

Zum ... Ich binde dich! wandte sich Stawrogin drohend nach ihm um.

Denken Sie nach, vielleicht doch, gndiger Herr? Kann man denn eine
Waise lange beleidigen?

Du scheinst ja wirklich auf dich zu bauen!

Ach, gndiger Herr, ich baue auf Sie, aber nicht, da ich sonderlich
auf mich baute!

Ich brauche dich nicht, hab ich dir schon gesagt!

Aber ich brauche doch Sie, gndiger Herr! Das ist es ja eben. Nu, werde
also warten, bis Sie zurckkommen.

Mein Wort: wenn ich dich antreffe, binde ich dich!

So werd' ich denn schon einen Gurt bereit halten. Glckliche Reise,
gndiger Herr; haben doch alleweil mit dem Schirmchen 'ne Waise
beschtzt; schon dafr allein werden wir bis zum Grabe dankbar sein,
gndiger Herr.

Er blieb zurck. Stawrogin ging besorgt weiter. Dieser pltzlich aus der
Nacht aufgetauchte Mensch war von seiner Notwendigkeit fr ihn doch
schon gar zu berzeugt und beeilte sich doch schon zu schamlos, ihm das
zu zeigen. berhaupt machte man mit ihm jetzt keine Umstnde mehr. Aber
es konnte doch auch sein, da der Strolch nicht alles gelogen und seine
Dienste wirklich nur von sich aus angeboten hatte, und zwar gerade
heimlich, hinter Pjotr Stepanowitschs Rcken. Das aber gab dann doch am
meisten zu denken.


                                  II.

Das Haus, zu dem Stawrogin ging, lag an einer den, entlegenen Gasse
buchstblich am uersten Rande der Vorstadt, zwischen niedrigen Zunen,
hinter denen sich Gemsegrten hinzogen. Es war ein alleinstehendes
kleines hlzernes Haus, das man gerade erst erbaut hatte und das von
auen noch nicht einmal mit Brettern beschlagen war. Die Lden des einen
Fensters hatte man wohl absichtlich nicht geschlossen, denn auf dem
Fensterbrett stand ein brennendes Licht, augenscheinlich als Wegweiser
und Zeichen fr den spt erwarteten Gast. Schon von weitem, ber dreiig
Schritte von der Tr, erkannte Stawrogin auf der kleinen Haustreppe die
Gestalt eines Menschen von hohem Wuchs, der offenbar ber dem Warten die
Geduld verloren hatte und herausgetreten war. Da hrte er auch schon
seine Stimme, voll Ungeduld und doch gleichsam zaghaft.

Sind Sie es? Sie?

Ich bin's, antwortete Stawrogin, doch nicht eher, als bis er ganz
herangetreten war und den Schirm schlo.

Endlich! Hauptmann Lebdkin trat hin und her und bewegte sich mit
geschftigem Diensteifer. Das Schirmchen, wenn ich bitten darf; sehr
na heute; ich werde es aufschlagen und hier in der Ecke auf den
Fuboden stellen. Bitte -- bitte einzutreten, hier geht's hinein; bitte
schn.

Die Tr aus dem Flur ins Wohnzimmer, in dem zwei Kerzen brannten, stand
weit offen.

Wenn Sie nicht selbst Ihr unbedingtes Kommen angesagt htten, so htte
ich es schon aufgegeben, Sie zu erwarten.

Viertel vor eins, sagte Stawrogin, der ins Zimmer trat, nach einem
Blick auf seine Uhr.

Und dabei noch Regen -- und eine so interessante Entfernung ... Eine
Uhr habe ich nicht, und vor dem Fenster nur Gemsegrten, da -- da
bleibt man hinter den Ereignissen zurck. -- Aber das soll kein Vorwurf
sein, das wage ich ja gar nicht, bewahre, sondern einzig nur so ... aus
Ungeduld, wenn man sich die ganze Woche verzehrt ... um endlich erlst
zu werden ...

Wie?

Um seinen Schicksalsspruch zu hren, Nicolai Wszewolodowitsch. Und mit
einer Verbeugung auf das Sofa weisend, vor dem ein Tisch stand: Bitte,
nehmen Sie Platz.

Stawrogin sah sich im Zimmer um: es war klein und niedrig. Die ganze
Einrichtung bestand nur aus dem Notwendigsten: aus zwei einfachen neuen
Holzsthlen, einem gleichfalls neuen, noch unberzogenen Sofa mit
hlzerner Lehne und ohne Seitenpolster, und zwei Tischen. Auf dem
kleineren, in der Ecke, standen irgendwelche Dinge, ber die man eine
saubere Serviette gebreitet hatte. berhaupt schien man das ganze Zimmer
uerst sauber gehalten zu haben. Der Hauptmann war nun schon an die
acht Tage nchtern. Sein Gesicht sah gelb und abgefallen aus, der Blick
war unruhig, neugierig und eigentlich verstndnislos: man sah ihm an,
da er noch nicht wute, in welch einem Ton er sprechen durfte und
welcher schlielich der ratsamste war.

Wie Sie sehen, wies er mit pathetischer Geste herum, lebe ich wie ein
Heiliger: Nchternheit, Einsamkeit und Armut -- das Gelbde der alten
Ritter!

Sie glauben, die alten Ritter htten solche Gelbde getan?

Tja, vielleicht habe ich mich auch verhauen? O weh, fr mich gibt es
keine Entwicklung mehr! Alles verdorben! Glauben Sie mir, Nicolai
Wszewolodowitsch, hier bin ich zum erstenmal aufgewacht aus diesem
Schandleben, -- kein Glschen mehr, kein Trpfchen! Habe jetzt einen
Winkel -- und sechs Tage lang geniee ich nun schon die Wohltat der
Gewissensbisse. Sogar die Wnde riechen noch nach Harz, erinnern somit
an die Natur. Aber was war ich, was stellte ich vor?

   >Ohne Obdach in der Nacht,
   Tagsber eine Hetze< ...

wie sich ein genialer Dichter ausgedrckt hat! Aber ... Sie sind ja so
durchnt ... Wollen Sie nicht ein Glschen Tee?

Bemhen Sie sich nicht.

Der Samowar kocht seit acht Uhr abends, aber -- da ist er nun
ausgelscht! -- wie alles in der Welt! Und auch die Sonne, sagt man,
wird einmal auslschen, wenn sie an die Reihe kommt ... Aber wenn Sie
wollen, bringe ich ihn wieder zum Kochen ... Agafja schlft noch nicht.

Sagen Sie: Marja Timofejewna ...

Hier, hier, fiel ihm Lebdkin sofort flsternd ins Wort, wenn Sie sie
sehen wollen ...? und er wies auf die geschlossene Tr zum Nebenzimmer.

Sie schlft nicht?

O nein, nein, wie sollte sie denn? Im Gegenteil, erwartet Sie schon vom
Abend an! ... wie sie es vorhin erfuhr, putzte sie sich gleich auf, --
er wollte schon sarkastisch den Mund verziehen, unterlie es aber im Nu.

Wie ist sie jetzt im allgemeinen? fragte Nicolai Wszewolodowitsch mit
zusammengezogenen Brauen.

Im allgemeinen? Ja, das geruhen Sie ja selbst zu wissen, und er zuckte
mitleidig mit den Schultern. Jetzt ... jetzt sitzt sie da und legt
Karten ...

Gut, nachher. Zuerst mu ich mit Ihnen zu einem Ende kommen.

Stawrogin setzte sich auf einen Stuhl. Der Hauptmann wagte es nicht,
sich auf das Sofa zu setzen, und so zog er denn schnell den anderen
Stuhl herbei, setzte sich, und war, leicht vorgebeugt, in zitternder
Erwartung bereit, alles zu vernehmen.

Was haben Sie denn dort auf dem Tisch unter der Serviette? fragte
Stawrogin, der pltzlich seine Aufmerksamkeit jenem Tisch zuwandte.

Da--a? Lebdkin drehte sich sofort gleichfalls um. Ja, das ist so von
Ihren eigenen Gaben, in Gestalt, wie man zu sagen pflegt, in Gestalt von
Salz und Brot ... in der neuen Wohnung ... und ich dachte auch an Ihren
weiten Weg und die natrliche Mdigkeit, er sah ihn fast bittend an und
versuchte unschuldig zu lcheln. Darauf erhob er sich, ging auf den
Fuspitzen zum Tisch und entfernte ehrerbietig und vorsichtig die
Serviette.

Er hatte einen ganzen Imbi vorbereitet: gerucherten Schinken,
Kalbfleisch, Sardinen, Kse, eine kleine grne Karaffe und eine lange
Flasche Bordeaux -- alles war ungemein sauber, mit Sachkenntnis und fast
elegant geordnet.

Das haben Sie besorgt?

Jawohl ... Schon gestern ... Marja Timofejewna ist ja in der Beziehung,
wie Sie wissen, gleichgltig. Aber die Hauptsache: da es von Ihren
Gaben ist, also Ihr eigenes ... da Sie ja doch hier der Hausherr sind,
und nicht ich -- ich bin ja doch nur so Ihr Angestellter, wenn auch,
wenn auch, Nicolai Wszewolodowitsch, wenn auch mein Geist noch
unabhngig ist! Diesen meinen letzten Besitz werden Sie mir doch nicht
nehmen wollen! schlo er geradezu gerhrt.

Hm! ... wie wr's, wenn Sie sich setzen wrden?

Ich bin da--ankbar, dankbar und unabhngig! (Er setzte sich.) Ach,
Nicolai Wszewolodowitsch, in diesem Herzen hat sich so viel angesammelt,
so viel, da ich schon gar nicht mehr wute, wie ich noch lnger auf Sie
warten sollte! Sehen Sie, Sie werden jetzt mein Schicksal entscheiden
und auch das ... jener Unglcklichen, und dann ... dann wieder so, wie
es frher war? Ich werde dann wieder meine ganze Seele vor Ihnen
ausschtten, wie damals vor vier Jahren. Wrdigten Sie mich doch damals
dessen, mir zuzuhren, lasen Verse ... Mag man mich auch dort Ihren
Falstaff genannt haben, nach Shakespeare, aber Sie haben doch so viel in
meinem Leben bedeutet! ... Jetzt habe ich wieder meine groe Angst und
erwarte nur von Ihnen Rat und Heil. Pjotr Stepanowitsch behandelt mich
ganz furchtbar!

Stawrogin hrte ihm neugierig zu und beobachtete ihn aufmerksam.
Augenscheinlich befand sich Lebdkin, wenn er nun auch schon eine Woche
nicht mehr getrunken hatte, doch noch lngst nicht in einem harmonischen
Gemtszustande. In solchen langjhrigen Trinkern setzt sich schlielich
fr immer etwas Ungereimtes, Dunstiges, Irrsinniges fest, das sie
gleichsam benommen erscheinen lt -- was sie brigens nicht hindert,
wenn es ntig ist, nicht ungeschickter als nchterne Leute zu betrgen,
zu intrigieren und auch zu berechnen.

Ich sehe, da Sie sich in diesen viereinhalb Jahren nicht im geringsten
verndert haben, Hauptmann, sagte Stawrogin wie ein wenig freundlicher.
Man sieht wieder einmal, da die ganze zweite Hlfte des menschlichen
Lebens meist nur aus den in der ersten Hlfte angenommenen Gewohnheiten
besteht.

Erhabene Worte! Sie lsen das Rtsel der Welt! rief der Hauptmann
entzckt, halb mit verstellter, halb mit wirklich echter Begeisterung,
denn er war ein groer Liebhaber guter Aussprche. Von allem, was Sie
gesagt haben, Nicolai Wszewolodowitsch, habe ich eines ganz besonders
behalten ... noch in Petersburg haben Sie's gesagt: >Man mu in der Tat
ein groer Mensch sein, um sogar gegen die gesunde Vernunft stand halten
zu knnen<. Sehen Sie!

Oder ebensogut auch ein Dummkopf.

So? Na, dann mein'twegen auch ein Dummkopf, nur haben Sie Ihr Lebelang
mit dem Scharfsinn nur so um sich geworfen, die anderen aber? Mgen doch
Liputin und Pjotr Stepanowitsch auch einmal etwas hnliches sagen! Oh,
wie grausam Pjotr Stepanowitsch mit mir umgegangen ist! ...

Aber Sie, Hauptmann, wie haben Sie sich denn selbst benommen?

Ach, das betrunkene Aussehen und dazu noch die Unmenge meiner Feinde!
Aber jetzt ist alles, alles vorber und ich erneuere mich, fahre aus der
alten Haut wie eine Schlange. Wissen Sie auch, Nicolai Wszewolodowitsch,
da ich mein Testament schreibe, da ich's schon geschrieben habe?

Das ist allerdings interessant. Was vermachen Sie denn und wem das?

Dem Vaterlande, der Menschheit und den Studenten. Nicolai
Wszewolodowitsch, ich habe einmal in einer Zeitung die Biographie eines
Amerikaners gelesen. Er vermachte sein ganzes, riesiges Vermgen den
Fabriken und den positiven Wissenschaften, sein Skelett den Studenten
der Universitt seiner Stadt und seine Haut bestimmte er fr eine
Trommel, auf der man Tag und Nacht die amerikanische Nationalhymne
trommeln sollte! Ach, wir sind ja Pygmen im Vergleich mit dem
Gedankenflug der nordamerikanischen Staaten! Ruland ist ja nur ein
Spiel der Natur, aber nicht des Verstandes. Wenn ich's versuchen wollte,
meine Haut, sagen wir, dem Akmolinskschen Infanterieregiment, in dem ich
die Ehre hatte, meinen Dienst zu beginnen, mit der Bedingung zu
vermachen, da man aus ihr ein Trommelfell verfertigt, auf dem man
tglich vor dem ganzen Regiment die russische Nationalhymne trommeln
soll -- man hielte es sofort fr Liberalismus und konfiszierte meine
Haut! ... Darum habe ich mich denn mit den Studenten begngt. Mein
Skelett hab' ich der Akademie vermacht, aber mit der Bedingung,
einstweilen nur unter der Bedingung, da sie auf die Stirn fr alle
ewigen Ewigkeiten ein Zettelchen kleben mit den Worten: >Ein reuiger
Freidenker<. Jawohl!

Der Hauptmann sprach mit Begeisterung und glaubte jetzt natrlich schon
selbst an die Schnheit des amerikanischen Vermchtnisses, wenn er auch
als schlauer Mensch zu gleicher Zeit Stawrogin, dessen Narr er frher
gewesen war, aus Berechnung belustigen wollte. Aber der hatte diesmal
keine Lust zu lachen, sondern fragte im Gegenteil nur eigentmlich
mitrauisch:

Sie beabsichtigen wohl, Ihr Testament noch bei Lebzeiten zu
verffentlichen und dafr eine Belohnung zu erhalten?

Und wenn dem so wre, Nicolai Wszewolodowitsch, und wenn dem so wre?
Lebdkin sah sich vorsichtig in ihn hinein. Denn -- was ist denn mein
Los jetzt eigentlich! Sogar Verse schreibe ich nicht mehr und einst
haben doch sogar Sie sich an meinen kleinen Gedichten ergtzt, Nicolai
Wszewolodowitsch, wissen Sie noch, bei der Flasche? Aber aus ist's nun
mit der Feder! Hab nur noch ein einziges Lied geschrieben, wie Gogol
seine >Letzte Geschichte<. Sie wissen doch, Gogol verkndete ganz
Ruland, da sie sich aus seiner Seele >herausgesungen< habe. So auch
ich: hab's herausgesungen und damit -- basta!

Was ist denn das fr ein Gedicht?

Tja, es heit: >Im Fall sie sich den Fu zerbrche<!

Wi--ie?

Darauf hatte der Hauptmann nur gewartet. Seine Gedichte achtete und
schtzte er zwar grenzenlos, doch zugleich gefiel es ihm -- wohl aus
einer gewissen durchtriebenen Zwieheit der Seele -- da sie Stawrogin,
der frher zuweilen so ber sie gelacht hatte, da er sich die Seiten
hielt, immer belustigten. Auf diese Weise erreichte er gewhnlich zwei
Ziele mit einem Mittel: ein poetisches und ein geschftliches Ziel.
Diesmal aber gab es noch ein drittes, ein ganz besonderes und uerst
kitzliches: der Hauptmann hoffte nmlich, als er das Gedicht heranzog,
sich auf diese Manier am leichtesten in einem gewissen Punkte
rechtfertigen zu knnen, hoffte dies um so mehr, als er aus einem
bestimmten Grunde gerade in diesem Punkt seine Schuld fr grer als in
allen anderen Punkten hielt.

>Im Fall sie sich den Fu mal brche<, das heit, beim Reiten. Eine
bloe Phantasie, Nicolai Wszewolodowitsch, ein Traumbild, aber das
Traumbild eines Dichters! Einmal, beim Spazierengehen, sah dieser
Dichter eine Reiterin, und da stellte er sich dann die materialistische
Frage: >was wrde dann sein?< -- das heit, in dem Falle, _wenn_! Die
Sache ist doch klar: alle Kurmacher gehen sogleich wie die Krebse
rckwrts, fort sind all die Heiratskandidaten, also -- >wisch den Mund
ab morgen frh<, fgte er pltzlich auf Deutsch hinzu, nur der Dichter
bleibt treu, nur er mit dem gebrochenen Herzen in der Brust! Nicolai
Wszewolodowitsch, sogar eine winzige Laus darf verliebt sein, denn kein
Gesetz verbietet's ihr. Und doch fhlte sich die Dame gekrnkt durch
meinen Brief, wie durch das Gedicht. Sogar Sie sollen sich gergert
haben, sagt man -- ist's wahr? Das wre jammerschade, wollt's gar nicht
glauben! Nun, sagen Sie doch selbst, wen konnte ich denn mit bloer
Einbildung beleidigen? Zudem ist hier noch, mein Ehrenwort, Liputin
dabei: >Schreiben Sie, schreiben Sie unbedingt, jeder Mensch hat das
Recht, Briefe zu schreiben<, sagte er -- und so schickte ich's denn ab.

Sie haben sich, glaube ich, als Brutigam vorgeschlagen?

Feinde, Feinde, nichts als Feinde! ...

Sagen Sie das Gedicht! fiel ihm Stawrogin streng ins Wort.

Ein Traum, blo ein Traum, sag ich Ihnen!

Aber er setzte sich doch in Positur, streckte die Hand aus und begann:

     Das schnste Weib brach mal ein Glied,
   Doch ward es dadurch nur aparter!
   Und doppelt liebte sie fortan
   Der ohnehin in sie verliebte Dichtersmann ...

Genug! Stawrogin winkte ab.

Oh, ich sehne mich nach Pietjer[39]! rief Lebdkin, schnell auf ein
anderes Gebiet berspringend, als wre von Gedichten nie die Rede
gewesen. Ich denke an eine Auferstehung, ich trume von einer
Wiedergeburt ... Mein Wohltter! Darf ich darauf rechnen, da Sie mir
nicht die Mittel zur Reise verweigern werden? Ich hab Sie die ganze
Woche wie die liebe Sonne erwartet.

Nein, darauf drfen Sie nicht rechnen. Auerdem ist mir von meinem
Kapital fast nichts mehr verblieben. Und berhaupt, warum sollte ich
Ihnen Geld geben? ...

Stawrogin schien sich pltzlich gergert zu haben. Kurz und trocken
zhlte er alle Vergehen des Hauptmanns auf: das unmige Trinken, die
Lgengeschichten, Verschwendung des Geldes, das Marja Timofejewna
gehrte, dann, da er sie aus dem Kloster genommen hatte, die frechen
Briefe mit den Drohungen, das Geheimnis bekanntzumachen, die Geschichte
mit Darja Pawlowna usw., usw. Der Hauptmann wogte geradezu hin und her,
gestikulierte, wollte widersprechen, doch Stawrogin wies ihn jedesmal
herrisch zur Ruh.

Und erlauben Sie, bemerkte er zum Schlu, Sie schreiben immer von
einer >Familienschande<. Ich sehe darin keine Schande fr Sie, da Ihre
Schwester Stawrogins rechtmig getraute Frau ist.

Aber die Ehe ist ein Geheimnis, Nicolai Wszewolodowitsch, niemand wei
davon, ein verhngnisvolles Geheimnis! Ich bekomme Geld von Ihnen und
pltzlich stellt man mir die Frage: wofr bekommst du dieses Geld? Ich
aber bin gebunden und kann nicht antworten, zum Schaden meiner Schwester
-- und zum Schaden meiner Familienehre!

Der Hauptmann erhob bereits die Stimme: dieses Thema liebte er ganz
besonders und er hatte sich in diesem Sinne schon vorbereitet, denn
darauf beruhte seine ganze Hoffnung. Wie htte er auch ahnen sollen,
welch eine niederschmetternde berraschung ihn gerade auf dieser seiner
Basis erwartete! Ruhig und bestimmt, als ob es sich um die alltglichste
husliche Angelegenheit handelte, teilte ihm Stawrogin mit, da er die
Absicht habe, in diesen Tagen, vielleicht morgen oder bermorgen, seine
Heirat allgemein bekanntzumachen, sie >sowohl der Polizei wie der
Gesellschaft< anzuzeigen -- so da denn die Frage der Familienehre
damit endgltig erledigt sein werde, und die der Subsidien gleichfalls.

Der Hauptmann ri die Augen auf: er begriff nicht einmal, was er da
hrte; so mute denn alles noch durchgesprochen werden.

Aber sie ist doch ... halbverrckt?

Das ist meine Sache.

Aber ... was wird denn Ihre Mutter --?

Das geht Sie wenig an, Lebdkin.

Aber Sie werden doch Ihre Frau in Ihr Haus fhren?

Sehr leicht mglich. brigens ist das schon ganz und gar nicht Ihre
Sache, das geht Sie nicht das geringste an.

Wie, nicht angehen? schrie der Hauptmann auf. Und ich?

Nun, Sie kommen doch selbstverstndlich nicht in mein Haus.

Aber ich bin doch Ihr Verwandter!

Fr solche Verwandte dankt man. Und warum soll ich Ihnen nun noch Geld
geben, sagen Sie doch selbst?

Nicolai Wszewolodowitsch, Nicolai Wszewolodowitsch, das kann ja nicht
sein, Sie werden sich das doch noch berlegen, Sie werden doch nicht
Hand an sich legen wollen ... was wird man denken, was wird man in der
Gesellschaft sagen?

Frchte wahrlich sehr diese Gesellschaft! Habe ich doch Ihre Schwester
geheiratet, als ich es wollte, damals, nach dem Gelage, auf die trunkene
Wette hin, und jetzt zeige ich es ffentlich an ... wenn mir das jetzt
Vergngen macht.

Er sagte das ganz eigentmlich gereizt, so da Lebdkin schon mit
Entsetzen zu glauben begann.

Aber ich, was wird denn mit mir, die Hauptsache dabei bin doch ich! ...
Sie scherzen vielleicht nur, Nicolai Wszewolodowitsch?

Nein, ich scherze nicht.

Wie Sie wollen, Nicolai Wszewolodowitsch, aber ich glaube Ihnen nicht
... dann werde ich eine Bittschrift einreichen.

Sie sind furchtbar dumm, Hauptmann.

Meinetwegen, aber das ist doch alles, was mir brigbleibt! sagte der
Hauptmann ganz wirr in seiner Benommenheit. Frher gab man mir dort in
den Winkeln fr ihre Arbeit wenigstens ein Obdach, aber was soll denn
jetzt aus mir werden, wenn Sie mich ganz fallen lassen?

Aber Sie wollen doch nach Petersburg, um Ihre Karriere zu verndern.
brigens, ist es wahr, da Sie, wie ich hrte, beabsichtigten, zu
denunzieren -- in der Hoffnung, begnadigt zu werden, wenn Sie die
anderen anzeigen?

Der Hauptmann ffnete den Mund und ri die Augen auf, doch eine Antwort
gab er nicht.

Hren Sie, Hauptmann, begann pltzlich Stawrogin ungewhnlich ernst
und beugte sich ein wenig vor zum Tisch.

Bis jetzt hatte er noch gewissermaen zweideutig gesprochen, so da
Lebdkin, der sich nun einmal an die Rolle des Narren gewhnt hatte,
noch immer ein wenig im Zweifel war: ob sich sein Prinz Heinz in der Tat
rgerte oder ob er, als er von der Verffentlichung seiner Heirat
sprach, nur zu scherzen beliebte. Jetzt aber war der ungewhnliche Ernst
Stawrogins dermaen berzeugend, da dem Hauptmann pltzlich geradezu
ein Frsteln ber den Rcken lief.

Hren Sie, und sagen Sie die ganze Wahrheit, Lebdkin: haben Sie schon
denunziert, oder noch nicht? Ist es Ihnen nicht schon gelungen, irgend
etwas in der Hinsicht zu tun? Haben Sie nicht aus Dummheit schon
irgendeinen Brief abgeschickt?

Nein, noch nicht, und ... ich hab' nicht einmal daran gedacht! und der
Hauptmann sah ihn an, ohne sich zu rhren.

Nun, das lgen Sie, da Sie daran noch nicht gedacht haben. Deswegen
wollen Sie ja auch nach Petersburg. Aber wenn Sie noch nichts
geschrieben haben, sollten Sie dann nicht hier irgend etwas mit irgend
jemandem geschwtzt haben? Sagen Sie die Wahrheit. Ich habe so etwas
gehrt.

In der Betrunkenheit mit Liputin. Liputin ist ein Verrter. Ich habe
ihm nur mein Herz ausgeschttet, flsterte der arme Hauptmann.

Nun ja, das eine Herz dem anderen Herzen, ich wei schon, aber man
braucht doch nicht gleich bldsinnig zu sein. Wenn Sie den Gedanken
hatten, so htten Sie ihn fr sich behalten sollen. Heutzutage schweigen
kluge Leute und reden nicht.

Nicolai Wszewolodowitsch, -- der Hauptmann erzitterte. Sie selbst
haben sich doch an nichts beteiligt, ich hab doch nicht Sie ...

Wie sollten Sie denn, bewahre, Ihre eigene Milchkuh!

Nicolai Wszewolodowitsch, so urteilen Sie doch selbst! So sagen Sie
doch! ...

Und in der Verzweiflung begann er, mit Trnen in den Augen, sein Leben
in diesen letzten vier Jahren zu erzhlen. Es war die trichte
Geschichte eines hereingefallenen Dummkopfs, der seine Nase in Sachen
gesteckt, die nicht fr ihn geschaffen waren, und deren Wichtigkeit er
ber Trinken und Schlemmen fast bis zum letzten Augenblick noch nicht
begriffen hatte. Er erzhlte, er habe sich schon in Petersburg einfach
verleiten lassen, aus reiner Freundschaft, wie ein treuer Student, das
heit, ohne eigentlich Student zu sein, verschiedene Bltter durch die
Tren, in die Schirme zu stecken, oder wie Zeitungen in die Briefksten,
und wo sich nur eine Gelegenheit bot, im Theater wie auf der Strae, in
die Hte oder Taschen zu befrdern. Spterhin habe er auch Geld von
ihnen genommen, denn was sind denn meine Einnahmen, Sie wissen doch
selbst! Kurz, in zwei ganzen Gouvernements hatte er allerlei Schund
verstreut.

Oh, Nicolai Wszewolodowitsch, rief er aus, am meisten hat mich
emprt, da diese Papierlappen so ganz gegen alle brgerlichen und
besonders vaterlndischen Gesetze waren! Da ist denn pltzlich gedruckt,
sie sollen mit den Heugabeln kommen und nicht vergessen, da, wer
morgens arm ausgeht, abends reich zurckkommen kann -- stellen Sie sich
doch nur so was vor! Ein Schauer fat mich selber und doch stopfe ich
die Schandbltter berall hin ... oder pltzlich fnf, sechs Zeilen an
ganz Ruland, so, mir nichts, dir nichts, ganz einfach: >Schliet
schnell die Kirchen, vernichtet Gott, lst die Ehe, hebt das Recht der
Erbfolge auf, nehmt die Messer!< -- und das ist alles, und der Teufel
wei, was weiter. Und gerade mit diesem Papierchen, dem fnfzeiligen,
bin ich dann beinahe hereingefallen, im Regiment haben mich die
Offiziere verprgelt, aber dann -- Gott gebe ihnen Gesundheit! -- haben
sie mich wieder laufen lassen. Doch im vorigen Jahre haben sie mich
beinahe wirklich gepackt, wie ich Fnfzigrubelscheine, franzsische
Kopien, Korowajeff bergab. Aber, Gott sei Dank, Korowajeff ertrank bald
darauf in betrunkenem Zustande im Teich -- und man konnte nichts gegen
mich unternehmen. Hier bei Wirginski hatte er noch die Freiheit der
sozialen Frau verkndet. Im Juni hab ich wieder im ...schen Kreise alles
mgliche herumgestreut. Die sagen, ich msse bald wieder ... Pjotr
Stepanowitsch gibt pltzlich zu verstehen, da ich gehorchen mu und
droht mir einfach. Aber wie hat er mich damals am Sonntag behandelt!
Nicolai Wszewolodowitsch, ich bin ein Sklave, ein Wurm, aber kein Gott
-- nur dadurch unterscheide ich mich von Dershawin. Doch was sind denn
meine Einnahmen? Sie wissen ja selbst!

Stawrogin hatte ihm aufmerksam zugehrt.

Vieles war mir davon ganz unbekannt, sagte er; mit Ihnen konnte
selbstverstndlich alles geschehen ... Hren Sie, er dachte ein wenig
nach, wenn Sie wollen, so sagen Sie ihnen -- Sie wissen schon, wem --,
da Liputin gelogen hat und da Sie nur mich mit einer Denunziation
htten schrecken wollen, in der Annahme, auch ich sei kompromittiert ...
um auf diese Weise mehr Geld aus mir herauszubekommen ... Verstanden?

Nicolai Wszewolodowitsch, Liebling, Tubchen, droht mir denn wirklich
solch eine Gefahr? Ich habe ja nur auf Sie gewartet, um Sie das fragen
zu knnen!

Stawrogin lachte kurz auf.

Nach Petersburg wird man Sie natrlich nicht lassen, selbst wenn ich
Ihnen das Geld zur Reise geben wollte ... brigens, es ist Zeit, zu
Marja Timofejewna zu gehen. Er erhob sich.

Nicolai Wszewolodowitsch, aber wie wird das nun mit ihr, mit Marja
Timofejewna?

Ja, so, wie ich sagte.

Ist das denn wirklich wahr?

Sie glauben noch immer nicht?

Wollen Sie mich denn wirklich so liegen lassen, wie einen alten,
vertragenen Stiefel?

Ich werde sehen, meinte Stawrogin halb lachend. Nun, lassen Sie
mich.

Wnschen Sie nicht, da ich so lange auf der Treppe stehe ... damit ich
nicht irgendwie versehentlich zuhre ... die Zimmerchen sind klein.

Das ist recht. Warten Sie ein wenig auf der Treppe. Nehmen Sie meinen
Regenschirm.

Ihren Regenschirm, Ihren ... bin ich denn das wert? fragte der
Hauptmann unterwrfig.

Einen Schirm ist jeder wert.

Mit einem Schlage treffen Sie wieder das Minimum der menschlichen
Rechte ... sagte Lebdkin, doch schon mehr mechanisch: er war doch gar
zu bedrckt und eigentlich ganz wie vor den Kopf geschlagen. Einstweilen
aber, fast gleich darauf, als er den Schirm ber sich aufgeschlagen
hatte, begann sich in seinem leichtsinnigen Gehirn schon ein uerst
beruhigender Gedanke mehr und mehr auszubreiten: wie, wenn man ihn blo
betrgen wollte und ihn belog? War dem aber so, dann frchtete man sich
also vor ihm und -- wozu sollte _er_ sich dann noch frchten?

Wenn man lgt und betrgt, so tut man das doch stets aus irgend einem
Grunde -- was fr einer mag das nun hier sein? krabbelte es in seinem
Kopf herum. Die Verffentlichung der Heirat schien ihm Bldsinn zu sein:
Aber wei Gott: bei diesem Wundertter ist nichts unmglich, -- lebt ja
berhaupt nur zu dem Zweck, um die Menschen zu rgern! Wie aber, wenn er
Angst vor mir bekommen hat nach dem Sonntag? Hm ... und noch so, wie nie
zuvor? Da ist er nun hergeeilt, um zu versichern, da er selbst alles
bekanntmachen werde, aus Angst, ich knnte es sonst tun. Lebdkin, sieh
dich vor, schie keinen Bock! Hm! ... Und warum kommt er denn heimlich
in der Nacht, wenn er's selbst ausblasen will? Aber wenn er sich
frchtet, so frchtet er sich jetzt, frchtet gerade fr diese paar
Tage. Hm! ... pa auf, Lebdkin! ...

Schreckt mich mit Pjotr Stepanowitsch! Da kann einem ganz angst und
bange werden -- gerade, was _das_ betrifft! Hm ... wei Gott! wahrhaftig
angst und bange. Was plagte mich nur, diesem Liputin, solch einem ...
Der Teufel mag wissen, was diese Beelzebuben da im Spiele haben -- bin
nie draus klug geworden! Haben sich jetzt wieder eingefunden, genau wie
vor fnf Jahren ... Ja, wem htt' ich's denn sagen sollen? >Haben Sie
nicht aus Dummheit irgend jemandem geschrieben?< Hm! Also kann man auch
unter dem Anschein groer Dummheit schreiben? War das vielleicht gar ein
Rat? >Deswegen wollen Sie ja nach Petersburg.< Der Schuft! Ich hab's
blo mal getrumt, er aber hat sogar den Traum schon erraten! Ganz als
ob er selber zur Reise nach Petersburg raten mchte. Hm! Hier werden
wohl zwei Sachen im Spiele sein: entweder er frchtet sich selber, weil
er wieder was Schnes angerichtet hat, oder ... oder er frchtet selbst
berhaupt nichts und schubst nur mich, damit ich sie alle da anzeige!
Ach, Lebdkin, da kann einem wahrhaftig angst und bange werden! Wenn man
dabei nur keinen Bock schiet! ...

Und er kam dermaen ins Nachdenken, da er selbst das Lauschen verga.
brigens wre es ihm auch schwer gefallen, etwas zu verstehen; die Tr
war nicht dnn und das Gesprch wurde nur leise gefhrt -- nur hin und
wieder drang ein unklarer Laut bis zu ihm. Endlich spuckte er aus und
trat wieder aus dem Flur auf die Treppe hinaus, wo er in Gedanken leise
vor sich hin pfiff.


                                  III.

Das Zimmer, in dem Marja Timofejewna sa, war fast zweimal so gro wie
das erste, das der Hauptmann bewohnte. Alle Gegenstnde der Einrichtung
waren von derselben einfachsten Art, doch der Tisch vor dem Sofa war mit
einem geblmten Paradetischtuch bedeckt, und auf ihm stand eine
brennende Lampe. ber den ganzen ungestrichenen Fuboden hatte man einen
schnen Teppich gebreitet und die Bettstelle mit einem grnen Vorhang
vllig abgeteilt. Auerdem befand sich in dem Zimmer noch ein groer
weicher Lehnstuhl, in den sich aber Marja Timofejewna niemals setzte. In
der einen Ecke hing ganz wie in der alten Wohnung ein Heiligenbild, vor
dem das Lmpchen brannte, und ganz wie damals lagen auch jetzt wieder
die unvermeidlichen Sachen auf dem Tisch vor Marja Timofejewna: ein
Spiel Karten, ein kleiner Spiegel, das Liederbuch und auch wieder eine
Semmel. Hinzugekommen waren nur zwei kleine Bcher mit bunten Bildern,
von denen das eine fr die Jugend bearbeitete Reisebeschreibungen
enthielt, das andere kleine moralische Erzhlungen, vornehmlich
Rittergeschichten -- so ein Buch fr den Weihnachtstisch oder junge
Mdchen im Institut. Marja Timofejewna hatte natrlich den Gast
erwartet, doch als Stawrogin eintrat, schlief sie halb liegend auf dem
Sofa, auf ein hartes Kissen gebeugt. Der Gast schlo unhrbar die Tr
hinter sich und begann, ohne sich von der Stelle zu rhren, die
Schlafende zu betrachten.

Der Hauptmann hatte bertrieben, als er sagte, sie habe sich besonders
geputzt. Sie war in demselben dunklen Kleide, in dem sie am Sonntag bei
Warwara Petrowna gewesen war. Das Haar hatte sie im Nacken ebenso zu
einem winzigen Knoten zusammengesteckt, und der lange magere Hals war
genau so wie damals entblt. Der schwarze Shawl, den Warwara Petrowna
ihr geschenkt hatte, lag sorgfltig zusammengefaltet neben ihr auf dem
Sofa. Sie war wie gewhnlich ungeschickt gepudert und geschminkt.
Stawrogin stand noch nicht eine Minute, als sie pltzlich, als htte sie
seinen Blick gefhlt, erwachte, die Augen aufschlug und sich schnell aus
der halb liegenden Stellung aufrichtete. Doch offenbar ging auch in dem
Gast etwas Sonderbares vor: er blieb auf demselben Fleck an der Tr
stehen und rhrte sich nicht; regungslos und mit durchdringendem Blick
fuhr er fort, ihr wortlos und beharrlich ins Gesicht zu sehen.
Vielleicht war dieser Blick bermig hart, vielleicht drckte sich in
ihm Ekel aus, oder sogar schadenfroher Genu an ihrem Schreck -- wenn
das nicht Marja Timofejewna nach dem Erwachen nur so schien. Doch wie
dem auch war, jedenfalls drckte sich im Gesicht der Armen pltzlich,
nach fast minutenlangem Warten, vollstndiges Entsetzen aus: ein
krampfartiges Zucken lief durch ihre Zge, sie erhob ihre bebenden
Hnde, wie zur Abwehr, und pltzlich begann sie zu weinen, genau so, wie
ein erschrecktes Kind; noch ein Augenblick -- und sie htte geschrien.
Doch der Gast kam zur Besinnung: in einer Sekunde vernderte sich sein
ganzes Gesicht, und mit dem freundlichsten, liebenswrdigsten Lcheln
trat er an den Tisch.

Verzeihen Sie mir, ich habe Sie erschreckt, Marja Timofejewna, Sie
schliefen und ich bin so unbemerkt eingetreten, sagte er und streckte
ihr die Hand entgegen.

Der Ton der freundlichen Worte tat seine Wirkung: der Schreck verschwand
aus ihrem Gesicht, wenn sie ihn auch immer noch angstvoll anblickte,
augenscheinlich bemht, sich irgend etwas zu erklren. ngstlich
streckte sie ihm die Hand entgegen und schlielich zuckte denn auch ein
schchternes Lcheln um ihre Lippen.

Guten Tag, Frst, flsterte sie und sah ihn dabei ganz sonderbar und
aufmerksam an.

Sie haben wohl einen bsen Traum gehabt? fragte er und lchelte noch
liebenswrdiger, noch freundlicher.

Wie knnen Sie wissen, da mir _davon_ getrumt hat?

Und pltzlich erbebte sie wieder, taumelte erschrocken zurck, erhob wie
zur Abwehr die Hand und wieder verzog sich ihr Gesicht, wie das eines
kleinen Kindes, das weinen will.

Aber so beruhigen Sie sich doch! Warum frchten Sie sich? Haben Sie
mich denn wirklich nicht erkannt? redete ihr Nicolai Wszewolodowitsch
zu, doch diesmal konnte er sie lange nicht beruhigen.

Schweigend sah sie ihn an und noch immer lag in ihrem fragenden Blick
ein qulender Zweifel, irgend ein schwerer Gedanke, den ihr armer Kopf
nicht zu fassen vermochte. Dabei war es, als strenge sie sich krampfhaft
an, irgend etwas zu Ende zu denken. Bald senkte sie die Augen, bald
schlug sie sie pltzlich wieder auf und berflog ihn mit einem
schnellen, umfassenden Blick. Endlich schien sie sich -- zwar nicht
beruhigt, aber doch wie zu etwas entschlossen zu haben.

Setzen Sie sich, bitte, neben mich, damit ich Sie nachher gut sehen
kann, sagte sie ziemlich fest, augenscheinlich mit einer ganz
bestimmten und neuen Absicht. Aber jetzt seien Sie ganz ruhig, denn ich
werde Sie nicht ansehen, und auch Sie sollen mich nicht ansehen, so
lange nicht, bis ich Sie selbst darum bitte. Setzen Sie sich nun! fgte
sie pltzlich sogar mit Ungeduld hinzu.

Die neue Empfindung bemchtigte sich ihrer sichtlich immer mehr.

Stawrogin setzte sich und wartete; ein Schweigen begann und dauerte
ziemlich lange.

Hm! Sonderbar erscheint mir das alles, murmelte sie pltzlich und fast
wie angeekelt. Mich haben natrlich schlechte Trume bestrickt; nur --
warum muten gerade Sie mir in eben dieser Gestalt im Traume
erscheinen?

Lassen wir jetzt die Trume, unterbrach er sie ungeduldig und wandte
sich zu ihr, trotz des Verbotes, sie anzusehen, und vielleicht blitzte
flchtig wieder jener Ausdruck von vorhin in seinen Augen auf. Er sah,
da sie mehrmals und sogar sehr gern zu ihm aufblicken wollte, sich
jedoch jedesmal bezwang und hartnckig den Blick zu Boden gesenkt hielt.

Hren Sie, Frst, sagte sie pltzlich lauter. Hren Sie, Frst ...

Warum wenden Sie sich von mir ab, warum sehen Sie mich nicht an, was
soll diese ganze Komdie? rief er gergert, da ihm die Geduld ri.

Sie aber schien ihn berhaupt nicht zu hren.

Hren Sie, Frst, wiederholte sie zum drittenmal mit fester Stimme und
mit einem unangenehmen, geschftigen Ausdruck im Gesicht. Als Sie mir
damals in der Equipage sagten, die Heirat werde jetzt ffentlich
bekanntgemacht werden, da erschrak ich schon damals, weil dann das
Geheimnis doch aufhren wrde. Jetzt aber wei ich gar nicht mehr ...
Ich habe die ganze Zeit gedacht, und sehe nun deutlich, da ich nicht
dazu tauge. Zu putzen wrde ich mich schon verstehen, zu empfangen
schlielich auch: als ob es wunder wie schwer wre, zu einer Tasse Tee
einzuladen, besonders wenn man noch Diener in Livree hat! Aber immerhin,
wenn man so von der Seite sehen wird ... Ich habe damals, am Sonntag
vormittag, vieles in jenem Hause gesehen. Dieses hbsche Frulein hat
mich die ganze Zeit angesehen, besonders als Sie eintraten. Das waren
doch Sie, der eintrat, nicht? Ihre Mutter war nur eine drollige alte
Dame. Mein Lebdkin hat sich auch ausgezeichnet. Um nicht ber ihn
lachen zu mssen, hab ich immer zur Zimmerdecke hinaufgeschaut, schn
war sie da bemalt! _Seine_ Mutter aber mte nur btissin sein. Ich
frchte mich vor ihr, wenn sie mir auch den schwarzen Schal geschenkt
hat. Die haben mich damals wohl alle nur als berraschung empfunden; das
krnkt mich ja nicht, nur sa ich dort so und dachte bei mir: was bin
ich denn fr die hier fr eine Verwandte? Ich wei wohl, von einer
Grfin verlangt man nur seelische Eigenschaften -- denn fr die
wirtschaftlichen hat sie doch viele Diener -- und dann noch so ein
bichen gesellschaftliche Koketterie, damit sie auslndische Reisende zu
empfangen versteht. Aber trotzdem, damals am Sonntag sahen sie mich doch
ganz ohne Vertrauen an. Nur Dascha ist ein Engel. Ich frchte sehr, da
sie _ihn_ irgendwie mit einer unvorsichtigen Bemerkung ber mich krnken
knnten.

Stawrogin verzog den Mund.

Frchten Sie sich nicht und machen Sie sich keine Sorgen, sagte er.

Aber das machte mir ja auch nichts aus, selbst wenn er sich meinetwegen
ein wenig schmen sollte, denn es wre doch immer mehr Mitleid als
Schande dabei, denke ich -- freilich, je nach dem, wie der Mensch selbst
ist. Denn er wei doch, da eher ich sie bemitleiden kann, nicht aber
sie mich.

Sie haben sich wohl sehr gekrnkt gefhlt, Marja Timofejewna?

Wer, ich? Nein. Sie lachte gutmtig. Nicht ein bichen. Ich sah mir
damals nur alle so an und dachte so bei mir: alle rgert ihr euch, alle
seid ihr entzweit; nicht einmal zusammenzukommen und von Herzen zu
lachen verstehen sie. So viel Reichtum, und dabei so wenig Frhlichkeit
-- traurig war mir das alles. brigens, jetzt tut mir niemand leid,
auer mir selbst.

Ich hrte, Sie htten mit Ihrem Bruder ein schlechtes Leben gehabt,
ohne mich?

Wer hat Ihnen das gesagt? Unsinn! Jetzt ist es viel schlechter: jetzt
sind die Trume schlecht, und schlecht sind die Trume deshalb geworden,
weil Sie angekommen sind. Sie aber, fragt es sich, warum sind Sie denn
hergekommen, sagen Sie das doch geflligst!

Wollen Sie nicht wieder ins Kloster gehen?

So, das ahnte ich ja, da man mir wieder das Kloster vorschlagen wird!
Als ob euer Kloster da Gott wei was fr ein Wunderding wre! Und warum
soll ich denn wieder ins Kloster gehen, und womit soll ich denn jetzt
noch dorthin? Jetzt bin ich doch schon ganz und gar allein! Es ist zu
spt fr mich, ein drittes Leben anzufangen.

Sie scheinen sich ber irgend etwas sehr zu rgern, -- frchten Sie
nicht schon, da ich aufgehrt haben knnte, Sie zu lieben?

Ach, um Sie mache ich mir ja gar keinen Kummer. Ich frchte nur fr
mich, da ich selbst aufhren knnte, jemanden sehr zu lieben.

Sie lchelte verchtlich.

Ich werde wohl vor _ihm_ in etwas sehr Groem schuldig sein, sagte sie
pltzlich wie zu sich selbst. Nur wei ich nicht, worin ich schuldig
sein knnte, und das ist nun mein ewiges Leid. Immer und immer, diese
ganzen fnf Jahre, habe ich Tag und Nacht gebangt, da ich vor ihm
schuldig sein knnte. Und da bete ich denn lange und bete und denke
immer an meine groe Schuld vor ihm. Und nun hat es sich auch richtig
herausgestellt, da ich wahr gefhlt habe.

Was hat sich herausgestellt?

Nur frchte ich, ob da nicht etwas von _ihm_ aus geschieht, fuhr sie
fort, ohne auf die Frage zu antworten, die sie vielleicht berhaupt
nicht gehrt hatte. Und doch, wie knnte er sich denn mit solchen
Leutchen zusammentun! Die Grfin wrde mich wohl gern verschlingen,
obschon sie mich in ihre Karosse gesetzt hat. Alle sind sie an der
Verschwrung beteiligt -- sollte auch _er_ es sein!? Sollte auch er ein
Verrter sein? (Ihr Kinn und ihre Lippen begannen zu zittern.) Hren
Sie, haben Sie von Grischka Otrepjeff gelesen, dem falschen Demetrius,
der in sieben Kathedralen verflucht ward?

Stawrogin schwieg.

Aber ja, jetzt werde ich mich zu Ihnen wenden und werde Sie ansehen,
entschlo sie sich pltzlich. Wenden Sie sich auch zu mir und sehen Sie
mich an, aber recht aufmerksam: ich will mich zum letztenmal
berzeugen.

Ich sehe Sie schon lange an.

Hm! sagte Marja Timofejewna und betrachtete ihn angestrengt.

Viel dicker sind Sie geworden ...

Sie wollte noch etwas sagen, doch pltzlich ergriff der frhere Schreck
sie wieder und zum drittenmal fuhr sie mit geradezu entsetztem Gesicht
zurck und erhob dabei wieder wie zur Abwehr die Hand.

Was haben Sie nur, was fehlt Ihnen? rief Stawrogin wtend.

Doch der Schreck dauerte nur einen Augenblick; ihr Gesicht verzog sich
zu einem sonderbaren, mitrauischen, unangenehmen Lcheln.

Ich bitte Sie, Frst, stehen Sie auf und treten Sie ein, sagte sie
pltzlich sehr bestimmt und mit fester Stimme.

Wie, eintreten? Wohin eintreten?

Diese ganzen fnf Jahre habe ich mir immer nur vorgestellt, wie das
sein wird, wenn Er eintritt. Stehen Sie auf und gehen Sie ins andere
Zimmer, hinter die Tr. Ich werde dann hier sitzen, als erwartete ich
nichts, und werde ein Buch in die Hand nehmen. Und pltzlich treten Sie
dann ein, nach fnf Jahren, und sind von der Reise zurckgekehrt. Ich
mchte sehen, wie das sein wird.

Stawrogin knirschte mit den Zhnen und murmelte etwas Unverstndliches.

Genug, sagte er und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Ich
bitte Sie, Marja Timofejewna, mich jetzt anzuhren. Haben Sie die Gte,
Ihre ganze Aufmerksamkeit zusammen zu nehmen, wenn Sie es knnen. Sie
sind doch nicht total verrckt! entfuhr es ihm in der Gereiztheit.
Morgen werde ich unsere Ehe bekanntmachen. Sie werden nie in Schlssern
wohnen -- fassen Sie sich, bitte! Wollen Sie nun mit mir zusammenwohnen,
das ganze Leben, aber nur sehr weit von hier? Das wre in der Schweiz,
in den Bergen, dort gibt es einen Ort ... Beunruhigen Sie sich nicht,
ich werde Sie niemals verlassen, oder in eine Irrenanstalt stecken. Geld
werde ich noch genug haben, um nicht fr uns betteln zu mssen. Sie
werden ein Dienstmdchen haben; Sie werden keine einzige Arbeit zu
verrichten brauchen. Alles, was Sie innerhalb der Grenzen des Mglichen
wnschen, wird Ihnen verschafft werden. Sie werden beten und tun knnen,
was Sie wollen, und gehen knnen wohin Sie wollen. Ich werde Sie nicht
anrhren. Und auch ich werde diesen Ort nie mehr verlassen. Wenn Sie
wollen, werde ich das ganze Leben lang kein Wort mit Ihnen sprechen,
oder, wenn Sie wollen, so erzhlen Sie mir abends, wie damals in
Petersburg in den Winkeln, Ihre kleinen Geschichten. Oder ich kann Ihnen
auch vorlesen, wenn Sie zum Zuhren Lust haben. Aber dafr das ganze
Leben so an einem einzigen Ort -- und es ist ein dsterer Ort. Wollen
Sie? Knnen Sie sich entschlieen? Und werden Sie es auch nie bereuen,
werden Sie mich nie peinigen mit Trnen und Verwnschungen?

Sie hatte ihm mit ungewhnlicher Aufmerksamkeit zugehrt, darauf schwieg
sie lange und dachte nach.

Unwahrscheinlich kommt mir das alles vor, sagte sie endlich spttisch
und launisch. So knnte ich ja womglich noch vierzig Jahre in jenen
Bergen leben.

Sie begann zu lachen.

Nun, dann leben wir eben noch vierzig Jahre, sagte er mit stark
gerunzelter Stirn.

Hm! ... Um keinen Preis fahre ich dorthin.

Sogar mit mir nicht?

Wer sind Sie denn, da ich mit Ihnen fahren sollte? Vierzig Jahre
nacheinander mit ihm auf einem Berge sitzen -- hrt doch, womit er mir
kommt! Was doch die Menschen heutzutage geduldig geworden sind! Aber
nein, es kann doch nicht sein, da ein Falke zum Uhu ward. Nicht so ist
mein Frst! und sie hob stolz und triumphierend den Kopf.

Da war es ihm, als ginge ihm pltzlich etwas auf.

Warum nennen Sie mich Frst und ... fr wen halten Sie mich berhaupt?
fragte er schnell.

Wie? Sind Sie denn kein Frst?

Ich bin niemals Frst gewesen.

Und das gestehen Sie mir noch, so einfach, so ganz offen, mir ins
Gesicht, da Sie kein Frst sind!

Ich kann Ihnen nur sagen, da ich nie einer gewesen bin.

Mein Gott! Sie schlug die Hnde zusammen. Alles habe ich von _seinen_
Feinden erwartet, aber solche Dreistigkeit doch wirklich nicht! Lebt
_er_ berhaupt noch? rief sie auer sich und rckte auf ihn zu. Hast
du ihn gettet oder nicht, gestehe!

Fr wen hltst du mich? rief er aufspringend und sah sie an mit
verzerrtem Gesicht.

Aber es war schwer, sie jetzt noch zu erschrecken. Sie triumphierte
bereits.

Wer kann es denn wissen, was du bist und woher du kommst! Nur mein
Herz, mein Herz hat in all diesen fnf Jahren die ganze Intrige geahnt!
Und da sitze ich nun und wundere mich: was ist das doch fr eine blinde
Eule, die heute zu mir gekommen ist? Nein, mein Lieber, du bist ein
schlechter Schauspieler, sogar schlechter als mein Lebdkin. Gre die
Grfin von mir recht hflich und richte ihr aus, sie solle doch einen
schicken, der etwas gewandter ist als du. Hat sie dich gemietet, sag?
Sonst dienst du wohl in ihrer Kche, wo sie dich vielleicht aus Gnade
und Barmherzigkeit hlt! Ich durchschaue ja euren ganzen Betrug, euch
alle, bis auf den letzten durchschaue ich!

Er fate sie mit fester Kraft am Arm, ber dem Ellenbogen; sie aber
lachte ihm ins Gesicht.

hnlich bist du ihm, ja, sehr hnlich, vielleicht bist du auch verwandt
mit ihm, -- schlaues Volk! Nur ist _meiner_ ein lichter Falke und ein
Frst, du aber bist eine Eule und ein Krmer! Wenn _meiner_ will, so
beugt er sich vor Gott, will er aber nicht, so beugt er sich auch vor
Gott nicht! Dich aber hat Schatuschka (der Gute, der Liebe, mein
Tubchen Schatuschka!) ins Gesicht geschlagen, wie Lebdkin erzhlte.
Und warum wurdest du damals so feig, als du hereinkamst? Was schreckte
dich denn? Wie ich es sah, dein gemeines Gesicht, als ich fiel und du
mich auffingst -- da kroch es mir wie ein Wurm ins Herz: das ist nicht
_er_, denke ich, nicht _er_! Wrde sich doch mein Falke meiner nie vor
einem vornehmen Frulein geschmt haben! O Gott! Machte mich doch schon
der Gedanke glcklich, in diesen ganzen fnf Jahren, da mein Falke dort
irgendwo hinter den Bergen lebt und fliegt und die Sonne schaut ... Sag,
Usurpator, hast du viel genommen? Hast wohl fr groes Geld
eingewilligt? Ich htte dir keinen Groschen gegeben! Ha--ha--ha!
Ha--ha--ha! ...

Idiotin! knirschte Stawrogin, der sie immer noch am Arm gepackt hielt.

Fort, Usurpator! rief sie pltzlich befehlend. Ich bin meines Frsten
Frau und frchte mich nicht vor deinem Messer!

Messer!

Ja, Messer! Du hast ein Messer in der Tasche. Du glaubtest wohl, ich
schlief, aber ich habe alles gesehen: als du vorhin eintratest, zogst du
ein Messer hervor!

Was hast du gesagt, Unglckliche, was trumst du fr Trume! schrie er
sie an und stie sie aus aller Kraft von sich fort, so da sie sogar
schmerzhaft mit dem Kopf und den Schultern an die Sofalehne schlug.

Er strzte hinaus; sie aber sprang sofort auf und lief ihm hinkend und
humpelnd nach, doch erst auf der kleinen Treppe, wo sie von dem
erschreckten Lebdkin mit aller Gewalt zurckgehalten wurde, gelang es
ihr noch, ihm kreischend und mit Gelchter durch die Finsternis
nachzurufen:

Der falsche Demet--rius ward ver--flucht!


                                  IV.

Ein Messer, ein Messer! wiederholte Stawrogin immer wieder in
unstillbarem Ha, whrend er mit groen Schritten in den Straenschlamm
und die Regenpftzen trat, ohne auf den Weg zu achten. Und pltzlich,
auf Augenblicke, erfate ihn eine unbndige Lust zu lachen, laut und
toll; aber aus irgendeinem Grunde bezwang er sich und unterdrckte das
Lachen. Er kam erst wieder zu sich, als er schon auf der Brcke war,
gerade an der Stelle, wo ihn vorhin Fedjka angeredet hatte. Und dieser
selbe Fedjka wartete hier auch jetzt, zog, als er Stawrogin erblickte,
die Mtze, grinste heiter, und schlo sich ihm, keck und lustig
losplaudernd, wieder ohne Bedenken an. Stawrogin ging zunchst
unverndert weiter, ja, er achtete gar nicht darauf, vernahm nicht
einmal, was der Strolch, der sich ihm wieder zugesellt hatte, da
schwatzte. Auf einmal fiel ihm aber ein -- und er wunderte sich darber
-- da ihm dieser Zuchthusler gerade in der Zeit gar nicht in den Sinn
gekommen war, als er selbst innerlich in einemfort Ein Messer, ein
Messer! gemurmelt hatte.

Und pltzlich packte er ihn blitzschnell am Kragen und ri ihn aus aller
Kraft mit der ganzen in ihm angesammelten Wut zu Boden, da er nur so
auf die Brcke krachte. Einen Augenblick gedachte dieser wohl sich zu
wehren, sagte sich aber sofort, da er gegen einen solchen Gegner, der
ihm zudem noch so berraschend zuvorgekommen war, ungefhr wie ein
Strohhlmchen unmglich aufkommen konnte. Und so verharrte er denn, halb
kniend zu Boden gedrckt, die Ellenbogen auf den Rcken gerissen, wie
ihn Stawrogin hielt, lautlos und reglos, sogar ohne den geringsten
Widerstand auch nur zu versuchen, und wartete ruhig in schlauer Klugheit
ab, was nun kommen werde. Ja, wie es schien, glaubte er berhaupt nicht
an eine ernste Gefahr fr sich.

Und er tuschte sich nicht. Stawrogin hatte sich zwar schon mit der
linken Hand das Halstuch abgerissen, um seinen Gefangenen zu binden,
doch pltzlich, Gott wei weshalb, gab er es auf und stie ihn nur von
sich. Im Augenblick stand Fedjka auf den Fen, wandte sich um, und ein
kurzes, breites Messer blitzte in seiner Hand.

Fort das Messer! Steck es sofort ein! Sofort! _befahl_ Stawrogin mit
ungeduldiger Geste -- und das Messer verschwand ebenso schnell, wie es
aufgetaucht war.

Nicolai Wszewolodowitsch ging darauf wieder stumm und ohne sich
umzusehen weiter: aber der hartnckige Verbrecher folgte ihm doch --
diesmal freilich ohne zu schwatzen, vielmehr in respektvoller
Entfernung, einen ganzen Schritt hinter ihm. So gingen sie ber die
ganze Brcke und kamen ans Ufer, wo Stawrogin diesmal nach links bog, in
eine lange, de Gasse, denn das war ein nherer Weg zur inneren Stadt,
als der ber die Bogojawlenskstrae.

Ist es wahr, man sagt, du httest hier in der Umgegend in diesen Tagen
eine Kirche geplndert? fragte Stawrogin pltzlich.

Gndiger Herr, eigentlich ging ich zuerst nur hin, um zu beten,
antwortete Fedjka gesetzt und hflich, und als ob nicht das Geringste
vorgefallen wre. Ja, nicht nur gesetzt, sondern geradezu wrdevoll
sagte er es, und von der frheren freundschaftlichen Familiaritt war
auch nicht eine Spur mehr zu bemerken. Er war in diesem Augenblick ganz
wie ein ernster, sachlicher Mensch, den man grundlos gekrnkt hat, der
aber auch Krnkungen zu vergessen versteht.

Doch wie mich da unser Herrgott hingefhrt hatte, fuhr er fort, ach,
du himmlisches Gnadenkraut, denke ich! Nur von wegen meiner Verwaistheit
ist ja das alles geschehen, denn in unserem Leben geht's nu mal gar nich
ohne Untersttzung. Und sehen Sie, glauben Sie mir, gndiger Herr, zu
seinem eigenen Nachteil hat der Herr mich hingefhrt: hab' fr die
Sachen im ganzen nur zwlf Rubelchen bekommen. Des heiligen Nicolai
silbernes Kinnband aber ist fast auf den Kauf gegangen: semiliert, sagte
man.

Du hast vorher den Wchter erstochen?

Nee, das heit, wir haben's ja beide gemacht, der Wchter und ich, und
dann erst, am Morgen, am Flchen, kam's zum Streit, wer den Sack tragen
sollte. Da sndigte ich, erleichterte ihn ein klein wenig.

Erstich noch, stiehl noch!

Ganz dasselbe rt mir auch Pjotr Stepanowitsch, mit genau denselben
Worten, da er mir selber nie nich was geben will, denn er ist halt
geizig und hartherzig in Fragen wie Untersttzung. Auerdem, da er an
den himmlischen Schpfer, der uns doch allesamt aus einem Erdklo
gemacht hat, nich fr eine Kopeke glaubt. Er sagt, alles hat die Natur
gemacht, sogar jedes letzte Tier, und berdies begreift er schon ganz
und gar nich, da uns in unserem Leben ohne milde Untersttzung
berhaupt nichts mglich ist. Fngst du ihm was zu erklren an, glotzt
er wie ein Schaf ins Wasser: nur so wundern kannst du dich ber ihn.
Aber werden Sie es wohl glauben, gndiger Herr, beim Hauptmann Lebdkin
beispielsweise, wo Sie soeben besuchten, da kam's vor, als er noch vor
Ihnen bei Filippoff wohnte, da die Tr die ganze Nacht unverschlossen
steht, schlft selbst vollgesoffen wie ein Fisch, und das Geld, das
kullert nur man so aus allen Taschen auf die Diele. 's kam vor, da
man's mit eigenen leibhaftigen Augen sah, denn nach unserer Meinung, da
man ohne milde Untersttzung was knnte, daran ist schon gar nich zu
denken ...

Wie das, mit eigenen Augen? Bist du etwa in der Nacht hingegangen?

Vielleicht bin ich auch hingegangen, nur wei das niemand nich.

Warum hast du ihn denn nicht erstochen?

Hab erst nachgezhlt und mich dann bedacht. So wute ich denn, da ich
immer hundertfnfzig Rubel rausnehmen kann, aber warum soll ich denn
das, wenn ich ganze tausendfnfhundert kriegen kann, wenn ich nur eben
jetzt ein wenig warte? Denn Hauptmann Lebdkin hat immer sehr auf Sie
gebaut, hab's mit meinen eigenen Ohren gehrt, wenn er voll war, und es
gibt hier berhaupt keine Schenke mehr, wo er nich dasselbe genau so
wiederholt hat. Das hab ich auch noch von anderen gehrt, und so begann
ich nun gleichfalls, meine ganze Hoffnung auf den gndigen Herrn zu
setzen. Ich bin wirklich zu Ihnen, gndiger Herr, wie zu meinem Vater
oder leiblichen Bruder, denn Pjotr Stepanowitsch wird darber niemals
was von mir zu hren bekommen und auch sonst keine einzige Seele. Also
deshalb meine ich, der gndige Herr knnte mir doch wirklich jetzt mit
drei Rubelchen wohlwollen? Wenn der gndige Herr mir nur somit klar zu
verstehen geben wollte, damit ich dann die Wahrheit wei, denn fr
unsereins ist's nun einmal ohne milde Untersttzung ganz und gar
unmglich.

Da lachte Stawrogin laut auf, zog aus der Tasche sein Portemonnaie, in
dem an fnfzig Rubel in kleineren Scheinen waren, und warf einen Schein
aus dem Paket ihm zu, dann noch einen, dann einen dritten, vierten,
fnften. Fedjka fing sie in der Luft auf, sprang hin und her, die
Banknoten flatterten, fielen in den Schmutz, immer gieriger griff er
nach ihnen, und immer erregter stie er dabei ein kurzes ch, ch
hervor. Schlielich schleuderte ihm Stawrogin aus voller Faust das ganze
Geldpaket zu und bog, immer noch lachend, in eine Quergasse ein --
diesmal allein. Der Strolch blieb zurck, rutschte fast auf den Knien im
Schmutz herum und suchte nach den vom Wind verstreuten Geldscheinen, die
in den Pftzen versanken, und noch eine ganze Stunde lang konnte man
hren, wie er in der Dunkelheit suchend sein kurzes ch, ch!
hervorstie.




                            Achtes Kapitel.
                               Das Duell


                                   I.

Am anderen Tage um zwei Uhr nachmittags fand das Duell statt. Da
dasselbe wirklich so schnell zustande kam, dazu hatte vor allem der
leidenschaftliche Wunsch Artemij Pawlowitsch Gaganoffs beigetragen, sich
um jeden Preis und so schnell wie nur mglich zu schlagen. Er begriff
die Haltung seines Gegners nicht und war auer sich vor Emprung. Schon
einen ganzen Monat beleidigte er Stawrogin, und noch immer war es ihm
nicht gelungen, diesen zu einer Forderung zu bewegen. Dabei schmte er
sich im Grunde der eigenen innersten Grnde des krankhaften Hasses, mit
dem er Stawrogin seit der Nasfhrung seines Vaters verfolgte. Auch
konnte er Stawrogin nicht gut zuerst fordern, da dieser nicht den
geringsten Anla dazu bot -- ganz abgesehen davon, da er ihm wegen
jenes Vorfalls mit dem Vater ja bereits die allerhflichsten
Entschuldigungen angeboten hatte. Unbegreiflich war es ihm auch, wie
Stawrogin die Ohrfeige Schatoffs so ohne weiteres hatte hinnehmen
knnen. Und da er ihn denn alles in allem schlielich fr einen
ausgemachten Feigling halten mute, so hatte er sich endlich
entschlossen, den letzten, in seiner Frechheit so unerhrten Brief zu
schreiben, der denn auch richtig den Verhaten zu einer Forderung bewog.
In fieberhafter Ungeduld hatte Gaganoff die Antwort auf diesen Brief
erwartet, hatte die Chancen berechnet, die diesmal fr eine Forderung
bestanden, und war am Ende geradezu verzweifelt bei dem Gedanken, da
auch jetzt vielleicht aus irgendeinem Grunde nichts daraus werden
knnte. Fr alle Flle aber hatte er bereits Mawrikij Nicolajewitsch
Drosdoff, seinen alten Jugendfreund, zu sich gebeten: der sollte sein
Sekundant sein. So hatte denn Kirilloff, als er am Morgen um neun Uhr
erschien, die beiden zusammen angetroffen. Seine Erklrungen und alle
die unerhrten Zugestndnisse Stawrogins waren von Gaganoff mit einer
unglaublichen Heftigkeit zurckgewiesen worden. Mawrikij Nicolajewitsch
hatte, nicht wenig erstaunt, zuerst darauf eingehen wollen und schon
geglaubt, es liee sich eine Vershnung zustande bringen. Doch als er
bemerkte, da Artemij Pawlowitsch vor Zorn geradezu erzitterte, da hatte
er schnell wieder geschwiegen. Er wre wohl berhaupt aufgestanden und
fortgegangen, wenn er dem Freunde nicht bereits sein Wort gegeben htte;
so aber blieb er denn, in der Hoffnung, spter vielleicht noch irgendwie
vermitteln zu knnen. Im brigen wurden alle Bedingungen Stawrogins von
Gaganoff sofort angenommen und sogar auf einen dreimaligen Kugelwechsel
erweitert -- ganz gegen Kirilloffs Wunsch und Absicht, der sich durchaus
dagegen wehrte, aber nichts erreichte. So blieb es denn bei diesen
scharfen Abmachungen.

Das Duell selbst fand um zwei Uhr in Brykowo statt, in einem kleinen
Walde zwischen Skworeschniki und der Fabrik der Gebrder Spigulin. Der
gestrige Regen hatte vllig aufgehrt, aber es war feucht und windig.
Niedrige, trbe, zerrissene Wolken zogen schnell am kalten Himmel
vorber; die Bume rauschten volltnend und mit den Wipfeln wogend und
knarrten in den Stmmen; es war ein sehr trauriger Tag.

Gaganoff und Mawrikij Nicolajewitsch kamen in einem eleganten _char 
bancs_{[112]} mit zwei prachtvollen Pferden, die Artemij Pawlowitsch
selbst lenkte, auf dem Kampfplatze an; auch hatten sie einen Diener
mitgenommen. Fast in demselben Augenblick trafen auch Stawrogin und
Kirilloff ein, jedoch nicht im Wagen, sondern reitend, und gleichfalls
in Begleitung eines Dieners. Kirilloff, der in seinem Leben noch nie auf
einem Pferde gesessen hatte, hielt sich steif, doch mutig im Sattel,
unter dem rechten Arm den schweren Pistolenkasten, den er fr keinen
Preis dem Diener hatte anvertrauen wollen, whrend er mit der linken
Hand aus Unwissenheit bestndig die Zgel anzog, weswegen denn das
gereizte Pferd immer heftiger mit dem Kopf schttelte und bereits
deutlich die Absicht bekundete, sich auf die Hinterbeine zu stellen --
was brigens den Reiter nicht im geringsten zu schrecken schien. Der
mitrauische Gaganoff, der sich schon beim geringsten Anla leicht tief
gekrnkt fhlte, fate diese Ankunft hoch zu Ro als neue Beleidigung
auf: waren doch die Gegner offenbar von vornherein von einem fr sie
gnstigen Ausgang des Duells berzeugt, so da sie es gar nicht erst fr
ntig gehalten hatten, auf alle Flle einen Wagen zum Transport eines
Verwundeten zur Stelle zu haben. Ganz gelb vor rger stieg Gaganoff aus
seinem _char  bancs_, wobei er bemerkte, da seine Hnde zitterten. Auf
Stawrogins Gru dankte er nicht, sondern wandte sich einfach ab.

Die Sekundanten warfen das Los: es traf Kirilloffs Pistolen. Der Wagen
und die Pferde wurden mit den Dienern an den Waldrand zurckgeschickt.
Dann maen die Sekundanten die Barriere ab, wiesen den Gegnern ihren
Platz an und hndigten ihnen die geladenen Pistolen ein.

Mawrikij Nicolajewitsch war besorgt und traurig, Kirilloff dagegen
vollkommen ruhig und unbekmmert, sehr genau in der Ausbung seines
Amtes, doch ohne allzu geschftig zu sein, kurz, er machte den Eindruck,
als interessierte ihn die unheimliche Entscheidung eigentlich nicht im
geringsten. Stawrogin war etwas bleicher als gewhnlich, ziemlich leicht
gekleidet, in einem Mantel, und trug einen weien Kastorhut. Er schien
sehr mde zu sein, dann und wann flog ein dsterer Schatten ber sein
Gesicht, und offenbar war es ihm nicht der Mhe wert, seine schlechte
Laune zu verbergen. Am eigentmlichsten verhielt sich jedoch Artemij
Pawlowitsch Gaganoff, und ich sehe mich schon aus diesem Grunde
gezwungen, ber ihn ein paar Worte hinzuzufgen.


                                  II.

Artemij Pawlowitsch Gaganoff war ein groer Mensch, wei und
wohlgenhrt, wie der Volksmund sagt, ja, beinahe feist, etwa
dreiunddreiig Jahre alt, mit blondem, anliegendem Haar und, wenn man
will, sogar hbschen Gesichtszgen. Er war mit dem Oberstenrang aus dem
Dienst geschieden, doch wenn er es bis zum General gebracht htte, so
wre er als solcher in voller Uniform eine noch imponierendere
Erscheinung gewesen, und es wre sehr leicht mglich, da er im Felde
einen guten Heerfhrer abgegeben htte.

Zur Kennzeichnung seines Charakters darf nicht verschwiegen werden, da
der Grund, weshalb er seinen Abschied nahm, der ihn so lange und
qualvoll verfolgende Gedanke an seine Familienschande war: die
Beleidigung seines Vaters -- vor mehr als vier Jahren in unserem Klub --
durch Nicolai Stawrogin. Er hielt es auf Ehre und Gewissen fr
unehrenhaft, nach wie vor im Heer zu bleiben, und war innerlich
berzeugt, da er das Regiment und die Kameraden schnde, obschon keiner
von ihnen etwas von jenem Vorfall wute. Allerdings hatte er schon
frher einmal die Absicht gehabt, den Abschied zu nehmen, schon lange
vor jener Beleidigung, aus einem ganz anderen Grunde, aber er hatte doch
noch geschwankt und sich nicht entschlieen knnen. Den Ansto zu dieser
ersten Absicht, den aktiven Dienst aufzugeben, oder richtiger den Anla
zu diesem Gedanken hatte seinerzeit[40] -- wie sonderbar das auch
klingen mag -- das Manifest vom 19. Februar gegeben, das die
Leibeigenschaft der Bauern aufhob. Dabei verlor er, Gaganoff, als einer
der reichsten Gutsbesitzer unseres Gouvernements, durch dieses Manifest
noch nicht einmal so viel, und auerdem sah er die Berechtigung der
humanitren Gesichtspunkte selbst ein, ja er begriff fast auch die
konomischen Vorteile der Reform, -- doch ungeachtet dessen fhlte er
sich nach Erscheinen des Manifestes gleichsam persnlich beleidigt. Es
war das zwar nur ein Gefhl bei ihm, beinahe unbewut, doch vielleicht
empfand er es gerade deshalb um so strker. Bis zum Tode seines Vaters
hatte er sich nicht entschlieen knnen, etwas Entscheidendes zu tun;
doch durch seinen aristokratischen Standpunkt wurde er in Petersburg
selbst mit vielen hervorragenden Persnlichkeiten bekannt, worauf er den
Verkehr mit ihnen eifrig zu pflegen begann. Im brigen war er ein
zurckhaltender, verschlossener Mensch, der zu jenen sonderbaren, doch
in Ruland noch nicht ausgestorbenen Edelleuten gehrte, die auf das
Alter und die Reinheit ihres Adelsgeschlechts ungeheuer viel geben und
sich damit schon gar zu ernsthaft beschftigen. Dabei war ihm aber die
Geschichte Rulands geradezu ein Greuel, wie er denn die ganze russische
Art teilweise fr eine Schweinerei hielt. Schon in seiner Kindheit, als
er noch in einer besonderen militrischen Schule fr ausschlielich
vornehme und reiche Zglinge war, hatten sich in ihm gewisse poetische
Auffassungen entwickelt: ihm gefielen Schlsser und Burgen, das
mittelalterliche Leben von seiner opernhaften Seite, das Rittertum.
Schon damals weinte er fast vor Scham, wenn er daran dachte, da der Zar
des alten moskowitischen Reiches die russischen Bojaren krperlich hatte
strafen drfen, und er errtete, wenn er diese Bruche mit denen des
auslndischen ritterlichen Mittelalters verglich. Dieser steife, uerst
strenge Mensch, der seinen Dienst so ausgezeichnet kannte und jede
Pflicht gewissenhaft erfllte, war im Grunde seiner Seele vertrumt. Man
behauptete von ihm, er knne Reden, sogar gute Reden halten --
einstweilen jedoch hatte er seine ganzen dreiunddreiig Jahre lang fast
nur geschwiegen, und sogar in jenem vornehmen und vielbedeutenden
Petersburger Kreise, in dem er seit einiger Zeit verkehrte, hatte er
sich ungewhnlich hochmtig verhalten. Da traf ihn die Begegnung mit
Stawrogin, der aus dem Auslande nach Petersburg zurckgekehrt war, und
brachte ihn fast um den Verstand. So war er denn von einer geradezu
krankhaften Unruhe, als er jetzt vor der Barriere stand: noch immer
frchtete er, da das Duell auf irgendeine Weise nicht zustandekommen
knnte, und selbst die kleinste Verzgerung machte ihn erzittern. Ein
geradezu schmerzhafter Ausdruck trat in sein Gesicht, als Kirilloff,
anstatt das Zeichen zum ersten Schu zu geben, pltzlich zu sprechen
begann, allerdings nur pflichtschuldig, was er auch sofort
vorausschickte.

Nur _pro forma_ noch ein paar Worte: jetzt, da schon die Pistolen in
den Hnden der Duellanten sind, frage ich zum letztenmal, ob Sie nicht
wnschen, sich zu vershnen? -- Die Pflicht des Sekundanten, fgte er
fast gleichgltig hinzu.

Und wie um seinen Freund zu rgern -- so schien es wenigstens Gaganoff
--, begann nun auch Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff zu sprechen, der
bisher noch kein Wort gesagt, sich aber schon seit dem vorigen Abend
ber seine Zusage qulende Vorwrfe gemacht hatte. So griff er denn
Kirilloffs Vorschlag schnell auf.

Ich schliee mich vollkommen Herrn Kirilloffs Worten an ... Da man
sich an der Barriere nicht mehr vershnen knne -- ist ein Vorurteil,
das zu den Franzosen passen mag ... Und eigentlich liegt doch berhaupt
keine richtige Beleidigung vor, wenigstens vermag ich sie nicht zu
entdecken -- Verzeihung, das wollte ich schon gestern sagen ... es
werden doch alle erdenklichen Entschuldigungen angeboten, nicht wahr?

Er war dabei ganz rot geworden. Selten hatte er so viel und in solcher
Aufregung gesprochen.

Ich wiederhole meine Bereitwilligkeit, alle mir mglichen
Entschuldigungen zu machen, sagte Stawrogin ungewhnlich
entgegenkommend.

Wie ist das nur mglich?! schrie Gaganoff, zu Drosdoff gewandt, auer
sich, und stampfte mit dem Fu. Erklren Sie doch diesem Menschen, --
er stie dabei mit der Pistole in die Richtung, in der Stawrogin stand
-- wenn Sie mein Sekundant und nicht mein Feind sind, Mawrikij
Nicolajewitsch, da solche Zugestndnisse die Beleidigung nur
verstrken! Er hlt es nicht fr mglich, von mir beleidigt zu werden!
... Er hlt es fr keine Schande, vor mir von der Barriere
zurckzutreten! Fr wen hlt er mich denn nach alledem! Was glauben Sie
... und Sie sind noch mein Sekundant! Sie regen mich nur auf, damit ich
nicht treffe!

Wieder stampfte er mit dem Fu und Speichel spritzte von seinen Lippen.

Die Unterhandlung ist beendet. Bitte, auf das Kommando zu hren! rief
Kirilloff laut. Eins, zwei, drei!

Bei drei gingen die Gegner aufeinander zu. Gaganoff erhob sofort die
Pistole und beim fnften oder sechsten Schritt -- scho er. Eine Sekunde
lang blieb er stehen und, nachdem er sich berzeugt, da er nicht
getroffen hatte, ging er schnell zur Barriere. Auch Stawrogin trat an
die Barriere, erhob die Pistole, aber ziemlich hoch und scho fast ohne
zu zielen. Darauf zog er sein Taschentuch hervor und umwickelte den
kleinen Finger seiner rechten Hand. Da bemerkten erst die anderen, da
Artemij Pawlowitsch doch nicht ganz gefehlt hatte: freilich hatte die
Kugel den Finger nur gestreift, ohne den Knochen zu berhren. Kirilloff
erklrte sofort, da das Duell, wenn die Gegner sich jetzt nicht
vershnen wollten, seinen Fortgang nehmen knne.

Ich behaupte, da dieser Mensch, schrie Gaganoff heiser (seine Kehle
war trocken geworden), sich wieder nur an Drosdoff wendend, und er wies
von neuem mit der Pistole auf Stawrogin, da dieser Mensch absichtlich
in die Luft geschossen hat ... absichtlich! ... Das ist eine neue
Beleidigung! Er will das Duell unmglich machen!

Ich habe das Recht, so zu schieen, wie ich will, wenn es nur nach den
Regeln geschieht, bemerkte Stawrogin fest.

Nein, das hat er nicht! Erklren Sie ihm das, erklren Sie es ihm
doch! schrie Gaganoff.

Ich bin ganz der Meinung Nicolai Wszewolodowitschs, sagte Kirilloff.

Warum schont er mich!? raste Gaganoff, ohne auf die anderen zu hren.
Ich verachte seine Schonung ... Ich spucke ... Ich ...

Ich gebe mein Wort, da ich Sie durchaus nicht beleidigen wollte,
sagte Stawrogin ungeduldig. Ich habe in die Luft geschossen, weil ich
niemanden mehr tten will, ob Sie oder einen anderen, geht Sie
persnlich nichts an. Es ist wahr, ich halte mich nicht fr beleidigt,
und es tut mir leid, da Sie das aufbringt. Ich erlaube aber keinem,
sich in mein Recht einzumischen.

Wenn er sich so vor Blut frchtet, so fragen Sie ihn doch, warum er
mich berhaupt gefordert hat? brllte Gaganoff, immer noch
ausschlielich zu Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff gewandt.

Wie sollte man Sie denn nicht fordern? mischte sich Kirilloff ein.
Sie wollten doch nichts hren, wie sollte man Sie denn los werden?

Ich mchte nur bemerken, sagte Mawrikij Nicolajewitsch, der
angestrengt und qualvoll ber die Sache nachdachte, wenn der Gegner im
voraus erklrt, er werde in die Luft schieen, so kann das Duell, meiner
Meinung nach, nicht mehr fortgesetzt werden ... aus delikaten und, ich
glaube ... auch klaren Grnden.

Ich habe durchaus nicht erklrt, da ich jedesmal in die Luft schieen
werde! rief Stawrogin, der nun wirklich die Geduld verlor. Wie knnen
Sie wissen, was ich im Sinne habe und wie ich zum zweitenmal schieen
werde ... Ich mache das Duell keineswegs unmglich.

Wenn dem so ist, kann das Duell seinen Fortgang nehmen, wandte sich
Mawrikij Nicolajewitsch an Gaganoff.

Meine Herren, nehmen Sie Ihre Pltze ein! kommandierte Kirilloff.

Sie stellten sich auf, gingen wieder aufeinander zu, wieder fehlte
Gaganoff und wieder scho Stawrogin in die Luft. brigens waren diese
Schsse in die Luft doch zweifelhaft -- es lie sich ber sie streiten:
Stawrogin htte sehr wohl behaupten knnen, da er, ganz wie es sich
gehrt, auf den Gegner gezielt habe, wenn er nicht vorher selbst das
Gegenteil angekndigt htte, denn er richtete die Pistole nicht etwa
gerade auf den Himmel oder auf einen Baumwipfel, sondern immerhin so,
als ziele er auf den Gegner, -- wenn er auch tatschlich einen halben
Meter ber dessen Hut zielte. Dieses zweite Mal hatte er sogar ein noch
niedrigeres, noch tuschenderes Ziel genommen; doch Gaganoff wre jetzt
wohl berhaupt nicht mehr zu berzeugen gewesen.

Wieder! knirschte er ingrimmig. Einerlei! Ich bin gefordert und werde
von meinem Recht Gebrauch machen! Ich will zum drittenmal schieen ...
unbedingt! ...

Dazu haben Sie das volle Recht, schnitt ihm Kirilloff das Wort ab.

Mawrikij Nicolajewitsch sagte nichts. Zum drittenmal wurden sie
aufgestellt, zum drittenmal wurde kommandiert. Diesmal schritt Gaganoff
bis zur Barriere, und von dort, auf zwlf Schritt Distanz, begann er zu
zielen. Doch seine Hnde zitterten zu sehr, um richtig zielen zu knnen.
Stawrogin stand mit gesenkter Pistole und erwartete regungslos den Schu
des Gegners.

Zu lange, zu lange gezielt! rief Kirilloff schlielich ungestm.
Schieen Sie! Schieen Sie!

Der Schu ertnte, und diesmal ri die Kugel Stawrogins weien Hut vom
Kopfe. Gaganoff hatte gut gezielt, der Hutboden war ganz unten
durchschossen; nur zwei Zentimeter niedriger und alles wre zu Ende
gewesen. Kirilloff hob den Hut auf und reichte ihn Stawrogin.

Schieen Sie, halten Sie den Gegner nicht auf! rief Mawrikij
Nicolajewitsch in ungewhnlicher Erregung, als er sah, da Stawrogin,
der mit Kirilloff den Hut betrachtete, seinen dritten Schu gleichsam
vergessen hatte.

Stawrogin zuckte zusammen, blickte auf Gaganoff, wandte sich dann zur
Seite und scho diesmal schon ohne jedes Zartgefhl einfach in den Wald
hinein. Das Duell war beendet. Gaganoff stand da wie erstarrt. Mawrikij
Nicolajewitsch trat zu ihm und sprach etwas, doch er schien ihn gar
nicht zu verstehen. Kirilloff zog den Hut, als er fortging, und nickte
Mawrikij Nicolajewitsch zu; doch Stawrogin verga jetzt die Hflichkeit,
die er vorhin bezeugt hatte; nach seinem letzten Schu in den Wald,
drckte er Kirilloff die Pistole in die Hand und ging, ohne sich auch
nur einmal zur Barriere zu wenden, schnell zu den Pferden. Sein Gesicht
drckte Wut aus; er schwieg. Auch Kirilloff schwieg. Sie bestiegen die
Pferde und ritten im Galopp davon.


                                  III.

Warum schweigen Sie? rief Stawrogin ungeduldig Kirilloff zu, kurz
bevor sie das Haus erreichten.

Was wollen Sie? fragte dieser, fast vom Pferde rutschend, da es sich
bumte.

Stawrogin bezwang sich.

Ich wollte ihn nicht beleidigen, diesen ... Dummkopf, und doch habe ich
es wieder getan, sagte er langsam.

Ja, Sie haben ihn wieder beleidigt, sagte Kirilloff trocken, -- und
dabei ist er gar kein Dummkopf.

Immerhin habe ich alles getan, was ich konnte.

Nein.

Was htte ich denn tun sollen?

Nicht fordern.

Noch einen Schlag ins Gesicht ertragen?

Ja, noch einen Schlag ertragen.

Ich fange an nichts mehr zu begreifen! sagte Stawrogin gergert.
Warum erwartet man von mir, was man sonst von niemandem erwartet? Warum
soll ich ertragen, was sonst niemand ertrgt, und mir Brden aufladen,
die keiner tragen kann?

Ich glaube, Sie suchen eine Brde.

Ich suche eine Brde?

Ja.

Sie ... haben das bemerkt?

Ja.

Ist das so bemerkbar?

Ja.

Sie schwiegen. Stawrogin sah besorgt aus, fast erschreckt.

Ich habe nur deshalb nicht auf ihn geschossen, weil ich nicht tten
wollte, und das war alles, ich versichere Sie, sagte er schnell und
erregt, als wollte er sich rechtfertigen.

Es war nicht ntig, zu beleidigen.

Was htte man denn tun sollen?

Man htte tten sollen.

Es tut Ihnen leid, da ich ihn nicht erschossen habe?

Mir tut gar nichts leid. Ich glaubte, Sie wollten ihn wirklich
erschieen. Sie wissen selbst nicht, was Sie suchen.

Ich suche eine Brde, lachte Stawrogin auf.

Wenn Sie nicht Blut vergieen wollten, warum gaben Sie sich denn selbst
dazu her?

Wenn ich ihn nicht gefordert htte, so wre ich von ihm so erschlagen
worden, ohne Duell.

Das ist nicht Ihre Sache. Vielleicht htte er auch nicht erschlagen.

Sondern nur geschlagen?

Nicht Ihre Sache. Tragen Sie die Brde. Sonst gibt es kein Verdienst.

Aus dem mache ich mir gerade was! Habe es noch bei niemandem gesucht!

Ich glaubte, Sie suchten, schlo Kirilloff unglaublich kaltbltig.

Sie ritten auf den Hof.

Kommen Sie zu mir? lud ihn Stawrogin ein.

Nein, ich gehe nach Haus. Leben Sie wohl.

Er stieg aus dem Sattel und nahm seinen Kasten unter den Arm.

Aber wenigstens Sie rgern sich doch nicht ber mich? fragte Stawrogin
und hielt ihm die Hand hin.

Nicht im geringsten! Kirilloff kehrte sofort zurck, um ihm die Hand
zu drcken. Wenn meine Brde mir leicht ist, so ist es, weil das von
Natur so ist, und wenn Ihre Brde Ihnen vielleicht schwerer ist, so
kommt das auch, weil die Natur so ist. Sehr zu schmen braucht man sich
deshalb nicht, nur ein wenig.

Ich wei, da ich ein nichtiger Charakter bin, aber ich drnge mich ja
auch nicht unter die Starken.

Tun Sie's auch nicht. Sie sind kein starker Mensch. Kommen Sie wieder
Tee trinken.

Stawrogin trat verwirrt und erregt bei sich ein.


                                  IV.

Alexei Jegorowitsch meldete ihm sofort, da Warwara Petrowna, die sich
ber den Spazierritt Nicolai Wszewolodowitschs -- den ersten nach acht
Tagen Krankheit -- sehr gefreut hatte, nun gleichfalls ausgefahren sei,
so wie frher alle Tage, um wieder einmal frische Luft zu atmen,
dieweil sie es seit acht Tagen nicht mehr getan haben.

Ist sie allein gefahren oder mit Darja Pawlowna? unterbrach Stawrogin
den alten Diener hastig und sein Gesicht verdsterte sich sehr, als er
hrte, da Darja Pawlowna krankheitshalber vorgezogen haben, nicht
mitzufahren und sich augenblicklich in ihren Zimmern befinden.

Hre, Alter, sagte er, wie nach einem pltzlichen Entschlu, pa auf
sie heute den ganzen Tag auf, und wenn du bemerkst, da sie zu mir
kommen will, so halte sie zurck und sag ihr, da ich sie nicht
empfangen kann, wenigstens in diesen Tagen nicht ... da ich sie selbst
darum bitten lasse ... und wenn es Zeit sein wird, werde ich sie selbst
rufen -- hrst du?

Zu Befehl, sagte Alexei Jegorowitsch mit Kummer in der Stimme und
senkte die Augen.

Aber nicht frher, als bis du sicher bist und genau siehst, da sie zu
mir kommen will.

Der gndige Herr knnen unbesorgt sein, es wird alles so gemacht
werden. Durch mich sind bis jetzt auch alle Besuche ermglicht worden,
sie haben sich immer an mich gewandt.

Ich wei. Also nicht frher, als bis sie selbst kommt. Und jetzt bring
mir Tee, wenn es geht, mglichst schnell.

Kaum hatte der Alte das Zimmer verlassen, als dieselbe Tr sich wieder
ffnete und Darja Pawlowna auf der Schwelle erschien. Ihr Blick war
ruhig, doch das Gesicht bleich.

Woher kommen Sie? rief Stawrogin.

Ich stand hier an der Tr und wartete, bis er hinausging, um dann bei
Ihnen einzutreten. Ich habe gehrt, was Sie ihm angaben. Als er
fortging, versteckte ich mich hinter den Mauervorsprung rechts, und so
hat er mich nicht bemerkt.

Ich wollte schon lange mit Ihnen brechen, Dascha ... so lange ... es
noch Zeit ist. Ich konnte Sie heute Nacht nicht empfangen, trotz Ihrer
brieflichen Bitte. Ich wollte Ihnen gleichfalls schreiben, aber ich
verstehe nicht zu schreiben, fgte er mit rger und sogar wie angeekelt
hinzu.

Auch ich habe bereits daran gedacht, da wir brechen mssen. Warwara
Petrowna argwhnt schon zu sehr unsere Beziehungen.

Nun, mag sie doch.

Sie soll sich nicht beunruhigen. Und so bleibt es denn jetzt bis zum
Ende?

Sie erwarten immer noch unbedingt ein Ende?

Ja, ich bin berzeugt, da es kommen wird.

Auf der Welt hat nichts ein Ende.

Hier aber wird es ein Ende geben. Rufen Sie mich dann, ich werde
kommen. Und jetzt leben Sie wohl.

Und was fr ein Ende wird denn das sein? fragte Stawrogin halb
lachend.

Sie sind nicht verwundet und ... haben auch kein Blut vergossen?
fragte sie, ohne auf die Frage nach dem Ende zu antworten.

Es war dumm; ich habe niemanden gettet, beunruhigen Sie sich nicht.
brigens werden Sie heute noch alles von allen hren. Ich fhle mich
nicht ganz wohl.

Ich gehe schon. Die Anzeige der Heirat wird heute nicht erfolgen?
fragte sie noch wie unschlssig.

Heute nicht; morgen nicht ... bermorgen -- sind wir vielleicht alle
tot, ... um so besser. Lassen Sie mich, lassen Sie mich doch endlich!

Sie werden die andere nicht zugrunde richten ... die Wahnsinnige?

Ich werde keine Wahnsinnige zugrunde richten, weder die eine noch die
andere, aber ich glaube, die Vernnftige richte ich zugrunde: ich bin so
gemein, so niedrig, Dascha, da ich Sie vielleicht wirklich rufen werde
-- >ganz zum Schlu<, wie Sie sagen, und Sie werden dann, trotz Ihrer
Vernunft, zu mir kommen. Warum richten Sie sich selbst zugrunde?

Ich wei, da zum Schlu nur ich bei Ihnen bleiben werde und ... ich
warte darauf.

Wenn ich Sie aber zum Schlu nicht rufe und von Ihnen fortlaufe?

Das ist unmglich, Sie werden mich rufen.

Darin liegt viel Verachtung fr mich.

Sie wissen, da nicht nur Verachtung ...

Also ist Verachtung immerhin dabei?

Ich wollte es nicht so sagen. Gott ist mein Zeuge, da ich von Herzen
wnschte, Sie htten mich niemals ntig.

Die eine Phrase ist die andere wert. Auch ich wnschte, Sie nicht
zugrunde zu richten.

Niemals und durch nichts werden Sie mich zugrunde richten knnen -- und
das wissen Sie ja selbst am besten, sagte Darja Pawlowna schnell und
berzeugt. Wenn ich nicht zu Ihnen komme, so werde ich barmherzige
Schwester, Krankenwrterin. Oder werde als Bchertrdlerin Bibeln
verkaufen. Das habe ich beschlossen. Ich kann nicht in solchen Husern
leben, wie dieses hier. Nicht das ist es, was ich will ... Sie wissen
alles ... --

Nein, ich habe es nie erfahren knnen, was Sie wollen; ich glaube, Sie
interessieren sich fr mich, wie zuweilen alte Krankenwrterinnen aus
irgendeinem Grunde einen Pflegling den anderen vorziehen, oder, noch
besser, wie auf unseren Kirchhfen die betenden Greisinnen von den
vielen Leichen sich eine etwas ansehnlichere aussuchen, die sie dann
besonders in ihr Herz schlieen.[41] Warum sehen Sie mich so sonderbar
an?

Sind Sie sehr krank? fragte sie teilnehmend und sah ihn dabei ganz
eigentmlich nachdenklich und forschend an. Gott! Und dieser Mensch
will ohne mich auskommen!

Hren Sie, Dascha, ich sehe jetzt immer Gespenster. Heute nacht bot
sich mir ein kleiner Teufel auf der Brcke an, -- erbot sich, Lebdkin
und Marja Timofejewna zu ermorden, um meiner gesetzlichen Ehe ein Ende
zu machen, und so, da nichts ruchbar wird. Als Handgeld verlangte er
nur drei Rubel, doch gab er deutlich zu verstehen, da die ganze
Operation nicht weniger als tausendfnfhundert kosten werde. Das war mir
mal ein gut berechnender Teufel! Ein Buchhalter! Ha--ha!

Und Sie sind fest berzeugt, da es ein Gespenst war?

O nein, durchaus kein Gespenst! Das war ganz einfach der entsprungene
Zuchthusler Fedjka, ein sibirischer Strfling und Raubmrder. Doch das
ist Nebensache. Aber was glauben Sie, da ich getan habe? Ich habe ihm
das ganze Geld aus meinem Portemonnaie hingeworfen, und er ist jetzt
vollkommen berzeugt, da ich ihm damit das Handgeld gezahlt habe!

Sie haben ihn in der Nacht getroffen und er hat Ihnen diesen Vorschlag
gemacht? Ja, sehen Sie denn wirklich nicht, da Sie von dem Netz jener
Leute schon vollstndig umstrickt sind?

Nun, mgen sie. Aber soll ich Ihnen sagen, was fr eine Frage sich
jetzt in Ihnen dreht und windet? -- ich sehe sie in Ihren Augen, fgte
er gereizt mit bsem Lcheln hinzu.

Dascha erschrak:

Gar keine Frage und es gibt da berhaupt keinen Zweifel, schweigen
Sie! rief sie in Unruhe, die Frage gleichsam von sich fortscheuchend.

Sie sind also berzeugt, da ich nicht zu Fedjka in die Kneipe gehen
werde?

O Gott! Sie erhob die Hnde. Warum qulen Sie mich so?

Nun, verzeihen Sie mir meinen dummen Scherz, offenbar habe ich mir von
jenen deren schlechte Manieren angeeignet. Wissen Sie, seit dieser Nacht
habe ich so wahnsinnige Lust zu lachen, immerzu, ununterbrochen, lange,
aus vollem Halse zu lachen. Ich bin wie geladen mit Gelchter ... Hu!
Mama ist angekommen; ich kenne den Ruck, mit dem ihre Equipage vor dem
Portal anhlt.

Dascha ergriff seine Hand.

Wird doch Gott Sie vor Ihrem Dmon bewahren und ... rufen Sie mich,
rufen Sie mich dann schnell!

Oh, mein Dmon! Der ist ja nur ein kleines, widerliches, skrofulses
Teufelchen, das sich erkltet und den Schnupfen hat, eines von den
milungenen. Aber Sie, Dascha, Sie wagen ja wieder nicht, etwas
auszusprechen?

Sie sah ihn mit Schmerz und Vorwurf an und wandte sich zur Tr.

Hren Sie, rief er ihr mit boshaftem, verzerrtem Lcheln nach. Wenn
... nun, da, mit einem Wort, _wenn_ ... Sie verstehen schon, wenn ich
selbst zu Fedjka in die Kneipe ginge ... und Sie nachher riefe, --
wrden Sie dann auch noch kommen, selbst nach meinem Gang in die
Kneipe?

Sie ging hinaus, ohne zurckzusehen, ohne zu antworten, das Gesicht mit
den Hnden bedeckt.

Sie wird kommen, auch nach meinem Gang in die Kneipe! murmelte er nach
kurzem Nachdenken vor sich hin, und in seinem Gesicht drckte sich
angewiderte Verachtung aus: -- Krankenwrterin! Hm ... Doch brigens,
vielleicht brauche ich gerade das.




                            Neuntes Kapitel.
                           Alle in Erwartung


                                   I.

Die Geschichte dieses Duells wurde in unserer Gesellschaft ungemein
schnell bekannt. An dem Eindruck, den sie machte, war das
Bemerkenswerteste die Einstimmigkeit, mit der alle sich schon am
nchsten Tage rckhaltlos fr Nicolai Stawrogin erklrten. Selbst viele
von seinen ehemaligen Feinden zhlten sich pltzlich entschieden zu
seinen Freunden.

Den Ansto zu diesem berraschenden Umschwung der ffentlichen Meinung
hatte zunchst nur eine einzige treffende Bemerkung gegeben; diese aber
war von einer Persnlichkeit gemacht worden, die sich bis dahin noch nie
ffentlich geuert oder gar ihre Stellungnahme verraten hatte. So ward
denn jene Bemerkung sogleich von ungeheurer Bedeutung fr den grten
Teil unserer Gesellschaft. Zugetragen aber hatte sich das alles
folgendermaen:

Gerade an dem Tage nach dem Duell feierte die Gemahlin des
Adelsmarschalls unseres Gouvernements ihren Geburtstag. Die ganze hhere
Gesellschaft war bei ihr versammelt. Unter den Gsten befand sich auch,
oder richtiger, prsidierte, als Gattin unseres neuen Gouverneurs,
Julija Michailowna, die in Begleitung von Lisaweta Nicolajewna
erschienen war. Lisa war von geradezu strahlender Schnheit und sah ganz
besonders froh und glcklich aus -- was freilich viele Damen sogleich
uerst verdchtig fanden. Hier mu ich erwhnen, da an ihrer
tatschlichen Verlobung mit Mawrikij Nicolajewitsch eigentlich nicht
mehr zu zweifeln war: auf die scherzhafte Frage eines alten Generals,
von dem gleich noch die Rede sein wird, antwortete Lisa selbst, da sie
Braut sei. Und doch -- wie sonderbar das auch erscheinen mag --: keine
einzige von unseren Damen wollte daran glauben und alle fuhren sie
eigensinnig fort, von einem verhngnisvollen Familiengeheimnis, von
einem Roman zu munkeln, der sich in der Schweiz abgespielt haben sollte,
und zwar -- ich wei nicht, weshalb -- unbedingt unter Mitwirkung von
Julija Michailowna. Es ist wirklich schwer zu sagen, wie alle diese
Gerchte sich so lange und hartnckig behaupten konnten, und warum immer
wieder und unbedingt gerade Julija Michailowna in diese Geschichten
hineingeflochten wurde und warum man glaubte, da sie auch in die
Geheimnisse der Ohrfeigengeschichte eingeweiht sei.

So kam es denn, da man ihr auch auf der Abendgesellschaft beim
Adelsmarschall, als sie mit Lisa eintrat, sogleich und ganz allgemein
mit Spannung entgegensah, mit Blicken, die die Erwartung deutlich
verrieten. Von dem Duell wagte man noch nicht laut zu sprechen, nur
unter Bekannten tuschelte man sich dies und jenes zu. Es geschah das
wohl vor allem deshalb, weil man noch nicht wute, wie sich die Behrden
zu dem Vorfall stellen wrden. Soweit bekannt war, hatte man die beiden
Duellanten bis jetzt noch vllig unbehelligt gelassen, und Gaganoff war,
wie man wute, schon am Morgen dieses Tages auf sein Gut Duchowo
zurckgekehrt, ohne vorher irgendwelchen Belstigungen ausgesetzt
gewesen zu sein. Selbstredend warteten nun alle darauf, da endlich
jemand laut davon zu sprechen anfange und damit der allgemeinen Ungeduld
und Neugier, die sich so nicht uern konnten, gewissermaen die Tr
ffne. Dabei rechnete man ganz besonders auf den bereits erwhnten alten
General, und richtig: man verrechnete sich dabei nicht.

Dieser General war eines der angesehensten Mitglieder unseres
Adelsklubs: Gutsbesitzer, doch nicht sonderlich reich, mit Anschauungen,
die in ihrer Art geradezu einzig waren, und in Damengesellschaft ein
unverbesserlicher Kurmacher. Unter anderem liebte er es besonders, auf
groen Versammlungen, sei es nun im Klub oder in der Gesellschaft, mit
der ganzen Wrde seines Ranges und Alters pltzlich laut gerade davon zu
sprechen, wovon alle nur ngstlich und heimlich zu flstern wagten. Es
war das gewissermaen eine Spezialitt von ihm. Und so tat er es denn
auch diesmal wieder nach seiner alten Gewohnheit. -- Mit Gaganoff war er
irgendwie entfernt verwandt, jetzt aber entzweit; ich glaube, er
prozessierte sogar mit ihm. Auerdem hatte er in seiner Jugend selbst
zwei Duelle gehabt und war wegen des letzten zeitweilig als Gemeiner
nach dem Kaukasus verbannt gewesen.

Nun lie jemand ein paar Worte ber Warwara Petrowna fallen, die nach
der Krankheit jetzt wieder ausgefahren sei -- oder eigentlich nicht
gerade ber sie, sondern mehr ber den herrlichen grauen Viererzug
eigener, Stawroginscher, Zucht, mit dem sich dies Ereignis begeben
hatte. Da bemerkte pltzlich der alte General, da er heute den jungen
Stawrogin zu Pferde angetroffen habe ... Alles verstummte sofort. Der
General aber schob eine Weile lang die Lippen hin und her, spielte mit
seiner goldenen, ihm hohen Orts geschenkten Tabaksdose und sagte
schlielich, die Worte wie ein Feinschmecker auseinanderziehend:

Tut mir faktisch un--gemein leid, da ich vor einigen Jahren nicht hier
war ... Hielt mich gerade in Karlsbad auf. Hm ... Dieser junge Mensch
in--te--ressiert mich, in der Tat, se--ehr. Es kursi--ierten ja
seinerzeit die tollsten Gerchte ber ihn. Hm ... Aber wie, -- sollte es
fak--tisch wahr sein, da er nicht ganz, hm, zu--rechnungs--fhig ist?
Hab so etwas gehrt ... Jetzt aber hrte ich, ein Student habe ihn in
Gegenwart seiner Kusinen beleidigt, und er soll vor ihm unter den Tisch
gekrochen sein. Und nun sagt mir pltzlich Stepan Wyssotzki, da dieser
Stawro--gin sich mit diesem ... Gaga--noff geschlagen hat. Und das
ein--zig in der chevaleres--ken Ab--sicht, sei--ne Stirn der Kugel eines
... Toll--gewordenen zu bieten, blo um ihn ... h ... loszuwerden. Hm
... Das ist so ungefhr im Stil der Garde der zwanziger Jahre. Verkehrt
er brigens hier mit jemandem?

Der General verstummte, als erwarte er eine Antwort, und alle Blicke
wandten sich, fast wie auf ein Kommando, Julija Michailowna zu.

Das ist doch ganz erklrlich! sagte diese gereizt, da alle gleichsam
berzeugt schienen, gerade _sie_ msse jetzt etwas sagen. Wie kann man
sich darber wundern, da Stawrogin sich mit Gaganoff schlgt und mit
dem Studenten nicht? Er konnte doch nicht seinen frheren Leibeigenen
fordern!

Bemerkenswerte Worte! Eine einfache und auf der Hand liegende Erklrung,
auf die aber noch niemand verfallen war. So war sie denn auch von
entscheidender Wirkung. Alles Skandalse, Anekdotenhafte und Kleinliche
war mit einem Schlage zurckgedrngt und etwas anderes tauchte vor einem
auf. Man sah pltzlich einen neuen Menschen vor sich, in dem sich bis
jetzt alle getuscht hatten, einen Menschen mit Ehrbegriffen von fast
idealer Strenge. Von einem Studenten, also einem gebildeten und nicht
mehr leibeigenen Menschen, tdlich beleidigt, bersieht er die
Beleidigung, weil der Student -- sein ehemaliger Leibeigener ist. Die
Gesellschaft zerreit sich den Mund darber und blickt mit Verachtung
auf den Menschen, der einen Schlag ins Gesicht hingenommen hat: dieser
aber miachtet, bersieht einfach auch die Meinung der Gesellschaft, die
ja doch zur richtigen Beurteilung der Dinge viel zu unreif ist, obschon
sie sich selber stets dazu berufen fhlt.

Und whrenddessen sitzen wir hier, Iwan Alexandrowitsch, und
philosophieren darber, welches die richtigen Ehrbegriffe sind! bemerkt
in einem edlen Anfall von Selbsterkenntnis ein alter Klubherr zum
anderen.

Ja, ja, Sie haben recht, Pjotr Michailowitsch, pflichtet ihm dieser
reuig bei. Und da schilt man noch auf die Jugend von heute!

Ach was, hier kann doch von der Jugend im allgemeinen berhaupt nicht
die Rede sein, sagt ein Dritter. Die Jugend von heute hat damit nichts
gemein. Hier handelt es sich einfach um einen Stern, eine einzigartige
Ausnahme, um einen neuen Menschen, nicht aber um irgendeine
durchschnittliche Jugend von heute! Sehen Sie, so ist das aufzufassen.

Ja, ja ... und gerade das ist es ja, was wir brauchen; wir sind arm
geworden an Persnlichkeiten.

Doch das Wichtigste war hierbei, da diese Persnlichkeit oder dieser
neue Mensch sich nicht nur als unzweifelhafter Edelmann erwiesen
hatte, sondern auerdem noch der allerreichste Grundbesitzer unseres
Gouvernements war, und folglich sogleich als Beistand und Faktor zu
betrachten war. Ich habe brigens schon frher andeutungsweise die
Stimmung unserer Grundbesitzer erwhnt.[42]

Ja, man geriet sogar ordentlich in Hitze:

Und nicht nur, da er den Studenten nicht gefordert hat, hob ein
anderer hervor, er hat sogar die Hnde ostentativ zurckgezogen! --
Bitte das wohl zu bemerken, Exzellenz!

Und hat ihn nicht einmal vor unser neues Zivilgericht geschleppt ...
meinte wieder ein anderer.

Ungeachtet dessen, da dieses unser hochlbliches neues Gericht ihn
dafr, da _er_ beleidigt worden ist, zu einer Strafe von fnfzehn
Silberrubeln verurteilt htte, ha--ha--ha!

Nein, hren Sie, ich werde Ihnen gleich das ganze Geheimnis unserer
neuen Gerichte sagen! regte sich ein Dritter auf. Hat jemand einen
anderen bestohlen oder begaunert, und hat man ihn womglich auf frischer
Tat ertappt und berfhrt -- so laufe er nur schnell nach Hause, so
lange er noch Beine hat, und schlage seine Mutter tot! Dann spricht man
ihn im Nu von allem frei, und die Damen werden ihm noch mit ihren
Batisttchlein von der Estrade zuwinken und Ovationen bereiten!
Ehrenwort, so ist es!

Ein wahres Wort, bei Gott, so ist es!

Natrlich begngte sich die Gesellschaft auch diesmal nicht mit den
bekannten Tatsachen. Man sprach wieder ber die Freundschaft Stawrogins
mit dem berhmten Grafen K., dessen strenger, isolierter Standpunkt den
neuesten Reformen gegenber allgemein bekannt war, ebenso wie seine
aufsehenerregende Ttigkeit noch bis in die jngste Zeit. Und pltzlich
stand fr alle vollstndig fest, da Nicolai Wszewolodowitsch sich mit
einer von den Tchtern des Grafen K. verloben werde, obgleich zu einer
solchen Annahme in Wirklichkeit auch nicht der geringste Grund vorhanden
war. Was aber da irgendwelche romantische schweizer Abenteuer mit
Lisaweta Nicolajewna anbetraf, oh, so erwhnten unsere Damen diese
Mrchen berhaupt nicht mehr. Ich mu hier bemerken, da Drosdoffs
inzwischen schon berall ihre Visite gemacht hatten, und nun fand man,
da Lisa ein ganz gewhnliches junges Mdchen sei, das mit seinen
kranken Nerven nur kokettierte. Ihren Ohnmachtsanfall am Tage der
Ankunft Nicolai Wszewolodowitschs erklrte man einfach mit dem Schreck
ber die schndliche Tat des Studenten. Ja, man bemhte sich sogar, das,
was man noch vor kurzem so phantastisch aufgefat hatte, jetzt so
prosaisch wie mglich zu erklren; -- und die Hinkende verga man
vllig, schmte sich fast, sie berhaupt erwhnt zu haben. Die Mnner
aber pflegten zu sagen: Und wenn auch hundert lahme Frauenzimmer -- wer
ist denn nicht jung gewesen! Jetzt hob man auch allgemein die
Ehrerbietung Nicolai Wszewolodowitschs zu seiner Mutter hervor, sprach
wohlwollend von seinem groen Wissen, das er sich in diesen vier Jahren
an deutschen Universitten erworben hatte. Die Handlungsweise Gaganoffs
aber erklrte man endgltig fr taktlos -- die Eigenen erkennen die
Eigenen nicht! --, und Julija Michailowna sprach man gar hhere
Einsicht zu.

So wurde denn Stawrogin, als er endlich selbst in der Gesellschaft
erschien, mit dem naivsten Ernst und der ungeduldigsten Erwartung
angesehen. Er aber schwieg. Natrlich befriedigte das wieder weit mehr,
als es endlose Erklrungen getan htten. Kurz, er machte einen groen
Eindruck auf alle, er wurde Mode. In der Gesellschaft kam er mit
feinstem Takt allen seinen Pflichten nach. Ein Zurckziehen, sich
Absondern war freilich unmglich, nachdem er einmal in der Gesellschaft
erschienen war. Das ist schon so in der Provinz. Man fand ihn zwar nicht
gemtlich oder unterhaltsam, aber der Mensch hat gelitten, ist
nicht so wie andere; hat auch was, worber er nachdenken kann, hie es
zu seiner Entschuldigung. Sogar sein Stolz und die Unnahbarkeit, die ihm
vor vier Jahren so viel Ha eingetragen hatten, gefielen jetzt und
wurden sehr geachtet.

Am meisten triumphierte Warwara Petrowna. Ich wei nicht, ob sie sich
ber ihre verunglckten Plne mit Lisa sehr grmte: darber half ihr
vielleicht der Familienstolz hinweg. Sonderbar war nur eines: Warwara
Petrowna glaubte pltzlich gleichfalls, da ihr _Nicolas_ eine Tochter
des Grafen K. erwhlt habe, und zwar -- was das Sonderbarste dabei war
-- sie glaubte es gleichfalls nur auf die Gerchte hin, die auch zu ihr
blo der Zufall verschlagen hatte; selbst aber ihren Sohn zu fragen,
frchtete sie sich. Zwei- oder dreimal konnte sie sich freilich nicht
bezwingen, und machte ihm vorsichtig, wenn auch heiter, den Vorwurf,
nicht ganz aufrichtig zu ihr zu sein: Nicolai Wszewolodowitsch lchelte
aber nur und fuhr fort, zu schweigen. So hielt sie sein Schweigen fr
eine Besttigung. Und doch konnte sie bei all dem die Hinkende nicht
vergessen. Der Gedanke an diese lag ihr wie ein Stein auf dem Herzen,
raubte ihr den Schlaf oder schreckte sie mit unheimlichen Trumen -- und
das zu derselben Zeit, als sie an die Tchter des Grafen K. dachte. Aber
davon spter. Es versteht sich im brigen von selbst, da die
Gesellschaft sich wieder ganz wie frher mit auerordentlicher Ehrfurcht
zu Warwara Petrowna verhielt, wenn auch diese sich jetzt nur noch selten
sehen lie.

Indessen machte sie doch der Gouverneurin einen feierlichen Besuch.
Natrlich war niemand ber die schon erwhnte Bemerkung Julija
Michailownas so entzckt, wie Warwara Petrowna: diese Worte hatten viel
Leid von ihrem Herzen genommen. Ich habe diese Frau miverstanden!
sagte sie sich, und mit der ihr eigenen Aufrichtigkeit erklrte sie
Julija Michailowna sofort, da sie gekommen sei, um sich bei ihr zu
bedanken. Julija Michailowna war natrlich sehr geschmeichelt, verlor
jedoch nicht ihre Wrde. Zu gleicher Zeit stieg sie in ihren eigenen
Augen ganz betrchtlich, und vielleicht sogar etwas zu hoch. So beging
sie beispielsweise im Laufe des Gesprchs die Unhflichkeit, Warwara
Petrowna zu sagen, da sie noch nie etwas von einer literarischen
Ttigkeit Stepan Trophimowitschs gehrt habe.

Ich empfange und verwhne natrlich den jungen Werchowenski, er ist
zuweilen etwas unbesonnen, aber er ist ja noch jung. Jedenfalls hat er
solide Kenntnisse, und ist doch immerhin schon etwas mehr, als irgend
ein verabschiedeter ehemaliger Kritiker.

Warwara Petrowna beeilte sich sofort, zu bemerken, da Stepan
Trophimowitsch niemals Kritiker gewesen sei, sondern sein ganzes Leben
in ihrem Hause verbracht habe. Berhmt aber sei er durch gewisse
Umstnde zu Anfang seiner Karriere, die aller Welt nur zu gut bekannt
sind, und in der letzten Zeit durch seine Studien ber die spanische
Geschichte; augenblicklich beabsichtige er, ber die deutschen
Universitten zu schreiben und, wenn sie recht unterrichtet sei, auch
etwas ber die Dresdener Madonna ... Warwara Petrowna wollte ihren
Stepan Trophimowitsch um keinen Preis von Julija Michailowna herabsetzen
lassen.

ber die Dresdener Madonna? Die Sixtinische? _Chre_ Warwara Petrowna,
ich habe zwei Stunden vor diesem Bilde gesessen und bin schlielich
vollkommen enttuscht fortgegangen. Ich habe nichts verstanden und mich
nur ber die Menschen gewundert. Auch Karmasinoff sagt, da es schwer
sei, dieses Bild zu verstehen. Jetzt finden alle nichts Besonderes an
diesem Bilde, sowohl Russen wie Englnder. Den ganzen Ruhm haben ihm nur
die alten Professoren verschafft.

Also eine neue Mode?

Ach, ich aber glaube, da man unsere Jugend nicht so geringschtzen
darf. berall klagt man jetzt, unsere jungen Leute seien Kommunisten,
und verachtet sie womglich, doch meiner Meinung nach sollte man sie
lieber schonen und hochschtzen. Ich lese jetzt alles: alle Zeitungen,
Revuen, treibe Naturwissenschaft -- ich bekomme alles, denn man mu
doch, nicht wahr, endlich wissen, wo man lebt und mit wem man es zu tun
hat?! Man kann doch nicht das ganze Leben lang auf den Wolken seiner
Phantasie leben! Ich habe mir zum Grundsatz gemacht, die Jugend zu
protegieren, und hoffe, sie auf diese Weise an dem Rande des Abgrundes
zurckzuhalten, in den sie, das gebe ich zu, sonst hinabgleiten knnte.
Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, nur mit gutem Einflu und vor allem
mit Liebe knnen wir sie von dem Abgrund zurckhalten, in den sie die
Unduldsamkeit aller dieser zurckgebliebenen alten Leute treibt. Aber
wirklich: es freut mich, was ich von Ihnen ber Stepan Trophimowitsch
gehrt habe. Sie haben mich auf einen guten Gedanken gebracht: er knnte
auf unserer literarischen Matinee gleichfalls etwas vortragen. Wissen
Sie es schon? Ich arrangiere einen ganzen Festtag, mit Hilfe einer
Kollekte -- fr die armen Gouvernanten unseres Gouvernements. Sie sind
in ganz Ruland verstreut; aus unserem Kreise sind allein schon sechs;
auerdem noch zwei Telegraphistinnen und zwei, die die Akademie
besuchen; viele wrden das gleichfalls gern, haben aber nicht die Mittel
dazu. Ach, das Los der russischen Frau ist entsetzlich, Warwara
Petrowna! Jetzt wird daraus eine Universittsfrage gemacht, und der
Reichsrat hat sich sogar schon deswegen einmal versammelt. In unserem
sonderbaren Ruland kann man wirklich alles machen, was einem einfllt.
Und darum, noch einmal sei es gesagt, knnten wir nur mit Liebe und
unmittelbarer warmer Teilnahme der ganzen Gesellschaft diese groe,
allgemeine Sache auf den richtigen Weg fhren. O Gott, als ob wir viele
groe Menschen htten! Es gibt ja natrlich welche, aber die sind so
verstreut! Tun wir uns doch zusammen, um strker zu werden! Wie gesagt,
ich werde erst eine literarische Matinee arrangieren, darauf ein
leichtes Frhstck, und dann, am Abend, einen Ball. Zuerst wollten wir
den Abend mit lebenden Bildern erffnen, aber das kme wohl etwas zu
teuer, und deshalb sollen zur Unterhaltung des Publikums nur zwei
Quadrillen von Masken getanzt werden -- in charakteristischen Kostmen,
die bestimmte literarische Richtungen darstellen. Diesen spaigen
Vorschlag hat Karmasinoff gemacht -- er ist mir berhaupt sehr
behilflich. Und wissen Sie, er wird zur Matinee sein letztes Werk, das
noch niemand kennt, vorlesen. Er will seine Feder jetzt niederlegen und
nie mehr schreiben. Dieses letzte Werk ist sein Abschied vom Publikum.
Ein herrliches Ding, unter dem Titel: >_Merci_<. Allerdings ein
franzsisches Wort, aber er findet es scherzhafter und sogar feiner. Ich
auch -- ja eigentlich habe ich es ihm vorgeschlagen. Nun denke ich,
vielleicht knnte auch Stepan Trophimowitsch etwas vorlesen, etwas
Krzeres und, wenn mglich ... nicht gar zu Gelehrtes. Ich glaube, auch
Pjotr Stepanowitsch und noch jemand werden irgend etwas vortragen. Ich
werde Pjotr Stepanowitsch zu Ihnen schicken, mit dem Programm, oder
besser, erlauben Sie mir, es Ihnen selbst zu bergeben, wenn ich einmal
vorberfahre.

Gern! -- Und Sie erlauben mir gewi, meinen Namen gleichfalls auf die
Liste zu setzen ... Ich werde es Stepan Trophimowitsch mitteilen und ihn
selbst darum bitten.

Ganz bezaubert kehrte Warwara Petrowna heim; jetzt stand sie wie ein
Fels fr Julija Michailowna! ber Stepan Trophimowitsch aber rgerte sie
sich pltzlich grenzenlos. Er aber, der Arme, ahnte natrlich von
alledem nichts.

Ich habe mich geradezu in sie verliebt. Ich begreife nicht, wie ich
mich in dieser Frau so habe tuschen knnen, sagte sie zu Nicolai
Wszewolodowitsch und zu Pjotr Stepanowitsch, der am Abend dieses Tages
wieder auf einen Augenblick bei ihr vorsprach.

Aber Sie mssen sich mit dem Alten wieder ausshnen, meinte Pjotr
Stepanowitsch, er ist ganz verzweifelt. Sie haben ihn ja schon geradezu
in die Kche geschickt. Gestern hat er Sie in der Equipage gesehen und
gegrt, Sie aber sollen sich abgewendet haben. Wissen Sie, wir wollen
ihn ein wenig herausheben, ich habe sogar gewisse Absichten mit ihm und
er kann uns noch ntzlich sein.

Oh, er wird ja jetzt auf der Matinee vortragen.

Ich spreche nicht davon allein. brigens, ich wollte selbst noch heute
zu ihm gehen. Soll ich es ihm sagen?

Wenn Sie wollen. Oder nein, ich wei nicht, wie Sie das anfangen
werden, sagte sie ein wenig unentschlossen. Ich hatte schon selbst die
Absicht, mich mit ihm auszusprechen und wollte ihm Ort und Stunde
angeben. Ihr Gesicht verfinsterte sich.

Na, das lohnt sich gerade! Ich werde es ihm einfach sagen.

Nun, meinetwegen. Sagen Sie es ihm. Aber fgen Sie hinzu, da ich ihm
unbedingt einen Tag angeben werde. Fgen Sie das unbedingt hinzu.

Pjotr Stepanowitsch eilte sogleich schmunzelnd zu seinem Vater. Im
allgemeinen war er in dieser Zeit, so weit ich mich dessen noch erinnern
kann, ganz besonders schlechter Laune und erlaubte sich unglaubliche
Sachen fast allen gegenber, was man ihm aber sonderbarerweise stets
verzieh. berhaupt hatte sich die Meinung verbreitet, da man auf ihn
irgendwie besonders sehen msse. Hier mu ich aber erwhnen, da ihn
Stawrogins Duell in eine schon beinahe unnatrliche Wut versetzt hatte;
die Nachricht traf ihn unvorbereitet. Er wurde geradezu grn im Gesicht,
als man ihm das erzhlte. Vielleicht litt hierbei seine Eigenliebe: er
erfuhr es erst am anderen Tage, als schon alle davon wuten.

Aber Sie hatten ja gar nicht das Recht, sich zu schlagen! flsterte er
Stawrogin zu, als er ihn erst am fnften Tag darauf zufllig im Klub
traf.

Es ist bemerkenswert, da sie sich in diesen fnf Tagen nirgends
begegnet waren, obgleich Pjotr Stepanowitsch fast tglich bei Warwara
Petrowna vorsprach.

Stawrogin blickte ihn stumm und wie zerstreut an, als verstnde er
nicht, wovon jener sprach, und ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Er
ging durch den groen Saal zum Bfettraum.

Sie sind auch zu Schatoff gegangen ... Sie wollen Ihre Heirat mit Marja
Timofejewna bekannt machen, flsterte Pjotr Stepanowitsch, der ihm
nachlief, und fate ihn an der Schulter.

Da schttelte Stawrogin pltzlich seine Hand ab und drehte sich schnell
mit drohend finsterem Gesicht zu ihm um. Pjotr Stepanowitsch sah ihn an
und lchelte ein sonderbares langes Lcheln. Das Ganze dauerte nur einen
Augenblick. Stawrogin ging allein weiter.


                                  II.

Von Warwara Petrowna begab sich Pjotr Stepanowitsch an jenem Abend
schleunigst zu seinem Vater. Da er sich so beeilte, geschah vor allem
aus Bosheit: um sich fr eine Beleidigung, von der ich noch keine Ahnung
hatte, sobald wie mglich zu rchen. Stepan Trophimowitsch hatte ihn
nmlich bei seinem letzten Besuch nach einem Streit, der brigens von
ihm selbst begonnen worden war, mit dem Stock hinausgejagt. Damals war
ich, wie gesagt, nicht zugegen gewesen, diesmal aber, als Pjotr
Stepanowitsch mit seinem gewhnlichen spttischen Lcheln eintrat,
whrend sein unangenehm neugieriger Blick das Zimmer gleichsam absuchte,
gab mir Stepan Trophimowitsch sogleich durch einen Wink zu verstehen,
ich solle den Raum nicht verlassen. So erfuhr ich denn, wie sie zu
einander standen.

Stepan Trophimowitsch sa halb liegend auf dem Diwan. Seit jenem letzten
Besuch seines Sohnes, am Donnerstag, war er magerer und bleicher
geworden. Pjotr Stepanowitsch setzte sich in der ungeniertesten Weise
neben ihn, und nahm weit mehr Platz auf dem Diwan ein, als es die
Achtung vor dem Vater erlaubt htte. Stepan Trophimowitsch rckte
wortlos, seine Wrde wahrend, zur Seite.

Auf dem Tisch lag ein aufgeschlagenes Buch: der Roman Was tun?[43]
Leider mu ich hier eine gewisse Schwche meines Freundes eingestehen:
der Gedanke, da er noch einmal aus seiner Einsamkeit hervortreten
msse, um die letzte Schlacht zu schlagen, hatte sich mehr und mehr in
seiner verblendeten Einbildung festgesetzt. Ich erriet, da er sich
diesen Roman nur vorgenommen hatte und nun _studierte_, um fr den Fall
eines Zusammenstoes mit den Feinden ihren ganzen Katechismus zu
kennen. So vorbereitet, wollte er sie dann alle widerlegen und feierlich
vor _ihr_ ber jene Jungen triumphieren! Oh, wie qulte ihn dieses
Buch! Ganz verzweifelt warf er es oft fort, sprang auf und ging erregt,
ja fast auer sich hin und her.

Ich gebe zu, da der Grundgedanke des Autors richtig ist, sagte er wie
im Fieber zu mir, -- aber das ist doch noch schrecklicher! Es ist ja
derselbe Gedanke, den wir gehegt haben, gerade unser eigener! Wir haben
ihn selbst gepflanzt, erzogen, alles vorbereitet, -- ja und was knnten
die denn berhaupt noch Neues sagen, nach _uns_! Aber, Gott, wie ist das
alles miverstanden, wie entstellt, wie verdorben! rief er, nervs mit
den Fingern auf das Buch klopfend. Haben wir je solche Folgerungen
gezogen, _das_ etwa erstrebt? Wer kann hier berhaupt den Grundgedanken
herauslesen?!

Bildest dich? fragte Pjotr Stepanowitsch spttisch, nachdem er das
Buch vom Tisch genommen und den Titel gelesen hatte. War schon lngst
an der Zeit. Kann dir noch bessere Bcher bringen, wenn du willst.

Stepan Trophimowitsch schwieg wieder. Ich sa auf dem anderen Diwan in
der Ecke.

Pjotr Stepanowitsch erklrte schnell, warum er gekommen sei. Stepan
Trophimowitsch war ganz unverhltnismig betroffen und hrte mit einem
Schrecken zu, der sich mit uerstem Unwillen mischte.

Und diese Julija Michailowna ist ohne weiteres berzeugt, da ich bei
ihr vorlesen werde!

Das heit, sieh mal, sie brauchen dich ja eigentlich berhaupt nicht.
Im Gegenteil, es geschieht nur, um dir eine Ehre zu erweisen und somit
Warwara Petrowna zu schmeicheln. Na, versteht sich doch von selbst, da
du nicht wagen darfst, etwa abzusagen. Und selber willst du doch auch
riesig gern vorlesen, schmunzelte er. Ihr Alten habt ja alle 'ne
hllische Ambition. Aber, hr mal, damit es nicht zu langweilig ist --
du hast da etwas aus der spanischen Geschichte, nicht? Du, also gib mir
das Ding drei, zwei Tage vorher, damit ich es mal durchsehe, sonst
schlferst du uns am Ende noch alle ein.

Die Grobheit seiner Bemerkungen war augenscheinlich beabsichtigt. Er
tat, als knne man mit Stepan Trophimowitsch eben unmglich feiner
sprechen. Mein Freund fuhr unerschtterlich fort, die Beleidigungen
nicht zu bemerken. Indessen regte ihn der Inhalt des Gehrten doch immer
mehr auf.

Und sie selbst, _sie selbst_ hat ... dir gesagt, da du es mir
mitteilen sollst? fragte er.

Das heit, sieh mal, sie wollte dir Ort und Zeit angeben, um sich mit
dir auszusprechen -- die letzten berreste eurer Sentimentalitten. Du
hast zwanzig Jahre mit ihr kokettiert und ihr die lcherlichsten
Albernheiten angewhnt. Na, beruhige dich, jetzt hat das aufgehrt;
jetzt wiederholt sie ja selbst stndlich, da sie dich nun erst
>durchschaut<. Ich habe ihr logisch auseinandergesetzt, da eure ganze
Freundschaft weiter nichts als ein gegenseitiger Ergu von Splicht
gewesen ist. Sie hat mir viel erzhlt, weit du. Pfui, was fr ein
Lakaienamt du bei ihr bekleidet hast. Sogar ich habe fr dich errten
mssen.

Ich -- ein Lakaienamt bekleidet? rief Stepan Trophimowitsch, der nun
doch nicht mehr an sich halten konnte.

Sogar noch schlimmer als das, denn du warst ja ein Schmarotzer, also
ein freiwilliger Lakai. Zur Arbeit zu faul -- aber auf Geld haben wir
Appetit. Kennt man! Auch sie begreift das jetzt. Haarstrubend, was sie
von dir alles erzhlt hat! Ach, Freund, hab ich aber ber deine Briefe
an sie gelacht! Wie gewissenlos und wie ekelhaft! Aber ihr seid ja so
verderbt, so unglaublich verderbt! Im Almosenempfangen liegt doch etwas,
das den Menschen fr immer verdirbt -- du bist ein glnzendes Beispiel
dafr!

Sie hat dir meine Briefe gezeigt!

Alle. Das heit, wo denkst du hin, wer soll denn die alle durchlesen!
Pfui, ich glaube, es sind ber zweitausend Briefe. Verboten viel Papier
verschmiert ... Aber weit du auch, Alter, ich vermute, es mu da einmal
einen Augenblick gegeben haben, wo sie vielleicht sogar bereit gewesen
wre, dich zu heiraten? Dmmsterweise hast du's verpat! Ich meine
natrlich -- von deinem Standpunkt aus. Immerhin besser als jetzt, da
man dich beinah mit >fremden Snden< verkuppelt htte, wie einen Narren
zum Scherz, -- und das fr Geld.

Fr Geld! _Sie, sie_ sagt -- ich htte fr Geld! ... rief Stepan
Trophimowitsch in krankhafter Erregung.

Ja, wie denn sonst? Was fllt dir denn ein? Unter diesem Gesichtswinkel
habe ich dich noch verteidigt! Das ist doch deine einzige
Entschuldigung. Sie hat jetzt selbst eingesehen, da du Geld brauchtest,
wie nun einmal alle Menschen -- und von dem Standpunkte aus sogar ganz
recht hattest. Ich habe ihr denn auch klar wie zweimalzwei bewiesen, da
ihr zu Eurem gegenseitigen Vorteil gelebt habt: sie als Kapitalistin,
und du bei ihr als ihr sentimentaler Narr. brigens: ber das viele
verschwendete Geld rgert sie sich nicht, obgleich du sie doch wirklich
wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt erbost, ist nur, da sie dir
zwanzig Jahre lang geglaubt hat, da sie sich von deinem _Anstand_ hat
betlpeln lassen und da du sie gezwungen hast, so lange zu lgen. Da
sie selbst auch gelogen hat, wird sie sich nie eingestehen, aber du
wirst dafr doppelt ben mssen. Ich verstehe nur nicht, wie du nicht
hast begreifen knnen, da es irgend einmal doch zu einer Abrechnung
kommen mute. Denn immerhin hattest du doch so etwas wie einen Verstand.
Ich habe ihr gestern geraten, dich in ein Armenhaus zu stecken. Beruhige
dich, in ein anstndiges: es wird schon nicht erniedrigend sein. Ich
glaube, sie wird es auch so machen. Erinnerst du dich noch deines
letzten Briefes an mich, ins H--sche Gouvernement, vor drei Wochen?

Den hast du ihr gezeigt? Stepan Trophimowitsch sprang vor Entsetzen
auf.

Na, selbstredend! Als ersten! Denselben, in dem du schreibst, da sie
dich ausnutzt, dich um deines Talentes willen beneidet, na, und noch
allerlei ber die >fremden Snden< ... -- Ach, Freund, hast du aber eine
Eigenliebe! Ich habe mir vor Lachen die Seiten gehalten. Sonst sind
deine Briefe mordslangweilig -- hast einen entsetzlichen Stil. Habe sie
berhaupt nur selten gelesen und ein Brief liegt da bei mir noch jetzt
unerffnet herum; werde ihn dir morgen schicken. Aber dieser, dieser
letzte Brief -- der ist ja einfach die Krone von allen! Wie ich gelacht
habe, nein, wie ich gelacht habe!

Du Unmensch, du Ungeheuer! brllte pltzlich Stepan Trophimowitsch
auer sich vor Emprung.

Pfui Teufel, mit dir kann man ja berhaupt nicht reden. Hr mal, du
fhlst dich wohl wieder gekrnkt, wie vorigen Donnerstag?

Stepan Trophimowitsch richtete sich drohend auf.

Wie wagst du es, so mit mir zu reden?

Ja, wie denn? Ich rede doch einfach und klar.

Aber so sag mir doch, bist du mein Sohn oder bist du's nicht!

Das mtest du besser wissen als ich. Natrlich, jeder Vater ist ja in
solchen Fllen zu Zweifeln geneigt ...

Schweig, schweig! Stepan Trophimowitsch erzitterte am ganzen Krper.

Sieh mal, nun schreist und schimpfst du schon wieder, ganz wie vorigen
Donnerstag; wolltest ja damals schon deinen Stock erheben, inzwischen
aber habe ich das Dokument gefunden. Hab den ganzen Abend in meinem
Reisekoffer aus Neugier gesucht. Kannst dich beruhigen, es ist kein
Beweis vorhanden. Nur ein kurzer Brief meiner Mutter an jenen Polen.
Aber nach ihrem Charakter zu urteilen ...

Noch ein Wort und ich schlage dich --!

Na, das sind mir mal Menschen! wandte sich Pjotr Stepanowitsch
pltzlich an mich. Sehen Sie, das geht nun schon so seit dem vorigen
Donnerstag. Es freut mich, da diesmal wenigstens Sie dabei sind und
urteilen knnen. Zuerst eine Tatsache: er macht mir Vorwrfe, weil ich
so von meiner Mutter rede, aber war er es nicht selbst, der mich darauf
gebracht hat? In Petersburg, als ich noch Gymnasiast war, weckte er mich
womglich zweimal in der Nacht, umarmte mich und weinte wie ein altes
Weib. Und was glauben Sie wohl, was er mir dann erzhlte, so in der
Nacht? Na, eben diese selben keuschen Anekdoten ber meine Mutter! Er
war ja der erste, von dem ich es hrte.

Oh, ich tat es damals im hheren Sinne! Oh, du hast mich nicht
verstanden. Nichts, nichts hast du verstanden!

Aber immerhin war es von dir doch gemeiner, als von mir, viel gemeiner,
gestehe es nur! Sieh, wenn du willst: mir ist es ja einerlei. Von deinem
Standpunkt betrachtet. Von meinem -- na, beruhige dich: ich mache meiner
Mutter durchaus keinen Vorwurf. Bist du's, na, dann bist du es, -- ist's
der Pole, -- na, meinetwegen, mir ist's egal. Ich bin doch nicht daran
schuld, da es bei euch in Berlin so dumm herausgekommen ist. Ja und
htte denn berhaupt jemals etwas Gescheites bei euch herauskommen
knnen? Und seid ihr nun nach alledem nicht komische Leute? Kann es dir
denn nicht ganz egal sein, ob ich dein Sohn bin, oder nicht? Hren Sie
mal, wandte er sich wieder zu mir, er hat fr mich in seinem ganzen
Leben nicht einen einzigen Rubel ausgegeben; bis zum sechzehnten Jahre
hat er mich berhaupt nicht gekannt, darauf hat er mich hier bestohlen,
und jetzt schreit er, da ihn sein Herz sein Lebelang um mich geschmerzt
habe, und geberdet sich vor mir wie ein Schauspieler. Aber ich bin doch
nicht Warwara Petrowna, ich bitte dich!

Er stand auf und nahm seinen Hut.

Ich -- verfluche dich! rief Stepan Trophimowitsch, bleich wie der Tod,
und streckte seine Hand aus.

Seht doch, was ein Mensch alles fertig bringt! Pjotr Stepanowitsch
wunderte sich wirklich. Na, leb wohl, Alter, werde nie mehr zu dir
kommen. Den Aufsatz schick etwas frher, vergi es nicht, und bemhe
dich, wenn du kannst, ohne Albernheiten zu schreiben. Nur Tatsachen,
Tatsachen und nochmals Tatsachen, und die Hauptsache: so kurz wie
mglich. Adieu!


                                  III.

Pjotr Stepanowitsch hatte brigens noch andere Grnde dafr, mit seinem
Vater in dieser Weise umzugehen. Meiner Meinung nach beabsichtigte er
ganz einfach, ihn zur Verzweiflung zu bringen, um ihn auf diese Weise zu
einem Skandal zu treiben, der die ffentlichkeit in einer ganz
bestimmten Richtung in Anspruch nehmen mute. Etwas Derartiges hatte er
fr seine ferneren Ziele, von denen jedoch erst spter die Rede sein
soll, unbedingt ntig. Noch eine ganze Reihe hnlicher und miteinander
in Zusammenhang stehender Plne -- freilich alle von einer gewissen
Phantastik -- gingen damals durch seinen Kopf. Auer Stepan
Trophimowitsch hatte er noch einen anderen Mrtyrer im Auge. berhaupt
hatte er deren nicht wenige, wie sich spter herausstellte; doch auf
diesen anderen Mrtyrer rechnete er ganz besonders, und der war -- Herr
von Lembke in eigener Person.

Andrei Antonowitsch von Lembke gehrte zu jenem bevorzugten (von der
Natur bevorzugten) Volke, von dem in Ruland mehrere hunderttausend
Vertreter leben, die vielleicht selbst nicht wissen, da sie in ihrer
ganzen Masse und Gesamtheit einen streng organisierten Bund bei uns
bilden. Selbstredend ist dieser Bund nicht etwa ausgedacht, sondern
besteht wortlos, ohne Vereinbarungen, einfach wie eine moralische
Selbstverstndlichkeit -- eben durch das unbedingte Zusammenhalten und
die Untersttzung, die sie sich berall und unter allen Umstnden
wechselseitig zuteil werden lassen.

Andrei Antonowitsch hatte die Ehre gehabt, in einer jener hheren
russischen Schulen erzogen zu werden, in die in der Regel nur die Shne
solcher Familien eintreten knnen, die mit Reichtum oder Verbindungen
beglckt sind. Die Zglinge dieser Schule wurden fast sofort nach dem
Abiturientenexamen so untergebracht, da sie selbst bei geringer
Begabung noch eine gute Karriere machen konnten. Andrei Antonowitschs
Grovter waren: ein Oberstleutnant und ein Bcker. Trotzdem hatte man
ihn in jener hohen Schule aufgenommen, und siehe da -- er fand noch
andere junge Leute hnlicher Herkunft vor. Er war ein lustiger Kamerad;
mit dem Lernen ging es zwar ziemlich schwer, aber das strte weiter
nicht -- man hatte ihn trotzdem gern. Als spter, in den hheren
Klassen, die Jnglinge, die meistens Russen waren, schon ber alle
mglichen Tagesfragen zu disputieren begannen, und zwar in einem Tone,
der keinen Zweifel darber bestehen lie, da sie, sobald sie nur erst
die Schule hinter sich gebracht htten, sofort smtliche Probleme mit
einem Schlage lsen wrden -- da fuhr Andrei Antonowitsch immer noch
fort, sich mit den allerunschuldigsten Jungenstreichen zu beschftigen.
Es schien in seinen Augen geradezu sein Lebenszweck zu sein, seine
Mitschler auch jetzt noch durch alle mglichen Einflle zu unterhalten
-- Einflle, die sich zwar nicht durch allzu groen Geistesreichtum
auszeichneten, dafr aber die junge Gesellschaft zu erheitern
vermochten. Entweder schneuzte er sich, wenn der Lehrer ihn etwas
fragte, auf irgendeine ganz besonders laute und mitnende Weise die
Nase, wodurch er dann sowohl die Kameraden wie den Lehrer selber
belustigte; oder er machte im gemeinsamen Schlafsaal irgendwelche
equilibristischen Kunststcke, die ihm einen allgemeinen und
begeisterten Beifall einzutragen pflegten; oder er spielte gar einzig
auf seiner Nase (und wirklich kunstvoll) die Ouvertre zu Fra Diavolo.
Im letzten Schuljahr zeichnete er sich wohl auch durch eine absichtliche
Unordentlichkeit in der Kleidung aus, was er fr genial hielt, dieweil
er nmlich zu dichten begonnen hatte: und zwar in russischer Sprache,
denn seine Muttersprache beherrschte er nur uerst ungrammatisch, wie
so viele seiner in Ruland lebenden Volksgenossen.

Diese Neigung zur Poesie hatte ihn dann mit einem Kameraden, dem Sohn
eines armen Offiziers, den die ganze Schule fr einen zuknftigen groen
Poeten, so eine Art zweiten Puschkin hielt, zusammengefhrt. Wie
erstaunt aber war dieser Kamerad, der sich Lembkes auf der Schule nur
von oben herab, gndig, beinahe gnnerhaft angenommen hatte, als er drei
Jahre spter seinen Proteg, den Lembka, wie man ihn allgemein genannt
hatte, an einem kalten Tage an der Anitschkoffbrcke traf! Der
zuknftige groe Poet hatte sich inzwischen ganz der russischen
Literatur gewidmet und es bereits glcklich bis zu zerrissenen Stiefeln
und einem dnnen Sommerpaletot im Sptherbst gebracht. Um so
eigentmlicher muten seine Empfindungen sein, als er jetzt seinen
Lembka wiedersah: zuerst traute er seinen Augen nicht -- vor ihm stand
ein tadellos gekleideter junger Mann mit bewunderungswrdig bearbeitetem
rtlich-blondem Backenbart, mit einem Klemmer auf der Nase, elegant
behandschuht, dazu in Lackstiefeln und kostbarem Pelz mit einer
Ledermappe unter dem Arm. Lembke begrte ihn sehr freundlich, gab ihm
seine Adresse, und forderte ihn sogar auf, ihn einmal abends zu
besuchen. Es stellte sich bei der Gelegenheit heraus, da er jetzt nicht
mehr einfach der Lembka, sondern Herr _von_ Lembke war. Doch als nun
der Schulfreund der Aufforderung nachkam und ihn tatschlich einmal
besuchte, da fand er keineswegs die Reichtmer vor, die er erwartet
hatte, fand seinen Lembka vielmehr in einem schmalen Zimmerchen, das
ziemlich alt aussah, mit einem dunkelgrnen Vorhang in zwei ungleiche
Hlften geteilt und mit ebenfalls dunkelgrnen, zwar gepolsterten, aber
bereits ziemlich verschossenen Mbeln eingerichtet war. Von Lembke
wohnte bei einem General, mit dem er in sehr weitlufiger Verwandtschaft
stand und der den jungen Mann nach Mglichkeit in seiner Laufbahn
frderte. Von Lembke empfing den Schulfreund freundlich, war aber sonst
ernst und von gesellschaftlicher Hflichkeit. ber Literatur sprachen
sie nur beilufig. Ein Diener in weier Weste brachte einen etwas
bllichen Tee und hartes kleines, rundes Gebck. Als der Freund aus
Bosheit um eine Flasche Selterwasser bat, wurde sie ihm zwar gebracht,
doch erst nach auffallend langer Zeit, whrend der Lembke etwas betreten
zu sein schien. brigens mu ich hinzufgen, da er dem Schulfreunde
auch einen Imbi anbot, doch offenbar nicht unzufrieden war, als der
Gast dankte und sich bald darauf verabschiedete. Mit einem Wort: Lembke
begann damals, trotz rmlicher Verhltnisse, seine Karriere und lebte
bei einem Stammgenossen, der ein angesehener General war.

In dieser Zeit hatte er sich in die fnfte Tochter des Generals
verliebt, und sein Antrag war, wenn ich nicht irre, auch so gut wie
angenommen worden. Nur verheiratete man Amalie, als sich die Gelegenheit
bot, nichtsdestoweniger mit einem deutschen Fabrikbesitzer, einem alten
Freunde des alten Generals. Andrei Antonowitsch trauerte seiner Liebe
nicht sehr lange nach, sondern -- klebte aus Pappe ein Theater. Das ward
ein richtiges Kunstwerk: der Vorhang hob sich, die Schauspieler traten
auf und gestikulierten mit den Hnden, in den Logen saen Damen, im
Orchester fuhren die Musiker mit den Bgen ber die Instrumente, der
Kapellmeister fuchtelte mit einem Stckchen und das Publikum klatschte
in die Hnde. Alles das war aus Pappe hergestellt, und ausgedacht und
ausgefhrt von Andrei Antonowitsch von Lembke. Ein halbes Jahr lang
hatte er ber diesem Theater gesessen. Als er fertig war, gab der
General eine intimere Abendgesellschaft; viele deutsche Damen und junge
Mdchen, sowie die fnf Tchter des Generals, darunter die neuvermhlte
Amalie und deren Gatte, waren sehr entzckt, als das Theater vorgefhrt
wurde, und ergingen sich in hohen Lobsprchen ber den Verfertiger --
worauf dann getanzt wurde. Lembke war sehr zufrieden und verga seinen
Liebesgram alsbald.

Ein paar Jahre vergingen und seine Karriere machte sich mehr und mehr.
Er bekleidete stets Vertrauensposten unter Vorgesetzten, die gleicher
Abstammung waren, und erreichte in verhltnismig jungen Jahren einen
recht ansehnlichen Rang. Schon lange hatte er, jetzt aber ernstlich, den
Wunsch gehabt, zu heiraten, und schon lange hatte er sich verstohlen
nach einer passenden Partie umgesehen. brigens dichtete er auch jetzt
noch hin und wieder, doch ohne jemandem etwas davon zu verraten, und
einmal sandte er sogar eine Novelle an die Redaktion eines Blattes: sie
wurde jedoch zu seinem Kummer nicht abgedruckt, sondern ihm hflich
wieder zur Verfgung gestellt. Da begann er denn wieder zu kleben:
diesmal einen ganzen Eisenbahnzug. Auch der gelang ihm vorzglich: die
Leute kamen aus dem Bahnhof und drngten sich, mit Koffern und Taschen
in der Hand, mit Kindern und Hunden, zu den Waggons, die Schaffner und
die Bahnbeamten gingen hin und her, ein Glckchen klingelte und der Zug
setzte sich in Bewegung. ber diesem Kunststck hatte er ein ganzes Jahr
gesessen, seine Heiratsplne aber diesmal nicht darber vergessen. Sein
Bekanntenkreis war ziemlich gro, meistens deutsche Gesellschaft, doch
verkehrte er auch in einigen russischen Familien -- selbstverstndlich
nur in denen seiner Vorgesetzten. Da fiel ihm endlich, als er schon
achtunddreiig Jahre zhlte, eine kleine Erbschaft zu: sein Grovater,
der Bcker, starb und hinterlie ihm testamentarisch dreizehntausend
Rubel. Nun war Herr von Lembke im Grunde trotz der schon recht
ansehnlichen Stellung, die er in jungen Jahren erklommen hatte, durchaus
kein Streber, vielmehr ein Mensch, der auch ganz gewi mit einem
kleineren, wenn nur recht bequemen und unabhngigen Posten vollkommen
zufrieden gewesen wre. Doch eben jetzt kreuzte, anstatt einer sanften
Minna oder Ernestine, pltzlich Julija Michailowna seinen Weg, und seine
Stellung stieg sofort um ein paar Stufen hher. Der bescheidene und
gewissenhafte von Lembke fhlte, da auch er ehrgeizig zu sein
vermochte.

Julija Michailowna besa, nach der alten Einschtzung, zweihundert
Leibeigene und erfreute sich auerdem guter Protektionen. Andererseits
war von Lembke ein hbscher Mann und sie schon ber 40 Jahre alt.
Obendrein verliebte er sich nach und nach wirklich in sie, und zwar
genau proportional der Verstrkung des Gefhls, da er nun Brutigam
war. Am Hochzeitstage schickte er ihr sogar ein Gedicht, das ihr sehr
gefiel -- vierzig Jahre sind nun einmal kein Spa. Bald darauf bekam er
auch einen gutklingenden Titel und dazu einen bestimmten Orden, und
schlielich wurde er zum Gouverneur unseres Gouvernements ernannt. Seit
dieser Auszeichnung begann Julija Michailowna sich um ihren Gatten
doppelt zu bemhen. Ihrer Meinung nach war er nicht gerade unbegabt: er
verstand, in einen Salon einzutreten, es war ihm gegeben, eine elegante
Verbeugung zu machen, er vermochte sogar ernst und tiefsinnig zuzuhren,
wenn andere sprachen, hielt sich dabei immer gut und konnte sogar eine
Rede halten; ja, er hatte hin und wieder sogar eigene Gedanken, wenn sie
auch etwas kurz waren und unvermittelt wirkten, und hinzukam, da er
sich schon die Politur des neuesten, so notwendigen Liberalismus
angeeignet hatte. Doch trotz alledem beunruhigte sich Julija Michailowna
nicht wenig: vor allen Dingen mifiel es ihr entschieden, da ihr
Lembke, nachdem er so lange hinter seiner Karriere hergelaufen war,
jetzt doch wieder ein immer ausgesprocheneres Ruhebedrfnis zu empfinden
schien. Sie htte zu gern ihren ganzen Ehrgeiz zu dem seinen gemacht, er
aber begann wieder -- zu kleben. Diesmal war es eine Kirche: der Pastor
trat auf die Kanzel, die Gemeinde hrte mit andchtig gefalteten Hnden
zu, ein alter Mann schneuzte sich, eine Dame wischte sich mit einem
Taschentuch die Trnen ab und zum Schlu begann noch eine Orgel zu
spielen, die er um teures Geld eigens dazu aus der Schweiz verschrieben
hatte. Als Julija Michailowna von dieser neuen Arbeit erfuhr, erschrak
sie geradezu, nahm ihm das Spielzeug kurzerhand fort und versteckte es
in einen Koffer, zur Entschdigung aber erlaubte sie ihm, einen Roman zu
schreiben, freilich nur unter der Bedingung, da niemand etwas davon
erfhre. Seit der Zeit verlie sie sich nur noch auf sich selbst. Eine
Idee nach der anderen entstand in ihrem ehrgeizigen und ein wenig
berspannten Geiste. Sie hatte in der Tat die Absicht, das Gouvernement
zu regieren, und trumte bereits von den bestimmt nicht mehr fernen
Tagen, wo sie der Mittelpunkt der Gesellschaft, aller Meinungen und
Veranstaltungen unseres Gouvernements sein wrde. Von Lembke selbst soll
brigens zuerst nicht wenig erschrocken gewesen sein, als er den hohen
Posten erhielt, doch hatte er mit seinem Beamteninstinkt sehr bald
herausgefunden, da er eigentlich gar keinen Grund hatte, sich zu
frchten. Die ersten zwei, drei Monate seiner Ttigkeit verliefen denn
auch uerst zufriedenstellend. Da aber erschien pltzlich Pjotr
Stepanowitsch -- und alsbald nahm alles eine unheilvolle Wendung.

Die Sache fing damit an, da der junge Werchowenski gleich bei der
ersten Begegnung Andrei Antonowitsch von Lembke eine entschiedene
Nichtachtung entgegenbrachte und sich ganz sonderbare Rechte ihm
gegenber herausnahm, Julija Michailowna aber, die sonst immer so
eiferschtig die Bedeutung ihres Mannes geachtet wissen wollte, tat
pltzlich, als merkte sie davon nichts. Der junge Werchowenski wurde
sozusagen ihr Schtzling, a, trank und schlief fast bei ihnen. Von
Lembke suchte sich zwar des Ankmmlings zu erwehren, nannte ihn in der
Gesellschaft junger Mann, klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter,
doch konnte er mit all dem nicht das gewnschte Resultat erzielen. Pjotr
Stepanowitsch tat immer, selbst whrend scheinbar ernster Gesprche, als
nehme er ihn berhaupt nicht ernst, und im brigen nahm er sich sogar in
Gegenwart fremder Menschen heraus, ihm die unerwartetsten,
unglaublichsten Dinge ins Gesicht zu sagen. Einmal, als von Lembke nach
Hause kam und in sein Arbeitszimmer trat, fand er den jungen Mann auf
seinem Lederdiwan vor. Er gab zur Erklrung, und zwar nicht etwa, um
sich zu entschuldigen, sondern nur so oben hin, da er, da er niemanden
angetroffen, sich bei der Gelegenheit ausgeschlafen habe. Von Lembke
war natrlich tief gekrnkt und beklagte sich bei seiner Frau; diese
aber erklrte, nachdem sie zuerst ber seine Empfindlichkeit gelacht
hatte, da er wohl selbst die Schuld daran trge, wenn der junge Mann
sich nicht _comme il faut_{[113]} zu ihm verhalte. Wenigstens erlaubte
sich dieser Junge ihr gegenber nie irgend welche Familiaritten, und
im brigen sei er naiv und unverdorben, wenn auch gewi nicht
gesellschaftlich erzogen. Von Lembke schmollte zwar, doch diesmal
gelang es Julija Michailowna noch, die beiden zu vershnen: nicht
gerade, da Pjotr Stepanowitsch jetzt eine Entschuldigung gemacht htte,
aber er ri irgend einen Witz, den man zwar in einem anderen Fall fr
eine neue Beleidigung htte halten knnen, den man aber diesmal gndig
als Besserungsversprechen auffate. Am meisten rgerte es Herrn von
Lembke, da er dem jungen Mann geradezu machtlos gegenberstand, denn
... er hatte ihm gleich zu Anfang ihrer Bekanntschaft -- seinen Roman
anvertraut. Im Glauben, einen jungen Menschen mit literarischen
Interessen getroffen zu haben, hatte er ihm, da er sich schon lange
einen Zuhrer wnschte, eines Abends die beiden ersten Kapitel
vorgelesen. Pjotr Stepanowitsch hatte zunchst zugehrt, ohne zu
verbergen, da er sich langweilte, dann unhflich geghnt, nicht ein
einziges Mal etwas gelobt, doch beim Fortgehen sich das Manuskript
ausgebeten, um es zu Hause aufmerksam durchlesen und sein Urteil darber
fllen zu knnen, -- und der arme Herr von Lembke hatte es ihm auch
gegeben ... Seit der Zeit konnte er es nun nicht mehr zurckbekommen:
auf seine tglichen Fragen gab ihm Pjotr Stepanowitsch meist nur eine
ausweichende und nicht selten geradezu hhnische Antwort, bis er zum
Schlu einfach erklrte, das Manuskript auf der Strae verloren zu
haben. Als Julija Michailowna von dieser Unvorsichtigkeit ihres Gatten
Kenntnis erhielt, rgerte sie sich entsetzlich.

Hast du ihm vielleicht auch etwas von der Kirche gesagt? fragte sie
fast mit Schrecken.

Von Lembke begann ernstlich nachzudenken; nachdenken aber war fr ihn
schdlich und ihm von den rzten strengstens verboten worden. Und
abgesehen davon, da es pltzlich viele Scherereien im Gouvernement fr
ihn gab, wovon spter die Rede sein wird, gab es hier auch noch einen
besonderen Umstand -- demzufolge diesmal sogar das Herz des Gatten litt,
nicht nur die Eigenliebe eines Machthabers allein. Als von Lembke in die
Ehe trat, htte er sich niemals trumen lassen, da sie ihm auch irgend
welche Unannehmlichkeiten bereiten knnte. Er hatte sich die Ehe in
seinen Gedanken an Minna oder Ernestine stets durchaus friedlich
vorgestellt. Und jetzt fhlte er, da husliche Gewitter ber seine
Krfte gingen.

Endlich sprach sich Julija Michailowna offen mit ihm aus.

Beleidigen kann dich das berhaupt nicht, sagte sie, schon deswegen
nicht, weil du doch immerhin dreimal vernnftiger bist, als er, und
gesellschaftlich turmhoch ber ihm stehst. In diesem Jungen steckt noch
viel von dem frheren freigeistigen Unsinn; ich aber finde ihn nur
einfach unartig. Nur kann man nicht verlangen, da diese jungen Leute
sich so schnell verndern sollen: man mu sie langsam erziehen. Wir
mssen die Jugend schonen; ich wenigstens halte sie mit Liebe und
Freundschaft am Rande des Abgrundes zurck.

Aber, zum Teufel, ich kann mich doch nicht tolerant zu ihm verhalten,
wenn er -- rief von Lembke erregt, wenn er in Gegenwart fremder
Menschen behauptet, die Regierung vergifte das Volk absichtlich mit
Branntwein, um es zu verdummen und auf diese Weise von etwaigen
Aufstandsgedanken abzubringen. Denk doch nur, bitte, an meine Rolle,
wenn ich in Gegenwart der ganzen Gesellschaft so etwas mit anhren mu!

Als Lembke das sagte, mute er wieder an ein Gesprch denken, das er vor
nicht langer Zeit mit Pjotr Stepanowitsch gehabt hatte ... In der
unschuldigen Absicht, den jungen Mann durch Liberalismus zu entwaffnen,
zeigte er ihm eines Tages seine Sammlung von allen mglichen
revolutionren Proklamationen und Flugblttern, sowohl russischen wie
auslndischen, die er seit 1859 sorgfltig aufbewahrte, doch nicht etwa
wie ein Liebhaber solcher Dinge, sondern einfach aus Neugier und weil
sie ihm einmal vielleicht zustatten kommen konnten. Pjotr Stepanowitsch,
der sofort seine Absicht durchschaute, sagte ganz ungeniert, da in
einer einzigen Zeile solch einer Brandschrift mehr Sinn stecke, als in
irgend einer Kanzlei, die Ihrige brigens nicht ausgenommen.

Von Lembke sah ihn gro an.

Aber es ist doch noch zu frh, viel zu frh, sagte er fast bittend,
indem er auf die Bltter wies.

Nein, keineswegs zu frh: Sie frchten sich doch, also ist es durchaus
nicht zu frh.

Aber ich bitte Sie, hier ist zum Beispiel eine Aufforderung, die
Kirchen zu zerstren!

Na, warum soll man das denn nicht? Sie sind doch ein kluger Mensch,
glauben ja selbst an nichts und wissen doch nur zu gut, da die
Regierung die Religion blo braucht, um das Volk dumm zu erhalten ...
Wahrheit aber ist ehrlicher als Lge.

Einverstanden, einverstanden, ich bin mit Ihnen vollkommen
einverstanden, aber hier bei uns in Ruland ist es doch noch zu frh!
Von Lembke runzelte unwillig die Stirn.

Was sind Sie denn eigentlich fr ein Regierungsbeamter, wenn Sie selbst
damit einverstanden sind, da man die Kirchen zerstren und mit Keulen
bewaffnet auf Petersburg losmarschieren soll, und nur an der ins Auge
gefaten Zeit etwas auszusetzen haben?

So unhflich festgelegt, fhlte von Lembke sich uerst pikiert.

Ich meinte das nicht _so_, durchaus nicht _so_! Er lie sich von
seiner gereizten Eigenliebe immer weiter fortreien. Sie, als junger
Mensch, der Sie mit unseren Zielen gar nicht bekannt sein knnen, Sie
tuschen sich vollkommen! Sehen Sie, mein lieber Pjotr Stepanowitsch,
Sie nennen uns Beamte der Regierung? Schn. Selbstndige Beamte? Schn.
Aber, erlauben Sie mal, wie handeln wir denn? Auf uns ruht die
Verantwortung, und Summa Summarum dienen wir genau so der allgemeinen
Sache, wie auch Sie. Nur halten wir das zusammen, was Sie
auseinanderschtteln wollen und was ohne uns nach verschiedenen Seiten
auseinandergleiten wrde. Wir sind dabei nicht etwa eure Feinde;
durchaus nicht, wir sagen euch sogar: geht voran, bereitet vor, ja
schttelt meinetwegen ... -- das heit, ich meine jetzt nur jenes Alte,
das sowieso umgendert werden mu. Wir aber werden euch dann, wenn's
ntig wird, schon in den ntigen Grenzen zurckzuhalten verstehen und
euch somit vor euch selber behten, denn ohne uns wrdet ihr doch nur
ganz Ruland ins Wanken und Schwanken bringen und ihm das anstndige
Aussehen nehmen, das es so doch wenigstens hat. Denn das ist ja gerade
unsere Aufgabe, dieses anstndige uere, wie gesagt, zu erhalten.
Begreifen Sie doch, da wir uns gegenseitig unentbehrlich sind, ganz wie
in England die Tory und Whig. Nun, sehen Sie, wir sind die Tory und Sie
die Whig -- so verstehe ich es wenigstens.

Von Lembke verfiel sogar in Pathos. Er liebte es, klug und liberal zu
reden, noch von Petersburg her, und hier hrte zudem kein Vorgesetzter
zu. Pjotr Stepanowitsch schwieg und war pltzlich von einem seltsamen,
ganz ungewohnten Ernst. Das reizte den Redner noch mehr.

Wissen Sie auch, da ich der >Herr des Gouvernements< bin? fuhr er
daher fort, whrend er im Kabinett auf- und abging. Wissen Sie auch,
da ich vor lauter Pflichten keine einzige zu erfllen vermag, und
andererseits kann ich sagen, und es ist ebenso wahr, da ich hier
berhaupt nichts zu tun habe. Das ganze Geheimnis besteht darin, da
hier alles von der Auffassung der Regierung abhngt. Mag die Regierung
doch, wenn sie will, die Republik verknden, nun da ... ich meine nur
so, meinetwegen aus Politik oder zur Beruhigung der Leidenschaften --
... aber dann soll sie andererseits, parallel dem, die Macht der
Gouverneure verstrken: und Sie werden sehen, wir Gouverneure
verschlingen die Republik! Was sage ich, Republik! -- Alles, was Sie
wollen, werden wir verschlingen! Ich wenigstens fhle, da ich imstande
bin ... Mit einem Wort: mag die Regierung mir telegraphisch _activit
dvorante_{[114]} befehlen, und ich werde sofort mit der _activit
dvorante_ beginnen. Ich habe es ihnen hier gleich ins Gesicht gesagt:
>Meine Herren, zum Gedeihen aller Institutionen sowie des ganzen
Gouvernements ist vor allem eines ntig: die Verstrkung der
Gouverneursmacht.< Sehen Sie, es ist unbedingt ntig, da alle diese
Institutionen -- mgen es nun die der Landschaft oder der Justiz sein --
gewissermaen ein Doppelleben leben, das heit, es ist ntig, da sie da
sind (ich gebe zu, da sie unentbehrlich sind), aber andererseits ist es
ntig, da sie auch _nicht_ da sind. Immer nach der Auffassung der
Regierung geurteilt! So stellt es sich denn heraus, da die
Institutionen, wenn sie sich pltzlich als notwendig erweisen, dann da
sein mssen. Vergeht aber diese Notwendigkeit, dann mssen sie wie
berhaupt nicht vorhanden sein. Sehen Sie, so verstehe ich die _activit
dvorante_. Aber die wird es nicht ohne Verstrkung der Gouverneursmacht
geben. Wir sprechen ja hier unter vier Augen. Wissen Sie auch, da ich
schon nach Petersburg geschrieben habe, da es unbedingt ntig ist, eine
Schildwache vor das Gouvernementsgebude zu stellen? Jetzt warte ich auf
die Antwort.

Sie brauchen zwei Schildwachen, sagte Pjotr Stepanowitsch.

Warum zwei? von Lembke blieb vor ihm stehen.

Na so, damit man Sie respektiere, ist eine zu wenig. Sie brauchen
unbedingt zwei.

Andrei Antonowitsch verzog das Gesicht.

Sie ... Sie erlauben sich, wei Gott, schon etwas zu viel, Pjotr
Stepanowitsch. Sie mibrauchen meine Gte, um mir Anzglichkeiten zu
sagen, und spielen dabei immer noch so irgend einen _bourru
bienfaisant_{[115]} ...

Na, das schon, wie Sie wollen, meinte Pjotr Stepanowitsch, aber Sie
bahnen uns trotzdem den Weg und bereiten unseren Erfolg vor.

Wen meinen Sie mit diesen >uns< und was ist das fr ein >Erfolg<? von
Lembke blieb erstaunt wieder vor ihm stehen, doch eine Antwort erhielt
er diesmal nicht.

Als Julija Michailowna den Bericht ber dieses Gesprch vernommen hatte,
war sie abermals uerst ungehalten.

Aber ich kann doch nicht deinen Favorit wie einen Untergebenen
traitieren! verteidigte sich von Lembke. Und noch dazu, wenn wir unter
vier Augen sind ... Ich konnte mich versprechen ... aus gutem Herzen
...

Aus leider etwas schon zu gutem! -- Ich wute auerdem nicht, da du
eine Sammlung von Flugschriften hast. Habe doch die Gte, sie mir zu
zeigen.

Aber ... er ... er hat sie mitgenommen, auf einen Tag ... er bat mich.

Und wieder hast du ihm so etwas ausgeliefert! rgerte sich Julija
Michailowna. Welch eine neue Unvorsichtigkeit!

Ich werde sofort zu ihm schicken, sie zurckerbitten --

Du glaubst wohl, da er sie dir geben wird?

Ich verlange es! rief von Lembke emprt und sprang sogar auf. Wer ist
er, da man ihn so frchten mu, und wer bin ich, da ich nichts mehr
tun darf?

Setze dich bitte, und rege dich lieber nicht so auf, hielt ihn Julija
Michailowna zurck. Zunchst will ich auf den ersten Teil deiner Frage
antworten: wer dieser Pjotr Stepanowitsch ist? Nun, er ist mir
vorzglich empfohlen, ist sehr begabt und sagt zuweilen uerst kluge
Sachen. Karmasinoff versicherte mir, da er fast berall Verbindungen
hat und die grostdtische Jugend vollstndig unter seinem Einflu
steht. Wenn es mir nun gelingt, diese Jugend durch ihn heranzuziehen und
um mich zu gruppieren, so bewahre ich sie vor dem Untergang, indem ich
ihrem Ehrgeiz einen neuen Weg weise. Zudem ist Pjotr Stepanowitsch mir
von ganzem Herzen ergeben und gehorcht mir in allen Dingen.

Aber, hr mal, whrend man sie da noch heranlockt, knnen sie ja ...
der Teufel wei was machen! Ich verstehe ja, das ist eine Idee ...
verteidigte sich von Lembke etwas unsicher. brigens, um von etwas
anderem zu sprechen: im H--schen Kreise sind wieder neue Flugschriften
verbreitet worden.

Das wird wohl wieder nur so ein Gercht sein -- wie im vorigen Sommer:
Proklamationen, falsche Assignaten, und was noch alles, dabei ist bis
jetzt noch nicht ein einziges Exemplar gesehen worden. Wer hat dir denn
das gesagt?

Blmer teilte mir mit ...

Ach, um's Himmels willen, verschone mich doch bitte endlich mit deinem
ewigen Blmer! Da du auch wirklich nie aufhren kannst, mich an den zu
erinnern! ...

Julija Michailowna war so aufgebracht, da sie fast keine Worte fand.
Blmer war ein Beamter der Gouvernementskanzlei, den sie ganz besonders
hate. Aber auch davon spter.

Beunruhige dich, wie gesagt, bitte weiter nicht ber Werchowenski,
schlo sie endlich das Gesprch. Wenn er an irgend welchen Dummheiten
teilnhme, so -- dessen kannst du sicher sein! -- wrde er mit dir und
mir und uns allen ganz anders sprechen. Nein, ein Phraseur ist nie
gefhrlich, und im brigen sage ich dir, wenn irgend etwas passieren
sollte, so werde ich womglich noch die erste sein, die es durch ihn
erfhrt. Er ist mir fanatisch, geradezu fanatisch ergeben.

Ich mchte hier den Ereignissen vorgreifen und bemerken, da, wenn
Julija Michailowna nicht diesen Ehrgeiz und Eigendnkel gehabt htte,
vielleicht all das nicht geschehen wre, was diese blen Leutchen bei
uns anzustiften vermochten. Fr vieles ist sie verantwortlich!




                            Zehntes Kapitel.
                              Vor dem Fest


                                   I.

Der Tag des Festes, das Julija Michailowna zum Besten der armen
Lehrerinnen unseres Gouvernements veranstalten wollte, wurde mehrmals
angesagt und dann doch immer wieder hinausgeschoben. Pjotr Stepanowitsch
und jener kleine jdische Beamte Lmschin, der eine Zeitlang auch Stepan
Trophimowitschs Abende besucht hatte, nun aber beim Gouverneur wegen
seines Klavierspiels in Gnaden zugelassen wurde, saen fast tglich
Stunden lang bei Julija Michailowna; desgleichen Liputin, den sie zum
Redakteur der zuknftigen unabhngigen Gouvernementszeitung erwhlt
hatte. Auerdem waren noch ein paar ltere und jngere Damen, die sich
lebhaft fr das Fest interessierten, und nicht selten sogar Karmasinoff
anwesend. Freilich tat der letztere in diesen Sitzungen wenig mehr, als
mit zufriedenem Lcheln im voraus versichern, da er das Publikum mit
seiner _Quadrille de la littrature_{[116]} geradezu in Entzcken
versetzen werde. Die ganze Gesellschaft unserer Stadt hatte
betrchtliche Summen geopfert, doch war es nicht sie allein, die an dem
Fest teilnehmen sollte: das konnte vielmehr ein jeder, wenn er nur
zahlte. Julija Michailowna meinte, da man in gewissen Fllen die
Vermengung der Klassen sehr wohl zulassen drfe, denn das trge zur
Aufklrung bei. Und so beschlo man denn, da das Fest ein
demokratisches werden sollte. Die verhltnismig groe Einnahme aus der
Subskription verlockte natrlich sofort zu greren Ausgaben: man wollte
jetzt etwas geradezu Wunderbares bieten, und das war denn auch der
Grund, warum das Fest immer wieder hinausgeschoben werden mute. Vor
allem konnte man sich nicht entscheiden, wo der Ball stattfinden sollte:
in dem groen Hause des Adelsmarschalls, das die Adelsmarschallin fr
diesen Tag zur Verfgung gestellt hatte, oder bei Warwara Petrowna in
Skworeschniki. Bis nach Skworeschniki wre es fr Fugnger vielleicht
etwas weit gewesen, aber viele Mitglieder des Komitees meinten, da es
dort jedenfalls weit freier sein wrde. Warwara Petrowna selbst htte
viel darum gegeben, wenn man sich fr ihren Saal entschieden htte, doch
ist es gewi schwer zu sagen, warum eigentlich? Warum diese stolze Frau
sich bei Julija Michailowna geradezu einschmeicheln wollte? Vielleicht
gefiel es ihr, da umgekehrt diese ihren Sohn so unendlich hochschtzte
und von einer Liebenswrdigkeit zu ihm war, wie sonst zu keinem? Ich
will hier nochmals erwhnen, da Pjotr Stepanowitsch in dieser ganzen
Zeit unentwegt fortfuhr, das Gercht, das er schon frher in der Stadt
verbreitet hatte, jetzt auch im Hause des Gouverneurs von Ohr zu Ohr zu
tragen: da nmlich Stawrogin in geheimnisvollsten Beziehungen zu den
geheimnisvollsten Mchten stehe, und da er, wie man auf das
bestimmteste wisse, mit einem groen und schwerwiegenden Auftrage
hergekommen sei.

Es hatte damals eine merkwrdige Stimmung die Geister ergriffen. Und
besonders unter unseren Damen machte sich ein gewisser Leichtsinn
bemerkbar, von dem man dabei nicht einmal behaupten konnte, da er sich
nur allmhlich entwickelt htte. Wie vom Winde hergeweht hatten sich
pltzlich freie Auffassungen verbreitet. Es begann ganz allgemein ein
leichteres Leben, voll von Exzentrizitten und Freiheiten. Spter, als
alles wieder vorber war, beschuldigte man ganz ffentlich nur Julija
Michailowna und den Einflu, den sie auf die Jugend der Stadt ausgebt
hatte. Doch ist es nicht richtig, da sie allein an allem die Schuld
trug. Im Gegenteil, diejenigen hatten auch nicht so ganz unrecht, welche
anfnglich die neue Gouverneurin geradezu lobten, und zwar vor allem
deshalb, weil sie es verstnde, die Gesellschaft zusammenzuhalten und
das Leben in ihr im guten Sinne angenehmer zu machen. Mit den paar
kleinen Skandalen, die inzwischen passierten, hatte Julija Michailowna
auch nicht das geringste zu tun. Im brigen aber nahm man auch diese
Skandale nicht allzu ernst, sondern lachte ber sie, fand sie sehr
amsant, und leider war niemand da, der sich in den Weg gestellt und
gesagt htte, da man den Dingen nicht immer so weiter ihren Lauf lassen
durfte. Nur eine kleine, oder vielleicht auch nicht einmal so kleine
Gruppe, die die Verhltnisse denn doch etwas anders ansah, hielt sich
abseits, aber selbst in ihr war man im stillen mehr geneigt, zu lcheln
als zu murren.

Es bildete sich, wie ich mich erinnere, ganz von selbst ein ziemlich
groer Kreis, dessen Mittelpunkt tatschlich in Julija Michailownas
Salon lag. Diese jugendliche Gesellschaft hatte es sich besonders zur
Aufgabe gestellt, Streiche zu machen. Auer den jungen Leuten gehrten
auch mehrere junge Mdchen und selbst junge Frauen zu ihr. Man
veranstaltete Picknicks, Tanzgesellschaften, zog in ganzen Kavalkaden,
zu Wagen und zu Pferde, durch die Stadt, wobei Pjotr Stepanowitsch und
Liputin auf gemieteten Kosakenpferden immer lustig mittrabten. Man
suchte Abenteuer oder fhrte sie womglich absichtlich herbei, einzig um
der Lachlust und Vergngungssucht zu gengen. Die brigen Einwohner der
Stadt behandelte man als ausgemachte Dummkpfe. Die Streiche waren meist
ziemlich unschuldiger Natur. Doch einmal, als man durch Lmschin
frhmorgens darber unterrichtet worden war, da ein junger Gatte seine
junge Frau in der Hochzeitsnacht irgendwie rcksichtslos behandelt
hatte, setzten sich ihrer zehn Mann sofort in den Sattel, um das junge
Paar bei den am nchsten Tage blichen Visiten abzufangen. Kaum hatten
sie die Neuvermhlten erblickt, als denn auch schon die ganze Kavalkade
den Wagen mit Hallo umringte und dann das arme Paar den ganzen Vormittag
von Haus zu Haus begleitete. Sie beleidigten zwar weiter niemanden,
sondern gaben nur lachend ein Ehrengeleit, doch war es immerhin schon
ein richtiger Skandal, den sie dadurch in der Stadt erregten. Diesmal
rgerte sich von Lembke denn auch ernstlich und hatte mit Julija
Michailowna wieder einmal eine lebhafte Auseinandersetzung. Auch Julija
Michailowna war sehr ungehalten ber die Jungen und gedachte schon,
sie irgendwie zu bestrafen, und doch verzieh sie ihnen am anderen Tage
wieder einmal, da ihr Pjotr Stepanowitsch dazu riet und Karmasinoff den
Scherz sogar geistreich fand.

Das ist doch weiter nicht schlimm, sagte er. Wenigstens ist es ein
ritterlicher und ... mutiger Streich. Sie sehen doch, da im Grunde alle
darber lachen, nur Sie sind ungehalten.

Doch alsbald sollten auch wirklich unverzeihliche Streiche folgen, die
einen schon ganz anderen Ton hatten.

In unserer Stadt erschien eine Buchtrdlerin, die billige Bibeln
verkaufte. Es war eine achtbare und nicht einmal ungebildete Frau, wenn
auch nur eine einfache Kleinbrgerin. Wieder war es derselbe Lmschin,
der ihr, unter dem Vorwande, eines ihrer Bcher kaufen zu wollen, ein
Paket unanstndiger auslndischer Photographien in den Sack steckte. Als
nun die arme Frau auf dem Markt ihre Bcher aus dem Sack hervorholte,
fielen pltzlich die Photographien heraus. Es erhob sich zuerst ein
Gelchter, die Gruppe vor ihrem Stand vergrerte sich, man wurde
unwillig und schlielich begann man zu schimpfen. Unfehlbar wre es zu
einer Schlgerei gekommen, wenn nicht die Polizei die bedrohliche
Versammlung auseinander gebracht und die arme Frau auf der Wache
eingesperrt htte. Mittlerweile aber hatte Mawrikij Nicolajewitsch
Drosdoff die nheren Einzelheiten dieser hlichen Geschichte erfahren
und in seiner Emprung sofort die ntigen Schritte getan, um die
Unschuldige zu befreien, was ihm endlich gegen Abend auch gelang. Da
wollte denn Julija Michailowna den kleinen Lmschin entschieden nicht
mehr empfangen, doch schon am selben Abend geschah es, da die ganze
Schar im Triumph mit Lmschin in der Mitte bei ihr erschien und
berichtete, da er ein ganz entzckendes Stckchen komponiert habe, das
sie wenigstens noch anhren msse. Die Komposition erwies sich in der
Tat als ungewhnlich. Sie hie: Der deutsch-franzsische Krieg, und
begann mit den stolzen Tnen der Marseillaise:

             _Qu'un sang impur abreuve nos sillons!_{[117]}

Man hrte ordentlich die ganze Aufgeblasenheit des Rufes, hrte schon
den Rausch der zuknftigen Siege! Doch pltzlich, gleichzeitig mit der
meisterhaft variierten Hymne, begann irgendwo unten, seitlich, gleichsam
in einer Ecke, aber eigentlich doch recht nah, ein dnnes, schwaches,
hohes Stimmchen Mein lieber Augustin zu singen. Die Marseillaise
bemerkt es zunchst gar nicht, sie ist berauscht von ihrer Gre, aber
der Augustin wird strker, der Augustin wird immer frecher und schon
singt der Augustin ganz unverhofft zusammen mit der Marseillaise. Jetzt
bemerkt die Marseillaise endlich den kleinen Augustin, rgert sich aber
zunchst nur ber ihn, will ihn abschtteln, verjagen -- aber mein
lieber Augustin hlt fest. Mein lieber Augustin ist heiter und
selbstbewut, ist froh und wird ttlich, die Marseillaise dagegen wird
allmhlich immer dmmer: jetzt verbirgt sie es nicht mehr, da sie sich
rgert, da sie sich beleidigt fhlt. Das ist schon das Geschrei des
heftigsten Unwillens, das sind Trnen und Schwre mit zur Vorsehung
erhobenen Hnden:

         _Pas un pouce de notre terrain, pas une pierre de nos
                          forteresses!_{[118]}

Doch schon ist sie gezwungen, im gleichen Takt mit Augustin zu singen
... Ihre Melodie geht irgendwie auf die dmmste und lcherlichste Weise
in die des lieben Augustin ber, sie beugt sich, sie zergeht ... Nur
zuweilen noch tnt es wieder: _qu'un sang impur_ ... doch sofort wird es
von Augustin verschlungen und geht ber in einen banalen Walzer: das ist
Jules Favre, der an Bismarcks Brust schluchzt und alles, alles hingibt
... Aber schon wird Augustin wild: man hrt heisere Schreie, fhlt
malos getrunkenes Bier, Tollwut der Selbstberhebung, Forderung von
Milliarden, feinen Zigarren, Champagner und Garantien ... Augustin wird
zum rasenden Gebrll ... So endet der deutsch-franzsische Krieg. Alles
applaudiert, Julija Michailowna aber sagt lchelnd: Wie soll man ihm
denn nicht verzeihen? -- und der Friede ist geschlossen. Lmschin hatte
entschieden ein gewisses musikalisches Talent. Stepan Trophimowitsch
versicherte mir einmal, da die grten Genies sehr wohl die grten
Schurken sein knnten, und da das eine das andere durchaus nicht
aufhebe. Spter hie es allerdings, da Lmschin dieses Stck von einem
bescheidenen jungen Menschen, der ihn auf der Durchfahrt besucht hatte,
gewissermaen gestohlen habe. brigens karikierte Lmschin, derselbe
Lmschin, der sich mehrere Jahre lang bei Stepan Trophimowitsch
einzuschmeicheln versucht hatte, jetzt zuweilen bei Julija Michailowna
auch Stepan Trophimowitsch -- und zwar als Freidenker der vierziger
Jahre. Alle krmmten sich vor Lachen. So wurde Lmschin immer
unentbehrlicher. Zudem hing er sich sklavisch an Pjotr Stepanowitsch,
der seinerseits um diese Zeit schon einen bis zur Unglaublichkeit groen
Einflu auf Julija Michailowna ausbte.

Die Erwhnung Lmschins bringt mich auf eine andere und schon wahrhaft
emprende Geschichte, an der er, wie man versicherte, wieder seinen
Anteil hatte.

Eines Morgens verbreitete sich in der Stadt die Nachricht von einer ganz
gemeinen, abscheulichen Tat. Neben dem Portal der alten
Muttergotteskirche, der ltesten in unserer alten Stadt, hing in einer
Nische, hinter Glas und einem Schutzgitter, schon seit undenklicher Zeit
ein groes Heiligenbild der Maria. Nun hatte man, wie es hie, das Glas
zerschlagen und ein paar Edelsteine aus der Krone der Gottesmutter
gestohlen. Die Hauptsache aber war, da man hinter das oben zertrmmerte
Glas eine lebendige Maus gesteckt hatte. Die Emprung ber diese
skandalse Religionsverspottung war gro: das fromme Volk drngte sich
den ganzen Tag seit dem frhen Morgen zum Heiligenbilde und betete
davor. Heute nun, nach vier Monaten, wei man, da Fedjka diesen
Diebstahl begangen hat, doch schon damals hie es, da Lmschin dabei
gewesen sei. Und heute sagt man, da nur er die Maus hineingesetzt haben
knne.

Auf Herrn von Lembke machte dieser unselige Vorfall einen furchtbaren
Eindruck. Julija Michailowna soll geuert haben, wie man mir erzhlte,
da schon nach dieser Aufregung jene sonderbare Schwermut ihres Mannes
begonnen habe, die dann durch sptere Ereignisse verhngnisvoll wurde,
und die ihn auch jetzt noch in der Schweiz, wohin man ihn vor zwei
Monaten brachte, nicht verlassen hat.

An jenem Tage nun ging ich ungefhr um ein Uhr an jener Kirche vorber.
Das Volk stand stumm vor dem Portal und betete. Da kam gerade ein
reicher Kaufmann in einer Equipage angefahren, um das Bild zu kssen und
seine Spende auf den Teller zu legen, den ein Mnch, der bei dem
Heiligenbilde Wache hielt, fr die Spenden neben sich auf einen Stuhl
gestellt hatte. Gleich darauf fuhr ein leichter Wagen mit zwei jungen
Damen in Begleitung zweier Herren vor. Die beiden jungen Herren stiegen
aus und drngten sich durch das Volk bis vor das Heiligenbild. Beide
nahmen die Hte nicht ab und der eine drckte sich sogar noch einen
Klemmer auf die Nase. Das Volk begann schon zu murren. Der Held mit dem
Klemmer zog sein elegantes saffianledernes Portemonnaie hervor, das mit
Scheinen geradezu vollgepfropft war, und entnahm ihm nach langem Suchen
eine einzige Kopeke, die er dann nachlssig auf den Teller warf. Darauf
wandten sich beide lachend und laut sprechend wieder zum Wagen zurck.
Wenige Augenblicke vorher waren aber gerade Lisaweta Nicolajewna und
Mawrikij Nicolajewitsch herangeritten. Lisa sprang gewandt vom Pferde,
warf die Zgel ihrem Vetter zu und trat gerade in dem Augenblick zum
Heiligenbild, als der eine die Kopeke auf den Teller warf. Sie errtete
vor Unwillen, nahm sofort ihren runden Hut ab, streifte die Handschuhe
von den Hnden, kniete vor dem Bilde auf dem schmutzigen Trottoir
nieder, und verneigte sich dreimal bis zur Erde. Darauf nestelte sie ihr
Geldbeutelchen hervor, doch als sie in ihm nur Silbergeld fand, nahm sie
sofort ihre Brillantohrringe ab und legte diese auf den kupfernen
Teller.

Das ist doch erlaubt? Edelsteine? Zum Schmuck fr das Bild? fragte sie
erregt den Mnch.

Jede Spende ist eine gute Tat, antwortete dieser.

Das Volk schwieg, ohne Mifallen oder Beifall zu uern. Lisaweta
Nicolajewna bestieg in ihrem vom Knien beschmutzten Kleide wieder ihr
Pferd und ritt davon.


                                  II.

Zwei Tage nach diesem aufregenden Ereignis begegnete ich Lisa wieder auf
der Strae. Eine ganze Gesellschaft hatte sich zu Wagen und zu Pferde
aufgemacht, um irgend wohin zu fahren. Lisa, die darunter war, gab
sofort den Befehl, zu halten, und verlangte eigensinnig, da ich
mitkme. In ihrem Wagen fand sich denn auch noch ein Platz, auf den ich
fast mit Gewalt gesetzt wurde. Sie stellte mich lachend den jungen,
meist sehr eleganten Damen vor und erklrte mir sofort, da es ein ganz
besonderer Ausflug werden sollte. Lisa war ausgelassen lustig, und
berhaupt schien sie, wenn man nach dem ueren schlo, in dieser Zeit
geradezu bermig glcklich zu sein. Das Ziel des Ausflugs war in der
Tat ein besonderes: man wollte nmlich ber den Flu zum Kaufmann
Sewostjanoff fahren, der in einem Flgel seines Hauses schon seit zehn
Jahren unseren gesegneten, allgemein, sogar in Petersburg, bekannten
Propheten Semjon Jakowlewitsch beherbergte. Diesen Semjon Jakowlewitsch
besuchte alle Welt: man ri sich fast um ein gndiges Wort von ihm,
verneigte sich und legte reiche Geldspenden nieder, die er dann, wenn er
sie nicht gleich unter die armen Besucher verteilte, gottesfrchtig an
Klster und Kirchen gab. So stand denn auch stets ein Mnch bei ihm, der
die Gaben entgegennahm. Von der jungen Gesellschaft hatte noch niemand
Semjon Jakowlewitsch gesehen und man versprach sich ungemein viel von
diesem Besuch. Nur Lmschin war frher einmal bei ihm gewesen und
versicherte, da der Prophet ihn mit einem Besen hinausgejagt und ihm
noch gekochte Kartoffeln nachgeworfen habe. Unter den Reitern befanden
sich auch Pjotr Stepanowitsch, der sich wie gewhnlich sehr schlecht auf
seinem gemieteten Kosakenpferde hielt, und -- Nicolai Stawrogin. Der
letztere nahm nur ganz ausnahmsweise einmal an einer dieser allgemeinen
Vergngungen teil: an dem Tage sah er ziemlich heiter aus, doch sprach
er, wie immer, nur wenig. Als wir kurz vor der Brcke an einem kleinen
Gasthause vorberfuhren, machte pltzlich jemand die Bemerkung, da ein
Gast sich daselbst erschossen habe und die Polizei erwartet werde.
Sofort wurde beschlossen, auszusteigen und sich den Toten anzusehen. Vor
allem waren unsere Damen gleich dabei, denn einen Selbstmrder -- den
sah man doch nicht alle Tage. Ich erinnere mich noch, da eine von ihnen
bemerkte: Ach, es ist einem ja alles schon langweilig geworden! Warum
sich da noch weiter zieren! Das wre doch einmal etwas anderes. Nur
wenige blieben im Wagen und warteten: die anderen dagegen drngten sich
in einem dichten Haufen durch den Eingang in den schmalen, unsauberen
Korridor -- und unter diesen bemerkte ich zu meinem Erstaunen auch
Lisaweta Nicolajewna. Das Zimmer, in dem die Leiche lag, war nicht
verschlossen. Natrlich wagte man es nicht, uns etwa nicht
hineinzulassen. Der Selbstmrder war fast noch ein Knabe, jedenfalls
bestimmt nicht lter als neunzehn Jahre: ein hbscher Mensch, mit
dichtem, welligem, blondem Haar und einem schmalen, feinen Gesicht. Er
war schon erstarrt und seine weie Haut sah wie Marmor aus. Auf dem
Tisch lag ein Blatt Papier, auf das er geschrieben hatte, da niemand an
seinem Tode schuld sei und er sich erschossen habe, weil er vierhundert
Rubel durchgebracht (dieses Wort stand buchstblich auf dem Blatt). In
den vier Zeilen waren drei orthographische Fehler. An seiner Leiche sa
ein alter, dicker Gutsbesitzer, der den Toten zu kennen schien und
wahrscheinlich gleichfalls in diesem Gasthause abgestiegen war. Aus
seinen wortreichen Klagen ging hervor, da der Jngling von seiner
verwitweten Mutter, von Tanten und Schwestern in die Stadt zu einer
Verwandten geschickt worden war, um verschiedene Einkufe fr die
Aussteuer seiner ltesten Schwester, die bald heiraten sollte, zu
machen. Man hatte ihm dazu vierhundert Rubel, die jahrzehntelang
zusammengespart worden waren, eingehndigt, und ihn dann mit Gebeten und
Segenssprchen und unter endlosen Predigten abgeschickt. Der Junge war
bis dahin sehr bescheiden und ein guter, hoffnungsvoller Sohn gewesen.
In der Stadt aber hatte er sich nicht zu der Verwandten, sondern in das
Gasthaus begeben und von hier direkt in eine Kneipe, wo er spielen
wollte. Als er kurz vor Mitternacht ins Gasthaus zurckgekehrt war,
hatte er Champagner, Havannazigarren und ein Abendessen von sechs oder
sieben Gngen verlangt. Aber der Champagner war ihm gar bald zu Kopf
gestiegen und von den Zigarren war ihm bel geworden, so da er das
Essen nicht einmal angerhrt, sondern sich fast krank und dabei halb
betrunken ins Bett gelegt hatte. Am anderen Tage, nachdem er sich
ausgeschlafen, war er sofort in das Zigeunerlager hinter der Vorstadt
gegangen und ganze zwei Tage dort geblieben. Am dritten Tage war er um
fnf Uhr betrunken zurckgekehrt, hatte sich sofort hingelegt und bis
zehn Uhr abends geschlafen. Dann hatte er ein Beefsteak, eine Flasche
Champagner, Weintrauben, Papier, Tinte und die Rechnung verlangt.
Niemand hatte etwas Besonderes an ihm bemerkt: er war ruhig, still und
freundlich gewesen. Wahrscheinlich hatte er sich um Mitternacht
erschossen, doch niemand hatte den Schu gehrt. Erst heute um eins, als
es in seinem Zimmer selbst nach langem Klopfen totenstill geblieben war,
hatte man die Tr aufgebrochen. Die Flasche war nur halb leer und von
den Weintrauben hatte er nicht viel gegessen. Mit einem kleinen
Revolver, der ihm spter aus der Hand gefallen war, hatte er sich ins
Herz geschossen: der Tod mute sofort eingetreten sein -- es war nur
sehr wenig Blut aus der Wunde geflossen. Er sa halb liegend auf dem
Sofa, als ob er nur eingeschlafen wre, und der Ausdruck seines Gesichts
war ruhig, ja fast glcklich. Alle sahen ihn mit gieriger Neugier an.
Wohl in jedem Unglck eines Menschen liegt etwas, das die anderen
aufmuntert. Die Damen betrachteten den Toten schweigend. Die Herren
dagegen zeichneten sich durch Geistesgegenwart und Scharfsinn in ihren
Bemerkungen aus. Lmschin aber, der es wohl fr seine Ehrenpflicht
hielt, auch jetzt den Narren zu spielen, zupfte pltzlich von der
Weintraube eine Beere ab, dann noch eine und noch eine, und streckte
schon die Hand nach der Flasche aus, um mit ihr irgendeinen Witz zu
machen, als der Polizeimeister eintrat und uns bat, das Zimmer zu
verlassen. Da sich alle schon sattgesehen hatten, gingen wir denn auch
sofort wieder hinaus. Den Rest des Weges legten wir unter womglich noch
ausgelassenerer Heiterkeit und noch lustigeren Scherzen zurck.

Um ein Uhr langten wir bei Semjon Jakowlewitsch an. Das Hoftor des
groen Kaufmannshauses war weit offen, desgleichen die Tr des Flgels,
in dem Semjon Jakowlewitsch wohnte. Man sagte uns, da er gerade zu
Mittag speiste, doch trotzdem empfinge. Unsere ganze Schar trat ins
Haus. Das Zimmer, in dem er sich befand, war gro, mit drei mchtigen
Fenstern, und durch ein etwa meterhohes Holzgitter in zwei Teile
geteilt. Gewhnlich blieben die Leute, die ihn besuchten, in der ersten
Hlfte, und nur einzelne Glckskinder, die er selbst bezeichnete, wurden
durch die kleine Tr des Holzgitters zu ihm gefhrt, wo er ihnen dann,
wenn's ihm gefiel, seine alten Ledersthle oder das Sofa zuwies; er
selbst blieb stets unverndert in seinem alten Grovaterstuhl sitzen.
Semjon Jakowlewitsch war ein ziemlich groer, etwas aufgedunsener Mann
von ungefhr fnfundfnfzig Jahren, blond und kahlkpfig, mit einem
gelben, glattrasierten Gesicht, dnnem, weichem Haar und geschwollener
rechter Backe, die seinen Mund ein wenig schief zog; neben dem linken
Nasenflgel war eine groe Warze; die Augen lagen wie in schmalen
Spalten und der Gesichtsausdruck war ruhig, solide, fast verschlafen. Er
trug einen schwarzen Gehrock, wie ein deutscher Schullehrer, doch weder
Kragen noch Halstuch, sondern nur ein dickes, doch sauberes russisches
Hemd unter dem Rock. Seine offenbar kranken Fe staken in mchtigen
Hausschuhen. Es hie, er sei frher Beamter gewesen und habe sogar einen
ansehnlichen Titel gehabt. Als wir eintraten, hatte er gerade eine
Fischsuppe gegessen und machte sich nun an sein zweites Gericht:
Kartoffeln in der Schale mit Salz. Anderes pflegte er schon seit langer
Zeit nicht mehr zu essen; er trank nur viel Tee, den er sehr liebte. Ihn
bedienten drei Dienstboten, die der Kaufmann fr ihn hielt: der eine von
ihnen sah wie ein Kontordiener aus, der andere wie ein Kirchendiener und
der dritte war im Frack. Auer diesen Dienstboten war noch ein munterer
Knabe zugegen, sowie ein alter, grauer, dicker Mnch, mit einer
Sammelbchse in der Hand. Auf einem der Tische kochte ein riesengroer
Samowar, neben dem auf einem Teebrett ungefhr zwei Dutzend Glser
standen. Auf dem anderen Tische lagen die Gaben: mehrere Zuckerhte und
auch kleinere Zuckerpakete, zwei Pfund Tee, ein Paar Hausschuhe, ein
seidenes Halstuch, ein Stck Tuch und mehrere Leinwandrollen. Die
Geldspenden kamen fast alle in die Sammelbchse des Mnches. Ungefhr
zehn fremde Menschen standen in der vorderen Hlfte des Zimmers und
zwei, ein frommer Greis und ein kleiner, furchtbar magerer Mnch, der
wrdevoll und mit niedergeschlagenen Augen vor sich hinsah, saen hinter
dem Holzgitter: es waren lauter einfache Leute, auer einem dicken
Kaufmann in russischer Tracht, der aus der Kreisstadt hergekommen war,
und den alle als Millionr kannten, -- sowie einer alten Dame und einem
Gutsbesitzer. Alle erwarteten sie ihr Heil und wagten nicht ein Wort zu
sprechen, vier lagen auf den Knien und von ihnen zog wieder ganz
besonders der dicke Gutsbesitzer die Aufmerksamkeit auf sich, der an der
sichtbarsten Stelle, ganz nah am Holzgitter kniete und ehrfrchtig schon
eine Stunde lang auf einen Blick oder ein gtiges Wort Semjon
Jakowlewitschs wartete, -- dieser jedoch schenkte ihm auch nicht die
geringste Beachtung.

Unsere Damen drngten sich fast bis zum Gitter vor und tuschelten
vergngt untereinander. Die Knienden und die anderen Wartenden wurden
von ihnen zurckgedrngt, nur der dicke Gutsbesitzer blieb standhaft auf
seinem Platz. Neugierige, heitere Blicke richteten sich auf Semjon
Jakowlewitsch, gleichwie Lorgnons, Klemmer, Einglser -- und Lmschin
zog sogar ein Fernrohr aus der Tasche. Semjon Jakowlewitsch berblickte
ruhig und trge die ganze lustige Schar.

Ach, ihr Liebugelnden, ihr Liebugelnden! geruhte er mit etwas
heiserem Ba leicht auszurufen.

Die ganze Schar lachte auf. Was heit das: >Ach, ihr Liebugelnden<?

Doch Semjon Jakowlewitsch schwieg und a seine Kartoffeln. Endlich
wischte er sich mit der Serviette den Mund und lie sich Tee reichen.

Den Tee pflegte er gewhnlich nicht allein zu trinken, vielmehr befahl
er, auch seinen Besuchern und Gsten Tee zu reichen, doch nicht etwa
jedem, sondern nur denen, die er dann selbst dem Diener zeigte -- als
diejenigen, welche er besonders beglcken wollte. Seine Wahl erstaunte
meistens alle Anwesenden, denn er berging gewhnlich die Reichen und
Wrdevollen und befahl irgend einem armen und unscheinbaren Greise den
Tee zu bringen; ein anderes Mal aber berging er wieder die Armen und
beglckte irgendeinen dicken, schwer reichen Kaufmann. Auch eingieen
lie er den Tee ganz verschieden, einige bekamen ihn mit, einige ohne
Zucker. Diesmal befahl er, dem mageren Mnch eine Tasse mit Zucker zu
reichen und dem Greise eine ohne Zucker, der dicke Mnch aber mit der
Sammelbchse erhielt diesmal keinen Tee, wie sonst fast tglich.

Semjon Jakowlewitsch, sagen Sie mir doch bitte auch etwas. Ich habe
schon so lange Ihre Bekanntschaft zu machen gewnscht, sagte kokett
lchelnd jene selbe junge Dame aus unserem Wagen, die vorher geuert
hatte, da einem schon alles langweilig geworden sei.

Semjon Jakowlewitsch sah sie nicht einmal an. Der kniende Gutsbesitzer
seufzte tief auf.

Mit Zucker! wies pltzlich Semjon Jakowlewitsch auf den Millionr.

Der trat vor und stellte sich neben den knienden Gutsbesitzer.

Gib ihm noch mehr Zucker! befahl Semjon Jakowlewitsch, als der Tee
eingegossen war. Der Diener tat noch eine Portion Zucker in das Glas.
Mehr, gib ihm mehr! -- eine dritte und schlielich eine vierte Portion
wurden dazu getan.

Widerspruchslos begann der Kaufmann seinen Syrup zu trinken.

Allmchtiger Gott! flsterte das Volk und bekreuzte sich.

Der Gutsbesitzer seufzte wieder laut und tief.

Vterchen! Semjon Jakowlewitsch! ertnte pltzlich die Stimme der
alten Dame, die unsere Schar an die Wand zurckgedrngt hatte, doch die
Stimme klang so laut und scharf, wie man es gar nicht erwartet htte.
Eine ganze Stunde, Vterchen, warte ich schon auf deinen Segen. Sprich
doch dein Urteil, erlse mich Waise, Vterchen!

Frage! sagte Semjon Jakowlewitsch zu dem Kirchendiener.

Der trat an das Gitter:

Haben Sie das erfllt, was Semjon Jakowlewitsch Ihnen das vorige Mal
anbefohlen hat? fragte er die Witwe mit leiser, gemessener Stimme.

Was, Vterchen, was erfllt! Was kann man denn da erfllen! rief die
Witwe. Diese Menschenfresser! Haben mich verklagt, drohen mit dem Senat
... und das der leiblichen Mutter! ...

Gib ihr! ... befahl Semjon Jakowlewitsch und wies auf einen Zuckerhut.
Der Knabe lief schnell zum Tisch, nahm den Zuckerhut und brachte ihn der
Witwe.

Ach, Vterchen, gro ist deine Gnade! Aber wohin soll ich damit?
klagte die Witwe wieder.

Noch, noch! beschenkte Semjon Jakowlewitsch sie weiter.

Ein zweiter Zuckerhut wurde zu ihr geschleppt und auf seinen Befehl noch
ein dritter und vierter. Die Witwe war schon ganz mit Zuckerhten
umstellt. Der dicke Mnch seufzte niedergeschlagen; das alles htte in
das Kloster kommen knnen, wie es frher schon oft geschehen war.

Aber wohin soll ich mit so viel? jammerte jetzt schon die Witwe. All
das fr mich allein -- mir wird ja von so viel Zucker bel werden! ...
Oder soll das irgend was bedeuten, Vterchen?

Siehst du denn das nicht? sagte jemand von den Bauern.

Noch, gib ihr noch ein Pfund! Semjon Jakowlewitsch hrte nicht auf,
sie zu beschenken.

Auf dem Tisch stand noch ein ganzer Zuckerhut; da er aber befohlen
hatte, ihr nur noch ein Pfund zu geben, so brachte man ihr auch nur noch
ein Pfund Zucker.

Herrgott, Allmchtiger! seufzte das Volk und bekreuzte sich.
Sichtbares Zeichen! Groer Gott!

Versen Sie zuerst Ihr Herz mit Gte und Barmherzigkeit und dann
kommen Sie wieder, um ber Ihre eigenen Kinder zu klagen, ber Ihr
eigenes Fleisch und Bein -- das soll, glaube ich, wohl all dieser Zucker
bedeuten, sagte leise, doch selbstzufrieden der dicke Mnch, der
diesmal keinen Tee bekommen hatte, und der es nun aus gereizter
Eigenliebe auf sich nahm, die Handlungsweise zu deuten.

Was fllt dir ein? rgerte sich die Witwe. Haben sie mich doch mit
Gewalt ins Feuer ziehen wollen, als es bei Worchischins brannte? Sie
haben mir auch eine tote Katze in meinen Kasten gelegt, sind berhaupt
zu jeder Gemeinheit bereit ...

Jage sie hinaus, hinaus! rief pltzlich Semjon Jakowlewitsch, mit den
Armen fuchtelnd.

Der Kirchendiener und der Knabe kamen sofort in den vorderen Teil des
Zimmers, der erstere nahm die Frau bei der Hand und fhrte sie hinaus,
whrend sie sich in einem fort nach ihren Zuckerhten, die der Knabe
nachschleppte, umsah.

Nimm einen wieder zurck! befahl Semjon Jakowlewitsch dem bei ihm
gebliebenen Kontordiener, der ihnen denn auch sofort nacheilte. Nach
kurzer Zeit kamen alle drei mit dem einen Zuckerhut wieder zurck; so
hatte die Witwe schlielich nur drei bekommen.

Semjon Jakowlewitsch, ertnte pltzlich eine Stimme an der Tr, ich
habe im Traum einen Vogel gesehen, einen Hher, er stieg aus dem Wasser
auf und flog ins Feuer. Was bedeutet das, Vterchen?

Frost! sagte Semjon Jakowlewitsch.

Semjon Jakowlewitsch, warum antworten Sie mir denn gar nicht? Ich
interessiere mich doch schon so lange fr Sie! begann wieder unsere
junge Dame.

Frage! Semjon Jakowlewitsch wies auf den knienden Gutsbesitzer, ohne
sie zu beachten.

Der dicke Mnch, dem der Befehl gegeben wurde, trat wrdevoll zum
Knienden und fragte:

Worin haben Sie gesndigt? War Ihnen nicht befohlen worden, etwas zu
erfllen?

Nicht zu schlagen, den Hnden keine Freiheit zu geben! sagte der
Gutsbesitzer mit heiserer Stimme.

Haben Sie das erfllt?

Kann nicht! Die eigene Kraft berwltigt mich!

Jag' ihn! Mit dem Besen, mit dem Besen! rief Semjon Jakowlewitsch und
fuchtelte wieder mit den Armen.

Der Gutsbesitzer sprang auf und lief, ohne auf den Besen zu warten, aus
dem Zimmer.

Hat ein Goldstck hier gelassen, meldete der Mnch.

Gib's dem! Semjon Jakowlewitsch wies auf den Millionr.

Der reiche Kaufmann wagte nicht zu widersprechen und nahm das Geld.

Das Gold zum Golde, konnte der Mnch nicht unterlassen, zu bemerken.

Und diesem mit Zucker! Semjon Jakowlewitsch wies pltzlich auf
Mawrikij Nicolajewitsch.

Der Diener go den Tee ein und trat mit dem Glase aus Versehen zu dem
Fant mit dem Klemmer.

Dem Langen, dem Langen! rief Semjon Jakowlewitsch.

Mawrikij Nicolajewitsch nahm das Glas und machte eine kurze militrische
Verbeugung. Ich wei nicht warum -- aber die ganze Schar wieherte
pltzlich vor Lachen ber diese Verbeugung.

Mawrikij Nicolajewitsch! wandte sich Lisa hastig an ihn, knien Sie
bitte auf demselben Platz nieder, auf dem dieser Herr stand! -- der da
fortlief!

Mawrikij Nicolajewitsch sah sie verstndnislos an.

Ich bitte Sie, Sie werden mir ein groes Vergngen bereiten! Hren Sie,
Mawrikij Nicolajewitsch, sagte sie eigensinnig und erregt, knien Sie
unbedingt nieder, ich will unbedingt sehen, wie Sie knien! Wenn Sie das
nicht tun -- kommen Sie nie mehr unter meine Augen! Ich will das, ich
will das, -- unbedingt! ...

Warum sie das wollte? Ich wei es nicht. Jedenfalls verlangte sie es in
unerbittlichem Tone, in einem Anfall von Laune und Eigensinn. Mawrikij
Nicolajewitsch selber erklrte diese kaprizisen Ausbrche, die sie in
der letzten Zeit ganz besonders oft hatte, wie wir spter sehen werden,
mit dem Auflodern eines blinden, untergrndigen Hasses auf ihn ... dabei
nicht etwa aus Bosheit, -- im Gegenteil, sie achtete, schtzte und
liebte ihn, und das wute er, -- sondern aus irgendeinem besonderen,
unbewuten Ha, den sie manchmal einfach nicht in sich niederzuzwingen
vermochte.

Mawrikij Nicolajewitsch gab schweigend sein Teeglas einem alten, hinter
ihm stehenden Bauern, ging dann auf das Trchen des meterhohen
Holzgitters zu, ffnete es, trat ohne Semjon Jakowlewitschs Erlaubnis in
dessen Zimmerhlfte und kniete, allen sichtbar, mitten im freien Raum
nieder. Ich glaube, er war von dem Spott Lisas, noch dazu in Gegenwart
so vieler Menschen, im Innersten seiner einfachen ehrlichen Seele
verletzt. Vielleicht glaubte er auch, da sie sich schmen werde, wenn
sie seine Erniedrigung sah, die sie selbst so gewnscht hatte. Auer ihm
htte sich wohl sonst keiner entschlossen, ein Weib auf so naive und
gewagte Weise zu strafen. Mit unerschtterlich ernstem Gesicht kniete er
also, gro und steif und -- lcherlich. Doch niemand lachte; die
berraschung machte einen schrecklichen Eindruck. Alle sahen Lisa an.

Weihe, Weihe ... murmelte Semjon Jakowlewitsch.

Lisa erbleichte pltzlich, schrie auf und strzte zu ihm. Es war eine
kurze leidenschaftliche Szene: mit aller Kraft wollte sie Mawrikij
Nicolajewitsch wieder emporreien, und zog ihn mit beiden Hnden wie
wahnsinnig am Arm.

Stehen Sie auf, stehen Sie auf! rief sie, wie vllig von Sinnen.
Stehen Sie sofort auf, sofort! Wie wagten Sie es, niederzuknien!!

Mawrikij Nicolajewitsch erhob sich. Sie umklammerte seine Arme ber den
Ellenbogen und sah ihm mit brennendem Blick ins Gesicht. Angst lag in
ihren Augen.

Liebugelnde, Liebugelnde! sagte Semjon Jakowlewitsch wieder.

Endlich hatte Lisa Mawrikij Nicolajewitsch in die vordere Zimmerhlfte
herbergezogen. Unsere ganze Schar war unruhig geworden. Da wandte sich
die junge Dame aus unserem Wagen zum drittenmal, wahrscheinlich um von
dem Vorfall abzulenken, mit gezwungenem Lcheln an Semjon Jakowlewitsch:

Aber, Semjon Jakowlewitsch, werden Sie _mir_ denn heute gar nichts
sagen? Und ich habe doch so auf Sie gerechnet!

Auf ... dir, auf ... dir! fuhr er sie pltzlich wild an, mit einem
ganz unmglichen Wort, das er noch dazu erschreckend deutlich aussprach.
Die Damen schrien vor Schreck alle auf und liefen entsetzt aus dem
Zimmer. Die Herren aber brachen in ein homerisches Gelchter aus. Damit
war denn unser Besuch bei Semjon Jakowlewitsch beendet.

Nur etwas Rtselhaftes geschah noch -- etwas, weshalb ich diese ganze
Fahrt berhaupt so ausfhrlich erzhlt habe.

Es war in dem Augenblick, als alle in hellem Haufen zur Tr drngten. Da
traf Lisa, die von Mawrikij Nicolajewitsch gesttzt wurde, in dem
Gedrnge an der Tr pltzlich mit Nicolai Wszewolodowitsch zusammen. Ich
mu hinzufgen, da die beiden, wenn sie sich auch seit jenem Sonntag
mehr als einmal in der Gesellschaft begegnet waren, doch noch kein Wort
miteinander gesprochen hatten. Ich sah nun, wie beide, als sie an der
Tr zusammentrafen, einen Augenblick stehen blieben und sich sonderbar
ansahen -- doch konnte ich in dem Gedrnge nichts weiter wahrnehmen.
Andere dagegen versicherten mir, da Lisa pltzlich die Hand gegen ihn
erhoben und Stawrogin unfehlbar geschlagen haben wrde, wenn es ihm
nicht gelungen wre, noch rechtzeitig auszuweichen. Vielleicht hatte ihr
der Ausdruck seines Gesichts nicht gefallen? oder ein Lcheln nach
dieser Szene mit Mawrikij Nicolajewitsch? Ich mu gestehen, da ich
davon nichts wei, doch alle versicherten, es sei in der Tat etwas
derartiges der Fall gewesen ... wenn auch alle es unmglich hatten
sehen knnen -- hchstens einige. Jedenfalls wei ich nichts Nheres
noch Bestimmtes. Ich erinnere mich nur, da Stawrogin auf dem Heimwege
auffallend bleich aussah, was er vorher nicht in dem Mae gewesen war.


                                  III.

Fast zu derselben Zeit, als wir bei Semjon Jakowlewitsch waren, fand
endlich auch das Wiedersehen Warwara Petrownas mit Stepan Trophimowitsch
in Skworeschniki statt.

Warwara Petrowna war in groer Aufregung auf ihrem Gute eingetroffen: am
Abend vorher hatte man endgltig beschlossen, da das Fest im Hause des
Adelsmarschalls stattfinden sollte. Da entschlo sie sich sofort, nach
diesem Fest ein zweites bei sich in Skworeschniki zu arrangieren und
gleichfalls die ganze Stadt zu versammeln -- was ihr doch schlielich
niemand verwehren konnte. Dann sollten alle selbst urteilen, welches
Haus schner wre und wo man mit besserem Geschmack einen Ball zu geben
verstnde. Warwara Petrowna war in dieser Zeit nicht wiederzuerkennen.
Sie schien sich vollkommen verndert zu haben: aus der frheren
unnahbaren hheren Dame (ein Ausdruck Stepan Trophimowitschs) war eine
weltliche, leichtsinnige Frau geworden. Oder wenigstens schien es so.

Kaum war sie an diesem Tage in Skworeschniki eingetroffen, als sie alle
Rume prfend zu durchschreiten begann, und zwar in Begleitung des
treuen alten Alexei Jegorowitsch und des gewandten Fmuschka, der in
Dekorationsfragen geradezu eine Autoritt war. Und nun begannen die
Beratungen: welche Mbel man aus dem Stadthause herberholen sollte;
welche Bilder, Kunstwerke; wo sie aufhngen, wie sie stellen; wie man am
besten die Orangerie und die Blumen benutzen, wo man das Bffet
herrichten sollte, und ob nicht vielleicht zwei besser wren? Und mitten
in diesen schweren Beratungen fiel es ihr dann pltzlich ein, die
Equipage nach Stepan Trophimowitsch zu schicken.

Dieser war schon lngst auf das Wiedersehen vorbereitet und hatte
tglich gerade so eine pltzliche Aufforderung erwartet. Als er sich in
die Equipage setzte, bekreuzte er sich: jetzt mute sein Schicksal sich
entscheiden! Er fand seinen Freund im groen Saal, in der Nische, auf
einem kleinen Sofa, mit Bleistift und Papier in der Hand, whrend
Fmuschka damit beschftigt war, mit dem Zentimeterma die Hhe und
Breite der Fenster auszumessen, worauf sie die Zahlen notierte. Ohne
sich in dieser Arbeit stren zu lassen, nickte sie Stepan Trophimowitsch
zu, und als der ihr einen Gru sagte, reichte sie ihm nur flchtig die
Hand und wies schweigend auf den Platz neben dem Sofa.

Ich sa und wartete ungefhr fnf Minuten und -- >drckte mein Herze
nieder<, erzhlte er mir spter. Das war nicht mehr die Frau, die ich
zwanzig Jahre lang gekannt hatte. Doch die berzeugung, da jetzt alles
zu Ende sei, gab mir eine Kraft, die selbst sie in Erstaunen setzte. Ich
schwre Ihnen, sie wunderte sich im stillen ber meine Haltung in dieser
letzten Stunde.

Warwara Petrowna legte pltzlich den Bleistift auf das Marmortischchen,
das neben ihrem Sofa stand, und wandte sich ihm zu.

Stepan Trophimowitsch, wir mssen jetzt sachlich sprechen. Ich bin
berzeugt, da Sie wieder Ihre blichen hochtrabenden Worte und Wrtchen
vorbereitet haben, aber es ist wohl besser, wenn wir gleich zur Sache
kommen. Nicht wahr?

In ihm krampfte sich etwas zusammen. Sie beeilte sich schon zu sehr, den
neuen Ton anzugeben. Was mochte noch weiter kommen?

Warten Sie, schweigen Sie, fuhr sie schnell fort. Lassen Sie mich
zuerst sprechen. Nachher knnen Sie reden. Obgleich ich eigentlich nicht
wei, was Sie mir noch zu sagen htten. Ihnen Ihre Pension auszuzahlen,
halte ich fr meine heilige Pflicht. Tausendzweihundert Rubel jhrlich
bis zu Ihrem Lebensende. Aber wozu nenne ich das >heilige Pflicht<!
Sagen wir einfach: unsere Abmachung, das ist viel realer, nicht wahr?
Wenn Sie wollen, knnen wir es auch schriftlich aufsetzen. Falls ich
sterben sollte, -- fr den Fall ist schon alles vorgesehen. Auerdem
haben Sie von mir noch die Wohnung, Bedienung und alles brige.
bersetzen wir das in Geld -- so macht das etwa tausendfnfhundert Rubel
aus, nicht wahr? Ich fge jetzt noch dreihundert Rubel fr Nebenausgaben
hinzu -- so sind das volle dreitausend Rubel. Werden Sie damit
auskommen? Ich denke, wenig ist es nicht? In Ausnahmefllen werde ich
brigens -- nun, Sie wissen ja. Nehmen Sie das Geld, schicken Sie mir
meine Dienstboten zurck, und leben Sie, wo Sie wollen, in Petersburg,
in Moskau, im Auslande, oder meinetwegen auch hier -- aber nur nicht
mehr bei mir. Hren Sie?

Vor nicht langer Zeit wurde ebenso kategorisch und ebenso eilig von
denselben Lippen eine andere Forderung an mich gestellt, sagte Stepan
Trophimowitsch langsam, deutlich, in traurigem Ton. Ich fgte mich ...
ich tanzte so, wie Sie wollten. _Oui, la comparaison peut tre permise.
C'tait comme un petit cozak du Don, qui sautait sur sa propre
tombe._{[119]} Jetzt ...

Einen Augenblick, Stepan Trophimowitsch. Sie sind furchtbar wortreich.
Sie haben nicht getanzt. Aber Sie erschienen mit einer neuen Halsbinde,
in hellen Handschuhen, pomadisiert und parfmiert. Ich kann Sie
versichern, Sie wollten selbst schrecklich gern heiraten. Das stand auf
Ihrem Gesicht geschrieben. Glauben Sie mir, dieser Ausdruck war recht
geschmacklos. Wenn ich es Ihnen damals nicht gleich gesagt habe, so
geschah es, um Sie nicht zu verletzen. Doch Sie wollten, Sie wollten
heiraten. Trotz der Gemeinheiten, die Sie ber mich und Ihre Braut
geschrieben hatten. Jetzt aber ist es etwas ganz anderes. Und wozu
dieser _Cozak du Don_ ber Ihrem Grabe? Verstehe nicht, was das fr ein
Vergleich sein soll. Im Gegenteil: sterben Sie nicht, sondern leben Sie!
Leben Sie, soviel wie mglich; ich werde mich sehr freuen, wenn Sie gut
leben.

Im Armenhaus?

Im Armenhaus? Mit dreitausend jhrlich geht man nicht ins Armenhaus.
Ach so ... ich erinnere mich! -- sie lachte kurz auf -- Pjotr
Stepanowitsch sagte einmal im Scherz irgend etwas von einem >Armenhaus<.
Nun ja, jenes Armenhaus, von dem da die Rede war, das ist wirklich ein
besonderes >Armenhaus<, ber das nachzudenken sich wirklich lohnte. Wie
Sie selbst wissen, leben dort die ehrenwertesten alten Herren. Meistens
Offiziere a. D., jetzt will sogar ein alter General sein Leben dort
beschlieen. Wenn Sie mit Ihrem Gelde dort eintreten wollen, so knnen
Sie Ruhe, Zufriedenheit und Zuhrer finden. Sie werden sich mit der
Wissenschaft beschftigen, und jederzeit eine Partie Prfrence spielen
knnen ...

_Passons._{[100]}

_Passons?_ Warwara Petrowna richtete sich steifer auf. In dem Falle
ist alles gesagt. Sie sind benachrichtigt. Von nun ab leben wir jeder
fr sich und sehen uns nicht mehr.

Und das ist alles? Alles, was von den zwanzig Jahren geblieben ist? Ihr
letzter Abschied?

Sie lieben wirklich die Phrasen in einem Mae, da es schon nicht mehr
schn ist, Stepan Trophimowitsch. Heutzutage ist derlei nicht mehr
modern. Man spricht jetzt derb, aber verstndlich. Und ewig kommen Sie
mir mit diesen zwanzig Jahren! Zwanzig Jahre beiderseitiger Eigenliebe
und weiter nichts. Jeder Ihrer Briefe ist nicht an mich geschrieben,
sondern fr die Nachwelt berechnet. Ja, Sie sind Stilist, aber kein
Freund. Freundschaft ist doch nur ein berhmtes Wort, in Wirklichkeit
aber ist sie blo ein -- gegenseitiger Ergu von Splicht.

Gott, wie viel fremde Worte! Lauter gut behaltene Lektionen! Auch Ihnen
haben sie schon ihre Uniform bergeworfen! Auch Sie sind jetzt frhlich,
auch Sie an der Sonne! _Chre, chre_, fr welch ein Linsengericht haben
Sie ihnen Ihre Selbstndigkeit verkauft!

Ich bin kein Papagei, der fremde Worte wiederholt, versetzte Warwara
Petrowna bse. Seien Sie versichert, da in mir sich eigene Worte zur
Genge angesammelt haben. Was aber haben Sie fr mich in diesen zwanzig
Jahren getan? Nicht einmal die Bcher haben Sie mir gegeben, die ich fr
Sie bestellte, und die heute noch unaufgeschnitten wren, wenn Ihre
Freunde sie nicht gelesen htten. Was gaben Sie mir zu lesen, als ich
Sie in den ersten Jahren immer wieder bat, mich doch zu belehren, zu
leiten? Nur Romane und immer wieder Romane. Sie waren sogar auf meine
Entwicklung eiferschtig. Und whrenddessen lachte doch schon alle Welt
ber Sie. Ich gestehe, ich habe Sie immer nur fr einen Kritiker
gehalten und fr weiter nichts. Als ich Ihnen whrend der Fahrt nach
Petersburg meine Absicht mitteilte, eine Zeitschrift zu grnden und ihr
mein ganzes Leben zu widmen, da sahen Sie pltzlich ironisch auf mich
herab und wurden furchtbar hochmtig.

Das war doch nicht so ... nicht das ... wir frchteten damals, verfolgt
zu ...

Doch, das war genau das. Und Verfolgung konnten Sie in Petersburg
berhaupt nicht frchten. Sie erinnern sich wohl noch, wie Sie damals im
Februar erschrocken zu mir gelaufen kamen? Wie Sie verlangten, ich solle
es Ihnen sofort schriftlich geben, in Gestalt eines Briefes, aus dem
hervorginge, da Sie mit dem beabsichtigten Blatte nichts zu tun htten?
Da Sie lediglich der Hauslehrer seien, der blo in meinem Hause wohnt,
weil ihm sein Gehalt noch nicht ausgezahlt worden ist? War es nicht so?
Sollten Sie es wirklich vergessen haben? Ich sehe, Sie haben es nicht
vergessen. Ja, Sie haben sich Ihr Lebelang tatschlich ungewhnlich
ausgezeichnet!

Das war nur ein Augenblick des Kleinmuts damals, unter vier Augen ...
rief er schmerzlich aus. Aber soll denn wirklich, wirklich, wegen
dieser kleinlichen Eindrcke, nun alles zerrissen sein? Ist es mglich,
da von diesen langen Jahren nichts mehr zwischen uns verblieben ist?

Sie verstehen sich aufs Rechnen, das wei ich. Sie wollen immer alles
so drehen, da schlielich ich Ihnen noch schulde. Als Sie aus dem
Auslande zurckkehrten, sahen Sie auf mich von oben herab und lieen
mich nicht einmal zu Wort kommen. Und als ich Ihnen nach meiner Reise
von dem Eindruck, den die Sixtinische Madonna auf mich gemacht hatte,
erzhlen wollte, da hrten Sie nicht einmal so lange zu, bis ich geendet
hatte, und lchelten nur hochmtig, ganz als knnte ich nicht ebensolche
Gefhle haben wie Sie.

Das wird sicher anders gewesen sein ... ich entsinne mich nicht mehr
... _J'ai oubli._{[120]}

Nein, das war ganz genau so, und dabei war da gar kein Grund, vor mir
so wichtig zu tun, denn das war ja alles Unsinn und nur Ihre Phantasie.
Heutzutage begeistert sich niemand mehr fr die Sixtinische Madonna.
Hchstens ein paar alte Professoren. Das ist bewiesen.

Auch schon bewiesen?

Diese Madonna dient berhaupt zu nichts. Diese Schale hier ist
ntzlicher, denn man kann in sie Wasser gieen. Dieser Bleistift ist
ntzlich, denn mit ihm kann man schreiben. Hier aber ist es blo ein
gemaltes Frauengesicht, das schlechter ist als alle lebenden Gesichter.
Versuchen Sie einen Apfel zu malen und legen Sie dann neben das Bild
einen wirklichen. Welchen werden Sie dann nehmen? Bin sicher, da Sie
nicht schwanken werden. Sehen Sie, darauf laufen jetzt alle unsere
Theorien hinaus, nachdem sie erst einmal von der modernen freien
Forschung nachgeprft sind.

... stimmt!

Ah, Sie lcheln ironisch! Aber was haben Sie mir, zum Beispiel, ber
das Almosengeben gesagt? Und dabei ist das Gefhl, das man hat, wenn man
Gutes tut, ein hochmtiges und unsittliches, genau wie die Genugtuung
des Reichen, wie sein Genu, wenn er seine Macht und Bedeutung mit der
des Bettlers vergleicht. Almosengeben verdirbt sowohl den Gebenden wie
den Nehmenden und erfllt auerdem noch nicht einmal seinen Zweck, denn
es vermehrt nur die Bettler. Jeder Faulpelz, der nicht arbeiten will,
drngt sich zum Reichen, wie der Spieler an den Kartentisch, um etwas zu
gewinnen. Die Groschen aber, die man ihnen zuwirft, reichen ja nicht
einmal fr den hundertsten Teil. Haben Sie viele Almosen in Ihrem Leben
gegeben? Vielleicht achtzig Kopeken, aber bestimmt nicht mehr. Denken
Sie nur nach. Strengen Sie sich ein bichen an und versuchen Sie, sich
zu erinnern, wann Sie zum letztenmal ein Almosen gegeben haben. Das wird
wohl schon zwei, wenn nicht vier Jahre her sein. Sie reden blo groe
Worte, die Tat aber behindern Sie nur. Ja, Almosengeben mte auch schon
im jetzigen Staate ganz einfach gesetzlich verboten werden. Im
Zukunftsstaat wird es berhaupt keine Armen mehr geben.

Oh, welch eine Sammlung fremder Schlagworte! Also ist es schon bis zum
Zukunftsstaat mit Ihnen gekommen? Sie Unglckliche, mge Gott Ihnen
helfen!

Ja, es ist bis zum Zukunftsstaat gekommen, Stepan Trophimowitsch. Sie
haben so sorgfltig die neuen Ideen vor mir verborgen, aber es hat
nichts gentzt. Sie haben das einzig und allein aus Eifersucht getan, um
Macht ber mich zu besitzen. Jetzt ist mir sogar diese Julija
Michailowna schon an hundert Werst voraus. Doch ich erkenne jetzt
wenigstens. Trotzdem habe ich Sie verteidigt, Stepan Trophimowitsch, so
viel ich nur konnte. Sie werden buchstblich von allen angeklagt.

_Assez!_{[121]} er erhob sich von seinem Platz. Und was sollte ich
Ihnen nun wnschen? Doch nicht Reue?

Setzen Sie sich noch auf einen Augenblick, Stepan Trophimowitsch. Sie
wissen doch schon, da man Sie auffordert, auf der literarischen Matinee
irgend etwas vorzutragen? Sagen Sie, worber werden Sie lesen?

Gerade ber dieses Ideal, die Sixtinische Madonna, die Ihrer Meinung
nach weder einen Bleistift noch ein Glas Wasser wert ist.

Und nicht aus der Geschichte? fragte Warwara Petrowna enttuscht.
Aber dann wird man Sie ja gar nicht hren wollen. Und ewig diese
Madonna! Was haben Sie denn davon, wenn Sie alle damit einschlfern? Ich
versichere Sie, Stepan Trophimowitsch, ich sage das nur in Ihrem
Interesse. Es wre doch eine ganz andere Sache, wenn Sie eine kurze,
aber unterhaltende Geschichte aus dem mittelalterlichen Hofleben nehmen
wrden; sagen wir, aus der spanischen Geschichte. Oder eine Anekdote,
die Sie dann noch mit eigenen Zutaten ausschmcken knnten. Im
Mittelalter gab es doch so prunkvolle Hfe, mit Damen, wissen Sie, und
Mordgeschichten. Karmasinoff sagt, da es sonderbar zugehen mte, wenn
man in der spanischen Geschichte nicht etwas Interessantes finden
knnte.

Karmasinoff! Dieser ausgeschriebene Dummkopf sucht fr mich ein
Thema!!

Karmasinoff, dieser erhabene Verstand! Sie drcken sich heute schon
wirklich etwas zu unvorsichtig aus, Stepan Trophimowitsch.

Ihr Karmasinoff ist ein altes, ausgeschriebenes, gereiztes Weib!
_Chre, chre_, haben Sie sich schon lange so von ihnen unterjochen
lassen? O Gott!

Ich kann ihn auch jetzt nicht leiden. Wegen seiner Wichtigtuerei. Doch
seinem Verstande mu ich Gerechtigkeit zollen. Ich wiederhole nochmals,
da ich Sie, so viel ich nur konnte, verteidigt habe. Aber warum wollen
Sie sich denn unbedingt als lcherlich und langweilig hinstellen? Im
Gegenteil, treten Sie mit einem wrdigen Lcheln auf das Podium, als der
Reprsentant des vergangenen Jahrhunderts, und erzhlen Sie mit Ihrem
ganzen Witz drei kleine Geschichten, so wie nur Sie zuweilen zu erzhlen
verstehen. Mgen Sie meinetwegen ein alter Mann sein, meinetwegen ein
Mensch aus dem vorigen Jahrhundert, mgen Sie sogar zurckgeblieben
sein: vielleicht sprechen Sie lchelnd selbst davon -- sagen wir in
einer Vorbemerkung. Doch alle werden dann sehen, da Sie ein lieber,
guter, geistreicher Mensch sind. Kurz, ein Mensch vom alten Schrot und
Korn. Und doch so weit vorgeschritten, da er selber ber den ganzen
Unsinn gewisser Begriffe, die er bis dahin gehabt hat, objektiv und
richtig zu urteilen versteht. Nun, machen Sie es doch so, ich bitte
Sie!

_Chre, assez!_{[122]} Bitten Sie mich nicht, ich kann nicht. Ich werde
ber die Madonna reden, und ich will einen Sturm erheben, der entweder
sie alle vernichten oder mich allein zu Boden schlagen soll!

Bestimmt nur Sie allein, Stepan Trophimowitsch.

Gut! Das ist dann mein Los! Ich werde von jenem gemeinen Sklaven reden,
von jenem stinkenden, verderbten Sklaven, der als erster mit dem Messer
auf die Leiter steigt und das gttliche Antlitz des groen Ideals
zerschneiden will -- im Namen der Gleichheit, des Neides und ... der
Verdauung. Mag mein Fluch also durch die Welt donnern und dann, dann
...

In die Irrenanstalt?

Vielleicht. Aber in jedem Fall, ob ich nun siege oder besiegt werde: am
selben Abend noch werde ich meinen Koffer nehmen, meinen armseligen
Koffer, und werde all mein Hab und Gut verlassen, alle Ihre Geschenke,
alle Pensionen und Versprechungen fr die Zukunft, und werde zu Fu aus
der Stadt gehen, um bei irgend einem Kaufmann als Hauslehrer mein Leben
zu beenden oder hinter einem Zaun Hungers zu sterben. _Alea jacta est!_

Er stand auf.

Ich habe es ja gewut! Mit blitzenden Augen erhob sich nun auch
Warwara Petrowna. Ich habe es ja gewut, da Sie doch nur dazu leben,
um zum Schlu noch mich und mein Haus zu beschimpfen. Was wollen Sie mit
der Stelle beim Kaufmann oder dem Tod hinterm Zaun sagen? Bosheit und
Verleumdung, weiter ist's nichts!

Sie haben mich immer verachtet, aber ich werde wie ein Ritter, der
seiner Dame bis ins Grab treu bleibt, mein Leben beenden -- denn Ihre
Meinung von mir war mir immer teurer, als alles andere auf der Welt. Ich
nehme von Ihnen nichts mehr an, und die Rede halte ich ohne
Entschdigung.

Wie dumm das ist!

Sie haben mich niemals geachtet. Ich wei, ich habe unendlich viele
Schwchen. Ja, es ist wahr: ich habe als Ihr Schmarotzer gelebt; -- in
der Sprache des Nihilismus ausgedrckt. Doch das war niemals das hhere
Prinzip meiner Handlungen. Das geschah alles -- so -- so ... ganz von
selbst ... ich wei nicht, wie ... Ich habe nur immer geglaubt, da
zwischen uns etwas Hheres als Kost und Geld besteht, und _nie_, hren
Sie, _nie_ bin ich ein -- Schurke gewesen! So -- und nun gehe ich, um es
wieder gut zu machen! Ich gehe meinen spten Weg, es ist schon Herbst,
der Nebel liegt auf den Feldern, kalter, grauer Reif bedeckt meine
Strae und der Wind singt das Lied vom nahen Grabe ... Aber ich gehe,
ich gehe schon meinen neuen Weg! Und ich gehe --

   >Ganz erfllt von reiner Liebe,
   Treu dem sen Traum ...<

Oh, lebt wohl, meine Trume! Zwanzig Jahre! _Alea jacta est._

Trnen rollten pltzlich aus seinen Augen. Er nahm schnell seinen Hut.

Ich verstehe kein Latein, sagte Warwara Petrowna, die sich krampfhaft
zusammennahm.

Wer wei, vielleicht wollte sie gleichfalls weinen, doch Unwille und
Eigensinn siegten wiederum.

Ich wei nur eines, sagte sie, da das nur Phrasen sind. Niemals
werden Sie imstande sein, Ihre Worte wahr zu machen. Nirgendwohin werden
Sie gehen, sondern seelenruhig bei uns weiterleben und jeden Dienstag
wieder Ihre unmglichen Freunde versammeln. Leben Sie wohl, Stepan
Trophimowitsch.

_Alea jacta est!_ Er verneigte sich tief vor ihr und fuhr nach Hause
-- halbtot vor Aufregung.




                            Elftes Kapitel.
                    Pjotr Stepanowitsch in Ttigkeit


                                   I.

Der Tag, an dem die literarische Matinee und der Ball stattfinden
sollten, war endgltig festgesetzt, doch von Lembkes Stimmung wurde
immer trber und nachdenklicher. Er hatte so sonderbare, unheilvolle
Vorgefhle, und das beunruhigte Julija Michailowna sehr. Es war doch
nicht so angenehm, Gouverneur zu sein, zumal unser gutmtiger Iwan
Ossipowitsch seinem Nachfolger nicht alles im Gouvernement in bester
Ordnung bergeben hatte. Dazu drohte jetzt noch die Cholera, und in
einzelnen Kreisen waren Rinderseuchen ausgebrochen; ferner hatten den
ganzen Sommer ber in Drfern und Stdten Feuersbrnste gewtet, im
Volke aber begann sich schon der Glaube festzusetzen, da man
absichtlich Brandstifter umherschicke; und die Diebe hatten sich im
Verhltnis zu frheren Jahren um das Doppelte vermehrt. Das alles wre
aber, wenn auch auergewhnlich, so doch lngst nicht in dem Mae
beunruhigend gewesen, wenn Andrei Antonowitsch von Lembke nicht noch
schwerwiegendere Sorgen gehabt htte, die ihm nun die Ruhe seiner bis
dahin so glcklichen und zufriedenen Seele raubten.

Am meisten erschreckte Julija Michailowna der Umstand, da ihr Lembke
mit jedem Tage schweigsamer wurde und manchmal beinahe verschlossen war.
Doch wenn man darber nachdachte -- was konnte er denn berhaupt zu
verbergen haben? Dabei widersprach er ihr selten, vielmehr fgte er sich
ihr fast in allen Dingen. So wurden z. B. auf ihr hartnckiges Verlangen
hin ein paar recht gewagte Manahmen getroffen, die fast gegen das
Gesetz verstieen, doch dafr die Macht des Gouverneurs vergrern
sollten. Aus demselben Grunde wurde z. B. ein paarmal unheilvolle
Nachsicht gebt: Leute, die eigentlich den Proze und Sibirien verdient
hatten, wurden einzig auf Julija Michailownas unbedingtes Verlangen hin
zur Auszeichnung vorgeschlagen. Wie sich spter herausstellte, wurde auf
eine gewisse Art von Klagen ganz systematisch berhaupt nicht mehr
reagiert. Auerdem unterschrieb von Lembke fast alles, was Julija
Michailowna von ihm verlangte, und gewhnlich widerspruchslos. Nur
zuweilen setzte er seine Gattin durch eine pltzliche und hartnckige
Widerspenstigkeit in nicht geringes Erstaunen, und zwar immer durch eine
Widerspenstigkeit in den kleinsten Nebensachen. Der Wunsch, nachdem er
ihr tagelang stumm und wortlos gehorcht hatte, wieder eine eigene Rolle
zu spielen, war am Ende begreiflich. Julija Michailowna jedoch wute in
solchen Fllen trotz ihres ganzen Verstandes diese edle Regung eines
edlen Charakters durchaus nicht zu wrdigen: von Lembke persnlich war
ihr gerade in dieser Zeit vollkommen gleichgltig -- und leider sollte
eben hieraus viel Unheil entstehen.

Die gute Dame (sie tut mir aufrichtig leid) htte das, was sie so sehr
lockte -- Ruhm, Bedeutung usw. -- viel einfacher erreichen knnen, ja,
fast noch schneller, wenn sie ihren Wnschen mit etwas weniger
Exzentrizitt nachgegangen wre. Aber wie das gewhnlich zu geschehen
pflegt: denen, die ihr abrieten, hrte sie weiter nicht zu; den anderen
aber, die sie in ihren eigenen Ideen bestrkten, denen folgte sie
blindlings. So war denn die Arme bald nur noch ein Spielzeug der
verschiedensten Einflsse, whrend sie sich selbst fr durchaus
individuell hielt. Ihre Gutmtigkeit wurde in der kurzen Zeit ihrer
Herrschaft als Gattin des Gouverneurs von vielen ausgenutzt, und gar
manche schnitten dabei nicht bel ab. Aber was war das im Grunde fr ein
Mischmasch unter dem Anschein von Selbstndigkeit! Ihr gefielen die
Grogrundbesitzer und das aristokratische Element, die Erweiterung der
Gouvernementsmacht wie das demokratische Prinzip mit den neuen
Anschauungen, der Freidenkerei und den sozialen Lehren; und ihr gefiel
der strenge Ton eines vornehmen Salons, wie die Ausgelassenheit, die oft
schon an einen Gasthauston gemahnte, der sie umgebenden goldenen Jugend.
Sie trumte davon, glcklich zu machen und Unvereinbares zu vereinen,
oder richtiger: alle und alles in schwrmerischer Verehrung um ihre
Person zu versammeln. Aber sie hatte auch einige ganz besondere und
bevorzugte Lieblinge. Zu diesen gehrte vor allen Pjotr Stepanowitsch,
der sie mit den plattesten Schmeicheleien beherrschte. Freilich gab es
da noch einen besonderen Grund, weshalb er zu ihrem Liebling ward, und
dieser Grund drfte sie vielleicht am besten charakterisieren: sie
hoffte nmlich, da er ihr -- eine ganze Verschwrung aufdecken werde.
Ich bertreibe keineswegs. Allerdings ist es schwer zu sagen, warum sich
in ihr, fast von Anfang an, der Glaube festgesetzt hatte, gerade in
unserem Gouvernement werde eine Verschwrung gegen die Regierung
vorbereitet. Nun, und Pjotr Stepanowitsch verstand es vorzglich, mit
seinem zweideutigen und geheimnisvollen Schweigen in gewissen, und
seinen kurzen Bemerkungen in anderen Fllen, diesen Glauben noch zu
verstrken. Sie glaubte schon nach ihrem ersten Gesprch mit ihm, da er
unbedingt ber das ganze revolutionre Ruland unterrichtet sei, und
auerdem und gleichzeitig hielt sie ihn fr ihr persnlich bis zur
Vergtterung ergeben. In ihrer Phantasie malte sie sich schon mit allen
Einzelheiten aus, wie von Lembke die Verschwrung melden wrde, dann der
Dank aus Petersburg und die groe Karriere; und schlielich, wie sie
selber mit Liebe und Nachsicht die Jugend am Rande des Abgrunds
zurckhielt! War sie doch fest berzeugt, da sie Pjotr Stepanowitsch
bereits bekehrt hatte! Warum sollte es ihr dann nicht auch bei den
anderen gelingen? Kein einziger von den Verschwrern sollte umkommen:
sie wollte sie alle, alle retten, und in eben diesem Sinne, nur mit dem
Ziel der hheren Gerechtigkeit vor Augen, wollte sie handeln. Vielleicht
-- was kann man wissen -- wrde noch einst der ganze russische
Liberalismus -- und warum nicht auch die Geschichte? -- ihren Namen
segnen. Die Verschwrung aber wrde doch aufgedeckt werden ... Also alle
Vorteile zugleich.

Zunchst aber war es ntig, da Andrei Antonowitsch zum Feste etwas
heiterer wurde, und so galt es denn jetzt, ihn zu zerstreuen und zu
beruhigen. Zu diesem Zweck kommandierte sie Pjotr Stepanowitsch zu ihrem
Mann, in der Hoffnung, da der auf irgendeine Weise die gewnschte
Wirkung erzielte. Vielleicht konnte er ihm etwas Beruhigendes mitteilen,
sozusagen aus erster Hand. Jedenfalls verlie sie sich vollkommen auf
seine Geschicklichkeit.

Pjotr Stepanowitsch war schon seit Lngerem nicht mehr in Herrn von
Lembkes Arbeitszimmer gewesen. Er schwirrte jetzt gerade in einem
Augenblick zu ihm hinein, als der Patient sich in einer ganz besonders
gespannten und reizbaren Verfassung befand.


                                  II.

Es gab da eine Kombination, die Herr von Lembke nun schon gar nicht mehr
fassen konnte.

In einer kleinen Kreisstadt (in derselben, in der Pjotr Stepanowitsch
vor nicht langer Zeit mit den Offizieren ein paar Abende lustig
zusammengewesen war) hatte der Kommandeur einem Leutnant einen Verweis
erteilt. Es geschah vor der ganzen Front. Der Leutnant war ein noch ganz
junger Mensch, erst vor kurzem aus Petersburg eingetroffen, immer
schweigsam und finster und anscheinend sich sehr erhaben dnkend, dabei
aber klein von Wuchs, dick und rotwangig. Er ertrug den Verweis nicht,
und pltzlich warf er sich mit einem eigentmlichen Geschrei oder
Gekreisch, ber das sich die ganze Front wunderte, und mit absonderlich
gesenktem Kopf auf seinen Kommandeur und bi diesen mit solcher Gewalt
in die Schulter, da man ihn nur mit Mhe loszureien vermochte.
Zweifellos war der Mensch verrckt geworden. Wenigstens stellte sich nun
heraus, da er in der letzten Zeit schon mehrfach die unglaublichsten
Sachen gemacht hatte. So hie es u. a., er habe in seiner Wohnung zwei
Heiligenbilder der Wirtin zum Fenster hinausgeworfen und ein drittes mit
dem Beil zerhackt; an ihre Stelle aber habe er in seinem Zimmer auf
Postamenten drei Bcher, die Werke von Vogt, Moleschot und Bchner,
aufgestellt und vor jedem ein Kirchenwachslicht angezndet. Aus der
Menge von Bchern, die man bei ihm fand, konnte man schlieen, da er
ziemlich belesen war. Bei der Durchsuchung fand man in seinen Taschen
und Koffern einen ganzen Sto der wildesten Proklamationen.

Nun, an sich waren diese Bltter ja nichts Neues; man hatte ihrer im
Laufe der Jahre so viele gesehen! Wozu da noch weiter nachdenken? Zudem
waren es nicht einmal neue Proklamationen, sondern genau dieselben, die
man auch im H--schen Gouvernement gefunden hatte und von denen Liputin
behauptete, da er sie vor anderthalb Monaten auf seiner Reise in einer
andern Kreisstadt gleichfalls gesehen habe. Aber Andrei Antonowitsch
erschrak doch: vor allem ber den einen Umstand, da der Direktor der
Spigulinschen Fabrik zur selben Zeit der Polizei drei groe Pakete
Proklamationen bersandt hatte, die in der Nacht auf den Fabrikhof
geworfen worden waren, und diese Proklamationen stimmten Wort fr Wort
mit jenen berein, die man bei dem Leutnant gefunden hatte. Die drei
Pakete waren noch nicht einmal aufgebunden, also hatte von den Arbeitern
noch keiner etwas lesen knnen. Eigentlich war ja die ganze Sache
harmlos genug; doch Herr von Lembke begann zu grbeln, denn ihm erschien
sie unendlich bedeutsam und verwickelt.

In der erwhnten Spigulinschen Fabrik hatte gerade die sogenannte
Spigulinsche Geschichte begonnen, von der spter so viel geredet
worden ist, und ber die sogar die Petersburger und Moskauer Zeitungen
so lange und in so verschiedenen Lesarten berichtet haben. Vor ungefhr
drei Wochen war dort ein Arbeiter an sibirischer Cholera erkrankt, und
nach ihm noch ein paar andere. In der Stadt verbreitete sich nicht
geringe Angst, obgleich alle mglichen rztlichen Vorkehrungen getroffen
wurden. Doch die Spigulinsche Fabrik -- die Besitzer hatten Geld und
Verbindungen -- wurde aus irgendeinem guten Grunde nicht geschlossen. Da
aber hie es pltzlich, gerade in ihr stecke der Herd der Krankheit.
Andrei Antonowitsch bestand sofort energisch darauf, da sie einmal
grndlich gereinigt werde, was man denn auch tat. Kurz darauf aber
schlossen die Spigulins die Fabrik -- warum, wute eigentlich niemand.
Der eine Bruder lebte bestndig in Petersburg, und der andere war nach
der ihm befohlenen Fabrikreinigung nach Moskau gereist. Der Direktor,
der den Arbeitern den Lohn auszahlen sollte, betrog dabei, wie es sich
spter herausstellte, die Leute geradezu unerhrt. Die Arbeiter begannen
zu murren und verlangten eine gerechtere Abrechnung und gingen aus
Dummheit schlielich sogar auf die Polizei. Doch fhrten sie sich dort
lange nicht so erregt auf, wie es die Zeitungen nachtrglich
schilderten. Und gerade in dieser Zeit geschah es denn, da der Direktor
dem Gouverneur die gefundenen Proklamationen zustellte.

Pjotr Stepanowitsch trat schnell und ohne anzuklopfen, wie ein alter
Bekannter oder guter Freund, in von Lembkes Arbeitszimmer. Als Andrei
Antonowitsch ihn erblickte, blieb er unfreundlich und augenscheinlich
gergert am Schreibtisch stehen, whrend er bis dahin auf und ab
gegangen war, was er gewhnlich tat, wenn er sich mit seinem
Kanzleibeamten Blmer unter vier Augen beriet. Diesen Blmer, der
brigens ein mrrischer, ungelenker Deutscher war, hatte er trotz Julija
Michailownas heftigster Opposition aus Petersburg mitgebracht. Der
Kanzleibeamte trat nach Pjotr Stepanowitschs Erscheinen zur Tr, ging
jedoch noch nicht hinaus. Es schien Pjotr Stepanowitsch sogar, da er
mit von Lembke einen vielsagenden Blick austauschte.

Oho, da habe ich Sie ertappt, Sie geheimer Stadtdespot! rief Pjotr
Stepanowitsch lachend aus und legte schnell seine Hand auf eine
Proklamation, die auf dem Tisch lag. Die soll wohl wieder Ihre Sammlung
vergrern, wie?

Von Lembke wurde rot, und sein ganzes Gesicht verzerrte sich pltzlich.

Lassen Sie, lassen Sie das sofort! schrie er zitternd vor Wut. Und
wagen Sie es nicht, mein Herr ...

Was haben Sie nur? Sie scheinen sich ja zu rgern?

Gestatten Sie, mein Herr, Sie darauf aufmerksam zu machen, da ich Ihr
_sans faon_{[123]} hinfort nicht mehr dulden werde und Sie ersuche,
nicht zu vergessen ...

Pfui Teufel, er rgert sich ja in der Tat!

Schweigen Sie! von Lembke stampfte mit dem Fu. Und wagen Sie es
nicht ...

Gott mag wissen, wozu es noch gekommen wre, denn zu seinem Zorn gab es
hier noch einen gewissen anderen Grund, den sich weder Pjotr
Stepanowitsch noch Julija Michailowna auch nur htten trumen lassen
knnen. Mit dem unglcklichen Andrei Antonowitsch war es nmlich schon
so weit gekommen, da er wegen seiner Frau auf Pjotr Stepanowitsch
eiferschtig war und deshalb in einsamen Stunden, besonders nachts,
hchst unangenehme Minuten auszustehen hatte.

Und ich dachte, da ein Mensch, der einem zweimal bis nach Mitternacht
seinen Roman vorliest und einen um ein offenes Urteil bittet, da dieser
Mensch dann schon selber das Formelle abgetan hat ... Und Julija
Michailowna empfngt mich wie einen guten Bekannten -- nun soll einer
aus Ihnen klug werden! sagte Pjotr Stepanowitsch, und sagte es sogar
nicht ohne eine gewisse Wrde. Hier haben Sie brigens Ihren Roman,
und damit legte er ein groes, schweres, fest zusammengerolltes Heft,
das in blaues Papier eingewickelt war, auf den Tisch.

Von Lembke errtete und wute nichts zu sagen.

Wo haben Sie es denn gefunden? fragte er unsicher, mit einem Zustrom
von Freude, den er doch nicht abhalten konnte, obschon er ihn mit Gewalt
zurckzudrngen suchte.

Ja, denken Sie sich, so zum Rohr zusammengerollt, wie es da ist, war es
hinter meine Kommode gefallen. Ich werde es wohl damals, als ich nach
Hause kam, irgendwie nachlssig auf die Kommode geworfen haben.
Vorgestern fand man es beim Dielenscheuern. War das aber eine Arbeit,
die Sie mir da beschert hatten!

Lembke senkte streng die Augen.

Zwei Nchte wegen Euer Gnaden nicht geschlafen. Vorgestern fand man es,
so behielt ich es denn noch und las die ganze Geschichte durch. Habe am
Tage keine Zeit, mute es also in der Nacht tun. Na, und -- kann nichts
dafr: bin unzufrieden. Nicht mein Geschmack. Doch brigens zum Teufel
damit, Kritiker bin ich nie gewesen. Aber losreien konnte ich mich doch
nicht, wenn ich auch unzufrieden war. Das vierte und fnfte Kapitel, die
... die sind ... wei der Teufel, was die eigentlich sind! Und mit
wieviel Komik das vollgestopft ist! Hab' ich gelacht! Nein, wirklich,
Sie verstehen es, etwas lcherlich zu machen, _sans que cela
paraisse_!{[124]} Na, das da im neunten Kapitel, wo nur von Liebe die
Rede ist, na, nicht meine Sache; aber immerhin sehr effektvoll. Nach dem
Brief von Igrenjeff wollte ich beinah zu heulen anfangen, obgleich Sie
ihn ja so fein karikiert haben ... Wissen Sie, der Brief ist gewi
gefhlvoll, aber zu gleicher Zeit wollten Sie den Mann doch irgendwie
karikieren, wenn ich Sie richtig verstanden habe? nicht? Hab's mir
gleich so gedacht. Na, aber fr den Schlu knnte ich Sie einfach
verprgeln. Was ist denn das fr eine Idee, die Sie da durchfhren? Das
ist ja doch dieselbe alte Vergtterung des Familienglcks nebst
Vermehrung der Kinder wie des Kapitals, und >wenn sie nicht gestorben
sind, so leben sie noch heut<! -- ich bitte Sie! Zuerst bezaubern Sie
den Leser geradezu, so da selbst ich mich nicht losreien konnte, --
aber desto gemeiner ist doch dann solch ein Schlu! Der Leser bleibt
genau so dumm, wie er war; man htte doch kluge Menschen reden lassen
sollen, Sie aber ... Na, genug davon, und jetzt adieu! rgern Sie sich
nchstens nicht wieder. Ich kam eigentlich, um Ihnen ein paar Worte zu
sagen, aber Sie sind ja heute so eigentmlich ...

Von Lembke hatte inzwischen seinen Roman in einen eichenen Bcherschrank
verschlossen und Blmer zugewinkt, das Zimmer zu verlassen, was der denn
auch mit langem Gesichte tat.

Ich bin heute keineswegs eigentmlich, es sind da nur ... so viele
Unannehmlichkeiten, murmelte Herr von Lembke und runzelte die Stirn,
doch schon ohne Zorn, und er setzte sich an den Schreibtisch. Ich habe
Sie lange nicht mehr gesehen, sagte er freundlicher, nur fliegen Sie
nchstens nicht so hastig ins Zimmer, mit Ihren Manieren, die ...
zuweilen, bei der Arbeit, ist man ...

Was meine Manieren betrifft ...

Ich wei, ich wei, Sie haben es ja nicht mit Absicht getan, aber
gerade bei so unangenehmer Arbeit, Sie verstehen schon ... Setzen Sie
sich, bitte.

Pjotr Stepanowitsch warf sich sogleich ungeniert auf den Diwan und zog
die Beine unter den Stuhl.


                                  III.

Was ist denn das fr eine unangenehme Arbeit? Doch nicht etwa diese
Dummheiten? Dabei wies er mit dem Kopf auf die Proklamation. Solche
Bltter kann ich Ihnen so viele verschaffen, wie Sie nur wollen. Habe
deren Bekanntschaft schon im H--schen Gouvernement gemacht.

Das heit, damals, als Sie dort waren?

Versteht sich, nicht in meiner Abwesenheit. Und dann war da noch eine
mit einer Vignette: ein Beil oben. Erlauben Sie -- er nahm das Blatt
vom Tisch -- na ja, hier ist ja auch ein Beil; natrlich, das ist ja
dieselbe!

Ja, ein Beil. Sehen Sie -- ein Beil.

Was, haben Sie etwa Angst bekommen vor dem Beil?

Oh, nicht vor dem Beil ... Und ich habe durchaus keine Angst. Aber
diese Sache ... Es gibt hier noch ... gewisse Umstnde.

Was fr welche? Da man sie aus der Fabrik gebracht hat? Ha--ha! Aber
wissen Sie auch, da die Arbeiter dieser Fabrik bald selbst
Proklamationen schreiben werden?

Wie das? Von Lembke sah auf -- streng, verwundert.

Ganz einfach. Sie sind ein zu weicher Mensch, Andrei Antonowitsch.
Schreiben Romane. Hier aber mte man noch auf die alte Weise
verfahren.

Wie das -- alte Weise? Sollen das Ratschlge sein? Die Fabrik ist doch
gereinigt worden. Ich befahl es, und sie wurde gereinigt!

Und unter den Arbeitern ist derweil eine Emprung ausgebrochen. bers
Knie legen mte man die Kerls, und die Sache wre erledigt.

Eine Emprung? Das ist unmglich! Ich habe doch den Befehl gegeben, und
man hat die Fabrik gereinigt!

Ach, Andrei Antonowitsch, Sie sind wirklich ein weicher Mensch!

Ich? Nun -- erstens bin ich durchaus nicht so furchtbar weich und
zweitens ... -- von Lembke rgerte sich. Eigentlich sprach er mit dem
jungen Mann gegen seinen Willen, doch die Neugier, ob dieser nicht etwas
Besonderes sagen wrde, war zu gro, um der Unterredung einen Schlu zu
machen.

A--ah! wieder eine alte Bekannte! unterbrach ihn Pjotr Stepanowitsch
und zog unter einem Buch ein anderes Blatt hervor, eine augenscheinlich
im Auslande gedruckte Proklamation, die aber in Versen abgefat war.
Na, die kenne ich ja auswendig: natrlich, das ist sie ja -- die >helle
Persnlichkeit<! Habe diese Persnlichkeit schon im Auslande kennen
gelernt. Wo haben Sie denn diese hervorgekratzt?

Sie sagen, Sie haben sie schon im Auslande gesehen? horchte Herr von
Lembke auf.

Na, das fehlte noch, da ich sie nicht gesehen htte! -- vor vier oder
fnf Monaten!

Was Sie im Auslande nicht alles gesehen haben! von Lembke besah ihn
sich mitrauisch.

Doch Pjotr Stepanowitsch beachtete die Bemerkung nicht, nahm das Blatt
und las laut das folgende Gedicht:


   Die helle Persnlichkeit.

   Von Geburt kein Edelmann,
   Unterm Volk wuchs er heran.
   Bald verfolgt vom Zorn des Zaren
   Und dem Hasse der Bojaren,
   Predigte er allerorten
   Stets mit siegbewuten Worten
   Unerschrocken, wie man sah:
   >Freiheit, Gleichheit, sie sind nah!<
   Hscher fingen ihn alsbald.
   Doch er floh in fremdes Land
   -- aus des Zaren Kasematte,
   Wo man Peitschen, Zangen hatte --,
   Fuhr von dort fort, hier zu schren,
   Und die Wirkung war zu spren,
   Denn das Volk begann zu warten
   Und zu murren ob des harten
   Schicksals, doch sieh da:
   Freiheit, Gleichheit, sie sind nah!
   Also sagt's Euch der Student,
   Hrt es jetzt bis nach Taschkent!
   Komme schleunigst jeder Mann,
   Um den Adel und alsdann
   Selbst das Zartum zu vernichten!
   Hrt und kommt und lat uns richten!
   Hrt auf des Studenten Wort:
   Aller alter Kram mu fort --
   Kirchen, Ehen und Familien
   Nebst den Kindern, den Reptilien!
   Doch das Hab und Gut der Welt,
   Land, Besitz und alles Geld --
   Das soll Allgemeingut werden
   In dem neuen Reich auf Erden!

Das haben Sie wohl bei jenem Leutnant gefunden, nicht? fragte Pjotr
Stepanowitsch.

Wie, Sie kennen auch diesen Leutnant?

Wie denn nicht! Habe zwei Tage lang mit ihm gekneipt. Der mute
unbedingt mal berschnappen.

Er ... Vielleicht ist er berhaupt nicht irrsinnig geworden.

Etwa darum nicht, weil er zu beien anfing?

Aber, erlauben Sie: wenn Sie dieses Gedicht im Auslande gesehen haben
-- und spter findet es sich hier bei diesem Offizier ...

Hm! Ganz scharfsinnig! Sie, Andrei Antonowitsch, Sie scheinen mich ja,
wie ich sehe, examinieren zu wollen? Sehen Sie, begann er pltzlich mit
ungewhnlicher Wichtigkeit, darber, was ich im Auslande gesehen, habe
ich sofort nach meiner Rckkehr einer bestimmten Stelle Mitteilung
gemacht, und meine Erklrungen wurden als befriedigend befunden.
Andernfalls htte ich ja auch diese liebe Stadt hier gar nicht mit
meinem Besuch beglcken knnen. Ich glaube also, da meine Pflichten auf
diesem Gebiet erledigt sind und ich weiter niemandem Rechenschaft
schuldig bin. Und nicht etwa deswegen erledigt, weil ich vielleicht ein
Denunziant bin, sondern weil ich einfach gar nicht anders handeln
konnte. Diejenigen, die an Julija Michailowna ber mich geschrieben
haben, kannten die ganze Sachlage ... und haben mich als ehrlichen
Menschen empfohlen. Na, aber zum Teufel damit! Eigentlich bin ich zu
Ihnen gekommen, um ber etwas sehr Ernstes mit Ihnen zu sprechen. Es ist
gut, da Sie diesen Ihren Schornsteinfeger fortgeschickt haben. Es ist
eine wichtige Sache, Andrei Antonowitsch. Ich habe nmlich eine sehr
groe Bitte an Sie.

Eine Bitte? Hm ... haben Sie die Gte, ich ... bin gespannt ... hm! ...
wird mich sehr interessieren. berhaupt mu ich sagen, Sie setzen mich
heute ein wenig in Erstaunen.

Von Lembke war merklich erregt. Pjotr Stepanowitsch schlug ein Bein
bers andere.

In Petersburg, begann er, war ich in vieler Hinsicht aufrichtig, doch
ber gewisse Einzelheiten ... zum Beispiel diese da -- er wies mit dem
Finger auf die helle Persnlichkeit -- habe ich geschwiegen, erstens
weil es sich nicht lohnte, darber zu sprechen, und zweitens, weil ich
nur das sagte, wonach man mich fragte. Ich liebe es nicht, in diesem
Sinne vorzugreifen; darin sehe ich auch den Unterschied zwischen einem
Schurken und einem ehrlichen Menschen, den ganz einfach nur die Umstnde
berrumpelt haben und zwingen ... Na, das mag nebenbei gesagt sein. Nun
und jetzt ... jetzt, nachdem diese Dummkpfe ... na, ich meine, da es
jetzt herausgekommen ist, sich bereits in Ihren Hnden befindet und sich
vor Ihnen schon nicht mehr wird verstecken knnen -- denn Sie sind doch
ein Mensch mit Augen, es ist gar nicht so leicht, hinter Sie zu kommen
-- diese Dummkpfe aber in ihrem Vorhaben fortfahren ... na, nun ja ...
also: ich bin ... ganz einfach ... zu Ihnen gekommen, um Sie zu bitten,
einen Menschen zu retten, einen ebensolchen Dummkopf oder meinetwegen
Verrckten ... in Anbetracht seiner Jugend, seines Unglcks, und ... und
Ihrer Humanitt ... zum Kuckuck, Sie wollen doch nicht nur in Romanen
human und gut und edel sein! unterbrach er pltzlich, anscheinend aus
lauter Verlegenheit grob, seine ungeschickte Rede.

Kurz: man sah einen ehrlichen, offenherzigen Menschen vor sich, der blo
ungeschickt und unpolitisch war, und das wohl aus Gutmtigkeit oder
bergroer Gewissenhaftigkeit. Und jedenfalls mute er nicht von weitem
her sein, urteilte von Lembke sofort mit auerordentlichem Feingefhl:
genau so, wie er ihn eigentlich schon immer eingeschtzt hatte --
besonders wenn er ihn in den schlaflosen Nchten der letzten Woche wegen
seines Erfolges bei Julija Michailowna in seiner Seele beschimpft und
heruntergerissen hatte.

Fr wen bitten Sie denn und was soll das alles bedeuten? erkundigte er
sich wrdevoll, bemht, seine Neugier zu verbergen.

Fr ... ja das ... zum Teufel, ich bin doch nicht schuld daran, da ich
an Sie glaube! Was kann ich denn dafr, da ich Sie fr den
edelmtigsten Menschen halte und, vor allem, fr einen verstndigen ...
der fhig ist, zu begreifen, das heit, zu verstehen ... nun, zum Henker
...

Der Arme! Augenscheinlich verstand er sich nicht recht auszudrcken und
verwickelte sich nur!

Sie verstehen doch, fuhr er fort, begreifen doch, da ich, wenn ich
Ihnen seinen Namen nenne, ihn damit sozusagen in Ihre Hnde liefere,
nicht wahr, ich liefere ihn dann Ihnen doch aus? Nicht wahr?

Aber wie soll ich es denn erraten, fr wen Sie bitten, wenn Sie sich
nicht entschlieen knnen, mir seinen Namen zu nennen?

Ach, ja, in der Tat, das ist es ja gerade! Sie stellen einem, wei der
Teufel, mit Ihrer Logik immer ein Bein ... Na, zum Henker ... Also diese
>helle Persnlichkeit<, dieser >Student< ist -- _Schatoff_ ... So, da
haben Sie's jetzt!

Schatoff? Das heit, wie denn Schatoff?

Schatoff -- das ist der >Student<, von dem da im Gedicht die Rede ist!
Er lebt hier! Frherer Leibeigener! Derselbe, der neulich die Ohrfeige
gegeben hat! Sie wissen schon!

Ich wei, ich wei! von Lembke kniff die Augen zusammen. Aber
erlauben Sie, worin besteht denn eigentlich seine Schuld und, die
Hauptsache, -- um was bitten Sie denn eigentlich?

Aber ihn zu retten, verstehen Sie doch endlich! Ich kenne ihn ja schon
seit acht Jahren! Ich -- ich war ja sein Freund! Pjotr Stepanowitsch
regte sich anscheinend furchtbar auf. Nun ja, ich bin doch nicht
verpflichtet, Ihnen Rechenschaft ber Frheres zu geben, meinte er und
winkte mit der Hand ab, das ist alles so belanglos. Sind ja nur
dreieinhalb Menschen, und mit denen im Auslande noch nicht mal zehn ...
Aber, die Hauptsache, -- ich hoffte auf Ihre Humanitt und zugleich auf
Ihren Verstand. Sie verstehen mich doch, Sie werden die Sache dann schon
selber so darstellen, wie sie wirklich ist, und nicht als wei der
Teufel was! -- vielmehr als den dummen Gedanken eines verdrehten
Menschen ... infolge seines Unglcks, vergessen Sie das nicht, infolge
seines Unglcks, und nicht als wei der Teufel was da -- fr eine
Verschwrung gegen den Staat ...

Pjotr Stepanowitsch geriet vor Eifer fast auer Atem.

Hm ... Ich sehe schon, da er der Schuldige ist -- an den
Proklamationen mit dem Beil! schlo von Lembke mit nahezu erhabener
Miene. Aber, erlauben Sie, wenn er allein es ist, wie konnte er sie
dann hier und zugleich in der Provinz verstreuen und sogar im H--schen
Gouvernement und ... schlielich, die erste Frage: wo hat er sie
berhaupt herbekommen?

Aber ich sage Ihnen doch, da es im ganzen vielleicht fnf Menschen
sind, na, sagen wir, zehn -- wie soll ich es wissen!

Sie wissen es nicht?

Ja, zum Henker, warum soll ich es denn wissen?

Aber Sie wuten doch, da Schatoff einer von ihnen ist?

Ach! Pjotr Stepanowitsch winkte wieder mit der Hand ab, als wolle er
den erdrckenden Scharfsinn des anderen zurckscheuchen. Na, hren Sie,
ich werde Ihnen die ganze Wahrheit sagen: von den Proklamationen wei
ich nichts, das heit, so gut wie nichts, -- zum Teufel, Sie verstehen
doch, was >nichts< bedeutet? ... Nun, versteht sich, hier ist es der
eine Leutnant, nun, und Schatoff, nun, und vielleicht noch irgend
jemand, na -- aber das ist auch alles! Nicht der Rede wert! ... Einfach
klglich! ... Ich aber bin nur zu Ihnen gekommen, um Sie fr Schatoff zu
bitten: man mu ihn retten, denn dieses Gedicht da -- ist von ihm, sein
eigenes Werk und im Auslande durch ihn gedruckt. So, das ist alles, was
ich genau wei, aber von den Proklamationen wei ich so gut wie gar
nichts!

Wenn das Gedicht von ihm verfat ist, so werden wohl auch die
Proklamationen von ihm verfat sein. Aber welche Beweise haben Sie denn,
um Herrn Schatoff zu verdchtigen?

Pjotr Stepanowitsch ri seine Brieftasche hervor, wie ein Mensch, der
schon nahe daran ist, aus der Haut zu fahren, und warf einen Zettel auf
den Tisch.

Da haben Sie die Beweise! rief er.

Von Lembke faltete den Zettel auseinander: er war vor einem halben Jahr
aus unserer Stadt geschrieben worden und enthielt nur die kurze
Mitteilung:

   Die helle Persnlichkeit kann ich hier nicht drucken, und
   berhaupt kann ich nichts machen. Drucken Sie im Auslande.

                                                        Iwan Schatoff.

Von Lembke blickte Pjotr Stepanowitsch unverwandt an ... Warwara
Petrowna hatte recht, wenn sie behauptete, da Herr von Lembke einen
manchmal etwa wie ein Schaf anblicken konnte.

Sehen Sie, begann Pjotr Stepanowitsch ungeduldig, das bedeutet, da
er dieses Gedicht vor einem halben Jahr hier geschrieben hat. Er konnte
es aber nicht hier drucken lassen, na, in irgendeiner, sagen wir,
geheimen Druckerei, -- und darum bittet er, es im Auslande zu drucken
... Das ist doch klar, sollte ich meinen?

Ja, das ist natrlich klar, aber wen bittet er denn darum? Das ist, wie
Sie sehen, durchaus noch nicht klar, bemerkte von Lembke mit
schlauester Ironie.

Aber Kirilloff doch! Der Brief ist doch an Kirilloff ins Ausland
geschrieben ... Wuten Sie das etwa nicht? rgerlich an der ganzen Sache
ist ja nur, da Sie sich vor mir vielleicht nur verstellen und selbst
schon lange von diesem Gedicht wissen, na, und auch alles andere! Wie
ist es denn auf Ihren Tisch gekommen? Wenn Sie es berhaupt zu erwischen
verstanden haben! -- wozu foltern Sie mich dann noch mit Ihren Fragen,
wenn's so ist?

Er wischte sich fast bebend den Schwei von der Stirn.

Vielleicht ist auch mir einiges bekannt ... bemerkte Herr von Lembke,
geschickt ausweichend, aber wer ist denn dieser Kirilloff?

Nun, ein Ingenieur, vor kurzem hier angekommen. War Stawrogins
Sekundant. Einfach ein Maniak, total verrckt. Ihr Leutnant hatte
vielleicht wirklich nur Schnupfenfieber als er bi, na, aber dieser, ich
sage Ihnen, der ist schon lngst frs Tollhaus reif -- dafr garantiere
ich. Ach, Andrei Antonowitsch, wenn die Regierung nur wte, was das da
fr Leutchen sind, sie wrde ja keinen Finger rhren. Hab mich in der
Schweiz und auf den Kongressen an ihnen satt gesehen, bersatt!

Dort, von wo aus man die Bewegungen bei uns leitet?

Ja, wer leitet denn? Dreieinhalb Menschen! Wenn man sie ansieht, sage
ich Ihnen, kann man blo Lust zum Ghnen bekommen. Und was sind denn das
fr >Bewegungen bei uns<? Etwa die Verbreitung von Proklamationen? Aber
wer verbreitet sie denn? Verschnupfte Leutnants und zwei bis drei
Studenten! Sie sind doch ein kluger Mensch, da stelle ich Ihnen nun eine
Frage: warum schlieen sich nicht etwas bedeutendere Menschen der Sache
an, warum immer nur Studenten und Jnglinge von zweiundzwanzig Jahren?
Und wie viele sind ihrer denn selbst von solchen? Man lt sie wohl von
einer Million gebter Hunde suchen, doch wie viele hat man bisher
gefunden? Sieben Mann! Ich sage Ihnen ja, nur Lust zum Ghnen bekommt
man.

Von Lembke hrte ihm aufmerksam zu, aber mit einem Ausdruck, der
gleichsam sagte: Eine Nachtigall machst du mit Fabeln nicht satt.

Erlauben Sie, einstweilen, -- Sie behaupten, da der Brief ins Ausland
geschrieben ist; hier ist aber keine Adresse; woher wissen Sie es denn,
da der Brief an Kirilloff gerichtet ist? und schlielich berhaupt ins
Ausland und ... und ... da er wirklich von Herrn Schatoff geschrieben
ist?

So verschaffen Sie sich doch sofort Schatoffs Handschrift und
vergleichen Sie! In Ihrer Kanzlei wird sich bestimmt irgendeine
Unterschrift von ihm finden. Und was Kirilloff betrifft, so hat er mir
doch selbst den Brief gezeigt. Gleich damals, als er ihn bekam.

Also haben Sie wohl selbst ...

Na ja, versteht sich doch, da ich selbst! ... Als ob man mir dort
wenig gezeigt htte! Nun, und dieses Gedicht, heit es, soll der
verstorbene Herzen persnlich fr Schatoff geschrieben haben, als der
sich noch im Auslande herumtrieb, angeblich zum Andenken an ihre
Begegnung, als Lob, als Empfehlung gewissermaen, na, hol's der Teufel
... und Schatoff verbreitet es nun unter der Jugend: >Seht, das ist
Herzens eigene Meinung ber mich<!

Tje -- tje -- tje, schnalzte von Lembke, endlich begreifend, das
meine ich ja auch: Proklamationen -- das versteht man noch, aber
Gedichte!?

Ja, wie sollten Sie es denn nicht verstehen! Und wei der Teufel, wozu
ich Ihnen eigentlich das alles noch berflssigerweise ausgeplaudert
habe! Hren Sie, geben Sie mir Schatoff, und dann meinetwegen zum Henker
mit den anderen allen, selbst mit Kirilloff, der sich jetzt gleichfalls
im Filippoffschen Hause, in dem auch Schatoff wohnt, versteckt hat. Die
lieben mich nicht, weil ich zurckgekommen bin ... Aber versprechen Sie
mir Schatoff, und ich prsentiere Ihnen alle die anderen auf einem
Tablett. Kann Ihnen ntzlich sein, Andrei Antonowitsch. Ich schtze
diese ganze traurige Bande auf neun Mann, na, sagen wir -- zehn. Ich
beobachte sie von mir aus. Drei kennen wir schon: Schatoff, Kirilloff
und dieser Leutnant. Die anderen prfe ich erst noch ... brigens: bin
nicht gerade kurzsichtig. Das ist ganz wie im H--schen Gouvernement:
zwei Studenten wurden dort mit Proklamationen ergriffen, ein Gymnasiast,
zwei zwanzigjhrige Edelleute, ein Lehrer und ein sechzigjhriger Major,
der vom Trunk schon unzurechnungsfhig geworden war ... und das war
alles, glauben Sie mir, das war alles! Man wunderte sich nicht wenig,
da das alles war. Aber ich brauche sechs Tage. Ich rieche schon den
Braten und habe meine Berechnung gemacht: sechs Tage und nicht frher!
Wenn Sie irgendein Ergebnis haben wollen -- lassen Sie sie in diesen
sechs Tagen ganz und gar ungeschoren, und ich binde sie Ihnen in ein
Bndel zusammen! Rhren Sie sich jedoch frher, so fliegt das ganze Nest
auseinander! Aber versprechen Sie mir dafr Schatoff, ich bitte ja nur
fr Schatoff ... Wissen Sie, am besten wre es, wenn Sie ihn
freundschaftlich zu sich kommen lieen, sagen wir meinetwegen, hierher
in Ihr Arbeitszimmer, und dann, wissen Sie: vor ihm den Vorhang
aufgezogen und ein wenig gefragt! Ach, er wird sich sofort Ihnen zu
Fen werfen und losweinen! Er ist ein nervser, unglcklicher Mensch.
Seine Frau amsiert sich mit Stawrogin. Seien Sie gut zu ihm, und er
wird Ihnen alles selbst erzhlen. Doch ich brauche noch sechs Tage, wie
gesagt ... Die Hauptsache aber, die Hauptsache: sagen Sie Julija
Michailowna keinen Ton, kein halbes Wort davon! Geheimnis! Knnen Sie?

Wie? von Lembke ri die Augen auf. Haben Sie ihr denn nicht schon
selbst alles ... enthllt?

Ihr? Behte und bewahre! Ach, Andrei Antonowitsch! Sehen Sie mal, ich
schtze ja ihre Freundschaft unendlich und sie berhaupt ... na, aber
das da ... ich werde mich doch nicht so verhauen. Ich widerspreche ihr
nie, denn ihr widersprechen -- Sie wissen ja selbst -- ist gefhrlich.
Vielleicht habe ich ihr auch mal dieses oder jenes Wrtchen gesagt, aber
da ich ihr, wie jetzt Ihnen, Namen genannt htte, oder so etwas -- wo
denken Sie hin! ... Warum wende ich mich denn an Sie? Weil Sie immerhin
ein Mann sind, ein ernster Mensch, mit alten, festen Erfahrungen im
Staatsdienst. Sie haben doch manches im Leben gesehen! Sie wissen
auerdem, glaub ich, jeden Schritt in solchen Dingen auswendig wie das
Einmaleins -- schon von Petersburg her. Sollte ich aber ihr zum Beispiel
auch nur zwei Namen nennen, wie wrde sie da gleich lostrommeln ... Sie
will doch von hier aus ganz Petersburg in Erstaunen setzen! Ein wenig zu
hitzig ist sie, das ist der Fehler!

Ja, sie hat etwas von diesem Temperament ... murmelte von Lembke nicht
ganz ohne Genugtuung, whrend es ihn zu gleicher Zeit doch rgerte, da
dieser Flegel es augenscheinlich wagte, sich so frei ber Julija
Michailowna zu uern.

Pjotr Stepanowitsch dagegen schien das noch zu wenig zu sein, um
andererseits seinen Lembka mit gengenden Schmeicheleien berschtten,
ihn ganz besiegen und endgltig einfangen zu knnen.

Das ist es: zuviel Temperament, griff er das Wort auf. Mag sie da
meinetwegen, sagen wir, eine geniale Frau sein, eine literarische Frau,
aber -- die Spatzen jagt sie uns auseinander! Sechs Stunden hlt sie es
nicht aus, von sechs Tagen schon ganz zu schweigen. Ach, Andrei
Antonowitsch, laden Sie nicht eine Frist von sechs Tagen auf ein Weib!
Sie mssen mir doch einige Erfahrung zugestehen, ich meine -- in diesen
Dingen. Ich wei da manches, und Sie wissen ja selbst, da ich manches
wissen kann. Nicht aus Dummheit bitte ich Sie um sechs Tage, sondern
einzig um der Sache willen.

Ich habe gehrt ... von Lembke konnte sich nicht recht entschlieen,
seinen Gedanken auszusprechen, ich habe gehrt, da Sie nach Ihrer
Rckkehr zustndigen Orts gewisse ... Erklrungen abgegeben htten ...
in etwa als ... Reuebekenntnis?

Na ja, was hat man nicht alles!

Gewi, gewi, und ich will auch weiter gar nichts Nheres ... Hm ...
Aber es hat mir blo immer geschienen, da Sie hier gewhnlich in einem
ganz anderen Stile gesprochen haben, zum Beispiel ber das Christentum,
ber die ffentlichen Einrichtungen und schlielich auch ber die
Regierung ...

Na, als ob ich wenig gesprochen habe. Auch jetzt spreche ich noch so,
nur mu man diese Gedanken nicht so durchfhren, wie jene Dummkpfe es
wollen. Das ist es. Aber sonst -- was ist denn dabei, da er in die
Schulter gebissen hat? Sie waren ja selbst in diesen Dingen mit mir
einverstanden, nur sagten Sie, es sei noch zu frh.

Ich war eigentlich nicht in dem Sinne mit Ihnen einverstanden, und auch
mit dem >zu frh< meinte ich etwas anderes ...

Dann ist also jedes Ihrer Worte mit einem Haken versehen, he--he! Sind
wirklich ein vorsichtiger Mensch! bemerkte Pjotr Stepanowitsch
pltzlich sehr heiter. Hren Sie, mein Teuerster, ich mute Sie doch
erst ein wenig kennen lernen, na, und da habe ich denn zu diesem Zweck
eben in meinem Stile gesprochen. Das habe ich nicht nur mit Ihnen allein
so gemacht, sondern mit vielen. Vielleicht wollte ich erst nur Ihren
Charakter kennen lernen.

Wozu denn meinen Charakter?

Na, wie soll ich es denn wissen, wozu! (er lachte wieder). Sehen Sie
mal, mein lieber und hochverehrter Andrei Antonowitsch, Sie sind schlau,
aber dazu ist es noch nicht gekommen, wird es auch bestimmt nicht
kommen, Sie verstehen doch? Vielleicht verstehen Sie mich wirklich? Wenn
ich auch dort zustndigen Orts Erklrungen gegeben habe, als ich aus dem
Auslande zurckkehrte, und ich wei wirklich nicht, warum ein Mensch mit
gewissen berzeugungen nicht zum Vorteil dieser seiner aufrichtigen
berzeugungen handeln sollte ... so hat mir _dort_ doch niemand etwas
ber Ihren Charakter gesagt, und ich habe mir noch gar keine Pflichten
von _dort_ aufladen lassen. Sie begreifen doch: ich htte ebensogut
nicht Ihnen als erstem zwei Namen zu nennen gebraucht, sondern einfach
_dahin_, na, Sie verstehen schon, -- einen Wink geben knnen, ich meine,
dahin, wo ich die ersten Erklrungen abgab. Na, und wenn ich mich etwa
fr Geld bemhte, oder fr sonst irgendeinen Vorteil, so wre das
meinerseits keine Berechnung gewesen, denn dankbar wird man jetzt blo
Ihnen sein, nicht mir. Aber ich tue es, wie gesagt, nur wegen Schatoff,
sagte Pjotr Stepanowitsch mit viel Edelmut, -- nur fr Schatoff, aus
alter Freundschaft ... Na, aber dann, meinetwegen, wenn Sie _dorthin_
schreiben, na, dann knnten Sie mich vielleicht auch ein bichen loben,
wenn Sie wollen ... werde nicht widersprechen. He--he ... Aber jetzt
adieu, hab schon verboten lange hier gesessen, und eigentlich sollte man
berhaupt nicht so viel sprechen! fgte er nicht unzufrieden hinzu und
erhob sich vom Diwan.

Im Gegenteil, es freut mich sehr, da diese Angelegenheit sozusagen
bestimmtere Formen annimmt. Von Lembke erhob sich gleichfalls und sehr
liebenswrdig, -- augenscheinlich noch unter dem Eindruck der letzten
Worte. Mit Dank nehme ich Ihre Hilfe an, und seien Sie berzeugt, da
ich die Bemerkung ber Ihren Eifer ...

Sechs Tage, nur sechs Tage Frist, das ist die Hauptsache und alles, was
ich brauche ... aber da Sie sich in diesen sechs Tagen nicht rhren!

Gut!

Versteht sich, ich binde Ihnen ja nicht die Hnde, wie sollte ich das
auch! Sie knnen doch gar nicht etwa nicht beobachten lassen. Nur --
schrecken Sie das Nest nicht vor der Zeit auf, -- das ist es, worin ich
mich jetzt auf Ihre Klugheit und Ihre Erfahrung verlasse! Na, Sie haben
wohl schon unzhlige Jagdhunde bereit? He--he! platzte lustig und
leichtsinnig (eben wie ein junger Mensch) Pjotr Stepanowitsch heraus.

So schlimm ist es gerade nicht, sagte von Lembke ausweichend, doch
angenehm berhrt. Das ist ein Vorurteil der Jugend, die immer alles
vorbereitet glaubt ... Aber erlauben Sie, noch ein Wort: wenn dieser
Kirilloff Stawrogins Sekundant war, so mu doch auch Herr Stawrogin in
diesem Falle ...

Wieso Stawrogin?

Ich meine, wenn sie solche Freunde sind?

Oh, nein, nein, nein! Diesmal haben Sie fehlgeschossen, wenn Sie auch
sonst schlau sind! Aber Sie setzen mich geradezu in Erstaunen! Denn ich
glaubte doch, da Sie in betreff dieser Dinge unterrichtet sind ... Hm
... Stawrogin -- das ist das vollkommenste Gegenteil, das heit, das
vollkommenste! ... _Avis au lecteur._{[125]}

In der Tat? Ist's mglich? fragte von Lembke unglubig. Mir hat
Julija Michailowna gesagt, da Stawrogin, nach ihren Erkundigungen in
Petersburg, ein Mensch mit einigen, sozusagen, Instruktionen ...

Ich wei nichts, nichts, nichts, keine Ahnung. Adieu. _Avis au
lecteur!_ wich Pjotr Stepanowitsch pltzlich und nur zu offensichtlich
allen weiteren Fragen aus und schwirrte schon zur Tr.

Erlauben Sie, Pjotr Stepanowitsch, erlauben Sie, noch einen
Augenblick! rief ihn von Lembke zurck. Noch ein Wort, und dann halte
ich Sie nicht mehr auf. Er nahm aus einem Schubfach einen Brief heraus.

Sehen Sie, -- gleichfalls ein Exemplar, das in diese Kategorie gehrt.
Und hiermit beweise ich Ihnen, da ich das grte Vertrauen zu Ihnen
habe. Was sagen Sie zu diesem Brief?

Es war ein sonderbarer Brief: ohne Unterschrift, an Herrn von Lembke
adressiert, und gestern erst hatte er ihn erhalten. Pjotr Stepanowitsch
las zu seinem grten rger folgendes:

   Eure Exzellenz!

   Sintemal Sie das nach Ihrem Range sind. Hiermit melde ich
   Mordanschlge auf alle hohen Wrdentrger und das Vaterland;
   sintemal es gerade dazu fhrt. Habe selbst vieles ununterbrochen
   jahrelang verstreut. Auch Gottlosigkeit ist dabei. Ein Aufstand
   bereitet sich vor und Proklamationen gibt es Tausende, und nach
   jeder laufen dann hundert Mann mit herausgestreckter Zunge, wenn sie
   die Regierung nicht vorzeitig fortnimmt, sintemal man viel
   verspricht und das einfache Volk dumm ist, und hinzu kommt dann noch
   der Schnaps. Das Volk sucht den Schuldigen und wird diese wie jene
   verderben. Ich frchte aber diese wie jene, und bereue, woran ich
   gar nicht teilgenommen, denn meine Verhltnisse sind einmal so. Wenn
   Sie wollen, da ich Anzeige erstatte zur Rettung des Vaterlandes und
   ebenso der Kirchen und Heiligenbilder, so kann das nur ich allein.
   Aber mit der Bedingung, da man mir Begnadigung aus der dritten
   Abteilung telegraphisch zusagt, sofort und mir allein von allen; die
   anderen knnen es dann ausbaden. Auf das Fenster beim Portier
   stellen Sie zum Zeichen jeden Tag abends um sieben Uhr ein Licht.
   Sehe ich dieses, so werde ich glauben und komme dann, um die
   barmherzige Hand aus Petersburg zu kssen, aber mit der Bedingung,
   da ich eine Pension erhalte, sintemal wovon soll ich denn sonst
   leben? Sie werden es nicht zu bereuen brauchen, denn fr Sie kommt
   dabei ein Orden heraus. Aber vorsichtig mu man sein, sonst drehen
   sie einem den Hals um!

                                   Euer Exzellenz verzweifelter Mensch
                                 fllt vor Euer Exzellenz auf die Knie
                                                als reuiger Freidenker

                                                         _Inkognito_.

Von Lembke erklrte, da man den Brief gestern beim Portier gefunden
hatte.

Was halten Sie davon? fragte Pjotr Stepanowitsch beinahe grob.

Ich wrde annehmen, da das ein Schmhbrief ist ... ein anonymer, zum
Spott ...

Hchstwahrscheinlich wird es auch so sein. Sie kann man wirklich nicht
so leicht hinters Licht fhren.

Und vor allen Dingen deshalb, weil es so dumm ist.

Haben Sie hier noch irgendwelche Schmhbriefe bekommen?

Ja, zweimal, und beide anonym.

Na, versteht sich doch von selbst, da die sich nicht unterzeichnen
werden! -- Derselbe Stil? Dieselbe Handschrift?

Nein, verschiedener Stil und verschiedene Handschrift.

Und ebenso nrrisch wie dieser?

Ja, auch nrrisch, und wissen Sie ... sehr gemeine Briefe.

Na, wenn Sie schon welche bekommen haben, so wird es jetzt wohl
derselbe Absender sein.

Und vor allen Dingen, weil die Briefe so dumm sind. Diese Leute sind
doch gebildet und wrden schon so dumm nicht schreiben.

Natrlich, versteht sich.

Aber wie, wenn nun wirklich jemand etwas anzeigen will?

Das ist sehr unwahrscheinlich, schnitt Pjotr Stepanowitsch trocken ab.
Was soll denn das Telegramm aus der dritten Abteilung bedeuten? und die
Pension? Es ist ja sonnenklar, da es eine Anulkung ist!

Ja ... Natrlich, von Lembke war ein wenig beschmt.

Wissen Sie was! berlassen Sie mir den Brief. Ich werde Ihnen sofort
den Verfasser herausfinden. Frher noch als die anderen.

Nehmen Sie ihn, sagte von Lembke, doch erst nach einigem Zgern.

Haben Sie ihn schon jemandem gezeigt?

Nein, bewahre! Niemandem!

Auch nicht Julija Michailowna?

Da sei Gott vor! und ums Himmels willen, zeigen Sie ihn ihr auch
nicht! rief von Lembke erschrocken. Er wrde sie so aufregen ... und
sie wrde sich furchtbar ber mich rgern.

Natrlich, verstehe schon! Sie wrde sagen, da Sie selbst daran schuld
sind, wenn man Ihnen so was zu schreiben wagt! Man kennt doch
Weiberlogik. Na, aber jetzt leben Sie wohl. Vielleicht kann ich Ihnen
schon in drei Tagen den Verfasser nennen. Aber vergessen Sie nur unsere
Abmachung nicht!


                                  IV.

Pjotr Stepanowitsch war gewi kein dummer Mensch, doch Fedjka, der
Zuchthusler, hatte ihn richtig charakterisiert mit dem Ausspruch: Der
stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so lebt er
dann mit ihm.

Pjotr Stepanowitsch verlie Herrn von Lembke in der festen berzeugung,
da er ihn auf wenigstens sechs Tage beruhigt habe, diese Frist aber
brauchte er unbedingt. Doch seine Berechnung war falsch, und zwar weil
er sich Herrn von Lembke von allem Anfange an und gleich fr immer als
vollkommen beschrnkten Menschen vorgestellt hatte.

Herr von Lembke war, wie jeder qualvoll mitrauische Mensch, im ersten
Augenblick des Aus-sich-selbst-hinausgehens stets von grter und
freudiger Vertrauensseligkeit. Die neue Wendung der Dinge erschien ihm
nun zunchst in recht angenehmer Form, trotz der etlichen
neueingetretenen Verwicklungen, die Achtsamkeit erheischten. Doch
wenigstens zerfielen seine alten Zweifel jetzt in Staub und Asche. Aber
die letzten Tage hatten ihn so mde gemacht, und er fhlte sich so
geqult und so hilflos, da seine Seele sich unwillkrlich nach Ruhe
sehnte. Leider kam gerade jetzt diese Unruhe wieder ber ihn. Das lange
Leben in Petersburg hatte in seiner Seele unverwischbare Spuren
hinterlassen. Die offizielle und sogar die geheime Geschichte der neuen
Generation war ihm ziemlich bekannt -- war er doch ein wibegieriger
Mensch, der selbst Proklamationen sammelte --, nur hatte er noch nie
auch nur ein Wort von dieser ganzen Geschichte begriffen. Jetzt aber
stand er da wie in einem Walde: mit allen Instinkten ahnte er, da in
Pjotr Stepanowitschs Worten etwas schier Unmgliches enthalten war,
irgend etwas auerhalb aller Formen und Vereinbarungen -- wenn auch
brigens der Teufel wissen mag, was da in dieser >neuen Generation<
alles mglich ist und berhaupt ... wie sie das da alles machen! dachte
er bei sich und verlor sich in Erwgungen.

Da steckte zum Unglck wieder Blmer seinen Kopf durch die Tr. Die
ganze Zeit whrend der Anwesenheit Pjotr Stepanowitschs hatte er in der
Nhe gewartet. Dieser Blmer war mit Herrn von Lembke sogar verwandt,
wenn auch allerdings nur weitlufig, doch diese Verwandtschaft wurde
sorgfltig und ngstlich geheimgehalten. Ich bitte den Leser um
Entschuldigung, da ich hier ber diesen unbedeutenden Menschen ein paar
Bemerkungen einfge. Blmer gehrte als Mensch zu der sonderbaren Abart
der unglcklichen Deutschen -- jedoch nicht infolge seiner tatschlich
groen Talentlosigkeit, sondern einfach Gott wei weshalb. Diese
unglcklichen Deutschen sind keine Mythe, sondern sind wirklich
vorhanden, sogar in Ruland, und haben ihren besonderen Typ. Herr von
Lembke hatte fr diesen Blmer von jeher ein geradezu rhrendes
Mitgefhl und verschaffte ihm, wo er nur konnte, und natrlich im
Verhltnis zu seinen eigenen Fortschritten, immer bessere Stellen in
seinem Ressort; doch Blmer hatte nirgends Glck. Bald wurde der Posten
aufgehoben, bald bekam er einen neuen Vorgesetzten, und einmal htte man
ihn beinahe mit anderen zusammen vors Gericht gebracht. Er war
gewissenhaft, doch leider irgendwie so, da es schon zuviel war --
zwecklos gewissenhaft, und auerdem ewig mrrisch, was ihm berall
schadete, -- dabei rothaarig, gro, ein wenig krumm, wehmtig, sogar
gefhlvoll, und bei all seiner Unterwrfigkeit doch eigensinnig und
halsstarrig wie ein Stier, freilich immer am unrechten Ort und zur
unrechten Zeit. An Lembke hing er nebst seiner Frau und seinen zahllosen
Kindern mit einer langjhrigen und ehrfrchtigen, treuen und ergebenen
Anhnglichkeit. Auer Lembke gab es keinen Menschen, der ihn je auch nur
gemocht hatte. Julija Michailowna hatte ihn sofort und mit aller
Entschiedenheit abgelehnt, doch verabschieden konnte sie ihn nicht, weil
der Widerstand ihres Mannes in diesem Punkte nicht zu brechen war. Ja,
dieser Blmer war die Ursache ihres ersten ehelichen Streites gewesen,
und zwar gleich in den ersten sen Tagen nach der Hochzeit, als sie
pltzlich das krnkende Geheimnis dieser neuen Verwandtschaft erfahren
hatte. Es half auch nichts, da ihr Gatte flehend, mit gefalteten
Hnden, auf sie einredete und ihr gefhlvoll Blmers ganze
Lebensgeschichte erzhlte, sowie die Geschichte ihrer Freundschaft von
Kindheit an: Julija Michailowna hielt sich fr unwiderruflich blamiert
und versuchte sogar mit Ohnmachtsanfllen ihren Willen durchzusetzen.
Doch von Lembke wich trotzdem nicht einen Schritt von seinem Standpunkt
und erklrte nur, da er seinen Blmer um keinen Preis von sich
entfernen werde, so da sie sich schlielich ehrlich ber ihn wunderte
und gezwungen war, ihm diesen Blmer zu gestatten. Es wurde nur
beschlossen, die Verwandtschaft mit ihm noch sorgfltiger als bisher
geheimzuhalten, wenn das berhaupt mglich war, und sogar seinen Ruf-
und Vatersnamen durch andere zu ersetzen, denn auch Blmer hie
sonderbarerweise genau wie von Lembke Andrei Antonowitsch. Hier bei uns
verkehrte Blmer mit keinem Menschen, auer mit einem deutschen
Apotheker, hatte auch bei niemandem Besuch gemacht und, seiner
Gewohnheit getreu, zurckgezogen und sparsam gelebt. Ihm waren auch die
literarischen Snden von Lembkes bekannt, denn er war es, der den
Zuhrer abgeben mute, wenn von Lembke seinen Roman vorlesen wollte, was
er natrlich nur mit aller Vorsicht und bei verschlossenen Tren tat:
dann sa Blmer an die sechs Stunden wie ein Pfosten da, schwitzte und
strengte sich krampfhaft an, nicht einzuschlafen, sondern wach zu
bleiben und zu lcheln. Kam er dann nach Hause, so seufzte er zusammen
mit seiner hageren, grofigen Frau ber die unselige Vorliebe ihres
Wohltters fr die russische Literatur.

Andrei Antonowitsch litt geradezu, als er den eintretenden Blmer
erblickte.

Ich bitte dich, Blmer, mich jetzt in Ruh zu lassen, begann er erregt
und schnell, sichtlich bemht, eine Fortsetzung des Gesprches, das
Pjotr Stepanowitsch unterbrochen hatte, zu vermeiden.

Man kann das ja auf die schonendste Weise machen. Sie haben doch die
Vollmacht, bestand Blmer ehrerbietig aber hartnckig auf dem Seinen,
und nherte sich mit kleinen Schritten und krummem Rcken immer mehr dem
Schreibtisch.

Blmer, du bist mir wirklich in einem Grade zugetan und in deinem Amt
diensteifrig, da mir schon angst und bange vor dir wird, wenn ich dich
nur erblicke!

Sie machen immer scharfsinnige Bemerkungen, aber dann lassen Sie sich
von dem Vergngen an dem Gesagten ruhig einschlfern. Damit schaden Sie
sich selbst.

Blmer, ich habe mich soeben berzeugt, da etwas ganz anderes
dahintersteckt, etwas ganz anderes!

Doch nicht aus den Worten dieses falschen, lasterhaften Menschen, den
Sie selbst verdchtigen? Hat er Sie glcklich mit falschem Lob Ihres
literarischen Talentes so weit geblendet?

Blmer, du ahnst ja nichts! Dein Projekt ist eine Absurditt, sage ich
dir. Wir werden nichts finden, es wird sich nur unntzes Geschrei
erheben und dann Gelchter und dann Julija Michailowna ...

Wir werden bestimmt alles finden, was wir suchen, Blmer schritt fest
auf ihn zu, die rechte Hand ans Herz gepret. Wir knnen die
Durchsuchung seiner Wohnung ganz frh am Morgen vornehmen, und ganz
pltzlich, ohne alle Vorbereitungen, mit aller Schonung seiner Person,
und dabei streng nach der Vorschrift des Gesetzes. Die jungen Leute,
Lmschin und Teltnikoff, versichern felsenfest, da wir bei ihm alles
Gewnschte finden werden. Sie haben ihn frher oft besucht. Fr Herrn
Werchowenski ist hier niemand sehr zu haben, und die Generalin Stawrogin
hat ihm formell ihre Wohltaten fr weiterhin gekndigt, und jeder
ehrliche Mensch, wenn es solch einen in dieser rohen Stadt berhaupt
gibt, ist berzeugt, da dort immer die Quelle des Unglaubens und der
sozialen Lehren gewesen ist. Er besitzt alle verbotenen Bcher,
smtliche Werke Herzens, Rylejeffs >Dumy<[44] ... Ich habe mir schon auf
alle Flle ein Verzeichnis seiner Bcher ...

Gott, diese Bcher hat heute doch schon ein jeder! Wie naiv du bist,
mein armer Blmer!

Und eine Menge Proklamationen, fuhr Blmer fort und tat, als habe er
die Bemerkung nicht gehrt. Wir werden auf diese Weise bestimmt auf die
Spur der neuen Proklamationen kommen. Dieser junge Werchowenski kommt
mir ungemein, ungemein verdchtig vor.

Aber du verwechselst ja den Vater mit dem Sohn! Sie vertragen sich
durchaus nicht. Der Sohn verspottet ihn ja ganz ungeniert.

Das ist doch nur Verstellung, Maske!

Blmer, du hast wohl geschworen, mich zu Tode zu qulen! Denk doch ein
bichen nach! Er ist doch hier in der Stadt immerhin eine geachtete
Persnlichkeit. Er war Professor, er ist berall bekannt, und wenn er zu
schreien anfngt, wird es gleich alle Welt wissen, und dann beginnt das
Witzeln ber uns, und dann gelingt uns nichts mehr ... und bedenke doch
nur, was wird Julija Michailowna sagen ...

Blmer kam immer nher und hrte auf keinen Einwand.

Er war nur Dozent und weiter nichts, nur Dozent, und ist dem Titel nach
nur Kollegienassessor auer Dienst. Blmer prete heftig seine rechte
Hand auf die Brust. Keinen einzigen Orden hat er und zum Staatsdienst
ist er berhaupt nicht herangekommen, weil man seine Absichten gegen die
Regierung kannte. Er stand im geheimen unter polizeilicher Aufsicht und
steht wohl zweifellos auch jetzt noch darunter. In Anbetracht der
beginnenden Unordnungen sind Sie geradezu verpflichtet, zu tun, was ich
Ihnen riet. Sie aber lassen eine solche Mglichkeit, sich auszuzeichnen,
wieder vorbergehen! Sehen dem Hauptschuldigen einfach durch die Finger!
...

Julija Michailowna! Sch--scher dich zum ... rief pltzlich von Lembke,
der die Stimme seiner Frau im Nebenzimmer gehrt hatte.

Blmer zuckte zusammen, doch ergab er sich noch nicht.

So erlauben Sie doch, erlauben Sie doch, er trat immer nher und
prete jetzt schon beide Hnde an die Brust.

Sch--scher dich, pack dich! knirschte Andrei Antonowitsch. Mach, was
du willst ... spter ... O Gott!

Die Portiere wurde zur Seite geschlagen, und Julija Michailowna
erschien. Als sie Blmer erblickte, blieb sie stehen und musterte ihn
hochmtig und beleidigend vom Kopf bis zu den Fen, als wre schon
seine bloe Anwesenheit krnkend fr sie. Blmer machte stumm eine
tiefe, ehrerbietige Verbeugung vor ihr und ging dann, noch krumm vor
Ehrerbietung, auf den Fuspitzen zur Tr.

War es nun, da er die letzten Worte von Lembkes fr die Erlaubnis nahm,
so zu handeln, wie er wollte, oder ob er es von sich aus unrechterweise,
jedoch in der festen berzeugung tat, seinem Wohltter zu einem Orden zu
verhelfen, -- das mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls erwuchs, wie wir
weiterhin sehen werden, aus diesem Gesprch des Vorgesetzten mit seinem
Untergebenen etwas ganz Unvorhergesehenes, das viele zum Lachen reizte,
als es bekannt ward, aber Julija Michailownas hellen Zorn erregte. Von
Lembke dagegen wurde dadurch in der entscheidendsten Zeit in die
bedauernswerteste Unentschlossenheit versetzt.


                                   V.

Fr Pjotr Stepanowitsch war es ein geschftiger Tag. Nachdem er von
Lembke verlassen hatte, begab er sich schnell zur Bogojawlenskstrae,
doch als er unterwegs in der Bykoffstrae an dem Hause vorberkam, in
dem Karmasinoff wohnte, blieb er pltzlich stehen, lchelte und trat ins
Haus. Man ffnete ihm mit einem: Der Herr erwarten bereits --, was
Pjotr Stepanowitsch sehr bemerkenswert erschien, denn er hatte durchaus
nicht gesagt, da er kommen werde.

Der groe Schriftsteller erwartete ihn in der Tat, und zwar schon seit
drei Tagen, denn vor vier Tagen hatte er das Manuskript seines Merci
(seinen Abschiedsgru ans Publikum, den er auf der literarischen Matinee
zum Besten armer Gouvernanten vorzulesen gedachte) Werchowenski
eingehndigt. Er hatte es aus Liebenswrdigkeit getan, in der
berzeugung, dem jungen Manne auerordentlich zu schmeicheln, wenn er
ihm das groe Werk schon vorher zeigte. Pjotr Stepanowitsch hatte schon
lngst begriffen, da dieser ruhmschtige, eitle und fr Nichterwhlte
so beleidigend unnahbare Herr, dieser erhabene Verstand, sich einfach
an ihn herandrngen wollte. Er erriet, da Karmasinoff ihn, wenn auch
vielleicht nicht fr den erklrten Fhrer alles dessen hielt, was in
ganz Ruland heimlich revolutionr war, so doch wenigstens fr einen,
der in alle Geheimnisse der russischen Revolution eingeweiht war und
zweifellos groen Einflu auf die Jugend hatte. Die Gedanken dieses
klgsten Menschen in ganz Ruland interessierten Pjotr Stepanowitsch,
doch bisher hatte er aus gewissen Grnden eine Aussprache vermieden.

Der groe Schriftsteller wohnte im Hause seiner Schwester, der Frau
eines Kammerherrn und Gutsbesitzers, die nebst ihrem Mann den berhmten
Verwandten geradezu vergtterte. Augenblicklich muten sie leider
beide, zu ihrem grten Schmerz, in Moskau leben, so da denn eine alte
Dame, eine arme Verwandte des Kammerherrn, die schon lange im Hause die
Wirtschaft fhrte, die Ehre hatte, Karmasinoff zu empfangen und
aufzunehmen. Seit seiner Ankunft ging das ganze Haus auf den Fuspitzen,
und niemand wagte mehr, laut zu sprechen. Die alte Dame berichtete fast
tglich nach Moskau, wie Karmasinoff geschlafen und was er gegessen
hatte, und einmal, als er nach einem Diner beim Stadthaupt einen Lffel
voll einer gewissen Medizin hatte einnehmen mssen, schickte sie sogar
ein Telegramm ab, in ihrer Furcht, er knne vielleicht krank werden.
Karmasinoff selbst sprach, wenn auch hflich, so doch nur ganz trocken
mit ihr, und nur wenn es unbedingt ntig war. Als Pjotr Stepanowitsch
bei ihm eintrat, a er gerade ein Kotelett. Vor ihm stand ein Glas
Portwein. Pjotr Stepanowitsch war auch frher schon bei ihm gewesen, und
jedesmal hatte er ihn bei diesem Morgenfrhstck angetroffen, das er
dann ruhig weiter zu essen pflegte, ohne seinem Gast auch nur einmal
etwas anzubieten. Nach dem Kotelett trank er dann ein Tchen Kaffee.
Der Diener war in blauem Frack, weichen, unhrbaren Stiefeln und weien
Handschuhen.

A--ah! rief Karmasinoff aus und erhob sich vom Sofa, whrend er sich
den Mund mit der Serviette abwischte; darauf trat er auf Pjotr
Stepanowitsch zu, um ihn auf die Wange zu kssen -- die
charakteristische Angewohnheit aller Russen, wenn sie schon gar zu
berhmt sind.

Pjotr Stepanowitsch wute aber schon von frher, da Karmasinoff bei
diesem bei ihm blichen Ku nur die Wange hinzuhalten pflegte -- da
machte er es diesmal ebenso: und so legten sich denn beide Wangen flach
aneinander. Karmasinoff tat, als htte er nichts bemerkt, setzte sich
wieder auf sein Sofa und lud seinen Gast ein, ihm gegenber auf einem
Lehnstuhl Platz zu nehmen, was dieser auch sofort mit seiner ganzen
Nonchalance tat.

Sie wollen doch nicht ... Wollen Sie nicht frhstcken? fragte
Karmasinoff ganz gegen seine Gewohnheit, doch selbstverstndlich in der
Annahme, eine hflich ablehnende Antwort zu erhalten.

Aber ungeachtet dessen oder vielleicht gerade deshalb wnschte Pjotr
Stepanowitsch sofort zu frhstcken. Ein Schatten beleidigten Erstaunens
glitt ber das Gesicht des Hausherrn, doch nur auf einen Augenblick:
nervs klingelte er darauf nach dem Diener und erhob, trotz seiner guten
Erziehung, launisch die Stimme, als er ein zweites Frhstck bestellte.

Wollen Sie denn ein Kotelett oder Kaffee? erkundigte er sich bei
seinem Gast.

Beides, und bestellen Sie noch Portwein dazu, ich bin hungrig, sagte
Pjotr Stepanowitsch seelenruhig und betrachtete Karmasinoffs Kostm. Es
bestand aus einer Art von Hausjackett, oder Jckchen, jedenfalls war es
wattiert, mit Perlmutterknpfen versehen und sehr kurz, was sich zu
seinem runden Buchlein und dem runden, festen Krperteil der Rckseite
wenig gut ausnahm. ber seine Knie hatte er ein kariertes wollenes Plaid
gebreitet, obgleich es im Zimmer warm war.

Krank etwa? fragte Pjotr Stepanowitsch.

Nein, nicht krank, aber ich frchte, krank zu werden -- in diesem
schrecklichen Klima, antwortete Karmasinoff mit seinem kreischenden
Stimmchen, wenn auch freundlich. Ich erwartete Sie schon gestern.

Warum das? Ich hatte Ihnen doch nicht versprochen, zu Ihnen zu kommen.

Ja, aber Sie haben doch mein Manuskript! Sie ... haben Sie es gelesen?

Manuskript? Was fr eines?

Karmasinoff wunderte sich malos.

Aber Sie haben es doch wenigstens mitgebracht? rief er pltzlich so
aufgeregt, da er sogar im Essen innehielt und mit aufgerissenen Augen
sein Gegenber anstarrte.

Ach so, Sie sprechen von Ihrem >_Bonjour_<, oder wie es da hie ...

>_Merci_<.

Na, bleibt sich gleich. Habe es ganz vergessen und noch kein Wort
gelesen. Keine Zeit. Wirklich, ich wei nicht, in den Taschen ist das
Ding nicht mehr. Na, wird sich schon finden ...

Nein, verzeihen Sie, ich sende lieber sofort zu Ihnen! Es knnte
verloren gehen, man knnte es stehlen!

Ach wo! wer braucht denn so was! Warum regen Sie sich denn berhaupt so
auf? Sie haben doch, wie mir Julija Michailowna sagte, immer mehrere
Abschriften, eine im Auslande beim Notar, eine in Petersburg, eine in
Moskau ... und eine schicken Sie dann womglich noch in die Bank --?

Aber Moskau kann doch abbrennen, mitsamt meinem Manuskript! Nein, ich
sende doch lieber sofort zu Ihnen ...

Warten Sie, hier ist es ja! Pjotr Stepanowitsch zog aus der hinteren
Rocktasche das Manuskript hervor. Ein wenig verknittert. Denken Sie
sich nur, so wie ich es damals nahm, so hat es ruhig mit meinem
Schnupftuch in der Tasche gelegen. Hatte es vllig vergessen.

Karmasinoff warf sich gierig auf sein Manuskript, besah es von allen
Seiten, zhlte die Bltter nach und legte es dann fast andchtig neben
sich auf ein kleines Tischchen, doch so, da er es jeden Augenblick
wieder ergreifen konnte.

Sie lesen wohl nicht viel? konnte er sich schlielich nicht enthalten
zu fragen.

Nein, nicht sehr viel.

Und von russischer Belletristik -- wohl berhaupt nichts?

Von russischer Belletristik? Warten Sie mal, ich glaube, ich habe
einmal so etwas gelesen ... >Unterwegs< ... oder >Auf dem Weg< ... oder
>Am Kreuzweg<, oder wie es da hie, hab's vergessen. Es ist lange her.
Las es vor etwa fnf Jahren. Hab keine Zeit.

Ein kurzes Schweigen trat ein.

Als ich herkam, versicherte ich allen, da Sie ein ungewhnlich kluger
Mensch sind -- und jetzt scheinen ja auch alle von Ihnen entzckt zu
sein.

Danke, sagte Pjotr Stepanowitsch ruhig.

Der Diener brachte das Frhstck, und Pjotr Stepanowitsch machte sich
mit gutem Appetit an das Kotelett, a es im Nu auf, strzte den Wein
hinunter und trank den Kaffee.

Dieser Grobian, dachte Karmasinoff, indem er noch das letzte kleine
Stckchen von seinem eigenen Teller a und das letzte Schlckchen trank,
dieser Grobian hat gewi sofort die Stichelei in meinen Worten
begriffen ... und das Manuskript wird er bestimmt mit Spannung gelesen
haben, also lgt er jetzt, um sich den Anschein zu geben, als ob ...
Oder sollte er doch nicht lgen, sondern einfach aufrichtig dumm sein?
Einen genialen Menschen liebe ich eigentlich so, wenn er ein wenig dumm
ist. Ist er nicht gar fr die da wirklich so was wie ein Genie? Doch
brigens hol' ihn der Teufel.

Er erhob sich vom Sofa und begann, aus einer Ecke des Zimmers in die
andere zu gehen, um sich Bewegung zu machen, was er nach dem Frhstck
stets zu tun pflegte.

Reisen Sie bald zurck? fragte Pjotr Stepanowitsch aus dem Lehnstuhl
und rauchte eine Zigarette an.

Ich bin eigentlich hergekommen, um mein Gut zu verkaufen, und hnge nun
von meinem Verwalter ab.

Na, aber eigentlich sind Sie doch hierher gekommen, weil Sie dort
Epidemien nach dem Kriege erwarteten?

N--nein, nicht eigentlich deshalb, sagte Karmasinoff, gromtig die
Worte skandierend, und fuhr fort, durch das Zimmer zu spazieren, wobei
er bei jedem Kehrt in der Ecke munter mit dem rechten Beinchen
ausschritt. Ich beabsichtige in der Tat, so lange wie nur mglich zu
leben, lchelte er nicht ganz ohne Ironie. Im russischen Herrenstand
ist etwas, das den Menschen schnell verbraucht, in jeder Beziehung. Ich
aber mchte mich so spt wie mglich verbrauchen und werde deshalb auch
in Blde endgltig ins Ausland bersiedeln. Dort ist auch das Klima
besser, und das ganze Gebude ist aus Stein, und alles steht fester. Fr
meine Lebenszeit wird Europa noch vorhalten, denke ich. Was meinen Sie?

Wie soll ich's wissen!

Hm ... Wenn dort wirklich einmal Babylon kracht, und sein Fall wird
gro sein -- darin stimme ich vollkommen mit Ihnen berein, obgleich ich
denke, da es fr meine Lebenszeit noch vorhalten wird -- so ist doch
bei uns in Ruland berhaupt nichts vorhanden, das da zusammenstrzen
knnte ... im Verhltnis betrachtet. Bei uns werden keine Steine fallen,
sondern alles wird sich in Schmutz auflsen. Das heilige Ruland kann am
wenigsten von allem in der Welt irgendeinen Widerstand leisten. Das
einfache Volk hlt sich noch irgendwie mit dem russischen Gott; aber
selbst der russische Gott hat sich ja nach den letzten Erfahrungen als
uerst unzuverlssig erwiesen. Sogar gegen die Bauernreform hat er kaum
standzuhalten vermocht -- jedenfalls hat er arg gewankt. Und dazu kommen
jetzt noch die Eisenbahnen, und dann ... Nein, an den russischen Gott
glaube ich schon gar nicht.

Aber an den europischen?

Ich glaube an keinen einzigen. Man hat mich bei der russischen Jugend
verleumdet. Ich habe stets jede ihrer Handlungen nachfhlen knnen. Man
hat mir hier auch diese Proklamationen gezeigt. Man steht diesen
Flugblttern allgemein verstndnislos gegenber, denn die Form schreckt
ab; doch von ihrer Macht sind alle berzeugt, wenn sie sich auch selbst
noch nicht dessen bewut sind. Alles fllt hier schon lngst, und alle
wissen auch schon lngst, da nichts da ist, wonach man greifen oder
woran man sich festhalten knnte. Ich bin schon deswegen von dem Erfolg
dieser geheimnisvollen Propaganda berzeugt, weil Ruland jetzt auf der
ganzen Welt im wahrsten Sinne des Wortes derjenige Ort ist, wo alles
geschehen kann, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Ich verstehe
nur zu gut, warum alle wohlhabenden Russen jetzt ins Ausland strmen und
von Jahr zu Jahr immer mehr Leute auswandern. Hier ist es einfach ein
Instinkt. Wenn das Schiff untergeht, wandern die Ratten aus. Das heilige
Ruland ist ein hlzernes Land, ein bettelarmes und ... gefhrliches
Land, ein Land eitler Bettler in seinen hheren Schichten, whrend die
riesige Mehrzahl in Htten auf Hhnerbeinen hockt. Es wird ber jeden
Ausweg froh sein, wenn man ihm einen solchen zeigt und erklrt. Nur die
Regierung will sich noch wehren, doch fuchtelt sie mit ihrem Knttel im
Dunkeln umher und trifft womglich die eigenen Leute. Hier ist schon
alles vorausbestimmt und verurteilt. Ruland hat, so, wie es jetzt ist,
keine Zukunft. Ich bin Deutscher geworden und rechne mir das als Ehre
an.

Sie begannen da, sich ber die Proklamationen zu uern: sagen Sie, was
halten Sie von denen?

Alle frchten die Proklamationen, folglich sind sie mchtig. Sie decken
ffentlich den Betrug auf und beweisen, da hier nichts mehr ist, an dem
man sich festhalten, auf das man sich sttzen knnte. Sie sprechen laut,
whrend alle schweigen. Und womit sie am meisten besiegen, das ist --
abgesehen von der Form -- dieser bis jetzt unerhrte Mut, der Wahrheit
offen ins Angesicht zu schauen. Diese Fhigkeit, der Wahrheit gerade ins
Angesicht schauen zu knnen, hat einzig und allein die russische
Generation. Nein, in Europa ist man noch nicht so mutig: dort ist's eine
steinerne Herrschaft, -- dort gibt es noch etwas, auf das man sich
tatschlich sttzen kann. So viel ich sehe und so viel ich zu beurteilen
vermag, ist der Kern der russischen revolutionren Idee die Verneinung
der Ehre. Es gefllt mir, da das so mutig und furchtlos ausgedrckt
wird. Nein, in Europa begreift man das noch nicht, bei uns aber wird man
sich gerade darauf strzen. Dem russischen Menschen ist die Ehre nur
eine berflssige Last. Ja, und sie ist ihm immer eine Last gewesen, in
seiner ganzen Geschichte. Mit dem ffentlichen >Recht auf Unehre< kann
man ihn am ehesten verlocken. Ich gehre ja noch zur alten Generation
und, ich mu gestehen, bin noch fr die Ehre, aber doch nur aus
Gewohnheit. Mir gefallen blo die alten Formen, wenn auch vielleicht aus
Kleinmut -- aber man mu doch irgendwie sein Jahrhundert zu Ende leben.

Er brach pltzlich ab.

Da rede ich und rede, dachte er bei sich, er aber schweigt und
beobachtet mich. Er ist ja nur gekommen, damit ich ganz offen die Frage
an ihn stelle. Gut, kann er haben.

Julija Michailowna hat mich gebeten, einmal irgendwie auf schlaue Weise
von Ihnen herauszubekommen, was das fr eine berraschung ist, die Sie
zu bermorgen, zum Ball, vorbereiten? fragte pltzlich Pjotr
Stepanowitsch.

Ja, das wird wirklich eine berraschung sein; ich werde in der Tat in
Erstaunen setzen, sagte Karmasinoff wichtig, aber ich verrate Ihnen
das Geheimnis nicht.

Pjotr Stepanowitsch bestand weiter nicht darauf.

Hier soll ein gewisser Schatoff leben, erkundigte sich pltzlich der
groe Schriftsteller, und denken Sie nur, ich habe ihn noch nie
gesehen.

Ein sehr guter Mensch. Warum fragen Sie?

Nur so, er soll ber gewisse Dinge besonderer Ansicht sein. Das ist
doch derselbe, der Stawrogin ins Gesicht geschlagen hat?

Ja.

Und Stawrogin -- wie denken Sie ber den?

Ich wei nicht; irgendein Wstling.

Karmasinoff hate Stawrogin, weil dieser die Gewohnheit hatte, ihn
berhaupt nicht zu beachten.

Diesen Wstling wird man wohl -- wenn sich jemals das verwirklicht, was
die Proklamationen da verknden, -- wahrscheinlich als ersten an einen
Ast knpfen, meinte Karmasinoff kichernd.

Vielleicht auch schon frher, bemerkte pltzlich Pjotr Stepanowitsch.

So wr's auch recht, stimmte Karmasinoff bei.

Das haben Sie schon einmal gesagt, und wissen Sie, ich habe es ihm
wiedererzhlt.

Wie, haben Sie das wirklich? lachte Karmasinoff wieder auf.

Ja. Er sagte darauf, da, wenn man _ihn_ an einen Ast knpfen solle, es
fr _Sie_ gengen wrde, wenn man Ihnen einmal ordentlich Ruten gbe,
aber nicht etwa um der Ehre willen, sondern schmerzhaft, wie man so
einem Burschen Ruten zu geben pflegt.

Pjotr Stepanowitsch nahm seinen Hut und erhob sich. Karmasinoff streckte
ihm zum Abschied beide Hnde entgegen.

Aber wie, fragte er pltzlich mit kreischendem, doch honigsem
Stimmchen in einem ganz besonderen Tonfall, whrend er ihn immer noch an
beiden Hnden hielt, -- wie, wenn es nun einmal alledem bestimmt ist,
sich zu verwirklichen ... alledem, was man da beabsichtigt, so ... wann
knnte denn das wohl geschehen?

Wie soll ich denn das wissen? fragte Pjotr Stepanowitsch grob.

Sie sahen sich beide aufmerksam in die Augen.

Nun, zum Beispiel? Ungefhr? fltete Karmasinoff noch ser.

Ihr Gut zu verkaufen werden Sie noch Zeit haben, und sich selbst zu
retten werden Sie auch noch Zeit haben, murmelte Pjotr Stepanowitsch
mit noch grerer Grobheit.

Sie sahen sich unverwandt, sahen sich noch aufmerksamer an.

Eine Minute lang herrschte Schweigen.

Pltzlich sagte Pjotr Stepanowitsch:

Im nchsten Mai wird es beginnen, und zum Oktober wird es beendet
sein.

Ich danke Ihnen aufrichtig! sagte mit von Dank durchdrungener Stimme
Karmasinoff und drckte ihm beide Hnde.

Wirst noch Zeit haben, Ratte, vom Schiff auszuwandern! dachte Pjotr
Stepanowitsch, als er auf die Strae trat. Aber wenn sogar dieser
>geradezu staatsmnnische Kopf< sich so berzeugt schon nach Tag und
Stunde erkundigt und so ehrerbietig fr die erhaltene Mitteilung dankt,
dann drfen wir doch wahrlich nicht mehr an uns zweifeln. (Er lchelte
seltsam). Hm ... Aber er ist doch unter ihnen wirklich nicht dumm und
... aber alles in allem doch nur eine auswandernde Ratte; eine solche
zeigt nicht an.

Er eilte in die Bogojawlenskstrae zum Filippoffschen Hause.


                                  VI.

Pjotr Stepanowitsch ging zuerst zu Kirilloff. Der war wie gewhnlich
allein zu Hause und turnte gerade, d. h. er drehte, breitbeinig mitten
im Zimmer stehend, die Arme nach einer besonderen Methode durch die
Luft. Auf dem Fuboden lag ein groer Ball; vom Tisch war der Morgentee
noch nicht weggerumt. Pjotr Stepanowitsch blieb eine ganze Weile auf
der Trschwelle stehen.

Sie sorgen aber einstweilen nicht wenig fr Ihre Gesundheit, sagte er
dann laut und trat lustig ins Zimmer. Was fr ein famoser Ball! Ei der
Teufel, wie der springt! Auch zur Gymnastik?

Kirilloff, der in Hemdsrmeln war, zog sich den Rock an.

Ja, auch zur Gesundheit, sagte er trocken. Setzen Sie sich.

Ich bin nur auf einen Augenblick gekommen. Aber, na, setzen kann ich
mich schon. Doch Gesundheit hin, Gesundheit her, -- ich wollte nur an
die Abmachung erinnern. Unsere Frist nhert sich >in gewissem Sinne<
ihrem Ende, schlo er mit einer ungeschickten Ausrede.

Was fr eine Abmachung?

Wieso, was fr eine Abmachung? rief Pjotr Stepanowitsch aufhorchend,
fast erschrocken.

Das ist keine Abmachung und keine Pflicht, ich habe mich mit nichts
gebunden, Sie irren sich.

Hren Sie, aber das geht doch nicht so! Pjotr Stepanowitsch sprang
sogar vom Stuhl auf.

Mein eigener Wille.

Wie, was?

Derselbe Wille.

Das heit, wie ist denn das zu verstehen?! Bedeutet das, da Sie noch
denselben Willen haben?

Ja, das bedeutet das. Nur eine Abmachung war nicht dabei und ist nie
gewesen, und ich habe mich mit nichts gebunden. Es war nur mein Wille
und ist auch jetzt nur mein Wille.

Kirilloff sprach schroff und widerwillig.

Na, schn, dann meinetwegen blo Ihr Wille, wenn dieser Wille sich nur
nicht verndert! Pjotr Stepanowitsch setzte sich wieder,
augenscheinlich befriedigt. Sie rgern sich ber Worte. In der letzten
Zeit sind Sie ganz besonders reizbar geworden. Darum habe ich es auch
vermieden, Sie zu besuchen. War brigens immer berzeugt, da Sie nicht
treulos sein wrden.

Ich mag Sie gar nicht, aber Sie knnen ganz berzeugt sein! Wenn ich
auch Treue oder Untreue nicht anerkenne.

Aber, wissen Sie, einstweilen ... Pjotr Stepanowitsch regte sich doch
wieder auf, man mu doch vernnftig darber reden, damit keine
Miverstndnisse entstehen. Die ganze Sache verlangt eben Bestimmtheit.
Sie aber haben mich wirklich stutzig gemacht. Darf ich sprechen?

Sprechen Sie, sagte Kirilloff, blickte ihn aber nicht an, sondern sah
in die Ecke.

Sie hatten schon lngst beschlossen, sich das Leben zu nehmen ... das
heit, Sie hatten solch eine Idee. Habe ich mich so richtig ausgedrckt?
Habe ich keinen Fehler gemacht?

Ich habe auch jetzt dieselbe Idee.

Vorzglich. Vergessen Sie aber nicht, da niemand Sie dazu gezwungen
hat.

Das fehlte noch! Wie dumm Sie sprechen!

Gut, gut. Ich gebe zu, da ich mich vielleicht sehr tricht ausgedrckt
habe. Es wre ja auch zweifellos sehr dumm gewesen, einen Menschen dazu
zwingen zu wollen. Ich fahre also fort: Sie waren ein Glied des
Verbandes -- noch zur Zeit der alten Organisation -- und vertrauten sich
damals einem anderen Gliede dieser Gesellschaft an.

Ich habe mich gar nicht anvertraut, ich habe einfach gesagt.

Gut. Schn. Wre ja auch lcherlich, sich >anzuvertrauen<, als ob es
eine Beichte wre! Sie haben also einfach gesagt ... na, wunderschn.

Nein, gar nicht wunderschn, Sie verstehen nicht zu sprechen. Ich bin
Ihnen gar keine Rechenschaft schuldig, ja, und meine Gedanken knnen Sie
gar nicht verstehen. Ich will mir das Leben nehmen, darum, weil ich
solch einen Gedanken habe, weil ich nicht haben will, da es Angst vor
dem Tode gibt, weil ... weil Sie davon gar nichts zu wissen brauchen ...
Was wollen Sie? Tee trinken? Er ist kalt. Warten Sie, ich werde Ihnen
ein anderes Glas geben.

Pjotr Stepanowitsch hatte nach der Teekanne gegriffen und suchte ein
leeres Gef. Kirilloff stand auf, ging zum Schrank und brachte ihm ein
reines Glas.

Ich habe soeben bei Karmasinoff gefrhstckt, bemerkte der Gast,
darauf hrte ich zu, wie er redete und da wurde mir hei ... lief
hierher -- habe jetzt schrecklichen Durst.

Trinken Sie. Kalter Tee ist gut.

Kirilloff setzte sich wieder auf seinen Stuhl und blickte von neuem in
die Ecke.

In der Gesellschaft entstand der Gedanke, fuhr er mit derselben Stimme
fort, da ich damit ntzlich sein kann, wenn ich mich tte und da,
wenn Sie hier vieles gemacht haben und man die Schuldigen sucht, so
erschiee ich mich pltzlich und hinterlasse einen Brief, da ich alles
getan habe, so da man Sie ein Jahr lang nicht verdchtigen wird.

Wenn auch nur ein paar Tage lang nicht. Auch ein Tag ist schon
kostbar!

Gut. So sagte man mir, da ich, wenn ich will, warten soll. Ich sagte,
ich werde warten, bis man mir die Frist von der Gesellschaft aus sagt,
weil mir doch alles einerlei ist.

Ja, aber vergessen Sie nicht, Sie verpflichteten sich noch, diesen
letzten Brief vor dem Tode nicht anders als mit mir zusammen zu
schreiben -- und, da Sie, wenn Sie in Ruland angekommen sein wrden,
in meiner, ... na, mit einem Worte, zu meiner Verfgung stehen, das
heit, versteht sich, nur in dieser einen Beziehung ... In allen anderen
sind Sie natrlich vollkommen frei, fgte Pjotr Stepanowitsch fast
liebenswrdig hinzu.

Ich habe mich nicht verpflichtet, war nur einverstanden, weil es mir
einerlei ist.

Vorzglich, vorzglich, ich habe nicht die geringste Absicht, Ihre
Eigenliebe zu verletzen, aber ...

Hier ist gar keine Eigenliebe.

Aber vergessen Sie nicht, da man Ihnen hundertundzwanzig Taler zur
Reise gegeben hat, also haben Sie Geld genommen.

Gar nicht, fuhr Kirilloff auf, das Geld war gar nicht dafr! Das tut
man nicht fr Geld.

Zuweilen tut man es doch.

Sie lgen! Ich habe brieflich aus Petersburg alles erklrt, und in
Petersburg habe ich Ihnen hundertundzwanzig Taler zurckgezahlt, Ihnen
in die Hand ... und die sind dorthin zurckgeschickt, wenn Sie sie nicht
bei sich behalten haben.

Gut, gut, ich will nicht widersprechen, sie sind zurckgeschickt. Die
Hauptsache ist ja nur, da Sie noch dieselben Gedanken haben, wie
frher.

Dieselben. Wenn Sie kommen und sagen: >jetzt<, dann werde ich alles
erfllen. Wie -- wird es sehr bald sein?

Nicht mehr viele Tage ... Aber vergessen Sie nicht: den Brief schreiben
wir zusammen, in derselben Nacht.

Meinetwegen auch am Tage. Sie sagten, ich mu die Proklamationen auf
mich nehmen?

Und noch einiges.

Ich nehme nicht alles auf mich.

Was werden Sie denn nicht auf sich nehmen? Pjotr Stepanowitsch
erschrak wieder.

Das, was ich nicht will. Genug jetzt. Ich mag nicht mehr davon
sprechen.

Pjotr Stepanowitsch bezwang sich und nderte das Gesprch.

Ich rede jetzt von etwas anderem, schickte er voraus, werden Sie
heute Abend zu den Unsrigen kommen? Wirginski feiert seinen Namenstag,
und unter diesem Vorwande versammelt man sich.

Nein, ich will nicht.

Nun, seien Sie schon so liebenswrdig und kommen Sie. Es ist unbedingt
ntig. Man mu Eindruck machen mit der Zahl wie mit dem Gesicht ... Sie
aber haben so ein Gesicht ... nun, mit einem Wort, Sie haben ein fatales
Gesicht.

Sie finden? Kirilloff lachte. Gut, ich komme; aber nicht wegen des
Gesichtes. Wann?

O, vielleicht schon etwas frher, um halb sieben. Und wissen Sie, Sie
knnen hereinkommen, sich setzen und mit keinem einzigen ein Wort
sprechen, wie viele da auch sein mgen. Doch noch eines! Hren Sie:
vergessen Sie nicht, ein Blatt Papier und einen Bleistift mitzunehmen.

Wozu das?

Aber Ihnen ist doch alles einerlei, und das ist nun einmal meine
besondere Bitte. Sie werden also nur sitzen, mit niemandem sprechen,
zuhren und hin und wieder so was wie Notizen machen, na -- zeichnen Sie
meinetwegen.

Welch ein Unsinn. Wozu?

Aber wenn Ihnen doch alles ganz egal ist? Sie sagen doch selbst immer,
da Ihnen alles egal ist.

Nein, wozu?

Na, weil ein bestimmtes Mitglied des Bundes, der Revisor, sich in
Moskau niedergelassen hat, und ich habe da einigen gesagt, da er
vielleicht erscheinen wird. Sie werden dann denken, da Sie dieser
Revisor sind. Und da Sie schon drei Wochen hier sind, so wird man sich
noch mehr wundern.

Albernheiten. Sie haben ja berhaupt keinen Revisor in Moskau ...

Na, meinetwegen nicht, hol ihn der Teufel, aber was macht denn Ihnen
das aus? Sie sind doch immerhin auch ein Glied des Bundes.

Sagen Sie ihnen meinetwegen, da ich der Revisor bin, ich werde sitzen
und schweigen, aber Papier und Bleistift will ich nicht.

Ja, warum denn nicht?

Ich will nicht.

Pjotr Stepanowitsch rgerte sich dermaen, da er ganz fahl im Gesicht
wurde, bezwang sich aber wieder; er stand auf und nahm seinen Hut.

Und _jener_ -- ist bei Ihnen? fragte er pltzlich halblaut.

Ja, bei mir.

Das ist gut. Ich werde ihn bald wieder fortschaffen, beunruhigen Sie
sich nicht.

Ich beunruhige mich gar nicht. Er schlft nur hier. Die Alte ist im
Krankenhaus. Die Schwiegertochter ist gestorben; ich bin zwei Tage
allein. Ich habe ihm eine Stelle im Zaun gezeigt, wo er ein Brett
herausnehmen kann; er kriecht durch, niemand sieht ihn.

Ich werde ihn schon bald nehmen.

Er sagte, da er viele Stellen hat, wo er bernachten kann.

Das lgt er, man sucht ihn, hier aber ist es noch unverdchtig. Lassen
Sie sich denn mit ihm in Gesprche ein?

Ja, die ganze Nacht. Er schimpft sehr auf Sie. Ich lese ihm in der
Nacht die Apokalypse vor. Und Tee. Er hrt aufmerksam zu, sogar sehr,
die ganze Nacht.

Zum Teufel, Sie bekehren ihn mir noch zum Christentum!

Er ist auch so schon Christ. Seien Sie unbesorgt, er wird schon
erstechen. Wen wollen Sie ermorden lassen?

Nein, ich habe ihn nicht zu dem Zweck ... ich brauche ihn zu etwas
anderem ... Aber Schatoff, wei der etwas von Fedjka?

Ich spreche nicht mit Schatoff, ja, und sehe ihn auch gar nicht.

rgert sich wohl ber Sie, was?

Nein, wir rgern uns nicht, wir wenden uns nur ab. Haben zu lange in
Amerika zusammen auf dem Stroh gelegen.

Ich werde jetzt gleich zu ihm gehen.

Wie Sie wollen.

Vielleicht komme ich mit Stawrogin auf einen Augenblick auch zu Ihnen,
auf dem Rckwege von _dort_, so um zehn Uhr.

Kommen Sie.

Ich mu ber Wichtiges mit ihm sprechen. Wissen Sie was, schenken Sie
mir Ihren Ball -- wozu brauchen Sie ihn jetzt noch? Ich will ihn
gleichfalls zur Gymnastik. brigens kann ich Ihnen ja auch Geld fr ihn
zahlen, wenn Sie wollen.

Nehmen Sie ihn so.

Pjotr Stepanowitsch steckte den Ball in die hintere Rocktasche.

Aber ich gebe Ihnen nichts gegen Stawrogin, sagte Kirilloff pltzlich
leise, whrend er den Gast hinauslie.

Der sah ihn erstaunt an, doch sagte er nichts.

Die letzten Worte Kirilloffs verwirrten Pjotr Stepanowitsch nicht wenig,
aber er begriff sie noch nicht ganz. Doch jedenfalls strengte er sich
an, auf dem Wege zu Schatoff sein unzufriedenes Gesicht in ein
freundliches zu verwandeln. Schatoff war zu Hause und lag, da er sich
nicht wohlfhlte, auf dem Bett, war aber vollkommen angekleidet.

Das ist aber ein Pech! rief Pjotr Stepanowitsch von der Tr aus. Sind
Sie ernstlich krank?

Der liebenswrdige Ausdruck seines Gesichts verschwand pltzlich: etwas
Bses blitzte in seinen Augen.

Durchaus nicht, rief Schatoff, nervs aufspringend. Ich bin
keineswegs krank, habe nur ein wenig Kopfschmerzen.

Er war sogar sichtlich befangen, denn das pltzliche Erscheinen gerade
dieses Menschen erschreckte ihn.

Ich bin in einer Angelegenheit zu Ihnen gekommen, zu der Kranksein
nicht pat, begann Pjotr Stepanowitsch schnell und gewissermaen
gebieterisch. Erlauben Sie, da ich mich setze, -- er setzte sich auf
einen Stuhl -- und Sie, legen Sie sich mal wieder auf Ihre Pritsche.
Heute werden sich die Unsrigen bei Wirginski versammeln, er feiert
seinen Namenstag, und das dient als Vorwand. Aber es ist schon alles
vorgesehen, damit es keine andere Nuance annimmt. Ich werde mit Nicolai
Stawrogin hinkommen. Selbstverstndlich wrde ich Sie jetzt nicht
dorthin ziehen, da ich ja Ihre jetzigen Anschauungen kenne ... das
heit, ich meine -- um Sie nicht zu reizen, und nicht etwa, weil wir von
Ihnen angezeigt zu werden frchten. Aber leider hat es sich so gemacht,
da Sie hinkommen mssen. Sie werden dort diejenigen treffen, mit denen
wir dann endgltig beraten knnen, wie es fr Sie mglich ist, aus dem
Verbande auszuscheiden, und wem Sie das abgeben sollen, was Sie von uns
besitzen. Wir machen es ganz unauffllig: ich werde Sie in eine Ecke
fhren, denn es sind dort viele Menschen, die nichts davon zu wissen
brauchen. Ich mu gestehen, ich habe Ihretwegen meine Zunge gehrig
anstrengen mssen, glaube aber, da sie jetzt vollkommen einverstanden
sind, Sie frei zu geben, versteht sich, unter der Bedingung, da Sie die
Druckmaschine und alle Papiere abliefern. Dann sind Sie frei und knnen
gehen, wohin Sie wollen, nach allen vier Himmelsrichtungen.

Schatoff hrte ihm finster und bse zu. Seine erste nervse Aufregung
war vollstndig vergangen.

Ich erkenne diese Pflicht, wei der Teufel wem da Rechenschaft geben zu
mssen, nicht an, sagte er schroff. Niemand kann mich >frei geben<.

Das ist doch wohl nicht ganz so. Man hat Ihnen vieles anvertraut. Sie
hatten nicht das Recht, so abzubrechen. Und schlielich haben Sie sich
niemals klar darber ausgedrckt.

Als ich hierher kam, habe ich es Ihnen klar und deutlich geschrieben.

Nein, nicht klar und deutlich, bestritt Pjotr Stepanowitsch ruhig.
Ich schickte Ihnen zum Beispiel >Die helle Persnlichkeit<, damit Sie
das Gedicht drucken und die Exemplare hier irgendwo bei sich
aufbewahren, bis sie abverlangt werden wrden. Dazu noch zwei
Proklamationen. Sie schickten alles mit einem zweideutigen Brief zurck,
der eigentlich nichts sagte.

Ich habe mich offen und ehrlich geweigert, es zu drucken.

Nein, nicht offen. Sie schrieben: >ich kann nicht<, aber Sie sagten
nicht, warum Sie nicht knnen. >Ich kann nicht< heit nicht >ich will
nicht<. Man konnte also denken, da Sie einfach aus materiellen Grnden
nicht knnen. So hat man es denn auch aufgefat, -- da Sie immerhin
einverstanden sind, in dem Verbande zu bleiben und man Ihnen wieder
etwas anvertrauen, also sich gegebenenfalls blostellen kann. Einige
sagen, da Sie uns offenbar haben betrgen wollen, um zu denunzieren,
sobald Sie irgendeine wichtigere Mitteilung erhielten. Ich habe Sie
natrlich verteidigt, wie ich nur konnte, und zeigte Ihre briefliche
Antwort vor, jene zwei Zeilen, als ein Dokument zu Ihrer Rechtfertigung.
Aber ich mute selbst zugeben, als ich den Brief dann nochmals las, da
er wirklich nicht eindeutig ist und leicht irrefhren kann.

Sie haben diesen Brief so sorgfltig verwahrt?

Das hat weiter nichts zu sagen, da er sich noch erhalten hat. Ich habe
ihn auch jetzt bei mir.

Eh, machen Sie doch damit, was Sie wollen, zum Teufel! ... schrie
Schatoff zornig auf. Mgen doch Ihre Dummkpfe meinetwegen glauben, da
ich denunziert habe, was geht das mich an! Ich mchte blo sehen, was
Sie mir anhaben knnen!

Man wrde Sie sich notieren und beim ersten Erfolg der Revolution
aufknpfen.

Das heit, dann, wenn Ihr die Macht ergriffen und Ruland besiegt
habt?

Lachen Sie nicht. Ich wiederhole, da ich Sie verteidigt habe. Aber wie
dem auch sei, ich wrde Ihnen doch raten, heute hinzukommen. Wozu so
viele unntze Worte aus irgendeinem falschen Stolz? Ist es nicht besser,
friedlich auseinander zu gehen? Jedenfalls werden Sie doch das Gestell,
die alten Buchstaben und das Papier abgeben mssen, und gerade darber
wollen wir ja sprechen.

Ich werde kommen, brummte Schatoff endlich, nachdenklich den Kopf
gesenkt.

Pjotr Stepanowitsch beobachtete ihn heimlich von seinem Platze aus.

Wird Stawrogin dort sein? fragte Schatoff pltzlich und erhob den
Kopf.

Unbedingt.

Ha--ha!

Wieder schwiegen sie. Schatoff lchelte verchtlich und gereizt.

Und diese Ihre erbrmliche >helle Persnlichkeit<, die ich hier nicht
drucken wollte -- ist die jetzt gedruckt?

Ja, sie ist gedruckt.

Gymnasistoff versichert, da Herzen sie Ihnen persnlich ins Album
geschrieben haben soll?

Ja, Herzen persnlich.

Wieder schwiegen sie eine lange Zeit. Endlich stand Schatoff von seinem
Bette auf.

Gehen Sie fort von mir, ich will nicht mit Ihnen zusammensitzen.

Ich gehe schon, sagte Pjotr Stepanowitsch gleichsam lustig und erhob
sich schnell. Nur noch ein Wort: Kirilloff scheint jetzt ganz allein im
Flgel zu wohnen, ohne Aufwartefrau?

Ja, ganz allein. Gehen Sie, ich kann nicht mit Ihnen in einem Zimmer
sein.

Na, du bist ja jetzt vorzglich! dachte Pjotr Stepanowitsch heiter,
als er auf der Strae war. Wirst ja heute abend gut sein, und so brauch
ich dich gerade, besser knnte ich's gar nicht wnschen, gar nicht
wnschen! Der russische Gott scheint ja selber noch zu helfen!


                                  VII.

Es ist anzunehmen, da ihm an diesem vielgeschftigen Tage alles gut
gelang, denn als er am Abend um sechs Uhr bei Nicolai Stawrogin
erschien, drckte sich auf seinem Gesicht volle Selbstzufriedenheit aus.
Man lie ihn jedoch nicht sofort vor: Stawrogin hatte gerade Besuch:
Mawrikij Nicolajewitsch war bei ihm, in seinem Arbeitszimmer. Das gefiel
nun Pjotr Stepanowitsch uerst wenig und bereitete ihm sogleich Sorge.
Er setzte sich dicht neben die Tr hin, um den Gast, wenn dieser das
Zimmer verlie, sehen zu knnen. Die Stimmen der beiden konnte er hren,
doch die Worte lieen sich nicht unterscheiden. Der Besuch Drosdoffs
dauerte nicht lange: alsbald vernahm er das Gerusch von fortgeschobenen
Sthlen, eine laute, erregte Stimme, und dann ffnete sich auch schon
die Tre. Mawrikij Nicolajewitsch trat mit bleichem Gesicht heraus und
ging schnell an Pjotr Stepanowitsch vorber, ohne ihn zu bemerken.
Dieser lief sofort ins Arbeitszimmer.

Doch zunchst mu ich jetzt berichten, was whrend dieses uerst kurzen
Zusammenseins der beiden Nebenbuhler vorging -- whrend dieses
Besuches, den man aus gewissen Grnden, im Hinblick auf die besonderen
Verhltnisse, fr unmglich halten mute, und der doch stattfand.

Nicolai Wszewolodowitsch hatte sich nach dem Essen in seinem
Arbeitszimmer auf dem Diwan ausgestreckt und war halb eingeschlummert,
als pltzlich der alte Diener Alexei Jegorowitsch eintrat und den
unerwarteten Besuch Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoffs meldete. Als
Stawrogin diesen Namen hrte, sprang er sogar auf und wollte es zuerst
gar nicht glauben. Doch alsbald legte sich ein Lcheln um seine Lippen
-- ein Lcheln hochmtigen Triumphes und zu gleicher Zeit wie einer
gewissen stumpfen, mitrauischen Verwunderung. Den eintretenden Mawrikij
Nicolajewitsch machte dieses Lcheln, wie es schien, stutzig, wenigstens
blieb er pltzlich mitten im Zimmer stehen, als sei er unentschlossen --
sollte er weitergehen, oder umkehren? Doch Stawrogins Miene hatte sich
bereits wieder verndert und er trat dem Gast sogar entgegen. Mawrikij
Nicolajewitsch bersah freilich die entgegengestreckte Hand, zog einen
Stuhl heran und setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, noch bevor ihn
Stawrogin dazu aufgefordert hatte. Dieser setzte sich darauf ihm
gegenber auf den Diwan, und whrend er seinen Gast aufmerksam
betrachtete, schwieg er und wartete.

Wenn es Ihnen mglich ist, so heiraten Sie Lisaweta Nicolajewna, sagte
pltzlich Mawrikij Nicolajewitsch, und zwar so, da man, was das
Merkwrdigste war, aus der Stimme, der Intonation berhaupt nicht
heraushren konnte, was das nun war: eine Bitte, eine Empfehlung, eine
Abtretung, oder ein Befehl.

Stawrogin fuhr fort zu schweigen. Doch Drosdoff schien bereits alles
gesagt zu haben, was er sagen wollte, und sah jetzt, in Erwartung einer
Antwort, starr vor sich hin.

Wenn ich mich nicht irre, was mir jetzt ausgeschlossen erscheint, so
ist Lisaweta Nicolajewna schon mit _Ihnen_ verlobt, sagte Stawrogin
endlich.

Ja, sie hat sich mit mir verlobt, besttigte fest und deutlich
Mawrikij Nicolajewitsch.

Sie ... haben sich entzweit ... Verzeihen Sie, Mawrikij Nicolajewitsch
--

Nein, sie >liebt und achtet< mich, nach ihren eigenen Worten. Und ihre
Worte gehen mir ber alles.

Daran ist selbstredend nicht zu zweifeln.

Aber wenn sie mit mir schon in der Kirche vor dem Altar stnde und Sie
sie riefen, so wrde sie doch mich und alle verlassen und zu Ihnen
gehen.

Vom Altar?

Ja, vom Altar.

Tuschen Sie sich nicht?

Nein. Unter ihrem Ha, dem aufrichtigsten und strksten Ha, den sie
fr Sie empfindet, lodert doch jeden Augenblick ihre Liebe hervor, und
... ihr Wahnsinn ... die grte, die grenzenloseste Liebe und -- wie
gesagt: ihr Wahnsinn! Andererseits aber, aus _der_ Liebe, die sie fr
mich empfindet, gleichfalls aufrichtig empfindet, bricht immer und immer
wieder der Ha -- der allergrte Ha hervor. Ich htte frher alle
diese ... Metamorphosen nie fr mglich gehalten.

Mich wundert nur, wie Sie so einfach ber Lisaweta Nicolajewnas Hand
verfgen knnen? Haben Sie ein Recht dazu? Oder sind Sie von ihr
bevollmchtigt?

Mawrikij Nicolajewitschs Gesicht verfinsterte sich und er senkte auf
einen Augenblick den Kopf.

Wozu diese Phrasen? fragte er pltzlich. Das sind doch nur
rachschtige Worte von Ihnen. Ich bin berzeugt, da Sie das
Nichtausgesprochene sehr wohl verstehen. Und ist denn hier Platz fr
kleinliche Eitelkeit? Ist das noch zu wenig Genugtuung fr Sie? Soll man
denn noch den Punkt aufs i setzen? Nun gut, dann werde ich auch noch den
Punkt aufs i setzen, wenn Sie meine Erniedrigung so wnschen. Also: Ein
Recht dazu habe ich nicht; eine Bevollmchtigung ist doch
ausgeschlossen. Lisaweta Nicolajewna wei nichts davon, ihr Verlobter
aber hat den letzten Verstand verloren und ist frs Irrenhaus reif und
obendrein -- obendrein kommt er noch selbst und teilt Ihnen das mit. In
der ganzen Welt sind es nur Sie allein, der Lisa wirklich glcklich
machen kann! Und nur ich allein, der sie unglcklich machen kann! Sie
wollen sie niemandem abtreten, Sie verfolgen sie, aber Sie heiraten sie
nicht. Ich wei nicht, warum Sie das nicht tun. Liegt hier ein
Miverstndnis vor, das vielleicht schon im Auslande entstanden ist,
oder ein Liebesstreit, und mu man, um ihn beilegen zu knnen, etwa --
mich ausstreichen ... so tun Sie es. Sie ist zu unglcklich, und das
kann ich nicht mehr ertragen. Was ich sage, soll Ihnen nichts
vorschreiben, und darum kann auch Ihre Eigenliebe gar nicht verletzt
sein. Wenn Sie meinen Platz am Altar einnehmen wollten, so knnten Sie
das ohne jegliche >Erlaubnis< meinerseits tun, und ich htte es mir
sparen knnen, so zu Ihnen zu kommen. Um so mehr, als unsere Hochzeit
nach meiner jetzigen Handlungsweise sowieso unmglich geworden ist. Ich
kann sie doch nicht mehr zum Altar fhren, nachdem ich hier so
gehandelt, so gemein gehandelt habe. Denn das, was ich hier tue, da ich
sie Ihnen, vielleicht ihrem schlimmsten Feinde, einfach bergebe, ist
meiner Meinung nach eine solche Gemeinheit, da ich sie
selbstverstndlich nicht werde berleben knnen.

Sie werden sich erschieen, wenn man uns traut?

Nein, erst viel spter. Warum soll ich mit meinem Blut ihr
Hochzeitskleid beflecken? Vielleicht werde ich mich auch nicht
erschieen, weder jetzt, noch spter.

Mit diesem Nachsatz wollen Sie mich wohl beruhigen?

Sie beruhigen? Was macht Ihnen denn ein Tropfen mehr verspritzten
Blutes aus?

Er erbleichte und seine Augen begannen zu brennen. Sie schwiegen beide
eine Zeitlang.

Verzeihen Sie mir, bitte, die an Sie gestellten Fragen, begann
Stawrogin von neuem. Zu einigen hatte ich durchaus kein Recht, doch um
so mehr habe ich das, glaube ich, zu einer anderen Frage: sagen Sie mir,
was Sie eigentlich veranlat hat, in mir solche Gefhle zu Lisaweta
Nicolajewna vorauszusetzen? Ich meine, da Sie so berzeugt waren, um zu
mir kommen zu knnen ... und solch einen Antrag zu wagen?

Wie? Mawrikij Nicolajewitsch zuckte zusammen. -- Haben Sie denn nicht
bei ihr angehalten? Werben Sie denn jetzt nicht um sie und wollen Sie es
auch spter nicht tun?

ber meine Gefhle zu dieser oder jener Frau vermag ich nicht laut zu
einem Dritten zu sprechen, zu wem es auch sei, auer zu dieser Frau
selbst. Verzeihen Sie, aber das ist nun einmal meine Eigenart. Doch
dafr werde ich Ihnen die ganze brige Wahrheit sagen: ich bin bereits
verheiratet, und so ist mir ein Heiraten oder >Werben< schon nicht mehr
mglich.[45]

Mawrikij Nicolajewitsch fuhr frmlich zurck vor Bestrzung, und starrte
Stawrogin eine Weile unbeweglich ins Gesicht.

Denken Sie sich ... das habe ich wirklich nicht gedacht, murmelte er
endlich. Sie sagten an jenem Morgen, da Sie nicht verheiratet seien
... und so glaubte ich, Sie wren wirklich unverheiratet.

Er erblate unheimlich. Pltzlich schlug er aus aller Kraft mit der
Faust auf den Tisch.

Wenn Sie nach solch einem Bekenntnis Lisaweta Nicolajewna nicht in Ruhe
lassen und sie ins Unglck bringen, so schlage ich Sie tot, wie einen
Hund hinterm Zaun!

Damit sprang er auf und verlie das Zimmer. Pjotr Stepanowitsch lief
schnell hinein -- fand aber den Hausherrn in einer von ihm vllig
unerwarteten Gemtsverfassung.

Ah, das sind Sie! rief Stawrogin und lachte laut auf --, lachte, wie
es schien, nur ber die Erscheinung Pjotr Stepanowitschs, der mit so
malos neugierigem Gesicht hereingeeilt kam.

Haben Sie an der Tr gehorcht? Warten Sie, warum sind Sie doch jetzt
gekommen? Habe ich Ihnen nicht irgend etwas versprochen ... Ach,
richtig! ich wei schon: zu den >Unsrigen<! -- Gehen wir! Freut mich
sehr, Sie htten sich wirklich nichts Besseres fr diesen Augenblick
ausdenken knnen.

Er nahm seinen Hut und sie verlieen sogleich das Haus.

Sie lachen schon im voraus ber die >Unsrigen<? fragte Pjotr
Stepanowitsch lustig scharwenzelnd, indem er bald versuchte, neben
seinem Begleiter auf dem schmalen Fusteig zu gehen, bald wiederum auf
der schmutzigen Fahrstrae lief, denn Stawrogin bemerkte es nicht, da
er in der Mitte des Fusteiges ging und folglich den ganzen Platz mit
seiner Person einnahm.

Ich lache durchaus nicht, antwortete Nicolai Wszewolodowitsch laut und
heiter. Ich bin im Gegenteil berzeugt, da Sie dort die ernstesten
Leute haben.

>Die ernsten Dummkpfe<, wie Sie sich einmal auszudrcken beliebten.

Es gibt nichts Lustigeres, als manch einen ernsten Dummkopf.

Ah, Sie denken an Mawrikij Nicolajewitsch! Bin berzeugt, da er zu
Ihnen gekommen war, um seine Braut abzutreten -- wie? Das habe ich ihm
indirekt eingeblasen, wenn Sie es wissen wollen! Und wenn er sie nicht
abtreten will, so nehmen wir sie eigenmchtig -- wie?

Pjotr Stepanowitsch wute natrlich, was er wagte, wenn er sich solche
Reden erlaubte; doch lieber wagte er schon alles, als da er die
Ungewiheit noch lnger ertrug. Nicolai Wszewolodowitsch aber lachte
nur.

Und Sie beabsichtigen immer noch, mir zu helfen? fragte er.

Sobald Sie rufen. Aber wissen Sie auch, da es einen anderen, noch viel
besseren Weg gibt?

Ich kenne Ihren Weg.

Nun, nein, der ist vorlufig noch ein Geheimnis. Nur vergessen Sie
nicht, da das Geheimnis Geld kostet.

Ich wei auch, wieviel es kostet, brummte Stawrogin vor sich hin,
bezwang sich aber sofort und verstummte.

Wie viel? Wie? Was sagten Sie? fuhr Pjotr Stepanowitsch auf.

Ich sagte: zum Teufel mit Ihnen samt dem Geheimnis. Sagen Sie mir
lieber, wer dort sein wird. Ich wei, da wir zum Namensfest gehen, aber
wen wird man dort eigentlich antreffen?

Oh, alle mglichen Leute! Sogar Kirilloff wird dort sein.

Alles Mitglieder von Gruppen?

Teufel noch eins, Sie beeilen sich aber! Hier hat sich noch nicht
einmal eine einzige Gruppe gebildet.

Wie haben Sie denn so viele Proklamationen verbreiten knnen?

Dort werden im ganzen nur vier Mitglieder der Gruppe sein. Die brigen
bespionieren sich mittlerweile um die Wette, und teilen mir alles mit.
Wirklich vielversprechendes Volk! Alles Material, das man organisieren
mu und dann kann man sich aus dem Staube machen. Aber Sie haben ja
selbst unser Gesetzbuch geschrieben. Da braucht man Ihnen doch nichts
mehr zu erklren.

Nun wie, es geht wohl schwer? Ist es miglckt?

Wie es geht? Wie man es sich leichter gar nicht wnschen kann. Warten
Sie, ich werde Sie zum Lachen bringen! Also, das erste, das ungeheuer
wirkt -- das ist die Montur. Es gibt nichts, das eine grere Zugkraft
htte, als diese. Ich denke mir absichtlich Titel und Posten aus: habe
da Sekretre, Geheime Kundschafter, Vorsitzende, Registratoren, deren
Gehilfen -- das gefllt ungemein und wirkt vorzglich. Darauf, die
zweite Kraft, das ist die Sentimentalitt, versteht sich. Wissen Sie,
der Sozialismus verbreitet sich ja bei uns hauptschlich infolge der
Sentimentalitt der Leute. Nur eines ist hier ein wahrer Jammer -- das
sind diese beienden Leutnants. Da ist man nie sicher. Dann kommen die
echten Spitzbuben. Nun, das ist ein guter Schlag, zuweilen ungemein
vorteilhaft, doch mu man viel Zeit auf sie vergeuden: verlangen
ununterbrochene Aufsicht. Na, und dann natrlich die Hauptkraft -- der
Zement, der alles zusammenhlt -- das ist die Schande, eine eigene
Meinung zu haben. Ich sag' Ihnen, das ist mir mal eine Kraft! Wer das
nur so eingerichtet haben mag? und welcher >liebe Kerl< uns da wohl so
nett vorgearbeitet hat, da auch wirklich keine einzige eigene Idee in
irgendeinem Kopf geblieben ist! Halten so was geradezu fr eine
Schande.

Aber wenn es so ist, wozu mhen Sie sich dann noch?

Ja aber, wenn es doch so einfach ist, ffnet sich ja der Mund von
selber -- wie soll man sie da nicht schlucken! Als ob Sie im Ernst nicht
glaubten, da ein Erfolg mglich ist? He, der Glaube ist ja da, aber das
Wollen fehlt. Aber gerade mit solchen ist der Erfolg nur mglich. Ich
sage Ihnen, sie gehen mir durchs Feuer -- man braucht ihnen nur zu
sagen, da sie nicht gengend liberal sind. Die Esel werfen mir brigens
vor, da ich sie alle mit einem >Zentralkomitee< und >zahllosen
Verzweigungen< beschwindelt haben soll. Sie selbst haben es mir ja auch
einmal vorgeworfen -- aber wie kann denn hier von Beschwindeln die Rede
sein? Das Zentralkomitee sind doch -- ich und Sie, und an Verzweigungen
werden alsbald so viele vorhanden sein, wie man sich nur wnscht.

Und durchweg solches Pack?

Nur Material. Auch dies wird zustatten kommen.

Sie rechnen noch immer auf mich?

Sie sind der Fhrer, Sie sind die Kraft; ich werde nur seitlich neben
Ihnen stehen als Sekretr. Und dann, wissen Sie, setzen wir uns >in eine
Barke und die Ruder sind aus Eichenholz und die Segel sind aus
Seidenzeug, und auerdem sitzt da die schne Braut, die lichte Lisaweta
Nicolajewna< ... oder wei der Teufel wie es da im alten Volkslied heit
...

Und stocken schon, lachte Stawrogin. Nein, ich werde Ihnen einen
besseren Zusatz sagen. Sie zhlen da an den Fingern her, aus welchen
Krften sich die Gruppen zusammensetzen? Das ist doch alles Beamtengeist
und Sentimentalitt -- meinetwegen auch ein guter Kleister, aber es gibt
doch einen noch weit besseren: bereden Sie mal vier Mitglieder, dem
fnften den Garaus zu machen, unter dem Vorwand, da er denunzieren
wird, und Sie binden sie alle mit dem vergossenen Blut wie mit einem
Strick zusammen. Dann werden sie zu Ihren Sklaven und werden nie mehr
wagen, widerspenstig zu sein oder Abrechnungen zu verlangen.
Ha--ha--ha!

Also so bist du ... na warte ... diese Worte wirst du mir bezahlen
mssen, dachte Pjotr Stepanowitsch bei sich -- und zwar noch heute
abend.

So, oder fast so mute Pjotr Stepanowitsch bei sich denken.

Inzwischen hatten sie den Weg zum Wirginskischen Hause schon
zurckgelegt -- das Haus war schon zu sehen.

Sie haben mich natrlich als irgendein groes Tier hingestellt -- mit
Beziehungen zur _Internationale_, oder als Revisor? fragte pltzlich
Stawrogin.

Nein, nicht als Revisor; der Revisor wird ein anderer sein. Aber Sie
sind der Grnder, der Anordner aus dem Auslande, der die wichtigsten
Geheimnisse kennt -- das ist Ihre Rolle. Sie werden natrlich reden?

Wie kommen Sie darauf?

Sie sind jetzt verpflichtet zu reden.

Stawrogin blieb vor Verwunderung sogar mitten auf der Strae stehen,
nicht weit von einer Laterne. Pjotr Stepanowitsch hielt frech und ruhig
seinen Blick aus. Stawrogin spie aus und ging weiter.

Werden Sie denn reden? fragte er pltzlich Pjotr Stepanowitsch.

Nein, ich werde lieber zuhren, wenn Sie reden.

Der Teufel hole Sie! ... Aber Sie geben mir wirklich eine Idee!

Was fr eine? Pjotr Stepanowitsch horchte sofort auf.

Ich werde dort meinetwegen reden, aber dafr werde ich Sie dann nachher
durchprgeln, aber grndlich.

Bei der Gelegenheit: ich habe vorhin Karmasinoff gesagt, Sie htten
einmal ber ihn geuert, da man ihm krftig Ruten geben mte, und
zwar nicht um der Ehre willen, sondern einfach, wie man einen Burschen
drischt, schmerzhaft.

Aber das habe ich doch nie gesagt, ha--ha!

Macht nichts. _Se non  vero._

Nun, danke, besten Dank.

Aber wissen Sie, was dieser Karmasinoff noch sagte: da unsere Lehre im
Grunde genommen die Verneinung der Ehre ist, und da man mit dem
ffentlichen Recht auf Ehrlosigkeit einen Russen am leichtesten kdern
kann.

Aber das ist ja eine ausgezeichnete Bemerkung! Ganz wunderbar! rief
Stawrogin. Da hat er wirklich den Nagel gerade auf den Kopf getroffen!
Das Recht auf Ehrlosigkeit -- aber dann laufen ja alle zu uns ber, kein
einziger bleibt dort! brigens hren Sie, Werchowenski, sind Sie nicht
von der hheren Polizei?

Wer solche Fragen im Sinne hat, der spricht sie nicht aus.

Verstehe, aber wir sind ja jetzt unter uns.

Nein, vorlufig noch nicht von der hheren Polizei. Genug davon, wir
sind schon angekommen. Komponieren Sie mal Ihre Physiognomie, Stawrogin.
Ich tue das jedesmal, wenn ich bei diesen erscheine. Nur etwas mehr
Finsterheit, und das ist alles, weiter braucht man nichts; sehr einfache
Sache.




                           Zwlftes Kapitel.
                            Bei den Unsrigen


                                   I.

Wirginski wohnte in seinem eigenen Hause, oder richtiger, in dem seiner
Frau. Es war ein einstckiges Holzgebude, das keine anderen Mieter
hatte. Unter dem Vorwande, da der Hausherr seinen Namenstag feiern
wolle, versammelten sich an diesem Abend bei ihm ungefhr fnfzehn
Gste, doch glich die kleine Abendgesellschaft sehr wenig den bei uns in
der Provinz blichen Geburtstagsgesellschaften. Das Ehepaar Wirginski
war schon gleich zu Anfang seiner Ehe darin bereingekommen, da
Geburtstage feiern furchtbar dumm sei: es sei doch durchaus kein Grund
vorhanden, sich an solchen Tagen besonders zu freuen! Und da sie diesen
Grundsatz schlielich auch auf alle anderen Festtage bertrugen, so war
es ihnen schon in ein paar Jahren gelungen, ohne jeden Verkehr zu leben.
Wirginski kam zudem den Leuten wirklich nur wie ein Sonderling vor, der
blo die Einsamkeit liebte und zum berflu noch anmaend erschien --
warum anmaend, das wei ich allerdings nicht. Frau Wirginski aber
stand, da sie Hebamme war, gesellschaftlich sowieso sehr niedrig -- und
hinzu kam dann noch ihr dummes und unverzeihlich offenes Verhltnis zu
dem Hauptmann Lebdkin, das sie eigentlich nur aus Prinzip begonnen
hatte. Nachdem dieses Verhltnis bekannt geworden war, wandten sich
selbst unsere nachsichtigsten Damen mit deutlicher Verachtung von ihr
ab. Frau Wirginskaja aber tat noch, als htte sie gerade das ntig und
wnsche es selber so. Bemerkenswert ist jedoch, da dieselben
strengdenkenden Damen sich in gewissen Fllen nur und ausschlielich an
sie wandten, obgleich wir noch drei andere Hebammen in der Stadt hatten.
Man schickte sogar aus den Kreisstdten nach Arina Prochorowna: so
anerkannt und allgemein bekannt waren ihre Kenntnisse, war ihr Glck und
ihre Geschicktheit in ihrem Beruf. Daher kam es denn ganz von selbst,
da sie ihre Praxis nur in den reichsten Husern hatte: denn Geld liebte
sie bis zur Habgier. Nachdem sie erst einmal ihre Macht erkannt hatte,
tat sie auch ihrem Charakter keinen Zwang mehr an. Unser Stabsarzt
Rosanoff beteuerte, da Arina Prochorowna gerade in den Augenblicken,
wenn ihre schwachnervigen Patientinnen alles Heilige anzurufen pflegen,
pltzlich wie ein Flintenschu߫ mit einer unerhrten Blasphemie
herausfahre, die dann gewhnlich entscheidend auf die armen Frauen
wirke. brigens verga Arina Prochorowna, wenn sie sonst auch Nihilistin
war, doch nie gewisse alte Bruche, die ihr etwas einbrachten. So htte
sie zum Beispiel fr keinen Preis die Taufe des von ihr empfangenen
Erdenbrgers versumt: dann erschien sie stets in einem grnen
Seidenkleide, das sogar eine Schleppe hatte, und mit eingelegten Locken,
whrend sie sich sonst unglaublich nachlssig kleidete. Und wenn sie
auch sonst unentwegt, ja sogar whrend der Erfllung des Wunders der
Geburt, ihre Frechheit zum Entsetzen aller Anverwandten bewahrte, so
trug sie doch nach der Taufe sehr sittsam und eigenhndig den Champagner
herein (nur zu dem Zweck erschien sie und putzte sie sich heraus) und
dann htte es einer nur versuchen sollen, ihr, nachdem er einen Pokal
genommen, nicht das bliche Taufschmausgeld auf den Teller zu legen!

Die Gesellschaft -- fast nur Herren --, die sich diesmal bei Wirginski
versammelt hatte, nahm sich eigentlich recht sonderbar aus. Es gab weder
Imbi noch Karten. Im groen Gastzimmer, das schon seit undenklich
langer Zeit immer ein und dieselben alten blauen Tapeten hatte, waren
zwei Tische zusammengerckt und mit einem groen, nicht einmal ganz
sauberen Tischtuch bedeckt. Auf ihnen kochten zwei Samoware und stand
ein riesiges Teebrett mit fnfundzwanzig Glsern, sowie ein flacher Korb
mit gewhnlichem Weibrot, das wie in Pensionen fr junge Mdchen oder
Knaben in viele, viele gleiche Stcke geschnitten war. Den Tee go die
Schwester der Hausfrau ein -- ein dreiigjhriges, hochblondes Frulein,
ohne Augenbrauen, sonst schweigsam, aber tdlich boshaft --, eine Dame,
die gleichfalls die neuesten Anschauungen teilte und vor der Wirginski
in seinem eigenen Hause zitterte. Auer der Hausfrau und ihrer
augenbrauenlosen Schwester war noch ihre Schwgerin anwesend: Frulein
Wirginskaja, die gerade aus Petersburg eingetroffen war. Arina
Prochorowna (Wirginskis Frau), an sich eine nicht hliche Frau von
siebenundzwanzig Jahren, sa, in einem wollenen Alltagskleide von
grnlicher Farbe, am oberen Tischende und betrachtete die Gste mit
einem Blick, als wollte sie sagen: Seht, wie ich mich vor nichts
frchte! Wirginskis Schwester, die gleichfalls nicht hlich aussah,
dabei Studentin und Nihilistin, war rotwangig und rundlich wie ein
kleiner Ball: sie sa halbwegs noch in ihren Reisekleidern neben Arina
Prochorowna, mit irgendeiner Papierrolle in der Hand, und sah sich mit
ungeduldigen, springenden Blicken die Gste an. Wirginski fhlte sich an
diesem Abend nicht ganz wohl, doch hatte er sich trotzdem in einem
Lehnstuhl an den Teetisch gesetzt. Die Gste saen auf Sthlen um den
ganzen Tisch herum, und in dieser steifen Gruppierung lag etwas, was
nicht an ein Fest, sondern an eine Sitzung erinnerte. Ganz ersichtlich
erwarteten alle irgend etwas, und wenn sie auch ber alles mgliche laut
miteinander sprachen, so merkte man doch sofort, da es Nebensachen
waren, die eigentlich niemanden interessierten: es war ein knstliches,
gezwungenes Gesprch.

Als Stawrogin und Werchowenski eintraten, verstummten pltzlich alle.

Zur besseren bersicht werde ich wohl einige weitlufigere Erklrungen
geben mssen.

Ich glaube, wie gesagt, da sich damals alle in der angenehmen Hoffnung,
etwas ganz besonders Interessantes zu erfahren, eingefunden hatten. Sie
gehrten smtlich zu den knallrotesten Liberalen unserer Stadt und waren
von Wirginski zu dieser Sitzung sorgfltigst ausgesucht worden. Einige
von ihnen waren noch nie bei Wirginski gewesen und htten ihn auch sonst
bestimmt nicht mit ihrem Besuche beehrt. Natrlich hatte die Mehrzahl
der Gste keine rechte Vorstellung davon, was eigentlich geschehen
sollte: sie alle hielten damals Pjotr Stepanowitsch fr einen vom
auslndischen Verbande geschickten Auskundschafter, dem bestimmte
Vollmachten gegeben worden waren -- eine Ansicht, die sich sofort und
ganz pltzlich festgesetzt hatte und ihnen ungeheuer schmeichelte.
Whrenddessen aber gab es auch unter den versammelten Gsten einige,
denen bereits ganz bestimmte Vorschlge gemacht worden waren. Pjotr
Werchowenski war es inzwischen schon gelungen, bei uns eine hnliche
Fnf zu grnden, wie er es in Moskau getan hatte -- und auerdem noch
eine, wie es sich jetzt erwiesen hat, in der Kreisstadt, unter den
Offizieren. Es heit sogar, da er noch eine dritte im H--schen
Gouvernement zustande gebracht habe. Die fnf Auserwhlten saen jetzt
am groen Tisch und verstanden es vorzglich, sich den Anschein der
harmlosesten Leute zu geben. Es waren das -- da es heute kein Geheimnis
mehr ist -- erstens: Liputin und Wirginski, dann dessen Schwager mit den
trauernden Ohren, Schigaleff, ferner Lmschin und ein gewisser
Tolkatschenko, ein sonderbarer Mensch, etwa vierzig Jahre alt, und
bekannt wegen seiner Studien, die er am Volk, hauptschlich an
Spitzbuben und Banditen machte, und der absichtlich zu diesem Zweck (das
heit, nicht gerade ausschlielich zu diesem Zweck) in den schmutzigsten
Schenken verkehrte und auch unter uns sich in schlechten Kleidern,
Schmierstiefeln und Kernausdrcken am besten gefiel. Ein oder zweimal
hatte ihn Lmschin auch zu Stepan Trophimowitsch mitgebracht, wo er
jedoch nicht besonders gut abschnitt. In der Stadt erschien er
gewhnlich nur zeitweilig, meistens dann, wenn er wieder einmal ohne
Stellung war. Diese fnf nun befanden sich in dem festen Glauben, eine
Fnf zu bilden -- eine unter hunderten, tausenden gleicher
Fnfer-Gruppen, die angeblich ber ganz Ruland verstreut und alle von
irgendeiner mchtigen Zentrale abhngig waren, welche wiederum
ihrerseits mit der europischen Revolutionsbewegung verbunden sein
sollte. Nur mu ich zu meinem Bedauern hinzufgen, da sogar schon
damals Uneinigkeit zwischen ihnen herrschte. Die Sache war nmlich die,
da sie, die schon seit dem Frhling Pjotr Werchowenski erwarteten, der
ihnen zuerst von Tolkatschenko und dann von Schigaleff angekndigt
worden war, nun, als er endlich erschien, sofort auf seinen ersten Wink
hin den von ihm geplanten Kreis oder die Gruppe gebildet hatten: kaum
aber hatten sie sich zu ihrer Fnf zusammengeschlossen, als sie sich
auch alle ohne Ausnahme irgendwie dadurch gekrnkt fhlten, da sie es
getan hatten -- so schnell und ohne weitere Erwgung, im Grunde wohl nur
deshalb, damit man von ihnen nicht sagen knne, sie htten es nicht
gewagt! Vor allem, so empfanden sie, htte Pjotr Werchowenski ihre edle
Heldentat doch auch wirklich schtzen und ihnen nun zur Belohnung
wenigstens irgendein Hauptgeheimnis mitteilen mssen. Werchowenski aber
dachte nicht einmal daran, ihre gerechte Neugier zu befriedigen, und
erzhlte so gut wie gar nichts, behandelte sie im Gegenteil mit Strenge
und andererseits wiederum fast mit Nachlssigkeit. Das aber reizte
natrlich die Fnf, und einer von ihnen, Schigaleff, stachelte denn
auch schon die anderen auf, von ihm einen Rechenschaftsbericht zu
fordern, allerdings nicht gleich heute bei Wirginski, denn dort gab es
zu viele Fremde ...

Was aber diese Fremden betrifft, so glaube ich, da die vorhin genannten
Glieder der ersten Fnf geneigt waren, an jenem Abend bei Wirginski
unter den Gsten noch andere Mitglieder anderer Gruppen, von denen sie
nichts wuten und die derselbe Werchowenski vielleicht geheimnisvoll
organisiert hatte, zu vermuten. So kam es denn, da zu guter Letzt sich
alle Gste gegenseitig verdchtigten und ein jeder eine ganz besondere
Haltung annahm, was denn der ganzen Versammlung etwas Irrefhrendes, ja
zum Teil sogar Romantisches verlieh. Auerdem gab es da einen Major,
einen vollkommen unschuldigen Menschen und nahen Verwandten Wirginskis,
der uneingeladen zum Namenstage erschienen war. Der Hausherr beunruhigte
sich nun freilich weiter nicht, denn der Major htte auf keine Weise
denunzieren knnen: trotz seiner Dummheit liebte es dieser Verwandte
Wirginskis, dorthin zu gehen, wo es Liberale gab, doch nicht etwa, weil
er deren Anschauungen teilte, sondern einfach, weil er ihnen gerne
zuhrte. Und dazu war er selbst, von frher her, noch ein wenig
kompromittiert: in seiner Jugend waren einmal ganze Lager revolutionrer
Schriften durch seine Hnde gegangen, und wenn er fr seine Person sich
auch gefrchtet hatte, sie auch nur aufzubinden, so wrde er doch die
Weigerung, die Geflligkeit zu erweisen und sie zu verbreiten, fr eine
grenzenlose Gemeinheit gehalten haben -- solche Russen gibt es nun
einmal und sogar heute noch. Die brigen Gste gehrten entweder zu dem
Typ der zu Galle gewordenen gekrnkten Eigenliebe, oder zu dem des
ersten edlen Ausbruchs feuriger Jugend. Da waren auch zwei oder drei
Lehrer, von denen der eine -- ein Lehrer am Gymnasium -- lahm und schon
fnfundvierzig Jahre alt war, ein ungewhnlich boshafter und eitler
Mensch, und zwei oder drei Offiziere. Zu den letzteren gehrte ein ganz
junger Artillerist, ein Fhnrich, der erst vor ein paar Tagen aus einer
Kriegsschule gekommen war, ein netter, schweigsamer Jngling. Noch hatte
er in der Stadt keine einzige Bekanntschaft gemacht, und schon sa er
bei Wirginski im Kreise der Eingeladenen mit einem Bleistift in der Hand
und machte sich von Zeit zu Zeit in sein Taschenbuch irgendwelche
Notizen. Alle sahen das, doch alle taten aus irgendeinem Grunde, als
bemerkten sie es nicht. Auerdem war ein herumbummelnder Seminarist
anwesend, der Lmschin geholfen hatte, jene schndlichen Photographien
in den Sack der Bibelverkuferin zu stecken, ein groer Bursche mit
ungezwungenem Benehmen, jedoch immer etwas argwhnisch, und mit einem
ewig alles besser wissenden Lcheln, dabei aber von dem ruhigen Gehaben
der siegenden Vollkommenheit, die fr ihn in seiner Person verkrpert
war. Ferner war, ich wei nicht, weshalb, noch der Sohn unseres
Stadthauptes zugegen, ein schndlicher, frh verlebter junger Mann. Der
schwieg aber fast nur. Und schlielich war da noch ein achtzehnjhriger
Gymnasiast, der mit der finsteren Miene eines in seiner Wrde gekrnkten
jungen Mannes da sa und augenscheinlich unter seinen achtzehn Jahren
litt. Dieser Bengel war schon der Chef einer Verschwrung der
Oberprimaner, die sich, wie sich spter zum allgemeinen Erstaunen
herausstellte, im Gymnasium gebildet hatte, und zwar vollkommen
selbstndig. Beinahe htte ich Schatoff vergessen, der am unteren
Tischende sa, seinen Stuhl ein wenig aus der Reihe zurckgeschoben
hatte, die ganze Zeit schwieg, auch fr den Tee dankte, bestndig zu
Boden sah und seine Mtze nicht aus der Hand legte, als htte er damit
zu verstehen geben wollen, da er nicht als Gast, sondern nur aus
irgendwelchen sachlichen Grnden gekommen war, und, wenn es ihm einfiel,
einfach aufstehen und fortgehen knne. Nicht weit von ihm hatte sich
dann noch Kirilloff hingesetzt: dieser schwieg gleichfalls, doch sah er
nicht zu Boden, sondern blickte im Gegenteil jedem, der da sprach,
gerade ins Gesicht, mit seinem unbeweglichen, glanzlosen Blick, und
hrte allen ohne die geringste Verwunderung vollkommen ruhig zu. Einige
von den Gsten, die ihn noch nicht gesehen hatten, beobachteten ihn
verstohlen. Es ist bis heute ungewi, ob eigentlich Frau Wirginskaja
etwas von der bestehenden Fnf wute. Ich nehme an, da sie durch
ihren Mann ber alles unterrichtet war. Die Studentin hatte natrlich
von nichts eine Ahnung, doch dafr war sie mit ihrer eigenen Sorge
beschftigt: sie beabsichtigte, nur einen oder zwei Tage bei Wirginskis
zu bleiben und dann weiter und weiter zu reisen, durch alle
Universittsstdte, um Teilnahme an den Leiden der armen Studierenden
zu erwecken und sie zum Protest aufzurufen. Sie fhrte einige hundert
Exemplare eines lithographierten, wenn ich mich nicht tusche, von ihr
selbst verfaten Aufrufs mit sich. Merkwrdigerweise begann der
Gymnasiast die Studentin schon vom ersten Blick an zu hassen, und zwar
gleich bis aufs Blut, ungeachtet dessen, da er sie zum erstenmal im
Leben sah, und sie erwiderte diesen Ha in genau demselben Mae. Der
Major war ihr leiblicher Onkel, der sie vor gut zehn Jahren zum
letztenmal gesehen hatte. Als Stawrogin und Werchowenski eintraten,
waren ihre Wangen rot wie Preielbeeren: sie hatte mit dem Onkel gerade
ber die Frauenfrage aufs heftigste gestritten.


                                  II.

Werchowenski warf sich auffallend nachlssig auf einen Stuhl am oberen
Tischende, fast ohne jemanden zu gren. Er sah migestimmt und sogar
hochmtig aus. Stawrogin dagegen grte hflich die Anwesenden. Obgleich
man nur auf diese beiden gewartet hatte, taten doch alle wie auf ein
Kommando, als ob sie sie berhaupt nicht bemerkten. Kaum hatte Stawrogin
sich gesetzt, als Frau Wirginskaja sich in strengem Ton an ihn wandte:

Stawrogin, wollen Sie Tee?

Sehr gern, antwortete dieser.

Reiche Herrn Stawrogin ein Glas Tee, befahl sie der Schwester, -- und
Sie? fragte sie Werchowenski.

Selbstverstndlich, nur her damit, wer fragt denn die Gste noch
danach? Und geben Sie auch Sahne diesmal, sonst wird ja hier immer solch
eine Abscheulichkeit anstatt Tee gereicht -- und dabei gibt's heute noch
ein >Geburtstagskind< im Hause!

Wie, auch Sie erkennen das >Geburtstagefeiern< an? fragte die
Studentin auflachend. Wir haben soeben darber gesprochen.

Abgedroschen! bemerkte sogleich am anderen Tischende der Gymnasiast
mit berlegener Miene.

Was ist abgedroschen? Vorurteile vergessen ist durchaus nicht
abgedroschen, und wenn es auch die unschuldigsten von der Welt sind,
sondern ist, im Gegenteil, zur allgemeinen Schande noch heute neu, gab
die Studentin sofort empfindlich zurck. Und zudem gibt es berhaupt
keine unschuldigen Vorurteile, fgte sie geradezu erbittert hinzu.

Ich wollte nur bemerken, regte sich der Gymnasiast furchtbar auf, da
Vorurteile, wenn sie auch eine alte Sache sind, und man sie ausrotten
mu ... was aber Namenstag- und Geburtstagfeiern anbetrifft ... so
wissen schon alle lngst, da das Dummheiten sind und das Gerede darber
viel zu alt und abgedroschen ist, um darauf noch die kostbare Zeit zu
vergeuden, die ohnehin schon von aller Welt vergeudet worden ist, so da
man seine Worte lieber einem bedrftigeren ...

Was ist das fr ein Satz! Ich kann nichts verstehen! unterbrach ihn
die Studentin.

Ich glaube, da ein jeder gleich anderen das Recht des Wortes hat, und
wenn ich meine Meinung sagen will, wie jeder andere, so ...

Ihnen nimmt niemand das Recht des Wortes, unterbrach ihn die Hausfrau,
Sie sind nur gebeten worden, nicht so undeutlich zu sprechen, denn so
kann Sie ja kein Mensch verstehen.

Aber, erlauben Sie mir, zu bemerken, da Sie mich gar nicht achten:
wenn ich vorhin meinen Gedanken nicht zu Ende sprechen konnte, so kam
das nicht daher, da ich keinen Gedanken hatte, sondern eher vom
berflu von Gedanken ... stotterte der Gymnasiast fast verzweifelt und
verwickelte sich endgltig.

Wenn Sie nicht zu sprechen verstehen, so schweigen Sie lieber, platzte
die Studentin heraus.

Der Gymnasiast sprang jetzt sogar vom Stuhl auf.

Ich wollte nur sagen, rief er laut und brennend rot vor Schande, doch
frchtete er sich, jemanden anzusehen, da Sie sich nur deswegen mit
Ihrem Verstande breitmachen wollen, weil Herr Stawrogin gekommen ist --
da haben Sie's!

Ihr Gedanke ist schmutzig und unsittlich und beweist nur die ganze
Nichtigkeit Ihrer geistigen Entwickelung. Ich bitte Sie, sich weiter
nicht an mich zu wenden! knatterte sofort die Antwort der Studentin.

Stawrogin, begann die Hausfrau, bevor Sie kamen, regten sie sich hier
ber Familienrechte auf -- besonders der Herr Major, sie wies auf ihren
Verwandten. Aber ich werde Sie mit diesen alten Streitfragen, die doch
schon lngst erledigt sind, nicht weiter belstigen. Ich frage mich nur,
woher sind nun diese Rechte und Pflichten der Familie gekommen, ich
meine, im Sinne dieses Vorurteils, wie es jetzt besteht? Das ist die
Frage. Was meinen Sie?

Wieso -- woher gekommen? fragte Stawrogin zurck.

Das heit, wir wissen zum Beispiel, da das Vorurteil, da es einen
Gott geben msse, durch den Donner und Blitz hervorgerufen worden ist,
ereiferte sich sofort wieder die Studentin, die mit den Augen frmlich
auf Stawrogin lossprang. Man wei jetzt ganz genau, da die Urmenschen,
die sich vor Donner und Blitz frchteten, den unsichtbaren Feind zum
Gott erhoben, da sie ihre eigene Machtlosigkeit vor ihm fhlten. Aber
wie ist nun das Vorurteil der Familie entstanden? Und wie ist berhaupt
die Familie entstanden?

Das ist doch wohl nicht dasselbe ... versuchte die Hausfrau
einzuwenden.

Ich denke, die Antwort auf diese Frage drfte nicht ganz -- sagen wir,
sittsam sein, antwortete Stawrogin.

Wie das? rckte die Studentin wieder vor.

Aber schon hrte man aus der Lehrergruppe leises Lachen, das sofort am
anderen Ende des Tisches, bei Lmschin und dem Gymnasiasten, ein Echo
fand, worauf der Major pltzlich hell und laut loslachte.

Sie sollten Vaudevilles schreiben, sagte die Hausfrau zu Stawrogin.

Das macht Ihnen wirklich keine Ehre, -- ich wei nicht, wie Sie
heien, sagte die Studentin mit entschiedenem Unwillen zu Stawrogin.

Du aber solltest nicht so vorwitzig sein! tadelte der Major. Bist ein
Frulein, mut dich sittsam halten, du aber bist ja ganz, als httest du
dich auf eine Nadel gesetzt.

Knnten Sie nicht lieber schweigen? Zum mindesten mchte ich Sie
bitten, sich im Gesprch mit mir nicht so familir auszudrcken. Und
diese widerlichen Vergleiche verbitte ich mir einfach. Ich sehe Sie
heute zum erstenmal und will nichts von Ihrer Verwandtschaft wissen.

Aber ich bin doch dein Onkel! Ich habe dich doch als Sugling auf
meinen Armen geschleppt!

Was geht das mich an, was Sie da alles geschleppt haben! Ich habe Sie
damals nicht darum gebeten, mein unhflicher Herr Major, also mu es
Ihnen wohl selbst Spa gemacht haben, mich zu tragen. Und gestatten Sie
mir noch zu bemerken, da Sie sich nicht unterstehen drfen, mich zu
duzen, es sei denn als Brgerin, sonst aber untersage ich es Ihnen ein
fr allemal.

So sind sie nun alle! Der Major schlug mit der Faust auf den Tisch und
wandte sich an Stawrogin, der ihm gegenber sa. Nein, erlauben Sie,
ich liebe Liberalismus und alles Zeitgeme. Ich liebe auch klugen
Gesprchen zuzuhren, aber -- wohlgemerkt: von Mnnern! Doch von Frauen,
von diesen da, von diesen Flattervgeln -- nein, Verzeihung, aber das
ist schon mein wunder Punkt! Du, dreh dich nicht so viel! fuhr er die
Studentin an, die vor Ungeduld schon wieder fast vom Stuhl sprang. Ich
will auch einmal zu Wort kommen! Jetzt bin ich der Gekrnkte!

Sie stren nur die anderen und selbst verstehen Sie doch nichts zu
sagen, bemerkte die Hausfrau unwirsch.

Nein, ich werde schon zu sagen verstehen, was ich sagen will,
ereiferte sich der Major, und wandte sich an Stawrogin. Ich rechne auf
Sie, Herr Stawrogin, da Sie ein Neueingetretener sind, obgleich ich
nicht die Ehre habe, Sie zu kennen. Ich hoffe, da Sie mir beipflichten
werden. Ohne Mnner wren die Frauen einfach verloren, wie die Fliegen,
-- das ist meine Meinung. Die ganze Frauenfrage ist nichts weiter als
Mangel an Originalitt. Ich sage Ihnen; diese Frauenfrage haben ihnen
nur die Mnner ausgedacht, einfach aus purer Dummheit sich selbst auf
den Hals geladen, -- ich danke blo Gott, da ich nicht verheiratet bin!
Nicht die geringste Verschiedenheit ist in den Frauen, nicht einmal ein
einfaches Stickmuster knnen sie sich ausdenken, auch das mssen die
Mnner fr sie tun! Sehen Sie, da habe ich sie als Kind auf den Hnden
getragen, habe mit ihr, als sie zehn Jahre alt war, Mazurka getanzt, --
heute kommt sie an und wie ich ihr entgegenfliege, um sie abzukssen, da
erklrt sie mir schon nach dem zweiten Wort, da es einen Gott berhaupt
nicht gibt. Wenn sie es doch wenigstens nach dem dritten getan htte,
aber nein, sie mu es schon nach dem zweiten tun -- so eilig hat sie's!
Nun schn, angenommen, kluge Leute glauben nicht an Gott, das soll ja
blo vom Verstande abhngen, aber du, sage ich ihr, was verstehst du
denn unter Gott? Dich hat das doch wieder nur der Student gelehrt, htte
er dich aber die Lmpchen vor den Heiligenbildern anznden gelehrt, so
wrdest du eben Lmpchen anznden!

Das ist alles nicht wahr, was Sie da sagen. Sie sind ein sehr boshafter
Mensch. Ich aber habe Ihnen vorhin blo Ihre Dummheit beweisen wollen,
sagte die Studentin nachlssig, als verachtete sie es im Grunde, sich
mit solch einem Menschen noch weiter zu streiten. Ich habe Ihnen vorhin
gesagt, da man uns nach dem Katechismus lehrt: >Ehre Vater und Mutter,
damit es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden<. Das steht in
den zehn Geboten. Wenn nun Gott es fr ntig hielt, fr Liebe eine
Belohnung zu versprechen, so ist meines Erachtens dieser euer Gott
einfach unmoralisch. Das war es, was ich Ihnen vorhin auseinandersetzte,
und durchaus nicht nach dem zweiten Wort, sondern einfach, weil Sie auf
Ihre Verwandtenrechte pochten. Was kann ich dafr, da Sie stumpfsinnig
sind und mich bis jetzt noch nicht begriffen haben? Das krnkt Sie und
Sie rgern sich: das ist die ganze Lsung des Rtsels von Ihnen und
Ihresgleichen.

Nrrin! nannte sie der Major.

Sie sind selbst ein Narr.

Schimpf nur!

Aber erlauben Sie, Kapiton Maximowitsch, Sie haben mir doch selbst
gesagt, da Sie an Gott nicht glauben, rief Liputin mit seiner
unangenehmen Stimme vom anderen Tischende.

Was hat das damit zu tun, was ich gesagt habe, ich -- ich bin eine ganz
andere Sache! Ich -- nun, vielleicht glaube ich doch, nur glaube ich
nicht so ganz. Wenn ich aber auch nicht ganz glaube, so sage ich doch
noch nicht, da man Gott gleich totschieen soll. Ich habe schon, als
ich noch Husar war, ber Gott nachgedacht. Es heit sonst wohl in allen
Gedichten, da ein Husar blo trinkt und durchgeht, schn, ich habe
vielleicht auch getrunken, aber, glauben Sie mir, wenn es manchmal in
der Nacht so dunkel ist, da springt man wohl pltzlich auf und kniet vor
dem Heiligenbild nieder und schlgt ein Kreuz ber das andere, damit
Gott einem Glauben schicke, denn selbst damals konnte ich mich ber
diese Frage nicht beruhigen: gibt es einen Gott, oder gibt es keinen?
Dermaen bitter ist mir das geworden! Morgens, natrlich, da zerstreut
man sich und wieder geht der Glaube gleichsam flten, ja und berhaupt
ist mir eigentlich aufgefallen, da man am Tage den Glauben viel weniger
ntig hat.

Haben Sie vielleicht Karten? fragte Werchowenski, sich zur Hausfrau
wendend, und ghnte ungeniert.

Ich kann Ihnen diese Frage nur zu sehr, nur zu sehr nachfhlen!
beteuerte die Studentin eifrig.

Man verliert blo die goldene Zeit, wenn man so leerem Geschwtz
zuhrt, sagte die Hausfrau und blickte ihren Mann bedeutsam an.

Die Studentin raffte sich auf.

Ich wollte der Versammlung von den Leiden und dem Protest der Studenten
Mitteilung machen, und da die Zeit ber unmoralischen Gesprchen
vergeudet wird ...

Es gibt berhaupt weder Moralisches noch Unmoralisches! fiel ihr der
Gymnasiast sogleich ins Wort, kaum da er sah, da die Studentin mit
einer Rede beginnen wollte.

Das habe ich, mein Herr Gymnasiast, schon viel frher gewut, als Sie
das aufgeschnappt haben!

Und ich behaupte, raste der Gymnasiast geradezu, Sie sind -- ein aus
Petersburg angekommenes Kind, das uns bilden will! Da das vierte Gebot,
das Sie nicht einmal richtig aufzusagen verstanden, unmoralisch ist, das
wei schon seit Belinski ganz Ruland!

Wird das jemals ein Ende nehmen? fragte Frau Wirginskaja gereizt ihren
Mann.

Als Hausfrau errtete sie wegen der nichtigen Gesprche, besonders
nachdem sie einige fragende Blicke der Gste untereinander bemerkt
hatte.

Meine Herren! Wirginski erhob pltzlich die Stimme, falls jemand von
Ihnen etwas, was mehr zur Sache pat, zu sagen hat, so bitte ich, ohne
Zeitverlust damit beginnen zu wollen.

Gestatten Sie mir eine Frage, sagte pltzlich der lahme Lehrer, der
bis dahin nur geschwiegen und sehr zurckhaltend dagesessen hatte, ich
wrde doch gern wissen, ob wir hier eine Sitzung halten sollen, oder ob
wir uns wie gewhnliche Sterbliche zu einer Geburtstagsfeier versammelt
haben? Ich frage es mehr der Ordnung wegen.

Die Frage machte nicht geringen Eindruck: man sah sich an, als ob ein
jeder vom anderen die Antwort erwartete, und pltzlich wandten sich
aller Augen, wie auf ein Kommando, auf Stawrogin und Werchowenski.

Ich schlage vor, ber die Antwort einfach abzustimmen. Die Frage ist:
>Halten wir eine Sitzung oder nicht?< sagte Frau Wirginskaja.

Ich stimme ganz Ihrem Vorschlage bei, rief Liputin, wenn er auch ein
wenig unbestimmt ist.

Ich gleichfalls! Ich auch! riefen noch andere Stimmen.

Ich denke gleichfalls, da das mehr Ordnung schaffen wird, meinte
Wirginski.

Also bitte die Stimmen abzugeben! rief die Hausfrau. Lmschin, seien
Sie so freundlich und setzen Sie sich so lange ans Klavier. Sie werden
auch von dort aus Ihre Stimme abgeben knnen, wenn wir so weit sind.

Schon wieder! rief Lmschin. Ich dchte, ich htte Ihnen nachgerade
genug vorgetrommelt!

Ich bitte Sie ausdrcklich darum: Wollen Sie denn der Sache nicht
ntzlich sein?

Aber ich versichere Sie, Arina Prochorowna, da drauen niemand horcht.
Das ist nur Ihre Phantasie. Die Fenster sind auerdem viel zu hoch; und
wer wrde denn hier berhaupt etwas verstehen, selbst wenn er alles
hrte?

Wir verstehen uns ja selbst nicht, murmelte eine Stimme.

Und ich behaupte, da Vorsicht immer angebracht ist. Fr den Fall, da
es Spione gibt, wandte sie sich darauf zu Werchowenski, -- mgen sie
dann auf der Strae hren, da es bei uns Musik und lustige Gste gibt.

Zum Teufel! schimpfte Lmschin, setzte sich aber doch ans Klavier und
begann irgendwie, fast mit den Fusten, einen Walzer zu spielen.

Ich schlage vor, da alle, die eine Sitzung wnschen, die rechte Hand
erheben, beantragte Frau Wirginskaja.

Einige erhoben die rechte Hand, einige wiederum nicht; andere erhoben
sie und senkten sie wieder oder senkten sie und erhoben sie von neuem.

Pfui, Teufel! Hab nichts kapiert! rief ein Offizier gergert.

Und ich verstehe auch nichts! rief ein anderer.

Nein, ich verstehe wohl! rief ein dritter. Wenn >ja<, so hebt man die
Hand auf.

Aber was bedeutet denn das >ja<?

>Ja< bedeutet: Sitzung!

Nein, umgekehrt!

Ich habe fr die Sitzung gestimmt! rief der Gymnasiast Frau
Wirginskaja zu.

Warum haben Sie dann die Hand nicht erhoben?

Ich habe die ganze Zeit auf Sie gesehen: Sie hoben sie nicht, und so
hob ich sie auch nicht.

Wie dumm das ist! Ich habe sie doch nur deswegen nicht erhoben, weil
ich das Abstimmen vorgeschlagen hatte. Meine Herren, ich schlage
nochmals vor: wer eine Sitzung will, der soll ruhig sitzen bleiben und
keine Hand erheben, wer aber keine Sitzung will, der soll die rechte
Hand aufheben.

Wer _nicht_ will? fragte der Gymnasiast.

Ach, Sie stellen sich wohl mit Absicht so stupid? rief Frau
Wirginskaja zornig.

Nein, erlauben Sie mal, wer _nicht_ will, oder wer da will, das mu
schon genauer festgestellt werden, ertnten zwei, drei Stimmen.

Wer nicht will, _nicht_ will!

Nun schn, aber was soll man denn jetzt tun, aufheben oder nicht
aufheben, wenn man _nicht_ will? rief ein Offizier.

Ach ja, an eine Konstitution ist bei uns noch nicht zu denken!
bemerkte der Major.

Herr Lmschin, haben Sie die Gte, Sie hmmern ja dermaen, da niemand
etwas verstehen kann, bemerkte der lahme Lehrer.

Ja, bei Gott, Arina Prochorowna, es horcht doch wirklich kein Spion an
den Tren! rief Lmschin aufspringend. Und ich will auch nicht mehr
spielen! Ich bin zu Ihnen zu Besuch gekommen, aber nicht, um hier das
Klavier zu bearbeiten!

Meine Herren, begann Wirginski, antworten Sie alle laut: halten wir
Sitzung oder nicht?

Sitzung, Sitzung! ertnte es von allen Seiten.

Gut, dann brauchen wir nicht mehr abzustimmen. Sind Sie einverstanden,
meine Herren, oder sollen wir doch noch abstimmen?

Nicht ntig, genug, haben schon verstanden!

Vielleicht will aber irgend jemand doch nicht?

Nein, nein, alle wollen!

Ja, aber was ist denn das fr eine Sitzung? erhob sich eine Stimme,
die jedoch keine Antwort erhielt.

Man mu einen Prsidenten whlen! riefen mehrere zugleich.

Den Hausherrn, selbstverstndlich, den Hausherrn!

Meine Herren, wenn es so ist, begann der erwhlte Wirginski, -- dann
mache ich nochmals meinen Vorschlag: falls jemand von Ihnen etwas, was
mehr zur Sache pat, zu sagen hat, so bitte ich, damit zu beginnen.

Allgemeines Schweigen. Wieder wandten sich alle Blicke Stawrogin und
Werchowenski zu.

Werchowenski, htten Sie nichts zu sagen? fragte ihn die Hausfrau.

Nicht, da ich wte, sagte der ghnend und lehnte sich nachlssig auf
seinem Stuhl zurck. brigens, ich wrde gern einen Kognak trinken.

Stawrogin, wollen Sie nicht?

Nein, danke, ich trinke nicht.

Ich meinte, ob Sie nicht reden wollen, und nicht, ob Sie einen Kognak
wnschen!

Reden, worber? Nein, ich will nicht.

Sie werden sofort Ihren Kognak bekommen, sagte sie zu Werchowenski.

Die Studentin erhob sich wieder, was sie mittlerweile schon mehrmals
halbwegs getan hatte.

Ich bin gekommen, um von den Leiden der unglcklichen Studenten zu
berichten und sie allerorten zum Protest aufzufordern ...

Sie kam nicht weiter: am anderen Tischende erhob sich ein neuer
Konkurrent und alle Blicke flogen ihm sofort zu. Schigaleff, der Mann
mit den langen Ohren, erhob sich mit finsterem, gergertem Gesicht
bedchtig vom Stuhl und legte mit melancholischer Miene ein dickes,
unendlich klein und eng beschriebenes Heft vor sich auf den Tisch. Die
meisten sahen bestrzt auf das dicke Heft, doch Liputin, Wirginski und
der lahme Lehrer waren augenscheinlich mit irgend etwas sehr zufrieden.

Ich bitte ums Wort, sagte Schigaleff endlich finster, doch bestimmt.

Herr Schigaleff hat das Wort, verkndete Wirginski.

Der Redner setzte sich, schwieg wieder und begann darauf feierlichst:

Meine Herrschaften! ...

Hier haben Sie den Kognak! sagte die Verwandte, die den Tee
eingegossen hatte und die inzwischen nach dem Kognak gegangen war, mit
sichtlicher Verachtung. Sie stellte die Flasche und das Glas, die sie in
der Hand ohne Untersetzer brachte, rgerlich auf den Tisch vor
Werchowenski hin.

Der unterbrochene Redner verstummte wrdevoll.

Fahren Sie nur fort, ich hre nicht zu! rief Werchowenski, der sich
den Kognak eingo.

Meine Herren, indem ich Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehme, begann
Schigaleff von neuem, und wie Sie spter sehen werden, Ihre Hilfe in
einem Punkte von erstklassiger Wichtigkeit erbitte, mu ich vorher
einige Worte zur Einleitung sagen.

Arina Prochorowna, haben Sie vielleicht eine Schere? fragte pltzlich
Pjotr Stepanowitsch.

Wozu brauchen Sie eine Schere? Sie sah ihn verwundert mit groen Augen
an.

Hab mir die Ngel zu schneiden vergessen, obgleich ich's mir schon drei
Tage immer wieder vorgenommen habe, sagte er, gelassen seine langen und
ungeputzten Ngel betrachtend.

Arina Prochorowna wurde rot vor rger, doch die Studentin schien daran
Gefallen zu finden.

Ich glaube, ich habe vorhin hier auf einem Fenster eine Schere
gesehen, sagte sie, erhob sich, suchte die Schere und kam sofort wieder
zurck.

Pjotr Stepanowitsch sah sie nicht einmal an, als er die Schere nahm.
Arina Prochorowna sagte sich, da das wohl unter freien Menschen so sein
msse, und schmte sich ihrer Empfindlichkeit. Die Gste sahen sich
stumm untereinander an. Der lahme Lehrer lchelte boshaft und
beobachtete Werchowenski mit gehssigem Ausdruck.

Schigaleff fuhr fort:

Nachdem ich meine Energie dem Studium des Problems der sozialen
Verfassung der zuknftigen Gesellschaft, mit dem sich alle
Gegenwartsmenschen beschftigen, gewidmet, bin ich zu der berzeugung
gekommen, da alle Grnder sozialer Systeme, seit den ltesten Zeiten
bis zu unserem 187...sten Jahre, blo Grbler, Mrchenerzhler,
Dummkpfe gewesen sind, die sich selbst widersprochen und so gut wie
nichts von der Naturwissenschaft und diesem sonderbaren Tiere, das wir
Mensch nennen, gewut haben. Plato, Rousseau, Fourier sind Sulen aus
Aluminium, alles das taugt vielleicht fr Spatzen, aber nicht fr die
menschliche Gesellschaft. Da aber die zuknftige Gesellschaftsform
gerade jetzt festzusetzen unumgnglich ntig ist, gerade in diesem
Augenblick, da wir uns endlich zu handeln anschicken, um dann nicht mehr
nachdenken zu mssen, so schlage ich denn mein eigenes System der
Welteinrichtung vor. Hier ist es! und er schlug mit der Hand auf sein
dickes Heft. Zuerst wollte ich der Versammlung mein Buch in gekrzter
Form vorlegen, aber ich sah ein, da ein derartiges Verfahren noch viele
mndliche Erklrungen ntig machen wrde. Daher habe ich mich denn
entschlossen, es Ihnen an mindestens zehn Abenden -- da es in zehn
Kapitel eingeteilt ist -- vorzutragen. (Leises Gelchter.) Ich mu Sie
jedoch im voraus darauf aufmerksam machen, da mein System noch nicht
beendet, das heit, noch nicht ganz ausgearbeitet ist. (Lauteres
Gelchter.) Ich habe mich nmlich in meinen eigenen Argumenten
verwickelt: meine schlieliche Folgerung steht in geradem Widerspruch zu
der anfnglichen Idee. Nachdem ich von unbeschrnkter Freiheit
ausgegangen bin, komme ich zum Schlu zu unbeschrnktem Despotismus.
Jedenfalls aber fge ich hinzu, da es auer meiner Lsung der
Gesellschaftsformel eine andere Lsung berhaupt nicht geben kann.

Das Gelchter war lauter und immer lauter geworden, doch waren es
eigentlich nur die jngeren, die gewissermaen nicht ganz eingeweihten
Gste, die da lachten. Auf dem Gesicht der Hausfrau, Liputins und des
lahmen Lehrers drckte sich einiger Unwille aus.

Wenn Sie selbst es nicht einmal verstanden haben, Ihr eigenes System zu
vollenden, und darber in Verzweiflung geraten sind, so sagen Sie doch
bitte, was wir noch machen sollen? bemerkte vorsichtig einer der
Offiziere.

Sie haben recht, mein Herr aktiver Offizier, wandte sich Schigaleff
schroff an ihn, und vor allen Dingen darin, da Sie das Wort
>Verzweiflung< gebrauchten. Ja, ich geriet in Verzweiflung; doch
nichtsdestoweniger ist alles, was in meinem Buche steht, unersetzlich,
und einen anderen Ausweg gibt es nicht; einen solchen wird keiner
finden. Und darum beeile ich mich, ohne Zeit zu verlieren, die ganze
Gesellschaft aufzufordern, spter, also nachdem ich mein System an zehn
Abenden vorgetragen habe, ihre Meinung ber dasselbe zu uern. Wollen
aber die Mitglieder mir nicht zuhren, so ist es besser, wir gehen
sofort alle auseinander, -- die Mnner, um sich mit Verwaltungsarbeiten
abzugeben, und die Frauen -- in ihre Kchen, aus dem Grunde, weil sie,
wenn sie mein System ablehnen, einen anderen Ausweg doch nicht mehr
finden knnen. Kei--nen einzigen! Lassen sie aber die Zeit sich
entgehen, so schaden sie sich damit nur, da sie dann doch unfehlbar zum
ewig Alten zurckkehren werden.

Man wurde ein wenig unruhig: Was soll das ...? Wie ...? Etwa
bergeschnappt ...? hrte man flstern.

Das heit also, da die Hauptsache jetzt blo in Schigaleffs
Verzweiflung besteht, folgerte Lmschin, und die Tagesfrage nur lauten
kann: hat er nun das Recht, verzweifelt zu sein, oder hat er es nicht?

Schigaleffs Verzweiflung ist eine vollkommen persnliche Frage,
verkndete der Gymnasiast.

Ich schlage vor, abzustimmen, inwieweit die Verzweiflung Schigaleffs
die allgemeine Sache angeht, und ferner, ob es sich berhaupt lohnt,
sein System anzuhren oder nicht? schlug heiter einer von den
Offizieren vor.

Hier handelt es sich nicht darum, mischte sich endlich der lahme
Lehrer ins Gesprch. Er sprach gewhnlich mit einem gewissen gleichsam
spttischen Lcheln, so da es eigentlich schwer war, festzustellen, ob
er im Ernst sprach oder nur scherzte. Hier, meine Herrschaften, handelt
es sich um etwas ganz anderes. Herr Schigaleff hat sich seiner Aufgabe
gar zu gewissenhaft gewidmet und ist dabei allzu bescheiden. Ich kenne
sein Buch. Er schlgt darin vor, und zwar als endgltige Lsung des
Problems, die Teilung der Menschheit in zwei ungleiche Teile. Der
kleinere Teil, ungefhr nur ein Zehntel der Menschheit, erhlt allein
persnliche Freiheit und das unbeschrnkte Recht ber die brigen neun
Zehntel. Diese neun Zehntel der Menschheit aber sollen ihre
Persnlichkeit vollkommen einben und zu einer Art Herde werden, um bei
grenzenlosem Gehorsam mittels einer Reihe von Wiedergeburten die
uranfngliche Unschuld wiederzugewinnen, etwa in der Form des alten
Paradieses, wenn sie auch, nebenbei bemerkt, arbeiten mssen. Die
Maregeln, die der Autor vorschlgt, um den neun Zehnteln der Menschheit
den persnlichen Willen zu nehmen, sowie um sie mittels einer neuen
Erziehung ganzer Generationen in eine Herde umzubilden, -- diese
Maregeln sind ungemein bemerkenswert, sttzen sich zudem auf
naturwissenschaftliche Tatsachen und sind sehr logisch. Man kann sich
vielleicht mit einigen seiner Folgerungen nicht einverstanden erklren
und ihm widersprechen, doch deshalb kann man noch nicht den Verstand und
das Wissen des Autors anzweifeln. Das wre auch unsinnig. Schade, da
seine Absicht, den Inhalt seines Buches an zehn Abenden vorzutragen mit
den Umstnden so unvereinbar ist, sonst bekmen wir viel Interessantes
zu hren.

Meinen Sie das wirklich im Ernst? fragte Frau Wirginskaja fast
beunruhigt den lahmen Lehrer. Weil dieser Mensch nicht wei, wohin er
mit den Menschen soll, verlangt er, da man neun Zehntel zu Sklaven
macht? Ich habe ihn schon lngst im Verdacht gehabt ... --

Sprechen Sie von Ihrem Bruder? fragte der Lahme.

Wie, Sie erkennen Verwandtschaft an? Oder wollen Sie sich ber mich
lustig machen?

Und dazu noch fr die Aristokraten arbeiten und ihnen wie Gttern
gehorchen -- das ist eine Gemeinheit! rief die Studentin emprt.

Ich schlage keine Gemeinheit vor, sondern ein Paradies, das irdische
Paradies, und ein anderes kann es hier auf Erden berhaupt nicht geben,
schlo Schigaleff mit Nachdruck.

Ich aber wrde anstatt des Paradieses, schrie Lmschin, diese ganzen
neun Zehntel der Menschheit nehmen und sie, da man mit ihnen doch nichts
anzufangen wei, einfach in die Luft sprengen, und wrde nur ein
Hufchen gebildeter Leute briglassen, die dann nach der Wissenschaft
herrlich und in Freuden leben knnten.

So etwas kann nur ein Narr sagen! fuhr die Studentin auf.

Er ist ein Narr, aber er ist ntzlich, flsterte ihr Frau Wirginskaja
zu.

Und vielleicht wre das die beste Lsung der Aufgabe! wandte sich
Schigaleff lebhaft zu Lmschin. Sie wissen natrlich nicht mal, welch
einen tiefen Gedanken Sie da ausgesprochen haben, mein lustiger Herr. Da
aber Ihr Vorschlag kaum erfllbar ist, so mu man sich eben mit dem
sogenannten Erdenparadies begngen.

Einstweilen ist das schon gengender Unsinn! bemerkte pltzlich
Werchowenski, anscheinend ganz unwillkrlich als Betrachtung, die einem
mal so entschlpft. brigens fuhr er dabei gelassen und ohne
aufzublicken fort, seine Ngel zu beschneiden.

Wieso, warum soll denn das ein Unsinn sein? griff sofort der lahme
Lehrer die Bemerkung auf, als htte er nur auf das erste Wort von
Werchowenski gewartet, um ihn angreifen zu knnen. Warum denn gerade
ein Unsinn? Herr Schigaleff ist zum Teil ein Fanatiker der
Menschenliebe; und erinnern Sie sich nur, da selbst Fourier, Cabet ganz
besonders, und sogar Proudhon eine Menge der allerdespotischsten und
allerfanatischsten theoretischen Lsungen der Frage gegeben haben. Herr
Schigaleff hat vielleicht noch am nchternsten von ihnen allen die Sache
angefat. Ich versichere Sie, da es nach der Lektre seines Buches fast
unmglich ist, mit einigen seiner Behauptungen nicht bereinzustimmen.
Er hat sich vielleicht am allerwenigsten von der Realitt entfernt, und
sein Erdenparadies ist beinahe das wirkliche Paradies, dasselbe, ber
dessen Verlust die ganze Menschheit seufzt -- vorausgesetzt natrlich,
da es wirklich einmal existiert hat.

Ich konnte mir ja denken, da ich mir da was auf den Hals lade,
murmelte Werchowenski wieder nachlssig.

Erlauben Sie, regte sich der Lahme mehr und mehr auf, Gesprche und
Betrachtungen ber die zuknftige soziale Einrichtung sind fast die
dringendste Pflicht aller denkenden Menschen der Gegenwart. Alexander
Herzen hat sich sein Leben lang einzig und allein darum gesorgt, und
Belinski hat, wie ich aus der sichersten Quelle wei, ganze Abende mit
seinen Freunden verbracht, indem er mit ihnen im voraus ber die
kleinsten Einzelheiten der zuknftigen sozialen Welteinrichtung
debattierte, ja, sozusagen ber deren Kchenfragen stritt.[46]

Und einige werden darber gar vollends verrckt, bemerkte der Major.

Immerhin kann man sich so doch zu irgendeinem Ergebnis durchsprechen,
und das ist, denke ich, jedenfalls besser, als wie die Diktatoren
dazusitzen und zu schweigen, rief Liputin gehssig, der es jetzt
endlich zu wagen schien, Werchowenski anzugreifen.

Ich habe nicht zu Schigaleffs Ideen >Unsinn< gesagt, murmelte
Werchowenski nachlssig, fast kaum verstndlich seine Worte. Sehen Sie,
meine Herrschaften, er blickte kurz auf -- meiner Meinung nach sind
alle diese Bcher Fouriers, Cabets, alle diese >Arbeitsrechte<, der
Schigalewismus -- alles das erinnert an Romane, die man ja zu
Hunderttausenden schreiben kann. sthetischer Zeitvertreib. Ich begreife
ja, da Sie es hier im Stdtchen langweilig haben und sich eben darum
aufs Schreibpapier strzen.

Erlauben Sie, der Lahme rckte ungeduldig auf dem Stuhl, wenn wir
auch Provinzler sind und natrlich schon deswegen allein Mitleid
verdienen, so wissen wir doch, da inzwischen in der Welt nichts so
Besonderes oder Neues geschehen ist, als da wir Grund htten, darber
zu klagen, da wir es nicht mit unseren Augen gesehen haben. Da fordert
man uns nun auf, durch verschiedene Schandbltter auslndischen
Fabrikats, die hier verbreitet werden, uns zusammenzutun und Geheimbnde
zu grnden, einzig zu dem Zweck der allgemeinen Zerstrung -- unter dem
Vorwande: wie man an der Welt auch herumdoktern wollte, ganz gesund
knne man sie doch nicht machen; schneidet man aber radikal hundert
Millionen Kpfe ab, so knne man nach dieser Erleichterung besser ber
den Graben springen. Ein herrlicher Gedanke, zweifellos, aber -- mit der
Wirklichkeit mindestens ebenso unvereinbar wie der Schigalewismus, ber
den Sie sich noch im Augenblick so verchtlich uerten.

Na, ja, ich bin aber nicht zu dem Zweck hergekommen, um hier
Betrachtungen anzustellen, versprach sich Werchowenski gleichsam mit
einem bedeutsamen Wort, tat aber dabei, als htte er das selbst gar
nicht bemerkt, und zog ruhig ein Licht zu sich heran, damit er es heller
habe.

Schade, wirklich sehr schade, da Sie nicht zu dem Zweck hergekommen
sind, und desgleichen, da Sie jetzt mit Ihrer Toilette beschftigt
sind!

Was hat das mit meiner Toilette zu tun?

Die Idee, die Menschheit um hundert Millionen Kpfe zu verringern, ist
ebenso schwer zu verwirklichen, wie die Welt mittels Propaganda
umzundern. Vielleicht sogar noch schwerer, besonders in Ruland, wagte
sich Liputin wieder vor.

Man scheint jetzt allgemein auf Ruland zu hoffen, bemerkte einer von
den Offizieren.

Ja, auch wir haben davon gehrt, da man auf Ruland hofft, griff der
lahme Lehrer die Bemerkung auf. Wir wissen, da auf unser herrliches
Vaterland ein geheimnisvoller Inder weist, wie auf ein Land, das am
meisten zur Ausfhrung der groen Aufgabe befhigt ist. Nur eines mu
man dabei nicht auer acht lassen: im Falle einer allmhlichen Lsung
der Aufgabe durch Propaganda kann ich persnlich doch immerhin etwas
dabei gewinnen, nun, wenn auch meinetwegen nur dies, da ich angenehm
habe plaudern knnen, oder ich erhalte von den Vorgesetzten gar einen
Orden fr meine Dienste fr die soziale Sache. Aber im zweiten Falle,
bei der schnellen Entscheidung durch das Abhauen von hundert Millionen
Kpfen -- was htte ich da fr eine Belohnung zu erwarten? Fange ich an
dafr Propaganda zu machen, so schneidet man mir womglich noch die
Zunge ab.

Ihnen wird sie bestimmt abgeschnitten, sagte Werchowenski.

Sehen Sie wohl. Da man aber selbst unter den gnstigsten Umstnden eine
solche Metzelei vor fnfzig Jahren, oder meinetwegen auch nur dreiig,
nicht beenden kann, -- denn das sind doch keine Lmmer, die sich
protestlos den Hals abschneiden lassen --, so meine ich: sollte es da
nicht ratsamer sein, Hab und Gut aufzupacken und irgend wohin auf eine
stille Insel im Stillen Ozean zu gehen und dort in Frieden seine Augen
zu schlieen? Glauben Sie mir, rief er lauter und klopfte dabei mit dem
Finger an den Tischrand, mit solch einer Propaganda rufen Sie nur
allgemeine Auswanderung hervor und sonst nichts weiter!

Er schlo sichtlich triumphierend. Er war bei uns bekannt als kluger
Kopf. Liputin lchelte schadenfroh, Wirginski hrte ein wenig wehmtig
zu, die anderen aber folgten ungewhnlich aufmerksam dem ganzen Streit,
besonders die Offiziere und die Damen. Alle begriffen, da der Agent der
hundert Millionen abgeschnittener Kpfe an die Wand gedrckt war und
warteten nun, was aus all dem werden wrde.

Das haben Sie brigens ganz gut gesagt, bemerkte womglich noch
gleichgltiger als vorher, ja, beinahe schon gelangweilt, Werchowenski.
Auswandern ist ein guter Gedanke. Aber da sich trotz all der
augenscheinlichen Nachteile, die Sie ja vorausfhlen, doch von Tag zu
Tag immer mehr Anhnger oder Soldaten fr die neue Sache melden, so wird
man auch ohne Sie auskommen. Hier ist, mein Bester, eben die neue
Religion dabei, die die alte ersetzt, darum finden sich auch so viele
Jnger ein. Also Sie wandern aus! Hm, wissen Sie, da wrde ich Ihnen
aber raten, doch lieber nach Dresden zu gehen, und nicht auf eine stille
Insel. Erstens ist das eine Stadt, die noch nie eine Epidemie gesehen
hat, und da Sie ja ein vernnftiger Mensch sind, so frchten Sie doch
bestimmt den Tod. Zweitens ist Dresden nicht sehr weit von der
russischen Grenze, so da man denn sehr schnell die Renten aus dem
liebenswrdigen Vaterlande erhalten kann. Drittens hat es in seinen
Mauern sogenannte Kunstschtze, Sie aber sind ein sthetischer Mensch,
gewesener Lehrer der Literatur, wenn ich mich nicht tusche. Na, und
endlich hat es noch seine eigene kleine Schweiz, eine in der
Taschenausgabe -- so etwas aber ist doch fr die poetische Inspiration
unumgnglich ntig, zumal Sie doch gewi Gedichte schreiben. Mit einem
Wort, ein Schatz in einer Tabaksdose!

Die Gste wurden unruhig; besonders die Offiziere. Noch ein Augenblick,
so schien es, und alle htten pltzlich gesprochen. Der lahme Lehrer
jedoch bi sofort nach dem Kder:

Erlauben Sie, ich habe durchaus noch nicht gesagt, da ich die
allgemeine Sache im Stich lassen will! Das sollte man auseinanderhalten
...

Wieso, wrden Sie denn in eine >Fnf< eintreten, wenn ich Ihnen das
vorschlge? warf pltzlich Werchowenski die Frage hin und legte die
Schere auf den Tisch.

Die ganze Versammlung zuckte gleichsam zusammen. Der rtselhafte Mensch
hatte sich etwas zu pltzlich aufgedeckt. Sogar das Wort die Fnf
hatte er ausgesprochen.

Jeder, der sich fr einen ehrlichen Menschen hlt, zieht sich nicht von
der allgemeinen Sache zurck, versuchte der Lehrer die offene Antwort
zu umgehen, aber ...

Nein, bitte, hier kann man mir nicht mit einem >aber< kommen,
unterbrach ihn Werchowenski schroff und gebieterisch. Ich erklre
hiermit, meine Herrschaften, da ich eine offene, gerade Antwort
verlange. Ich wei nur zu gut, da ich, der ich nicht grundlos hierher
gekommen bin und Sie alle selbst versammelt habe, Ihnen Erklrungen
schuldig bin. (Wieder ein unerwarteter Aufschlu.) Wie aber soll ich
Erklrungen geben, wenn ich nicht wei, welcher Art Ihre Gedanken sind?
Gesprche vermeide ich, -- denn wozu soll man wieder dreiig Jahre lang
schwatzen, wie man bisher schon dreiig Jahre geschwatzt hat -- und
frage Sie deshalb einfach, was Sie lieber wollen: den langsamen Weg, der
im Schreiben sozialer Romane besteht und der kanzleimigen
Vorausbestimmung der menschlichen Schicksale auf tausend Jahre, jedoch
nur auf dem Schreibpapier, whrend der Despotismus in dieser Zeit die
gebratenen Stcke schluckt, die eigentlich Ihnen in den Mund fliegen
sollten und das blo nicht knnen, weil Sie den Mund geschlossen halten?
Oder sind Sie fr die schnelle Entscheidung, worin diese auch bestehen
sollte, die aber auf jeden Fall endlich die Hnde befreit und der
Menschheit erlaubt, sich frei ihr eigenes Schicksal zu schaffen, und
zwar in der Wirklichkeit und nicht nur auf dem Papier? Da schreit man
nun: >Aber hundert Millionen Kpfe!< Das ist vielleicht nur eine
Metapher, aber wozu denn davor zurckschrecken, wenn der Despotismus bei
der langsamen Papierlsung schon in irgend welchen hundert Jahren nicht
nur hundert Millionen, sondern fnfhundert Millionen Kpfe verschlingen
wird? Und vergessen Sie nicht, da ein unheilbarer Kranker so wie so
nicht gesund werden kann, was fr Rezepte Sie ihm auch verschreiben
mgen, -- da seine Krankheit sich, im Gegenteil, nur verschlimmert, je
lnger man sie hinzieht, bis er schlielich bei lebendigem Leibe
verfault, derart, da er auch uns ansteckt und alle frischen Krfte, auf
die wir jetzt rechnen, verdirbt -- so da wir dann womglich berhaupt
nichts mehr zustande bringen knnen. Ich gebe ja gern zu, da >liberal<
und schn zu reden, sehr angenehm ist, handeln aber -- etwas >angreift<
... Nun ja, brigens verstehe ich nicht zu reden. Ich bin mit
Nachrichten hierher gekommen, und darum bitte ich jetzt die ganze
verehrte Gesellschaft, nicht etwa abzustimmen, nein, sondern einfach und
ohne Umschweife zu sagen, was Sie lustiger fnden: einen
Schildkrtengang im Sumpf, oder mit Volldampf durch den Sumpf hindurch?

Ich erklre mich positiv fr den Volldampf! rief der Gymnasiast
begeistert.

Ich auch! rief Lmschin.

Bei solcher Wahl bleibt natrlich kein Zweifel ... meinte einer der
Offiziere. Nach ihm stimmte noch jemand bei und dann noch jemand.

Am meisten frappierte es alle, da Werchowenski mit Nachrichten
hergekommen war und offenbar sofort reden wrde.

Meine Herrschaften, ich sehe, da fast alle im Sinne der Proklamationen
entscheiden, sagte er, whrend sein Blick alle Anwesenden berflog.

Alle, alle! riefen die meisten.

Ich mu gestehen, da ich eigentlich mehr fr eine humane Lsung bin,
sagte der Major, da aber schon alle dafr stimmen, so halte auch ich
mit.

Es scheint also, da auch Sie nicht widersprechen? wandte sich
Werchowenski an den lahmen Lehrer.

Ich kann nicht sagen, da ich gerade ... erwiderte dieser zgernd und
wurde ein wenig rot, aber wenn ich mich jetzt den anderen anschliee,
so tue ich es nur, um nicht zu stren ...

Na ja, so seid ihr ja alle! Seid bereit, ein halbes Jahr lang um der
liberalen Redekunst willen zu streiten, und endet dann damit, da ihr
euch blo >den anderen anschliet<! Meine Herren, denken Sie erst einmal
nach, ob Sie wirklich bereit sind?

(Wozu bereit? -- eine unbestimmte, doch furchtbar verlockende Frage.)

Gewi doch! natrlich, alle ... ertnten Stimmen.

brigens sahen sich dabei alle etwas scheu gegenseitig an.

Aber vielleicht werdet ihr euch dann dadurch gekrnkt fhlen, da ihr
so schnell einverstanden wart? Das ist doch gewhnlich mit euch so.

Man geriet in Erregung; aus verschiedenen Grnden; man geriet schon in
Aufregung. Der Lahme stie von neuem auf Werchowenski vor.

Erlauben Sie einstweilen zu bemerken, da die Antworten auf solche
Fragen gewissermaen bedingt sind. Wenn wir auch den Entschlu gefat
haben, so bitte ich, doch nicht vergessen zu wollen, da eine Frage, die
in so sonderbarer Weise gestellt ...

Inwiefern in sonderbarer Weise?

Solche Fragen werden nicht so gestellt.

Dann sagen Sie mir geflligst, wie. Im brigen war ich von vornherein
berzeugt, da gerade _Sie_ sich als erster gekrnkt fhlen wrden.

Sie haben unser Einverstndnis zu sofortigem Handeln uns gewissermaen
entrissen. Aber was fr ein Recht hatten Sie dazu? Was fr
Bevollmchtigungen besitzen Sie, um solche Fragen stellen zu knnen?

Das zu fragen, htte Ihnen frher einfallen sollen! Warum haben Sie
denn geantwortet? Sie haben sich einverstanden erklrt, und damit basta!
Nun ist es zu spt, auf so etwas zurckzukommen.

Mir scheint, da die leichtsinnige Aufrichtigkeit Ihrer Hauptfrage
einen auf die Idee bringen kann, da Sie weder Vollmacht, noch sonst ein
Recht haben, diese Frage zu stellen, sondern einfach nur von sich aus --
neugierig waren.

Wovon reden Sie? Was wollen Sie damit sagen? rief da pltzlich
Werchowenski gleichsam erschrocken und tat, als werde er pltzlich
unmutig.

Ich meine, da eine Aufnahme, was fr eine es auch sei, wenigstens
unter vier Augen gemacht wird, und nicht in unbekannter Gesellschaft von
zwanzig Menschen! platzte der Lahme mit dem verhngnisvollen Wort
heraus.

Werchowenski wandte sich sofort mit vorzglich gespielter Aufregung an
die Anwesenden.

Meine Herren, ich halte es fr meine Pflicht, allen mitzuteilen, da
das nur Dummheiten waren und unser Gesprch etwas zu weit gegangen ist.
Ich habe noch so gut wie keinen aufgenommen, und niemand hat das Recht,
von mir zu sagen, da ich es hier getan htte: wir haben einfach ber
verschiedene Meinungen gesprochen. Nicht wahr? Aber wie dem auch sei,
jedenfalls regen Sie mich nicht wenig auf, wandte er sich wieder zu dem
Lahmen, ich htte nie gedacht, da man hier ber solche fast
unschuldigen Dinge nur unter vier Augen sprechen darf. Oder frchten
Sie, da jemand uns anzeigen knnte? Kann denn wirklich jetzt ein
Verrter unter uns sein?

Die allgemeine Aufregung war ungeheuer. Alle begannen zu sprechen.

Meine Herren, wenn das der Fall wre, fuhr Werchowenski fort, so bin
ich es doch, den ich am meisten kompromittiert habe, und darum schlage
ich vor, noch auf eine Frage zu antworten, versteht sich, nur wenn Sie
wollen. Sie haben den freien Willen ...

Was fr eine Frage? Welch eine Frage? riefen alle durcheinander.

Eine Frage, nach deren Beantwortung wir entscheiden knnen, ob wir alle
zusammen bleiben sollen, oder ob wir besser tun, wenn wir schweigend
unsere Hte nehmen und jeder seinen eigenen Weg geht.

Stellen Sie die Frage, stellen Sie die Frage!

Wenn einer von Ihnen von einem beabsichtigten politischen Morde erfhre
-- wrde er dann, wenn er alle Folgen voraussieht, hingehen und Anzeige
erstatten, oder wrde er zu Hause bleiben und den Dingen ruhig ihren
Lauf lassen. Darber kann man verschiedener Meinung sein. Die Antwort
auf meine Frage wird uns sagen, ob wir auseinandergehen oder
zusammenbleiben sollen, und wenn das letztere, dann nicht nur fr heute
abend. Gestatten Sie, da ich mich mit dieser Frage an Sie als ersten
wende, wandte er sich an den Lahmen.

Warum denn gerade an mich als ersten?

Weil doch nur von Ihnen diese ganze Auseinandersetzung heraufbeschworen
worden ist. Haben Sie die Gte, die Antwort nicht umgehen zu wollen.
Ausflchte sind hier nicht am Platz. Doch brigens, wie Sie wollen. Ihr
freier Wille, wie gesagt.

Erlauben Sie, eine solche Frage ist einfach beleidigend.

Ich mu schon bitten, etwas deutlicher zu sein.

Ich bin noch nie Agent der Geheimpolizei gewesen.

Haben Sie die Gte, mich nicht aufzuhalten. Etwas bestimmter, wenn ich
bitten darf.

Der Lahme rgerte sich dermaen, da er berhaupt aufhrte, zu
antworten. Schweigend, mit bsem Blick, sah er, ohne seine Augen
abzuwenden, hinter der Brille hervor auf seinen Peiniger.

Ja oder nein? Wrden Sie anzeigen, oder wrden Sie nicht anzeigen?
schrie pltzlich Werchowenski.

Selbstverstndlich zeige ich _nicht_ an! schrie noch zweimal lauter
der Lahme.

Und keiner wird anzeigen, kein einziger! ... Ist doch wirklich
lcherlich! ... so etwas! ... ertnten mehrere Stimmen.

Gestatten Sie, da ich mich jetzt an Sie wende, Herr Major: wrden Sie
anzeigen, ja oder nein? fuhr Werchowenski fort. Bitte zu beachten, da
ich mich absichtlich an Sie wende.

Ich zeige nicht an.

Nun, aber wenn Sie wten, da irgend jemand einen anderen erschlagen
und berauben will, einen gewhnlichen Sterblichen, so wrden Sie es doch
melden, nicht wahr?

Natrlich, aber das wre doch ein ziviler Fall, hier aber handelt es
sich um eine politische Anzeige. Bin kein Agent der Geheimpolizei.

Ja aber, das ist hier doch keiner! hrte man wieder ein paar Stimmen.
Unntze Frage. Alle haben dieselbe Antwort. Hier gibt es doch keine
Verrter!

Warum steht dieser Herr dort auf? rief pltzlich die Studentin.

Das ist Schatoff! Warum sind Sie aufgestanden, Schatoff? rief die
Hausfrau erregt.

Schatoff hatte sich tatschlich erhoben, stand, die Mtze in der Hand,
und sah auf Werchowenski. Es war, als wolle er ihm etwas sagen, doch
schien er noch unentschlossen zu sein. Sein Gesicht war bla und zornig,
aber er bezwang sich, sagte kein Wort und verlie stumm das Zimmer.

Schatoff, das ist doch fr Sie selbst unvorteilhaft! rief ihm
Werchowenski rtselhaft nach.

Dafr ist es aber fr dich vorteilhaft, fr dich Spion und Schurken!
rief Schatoff von der Tr zurck und trat hinaus.

Wieder Ausrufe, Lrm.

Da haben wir ja jetzt die Probe! rief eine Stimme.

Hat gentzt! rief eine andere.

Hat sie nicht vielleicht zu spt gentzt? fragte eine dritte.

Wer hat ihn eingeladen? -- Wer hat ihn empfangen? -- Wer ist es? -- Was
ist dieser Schatoff? -- Wird er denunzieren? ... wird er nicht? ...
schwirrten die Fragen durcheinander.

Wenn er denunzieren wollte, so wrde er sich verstellt haben, so aber
hat er gleichsam auf die ganze Sache einfach gespuckt und ist
fortgegangen, bemerkte jemand.

Da steht auch schon Stawrogin auf! Stawrogin hat auch nicht auf die
Frage geantwortet! rief wieder die Studentin.

Stawrogin war tatschlich aufgestanden und sogleich hatte sich auch
Kirilloff am anderen Tischende von seinem Platz erhoben.

Verzeihen Sie, Herr Stawrogin, wandte sich die Hausfrau nervs an ihn,
wir haben hier alle auf die Frage geantwortet, whrend Sie nun allein
schweigend fortgehen wollen?

Ich fhle mich nicht verpflichtet, auf eine Frage zu antworten, die Sie
interessiert, sagte Stawrogin.

Aber wir haben uns kompromittiert und Sie nicht! riefen die Stimmen
wieder.

Was geht das mich an, da Sie sich kompromittiert haben, lachte
Stawrogin auf, doch seine Augen funkelten.

Wieso -- geht das Sie nichts an? Wieso -- geht das Sie nichts an?
fragte man sofort.

Einige sprangen von ihren Pltzen auf.

Erlauben Sie, meine Herren, erlauben Sie! rief der Lahme. Herr
Werchowenski hat ja auch noch nicht auf die Frage geantwortet, sondern
sie blo gestellt!

Diese Bemerkung machte einen geradezu lhmenden Eindruck. Alle sahen
sich erstaunt an. Stawrogin lachte laut dem Lahmen ins Gesicht und ging
aus dem Zimmer. Kirilloff folgte ihm. Werchowenski lief beiden sofort
ins Vorzimmer nach.

Was machen Sie aus mir! flsterte er erregt, Stawrogins Hand fassend,
die er mit aller Kraft in der seinigen prete.

Der entri sie ihm schweigend.

Seien Sie sofort bei Kirilloff, ich werde kommen ... Ich mu, ich mu
Sie unbedingt sprechen!

Fr mich gibt es kein Mu! schnitt ihm Stawrogin das Wort ab.

Stawrogin wird bei mir sein, beendete Kirilloff das Gesprch.
Stawrogin, es gibt fr Sie doch ein Mu. Ich werde es Ihnen dort
zeigen.

Sie gingen hinaus.




                          Dreizehntes Kapitel.
                            Zarewitsch Iwan


Sie traten hinaus. Pjotr Stepanowitsch kehrte zuerst in das Gastzimmer
zurck, um das Chaos zu besnftigen, doch er sah bald ein, da hier jede
Mhe vergeblich war, und so lief er denn schon nach zwei Minuten den
Fortgegangenen nach. Unterwegs fiel ihm eine Querstrae ein, durch die
er ein gutes Stck Weges abschneiden konnte. Er bog in sie ein -- es war
eine Winkelgasse, in der er im Schlamm fast bis ber die Knchel versank
-- und erreichte auf diese Weise das Filippoffsche Haus fast in
demselben Augenblick, als Stawrogin und Kirilloff durch die Hofpforte
traten.

Schon hier? -- Das ist gut. sagte Kirilloff. Kommen Sie.

Wie, Sie sagten doch, da Sie ganz allein leben? fragte Stawrogin, als
er im Flur den schon aufgesetzten Samowar bemerkte, der schon zu summen
begann.

Werden gleich sehen, mit wem ich lebe, murmelte Kirilloff. Treten Sie
ein.

Kaum hatten sie sich gesetzt, als Werchowenski den anonymen Brief, den
er sich von Herrn von Lembke ausgebeten hatte, aus der Tasche zog und
ihn vor Stawrogin auf den Tisch legte. Stawrogin las ihn schweigend
durch.

Nun? fragte er.

Dieser Schuft wird bestimmt das tun, wozu er sich erboten hat,
erklrte Werchowenski. Da er in Ihrer Hand ist, so sagen Sie bitte, wie
man mit ihm umgehen soll. Ich versichere Ihnen, da er vielleicht schon
morgen zu Lembke geht.

Nun, mag er doch gehen.

Wieso, mag er doch? Wenn man das verhindern kann!

Sie irren sich, er hngt durchaus nicht von mir ab. Und brigens ist es
mir wirklich gleichgltig. Mir droht er doch mit nichts, blo Ihnen.

Auch Ihnen.

Ich glaube nicht.

Aber andere knnten Sie vielleicht nicht schonen. Sollten Sie das
wirklich nicht begreifen? Hren Sie, Stawrogin, das ist doch nur ein
Spiel mit Worten. Tut Ihnen wirklich das Geld leid?

Ist dazu berhaupt Geld ntig?

Unbedingt. Zweitausend oder _minimum_ tausend fnfhundert Rubel. Geben
Sie mir die Summe morgen oder meinetwegen heute noch, und morgen abend
schaffe ich ihn nach Petersburg. Das will er ja selbst! Wenn Sie wollen,
mitsamt Marja Timofejewna -- beachten Sie das!

Es war etwas vollkommen Irres in Werchowenski, er sprach unvorsichtig,
hastig, die Worte entfuhren ihm unbedacht.

Stawrogin betrachtete ihn mit Verwunderung.

Ich habe gar keinen Grund, Marja Timofejewna fortzuschicken, sagte er.

Vielleicht _wollen_ Sie es nicht einmal? fragte Pjotr Stepanowitsch
mit ironischem Lcheln.

Vielleicht will ich es nicht einmal.

Kurzum: wird das Geld zur Stelle sein, oder wird es nicht zur Stelle
sein? fuhr er pltzlich, in gergerter Ungeduld und fast herrisch,
Stawrogin an.

Dieser besah ihn sich mit ernstem Gesicht.

Es wird nicht zur Stelle sein.

Ei, Stawrogin! Sie wissen offenbar irgend etwas, oder haben schon
irgend etwas getan! Sie fhren ein wildes Leben!

Sein Gesicht verzog sich dabei. Seine Mundwinkel zuckten, und pltzlich
lachte er ein ganz grundloses, unvermitteltes Lachen, das gar nicht
hierher pate.

Sie haben erst krzlich von Ihrem Vater Geld fr das Gut erhalten,
bemerkte Stawrogin ruhig. Meine Mutter hat Ihnen die sechs- oder
achttausend Rubel, die Sie von Stepan Trophimowitsch verlangten, fr das
Gut ausgezahlt. Davon knnen Sie doch, wenn das fr Sie so ntig ist,
sehr wohl tausendfnfhundert aus Ihrer Tasche bezahlen. Ich habe es
satt, immer fr andere zu zahlen, und habe schon so viel ausgegeben, da
es fr mich beinahe krnkend ist ... Er mute selbst ber seine letzten
Worte lcheln.

Ah, Sie beginnen zu scherzen ...

Stawrogin erhob sich, sofort sprang auch Werchowenski auf und stellte
sich mechanisch vor die Tr, wie um den Ausgang zu versperren. Stawrogin
machte schon eine Bewegung, um ihn fortzustoen und hinauszugehen --
doch pltzlich blieb er stehen.

Ich trete Ihnen Schatoff nicht ab, sagte er.

Pjotr Stepanowitsch zuckte zusammen; sie sahen sich an.

Ich habe Ihnen heute unterwegs gesagt, wozu Sie Schatoffs Blut
brauchen, sagte Stawrogin mit funkelnden Augen. Mit diesem Blut wollen
Sie Ihre Fnfer-Gruppen zusammenleimen. Vorhin haben Sie ja Schatoff auf
eine ganz vorzgliche Weise hinausgejagt: Sie wuten nur zu gut, da er
niemals sagen wrde, >ich denunziere nicht< -- vor Ihnen aber zu lgen
fr unter seiner Wrde hlt. Doch wozu brauchen Sie mich, mich jetzt
eigentlich? Was soll ich bei all dem? Nachdem ich aus dem Auslande
zurckgekehrt bin, drngen Sie sich mir immer wieder auf. Das, womit Sie
mir Ihr Benehmen bis jetzt erklrt haben, ist nur Fieberphantasie. Dabei
wollen Sie, da ich, indem ich Lebdkin tausendfnfhundert Rubel
einhndige, damit Ihrem Fedjka das Zeichen gebe, ihn zu erstechen. Ich
wei, Sie denken, da ich zu gleicher Zeit auch meine Frau ermorden
lassen will. Und wenn Sie mich dann mit einem Verbrechen an sich
gebunden haben, so hoffen Sie, Macht ber mich zu bekommen -- ist es
nicht so? Wozu aber wollen Sie diese Macht? Fr welch eine Teufelei in
aller Welt brauchen Sie mich? Ich sage Ihnen ein fr allemal: machen Sie
doch endlich einmal Ihre Augen auf und sehen Sie nher zu, ob ich
berhaupt ein Mensch fr Sie bin, und lassen Sie mich dann endlich in
Ruh!

Fedjka ist selbst zu Ihnen gekommen? fragte Werchowenski beklommen.

Ja, er ist selbst zu mir gekommen. Sein Preis ist gleichfalls genau
tausend fnfhundert ... Da -- er kann es ja selbst besttigen, da ist er
ja ... rief Stawrogin und streckte seine Hand gegen die Tr hin aus.

Pjotr Stepanowitsch drehte sich schnell um. Auf der Schwelle stand, aus
der Dunkelheit hervortretend, eine Menschengestalt -- Fedjka, im kurzen
Pelz, doch ohne Mtze, ganz wie einer, der im Hause wohnt. Er stand da
und lchelte, da man seine gleichmigen weien Zhne schimmern sah.
Die schwarzen Augen mit dem gelben Zigeunerglanz huschten vorsichtig
durch das Zimmer und gingen von einem zum anderen der Herren. Er schien
irgend etwas nicht zu verstehen: wahrscheinlich hatte ihn Kirilloff
herangewinkt, denn zu dem wandte sich immer wieder sein fragender Blick.
Er blieb auf der Schwelle stehen und schien nicht eintreten zu wollen.

Er ist hier wohl in Bereitschaft gehalten worden, um unseren ganzen
Schacher mit anzuhren, vielleicht gar um das Geld gleich in Empfang zu
nehmen -- ist's nicht so? fragte Stawrogin, und ohne die Antwort
abzuwarten, verlie er das Haus.

Werchowenski lief ihm sofort nach, und holte ihn noch bei der Hofpforte
ein.

Bleib! Keinen Schritt! rief er und packte ihn am Ellenbogen.

Stawrogin ri seinen Arm zurck, konnte ihn jedoch nicht befreien. Da
packte ihn die Wut und mit der linken Hand ergriff er Werchowenski bei
den Haaren, schleuderte ihn mit aller Kraft zu Boden und trat dann
hinaus auf die Strae. Aber noch war er nicht dreiig Schritt gegangen,
als der andere ihn schon wieder einholte.

Vershnen wir uns, vershnen wir uns, kam es in bebendem Flsterton,
fast bettelnd, von seinen Lippen.

Stawrogin zuckte mit der Schulter und ging weiter.

Hren Sie, ich bringe morgen Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen, wollen Sie?
Nicht? Warum antworten Sie denn nicht? Sagen Sie nur, was Sie wollen,
und ich tue es. Hren Sie: ich lasse Ihnen auch Schatoff, wollen Sie?

Dann ist es also wahr, da Sie ihn wirklich ermorden wollten?

Nun, wozu brauchen Sie Schatoff? Was haben Sie von ihm? fuhr atemlos
schnell Werchowenski fort, indem er ihm bald in den Weg lief, bald
wieder ihn am Ellenbogen ergriff, augenscheinlich, ohne sich dessen
berhaupt bewut zu werden. Hren Sie: ich gebe Ihnen Schatoff,
vershnen wir uns nur, vershnen wir uns! Ihre Rechnung ist gro, aber
... vershnen wir uns!

Stawrogin sah ihn schlielich an und war betroffen. Das war nicht mehr
derselbe Blick, nicht mehr dieselbe Stimme, wie sonst und wie noch dort
im Zimmer. Das war fast ein ganz anderes Gesicht, das er da vor sich
sah. Und auch die Stimme war eine ganz andere: Werchowenski flehte,
winselte geradezu. Das war ja ein Mensch, dem man das Teuerste auf Erden
nimmt, oder schon fortgenommen hat, und der noch nicht zur Besinnung
gekommen ist.

Was ist mit Ihnen geschehen? rief Stawrogin unwillkrlich.

Werchowenski antwortete nicht und lief immer noch neben ihm her und sah
mit demselben flehenden und doch gleichzeitig unnachgiebigen Blick zu
ihm auf.

Vershnen wir uns! flsterte er noch einmal. Hren Sie, ich halte wie
Fedjka ein Messer im Stiefel bereit, aber -- ich will mich mit Ihnen
vershnen!

Zum Teufel, wozu brauchen Sie mich denn! Was wollen Sie von mir? rief
Stawrogin in hellem Zorn, trotz seiner ganzen Verwunderung. Soll das
etwa ewig ein Geheimnis bleiben? Bin ich denn ein Talisman fr Sie?

Hren Sie, wir machen einen Aufruhr, redete der andere schnell und
wirr, fast wie im Fieber. Sie glauben nicht, da wir einen Aufruhr
machen? Wir werden einen solchen Aufruhr machen, da alles in den
Grundfesten erbebt. Karmasinoff hat recht: es gibt nichts, woran man
sich noch halten knnte. Karmasinoff ist sehr klug. Nur noch zehn
solcher Gruppen in ganz Ruland, und ich bin nicht zu fangen.

Und berall dieselben Dummkpfe! entfuhr es Stawrogin wider Willen.

Oh, seien Sie selbst etwas dmmer, Stawrogin, seien Sie selbst etwas
dmmer! Wissen Sie, Sie sind ja auch gar nicht so klug, da Sie dies
noch wnschen sollten. Sie frchten sich, Sie glauben nicht daran, der
Umfang schreckt Sie. Und warum sollen sie Dummkpfe sein? Dabei sind sie
gar nicht mal solche Dummkpfe! Heutzutage hat niemand seinen eigenen
Verstand. Heutzutage gibt es berhaupt furchtbar wenig eigenen Verstand.
Wirginski ist der reinste Mensch, viel reiner als solche wie wir,
zehnmal reiner. Doch lassen wir ihn beiseite, was geht er uns an.
Liputin ist ein Spitzbube, aber ich kenne seine Achillesferse. Es gibt
keinen Spitzbuben, der nicht eine Achillesferse htte. Nur Lmschin
allein hat keine, dafr ist er ganz in meiner Hand. Und noch ein paar
solcher Gruppen, und ich habe berall Psse und Geld -- beachten wir
schon das allein! Wenn auch nur das allein! -- was? Dazu sichere
Verstecke. Mgen sie dann suchen! _Eine_ Gruppe reit man heraus, und
auf die andere setzt man sich ahnungslos. Wir wiegeln auf ... Hren Sie,
wir machen einen Aufruhr ... Glauben Sie denn wirklich nicht, da wir
zwei vollkommen gengen?

Nehmen Sie Schigaleff, mich aber lassen Sie in Ruh ...

Schigaleff ist ein genialer Mensch! Wissen Sie, das ist ein Genie _
la_ Fourier, nur mutiger als Fourier, nur strker als Fourier. Ich werde
mich mit ihm beschftigen. Er hat die >Gleichheit< erdacht!

-- Er hat offenbar Fieber und phantasiert. Es mu etwas ganz Besonderes
mit ihm geschehen sein, dachte Stawrogin und sah ihn noch einmal von
der Seite an. Sie gingen beide, ohne stehen zu bleiben.

In seiner Schrift ist das eine gut, fuhr Werchowenski fort, er hat
die Idee der Spionage. Bei ihm beobachtet innerhalb des Verbandes ein
jeder den anderen, und ist verpflichtet, ihn ntigenfalls anzuzeigen.
Jeder einzelne gehrt allen und alle jedem einzelnen. Alle sind Sklaven
und in der Sklaverei einander gleich. In uersten Fllen Verleumdung
und Mord, -- aber die Hauptsache: Gleichheit! Als erstes senkt sich dann
das Niveau der Bildung, der Wissenschaft und der natrlichen,
angeborenen Begabung. Ein hohes geistiges Niveau ist nur hheren
Begabungen zugnglich -- wir aber brauchen keine hheren Begabungen!
Hhere Begabungen haben stets die Macht an sich gerissen und waren
Despoten. Hheren Begabungen ist es unmglich, nicht Despoten zu sein,
und stets haben sie mehr demoralisiert als Nutzen gebracht; man verjagt
sie deshalb oder man richtet sie hin. Cicero wird die Zunge
abgeschnitten, Kopernikus werden die Augen ausgestochen und Shakespeare
wird gesteinigt -- das ist der Schigalewismus! Sklaven mssen gleich
sein: ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit
gegeben, in der Herde aber mu Gleichheit sein, und da haben Sie den
Schigalewismus! Ha--ha--ha, Ihnen kommt das sonderbar vor? Ich bin fr
den Schigalewismus!

Stawrogin schritt schneller aus, um endlich nach Hause zu kommen. --
Wenn dieser Mensch betrunken sein sollte, wo hat er denn inzwischen
trinken knnen? fuhr es ihm durch den Kopf. Sollte wirklich der eine
Kognak --?

Hren Sie, Stawrogin: Berge zur Ebene machen -- ist ein guter Gedanke,
nicht ein lcherlicher. Ich bin fr Schigaleff! Bildung ist nicht ntig,
von Wissenschaft haben wir genug! Auch ohne Wissenschaft reicht das
Material fr tausend Jahre, aber zuerst mu sich der Gehorsam
durchsetzen. Nur eines ist noch nicht genug vorhanden in der Welt -- und
das ist Gehorsam. Jeder Bildungsdurst ist schon ein aristokratischer
Trieb. Familie, Liebe -- das ist gleich schon Wunsch nach Eigentum. Wir
bringen ihn um, den Wunsch: wir verbreiten Trunksucht, Klatsch,
Angeberei; wir verbreiten unerhrte Demoralisation; wir ermorden jedes
Genie schon als Kind. Alles wird auf einen Nenner gebracht, vollstndige
Gleichheit durchgesetzt. >Wir haben ein Handwerk erlernt und wir sind
ehrliche Leute, weiter brauchen wir nichts< -- diese Antwort haben
krzlich englische Arbeiter gegeben. Unentbehrlich ist nur das
Unentbehrliche, -- das sei die Devise des Erdballs von nun an. Aber auch
Krmpfe sind ntig; dafr werden wir sorgen, die Regenten. Sklaven
mssen Regenten haben. Vollkommener Gehorsam, vollkommene
Unpersnlichkeit, aber einmal in jeden dreiig Jahren gnnt Schigaleff
doch einen Krampf, und dann frit sich alles pltzlich gegenseitig auf,
bis zu einer gewissen Grenze natrlich nur, einzig damit das Leben nicht
zu langweilig wird. Langeweile ist eine aristokratische Empfindung; im
Schigalewismus wird es keine Wnsche geben. Wnsche und Leiden fr uns,
fr die Sklaven aber Schigalewismus.

Sich selbst schlieen Sie aus?

Und Sie. Wissen Sie, zuerst wollte ich die Welt dem Papst geben. Mag er
sich barfu dem Pbel zeigen: >Seht, wozu man mich gebracht hat!< und
alles wird ihm nachlaufen, sogar das Heer. Der Papst oben, wir um ihn
herum und unter uns Schigalewismus. Nur mte sich die Internationale
mit dem Papst einverstanden erklren; was sie auch tun wird. Der Alte
selbst wird natrlich sofort einverstanden sein. Es wird ihm ja auch gar
kein anderer Ausweg brigbleiben, behalten Sie mein Wort, ha--ha--ha,
dumm? Sagen Sie, ist's dumm oder nicht?

Genug, murmelte Stawrogin gergert.

Genug! Hren Sie, ich habe den Papst Papst sein lassen! Zum Teufel mit
dem Papst! Zum Teufel mit dem Schigalewismus! Wir brauchen die brennende
Tagesfrage, aber nicht den Schigalewismus, denn der ist eine
Juwelierarbeit. Schigalewismus ist ein Ideal, kommt erst fr die Zukunft
in Frage. Schigaleff ist ein Juwelier und dumm wie jeder Philantrop.
Doch zunchst tut grobe Arbeit not, Schigaleff aber verachtet die grobe
Arbeit. Hren Sie, der Papst wird im Westen sein, bei uns aber, bei uns
-- sind Sie!

Lassen Sie mich in Ruh, Sie Betrunkener! murmelte Stawrogin und ging
noch schneller weiter.

Stawrogin, Sie sind schn! rief Pjotr Stepanowitsch fast wie in einem
Rausch. Wissen Sie es auch selbst, da Sie schn sind? Das Teuerste an
Ihnen ist, da Sie es zuweilen selbst gar nicht zu wissen scheinen, wie
schn Sie sind. Oh, ich kenne Sie jetzt auswendig! Ich sehe Sie mir oft
heimlich, von der Seite an, aus einem Winkel! In Ihnen ist sogar
Treuherzigkeit und echte Einfalt -- wissen Sie das auch? Ja, noch, noch
sind die in Ihnen! Sie leiden offenbar, und leiden aufrichtig, dank
dieser Treuherzigkeit. Ich liebe die Schnheit! Ich bin ein Nihilist,
aber ich liebe Schnheit! Lieben denn Nihilisten die Schnheit nicht?
Die lieben doch blo Gtzen nicht, nun, ich aber liebe einen Gtzen! Und
Sie, Sie sind mein Gtze! Sie krnken niemanden, und doch werden Sie von
allen gehat. Sie sehen auf alle gleich und doch werden Sie von allen
gefrchtet, und das ist gut. An Sie wird niemand herantreten, um Sie auf
die Schulter zu klopfen. Sie sind ein furchtbarer, ein geborener
Aristokrat. Wenn ein Aristokrat unter die Demokraten geht, ist er
bezaubernd! Ihnen macht es nichts aus, das Leben zu opfern, Ihr eigenes
ebenso wenig, wie das anderer Menschen. Sie sind genau so, wie er sein
mu. Und ich, ich brauche gerade solch einen, wie Sie. Auer Ihnen wte
ich keinen. Sie sind der Anfhrer, Sie sind Sonne, ich aber bin Ihr Wurm
...

Und pltzlich kte er ihm die Hand. Kalt lief es Stawrogin ber den
Rcken und entsetzt ri er seine Hand zurck.

Sie blieben stehen.

Wahnsinniger! murmelte Stawrogin.

Vielleicht bin ich wahnsinnig, vielleicht phantasiere ich im Fieber!
hastete Werchowenski weiter in seiner Rede, aber ich habe den ersten
Schritt ausgedacht. Niemals kann Schigaleff den ersten Schritt
ausdenken. Es gibt viele Schigaleffs! Aber nur ein einziger, ein
einziger in ganz Ruland hat den ersten Schritt ausgedacht und wei, wie
man ihn machen mu. Dieser Mensch bin ich. Warum sehen Sie mich so an?
Ich brauche aber Sie, Sie, ohne Sie bin ich eine Null. Ohne Sie bin ich
eine Fliege, eine Idee im Flschchen; ein Kolumbus ohne Amerika!

Stawrogin stand und sah aufmerksam in Werchowenskis sinnlose Augen.

Hren Sie, wir machen zuerst einen Aufruhr, eilte jener wie gehetzt
weiter in seiner Rede, whrend er immer wieder Stawrogins linken rmel
anfate. Ich habe Ihnen schon gesagt: wir dringen unmittelbar ins Volk.
Wissen Sie auch, da wir auch jetzt schon furchtbar stark sind? Unser
sind nicht nur die, die da brennen und morden, oder klassische Schsse
abfeuern oder in Schultern beien. Solche stren nur. Ich verstehe
nichts ohne Disziplin. Ich bin doch ein Betrger, aber kein Sozialist,
ha--ha! Hren Sie, ich habe sie bereits alle zusammengezhlt: der
Lehrer, der mit den Kindern ber ihren Gott und ber ihre Wiege lacht,
ist schon unser. Der Advokat, der den gebildeten Mrder damit
verteidigt, da der Mrder entwickelter gewesen ist, als seine Opfer und
somit, um Geld zu bekommen, unmglich _nicht_ tten konnte, ist schon
unser. Die Schuljungen, die einen Bauern tten, um zu sehen, was man
dabei empfindet, sind unser. Die Geschworenen, die Verbrecher ohne
Ausnahme freisprechen, sind unser. Unser sind Administratoren,
Literaten, oh, unser sind viele, ihrer sind Legion, und sie wissen es
selbst nicht einmal, da sie unser sind! Andererseits hat der Gehorsam
der Schuljungen und Dummkpfe den hchsten Grad erreicht. Bei denen
aber, die sie leiten und lehren sollten, ist nichts als Galle. berall
grenzenlose Ruhmsucht, unerhrte, tierische Genusucht ... Wissen Sie
berhaupt, wie viele wir allein schon mit fertigen Ideechen einfangen?
Als ich Ruland verlie, wtete die These Littrs, nach der Verbrechen
Wahnsinn ist. Ich komme wieder -- und schon ist das Verbrechen nicht
mehr Wahnsinn, sondern gerade der wahre, der einzige Sinn, ist beinahe
Pflicht oder zum mindesten ein edler Protest. -- >Wie soll denn ein
geistig entwickelter Mensch nicht morden, wenn er Geld braucht?< -- Doch
das sind erst kleine Prbchen. Der russische Gott hat vor dem Schnaps
schon die Flucht ergriffen. Das Volk ist betrunken, die Mtter sind
betrunken, die Kinder sind betrunken, die Kirchen sind leer und an den
Gerichtshfen heit es: >zweihundert Rutenstreiche oder schlepp den
Eimer<. Oh, gebt nur dieser Generation Zeit, aufzuwachsen! Der Jammer
ist ja nur, da wir keine Zeit zum Warten haben, sonst knnten wir sie
noch betrunkener werden lassen! Ein Jammer, da wir keine Proletarier
haben! Aber wir werden sie schon bekommen, wir werden schon, denn dazu
fhrt es ...

Ein Jammer gleichfalls, da wir dmmer geworden sind, brummte
Stawrogin und setzte seinen frheren Weg fort.

Hren Sie, ich habe ein sechsjhriges Kind gesehen, das seine
betrunkene Mutter nach Hause fhrte, und die schimpfte es noch mit
gemeinen Worten. Sie glauben, da ich mich darber freue? Bekommen wir
es in die Hnde, so werden wir es vielleicht auch gesund machen ... wenn
es ntig ist, treiben wir es auf vierzig Jahre in die Wste hinaus ...
Aber eine oder zwei Generationen mit unerhrter Sittenverderbnis sind
jetzt unbedingt ntig: vertierte Sitten, gemeine, schndliche Sitten, so
da der Mensch sich in einen einzigen widrigen, feigen, grausamen,
selbstschtigen Ekel verwandelt -- das ist es, was ntig ist! Und dann
ein bichen >frisches Blut<, damit er sich daran gewhnt. Warum lachen
Sie? Ich widerspreche mir nicht. Ich widerspreche nur den Philantropen
und dem Schigalewismus, aber nicht mir! Ich bin ein Betrger, aber kein
Sozialist. Ha--ha--ha! Schade nur, da wir so wenig Zeit haben. Ich habe
Karmasinoff versprochen, im Mai zu beginnen und zum Oktober zu beenden.
Schnell -- wie? Ha--ha! Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde,
Stawrogin: im russischen Volk hat es bis jetzt noch keinen Zynismus
gegeben, wenn es sich auch mit gemeinen Worten zu schimpfen pflegte.
Wissen Sie auch, da dieser leibeigene Sklave sich mehr achtete, als
Karmasinoff sich achtet? Er wurde gedroschen, aber er stand fr seinen
Gott ein, Karmasinoff aber steht nicht fr seinen Gott ein.

Nun, Werchowenski, ich hre Sie zum ersten Male, und hre Sie mit
Verwunderung, sagte Stawrogin, Sie sind also wirklich kein Sozialist,
sondern ein politischer ... Streber?

Ein Betrger, ein Betrger. Macht Ihnen das Sorge, was ich eigentlich
bin? Ich werde Ihnen sogleich sagen, wer ich bin, darauf komme ich
jetzt. Habe Ihnen doch nicht umsonst die Hand gekt. Aber es ist ntig,
da auch das Volk es glaubt, da wir wissen, was wir wollen, und da
jene nur mit der >Keule fuchteln und die Eigenen schlagen<. Ach, nur
Zeit! Der einzige Jammer ist blo der, da wir keine Zeit haben! Wir
verknden die Zerstrung ... warum nur, warum ist diese Idee so
bezaubernd? Aber man mu, man mu die Knochen gelenkig machen. Wir legen
Feuer an ... Wir verbreiten Legenden ... Hierbei wird uns jede kleine
rudige >Gruppe<, jedes Hufchen zu statten kommen. Ich kann Ihnen aus
diesen Gruppen solche Jger heraussuchen, die zu jedem Schu bereit sind
und fr die Ehre noch ewig dankbar bleiben. Und dann beginnt der
Aufruhr! Ein Schaukeln hebt an und gert in Schwung, wie's die Welt
bisher noch nie gesehen hat! ... Verfinstern wird sich Ruland und
weinen wird die Erde nach den alten Gttern ... Und dann, dann bringen
wir ... Wen?

Wen?

Den Zarewitsch Iwan!

We--en?

Den Zarewitsch Iwan; Sie, Sie!

Stawrogin dachte einen Augenblick nach.

Einen Usurpator? fragte er pltzlich und sah mit tiefer Verwunderung
den Verzckten an. Ah, also das ist Ihr Plan!

Wir sagen zuerst, da er sich >verbirgt<, flsterte leise wie ein
Liebesgestndnis Werchowenski, der in der Tat wie betrunken war. Wissen
Sie auch, was dieses Wrtchen bedeutet: >er verbirgt sich<? >Aber er
wird kommen, er wird kommen!< sagen wir. Die Legende, die wir
verbreiten, wird besser sein, als die der Skopzen.[47] Er ist da -- aber
noch hat ihn niemand gesehen. Oh, was fr eine Legende wir zuraunen
knnen! Doch die Hauptsache -- eine neue Kraft kommt! Gerade die aber
tut ja not, gerade nach einer solchen sehnt man sich ja weinend! Was ist
denn der Sozialismus: er hat ja nur alte Krfte zerstrt, neue aber
nicht gebracht. Hier dagegen ist's eine Kraft, und noch was fr eine!
Eine noch nie dagewesene! Wir brauchen ja nur fr einmal den Hebel, um
die Erde aufzuheben. Alles wird sich erheben!

So haben Sie im Ernst auf mich gerechnet? fragte Stawrogin ironisch.

Warum lachen Sie und warum lachen Sie so boshaft? Erschrecken Sie mich
nicht. Ich bin jetzt wie ein Kind, man kann mich zu Tode erschrecken,
schon allein mit solch einem Lcheln. Hren Sie, ich werde Sie niemandem
zeigen, niemandem: so mu es sein. Er ist da, aber keiner hat ihn
gesehen. Er verbirgt sich. Oder wissen Sie, einem kann man Sie auch
zeigen, von je Hunderttausend nur einem. Und ber die ganze Erde hin
wird es heien: >Wir haben ihn gesehen, gesehen!< Haben doch die Leute
den Iwan Filippowitsch,[48] ihren Zebaoth, den Herrn der Heerscharen,
>gesehen<, wie er im Wagen gen Himmel fuhr vor allen Menschen, haben es
>mit _eigenen_ Augen gesehen<. Sie aber sind nicht nur ein Iwan
Filippowitsch: Sie sind schn, sind stolz wie ein Gott, mit der Aureole
des Opfers, wollen nichts fr sich selbst, und >verbergen< sich. Die
Hauptsache ist die Legende! Sie werden alle besiegen, Sie sehen sie nur
einmal an und siegen. Er bringt die neue Wahrheit und -- >verbirgt<
sich. Und mittlerweile verbreiten wir ein paar Salomonische Aussprche.
Haben ja die Gruppen, die >Fnfer< -- brauchen keine Zeitungen! Wenn von
zehntausend Bitten nur eine einzige erfllt wird, so kommen alle mit
Bitten. In jedem Kreise wird jeder Bauer wissen, da da in einem
gewissen Baumstamm eine Hhlung ist, in die man Bittschriften
hineinlegen kann. Und die ganze Erde jauchzt auf: >Das neue gerechte
Gesetz kommt zu uns!< und das Meer gert ins Wogen und die Schaubude
strzt, -- dann aber werden wir daran denken, wie wir ein steinernes
Gebude errichten! Zum erstenmal! Denn bauen werden _wir_, nur wir, wir
allein!

Raserei! murmelte Stawrogin.

Warum, warum wollen Sie nicht? Frchten Sie sich etwa? Ich habe doch
gerade deshalb Sie erwhlt, weil Sie nichts frchten. Unvernnftig, wie?
Aber ich bin doch vorlufig noch Kolumbus ohne Amerika -- ist denn
Kolumbus ohne Amerika vernnftig?

Stawrogin schwieg. Sie waren bei dem Hause angelangt und blieben an der
Vorfahrt stehen.

Hren Sie, Werchowenski beugte sich zu seinem Ohr, ich mache es Ihnen
ohne Geld, morgen beende ich es mit Marja Timofejewna ... ohne Geld, und
morgen noch bringe ich Ihnen Lisa. Wollen Sie Lisa, morgen noch?

Sollte er wirklich verrckt geworden sein? fragte sich Stawrogin und
lchelte. Die Tr ffnete sich.

Stawrogin, ist Amerika unser? Werchowenski ergriff zum letztenmal
seine Hand.

Wozu? fragte Stawrogin ernst und streng.

Keine Lust also! -- das konnte ich mir ja denken! stie Pjotr
Stepanowitsch in einem wahren Wutanfall hervor. Aber das lgen Sie ja,
Sie erbrmlicher, ausschweifender, brchiger Herrensohn, ich wei es
besser: Sie haben sogar einen Wolfshunger danach! ... Begreifen Sie
doch, da Ihre Rechnung jetzt schon viel zu gro ist! Und ich kann doch
nicht auf Sie verzichten! Es gibt keinen anderen auf der Welt als nur
Sie! Ich habe Sie mir schon im Auslande ausgedacht; hab's getan, indem
ich Sie sah. Htte ich Sie nicht mit Augen gesehn, aus meiner Ecke, mir
wre auch nichts in den Sinn gekommen! ...

Stawrogin stieg, ohne zu antworten, die Stufen hinan.

Stawrogin! rief ihm Werchowenski nach, -- ich gebe Ihnen noch einen
Tag Bedenkzeit ... nun, zwei ... nun, meinethalben drei! ... Mehr als
drei kann ich nicht, dann aber -- Ihre Antwort!




                          Vierzehntes Kapitel.
             Wie Stepan Trophimowitsch beschlagnahmt wurde


Inzwischen geschah bei uns etwas, das mich zunchst nur in Erstaunen
versetzte, Stepan Trophimowitsch aber erschtterte.

Eines Morgens, noch vor acht Uhr, kam Nastassja, Stepan Trophimowitschs
Mdchen, atemlos zu mir gelaufen, mit der Nachricht, ihr Herr sei
beschlagnahmt worden. Anfangs konnte ich aus ihren Reden berhaupt
nicht klug werden, doch schlielich erfuhr ich immerhin, da Beamte in
der Frhe zu ihm gekommen waren und Papiere beschlagnahmt hatten; diese
hatte dann ein Soldat zu einem Bndel zusammengebunden und auf einer
Schiebkarre weggeschleppt.

Ich eilte sogleich zu meinem Freunde.

Der befand sich in einer sonderbaren Verfassung: er war erschrocken und
erregt, und schien doch zu gleicher Zeit zu triumphieren. Auf dem Tisch
kochte der Samowar und daneben stand ein Glas Tee, das schon des
lngeren eingegossen, doch noch nicht angerhrt war. Stepan
Trophimowitsch ging hin und her, ging rund um den Tisch herum, ging in
alle Winkel des Zimmers, doch augenscheinlich ohne sich ber seine
Bewegungen Rechenschaft zu geben. Als ich kam, war er, wie vormittags
gewhnlich, in seinem roten Morgenrock, doch diesmal ging er, kaum da
er mich erblickt hatte, schnell ins andere Zimmer und zog sich Weste und
Rock an -- was er sonst nie getan hatte, wenn ihn einer seiner nahen
Freunde in diesem Morgenrock antraf. Er ergriff sofort erregt meine
Hand.

_Enfin un ami!_{[126]} (Er atmete tief auf.) _Cher_, ich habe nur zu
Ihnen allein geschickt und sonst wei noch niemand etwas davon. Man mu
Nastassja sagen, da sie die Tren schliet und keinen Menschen
hereinlt, auer natrlich _jene_, falls sie ... _Vous
comprenez?_{[111]}

Er sah mich dabei unruhig an, als ob er eine Antwort erwartete.
Selbstverstndlich begann ich ihn sofort nach dem Vorgefallenen
auszufragen, und so erfuhr ich denn schlielich, nach zahllosen
Unterbrechungen und unntzen Zwischenstzen, da um sieben Uhr morgens
pltzlich ein Gouvernementsbeamter zu ihm gekommen war ...

_Pardon, j'ai oubli son nom. Il n'est pas du pays_, aber ich glaube,
Lembke hat ihn mitgebracht, _quelque chose de bte et d'allemand dans la
physionomie. Il s'appelle_ Rosenthal.{[127]}

Rosenthal? Hie er nicht Blmer?

Blmer? Ja, richtig, Blmer hie er. _Vous le connaissez? Quelque chose
d'hbt et de trs content dans la figure, pourtant trs svre, roide
et srieux._{[128]} Ein Polizeimensch, aber einer von den Ergebenen, _je
m'y connais_.{[129]} Ich schlief noch, und denken Sie sich, er bat mich,
auf meine >Bcher und Manuskripte< einen Blick werfen zu drfen, _oui,
je m'en souviens, il a employ ce mot_.{[130]} Er hat mich nicht
arretiert, sondern nur die Bcher ... _Il se tenait  distance_,{[131]}
und als er seinen Besuch zu erklren begann, da sah er aus, als ob ich
... _enfin il avait l'air de croire que je tomberai sur lui
immdiatement et que je commencerai  le battre comme pltre. Tous ces
gens du bas tage sont comme a_,{[132]} wenn sie es mit einem
anstndigen Menschen zu tun haben. Natrlich begriff ich sofort alles.
_Voil vingt ans que je m'y prpare!_{[133]} Ich ffnete vor ihm alle
Schubfcher und bergab ihm alle Schlssel. Ich bergab sie selbst, ich
habe ihm alles selbst bergeben. _J'tais digne et calme._{[134]} Von
den Bchern nahm er die auslndische Ausgabe Herzens, ein gebundenes
Exemplar der >Glocke<, vier Abschriften meiner Dichtung _et enfin tout
a_.{[135]} Dann noch Papiere und Briefe _et quelques unes de mes
bauches historiques, critiques et politiques_.{[136]} Das alles haben
sie dann mitgenommen. Nastassja sagt, der Soldat habe es auf einer
Schiebkarre fortgeschleppt und mit einer Schrze bedeckt. _Oui, c'est
cela_,{[137]} mit einer Schrze.

Das war ja Wahnsinn. Wer htte hier etwas begreifen knnen? Ich suchte
Wesentlicheres aus ihm herauszubekommen. War Blmer ganz allein
erschienen, oder waren, auer dem Soldaten, noch andere mit ihm
gekommen? In wessen Namen? Mit welchem Recht? Wie hatte man so etwas
wagen knnen? Womit hatte er es erklrt?

_Il tait seul, bien seul_, brigens war noch jemand _dans
l'antichambre, oui, je m'en souviens, et puis_{[138]} ... brigens, ich
glaube, es war auerdem noch jemand da, und im Vorzimmer stand eine
Wache. Man mu Nastassja fragen. Die hat das alles besser gesehen.
_J'tais surexcit, voyez-vous. Il parlait, il parlait ... un tas de
choses_{[139]} ..., brigens, nein, er sprach sehr wenig, ich war es
eigentlich, der immer sprach ... Ich habe ihm mein ganzes Leben erzhlt,
natrlich nur unter diesem Gesichtswinkel ... _J'tais surexcit, mais
digne, je vous l'assure._{[140]} Ich frchte brigens, da ich, ich
glaube wenigstens, geweint habe. Die Schiebkarre haben sie vom Krmer
nebenan genommen ...

Aber wie hat sich das alles nur zutragen knnen! So sprechen Sie doch
um Gottes willen etwas genauer, Stepan Trophimowitsch. Das ist doch ein
Traum, den Sie da erzhlen!

_Cher_, ich bin auch selbst noch wie im Traum ... _Savez-vous! Il a
prononc le nom de Teliatnikoff_,{[141]} und ich glaube, gerade dieser
war es, der sich im Vorzimmer versteckte. Ja, da fllt mir ein, er
schlug einen Zeugen vor, und ich glaube, eben diesen Dmitri Mitritsch
... _qui me doit encore quinze roubles de Whist, soit dit en passant.
Enfin, je n'ai pas trop compris._{[142]} Aber ich war noch schlauer als
sie, und was geht mich Dmitri Mitritsch an! Ich habe, glaube ich, sehr
gebeten, da niemand etwas davon erfahre, sehr gebeten, sehr, frchte
sogar, da ich mich erniedrigt habe, _comment croyez-vous? Enfin il a
consenti_{[143]} ... Nein, warten Sie, da fllt mir ein, das war er
selbst, der darum bat, denn er sei nur gekommen, um zu >besehen<, sagte
er, _et rien de plus_,{[144]} und weiter nichts ... und da, falls man
nichts findet, auch nichts weiter geschehen wird. So haben wir denn auch
alles beendet _en amis, et je suis tout--fait content_.{[145]}

Aber ich bitte Sie, er hat Ihnen doch einfach die in solchen Fllen
blichen Garantien angeboten, und Sie -- Sie haben ihn noch selbst davon
abgebracht! rief ich in freundschaftlichem Unwillen.

Nein, es ist schon besser so, ohne Garantien. Und wozu ein Skandal?
Lieber so lange es noch geht _en amis_ ... Sie wissen doch, wenn man in
der Stadt erfhrt ... _mes ennemis ... et puis  quoi bon ce procureur,
ce cochon de notre procureur, qui deux fois m'a manqu de politesse et
qu'on a ross  plaisir l'autre anne chez cette charmante et belle
Natalia Pawlowna, quand il se cacha dans son boudoir. Et puis, mon
ami_,{[146]} widersprechen Sie mir nicht und entmutigen Sie mich nicht,
ich bitte Sie, denn es gibt nichts Unertrglicheres, als wenn ein Mensch
schon unglcklich ist und ihm dann hundert Freunde sofort noch erklren,
wie dumm er gehandelt hat. Setzen Sie sich und trinken Sie Tee. Ich mu
gestehen, ich bin sehr mde geworden ... sollte ich mich nicht hinlegen
und eine Essigkompresse machen? Was meinen Sie?

Aber selbstverstndlich, sagte ich, und besser noch eine mit Eis. Sie
sind sehr aufgeregt. Sie sind ja ganz bleich und Ihre Hnde zittern.
Legen Sie sich hin, erholen Sie sich und sprechen Sie vorlufig nicht.
Ich werde mich zu Ihnen setzen und warten. Und nachher knnen Sie mir
dann alles erzhlen.

Doch er konnte sich noch nicht entschlieen, sich hinzulegen, ich aber
bestand darauf. Nastassja brachte Essig in einer Tasse, ich feuchtete
ein Handtuch damit an, das ich ihm dann auf den Kopf legte. Darauf
kletterte Nastassja auf einen Stuhl und schickte sich zu meiner nicht
geringen Verwunderung an, in der Ecke vor dem Heiligenbilde das Lmpchen
anzuznden. Noch nie hatte ich frher ein Lmpchen bei ihm gesehen und
nun war es pltzlich da und wurde sogar angezndet.

Das habe ich vorhin angeordnet, gleich nachdem sie fortgegangen waren,
sagte Stepan Trophimowitsch leise zu mir und sah mich dabei schlau an,
_quand on a de ces choses-l dans sa chambre et qu'on vient vous
arrter_,{[147]} so macht das unbedingt einen guten Eindruck und die
mssen dann doch aussagen, da sie gesehen haben ...

Als Nastassja mit dem Lmpchen fertig war, ging sie zur Tr, blieb aber
dort stehen, legte mitleidig die rechte Hand an die Wange und begann,
ihn mit bekmmertem Blick anzusehen.

_Eloignez-la_ unter irgendeinem Vorwand, winkte er mir vom Diwan zu.
Kann dieses russische Mitleid nicht ausstehen, _et puis a
m'embte_.{[148]}

Doch sie ging schon von selbst hinaus. Es fiel mir auf, da er immer
wieder zur Tr blickte und zum Vorzimmer hinhorchte.

_Il faut tre prt, voyez-vous_, (er sah mich dabei bedeutungsvoll an)
_chaque moment_{[149]} knnen sie kommen, einen festnehmen und huitt --
weg ist ein Mensch!

Herrgott! Wer kann kommen? Wer kann Sie festnehmen?

_Voyez-vous, mon cher_,{[150]} ich habe ihn ganz einfach gefragt, als
er schon fortgehen wollte: was wird man jetzt mit mir machen?

Htten Sie doch lieber gleich gefragt, wohin man Sie verschicken will!
rief ich unwillig.

Das meinte ich ja auch damit, aber er ging fort und sagte nichts.
_Voyez-vous_: was die Wsche anbetrifft, die Kleider, die warmen Kleider
besonders, ich glaube, das kann man schon mitnehmen, denke ich, doch
vielleicht schicken sie einen auch im Soldatenmantel fort. Aber ich habe
fnfunddreiig Rubel (er senkte pltzlich die Stimme und blickte
ngstlich nach der Tr, durch die Nastassja hinausgegangen war)
heimlich durch die Westentasche, die ich ein bichen aufgeschnitten
habe, in die Weste hineingesteckt, sehen Sie hier, fhlen Sie ... Ich
glaube, die Weste werden sie mir doch nicht ausziehen, u--und zum Schein
habe ich in mein Portemonnaie sieben Rubel gelegt >alles, sozusagen, was
ich habe<. Und hier im Tisch ist noch Kleingeld und Kupfergeld, so da
sie gar nicht auf den Gedanken kommen werden, da ich noch Geld
versteckt habe. Sie werden glauben, das sei wirklich alles. Denn Gott
mag wissen, wo ich heute noch nchtigen werde.

Mir sank der Kopf auf die Brust ob solchem Wahnsinn. So, wie er es
wiedergab, konnte man doch weder einen Menschen verhaften, noch
Haussuchungen vornehmen. Da er sich irgendwie tuschte, auch ber das,
was geschehen war, daran zweifelte ich jetzt nicht mehr. Allerdings
hatte man ihm (nach seinen eigenen Worten) ein gesetzmigeres Vorgehen
zugedacht, er aber war _noch schlauer_ gewesen und hatte das selbst
verhindert ... Freilich geschah das damals noch vor den neuen
diesbezglichen Gesetzen ... und freilich durfte damals, also noch vor
kurzem, der Gouverneur in uersten Fllen ... Aber was konnte denn hier
fr ein uerster Fall vorliegen?

Es ist bestimmt ein Telegramm aus Petersburg gekommen, sagte pltzlich
Stepan Trophimowitsch.

Ein Telegramm! Ihretwegen? Weil Sie Herzens Bcher besitzen? Oder gar
wegen Ihres Poems? Sie scheinen ja wirklich krank zu sein -- was fr
einen Grund kann man denn deshalb haben, _Sie zu arretieren_?

Wer kann das wissen, in unserer Zeit, warum man arretiert wird?
flsterte er rtselhaft.

Ein unglaublicher, unmglicher Gedanke fuhr mir durch den Kopf.

Stepan Trophimowitsch, sagen Sie mir jetzt einmal wie einem Freunde,
rief ich, wie einem aufrichtigen, treuen Freunde, ich werde Sie nicht
verraten: gehren Sie nicht irgendeinem geheimen Verbande an?

Und da antwortete er mir zu meiner Verwunderung keineswegs sicher und
bestimmt, ob er zu solch einem geheimen Verbande gehrte oder nicht
gehrte. Ich wurde nicht klug daraus.

Ja, _voyez-vous_, es kommt darauf an, wie man's nimmt. _Voyez-vous_
...

Wie man was >nimmt<?

Wenn man immer mit dem ganzen Herzen fr den Fortschritt gewesen ist,
und ... wer kann denn sicher sein? Du glaubst, da du nicht gehrst, und
siehe da, du gehrst schlielich doch zu irgend etwas.

Wie ist das mglich, hier handelt es sich doch nur um ja oder nein?

_Cela date de Ptersbourg_,{[151]} als wir beide dort das Blatt grnden
wollten. Da steckt die Wurzel. Wir drckten uns damals und man verga
uns: jetzt aber haben sie sich wieder unserer erinnert. _Cher, cher_,
kennen Sie mich denn nicht! rief er pltzlich krankhaft erregt. Man
wird uns festnehmen, in einen Bauernschlitten setzen und dann: marsch
nach Sibirien frs ganze Leben! Oder man vergit uns in einer
Kasematte!

Und pltzlich begann er heie, heie Trnen zu weinen. Er bedeckte die
Augen mit seinem seidenen Taschentuch und weinte und schluchzte ungefhr
fnf Minuten lang. Ich konnte es nicht mit ansehen. Dieser alternde
Mann, der jetzt zwanzig Jahre lang unser Freund und Lehrer, unser
Patriarch gewesen war, der sich so hoch ber uns allen zu halten
verstanden hatte: der weinte pltzlich wie ein kleiner, ungezogener
Junge, der den Stock, nach dem der Lehrer gegangen ist, frchtet.
Grenzenlos tat er mir leid. An den Bauernschlitten glaubte er
sicherlich eben so fest, wie daran, da ich neben ihm sa -- und
erwartete ihn womglich sofort, in der nchsten Minute schon. Und alles
das fr den Besitz der Werke Herzens oder irgendein eigenes Poem! Solch
eine vollkommene Unkenntnis der alltglichen Wirklichkeit war rhrend
und gleichzeitig doch auch widerlich.

Endlich hrte er auf zu weinen, erhob sich vom Diwan und ging wieder im
Zimmer auf und ab. Sein Gesprch setzte er ebenso unzusammenhngend
fort, wie zuvor; dabei blickte er jeden Augenblick zum Fenster hinaus
oder horchte, ob nicht jemand ins Vorzimmer trat. Alle meine
Beteuerungen und Beruhigungen sprangen von ihm ab wie Erbsen von der
Wand. Er hrte mir kaum zu, und hatte es dabei doch ersichtlich
furchtbar ntig, da ich ihn beruhigte. Er sprach denn auch beinahe nur
in dieser Absicht. Ich sah bald ein, da er jetzt ohne mich nicht
auskommen konnte, mich jedenfalls um keinen Preis jetzt von sich
gelassen htte. So blieb ich denn bei ihm und wir verbrachten ungefhr
zwei Stunden miteinander.

Im Laufe des Gesprchs bemerkte er, da Blmer unter anderem auch zwei
Proklamationen, die er bei ihm irgendwo gefunden hatte, mitgenommen
habe.

Proklamationen!? Ich erschrak dummerweise. Sind Sie denn ...

Ach, man hat mir einmal zehn Stck ins Haus geworfen, antwortete er
gergert. (Er sprach bald ungehalten und hochmtig mit mir, bald klagend
und erniedrigt.) Aber acht hatte ich schon beseitigt und Blmer hat nur
noch zwei gefunden.

Und pltzlich errtete er vor Unwillen.

_Vous me mettez avec ces gens-l!_{[152]} Sie halten es also fr
mglich, da ich zu diesen Schuften, diesen heimlichen Zusteckern
gehren knnte, zu solchen, wie mein Shnchen Pjotr Stepanowitsch einer
ist, _avec ces esprits-forts de la lchet_!{[153]} O Gott!

Ja, aber sollte man Sie nicht vielleicht irgendwie verwechselt haben
... brigens, Unsinn, nein, das kann nicht sein!

_Savez-vous_, entri es sich ihm pltzlich, ich fhle zuweilen, _que
je ferai l-bas quelque esclandre_.{[154]} Oh, gehen Sie nicht fort,
lassen Sie mich um Gottes willen nicht allein! _Ma carrire est finie
aujourd'hui, je le sens._{[155]} Ich ... wissen Sie, ich werde mich
vielleicht auch auf jemanden strzen und beien, wie jener Leutnant ...

Er sah mich ganz sonderbar an, mit einem erschrockenen Blick, der aber
zu gleicher Zeit auch selbst erschrecken zu wollen schien. Tatschlich
rgerte er sich ber irgendwen oder irgendetwas immer mehr, und zwar um
so mehr, je lnger der Bauernschlitten auf sich warten lie.

Pltzlich warf Nastassja, die aus der Kche ins Vorzimmer gegangen war,
dort einen Kleiderhalter um. Stepan Trophimowitsch fuhr erschrocken auf
und zitterte: als sich dann aber die Sache aufklrte, da schrie er sie
an vor Wut, und jagte sie, mit den Fen trampelnd, wieder zurck in die
Kche.

Nach einiger Zeit sagte er, indem er mich verzweifelt anblickte:

Ich bin verloren! _Cher_ -- er setzte sich pltzlich neben mich und
sah mir traurig, unsglich traurig, doch mit unverwandtem Blick, in die
Augen. _Cher_, ich frchte ja nicht Sibirien, ich schwre es Ihnen, oh,
_je vous jure_,{[156]} ich frchte etwas anderes ... und sogar Trnen
traten ihm in die Augen.

Ich erriet sofort, schon an seinem Mienenspiel, da er mir endlich etwas
Besonderes mitteilen wollte, sich aber bis jetzt noch bezwungen hatte.

Ich frchte die Schande, flsterte er schlielich geheimnisvoll.

Welche Schande? ... Im Gegenteil! Glauben Sie mir doch, Stepan
Trophimowitsch, alles wird sich noch heute aufklren, und zwar zu Ihrem
Vorteil ...

Sind Sie so berzeugt, da man mir verzeihen wird?

Was reden Sie von verzeihen! Was fr Worte Sie da wieder gebrauchen!
Was haben Sie denn begangen? Ich versichere Ihnen doch, Sie haben nichts
getan!

_Qu'en savez-vous_{[157]} ... mein ganzes Leben war ... _Cher_ ... Es
wird ihnen alles von mir einfallen ... Und wenn sie nichts finden, _um
so schlimmer_! fgte er pltzlich berraschend hinzu.

Um so schlimmer?

Um so schlimmer.

Das verstehe ich nicht.

Mein Freund, mein Freund, nun, meinetwegen Sibirien, nach Archangelsk,
Verlust aller Rechte, -- kommt man um, dann kommt man um! Aber ... ich
frchte das andere ... (wieder Geflster, angstvolle Augen und
Geheimtuerei).

Aber was denn, was?

Sie werden mich durchprgeln! flsterte er und sah mich wie verloren
an.

Wer wird Sie durchprgeln? Wo? Warum? rief ich erschrocken, denn ich
glaubte schon, er habe den Verstand verloren.

Wo? Nun da ... wo das gemacht wird.

Ja, wo wird denn das gemacht?

Ach, _cher_, flsterte er mir beinahe schon ins Ohr, pltzlich
verschwindet unter einem ein Stck Diele und man fllt bis zur Hfte in
eine ffnung ... Das wei doch ein jeder ...

Fabeln! rief ich erratend, das sind doch alte Fabeln. Ja, aber haben
Sie denn wirklich bis jetzt an so etwas geglaubt? Ich begann zu lachen.

Fabeln? So ganz grundlos entstehen solche Fabeln doch nicht. Ich hab es
mir schon zehntausendmal in der Phantasie vorgestellt!

Aber warum denn Sie, gerade Sie? Sie haben doch nichts getan?

Um so schlimmer, sie werden einsehen, da ich nichts getan habe, und
prgeln dann erst recht!

Und Sie sind berzeugt, da man Sie zu dem Zweck nach Petersburg
bringen wird?

Mein Freund, ich habe schon gesagt, mir tut nichts mehr leid, _ma
carrire est finie_.{[158]} Seit jener Stunde in Skworeschniki, als sie
sich von mir verabschiedete, tut es mir um mein Leben nicht mehr leid
... aber die Schande, die Schande, _que dira-t-elle_,{[159]} wenn sie es
erfhrt?

Verzweifelt sah er mich an und -- der Arme! -- errtete ber und ber.
Ich senkte gleichfalls die Augen.

Sie wird nichts erfahren, denn man wird Ihnen nichts tun. Es ist mir,
als ob ich zum erstenmal mit Ihnen sprche, Stepan Trophimowitsch,
dermaen haben Sie mich heute in Erstaunen gesetzt.

Mein Freund, das ist doch keine Furcht. Nun, mgen sie mir da
meinetwegen auch verzeihen, mich sogar wieder herbringen und mir auch
sonst nichts antun -- aber gerade hier bin ich ja dann verloren! _Elle
me souponnera toute sa vie_{[160]} ... mich, mich, den Dichter, den
Denker, den Menschen, den sie zweiundzwanzig Jahre lang angebetet hat!

Wird ihr gar nicht einfallen.

Es wird, wird! flsterte er in tiefer berzeugung. Wir haben beide
mehreremal darber gesprochen, in Petersburg, bevor wir fortfuhren, als
wir beide frchteten. _Elle me souponnera toute sa vie_ ... und wie sie
berzeugen? Es wird alles so unwahrscheinlich klingen. Ja, und wer wird
mir denn hier in der Stadt glauben? _C'est invraisemblable ... Et puis
les femmes_{[161]} ... Sie wird sich freuen. Sie wird sehr betrbt sein,
sogar aufrichtig betrbt, wie ein treuer Freund, aber, im geheimen --
wird sie sich freuen ... Ich gebe ihr eine Waffe gegen mich frs ganze
Leben. Oh, vernichtet ist es jetzt, mein ganzes Leben! Zwanzig Jahre ein
so groes Glck mit ihr ... und nun dies!

Er bedeckte sein Gesicht mit den Hnden.

Stepan Trophimowitsch, sollten Sie nicht Warwara Petrowna sofort von
dem Vorgefallenen benachrichtigen? schlug ich vor.

Gott soll mich davor bewahren! -- er fuhr zusammen und sprang sogar
auf. Auf keinen Fall, niemals, nach dem, was in Skworeschniki gesagt
worden ist, nie--mals!

Seine Augen blitzten pltzlich.

Wir saen, glaube ich, noch eine gute Stunde und warteten immer noch auf
irgendetwas -- es war das schon zu einer fixen Idee geworden. Er legte
sich wieder hin, schlo sogar die Augen und lag ungefhr zwanzig Minuten
ganz still, ohne ein Wort zu sprechen, so da ich bereits glaubte, er
sei eingeschlafen. Pltzlich aber erhob er sich jh, ri das Handtuch
vom Kopf, sprang vom Diwan auf und strzte zum Spiegel, um sich sofort
eine neue weie Krawatte umzubinden, rief mit Donnerstimme Nastassja und
befahl, ihm seinen Mantel, Hut und Stock zu geben.

Ich kann's nicht mehr aushalten, sagte er, ich kann nicht, ich kann
nicht! ... Ich gehe selbst.

Wohin? Auch ich sprang auf.

Zu Lembke. _Cher_, ich mu, es ist meine Pflicht. Ja, meine Pflicht.
Ich bin ein Brger und ein Mensch, aber kein Strohhalm, ich habe Rechte,
ich will mein Recht ... Ich habe zwanzig Jahre lang meine Rechte nicht
mehr gefordert, ich habe sie mein ganzes Leben lang unverzeihlich
vergessen ... aber jetzt werde ich sie verlangen. Er mu mir alles
sagen, alles. Er hat gewi ein Telegramm erhalten. Er darf mich nicht
qulen. Wenn schon, denn schon -- dann soll er mich lieber sofort
verhaften, verhaften, verhaften!

Er schrie die letzten Worte mit einer Stimme, die sich berschlug, und
stampfte mit den Fen.

Ich gebe Ihnen vollkommen recht, sagte ich absichtlich so ruhig wie
nur mglich, obgleich ich nicht wenig fr ihn frchtete. Das ist
wirklich besser, als mit einer solchen Sorge stillzusitzen. Nur Ihre
ganze Stimmung kann ich nicht loben. Sehen Sie doch im Spiegel, wie Sie
aussehen. Wie knnen Sie denn so zu Lembke gehen? _Il faut tre digne et
calme avec Lembke._{[162]} Man knnte Ihnen jetzt wirklich zutrauen, da
Sie sich auf jemanden werfen und ihn beien!

Ich liefere mich selbst aus! Ich gehe freiwillig in den Rachen des
Lwen ...

Ich gehe natrlich mit Ihnen.

Anderes habe ich von Ihnen auch nicht erwartet, ich nehme Ihr Opfer an,
als Opfer eines treuen Freundes, aber nur bis zum Hause, nur bis zum
Hause: denn Sie drfen nicht, Sie haben nicht das Recht, sich noch
weiter mit mir zu kompromittieren. _O, croyez-moi, je serai calme!_ In
diesem Augenblick fhle ich mich _ la hauteur de tout ce qu'il y a de
plus sacr_{[163]} ...

Ich werde mit Ihnen vielleicht auch ins Haus gehen, unterbrach ich
ihn. Gestern hat mich nmlich dieses dumme Komitee durch Wyssotzki
benachrichtigt, da man morgen zum Fest auf mich rechnet: als Anordner,
oder wie sie da ... ich soll einer von den sechs jungen Herren sein, die
nach den Teebrettern sehen, den Damen den Hof machen, den Gsten die
Pltze aufsuchen und dabei eine weirote Schleife an der linken Schulter
tragen mssen. Ich wollte zuerst abschlagen -- aber warum soll ich jetzt
nicht zum Gouverneur gehen, unter dem Vorwande, die Angelegenheit mit
Julija Michailowna selbst besprechen zu wollen? So gehen wir denn beide
zusammen.

Er hrte zu und nickte nur mit dem Kopf, doch wahrscheinlich hatte er
nichts verstanden.

Wir standen schon an der Tr.

_Cher_, rief er pltzlich und streckte die Hand zu der Ecke aus, in
der das Lmpchen brannte, _cher_, ich habe nie an das da geglaubt, aber
... lassen Sie mich, lassen Sie! und er bekreuzigte sich.
_Allons!_{[164]}

-- Ist recht so, dachte ich bei mir, als ich nach ihm aus dem Hause
trat, unterwegs wird noch die frische Luft gut tun, wir werden uns
beruhigen, wieder nach Hause kommen und uns schlafen legen ...

Ich hatte aber die Rechnung ohne Stepan Trophimowitsch gemacht. Gerade
unterwegs geschah etwas, das ihn noch mehr erschttern sollte und ihn
endgltig vorwrts trieb ... so da ich, ich mu gestehen, eine solche
Khnheit, wie er sie an diesem Morgen zeigte, von unserm Freunde gar
nicht erwartet htte. Mein armer Freund! Mein guter, lieber Freund!




                          Fnfzehntes Kapitel.
               Die Flibustier. Der verhngnisvolle Morgen


                                   I.

Das Erlebnis, das wir unterwegs hatten, war gleichfalls eines von den
sonderbaren. Doch ich mu wohl alles in derselben Reihenfolge erzhlen,
in der es sich zugetragen hat. Ungefhr eine Stunde bevor wir, Stepan
Trophimowitsch und ich, aus dem Hause traten, schob sich durch die
Stadt, von vielen neugierig betrachtet, ein Menschenhaufe von etwa
siebzig oder mehr Mann: es waren Arbeiter der Spigulinschen Fabrik. Sie
zogen ruhig, wrdevoll, fast stumm und absichtlich in der strengsten
Ordnung durch die Straen. Spter wurde behauptet, da diese Leute als
Abgesandte der etwa neunhundert Arbeiter, die es im ganzen in der Fabrik
gab, sich tatschlich nur aufgemacht htten, um beim Gouverneur ihr
Recht zu suchen, da der Fabrikdirektor in Abwesenheit der Besitzer sie
bei der Entlassung und Abrechnung schmhlichst betrogen hatte -- eine
Tatsache, die heute keinem Zweifel mehr unterliegt. Andere behaupten
freilich, da siebzig Mann viel zu viel fr eine Schar Abgesandte
gewesen seien, und da der Haufe aus den am meisten Geschdigten
bestanden habe, die auf diese Weise einfach fr sich selbst htten
bitten wollen; -- jedenfalls aber will niemand von den siebzig einen
allgemeinen Arbeiter-Aufstand zugeben, von dem die Zeitungen hernach
so fettgedruckt zu erzhlen wuten. Wieder andere behaupten, diese
siebzig Mann seien allerdings keine gewhnlichen, dafr aber
politische Aufstndische gewesen -- und natrlich schieben dann
diejenigen, welche die Sache so ansehen, mit Vorliebe die Schuld auf die
in den vorhergegangenen Tagen heimlich zugesteckten Proklamationen. Aber
wie dem auch sein mag (denn klar ist man sich bis heute noch nicht
darber), meiner eigenen Meinung nach hatten die Arbeiter diese
zugesteckten Bltter berhaupt nicht gelesen, oder wenn doch, sie dann
gar nicht verstanden, aus dem einfachen Grunde, weil die Verfasser
derselben, trotz der Aufdringlichkeit ihres Stils, sich uerst unklar
ausdrcken. Da aber die Arbeiter bei der Abrechnung wirklich schndlich
betrogen worden waren, und die Polizei, an die sie sich zuerst wandten,
sich weiter nicht mit ihnen einlassen wollte, -- was war da
naheliegender, als selbst in hellem Haufen zum Gouverneur zu ziehen,
wenn mglich gar mit einer Aufschrift, die ihre Wnsche in Devisenform
aussprach und an der Spitze vorangetragen wurde, sich vor dem
Gouverneursgebude aufzustellen, um dann, wenn der Gefrchtete erschien,
sogleich auf die Knie zu fallen und ein Gejammer wie zur heiligen
Vorsehung selber zu erheben? Es ist meine feste berzeugung, da es sich
nur darum und um nichts anderes handelte, zumal das ein uraltes und lang
berliefertes Mittel ist: das russische Volk hat von jeher ein Gesprch
mit dem General selber allen anderen Verhandlungen vorgezogen -- und
zwar eigentlich allein schon um der Ehre willen, ganz gleichgltig,
womit das Gesprch endete. So fest bin ich davon berzeugt, da ich
glaube, da selbst Pjotr Stepanowitsch, Liputin und vielleicht noch
jemand, sagen wir Fedjka, die heimlich mit den Fabrikarbeitern
gesprochen hatten (wie sich dies jetzt mit ziemlicher Sicherheit
herausgestellt hat), doch weiter keinen Einflu auf diesen Gang zum
Gouverneur ausgebt haben knnen, -- abgesehen davon, da es berhaupt
nur zwei, drei, hchstens fnf Arbeiter gewesen sind, mit denen sie
nachweisbar gesprochen haben. Was aber den Aufstand betrifft, so
werden wohl die Arbeiter, selbst wenn sie etwas von politischer
Propaganda verstanden htten, solchen geheimen Agitatoren doch kein
Gehr geschenkt und ihr Gerede berhaupt nicht ernst genommen haben.
Eine einzige Ausnahme machte hchstens Fedjka: diesem scheint es
allerdings geglckt zu sein, und besser als Pjotr Stepanowitsch, mit den
Arbeitern in vertrauliche Beziehung zu treten, denn an dem Brand in der
Stadt, der in der bernchsten Nacht ausbrach, sind, wie man jetzt
bestimmt wei, im Bunde mit Fedjka noch zwei Fabrikarbeiter beteiligt
gewesen. Und rechnet man dazu noch drei andere Arbeiter, die ein paar
Wochen spter in der nahen Kreisstadt verhaftet wurden, weil sie
ebenfalls Feuer angelegt und geraubt hatten, so waren es im ganzen doch
erst nur fnf von der Spigulinschen Fabrik, die man von anderer Seite
verfhrt und aufgestachelt hatte.

Aber wie es sich damit nun auch verhalten mag, jedenfalls durchzogen die
siebzig oder mehr Arbeiter die Stadt, stellten sich schlielich in aller
Ordnung auf dem Platz vor dem Hause des Gouverneurs auf und sahen dann
mit offenen Mulern wartend auf die Vorfahrt. Der Gouverneur war aber
gerade nicht anwesend. Wie ich spter gehrt habe, htten sie schon
gleich, nachdem sie sich geordnet, die Mtzen abgezogen -- etwa eine
halbe Stunde bevor Herr von Lembke dann auf dem Schauplatz erschien. Die
Polizei zeigte sich natrlich sofort: zuerst nur in einzelnen
Vertretern, dann aber bald in mglichst geschlossenen Trupps. Man ging
streng und drohend vor und befahl auseinander zu gehen. Die Arbeiter
standen aber wie eine Herde Schafe, die am Zaun angelangt ist, und
antworteten nur lakonisch, sie seien zum General selber gekommen --
kurz, man begegnete fester Entschlossenheit. Da hrte denn das
Anschreien auf, Nachdenklichkeit trat an seine Stelle, geheimnisvoll
geflsterte Anordnungen und strenge, geschftige Sorge, die die hheren
Polizeibeamten die Augenbrauen zusammenziehen lie. Der Polizeimeister
zog es vor, statt irgendwelche Maregeln zu ergreifen, doch lieber die
Ankunft von Lembkes abzuwarten. Sonst pflegte der Polizeimeister bei
solchen Gelegenheiten mit seiner Troika zum Entzcken aller Kaufleute
stets in vollem Galopp anzufahren, und womglich in die Ansammler mitten
hinein: diesmal aber tat er es nicht, wenn er auch beim Abspringen nicht
ohne ein krftiges Wort, das geeignet war, seine Popularitt zu
erhalten, auskommen konnte. Doch es ist entschieden nicht wahr, da man
Soldaten herbeigerufen und von irgendwoher telegraphisch Artillerie und
Kosaken erbeten htte: das sind Mrchen, an die jetzt niemand mehr
glaubt. Unsinn ist gleichfalls, da man die Feuerwehr gerufen habe und
mit der Spritze gegen das angesammelte Volk vorgegangen sei. Ilja
Iljitsch schrie einfach im Eifer, da ihm kein einziger trocken aus dem
Wasser kommen solle -- und daraus hat man dann wahrscheinlich die
Feuerwehrspritze gemacht, die auch in den Nachrichtenteil der
Petersburger Zeitungen berging. Das einzig Richtige ist, da man die
Arbeiter sofort mit allen nur verfgbaren Polizisten umstellte, whrend
nach von Lembke, der vor einer halben Stunde nach Skworeschniki gefahren
war, sofort der zweite Polizeioffizier mit der Troika des
Polizeimeisters geschickt wurde.

Immerhin mu ich gestehen, da mir noch eines unerklrlich scheint: wie
kam es, wie war es mglich, da man eine ruhige Versammlung gewhnlicher
Bittsteller so ohne weiteres und vom ersten Augenblick an gleich fr
einen politischen Aufstand halten konnte, der alles umzuwerfen drohte?
Warum glaubte von Lembke selber nichts anderes, als er dreiig Minuten
spter mit dem Polizeioffizier eintraf? Am wahrscheinlichsten ist noch
(doch das ist wieder nur meine eigene Meinung), da Ilja Iljitsch, unser
Polizeimeister, es einfach am allervorteilhaftesten und zweckmigsten
fand, die Sache so und nicht anders aufzufassen, zumal er sich vor zwei
Tagen whrend eines Gesprchs mit von Lembke berzeugt hatte, wie fest
sein Vorgesetzter an eine baldige Wirkung der Proklamationen und an die
Spigulinsche soziale Gefahr glaubte, so da denn unser schlauer Ilja
Iljitsch beim Fortgehen hndereibend bei sich dachte: Will sich in
Petersburg auszeichnen, wrde ihm leid tun, wenn sich alle Gefahr als
Unsinn erweisen sollte -- nun, mir soll's recht sein ... werde danach
vorkommendenfalls zu handeln wissen.

Der arme Andrei Antonowitsch htte freilich in Wirklichkeit um alles in
der Welt keinen Aufstand gewnscht, nicht einmal um der persnlichen
Auszeichnung willen. Er war ein ungewhnlich pflichttreuer Beamter, der
sich bis zu seiner Verheiratung seine Unschuld bewahrt hatte. Und war er
denn daran schuld, da statt des stillen, geruhigen Postens und des
unschuldigen Mienchens, die er sich ertrumt, die vierzigjhrige
Frstentochter ihn zu sich erhoben hatte? Ich wei mit aller Sicherheit,
da gerade an diesem verhngnisvollen Morgen die ersten deutlichen
Anzeichen eben jenes Zustandes bei ihm zutage traten, der ihn dann in
das bekannte Schweizer Sanatorium gebracht hat, wo er jetzt, wie
verlautet, wieder zu Krften kommt. Gibt man aber zu, da sich schon an
diesem Morgen gewisse Anzeichen bemerkbar machten, -- nun, so kann man,
meiner Meinung nach, nur annehmen, da bei ihm auch schon am Tage vorher
nicht alles ganz in Ordnung gewesen ist. Ich wei es zudem dank der
intimsten Mitteilungen ... (nun, nehmen Sie meinetwegen an, Julija
Michailowna htte mir spter selbst, doch nicht mehr triumphierend,
sondern _fast_ schon bereuend -- eine Frau bereut nie ganz -- einen Teil
dieser Geschichte erzhlt) -- ich wei also, da in der Nacht vorher, um
etwa drei Uhr morgens, Andrei Antonowitsch seine Gemahlin pltzlich
aufgeweckt und von ihr verlangt hat, da sie sein Ultimatum anhre.
Die Forderung war dermaen bestimmt gestellt worden, da Julija
Michailowna sich gezwungen sah, sich tatschlich zu erheben, trotz ihres
Unwillens und der Papilloten im Haar, um auf dem Diwan Platz zu nehmen
und ihren Herrn Gemahl anzuhren, wenn auch mit einem sarkastischen
Lcheln, aber immerhin anzuhren. In dieser Nacht begriff sie zum
erstenmal, wie weit es mit ihrem Mann schon gekommen war -- und sie
erschrak. Nun htte sie sich eigentlich auch besinnen und erweichen
lassen mssen -- sie aber verbarg sozusagen ihren Schreck vor sich
selber und wurde noch eigensinniger. Sie hatte (wie offenbar jede Frau)
einen besonderen Trick, ihren Mann zu rgern: Julija Michailowna pflegte
nmlich in solchen Fllen verchtlich zu schweigen, und zwar nicht nur
zwei oder drei Stunden lang, sondern mitunter ganze vierundzwanzig oder
gar dreimal vierundzwanzig Stunden hintereinander, wenn's ihr einmal
darauf ankam. Sie schwieg dann, als ob Gott sie von Kindesbeinen an mit
Stummheit und Taubheit geschlagen htte, sie schwieg zu allem, was er
auch sprechen mochte, sie htte auch geschwiegen, selbst wenn Andrei
Antonowitsch durch das Luftfenster gekrochen wre, um sich vom dritten
Stockwerk auf das Pflaster hinabzustrzen -- sie schwieg ein Schweigen,
das fr einen gefhlvollen Menschen wirklich unertrglich war. Wollte
sie ihn nun fr seine in den letzten Tagen begangenen Fehler und seinen
eiferschtigen Neid als Gouvernementsherrscher auf ihre administrativen
Fhigkeiten strafen? war sie nun unwillig ber seine Kritik ihres
Verhltnisses zu unserer Gesellschaft und besonders zu der Jugend, ohne
ihre feinen und weitsichtigen politischen Ziele zu verstehen? oder war
es seine krnkende unsinnige Eifersucht auf Pjotr Stepanowitsch? --
Kurz, wie dem auch war, jedenfalls entschlo sie sich auch jetzt nicht,
nachzugeben, ungeachtet dessen, da es schon drei Uhr morgens war und
Andrei Antonowitsch sich tatschlich in ungewhnlicher Erregung befand.
Er ging in ihrem teppichbelegten Boudoir hin und her und rund herum, und
schttete alles, alles aus, was sich in seinem Herzen angesammelt hatte,
denn es war, wie er sagte, schon ber die Grenzen gegangen. Er begann
damit, da alle ber ihn lachten und ihn an der Nase fhrten. Was
scheren mich die Ausdrcke, schrie er, als er ihr Lcheln bemerkte,
meinetwegen mag das nicht ganz wrtlich sein, dieses >an der Nase<,
aber wahr ist es doch! ... Nein, meine Gndige, jetzt ist der Augenblick
gekommen. Jetzt handelt es sich nicht mehr um spttisches Lcheln und
Weiberkoketterie. Wir sind jetzt nicht im Boudoir einer Zierdame,
sondern wir sind wie zwei abstrakte Wesen im ... sagen wir in einem
Luftballon, um uns die Wahrheit zu sagen. (Er verhaspelte sich
natrlich ein wenig, doch das machte weiter nichts, da er nicht immer
den richtigen Ausdruck fr seine an sich ganz richtigen Gedanken fand.)
Sie, meine Gndige, Sie sind es, die mich aus meinem frheren Stande
herausgerissen hat. Diesen Posten habe ich nur Ihretwegen angenommen, um
Ihren Ehrgeiz zu befriedigen ... Sie lcheln spttisch? Triumphieren Sie
nicht, noch ist es dazu zu frh! Wissen Sie, meine Gndige, ich knnte
mit diesem Posten vorzglich fertig werden, und nicht nur mit diesem
allein, sondern noch mit weiteren zehn, denn ich besitze Fhigkeiten ...
aber mit Ihnen, meine Gndige, in Ihrer Gegenwart -- kann man mit
_nichts_ fertig werden, mit Ihnen zusammen, meine Gndige, habe ich
keine Fhigkeiten mehr! Zwei Mittelpunkte knnen nicht nebeneinander
sein. Sie aber haben zwei zustande gebracht -- einen bei mir und den
anderen bei sich im Boudoir -- zwei Zentren der Macht, meine Gndige:
aber ich werde das nicht mehr erlauben, hren Sie, ich werde das nicht
lnger dulden!! Im Dienst wie in der Ehe ist nur ein Zentrum mglich,
zwei aber sind ein Ding der Unmglichkeit ... Womit lohnen Sie es mir?
rief er pltzlich gereizt. Unsere Ehe bestand bis jetzt nur darin, da
Sie mir tglich, stndlich bewiesen, da ich nichtig, dumm und sogar
gemein sei, und da ich die ganze Zeit gezwungen war, Ihnen
erniedrigenderweise zu beweisen, da ich nicht nichtig und gar nicht
dumm bin und, was die Gemeinheit angeht, sogar alle durch meinen Edelmut
in Erstaunen setze. Sagen Sie mir doch bitte: ist das denn nicht
erniedrigend? und zwar fr beide Teile? Hier begann er mit beiden Fen
auf dem Teppich zu trampeln, so da Julija Michailowna gezwungen war,
sich in strenger Wrde aufzurichten. Da wurde er sofort ganz still,
verfiel aber nun ins Gefhlvolle und begann zu schluchzen (jawohl, zu
schluchzen) und schlug sich vor die Brust, und das dauerte wohl ganze
fnf Minuten, whrend welcher Zeit das unerschtterliche Schweigen
seiner Gattin ihn vollends um seine Fassung brachte, -- bis er
schlielich das Falscheste tat, was er tun konnte: er gestand ihr, da
er auf Pjotr Stepanowitsch eiferschtig war. Doch fast im selben
Augenblick erriet er schon, da er damit eine grenzenlose Dummheit
begangen hatte, und wurde geradezu tierisch wild. Im Jhzorn schrie er
alles Mgliche, schrie Ich erlaube nicht, Gott zu verstoen! werde
Ihren unverzeihlichen gottlosen Salon in alle Winde auseinanderjagen!
ein Gouverneur mu an Gott glauben und folglich auch seine Frau! Sie,
Sie, meine Gndige, gerade Sie mten schon um der eigenen Wrde willen
fr Ihren Mann stehen, selbst wenn er gar keine Fhigkeiten htte (dabei
habe ich aber Fhigkeiten!) und whrenddessen sind gerade Sie der Grund,
da man mich hier verachtet, gerade Sie haben diese Auffassung von mir
allen beigebracht! ... Er schrie, er werde die ganze Frauenfrage
vernichten, er werde dieses bldsinnige Fest fr die Gouvernanten -- die
der Teufel holen solle! -- morgen noch untersagen, und die erste
Gouvernante, die ihm in den Weg komme, von Kosaken aus dem
Gouvernement jagen lassen. Absichtlich, absichtlich! schrie er.
Wissen Sie auch, da Ihre Nichtsnutze die Fabrikarbeiter aufhetzen und
da ich das wei? Wissen Sie auch, da diese selben jungen Leute
_absichtlich_ Proklamationen verbreiten, ab--sicht--lich!? Wissen Sie
auch, da ich die Namen von vier solchen Banditen kenne und da ich den
Verstand verliere, endgltig, endgltig den Verstand!!! ... Nun aber
brach Julija Michailowna pltzlich ihr Schweigen und erklrte streng,
sie wte selbst schon lngst, was fr verbrecherische Absichten gehegt
wrden, da aber dies alles nur Dummheiten seien, die er viel zu ernst
nhme, und was die unartigen Jungen betrfe, so kenne sie nicht nur vier
Namen, sondern alle. (Das log sie.) Im brigen aber habe sie deswegen
noch lange nicht die Absicht, ihren Verstand zu verlieren, an den sie
jetzt mehr denn je glaube, und ihr groes Ziel sei, alles in Harmonie
aufzulsen: die Jugend zu ermutigen, sie zur Einsicht zu bringen,
pltzlich und unerwartet diesen Jnglingen zu erffnen, da alle ihre
Absichten bereits bekannt seien, und sie dann auf neue Ziele und eine
vernnftige, segensreiche Ttigkeit hinzuweisen.

Doch was geschah nun mit Andrei Antonowitsch! Als er erfuhr, da Pjotr
Stepanowitsch ihn wieder bertlpelt und sich offen ber ihn lustig
gemacht, da er ihr weit mehr und viel frher als ihm alles mitgeteilt
hatte, und schlielich, da vielleicht gerade Pjotr Stepanowitsch der
Urheber aller verbrecherischen Absichten war -- da geriet er einfach
auer sich. So wisse denn, du einfltiges, hmisches Frauenzimmer,
schrie er, gleichsam alle Ketten sprengend, wisse denn, da ich deinen
verchtlichen Liebhaber im Augenblick noch verhaften lasse, ihn in
Ketten lege und in eine Kasematte werfe, oder -- sofort unter deinen
Augen aus dem Fenster auf die Strae springe! Auf diese Tirade aber
antwortete Julija Michailowna, fahl vor rger, mit einem langen, hellen
Gelchter, einem Gelchter mit Abstufungen und Anschwellungen, genau,
aber genau so wie im franzsischen Theater die fr hunderttausend Francs
engagierte Pariser Schauspielerin zu lachen pflegt, wenn ihr Mann es
wagt, sie der Untreue zu verdchtigen. Von Lembke strzte zum Fenster,
pltzlich aber blieb er wie angewachsen stehen, faltete die Hnde auf
der Brust und blickte sich totenbleich mit Unheil verkndendem Blick
nach der Lachenden um: Weit du, weit du, Jul ... murmelte er
atemlos, mit beschwrender Stimme, weit du, ich kann mir wirklich
etwas antun! Aber dem neuen, noch strkeren Gelchter, das diesen
Worten folgte, hielt er nicht mehr stand: er bi die Zhne zusammen,
sthnte und pltzlich strzte er sich -- nicht aus dem Fenster, sondern
-- auf seine Frau, ber der er die Faust erhob! Doch er lie sie nicht
sinken, nein, dreimal nein; aber er verging auf der Stelle. Ohne die
Fe unter sich zu spren, strzte er in sein Zimmer, wo er sich, so wie
er war, in den Kleidern auf das Bett warf und den Kopf in die Decke
wickelte. So lag er zwei Stunden lang -- ohne Schlaf, ohne Gedanken, mit
einem Stein auf dem Herzen und mit stumpfer, unbeweglicher Verzweiflung
in der Seele. Hin und wieder erschauerte er am ganzen Krper unter einem
qulenden Schttelfrost. Gedanken hatte er nicht, doch fielen ihm
allerhand unzusammenhngende Sachen ein, die mit seinem jetzigen
Zustande nichts zu tun hatten: so dachte er zum Beispiel an eine alte
Wanduhr, die er vor fnfzehn Jahren in Petersburg besessen hatte und von
der der groe Zeiger abgefallen war ... oder an seinen lustigen Freund
Milbois -- wie dieser einmal mit ihm im Alexanderpark einen Sperling
gefangen und darauf furchtbar ber diesen Jungenstreich gelacht hatte,
als es ihnen pltzlich einfiel, da der eine von ihnen schon
Kollegien-Assessor war. Erst gegen sieben Uhr morgens schlief er
langsam ein, ohne es selbst zu merken, und schlief ruhig und mit
wundervollen Trumen. Erst gegen zehn Uhr erwachte er, besann sich,
sprang pltzlich wild auf und schlug sich mit der Hand vor die Stirn:
jh war ihm alles wieder eingefallen. Weder das Frhstck, noch Blmer,
noch der Polizeimeister, noch Beamte mit Meldungen wurden vorgelassen,
von all dem wollte er nichts mehr wissen -- lief vielmehr wie von Sinnen
in die Gemcher seiner Frau. Dort aber sagte ihm Sophia Antropowna, eine
adlige alte Frau, die schon lange bei Julija Michailowna lebte, da
diese bereits vor einer Stunde mit einer ganzen Gesellschaft, in nicht
weniger als drei Equipagen, nach Skworeschniki zu Warwara Petrowna
Stawrogina gefahren sei, um dort die Sle zu besichtigen, da man das
zweite Fest, das in zwei Wochen stattfinden sollte, dort zu arrangieren
beabsichtigte, und der heutige Besuch schon vor drei Tagen mit Warwara
Petrowna verabredet worden war. Bestrzt kehrte Andrei Antonowitsch in
sein Arbeitszimmer zurck und befahl sofort, die Pferde anzuschirren.
Kaum hielt er es aus, so lange zu warten, bis der Wagen vorfuhr. Seine
Seele sehnte sich nach Julija Michailowna -- nur sehen wollte er sie,
nur ein paar Minuten lang bei ihr sein! Vielleicht wird sie ihm einen
Blick schenken? ihm zulcheln wie frher? und ihm verzeihen? Oh -- oh!
Wo bleiben denn die Pferde! Mechanisch schlug er ein dickes Buch auf,
das auf dem Tisch lag (es kam vor, da er zuweilen so ein Buch befragte,
indem er es aufs Geratewohl aufschlug und dann auf der rechten Seite die
ersten drei Zeilen las). Sein Blick fiel auf den Satz: _Tout est pour
le mieux dans le meilleur des mondes possibles._{[165]} _Voltaire_,
_Candide_. Er spuckte wtend aus und eilte die Treppe hinab zum
vorgefahrenen Wagen. Nach Skworeschniki! befahl er. Der Kutscher
erzhlte spter, der Herr habe ihn die ganze Zeit zu schnellerem Fahren
angetrieben, bis er pltzlich, als sie sich dem Herrenhause nherten,
befahl, umzukehren und in die Stadt zurck zu fahren. Schneller,
schneller! habe er auch dann noch ununterbrochen gerufen. Doch als wir
uns dem Stadtwall nherten, erzhlte der Kutscher, da befahl der Herr,
wieder anzuhalten, stieg dann aus und ging aufs Feld, ich dachte ... aus
irgendeinem Grunde ... -- aber nein, er blieb mitten im Feld stehen und
begann die Blmchen zu besehen ... so stand er dann lange Zeit, so da
ich gar nicht mehr wute, was ich denken sollte. Ich erinnere mich noch
des Wetters an jenem Morgen: es war ein kalter und klarer, doch windiger
Septembertag. Vor Andrei Antonowitsch, der vom Wege aufs Feld getreten
war, lag die herbe Landschaft der kahlen Felder, von denen das Getreide
schon lngst fortgeschafft war; der rauschende Wind schaukelte noch hier
und da armselige Stiele vergilbter Feldblumen ... Wollte er vielleicht
sich und sein Schicksal mit den sprlichen, von Wind und Frost schon
siechen und zerzausten Feldblumen vergleichen? Das glaube ich nicht. Ja,
ich bin sogar berzeugt, da Lembke die Blumen kaum bemerkt hat, da er
vielmehr alles, was er tat, ganz gedankenlos tat. Doch was man
jedenfalls mit Sicherheit wei, ist nur, da jener Polizeioffizier des
ersten Stadtreviers, der ihm mit dem Wagen des Polizeimeisters
nachgeschickt ward, den Gouverneur unterwegs tatschlich mit einem
Strau gelber Blmchen in der Hand antraf. Dieser Polizeioffizier, --
Wassilij Iwanowitsch Flibustjeroff mit Namen, ein Beamter mit
Begeisterung fr seinen Beruf -- war auch erst seit kurzer Zeit in
unserer Stadt, doch hatte er sich nichtsdestoweniger durch seinen
unmigen Diensteifer und seinen angeboren unnchternen Zustand schon
allgemein bekannt gemacht. Kaum hatte er den Gouverneur erblickt, als er
sofort aus dem Wagen sprang, um, ohne Rcksicht auf das Blumenbukett,
sofort zu melden:

Exzellenz, in der Stadt ist Aufruhr.

Wie? fragte Andrei Antonowitsch, mit strengem Gesicht sich umwendend,
doch ohne jedes Erstaunen, ganz wie er gewhnlich in seinem Kabinett zu
fragen pflegte.

Pristaff des ersten Reviers, Flibustjeroff, Exzellenz. In der Stadt ist
Aufruhr!

Flibustier? wiederholte Andrei Antonowitsch nachdenklich.

Zu Befehl, Exzellenz. Die Spigulinschen sind aufstndisch.

Die Spigulinschen! ...

Irgendetwas schien ihm beim Namen Spigulin einzufallen. Er zuckte sogar
zusammen und legte den Zeigefinger an die Stirn: Die Spigulinschen!
Schweigend und immer noch nachdenklich ging er, ohne sich zu beeilen,
zum Wagen zurck, setzte sich und befahl, nach der Stadt zu fahren.
Flibustjeroff fuhr im Wagen des Polizeimeisters hinter ihm her.

Ich glaube, Lembke wird unterwegs unklar an sehr verschiedene Sachen
gedacht haben: doch es ist kaum anzunehmen, da er, als er in die Stadt
einfuhr, irgend eine bestimmte Absicht gehabt, noch sich eine
Vorstellung von dem gemacht habe, was geschehen war. Als er aber
pltzlich auf dem Platz vor dem Gouvernementsgebude die fest und ruhig
wartenden Aufstndischen, die Reihe der Polizisten und den machtlosen
-- vielleicht auch absichtlich machtlosen -- Polizeimeister erblickte,
da strmte ihm alles Blut zum Herzen. Totenbleich stieg er aus dem
Wagen.

Die Mtzen ab! sagte er kaum hrbar und atemlos. Auf die Kniee! rief
er dann pltzlich laut -- am unerwartetsten wohl fr ihn selbst. Und
vielleicht war es gerade diese erschreckende berraschung, die alles
Weitere von selbst nach sich zog, wie auf den Rutschbergen in der
Fastnachtswoche ein Schlitten, der schon hinabsaust, nicht mehr mitten
auf der Strecke stehenbleiben kann. Andrei Antonowitsch hatte sich stets
durch Geistesgegenwart ausgezeichnet; fr solche Menschen aber ist es am
gefhrlichsten, wenn es einmal geschieht, da ihr Schlitten sich auf
irgendeine Weise losreit und den Berg hinabsaust.

Als Lembke aus dem Wagen stieg, drehte sich alles vor seinen Augen.

Flibustier! rief er noch schneidender, fast kreischend und ganz
sinnlos, und seine Stimme brach pltzlich ab. Er stand und wute noch
nicht, _was_ er tun wrde, doch fhlte er mit jeder Fiber, _da_ er
sofort irgend etwas tun werde.

Herrgott! hrte man das Volk murmeln. Ein Arbeiter bekreuzte sich,
drei, vier wollten tatschlich niederknieen, doch da schoben sich die
anderen als ganze Schar um einige Schritte vor, und pltzlich fingen sie
alle auf einmal zu sprechen an: Exzellenz ... General ... riefen sie
durcheinander, wir haben uns verdingt zu vierzig ... der Direktor ...
kannst du nicht ein Wort einlegen ... usw., usw. Man konnte nichts
verstehen.

Der arme Andrei Antonowitsch von Lembke stand wie betubt da, begriff
nichts und hielt immer noch die Blmchen in der Hand. Den Aufruhr
glaubte er jetzt ebenso deutlich vor Augen zu sehen, wie Stepan
Trophimowitsch schon den Bauernschlitten sah, der ihn nach Sibirien
bringen sollte. Und zu alledem kam fr ihn jetzt noch, da er zwischen
der Menge der Aufstndigen, die ihn alle mit Glotzaugen anstarrten,
pltzlich Pjotr Stepanowitsch nur so hin und herspringen und die Leute
aufwiegeln sah, diesen unseligen Pjotr Stepanowitsch, den Lembke seit
dem vergangenen Tage nicht einmal auf eine Minute vergessen konnte, den
er stndig vor Augen hatte, diesen von ihm so gehaten Pjotr
Stepanowitsch.

Ruten! schrie von Lembke pltzlich noch berraschender.

Totenstille trat ein.

Das war der Anfang -- wenigstens soweit mir alles Nhere bekannt
geworden ist und soweit ich selbst manches mir zu erklren vermag. Doch
die weiteren Begebenheiten sind schon viel weniger verbrgt, und auch
ich vermag mir manches nicht recht zu deuten. brigens gibt es noch
einige Tatsachen.

Doch vor allen Dingen kamen die Ruten gar zu schnell: sie waren
augenscheinlich vom ahnungsvollen Polizeimeister schon whrend der
Wartezeit vorbereitet worden. Dann aber wurden nur zwei, hchstens drei,
doch bestimmt nicht mehr, mit Ruten bestraft. Rein erfunden ist es, da
alle oder die Hlfte der Arbeiter durchgeprgelt worden seien. Nicht
wahr ist gleichfalls, da man eine anstndige vorbergehende Dame
ergriffen und gleichfalls durchgeprgelt habe, wie spter eine
Petersburger Zeitung zu berichten wute. Viel wurde ferner von einer
Awdotja Petrowna Tarapygina gesprochen, einer alten Frau aus dem
Armenhause, von der es hie, sie habe, als sie auf dem Heimwege von
einem Besuch in der Stadt auf dem Platz die Menschenmenge erblickte,
sich in verstndlicher Neugier vorgedrngt, und als sie sah, was da
geschah, solch eine Schmach! ausgerufen und dazu ausgespieen. Und
dafr, so hie es, hatte man sie sofort gleichfalls beschlagnahmt.
Dieser Fall wurde nicht nur in den Zeitungen erwhnt, sondern man begann
im Eifer sogar schon fr sie zu sammeln. Auch ich habe zwanzig Kopeken
gestiftet. Doch nun hat es sich herausgestellt, da es eine solche
Tarapygina hier berhaupt nicht gibt! Ich habe mich noch persnlich im
Armenhause am Kirchhof nach ihr erkundigt: dort hat man von einer
Tarapygina nie auch nur etwas gehrt, ja, man war sogar richtig
beleidigt, als ich zur Aufklrung der Sache das erwhnte Gercht
mitteilte. Wenn ich nun dieses leere Gerede hier berhaupt wiedergebe,
so tue ich es nur deshalb, weil mit Stepan Trophimowitsch beinahe
dasselbe geschah (d. h. falls jene Geschichte nicht frei erfunden
gewesen wre). Vielleicht aber ist diese ganze Geschichte von der
Tarapygina nur durch Stepan Trophimowitsch entstanden, oder genauer
ausgedrckt, durch einen kleinen Vorfall, den er heraufbeschwor. Es ist
mir auch heute noch nicht klar, wie es geschah, da Stepan
Trophimowitsch mir pltzlich abhanden kam, kaum da wir auf dem Platz
vor dem Gouvernementsgebude anlangten. Mir ahnte sogleich nichts Gutes
und ich wollte ihn auf einem anderen Wege, nicht ber den Platz,
hinfhren, doch aus Neugier blieb ich einen Augenblick stehen, um mich
bei einem Bekannten zu erkundigen, was hier vorging, -- und da war
Stepan Trophimowitsch pltzlich verschwunden. Mein Instinkt sagte mir
sofort, da er bestimmt an der gefhrlichsten Stelle am ehesten zu
finden sein werde, denn aus einem ungewissen Grunde fhlte ich, da auch
bei ihm der Schlitten sich losgerissen hatte und nun den Rutschberg
hinabflog. Und richtig: er war schon mitten in der Menge. Ich wei noch,
ich erfate schnell seine Hand, doch er sah mich still und stolz, mit
unermelicher berlegenheit an.

_Cher_, sagte er mit einer Stimme, in der etwas wie eine gesprungene
Saite klang, wenn man schon ffentlich hier auf dem Platz so
zeremonielos verfhrt, was soll man dann noch von _diesem_ erwarten ...
wenn er selbstndig handeln drfte?

Und er wies zitternd vor Unwillen, mit dem heien Verlangen, jemanden
herauszufordern, auf den zwei Schritt vor uns stehenden und uns
anstarrenden Flibustjeroff.

_Diesem?_ rief Flibustjeroff sofort zornbebend und es wurde ihm
offenbar dunkel vor den Augen. Was fr einen >diesen<? Wen meinst du
damit hier? wer bist du berhaupt? schrie er uns an, mit geballter
Faust auf uns zutretend. Wer bist du? brllte er wild, bis zur
Tollheit erregt vor Diensteifer und Dnkel (dabei kannte er Stepan
Trophimowitsch von Ansehen sehr gut).

Noch einen Augenblick und der rasende Flibustjeroff htte ihn schon am
Kragen gepackt; doch zum Glck wandte auf das Gebrll hin von Lembke den
Kopf und sah verwundert doch aufmerksam auf Stepan Trophimowitsch: es
war, als ob er nachdachte -- pltzlich aber winkte er ungeduldig mit der
Hand ab und Flibustjeroff stand sofort stramm. Ich zog meinen Freund
schnell aus der Menge. Vielleicht hatte auch er schon genug davon.

Gehen wir nach Hause, sofort, sagte ich in sehr bestimmtem Tone. Wenn
man Sie jetzt nicht geschlagen hat, so verdanken Sie das nur Herrn von
Lembke.

Gehen Sie, mein Freund. Es war unrecht von mir, Sie mit hineinzuziehen.
Sie haben noch eine Zukunft und eine Karriere vor sich, ich aber -- _mon
heure a sonn_.{[166]}

Und er betrat festen Schrittes die Treppe des Gouvernementsgebudes. Der
Portier kannte mich: ich sagte ihm, da wir beide zu Julija Michailowna
wollten. Man fhrte uns in den Empfangssalon, wir setzten uns und
warteten. Ich konnte meinen Freund nicht verlassen, zu sprechen aber,
oder ihn zu bereden, hielt ich jetzt fr berflssig. Er sah aus, wie
ein Mensch, der sich dem Tode frs Vaterland geweiht hat. Wir setzten
uns nicht nebeneinander, sondern er nahm in der einen Ecke Platz und ich
in der gegenberliegenden, die nher zur Eingangstr lag. Sein Blick war
nachdenklich gesenkt, die Hnde sttzte er leicht auf den Silberknopf
seines Stockes und den breitkrmpigen Hut hielt er mde in der linken
Hand. So saen wir an die zehn Minuten.


                                  II.

Pltzlich trat von Lembke, in Begleitung des Polizeimeisters, mit
schnellen Schritten ins Zimmer. Er blickte uns nur zerstreut an und
wollte rechts in sein Arbeitszimmer gehen, doch schon stand Stepan
Trophimowitsch vor ihm und verlegte ihm den Weg. Die hohe Gestalt, ja,
die ganze so anders als die anderen wirkende Erscheinung Stepan
Trophimowitschs machte augenscheinlich Eindruck auf von Lembke: er blieb
stehen.

Wer ist das? murmelte er verwundert. Doch wandte er den Kopf nicht zum
Polizeimeister, sondern sah dabei starr Stepan Trophimowitsch an.

Kollegienassessor Stepan Trophimowitsch Werchowenski, Exzellenz,
antwortete Stepan Trophimowitsch mit einer wrdevoll gemessenen Neigung
des Kopfes.

Seine Exzellenz fuhr fort, ihn anzusehen, doch brigens mit einem
ziemlich stumpfen Blick.

Sie wnschen? fragte er mit dem bekannten Lakonismus der hheren
Vorgesetzten, launisch, ungeduldig sein Ohr zu Stepan Trophimowitsch
wendend, den er wohl fr einen gewhnlichen Bittsteller nahm.

Ein Beamter hat heute im Namen Eurer Exzellenz eine Haussuchung bei mir
vorgenommen: ich wnschte ...

Der Name, der Name? fragte von Lembke ungeduldig, als ob ihm pltzlich
etwas einfiel.

Stepan Trophimowitsch nannte zum zweitenmal und noch wrdevoller seinen
Namen.

A--a--ah! Das ist ... das ist dieses Freidenkernest ... Mein Herr, Sie
haben sich in einer solchen Weise ... Sie sind Professor? Professor?

Ich hatte frher einmal die Ehre, der Jugend einige Kollegs zu lesen,
an der ...schen Universitt.

Der Ju--gend? von Lembke schrak sichtlich zusammen, wenn er auch --
darauf knnte ich wetten -- kaum begriff, worum es sich hier handelte,
noch mit wem er eigentlich sprach.

Das, mein Herr, das lasse ich nicht zu! rief er pltzlich furchtbar
erregt und aufgebracht. Ich dulde keine Jugend! Das sind alles die
Proklamationen. Das ist ein Angriff auf die Gesellschaft, mein Herr! Ein
Angriff zur See! Ist Seeruberei! Flibustjerismus! -- Was wnschen Sie?

Im brigen hat mich noch Ihre Frau Gemahlin gebeten, morgen auf dem
Fest vorzulesen. Ich habe nicht die Absicht, hier um etwas zu bitten.
Ich bin gekommen, um mein Recht zu verlangen ...

Auf dem Fest? Das Fest wird nicht stattfinden! Ich untersage euer Fest!
Kollegs? Kollegs? rief Lembke wie toll.

Ich wrde Sie sehr bitten, ein wenig hflicher mit mir zu sprechen,
Exzellenz, und mich nicht anzuschreien wie einen Schuljungen.

Sie ... vielleicht begreifen Sie, mit wem Sie sprechen? fragte
pltzlich von Lembke errtend.

Vollkommen, Exzellenz.

Ich beschtze mit meiner Person die Gesellschaft, Sie aber wollen sie
zerstren! ... Sie ... brigens, ich erinnere mich jetzt ..., waren Sie
nicht Hauslehrer bei der Generalin Stawrogina?

Ja, ich war ... Hauslehrer bei der Generalin Stawrogina.

Und im Laufe von zwanzig Jahren sind Sie das Treibbeet alles dessen
gewesen, was jetzt ausgebrochen ist ... alle Frchte ... Ich glaube, ich
habe Sie soeben auf dem Platz gesehen. Hten Sie sich, mein Herr, hten
Sie sich! Ihre Gedankenrichtung ist bekannt! Seien Sie berzeugt, da
ich das nicht aus dem Auge lasse! Ich kann Ihre Kollegs nicht gestatten,
mein Herr, ich kann nicht! Mit solchen Bitten wenden Sie sich nicht an
mich.

Und von Lembke wollte wieder in sein Arbeitszimmer treten.

Ich wiederhole, da Sie sich tuschen, Exzellenz: es ist Ihre Frau
Gemahlin, die mich gebeten hat -- nicht ein Kolleg zu lesen, sondern
morgen auf dem Fest etwas Literarisches vorzutragen. Doch jetzt werde
ich mich selbst davon zurckziehen. Meine untertnigste Bitte ist nur,
mir, falls mglich, zu erklren: warum man heute bei mir eine
Haussuchung vorgenommen hat? Man hat mir einige Bcher und Papiere
genommen, mir teure Privatbriefe, und auf einer Schiebkarre durch die
Stadt ...

Wer hat das getan? fuhr Lembke, pltzlich ganz zur Besinnung kommend,
auf und wandte sich hastig zum Polizeimeister.

In diesem Augenblick ffnete sich eine Tr und die lange, plumpe Gestalt
Blmers erschien. Da! dieser selbe Beamte war es, Exzellenz, sagte
Stepan Trophimowitsch schnell, der den Eintretenden sofort bemerkt
hatte.

Blmer trat mit zwar schuldbewutem, doch durchaus nicht nachgiebigem
Ausdruck nher.

_Vous ne faites que des btises!_{[167]} warf ihm von Lembke rgerlich
zu, und pltzlich verwandelte er sich vollstndig, als kme er erst
jetzt vllig zu sich.

Verzeihen Sie ... sagte er ungewhnlich verwirrt zu Stepan
Trophimowitsch und errtete dabei stark, das war alles wahrscheinlich
nur eine Ungewandtheit, ein Miverstndnis ... nur ein Miverstndnis.

Exzellenz, bemerkte Stepan Trophimowitsch, in meiner Jugend war ich
einmal Augenzeuge eines charakteristischen Vorfalls. Im Foyer eines
Theaters trat irgend jemand auf einen Herrn zu und gab ihm vor dem
ganzen Publikum eine schallende Ohrfeige. Gleich darauf bemerkte er, da
der Herr, dem er die Ohrfeige gegeben, durchaus nicht derselbe war, dem
er sie hatte geben wollen, sondern ihm nur hnlich sah, und gergert
sagte er -- dabei eilig, ganz wie ein Mensch, der keine Zeit zu
verlieren hat, -- genau dieselben Worte, die Exzellenz soeben mir zu
sagen beliebten: >Verzeihen Sie ... ich habe mich geirrt, das war ein
Miverstndnis, nur ein Miverstndnis.< Und als der Beleidigte darauf
immer noch gekrnkt war und seiner Emprung Ausdruck gab, da sagte er
schlielich rgerlich: >Aber ich versichere Ihnen doch, da das ein
Miverstndnis war, was schreien Sie hier denn noch<!

Das ... das ist natrlich komisch ... sagte von Lembke und verzog
seinen Mund zu einem Lcheln.

Aber ... aber sehen Sie denn nicht, wie unglcklich ich selbst bin?

Er schrie es beinahe heraus und wollte schon, glaube ich, das Gesicht
mit den Hnden bedecken.

Dieser unerwartete gequlte Ausruf, dieser erstickte Schmerz machten
einen unertrglichen Eindruck. Es war wohl der Augenblick des ersten
Erwachens, des ersten klaren Erkennens alles dessen, was seit dem
vergangenen Tage geschehen war -- und gleich darauf vollstndige,
erniedrigende, sich ergebende Verzweiflung; wer wei, vielleicht htte
er schon im nchsten Augenblick laut geschluchzt. Stepan Trophimowitsch
sah ihn zuerst erschrocken an, dann senkte er pltzlich den Kopf und
sagte mit einer tief mitfhlenden Stimme:

Exzellenz, beunruhigen Sie sich weiter nicht wegen meiner kleinlichen
Klage, und befehlen Sie nur, da man mir meine Bcher und Briefe
zurckschickt ...

Er wurde unterbrochen. Gerade in diesem Augenblick kehrte Julija
Michailowna mit der ganzen sie begleitenden Schar aus Skworeschniki
zurck.


                                  III.

Das erste war, da smtliche Insassen der drei Equipagen fast alle
zugleich in den Salon drngten. Eigentlich ging man in Julija
Michailownas Gemcher unmittelbar vom Vestibl aus nach links; doch
diesmal drngten alle nach rechts in den groen Empfangssalon -- wohl
blo deshalb, weil Stepan Trophimowitsch sich in ihm befand. Davon und
von allem Vorgefallenen wie auch von dem Aufstand der Spigulinschen
Arbeiter waren sie schon durch Lmschin unterrichtet worden. Dieser war
zur Strafe fr irgendeine neue Unart nicht mitgenommen worden -- und so
hatte er, der alles sogleich erfahren und teilweise selbst mit
angesehen, schnell in hmischer Schadenfreude ein altes Kosakenpferd
bestiegen und war der heimkehrenden Kavalkade entgegengeritten.

Julija Michailowna wird, denke ich mir, denn doch einigermaen bestrzt
gewesen sein, trotz ihrer hheren Entschlossenheit, als sie solche
Neuigkeiten vernehmen mute; aber wohl nur auf einen Augenblick. Die
politische Seite der Frage konnte sie nicht weiter beunruhigen, denn
Pjotr Stepanowitsch hatte ihr schon viermal gesagt, da man die
Spigulinschen Frechlinge einfach alle durchprgeln msse: Pjotr
Stepanowitsch aber war seit einiger Zeit eine ungeheuere Autoritt fr
sie. Er wird es mir schon bezahlen mssen, dachte sie bei sich, wobei
das Er sich natrlich auf ihren Mann bezog. Ich mu noch bemerken, da
Pjotr Stepanowitsch gleichfalls an der allgemeinen Ausfahrt nicht
teilgenommen hatte und seit dem frhesten Morgen von niemandem gesehen
worden war. Erwhnen mu ich auch noch, da Warwara Petrowna, nachdem
sie die Gste in Skworeschniki empfangen hatte, mit ihnen zusammen (in
einem Wagen mit Julija Michailowna) in die Stadt zurckgekehrt war, um
an der letzten Sitzung des Komitees teilzunehmen. Natrlich muten die
von Lmschin gebrachten Nachrichten, die Stepan Trophimowitsch betrafen,
sie gleichfalls interessieren, vielleicht aber regten sie sie sogar auf.

Die Heimzahlung, die Julija Michailowna sich vorgenommen hatte, ihrem
Mann zu teil werden zu lassen, begann sofort, als sie in den
Empfangssalon trat: das fhlte Lembke selbst schon nach dem ersten Blick
auf seine schne Gattin. Mit dem offensten, bezauberndsten Lcheln ging
sie schnell auf Stepan Trophimowitsch zu, streckte ihm das elegant
behandschuhte Hndchen entgegen und berschttete ihn mit den
schmeichelhaftesten Worten -- ganz als ob an diesem Vormittage all ihr
Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet gewesen wre, Stepan
Trophimowitsch ihr Entzcken darber auszudrcken, da sie ihn endlich
bei sich begren durfte. ber die Haussuchung verlor sie kein einziges
Wort, nicht eine Silbe, als htte sie berhaupt nichts davon gewut.
Kein Wort an ihren Mann, kein Blick auf ihn -- als wenn er gar nicht
anwesend gewesen wre! Dabei schien ihr das noch nicht einmal genug zu
sein, sie nahm vielmehr Stepan Trophimowitsch einfach fr sich in
Beschlag und fhrte ihn mit sich in die andere Ecke des Salons, was so
viel heien sollte wie: da sie es gar nicht fr wert hielt, da sein
Gesprch mit Lembke, in dem er doch offenbar begriffen gewesen war, zu
Ende gefhrt wurde. Ich glaube, da Julija Michailowna damit trotz ihres
so sicheren Auftretens doch wieder einen Fehler machte. Und hierbei half
ihr dann noch Karmasinoff (der diesmal auf ihre besondere Bitte an der
Fahrt teilgenommen und bei dieser Gelegenheit Warwara Petrowna
gewissermaen doch noch seinen Besuch gemacht hatte, worber diese in
ihrer kleinen Eitelkeit geradezu entzckt war). Karmasinoff trat als
letzter in den Empfangssalon und rief, kaum da er Stepan Trophimowitsch
erblickte, noch in der Tr stehend, sogleich aufs Lebhafteste:

Wieviel Jahre, wieviel Lenze! Endlich ... _Excellent ami!_{[168]}

Und er trippelte auf Stepan Trophimowitsch zu, ohne darauf zu achten,
da er sogar Julija Michailowna unterbrach, und hielt ihm seine Wange
zum Ku hin.

_Cher_, sagte mir Stepan Trophimowitsch noch am selben Abend, als er
ber die Erlebnisse dieses Vormittags sprach, in jenem Augenblick
dachte ich: wer ist nun von uns beiden gemeiner? Er, der mich umarmt, um
mich zu erniedrigen, oder ich, der ich ihn samt seiner Wange verachte
und doch ksse, obgleich ich mich einfach abwenden knnte ... O pfui!

Nun, erzhlen Sie, erzhlen Sie doch alles, was Sie inzwischen erlebt
haben, lispelte Karmasinoff in seiner manierierten Sprechweise, -- als
ob man das ganze Leben von fnfundzwanzig Jahren so einfach vornehmen
und erzhlen knnte. Aber diese trichte Oberflchlichkeit war nun
einmal hherer Ton.

Erinnern Sie sich, wir haben uns zuletzt in Moskau beim Diner zu Ehren
Granowskis gesehen, und seitdem sind vierundzwanzig Jahre vergangen ...
begann Stepan Trophimowitsch ruhig und vernnftig (also sehr wenig im
hheren Tone).

_Ce cher homme_,{[169]} unterbrach ihn Karmasinoff familir mit seiner
kreischenden Stimme und fate ihn mit freundschaftlicher Vertraulichkeit
an der Schulter. Aber Julija Michailowna, so bringen Sie uns doch
schnell zu sich hinber! Dort wird er sich dann hinsetzen und uns alles
erzhlen.

Dabei bin ich mit diesem alten, reizbaren Weibe von Mann nie Freund
gewesen! fuhr am selben Abend Stepan Trophimowitsch zitternd vor Wut
fort, sich bei mir zu beklagen. Damals waren wir noch Jnglinge und
schon damals begann ich, ihn zu hassen ... ganz wie er mich, natrlich
...

Julija Michailownas Salon fllte sich schnell. Warwara Petrowna befand
sich in ganz besonders gespannter Stimmung, wenn sie sich auch
krampfhaft anstrengte, gleichmtig zu erscheinen. Ich bemerkte ein
paarmal ihren gehssigen Blick auf Karmasinoff und manchen bsen Blick
auf Stepan Trophimowitsch -- bse schon im voraus, bse aus Eifersucht,
aus Liebe: htte Stepan Trophimowitsch jetzt in Gegenwart aller schlecht
abgeschnitten oder htte er sich von Karmasinoff irgend etwas bieten
lassen, -- ich glaube, sie wre aufgesprungen und htte ihn womglich
geschlagen.

Ich verga, zu erwhnen, da auch Lisa anwesend war, und noch nie hatte
ich sie frhlicher, sorgloser, glcklicher gesehen. Selbstverstndlich
war auch Mawrikij Nicolajewitsch zugegen. Auerdem bemerkte ich unter
den jungen Leuten, die Julija Michailownas stndiges Gefolge waren und
von denen Zeremonielosigkeit fr Lustigkeit und billiger Zynismus fr
Intelligenz gehalten wurde, zwei oder drei neue Persnlichkeiten:
irgendeinen angereisten, auffallend scharwenzelnden Polen, einen
deutschen Doktor -- ein schon ltlicher Mann, der keinen Augenblick
stillsitzen konnte und laut und mit Genu in jeder Minute ber seine
eigenen Witze lachte -- und irgendeinen sehr jungen Petersburger
Frsten, eine automatische Figur mit Diplomatenhaltung und in furchtbar
hohem Kragen -- ein Gast, den Julija Michailowna augenscheinlich ganz
besonders schtzte und vor dessen Kritik ihr vielleicht sogar bangte,
wenn sie an den Ton in ihrem Salon dachte ...

_Cher monsieur Karmazinoff_, begann Stepan Trophimowitsch, der sich
malerisch auf einen Diwan setzte und pltzlich die Worte ganz wie
Karmasinoff manieriert skandierte, _cher monsieur Karmazinoff_, das
Leben eines Menschen unserer frheren Zeit mu, besonders wenn er
gewisse berzeugungen hat, selbst in einem Zeitraum von fnfundzwanzig
Jahren eintnig erscheinen ...

Der Deutsche lachte schallend, ja geradezu wiehernd auf, wahrscheinlich
in dem Glauben, Stepan Trophimowitsch habe etwas beraus Komisches
gesagt. Dieser sah sich mit ostentativer Verwunderung nach ihm um, doch
auf den Lacher machte er damit gar keinen Eindruck. Der junge Frst sah
sich gleichfalls mitsamt seinem hohen Kragen um und setzte sogar den
Zwicker auf, um den Deutschen besser betrachten zu knnen, blickte aber
dabei, seinem Gesichtsausdruck nach, vllig gleichgltig, ohne jede
Neugier auf ihn.

... eintnig erscheinen, wiederholte Stepan Trophimowitsch
absichtlich. So ist es auch mit meinem Leben in diesem ganzen
Vierteljahrhundert, _et comme on trouve partout plus de moines que de
raison_,{[170]} -- und da ich dem vollkommen zustimme, so scheint es,
da ich in diesen fnfundzwanzig Jahren ...

_C'est charmant, les moines_,{[171]} flsterte Julija Michailowna der
neben ihr sitzenden Warwara Petrowna zu.

Warwara Petrowna antwortete ihr darauf mit einem stolzen Blick.

Karmasinoff aber ertrug den Erfolg der franzsischen Phrase nicht und
fiel mit seiner kreischenden Stimme Stepan Trophimowitsch schnell ins
Wort:

Was mich betrifft, so bin ich in der Beziehung vollkommen beruhigt und
sitze jetzt schon das siebente Jahr in Karlsruhe. Ja, als im vorigen
Jahr der Stadtrat dortselbst beschlo, ein neues Wasserleitungsrohr zu
legen, da fhlte ich in meinem Herzen, da diese Karlsruher
Wasserleitungsfrage mir teurer und lieber war, als die gesamten Fragen
meines lieben Vaterlandes ... wenigstens fr die Zeit der sogenannten
russischen Reformen.

Sehe mich gezwungen, zu gestehen, da ich Ihnen das nachfhlen kann,
wenn auch gegen mein Herz, sagte Stepan Trophimowitsch halb aufseufzend
und senkte vielsagend den Kopf.

Julija Michailowna triumphierte: das Gesprch wurde sowohl tief wie
tendenzis.

Eine Rhre fr den ... Schmutz? erkundigte sich laut der Doktor.

Ein Abzugsrohr, Doktor, ein Abzugsrohr, und ich habe damals selbst
mitgeholfen, das Projekt auszuarbeiten.

Der Doktor lachte wieder schallend auf. Nun begannen auch die anderen zu
lachen, doch lachten sie jetzt schon dem Deutschen offen ins Gesicht,
was dieser aber gar nicht gewahrte -- im Gegenteil, er schien sogar sehr
vergngt darber zu sein, da endlich alle mitlachten.

Erlauben Sie, Ihnen einmal _nicht_ beizustimmen, Karmasinoff, beeilte
sich Julija Michailowna zu bemerken. Ich habe sonst nichts gegen
Karlsruhe, aber Sie lieben zu mystifizieren, und diesmal glauben wir
Ihnen nicht. Welcher russische Schriftsteller hat so viele
zeitgenssische und echt russische Typen geschaffen, ist so vielen
zeitgenssischen und echt russischen Fragen auf den Grund gegangen und
hat so richtig jene Hauptmomente unserer Zeit erkannt, die den Typ des
heute wirkenden Menschen bestimmen, wie gerade Sie, Sie allein von
allen? Und nun, bitte, versuchen Sie uns noch Ihre Gleichgltigkeit
gegen das Vaterland und Ihr ungeheueres Interesse fr die Karlsruher
Leitungsrohrangelegenheit glauben zu machen! Haha!

Ich habe allerdings, begann Karmasinoff geziert, im Typ Pogosheff
alle Fehler der Slawophilen gezeigt und im Typ Nikodimoff alle Fehler
der Westler ...

Als ob er damit wirklich schon _alle_ gezeigt htte! flsterte
Lmschin ganz leise seinem Nachbar zu.

... aber das tue ich nur so nebenbei, nur um die berflssige Zeit
irgendwie totzuschlagen und ... um alle diese aufdringlichen
Anforderungen und Erwartungen meiner Landesgenossen zu befriedigen.

Es wird Ihnen wohl schon bekannt sein, Stepan Trophimowitsch, fuhr
Julija Michailowna ganz bezaubert fort, da wir morgen das Vergngen
haben werden, etwas Wundervolles zu hren ... eine von den letzten und
schnsten Inspirationen Semjon Jegorowitschs -- sein >_Merci_<. Er
kndet in dieser Arbeit an, da er knftig nichts mehr schreiben werde,
unter keiner Bedingung, fr keinen Preis, selbst dann nicht, wenn ein
Engel vom Himmel kme und ihn bte, den unwiderruflichen Entschlu
aufzugeben. Mit einem Wort, er legt jetzt die Feder fr immer aus der
Hand. Und dieses grazise >_Merci_< ist an das Publikum gerichtet, ist
sein Dank fr die unermdliche Begeisterung, mit der es so viele Jahre
lang seine treue Arbeit fr den russischen Gedanken begleitet hat.

Julija Michailowna war auf der Hhe der Seligkeit.

Ja, ich verabschiede mich, ich sage mein >_Merci_< und reise dann weg,
und dort ... in Karlsruhe ... werde ich meine Augen schlieen, bemerkte
Karmasinoff, den das Mitleid mit sich selbst mehr und mehr ergriff.

Wie so viele unserer groen Schriftsteller (und wir haben ungeheuer viel
groe Schriftsteller) konnte er Lobsprche nicht gleichmtig hinnehmen,
sondern wurde ungeachtet seines ganzen Scharfsinnes sofort schwach und
weich. Aber ich denke, das ist am Ende verzeihlich. Erzhlt man doch,
da einer von unseren Shakespeares in einem Privatgesprch ganz offen
gesagt habe: Ja, wir _groen Mnner_, wir usw., und zwar ohne da es
ihm selbst aufgefallen wre.

Ja, dort in Karlsruhe schliee ich dann fr immer meine Augen. Uns
groen Mnnern bleibt ja nichts anderes brig, als, nachdem wir unser
Werk getan, schnell die Augen zu schlieen, ohne noch lange auf Dank zu
warten. So werde auch ich es denn machen.

Geben Sie mir Ihre Adresse, damit ich nach Karlsruhe zu Ihrem Grabe
pilgern kann! rief der Deutsche und lachte selbst malos laut darber.

Jetzt kann man Tote auch mit der Eisenbahn versenden, sagte pltzlich
einer der unbedeutenderen jungen Herren.

Lmschin quiekte nur so vor Vergngen. Julija Michailowna zog, peinlich
berhrt, die Brauen zusammen.

In diesem Augenblick trat Nicolai Stawrogin ein.

Und mir hat man gesagt, Sie wren aufs Polizeibureau gebracht worden?
sagte er, sich gleich an Stepan Trophimowitsch wendend.

Nein, es war im ganzen nur ein ... _bureaukratischer_ Zwischenfall,
antwortete Stepan Trophimowitsch lchelnd.

Ich kann aber versichern, da dieses Miverstndnis auf meine
Veranlassung hin wieder gutgemacht werden wird, griff Julija
Michailowna in das Gesprch ein. Ich denke, da Sie diese
Unannehmlichkeit, die mir jetzt noch unerklrlich ist, nicht weiter
beachten und uns trotzdem das Vergngen bereiten werden, auf der
literarischen Matinee etwas vorzutragen?

Ich wei nicht ... jetzt ... eigentlich ...

Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, ich bin so unglcklich ... und
denken Sie nur, gerade jetzt, wo ich mich am meisten darauf freute,
einen der bemerkenswertesten und unabhngigsten russischen Geister
endlich persnlich kennen zu lernen, uert Stepan Trophimowitsch
pltzlich die Absicht, sich von uns zurckzuziehen.

Das Lob ist ja so laut, da ich es wohl nicht hren soll, bemerkte
Stepan Trophimowitsch, jedes Wort prgend, aber ich glaube nun einmal
nicht, da meine unwichtige Person fr das Fest so unbedingt vonnten
sei. brigens, ich ...

Aber Sie verwhnen ihn mir ja viel zu sehr! rief pltzlich Pjotr
Stepanowitsch, schnell ins Zimmer schwirrend, dazwischen. Kaum habe ich
ihn in die Hand genommen, da, eines Morgens Haussuchung, Arrest, die
Polizei packt ihn am Kragen, und nun verhtscheln ihn die Damen im Salon
unseres Stadtgewaltigen! Na, in ihm mu ja jetzt jeder Knochen vor
Entzcken einfach singen. Hat sich solch ein Benefiz wohl nicht mal
trumen lassen, -- kein Wunder, wenn er da anfngt, die Sozialisten
anzuschwrzen.

Das kann nicht sein, Pjotr Stepanowitsch, der Sozialismus ist ein zu
groer Gedanke, als da Stepan Trophimowitsch das nicht auch einshe,
verteidigte Julija Michailowna den letzteren energisch.

Der Gedanke ist zwar gro, doch seine Verknder sind das nicht immer,
_mais brisons l, mon cher_,{[172]} sagte Stepan Trophimowitsch, sich
mit weltmnnischer Sicherheit vom Platz erhebend, zu seinem Sohn.

Da geschah pltzlich etwas vllig Unerwartetes.

Auch Herr von Lembke war den anderen gefolgt und befand sich gleichfalls
schon seit einiger Zeit im Salon seiner Frau, doch sonderbarerweise tat
man allgemein, als bemerke man ihn nicht, obgleich gewi alle gesehen
hatten, wie er eingetreten war. Aber Julija Michailowna fuhr nun einmal
eigensinnig fort, ihrem Vorsatz getreu, ihn zu ignorieren. Er war nicht
weit von der Tr stehen geblieben und hatte bisher finster, mit strengem
Gesicht, dem Gesprch zugehrt. Als jetzt die Bemerkungen ber die
Vorflle des Morgens fielen, wurde er unruhig, sah pltzlich starr den
jungen Frsten an, dessen steifer Kragen wohl seinen Verdacht erregte.
Da schlug die Stimme des hereinschwirrenden Pjotr Stepanowitsch an sein
Ohr: er zuckte heftig zusammen, -- und kaum hatte Stepan Trophimowitsch
seine Sentenz ber die Sozialisten ausgesprochen, als von Lembke schon
schnurstracks auf ihn zutrat, ohne es zu beachten, da er dabei
Lmschin, der im Wege stand, zur Seite stie. Lmschin sprang natrlich
sofort mit gemachtem und bertriebenem Erstaunen zur Seite, rieb sich
mit verwundertem Gesicht den Arm und tat, als habe von Lembke ihn
wirklich furchtbar verletzt.

Genug! rief dieser, indem er energisch die Hand des erschrockenen
Stepan Trophimowitsch ergriff und sie mit aller Kraft in der seinigen
drckte. Genug, ber die Flibustiers ist das Urteil schon gefllt. Kein
Wort weiter. Ich habe schon Vorkehrungen getroffen ...

Er sprach es laut und schlo mit scharfer Betonung. Der Eindruck, den
seine Worte machten, war ein uerst unangenehmer. Alle fhlten etwas
Unheilvolles in der Luft. Ich sah, wie Julija Michailowna erbleichte.
Der Eindruck wurde durch einen dummen Zufall abgeschlossen. Nachdem
Lembke das von den Vorkehrungen gesagt hatte, wandte er sich schroff um
und schritt schnell zur Tr, doch kurz bevor er sie erreichte, stolperte
er ber einen der Teppiche, klappte mit dem Oberkrper nach vorn und
wre beinahe gefallen. Einen Augenblick stand er stumm da, blickte auf
die Stelle, wo er gestolpert war, sagte laut: Das ist umzustellen, und
verlie das Zimmer. Julija Michailowna erhob sich sofort und ging ihm
eilig nach. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, da sprach und tuschelte
schon alles durcheinander, so da es schwer war, aus dem Gewirr klug zu
werden. Die einen sagten, er sei nervs und berarbeitet; andere
wollten gehrt haben, da er gewissen Anfllen ausgesetzt sei; die
dritten tippten heimlich mit dem Finger an die Stirn, und in einer Ecke,
im Kreise der Jugend, hielt Lmschin sogar zwei Finger wie Hrnchen an
die Stirn. Ja, man machte Andeutungen, munkelte von Familienszenen --
doch sprach man davon selbstverstndlich nicht laut, sondern nur
flsternd. Jedenfalls dachte niemand daran, jetzt fortzugehen; und
vorlufig wartete man. Ich wei nicht, was Julija Michailowna inzwischen
hatte ausrichten knnen, doch schon nach einigen fnf Minuten kam sie
zurck, und man merkte ihr nur an, da sie sich sehr zusammennahm, um
ruhig zu erscheinen. Sie antwortete ausweichend, sagte, Andrei
Antonowitsch sei ein wenig erregt, aber das habe nichts auf sich, das
wiederhole sich bei ihm schon von Kindheit an, sie wisse das alles ganz
genau, und selbstredend werde das Fest morgen ihn wieder erheitern.
Darauf richtete sie noch ein paar schmeichelhafte Worte an Stepan
Trophimowitsch, jedoch nur um der gesellschaftlichen Form willen, und
dann forderte sie mit erhobener Stimme die Mitglieder des Komitees auf,
jetzt sofort mit der Sitzung zu beginnen. Nun erst begannen die anderen
aufzubrechen, doch die beklagenswerten Vorflle dieses verhngnisvollen
Tages waren noch nicht zu Ende ...

Schon in dem Augenblick, als Nicolai Stawrogin eintrat, hatte ich
bemerkt, da Lisa ihn schnell und forschend ansah und dann lange den
Blick nicht von ihm abwandte, so lange nicht, da es bereits auffiel.
Ich sah, wie Mawrikij Nicolajewitsch, der hinter ihrem Stuhle stand,
sich niederbeugte, wie um ihr etwas zu sagen, doch pltzlich seine
Absicht wieder aufgab und sich schnell aufrichtete, worauf er mit
schuldbewutem Blick die Anwesenden berflog. Auch Nicolai Stawrogin
erregte einige Neugier: sein Gesicht war bleicher als sonst und sein
Blick ungewhnlich zerstreut. Nachdem er beim Eintreten seine Frage an
Stepan Trophimowitsch gerichtet hatte, verga er ihn gleich wieder --
ja, ich glaube, verga sogar, zur Hausfrau zu treten. Lisa sah er kein
einziges Mal an, doch nicht etwa, weil er es nicht wollte, sondern weil
er, wie ich mit Sicherheit behaupten kann, auch sie nicht bemerkte. Und
nun, in der Stille, die Julija Michailownas Aufforderung an die
Mitglieder des Komitees folgte, hrten wir pltzlich Lisas klare und
absichtlich laute Stimme:

Nicolai Wszewolodowitsch, mir schreibt irgendein Hauptmann, der sich
fr Ihren Verwandten ausgibt, fr den Bruder Ihrer Frau, ein Hauptmann
namens Lebdkin, fortwhrend unanstndige Briefe, in denen er sich ber
Sie beklagt und sich bereit erklrt, Geheimnisse, die Sie betreffen, mir
mitzuteilen. Wenn Sie tatschlich sein Verwandter sind, so verbieten Sie
ihm doch derlei Beleidigungen und befreien Sie mich von diesen
Belstigungen.

Eine ungeheuere Herausforderung lag in diesen Worten, und das begriffen
alle. Die Beschuldigung lag auf der Hand, wenn sie auch fr sie selbst
vielleicht ganz berraschend kam. Es war, wie wenn ein Mensch die Augen
schliet, die Zhne zusammenbeit und sich vom Dach hinabstrzt.

Doch die Antwort Nicolai Stawrogins war noch sonderbarer. Vor allem war
schon das seltsam, da er durchaus nicht erstaunt oder erschrocken zu
sein schien und Lisa bis zum Schlu mit der ruhigsten Aufmerksamkeit
anhrte. Weder Verwirrung noch Zorn drckte sich auf seinem Gesicht aus.
Und einfach, fest, sogar mit voller Bereitwilligkeit, antwortete er auf
die verhngnisvolle Frage:

Ja, ich habe das Unglck, mit diesem Menschen verwandt zu sein. Ich bin
der Mann seiner Schwester, der geborenen Lebdkina, jetzt schon seit
fast fnf Jahren. Seien Sie versichert, da ich ihm Ihre Forderungen in
krzester Zeit ausrichten werde, und ich verbrge mich dafr, da er Sie
hinfort nicht mehr belstigen wird.

Nie werde ich das Entsetzen vergessen, das sich in Warwara Petrownas
Gesicht ausdrckte. Wie von Sinnen erhob sie sich von ihrem Stuhl und
streckte langsam wie zur Abwehr die rechte Hand vor sich aus. Nicolai
Wszewolodowitsch sah sie an, sah Lisa an, die Zuschauer, und pltzlich
lchelte er mit grenzenlosem Hochmut; und wortlos, ohne sich zu beeilen,
verlie er den Salon. Alle sahen, wie Lisa vom Diwan aufsprang, kaum da
Stawrogin sich zur Tr wandte, und bereits eine Bewegung machte, um ihm
nachzueilen, doch schon im nchsten Augenblick kam sie zur Besinnung und
lief nicht, sondern ging still und leise, gleichfalls ohne ein Wort zu
sagen und ohne jemanden anzusehen, hinaus, natrlich in Begleitung
Mawrikij Nicolajewitschs, der sofort an ihrer Seite war ...

Von der Aufregung und dem Gerede an diesem Abend in der Stadt schweige
ich lieber. Warwara Petrowna hatte sich in ihrem Stadthause
eingeschlossen, und Nicolai Wszewolodowitsch war, wie man zu berichten
wute, ohne die Mutter gesehen zu haben, nach Skworeschniki gefahren.
Stepan Trophimowitsch bat mich am Abend, zu _cette chre amie_{[173]}
zu gehen und anzufragen, ob er nicht zu ihr kommen drfe. Ich wurde aber
nicht empfangen. Er war malos erschttert und weinte sogar. Solch eine
Ehe! Solch eine Ehe! Solch ein Schrecken in der Familie! wiederholte er
einmal ber das andere. Aber zwischendurch gedachte er doch auch
Karmasinoffs und schimpfte furchtbar ber ihn. Zu dem Vortrag, den er
auf der literarischen Matinee am nchsten Tage halten wollte, bereitete
er sich eifrig vor, und -- o knstlerische Natur! -- tat es vor dem
Spiegel. Und er suchte alle geistreichen Bemerkungen und alle Bonmots
zusammen, die er je im Leben gemacht und die er in einem besonderen
Heftchen notiert hatte, um sie nun in seinen Vortrag ber die
Sixtinische Madonna hineinzuflechten. Mein Freund, ich tue das ja nur
fr die groe Idee, sagte er zu mir, offenbar um sich zu rechtfertigen.
_Cher ami_, ich habe mich nach fnfundzwanzigjhrigem Stillsitzen
pltzlich von meinem Platze gerissen und bin losgefahren, wohin -- das
wei ich nicht, aber ich bin losgefahren ...




                          Sechzehntes Kapitel.
                              Die Matinee


                                   I.

Das Fest fand statt, ungeachtet der bedenklichen Ereignisse des
vorhergegangenen Spigulinschen Tages. Ja, ich glaube, selbst wenn
Lembke in der dazwischenliegenden Nacht gestorben wre, htte das Fest
an diesem Vormittage doch seinen Anfang genommen -- eine so groe und
besondere Bedeutung legte ihm Julija Michailowna bei. Zum Unglck blieb
sie bis zum letzten Augenblick in ihrer Verblendung und begriff die
Stimmung der Gesellschaft berhaupt nicht. Zu guter Letzt glaubte
niemand mehr, da der feierliche Tag ohne irgendein ungeheueres Ereignis
vorbergehen werde, oder ohne Entscheidung, wie einige, sich im voraus
die Hnde reibend, sagten. Freilich bemhten sich viele, eine sehr
finstere und politische Miene zur Schau zu tragen; doch -- im
allgemeinen gesprochen -- den russischen Menschen freut nun einmal ber
alle Maen jeglicher ffentliche skandalse Tumult. Allerdings kam bei
uns noch etwas unvergleichlich Ernsteres hinzu, als es bloe
Skandalsucht gewesen wre: es war da eine allgemeine Gereiztheit, etwas
unstillbar Bses; anscheinend hatten alle alles bis zum schrecklichsten
berdru satt. Es hatte sich ein gewisser irrefhrender Zynismus
eingenistet, ein Zynismus, zu dem man sich anstrengte, der einem ber
die eigene Kraft ging. Nur die Damen waren sich ber ihre Gefhle im
klaren, wenn auch nur in einem Punkte, und zwar: in ihrem unbarmherzigen
Ha gegen Julija Michailowna. In diesem Punkte stimmten alle
verschiedenen Richtungen unserer Damenwelt berein. Julija Michailowna
aber ahnte nichts davon und war noch bis zur letzten Stunde berzeugt,
da sie umschwrmt und alle Welt ihr fanatisch ergeben sei.

Ich habe schon erwhnt, da in unserer Stadt mittlerweile verschiedene
sonderbare und befremdliche Gestalten aufgetaucht waren. In den trben
Zeiten des Schwankens oder in Zeiten des bergangs finden sich immer und
berall verschiedene Leutchen ein. Ich rede nicht von den sogenannten
Anfhrern, die stets allen voran (das ist ihre wichtigste Sorge, da
es allen voran geschieht) zu einem -- wenn auch sehr oft allerdmmsten,
so doch immerhin mehr oder weniger bestimmten -- Ziele eilen. Nein, ich
rede nur von dem Gesindel selbst. In jeder bergangszeit pflegt dieses
Gesindel, das in jeder Gesellschaft zu finden ist, sich zu erheben, und
zwar nicht nur ohne ein Ziel, sondern sogar ohne auch nur eine Spur von
einem Gedanken zu haben; statt dessen drckt es aus allen Krften blo
Unruhe und Ungeduld aus. Indes pflegt dieses Gesindel, ohne sich dessen
bewut zu werden, fast immer unter das Kommando jenes kleinen Hufchens
der Anfhrer zu geraten, die mit einem bestimmten Ziel handeln, und
jenes Hufchen lenkt dann diesen ganzen Kehricht wohin es ihm gefllt,
wenn es nur nicht selber aus vollkommenen Idioten besteht, was brigens
auch vorzukommen pflegt. Jetzt, wo alles schon der Vergangenheit
angehrt, sagt man bei uns, die Internationale habe Pjotr Stepanowitsch
gelenkt, dieser aber wiederum Julija Michailowna, von der dann nach
seinem Kommando alle mglichen Leute gelenkt worden seien. Und jetzt
wundern sich alle unsere soliden, klugen Kpfe ber sich selbst: wie
hatten sie damals nur so versagen, so ihre Pflicht verabsumen knnen?
Doch worin nun eigentlich die Unruhe unserer Zeit bestand oder wovon und
zu was es einen bergang bei uns gab -- das wei ich nicht, und ich
denke, das vermag niemand zu sagen, oder hchstens ein paar auswrtige
Beobachter. Indessen war es nicht zu leugnen, da pltzlich die
erbrmlichsten Leutchen ein gewisses bergewicht bekamen, sich u. a.
erlaubten, alles Heilige laut zu kritisieren, whrend sie frher nicht
einmal gewagt htten, auch nur den Mund aufzutun; und die angesehensten
Leute, die bis dahin in so wohltuender Weise die Oberhand gehabt hatten,
begannen pltzlich, diesen Leuten zuzuhren und selber zu schweigen,
manche aber fingen schon an, ihnen schmhlichst und mit schadenfrohem
Grinsen zuzunicken. Irgendwelche Lmschins, Teltnikoffs, kleine
Gutsbesitzer Tentetnikoffs, einheimische Schmutznasen, Radischtscheffs,
wehleidig und hochmtig lchelnde Jdchen, Lachbrder unter angereisten
Reisenden, Dichter mit Grostadtrichtung und Dichter, die sich statt
durch Richtung oder Talent, durch Wamse und Schmierstiefel
auszeichneten, Majore und Obersten, die sich ber die Sinnlosigkeit
ihres Berufs lustig machten und fr einen Rubel mehr sofort bereit
waren, ihren Degen abzulegen und sich als bessere Schreiber in die
Eisenbahnverwaltung zu drcken; Generale, die es vorzogen, Advokaten zu
werden, gerissene Vermittler, vielversprechende Geschftsleute,
unzhlige Seminaristen, Frauen, die die Frauenfrage personifizierten, --
all das bekam bei uns das bergewicht. Und ber wen? ber den Klub, ber
alte Wrdentrger, ber Generale mit Stelzfen, ber unsere strengsten
und unzugnglichsten Damen der Gesellschaft. Wenn schon eine Warwara
Petrowna (bis zu der Katastrophe mit ihrem Sohne) sich derartig von
diesem ganzen Pack ausnutzen und lenken lie, so ist den anderen unserer
Minerven ihre damalige Dummheit, die sich so betlpeln lie, zum Teil
doch wohl verzeihlich. Heute sieht man in alledem, wie ich schon
erwhnte, die Wirkung der _Internationale_. Diese Ansicht hat sich so
festgesetzt, da man in diesem Sinne sogar angereisten Fremden die
Vorgnge erklrt. Und noch krzlich hat der Ratsherr Kubrikoff, ein Mann
von zweiundsechzig Jahren, mit dem Stanislausorden am Halse,
unaufgefordert in berzeugtem Tone gesagt, da er im Laufe von ganzen
drei Monaten unzweifelhaft unter dem Einflu der Internationale
gestanden habe. Als man ihn jedoch, bei aller Achtung, die man seinem
Alter und seinen Verdiensten schuldig ist, bat, sich nher zu erklren,
da konnte er allerdings keinerlei Belege dafr anfhren, auer dem
einen, da er es mit allen Sinnen so empfunden habe. Und berzeugt
blieb er bei seiner Behauptung, so da man schlielich nach Begrndungen
nicht weiter in ihn drang.

Doch ich sage nochmals: eine kleine Gruppe Vorsichtiger, die sich schon
gleich zu Anfang abgesondert hatte, hielt sich dennoch abseits, und zwar
womglich hinter verschlossenen Tren. Doch welches Trschlo hlt dem
Naturgesetz stand? Auch in den vorsichtigsten Familien wachsen genau so
wie in allen anderen Tchter heran, die einmal tanzen wollen. Nun, und
so kam es denn, da auch alle diese Abgesonderten sich zu guter Letzt
gleichfalls in die Liste zum Gouvernantenfest eintrugen. Der Ball sollte
ja so glnzend, so unvergleichlich werden; man erzhlte schon
Wunderdinge, sprach von zugereisten Frsten mit Lorgnettes, von den zehn
Anordnern, lauter jungen Kavalieren, die eine Bandschleife an der linken
Schulter tragen sollten. Manche wuten zu berichten, da Karmasinoff zur
Erhhung der Einnahme eingewilligt habe, sein _Merci_ in dem Kostm
einer Gouvernante vorzulesen, und da die Quadrille der Literatur
gleichfalls in Kostmen getanzt werden und jedes Kostm eine bestimmte
literarische Richtung darstellen werde; und zu guter Letzt werde in
einem besonderen Kostm der ehrliche russische Gedanke -- an sich
schon eine vollkommene Neuheit -- auftreten und tanzen. Wie sollte man
da seinen Namen nicht auf die Liste setzen? Und so zeichneten sich denn
alle ein.


                                  II.

Das Fest war nach dem Programm in zwei Teile geteilt: zunchst, am
Vormittage, von zwlf bis vier, sollte die literarische Matinee
stattfinden, der Ball aber sollte erst abends um zehn Uhr beginnen und
dann die ganze Nacht dauern. Doch gerade in dieser Teilung lagen die
Keime zur Unzufriedenheit und Unordnung. Vor allem konnte sich auf
dieser Grundlage das Gercht verbreiten, da es nach der literarischen
Matinee in der angeblich nur zu diesem Zweck vorgesehenen Pause ein
Frhstck geben werde, selbstredend unentgeltlich, und zwar ein
Frhstck mit Champagner. Der hohe Preis der Eintrittskarten (die Karte
kostete drei Rubel) verlieh diesem Gercht etwas durchaus Glaubwrdiges,
was zu seiner Verbreitung nicht wenig beitrug. Wrde ich denn sonst fr
nichts und wieder nichts mich eingeschrieben haben? Das Fest whrt ja
vierundzwanzig Stunden, na also -- ernhrt einen dann auch. Sonst wrde
man ja verhungern. So philosophierte man ganz allgemein bei uns. Ich
mu aber gestehen, da Julija Michailowna selbst durch ihren Leichtsinn
diesem verderblichen Gercht Vorschub geleistet hatte. Schon vor einem
Monat, in der ersten Begeisterung fr ihren groen Plan, hatte sie jedem
ersten besten von ihrem Fest erzhlt; und da auf diesem Fest Reden und
Toaste gehalten werden wrden, hatte sie sogar in eine der
hauptstdtischen Zeitungen lanciert. Gerade diese Toaste hatten es ihr
damals angetan: wollte sie doch selber eine Rede halten, die sie im
stillen denn auch schon auszuarbeiten begann. Diese Tischrede sollte
unser Hauptziel erklren und was sie auf ihre Fahne geschrieben hatte
(ich wette, da die Arme es nicht einmal zu einem Entwurf einer solchen
Tischrede gebracht hat), sollte dann als Korrespondenz in die
Zeitungen der Hauptstadt gelangen, die hchsten Vorgesetzten zugleich
rhren und begeistern, um dann in alle Gouvernements zu flattern und
berall Bewunderung wie Nachahmung zu finden. Doch zu Tischreden gehrt
nun einmal Champagner, und da man Champagner doch nicht gut auf
nchternen Magen trinken kann, so war selbstredend eine Tafel und ein
Frhstck Voraussetzung. Spter aber, als sich dank ihrer Bemhungen
schon ein Komitee gebildet hatte und man sich ernstlich an die Sache
machte, ward ihr sogleich klar und berzeugend bewiesen, da, wenn man
an ein Festessen dachte, fr die Gouvernanten nur eine sehr geringe
Summe verbliebe, selbst bei einer noch so hohen Einnahme. Die Frage war
somit: entweder ein Gastmahl im Stile Belsazars, mit Reden und einigen
neunzig Rubeln fr die armen Gouvernanten, oder die Beschaffung einer
ansehnlichen Summe durch ein Fest, das man sozusagen nur um der Form
willen veranstaltete. brigens wollte das Komitee damit allen
hochfliegenden Plnen zunchst nur einen Dmpfer aufsetzen, denn man war
ja selbst keineswegs nur fr das eine oder das andere, sondern man hatte
sich eine dritte Mglichkeit ausgedacht, die sowohl vershnend wie
vernnftig war, nmlich ein in jeder Beziehung gutes Festessen, jedoch
ohne Champagner, und folglich als Ergebnis einen recht annehmbaren
Betrag fr die Gouvernanten. Aber darauf ging Julija Michailowna nicht
ein; ihr Charakter verachtete die kleinbrgerliche Mitte. Und so
beschlo sie sofort, da, wenn das erste Projekt sich nicht
verwirklichen lie, man sich fr das andere Extrem entscheiden msse,
also fr eine ungeheuere Einnahme, deren Hhe den Neid aller anderen
Gouvernements erwecken mute.

Das Publikum mu doch endlich einsehen, schlo Julija Michailowna ihre
temperamentvolle Erklrung auf der Sitzung des Komitees, da der
humanitre Zweck unvergleichlich erhabener ist, als kurze krperliche
Gensse, da das Fest im Grunde nur die Verkndung einer groen Idee
ist, und deshalb mu es sich mit einem so konomisch wie nur mglich
veranstalteten kleinen deutschen Ball begngen, der einzig _pro forma_
gegeben wird -- wenn man ohne diesen unausstehlichen Ball nun einmal
nicht auskommen kann! -- so sehr war er ihr pltzlich verhat.

Schlielich war es aber dem Komitee doch gelungen, sie zu besnftigen.
So hatte man denn u. a. die Quadrille der Literatur und hnliche
sthetische Scherze als Ersatz fr krperliche Gensse in Vorschlag
gebracht. Und auf eben dieser Sitzung hatte dann auch Karmasinoff
endgltig eingewilligt, sein _Merci_ vorzutragen (bis dahin hatte er
alle mittels ausweichender Antworten in qulender Ungewiheit belassen)
um somit in unserem unenthaltsamen Publikum sogar jeden Gedanken an
Essen und Trinken schon im voraus zu ersticken. Auf diese Weise hatte
dann der Ball wiederum eine groartige Anziehungskraft erhalten, wenn
auch eine von ganz anderer Art. Um jedoch nicht vllig dem Irdischen zu
entschweben, beschlo man, zu Anfang des Balles Tee mit Zitrone und
kleinem rundem Gebck zu reichen, darauf einen Khltrank und Limonade,
und zum Schlu sogar noch Eis -- doch das sollte denn auch alles sein.
Fr diejenigen aber, die immer und berall Hunger und besonders Durst zu
verspren pflegen, wollte man dann noch am Ende der Zimmerflucht ein
Bfett errichten, das Prochorytsch (der erste Koch des Klubs) bernehmen
sollte. Natrlich mute fr die verabfolgten Speisen und Getrnke
gezahlt werden, was gleich am Eingang auf einem besonderen Plakat dem
Publikum mitzuteilen war. Doch whrend der Matinee sollte das Bfett
unbedingt geschlossen bleiben, damit auch nicht das geringste Gerusch
den Vortrag strte, obgleich man fr das Bfett einen Raum vorsah, der
fnf Zimmer von dem weien Saal entfernt war, in dem Karmasinoff sein
_Merci_ vorzutragen eingewilligt hatte. Merkwrdigerweise wurde diesem
Ereignis, dem Vortrag dieses _Merci_, wie mir scheint, von dem Komitee
eine bertriebene Bedeutung beigelegt, und das taten sogar die
nchternsten Leute. Von den poetischen Naturen aber hatte z. B. die
Gattin des Adelsmarschalls Karmasinoff schon mitgeteilt, da sie
sogleich nach dem Vortrag an der Wand ihres weien Saales eine
Marmorplatte anbringen lassen werde, auf der mit goldenen Lettern das
Ereignis verewigt werden sollte, da in dem und dem Jahre, an dem und
dem Tage, hier in diesem Saal der groe russische und europische
Schriftsteller, seine Feder niederlegend, persnlich sein _Merci_
gesprochen und somit zum erstenmal von dem russischen Publikum, in
Gestalt der Vertreter unserer Stadt, Abschied genommen hat, und da
schon abends auf dem Ball, also kaum einige fnf Stunden nach dem
Vortrage, alle diese Gedchtnistafel wrden lesen knnen. Wie ich genau
wei, war es vor allen anderen gerade Karmasinoff gewesen, der verlangt
hatte, da das Bfett whrend der Matinee, wenn er las, unter keiner
Bedingung geffnet werde, trotz der Einwnde etlicher Komiteemitglieder,
da ein solches Ansinnen sich mit unseren Landesbruchen nicht ganz in
bereinstimmung befinde.

So lagen die Dinge in Wirklichkeit, whrend man in der Stadt immer noch
an ein Festmahl im Stile Belsazars glaubte, d. h. an unentgeltliches
Essen und Trinken auf Kosten des Komitees. Daran glaubte man bis zur
letzten Stunde. Unsere jungen Damen trumten nur noch von Konfekt und
Eis. Man wute, da die Sammlung ungeheuer reich ausgefallen war, da
die ganze Stadt sich eifrigst zum Fest vorbereitete, da sogar aus der
Umgegend viele kommen wrden, und da die Eintrittskarten bei diesem
Andrang nicht ausreichten. Bekannt war gleichfalls, da auer der
Einnahme durch den Verkauf der Eintrittskarten noch bedeutende
Schenkungen gemacht worden waren: Warwara Petrowna beispielsweise hatte
fr ihre Eintrittskarte dreihundert Rubel gezahlt und zur Ausschmckung
des Saales alle Blumen und Blattpflanzen ihrer Orangerie hergegeben. Die
Gattin des Adelsmarschalls (ein Mitglied des Komitees) stellte das Haus
und die Beleuchtung, der Klub die Musikkapelle, die Bedienung und den
Koch. Hinzu kamen noch andere Schenkungen, wenn auch nicht so
bedeutende, weshalb denn auch das Komitee schon den Gedanken erwog, den
Preis fr die Eintrittskarte von drei Rubel auf zwei Rubel
herabzusetzen. Man hatte nmlich zu Anfang tatschlich befrchtet, es
vermchten doch nicht alle jungen Damen drei Rubel dafr auszugeben, und
in Erwgung gezogen, ob man nicht Familienkarten ausgeben sollte, wobei
man besonders an die Familien dachte, in denen es viele Tchter gab.
Aber diese Befrchtung erwies sich als berflssig; im Gegenteil, gerade
die Tchter erschienen vollzhlig. Selbst die rmsten Beamten fhrten
ihre smtlichen Tchter heran, und es war ja klar, da sie, falls sie
keine Tchter gehabt htten, auch im Traum nicht daran gedacht haben
wrden, ihren Namen auf die Liste zu setzen. Ja, ein armseliger kleiner
Sekretr erschien mit ganzen sieben Tchtern, dazu noch die Frau und
eine Nichte, und jede von ihnen hielt eine Eintrittskarte zu drei Rubel
in der Hand. Man kann sich also vorstellen, was fr eine Revolution das
in der Stadt abgab! Man bedenke blo das eine, da die Teilung des
Festes zweierlei verschiedene Toiletten fr jede Dame verlangte: ein
Kleid fr die literarische Matinee und ein Ballkleid fr den Abend. Man
bedenke, was das fr manche Verhltnisse bedeutete! Wie sich spter
herausstellte, hatten denn auch viele aus den mittleren Klassen zu
diesem Tage so ziemlich alles versetzt, was sie besaen, sogar ihre
Bettwsche, ja, manche hatten womglich ihre Matratzen zu den Juden
getragen, von denen sich seit nun schon zwei Jahren erschreckend viele
in unserer Stadt festgesetzt haben und immer mehr sich festsetzen. Fast
alle Beamten hatten ihr Monatsgehalt vorausgenommen und von den
Gutsbesitzern hatten manche sogar ihr notwendigstes Vieh verkauft, und
all das nur, um ihre Damen als Marquisen und Komtessen auf den Ball zu
fhren und damit keine der anderen nachstehe. Die Toiletten waren
diesmal von einer bei uns noch nie gesehenen Kostbarkeit. Schon zwei
Wochen vor dem Fest war die ganze Stadt geradezu vollgestopft mit
Familienanekdoten, die von unseren jungen Spottvgeln mit Vergngen am
Hofe Julija Michailownas zum besten gegeben wurden. Bald folgten ganze
Familienkarikaturen. Ich habe selbst etliche dieser Spottzeichnungen in
Julija Michailownas Album gesehen. All das kam aber selbstredend auch
denen zu Ohren, die den Stoff zu diesen Anekdoten und Karikaturen
abgaben, -- und das war wohl der Grund, wie mir scheint, weshalb in den
Familien gerade in der letzten Zeit ein solcher Ha gegen Julija
Michailowna sich aufspeicherte. Ich rede nicht von heute: denn jetzt
schimpfen natrlich alle ber sie und knirschen, wenn sie an diese Zeit
denken. Nein, schon damals war es vorauszusehen, da, wenn der Ball
nicht geradezu glnzend ausfiel und das Komitee auch nur den geringsten
Anla zur Unzufriedenheit gab, der Ausbruch des allgemeinen Unwillens
ein ungeheuerer werden wrde. Und eben deshalb erwartete denn im
geheimen wohl ein jeder einen Skandal; wenn aber ein Skandal schon so
erwartet wurde, wie htte er dann noch ausbleiben knnen?

Um punkt zwlf Uhr begann das Orchester mit klingendem Spiel. Da ich zu
den Festordnern gehrte, d. h. einer von den zehn jungen Kavalieren mit
der Bandschleife an der Schulter war, so blieb ich Augenzeuge aller
Ereignisse dieses blamablen Tages. Das Fest begann mit einer furchtbaren
Drngerei am Eingange. Wie es kam, da alles schon vom ersten Schritt an
fehlschlug oder versagte, wie z. B. die Polizei? Dem Publikum kann ich
keinen Vorwurf machen: die Familienvter waren es nicht, die die
Drngerei hervorriefen, im Gegenteil, man sagt sogar, sie seien schon
auf der Strae ein wenig scheu geworden, als sie den fr unsere Stadt
ungewhnlichen Andrang erblickten und dazu diese ungeduldige Menge, die
das Haus frmlich belagerte und sich gerader hineinwlzte, statt ruhig
einzutreten. Dabei fuhren unausgesetzt Equipagen vor, die schlielich
die ganze Strae versperrten. Im brigen bin ich heute berzeugt, da
manche Leute, die eigentlich zum abscheulichsten Pbel unserer Stadt
gehrten, von Lmschin und Liputin einfach ohne Eintrittskarten
eingefhrt wurden, und vielleicht noch von einigen anderen, die
gleichfalls Anordner waren. Wenigstens erschienen auch vollkommen
unbekannte Personen, die aus Kreisstdten oder Gott wei woher angereist
waren. Diese Wilden begannen nun, kaum da sie den Saal betreten hatten,
sogleich und merkwrdig bereinstimmend (ganz als wren sie instruiert
worden) nach dem Bfett zu fragen, und als sie erfuhren, da es jetzt
noch kein Bfett gab, da fingen sie sofort und ohne jede Politik mit
einer bei uns bisher unerhrten Frechheit zu schimpfen an. Allerdings
waren einige von ihnen bereits betrunken erschienen. Viele waren
zunchst verblfft durch die nie geschaute Pracht des Saales,
verstummten im ersten Augenblicke und sahen sich nur mit offenem Munde
die Herrlichkeit an. Freilich war dieser groe Weie Saal tatschlich
sehr prunkvoll: zwei Stockwerke hoch, mit alter Deckenmalerei, die von
goldenen Verzierungen umrahmt war, mit Chren und Spiegelwnden, mit
roten Vorhngen zwischen weien Wandflchen, mit Marmorstatuen
(gleichviel was fr welchen, aber immerhin Statuen), mit alten, schweren
Mbeln aus der Napoleonischen Zeit, wei mit Gold und mit rotem Samt
ausgeschlagen. An dem einen Ende des Saales erhob sich eine Tribne fr
die Vortragenden und der ganze Saal war, wie das Parkett eines Theaters,
mit Sthlen in dichten Reihen vllig angefllt, ausgenommen nur die drei
breiten Durchgnge fr das Publikum. Doch schon nach den ersten
Augenblicken der Bewunderung und des Schweigens begannen die
sinnlosesten Fragen und Bemerkungen. Wir wollen vielleicht berhaupt
keine Vortrge ... Wir haben unser Geld gezahlt ... Man hat das Publikum
unverschmt betrogen ... Wir, nicht Lembkes, sind hier die Herren! ...
Kurz, es war, als habe man sie nur zu diesem Zweck hereingelassen. Unter
anderem erinnere ich mich besonders eines Zwischenfalles, bei dem der
junge angereiste Frst mit dem hohen steifen Kragen und dem Aussehen
einer Holzpuppe sich auszeichnete. Auf Julija Michailownas dringende
Bitte hin hatte auch er schlielich eingewilligt, das Festordnerband an
seine linke Schulter zu stecken und somit zu unserem Kollegen zu werden.
Tags zuvor, an eben jenem denkwrdigen Vormittage, hatte ich ihn in
Julija Michailownas Salon zum erstenmal gesehen. Nun zeigte es sich, da
diese stumme Wachsfigur, wenn auch nicht zu sprechen, so doch auf ihre
Art zu handeln verstand. Als nmlich ein riesiger, pockennarbiger
verabschiedeter Hauptmann, untersttzt von einem ganzen Haufen ihm
nachdrngender fragwrdiger Gestalten, dem jungen Frsten auf den Leib
rckte und unablssig nach dem Bfett fragte, da winkte dieser kurz
entschlossen einen Polizisten heran, und der angetrunkene Ruhestrer
wurde ungeachtet seiner Proteste und seines Schimpfens einfach aus dem
Saal entfernt. Inzwischen begann auch schon das eigentliche Publikum
zu erscheinen und zog sich in drei langen Fden durch die drei
Durchgnge zwischen den Stuhlreihen zu den Pltzen hin. Das schlechtere
Element im Hintergrunde wurde kleinlauter und beruhigte sich nach und
nach, aber das gute Publikum sah doch beunruhigt und befremdet aus;
manche Damen aber schauten entschieden mit Bangen drein.

Schlielich hatten sich alle gesetzt; nun verstummte auch die Musik. Man
schnaubte sich, man sah sich um ... Kurz, man wartete mit schon gar zu
feierlicher Miene -- was bereits an und fr sich ein schlechtes Zeichen
ist. Doch die Lembkes erschienen noch immer nicht. Seiden, Samt und
Brillanten glnzten und funkelten von allen Seiten; Parfm verbreitete
sich in der Luft. Die Herren trugen alle ihre Orden auf der Brust, die
Militrs und die Beamten waren selbstredend in Galauniform. Endlich
erschien auch die Gattin des Adelsmarschalls mit Lisa. Noch nie war Lisa
so blendend schn gewesen wie an diesem Vormittage. Sie trug ein
entzckendes Kleid. Ihre Haare lagen in Locken, ihre Augen glnzten, in
ihrem ganzen Gesicht lag ein Lcheln. Wie man sah, machte sie auf alle
einen groen Eindruck. Man steckte die Kpfe zusammen und tuschelte.
Jemand meinte, ihre Augen htten, als sie in den Saal trat, Stawrogin
gesucht. Doch weder Stawrogin noch seine Mutter waren erschienen. Damals
begriff ich den Ausdruck ihres Gesichts nicht: warum war so viel Glck,
Freude, Energie und Kraft in diesem Gesicht? Ich dachte an den Vorfall
des vorhergegangenen Tages und stand verstndnislos vor einem Rtsel.

Doch Lembkes erschienen noch immer nicht. Das war der schwerste Fehler,
der gemacht wurde. Spter erfuhr ich, da Julija Michailowna bis zum
letzten Augenblick auf Pjotr Stepanowitsch gewartet hatte. Ohne Pjotr
Stepanowitsch konnte sie nun einmal nichts mehr unternehmen, wenn sie
sich das auch nie eingestand. Nebenbei bemerkt, hatte Pjotr
Stepanowitsch auf der letzten Komiteesitzung es abgelehnt, ein
Festordnerband zu tragen, und damit Julija Michailowna bis zu Trnen
gekrnkt. Nun kam er obendrein nicht. Was mochte das bedeuten? Und
tatschlich blieb Pjotr Stepanowitsch den ganzen Tag ber verschwunden:
zu der literarischen Matinee erschien er einfach berhaupt nicht. Und zu
Julija Michailownas Verzweiflung konnte ihr auch kein Mensch sagen, wo
er steckte, und bis zum Abend hatte ihn niemand gesehen.

Inzwischen wurde das Publikum immer ungeduldiger. Auch auf der Tribne
erschien noch niemand. In den letzten Reihen des Saales applaudierte man
grundlos, ganz wie im Theater, wenn man zu lange auf die Vorstellung
warten mu. Die Vter und Mtter wurden unmutig: Lembkes tun ja
wirklich furchtbar wichtig, hie es. Einige wuten zu erzhlen, da
Lembke krank sei. Andere uerten laut die Vermutung, da das Fest wohl
aufgeschoben werden wrde.

Aber endlich erschienen sie doch. Andrei Antonowitsch fhrte Julija
Michailowna am Arm. Sofort versanken alle Mrchen und die Wirklichkeit
trat in ihr Recht. Zudem schien Lembke selbst bei voller Gesundheit zu
sein. berhaupt waren es in der hheren Gesellschaft nur wenige gewesen,
die vermutet hatten, da es mit Lembke irgendwie nicht ganz stimmte.
Seine Amtsfhrung hielten alle fr gut. Sogar die Rutengeschichte bezog
man in dieses Urteil ein. Das wre von Anfang an das Richtige gewesen,
sagten die Honoratioren, sonst beginnen sie immer mit der Philantropie,
bis sie schlielich doch bei der Strenge enden, ohne zu wissen, da
gerade diese zur Philantropie als erstes ntig ist. So urteilte man im
Klub und verurteilte eigentlich nur Lembkes Aufregung. So etwas mu man
mit Kaltbltigkeit machen, hie es, aber er ist es eben noch nicht
gewhnt.

Mit besonderer Neugier richteten sich die Blicke auf Julija Michailowna.
Man wird von mir gewi nicht verlangen, da ich bis in alle Einzelheiten
wei, was am Tage vorher zwischen ihr und Lembke noch geschehen war: das
ist und bleibt ein Geheimnis, ein Frauengeheimnis. Ich wei nur eines:
da sie am Abend in das Arbeitszimmer Andrei Antonowitschs gegangen und
bis weit nach Mitternacht bei ihm geblieben war. Jedenfalls hatte Andrei
Antonowitsch sich beruhigt und es war ihm ausdrcklich vergeben worden.
Das Ehepaar hatte sich ausgesprochen, alles sollte vergessen sein ...
und als am Ende seiner weitlufigen Erklrungen von Lembke dennoch auf
die Knie fiel, geqult von der entsetzlichen Erinnerung, da er zu guter
Letzt die Hand gegen sie erhoben hatte, da hatten die schnen Hndchen
und schlielich auch die Lippen seiner Gattin die glhenden Ergieungen
der Reue dieses ritterlich zartfhlenden, doch nun von Rhrung
berwltigten Mannes wunderbar zu beschwichtigen gewut.

Jetzt sahen alle in ihrem Gesicht eitel Glck. Mit offener Miene, in
einer prachtvollen Toilette schritt sie am Arm ihres Gemahls durch den
mittleren Gang. Offenbar war sie auf der Hhe ihrer Wnsche: das Fest,
das Ziel und die Krnung ihrer ganzen Politik, war verwirklicht. Bei
ihren Pltzen -- in der ersten Reihe vor der Tribne -- angelangt,
blieben beide Lembkes stehen, grten und erwiderten die Gre nach
allen Seiten. Sie wurden sofort umringt. Die Adelsmarschallin schritt
auf sie zu ... Doch da passierte ein garstiges Miverstndnis: das
Orchester, das bisher geschwiegen hatte, schmetterte pltzlich mir
nichts, dir nichts einen Tusch in den Saal, -- nicht etwa irgendeinen
Marsch oder sonst ein Stck, sondern einfach einen Tusch, wie im Klub,
wenn dort bei einem offiziellen Diner ein Hoch ausgebracht wurde. Heute
wei ich, da Lmschin dahintersteckte, der gleichfalls zu den
Festordnern gehrte und als solcher diesen Tusch angeblich zu Ehren der
erschienenen Lembkes anbefohlen hatte. Natrlich konnte er sich immer
noch damit entschuldigen, da er es aus Dummheit oder aus bereifer
getan habe ... Doch ach, damals wute ich noch nicht, da jene an
Entschuldigungen schon gar nicht mehr dachten und mit diesem Tage alles
zu beenden glaubten. Zur Erhhung der Peinlichkeit der Situation, die im
Publikum teils Befremden, teils ein gewisses Lcheln hervorrief, wurde
pltzlich im Hintergrunde des Saales, oben auf dem Chor, Hurra!
geschrien, gleichfalls wie Lembkes zu Ehren. Der Stimmen waren zwar nur
wenige, aber ich mu gestehen, sie hrten doch nicht so bald auf. Julija
Michailowna scho das Blut in die Wangen, ihre Augen flammten. Lembke
blieb vor seinem Platz kerzengerade stehen und bersah, sich zu den
Ruhestrern umwendend, mit majesttischem und strengem Blick den Saal
... Man redete ihm aber schnell zu, sich doch nur zu setzen. Mit
Schrecken bemerkte ich auf seinem Gesicht dasselbe gefhrliche Lcheln,
mit dem er tags zuvor im Salon seiner Gemahlin Stepan Trophimowitsch
angesehen hatte, bevor er auf ihn zutrat. Wie mir schien, nahm sein
Gesicht auch jetzt einen gewissermaen unheilvollen Ausdruck an und, was
das schlimmste dabei war, einen gleichzeitig lcherlichen: den Ausdruck
eines Gatten, der sich schlielich -- also sei es denn! -- zum Opfer
bringt, nur um den hheren Zielen und Zwecken seiner Gattin zu dienen
... Julija Michailowna winkte mich schnell zu sich heran und flsterte
mir zu, ich solle sofort zu Karmasinoff eilen und ihn beschwren,
unverzglich zu beginnen, doch kaum hatte ich mich umgewandt, um
hinauszueilen, da geschah schon eine zweite Schndlichkeit, eine noch
viel grere als die erste. Auf der Tribne, auf der leeren Tribne,
wohin alle Blicke und alle Erwartungen sich wandten und auf der man
zunchst nur einen Stuhl und einen Tisch und auf letzterem ein Glas
Wasser auf silbernem Tablett sah -- auf dieser selben leeren Tribne
erschien pltzlich die kolossale Gestalt des Hauptmanns Lebdkin in
Frack und weier Binde. Ich war so bestrzt, da ich meinen Augen nicht
traute. Augenscheinlich wurde der Hauptmann selbst etwas verlegen und
blieb hinten auf der Tribne stehen. Da ertnte pltzlich aus dem
Publikum ein erstaunter Ausruf: Lebdkin! du? -- und die dumme, rote
Fratze des Hauptmanns (er war vollkommen betrunken) verzog sich zu einem
breiten, stumpfsinnigen Grinsen. Er hob die Hand, rieb sich die Stirn,
schttelte pltzlich seinen struppigen Kopf und trat, wie auf einmal zu
allem entschlossen, zwei Schritte vor und -- platzte pltzlich in Lachen
aus, nicht in ein lautes, aber gallertiges, langes, glckliches Lachen,
von dem die ganze schwere Masse seines Krpers ins Schaukeln geriet und
die uglein im Fett nahezu verschwanden. Bei diesem Anblick begann fast
die Hlfte des Publikums zu lachen, in den hinteren Reihen klatschte man
Beifall. In dem ernsten Publikum dagegen sah man sich befremdet an und
wechselte finstere Blicke; aber das whrte alles kaum lnger als eine
halbe Minute. Da eilten schon Liputin (mit der Festordnerschleife) und
zwei Diener herbei; sie faten behutsam den Hauptmann unter den Armen
und Liputin flsterte ihm etwas zu. Lebdkin sah ihn unwirsch an,
brummte aber schlielich: Nun denn, wenn's so besser ist! und schlug
einmal mit der Hand durch die Luft, worauf er dem Publikum seine riesige
Rckseite zuwandte und mitsamt seinen Begleitern verschwand. Doch einen
Augenblick spter erschien Liputin wieder auf der Tribne. Auf seinen
Lippen lag das seste Lcheln, wenn es auch immer noch, wie stets bei
ihm, an eine Mischung von Essig und Zucker gemahnte, und in der Hand
hielt er ein Blatt Papier. Mit kleinen, schnellen Schritten trat er an
den vorderen Rand der Tribne.

Meine Damen und Herren! begann er, sich an das Publikum wendend.
Durch Unachtsamkeit ist ein komisches Miverstndnis entstanden, das
jetzt aber schon beseitigt ist. Hoffnungsvoll habe nunmehr ich den
Auftrag bernommen und zugleich die ehrerbietigste Bitte eines unserer
hiesigen Dichter ... Durchdrungen, wie er ist, von dem humanen und hohen
Ziele ... ungeachtet seines ueren Zustandes ... von demselben Ziele,
das uns alle hier vereinigt hat ... die Trnen der armen gebildeten
Mdchen unseres Gouvernements hinfro abzuwischen, ... will dieser Herr,
das heit, ich meine, dieser unser einheimischer Dichter ... obzwar er
sein Inkognito gewahrt zu sehen wnscht ... wrde er, wie gesagt,
dennoch sehr wnschen, da seine Dichtung vor Beginn des Balles
vorgetragen werde ... das heit, ich wollte vielmehr sagen: vor Beginn
der literarischen Vortrge. Obzwar nun besagtes Gedicht im Programm
nicht vorgesehen ist ... sintemal es uns erst vor einer halben Stunde
zugestellt wurde ... aber es will _uns_ (wen meinte er damit? Ich gebe
diese zerhackte und unklare Rede wortwrtlich wieder) dennoch scheinen,
da es, im Hinblick auf die Naivitt des Gefhls, die mit Humor
verbunden ist, da ... wie gesagt, da das Gedicht dennoch vorgetragen
zu werden verdiente, das heit, nicht als etwas Ernstzunehmendes,
sondern blo als etwas zum Feste Passendes ... ich meine, zu der Idee
... Um so mehr, als es ja nur ein paar Zeilen sind ... wozu ich nunmehr
um die Erlaubnis des hochverehrten Publikums gebeten haben wollte.

Lesen Sie! drhnte eine Stimme aus den letzten Reihen.

So soll ich es vorlesen?

Jawohl! Lesen! Vorlesen! Lesen! riefen jetzt schon viele Stimmen.

Also denn -- mit Erlaubnis des verehrten Publikums ... Liputin
verbeugte sich und wand sich mit demselben sen Lcheln.

Aber es war doch, als knne er sich trotzdem nicht entschlieen, und wie
mir schien, war er merklich aufgeregt. Bei aller Frechheit, die solche
Leute wie Liputin besitzen, werden sie manchmal doch unsicher. brigens
wre ein Seminarist von heute gewi nicht unsicher geworden, aber
Liputin gehrte ja schlielich doch noch zur alten Generation.

Ich schicke voraus, oder vielmehr, ich habe die Ehre, Sie darauf
aufmerksam zu machen, da dieses Gedicht keine Ode ist, wie sie frher
zu Festen verfat wurden, sondern es ist sozusagen eher ein Scherz,
jedoch unstreitig ein gefhlvoller, der berdies mit spielerischer
Heiterkeit verbunden ist und dabei sozusagen die realste Wirklichkeit
zum Gegenstande hat ...

Lesen! Lies doch! Nur los!

Liputin faltete sein Papier auseinander. Natrlich kam niemand mehr
dazu, den Vortrag zu verhindern. Zudem trug auch Liputin das Band eines
Festordners an der Schulter, und so deklamierte er denn mit heller
Stimme darauf los.

Unserer einheimischen Gouvernante zum Gouvernantenfest von einem
Dichter gewidmet:

   Lebe hoch! o Gouvernante!
   Freue dich und jubiliere,
   Denn jetzt bleibst du nicht mehr Tante,
   Oh, sei stolz und triumphiere!

Das hat ja Lebdkin gemacht! Das ist ja ein echter Lebdkin!
ertnten aus den hinteren Reihen des Saales mehrere Stimmen. Viele
lachten, manche klatschten sogar Beifall.

   Feministin oder sonst was!
   -- Schrecklich ist's, wenn man bedenkt,
   Wie du frher dich geqult hast,
   Und dich nutzlos angestrengt!

Hurra! Hurra! unterbrach man wieder in den letzten Reihen.

   Lehren, hie es, dumme Ghren
   Manch franzsisches Gedicht,
   Doch die wollten dich nie hren,
   Wie das nun mal Kindespflicht.

   Ja, so war's, so ist's gewesen,
   Doch das la begraben sein.
   Der Reformen groer Besen
   Fhrt 'ne andre Wertung ein ...

Bra--avoooo!

   Also hr': seit dem Betriebe
   Der Reformen -- jetzt gib acht! --
   Wird die Freiheit und die Liebe
   Einzig noch vom Geld gemacht ...

Stimmt! Bravooo! Hurra!

   Ja, mein Frulein, sie ist bitter,
   Diese Wahrheit, -- nmelich:
   Auch der allergrte Ritter
   Nimmt nicht ohne Mitgift dich!

Stimmt! stimmt! Das ist der wahre Realismus! Ohne Mitgift keinen
Schritt!

   Drum, -- da wir nun tanzend spenden
   Eine Mitgift fr das Weib,
   Die wir dir dann bersenden
   Zu 'nem bessren Zeitvertreib --
   Feministin oder sonst was:
   (Bleibst doch stets vom selben Holz)
   Mit 'ner Mitgift bist du etwas,
   Spuck auf alles und sei stolz!

Ich mu gestehen, ich traute meinen Ohren nicht. Das war eine so
erklrte Gemeinheit, da die Mglichkeit, Liputin etwa mit Dummheit zu
entschuldigen, von vornherein ganz ausgeschlossen erschien. Und gerade
Liputin war doch alles andere eher als dumm. Die Absicht, die dahinter
steckte, war mir denn auch sofort klar: hier sollte Unordnung geschaffen
werden, und dazu war allerdings keiner geeigneter, als Liputin.

brigens schien Liputin selbst zu fhlen, da er doch ein zu starkes
Stck auf sich genommen hatte. Er stand noch immer auf der Tribne und
war sich offenbar nicht klar darber, ob er noch etwas hinzusetzen
sollte oder nicht. Ein Teil des Publikums hatte das Gedicht brigens
ganz ernst genommen. Die andere Hlfte war freilich um so gekrnkter.
Julija Michailowna erzhlte spter, sie sei einer Ohnmacht nahe gewesen.
Einer der ehrwrdigsten alten Herren unserer Stadt erhob sich sogar und
verlie mit seiner Frau am Arm den Saal. Und wer wei, vielleicht htte
dieses Beispiel auch noch andere nach sich gezogen, wenn nicht gerade
jetzt Karmasinoff auf der Tribne erschienen wre. Sein kleines
Figrchen war tadellos gekleidet, selbstredend in Frack und weier
Binde. In der Hand hielt er ein Heftchen. Julija Michailowna sah ihn wie
erlst an, als wre er ihr Retter ...

Doch ich war schon hinter den Kulissen: ich mute unter allen Umstnden
mit Liputin sprechen.

Das haben Sie absichtlich getan! rief ich emprt und packte ihn am
Arm.

Bei Gott, ich habe gar nicht daran gedacht, log er und spielte den
Unglcklichen. Die Verse hatte man mir soeben erst gegeben, ich dachte,
es wre ein lustiger Scherz ...

Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Halten Sie denn wirklich diesen
Bldsinn in Knttelversen fr einen Scherz?!

Ja, gewi, jawohl.

Das lgen Sie einfach! Und man hat Ihnen diese Verse durchaus nicht
erst vorhin gebracht. Sie, Sie selbst haben diese Reime zusammen mit
Lebdkin geschmiedet, vielleicht noch gestern abend, damit es nur ja zum
Skandal kommt! Die letzte Strophe war schon sicher von Ihnen. Und warum
erschien denn Lebdkin im Frack? Schon daraus geht hervor, da alles von
Ihnen vorbereitet war: das Gedicht sollte er wohl selber vortragen, nach
Ihrer Absicht! Wenn er sich nur nicht wieder betrunken htte!

Was geht das Sie an? fragte mich da Liputin pltzlich mit sonderbarer
Ruhe.

Wie soll mich das nichts angehen? Sie tragen doch gleichfalls das
Festordnerband ... Wo ist Pjotr Stepanowitsch?

Ich wei nicht, hier irgendwo. Was soll das alles?

Was das soll? Da ich Sie jetzt durchschaue! Es ist einfach eine
Intrige gegen Julija Michailowna -- damit Sie's wissen!

Liputin sah mich von der Seite an.

Ja, und was geht das Sie an? fragte er nochmals, lchelte, zuckte mit
den Achseln und ging davon.

Mich berlief es kalt. So gingen denn alle meine Vorahnungen schon in
Erfllung. Und ich hatte immer noch gehofft, mich getuscht zu haben!
Was sollte ich tun? Ich htte mich gern mit Stepan Trophimowitsch
beraten, aber der stand vor dem Spiegel und probierte auf verschiedene
Arten zu lcheln; zwischendurch blickte er immer wieder auf ein Blatt
Papier, auf dem er sich seine Notizen gemacht hatte. Er sollte gleich
nach Karmasinoff an die Reihe kommen und war jetzt nicht imstande, mit
mir auch nur ein Wort zu sprechen. Sollte ich zu Julija Michailowna
eilen? Doch dazu war es noch zu frh: sie mute eine noch viel
nachhaltigere Lehre bekommen, um von der berzeugung, alle Welt sei ihr
fanatisch ergeben, geheilt zu werden. Sie htte mir doch nicht
geglaubt und mich nur fr einen Gespensterseher gehalten. Ja, und was
konnte sie jetzt noch tun? Ach, dachte ich, was geht denn das
schlielich mich an, ich nehme meine Schleife von der Schulter und gehe
nach Hause, _sobald es anfngt_. (Ich gebrauchte wirklich diesen
Ausdruck: sobald es anfngt, ich erinnere mich noch genau.)

Aber jetzt mute ich doch vor allen Dingen Karmasinoff hren! Als ich
noch ein letztes Mal hinter die Kulissen sah, bemerkte ich, da da eine
Menge mir ganz unbekannter Leute sich angesammelt hatte, darunter sogar
Frauen. Dieses hinter den Kulissen war ein recht enger Raum,
eigentlich ein Korridor, der den Saal mit den anderen Rumen verband und
zum Publikum hin mit einem Vorhang abgeschlossen war. In diesem Korridor
warteten die Vortragenden, bis sie an die Reihe kamen. Besonders setzte
mich einer in Erstaunen: der Nchstfolgende nach Stepan Trophimowitsch.
Das war auch so etwas wie ein Professor, der sich freiwillig aus
irgendeiner Lehranstalt wegen irgendwelcher Studentengeschichten
entfernt hatte und aus irgendeinem Grunde erst ein paar Tage vorher in
unserer Stadt aufgetaucht war. Auch ihn hatte man Julija Michailowna
empfohlen und sie hatte ihn fast mit Ehrfurcht empfangen. Er war bei ihr
den Abend vorher eingeladen gewesen, hatte whrend des ganzen Essens
geschwiegen und nur hin und wieder mokant zum Tone und zu den Scherzen
der anderen Gste, Julija Michailownas Suite, gelchelt, und auf alle
durch sein beleidigendes Aussehen und Benehmen einen unangenehmen
Eindruck gemacht. Julija Michailowna hatte ihn selbst darum gebeten, auf
dem Fest zum Besten der Gouvernanten irgend etwas vorzutragen. In diesem
Augenblick ging er aus einer Ecke in die andere, ganz wie Stepan
Trophimowitsch, flsterte auch vor sich hin, sah aber dabei zu Boden und
nicht in den Spiegel. Zwar studierte und probierte er nicht zu lcheln,
aber er lachte von Zeit zu Zeit grimmig in sich hinein. Es war klar, da
man auch mit ihm nicht sprechen durfte. Er war klein von Wuchs, etwa
vierzig Jahre alt, kahlkpfig, mit einem ergrauenden Brtchen. Gekleidet
war er anstndig. Am merkwrdigsten an ihm war, da er bei jeder
Wendung, die er machte, seine rechte Faust erhob, sie ber seinem Haupte
schttelte und dann pltzlich niederfallen lie, als wollte er einen
Gegner kurz und klein schlagen. Und diese Bewegung machte er fast jede
Minute einmal. Mir wurde angst und bange. Ich machte mich davon, um, wie
gesagt, Karmasinoff zu hren.


                                  III.

Im Saale war wieder etwas nicht ganz in Ordnung. Jedes Genie in Ehren!
Und volles Verstndnis fr seine Eigentmlichkeiten im voraus! Aber
warum mssen sich Genies, wenn sie lter werden, so oft wie -- nun,
einfach wie kleine Knaben benehmen? Selbst wenn man ein Karmasinoff war
und mit der Wrde von fnf Kammerherren auftrat, wie konnte er nur ein
solches Publikum eine ganze Stunde mit einem solchen Aufsatz langweilen?
Nicht mehr als zwanzig Minuten htte man es mit einem leicht
verstndlichen literarischen Vortrag ungestraft unterhalten drfen.
Dabei war man ihm, als er zuerst auftrat, uerst ehrerbietig begegnet:
selbst die allergesetztesten Herren hatten Wohlgefallen und Neugier, die
Damen sogar Entzcken bekundet. Der Begrungsapplaus war indessen nur
kurz und abgerissen gewesen. Dafr war aber in den letzten Reihen auch
kein einziger Ausfall erfolgt. Und auch dann, als Karmasinoff zu
sprechen angefangen hatte, geschah zunchst nichts eigentlich Strendes:
lediglich Verwunderung griff allmhlich um sich. Nur ganz am Anfang
hatte sich ein kleiner Zwischenfall zugetragen: als Karmasinoffs
piepsendes und qukendes Stimmchen ertnte, lachte im Publikum jemand
einfach laut auf. Ich habe schon frher erzhlt, da Karmasinoff eine
hohe, schreiende Stimme hatte, die einer Frauenstimme glich, ein
Eindruck, der noch dadurch verstrkt wurde, da er fein und vornehm
lispelte. Die Umsitzenden wiesen den Strer brigens sofort durch
Zischen zur Ruhe, und so konnte denn Karmasinoff ungestrt seine Rede
beginnen. Zunchst erklrte er, da er ursprnglich berhaupt nicht
habe lesen wollen (was zu erklren eigentlich gar nicht ntig war),
denn es gebe Zeilen, die so unmittelbar aus dem Herzen flieen, da
man sie gar nicht an die ffentlichkeit tragen drfe (ja warum trug er
sie denn?). Aber da man ihn nun einmal so gebeten habe, so tue er es
doch, und da er jetzt seine Feder fr immer hingelegt und sich
geschworen habe, nichts mehr zu schreiben, und weil das nun einmal
beschlossene Sache sei, so habe er dieses Abschiedsopus doch noch
geschrieben; und da er sich gelobt, nie etwas ffentlich vorzulesen,
niemals und unter keiner Bedingung, so werde er denn jetzt einmal eine
Ausnahme machen und, also sei es, dieses letzte Opus einem Publikum
persnlich vorlesen, usw. usw. -- noch allerhand in diesem Sinne.

Doch das wre alles noch nicht so schlimm gewesen, und wer kennt denn
schlielich nicht die Vorreden der Autoren? Ich will aber zugeben, da
bei der geringen literarischen Bildung unseres Publikums und der
Reizbarkeit der hinteren Reihen auch das schon aufreizend mitwirken
konnte. Nun wohl: wre es unter diesen Umstnden nicht weit besser
gewesen, er htte eine kurze Novelle vorgetragen oder ein kleines
Geschichtchen von der Art, wie er sie frher manchmal schrieb -- zwar
gedrechselt und geziert, aber mitunter doch ganz witzig? Damit wre
alles gerettet gewesen. Aber es sollte nun einmal nicht sein. Und so
begann denn die Litanei! Oh Gott, was hatte er da alles
zusammengetragen! Ich bin berzeugt, da selbst ein Grostadtpublikum
schlielich einen Starrkrampf bekommen htte, nicht blo ein Publikum
wie unseres. Man denke sich das gezierteste und migste Geschwtz in
einer Lnge von fast zwei Druckbogen; und das trug dieser Herr zum
berflu mit einer gewissen wehmtigen Herablassung vor, als wenn er
eine Gnade erwiese, und schon darin allein lag etwas nahezu
Beleidigendes fr unser Publikum. Das Thema ... Aber wer konnte denn
daraus klug werden, aus diesem Thema! Das war gewissermaen ein Bericht
ber irgendwelche Eindrcke, untermischt mit irgendwelchen Erinnerungen.
Doch Eindrcke wovon? Erinnerungen an was? -- Wie sehr unsere
Gouvernementskpfe whrend der ganzen ersten Hlfte des Vortrags auch
die Stirn in Falten legten, -- sie konntens doch nicht bewltigen, so
da sie die zweite Hlfte blo aus Hflichkeit anhrten. Nun ja, es war
da viel von Liebe die Rede, von der Liebe des Genies zu einer Person,
aber ich mu gestehen, das wirkte einigermaen peinlich. Es pate
irgendwie nicht recht zu dem kleinen, dicken Figrchen des genialen
Schriftstellers (wenigstens fr mein Empfinden), da er von seinem
ersten Ku sprach ... Und zudem sollten diese Ksse, was wiederum
verletzend wirkte, durchaus ganz anders gekt worden sein, als von der
ganzen brigen Menschheit, und dazu noch unter ganz besonderen
Nebenumstnden. Bei Karmasinoffs erstem Ku wuchs ringsum Ginster
(unbedingt gerade Ginster, oder wenigstens irgend so ein Kraut, von dem
man sich erst nach einem botanischen Handbuch eine Vorstellung machen
kann). Der Himmel aber hatte derweil unbedingt einen violetten
Farbenton, den natrlich noch nie zuvor ein Sterblicher bemerkt hat,
obschon ihn alle zwar gesehen haben, sogar schon mehrfach, doch ihn
wahrzunehmen hat eben bisher noch kein einziger verstanden. Nun aber
seht, -- so ungefhr wirkte Karmasinoffs Art -- ich allein habe diesen
Farbenton zum erstenmal wahrgenommen und beschreibe ihn jetzt euch
Tlpeln wie eine ganz bekannte Sache! Der Baum dagegen, unter dem das
interessante Paar Platz genommen, war durchaus orangefarben. Der Ort, wo
sie saen, lag irgendwo in Deutschland. Pltzlich sahen sie Pompejus
oder Kassius am Abend vor einer Schlacht und die Klte der Begeisterung
durchdrang sie sofort alle beide. Dann begann eine Nixe im Gebsch zu
zirpen und im Schilf spielte pltzlich Gluck auf der Geige. Das Stck,
das er vortrug, wurde _en toutes lettres_{[174]} genannt, doch blieb es
trotzdem uns allen unbekannt, so da man in einem Musiklexikon
nachschlagen mte. Whrenddessen aber stieg ein Nebel auf und ballte
sich und ballte sich, und ballte sich so, da er alsbald eher Millionen
von Kissen glich, als einem Nebel. Pltzlich aber verschwand alles und
das groe Genie begibt sich an einem Wintertage, jedoch bei Tauwetter,
ber das Eis der Wolga. Zweieinhalb Seiten bergang; und dennoch kommt
er nicht hinber, sondern fllt in ein Loch im Eise. Das Genie sinkt,
versinkt, -- Sie meinen, es ertrinkt? Nein, es denkt auch nicht einmal
daran: es fiel berhaupt nur deshalb in das Loch, um in dem Augenblick,
als es schon bis ber die Nase im Wasser versank und bereits zu
schlucken begann, pltzlich ein Eisstckchen zu erblicken, ein winziges
Eiskrnchen von der Gre einer kleinen Erbse, aber so rein und klar
wie eine gefrorene Trne. In diesem Eisperlchen spiegelte sich dann
Deutschland oder richtiger der Himmel Deutschlands, und das Spiel der
Regenbogenfarben in diesem Eisperlchen erinnerte ihn an just die Trne,
die, weit du noch, aus deinem Auge rann, als wir unter dem smaragdenen
Baume saen und du freudig ausriefst: >Es gibt kein Verbrechen!< --
>Ja<, sagte ich unter Trnen, >doch wenn es so ist, dann gibt es auch
keine Gerechten<. Wir schluchzten auf und nahmen Abschied voneinander.
Sie ging an einen Meeresstrand und er begab sich in eine Hhle tief
unter der Erde: er sinkt also hinab und hinab, drei Jahre lang sinkt er
genau unter dem Moskauer Ssuchareffturm hinab, bis er pltzlich mitten
im Innern der Erde ein Lmpchen findet und vor diesem Lmpchen einen
Asketen. Der Asket betet. Das Genie drckt die Stirn an ein kleines
vergittertes Fensterchen. Und pltzlich vernimmt es einen Seufzer. Sie
glauben, der Asket habe geseufzt? Weit gefehlt! Das Genie wird doch
nicht einen Asketen beachten! Nein, das war nur so ein Seufzer, doch
dieser Seufzer erinnerte ihn an _ihren_ ersten Seufzer vor
siebenunddreiig Jahren, als wir, weit du noch, in Deutschland unter
dem achatenen Baume saen und du zu mir sprachst: >Wozu lieben? Sieh,
ringsum blht es ockergelb und ich liebe, doch das Gelb wird aufhren zu
blhen und ich werde aufhren zu lieben<. -- Dann ballte sich wieder ein
Nebel zusammen, Ernst Amadeus Hoffmann erschien, eine Nixe fltete eine
Melodie von Chopin und pltzlich tauchte aus dem Nebel ber den Dchern
Roms, einen Lorbeerkranz im Haar, Ancus Marcius auf. Ein Schauer der
Ekstase lief uns ber den Rcken und wir trennten uns auf ewig usw.
usw.

Mit einem Wort, wenn ich es auch vielleicht nicht richtig wiedergebe
oder es berhaupt nicht wiederzugeben verstehe, so war doch der Sinn des
Geschwtzes gerade von dieser Art. Und dann: was ist das doch fr eine
schmhliche Sucht in unseren groen Geistern, Witze und Wortspiele im
hheren und literarischen Sinne anzubringen! Der groe europische
Philosoph, der groe Gelehrte, Erfinder, der mhevoll Schaffende und
Mrtyrer, -- alle diese sich Mhenden und Beladenen sind fr unser
groes russisches Genie entschieden nur so eine Art Kche in seiner
Kche. Er ist der Herr, sie aber erscheinen vor ihm mit der Zipfelmtze
in der Hand und warten auf seine Befehle. Allerdings, er spttelt
hochmtig auch ber Ruland, und berhaupt ist ihm nichts so angenehm,
wie den Bankrott Rulands in jeder Hinsicht vor den groen Geistern
Europas wieder einmal festzustellen. Doch was ihn selbst betrifft, --
oh, mit Verlaub, er selbst hat sich ber diese groen Geister Europas
natrlich schon lngst emporgeschwungen: fr ihn sind sie blo Material
zu seinen Wortspielen. Er nimmt eine Idee, die nicht in seinem Kopfe
entstanden ist, verknpft sie mit ihrer Antithese und das Wortspiel ist
fertig. Es gibt Verbrechen, es gibt kein Verbrechen; es gibt keine
Wahrheit, also gibt es auch keine Gerechten; Atheismus, Darwinismus,
Moskauer Glocken ... Doch wehe, er glaubt schon nicht mehr an Moskauer
Glocken. Rom, Lorbeeren ... Doch er glaubt nicht einmal an Lorbeeren ...
Hier ein obligatorischer Anfall von Byronschem Weltschmerz, dort eine
Heinesche Grimasse, dann wiederum Anklnge an Petschorin[49], -- und so
ging das fort und fort, wie eine in Schwung geratene Maschine ...
brigens, so lobt mich doch, lobt mich doch, denn das liebe ich ber
alle Maen! Und ich sage ja nur so, da ich die Feder fr immer aus der
Hand lege; nein, wartet nur und ihr werdet meiner noch dreihundertmal
berdrssig werden, werdet noch mde werden, mich zu lesen ...

Natrlich konnte das kein gutes Ende nehmen; das Schlimme war aber, da
es damit nun berhaupt anfing. Schon lange hatte im Saale ein Ruspern,
Hsteln, Schnauben begonnen, ein Hin- und Herrcken auf den Sthlen und
Husten, kurz, es gab alle die bekannten Lebenszeichen, die stets
einzusetzen pflegen, wenn bei einer literarischen Veranstaltung der
Vortragende, wer er auch sei -- ja selbst wenn er das grte Genie ist
--, das Publikum lnger als zwanzig Minuten in Anspruch nimmt. Doch der
geniale Schriftsteller merkte nichts davon. Er fuhr fort zu lispeln und
zu schnarren, ohne das Publikum berhaupt einer Beachtung zu wrdigen,
so da schlielich eine allgemeine Verstndnislosigkeit Platz griff. Und
da nun geschah es, da aus einer der hinteren Reihen pltzlich eine
einsame, doch laute Stimme sich vernehmen lie:

Gott, was fr ein Unsinn!

Das war irgend jemandem wohl ganz unfreiwillig entschlpft und gewi --
davon bin ich berzeugt -- ohne jede Absicht einer Demonstration. Ein
Mensch war einfach mde geworden. Doch Herr Karmasinoff brach sofort ab,
blickte spttisch aufs Publikum, und pltzlich fragte er mit derselben
affektierten Aussprache und der Miene eines verletzten Kammerherrn:

Mir scheint, meine Herrschaften, Sie sind des Zuhrens bereits gehrig
berdrssig?

Gerade hiermit aber beging er einen unverzeihlichen Fehler: da er
berhaupt ein Gesprch anknpfte. Denn mit dieser Frage forderte er doch
eine Antwort heraus, gab er jedem beliebigen aus dem Gesindel der
hinteren Reihen die Mglichkeit, ja das Recht, nun gleichfalls laut im
Saale zu reden, whrend man anderenfalls, wenn diese Frage und
Unterbrechung nicht erfolgt wre, sich zwar noch weiter geschnaubt und
geschnaubt, aber schlielich doch alles bis zum Ende angehrt htte ...
Oder erwartete er vielleicht als Antwort auf seine Frage strmischen
Beifall? Der blieb jedoch vollstndig aus; im Gegenteil: alle waren
gleichsam erschrocken, zogen sich in sich selbst zurck und verhielten
sich ganz still.

Sie haben Ancus Marcius berhaupt nie gesehn, das sind lauter
stilisierte Phrasen! ertnte pltzlich eine gereizte, vor Verbissenheit
schon berreizte Stimme.

Natrlich nicht! stimmte sofort eine andere Stimme bei. Heutzutage
gibt's keine Gespenster, es gibt nur noch Naturwissenschaften. Werden
Sie mit diesen fertig!

Meine Herrschaften, nichts habe ich weniger erwartet, als solche
Einwendungen, sagte Karmasinoff, in der Tat malos verwundert. -- Dem
groen Genie war in Karlsruhe das Vaterland vllig fremd geworden.

In unserem Jahrhundert ist es eine Schande, solchen Schwindel
vorzutragen! -- gleich dem von den drei Walfischen, auf denen die Welt
ruhen soll![50] schmetterte pltzlich eine Jungfrau in den Saal. Zudem
haben Sie, Karmasinoff, berhaupt nicht in das Innere der Erde zu einem
Asketen hinabsinken knnen. Und wer redet denn jetzt noch von Asketen?

Meine Herrschaften, am meisten wundert mich, da das so ernst genommen
wird. brigens ... brigens ... Sie haben vollkommen recht. Niemand
achtet die reale Wahrheit mehr als ich ...

Er lchelte zwar ironisch, war aber merklich doch sehr betroffen. Der
Ausdruck seines Gesichts sagte indessen geradezu wrtlich: Ich bin doch
nicht so einer, wie ihr glaubt, ich bin doch ganz eurer Meinung, nur
lobt mich, lobt mich mehr, lobt mich soviel wie mglich; denn das liebe
ich ber alles ...

Meine Herrschaften, rief er schlielich, aber nun schon durchaus
verletzt, ich sehe, da mein armes Poemchen hier deplaziert war. Ja und
auch ich selbst bin hier, wie mir scheint, deplaziert.

Er zielte auf eine Krhe, traf aber eine Kuh! schrie nun bereits mit
lautester Stimme irgendein Esel in den Saal, wahrscheinlich ein
Angeheiterter, doch diesen Ausruf htte man schon unter keinen Umstnden
beachten sollen.

Ein wahres Wort! Dazu respektloses Lachen.

Eine Kuh, sagen Sie? griff dagegen Karmasinoff das Sprichwort sofort
auf. Seine Stimme wurde immer kreischender. Bezglich des Vergleichs
mit Krhen und Khen erlaube ich mir keine uerung, meine Herrschaften.
Ich achte sogar _jedes_ Publikum doch allzusehr, um mir Vergleiche, und
seien es auch ganz unschuldige, zu erlauben. Aber ich dachte ...

Ach, mein Herr, Sie sollten doch lieber nicht gar so ..., fiel ihm
jemand aus den letzten Reihen ins Wort.

... aber ich dachte, da ich, da ich nun meine Feder fr immer aus der
Hand lege und Abschied nehme von meinem Leser, wenigstens bis zum Ende
angehrt werden wrde ...

Ja, aber ja, wir wollen Sie doch auch anhren, wir wollen doch ...
ertnten ein paar endlich mutig gewordene Stimmen aus der ersten Reihe.

Lesen Sie, lesen Sie! fielen mehrere begeisterte Damenstimmen ein und
schlielich ertnte auch ein Applaus, freilich nur ein dnner,
sprlicher.

Karmasinoff lchelte schief und erhob sich von seinem Platz.

Glauben Sie mir, Karmasinoff, wir alle halten es sogar fr eine Ehre,
konnte sich selbst die Adelsmarschallin nicht enthalten zu versichern.

Herr Karmasinoff, erklang pltzlich eine junge, frische Stimme aus der
Tiefe des Saales. Es war die Stimme eines sehr jungen Lehrers aus der
Kreisschule, eines stillen, anstndigen und prchtigen Menschen, der
noch nicht lange Zeit bei uns weilte. Er war jetzt sogar von seinem
Platze aufgestanden. Herr Karmasinoff, wenn ich das Glck gehabt htte,
so zu lieben, wie Sie es uns beschreiben, so htte ich wirklich nicht
davon in einem Aufsatz gesprochen, der zum ffentlichen Vorlesen
bestimmt war ...

Dabei errtete er ber und ber.

Meine Herren, rief Karmasinoff, ich habe nichts mehr hinzuzufgen!
Ich bergehe den Schlu und entferne mich. Erlauben Sie mir nur noch,
die letzten Zeilen zum Abschied zu lesen!

Und ohne sich hinzusetzen, begann er sogleich: Ja, mein Freund und
Zuhrer, lebe wohl! -- lebe wohl, mein Leser, ich bestehe nicht einmal
darauf, da wir als Freunde scheiden: In der Tat, wozu dich beunruhigen?
Schilt, wenn du willst, schilt, wenn es dir Vergngen macht! Aber mich
deucht, es wre besser, wir vergen uns fr immer. Und wenn ihr alle,
meine Zuhrer, pltzlich so gut wret, mich auf den Knien und mit Trnen
in den Augen zu bitten: >Schreibe noch, Karmasinoff, -- fr uns, fr das
Vaterland, fr die Nachwelt, fr die Lorbeerkrnze!< so wrde ich euch
sogar dann noch antworten, selbstredend mit allem Dank: >Nein, wir haben
uns schon genug miteinander abgegeben, liebe Kompatrioten, _merci_! Es
ist Zeit, da wir uns trennen! _Merci, merci, merci!_<

Karmasinoff verbeugte sich zeremoniell, -- und ganz rot im Gesicht, als
htte man ihn gekocht, begab er sich hinter die Kulissen.

Niemand wird auf die Knie fallen, eitle Phantasie! rief ihm eine
Stimme nach.

Was fr eine Eigenliebe!

Aber das ist doch Humor, glaubte jemand erklren zu mssen.

Nein, verschonen Sie uns bitte mit solchem Humor.

Das war einfach eine Frechheit, meine Herren!

Na, wenigstens hat er endlich Schlu gemacht!

Das war aber eine Langeweile! -- da Gott erbarm'!

Aber alle diese unhflichen Ausrufe der letzten Reihen wurden bertnt
von dem Applaus des anderen Publikums. Man rief Karmasinoff hervor.
Einige Damen, an der Spitze Julija Michailowna und die Adelsmarschallin,
versammelten sich vor der Tribne. In den Hnden hielt Julija
Michailowna ein weies Samtkissen, auf dem ein Lorbeerkranz in einem
zweiten Kranz von Rosen lag.

Lorbeer! rief Karmasinoff mit einem feinen und etwas boshaften
Lcheln. Ich bin natrlich gerhrt und ich nehme diesen im voraus
geflochtenen Kranz, der noch nicht verwelkt ist, mit aufrichtigem Danke
an: aber ich versichere Sie, _Mesdames_,{[175]} ich bin pltzlich soweit
Realist geworden, da ich Lorbeeren heutzutage in den Hnden eines Kochs
besser aufgehoben fnde, als in den meinigen ...

Ja, ein Koch ist auch ntzlicher! rief der Seminarist, der mit auf der
Sitzung bei Wirginskis gewesen war.

Die Ordnung wurde gestrt. In vielen Reihen stieg man auf die Sthle, um
besser die Zeremonie der berreichung des Lorbeerkranzes sehen zu
knnen.

Ich wrde jetzt fr einen Koch noch drei Rubel zuzahlen, ertnte eine
laute Stimme.

Ich gleichfalls!

Ich auch!

Gibt es denn hier wirklich kein Bfett?

Meine Herren, das ist einfach ein Betrug ...

Immerhin bewahrten die Ruhestrer noch einigen Respekt vor unseren
Honoratioren und den anwesenden Polizeioffizieren. Ungefhr zehn Minuten
nachher hatten sie sich denn auch alle wieder gesetzt. Aber die
ursprngliche Ordnung war doch nicht mehr vorhanden. Und in diesem
Anfangsstadium eines drohenden Tumults mute nun der arme Stepan
Trophimowitsch auftreten ...


                                  IV.

Ich hielt es nicht aus und eilte doch noch zu ihm hinter die Kulissen,
um ihn anzuflehen, jetzt seinen ganzen Vortrag aufzugeben, ein
Unwohlsein vorzuschtzen und nach Hause zu fahren. Es sei nun alles
schon verspielt und verloren, auch ich wrde mein Festordnerband
ablegen, meinen Ehrenposten aufgeben und mit ihm davongehen. Er war in
diesem Augenblick gerade im Begriff, die Tribne zu betreten: nun blieb
er stehen, ma mich hochmtig vom Kopf bis zu den Fen und fragte mit
geradezu feierlichem Ernst:

Wie kommen Sie dazu, mein Herr, von mir eine solche Schndlichkeit zu
erwarten?

Ich trat zurck, berzeugt, da er ohne Katastrophe von dort nicht
zurckkehren werde. In vollstndiger Mutlosigkeit stand ich da, als
pltzlich wieder die Figur des angereisten Professors vor mir
auftauchte. Er ging immer noch auf und ab, in sich versunken und vor
sich hinmurmelnd, aber ein triumphierendes Lcheln glitt hin und wieder
ber sein Gesicht, und von Zeit zu Zeit hob er immer noch die Faust, um
sie dann wuchtig niedersausen zu lassen. Ich trat ganz unabsichtlich auf
ihn zu.

Wissen Sie, sagte ich, erfahrungsgem hrt kein einziges Publikum
lnger als zwanzig Minuten jemandem zu. Selbst die grte Berhmtheit
wird es keine halbe Stunde ...

Er blieb stehen. Ein ungeheurer Hochmut lag auf seinem Gesicht.

Seien Sie unbesorgt, brummte er verchtlich und ging an mir vorber.

In dieser Minute ertnte im Saale die Stimme Stepan Trophimowitschs.

Ach, da Euch der ...! fluchte ich und eilte in den Saal.

Stepan Trophimowitsch hatte sich in den Stuhl gesetzt, noch bevor die
Ordnung im Saale einigermaen hergestellt war. Aus den ersten Reihen
empfingen ihn nicht gerade wohlwollende Blicke. Im Klub hatte man in der
letzten Zeit aufgehrt, ihn besonders zu schtzen oder gar zu lieben.
Aber immerhin war es schon viel, da man ihn nicht einfach auszischte.
Mich hatte die ganze Zeit die fixe Idee verfolgt, da etwas Derartiges
geschehen werde. Vermutlich bemerkte man ihn bei der allgemeinen
Unordnung zunchst gar nicht. Doch was konnte er denn berhaupt
erwarten, wenn man sogar mit Karmasinoff so verfahren war? Er war
bleich; aus seiner Aufregung ersah ich, der ich ihn doch so gut kannte,
da er sein Erscheinen auf dieser Tribne selber als eine Art
Schicksalsfgung empfand. So stand er denn nach zehn Jahren wieder vor
der ffentlichkeit! Lieb und teuer war mir dieser Mensch. Und was fhlte
ich nicht alles fr ihn, als ich nun seine ersten Worte vernahm!

Meine Damen und Herren! stie er hervor, wie zu allem entschlossen,
und doch mit einer Stimme, die vor innerer Erregung gleichsam keinen
Atem hatte. Meine Damen und Herren! Noch heute morgen lag einer dieser
verbotenen und gesetzwidrigen Aufrufe vor mir, und ich stellte mir wohl
zum hundertsten Mal die Frage: >Worin besteht das Geheimnis ihrer
Macht?<

Der ganze Saal verstummte im Augenblick; alle Blicke wandten sich ihm
zu. Kein Zweifel: wenigstens hatte er es verstanden, gleich mit den
ersten Worten zu fesseln. Sogar hinter den Kulissen steckte man die
Kpfe hervor: Liputin und Lmschin lauschten geradezu gierig. Julija
Michailowna rief mich wieder mit einem Wink zu sich.

Halten Sie ihn auf, was es auch koste, halten Sie ihn auf! flsterte
sie mir erregt zu.

Ich zuckte nur mit der Achsel. Wie konnte man einen Menschen, der sich
schon zu allem entschlossen hatte, noch aufhalten? Und ich verstand
Stepan Trophimowitsch nur zu gut.

Aha, von den Proklamationen! flsterte man im Publikum.

Meine Damen und Herren, ich habe das ganze Geheimnis erraten. Das
Geheimnis ihrer Macht und ihres Erfolges liegt in ihrer -- Dummheit!
(Seine Augen erglnzten.) Ja, wre das eine erklgelte Dummheit, eine
Dummheit aus Berechnung -- oh, dann wre sie genial! Aber man mu den
Verfassern volle Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie bringen sie nicht
aus Berechnung, nein, sondern es ist einfach die allernaivste, die
alleroffenherzigste, die allerbilligste Dummheit -- _c'est la btise
dans son essence la plus pure, quelque chose comme un simple
chimique_.{[176]} Wre das alles ein wenig klger ausgedrckt, so wrde
ein jeder die ganze Armseligkeit dieser billigen Dummheit einsehen. So
dagegen bleiben alle in der Ungewiheit, denn keiner will es doch
glauben, da es wirklich so erstklassig dumm sei. >Es kann doch nicht
sein, da _nichts_ dahinter stecke<, sagt sich ein jeder, und man sucht
nach dem geheimen Sinn, glaubt an ein Geheimnis und will zwischen den
Zeilen lesen. Damit aber ist der Erfolg schon gesichert! Oh, noch nie
hat die Dummheit eine so feierliche Belohnung erhalten, ungeachtet
dessen, da sie sie so oft verdient ... Denn, _en parenthse_,{[177]}
die Dummheit, wie das hchste Genie, sind innerhalb des Geschickes der
Menschheit beide von gleichem Nutzen.

Sentenzen der vierziger Jahre! hrte man eine brigens recht
bescheidene Stimme sagen.

Doch nun war es mit der Ruhe zu Ende: alles schrie und lrmte los.

Meine Herren, Hurra! Ich schlage vor, einen Toast auf die Dummheit
auszubringen! rief Stepan Trophimowitsch, den ganzen Saal gleichsam
herausfordernd.

Ich lief zu ihm, unter dem Vorwande, Wasser ins Glas zu gieen.

Stepan Trophimowitsch, lassen Sie davon ab, Julija Michailowna bittet
Sie instndig ... flsterte ich schnell.

Nein, lassen _Sie_ von _mir_ ab, Sie miger junger Mann! rief er mir
mit lauter Stimme zu.

Ich zog mich zurck.

_Messieurs!_ fuhr er fort, wozu die Aufregung, warum dieses Geschrei
des Unwillens, das ich hre? Ich bin ja mit dem Olivenzweig gekommen.
Ich bringe das letzte Wort, denn in dieser Sache habe ich das letzte
Wort -- und wir knnen uns vershnen.

Fort mit ihm! riefen die einen.

Ruhig, lat doch hren, lat ihn zu Ende sprechen! schrien die
anderen.

Besonders regte sich der junge Lehrer auf, der, nachdem er einmal zu
sprechen gewagt hatte, nun sich nicht mehr halten konnte.

_Messieurs_, das letzte Wort in dieser Sache ist -- die gegenseitige
Vergebung. Ich, ein alter Mann, ich erklre feierlich, da der Geist des
Lebens noch ebenso strmt wie frher und die lebendige Kraft auch in der
jungen Generation nicht versiegt ist. Der Enthusiasmus unserer jetzigen
Jugend ist noch ebenso rein und licht, wie er es zu meiner Zeit war. Es
ist nur eines geschehen: man hat die Ziele gendert, die eine Schnheit
ward durch die andere ersetzt! Das ganze Miverstndnis liegt nur darin,
was ist schner: Shakespeare oder ein Paar Stiefel, Rafael oder ein
Petroleur?

Das ist eine Anklage! brllte man irgendwoher.

Das sind kompromittierende Fragen!

_Agent-provocateur!_{[178]}

Ich aber erklre, rief Stepan Trophimowitsch wie rasend, ich aber
erklre, da Shakespeare und Rafael -- hher als die Aufhebung der
Leibeigenschaft, hher als das Volk, hher als der Sozialismus, hher
als die gesamte junge Generation, hher als die Chemie, hher fast als
die ganze Menschheit stehen, und vielleicht die hchste Frucht sind, die
es berhaupt geben kann! Die Form der Schnheit ist damit schon
erreicht, die Prgung, ohne die ich vielleicht gar nicht einwilligen
wrde, zu leben ... O Gott! er erhob die Arme, vor zehn Jahren habe
ich das in Petersburg genau so von einer Tribne den Menschen zugerufen,
mit denselben Worten, und ebensowenig haben sie mich damals verstanden,
haben gelacht und gepfiffen wie jetzt ... O ihr kleinen, kleinen
Menschen, was fehlt euch, da ihr das nicht verstehen knnt? Ja, wit
ihr denn nicht, wit ihr denn nicht, da ohne den Englnder die
Menschheit noch leben kann, auch ohne den Deutschen, ohne den russischen
Menschen schon ohne weiteres, auch ohne die Wissenschaft, auch ohne
Brot, nur ohne die Schnheit, nur ohne Schnheit kann sie nicht leben,
denn da gbe es berhaupt nichts mehr zu tun auf der Welt! Hier liegt
das ganze Geheimnis, liegt die ganze Weltgeschichte! Selbst die
Wissenschaft wrde ohne die Schnheit nicht einen Augenblick bestehen --
wit ihr das auch, ihr Lacher --, alles wrde sich in Hamitentum
verwandeln, nichts mehr wrdet ihr erfinden, nicht einmal einen Nagel!
... Dabei bleibe ich! und er schlug aus aller Kraft mit der Faust auf
den Tisch.

Viele sprangen von ihren Pltzen, andere drngten sich nher zu der
Tribne. Alles das geschah schneller, als sich's beschreiben lt, und
erst recht schneller, als da man Vorsichtsmaregeln htte treffen
knnen -- wenn man berhaupt welche htte treffen wollen!

Ihr habt es gut, ihr Verwhnten an euren vollen Tischen! brllte schon
unmittelbar vor der Tribne der Seminarist und fletschte Stepan
Trophimowitsch hhnisch an.

Der bemerkte es und trat sofort bis an den uersten Rand:

Habe nicht ich, nicht ich soeben noch gesagt, da der Enthusiasmus
unserer jungen Generation ebenso rein und licht ist wie frher, und da
sie nur deshalb ins Verderben geht, weil sie sich in den Formen des
Schnen tuscht? Ist euch das zu wenig? Und wenn ihr bedenkt, da ein
gebeugter und beleidigter Vater zu euch spricht, ist es dann, -- o ihr
kleinen Menschen! ... Kann man denn berhaupt noch leidenschaftsloser
und klarer schauend ber den Ansichten stehen? Undankbare, ungerechte
Menschen ... warum wollt ihr nicht Frieden schlieen ...

Und pltzlich brach er in hysterisches Schluchzen aus. Er wischte sich
mit den Fingern die Trnen ab. Die Brust und die Schultern zitterten vor
Schluchzen -- er verga alles um sich her.

Eine wirkliche Panik ergriff das Publikum, fast alle erhoben sich von
ihren Pltzen. Auch Julija Michailowna erhob sich schnell und zog ihren
Mann von seinem Stuhle in die Hhe.

Stepan Trophimowitsch! brllte triumphierend der Seminarist. Hier in
der Stadt und in der Umgegend treibt sich jetzt ein entsprungener
Zuchthusler herum, Fedjka mit Namen. Er stiehlt berall und vor nicht
langer Zeit hat er einen neuen Mord verbt. Gestatten Sie die Frage:
wenn Sie ihn vor fnfzehn Jahren nicht zur Begleichung einer
Kartenschuld als Rekruten verkauft htten, wre er dann auch nach
Sibirien gekommen? Htte er dann auch Menschen ermordet im Kampfe ums
Dasein? Was sagen Sie dazu, Herr sthetiker?

Ich verzichte darauf, die nun folgende Szene zu beschreiben. Zunchst
ertnte ein rasender Applaus. Es applaudierten natrlich nicht alle,
vielleicht nur der fnfte Teil des Saales, aber der applaudierte dafr
auch wie wahnsinnig. Der Rest des Publikums strmte zum Ausgang, der
applaudierende Teil dagegen zur Tribne hin, und so entstand ein
allgemeines Gewhl. Damen schrien auf. Junge Mdchen weinten und wollten
nach Hause. Lembke stand noch immer an seinem Platz und sah drohend um
sich. Julija Michailowna verlor zum erstenmal in ihrem Leben vllig den
Kopf. Stepan Trophimowitsch schien von den Worten des Seminaristen
zuerst vllig zerschmettert zu sein, doch pltzlich erhob er beide Hnde
und rief:

Ich schttle den Staub von meinen Fen und verfluche ... Das ist das
Ende ... das Ende ...

Und sich umkehrend lief er, gestikulierend und noch mit den Hnden
drohend, hinter die Kulissen.

Er hat die Gesellschaft beleidigt! ... Er schmht uns! Werchowenski!
schrie man.

Und schon wollte man hinter ihm her strzen, was in diesem Augenblick
schwer zu verhindern gewesen wre, -- aber siehe da! nun sollte noch die
letzte Katastrophe wie eine Bombe in die Versammlung einschlagen! Der
dritte Redner, jener Maniak, der hinter den Kulissen hin und her
geschritten war und in einem fort die Faust hochgehoben hatte, erschien
pltzlich auf der Tribne.

Er hatte entschieden das Aussehen eines Verrckten. Mit breitem,
triumphierendem Lcheln, voll unermelichen Selbstvertrauens bersah er
die aufgeregte Menge, und es schien ihn nicht im geringsten zu
verwirren, da er vor solchem Publikum reden sollte, vielmehr schien er
an der Unordnung sogar seine Freude zu haben, und zwar so
augenscheinlich, da gerade das die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn
lenkte.

Wer ist denn das? hrte man fragen. Was will denn der noch? Still!
Pst! Was?

Meine Herren! begann dieser Mensch, ganz am uersten Rande der
Tribne stehend, schreiend laut und fast mit einer ebenso
kreischend-weibischen Stimme, wie Karmasinoff sie hatte, nur lauter und
ohne das aristokratische Lispeln.

Meine Herren! Vor zwanzig Jahren, am Vorabend unseres Krieges mit dem
halben Europa, war Ruland das Ideal aller Staats- und Geheimrte! Die
Literatur stand im Dienst der Zensur! An den Universitten lehrte man
exerzieren! Das Heer wurde zum Ballett! Das Volk aber bezahlte stier und
stumm Abgaben, schwieg und schmachtete unter der Knute der
Leibeigenschaft! Patriotismus wurde zum Geschft: man erprete von
Lebenden und von Toten! Die nicht Schmiergelder nahmen, galten fr
revolutionr, denn sie strten die Harmonie! Die Birkenwlder wurden
rasiert als Hilfe zur Aufrechterhaltung dieser Ordnung. Europa zitterte.
Doch in Ruland hatte es in dem ganzen sinnlosen Jahrtausend seiner
Existenz noch niemals elender ausgesehen! Ruland war nur noch eine
einzige Schmach und weiter nichts! Und mit einer wsten Bewegung erhob
er die Faust, schttelte sie drohend ber seinem Haupte und lie sie
dann ingrimmig niedersausen, als wollte er mit einem einzigen Schlage
einen unsichtbaren Gegner zerschmettern.

Ein unbndiges Gebrll erhob sich von allen Seiten. Ohrenbetubendes
Klatschen und Trampeln erschtterte den Saal. Es applaudierte schon
beinahe die Hlfte der Anwesenden. Die Harmlosesten wurden mitgerissen:
Ruland wurde ffentlich geschmht, entehrt, vor dem ganzen Publikum
heruntergerissen -- wie sollte man da nicht brllen vor Entzcken?

Das ist's! ... Der wei es! ... Der hat recht! Hurra ... Das ist besser
als sthetik! ... Hurra!

Triumphierend fuhr der Maniak in seiner Rede fort: Seit der Zeit sind
zwanzig Jahre vergangen! Die Universitten haben sich vermehrt! Das
Exerzieren in den Hrslen ist zur Legende geworden! An Offizieren im
Heer fehlt's jetzt zu Tausenden! Die Eisenbahnen haben alles Kapital
verschlungen und Ruland wie mit einem Spinngewebe berzogen, so da man
in zehn bis fnfzehn Jahren vielleicht auch wirklich wird reisen knnen.
Die Brcken brennen nur selten, aber die Stdte dafr um so hufiger.
Auf den Gerichten werden salomonische Urteile gefllt, doch die
Geschworenen nehmen Schweigegelder an, um nicht Hungers zu sterben! Die
befreiten Leibeigenen peitschen sich jetzt gegenseitig, an Stelle der
Gutsbesitzer, die es frher taten! Ozeane von Schnaps trinkt man aus,
damit das Budget zustande kommt! Und in Nowgorod hat man vor der alten
und unntzen Sophienkirche eine kolossale Kugel aufgestellt und
feierlich enthllt, als Denkmal der tausendjhrigen Unordnung und
Sinnlosigkeit, die wir jetzt glcklich hinter uns haben! Europa aber
rgert sich und fhlt sich von neuem beunruhigt ... Fnfzehn Jahre der
Reformen! Indessen ist Ruland noch niemals, nicht einmal in den
groteskesten Zeiten seines ganzen unsinnigen Bestehens, zu solch einer
...

Seine letzten Worte wurden schon vom Gebrll der Menge verschlungen. Man
sah nur noch, wie er wieder die Faust erhob und sie dann wieder
niedersausen lie. Der Jubel berstieg bereits alle Grenzen. Man schrie,
man heulte, man klatschte unbndig in die Hnde. Sogar einzelne Damen
riefen: Genug! Besseres knnen Sie nicht mehr sagen! Man war wie
betrunken. Oben auf der Tribne aber stand der Redner, berschaute alle
und schmolz gleichsam in seinem Triumphgefhl.

Ich sah nur noch, wie Lembke in unaussprechlicher Aufregung
irgendjemandem irgendetwas befahl. Neben ihm stand Julija Michailowna
kreidewei. Der junge Frst nherte sich ihnen schnell. Sie flsterte
ihm etwas zu. Doch in diesem Moment sah ich schon mehrere Herren auf der
Tribne, meist offizielle Persnlichkeiten, die sich blitzschnell auf
den Redner warfen und ihn hinter die Kulissen schleppten. Irgendwie
gelang es aber diesem doch noch, sich loszureien, und im Augenblick
stand er wieder auf der Tribne, um, mit erhobener Faust, gerade noch
schreien zu knnen:

Aber noch nie ist Ruland zu solch einer ...

Doch schon hatte man ihn wieder gepackt, berwltigt und schleppte ihn
weg. Sogleich strmte ein ganzer Haufe von etwa fnfzehn Mann hinter die
Kulissen, um ihn zu befreien, strmte seitlich an der Tribne vorber,
ri eine Barriere um ...

Ich sah nur noch, da pltzlich -- ich traute meinen Augen nicht -- die
Studentin (Wirginskis Schwester) auf der Tribne stand. Sie hielt
dieselbe Papierrolle in der Hand, war ebenso angezogen, ebenso rundlich,
doch hinter ihr standen noch zwei oder drei Gesinnungsgenossinnen und
zwei oder drei Genossen, unter diesen auch ihr Todfeind, der Gymnasiast.
Ich vernahm sogar noch ihre ersten Worte:

Ich bin gekommen, um Ihnen von den Leiden der unglcklichen Studenten
zu erzhlen und alle zu einem Protest aufzurufen! ...

Doch da lief ich schon hinaus. Mein Festordnerband steckte ich in die
Tasche, durch eine Hintertr gelangte ich auf die Strae. Mein erster
Weg war natrlich zu Stepan Trophimowitsch.




                          Siebzehntes Kapitel.
                          Das Ende des Festes


                                   I.

Stepan Trophimowitsch empfing mich nicht. Er hatte sich eingeschlossen
und schrieb. Auf mein Klopfen und Rufen hin antwortete er mir nur durch
die verschlossene Tr:

Lieber Freund, ich habe mit allem abgeschlossen, wer kann noch mehr von
mir verlangen?

Sie haben gar nicht mit allem abgeschlossen! Sie haben nur das Ihre
dazu beigetragen, da alles zusammenbrach! Im Ernst, Stepan
Trophimowitsch, machen Sie die Tr auf, man mu Vorkehrungen treffen.
Die Bande kann schlielich noch zu Ihnen kommen, um Sie zu beschimpfen
...

Ich hielt mich fr berechtigt, streng mit ihm zu reden. Vor allem
frchtete ich, da er irgendeine Torheit begehen knnte. Aber zu meinem
Erstaunen stie ich bei ihm auf feste Entschlossenheit.

Wenn Sie mich nur nicht als erster beleidigen wollten. Ich danke Ihnen
fr alles Gewesene, aber ich mu Ihnen wiederholen, da ich mit allem
abgeschlossen habe, mit dem Guten, wie mit dem Bsen. Ich schreibe
soeben einen Brief an Darja Pawlowna, die ich unverzeihlicherweise bis
jetzt ganz vergessen hatte. Morgen bringen Sie ihr dann den Brief, wenn
Sie so freundlich sein wollen. Heute aber -- >_Merci_<.

Stepan Trophimowitsch, ich versichere Ihnen, da die Sache ernster ist,
als Sie glauben. Oder glauben Sie vielleicht, da Sie dort jemanden
zerschmettert haben? Ach, doch nur sich selbst, wie ein leeres Glas!
(Oh, ich war roh und grausam; heute ist mir das eine schmerzliche
Erinnerung!) An Darja Pawlowna haben Sie jetzt entschieden nichts zu
schreiben ... und was wollen Sie jetzt ohne mich anfangen? Was wissen
Sie denn von der Wirklichkeit? Sicher haben Sie jetzt irgendeine
besondere Absicht! Was haben Sie vor, Stepan Trophimowitsch? Sicher
werden Sie sich noch einmal blamieren, wenn Sie wieder etwas unternehmen
...

Er stand auf und kam zur Tr.

Sie haben noch nicht lange mit diesen Leuten verkehrt, und doch haben
Sie deren Sprache und Ton schon angenommen. _Dieu vous pardonne, mon
ami, et Dieu vous garde._{[179]} Aber ich habe in Ihnen immer einen
gewissen inneren Anstand wahrgenommen, und so hoffe ich, da Sie noch
zur Besinnung kommen werden -- _aprs le temps_{[180]} natrlich, wie
wir alle, wir russischen Menschen. Was Ihre Bemerkung ber meine
Unkenntnis der Wirklichkeit betrifft, so mchte ich Sie an einen alten
Gedanken von mir erinnern: da bei uns in Ruland unzhlige Menschen
sich nur damit beschftigen, mit grtem Wuteifer und mit einer
Unermdlichkeit, die an Fliegen im Sommer gemahnt, ber alle anderen
herzufallen, indem sie ihnen Unkenntnis der Wirklichkeit vorwerfen.
Jedem Menschen machen sie den Vorwurf, er sei >unpraktisch<, nur sich
selbst machen sie ihn nie. _Cher_, bedenken Sie, da ich erregt bin, und
qulen Sie mich nicht. Noch einmal Dank fr alles und scheiden wir
voneinander, wie Karmasinoff vom Publikum -- das heit, vergessen wir
uns gegenseitig so gromtig wie mglich. Das war von ihm brigens nur
eine Finte, da er seine alten Leser so instndig bat, ihn zu vergessen.
_Quant  moi_,{[181]} so bin ich nicht so selbstschtig und verlasse
mich vor allem auf die Jugend Ihres unversuchten Herzens: wozu sollten
Sie sich lange eines nutzlosen Greises erinnern? Darum, mein Freund,
>leben Sie mehr<, wie mir Nastassja zu meinem letzten Namenstage
wnschte (_ces pauvres gens ont quelque fois des mots charmants et
pleins de philosophie_{[182]}). Nicht zu viel Glck wnsche ich Ihnen,
das wrde langweilig werden. Aber ich wnsche Ihnen auch kein Unglck,
sondern sage nur wie der Volksmund: >Leben Sie mehr<! Und versuchen Sie
irgendwie, sich nicht zu grmen. Diesen berflssigen Wunsch fge ich
noch von mir aus hinzu. Und nun leben Sie wohl. Im Ernst gesagt: leben
Sie wohl. -- Bleiben Sie nicht an meiner Tr, ich werde nicht
aufmachen.

Er ging auch tatschlich fort von der Tr und ich konnte nichts weiter
von ihm erfahren. Ungeachtet seines Gestndnisses, da er erregt sei,
hatte er langsam, flieend und eindringlich gesprochen. Natrlich war er
mir aus irgendeinem Grunde gram und rchte sich nun auf diese Weise. Vor
allem aber brachten ihn die Trnen, die er am Morgen vor dem Publikum
geweint, wenn er auch vorher einen halben Sieg errungen hatte, in eine
etwas komische Lage, und das fhlte er wohl selbst. Nun war aber gewi
kein Mensch gerade um die Schnheit und die Strenge der ueren Formen
-- selbst im Verkehr mit seinen Freunden -- so besorgt wie Stepan
Trophimowitsch. Oh, ich mache ihm keinen Vorwurf! Damals aber war es
eben diese Erwgung, da ein Mensch, der sich trotz aller Erschtterung
in dieser gewissen Pedanterie und diesem Sarkasmus treu blieb, doch wohl
nicht so erschttert sein konnte, um nun geneigt zu sein, etwas
Tragisches oder Auergewhnliches zu unternehmen. So dachte ich damals
bei mir, aber, o Gott, wie tuschte ich mich! Ich lie doch gar zu
vieles auer acht ...

Hier mchte ich nun, obgleich ich damit den Ereignissen vorgreife,
einige Zeilen aus dem Brief mitteilen, den Darja Pawlowna am anderen
Tage tatschlich erhielt.

_Mon enfant!_{[183]} Meine Hand zittert, aber ich habe mit allem
abgeschlossen. Sie waren nicht zugegen bei meinem letzten Zusammensto
mit den Menschen, bei diesem >Vortrag<, und Sie taten recht. Aber man
wird Ihnen erzhlen, da in unserem an Charakteren gnzlich verarmten
Ruland ein Mensch sich erhoben und trotz der Gefahren, die er lief,
diesen kleinen Dummkpfen die ganze Wahrheit gesagt hat, das heit: da
sie dumme Nrrchen sind. _Oh, ce sont des pauvres petits vauriens et
rien de plus, des petits_ Nrrchen -- _voil le mot_!{[184]} Der Wrfel
ist gefallen. Ich verlasse diese Stadt. Ich kehre niemals wieder. Ich
wei noch nicht, wohin ich meinen Fu setzen werde. Alle, die ich
liebte, haben sich von mir abgewandt. Nur Sie, Sie reines und gutes
Geschpf, Sie Sanfte, deren Schicksal sich beinahe mit dem meinen
vereinigt htte, nach dem Willen eines kaprizisen und herrschschtigen
Frauenherzens, Sie, die vielleicht mit Verachtung auf mich herabsehen,
seit ich am Vorabend unserer nicht zustande gekommenen Heirat meine
kleinmtigen Trnen vergossen habe; Sie, die in mir gewi nichts anderes
sehen knnen, als einen lcherlichen Menschen, nur Sie, oh, nur Sie
gre ich noch! Nur Ihnen noch diesen letzten Schrei meines Herzens,
Ihnen meine letzte Pflicht, Ihnen allein! Kann ich Sie doch nicht so auf
ewig verlassen! -- mit der Vorstellung von mir als einem undankbaren,
unwissenden, selbstschtigen Toren, wie mich Ihnen wohl tglich ein
undankbares und grausames Herz schildert, ein Herz, das ich -- o
Schmerz! -- nicht vergessen kann ...

Der Brief war auf einem Bogen groen Formats geschrieben und vier Seiten
lang ...

... Ich pochte noch dreimal an die Tr, nachdem er mit den Worten, er
werde nicht aufmachen, ins Zimmer zurckgegangen war. Dann rief ich ihm
zu, da er heute noch dreimal Nastassja zu mir schicken werde mit der
Bitte, zu ihm zu kommen, aber dann werde das gleichfalls vergeblich
sein. Damit ging ich fort und begab mich zu Julija Michailowna.


                                  II.

Hier sollte ich Zeuge einer emprenden Szene werden: die arme Frau wurde
auf eine geradezu infame Weise betrogen. Ich sah es, aber ich war ja
machtlos. Was htte ich ihr denn sagen sollen? Ich hatte ja selbst nur
erst unklare Vorgefhle, doch keinen einzigen Beweis fr meinen
Verdacht.

Als ich eintrat, lag sie weinend unter Eau de Cologne-Kompressen und
Eiswasser auf der Chaiselongue. Vor ihr standen Pjotr Stepanowitsch, der
ununterbrochen redete, und der junge Frst, der ununterbrochen schwieg,
als htte man ihm mit einem Schlssel den Mund verschlossen.

Unter Trnen warf sie Pjotr Stepanowitsch seine Abtrnnigkeit vor.
Sonderbar war dabei, da sie nur ihm allein und seiner Abwesenheit das
Milingen und den ganzen Zusammenbruch des Festes zuschrieb.

An Pjotr Stepanowitsch selber fiel mir eine merkwrdige Vernderung auf:
er war ungewhnlich ernst und offenbar mit irgendwelchen Gedanken
beschftigt. Sonst war er ja nie ernst gewesen, sondern hatte immer
gelacht, selbst dann, wenn er sich rgerte -- und er rgerte sich oft.
Auch jetzt war er sichtlich gergert, sprach grob, nachlssig und
rcksichtslos, voll Hast und Ungeduld. Er versicherte, da er die ganze
Zeit mit Kopfschmerzen und belkeit bei Gaganoff gelegen htte, zu dem
er, wie er sagte, schon am frhen Morgen gegangen wre: an ein
Erscheinen auf der Matinee sei auch nicht einmal zu denken gewesen.

Jetzt drehte sich der ganze Streit hauptschlich darum, ob die andere
Hlfte des Festes, der Ball am Abend, stattfinden sollte oder nicht?

Julija Michailowna wollte unter keiner Bedingung auf ihm erscheinen --
oder vielmehr, sie wollte mit aller Gewalt darum gebeten werden, und
zwar gerade von Pjotr Stepanowitsch. Sie hrte noch immer auf ihn wie
auf ein Orakel, und da es durchaus in seinen dunklen Plnen lag, da der
Ball heute noch stattfand und Julija Michailowna auf ihm erschien, so
bat er denn auch.

Warum weinen Sie denn? Sie mssen natrlich wieder eine Szene machen!
Wir aber mssen jetzt zu einem Entschlu kommen. Was am Morgen verdorben
wurde, machen wir am Abend wieder gut! Auch der Frst ist ganz meiner
Meinung. Tja, wenn der Frst nicht gewesen wre, womit wrde das wohl
geendet haben!

Da dies auch die Meinung des Frsten sei, war nun freilich nicht ganz
richtig. Dieser war nmlich zunchst nur dafr, da der Ball stattfand,
nicht aber dafr, da Julija Michailowna auf ihm erschien. Schlielich
schien er aber auch dagegen nichts mehr einzuwenden zu haben.

Mich setzte nun vor allem die unglaubliche Frechheit Pjotr
Stepanowitschs in Erstaunen. Da an den gewhnlichen Klatschgeschichten,
die ber die Art seines Verhltnisses zu Julija Michailowna umliefen,
kein wahres Wort war, wute ich. Er beherrschte diese Frau einfach
dadurch, da er auf alle ihre gesellschaftlichen Trume und ehrgeizigen
Plne, auf ihre Absicht, im Gouvernement eine besondere Rolle zu spielen
und selbst den Petersburgern zu imponieren, in geschickter Weise einging
und ihr mit den grbsten Schmeicheleien um den Mund redete. Aber
erstaunlich war es doch, wie rasch er sich jetzt wieder bei ihr in Gunst
zu setzen wute.

Als sie mich eintreten sah, rief sie mit blitzenden Augen:

Da! fragen Sie ihn, er ist die ganze Zeit nicht von mir gewichen, ganz
wie der Frst! Und Sie, -- erklren Sie ihm doch bitte, da dieser ganze
Skandal nichts als eine Verschwrung gegen mich und Andrei Antonowitsch
war! Oh, die hatten sich alle verschworen! Sie hatten einen gemeinsamen
Plan! Es war alles im voraus darauf abgesehen! ...

Sie irren sich, wie immer! Stets ein Poem im Kopf! Ich bin brigens
froh, den Herrn ... er tat, als habe er meinen Namen vergessen ... er
wird uns seine Meinung sagen.

Ich bin ganz der Ansicht Julija Michailownas, beeilte ich mich zu
erklren. Da eine Verabredung vorlag, das sah man doch nur zu
deutlich. Ich bringe Ihnen im brigen hier meine Bnder, Julija
Michailowna. Ob der Ball zustande kommt oder nicht, das ist natrlich
nicht meine Sache. Doch meine Rolle als Anordner ist zu Ende.
Entschuldigen Sie, aber ich kann nicht gegen meine berzeugung handeln
und -- gegen allen gesunden Menschenverstand.

Hren Sie, hren Sie! rief sie und schlug die Hnde zusammen.

Ich hre ja schon ... Aber was ich noch sagen wollte, wandte sich
Pjotr Stepanowitsch zu mir, ich bin jetzt berzeugt, da alle irgend
etwas gegessen haben mssen, wovon sie krank geworden sind. Meiner
Meinung nach ist nichts geschehen, nichts, was nicht auch frher schon
bei solchen Festen fast immer geschehen ist. Was fr eine Verabredung
sollte denn das gewesen sein? Es sind da ein paar scheuliche Dummheiten
passiert, aber was hat das mit einer Verschwrung zu tun? Das war nicht
gegen Julija Michailowna persnlich, sondern hchstens gegen ihre
Gnstlinge und Schtzlinge gerichtet! Julija Michailowna! Was habe ich
Ihnen den ganzen Monat ununterbrochen vorgehalten? Wovor habe ich Sie
gewarnt? Nun, sagen Sie mir doch: wozu, wozu brauchten Sie dieses ganze
Volk da? -- Wozu mit solch einem Pack sich abgeben? Warum und wozu war
das ntig?

Wann haben Sie mich gewarnt? Im Gegenteil, Sie begnstigten das, Sie
verlangten sogar ... Sie selbst haben mir allerhand sonderbare Menschen
zugefhrt!

Im Gegenteil, ich habe mich mit Ihnen wegen dieser Leute
herumgestritten, aber nicht sie begnstigt und eingefhrt! Jetzt soll
ich es gewesen sein, der dieses Pack hier eingefhrt hat, womglich noch
in letzter Zeit, als sie schon zu Dutzenden herbeistrmten, um diese
>literarische Quadrille< mitzumachen! Ich knnte wetten, da es gerade
diese Mimen gewesen sind, die alles mgliche Volk ohne Billetts
eingefhrt haben.

Das drfte stimmen! bemerkte ich.

Sehen Sie, schon mssen Sie mir recht geben. Und erinnern Sie sich doch
nur, welch ein Ton hier in der letzten Zeit eingerissen war! Das war ja
schon die richtige Gemeinheit, das war ja ein Skandal und Lrm, da
einem die Ohren davon weh taten! Und wer begnstigte das? Wer deckte das
alles mit seiner Autoritt? Wer hat hier alle irre gemacht? Wer hat hier
alle Spieer erbittert? Sind doch in Ihrem Album alle hiesigen
Familiengeheimnisse karikiert! Und haben nicht Sie, gerade Sie alle
unsere Stegreifdichter und Karikaturisten verwhnt, haben Sie sich nicht
sogar von einem Lmschin die Hand kssen lassen? Und hat nicht in Ihrer
Gegenwart der Seminarist einen Staatsrat beschimpfen drfen und der
Tochter des Staatsrats mit seinen Schmierstiefeln das Kleid abgetreten?
Warum wundern Sie sich nun noch, da das Publikum Ihnen jetzt nicht
gerade freundlich gesinnt ist?

Aber das haben doch alles Sie selbst ... O Gott!

Ich? ich habe Sie immer nur gewarnt! Worber htten wir uns denn sonst
die ganze Zeit gestritten?

Aber Sie lgen mir ja ins Gesicht!

Nun ja, das kostet Ihnen ja weiter nichts, so was zu sagen. Sie haben
jetzt ein Opfer ntig, an dem Sie Ihren rger auslassen knnen -- da
komme ich Ihnen gerade recht. Ich werde mich lieber an Sie wenden, Herr
... Er konnte sich offenbar noch immer nicht auf meinen Namen besinnen.
Zhlen wir's doch an den Fingern ab: ich behaupte, da auer der
Liputingeschichte keine einzige Verabredung sich nachweisen lt,
kei--ne ein--zige! Das werde ich Ihnen sogleich beweisen; aber nehmen
wir zuerst Liputin. Er trat mit dem Gedicht des Dummkopfs Lebdkin auf
-- schn! oder vielmehr, das war nicht schn. Aber was soll denn das fr
eine >Verschwrung< sein? Er kam sich einfach geistreich vor! Im Ernst:
geistreich! Er wollte einen Witz machen, uns unterhalten, erheitern, --
verlassen Sie sich darauf! ... und nicht nur uns, sondern vor allen
anderen die Protektrice Julija Michailowna erheitern! Und das ist alles!
Sie glaubens nicht? Aber war denn das nicht ein Witz in genau demselben
Tone, wie er hier schon den ganzen letzten Monat herrschte? Und wenn Sie
wollen, da ich alles sage: bei Gott, unter anderen Umstnden wre er
vielleicht auch glatt durchgegangen! Der Scherz war meinethalben roh,
na, sagen wir, war vielleicht ein starkes Stck, aber an sich doch
schlielich witzig.

Wie! Sie halten diese elende Handlungsweise Liputins auch noch fr
geistreich? fragte Julija Michailowna emprt, eine solche Dummheit,
eine solche Taktlosigkeit, eine solche Niedertrchtigkeit und
Gemeinheit, dieser Anschlag! Ja, dann gibt es keine andere Erklrung:
dann sind Sie selbst mit jenen im Bunde!

Na, natrlich doch! Ich sa ja hinter den Kulissen, habe von dort aus
die ganze Maschine dirigiert. -- Wenn ich hinter einer Verschwrung
gesteckt htte, dann, glauben Sie mir, dann wre das nicht bei Liputin
allein geblieben! Folglich steckte ich wohl auch, Ihrer Meinung nach,
hinter meinem Papachen? damit er absichtlich einen solchen Skandal
heraufbeschwrt? Ja, sagen Sie doch: wer ist nun _daran_ schuld, da man
auch Papachen zum Lesen aufforderte? Wer hat Ihnen noch gestern davon
abgeraten, noch gestern, gestern!!

_Oh, hier il avait tant d'esprit_,{[185]} und ich rechnete so auf ihn!
Und dann, er hat doch Manieren! Ich dachte: er und Karmasinoff ... und
nun statt dessen! ...

Tja, und nun statt dessen! Aber ungeachtet des _tant d'esprit_, hat
Papachen alles verpfuscht. Doch da ich das voraussah, so htte ich, als
Mitglied der berzeugend nachweisbaren Verschwrung gegen Ihr Fest,
Ihnen doch wohl nicht abgeraten, diesen Ziegenbock zum Grtner zu
machen? Ist's nicht so? Indessen habe ich Ihnen tatschlich abgeraten,
habe noch gestern abgeraten, und zwar, weil ich schon so 'ne Vorahnung
hatte, wie das enden wrde. Natrlich habe ich nicht alle Details
vorausgesehen, das wre ja auch gar nicht mglich gewesen: er hat doch
sicher selber nicht gewut, womit er im nchsten Augenblick
herausplatzen wird. So 'n nervser Alter ist doch berhaupt kein Mensch
mehr! Aber man kann da noch manches retten: schicken Sie gleich morgen,
zur Genugtuung des Publikums, zwei rzte zu ihm, die sich nach seinem
Gesundheitszustande erkundigen, oder schon heute, und dann so -- na, auf
administrativem Wege in eine Kaltwasserheilanstalt mit ihm. Wenigstens
wrden dann alle lachen und einsehen, da man keine Ursache hat, sich
gekrnkt zu fhlen. Ich kann ja noch heute auf dem Ball unter der Hand
ein paar diesbezgliche Erklrungen abgeben, da ich ja der Sohn bin.
Eine andere Sache ist es mit Karmasinoff, der hat sich schn als grner
Esel entpuppt und seinen Gallimathias eine ganze Stunde lang geleiert,
-- na, mit dem steckte ich Ihrer Ansicht nach doch zweifellos unter
einer Decke! Den habe ich wohl ausdrcklich gebeten, mitzutun, um Julija
Michailowna zu schaden!

Oh, Karmasinoff, _quelle honte_!{[186]} Ich verging, ich verging vor
Schande fr unser Publikum!

Na, ich wre nicht vergangen, sondern htte lieber ihm das Gehen
beigebracht. Das Publikum war durchaus im Recht. Aber wer ist nun in
diesem Fall wieder der Schuldige? Habe etwa ich Ihnen auch diesen
aufgebunden? Habe ich bei seiner Vergtterung mitgeholfen? Doch, zum
Teufel mit ihm! Aber der dritte, der Maniak, der Politiker! Das war
schon eine andere Nummer! An dem haben sich schon alle versehen, aber
nicht ich allein etwa!

Ach, reden Sie nicht davon, das ist schrecklich, schrecklich! Daran bin
ich, ich allein schuld!

Tja, freilich, aber nun mu ich Sie doch verteidigen. So etwas kann
niemand voraussehen, -- und wer, zum Teufel, kennt sich denn heute unter
diesen >Aufrichtigen< berhaupt noch aus? Vor so einem ist man selbst in
Petersburg nicht sicher. Er war Ihnen doch empfohlen! und wie noch!
Sehen Sie nun nicht ein, da Sie sogar verpflichtet sind, auf dem Ball
zu erscheinen? Man wei doch, da Sie es waren, die ihn auf die Tribne
brachte: darum mssen Sie nun ffentlich zu erkennen geben, da Sie sich
mit ihm nicht solidarisch fhlen, da der Kerl schon in den Hnden der
Polizei ist und da man Sie auf unerklrliche Weise betrogen hat. Sie
mssen es mit Unwillen kundgeben, da Sie das Opfer eines Verrckten
gewesen sind. Denn da der Kerl ein Verrckter ist, sieht doch ein
jeder! Ich kann diese Beienden nicht ausstehen. Freilich rede ich
selber manchmal noch schrfer, aber ich tu's doch nicht von der Tribne
aus! Und da reden noch die Leute wie absichtlich gerade jetzt von dem
Senator!

Von was fr einem Senator? Wer redet ...?

Tja, was wei ich! Aber wie, haben Sie denn nichts von einem Senator
gehrt?

Einem Senator? Nein!

Ja, sehen Sie, man erzhlt sich, da irgendein Senator hierher
geschickt werde, und da man Sie von Petersburg aus absetzen will. Ich
habe es von vielen gehrt.

Ich allerdings auch! besttigte ich.

Wer hat das gesagt? fuhr Julija Michailowna auf und das Blut scho ihr
ins Gesicht.

Wer das zuerst gesagt hat? ... Wie soll ich das wissen. Die ganze Stadt
redet so. Besonders gestern sprach man davon. Alle tun so ernst dabei,
obgleich man gar nicht recht klug daraus werden kann. Natrlich -- die
bichen Klgeren und Kompetenteren, die reden ja nicht davon, aber auch
von diesen hren manche aufmerksam zu.

Welch eine Niedertrchtigkeit! Und ... welch eine Dummheit!

Na, wie gesagt, und schon deshalb mssen Sie erscheinen, um diesen
Dummkpfen ...

Ich sehe ein, ja, ich fhle es jetzt selbst, da ich verpflichtet bin
... aber wie, wenn mich eine neue Schande erwartet? Und wenn der Ball am
Ende gar nicht zustande kommt? Keiner wird kommen, keiner, keiner! Sie
werden sehen!

Ach, da sollte man die Menschen nicht kennen! Wo blieben denn da die
Toiletten? Sie als Frau sollten sich das doch selbst sagen! Sonderbare
Menschenkenntnis!

Die Adelsmarschallin wird bestimmt nicht erscheinen!

Zum ... was ist da denn nun eigentlich passiert! Warum soll sie denn
nicht erscheinen? rief er pltzlich ganz wtend vor Ungeduld.

Die Schmach, die Blamage! Ich wei nicht, was passiert ist, ich wei
nur, da es mir nach alledem unmglich ist, hinzugehen!

So! Warum denn nicht? Ja, woran sind Sie denn eigentlich schuld? Ist
denn nicht das Publikum an allem schuld? Wo waren denn die
Stadtltesten, die Familienvter? -- deren Pflicht wre es doch gewesen,
die Taugenichtse zurckzuhalten. In keiner Gesellschaft und berhaupt
nirgendwo kann die Polizei allein fr alles einstehen. Bei uns verlangt
aber jeder, der eintritt, da hinter ihm ein Polizist stehe und ihn
beschtze. Niemand begreift hier, da jede Gesellschaft sich selbst
beschtzen mu. Aber was machen bei uns die Herren Honoratioren samt
Frauen und Tchtern in solchen Fllen? Sie schweigen und blhen sich!
spielen die Gekrnkten! Nicht einmal diese Bengel von Strenfrieden im
Zaum zu halten verstehen sie, selbst dazu reicht ihr gesellschaftlicher
Instinkt nicht aus!

Ach, das ist ja nur zu wahr! Sie schweigen, blhen sich und ... sehen
sich um.

Und wenn das wahr ist, so mu man das auch so sagen, da alle es hren,
furchtlos und streng! Sie mssen auf dem Ball erscheinen, und in den
Zeitungen mu es stehen, da Sie erschienen sind! Ich werde die Sache
selbst in die Hand nehmen und Ihnen alles arrangieren. Wir bringen den
Bericht in die Petersburger >Stimme< und in die >Brsennachrichten<.
Versteht sich: mehr Aufmerksamkeit, das Bfett strenger beaufsichtigen,
den Frsten bitten, den Herrn da bitten! Und dann mssen Sie erscheinen,
offen vor aller Welt, am Arme Andrei Antonowitschs. Wie geht es ihm
brigens?

Oh, wie ungerecht, wie falsch, wie beleidigend haben Sie immer ber
diesen engelsguten Menschen geurteilt! rief Julija Michailowna
pltzlich, mit ganz berraschender Glut, fast unter Trnen aus und
drckte ihr Taschentuch an die Augen.

Diese Wendung kam fr Pjotr Stepanowitsch so unerwartet, da er im
Augenblick nicht wute, was er sagen sollte.

Aber ich bitte Sie, ich ... ja, was denn! ... ich habe doch immer ...

Niemals, niemals, niemals haben Sie ihm Gerechtigkeit widerfahren
lassen!

Eine Frau kann man doch nie auskennen! brummte Pjotr Stepanowitsch mit
einem eigentmlichen Spottlcheln.

Das ist der gerechteste, der feinfhlendste Mensch! Der beste, der
gtigste von allen!

Aber ... ich bitte Sie, ich ... wieso, ich habe doch immer --
namentlich in betreff der Gte ... habe ich ihm immer ...

Nein, niemals! Aber lassen wir das. Ich bin schlecht fr ihn
eingetreten. Und vorhin hat diese Jesuitin, die Adelsmarschallin, auch
einige sarkastische Bemerkungen wegen gestern fallen lassen.

Oh, der ist es jetzt nicht mehr ums Gestrige zu tun, die hat von heute
genug! Aber machte es Ihnen denn wirklich etwas aus, wenn sie nicht auf
den Ball kme? Denn natrlich wird sie nicht kommen, nachdem sie selbst
in einen solchen Skandal verwickelt worden ist! Mglich, da sie nicht
schuld ist, aber die Reputation ist doch hin: schmutzige Hnde!

Was heit das? ... ich verstehe nicht, -- warum schmutzige Hnde?
Julija Michailowna sah ihn verstndnislos an.

Das heit, ich will ja nichts behaupten, aber die ganze Stadt lutet es
schon aus, da sie die Geschichte begnstigt habe.

Was? Aber was denn begnstigt?

Ja, wissen Sie es denn noch nicht? rief er mit vorzglich gespieltem
Erstaunen. Stawrogin und Lisaweta Nicolajewna! ...

Wie? Was? riefen wir alle.

Ja, wissen Sie denn wirklich noch nichts? Na, hren Sie mal! Aber es
haben sich doch soeben Tragiromane abgespielt! -- Es hat Lisaweta
Nicolajewna gefallen, sich unmittelbar aus der Equipage der
Adelsmarschallin in die Equipage Stawrogins hinberzusetzen und >mit
diesem letzteren< nach Skworeschniki zu entschlpfen, mitten am
hellichten Tage. Erst vor einer Stunde, noch nicht einmal einer Stunde.

Wir erstarrten. Natrlich strzten wir uns dann ins Ausfragen, doch
wunderlicherweise konnte er, obschon er selbst zufllig Augenzeuge
gewesen sein wollte, von den nheren Umstnden nichts Genaues erzhlen.
Geschehen war es angeblich folgendermaen: Als die Adelsmarschallin nach
der Matinee Lisa und Mawrikij Nicolajewitsch in ihrer Equipage
heimbrachte und der Wagen vor dem Hause von Lisas Mutter (deren Fe
immer noch krank waren) hielt, da wartete nicht weit, ungefhr
fnfundzwanzig Schritt von der Vorfahrt, etwas abseits, eine andere
Equipage. Und kaum war Lisa vor der Treppe ausgestiegen, -- da sei sie
sofort zu jener Equipage geeilt; der Schlag habe sich geffnet, sei
zugeklappt; Lisa habe Mawrikij Nicolajewitsch nur noch zugerufen:
Schonen Sie mich! -- und die Equipage sei in voller Karriere
davongefahren nach Skworeschniki. Auf unsere hastigen Fragen: War das
eine Verabredung? Wer sa in jener Equipage? -- antwortete Pjotr
Stepanowitsch, er wisse nichts; zweifellos sei das abgekartet gewesen,
doch Stawrogin habe er in der Equipage nicht gesehen; vielleicht sa nur
der Kammerdiener im Wagen, der alte Alexei Jegorytsch. Auf die Frage:
Wie kam es denn, da gerade Sie zugegen waren? Und woher wissen Sie,
da die Equipage nach Skworeschniki gefahren ist? -- antwortete er, da
er zugegen gewesen sei, weil er gerade vorberging, und als er da Lisa
erblickte, sei er sogar zu jener Equipage geeilt (und dennoch wollte er
nicht gesehen haben, wer in der Equipage sa, ein so neugieriger Mensch
wie er!), Mawrikij Nicolajewitsch aber sei ihr nicht nur nicht
nachgejagt mit dem anderen Gefhrt, sondern habe nicht einmal versucht,
Lisa zurckzuhalten, ja er habe noch mit beiden Hnden die
Adelsmarschallin zurckgehalten, die mit lauter Stimme geschrien habe:
Sie fhrt zu Stawrogin! zu Stawrogin! Da aber ri mir die Geduld und
ich schrie, toll vor Wut, Pjotr Stepanowitsch ins Gesicht:

Das hast du, Schurke, alles veranstaltet! Nur dazu hast du auch den
ganzen Vormittag gebraucht! Du hast Stawrogin geholfen, du hast die
Equipage hingebracht, du hast sie aufgenommen, den Schlag geffnet und
zugeklappt ... du, du, du! ... Julija Michailowna, das ist Ihr Feind, er
wird auch Sie ins Verderben bringen! Nehmen Sie sich in acht vor ihm!

Und ich strzte Hals ber Kopf hinaus.

Noch heute begreife ich nicht und wundere mich, wie ich ihm das damals
so zuschreien konnte. Aber ich hatte den Zusammenhang erraten: es war
fast alles tatschlich so geschehen, wie ich es ihm dort ins Gesicht
schrie, doch das stellte sich erst spter heraus. Das Entscheidende war
wohl die gar zu offenkundige Unnatrlichkeit der Art, wie er die
Nachricht mitteilte. Er hatte sie nicht sofort erzhlt, als erste und
auergewhnliche Neuigkeit, sondern hatte getan, als wten wir sie
bereits, als htten wir sie schon von anderen hren knnen, -- was doch
in dieser kurzen Zeit ganz unmglich war. Und selbst wenn uns diese
Kunde schon zu Ohren gekommen wre, so htten wir doch nicht so lange
darber geschwiegen, bis er davon anfing. Auch konnte er, gleichfalls
wegen der Krze der Zeit, unmglich schon gehrt haben, da die ganze
Stadt der Adelsmarschallin eine Schuld daran zuschrieb oder sonst etwas
auslutete. Zudem hatte er, als er uns Auskunft gab, etwa zweimal ganz
eigentmlich, gewissermaen gemein und leichtfertig, gelchelt,
wahrscheinlich in dem Glauben, da er uns Dummkpfe schon vollkommen
berzeugt habe. Doch jetzt war es mir nicht mehr um ihn und seine
Entlarvung zu tun; da ich ihm die wichtigste Tatsache doch glaubte, lief
ich geradezu auer mir von Julija Michailowna weg. Diese Katastrophe
traf mich mitten ins Herz. Ich htte weinen mgen vor Schmerz, ja
vielleicht weinte ich auch wirklich. Ich wute nicht und konnte nicht
berlegen, was jetzt zu tun wre. So eilte ich denn zunchst zu Stepan
Trophimowitsch, aber der rgerliche Mensch machte wieder nicht auf.
Nastassja versicherte ehrfurchtsvoll flsternd, da er sich schlafen
gelegt habe, doch ich glaubte ihr das nicht. Im Hause Lisas erfuhr ich
einiges von den Dienstboten; sie besttigten die Flucht, wuten aber
selbst nichts Nheres. Im Hause herrschte groe Unruhe; die kranke
gndige Frau hatte einen Ohnmachtsanfall nach dem anderen und Mawrikij
Nicolajewitsch war bei ihr. Es erschien mir unmglich, Mawrikij
Nicolajewitsch herausbitten zu lassen. Bezglich Pjotr Stepanowitschs
sagte man mir auf meine Frage, da er in den letzten Tagen allerdings
sehr oft ins Haus gekommen sei, manchmal sogar zweimal am Tage. Die
Dienstboten waren traurig und sprachen von Lisa mit einer gewissen ganz
besonderen Ehrerbietung; sie wurde von ihnen geliebt. Da sie verloren,
rettungslos verloren war, -- daran zweifelte ich nicht, aber die
psychologische Seite der Tat konnte ich entschieden nicht begreifen,
besonders nicht nach der Szene zwischen Lisa und Stawrogin am
vergangenen Tage bei Julija Michailowna. Mich in der Stadt bei
schadenfrohen Bekannten zu erkundigen, unter denen die Nachricht sich
jetzt natrlich schon verbreitet hatte, erschien mir widerlich, ja und
fr Lisa auch erniedrigend. Doch sonderbar war, da ich zu Darja
Pawlowna ging, wo ich brigens nicht empfangen wurde (im Stawroginschen
Hause wurde seit dem vergangenen Tage niemand empfangen); und ich wei
auch nicht, was ich ihr htte sagen mgen und wozu ich dorthin eilte.
Von dort begab ich mich zu ihrem Bruder. Schatoff hrte mich finster und
schweigend an. Erwhnen mu ich, da ich ihn in einer so dsteren
Stimmung antraf, wie noch nie zuvor; er war wie ganz in Gedanken
vertieft und hrte mich an, als mte er sich dazu berwinden. Er sagte
so gut wie nichts und begann in seiner Dachstube auf und ab zu gehen,
aus einer Ecke in die andere, wobei er lauter als sonst mit den Stiefeln
auftrat. Als ich die Treppe bereits hinuntergegangen war, rief er mir
pltzlich nach, ich solle doch zu Liputin gehen: Dort werden Sie alles
erfahren. Zu Liputin ging ich nicht, doch, nachdem ich schon weit
gegangen war, kehrte ich wieder um und ging zu Schatoff zurck, und
nachdem ich die Tr halb aufgemacht, fragte ich lakonisch und ohne alle
Erklrungen: ob er nicht heute noch zu Marja Timofejewna gehen knnte?
Als Antwort darauf schimpfte Schatoff und ich ging weg. Ich fge hier
gleich hinzu, um es nicht zu vergessen, da er noch an demselben Abend
tatschlich nach jener uersten Vorstadt zu Marja Timofejewna gegangen
ist, die er seit lngerer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Er fand sie bei
bester Gesundheit und in heiterer Stimmung, Lebdkin dagegen in schwerer
Betrunkenheit schlafend auf dem Diwan im ersten Zimmer. Schatoff war
dort um neun Uhr abends. Das sagte er mir bereits am folgenden Tage, als
wir uns in der Eile auf der Strae begegneten. Gegen zehn Uhr abends
aber entschlo ich mich doch noch, auf den Ball zu gehen, freilich nicht
mehr als Festordner (mein Band war ja auch bei Julija Michailowna
geblieben), sondern nur aus qulender Neugier: ich wollte hren (ohne zu
fragen), wie man im allgemeinen ber alle diese Vorflle sprach. Und
dann wollte ich auch Julija Michailowna sehen, wenn auch nur von ferne.
Ich machte mir Vorwrfe und bereute es sehr, da ich vorhin so von ihr
weggelaufen war.


                                  III.

Diese ganze Nacht mit ihren fast absurden Ereignissen und mit ihrem
entsetzlichen Ausgang gegen Morgen kommt mir noch immer wie ein
grlicher Traum oder Albdruck vor und ist -- wenigstens fr mich -- der
schwerste Teil meiner Chronik. Ich kam zwar etwas spt auf den Ball,
doch immerhin noch rechtzeitig, um sein Ende mitzuerleben, -- so frh
war es ihm bestimmt, sein Ende zu finden. Die Uhr ging schon auf elf,
als ich an der Vorfahrt des Hauses der Adelsmarschallin anlangte.
Derselbe weie Saal, in dem die literarischen Vortrge stattgefunden
hatten, war bereits, trotz der kurzen Zwischenzeit, ausgerumt und in
den Haupttanzsaal, wie man annahm, fr die ganze Stadt, verwandelt
worden. Aber wie schlimm meine Befrchtungen, nach diesem Verlauf der
Matinee, fr den Ball auch waren, eine solche Wirklichkeit hatte ich
doch nicht vorausgesehen: von der hheren Gesellschaft hatte sich auch
nicht eine einzige Familie eingefunden; selbst die Beamten von auch nur
einiger Bedeutung fehlten alle; das aber war doch schon ein uerst
starkes Symptom. Was nun die Damen und jungen Mdchen betrifft, so
erwiesen sich Pjotr Stepanowitschs Berechnungen (jetzt war seine
Hinterlist schon offenkundig) als im hchsten Grade falsch: es waren nur
uerst wenige erschienen; auf vier Herren kam vielleicht eine Dame, und
was waren das fr Damen! Irgendwelche Frauen von Oberoffizieren
gewhnlicher Linienregimenter, von Postbeamten und anderen beamteten
kleinen Leuten, drei Frauen von rzten mit ihren Tchtern, zwei bis drei
Gutsbesitzerinnen (von den rmeren dieses Standes), die sieben Tchter
und die eine Nichte jenes Sekretrs, den ich gelegentlich schon erwhnt
habe, Kaufmannsfrauen ... War das die Gesellschaft, die Julija
Michailowna vorzufinden erwartet hatte? Selbst von den Kaufleuten war
fast die Hlfte fern geblieben. Was nun die Mnner anbelangt, so
bildeten sie, trotz der geschlossenen Abwesenheit unserer ganzen
Notabilitt, dennoch eine dichte Masse, aber diese Masse machte einen
zweideutigen, Mitrauen erweckenden Eindruck. Natrlich gab es da auch
ein paar beraus stille und ehrenwerte Offiziere mit ihren Frauen, ein
paar gehorsamste Familienvter, wie z. B. jener selbe Sekretr und Vater
seiner sieben Tchter. Doch alle diese stillen bescheideneren Leute
waren sozusagen nur in Ermangelung eines anderen Auswegs gekommen, wie
sich einer dieser Herren buchstblich ausdrckte. Andererseits aber
hatte sich die Menge der kecken Persnlichkeiten, im Vergleich zum
Vormittage, anscheinend noch vermehrt und desgleichen die Anzahl
solcher, die offenbar ohne Eintrittskarten hereingelassen waren, --
diesen Verdacht hatten ich und Pjotr Stepanowitsch bereits am
Nachmittage ausgesprochen. Vorlufig saen sie alle noch im Bfettraum,
und zwar begaben sie sich, wenn sie erschienen, sofort geradenwegs
dorthin, wie zu einem verabredeten Sammelplatz. Wenigstens hatte ich
diesen Eindruck. Das Bfett befand sich ganz am Ende der Zimmerreihe in
einem gerumigen Saal, wo Prochorytsch sich mit smtlichen Verlockungen
der Klubkche etabliert und eine verfhrerische Ausstellung aller
Imbisse, Likre und Getrnke aufgebaut hatte. Hier fielen mir Gestalten
auf, die fast in zerrissenen Rcken, wenigstens in hchst zweifelhaften,
gar zu wenig ballmigen Anzgen erschienen waren; dazu waren sie
augenscheinlich nur mit grter Mhe und selbstredend nur fr kurze Zeit
ernchtert, Leute, die man Gott wei wo aufgetrieben hatte, jedenfalls
nicht Einheimische, sondern Hergereiste aus anderen Stdten. Es war mir
natrlich bekannt, da vom Komitee nach Julija Michailownas Idee
beschlossen worden war, den Ball nach durchaus demokratischen
Grundstzen zu veranstalten, ohne selbst Kleinbrgern den Zutritt zu
verweigern, falls es geschehen sollte, da jemand dieses Standes eine
Eintrittskarte erwirbt. Diese Worte hatte sie in ihrem Komitee dreist
aussprechen knnen, denn sie durfte berzeugt sein, da es von den
ausnahmslos bettelarmen Kleinbrgern unserer Stadt auch nicht einem in
den Sinn kommen wrde, fr drei Rubel eine Eintrittskarte zu lsen.
Nichtsdestoweniger bezweifelte ich, da man diese finsteren Leute in den
fast zerrissenen Rcken hereinlassen konnte, selbst wenn das Komitee
noch so demokratisch gesinnt war. Aber wer hatte sie denn jetzt
hereingelassen und zu welchem Zweck schlielich? Liputin und Lmschin
waren ihres Amtes als Festordner bereits enthoben (was sie jedoch nicht
hinderte, auf dem Ball anwesend zu sein, zumal sie auch zu den in der
Quadrille der Literatur Mitwirkenden gehrten); doch an die Stelle
Liputins war jetzt, zu meiner Verwunderung, jener selbe Seminarist
getreten, der durch seinen Zusammensto mit Stepan Trophimowitsch mehr
als alles andere den Skandal der Matinee heraufbeschworen hatte, und
Lmschin wurde gar ersetzt durch -- Pjotr Stepanowitsch in eigener
Person. Was konnte man in dem Falle noch erwarten?

Ich versuchte, von den Gesprchen einiges aufzufangen. Manche Ansichten
berraschten durch ihre Ungereimtheit. So wurde z. B. in einer Gruppe
behauptet, diese ganze Geschichte mit Stawrogin und Lisa sei von Julija
Michailowna arrangiert worden und sie habe von Stawrogin Geld dafr
angenommen. Man nannte sogar die Summe. Man behauptete, da sogar das
ganze Fest von ihr zu diesem Zweck veranstaltet worden sei; eben deshalb
sei auch die halbe Stadt nicht gekommen, nachdem man erfahren, um was es
sich handelte; Lembke selbst aber sei dadurch so erschttert worden, da
diese Erschtterung seinen Verstand zerrttet habe und nun fhre sie
ihn als Verrckten umher. -- Hierzu gab es viel Gelchter, sowohl
lautes, offenes, wie heiseres, gemeines und lautlos verschlagenes,
hinter dem sich eigene Gedanken bargen. Auch der Ball wurde von allen
frchterlich kritisiert und auf Julija Michailowna wurde schon ohne jede
Rcksicht geschimpft. Es war das berhaupt ein merkwrdig ungeordnetes,
bruchstckhaftes, betrunkenes und ruheloses Schwatzen, so da es schwer
hielt, sich darauf einen Vers zu machen oder etwas Bestimmtes daraus zu
folgern. Doch in demselben Bfettsaal hatten sich auch viele harmlos
lustige Leute niedergelassen, sogar einzelne Damen von der Sorte, die
man mit nichts in Erstaunen setzen oder einschchtern kann, uerst
liebenswrdige und lustige Geschpfe, meist jene erwhnten
Offiziersfrauen mit ihren Mnnern. Sie hatten sich in Gruppen an
mehreren Tischchen niedergelassen und tranken frhlich Tee. Der
Bfettsaal wurde zur warmen Herberge nahezu fr die Hlfte des
erschienenen Publikums. Und dieses ganze hier versammelte Publikum mute
doch bald, wenn die Quadrille der Literatur begann, voll Neugier auf
einmal in den Tanzsaal fluten. Es war geradezu unheimlich, sich das auch
nur vorzustellen.

Inzwischen hatte man im weien Saale, dank der Mitwirkung des jungen
Frsten, drei magere Quadrillen zustande gebracht. Die jungen Tchter
tanzten also und die Eltern sahen zu und freuten sich. Doch selbst von
diesen ehrenwerten Familienhuptern begannen schon viele heimlich zu
berlegen, wie sie sich, nachdem die Tchter ihr Vergngen gehabt,
zeitiger entfernen knnten, und nicht erst dann, wenn's anfngt. Da
es aber unfehlbar wieder anfangen werde, davon waren entschieden alle
berzeugt.

Julija Michailownas Gemtszustand zu schildern, dazu wre ich wohl kaum
imstande. Ich habe dort nicht mit ihr gesprochen, obschon ich ziemlich
in ihrer Nhe war. Meinen Gru erwiderte sie nicht, da sie ihn nicht
bemerkte (sie bemerkte ihn tatschlich nicht). In ihrem Gesicht lag
etwas Krankhaftes, ihr Blick war hochmtig und voll Verachtung, aber
unstt und erregt. Sie berwand sich mit sichtlicher Qual, -- doch wozu
eigentlich und fr wen? Sie htte unbedingt den Ball verlassen und vor
allen Dingen ihren Gatten heimbringen sollen, sie aber blieb! Dabei
konnte man es schon ihrem Gesicht ansehen, da die Augen ihr nun
endlich aufgegangen waren und da sie auf nichts mehr hoffte. Sie rief
auch nicht ein einziges Mal Pjotr Stepanowitsch zu sich (der ging ihr
auch, glaube ich, schon selbst aus dem Wege; ich sah ihn im Bfettraum,
er war bertrieben lustig). Aber sie blieb doch auf dem Ball und lie
ihren Mann nicht auf einen Augenblick von ihrer Seite. Oh, sie htte
noch vorhin am Nachmittage jede Anspielung auf seinen Gesundheitszustand
mit aufrichtiger Emprung zurckgewiesen. Jetzt aber muten ihr auch in
der Beziehung die Augen endlich aufgegangen sein. Mir wenigstens war es
schon auf den ersten Blick klar, da sein Zustand sich im Vergleich zum
Vormittage verschlimmert hatte. Er machte den Eindruck, als sei er sich
berhaupt nicht dessen bewut, wo er sich befand. Hin und wieder
richtete er seinen Blick pltzlich mit ganz unerwarteter Strenge auf den
einen oder anderen, zweimal z. B. auch auf mich. Einmal begann er zu
sprechen, begann laut und wichtig, sprach aber den Satz nicht zu Ende,
wodurch er einen bescheidenen alten Beamten, der zufllig in seiner Nhe
stand, geradezu erschreckte. Doch selbst dieser Teil des Publikums, das
im weien Saale anwesend war, selbst diese Bescheidenen und Scheuen
gingen finster und ngstlich Julija Michailowna aus dem Wege, obschon
sie gleichzeitig uerst sonderbare Blicke auf ihren Gemahl warfen,
Blicke, deren Unverwandtheit und Offenheit mit der sonstigen
Schchternheit dieser Leute gar zu wenig harmonierte.

Sehen Sie, gerade dieser Zug war es, der mich pltzlich durchbohrte,
und ich begann endlich zu erraten, wie es um Andrei Antonowitsch stand,
sagte Julija Michailowna spter einmal zu mir.

Ja, wieder war sie die Schuldige. Wahrscheinlich hatte sie sich am
Nachmittage, als nach meiner Flucht aus ihrem Hause auf Pjotr
Stepanowitschs Zureden hin beschlossen worden war, da der Ball
stattfinden und sie auf ihm erscheinen solle, -- wahrscheinlich hatte
sie sich dann wieder in das Kabinett ihres Gatten begeben, zu ihrem
Andrei Antonowitsch, den, wie sie meinte, nur der Skandal der Matinee
erschttert hatte, und dort wird sie wohl wieder alle ihre
Verfhrungsknste angewandt haben, um ihn zum Mitgehen zu bewegen. Wie
gro mute demnach ihre Qual jetzt sein! Und dennoch blieb sie auf dem
Ball! War es nun ihr Stolz, der sie trotz aller Pein auf ihrem Platz
auszuharren zwang, oder hatte sie bereits den Kopf verloren -- ich wei
es nicht. Jedenfalls versuchte sie in geradezu erniedrigender Weise und
mit freundlichem Lcheln (bei ihrem Hochmut!) einzelne Damen in ein
Gesprch zu ziehen, doch die wurden sofort unsicher, antworteten
mitrauisch und einsilbig mit einem ja oder nein und gingen ihr
sichtlich aus dem Wege.

Von den wirklichen Wrdentrgern unserer Stadt befand sich auf diesem
Ball nur ein einziger, -- jener selbe wichtige General a. D., von dem
ich schon einmal erzhlt habe: der bei der Adelsmarschallin nach dem
Duell zwischen Stawrogin und Gaganoff seiner alten Gewohnheit gem
gerade davon laut zu sprechen anfing, wovon alle nur heimlich zu
flstern wagten, und der somit wieder einmal der allgemeinen Spannung
die Tr ffnete. Jetzt spazierte er wrdevoll durch alle Sle,
beobachtete und hrte zu und bemhte sich, durch sein Mienenspiel recht
offenkundig zu zeigen, da er nur so, um die Sitten zu beobachten, mehr
Studien halber, als um eines reinen Vergngens willen, gekommen sei. Er
endete damit, da er sich ganz und gar Julija Michailowna zugesellte und
nicht einen Schritt von ihr wich, sichtlich bestrebt, sie zu ermutigen
und zu beruhigen. Gewi war er ein Mensch von groer Herzensgte, sehr
vornehm und bereits so alt, da man von ihm sogar Mitleid hinnehmen
konnte; doch sich gestehen zu mssen, da dieser alte Schwtzer sie,
Julija Michailowna, zu bemitleiden und fast zu beschtzen wagte, indem
er sehr wohl begriff, da er ihr mit seiner Anwesenheit eine Ehre
erwies, das war doch mehr als rgerlich. Der General aber hielt
unentwegt Stand und schwatzte ohne aufzuhren.

Hm, man sagt, keine Stadt knne bestehen ohne sieben Gerechte ...
sieben, glaub' ich, mssen es sein, entsin--ne mich nicht mehr genau der
vor--schriftsmigen Zahl. Ich wei nicht, wieviele von diesen sieben
... unzwei--felhaft Gerechten unserer Stadt ... die Ehre haben auf Ihrem
Ball anwesend zu sein, doch was mich betrifft, so beginne ich, trotz der
Anwesenheit derselben, mich nicht auer--halb jeder Gefahr zu empfinden.
_Vous me pardonnerez, charmante dame, n'est-ce pas?_{[187]} Ich spreche
natrlich allegorisch. Begab mich vorhin zum Bfett, bin aber faktisch
froh, da ich heil und ganz wieder herausgekommen bin ... Unser
unschtz--barer Prochorytsch ist dort nicht an seinem Platz, und mich
deucht, zum Morgen hin wird seine ganze Bude vertilgt sein. brigens,
amsant. Warte nur noch auf diese >Quadrille der Li--te--ratur<, dann
aber -- ins Bett. Verzeihen Sie das schon einem alten Podagristen, mu
mich frh hinlegen. Aber auch Ihnen wrde ich raten, >in die Federchen
zu gehen<, wie man _aux enfants_{[188]} zu sagen pflegt ... Bin
eigentlich wegen der jungen Schn--heiten gekommen ... die ich natrlich
nirgendwo in solcher Voll--zhligkeit antreffen knnte, wie hier ...
Alle von jenseits des Flusses, und dorthin pflege ich nicht zu fahren.
Die Frau eines Leutnants ... ich glaube, von den Jgern ... ist sogar
wirklich nicht bel ... hm, in der Tat ... und das wei sie auch selbst.
Hab' mit ihr gesprochen; schlagfertig und ... so, nun ja. Nun und die
Mdel, gleichfalls frisch ... Ja; aber das ist auch alles. Auer der
Frische fak--tisch nichts. brigens, amsant. Wenigstens fr mich. Es
gibt da Knspchen ... nur die Lippen ein wenig dick. berhaupt ist in
der russischen Schnheit der Frauenantlitze wenig von jener
Regelmigkeit vorhanden und ... und ein bichen luft sie doch auf
einen Pfannkuchen hinaus ... _Vous me pardonnerez, n'est-ce pas_{[189]}
... brigens immer bei gleichzeitig schnen Augen ... lachenden Augen.
Diese Knspchen sind so in den ersten zwei Jahren ihrer Jugend
be--zau--bernd, sogar drei Jahre lang ... dann aber, nun ja, dann werden
sie unwiderruflich dick ... wodurch sie in ihren Mnnern jenen traurigen
In--dif--ferentismus erzeugen, der die Entwicklung der Frauenfrage so
beraus begnstigt ... vorausgesetzt, da ich diese Frauenfrage richtig
verstehe ... Hm! Der Saal ist nicht bel; die Rume schn geschmckt. Es
htte schlechter sein knnen. Die Musik knnte sogar sehr viel
schlechter sein ... ich sage nicht >sollte<. Ein bler Eindruck, da
berhaupt wenig Damen vorhanden sind. Die Toiletten bergehe ich. Bse
ist, da dieser dort in den grauen Beinkleidern sich so unverhllt
Cancan zu tanzen erlaubt. Ich wrde es verzeihen, wenn es von ihm aus
Freude geschhe, und zumal er ein hiesiger Apotheker ist ... aber um elf
ist es immer--hin noch zu frh, selbst fr einen Apotheker ... Dort im
Bfettsaal begannen zwei sich zu prgeln und wurden nicht
hinausbefrdert. Um elf aber mssen Raufbolde noch hinausbefrdert
werden, gleichviel welcher Art die Sitten des Publikums sonst sind ...
ich will nicht sagen, um drei Uhr morgens, dann mu man der ffentlichen
Meinung schon eine Konzession machen, -- vorausgesetzt, da dieser Ball
die dritte Morgenstunde berhaupt erlebt ... Warwara Petrowna aber hat
doch nicht Wort gehalten, und ihre Blumen sind nicht eingetroffen. Hm!
Die hat jetzt an anderes zu denken, als an Blumen. _Pauvre mre!_{[190]}
Und die arme Lisa, -- Sie haben doch schon gehrt? Man sagt, eine
geheimnisvolle Geschichte und ... und wieder ist dieser Stawrogin in der
Arena ... Hm! Ich mte nun doch ins Bett ... Meine Nase nickt schon von
selbst. Aber wann wird denn eigentlich diese >Quadrille der
Li--te--ratur< beginnen?

Und schlielich begann denn auch die Quadrille der Literatur. Wenn in
der letzten Zeit irgendwo in der Stadt das Gesprch auf den
bevorstehenden Ball gekommen war, dann hatte man bereits nach den ersten
Worten unfehlbar von dieser Quadrille der Literatur gesprochen, und da
sich niemand eine Vorstellung von dieser Auffhrung machen konnte, so
erregte sie natrlich bermige Neugier. Das aber war schon an sich die
grte Gefahr fr einen Erfolg, und -- wie gro war daher die
Enttuschung!

Eine Seitentr des weien Saales, die bis dahin geschlossen war, wurde
geffnet und pltzlich erschienen ein paar Masken im Saal. Das Publikum
drngte sich sofort gierig um sie herum. Im Augenblick verbreitete sich
die Kunde bis zum Bfett und schon strzte, wlzte sich von dort der
ganze Menschenschwarm bis auf den letzten zum weien Saal, in den er wie
eine Flut hineinbrach. Die Masken begannen sich zum Tanze aufzustellen.
Es gelang mir noch, mich bis zu den ersten Reihen durchzudrngen und ich
blieb dicht hinter Lembkes und dem alten General stehen. Da tauchte
pltzlich flink Pjotr Stepanowitsch neben Julija Michailowna auf,
nachdem er sich ihr bis dahin gar nicht gezeigt hatte.

Ich sitze die ganze Zeit am Bfett und beobachte, flsterte er ihr mit
der Miene eines schuldbewuten Schulbuben zu, die er brigens
absichtlich annahm, um sie noch mehr aufzubringen.

Sie wurde feuerrot vor Zorn.

Wenn Sie mich doch wenigstens jetzt nicht mehr betrgen wollten, Sie
unverschmter Mensch! entfuhr es ihr fast mit lauter Stimme, so da es
die Umstehenden hrten.

Pjotr Stepanowitsch schlpfte, uerst zufrieden mit sich selbst, wieder
flink davon.

Es wre schwer, sich eine armseligere, billigere, noch talentlosere und
fadere Allegorie vorzustellen, als es diese Quadrille der Literatur
war. Und gewi htte man nichts ersinnen knnen, das weniger zu unserem
Publikum pate, als diese Allegorie; dabei hie es, da Karmasinoff sie
erdacht habe. Freilich, in Szene gesetzt war sie von Liputin, der sich
mit dem lahmen Lehrer beraten hatte (mit demselben, der an jenem Abend
auch bei Wirginski war). Aber die Idee stammte doch von Karmasinoff und
man sagte, er habe sogar selbst mitwirken, sich maskieren und eine
besondere, selbstndige Rolle bernehmen wollen. Die Quadrille bestand
aus sechs klglichen Maskenpaaren, ja eigentlich waren es nicht einmal
richtige Masken, denn die Maskerade bestand nur darin, da sie sich etwa
einen knstlichen Bart oder sonst einen billigen Bldsinn angeklebt
hatten. Da war z. B. ein lterer Herr, nicht gro von Wuchs, im Frack --
also genau so angezogen, wie alle Herren auf einem Ball erscheinen --,
mit einem ehrwrdigen grauen Bart (der Bart war allerdings nur angeklebt
und das war seine ganze Verkleidung). Dieser Herr strampelte, trippelte
und tnzelte mit biederem Gesichtsausdruck fast nur auf einer Stelle
umher, ohne sich recht vom Fleck zu bewegen. Dazu brachte er mit
gemigtem, doch schon heier gewordenem Bastimmchen allerhand Laute
hervor. Diese Heiserkeit der Stimme aber sollte eine unserer bekannten
Tageszeitungen gerade besonders charakterisieren[51]. Dieser Maske
_vis--vis_ tanzten zwei Riesen X und Z, und zwar waren ihnen diese
Buchstaben am Frack angesteckt, doch was dieses X und dieses Z bedeuten
sollten, das blieb unaufgeklrt. Der ehrliche russische Gedanke wurde
dargestellt von einem Herrn in mittleren Jahren mit einer Brille, im
Frack, in Handschuhen und -- in Fesseln (es waren richtige eiserne
Fesseln, wie sie Gefangenen angelegt werden). Unter dem Arm trug dieser
Gedanke eine Mappe mit Akten ber eine zu unternehmende Sache oder
eine bevorstehende Tat. Aus seiner Fracktasche schaute ein
entsiegelter, aus dem Auslande gekommener Brief hervor, der die
Ehrlichkeit des ehrlichen russischen Gedankens allen denen, die seine
Ehrlichkeit bezweifelten, verbrgen sollte. Dies alles wurde von den
Festordnern bereits mndlich erklrt, denn lesen konnte man den aus der
Tasche hervorlugenden Brief natrlich nicht. In der erhobenen rechten
Hand hielt der ehrliche russische Gedanke einen Pokal, ganz als wollte
er einen Toast ausbringen. Zu beiden Seiten dieses Gedankens und in
einer Reihe mit ihm tanzten zwei kurzgeschorene Nihilistinnen; ihm
gegenber aber tanzte ein gleichfalls schon lterer Herr, im Frack, doch
mit einem schweren Knppel in der Hand: diese Gestalt sollte eine
gefrchtete, doch nicht in Petersburg erscheinende Zeitschrift
darstellen. Der Knppel aber sollte wohl sagen: Wenn ich mal zuschlage,
bleibt von meinem Feinde nur noch ein nasses Fleckchen brig. Doch
ungeachtet seines Knppels konnte er auf keine Weise den durch die
Brillenglser unverwandt auf ihn gerichteten Blick des ehrlichen
russischen Gedankens ertragen, weshalb er sich alle Mhe gab, nach
links oder rechts diesem Blick auszuweichen, und jedes Mal, wenn es zum
_pas de deux_ kam, wand, drehte, kringelte er sich frmlich und wute
nicht, wohin er sehen sollte, -- so sehr qulte ihn wahrscheinlich das
Gewissen ... Doch wer kann schlielich alle diese stumpfsinnigen
erklgelten Witzchen aufzhlen und behalten! Alles war von dieser Art,
so da ich mich zu guter Letzt qualvoll zu schmen begann. Und siehe,
genau dieselbe Empfindung gleichsam eines Schamgefhls spiegelte sich
auch in allen brigen Gesichtern des Publikums wieder, sogar in den
mrrischsten Physiognomien aus dem Bfettraum. Eine Zeitlang schwiegen
alle und sahen mit gergerter Verstndnislosigkeit zu. Wenn ein Mensch
sich schmt, fngt er gewhnlich an sich zu rgern und ist dann zum
Zynismus geneigt. Allmhlich aber begann ein Gebrumm:

Was soll das denn eigentlich bedeuten? brummte in einer Gruppe jemand
von denen, die das Bfett belagert hatten.

Irgend 'nen Bldsinn.

Das soll eine Art Literatur sein. Die >Stimme< wird kritisiert.

Was geht das mich an!

In einer anderen Gruppe:

Diese Esel!

Nein, nicht sie sind die Esel, sondern die Esel sind wir.

Warum bist du denn ein Esel?

Nein, ich bin kein Esel, aber ...

Na, wenn selbst du kein Esel bist, dann bin ich schon lange keiner!

In einer dritten Gruppe:

Mit einem Tritt sie alle hinauswerfen und dann hole sie der Teufel!

... Den ganzen Saal ausfegen ...

In einer vierten:

Da die Lembkes sich nicht schmen, zuzusehen!

Warum sollen sie sich denn schmen? Du schmst dich doch nicht?

Nein, ich schme mich schon, er aber ist noch der Gouverneur!

Ja, und du bist nur ein Schwein ...

In meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen so einfachen Ball
erlebt, sagte eine Dame gehssig in nchster Nhe von Julija
Michailowna, sichtlich mit dem Wunsch, gehrt zu werden.

Diese Dame -- eine korpulente und geschminkte Frau von etwa vierzig
Jahren, in einem grellfarbenen Seidenkleide -- war in der Stadt zwar
allen Leuten bekannt, doch wurde sie in keinem Hause empfangen. Sie war
die Witwe eines Staatsrates, der ihr ein hlzernes Wohnhaus und eine
karge Pension hinterlassen hatte, aber sie lebte gut und hielt sich
sogar eigene Pferde. Vor etwa zwei Monaten hatte sie als erste von allen
Damen bei Julija Michailowna ihre Visite machen wollen, war aber von
dieser nicht empfangen worden.

Und das war ja auch wirklich vorauszusehen, fgte sie hinzu, indem sie
frech Julija Michailowna in die Augen sah.

Wenn es vorauszusehen war, warum sind Sie dann noch erschienen? fragte
pltzlich Julija Michailowna, die sich nicht mehr bezwingen konnte.

Ach, aber doch wirklich nur aus Gutglubigkeit! versetzte jene Dame
sofort schlagfertig und im Augenblick ungemein belebt (sie htte gar zu
gern einen Wortwechsel angeknpft), doch der alte General trat zwischen
sie und Frau von Lembke.

_Chre dame_, -- er beugte sich zu Julija Michailowna -- wenn ich
einen Rat geben drfte, so wre es der, jetzt heimzufahren. Wir
behindern die Gesellschaft nur, ohne uns wird man sich vortrefflich
amsieren. Sie haben alles getan, was ntig war, haben den Ball
erffnet, nun und ... jetzt berlassen Sie die Leute sich selbst ...
Zumal auch Andrei Antonowitsch sich an--schei--nend nicht wohl fhlt ...
Ich meine, damit ihm nicht hier noch ein Unglck zustt ...

Doch es war bereits zu spt.

Herr von Lembke hatte schon die ganze Zeit die Tnzer der Quadrille
mit einer gewissen ungehaltenen Verstndnislosigkeit betrachtet, als
aber die ersten kritischen Bemerkungen im Publikum laut wurden, begann
er sich sogleich unruhig umzuschauen. Da fielen ihm offenbar zum
erstenmal auch einzelne Gestalten aus dem Bfettraum auf; sein Blick
drckte das grte Befremden aus. Pltzlich erscholl lautes Gelchter
ber eines der in der Quadrille produzierten Stckchen: der
Herausgeber der gefrchteten, doch nicht in Petersburg erscheinenden
Zeitschrift, der mit dem Knppel in der Hand tanzte, empfand wohl
endgltig, da er die Brillenglser des ehrlichen russischen Gedankens
nicht mehr zu ertragen vermochte, und da er nicht wute, wie er ihnen
ausweichen sollte, begann er pltzlich, in der letzten Tour, den
Brillenglsern verkehrt, d. h. auf den Hnden, mit den Beinen in
der Luft, entgegen zu gehen, was gleichzeitig die bekannte
Entstellungsmanier der gefrchteten, doch nicht in Petersburg
erscheinenden Zeitschrift veranschaulichen sollte, die unter Umstnden
selbst die gesunde Vernunft auf den Kopf stellt. Da nur Lmschin auf den
Hnden zu gehen verstand, hatte er es bernommen, den Herausgeber mit
dem Knppel zu mimen. Julija Michailowna hatte nicht das Geringste davon
gewut, da jemand auf den Hnden gehen werde. Das hatte man mir
verheimlicht, absichtlich verheimlicht! sagte sie spter immer wieder,
als sie in ihrer Verzweiflung und Emprung mir alles erzhlte. Das
Gelchter der Menge wurde natrlich nicht von der Allegorie
hervorgerufen, an die man berhaupt nicht dachte, sondern galt einfach
dem Anblick eines auf den Hnden gehenden Menschen in einem Frack,
dessen Schoe nun selbstredend umgeklappt herabhingen.

Lembke brauste auf und bebte vor Erregung.

Der Nichtswrdige! schrie er, indem er auf Lmschin wies. Ergreift
den Spitzbuben! Umkehren! Umkehren auf die Fe ... der Kopf ... damit
der Kopf nach oben ... oben!

Lmschin sprang wieder auf die Fe. Das Gelchter verstrkte sich.

Hinausjagen alle Spitzbuben, die da lachen! befahl pltzlich Lembke.

Die Menge begann zu murren und zu johlen.

So geht das denn doch nicht, Exzellenz.

Das Publikum darf man nicht beschimpfen.

Selber ein Esel! tnte es irgendwoher aus einer ferneren Ecke.

Die Flibustiers! rief jemand vom entgegengesetzten Ende des Saales.

Lembke drehte sich bei diesem Ruf hastig nach dieser Seite hin um und
wurde ganz bleich. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem
stumpfsinnigen Lcheln, als habe er pltzlich etwas begriffen, als
erinnere er sich an etwas.

Meine Herren ... angstvoll wandte sich Julija Michailowna an die
nherrckende Menge, whrend sie gleichzeitig ihren Mann mit sich
fortzuziehen suchte, entschuldigen Sie Andrei Antonowitsch, meine
Herren, Andrei Antonowitsch fhlt sich nicht wohl ... er ist krank ...
entschuldigen Sie ... verzeihen Sie ihm, meine Herren!

Ich hrte es mit eigenen Ohren, wie sie verzeihen Sie sagte. Die Szene
spielte sich sehr schnell ab. Aber ich wei noch genau, da schon in
diesem Augenblick ein Teil des Publikums wegdrngte zum Ausgang des
Saales, gleichsam erschrocken, und zwar geschah das gerade nach diesen
Worten Julija Michailownas. Ich erinnere mich sogar noch eines
hysterischen weiblichen Ausrufs halb unter Trnen:

Ach, wieder ist's ganz so wie am Vormittage!

Und pltzlich, mitten in dieses bereits beginnende Gedrnge, schlug auf
einmal wieder eine Bombe ein, also tatschlich ganz so wie am
Vormittage:

Es brennt! Die ganze Vorstadt brennt berm Flu!

Ich erinnere mich blo nicht, wo dieser entsetzliche Schrei zuerst
erschallte: ob im Saal oder -- ich glaube, es kam jemand aus dem
Vestibl, vom Eingang hereingestrzt. Jedenfalls entstand sofort ein
solcher Tumult, da ich nicht einmal versuchen will, ihn zu schildern.
Von dem Publikum, das sich zum Ball noch eingefunden hatte, stammte die
Mehrzahl aus eben jener Vorstadt: es waren zumeist die Besitzer der
dort, auf der anderen Seite des Flusses, belegenen hlzernen Huser,
oder deren Einwohner. Man strzte zu den Fenstern, im Nu waren die
Vorhnge zur Seite gezogen, die Stores herabgerissen. Die Vorstadt
lohte. Freilich, der Brand begann erst, aber es lohte schon an drei ganz
verschiedenen Stellen, -- und gerade das war das Erschreckendste.

Brandstiftung! -- Die Spigulinschen! brllte man im Gedrnge.

Ich habe noch ein paar beraus charakteristische Ausrufe behalten:

Hat doch mein Herz das vorausgefhlt, da sie brandstiften werden, das
hat es die ganzen letzten Tage vorausgefhlt!

Die Spigulinschen, die Spigulinschen, wer denn sonst!

Man hat uns absichtlich hier versammelt, um dort derweil anznden zu
knnen!

Diesen letzten, wunderlichsten Schrei stie eine Frauenstimme aus; es
war der unbedachte, der unwillkrliche Schrei einer Korbotschka[52],
die ihr Hab und Gut brennen sieht. Alles strzte zum Ausgang. Das
Gequetsche und Gedrnge im Vorraum beim Suchen nach den Pelzen, Tchern
und Umhngen, das Gekreisch erschreckter Frauen und das Weinen der
Tchter werde ich nicht weiter beschreiben. Es ist kaum anzunehmen, da
hierbei direkt gestohlen wurde, doch es ist schlielich kein Wunder, da
bei einem solchen Durcheinander manche ohne ihre berkleider, die nicht
zu finden waren, wegfuhren, worber noch lange nachher in der Stadt
vieles erzhlt wurde, natrlich mit Erdichtungen und bertreibungen.
Lembke und Julija Michailowna wurden in der Tr von der Menge nahezu
erdrckt.

Alle zurckhalten! Nicht einen hinauslassen! brllte pltzlich Lembke,
indem er drohend die Hand gegen die Andrngenden ausstreckte. Alle
einzeln strengstens untersuchen, sofort!

Die Antwort darauf war aus dem Saal ein Hagel von krftigen
Schimpfwrtern.

Andrei Antonowitsch! Andrei Antonowitsch! rief Julija Michailowna in
vollstndiger Verzweiflung.

Als erste verhaften! schrie dieser und wies streng mit dem Finger auf
sie. Als erste untersuchen! Der Ball war inszeniert zum Zweck der
Brandstiftung ...

Sie stie einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht (oh, dieser
Ohnmachtsanfall war natrlich schon ein echter). Ich, der Frst und der
General strzten zur Hilfe herbei; auch andere halfen uns in diesem
schweren Augenblick, sogar einige von den Damen. Wir trugen die
Unglckliche aus dieser Hlle zu ihrer Equipage; doch sie kam erst
unterwegs, kurz vor ihrem Hause, zu sich und ihr erstes war, da sie
wieder nach Andrei Antonowitsch rief. Nach dem Zusammenbruch aller ihrer
Phantastereien verblieb ihr als einziges nur noch ihr Andrei
Antonowitsch. Es wurde sofort nach dem Doktor geschickt. Ich wartete
eine ganze Stunde bei ihr, der Frst gleichfalls; der General wollte in
einer Anwandlung von Gromut (obgleich ihm der Schreck arg in die
Glieder gefahren war) die ganze Nacht am Bette der Unglcklichen
verbringen, schlief aber schon nach zehn Minuten, noch bevor der Arzt
erschien, im Saal auf einem Lehnstuhl ein, wo wir ihn dann auch so
schlafen lieen.

Dem Polizeimeister, der vom Ball zur Brandsttte eilte, gelang es noch,
Andrei Antonowitsch gleich nach uns hinauszufhren, und er wollte ihn zu
Julija Michailowna in den Wagen setzen, indem er aus allen Krften
Seiner Exzellenz zuredete, der Ruhe zu pflegen. Ich verstehe nicht,
warum er das nicht durchsetzte. Selbstredend wollte Andrei Antonowitsch
von Ruhe nichts wissen und strebte mit Gewalt zur Brandsttte; aber das
war doch kein vernnftiger Grund. So endete es denn damit, da der
Polizeimeister ihn noch in seinem eigenen Wagen zur Brandsttte brachte.
Spter erzhlte er, Lembke habe unterwegs die ganze Zeit gestikuliert
und solche Ideen als Befehle hervorgestoen, da es wegen ihrer
Ungewhnlichkeit unmglich war, sie auszufhren. So ist denn nachher
auch rapportiert worden: da Se. Exzellenz sich zu der Zeit, infolge der
Pltzlichkeit des Schrecks, bereits im Fieberdelirium befunden habe.

Es erbrigt sich wohl, zu erzhlen, wie der Ball endete. Einige Dutzend
Taugenichtse und sogar ein paar Damen blieben in den Slen. Die Polizei
war nicht mehr da. Das Orchester mute spielen, denn die Musikanten, die
weggehen wollten, wurden verprgelt. Zum Morgen hin war Prochorytschs
ganze Bude vertilgt, man soff bis zur Bewutlosigkeit, tanzte den
Kamarinskij ohne Zensur, besudelte die Rume; und erst bei Morgengrauen
langte ein Teil dieser Bande, vollkommen betrunken, auf dem erlschenden
Brandplatz an, -- zu neuen Unruhen. Die andere Hlfte blieb und schlief
gleich dort in den Slen in steif besoffenem Zustande, mit allen Folgen
eines solchen, auf den Plschdiwans und in den Ecken auf dem Fuboden.
Am nchsten Morgen wurden sie -- das war das erste, was man tat -- an
den Beinen hervorgezogen und hinausgeschleift auf die Strae. Und damit
endete das Fest zum Besten der Gouvernanten unseres Gouvernements.


                                  IV.

Die Feuersbrunst erschreckte unser Publikum vom anderen Fluufer gerade
dadurch am meisten, da es sich hierbei um eine so offenkundige
Brandstiftung handelte. Beachtenswert ist, da schon nach dem ersten
Schrei wir brennen, sofort auch geschrien wurde, die Spigulinschen
seien die Brandstifter. Jetzt hat es sich bereits mit aller Sicherheit
herausgestellt, da in der Tat drei Spigulinsche an der Brandstiftung
beteiligt waren, aber nur drei, nicht mehr; alle anderen Arbeiter der
Fabrik wurden vollkommen freigesprochen, sowohl von der ffentlichen
Meinung, wie vom Gericht. Auer diesen drei Taugenichtsen (von denen
einer bald gefangen wurde und alles gestand, whrend man der beiden
anderen noch bis heute nicht habhaft geworden ist), war zweifellos auch
der sogenannte Zuchthusler-Fedjka an der Brandstiftung beteiligt. Das
ist aber auch alles, was man bisher ber die Entstehung des Brandes
sicher wei; die Vermutungen sind eine Sache fr sich. Was nun diese
drei Taugenichtse zu dieser Tat bewogen hat, ob sie von jemandem dazu
angestiftet worden sind oder nicht -- diese Fragen sind selbst heute
noch schwer zu beantworten.

Das Feuer verbreitete sich infolge des starken Windes und da die
Vorstadt dort berm Flu fast nur aus hlzernen Husern bestand, sowie
infolge der Brandstiftung an drei verschiedenen Stellen, mit
unglaublicher Schnelligkeit und Gewalt (brigens ging der Brand genau
genommen doch nur von zwei Stellen aus, denn an der dritten Stelle
gelang es, das Feuer fast gleich nach seinem Ausbruch zu ersticken,
wovon spter noch die Rede sein wird). Aber in den Berichten der
Residenzbltter wurde unser Unglck doch stark vergrert: was
niederbrannte, war nicht mehr (ja vielleicht sogar noch weniger) als
ungefhr der vierte Teil der ganzen Vorstadt berm Flu. Unsere
Feuerwehr, deren Mannschaft im Verhltnis zur Ausdehnung der Stadt und
der Einwohnerzahl nur ein schwaches Huflein ist, verrichtete ihre
Aufgabe doch mit groer Hingabe und Sorgfalt. Dennoch htte sie wohl
kaum des Brandes Herr werden knnen, selbst bei einmtiger Untersttzung
von seiten der Bevlkerung, wenn der Wind sich nicht gedreht und kurz
vor Morgengrauen pltzlich ganz gelegt htte.

Als ich kaum eine Stunde nach der Flucht vom Ball am anderen Ufer
anlangte, tobte das Feuer bereits mit grter Wut. Die ganze Strae, die
dem Flu parallel luft, lohte. Es war taghell. Das Bild, das die
Brandsttte bot, werde ich nicht weiter beschreiben: wer kennt es in
Ruland nicht? In den Quergassen neben der brennenden Hauptstrae war
ein maloses Hasten und Gedrnge. Hier war das Feuer mit Sicherheit zu
erwarten und die Einwohner schleppten ihr Hab und Gut hinaus, gingen
aber vorlufig doch noch nicht weg von ihren Husern und saen wartend
auf ihren hinausgeschafften Ksten und Federbetten, ein jeder vor seinen
Fenstern. Ein Teil der mnnlichen Einwohnerschaft verrichtete schwere
Arbeit: da wurden erbarmungslos Zune gefllt, ja wurden sogar ganze
Htten abgetragen, die nahe dem Feuer und unter dem Winde standen. Aus
dem Schlaf geweckte kleine Kinder weinten, und Weiber, die ihr Germpel
schon herausgeschleppt hatten, jammerten und heulten. Andere, die mit
dem Herausschaffen noch nicht fertig waren, schafften inzwischen
schweigend und energisch noch weiter heraus, was sie besaen. Funken und
fliegende Feuerbrnde sprhten weit mit dem Winde; man lschte sie nach
Mglichkeit. Auf dem Brandplatze selbst drngten sich die Zuschauer, die
aus allen Ecken und Enden der Stadt herbeigelaufen waren. Manche halfen
lschen, andere gafften nur so als Liebhaber. Ein groes Feuer in der
Nacht macht immer einen erregenden und lustigen Eindruck; darauf beruhen
die Feuerwerke. Doch bei diesen verluft das Feuerspiel in schnen
Linien und Formen und erweckt im Zuschauer, da er sich selbst vollkommen
auer Gefahr wei, eine frhliche und leichte Empfindung, wie nach einem
Glase Champagner. Etwas anderes ist ein wirklicher Brand: hierbei
erzeugen der Schrecken und das doch immer vorhandene Gefhl einer
gewissen persnlichen Gefahr im Zuschauer (selbstredend nicht im
Bewohner des brennenden Hauses), neben dem erwhnten lustigen Eindruck
eines nchtlichen Feuers, eine Art Gehirnerschtterung und wirken wie
eine Herausforderung seiner eigenen zerstrenden Instinkte, die sich,
ach! in jeder Seele verbergen, selbst in der Seele des sanftmtigsten
Familienmenschen und Titularrats ... Diese lichtscheue Empfindung ist
fast immer berauschend. Ich wei wirklich nicht, ob man einem
Schadenfeuer ohne ein gewisses Vergngen zusehen kann? Diesen Satz
sprach einmal wortwrtlich Stepan Trophimowitsch zu mir, als wir von
einem nchtlichen Brande, dessen Zuschauer er ganz zufllig geworden
war, heimgingen -- noch unter dem ersten Eindruck des Anblicks.
Natrlich wrde sich der nmliche Liebhaber nchtlicher Feuersbrnste
auch selbst ins Feuer strzen, um aus den Flammen ein Kind oder eine
Greisin zu retten; aber das ist doch schon ein ganz anderes Kapitel.

Ich schob mich hinter anderen Neugierigen durch das Gedrnge und kam so
ohne zu fragen zur wichtigsten und gefhrlichsten Stelle, wo ich endlich
Lembke erblickte. Ich suchte ihn im Auftrage von Julija Michailowna.
Seine Stellung war seltsam und auergewhnlich. Er stand auf einem
niedergerissenen Bretterzaun; links von ihm, keine dreiig Schritte
weit, ragte das schwarze Gerst eines fast schon ganz ausgebrannten
zweistckigen hlzernen Hauses empor, mit Lchern statt der Fenster in
beiden Stockwerken, mit eingestrztem Dach und mit immer noch leckenden
Feuerzungen an den verkohlten Balken. Im Hintergrunde des Hofes, etwa
zwanzig Schritt von diesem Hause, begann gerade ein gleichfalls
zweistckiges Nebengebude zu brennen, und um dieses mhte sich aus
allen Krften die Feuerwehr. Rechts von Lembke wurde ein ziemlich groes
hlzernes Gebude, das zwar noch nicht brannte, aber schon mehrmals
Feuer gefangen hatte, von der Feuerwehr und anderen Helfern zu retten
gesucht, obschon es zweifellos nicht zu retten war. Lembke schrie und
gestikulierte -- er stand mit dem Gesicht zu jenem Nebengebude auf dem
Hof -- und gab Befehle, die niemand ausfhrte. Ich dachte schon, da man
ihn hier ganz sich selbst berlassen und sich von ihm vllig
zurckgezogen habe. Wenigstens fiel es mir auf, da die dichte und aus
Menschen sehr verschiedenen Standes bestehende Menge -- es waren da auch
Herren und sogar der Oberpriester unserer Kathedralkirche -- seinen
Ausrufen wohl neugierig und verwundert zuhrte, jedoch niemand mit ihm
sprach oder den Versuch machte, ihn wegzufhren. Lembke, der bleich,
doch mit blitzenden Augen dastand, stie allerdings die sonderbarsten
Dinge hervor; zum berflu war er noch ohne Hut, den er schon lngst
verloren hatte.

Alles Brandstiftung! Das ist Nihilismus! Wenn hier etwas loht, so ist
das der Nihilismus! vernahm ich von ihm fast mit Entsetzen, und wenn
das auch schon vorauszusehen gewesen war, so hat doch die greifbare
Wirklichkeit immer etwas Erschtterndes in sich.

Exzellenz, -- neben ihm stand pltzlich ein Revierschutzmann -- wenn
Euer Exzellenz geruhen wollten, es mit der huslichen Erholung zu
versuchen ... Denn hier ist doch schon das bloe Stehen gefhrlich,
Exzellenz.

Dieser Polizeimann war, wie ich spter erfuhr, vom Polizeimeister
absichtlich zu Andrei Antonowitsch abkommandiert worden, mit dem
Auftrage, auf ihn acht zu geben und nach Mglichkeit zu versuchen, ihn
nach Hause zu bringen, im Falle einer Gefahr aber, wenn ntig, sogar
Gewalt anzuwenden -- ein Auftrag, der ersichtlich ber die Kraft des
Beauftragten ging.

Die Trnen der Abgebrannten werden weggewischt werden, aber die Stadt
werden sie niederbrennen. Das sind alles die vier Schurken, vier und ein
halber! Man verhafte den Schurken! Er schleicht sich in die Ehre der
Familien ein. Zum Anznden der Huser hat man die Gouvernanten benutzt.
Das ist gemein, gemein! Ach, was tut der dort! rief er pltzlich, als
er auf dem Dach des nun bereits brennenden Nebengebudes einen
Feuerwehrmann erblickte, unter dem das Dach schon durchgebrannt war und
um den ringsum Flammen hervorschlugen. Holt ihn herunter, er wird
durchs Dach fallen, er wird anbrennen, lscht ihn ... Was tut er dort?

Er lscht selbst, Exzellenz.

Das ist unwahrscheinlich. Die Feuersbrunst ist in den Gehirnen der
Menschen, aber nicht auf den Dchern der Huser. Man soll ihn
herunterholen und alles liegen lassen! Lieber liegen lassen, lieber
liegen lassen! Mag es selbst irgendwie! ... Ach, wer weint dort noch?
Eine Alte! Eine Alte schreit, warum hat man die Alte vergessen?

Tatschlich: im unteren Stock dieses bereits brennenden Nebenhauses
schrie ein altes Weib, eine achtzigjhrige Verwandte des Kaufmanns, dem
das Haus gehrte. Aber man hatte sie nicht dort vergessen, sondern sie
war selbst in das Haus zurckgekehrt, so lange das noch mglich war, mit
der wahnsinnigen Absicht, aus ihrem Kmmerlein an der Ecke des Hauses
ihr Federbett zu retten. Fast erstickend im Rauch und schreiend vor
Hitze, denn die Flammen hatten das Kmmerlein nun schon erreicht, mhte
sie sich, mit ihren altersschwachen Armen das Pfhl durch den
Fensterrahmen, dessen Glasscheibe herausgeschlagen war,
hindurchzuzwngen. Lembke strzte zu ihr, um ihr zu helfen. Alle sahen,
wie er zum Fenster lief, einen Zipfel des Pfhls ergriff und es mit
aller Gewalt durch das Fenster zu ziehen begann. Da wollte es das
Unglck, da in eben diesem Augenblick ein herausgebrochenes Brett vom
Dach herabfiel und den Helfer traf; es schlug ihn nicht tot, nur das
eine Ende traf ihn am Halse, doch damit war die Laufbahn Andrei
Antonowitschs eigentlich beendet, wenigstens bei uns; der Schlag warf
ihn um und er blieb bewutlos liegen.

Endlich brach ein trbes, dsteres Morgengrauen an. Der Brand sank in
sich zusammen; nach dem Winde trat pltzlich Windstille ein und dann
begann ein langsamer, feiner Regen, wie durch ein feines Sieb. Ich war
schon in einer anderen Gegend dieser Vorstadt, weit von jener Stelle, wo
Lembke hingefallen war, und hier hrte ich unter den Leuten sehr
sonderbare Gesprche. Eine seltsame Tatsache stellte sich heraus: ganz
am Rande der Vorstadt, hinter Gemsegrten auf freiem Platz, ber
fnfzig Schritte weit von den nchsten Gebuden, stand ein erst krzlich
erbautes, nicht groes hlzernes Wohnhaus, und dieses entlegene Haus
hatte ganz zu Anfang des Brandes gleichfalls, ja womglich noch frher
als alle anderen, zu brennen begonnen. Selbst wenn es niedergebrannt
wre, htte es bei seiner einsamen Lage keines der anderen Huser dieser
Vorstadt anstecken knnen, und umgekehrt: auch wenn der ganze Stadtteil
auf dieser Seite des Flusses niedergebrannt wre, so htte einzig dieses
Haus verschont bleiben knnen, sogar bei noch so starkem Winde. Also
mute es selbstndig und fr sich allein in Brand geraten sein und
folglich nicht ohne besondere Ursache. Doch die Hauptsache war, da man
ihm zum Niederbrennen keine Zeit gelassen hatte und da in seinem
Inneren dann sonderbare Dinge entdeckt worden waren. Der Besitzer dieses
neuerbauten Hauses, ein Kleinbrger, der in der nchsten Gasse wohnte,
war sogleich bei Ausbruch des Feuers herbeigeeilt und hatte noch
rechtzeitig den Brand ersticken knnen, indem er mit Hilfe der Nachbarn
den in Brand gesteckten Holzvorrat fr den Winter, dessen Stapel an der
einen Seitenwand des Hauses stand, auseinanderri und lschte.

Doch in dem Hause hatten Menschen gewohnt: der in der Stadt wohlbekannte
Hauptmann Lebdkin mit seiner Schwester und einer schon lteren
Arbeiterin als Aufwartefrau. Und diese drei Einwohner, der Hauptmann,
seine Schwester und die Arbeiterin, wurden nun, als man in das Haus
eindrang, ermordet und augenscheinlich beraubt vorgefunden. (Eben
hierher hatte sich dann der Polizeimeister vom Brandplatz begeben, kurz
bevor Lembke das Pfhl rettete.) Bei Morgengrauen hatte sich das Gercht
von der Untat schon verbreitet und eine ungeheure Menge der
verschiedensten Menschen, darunter sogar viele der soeben Abgebrannten,
strmte zu diesem abgelegenen neuen Hause. Es war schwer, nher zu
gelangen, so gro war dort das Gedrnge. Man erzhlte mir sogleich, da
man den Hauptmann mit durchgeschnittener Kehle, angekleidet auf der
Schlafbank liegend, gefunden habe. Wahrscheinlich sei er wieder steif
betrunken gewesen und man habe ihn wohl nur so hingeschlachtet, ohne da
ihm zu Bewutsein kam, was da geschah. Blut aber sei aus ihm so viel
geflossen wie aus einem Ochsen. Seine Schwester Marja Timofejewna
dagegen sei von Messerstichen ganz zerstochen und habe an der Tr auf
dem Fuboden gelegen, also habe sie mit dem Mrder gewi schon im Wachen
gekmpft und sich wohl wie rasend gewehrt. Der Aufwartefrau, die
anscheinend gleichfalls vorher erwacht war, sei der Schdel
eingeschlagen.

Wie der Besitzer des Hauses erzhlte, sei der Hauptmann noch am Morgen
dieses Tages betrunken zu ihm gekommen, habe geprahlt und viel Geld
gezeigt, an die zweihundert Rubel. Die alte, abgenutzte grne
Brieftasche des Hauptmanns fand man leer auf dem Boden liegen; doch
Marja Timofejewnas Koffer war unangerhrt, ebenso die silberne
Verzierung des Heiligenbildes. Desgleichen fand man alles, was der
Hauptmann an Kleidern besessen, vollzhlig vor. Daraus ersah man, da
der Dieb sich beeilt hatte und jedenfalls ein Mensch gewesen sein mute,
der den Hauptmann und seine Gewohnheiten gut kannte, es nur auf das bare
Geld abgesehen hatte und wute, wo dieses sich befand. Htte der
Besitzer des Hauses den Brand nicht sofort bemerkt, so htte der
angezndete Holzstapel sicher das Haus in Brand gesteckt, vor den
verkohlten Leichen aber wre man schwerlich hinter den wahren
Sachverhalt gekommen.

So wurde der Tatbestand wiedergegeben. Hinzu kam dann noch ein Bericht:
da der eigentliche Mieter dieser Wohnung der Herr Stawrogin sei,
Nicolai Wszewolodowitsch, der einzige Sohn der Generalin Stawrogina. Er
sei sogar persnlich gekommen, um die Wohnung zu mieten, habe noch sehr
zugeredet, denn der Besitzer habe sie gar nicht vermieten, sondern hier
eine Kneipe einrichten wollen, aber Nicolai Wszewolodowitsch habe auf
den Preis nicht geachtet und die Miete gleich fr ein halbes Jahr
vorausbezahlt.

Dieser Brand ist nicht ohne Grund entstanden, hrte man in der Menge
sagen.

Doch die Mehrzahl schwieg. Die Gesichter waren finster, aber eine groe,
sichtliche Emprung war eigentlich nicht wahrzunehmen. Nur erzhlte man
sich ringsum noch mehr Geschichten von dem Herrn Stawrogin. So sprach
man u. a. auch davon, da die Ermordete seine Frau war, gestern aber
habe er aus einem der ersten Huser der Stadt, aus dem der Generalin
Drosdowa, ein junges Mdchen, die Tochter der Generalin, zu sich
gelockt, auf unehrliche Weise, und da man eine Klage ber ihn nach
Petersburg einreichen werde. Da aber seine Frau nun ermordet worden
ist, das sei doch, wie man sieht, nur deshalb geschehen, damit er frei
werde und jetzt die Drosdowa heiraten knne.

Skworeschniki war nicht mehr als nur zwei und eine halbe Werst entfernt
und ich wei noch, mir kam der Gedanke: sollte ich nicht dorthin
Nachricht schicken? brigens ist es mir nicht aufgefallen, da jemand
die Menge im besonderen aufgehetzt htte, das mu ich schon der Wahrheit
gem sagen, wenn mir auch flchtig zwei oder drei Fratzen aus der Schar
der Bfettleute auffielen, die gegen Morgen auf der Brandsttte
erschienen und die ich sofort wiedererkannte. Doch besonders erinnerlich
ist mir ein hagerer, groer Bursche, ein Kleinbrger, mit ausgemergeltem
Gesicht und krausem Haar, dazu wie mit Ru geschwrzt, -- ein Schmied,
wie ich spter erfuhr. Er war nicht betrunken, doch, im Gegensatz zu der
finster dastehenden Menge, wie auer sich. Er wandte sich immer wieder
an das ringsum stehende Volk, aber ich erinnere mich nicht mehr seiner
Worte. Alles, was er zusammenhngend hervorbrachte, war nicht lnger
als: Ja aber wie denn, Brder, wie ist denn das? Bleibt das nun alles
so und wird da nichts geschehen? und er gestikulierte mit den Armen.




                          Achtzehntes Kapitel.
                          Ein beendeter Roman


                                   I.

Aus dem groen Saal des Herrenhauses von Skworeschniki (demselben Saal,
wo die letzte Zusammenkunft von Warwara Petrowna und Stepan
Trophimowitsch stattgefunden hatte) konnte man das Feuer wie auf der
Handflche sehen. Bei Tagesgrauen, zwischen fnf und sechs Uhr morgens,
stand dort, rechts am letzten Fenster des Saales, Lisa und sah starr in
den verlschenden Widerschein des Brandes. Sie war allein. Sie trug
dasselbe Kleid, in dem sie auf dem Fest erschienen war, ein duftiges,
zartgrnes Gewand, von Spitzen berrieselt, doch schon zerdrckt und
jetzt in der Hast unordentlich angezogen. Als sie pltzlich bemerkte,
da es ber der Brust nicht richtig geschlossen war, errtete sie und
hakte es schnell zu, raffte ihr rotes Tuch vom Lehnstuhl auf, das sie
gestern beim Eintreten dorthin geworfen hatte und schlang es sich um den
Hals. Ihr prachtvolles Haar fiel in gelsten Locken auf ihre rechte
Schulter. Ihr Gesicht sah mde aus, besorgt, doch ihre Augen brannten
unter den zusammengezogenen Brauen. Sie trat wieder ans Fenster und
drckte ihre heie Stirn an das kalte Glas. Die Tr ffnete sich und
Nicolai Wszewolodowitsch trat ein.

Ich habe einen Diener zu Pferde hingeschickt, sagte er, in zehn
Minuten werden wir alles wissen. Die Leute sagen, da der Stadtteil ber
dem Flu, rechts von der Brcke, niedergebrannt sei. Das Feuer soll um
Mitternacht ausgebrochen sein; jetzt ist es schon im Abflauen.

Er ging nicht bis ans Fenster heran, sondern blieb drei Schritte hinter
ihr stehen; sie wandte sich nicht nach ihm um.

Nach dem Kalender htte es schon seit einer Stunde hell sein mssen,
und noch ist es dunkel wie in der Nacht, sagte sie rgerlich.

Die Kalender lgen alle, bemerkte er schon mit liebenswrdigem Spott,
schmte sich aber sofort und fgte schnell hinzu: Nach dem Kalender ist
es langweilig zu leben, Lisa.

Aber er fhlte, da er dadurch das Gesprochene nur noch schlimmer
gemacht hatte. rgerlich ber sich selbst schwieg er ganz. Lisa lchelte
bitter.

Sie scheinen in einer so niedergeschlagenen Stimmung zu sein, da Ihnen
zu einem Gesprch mit mir sogar die Worte fehlen. Aber beruhigen Sie
sich, Sie haben das sehr zur rechten Zeit gesagt: ich lebe immer nach
dem Kalender. Jeder meiner Schritte ist nach dem Kalender berechnet. Sie
wundern sich?

Sie wandte sich schnell vom Fenster ab und setzte sich in den Sessel.

Bitte, setzen Sie sich gleichfalls. Wir werden nicht lange zusammen
sein und ich mchte alles sagen, was ich sagen mag ... Warum sollten
nicht auch Sie alles sagen, was Sie vielleicht sagen wollen?

Nicolai Wszewolodowitsch setzte sich neben sie und nahm leise, beinahe
furchtsam, ihre Hand.

Was bedeutet diese Sprache, Lisa? Woher das pltzlich? Was soll das
bedeuten: >Wir bleiben nicht lange zusammen<? Das ist schon der zweite
rtselhafte Ausspruch in dieser halben Stunde nach deinem Erwachen aus
dem Schlaf.

Sie fangen an, meine rtselhaften Aussprche zu zhlen? fragte sie
lachend. Aber erinnern Sie sich, da ich gestern, als ich eintrat, mich
als eine Tote Ihnen vorstellte? Sehen Sie, das haben Sie fr ntig
befunden, zu vergessen. Zu vergessen oder zu berhren.

Ich erinnere mich nicht, Lisa. Warum als Tote? Man mu leben ...

Und Sie verstummen? Ihnen ist ja die Beredsamkeit ganz und gar abhanden
gekommen. Ich habe meine Stunde auf der Welt zu Ende gelebt und nun ist
es genug. Erinnern Sie sich noch Christophor Iwanowitschs?

Nein, ich erinnere mich nicht, -- sein Gesicht verfinsterte sich.

Nicht Christophor Iwanowitschs? -- in Lausanne? Er verdro Sie doch zu
guter Letzt so entsetzlich. Wenn er kam, sagte er immer: >Ich komme nur
auf einen Augenblick<, und dann blieb er den ganzen Tag. Ich mchte es
nicht wie Christophor Iwanowitsch machen und den ganzen Tag bleiben.

Eine schmerzhafte Empfindung spiegelte sich in seinem Gesicht wider.

Lisa, es tut mir weh um diese verzerrte Sprache. Diese Grimasse kostet
dich selbst zu viel. Wozu das alles? Warum?

Seine Augen brannten.

Lisa, rief er aus, ich schwre es dir, ich liebe dich jetzt mehr als
gestern, als du bei mir eintratest!

Was fr ein sonderbares Gestndnis! Was soll das jetzt, dieses Gestern
und Heute, und wozu beides mit dem Ma messen?

Du verlt mich nicht, fuhr er fast verzweifelt fort, wir verreisen
zusammen, heute noch! Nicht? Nicht?

Ah, pressen Sie meine Hand nicht so schmerzhaft! Wohin sollen wir denn
heute noch reisen? Wieder irgendwohin, um >aufzuerstehen<? Nein, genug
der Versuche ... und das geht mir auch zu langsam; ich bin nicht fhig
dazu. Das ist zu hoch fr mich. Wenn wir reisen sollen, dann schon
gleich nach Moskau und dort Visiten machen und selbst empfangen -- das
ist mein Ideal, wie Sie wissen, ich habe Ihnen schon in der Schweiz
nicht verheimlicht, wie und wer ich bin. Da es uns aber unmglich ist,
nach Moskau zu reisen und dort Visiten zu machen, weil Sie verheiratet
sind, so reden wir lieber gar nicht davon.

Lisa! Was war denn das gestern?

Es war das, was es war.

Das ist unmglich! Das ist grausam!

Was tut's denn, da es grausam ist? Und wenn es grausam ist, so tragen
Sie es doch!

Sie rchen sich an mir fr die gestrige Phantasie ... sagte er
halblaut, mit dem Versuch, boshaft zu lcheln.

Lisa flammte auf.

Was fr ein niedriger Gedanke!

Warum schenkten Sie mir dann ... >so viel Glck<? Habe ich ein Recht,
das zu erfahren?

Nein, Sie mssen sich schon irgendwie ohne Rechte behelfen; krnen Sie
die Niedrigkeit Ihrer Vermutung nicht mit einer Dummheit. Heute wird es
Ihnen nicht gelingen. brigens, frchten Sie nicht gar die Meinung der
Welt, und da man Sie fr dieses >so viel Glck< verurteilen wird? Oh,
wenn es das ist, so beunruhigen Sie sich um Gottes willen nicht. Sie
haben ja in diesem Fall nicht die geringste Veranlassung gegeben und
sind niemandem Verantwortung schuldig. Als ich gestern Ihre Tr
aufmachte, da wuten Sie nicht einmal, wer da eintrat. Es war eben nur
meine Phantasie, um Ihren Ausdruck zu gebrauchen, und nichts weiter. Sie
knnen allen dreist und siegesbewut in die Augen blicken!

Deine Worte, dein Hohn, jetzt schon eine ganze Stunde, bringen die
Klte des Grauens ber mich! Dieses >Glck<, von dem du so gehssig
sprichst, kostet mich ... alles. Kann ich dich denn jetzt verlieren? Ich
schwre dir, ich liebte dich gestern weniger. Warum nimmst du mir denn
heute alles wieder? Weit du auch, was sie mich kostet, diese neue
Hoffnung? Ich habe sie mit dem Leben bezahlt!

Mit dem eigenen oder dem anderer?

Stawrogin stand hastig auf.

Was heit das? fragte er und sah sie starr an.

Bezahlen Sie mit Ihrem oder mit meinem Leben? Das war es, was ich damit
fragen wollte. Oder haben Sie jetzt vllig aufgehrt, zu verstehen? Das
Blut scho ihr ins Gesicht. Warum sind Sie aufgesprungen? Warum starren
Sie mich mit solch einem Ausdruck an? Lisa blickte ihm pltzlich
angstvoll in die Augen. Sie erschrecken mich ... Was frchten Sie denn
so? Ich habe es schon die ganze Zeit bemerkt, da Sie etwas frchten,
gerade jetzt, in dieser Minute ... Mein Gott, wie bla Sie werden!

Wenn du irgend etwas weit, Lisa, ich schwre dir, _ich_ wei nichts
... und habe soeben berhaupt nicht _davon_ gesprochen, als ich sagte,
da ich es mit dem Leben bezahlt htte ...

Ich verstehe Sie gar nicht, sagte sie ngstlich stockend.

Da erschien schlielich ein langsames, nachdenkliches Lcheln auf seinen
Lippen. Er setzte sich still wieder hin, sttzte die Ellenbogen auf die
Knie und bedeckte das Gesicht mit den Hnden.

Ein bser Traum und Wahn ... Wir sprachen von zwei ganz verschiedenen
Dingen.

Ich wei nicht, wovon Sie gesprochen haben. Aber wuten Sie denn
gestern wirklich nicht, da ich Sie heute verlassen wrde? Wuten Sie
das wirklich nicht? Lgen Sie nicht! Sagen Sie, wuten Sie es oder
wuten Sie es nicht?

Ich wute es ... sagte er leise.

Nun also, was wollen Sie dann noch: Sie wuten es und nahmen den
>Augenblick<. Wozu nun diese Abrechnungen?

Sage mir die ganze Wahrheit, rief er in tiefem Leid: als du gestern
meine Tr aufmachtest, wutest du es selbst, da du sie nur auf eine
Stunde aufmachtest?

Sie sah ihn mit Ha an.

Es ist doch wahr, da selbst der ernsteste Mensch die sonderbarsten
Fragen stellen kann. Was beunruhigen Sie sich deswegen? Sollte es
wirklich aus Eigenliebe geschehen, weil eine Frau Sie zuerst verlt,
und nicht Sie die Frau? Wissen Sie, Nicolai Wszewolodowitsch, ich merke
unter anderem, seit ich bei Ihnen bin, da Sie furchtbar gromtig zu
mir sind, und gerade das kann ich von Ihnen nicht ertragen.

Er erhob sich vom Platz und ging ein paar Schritte durchs Zimmer.

Gut, mag das nun so enden ... Aber wie konnte das alles geschehen?

Auch eine Sorge! Und die Hauptsache -- Sie wissen das ja selbst, so
gut, als htten Sie es an den Fingern abgezhlt, wissen es besser, als
alle auf der Welt, und rechneten sogar selbst damit! Ich bin eine hhere
Tochter, mein Herz ist in der Oper erzogen, sehen Sie, das war die
Ursache, das ist die ganze Lsung des Rtsels!

Nein.

Darin liegt nichts, was Ihre Eigenliebe krnken knnte. Es ist einfach
die Wahrheit. Es begann mit einem schnen Augenblick, den ich nicht
ertrug. Vor drei Tagen, als ich Sie vor aller Welt >beleidigte< und Sie
mir so ritterlich antworteten, fuhr ich nach Hause und sagte mir, da
Sie mich gemieden hatten, weil Sie verheiratet waren, und nicht aus
Verachtung, was ich als Dame der Gesellschaft am meisten frchtete. Ich
begriff, da Sie mich Unsinnige beschtzten, indem Sie mich mieden.
Sehen Sie wohl, wie ich Ihre Gromut schtze. Da sprang dann Pjotr
Stepanowitsch fr Sie ein und erklrte mir alles. Er offenbarte mir, da
ein groer Gedanke Sie beherrsche, ein Gedanke, vor dem er und ich
nichts sind, aber da ich Ihnen dennoch >im Wege< stehe. Und sich zhlte
er immer mit; er wollte unbedingt, da wir zu dreien seien, und er
sprach noch die phantastischsten Dinge, sprach von einer groen Barke
mit Rudern aus nordischem Ahorn, wie es in irgendeinem russischen Liede
heit. Ich lobte ihn, sagte ihm, er sei ein Dichter, und er nahm das
alles fr die barste Mnze. Da ich aber auch ohnedem schon lngst wute,
da ich nur fr einen Augenblick ausreichen wrde, so nahm ich mich und
entschlo mich. Nun, und das war alles, aber jetzt genug davon, und
bitte keine Erklrungen mehr. Sonst geraten wir womglich noch in
Streit. Wie gesagt, frchten Sie niemanden, ich nehme alles auf mich.
Ich bin schlecht, kaprizis, ich habe mich von der opernhaften Barke
blenden lassen, ich bin eine junge Dame der Gesellschaft ... Aber wissen
Sie, ich habe bei alledem doch gedacht, da Sie mich furchtbar lieben.
Verachten Sie nicht die Trin und lachen Sie nicht ber diese Trne, die
jetzt fiel. Ich liebe es sehr, >mich selbst bemitleidend< zu weinen.
Nun, genug, genug. Ich bin zu allem unfhig und Sie sind zu allem
unfhig; zwei Nasenstber beiderseits, finden wir uns also damit ab.
Wenigstens leidet so die Eigenliebe nicht.

Ein Traum und Wahn! rief Nicolai Wszewolodowitsch und schritt, die
Hnde ringend, im Zimmer auf und ab. Lisa, du Arme, was hast du dir
angetan?

Habe mich am Licht verbrannt, und das ist alles. Wie, Sie weinen doch
nicht gleichfalls? Seien Sie anstndiger, seien Sie gefhlloser ...

Warum, warum bist du zu mir gekommen?

Aber verstehen Sie denn nicht endlich, in welch eine komische Lage Sie
sich mit solchen Fragen selbst bringen?

Warum hast du dich selbst zugrunde gerichtet, so ungeheuerlich und
tricht! Und was soll jetzt geschehen?

Und das ist Stawrogin, der >blutdrstige Stawrogin<, wie hier eine
Dame, die in Sie verliebt ist, Sie nennt! Hren Sie, ich habe es Ihnen
doch schon gesagt: ich habe mein Leben auf eine Stunde gesetzt und bin
jetzt ruhig. Tun Sie dasselbe auch mit Ihrem Leben ... brigens, wozu
sollten Sie das, Sie werden noch viele solcher >Stunden< und
>Augenblicke< haben!

Ebensoviele wie du: ich gebe dir mein heiliges Wort, nicht eine Stunde
mehr als du!

Er ging immer noch auf und ab und sah ihren schnellen, durchbohrenden
Blick nicht, in dem pltzlich gleichsam Hoffnung aufleuchtete. Aber
dieser Lichtstrahl erlosch in derselben Minute.

Wenn du den Preis meiner jetzigen _unmglichen_ Aufrichtigkeit wtest,
Lisa, wenn ich dir nur enthllen knnte ...

Enthllen? Sie wollen mir irgend etwas enthllen? Gott bewahre mich vor
Ihren Enthllungen! unterbrach Sie ihn fast mit Schrecken.

Er blieb stehen und wartete in Unruhe.

Ich mu Ihnen gestehen, in mir hat sich schon damals, schon in der
Schweiz, der Gedanke festgesetzt, da Sie etwas Entsetzliches auf der
Seele haben mssen, etwas Schmutziges und Blutiges, und ... gleichzeitig
etwas, das Sie furchtbar lcherlich macht. Hten Sie sich, mir das zu
enthllen, wenn es so ist: ich wrde Sie verspotten. Ich wrde ber Sie
lachen solange Sie leben ... Oh, Sie erbleichen wieder? Ich werde ja
nicht, ich werde nicht, ich gehe gleich fort. Und sie erhob sich
schnell mit einer angeekelten und verachtenden Bewegung.

Qule mich, richte mich, schtte alle Wut ber mich aus! rief er in
Verzweiflung. Du hast das volle Recht dazu! Ich wute, da ich dich
nicht liebe, und richtete dich zugrunde. Ja, ich >nahm den Augenblick<,
ich nahm ihn an: ich hatte noch eine Hoffnung ... schon lange ... eine
letzte ... Ich konnte dem Licht nicht widerstehen, das pltzlich mein
Herz erhellte, als du bei mir eintratst, allein, als erste. Ich glaubte
pltzlich ... Vielleicht glaube ich auch jetzt noch ...

Eine so edle Aufrichtigkeit bezahle ich Ihnen mit gleichem: ich will
nicht Ihre barmherzige Schwester sein. Es ist mglich, da ich wirklich
Krankenpflegerin werde, wenn ich nicht heute noch zur rechten Zeit zu
sterben verstehe; aber wenn ich das auch wrde, so ginge ich doch nicht
zu Ihnen, obschon Sie selbstredend jedem Bein- oder Armlosen
gleichwertig sind. Es hat mir immer geschienen, da Sie mich an
irgendeinen Ort bringen wrden, wo eine bse Riesenspinne von
Menschengre sitzt, und wir wrden dort unser Lebelang auf diese Spinne
sehen und uns vor ihr frchten. Und darber wird dann unsere
gegenseitige Liebe vergehen. Wenden Sie sich an Daschenka; die wird mit
Ihnen gehen, wohin Sie wollen.

Sie konnten es auch jetzt nicht unterlassen, sie zu erwhnen?

Das arme Hndchen! Gren Sie sie von mir. Wute sie es, da Sie sie
schon damals in der Schweiz fr Ihr Alter bestimmten? Welch eine
Frsorge! Welch eine Vorsicht! -- Ach! Wer ist da?

In der Tiefe des Saales hatte sich kaum die Tr geffnet: ein Kopf schob
sich durch und zog sich schnell wieder zurck.

Bist du es, Alexei Jegorytsch? fragte Stawrogin.

Nein, das bin nur ich, sagte Pjotr Stepanowitsch, der sich nun von
neuem und diesmal gleich bis zur Hlfte durch die Tr schob. Guten Tag,
Lisaweta Nicolajewna; auf alle Flle wnsche ich einen guten Morgen.
Wute ich's doch, da ich Sie beide in diesem Saal antreffen wrde. --
Ich bin wirklich nur auf einen Augenblick gekommen, Nicolai
Wszewolodowitsch, -- bin um jeden Preis hergeeilt, nur auf ein paar
Worte ... die allernotwendigsten ... nur ein paar Wrtchen!

Stawrogin ging, aber nach drei Schritten kehrte er zu Lisa zurck.

Wenn du jetzt gleich etwas erfahren wirst, Lisa, so wisse: ich bin
schuld!

Sie fuhr zusammen und sah ihn scheu an; doch er ging schnell hinaus.


                                  II.

Das Zimmer, in das sich Pjotr Stepanowitsch zurckzog, war ein groes
ovales Vorzimmer. Bis zu seinem Erscheinen hatte der alte Diener Alexei
Jegorytsch hier gesessen, den hatte er aber jetzt weggeschickt.

Nicolai Wszewolodowitsch schlo die Saaltr hinter sich und blieb in
Erwartung stehen. Pjotr Stepanowitsch sah ihn schnell und prfend an.

Nun?

Das heit, wenn Sie es schon wissen sollten -- begann Pjotr
Stepanowitsch eilig und als wolle er mit den Augen Stawrogin in die
Seele springen, so ist selbstverstndlich niemand von uns schuld daran,
besonders nicht Sie, denn es ist nur ein zuflliges Zusammentreffen ...
eine Reihe von Zufllen ... mit einem Wort, juridisch kann man Ihnen
nichts anhaben, und ich bin nur gekommen, um Sie zu benachrichtigen.

Sie sind verbrannt? Ermordet?

Ermordet, aber nicht verbrannt, das ist eben das Dumme! Doch ich gebe
Ihnen mein Ehrenwort, ich bin nicht schuld daran! Das heit, wenn Sie
die ganze Wahrheit wissen wollen: sehen Sie, ich hatte wirklich einmal
den Gedanken -- Sie selbst haben ihn mir eingegeben (nicht im Ernst,
natrlich, Sie neckten mich ja nur damit, denn Sie werden doch nicht im
Ernst so etwas sagen!) -- doch ich htte mich niemals zur Ausfhrung
entschlossen, fr nichts in der Welt, nicht fr hundert Rubel, -- denn
ich habe ja gar keinen Vorteil davon, gar keinen -- das heit, ich, ich
persnlich ... (Er berhastete sich furchtbar und sprach wie eine
Plappermhle.) Aber nun hren Sie, was fr ein Zusammentreffen von
Zufllen: ich gab ihm von meinem Gelde, von Ihrem war nicht ein Rubel
dabei, Sie wissen das selbst, ich gab also dem betrunkenen Dummkopf
Lebdkin zweihundertunddreiig Rubel, vor drei Tagen, noch am Abend, --
hren Sie: vor drei Tagen, und nicht erst gestern nach der Matinee,
beachten Sie das: das ist sehr wichtig! Denn ich wute damals noch
nicht, ob Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen fahren wrde oder nicht: -- gab
ihm von meinem eigenen Gelde, nur darum, weil Sie nun mal die Idee
hatten, Ihr Geheimnis allen aufzudecken. Nun, darber werde ich mich
nicht weiter verbreiten, ... das ist Ihre Sache ... Ritter, und so
weiter ... Ich gestehe aber, ich wunderte mich doch sehr, als ob ich mit
einer Keule einen Schlag vor den Kopf bekommen htte. Da mir aber diese
Tragdien scheulich langweilig geworden waren -- ich spreche jetzt,
merken Sie sich das wohl, im Ernst, wenn ich auch burschikose Ausdrcke
gebrauche --, da nun alles das meine Plne kreuzte, so schwor ich mir,
Lebdkin, was es auch koste, und auch ohne Ihr Wissen, nach Petersburg
zu schicken. Nur einen Fehler habe ich da vielleicht begangen: ich gab
ihm das Geld in Ihrem Namen! War das nun ein Fehler oder nicht?
Vielleicht war es auch kein Fehler! Aber hren Sie jetzt, hren Sie,
wohin das alles gefhrt hat ... --

Im Eifer der Rede war er Stawrogin immer nher gerckt und wollte ihn
schlielich am Rockaufschlag anfassen (vielleicht, bei Gott, mit
Absicht). Stawrogin schlug ihm mit einem heftigen Schlag die Hand
herunter.

Wie ... was!? ... Na ... blo, so knnen Sie einem ja die Hand brechen
... Die Hauptsache ist nun, was daraus alles entstanden ist ...
schnatterte er dann schon weiter, ohne sich ber den Schlag viel zu
wundern. Am Abend gebe ich ihm das Geld, damit er mit seiner Schwester
am nchsten Morgen, sowie es hell wird, sich davonmacht: beauftrage mit
dieser Sache den Schuft Liputin, der ihn selbst einpacken und
fortschicken soll. Aber der Schuft Liputin mute mit dem Publikum seinen
dummen Schulbubenstreich machen, -- Sie haben wohl schon davon gehrt?
auf der Matinee? Nun hren Sie, hren Sie doch: beide betrinken sich und
schmieden Verse. Liputin zieht dem anderen einen Frack an und versteckt
ihn hinter den Kulissen (mir versichert er dabei, er habe ihn am Morgen
auf die Bahn gebracht), um ihn im gegebenen Moment auf die Tribne zu
schubsen. Lebdkin aber betrinkt sich inzwischen wieder vollstndig.
Darauf folgt der bekannte Skandal -- Lebdkin wird steif betrunken nach
Hause gebracht, schlafend, Liputin nimmt ihm die zweihundert Rubel aus
der Brieftasche und lt ihm nur das Kleingeld. Zum Unglck aber hatte
Lebdkin schon am Morgen das Geld gezeigt und damit herumgeprahlt. Da
aber Fedjka nur darauf wartete -- er hatte bei Kirilloff etwas davon
gehrt (erinnern Sie sich noch Ihrer Anspielung?), so entschlo er sich,
die Gelegenheit zu benutzen. Ich bin aber doch froh, da Fedjka
wenigstens das Geld nicht vorgefunden hat, -- dabei hat der Schurke
eigentlich auf Tausende gerechnet! Er beeilte sich also, aber das Feuer
scheint ihn dann selbst erschreckt zu haben ... Glauben Sie, mir ist
dieser Brand wie ein Keulenschlag vor den Kopf! Das ist ja ... der
Teufel wei, was das ist! Das ist eine solche Eigenmchtigkeit ... Sehen
Sie, ich werde Ihnen, da ich so viel von Ihnen erwarte, nichts
verheimlichen: ich habe schon lange selber diese Idee, Feuer anzulegen,
in mir herumgetragen. Das ist so populr, so volklich ... aber ich habe
sie immer fr die kritische Zeit aufbewahrt, fr den groen Augenblick,
wenn wir uns alle erheben und ... Und da haben sie das jetzt pltzlich
eigenmchtig und ohne Befehl getan, und das noch in einem Augenblick, wo
man den Atem anhalten und alles verheimlichen mte! Nein, das ist eine
solche Eigenmchtigkeit! ... Ich wei ja noch nichts darber: man
spricht von zweien aus der Spigulinschen Fabrik ... wenn aber von den
_unseren_ jemand dabei war, wenn auch nur einer seine Hand dabei im
Spiele hat -- gnade ihm Gott! Sehen Sie, was das heit, sie ein bichen
vernachlssigen! Oh, dieses demokratische Pack mit seinen >Fnfern< ist,
das sehe ich, eine schlechte Sttze! Ein einziger groartiger,
gtzenhafter, despotischer Wille tut not, einer, der sich nicht auf
etwas Zuflliges und auerhalb Stehendes sttzt ... Dann werden auch die
>Fnfer< gehorsam und vielleicht noch von Nutzen sein. Doch jedenfalls,
wenn sie jetzt auch alle schreien und in die Trompete blasen, da
Stawrogin sich von seiner Frau befreien wollte, und da darum die Stadt
brennen mute, so --

Also man schreit das schon?

Das heit, nein, noch gar nicht, und ich mu gestehen, ich habe davon
bis jetzt noch nichts gehrt, aber was ist mit dem Volk denn anzufangen,
besonders mit den Abgebrannten? _Vox populi, vox Dei!_ Braucht es denn
viel Zeit, um selbst das dmmste Gercht zu verbreiten? Sie, wie gesagt,
haben sich vor nichts zu frchten. Juridisch ist alles einwandfrei, vor
Ihrem Gewissen gleichfalls, denn Sie wollten das doch nicht? Sie wollten
das doch nicht? Beweise gibt es keine, alles war nur Zufall ... Es sei
denn, da Fedjka sich Ihrer damaligen unvorsichtigen Worte bei Kirilloff
erinnert (wozu haben Sie sie damals auch ausgesprochen?), aber das
beweist doch nichts. Und Fedjka machen wir schnell mundtot. Ich werde
ihm noch heute ...

Und die Leichen sind gar nicht verbrannt?

Nein: diese Kanaille hat nichts wie es sich gehrt zu machen
verstanden. Aber ich freue mich vor allen Dingen, da Sie so ruhig sind
... denn wenn Sie daran auch gar keine Schuld tragen, nicht mal in
Gedanken, so ist es doch -- na, immerhin. Jedenfalls werden Sie mir aber
zugeben, da das alles sehr schn Ihre Angelegenheiten in Ordnung
bringt: Sie sind pltzlich ein freier Witwer und knnen noch in dieser
Stunde das schnste Mdchen mit einem riesigen Vermgen heiraten, -- ein
Mdchen, das noch dazu schon in Ihren Hnden ist. Sehen Sie, was ein
einfacher, grober Zufall alles tun kann, nicht wahr?

Sie wollen mich einschchtern, Sie Dummkopf?

Nun, schon gut, schon gut, warum gleich Dummkopf, und was ist das fr
ein Ton? Wer sollte sich mehr freuen, als Sie? Ich bin hergelaufen, um
Sie zu benachrichtigen ... Womit sollte ich Sie denn einschchtern? Als
ob ich Ihnen zu drohen ntig htte! Ich brauche Ihren freien Willen,
aber nicht einen erzwungenen! Sie sind das Licht und die Sonne. Ich
frchte Sie, aber nicht Sie mich! Ich bin doch nicht Mawrikij
Nicolajewitsch ... Stellen Sie sich vor, ich sause hierher in einer
Droschke -- und wen sehe ich? -- Mawrikij Nicolajewitsch! An Ihrem
Gartenzaun, ganz am Ende des Gartens, -- im Mantel, vllig durchnt, er
mu wohl die ganze Nacht dort gewartet haben! Wunderbar! Wie weit die
Menschen doch den Verstand verlieren knnen!

Mawrikij Nicolajewitsch! Ist das wahr?

Es ist wahr, es ist wahr. Steht am Gartenzaun. Von hier -- na,
dreihundert Schritte von hier, wenn ich mich nicht irre. Ich beeilte
mich, an ihm vorber zu kommen, aber er hat mich doch gesehen. Sie
wuten es nicht? In dem Fall bin ich sehr froh, da ich nicht vergessen
habe, es Ihnen mitzuteilen. Sehen Sie, solch einer ist am
gefhrlichsten! wenn der einen Revolver bei sich hat! und zuletzt, die
Nacht, die Nsse, die Erregung, und dann -- wie ist denn seine Lage
jetzt, ha, ha! Was meinen Sie, warum sitzt er da?

Er wartet natrlich auf Lisaweta Nicolajewna.

So--o! Ja warum sollte sie denn zu ihm hinausgehen? Und ... in diesem
Regen ... so ein Esel! ...

Sie wird sogleich zu ihm hinausgehen.

Aha! Das ist mir mal eine Neuigkeit! Also ... Aber hren Sie, jetzt hat
sich doch Ihre Situation vllig gendert: wozu braucht sie jetzt den
Mawrikij? Sie sind doch jetzt ein freier Witwer und knnen sie doch
morgen heiraten? Wei sie noch nichts? Dann berlassen Sie es mir, ich
werde gleich alles in Ordnung bringen. Wo ist sie, man mu ihr doch auch
eine Freude machen!

Eine Freude?

Sie fragen noch! Gehen wir.

Und Sie glauben, da sie vor diesen Leichen nichts errt? fragte
Stawrogin, indem er ihn mit halb zugekniffenen Augen ansah.

Natrlich nicht, antwortete Pjotr Stepanowitsch, den Dummen spielend,
denn juridisch ... Ach, Sie! Und wenn sie es auch errt! Von den Frauen
wird das alles so schnell abgetan! Sie kennen die Frauen noch nicht!
Auerdem mu sie Sie doch ganz einfach heiraten, denn sie hat sich doch
nun mal kompromittiert, ganz abgesehen davon, da ich ihr von der
>Barke< schon erzhlt habe: und habe gesehen, da man gerade damit
Eindruck auf sie macht -- da sieht man gleich, von welchem Kaliber das
Mdchen ist. Beruhigen Sie sich, sie wird ber diese Leichen so
hinwegtreten, wie nichts! Auerdem sind Sie ja doch tatschlich ganz
unschuldig, vollstndig unschuldig, nicht wahr? Sie wird die Erinnerung
an diese Leichen nur aufbewahren, um Sie vom zweiten Jahre Ihrer Ehe an
damit zu peinigen. Jedes Weib, das zum Altar geht, rcht sich so an
ihrem Mann, aber was dann sein wird ... was wieder bers Jahr sein wird?
Ha, ha, ha!

Sie sind mit einer Droschke gekommen? Die Droschke wartet noch? Dann
fahren Sie in dieser Droschke mit Lisa zu Mawrikij Nicolajewitsch. Sie
hat mir soeben gesagt, da sie mich nicht lieben kann, da sie von mir
geht, da wird sie selbstverstndlich keine Equipage von mir annehmen.

Aber was soll denn das bedeuten? Ist das wirklich ihr Ernst? Was hat
denn das veranlassen knnen? Pjotr Stepanowitsch sah ihn mit einem
recht dummen Gesicht an.

Sie hat es irgendwie erraten, in dieser Nacht, da ich sie gar nicht
liebe ... was sie natrlich schon immer gewut hat.

Ja, aber wie -- lieben Sie sie denn nicht? fragte Pjotr Stepanowitsch
mit der Miene grenzenlosen Erstaunens. Aber wenn das so ist, warum
haben Sie ihr das dann nicht gestern gleich gesagt, da Sie sie nicht
lieben? Das ist doch eine schreckliche Gemeinheit von Ihnen, und wie
stehe ich denn jetzt vor ihr da?

Stawrogin begann pltzlich zu lachen.

Ich lache ber meinen Affen, erklrte er sofort.

Ah! Sie haben's durchschaut, da ich den Bajazzo spiele! Pjotr
Stepanowitsch lachte sogleich furchtbar lustig mit. Ich hab's ja nur
getan, um Sie zu amsieren! Stellen Sie sich vor, ich hab's doch im
Augenblick, wie Sie aus der Tr traten, Ihrem Gesicht angesehen, da es
bei Ihnen >Unglck< gegeben hat. Vielleicht sogar einen vollstndigen
Mierfolg, wie? Nun, ich mchte schwren, rief er, sich vor Entzcken
fast verschluckend, da Sie die ganze Nacht im Saal nebeneinander wie
Puppen auf den Sthlen gesessen, ber hohe Sachen sich gestritten und so
die ganze kostbare Zeit verbracht haben ... Doch, verzeihen Sie,
verzeihen Sie, was geht das mich an! Ich wute ja schon gestern, da es
bei Ihnen mit einer Dummheit enden werde. Ich habe sie Ihnen ja auch
berhaupt nur gebracht, um Ihnen ein Vergngen zu verschaffen, und um
Ihnen zu beweisen, da Sie es mit mir nicht langweilig haben werden!
Dreihundertmal kann ich Ihnen noch mit so was dienen! Ich liebe es
berhaupt, den Menschen gefllig zu sein. Und wenn Sie sie jetzt also
nicht mehr brauchen, worauf ich ja rechnete, dann -- nun ja, dann bin
ich eben hierhergefahren, um ...

So haben Sie sie mir also nur zu meinem Vergngen gebracht?

Wozu denn sonst?

Und nicht deshalb, um mich zu zwingen, meine Frau zu ermorden?

So--o, ja haben Sie sie denn ermordet? Was fr ein tragischer Mensch
Sie sind!

Gleichviel, Sie haben sie ermordet.

Wieso denn ich? Aber ich sage Ihnen doch, ich bin da auch nicht mit
einem Tropfen beteiligt. Indessen, Sie fangen an mich zu beunruhigen
...

Fahren Sie fort, Sie sagten: >Wenn Sie sie also jetzt nicht mehr
brauchen, so ...<

So berlassen Sie sie mir, selbstverstndlich! Ich werde sie glnzend
mit Mawrikij Nicolajewitsch verheiraten, den nicht ich unten am
Gartenzaun aufgestellt habe -- setzen Sie sich nicht auch das noch in
den Kopf! Ich frchte ihn jetzt sogar. Wahrhaftig, wenn er vorhin einen
Revolver gehabt htte! ... Gut, da auch ich einen habe! Da ist er --
(er zog einen Revolver aus der Tasche, zeigte ihn, steckte ihn aber
schnell wieder ein), ich habe ihn wegen des weiten Weges zu mir
gesteckt ... brigens, ich werde das alles im Augenblick beilegen: es
wird ihr gerade jetzt wegen Mawrikij am Herzchen nagen ... es mu ja so
sein ... und wissen Sie, bei Gott, sie tut mir sogar ein wenig leid!
Bringe ich sie wieder mit Mawrikij zusammen, so wird sie von Stund an
nur an Sie denken, Sie verhimmeln und ihn schelten, -- ein Weiberherz!
Nun, Sie lachen schon wieder? Es freut mich riesig, da Sie so heiter
geworden sind. Nun, wie -- gehen wir? Ich fange sogleich von Mawrikij
an, von denen aber ... den Toten ... wissen Sie, sollte man nicht jetzt
lieber darber schweigen? Sie wird es ja spter doch erfahren.

Pltzlich stand Lisa in der Tr.

Was werde ich erfahren? Wer ist tot? Was sagten Sie von Mawrikij
Nicolajewitsch?

Ah! Sie haben uns belauscht?

Was sagten Sie von Mawrikij Nicolajewitsch? Ist er tot?

Ah! so haben Sie doch nichts gehrt! Beruhigen Sie sich, Mawrikij
Nicolajewitsch lebt und ist gesund, wovon Sie sich schon im Augenblick
werden berzeugen knnen, denn er steht hier unten, am Wege, am
Gartenzaun ... und steht dort, glaube ich, die ganze Nacht, durchnt,
im Mantel ... Ich fuhr an ihm vorber, er hat mich gesehn.

Das ist nicht wahr. Sie sagten ... Wer ist gettet?

Ermordet ist nur meine Frau, ihr Bruder Lebdkin und die Aufwrterin,
sagte Stawrogin mit fester Stimme.

Lisa zuckte zusammen und erbleichte unheimlich.

Ein ganz sonderbarer Zufall, Lisaweta Nicolajewna, der dmmste Fall von
einem Raubmord, trommelte sofort wieder Pjotr Stepanowitsch los -- ein
Ruber, der den Brand benutzen wollte: der Dummkopf Lebdkin hatte allzu
offen sein Geld gezeigt ... das benutzte dann Fedjka, ein entsprungener
Zuchthusler -- Sie werden von ihm gehrt haben ... Ich bin sofort
hierher geeilt ... ich war wie von einem Stein getroffen, wie Sie sich
denken knnen, und Stawrogin war denn auch so erschttert, als ich ihm
das Geschehene mitteilte. Wir berieten uns gerade: ob man es Ihnen jetzt
gleich sagen sollte oder noch nicht?

Nicolai Wszewolodowitsch, sagt er die Wahrheit? brachte Lisa kaum
hrbar hervor.

Nein, er sagt die Unwahrheit.

Wie, die Unwahrheit? fuhr Pjotr Stepanowitsch erschrocken auf. Was
soll denn das wieder heien?

Mein Gott, ich verliere den Verstand! schrie Lisa auf.

Bedenken Sie doch, da der Mensch ja wahnsinnig ist! suchte Pjotr
Stepanowitsch alles zu berschreien, denn immerhin, es ist doch nun mal
seine Frau, die man erschlagen hat! Sehen Sie doch, wie bleich er ist
... Er war doch die ganze Nacht mit Ihnen zusammen, hat Sie nicht auf
eine Minute verlassen, da kann er es doch nicht getan haben, wer wird
denn ihn verdchtigen?!

Nicolai Wszewolodowitsch, sagen Sie mir wie vor Gott, ob Sie schuld
sind oder nicht, und ich schwre Ihnen, ich werde Ihrem Wort glauben,
wie dem Worte Gottes, und bis ans Ende der Welt werde ich Ihnen folgen,
oh, ich folge! Ich folge wie ein Hndchen ...

Was qulen Sie sie, warum, wozu, Sie phantastischer Kopf! rief Pjotr
Stepanowitsch wtend. Lisaweta Nicolajewna, hren Sie mich an, Wort fr
Wort: er ist unschuldig, im Gegenteil, er ist wie vernichtet, er ist
krank und phantasiert, Sie sehen es doch! In nichts, in nichts ist er
schuldig! Das haben Raubmrder getan, denen man vielleicht schon morgen
auf der Spur sein wird! Das hat Fedjka, der Zuchthusler, getan, und
noch einige aus der Spigulinschen Fabrik, die ganze Stadt spricht schon
davon, deshalb bin ich ...

Ist es so? Ist es so? Am ganzen Krper zitternd erwartete Lisa ihren
Urteilsspruch.

Ich habe nicht gemordet und ich war dagegen, aber ich wute, da man
sie umbringen werde und habe nichts getan, um den Mord zu verhindern.
Gehen Sie von mir, Lisa, murmelte Stawrogin und ging in den Saal.

Lisa bedeckte das Gesicht mit den Hnden und ging hinaus aus dem Hause.
Pjotr Stepanowitsch wollte ihr schon nachstrzen, kehrte aber sofort um
und ging in den Saal zu Stawrogin.

Also so sind Sie? So sind Sie? Also nichts frchten Sie? stie er, wie
irrsinnig vor Wut, unzusammenhngend, mit Schaum vor dem Munde, hervor.

Stawrogin stand in der Mitte des Saales und erwiderte kein Wort. Er
griff mit der linken Hand in sein Haar und lchelte blicklos. Pjotr
Stepanowitsch ri ihn heftig am rmel.

Jetzt sind Sie verloren! Was? Also darauf haben Sie es angelegt? Alle
geben Sie preis! Und selbst gehen Sie ins Kloster oder zum Teufel! Aber
ich werde Ihnen ja doch den Garaus machen, auch wenn Sie mich nicht
frchten sollten!

Ach, Sie sind es, der hier plappert? Stawrogin bemerkte ihn jetzt
erst. Und pltzlich, wie erwachend, rief er: Laufen Sie, laufen Sie ihr
nach, befehlen Sie einen Wagen, verlassen Sie sie nicht ... Laufen Sie,
laufen Sie doch! Bringen Sie sie nach Haus, damit es niemand wei, und
sie nicht dorthin geht ... zu den Leichen ... den Leichen ... Setzen Sie
sie mit Gewalt in die Equipage ... Alexei Jegorytsch! Alexei
Jegorytsch!

Still, schreien Sie nicht! Sie ist jetzt schon in Mawrikijs Armen ...
Mawrikij wird sich nicht in Ihre Equipage setzen. Bleiben Sie! Das hier
ist wichtiger, als die Equipage!

Er ri wieder den Revolver hervor. Stawrogin sah ihn ernst an.

Nun was, erschieen Sie mich, sagte er leise, beinahe vershnlich.

Pfui Teufel, welch eine Lge der Mensch auf sich laden kann! Pjotr
Stepanowitsch erzitterte frmlich. Bei Gott, ja, man sollte Sie
totschlagen! Wahrlich, sie mute ja einfach auf Sie spucken! ... Was
knnen Sie denn noch fr eine tragende Barke sein, Sie alter, morscher,
hlzerner Kahn, der nur noch zum Abbruch taugt! ... Nun, wenn Sie sich
doch wenigstens aus Bosheit, aus Bosheit jetzt aufrafften! Ach! So ist
Ihnen wohl schon alles gleich, wenn Sie bereits selber um eine Kugel in
Ihre Stirn bitten?

Stawrogin lchelte sonderbar.

Wenn Sie nicht solch ein Narr wren, so wrde ich jetzt vielleicht >ja<
sagen ... Wenn Sie nur ein bichen klger wren ...

Gut, mag ich ein Narr sein, aber ich will nicht, da Sie, meine
wichtigere Hlfte, auch ein Narr sind! Verstehen Sie mich?

Stawrogin verstand ihn, vielleicht konnte nur er allein ihn verstehen.
War doch Schatoff erstaunt gewesen, als Stawrogin ihm gesagt hatte, da
in Pjotr Stepanowitsch Enthusiasmus sei.

Gehen Sie jetzt zum Teufel, morgen werde ich vielleicht irgend was aus
mir herausbringen. Kommen Sie morgen wieder.

Ja? Ja?

Was kann ich wissen! ... Gehen Sie zum Teufel, zum Teufel!

Und er verlie den Saal.

Wer wei, vielleicht ist es auch besser so, murmelte Pjotr
Stepanowitsch und steckte den Revolver wieder ein.


                                  III.

Er eilte hinaus, um Lisaweta Nicolajewna einzuholen. Sie war noch nicht
weit gekommen: -- ein paar Schritte vom Hause entfernt, erreichte er
sie. Alexei Jegorytsch, der ihr im Frack und ohne Hut, in einem Abstande
von einem Schritt, in ehrerbietiger Haltung folgte, suchte sie
zurckzuhalten: er sprach auf sie ein und suchte ihr vergeblich klar zu
machen, da sie doch auf die Equipage warten msse; der Alte war dabei
dem Weinen nahe.

Mach dich fort, der Herr wnscht Tee, damit schob Pjotr Stepanowitsch
den Alten beiseite und legte Lisaweta Nicolajewnas Hand auf seinen Arm.

Sie zog die Hand nicht fort: offenbar war sie noch gar nicht bei voller
Besinnung.

Erstens mssen Sie nicht dahin, nicht am Park vorber, begann Pjotr
Stepanowitsch, sondern hierher. Zweitens knnen Sie unmglich zu Fu
gehen, denn bis zu Ihnen sind es gute drei Werst, und Sie sind nur in
einem leichten Kleide. Wenn Sie nur ein wenig warten wollten. Ich bin in
einer Droschke gekommen und die wartet noch auf mich. Ich werde Sie
sofort hineinsetzen und dann so zurckbringen, da niemand Sie sieht.

Wie gut Sie sind ... sagte Lisa freundlich.

Aber ich bitte Sie, in einem solchen Fall wrde doch jeder humane
Mensch an meiner Stelle ebenso ... --

Lisa sah ihn an und war verwundert.

Ach, mein Gott, und ich dachte, da immer noch der Alte ...

Hren Sie mal, es freut mich sehr, da Sie es so ruhig auffassen, denn
alles das ist doch ein frchterliches Vorurteil. Wre es also nicht das
Vernnftigste, ich befehle dem Alten, sofort die Equipage anspannen zu
lassen? Das dauert hchstens zehn Minuten, und wir gehen so lange auf
die Treppe zurck und warten, wie?

Ich mchte zuerst ... wo sind die Ermordeten?

Natrlich! Das befrchtete ich ja! Nein, die lassen wir hbsch
beiseite. Und das ist auch nichts fr Sie!

Ich wei, wo sie sind, ich kenne das Haus.

Nun, was, was wissen Sie? Ich bitte Sie, jetzt im Regen, im Nebel (da
habe ich mir eine schne Verpflichtung aufgeladen!) ... Hren Sie,
Lisaweta Nicolajewna, entweder oder: Sie knnen mit mir auf die Droschke
warten und gehen jetzt keinen Schritt weiter, oder aber, wenn Sie noch
zwanzig Schritte weiter gehen, so erblickt uns Mawrikij Nicolajewitsch.

Mawrikij Nicolajewitsch! Wo? Wo?

Nun, wenn Sie zu ihm gehen wollen, so kann ich Sie meinethalben noch
ein Stckchen begleiten und Ihnen zeigen, wo er steht. Ich selbst aber
mache dann meinen ergebensten Diener: ich mchte jetzt nicht mit ihm
sprechen.

Er wartet auf mich, mein Gott! Sie blieb pltzlich stehen und wurde
ber und ber rot. --

Nun, was soll das! Wenn er ein Mensch ohne Vorurteile ist! Wissen Sie,
Lisaweta Nicolajewna, das ist ja alles nicht mehr meine Sache, -- ich
bin ja ganz unbeteiligt dabei, das wissen Sie selbst. Aber ich will doch
Ihr Bestes ... Wenn es mit unserer >Barke< nun einmal nichts ist, wenn
es sich herausgestellt hat, da sie nur ein alter, verfaulter Kahn war,
der nur noch zum Abbruch taugt ...

Ach, wunderbar! Lisa lachte hysterisch auf.

Ja, wunderbar, aber dabei flieen Ihnen die Trnen ber die Wangen. Da
ist mehr Festigkeit ntig. Die Frau soll den Mnnern nicht nachstehen.
In unserer Zeit, wenn die Frau ... pfui, zum Teufel! (Pjotr
Stepanowitsch htte beinahe ausgespuckt.) Und die Hauptsache, nichts
bedauern: vielleicht wird sich alles noch zum besten kehren. Mawrikij
Nicolajewitsch ist ein Mensch ... mit einem Wort, ein gefhlvoller
Mensch, wenn auch nicht gesprchig, was brigens nichts auf sich hat,
vorausgesetzt, da er nur ein vorurteilsfreier Mensch ist ...

Wunderbar, wunderbar, lachte Lisa immer noch.

Ach nun, zum Teufel ... Lisaweta Nicolajewna, sagte Pjotr
Stepanowitsch pltzlich pikiert, ich rede doch nur in Ihrem Interesse
... denn was geht das schlielich mich an? Ich war Ihnen gestern zu
Diensten, habe getan, was Sie selbst wollten, und heute ... Nun sehen
Sie, von hier sieht man schon Mawrikij Nicolajewitsch! Dort steht er und
sieht uns nicht. Haben Sie >Polinka Sachs< gelesen, Lisaweta
Nicolajewna? -- Was ist das?

Das ist eine Erzhlung. Ich habe Sie als Student mal gelesen ... Da
lt ein Mann seine Frau auf der Villa wegen Untreue verhaften ...[53]
Ah, nun, zum Teufel damit! Sie werden sehen, da Mawrikij Nicolajewitsch
Ihnen, noch bevor Sie zu Hause ankommen, einen Heiratsantrag macht. Er
sieht uns noch immer nicht.

Ach, mge er uns auch nicht sehen! rief Lisa pltzlich in groer
Angst. -- Gehen wir fort, fort! In den Wald, aufs Feld! Und sie lief
zurck.

Aber Lisaweta Nicolajewna, das ist doch so kleinmtig! rief Pjotr
Stepanowitsch hinter ihr drein. Und warum wollen Sie denn nicht, da er
Sie sieht? Im Gegenteil, blicken Sie ihm offen und stolz in die Augen
... Wenn Sie etwa _deswegen_ ... ich meine, wegen der ... Jungfernschaft
... so ist das doch das grte Vorurteil von allen, ist doch eine solche
Rckstndigkeit ... Aber wohin gehen Sie denn, wohin? Teufel, da luft
sie nun ... Kehren wir doch lieber zu Stawrogin zurck! Nehmen wir meine
Droschke! ... Wohin laufen Sie? Dort ist das Feld, und ... So! -- da ist
sie nun gefallen!

Er blieb stehen. Lisa war wie ein Vogel davongeflogen, ohne zu wissen,
wohin. Pjotr Stepanowitsch war schon auf fnfzig Schritt
zurckgeblieben. Da stolperte sie ber einen kleinen Erdhgel und fiel.

Im selben Augenblick hrte man einen kurzen Schrei: das war Mawrikij
Nicolajewitsch, der sie jetzt pltzlich erblickt und fallen gesehen
hatte, und im Augenblick schon quer ber das Feld zu ihr lief.

Pjotr Stepanowitsch stand im Nu hinter dem Parktor und zog sich dann
schleunigst zurck, um sich ohne Zeitverlust in seine Droschke zu
setzen.

Mawrikij Nicolajewitsch aber stand schon, angstvoll erschrocken, neben
Lisa, half ihr aufstehen und hielt, ber sie gebeugt, ihre Hand in
seinen Hnden. Das Unglaubliche, Unmgliche, das in dieser Begegnung
lag, erschtterte ihn so, da ihm Trnen ber das Gesicht rannen. Er
hatte sie erblickt, wie sie, die er so andchtig verehrte, wie
wahnsinnig ber das Feld lief, und das zu dieser Stunde, bei solchem
Wetter, im Kleide, im zarten Kleide von gestern, das jetzt zerdrckt und
vom Fall beschmutzt an ihr herabhing ... Er konnte kein Wort
hervorbringen, nahm hastig seinen Mantel ab und bedeckte mit zitternden
Hnden ihre Schultern. Pltzlich schrie er auf: er hatte gefhlt, wie
sie mit ihren Lippen seine Hand berhrte.

Lisa! rief er aus, ich verstehe nichts, aber stoen Sie mich nicht
von sich!

Oh, ja, gehen wir schnell von hier weg, verlassen Sie mich nicht! und
sie zog ihn an der Hand mit sich fort.

Mawrikij Nicolajewitsch, erschreckt senkte sie die Stimme, dort tat
ich die ganze Zeit sehr tapfer, aber hier frchte ich den Tod. Ich werde
sterben, ich werde bald sterben, aber ich frchte mich zu sterben,
flsterte sie, und prete krampfhaft seine Hand.

Oh, wenn doch irgend jemand! ... er blickte sich in Verzweiflung um.
Wenn doch ein Vorberfahrender! Ihre Fe werden na, Sie ... werden
den Verstand verlieren!

Tut nichts, tut nichts, beruhigte sie ihn, mit Ihnen zusammen frchte
ich mich weniger, halten Sie mich an der Hand, fhren Sie mich ... Wohin
gehen wir jetzt? Nach Hause? Nein, ich will zuerst die Leichen sehn! Die
Menschen sagen, da man seine Frau ermordet hat, er aber sagt, er habe
sie selbst ermordet; aber das ist doch nicht wahr, das ist doch nicht
wahr? Ich mchte selbst die Ermordeten sehen ... die fr mich ...
ihretwegen hat er diese Nacht aufgehrt, mich zu lieben ... Ich werde
sie sehen und alles erfahren. Schnell, schnell, ich kenne dieses Haus
... es hat dort gebrannt ... Mawrikij Nicolajewitsch, mein Freund,
verzeihen Sie mir Ehrlosen nicht! Warum mir verzeihen? -- Warum weinen
Sie? Geben Sie mir eine Ohrfeige und schlagen Sie mich tot hier auf dem
Felde, wie einen Hund!

Niemand ist jetzt Ihr Richter, sagte Mawrikij Nicolajewitsch fest,
mge Gott Ihnen verzeihen, am wenigsten von allen aber bin ich Ihr
Richter!

Doch sonderbar wre es, wollte man ihr Gesprch wiedergeben. Dabei
gingen sie weiter, Hand in Hand, schnell und eilig, wie Halbwahnsinnige
-- gerade in der Richtung zur Brandsttte.

Mawrikij Nicolajewitsch hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben,
irgendwo einen Wagen anzutreffen, aber ringsum blieb alles still und
leer. Ein feiner, dnner Nebelregen verschleierte die ganze Landschaft.
Jedes Licht und jede Farbe sog er auf und verwandelte Nhe und Ferne,
Himmel und Erde unterschiedslos in eine einzige rauchige, bleierne
Masse. Es war schon lngst Tag und doch schien es noch nicht hell
geworden zu sein. Und pltzlich tauchte aus diesem rauchigen, kalten
Nebel eine Gestalt auf und kam den beiden entgegen, eine eigentmliche,
seltsame Figur.

Ich glaube, ich htte meinen Augen nicht getraut, wenn ich an Lisaweta
Nicolajewnas Stelle gewesen wre; sie aber, im Gegenteil, sie schrie
freudig auf und erkannte den Menschen sofort: Es war Stepan
Trophimowitsch.

Auf welche Weise er aus dem Hause gekommen war, wie er den Gedanken der
Flucht, diese erklgelte Idee, verwirklicht hatte -- davon spter.

Er wird wohl schon an diesem Morgen Fieber gehabt haben, aber selbst die
Krankheit, von der er brigens selber vielleicht nichts gemerkt hat,
vermochte ihn nicht zurckzuhalten. Tapfer stapfte er auf dem vom Regen
aufgeweichten Wege darauf los. Offenbar hatte er bei seinem Unternehmen
mglichst allein sein wollen, trotz seiner ganzen Lebensunerfahrenheit.

Angezogen war er reisemig, das heit, er hatte einen Mantel an, der
von einem breiten lackledernen Gurt zusammengehalten wurde. Die
Beinkleider staken in hohen, glnzenden Stiefelschften, in denen er
noch nicht recht zu gehen verstand. Augenscheinlich war alles neu und
erst in diesen Tagen angeschafft. Ein Hut mit breitem Rand, ein
wollener, fest um den Hals geschlungener Schal, ein Stock in der rechten
Hand und in der Linken ein kleiner, aber sehr fest vollgestopfter
Reisesack, vollendeten sein Kostm. In derselben rechten Hand hielt er
dann noch einen aufgespannten Regenschirm. Diese drei Gegenstnde zu
schleppen, den Regenschirm, den Stock und den Handkoffer, war ihm schon
in der ersten Stunde recht unbequem, in der zweiten aber bereits
furchtbar schwer.

Sind Sie das wirklich? rief Lisa, und betrachtete ihn mit einem
traurigen Erstaunen, nachdem der erste Ausbruch ihrer unbewuten Freude
vorber war.

_Lise!_ fuhr Stepan Trophimowitsch auf. _Chre, chre_, sind Sie es
wirklich ... in diesem Nebel? Sehen Sie, das Morgenrot! _Vous tes
malheureuse, n'est-ce pas?_{[191]} Ich sehe, ich sehe schon, erzhlen
Sie nichts und fragen Sie auch mich nicht. _Nous sommes tous malheureux,
mais il faut les pardonner tous. Pardonnons, Lise_,{[192]} und wir
werden frei sein auf ewig. Um sich von der Welt zu lsen und vollstndig
frei zu werden -- _il faut pardonner, pardonner et pardonner_!{[193]}

Aber warum knien Sie denn vor mir nieder?

Weil ich, indem ich von der Welt Abschied nehme, in Ihrem Bilde von
meinem ganzen vergangenen Leben Abschied nehmen will! Er weinte und
fhrte ihre beiden Hnde an seine verweinten Augen. Ich knie jetzt vor
allem, was in meinem Leben schn war, ich ksse es und danke ihm! Jetzt
habe ich mich in zwei Hlften geteilt: dort der Wahnsinnige, der vom
Himmel trumte, _vingt-deux ans_!{[194]} hier der niedergebeugte und
verfrorene alte Erzieher ... _chez ce marchand, s'il existe pourtant ce
marchand_{[195]} ... Aber wie Sie durchnt sind, _Lise_! rief er
pltzlich, wieder aufstehend, denn er fhlte, da auch seine Knie auf
der feuchten Erde na geworden waren. Und wie ist das mglich, Sie in
diesem Kleide? ... und zu Fu, und auf freiem Felde ... Sie weinen?
_Vous tes malheureuse?_ Ja richtig, ich habe doch etwas gehrt ... Aber
woher kommen Sie denn? verdoppelte er seine Fragen, mit tiefer
Verwunderung Mawrikij Nicolajewitsch ansehend, _mais savez-vous l'heure
qu'il est_?{[196]}

Stepan Trophimowitsch, haben Sie dort etwas von Ermordeten gehrt ...
Ist es wahr? Ist es wahr?

Diese Menschen! Ich sah den Feuerschein ihrer Taten die ganze Nacht am
Himmel. Sie konnten ja gar nicht anders enden! (Seine Augen flammten
wieder auf.) Ich laufe aus dem Dunst eines Fiebertraumes, laufe und
suche Ruland, -- _existe-t-elle la Russie? Bah, c'est vous, cher
capitaine!_{[197]} Niemals habe ich daran gezweifelt, da ich Sie bei
einem groen Ereignis treffen wrde. ... Nehmen Sie aber wenigstens
meinen Schirm! Und -- warum denn gerade zu Fu? Um Gottes willen, nehmen
Sie doch wenigstens meinen Schirm, denn ich werde sowieso irgendwo ein
Fuhrwerk mieten. Sehen Sie, ich bin darum zu Fu, weil _Stasie_ (das
heit: Nastassja) es sonst durch die ganze Stadt geschrien htte, da
ich fortfahre! So bin ich mglichst inkognito entschlpft. Ich wei
nicht, in der Zeitung schreibt man jetzt von Mord und Totschlag auf den
Landstraen -- aber es kann doch nicht sein, denke ich, da mich Ruber
berfallen? _Chre Lise_, sagten Sie nicht, man htte jemand ermordet?
_Oh, mon Dieu_,{[198]} wie sehen Sie aus?

Gehen wir, gehen wir! rief Lisa wieder hysterisch weinend, und zog
Mawrikij Nicolajewitsch mit sich fort. Warten Sie, Stepan
Trophimowitsch, sie kehrte pltzlich zu ihm zurck, warten Sie, lieber
Armer, ich werde Sie segnen. Vielleicht wre es besser, Sie zu binden,
aber ich segne Sie lieber. Beten auch Sie fr die >arme< Lisa -- so, ein
wenig, ohne sich zu sehr anzustrengen, ja? Mawrikij Nicolajewitsch,
geben Sie diesem Kinde seinen Schirm wieder, geben Sie unbedingt,
unbedingt! So ... Gehen wir, gehen wir!

Sie langten vor dem verhngnisvollen Hause gerade in dem Augenblicke an,
als die Volksmenge, die sich dort angesammelt hatte, davon sprach, wie
vorteilhaft es fr Stawrogin doch sei, da man seine Frau ermordet
hatte. Einige waren sehr erregt. Andere hrten schweigend zu. Am
lebhaftesten ging es wie gewhnlich unter den Angetrunkenen her:
Schreihlse, Leute aller Art standen in Gruppen zusammen und errterten
heftig gestikulierend das Geschehene. Besonders fiel mir wieder jener
Kleinbrger auf, der Schmied, den man sonst als stillen Menschen kannte,
der aber, wenn ihn etwas seelisch aus dem Gleichgewicht brachte, dann
pltzlich aus Rand und Band geraten konnte.

Ich habe davon, was jetzt geschah, nicht alles gesehen: zu oft schob
sich die Menge vor.

Zuerst erblickte ich Lisa, pltzlich mitten im dichtesten Haufen, und
ich erstarrte vor Schreck. Mawrikij Nicolajewitsch sah ich dagegen
nicht, wahrscheinlich war er im Gedrnge von ihr abgekommen, vielleicht
nur auf ein paar Schritte. Natrlich mute Lisa, die sich wie eine
Irrsinnige durch die Menge drngte, allen auffallen, alle erregen.

Da ist die Stawroginsche! rief mit einemmal jemand.

Sie morden nicht nur, sie wollen sich die Bescherung auch noch
ansehen! rief ein anderer.

In diesem Augenblick sah ich, wie ber ihrem Haupte eine Hand sich erhob
und auf sie niederschlug.

Lisa strzte zu Boden.

Hinter ihr ertnte ein wilder Schrei und Mawrikij Nicolajewitsch suchte
sich mit aller Kraft zu ihr Bahn zu brechen und ri und stie den
Menschen, der ihm im Wege stand. Da wurde auch er schon von eben jenem
Kleinbrger gepackt und zu Boden geworfen. Fr einen Augenblick
verschwamm alles im Gewhl. Einmal sah ich auch Lisa wieder: sie hatte
sich erhoben, aber da traf sie schon ein zweiter, noch furchtbarerer
Schlag. Ich konnte nichts mehr sehen. Da drngte aber die Menge schon
zurck, es bildete sich ein leerer Kreis um die wie tot Daliegende: ber
sie gebeugt sah ich Mawrikij Nicolajewitsch, blutberstrmt, wimmernd
vor Schmerz und verzweifelnd die Hnde ringend. Ich wei nicht mehr, was
weiter geschah. Aber ich erinnere mich noch, wie ich pltzlich sah, da
man Lisa davontrug: man sagte, sie lebte noch.

Der Schmied und noch drei andere wurden verhaftet. Vor Gericht erklrten
sie spter, da sie selbst nicht wten, wie es eigentlich geschehen
war. Auch ich war als Zeuge geladen und auch ich konnte nichts anderes
aussagen, als da es sich meiner Meinung nach um eine jhe, blinde und
gleichsam zufllige Tat der Menge gehandelt hatte, um eine fast
unbeabsichtigte, ja fast sogar unbewute Tat, bei der es Schuldige
eigentlich nicht gab. Das ist auch jetzt noch meine Meinung.




                          Neunzehntes Kapitel.
                          Der letzte Beschlu


                                   I.

An diesem Morgen ist Pjotr Stepanowitsch von sehr vielen gesehen worden,
und sie alle sagen jetzt aus, er habe sich in einem ungewhnlich
angeregten Zustande befunden.

Um zwei Uhr nachmittags sprach er bei Gaganoff vor, der erst vor einem
Tage von seinem Gut in die Stadt gekommen war und bei dem sich nun ein
ganzer Schwarm von Gsten eingefunden hatte, die alle viel und eifrig
ber die Ereignisse sprachen. Dort hatte Pjotr Stepanowitsch dann noch
weit mehr als die anderen gesprochen und schlielich auch erreicht, was
er wollte. Vor allem sprach er ber Julija Michailowna, ein Thema, das
nach dem Vorgefallenen natrlich ungemein interessierte. Er erzhlte von
ihr, als ihr Vertrauter, der er krzlich noch gewesen war, viele
unerwartete Einzelheiten, und aus Versehen, selbstredend nur aus
Versehen, teilte er einige ihrer Bemerkungen ber einzelne allen
bekannte Persnlichkeiten mit, womit er sofort die Eigenliebe mehrerer
Anwesenden empfindlich traf. Es kam bei ihm heute alles so unklar und
wirr heraus, ganz so wie bei einem nicht sehr schlauen Menschen, der
sich von seinem ehrlichen Gewissen gezwungen sieht, so schnell wie
mglich einen ganzen Berg angesammelter Miverstndnisse abzutragen, und
der nun in seiner gradherzigen Ungewandtheit selbst nicht wei, wo er
anfangen und wo er enden soll. Ziemlich unvorsichtig, selbstverstndlich
nur unvorsichtig wirkte es auch, als er die Bemerkung fallen lie, da
Julija Michailowna um das Ehegeheimnis Stawrogins gewut und die ganze
Intrige geleitet habe. In dieser Weise habe sie dann auch ihn, Pjotr
Stepanowitsch, hereingezogen, weil er doch auch in diese arme Lisa
verliebt war, und dabei habe sie ihn sogar so gehandhabt, da er Lisa
_beinahe_ selbst im Wagen zu Stawrogin begleitet htte.

Ja, ja, meine Herren, Sie haben gut lachen, aber wenn ich nur gewut
htte, wenn ich's nur gewut htte, womit das alles enden wrde! schlo
er sein Gerede.

Auf verschiedene erregte Fragen nach Stawrogin erklrte er noch, und
zwar mit unerschtterlicher Bestimmtheit, da die ganze Katastrophe mit
den Lebdkins blo ein reiner Zufall wre: schuld an ihr sei einzig und
allein Lebdkin selbst, da er das erhaltene Geld offen in den Kneipen
gezeigt hatte. Das setzte er ganz besonders gut auseinander.

Einer der Zuhrer bemerkte darauf, da er sich vergeblich verstelle,
da er im Hause Julija Michailownas gegessen, getrunken und fast schon
geschlafen habe, nun aber sie als erster verleumde -- was doch wohl
nicht gerade so schn sei, wie er zu glauben scheine.

Doch Pjotr Stepanowitsch verteidigte sich sofort:

Ich habe nicht deswegen dort gegessen und getrunken, weil ich kein Geld
fr meine Kost ausgeben wollte, und kann nichts dafr, da man mich
immer eingeladen hat. Im brigen erlauben Sie mir wohl, selbst zu
beurteilen, wie viel Dankbarkeit ich dafr jemandem schuldig bin.

Der Eindruck, den seine langen, krausen Reden machten, war im
allgemeinen fr ihn durchaus vorteilhaft. Mag er auch nicht von weitem
her sein, meinte man im allgemeinen, denn einige in dem Kreise hielten
ihn in der Tat nur fr einen unbedeutenden Studenten oder fr nicht sehr
viel mehr, aber was kann er denn fr Julija Michailownas Dummheiten? Im
Gegenteil, jetzt stellt es sich ja heraus, da er sie noch
zurckgehalten hat ...

Pltzlich, noch whrend er bei Gaganoff war, bald nach zwei Uhr, kam die
Nachricht, da Stawrogin, ber den so viel geredet wurde, mit dem
Mittagszuge nach Petersburg abgereist sei. Diese Kunde berraschte alle
nicht wenig und erregte neue Dispute; viele runzelten die Stirn. Pjotr
Stepanowitsch war so betroffen, da, wie man erzhlt, sein ganzes
Gesicht sich vernderte und er sonderbar ausrief: Wer hat ihn denn
fortlassen knnen? Und er verlie sogleich die Gesellschaft. Aber man
hat ihn an diesem Tage noch in drei oder vier anderen Husern gesehen.

In der Dmmerstunde gelang es ihm endlich, wenn auch erst nach vieler
Mhe, zu Julija Michailowna, die nichts mehr von ihm wissen wollte,
vorzudringen. Von dieser ihrer Begegnung erfuhr ich erst drei Wochen
spter, und zwar von Julija Michailowna selbst, -- es war kurz vor ihrer
Abreise nach Petersburg: sie teilte mir allerdings nichts Nheres mit,
sondern bemerkte nur zusammenschaudernd, er htte sie damals ber alle
Maen in Erstaunen versetzt. Ich nehme an, da er ihr einfach gedroht
hat, sie als Helfershelferin anzuzeigen, wenn es ihr einfiele, irgend
etwas zu sagen. Die Notwendigkeit aber, sie einzuschchtern, war mit
seinen damaligen Absichten, die sie natrlich nicht kannte, eng
verbunden, und erst spter, nach fnf Tagen, erriet sie, warum er ihrem
Schweigen noch nicht getraut und sich vor neuen Ausbrchen ihres
Unwillens gefrchtet hatte.

Es war gegen acht Uhr abends und schon ganz dunkel, als am Rande der
Stadt, in einem kleinen, schiefen Huschen, in dem der Fhnrich Erkel
wohnte, die _Unsrigen_ sich versammelten. Diese Zusammenkunft der Fnf
war von Pjotr Stepanowitsch selbst angesagt worden, er aber, der
prsidieren sollte, versptete sich unverzeihlich: die fnf warteten
schon ber eine Stunde auf ihn. Der junge Erkel war derselbe Fhnrich,
der an jenem Abend bei Wirginski die ganze Zeit mit einem Bleistift in
der Hand und einem Notizbuch vor sich stumm dagesessen hatte. Er war vor
nicht langer Zeit bei uns eingetroffen, hatte sich in einer stillen
Gasse am Rande der Stadt bei zwei alten Schwestern aus dem Bauernstande
eingemietet und sollte schon bald wieder wegreisen. Bei ihm nun war es
wohl am unaufflligsten, sich zu versammeln. Dieser sonderbare Junge
zeichnete sich durch eine ganz auergewhnliche Schweigsamkeit aus: er
konnte zehn Abende in lustiger Gesellschaft und bei den ungewhnlichsten
Gesprchen zubringen, ohne selbst ein Wort zu sprechen, und blo mit
seinen groen Kinderaugen aufmerksam die Sprechenden beobachten und
ihnen zuhren. Sein Gesicht war reizend und sogar durchaus nicht dumm.
Zur Fnf gehrte er zwar nicht, doch die anderen glaubten, er htte
irgendwelche besonderen Auftrge. Jetzt wei man, da er berhaupt keine
Auftrge gehabt hat und vielleicht selbst nicht einmal seine Stellung zu
den anderen begriff. Er richtete sich einfach in allen Dingen nach Pjotr
Stepanowitsch, den er erst vor kurzem kennen gelernt hatte. Ich glaube,
wenn er statt seiner irgendein Monstrum kennen gelernt htte und von
diesem unter irgendeinem sozial-romantischen Vorwande berredet worden
wre, eine Ruberbande zu grnden und zur Kraftprobe irgendeinen ersten
Besten zu ermorden und zu bestehlen -- er htte es getan, er wre
hingegangen und htte den ersten Besten ermordet und bestohlen. Er besa
noch irgendwo eine kranke Mutter, der er die Hlfte seines armseligen
Gehaltes zuschickte, -- wie mu die wohl dieses blonde Kpfchen ihres
Einzigen gekt, wie fr ihn gezittert, wie fr ihn gebetet haben! Ich
erzhle so viel von ihm, weil er mir so leid tut.

Die Versammelten waren sehr erregt. Die Ereignisse der letzten Nacht
hatten sie doch betroffen gemacht, und ich glaube, ihnen war sogar recht
bange geworden. Der simple, wenn auch systematisch vorbereitete Skandal,
an dem sie bis jetzt so eifrig Anteil genommen, hatte sich pltzlich auf
eine fr sie ganz unerwartete Weise entladen. Der Brand, die Ermordung
der Lebdkins, die Wut des Volkes auf Lisa und deren Tod -- das waren
lauter berraschungen, die sie in ihrem Programm nicht vorgesehen
hatten. Erregt warfen sie der sie lenkenden Hand Despotismus und
Unaufrichtigkeit vor, und, whrend sie nun auf Pjotr Stepanowitsch
warteten, redeten sie sich so in Hitze, da sie zum Schlu beschlossen,
endgltig eine kategorische Erklrung von ihm zu verlangen; sollte er
aber auch diesmal eine Antwort umgehen wollen, so wollte man die Fnf
einfach auflsen und an ihrer Stelle einen neuen geheimen Verband zur
Propaganda der Idee grnden -- jetzt aber von sich aus und auf
wirklich gleichberechtigenden und demokratischen Grundstzen. Liputin,
Schigaleff und der Volkskenner untersttzten besonders diesen Gedanken.
Lmschin schwieg, doch sah er einverstanden aus. Wirginski war noch
unentschlossen und wollte erst noch Pjotr Stepanowitsch anhren. Und so
kam denn der Beschlu zustande, nach dem man zuerst Pjotr Stepanowitsch
noch einmal vernehmen sollte. Dieser aber kam noch immer nicht; eine
solche Vernachlssigung trug entschieden nicht zur Beruhigung der
Gemter bei. Erkel schwieg natrlich und reichte blo den Tee herum, den
er persnlich von den beiden Schwestern in Glsern auf einem Teebrett
brachte, da er das Dienstmdchen nicht hereinlassen wollte und auch den
Samowar nicht im Zimmer aufstellen lie.

Endlich erschien Pjotr Stepanowitsch. Es war schon neun Uhr. Er trat mit
schnellen Schritten an den runden Tisch vor dem Sofa, an dem die
Gesellschaft Platz genommen hatte, behielt die Mtze in der Hand und fr
Tee dankte er. Er sah bse, streng und hochmtig aus. Offenbar hatte er
den Gesichtern sofort angemerkt, da man rebellierte.

Bevor ich meinen Mund aufmache, bringen Sie Ihre Sachen vor. Scheinen
ja so was zu beabsichtigen, bemerkte er mit einem bsen Spottlcheln,
whrend seine Augen ber die Physiognomien glitten.

Da begann Liputin im Namen aller und erklrte mit einer Stimme, der
man das Gekrnktsein anhrte, da man, wenn man so fortfahren wollte, um
seinen eigenen Kopf spielte. Oh, nicht, da sie sich frchteten, nein,
durchaus nicht, und sie seien sogar zu allem bereit, jedoch nur fr die
allgemeine Sache! (Bewegung und Zustimmung der anderen.) Darum soll man
aber aufrichtig zu ihnen sein, damit sie im voraus Bescheid wten, denn
wohin soll das sonst fhren? (wieder zustimmende Bewegung und ein paar
dumpfe Kehllaute). So zu handeln sei aber erniedrigend und gefhrlich
... Nicht, da man sich frchte, wie gesagt, aber wenn nur ein einziger
handeln wolle und die anderen blo gehorchen mten, so knne zum
Beispiel dieser eine lgen und die anderen fielen dann alle wie die
Tlpel herein, (Ausrufe: ja, ja! Allgemeine Zustimmung.)

Zum Teufel, was wollen Sie denn?

Was fr eine Beziehung haben die Intrigen des Herrn Stawrogin zu der
allgemeinen Sache? brauste Liputin auf. Mag er da meinetwegen auf
irgendeine geheimnisvolle Weise zur Zentrale gehren, -- wenn nur diese
phantastische Zentrale berhaupt existiert! -- Das ist es, was wir
wissen wollen! Und whrenddessen wird ein Mord begangen, die Polizei
aufgeweckt -- und nach dem Faden kann man bis zum Knuel gehen.

Sie werden mit diesem Stawrogin schon hereinfallen, und wir
gleichfalls, fgte der Volkskenner hinzu.

Und ganz unntz fr die allgemeine Sache, schlo Wirginski wehmtig.

Welch ein Bldsinn! Dieser Mord ist ein Zufall, von Fedjka begangen, um
zu rauben.

Hm! Ein merkwrdiges Zusammentreffen, meinte Liputin gewunden.

Aber wenn Sie wollen, so sind gerade Sie daran schuld.

Wieso ich?

Ja, gerade Sie. Erstens haben Sie selbst an dieser Intrige
teilgenommen, und zweitens, die Hauptsache, Ihnen war befohlen, Lebdkin
fortzuschicken, das Geld hatten Sie schon erhalten -- was aber taten
Sie? Wenn Sie ihn fortgeschickt htten, wre nichts passiert.

Was? Aber waren denn Sie es nicht selbst, der die Idee gab, da es
nicht bel wre, wenn man ihn das Gedicht vorlesen liee?

Eine Idee ist kein Befehl. Der Befehl war: abschicken!

Befehl! Ein etwas sonderbarer Ausdruck ... Nein, im Gegenteil, Sie
befahlen ja gerade, das Abschicken aufzuschieben.

Sie haben sich getuscht und nichts als Dummheit und Eigenmchtigkeit
gezeigt. Der Mord aber ist Fedjkas Sache, und der hat ihn aus keinem
anderen Grunde begangen, als dem, zu rauben. Sie hren blo, da man so
redet, und schon glauben Sie alles aufs Wort! Haben ja einfach Angst
bekommen! Stawrogin ist nicht so dumm, und der Beweis -- er ist um zwlf
Uhr mittags nach einer Aussprache mit dem Vizegouverneur fortgefahren:
wenn etwas derartiges gewesen wre, so htte man ihn nicht am hellichten
Tage nach Petersburg reisen lassen!

Aber wir behaupten ja gar nicht, da Herr Stawrogin selber ermordet
hat! versetzte Liputin bissig und schon ohne Zurckhaltung. Er hat
sogar berhaupt nichts davon wissen knnen, ganz so wie ich; Sie aber
wissen nur zu gut, da ich von nichts wute, wenn ich auch gleichzeitig
selber wie ein Schaf in den Kessel kroch!

Wen beschuldigen Sie denn? fragte Pjotr Stepanowitsch und sah ihn
finster an.

Ja, eben dieselben, die es ntig haben, Stdte in Brand zu stecken.

Das Dmmste ist dabei, da Sie sich herauszureden suchen. brigens,
wollen Sie nicht so freundlich sein, das durchzulesen und dann den
anderen zu zeigen. Nur zur Kenntnisnahme. Mit diesen Worten zog er
Lebdkins Brief an Lembke aus der Tasche und reichte ihn Liputin. Der
las den Brief augenscheinlich erstaunt durch und reichte ihn dann
nachdenklich dem nchsten. Der Brief machte schnell die Runde um den
Tisch.

Ist das aber auch wirklich Lebdkins Handschrift? erkundigte sich
Schigaleff.

Ja, es ist seine Handschrift, besttigten Liputin und Tolkatschenko
(der Volkskenner).

Ich zeigte ihn nur zur Kenntnisnahme, und da ich wute, da Sie sich
Lebdkins Tod so zu Herzen nehmen, sagte Pjotr Stepanowitsch, indem er
den Brief wieder zu sich steckte. Auf diese Weise hat uns nun Fedjka
vollkommen zufllig von einem sehr gefhrlichen Menschen befreit. So
kann einem manchmal der _Zufall_ zustatten kommen! Lehrreich, nicht
wahr?

Die fnf tauschten schnell vielsagende Blicke aus.

Jetzt aber, meine Herren, ist die Reihe an mir, zu fragen, sagte Pjotr
Stepanowitsch, und nahm eine steifere Haltung an. Gestatten Sie mir,
Sie zu fragen, aus welchem Grunde Sie ohne Erlaubnis die Stadt in Brand
gesteckt haben?

Wa--as! Was heit das? Wir die Stadt in Brand gesteckt? Der Kerl ist
wohl krank! ertnten erregte Ausrufe in der Runde.

Ich verstehe ja, Sie waren schon zu sehr in Schwung gekommen, fuhr
Pjotr Stepanowitsch unbeirrt fort, aber so etwas ist doch nicht mehr
ein Skandlchen mit Julija Michailowna. Ich habe Sie, meine Herren,
hierhergerufen, um Ihnen die Gre der Gefahr zu zeigen, einer Gefahr,
die Sie sich so dumm auf den Hals geladen haben und die jetzt auer
Ihnen noch so viele andere bedroht.

Erlauben Sie, wir wollten gerade Sie auf diesen Grad von Despotismus,
mit dem man hinter dem Rcken der Mitglieder eine so ernste und zugleich
so sonderbare Maregel getroffen hat, aufmerksam machen, sagte fast
unwillig der bis dahin schweigsame Wirginski.

Sie leugnen also? Ich aber behaupte, da Sie die Stadt in Brand
gesteckt haben, Sie allein, meine Herren, und sonst niemand. Meine
Herren, leugnen Sie es nicht, ich bin genau unterrichtet. Mit Ihrer
eigenmchtigen Handlung haben Sie sogar die allgemeine Sache der Gefahr
ausgesetzt. Sie sind hier nur ein einziger kleiner Knoten in einem
riesigen Netz, und sind der Zentrale blinden Gehorsam schuldig.
Whrenddessen haben aber drei von Ihnen die Spigulinschen zur
Brandstiftung berredet, ohne dazu auch nur die geringste Instruktion zu
haben.

Welche drei? Wer das? Welche drei von uns?

Vorgestern haben Sie, Tolkatschenko, gegen vier Uhr nachts Fomka
Sawjloff in der Kneipe >Zum Vergimeinnicht< zur Brandstiftung
beredet.

Aber hren Sie mal! rief dieser aufspringend. Ich habe ihm kaum ein
Wort gesagt, ja, und selbst das ganz absichtslos, ganz einfach, nur so,
weil man ihn mit den anderen am Morgen geprgelt hatte! Und ich lie es
gleich wieder bleiben, da ich sah, da er doch zu betrunken war. Htten
Sie mich jetzt nicht daran erinnert, so wrde ich es berhaupt ganz
vergessen haben! Von diesem einen Worte konnte kein Brand entstehen!

Sie sind wie der Mann, der sich wundert, da von einem einzigen kleinen
Funken eine ganze Pulverfabrik in die Luft fliegt.

Ich habe es ihm in der Ecke und flsternd ins Ohr gesagt ... Wie haben
Sie das berhaupt erfahren knnen? fragte pltzlich Tolkatschenko,
selbst ganz betroffen.

Ich sa dort unterm Tisch. Beunruhigen Sie sich nicht, meine Herren,
ich wei jeden einzelnen Ihrer Schritte. Sie belieben hmisch zu
lcheln, Herr Liputin? Ich wei aber, zum Beispiel, da Sie vorgestern
um Mitternacht in Ihrem Schlafzimmer Ihre Frau gekniffen haben.

Liputin blieb der Mund offen und er wurde bla.

(Spter stellte es sich heraus, da Pjotr Stepanowitsch von dieser
nchtlichen Heldentat Liputins durch dessen Magd Agafja, der er von
Anfang an fr Spionage Geld gezahlt hatte, unterrichtet worden war.)

Drfte ich eine Tatsache konstatieren? fragte pltzlich Schigaleff,
sich vom Stuhl erhebend.

Konstatieren Sie.

Schigaleff setzte sich und sammelte seine Gedanken.

Soweit ich verstanden habe, und man kann ja da gar nichts miverstehen,
haben Sie selbst in der ersten Zeit und spter noch einmal uerst
beredt -- wenn auch gar zu theoretisch -- von Ruland ein Bild
entworfen, nach dem es von einem endlosen Netz von Fnfergruppen bedeckt
ist. Jede der ttigen Gruppen hat, indem sie Proselyten macht und sich
ins Endlose verzweigt, die Aufgabe, mit systematisch sich ausbreitender
Propaganda das Ansehen der Regierung und ihrer Vertreter zu untergraben,
in den Drfern Zweifel, Zynismus, Skandale, volle Glaubenslosigkeit um
jeden Preis zu verbreiten, was dann alles die Sehnsucht nach einem
besseren Zustande hervorrufen soll, und schlielich mit Brandstiftungen,
als dem volkstmlichsten Mittel, das Land im vorgeschriebenen Moment,
wenn's nicht anders geht, selbst ins Verderben zu strzen. -- Sind das
Ihre Worte, die buchstblich zu behalten ich mich bemht habe? Ist das
Ihr Programm, das Sie in der Eigenschaft eines von dem Zentralkomitee
Bevollmchtigten uns mitgeteilt haben? eines zentralen, aber fr uns bis
jetzt vollkommen unbekannten und nahezu phantastischen Komitees?

Allerdings, nur knnten Sie sich krzer fassen.

Jeder hat das Recht, so zu sprechen, wie er spricht. Indem Sie uns zu
verstehen geben, da es solcher einzelnen Knotenpunkte eines groen
Netzes, das ganz Ruland bedeckt, schon mehrere hundert gibt, und indem
Sie die Voraussetzung entwickeln, da, falls jede Gruppe ihre Sache
erfolgreich macht, ganz Ruland zum festgesetzten Termin, auf das Signal
...

Ach, zum Teufel, auch ohne Sie hat man schon genug zu tun! fiel ihm
Pjotr Stepanowitsch ungeduldig ins Wort und bewegte sich auf seinem
Sessel.

Gut, ich werde mich krzer fassen und nur noch eine Frage stellen: wir
haben doch schon mehrere Skandale hier gehabt, wir haben die
Unzufriedenheit der Bevlkerung gesehen, wir waren anwesend und
beteiligten uns bei dem Sturz der hiesigen Administration und, endlich,
sahen wir mit eigenen Augen den Brand. Womit sind Sie nun unzufrieden?
Ist das nicht Ihr Programm? Und wessen knnen Sie uns beschuldigen?

Der Eigenmchtigkeit! schrie Pjotr Stepanowitsch jhzornig auf.
Solange ich hier bin, haben Sie nicht das Recht, ohne meine Erlaubnis
zu handeln. Basta! Jetzt ist die Anzeige bereits fertig und vielleicht
morgen oder heute Nacht schon wird man Sie alle verhaften. Da haben Sie
es jetzt! Ich wei es genau.

Nun blieben schon alle Mnder offen.

Man wird Sie nicht nur als Brandstifter verhaften, sondern als >Fnf<!
Dem Denunzianten ist das ganze Geheimnis des Netzes bekannt. Sehen Sie
jetzt, was Sie da angerichtet haben!

Bestimmt Stawrogin! rief Liputin pltzlich.

Wie ... warum Stawrogin? Pjotr Stepanowitsch stockte gleichsam. Nein
-- er fate sich sofort wieder -- es ist Schatoff! Ich nehme an, Sie
wissen alle, da Schatoff seinerzeit auch zu uns gehrte. Ich mu
gestehen, da ich, der ich ihn von Personen, denen er vertraute, habe
beobachten lassen, zu meinem Erstaunen erfahren mute, da ihm sogar die
ganze weitere Einrichtung des Netzes kein Geheimnis ist, und da er ...
mit einem Wort -- alles wei. Um sich nun von der Beschuldigung der
frheren Teilnahme zu befreien, will er jetzt alle anzeigen. Bis gestern
schwankte er vielleicht noch und ich schonte ihn. Jetzt aber haben Sie
ihm mit dieser Brandstiftung den letzten Sto versetzt: jetzt ist er
erschttert, aufgebracht, entschlossen. Morgen werden wir alle verhaftet
... als Brandstifter und politische Verbrecher.

Ist das wahr? ... Wie kann Schatoff das wissen? ...

Die Aufregung war unbeschreiblich.

Es ist vollkommen wahr. Ich habe nicht das Recht, Ihnen die Wege, auf
denen ich alles erfahren habe, mitzuteilen. Nur eines kann ich fr Sie
tun: durch einen Menschen kann ich auf Schatoff so weit einwirken, da
er, ohne Verdacht zu schpfen, die Denunziation noch aufschiebt, aber
nur auf vierundzwanzig Stunden -- lnger geht es nicht. Mehr tun -- kann
ich nicht. Und so knnen Sie sich noch bis bermorgen frh sicher
fhlen.

Alle schwiegen.

Ja -- kann man ihn denn nicht zum Teufel schicken! schrie da als
erster Tolkatschenko.

Htte man schon lngst tun sollen! rief Lmschin und schlug mit der
Faust auf den Tisch.

Aber wie? brummte Liputin.

Pjotr Stepanowitsch griff sofort diese Frage auf und setzte seinen Plan
auseinander. Der bestand darin, Schatoff zur Abgabe der versteckten
Setzmaschine an den einsamen Ort zu locken, wo sie vergraben war, morgen
bei Anbruch der Nacht, und dann -- dort schon das Ntige zu erledigen.
Pjotr Stepanowitsch erging sich in vielen wesentlichen Einzelheiten, die
ich jetzt bergehe, und setzte noch einmal umstndlich das uns schon
bekannte Verhltnis Schatoffs zur Zentrale auseinander.

Das ist schon so, bemerkte Liputin etwas unsicher, aber nun wieder
... ein neuer Fall von derselben Art ... ob das nicht doch zu auffallend
sein wird ...

Allerdings, besttigte Pjotr Stepanowitsch, aber auch das ist
vorgesehen. Wir haben ein Mittel, den Verdacht vollstndig abzulenken.

Und mit der vorigen Ausfhrlichkeit erzhlte er von Kirilloff, von
dessen Absicht, sich zu erschieen, und da er versprochen habe, mit dem
Selbstmord bis zur bestimmten Zeit zu warten, und obendrein noch einen
Brief, in dem er alles auf sich nahm, was man ihm in die Feder
diktierte, zu hinterlassen.

Seine feste Absicht, sich das Leben zu nehmen -- sie ist philosophisch,
doch meiner Meinung nach einfach verrckt --, wurde _dort_ bekannt,
fuhr Pjotr Stepanowitsch fort zu erklren. _Dort_ aber verliert man
weder ein Haar noch ein Stubchen umsonst, alles wird zum Nutzen der
allgemeinen Sache verwandt. Da man den Nutzen, den er damit bringen
konnte, sofort einsah und sich berzeugte, da sein Vorsatz
unerschtterlich war, so gab man ihm das Geld zur Rckreise nach Ruland
(aus irgendeinem Grunde wollte er nur in Ruland sterben), gab ihm einen
Auftrag, den zu erfllen er auf sich nahm (was er auch getan hat), und
auerdem verpflichtete man ihn zu dem besagten Versprechen, sich erst
dann zu erschieen, wenn man ihm das Signal geben wrde. Er versprach
alles. Und nicht zu vergessen, da er aus ganz besonderen Grnden der
Sache angehrt und selbst wnscht, ihr ntzlich zu sein. Mehr darf ich
Ihnen nicht mitteilen. Morgen, _nach Schatoff_, werde ich ihm den Brief
diktieren, da er Schatoff umgebracht hat. Das wird sehr glaublich
erscheinen: sie waren beide Freunde, fuhren zusammen nach Amerika, dort
haben sie sich entzweit, und das wird alles im Brief erklrt werden ...
und ... und ich glaube, je nach den Umstnden, wird man ihm vielleicht
noch einiges diktieren knnen, zum Beispiel, was die Proklamationen
betrifft, und vielleicht teilweise auch den Brand. brigens, darber
werde ich noch nachdenken. Beruhigen Sie sich, er hat keine Vorurteile:
er unterschreibt alles.

Trotzdem wurden einige Zweifel laut. Die Geschichte erschien doch zu
phantastisch. Von Kirilloff hatten alle schon mehr oder weniger gehrt.
Liputin natrlich am meisten.

Pltzlich kann er aber nachdenken und nicht mehr wollen, sagte
Schigaleff, denn so oder so, wie man's auch nimmt, er ist doch nun
einmal verrckt, also kann man da gar nicht sicher sein.

Seien Sie unbesorgt, er wird wollen, schnitt Pjotr Stepanowitsch kurz
ab. Nach jener Abmachung bin ich verpflichtet, ihn am Vorabend zu
benachrichtigen, also heute noch. Ich wrde vorschlagen, da Liputin mit
mir zu ihm geht und sich selbst berzeugt und Ihnen dann mitteilt -- er
kann ja von dort hierher zurckkehren --, ob ich die Wahrheit gesagt
habe, oder nicht. brigens, brach er pltzlich ab, malos gereizt und
hochmtig, als ob er diesen Leuten schon zuviel Ehre antat, wenn er sich
in dieser Weise mit ihnen abgab, brigens, machen Sie, was Sie wollen.
Wenn Sie sich nicht entschlieen, so ist der Bund zerrissen -- und zwar
einzig wegen Ihres Ungehorsams und Verrats. So sind wir denn von diesem
Augenblick an getrennt -- ein jeder fr sich. Doch vergessen Sie nicht,
da Sie sich in diesem Fall, auer der Schatoffschen Anzeige und deren
Folgen, noch eine andere kleine Unannehmlichkeit zuziehen, die Ihnen bei
der Grndung Ihrer Gruppe bestimmt und unmiverstndlich erklrt wurde,
wessen Sie sich wohl noch erinnern werden. Was mich betrifft, meine
Herren, so frchte ich Sie nicht gerade sonderlich ... Aber denken Sie
nur nicht, da ich mich mit Ihnen gar so eng verbunden fhle ...
brigens, das ist ja gleichgltig.

Nein, wir entschlieen uns, erklrte Lmschin.

Einen anderen Ausweg gibt es nicht, murmelte Tolkatschenko, und wenn
Liputin uns das von Kirilloff besttigt, so ...

Ich bin dagegen! Ich protestiere mit allem, was mir heilig ist, gegen
einen solchen blutigen Entschlu! rief Wirginski, pltzlich aufstehend.

Aber? fragte Pjotr Stepanowitsch.

Was >aber<?

Sie sagten >aber< ... und ich warte.

Ich glaube, ich sagte nicht >aber< ... Ich wollte nur sagen, da, wenn
man sich dazu entschliet, so ...

So?

Wirginski verstummte.

Ich denke, man kann sich ber die eigene Lebensgefahr hinwegsetzen,
sagte pltzlich Erkel, der jetzt zum erstenmal den Mund auftat, -- wenn
das aber der allgemeinen Sache schaden kann, so, denke ich, darf man es
nicht mehr wagen ... sich ber die eigene Lebensgefahr hinwegzusetzen
...

Er verwirrte sich und wurde rot. Wie beschftigt auch ein jeder mit sich
selbst war, sie blickten ihn doch alle erstaunt an -- dermaen
unerwartet kam es, da auch er einmal sprach.

Ich bin fr die allgemeine Sache, sagte pltzlich Wirginski leise.

Alle erhoben sich von den Pltzen. Es wurde beschlossen, einander am
nchsten Tage um die Mittagszeit noch einmal zu benachrichtigen, ohne
da sich alle zu versammeln brauchten, und dann alles endgltig
festzusetzen. Die Stelle, wo die Setzmaschine vergraben war, wurde
mitgeteilt, und jedem seine Rolle und seine besondere Aufgabe
eingeschrft. Darauf begaben sich Liputin und Pjotr Stepanowitsch, ohne
Zeit zu verlieren, zu Kirilloff.


                                  II.

An Schatoffs Denunziation zweifelte niemand; aber auch daran, da Pjotr
Stepanowitsch mit ihnen wie mit Hampelmnnern spielte, zweifelte
niemand. Trotzdem wuten sie alle, da sie am nchsten Tage vollzhlig
zum Stelldichein erscheinen wrden, und sie wuten, da Schatoffs
Schicksal entschieden war. Sie hatten das Gefhl, wie Fliegen in das
Spinngewebe einer groen, giftigen Spinne gefallen zu sein; sie waren
alle erbost, aber sie zitterten vor Angst.

Pjotr Stepanowitsch hatte zweifellos strflich unrecht an ihnen getan;
es wre alles viel harmonischer und _leichter_ gewesen, wenn er sich nur
ein wenig bemht htte, die Wirklichkeit zu verschnen. Anstatt
die Tat in einem anstndigen Licht zu zeigen, sie als eine
altrmisch-staatsbrgerliche Heldentat oder etwas hnliches auszumalen,
hatte er nur die plumpe Angst vor sie hingestellt und die Gefahr fr die
eigene Haut, was doch schon einfach unhflich war. Natrlich: alles ist
nur Kampf ums Dasein, und ein anderes Prinzip gibt es berhaupt nicht,
das wei doch ein jeder, aber schlielich ... immerhin ...

Doch Pjotr Stepanowitsch hatte keine Zeit, die alten Rmer und ihre
Tugenden heraufzubeschwren. Die Flucht Stawrogins hatte ihn fr einen
Augenblick vollstndig aus der Fassung gebracht. Da Stawrogin vor
seiner Abfahrt den Vizegouverneur gesprochen habe, hatte er ihnen
einfach vorgelogen: das war es ja gerade, da er fortgefahren war, ohne
auch nur einen Menschen zu sehen, selbst die eigene Mutter nicht! Und
war es nicht tatschlich rtselhaft, da man ihn so ganz unbehelligt
gelassen hatte? (Spterhin mute die Stadtobrigkeit darber besondere
Rechenschaft geben.) Pjotr Stepanowitsch hatte sich den ganzen Tag
berall nach Nherem erkundigt, jedoch nichts erfahren. Noch nie war er
so beunruhigt, so erregt gewesen. Aber wie sollte er denn auch so
einfach, so pltzlich auf Stawrogin verzichten knnen! Das war der
Grund, warum er mit den Unsrigen nicht so rcksichtsvoll umging. Dazu
banden sie ihm noch die Hnde: er wollte Stawrogin sofort nachfahren,
und statt dessen mute er hier bleiben, um vorher noch auf alle Flle
die fnf unlsbar zusammenzubinden. Sein Vorhaben mit Schatoff hielt
ihn zurck. Werde doch diese fnf nicht umsonst aus der Hand lassen,
knnen mir noch sehr zustatten kommen. So ungefhr wird er wohl bei
sich gedacht haben, denke ich mir.

Pjotr Stepanowitsch war wirklich fest berzeugt, da Schatoff
denunzieren werde. Alles, was er den Unsrigen von der Anzeige gesagt
hatte, war natrlich gelogen, denn nie hatte er eine solche bei Schatoff
gesehen, noch hnliches von seinen Spionen gehrt; aber er war nun
einmal berzeugt davon und konnte sich folglich nichts anderes denken.
Er glaubte, Schatoff werde auf keinen Fall das jetzt Geschehene ruhig
hinnehmen -- den Tod Lisas, Marja Timofejewnas Ermordung -- und sich
gerade jetzt zur Denunziation entschlieen. Wer kann es wissen,
vielleicht hatte er auch einige Grnde, gerade das von Schatoff zu
erwarten. Bekannt ist jetzt nur, da er Schatoff persnlich hate. Es
hatte einmal einen Streit zwischen ihnen gegeben, Pjotr Stepanowitsch
aber verzieh nie eine Beleidigung. Ich glaube sogar, da dieses
Persnliche der hauptschlichste Beweggrund war.

Die Brgersteige sind in unserer Stadt sehr schmal, doch Pjotr
Stepanowitsch schritt gerade in der Mitte, somit den ganzen Fuweg mit
seiner Person einnehmend, und ohne Liputin berhaupt zu beachten. Dieser
mute nun entweder einen Schritt hinter ihm herlaufen oder, um mit ihm
sprechen zu knnen, auf der schmutzigen Fahrstrae neben ihm traben.
Pltzlich erinnerte sich Pjotr Stepanowitsch, wie er selbst vor zwei
Tagen so durch den Schmutz gelaufen war, um mit Stawrogin, der ganz so
wie er jetzt mitten auf dem Brgersteig ging, Schritt halten und
sprechen zu knnen. Ihm fiel der ganze Weg zu Wirginski ein und eine
grenzenlose Wut ergriff ihn jh.

Doch auch Liputin verging der Atem vor Wut ob dieser beleidigenden
Unhflichkeit. Mochte Pjotr Stepanowitsch mit den Unsrigen umgehen,
wie er wollte, aber mit ihm? -- mit ihm! Er, Liputin, _wute_ doch mehr
von der ganzen Geschichte, als alle die anderen der Fnf, er stand der
Sache doch am nchsten, war am intimsten eingeweiht und hatte doch
bisher, wenn auch nur mittelbar, aber jedenfalls erfolgreich, bei allen
diesen Anzettelungen mitgewirkt! Oh, er wute, da Pjotr Stepanowitsch
ihn sogar schon jetzt vernichten konnte, wenn es ihm darauf ankam, sagen
wir, in einem _uersten Fall_. Aber er hate ihn schon lange; und weit
mehr noch, als wegen dieser Gefahr, hate er ihn wegen seines
anmaend-hochmtigen Verhaltens. Und jetzt, wo man sich zu einer solchen
Sache entschlieen mute, erboste er sich ber diese Umgangsart mehr als
alle die anderen zusammen. Doch ach, trotzdem wute er, da er morgen
bestimmt als erster wie ein Sklave zur Stelle sein und womglich noch
die anderen heranschleppen werde! Aber wenn er jetzt, noch vor morgen,
diesen Pjotr Stepanowitsch auf irgendeine Weise htte totschlagen
knnen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, so htte er es unbedingt
getan.

In seine Empfindungen versunken, schwieg er und trottete hinter seinem
Qulgeist her, der ihn ganz vergessen zu haben schien. Da blieb Pjotr
Stepanowitsch pltzlich auf einer unserer belebtesten Straen stehen und
trat in ein Gasthaus.

Wohin denn? rief erschrocken Liputin. Das ist doch ein Gasthaus!

Ich will ein Beefsteak essen.

Ich bitte Sie! ... aber hier ist es doch allezeit vollgepfropft!

Macht nichts.

Aber ... wir verspten uns! Es ist schon gleich zehn.

Zu dem da kann man nie zu spt kommen.

Aber ich komme dann doch zu spt! Die warten doch dort auf mich!

Na, mgen sie doch. Es wre nur dumm von Ihnen, wenn Sie zu jenen noch
zurckkehrten. Dank der Schererei mit Ihnen da habe ich heute noch nicht
zu Mittag gespeist. Zu Kirilloff aber kommt man je spter, desto
besser.

Pjotr Stepanowitsch wnschte in einem besonderen Zimmer zu speisen.
Liputin setzte sich gergert und gekrnkt in einen Sessel und sah zu,
wie er a. Es verging eine gute halbe Stunde. Pjotr Stepanowitsch
beeilte sich nicht, a mit groem Appetit, klingelte und verlangte
anderen Senf, darauf Bier und sprach die ganze Zeit ber kein Wort. Er
war tief nachdenklich -- er konnte tatschlich beides zugleich: mit
Appetit essen und tief nachdenklich sein. Liputins Ha steigerte sich
schlielich so weit, da er nicht mehr fhig war, seine Blicke von ihm
loszureien: das war fast schon eine Art Nervenkrampf. Er begleitete
jedes Stckchen Fleisch vom Teller bis zum Munde, und er hate Pjotr
Stepanowitsch sogar schon dafr, wie er den Mund aufmachte, wie er
kaute, wie er die saftigeren Bissen sich schmecken lie, ja er hate
schlielich das Beefsteak selbst. Zum Schlu begann alles sich vor
seinen Augen zu drehen; dazu im Kopf ein leises Schwindelgefhl; hei
und kalt lief es ihm abwechselnd ber den Rcken.

Sie haben nichts zu tun, lesen Sie dies, sagte pltzlich Pjotr
Stepanowitsch und warf ihm ein Blatt Papier zu.

Liputin nherte sich dem Licht. Das Papier war mit einer kleinen,
unleserlichen Handschrift eng beschrieben und fast auf jeder Zeile
korrigiert. Als er es durchgelesen, bemerkte er, da Pjotr Stepanowitsch
schon bezahlt hatte und bereits im Begriff war, fortzugehen. Auf der
Strae reichte ihm Liputin das Papier zurck.

Behalten Sie es, sagte Pjotr Stepanowitsch, werde Ihnen spter sagen,
wozu. brigens: wie finden Sie es?

Liputin erbebte frmlich vor Wut.

Ich finde ... eine solche Proklamation ... ist nichts weiter als eine
einzige bldsinnige Lcherlichkeit ...

Seine Wut brach durch; es war ihm, als werde er pltzlich hochgehoben
und weggetragen.

Wenn wir uns entschlieen, sagte er, am ganzen Krper vibrierend,
solche Proklamationen zu verbreiten, so erreichen wir nur, da man uns
ob unserer Dummheit und Unkenntnis der wahren Verhltnisse einfach
verachtet!

Hm! Ich denke anders, meinte Pjotr Stepanowitsch, fest
weiterschreitend.

Ich aber so. Sollten Sie das wirklich selbst verfat haben?

Das ist nicht Ihre Sache.

Ich glaube auch, da das jmmerliche Gedicht >Die helle
Persnlichkeit<, diese erbrmlichste Reimerei, die es berhaupt geben
kann, nie und nimmer von Herzen selbst verfat worden ist!

Das ist nicht wahr, das Gedicht ist gut.

Ich wundere mich auch darber, fuhr Liputin zitternd und atemlos fort,
wie man uns berhaupt anempfehlen kann, so zu handeln, da alles
zusammenkracht. In Europa mag das zu wnschen, und fr Europa mag's auch
das einzig Richtige sein, denn dort gibt es Proletariat, wir aber sind
hier, meiner Meinung nach, blo Liebhaber und tun nur gro.

Ich dachte, Sie wren Fourierist.

Bei Fourier ist das ganz anders, ist es gar nicht das.

Ich wei, da es Unsinn ist.

Nein, das ist es nicht bei Fourier ... Verzeihung, aber ich kann
unmglich glauben, da im Mai der Aufstand beginnen werde!

Liputin knpfte sogar seinen Mantel auf, dermaen hei war ihm geworden.

Na, genug davon. Jetzt aber, damit ich es nicht vergesse, Pjotr
Stepanowitsch ging erstaunlich kaltbltig auf ein anderes Thema ber,
dieses Blatt werden Sie eigenhndig setzen und drucken. Schatoffs
Setzmaschine graben wir aus und morgen noch nehmen Sie sie zu sich. In
mglichst kurzer Zeit setzen Sie und drucken Sie so viele Exemplare
davon wie nur mglich, und dann werden wir sie den ganzen Winter ber
verbreiten. Die Mittel werden Ihnen angewiesen werden. So viele
Exemplare wie nur mglich! Man wird sich von verschiedenen Stellen an
Sie wenden.

Nein, erlauben Sie schon, ich bernehme nicht eine solche ... Ich lehne
es ab.

Und werden es doch bernehmen. Ich handle nach der Instruktion der
Zentrale und Sie mssen gehorchen.

Ich glaube aber, da unsere auslndischen Zentren die russische
Wirklichkeit vergessen und jede Verbindung mit ihr eingebt haben, und
darum einfach phantasieren ... Ich glaube sogar, da statt der vielen
Hunderte von >Fnfer<-Gruppen in Ruland wir allein die einzige sind,
und ein Netz berhaupt nicht existiert! keuchte Liputin endlich hervor.

Um so verchtlicher von Ihnen, da Sie, ohne an die Sache zu glauben,
ihr doch nachgelaufen sind ... und jetzt noch mir nachlaufen wie ein
Hndchen.

Nein, ich laufe nicht nach. Wir haben das volle Recht, zurckzutreten
und eine neue Gesellschaft zu grnden.

R--rrrpel! donnerte pltzlich Pjotr Stepanowitsch drohend und mit
blitzenden Augen.

Beide standen sich eine Zeitlang gegenber. Dann wandte sich Pjotr
Stepanowitsch und setzte selbstbewut seinen Weg fort.

Wie ein Blitz zuckte es durch Liputins Kopf:

Ich kehre um und gehe zurck. Wenn ich jetzt nicht umkehre, so werde
ich nie mehr umkehren.

So dachte er genau zehn Schritte lang, beim elften aber flammte in ihm
ein neuer und tollkhner Gedanke auf: er kehrte nicht um und ging nicht
zurck.

Sie nherten sich dem Filippoffschen Hause, doch noch bevor sie es
erreichten, bogen sie in eine Quergasse ein, oder richtiger, in einen
Fuweg auf dem abschssigen Grabenrande am Zaun, an dem man sich halten
mute, um nicht auszugleiten. An der dunkelsten Ecke dieses alten
schiefen Zaunes nahm Pjotr Stepanowitsch ein Brett heraus und kroch dann
selbst schnell durch die ffnung. Liputin wunderte sich, kroch aber
trotzdem nach. Daran lehnten sie das Brett wieder so an, wie es vorher
gestanden hatte. Das war derselbe geheime Gang, durch den Fedjka sich
nachts zu Kirilloff stahl.

Schatoff darf es nicht wissen, da wir hier sind, flsterte Pjotr
Stepanowitsch in strengem Tone Liputin zu.


                                  III.

Kirilloff sa wie gewhnlich um diese Zeit auf seinem harten Sofa beim
Tee. Er stand nicht auf, um den Eintretenden entgegenzugehen, warf nur
erschrocken den Oberkrper vor und sah ihnen erregt entgegen.

Sie irren sich nicht, sagte Pjotr Stepanowitsch, ich komme deswegen
...

Heute?

Nein, nein, morgen ... ungefhr um dieselbe Zeit.

Und Pjotr Stepanowitsch setzte sich schnell an den Tisch und betrachtete
mit einiger Unruhe Kirilloff. Der hatte sich aber schon wieder beruhigt
und sah wie gewhnlich aus.

Sehen Sie, diese da wollen es nicht glauben, Werchowenski wies mit dem
Kopf auf Liputin. Sie rgern sich doch nicht darber, da ich ihn
mitgebracht habe?

Heute nicht. Aber morgen will ich es allein.

Aber nicht frher, als bis ich gekommen bin, und dann in meiner
Gegenwart --

Ich wrde lieber nicht in Ihrer Gegenwart --

Sie erinnern sich doch noch, da Sie versprachen, alles zu schreiben
und zu unterzeichnen, was ich Ihnen diktiere?

Mir ist alles einerlei. Aber werden Sie jetzt lange bleiben?

Ich mu einen gewissen Menschen sprechen und ungefhr eine halbe Stunde
bleiben, dann gehe ich, aber diese halbe Stunde bleibe ich noch.

Kirilloff schwieg. Liputin hatte sich inzwischen etwas abseits, unter
dem Bilde des Bischofs auf einen Stuhl gesetzt. Der vorige tollkhne
Gedanke bemchtigte sich seiner mehr und mehr. Kirilloff bemerkte ihn an
der dunklen Wand fast gar nicht. Liputin kannte die Theorie Kirilloffs
schon von frher und hatte sie immer verlacht, jetzt aber schwieg er und
sah sich finster im Zimmer um.

Ich mchte ganz gern Tee trinken, sagte Pjotr Stepanowitsch, habe
soeben ein Beefsteak gegessen und rechnete eigentlich darauf, bei Ihnen
den Tee zu trinken.

Trinken Sie, wenn Sie mgen.

Frher boten Sie ihn selbst an, bemerkte Pjotr Stepanowitsch
suerlich.

Das ist einerlei. Auch Liputin mag trinken.

Nein, danke, ich ... kann nicht.

Kann nicht oder will nicht? Pjotr Stepanowitsch drehte sich schnell zu
ihm um.

Ich werde bei ihm nicht noch anfangen Tee zu trinken, lehnte Liputin
ausdrucksvoll ab.

Pjotr Stepanowitsch zog die Brauen zusammen.

Das riecht nach Mystizismus. Der Teufel soll aus euch allen klug
werden!

Niemand antwortete ihm. Sie schwiegen wohl eine ganze Minute.

Aber eines wei ich, fgte er pltzlich schroff hinzu, kein einziges
Vorurteil kann auch nur einen von uns abhalten, seine Pflicht zu
erfllen.

Stawrogin ist fortgefahren? fragte Kirilloff.

Ja.

Das hat er gut gemacht.

Pjotr Stepanowitschs Augen blitzten schon auf, doch er bezwang sich.

Mir kann's gleich sein, was Sie denken, wenn nur ein jeder sein Wort
hlt.

Ich werde mein Wort halten.

brigens, ich war immer berzeugt, da Sie Ihre Pflicht erfllen
wrden, wie ein unabhngiger und fortgeschrittener Mensch.

Sie aber sind lcherlich.

Meinetwegen, es freut mich sehr, da ich Sie erheitere. Es freut mich
immer, wenn ich mit irgend etwas gefllig sein kann.

Sie wollen furchtbar gern, da ich mich erschiee und frchten doch,
da ich pltzlich nicht will.

Das heit, sehen Sie mal, Sie haben ja selbst Ihren Plan mit unserer
Ttigkeit verbunden. Da wir nun mit Ihrer Absicht gerechnet haben, so
ist schon Verschiedenes unternommen worden, so da Sie jetzt auf keine
Weise mehr zurcktreten knnen.

Nur nichts von Pflicht.

Verstehe, verstehe, es ist Ihr eigener freier Wille. Nur, da sich
dieser Ihr freier Wille in Tat umsetzt.

Und ich werde alle Ihre Gemeinheiten auf mich nehmen mssen?

Hren Sie, Kirilloff, haben Sie vielleicht pltzlich Angst bekommen?
Wenn Sie zurcktreten wollen, so sagen Sie es bitte gleich.

Ich habe keine Angst bekommen.

Ich meinte nur, weil Sie etwas viel fragen.

Werden Sie bald fortgehen?

Sie fragen schon wieder?

Kirilloff betrachtete ihn mit Verachtung.

Nun, sehen Sie mal, fuhr Pjotr Stepanowitsch, der sich immer mehr
rgerte und beunruhigte, fort, doch ohne den richtigen Ton finden zu
knnen, -- Sie wollen um der Einsamkeit willen, da ich fortgehe, um
sich sammeln zu knnen, doch all das sind gefhrliche Anzeichen, fr
Sie, fr Sie vor allen anderen. Sie wollen viel denken. Meiner Meinung
nach wre es besser, nicht zu denken, sondern es ohne dem zu tun. Nein,
Sie -- wirklich, Sie beunruhigen mich.

Mir ist nur das nicht recht, da in jenem Augenblick solch ein Ekel bei
mir sein wird, wie Sie.

Nun, das ist doch einerlei. Ich kann ja auch hinausgehen und so lange
drauen auf der Treppe stehen. Wenn Sie aber sterben wollen und dabei so
wenig gleichmtig sind, so -- nun, ich meine, das ist alles sehr
gefhrlich. Ich werde also auf die Treppe gehen und Sie knnen
meinetwegen denken, was Sie wollen: da ich nichts von Ihnen verstehe,
da ich als Mensch unermelich tief unter Ihnen stehe ...

Nein, nicht unermelich. Sie haben Begabungen; aber Sie verstehen sehr
vieles nicht, weil Sie ein niedriger Mensch sind.

Freut mich, freut mich. Wie gesagt, es freut mich sehr, Zerstreuung zu
bieten ... in einer solchen Minute.

Sie begreifen nichts.

Das heit, ich ... jedenfalls hre ich mit Hochachtung --

Sie knnen nichts. Sie knnen sogar jetzt nicht Ihre kleinliche Wut
verstecken, obgleich es fr Sie doch unvorteilhaft ist, sie zu zeigen.
Sie werden mich rgern und ich werde vielleicht pltzlich noch ein
halbes Jahr wollen ...

Pjotr Stepanowitsch sah nach der Uhr.

Ich habe niemals etwas von Ihrer Theorie verstanden, aber ich wei, da
Sie sie nicht fr uns ausgedacht haben, folglich werden Sie es auch ohne
uns tun. Auch wei ich, da nicht Sie die Idee verschlungen haben,
sondern die Idee hat Sie verschlungen, also werden Sie es auch nicht
aufschieben.

Wie? Mich hat die Idee verschlungen?

Ja.

Und nicht ich die Idee? Das ist gut gesagt. Sie haben einen kleinen
Verstand. Nur necken Sie, ich aber bin stolz darauf.

Vorzglich, sehr schn so. Gerade so mu es ja sein, da Sie stolz
darauf sind.

Genug, Sie haben ausgetrunken, gehen Sie jetzt.

Zum Teufel, da wird man wohl mssen, Pjotr Stepanowitsch erhob sich.
Aber immerhin ist es noch frh. Hren Sie, Kirilloff, bei der
Mnitschicha treffe ich diesen Menschen, Sie wissen schon? Oder hat
auch sie gelogen?

Werden ihn nicht treffen, denn er ist hier und nicht da.

Wie, hier! zum Teufel, wo?

Sitzt in der Kche, it und trinkt.

Wie wagt der Kerl! ... Pjotr Stepanowitsch wurde rot vor Zorn. Er war
verpflichtet zu warten ... Unsinn! Er hat ja weder Geld noch einen Pa!

Ich wei nicht. Er ist gekommen, um sich zu verabschieden. Ist
angekleidet und bereit, geht fort und kommt nicht wieder. Er sagte, da
Sie ein gemeiner Mensch sind und will nicht auf Ihr Geld warten.

A--ah! Er frchtet, da ich ... nun ja, ich kann ihn auch jetzt, wenn
... Wo ist er, in der Kche?

Kirilloff ffnete eine Seitentr zu einem kleinen, dunklen Zimmer, aus
dem drei Stufen in die Kche hinabfhrten. Von der Kche war, gleich bei
der Tr, durch eine Bretterwand eine Kammer abgeteilt, in der gewhnlich
das Bett des Dienstmdchens stand. Hier sa nun in der Ecke unter den
Heiligenbildern Fedjka vor einem unbedeckten Brettertisch, auf dem ein
halbes Liter Schnaps, Brot auf einem Teller und in einer irdenen
Schssel ein kaltes Stck Rindfleisch und Kartoffeln standen. Er a mit
Genu und schien schon halb betrunken zu sein, doch war er in kurzem
Pelz und augenscheinlich zum Aufbruch bereit. Hinter der Bretterwand in
der Kche summte schon der Samowar, doch der war nicht fr Fedjka
aufgestellt, sondern Fedjka selbst blies ihn jeden Abend mit seiner
ganzen Lungenkraft fr Alexei Nylitsch an, dieweil Sie daran beraus
gewhnt sind, nachts immerzu Tee zu trinken! Ich vermute stark, da das
Rindfleisch und die Kartoffeln, da kein Mdchen im Hause war, von
Kirilloff selbst schon am Morgen fr Fedjka gebraten worden waren.

Was ist dir eingefallen? rief Pjotr Stepanowitsch und strzte die
Stufen hinunter. Warum hast du nicht dort auf mich gewartet, wo man es
dir befohlen hat?

Und zornig schlug er mit der Faust auf den Brettertisch.

Fedjka nahm eine wrdevollere Haltung an.

Du, wart ein bichen, Pjotr Stepanowitsch, wart ein bichen, sagte er,
fast mit stutzerhafter Deutlichkeit die Worte aussprechend, du mut als
erste Pflicht verstehen, da du hier auf edlen Besuch bei Herrn
Kirilloff, Alexei Nylitsch, bist, bei dem du dessen Stiefel putzen
kannst, denn er ist vor dir ein gebildeter Verstand, du aber bist nur
ein -- Pfui!

Und er spie elegant zur Seite, da der Speichel trocken wie ein Wurf zu
Boden flog. Man sah ihm Hochmut, Entschlossenheit und ein gewisses,
hchst gefhrliches, trgerisch ruhiges Klugredenwollen an -- bis zum
ersten Ausbruch. Doch Pjotr Stepanowitsch hatte schon keinen Sinn mehr
dafr, auf die Gefahr zu achten, und das vertrug sich schlielich auch
nicht mit seiner Auffassung der Dinge. Und die Ereignisse und Mierfolge
dieses Tages hatten ihn zudem schon um jede berlegung gebracht ...
Liputin, der ber den drei Stufen in der Tr stehen blieb, sah neugierig
aus dem dunklen Zimmer in die Kammer hinab.

Willst du, oder willst du nicht einen richtigen Pa haben und gutes
Geld zur Fahrt, wohin man dir gesagt hat? Ja oder nein?

Siehst du, Pjotr Stepanowitsch, du hast mich von Anfang an betrogen,
und darum bist du vor mir der reine Gauner, bist ganz wie eine
verfluchte Hundelaus, -- siehst du, dafr halt ich dich. Du hast mir fr
unschuldiges Blut groes Geld und das Blaue vom Himmel herunter
versprochen, und fr Herrn Stawrogin hast du geschworen, und was ist
dahinter? Es kommt immer nur deine Gaunerei heraus! Ich, so wie ich bin,
bin mit keinem Tropfen Blut daran schuld, nicht, da da
tausendfnfhundert, dir aber hat Herr Stawrogin neulich so um die Ohren
gewischt, da auch wir das schon wissen. Jetzt drohst du mir von neuem
und versprichst mir Geld, aber wofr -- darber schweigst du. Ich aber
denke so bei mir: du schickst mich nach Petersburg, um dich an Herrn
Stawrogin, Nicolai Wszewolodowitsch, zu rchen und rechnest auf meine
Leichtglubigkeit. Und somit gehst du als der erste Mrder aus allem
hervor. Und weit du auch, was du mit allein diesem einen Punkte schon
wert geworden bist, da du an Gott selbst, den wahrhaftigen Schpfer,
wegen deiner Verderbnis nicht mehr glaubst? Das ist schon ebenso wie
Heide sein, stehst also auf einer Stufe mit Tatar oder Mordwine. Herr
Kirilloff, Alexei Nylitsch, der ein groer Philosoph ist, hat dir schon
mehrmals den wahren Gott, den heiligen Schpfer aller Dinge, erklrt,
und desgleichen die ganze Schpfung der Erde wie alle zuknftigen
Schicksale und die Verwandlung aller Kreaturen und alles Gewrms aus dem
Buch der Apokalypse. Du aber bist wie ein unverstndiges Gtzenbild und
verharrst in Taubheit und Stummheit, und hast dazu auch den Offizier
Erteleff gebracht, ganz wie der leibhaftige Bsewicht und Verfhrer, so
da heit Atheist ...

Ach du, besoffene Fratze! -- Beraubt selbst Heiligenbilder und
verkndet jetzt noch Gott!

Ja, siehst du, Pjotr Stepanowitsch, ich sage dir ganz aufrichtig, da
ich sie beraubt habe, aber ich habe blo ein einziges Perlchen
rausgenommen, und was kannst du wissen, vielleicht hat sich meine reuige
Trne in demselben Augenblick im Schmelzofen des Allerhchsten
verwandelt fr irgendein Unrecht, das mir geschehen ist, da ich doch
nicht mal was habe, wo ich mein Haupt hinlegen kann. Weit du auch aus
den Bchern, da einmal in alten Zeiten ein Kaufmann mit ganz genau so
einem Trnenseufzer und Gebet wie ich aus dem Heiligenschein der
heiligen Mutter Gottes eine Perle stibitzt und dann spter kniefllig
vor allem Volk das ganze Geld der Gottesmutter zu Fen gelegt hat, und
da ihn da die heilige Frsprecherin mit dem goldgestickten Tuch
gesegnet hat, daselbst vor allem Volk, so da denn schon damals ein
Wunder daraus geschah und von der Obrigkeit anbefohlen wurde, alles
buchstblich in die Reichsbcher einzutragen. Du aber hast eine Maus
hineingesteckt, also hast du Gott selber beschimpft. Und wenn du nicht
mein angeborener Herr wrst, den ich, als ich noch ein Junge war, auf
meinen Armen gewiegt habe, so wrde ich dich jetzt, so wie du da bist,
mit eins totschlagen, ohne hier anders vom Fleck zu gehen!

Pjotr Stepanowitsch geriet in malosen Zorn.

Sprich, hast du heute Stawrogin gesehen?

Das darfst du nicht wagen, da du mich ausfragen tust. Herr Stawrogin
steht in dieser Sache nur in Verwunderung vor dir da und hat sich nicht
mal mit 'nem Wunsch dran beteiligt, was aber von einer Anordnung oder
Geld, davon schon ganz zu schweigen. Du hast mich rundherum betrogen!

Das Geld bekommst du, und die zweitausend bekommst du auch, in
Petersburg, am angegebenen Ort, alle auf einmal, und wirst noch mehr
bekommen.

Du, mein Bester, du lgst nur wieder, und es ist mir fast lustig zu
sehen, was fr ein leichtglubiger Verstand du bist. Herr Stawrogin
steht vor dir wie auf einer hohen Treppe und du klffst nur von unten
wie ein dummes Hndchen, whrend er von oben auf dich auch nur zu
spucken schon fr eine groe Ehre fr dich halten wrde.

Aber weit du auch, rief Pjotr Stepanowitsch in rasender Wut, da ich
dich, Schurke, nicht einen Schritt von hier lasse und dich sofort der
Polizei bergebe!

Fedjka sprang auf und seine Augen blitzten vor Jhzorn. Pjotr
Stepanowitsch ri seinen Revolver hervor. Und nun kam es zu einem
widerlichen kurzen Auftritt: noch bevor Pjotr Stepanowitsch zielen
konnte, hatte Fedjka sich schon im Nu geduckt, gedreht und schlug ihn
aus aller Kraft auf die Wange. Und schon im selben Augenblick klatschte
der zweite furchtbare Schlag, dann der dritte, der vierte, immer auf die
Wange. Pjotr Stepanowitsch stand wie duselig, seine Augen stierten, er
murmelte etwas, und pltzlich strzte er jh zu Boden.

Da habt ihr ihn, nehmt ihn jetzt! rief Fedjka mit einer
triumphierenden Wendung, ergriff seine Mtze, zog schnell unter der Bank
ein Bndel hervor und war verschwunden.

Pjotr Stepanowitsch lag rchelnd am Boden. Liputin dachte schon, er
werde gleich sterben. Kirilloff lief schnell in die Kche.

Mit Wasser mu man ihn! rief er.

Er schpfte in Hast mit einem Blechgef Wasser aus dem Eimer, kam
schnell zurck und go es ihm ber den Kopf. Pjotr Stepanowitsch bewegte
sich, erhob den Kopf, setzte sich langsam auf und blickte unverstndig
vor sich hin.

Nun, wie ist es? fragte Kirilloff.

Pjotr Stepanowitsch sah ihn unbeweglich, doch noch ohne ihn zu erkennen,
an. Da bemerkte er aber Liputin, der aus der dunklen Tr hervorgetreten
war, und lchelte sein altes gemeines Lcheln. Pltzlich griff er
schnell nach seinem auf der Diele liegenden Revolver und sprang auf.

Wenn es Ihnen morgen einfallen sollte, fortzulaufen ... wie der Schuft
Stawrogin, schrie er in wildem Ausbruch, kreidebleich, Kirilloff an,
die Worte stockend und unklar hervorstoend, so hnge ich Sie am
anderen ... Ende der Welt ... wie eine Fliege auf ... zerdrcke Sie ...
verstanden!

Und er zielte mit dem erhobenen Revolver gerade auf Kirilloffs Stirn, --
doch schon in derselben Sekunde besann er sich, ri seine Hand zurck,
steckte den Revolver wieder in die Tasche und strzte, ohne ein Wort zu
sagen, aus dem Hause. Liputin lief ihm nach. Sie krochen wieder durch
den Zaun und gingen, wie sie gekommen waren, auf dem schrgen
Grabenrande, sich an den Brettern haltend, bis zur Bogojawlenskstrae.
Pjotr Stepanowitsch ging so schnell, da Liputin ihm kaum nachkommen
konnte. Am nchsten Kreuzweg blieb er pltzlich stehen.

Nun? wandte er sich herausfordernd nach Liputin um.

Liputin erinnerte sich des Revolvers und zitterte noch von dem, was
geschehen war; aber die Antwort fiel ihm pltzlich wie von selbst von
den Lippen:

Ich denke ... ich denke, da man >bis nach Taschkent< keineswegs so
sehnschtig darauf wartet, was >der Student< da anpreist.

Haben Sie gesehen, was Fedjka in der Kche trank?

Was er trank? Branntwein trank er.

Nun, so wissen Sie denn, da er zum letzten Mal im Leben Branntwein
getrunken hat. Ich empfehle, fr fernere Erwgungen das zu behalten.
Jetzt aber scheren Sie sich zum Teufel! Bis morgen sind Sie weiter nicht
ntig ... Nur -- denken Sie an mich! keine Dummheiten machen!

Liputin jagte Hals ber Kopf nach Haus.


                                  IV.

Liputin hatte sich schon vor langer Zeit einen Pa auf einen fremden
Namen besorgt. Es ist eigentlich eine sonderbare Vorstellung, da dieser
ordentliche kleine Mensch, dieser eigensinnige Familientyrann und vor
allem Beamte (wenn er auch Fourierist war), da dieser Kapitalist und
Kuponschneider schon vor langer Zeit auf den phantastischen Gedanken
hatte verfallen knnen, sich auf alle Flle so einen Pa zu verschaffen,
um sich mit ihm ins Ausland zu retten, _wenn_ ... Er gab also doch die
Mglichkeit dieses _Wenn_ zu, obschon er gewi nicht htte formulieren
knnen, was er unter diesem Wenn verstand ...

Jetzt aber hatte es sich pltzlich selbst formuliert, und noch dazu auf
die allerunerwartetste Weise. Jener tollkhne Gedanke, mit dem er bei
Kirilloff eingetreten war, nachdem er Pjotr Stepanowitschs R--rrrpel
eingesteckt hatte, bestand darin, morgen noch, womglich vor
Sonnenaufgang, alles zu verlassen und sich ins Ausland in Sicherheit zu
bringen! Wer nicht glauben will, da so phantastische Dinge in unserer
alltglichen Wirklichkeit geschehen, der mge sich die Lebensgeschichten
unserer gegenwrtigen Emigranten im Ausland einmal nher ansehen. Kein
einziger von ihnen hat eine vernnftigere Flucht hinter sich. Immer war
es die gleiche ungebndigte Herrschaft der Hirngespinste und nichts
weiter.

Als Liputin zu Hause anlangte, war das erste, was er tat, da er seinen
Reisesack hervorholte und zu packen begann. Seine grte Sorge war das
Geld, wie viel und wie er es retten konnte. Jawohl: retten, denn
seiner Meinung nach durfte er nicht eine Stunde mehr sumen und mute
womglich schon bei Sonnenaufgang unterwegs sein. Auch wute er noch
nicht recht, wo er am besten in den Zug steigen sollte; schlielich
entschlo er sich, irgendwo auf der zweiten oder dritten Station
einzusteigen, bis dorthin aber zu Fu zu laufen. So plagte er sich denn
mit seinem Reisesack herum, einen ganzen Wirbelsturm von Gedanken im
Kopf, und -- pltzlich warf er alles hin und sank mit einem tiefen
Sthnen auf seinen Diwan und streckte sich auf ihm aus.

Er fhlte deutlich, und pltzlich erkannte er ganz klar, da er
flchten, nun ja, da er wirklich flchten werde, da er aber die Frage,
ob er _vor_ oder _nach_ Schatoff flchten sollte, jetzt zu beantworten
vollkommen auerstande war. Er empfand sich nur noch als einen
willenlosen Krper, eine passive Masse, die schon von einer fremden
unheimlichen Kraft gelenkt wurde, und er fhlte, da er, obschon er
einen Auslandspa besa und ohne weiteres _vor_ Schatoff flchten
konnte (nur deshalb hatte er sich doch so beeilt), -- da er trotzdem
nicht _vor_ Schatoff, sondern unbedingt erst _nach_ Schatoff
flchten werde, und da es so schon beschlossen, unterschrieben und
versiegelt war. In unertrglicher Qual, zitternd und sich ber sich
selbst wundernd, seufzend und vergehend vor Angst, erlebte er doch noch,
ohne selbst recht zu wissen wie, auf dem Diwan liegend, den nchsten
Morgen. Und dann erst erhielt er den entscheidenden Sto, der seinem
schwankenden Entschlu die endgltige Richtung gab. Es war schon elf
Uhr, als er die Tr seines Zimmers aufschlo und hinaustrat. Und das
erste, was er von den Seinigen erfuhr, war, da der Ruber, Mrder und
entsprungene Zuchthusler Fedjka, der alle in Schrecken versetzt,
Kirchen beraubt und Huser in Brand gesteckt hatte, da Fedjka, der
berchtigte Fedjka, den unsere Polizei schon lange verfolgte und immer
noch nicht hatte finden knnen, frh morgens, sieben Werst von der
Stadt, erschlagen gefunden worden war. Die ganze Stadt wute es bereits.
Liputin strzte aus dem Hause, um Nheres darber zu erfahren. Er hrte,
da man Fedjka, der allem Anscheine nach beraubt worden war, mit
zerspaltenem Kopf gefunden, und da die Polizei auf Grund einiger
Anhaltspunkte den Spigulinschen Fomka, mit dem Fedjka bei Lebdkins
zweifellos zusammen gemordet und angezndet hatte, fr den Mrder hielt.
Offenbar waren die beiden unterwegs in Streit geraten, wegen der von
Fedjka bei Lebdkin angeblich geraubten und unterschlagenen groen Summe
Geldes, die er mit Fomka, wie man annahm, noch nicht geteilt hatte ...
Liputin lief noch zu dem Hause, in dem Pjotr Stepanowitsch wohnte, und
erfuhr dort, da der junge Herr, der zwar erst um ein Uhr nachts nach
Hause gekommen sei, doch seelenruhig bis acht Uhr morgens in seinem Bett
geschlafen habe. Augenscheinlich war also an dem pltzlichen Tode
Fedjkas nichts Ungewhnliches, zumal ja Banditen meistens ein solches
Ende nehmen: aber das verhngnisvolle bereinstimmen der Prophezeiung,
da Fedjka an diesem Abend zum letztenmal Branntwein getrunken habe,
mit der nackten Tatsache seines gewaltsamen Endes, war doch so seltsam
und unheimlich, da Liputin pltzlich aufhrte unschlssig zu sein. Als
er nach Hause zurckkam, stie er mit einem Futritt den Reisesack unter
den Diwan und am Abend war er der erste auf dem zum Stelldichein mit
Schatoff angegebenen Platz, allerdings -- mit dem Pa in der Tasche.




                          Zwanzigstes Kapitel.
                              Die Reisende


                                   I.

Die Katastrophe mit Lisa und der Tod Marja Timofejewnas hatten auf
Schatoff einen erschtternden und niederdrckenden Eindruck gemacht. Als
ich am Morgen mit ihm zusammentraf, erschien er mir ganz verstrt.
Spter ging er zur Mordsttte, um die Leichen zu sehen, doch soviel ich
wei, ist er an diesem Tage weder vernommen worden, noch hat er
unaufgefordert irgend etwas ausgesagt. Aber je mehr der Tag vorrckte,
desto mehr qulte er sich. Es gab da einen Augenblick, in dem er schon
aufstehen wollte, hingehen und -- alles sagen. Was dieses Alles war,
das wute er freilich selbst nicht genau. Beweise besa er keine; er
hatte nur seine dunklen Ahnungen, die lediglich zu seiner eigenen
berzeugung gengten. Er htte schlielich blo sich selbst angegeben
als ehemaliges Mitglied eines geheimen Bundes. Doch auch dazu wre er
bereit gewesen, wenn er nur in seinem Sturz diese Schurken -- so
lautete sein eigener Ausdruck -- mitgerissen htte!

Pjotr Stepanowitsch hatte diesen Ausbruch richtig vorausgesehen und
genau gewut, wieviel er wagte, wenn er sein furchtbares Vorhaben auch
nur um einen Tag hinausschob. Aber dann hatte ihn doch wieder sein
Selbstvertrauen und seine hhnische Verachtung fr diese Leutchen zu
dem Aufschub bestimmt. Er wrde mit diesem unschlauen Schatoff schon
fertig werden, sagte er sich: er wrde ihn einfach diesen ganzen Tag
ber bewachen lassen und, wenn es not tat, auch frher schon
entscheidend eingreifen.

Einstweilen aber rettete Pjotr Stepanowitsch und die Seinen etwas
vollkommen Unerwartetes, das niemand von ihnen htte voraussehen knnen.

Gegen acht Uhr abends -- gerade als die Unsrigen sich bei Erkel
versammelt hatten, auf Pjotr Stepanowitsch warteten, sich rgerten und
aufregten -- lag Schatoff mit Kopfschmerzen und in leichtem Fieber auf
seinem Bett, in der Dunkelheit, ohne Licht. Er qulte sich, entschlo
sich, aber konnte sich immer wieder nicht endgltig entschlieen: fhlte
vielmehr fluchend, da das doch alles zu nichts fhren werde.

Allmhlich schlief er ein. Ihm trumte, da er in seinem Bett mit
Schnren gebunden sei und sich nicht bewegen knne, indes durch das
ganze Haus furchtbare Schlge hallten, Schlge an den Zaun, an die
Hoftr, an die Wand des Flgels, in dem Kirilloff wohnte --, so da das
ganze Haus zitterte und in seinen Fugen krachte, whrend zugleich eine
ferne, bekannte, aber ihn qulende Stimme klagend seinen Namen rief.

Pltzlich wachte er auf und erhob sich im Bett. Zu seiner Verwunderung
dauerten die Schlge an die Hoftr immer noch fort, und wenn sie auch
lngst nicht mehr so berlaut und hallend waren, wie im Traum, so waren
sie doch stark und heftig genug, und auch die sonderbare qulende Stimme
fuhr fort, von Zeit zu Zeit ihn von der Pforte her zu rufen, nur jetzt
nicht mehr klagend, sondern, im Gegenteil, ungeduldig und gereizt.

Dazwischen hrte er noch eine andere tiefe, brummige, aber ruhigere
Stimme.

Er sprang erschrocken sofort auf, ffnete das Klappfenster und steckte
den Kopf hinaus.

Wer da? rief er hinunter.

Wenn Sie Schatoff sind, klang in einem eigentmlich stolzen Ton von
unten eine Frauenstimme zurck, so haben Sie die Gte, offen und
ehrlich zu sagen, ob Sie mich hereinlassen wollen oder nicht?

Er hatte diese Stimme erkannt.

Marie! ... Bist du es?

Ja, gewi bin ich es, Marja Schatowa. Aber ich bin mit einer Droschke
hier und kann nicht lnger --

Sofort ... ich will nur das Licht ... Schatoff sprang eilig und
aufgeregt zurck, begann mit zitternden Hnden die Streichhlzer zu
suchen, die sich aber, wie gewhnlich in solchen Fllen, nicht finden
lieen, warf dabei noch den Leuchter mit dem Licht um, und da von unten
wieder die ungeduldige Stimme erklang, lie er schlielich alles liegen
und strzte Hals ber Kopf die steile Treppe hinunter, um die Hofpforte
zu ffnen.

Haben Sie die Gte, so lange diese Tasche zu halten, bis ich diesen
Mann hier bezahle, empfing ihn unten Frau Marja Schatowa und reichte
ihm eine ziemlich leichte Handtasche aus Segeltuch mit Blechbeschlag.
Sie selbst aber wandte sich gereizt an den Droschkenkutscher.

Sie verlangen viel zu viel. Wenn Sie mich hier eine ganze Stunde lang
durch diese schmutzigen Straen gefahren haben, so sind Sie daran
schuld, denn folglich haben Sie nicht einmal gewut, wo diese verdrehte
Strae eigentlich ist. Bitte die dreiig Kopeken zu nehmen und mir zu
glauben, da Sie weiter nichts erhalten werden.

Ach, Fruleinchen, Sie haben mich doch selbst zuerst in die
Wosnessensksche Strae befohlen, und diese hier ist die
Bogojawlensksche. Die Wosnessensksche war meilenweit: haben blo meinen
Wallach unntz in Schwei gebracht.

Wosnessensksche, Bogojawlensksche, -- das mssen Sie als Einwohner
besser wissen als ich, und zudem irren Sie sich: ich habe Ihnen ganz
zuerst nur das Filippoffsche Haus genannt, und Sie behaupteten, Sie
wten, wo das sei.

Hier, hier sind noch fnf Kopeken, damit zog Schatoff sein letztes
Geldstck aus der Westentasche.

Was soll das? Sie werden hier nichts bezahlen! fuhr Frau Schatowa auf,
doch der Kutscher setzte schon seinen Wallach in Bewegung, und
Schatoff zog sie an der Hand durch die Pforte auf den Hof und fhrte sie
in den finsteren Flur.

Schneller, Marie, schneller ... das sind doch lauter Nebensachen und
... Wie du na geworden bist! Vorsichtig, hier geht es hinauf -- wie
schade, da ich das Licht nicht ... die Treppe ist steil, halt' dich am
Gelnder ... Nun, hier, das ist meine Stube. Verzeih, da ich kein Licht
... Ich werde sofort ...

Er hob im Dunkeln den Leuchter vom Boden auf, doch die
Streichholzschachtel konnte er noch immer nicht finden. Marja Schatowa
stand solange mitten im Zimmer, schweigend und ohne sich zu bewegen.

Gott sei Dank, endlich! Hier ist sie! rief er schlielich freudig und
zndete das Licht an.

Marja Schatowa sah sich flchtig im Zimmer um.

Man hat mir zwar schon gesagt, da Sie in einem entsetzlichen Zimmer
wohnen, aber ich htte doch nicht gedacht, da es so wre, sagte sie
launisch und ging zum Bett. Ach, ich bin mde! und sie sank kraftlos
auf das harte Lager. Bitte, legen Sie die Reisetasche hin und setzen
Sie sich selbst auf einen Stuhl. Oder wie Sie wollen, nur zappeln Sie
mir nicht so vor den Augen herum ... Ich bin nur auf kurze Zeit zu Ihnen
gekommen, bis ich eine Arbeit gefunden habe, denn ich kenne hier
niemanden und mein Geld ist zu Ende ... Wenn ich Ihnen aber lstig
falle, so haben Sie die Gte und sagen Sie's bitte gleich! Ich werde
morgen irgend etwas von meinen Sachen verkaufen, um mir im Gasthaus ein
Zimmer nehmen zu knnen ... Ach, nur mde bin ich jetzt!

Schatoff erbebte am ganzen Krper.

Wozu, Marie, das ist doch nicht ntig, nicht ntig, du brauchst nicht
ins Gasthaus zu gehen! Was fr ein Gasthaus berhaupt? Warum das, wozu?
und flehend faltete er die Hnde.

Nun, wenn man ohne Gasthaus auskommen kann, meinetwegen -- aber man mu
trotzdem die Sache klarlegen. Sie erinnern sich wohl noch, Schatoff, da
wir in Genf zwei Wochen und einige Tage als Ehepaar gelebt haben, vor --
nun sind es schon drei Jahre, da wir auseinandergegangen sind, brigens
ohne besonderen Streit. Aber denken Sie nur nicht, da ich gekommen bin,
um irgendeine der frheren Dummheiten wieder zu beginnen! Ich bin nur
zurckgekehrt, um mir eine Arbeit zu suchen, und wenn ich gerade in
diese Stadt kam, nun, so geschah es, weil mir heute alles gleich ist.
Ich bin vor allem nicht gekommen, um irgend etwas zu bereuen. Denken Sie
nur das nicht!

Oh, Marie! Das ist doch alles unntig, gar nicht ntig! stammelte
Schatoff undeutlich.

Nun, wenn das so ist, wenn Sie so weit gescheit sind, da Sie das
verstehen knnen, so will ich mir erlauben hinzuzufgen, da ich, wenn
ich jetzt zu Ihnen gekommen bin, es zum Teil auch deswegen getan habe,
weil ich Sie fr keinen -- gemeinen Menschen halte, sondern vielleicht
sogar fr einen viel besseren, als die anderen -- Schurken alle!

Ihre Augen blitzten auf. Sie mute wohl viel von irgendwelchen
Schurken erlitten haben!

Ich meine das ganz im Ernst. Ich will mich durchaus nicht etwa ber Sie
lustig machen, wenn ich Ihnen sage, da Sie gut sind. Ich habe es offen
gesagt und Schnrednerei kann ich nicht leiden, das wissen Sie. Doch was
rede ich? Es ist ja alles Unsinn. Ich habe immer gehofft, da Sie
vernnftig genug sein wrden, um nicht lstig zu werden ... Ach, genug,
nur mde bin ich!

Und sie sah ihn mit langem, gequltem, mdem Blick an. Schatoff stand
vor ihr, fnf Schritte weit, und hrte scheu, aber gleichsam erneut, mit
einem eigentmlichen Strahlen im Gesicht, was sie sagte. Dieser starke
und rauhe Mensch, der immer wie mit gestrubtem Fell wirkte, wie ein
Rhr-mich-nicht-an, dieser Mensch wurde pltzlich ganz weich und wie von
innen erhellt. In seiner Seele erzitterte etwas ganz Unerwartetes, ganz
Ungewhnliches. Drei Jahre Trennung, drei Jahre zerrissene Ehe hatten in
seinem Herzen nichts zerstrt. Vielleicht hatte er an jedem Tage dieser
drei Jahre an sie gedacht, an dieses teure Wesen, das einst zu ihm
gesagt, da es ihn liebe. Fr Schatoff hatte das eine Welt bedeutet:
fr ihn, der sich nicht einmal zu trumen erlaubt hatte, da ihm je
irgendein Weib sagen knnte, es liebe ihn. Er war keusch und schamhaft
bis zur Wildheit, hielt sich fr eine Migeburt, hate sein Gesicht und
seinen Charakter, und verglich sich mit irgendeinem Monstrum, das man
eigentlich nur auf Jahrmrkten herumschleppen und zeigen konnte. Deshalb
gab es fr ihn nichts Heiligeres, als Wahrheit und Ehrlichkeit, und war
er in seiner ganzen finsteren, stolzen, jhzornigen und schweigsamen Art
seinen berzeugungen bis zum Fanatismus ergeben! Und nun stand dieses
einzige Wesen, das ihn zwei Wochen lang geliebt hatte -- daran glaubte
er immer, immer, -- dieses Wesen, das er so malos hoch ber sich
stellte, obschon er alle ihre Verirrungen kannte und ruhig und nchtern
ber sie urteilte: dieses Wesen, dem er alles, aber auch alles verzieh
(das stand fr ihn einfach auer Frage, ja eher kam es bei ihm noch
umgekehrt heraus: da er vor ihr ganz allein der Schuldige war), nun
stand diese Frau, diese Marja Schatowa pltzlich wieder vor ihm, er sah
sie wieder in seiner Wohnung ... es war fast unmglich, das zu fassen!
So berrascht war er, und es lag fr ihn in diesem Ereignis so viel von
etwas unsagbar Furchtbarem, und doch zu gleicher Zeit so viel Glck, da
er gar nicht recht zur Besinnung kommen konnte, vielleicht aber auch gar
nicht wollte. Er ging und stand wie im Traum, und erst, als sie ihn mit
diesem gequlten Blick ansah, da begriff er pltzlich, da dieses
einzige geliebte Geschpf unsglich gelitten haben mute. Bei diesem
Gedanken setzte sein Herzschlag aus. Voll Schmerz und Mitleid sah er sie
an: in diesem mden Frauengesicht war der Glanz der ersten Jugend schon
erloschen. Sie war gewi immer noch schn -- in seinen Augen immer noch
wie frher eine Schnheit. (In Wirklichkeit war sie fnfundzwanzig Jahre
alt, ziemlich stark gebaut, ber mittelgro -- grer als Schatoff --,
mit braunem, prachtvollem Haar, schmalem, bleichem Gesicht und groen
dunklen Augen, in denen jetzt ein fiebriger Glanz lag.) Aber die
leichtsinnige, naive und gutmtige frhere Energie, die ihr groer
Zauber gewesen war, hatte sich in diesen drei Jahren in mrrische
Reizbarkeit, Enttuschung und fast in Zynismus verwandelt, in einen
Zynismus, an den sie sich freilich noch nicht gewhnt zu haben schien
und der sie selbst sogar qulen mochte. Doch Schatoff sah vor allem, da
sie krank war. Und trotz all seiner Angst vor ihr, trat er pltzlich zu
ihr und erfate ihre beiden Hnde:

Marie ... weit du ... du bist vielleicht sehr mde, um Gottes willen,
sei nicht bse ... Wenn du einwilligen wolltest, zum Beispiel, ein wenig
Tee zu trinken, wie? Tee erfrischt doch sehr, nicht? Wenn du nur
wolltest --?

Was ist hier zu wollen? Natrlich will ich! was Sie noch immer noch fr
ein Kind sind! Wenn Sie Tee haben, so geben Sie ihn. Wie eng es bei
Ihnen ist! Wie kalt es hier ist!

Oh, ich werde sofort Holz ... ja, Holz ... Holz habe ich! Schatoff
ging hin und her, -- Holz -- ja, aber ... das heit ... brigens auch
Tee, sofort! Und pltzlich, wie nach einem harten Entschlu, schlug er
mit der Hand und ergriff seine Mtze.

Wohin gehen Sie denn? Also haben Sie keinen Tee?

Gleich, sofort, sofort wird alles da sein ... ich ...

Er nahm seinen Revolver vom Bcherbrett.

Ich werde schnell diesen Revolver verkaufen ... oder versetzen ...

Was fr Dummheiten, und wie lange das dauern wird! Nehmen Sie hier mein
Geld, wenn Sie nichts haben, hier sind achtzig Kopeken, glaub ich, --
alles, was ich besitze. Bei Ihnen ist es ja wie in einer Irrenanstalt.

Nicht ntig, nicht ntig, dein Geld, ich werde sofort, im Augenblick
... ich werde ohne Revolver ...

Und er lief geraden Wegs zu Kirilloff. Das war etwa zwei Stunden vor
Pjotr Stepanowitschs und Liputins Besuch bei diesem. Schatoff und
Kirilloff sahen sich, obwohl sie auf demselben Hof wohnten, fast nie,
und auch wenn sie sich zufllig einmal trafen, so grten sie sich
weder, noch sprachen sie ein Wort miteinander: sie hatten zu lange in
Amerika nebeneinander auf dem Fuboden gelegen.

Kirilloff, Sie haben immer Tee: knnen Sie mir Tee und einen Samowar
geben?

Kirilloff, der in seinem Zimmer wieder auf und ab ging (gewhnlich die
ganze Nacht aus einer Ecke in die andere), blieb pltzlich stehen und
sah aufmerksam Schatoff an, jedoch ohne besondere Verwunderung, obgleich
dieser ganz unerwartet hereingestrzt war.

Tee ist da. Zucker auch. Ein Samowar auch. Aber der Samowar ist nicht
ntig, der Tee ist hei. Setzen Sie sich und trinken Sie einfach.

Kirilloff, wir haben beide in Amerika gelegen ... Meine Frau ist zu mir
gekommen ... Ich ... Geben Sie mir Tee ... und ich brauche auch den
Samowar.

Wenn die Frau, so brauchen Sie den Samowar. Aber den Samowar spter.
Ich habe zwei. Jetzt nehmen Sie die Teekanne vom Tisch. Hei, ganz hei.
Nehmen Sie alles, nehmen Sie Zucker, den ganzen. Brot ... Brot ist viel
da, nehmen Sie alles Brot. Habe auch Kalbsbraten. Geld einen Rubel.

Gib mir, Freund, ich gebe es dir morgen wieder! Ach, Kirilloff!

Das ist die Frau, die von der Schweiz? Das ist gut. Und das, da Sie zu
mir gekommen sind, ist auch gut.

Kirilloff! rief Schatoff, der die Teekanne in den Arm nahm und in die
Hnde Zucker und Brot: Kirilloff! Wenn Sie ... wenn Sie sich doch von
Ihren schrecklichen Phantasien lossagen und Ihren atheistischen Wahnsinn
lassen knnten ... was wrden Sie dann fr ein Mensch sein, Kirilloff!

Ich sehe, Sie lieben Ihre Frau nach der Schweiz. Das ist gut, falls
nach der Schweiz. Wenn Sie noch Tee brauchen, kommen Sie wieder. Kommen
Sie die ganze Nacht, ich schlafe nicht. Der Samowar wird hei sein.
Nehmen Sie den Rubel, hier. Gehen Sie zur Frau, ich werde bleiben und
werde an Sie und Ihre Frau denken.

Marja Schatowa schien mit der Schnelligkeit, mit der Schatoff alles
besorgt hatte, zufrieden zu sein und machte sich hastig an den Tee. Doch
trank sie nur eine halbe Tasse, und a nur ein kleines Stckchen vom
Brot. Fr den von Kirilloff angebotenen Kalbsbraten dankte sie mit
gereizter Launenhaftigkeit.

Du bist krank, Marie, das ist alles so krankhaft an dir ... bemerkte
Schatoff schchtern; scheu bemht, ihr zu dienen.

Natrlich bin ich krank; bitte, setzen Sie sich. Wo haben Sie den Tee
hergenommen, da Sie keinen hatten?

Schatoff erzhlte kurz von Kirilloff. Sie hatte von diesem schon einiges
gehrt.

Ich wei, da er verrckt ist; bitte, von was anderem; als ob es nicht
genug Toren gbe! So waren Sie in Amerika? Ich habe davon gehrt, Sie
haben von dort geschrieben.

Ja, ich ... habe nach Paris geschrieben.

Genug, und bitte von was anderem. Sie sind aus berzeugung Slawophile?

Ich ... das heit, nicht da ich gerade ... Infolge der Unmglichkeit,
Russe zu sein, bin ich Slawophile geworden, sagte er, gezwungen
lchelnd, mit der Schwerflligkeit eines Menschen, der zur unrechten
Zeit und nur mit genauer Not einen Witz zustande bringt.

Sie sind nicht Russe?

Nein, ich bin nicht Russe.

Nun, das sind alles Dummheiten. Setzen Sie sich doch endlich, ich bitte
Sie. Was laufen Sie immer hin und her? Sie denken, ich phantasiere?
Vielleicht werde ich auch phantasieren. Sie sagen, es gibt hier nur Sie
und ihn im Hause?

Ja, nur wir zwei ... und unten wohnte ...

Und alles solche Kluge! Wer wohnte unten? Sie sagten >unten<?

Jetzt nicht mehr ... --

Was, >jetzt nicht mehr<? Ich will es wissen.

Ich wollte nur sagen, da jetzt nur wir zwei hier wohnen, unten aber
wohnten frher Lebdkins ...

Das sind die, die man heute Nacht ermordet hat? fuhr sie pltzlich
auf. Ich hrte davon. Wie ich ankam, hrte ich davon. Und dann hat es
gebrannt?

Ja, Marie, ja, und vielleicht begehe ich eine furchtbare Erbrmlichkeit
in diesem Augenblick, wenn ich diese Schurken ungestraft lasse ...

Er war aufgestanden und schritt wie ein Verzweifelnder mit erhobenen
Armen durch das Zimmer.

Aber Marie verstand ihn nicht ganz. Sie war zu zerstreut. Sie fragte
mehr, als da sie zuhrte.

Ja, schne Sachen spielen sich hier bei euch ab. Ach, wie das alles
gemein ist! Was fr Schurken sie alle sind! Aber so setzen Sie sich
doch, ich bitte Sie, endlich einmal! -- oh, wie Sie mich reizen!

Und erschpft senkte sie den Kopf auf das Kissen.

Marie, ich werde ja nicht ... Du legst dich vielleicht ein wenig hin,
Marie?

Sie antwortete nicht und schlo nur bermdet die Augen. Sie schlief
fast sofort ein. Ihr bleiches Gesicht sah in diesem Augenblick wie das
einer Toten aus. Schatoff sah sich im Zimmer um, setzte das Licht fester
in den Leuchter, sah noch einmal unruhig auf ihr Antlitz, prete fest
die Hnde vor sich zusammen und ging dann leise auf den Fuspitzen aus
dem Zimmer in den Treppenflur. Dort stellte er sich mit dem Gesicht in
eine Ecke, sttzte die Stirn an die Wand und stand so zehn Minuten lang
reglos. Er htte wohl noch lnger so gestanden, doch pltzlich vernahm
er unten auf der Treppe leise, vorsichtige Schritte.

Jemand kam die Treppe herauf.

Schatoff erinnerte sich, da er die Hofpforte zu schlieen vergessen
hatte.

Wer da? fragte er verhalten.

Der Unbekannte stieg langsam hher, ohne zu antworten. Als er oben
angelangt war, blieb er stehen. Ihn zu erkennen war in der Dunkelheit
unmglich. Pltzlich hrte man die vorsichtige Frage:

Iwan Schatoff?

Schatoff nannte seinen Namen und streckte schnell den Arm aus, um dem
Fremden den Weg zu verlegen; dieser aber griff nach seiner Hand und --
in derselben Sekunde fuhr Schatoff zusammen, als htte er ein Reptil
berhrt.

Warten Sie hier, flsterte er schnell, kommen Sie nicht herein, ich
kann Sie jetzt nicht empfangen. Meine Frau ist angekommen. Ich bringe
das Licht her.

Als er mit dem Licht zurckkehrte, sah er einen jungen Fhnrich vor sich
stehen, dessen Namen er nicht kannte, dessen Gesicht er aber schon
einmal irgendwo gesehen haben mute.

Erkel, stellte sich der Jngling vor. Sie haben mich bei Wirginski
gesehen.

Ich erinnere mich; Sie saen und schrieben. Hren Sie, brauste
Schatoff pltzlich auf, wild und wtend auf den Jungen zuschreitend,
wenn er auch die Stimme immer noch dmpfte. Sie haben beim Hndedruck
ein Zeichen gemacht. Wissen Sie, da ich auf alle diese Zeichen einfach
spucke! Ich erkenne sie nicht an ... will sie nicht ... Ich knnte Sie
gleich die Treppe hinunter werfen, wissen Sie das auch ...!

Nein, das wei ich gar nicht, und ich verstehe auch gar nicht, warum
Sie sich so rgern, sagte der Gast ganz ungekrnkt und fast gutmtig.
Ich soll Ihnen nur etwas mitteilen, und darum bin ich gleich heute
gekommen, um nicht unntz Zeit zu verlieren. Sie haben eine
Druckmaschine, die nicht Ihnen gehrt und ber deren Verbleib Sie
Rechenschaft zu geben verpflichtet sind, wie Sie wohl selbst wissen
werden. Man hat mich nun beauftragt, von Ihnen zu verlangen, diese
Druckmaschine morgen um Punkt sieben Uhr abends Liputin zu bergeben.
Und auerdem hat man mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen, da man weiter
nichts mehr von Ihnen verlangen wird.

Nichts mehr? Hat man das ausdrcklich --?

Nicht das geringste. Ihre Bitte wird erfllt und Sie sind von jetzt ab
fr immer ausgeschlossen. Dieses Ihnen mitzuteilen, hat man mich, wie
gesagt, beauftragt.

Wer hat Sie beauftragt?

Die, die mir das Zeichen mitteilten.

Kommen Sie aus dem Auslande?

Das ... das kann Ihnen, glaube ich, gleichgltig sein.

Eh, zum Teufel! Aber warum sind Sie nicht frher gekommen, wenn Sie
beauftragt waren?

Ich folgte den Instruktionen und ich war nicht allein.

Verstehe, verstehe schon, Sie waren nicht allein. Eh ... Teufel! Aber
warum ist denn Liputin nicht selbst gekommen?

Der Fhnrich berhrte die Frage.

So werde ich denn morgen um sechs zu Ihnen kommen und wir gehen dann zu
Fu -- dorthin. Auer uns dreien wird niemand da sein.

Werchowenski auch nicht?

Nein. Werchowenski fhrt morgen vormittag mit dem Elfuhrzuge fort.

Dachte ich es mir doch! murmelte Schatoff knirschend und schlug sich
mit der Faust aufs Bein. Er zieht los, die Kanaille!

Er dachte einen Augenblick erregt nach. Erkel sah ihn aufmerksam an,
schwieg und wartete.

Wie wollen Sie denn die ganze Druckerpresse wegschaffen? So etwas kann
man doch nicht einfach ausgraben und in der Hand forttragen.

Das ist auch gar nicht ntig. Sie zeigen uns nur die Stelle und wir
berzeugen uns, ob sie wirklich dort vergraben ist. Wir wissen doch nur
im allgemeinen, wo der Ort ist, aber nicht genau, an welcher Stelle.
Haben Sie sonst jemandem die Stelle gezeigt?

Schatoff sah ihn an.

Und Sie, Sie, solch ein Knabe, -- solch ein dummer kleiner Knabe, --
auch Sie sind mit dem Kopf in diese Falle gekrochen, wie ein richtiges
Schaf? Aber was! -- die brauchen ja gerade solchen Saft! Nun, gehen Sie!
E--eeh! dieser Schuft! dieser! -- Er hat euch alle betrogen und nun
macht er sich selbst aus dem Staube!

Erkel sah ihn klar und ruhig an, aber als verstehe er ihn nicht ganz.

Werchowenski geflohen! Also richtig geflohen! knirschte Schatoff voll
Ingrimm.

Aber er ist ja noch hier, er ist ja noch gar nicht fortgefahren. Er
wird erst morgen fortfahren, bemerkte Erkel weich und begtigend. Ich
forderte ihn ausdrcklich auf, als Zeuge bei der bergabe zugegen zu
sein; an ihn ging auch meine ganze Instruktion, plauderte er als junger
unerfahrener Knabe aus. Aber er willigte leider nicht ein, und dabei
sagte er dann, da er in diesen Tagen fortfahren msse.

Schatoff blickte noch einmal mitleidig auf den naiven armen Jungen und
schlug dann mit der Hand, als wollte er sagen: Lohnt es sich denn
berhaupt, da man sie bedauert?

Gut, ich komme, sagte er pltzlich kurz, aber gehen Sie jetzt,
marsch!

Also ich werde Sie morgen um Punkt sechs abholen, sagte Erkel
nochmals, grte dann hflich und stieg, ohne sich zu beeilen, die
Treppe hinunter.

Kleiner Dummkopf! konnte sich Schatoff nicht enthalten, ihm
nachzurufen.

Wie? fragte der andere schon von unten zurck.

Nichts, gehen Sie.

Ich dachte, Sie sagten noch etwas.


                                  II.

Erkel war nur insofern ein Dummkopf, als der Hauptverstand in seinem
Kopfe fehlte, eben der, auf den es ankommt, sozusagen der Kopf im Kopfe;
doch von dem kleinerem dem untergeordneten Verstande hatte er eine ganze
Menge, sogar so viel, da dieser schon an Schlauheit grenzte. Fanatisch,
kindlich der allgemeinen Sache ergeben, im Grunde aber nur Pjotr
Werchowenski, hatte Erkel den Auftrag nach der Instruktion ausgefhrt,
die ihm bei der Verteilung der Rollen erteilt worden war. Pjotr
Stepanowitsch hatte sich nmlich an jenem Abend, nachdem er ihm die
Rolle des Abgesandten zugewiesen, noch die Zeit genommen, ungefhr zehn
Minuten mit ihm unbelauscht zu sprechen. Sie waren zu dem Zweck zur
Seite getreten. Erkels ganzer Ehrgeiz ging dahin, der allgemeinen
Sache zu dienen, und um ihretwillen ordnete er sich blind jedem fremden
Willen unter. Da nun aber solche Jnglinge, wie er, sich das
Einer-Sache-dienen immer nur in Verbindung mit einer bestimmten Person
vorstellen knnen, die ihrer Meinung nach die Idee dieser Sache
reprsentiert, so richtete sich sein Wille schlielich ganz nach dem
Pjotr Stepanowitschs. Erkel, der gefhlvolle, freundliche und gute
Erkel, war vielleicht der klteste und gefhlloseste unter den Mrdern,
mit denen Werchowenski Schatoff umstellt hatte. Ohne jeglichen
persnlichen Ha, aber auch ohne mit der Wimper zu zucken, htte er an
dessen Ermordung teilgenommen.

Es war ihm unter anderem anbefohlen worden, bei der berbringung seiner
Botschaft an Schatoff die Umgebung desselben gut zu mustern: als ihn nun
Schatoff auf der Treppe empfing und ihm in der Aufregung mitteilte --
wahrscheinlich ganz unwillkrlich --, da seine Frau zurckgekehrt sei,
da war Erkels instinktive Schlauheit gro genug, um ihm sofort zu sagen,
da er hier nicht die geringste Neugier weiter zeigen drfe, whrend er
gleichzeitig blitzschnell begriff, von welcher ungeheuren Bedeutung die
Rckkehr dieser Frau fr das Gelingen oder Nichtgelingen ihres Vorhabens
sein konnte ...

Mit dem letzteren sollte er nur zu recht haben: Marja Ignatjewnas
Rckkehr rettete geradezu die Schurken, da sie Schatoff von jenen
gefhrlichen Gedanken ablenkte, und half ihnen noch, sich seiner zu
entledigen ... Diese pltzliche Ankunft seiner Frau regte ihn malos
auf, warf seine Gedanken in ganz neue Gleise und lie ihn fr sich
selbst jede Vorsicht vergessen. Ja, gerade der Gedanke an seine eigene
Gefahr kam ihm jetzt, wo er mit so ganz anderem beschftigt war, am
allerwenigsten in den Sinn. Im Gegenteil, die Nachricht, da
Werchowenski am nchsten Tage fliehen werde, beruhigte ihn in der
Beziehung vollstndig. Und an der Richtigkeit dieser Nachricht zweifelte
er um so weniger, als sie andererseits seinen Verdacht vollkommen
besttigte.

Nachdem er in das Zimmer zurckgekehrt war, setzte er sich still in eine
Ecke, sttzte die Ellenbogen auf die Knie und vergrub sein Gesicht in
den Hnden. Bittere Gedanken qulten ihn ...

Und pltzlich hob er den Kopf, stand auf und ging auf den Fuspitzen zum
Bett, um sie zu sehen.

Herrgott! Sie wird doch morgen bestimmt erkranken, es hat ja jetzt
schon angefangen! Sie hat sich natrlich auf der Reise erkltet. Wie
sollte sie auch nicht! -- ist sie doch gar nicht mehr an unser rauhes
Klima gewhnt! Und dann die Waggons, dazu noch die dritte Klasse, und
drauen Sturm und Regen. Dabei hat sie nur so ein leichtes Mntelchen
an! Und sie sollte ich nun verlassen, so allein hier lassen, ohne jede
Hilfe? Und ihr Reisetschchen, wie leicht und klein das ist, wiegt ja
keine zehn Pfund! Die Arme, wie erschpft sie ist, wie viel sie ertragen
hat! Sie ist stolz, darum klagt sie nicht! Aber erbittert, erbittert ist
sie! Kommt noch die Krankheit hinzu -- selbst ein Engel ist in der
Krankheit gereizt! Wie trocken und hei jetzt ihre Stirn sein mu, was
fr Schatten unter den Augen liegen und ... und wie schn dieses ovale
Gesicht ist und dieses herrliche Haar, wie ...

Aber er wandte schnell die Augen von ihr, ging eilig in seine Ecke
zurck, wie erschrocken schon bei dem bloen Gedanken, in ihr etwas
anderes zu sehen, als ein unglckliches, gequltes Wesen, dem er helfen
mute.

Was sind das hier fr _Hoffnungen_! Oh, wie niedrig, wie gemein der
Mensch doch ist!

Er setzte sich wieder, vergrub wieder das Gesicht in den Hnden und
begann zu denken, lie Erinnerungen an sich vorberziehen ... und wieder
trumte er von Hoffnungen.

Ach, mde bin ich, mde! fiel ihm ihr Ausruf, ihre schwache kranke
Stimme ein. Herrgott! wie sollte ich sie denn jetzt verlassen --
achtzig Kopeken ihr ganzes Geld! Gleich hielt sie ihr Beutelchen hin,
wie klein, wie alt es war! ... Ist hergekommen, um zu arbeiten, zu
verdienen, eine Stelle zu suchen -- was wei sie denn von Stellen, was
wei sie denn von Ruland! Das ist doch alles wie bei strrischen
kleinen Kindchen, alles eigene Phantasie, alles frei erdacht; und nun
rgert sie sich, die Arme, warum Ruland nicht ihren auslndischen
Illusionen gleicht! Oh, ihr Unglcklichen, oh, ihr Unschuldigen! ...
Aber hier ist es wirklich kalt ...

Und er erinnerte sich pltzlich, da sie ber Klte geklagt und er ihr
versprochen hatte, einzuheizen.

Holz ist hier, das knnte ich hereinholen, aber wenn sie dabei
aufwacht? Es wird schon gehen! Aber wie wird es nun mit dem Kalbsbraten?
Sie wird aufwachen und dann vielleicht doch essen wollen ... Nun, das
spter! Kirilloff schlft die ganze Nacht nicht. Aber womit knnte ich
sie nur zudecken, sie schlft so fest! Und sie wird es bestimmt kalt
haben, bestimmt kalt!

Er trat noch einmal leise zu ihr: der Kleiderrock hatte sich ein wenig
verschoben und ihr Bein war fast bis zum Knie unbedeckt. Schatoff sah
erschrocken weg, zog dann schnell seinen warmen Mantel aus und breitete
ihn, bemht, nichts zu sehen, ber die entblte Stelle. Er selbst blieb
in einem dnnen alten Rock.

Das vorsichtige Anheizen des Ofens, das leise Herumgehen auf den
Fuspitzen, das Betrachten der Schlafenden, das Denken in der Ecke --
all das nahm viel Zeit in Anspruch. Es vergingen zwei, drei Stunden.
Inzwischen waren Werchowenski und Liputin auf dem Schleichwege zu
Kirilloff gekommen und hatten ihn auf demselben Wege schon wieder
verlassen. Endlich schlummerte auch Schatoff in seiner Ecke ein. Da
sthnte sie pltzlich: sie erwachte und rief ihn. Er sprang wie ein
Verbrecher auf.

Marie! Ich war eingeschlafen ... sei nicht bs, Marie. Ach, wie gemein
ich bin, Marie!

Sie hatte sich ein wenig erhoben, sah sich verschlafen und erstaunt um,
als ob sie noch gar nicht recht begriff, wo sie sich befand, doch
pltzlich fuhr sie unwillig, zornig auf.

Ich habe Ihr Bett eingenommen, ich bin vor Mdigkeit einfach so
eingeschlafen ... Warum haben Sie das zugelassen? Warum haben Sie mich
nicht sofort aufgeweckt? Wie haben Sie gewagt zu denken, da ich Ihnen
zur Last fallen will?

Wie htte ich dich denn aufwecken knnen, Marie?

Es war Ihre Pflicht, mich aufzuwecken! Fr Sie ist hier kein zweites
Bett und ich habe Ihr Bett eingenommen. Sie htten mich nicht in diese
falsche Situation bringen sollen. Oder glauben Sie, da ich gekommen
bin, um Ihre Wohltaten auszunutzen? Sie werden sich sofort auf Ihr Bett
legen, -- und ich lege mich in der Ecke auf ein paar Sthle ...

Marie, ich habe hier gar nicht so viel Sthle und es ist auch nichts
da, was ich unterbreiten knnte!

Nun, dann einfach auf die Diele. Sie mten ja sonst selbst auf der
Diele schlafen. Ich will mich auf die Diele legen, sofort, sofort!

Sie erhob sich und wollte einen Schritt vorwrts treten, doch pltzlich
nahm ein unertrglicher krampfartiger Schmerz ihr alle Kraft und alle
Entschlossenheit und sie sank laut aufsthnend aufs Bett zurck.
Schatoff lief erschrocken zu ihr, und Marie, die ihr Gesicht im Kissen
verbarg, ergriff seine Hand und prete und bog seine Hand wie im Krampf
in ihren Hnden.

So verging eine ganze Minute.

Marie, Liebling, hier ist ein Doktor Frenzel, ich kenne ihn, sogar sehr
gut ... Ich werde zu ihm laufen, wie?

Unsinn!

Warum Unsinn? Sage, Marie, was tut dir denn weh? ... Sonst knnte man
auch einen heien Umschlag machen ... vielleicht auf den Magen, zum
Beispiel ... Das verstehe ich auch ohne Doktor ... Oder ein Senfpflaster
...

Was? fragte sie verwundert und sah ihn, den Kopf leicht erhebend,
erschrocken an.

Das heit, was denn, Marie? fragte Schatoff, der sie nicht verstand.
Was fragst du? O Gott, ich rede vielleicht wirklich Unsinn! Marie,
vergib, aber ich kann nichts verstehen ...

Ach, lassen Sie mich, das geht Sie auch gar nichts an ... das zu
verstehen ... Wre ja auch nur komisch! und sie lachte bitter auf.
Erzhlen Sie mir irgend etwas. Gehen Sie im Zimmer herum und sprechen
Sie. Stehen Sie nicht bei mir und sehen Sie mich nicht an, darum bitte
ich Sie ganz besonders -- schon zum fnfhundertstenmal!

Schatoff begann auf und ab zu gehen, sah zu Boden und strengte sich mit
aller Gewalt an, nicht zu ihr hinzusehen.

Hier -- sei nicht bse, Marie, ich flehe dich an --, hier unten ist
Kalbsbraten, nicht weit, und Tee ... Du hast vorhin so wenig gegessen
...

Sie winkte eigensinnig und gergert mit der Hand ab.

Schatoff bi sich in Verzweiflung auf die Lippe.

Hren Sie, ich habe die Absicht, hier in der Stadt eine Buchbinderei zu
erffnen. Mit Teilhabern. Da Sie hier leben und die Verhltnisse kennen,
so sagen Sie mir, was Sie dazu meinen: wird es sich lohnen oder nicht?

Ach, Marie, bei uns liest man doch keine Bcher. Und es gibt ja auch
gar keine! Wie soll er sich denn da Bcher einbinden lassen?

Wer >Er<?

Der hiesige Leser, der hiesige Einwohner berhaupt, Marie.

So sprechen Sie doch verstndlich! Denn was heit das: >_er_<! -- wer
aber dieser >_er_< ist -- ist mir unbekannt. Sie kennen die Grammatik
nicht mehr.

Das war doch im Geiste der Sprache ... Marie, murmelte Schatoff.

Ach, gehen Sie mir mit Ihrem Geist! Habe das satt. Warum wrde denn der
hiesige Leser oder Einwohner nicht einbinden lassen?

Weil, ein Buch lesen und ein Buch einbinden lassen -- zwei ganz
verschiedene Zeiten der Entwicklung sind, und zwar zwei riesig groe.
Zuerst lernt er allmhlich das Lesen, in Jahrhunderten natrlich, aber
zerreit und vernachlssigt das Buch, da er es noch nicht fr eine
ernste Sache hlt. Ein Buch aber einbinden lassen, heit schon das Buch
achten, bedeutet, da er nicht nur das Lesen lieben gelernt hat, sondern
auch als eine groe Sache anerkennt. Bis zu dieser Periode ist Ruland
noch nicht gekommen. Europa bindet schon lange ein.

Das ist, wenn auch pedantisch ausgedrckt, doch nicht dumm gedacht und
erinnert mich an die Zeit von vor drei Jahren. Sie konnten zuweilen ganz
geistreich sein, vor drei Jahren.

Sie sagte das ebenso gereizt, wie alle ihre frheren eigensinnigen
Phrasen.

Marie, Marie, wandte sich Schatoff gerhrt zu ihr, oh, Marie! Wenn du
wtest, was alles in diesen drei Jahren vergangen und verschwunden ist!
Ich hrte, da du mich spter verachtet haben sollst, weil ich meine
berzeugungen gendert habe! Aber was habe ich denn fortgeworfen? Doch
nur die Feinde des lebendigen Lebens, veraltete Liberale, die sich vor
persnlicher Unabhngigkeit frchten, die Lakaien der Gedanken, Feinde
der Persnlichkeit und Freiheit, die altersschwachen Anpreiser des Toten
und der stinkenden Verwesung! Was steht denn hinter ihnen? -- doch nur
Greisenhaftigkeit, die goldene Mittelmigkeit, spieerhafteste,
erbrmlichste Unbegabtheit, neidische Gleichheit, Gleichheit ohne
persnliche Wrde, eine Gleichheit, wie ein Lakai sie begreift, oder
hchstens wie ein Franzose von dreiundneunzig sie begriff ... Doch die
Hauptsache: berall sind Schurken, Schurken und Schurken!

Ja, Schurken gibt es viele, sagte sie kurz.

Sie lag ausgestreckt auf dem Bett, ein wenig auf der Seite, reglos, als
frchte sie, sich zu bewegen, den Kopf auf dem Kissen zurckgebogen, und
sah mit mdem, doch heiem Blick auf die Zimmerdecke. Ihr Gesicht war
bleich, ihre Lippen trocken und hei.

Du stimmst mir bei, Marie, du stimmst mir bei? rief Schatoff aus.

Sie wollte den Kopf schtteln zum Zeichen der Verneinung, doch pltzlich
wurde sie wieder von einem Krampf erfat. Wieder verbarg sie das Gesicht
in dem Kissen und wieder prete sie mit aller Kraft die Hand Schatoffs,
der, auer sich vor Angst, zu ihr gestrzt war.

Marie, Marie! Aber das ist vielleicht etwas furchtbar Ernstes, Marie!

Schweigen Sie ... Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht! rief
sie fast jhzornig und drehte den Kopf auf dem Kissen, da nun wieder
ihr Gesicht zu sehen war. Wagen Sie es nicht, mich mit Ihrem Mitleid
anzusehen! Gehen Sie im Zimmer herum und sprechen Sie, sprechen Sie!

Schatoff ging wieder auf und ab und gab sich verzweifelte Mhe, nur von
Gleichgltigem zu sprechen.

Womit beschftigen Sie sich hier? fragte sie, mit gereizter Ungeduld
ihn unterbrechend.

Ich arbeite bei einem Kaufmann im Kontor. Wenn ich wollte, Marie,
knnte ich hier ganz gutes Geld verdienen.

Desto besser fr Sie ...

Ach, denk nur nicht, Marie, ich ... ich habe das nur so gesagt ...

Und was tun Sie denn sonst noch? Was predigen Sie denn jetzt? Sie
knnen doch nicht anders, als predigen. Das gehrt schon einmal zu Ihrem
Charakter!

Ich predige Gott, Marie.

An den Sie selbst nicht glauben. Diese Idee habe ich nie begreifen
knnen.

Lassen wir das, Marie, davon knnen wir spter sprechen.

Was war diese Marja Timofejewna hier?

Davon wollen wir auch spter sprechen, Marie.

Wagen Sie es nicht, mir solche Bemerkungen zu machen! Ist es wahr, da
ihr Tod ein Verbrechen ... dieser Menschen ist?

Zweifellos, prete Schatoff durch die Zhne hervor.

Marie erhob pltzlich den Kopf und rief krankhaft erregt:

Wagen Sie es nie mehr, mir davon zu sprechen, nie mehr, nie mehr!

Und wieder fiel sie zurck, wieder bermannt von einem krampfartigen
Schmerz. Das war schon der dritte Anfall. Ihr Gesthn wurde lauter --
laut bis zum Geschrei.

O Sie unertrglicher Mensch! O Sie entsetzlicher Mensch! Sie warf sich
hin und her, sie stie erbarmungslos Schatoff fort, der am Bett stand
und sich ber sie beugte.

Marie, ich werde alles tun, was du willst ... ich werde gehen ...
sprechen ...

Ja, sehen Sie denn wirklich nicht, was begonnen hat!

Was hat begonnen, Marie?

Ach, wie soll ich es wissen! Wei ich denn etwas davon? ... Oh,
verfl...! Oh ... im voraus sei schon alles verflucht!

Marie, wenn du nur sagen wolltest, was begonnen hat ... denn sonst ...
wie soll ich denn sonst etwas verstehen?

Sie sind ein abstrakter Schwtzer ... Oh ... alles ... alles sei
verflucht!

Marie! Marie!

Er begann schon ernstlich zu befrchten, da sie wahnsinnig geworden
sei.

Da richtete sie sich pltzlich halb auf und sah ihn mit furchtbarer,
krankhafter, ihr Gesicht entstellender Wut an:

Ja, sehen Sie denn noch immer nicht, da ich mich in Geburtswehen
qule? Mag es im voraus verflucht sein, dieses Kind!

Marie, rief Schatoff, der jetzt endlich begriff, um was es sich
handelte. Marie ... Warum hast du das nicht gleich gesagt? Er besann
sich sofort, und pltzlich ergriff er in energischer Entschlossenheit
seine Mtze.

Wute ich es denn, als ich hier eintrat? Wre ich denn sonst zu Ihnen
gekommen? Man sagte mir: erst nach zehn Tagen! Aber wohin gehen Sie
denn, wohin wollen Sie, unterstehen Sie sich nicht! ...

Nach der Hebamme! Ich verkaufe den Revolver: ganz zuerst mu jetzt Geld
--!

Wagen Sie es nicht, unterstehen Sie sich nicht, nach der Hebamme zu
gehen, einfach ein Weib, irgendeine Alte, ich habe noch achtzig Kopeken
im Geldbeutel ... Bauernweiber gebren doch ohne fremde Hilfe ... Und
krepiere ich, um so besser ...

Das Weib schaffe ich zur Stelle, eine Alte gleichfalls. Nur wie ... wie
soll ich, Herrgott, wie soll ich dich so allein lassen, Marie?

Doch er sagte sich, da es immerhin besser war, sie jetzt allein zu
lassen, als spter ohne Hilfe zu sein, und er eilte wie gehetzt die
Treppe hinunter.


                                  III.

Ganz zuerst lief er zu Kirilloff. Es war schon gegen ein Uhr nachts.
Kirilloff stand mitten im Zimmer.

Kirilloff, meine Frau gebiert!

Das heit, wie?

Sie gebiert, sie gebiert ein Kind!

Sie ... tuschen sich auch nicht?

O nein, nein, sie hat schon Krmpfe! ... Sie braucht ein Weib,
irgendeine Alte, unbedingt, sofort ... Kann man sie bekommen? Sie hatten
hier doch immer viele alte Weiber ...

Sehr schade, da ich nicht zu gebren verstehe, sagte Kirilloff ernst
und nachdenklich, das heit, nicht ich gebren, aber so zu machen, da
ich nicht zu gebren verstehe ... oder ... Nein, das verstehe ich schon
nicht zu sagen.

Sie wollen wohl sagen, da Sie bei der Geburt nicht zu helfen
verstehen? Aber davon spreche ich ja nicht! Eine Alte, ein altes Weib,
ich bitte Sie um ein altes Weib, eine Krankenwrterin, Pflegerin,
Aufwrterin!

Die Alte wird da sein, nur vielleicht nicht gleich. Wenn Sie wollen,
werde ich anstatt ...

Unmglich! -- ich laufe jetzt zur Wirginskaja, zur Hebamme ...

Gemeines Frauenzimmer.

Ja, Kirilloff, ja, aber sie ist die beste! O ja, das wird alles ohne
Ehrfurcht, ohne Freude, mrrisch, mit Geschimpf und Gotteslsterungen
geschehen -- bei einem so groen, heiligen Geheimnis, wie es die Geburt
eines neuen Menschen ist! ... Oh, und sie -- sie verflucht das Kind
schon jetzt! ...

Wenn Sie wollen, ich ...

Nein, nein, aber whrend ich laufe (oh, ich werde die Wirginskaja schon
heranschleppen!) whrenddem knnten Sie von Zeit zu Zeit zu meiner
Treppe gehen und vorsichtig hinaufhorchen, doch unterstehen Sie sich
nicht, hineinzugehen, Sie wrden sie erschrecken, hren Sie, da Sie
nicht hineingehen, horchen Sie blo so -- auf alle Flle! Nur wenn etwas
uerstes geschehen sollte -- gehen Sie hinein!

Verstehe. Geld noch einen Rubel. Hier. Ich wollte morgen ein Huhn,
jetzt will ich nicht. Laufen Sie schnell, laufen Sie so schnell Sie
knnen. Der Samowar ist die ganze Nacht.

Kirilloff ahnte nichts von den Absichten gegen Schatoff. Auch frher war
ihm die Gefahr unbekannt gewesen, die Schatoff drohte. Er hatte nur
gehrt, da Schatoff alte Abrechnungen mit diesen Leuten habe, doch
wute er nichts Nheres darber, obschon er selbst durch gewisse
Instruktionen aus dem Auslande (brigens waren es nur ganz
unverfngliche) mit dem Fall Schatoff gewissermaen verknpft war.
Doch in der letzten Zeit hatte er alles abgelehnt, hatte sich von allem
zurckgezogen, besonders was die allgemeine Sache irgendwie anging,
und sich ganz seinem kontemplativen Leben hingegeben. Pjotr
Werchowenski, der auf der Sitzung doch eigentlich nur deshalb Liputin
aufgefordert hatte, mitzukommen, um ihn zu berzeugen, da Kirilloff den
Fall Schatoff tatschlich auf sich nehmen werde, hatte im Gesprch mit
Kirilloff kein Wort ber Schatoff verloren, ja, ihn nicht einmal
erwhnt: offenbar mit Absicht, da er nicht sicher war, ob Kirilloff
nicht alles ablehnen wrde, wenn er erfuhr, da Schatoff als Opfer mit
hineingezogen werden sollte. So hatte er denn diesen Teil der ganzen
Angelegenheit auf den folgenden Tag verschoben, wenn die Tat bereits
geschehen und alles schon einerlei war. Liputin war es allerdings
aufgefallen, da Pjotr Stepanowitsch gerade ber Schatoff kein Wort
sagte, doch war er andererseits selbst zu aufgeregt gewesen, um ihn
darauf aufmerksam zu machen.

Schatoff lief so schnell er nur konnte zu Wirginskis, fluchend ber die
Entfernung, die ihm heute endlos erschien.

An dem Hause mute er lange klopfen: alles schlief natrlich. Doch
Schatoff schlug rcksichtslos und mit aller Kraft an die Fensterlden.
Der Hofhund schlug an, ri an seiner Kette und heulte und bellte, da
smtliche Hunde der Umgegend gleichfalls anschlugen.

Wer klopft? Was wnschen Sie? ertnte endlich an einem Fenster die
weiche Stimme Wirginskis, deren Sanftheit in so gar keinem Verhltnis zu
der Strung stand.

Der Fensterladen wurde geffnet und gleich darauf auch das Klappfenster.

Wer ist da? Wer ist der Schuft? kreischte wtend die Stimme der alten
Jungfer, Wirginskis Schwgerin, deren Ton schon mehr als im Verhltnis
zu der Beleidigung stand.

Ich bin Schatoff, meine Frau ist zu mir zurckgekehrt und wird gleich
gebren ...

So mag sie doch, scheren Sie sich zum Kuckuck!

Ich bin nach Arina Prochorowna gekommen, ohne Arina Prochorowna gehe
ich nicht fort!

Sie kann doch nicht zu jedem gehen! In der Nacht ist eine andere Praxis
... Scheren Sie sich zur Makschejewa, und da Sie sich nicht
unterstehen, noch weiterzulrmen! rief zornknatternd die Weiberstimme.

Doch Schatoff hrte gleichzeitig, wie Wirginski sie zu beschwichtigen
und zu unterbrechen suchte. Die alte Jungfer aber lie ihn einfach nicht
zu Wort kommen und verteidigte ihren Platz am Fenster.

Ich gehe nicht fort! schrie Schatoff wieder.

Warten Sie, warten Sie! rief Wirginski und es gelang ihm endlich, die
alte Jungfer zu verdrngen. Ich bitte Sie, Schatoff, warten Sie noch
fnf Minuten, ich werde Arina Prochorowna wecken, nur bitte klopfen Sie
nicht mehr und schreien Sie bitte nicht ... Oh, wie ist das
schrecklich!

Nach fnf endlosen Minuten erschien dann schlielich Arina Prochorowna.

Ihre Frau ist zu Ihnen gekommen? ertnte ihre Stimme durch das
Klappfenster, und zwar, zu Schatoffs nicht geringer Verwunderung,
diesmal durchaus nicht gergert, sondern hchstens befehlend wie
gewhnlich -- aber anders verstand Arina Prochorowna berhaupt nicht zu
sprechen.

Ja, meine Frau -- und sie bekommt ein Kind.

Marja Ignatjewna?

Ja, Marja Ignatjewna. Natrlich, Marja Ignatjewna!

Ein Schweigen entstand. Schatoff wartete. Hinter dem Fenster hrte er
flstern.

Ist sie schon vor langer Zeit angekommen? fragte Frau Wirginskaja
wieder.

Heute abend, um acht. Bitte schnell, wenn Sie knnen!

Wieder wurde im Hause geflstert, wieder schienen sie sich zu beraten.

Hren Sie, irren Sie sich nicht? Hat sie selbst Sie zu mir geschickt?

Nein, sie hat mich nicht geschickt, sie will nur ein Weib haben, ein
einfaches Weib, um mich nicht mit Ausgaben zu belasten, aber seien Sie
unbesorgt, ich werde alles bezahlen.

Gut, ich komme, ob Sie zahlen oder nicht. Ich habe stets die
selbstndigen Anschauungen Marja Ignatjewnas zu schtzen gewut, wenn
sie sich auch meiner vielleicht nicht mehr erinnert. Haben Sie die
notwendigsten Sachen?

Ich habe nichts, aber es wird alles, alles gleich zur Stelle sein! ...
Also Sie kommen?

Damit lief Schatoff auch schon fort: diesmal zu Lmschin.

Es gibt doch in diesen Leuten noch Gromut! dachte er auf dem Wege.
Die berzeugungen und der Mensch, -- das sind, glaube ich, in vielem
zwei ganz verschiedene Dinge. Ich habe ihnen vielleicht in manchem
Unrecht getan! ... Alle Menschen sind schuldig, alle sind schuldig und
... wenn doch alle das einsehen wrden! ...

Bei Lmschin brauchte er nicht lange zu klopfen: es wurde berraschend
schnell geffnet. Lmschin war aber auch schon beim ersten Schlag aus
dem Bett gesprungen und steckte -- mit bloen Fen, nur im Hemd -- im
Nu den Kopf zum Luftfenster hinaus, ungeachtet dessen, da er sich so
einen Schnupfen zu holen riskierte; er aber war sonst sehr vorsichtig
und stets um seine Gesundheit besorgt. Doch diese Scharfhrigkeit und
Eile hatten einen besonderen Grund: Lmschin hatte nmlich nach der
Sitzung bei Erkel berhaupt nicht einschlafen knnen und den ganzen
Abend und die halbe Nacht nur so gezittert vor Aufregung. Ihm schwante
die ganze Zeit, da sogleich gewisse ungebetene und unerwnschte Gste
bei ihm erscheinen wrden. Denn ihn, Lmschin, qulte am meisten die
Nachricht von Schatoffs Denunziation. Und nun pltzlich, wie
absichtlich, wurde so furchtbar laut und befehlend an sein Fenster
geklopft! ...

Als er Schatoff erblickte, erschrak er so, da er sofort das Fenster
zuschlug und ins Bett zurcklief. Schatoff aber begann wtend zu rufen
und zu klopfen.

Wie drfen Sie so schreien und klopfen mitten in der Nacht? rief das
Jdchen drohend und doch fast vergehend vor Angst, -- und auch das erst
nach ganzen zwei Minuten der Unentschlossenheit und erst nachdem er sich
berzeugt hatte, da Schatoff ganz allein gekommen war.

Hier haben Sie Ihren Revolver, nehmen Sie ihn zurck und geben Sie mir
fnfzehn Rubel.

Was soll das heien, sind Sie besoffen? Das ist Raubmord! Und ich
erklte mich nur. Warten Sie, ich nehme ein Plaid um.

Geben Sie sofort fnfzehn Rubel. Wenn nicht, so werde ich bis zum
Morgen klopfen und schreien. Ich schlage Ihnen das Fenster ein!

Aber ich werde die Polizei rufen und man nimmt Sie in Arrest!

Ah, und bin ich denn stumm? Als ob ich nicht auch die Polizei rufen
kann? Wer hat die wohl mehr zu frchten, Sie oder ich?

Und Sie knnen so hliche Absichten haben ... Ich wei, worauf Sie
anspielen ... Warten Sie, warten Sie um Gottes willen, klopfen Sie nicht
mehr! Erbarmen Sie sich, wer hat denn Geld in der Nacht? Wozu brauchen
Sie berhaupt Geld, wenn Sie nicht betrunken sind?

Meine Frau ist zu mir gekommen. Ich habe Ihnen zehn Rubel abgelassen,
habe kein Mal geschossen, -- nehmen Sie den Revolver, nehmen Sie ihn
sofort!

Lmschin streckte mechanisch seine Hand aus dem Fenster und nahm den
Revolver entgegen: einen Augenblick wartete er, dann aber steckte er
pltzlich den Kopf hinaus und lispelte mit steifer Zunge, ohne selbst zu
begreifen, was er tat, und mit einem Schauer im Rcken:

Sie lgen, zu Ihnen ist gar keine Frau gekommen ... Das ... das ... Sie
wollen einfach irgendwohin fliehen!

Sie Kalb, wohin soll ich denn fliehen? Euer Pjotr Werchowenski flieht,
aber nicht ich. Ich war soeben bei der Wirginskaja und sie war sofort
bereit, zu mir zu kommen. Entschlieen Sie sich! Meine Frau qult sich,
ich brauche Geld, geben Sie das Geld!

Ein ganzes Feuerwerk von Gedanken sprhte sogleich im findigen Kopfe
Lmschins auf. Alles nahm in seinen Augen pltzlich eine andere Wendung,
aber die Angst lie ihn immer noch nicht klar berlegen.

Ja aber, wie ist denn das ... Sie leben doch nicht mit Ihrer Frau?

Fr solche Fragen schlage ich Ihnen den Schdel ein!

Ach, mein Gott, verzeihen Sie, ich begreife, ich war nur so bestrzt
... Aber ich verstehe, verstehe. Aber ... aber wird denn Arina
Prochorowna wirklich kommen? Sie sagten, da sie schon gegangen sei?
Wissen Sie, das ist doch gar nicht wahr. Sehen Sie, sehen Sie, sehen
Sie, wie Sie die Unwahrheit sagen, auf jedem Schritt!

Sie ist jetzt bestimmt schon bei meiner Frau ... Halten Sie mich nicht
auf, ich bin nicht schuld daran, da Sie dumm sind.

Das ist nicht wahr, ich bin gar nicht dumm. Verzeihen Sie, aber ich
kann auf keine Weise ...

Und er wollte schon, ganz aus der Fassung gebracht, zum drittenmal das
Luftfenster schlieen. Doch Schatoff brllte derart auf, da der Kleine
sofort wieder den Kopf zum Fenster hinaussteckte.

Aber das ist doch schon einfach eine ... eine Beschlagnahme der
Persnlichkeit! Was wollen Sie denn von mir, nun, was, was denn,
formulieren Sie es doch! Und beachten Sie, beachten Sie, mitten in solch
einer Nacht!

Fnfzehn Rubel verlange ich, Schafskopf!

Aber ich, ich will den Revolver vielleicht gar nicht zurcknehmen! Sie
haben gar nicht das Recht, so was zu verlangen. Sie haben das Ding
gekauft -- damit ist alles fertig, und Sie haben nicht das Recht! ...
Solch eine Summe habe ich berhaupt nicht in der Nacht! Wo soll ich
solch eine Summe hernehmen in der Nacht?

Du hast immer Geld bei dir; ich habe dir zehn Rubel abgelassen, aber du
bist ja ein bekannter Judenlmmel!

Kommen Sie bermorgen, -- hren Sie, bermorgen frh, punkt zwlf Uhr,
und ich gebe Ihnen alles, alles, ist's recht?

Schatoff schlug wieder unbndig an den Fensterrahmen.

Zehn Rubel her, und morgen frh fnf!

Nein, _ber_morgen frh fnf, aber morgen kann ich bei Gott nicht.
Kommen Sie lieber gar nich! Kommen Sie lieber gar nich!

Zehn Rubel, sag ich; o Schuft!

Aber warum schimpfen Sie denn so? Warten Sie, ich mu doch erst Licht
machen! Sie haben den Kitt von den Scheiben losgeschlagen ... Wer
schimpft denn so in der Nacht? Hier! und er reichte einen Schein aus
dem Fenster.

Schatoff ergriff ihn, -- es war ein Fnfrubelschein.

Das sind ja nur fnf!

Bei Gott, ich kann nicht, und wenn Sie mich erstechen, ich kann nicht,
bermorgen kann ich alles, aber jetzt kann ich gar nichts.

Ich gehe nicht frher fort! schrie Schatoff.

Nu, nehmen Sie noch das, nu, hier ist noch, sehen Sie, hier ist noch,
aber mehr gebe ich nich. Schreien Sie sich meinetwegen die Kehle kaputt,
ich geb nich mehr, was Sie da auch nich machen -- geb nich mehr, geb
nich, geb nich!

Er war auer sich, in Verzweiflung, in Schwei. Die beiden Geldscheine,
die er noch gab, waren nur Einrubelscheine. Im ganzen hatte Schatoff
sieben Rubel bekommen.

Da dich der Teufel hole, ich komme morgen. Und ich haue dich,
Lmschin, wenn du die acht Rubel nicht bereit hast!

Und morgen bin ich einfach nich zu Haus, Dummkopf! dachte Lmschin
blitzschnell.

Warten Sie, warten Sie, Herr Schatoff! rief er ihm pltzlich nach.
Warten Sie, kommen Sie zurck! -- Sagen Sie, bitte, ist es wirklich
wahr, was Sie gesagt haben, da Ihre Frau zurckgekommen ist?

Esel! sagte Schatoff ausspuckend und lief so schnell er konnte nach
Hause.


                                  IV.

Arina Prochorowna wute nichts von dem in der Sitzung gefaten Beschlu.
Wirginski, der ganz schwach nach Hause gekommen war, hatte ihr in seiner
Aufregung zwar einiges mitgeteilt, alles jedoch noch nicht zu sagen
gewagt. Im Grunde war es nur die Nachricht von Schatoffs bevorstehender
Denunziation, die sie erfahren hatte. Wirginski fgte wohl noch hinzu,
da er an diese Nachricht selber nicht ganz glaube, doch Arina
Prochorowna war nichtsdestoweniger heftig erschrocken. Aus diesem Grunde
entschlo sie sich sofort, als Schatoff sie zu seiner Frau rief, trotz
ihrer Mdigkeit (sie hatte in der Nacht vorher auch schon entbunden) zu
ihm zu gehen. Sie hatte schon lngst, wie sie sagte, diesen Schatoff fr
fhig gehalten, eine brgerliche Gemeinheit zu begehen, und glaubte
darum an eine Anzeige von seiner Seite weit eher als ihr Mann. Als sie
aber hrte, da Marja Ignatjewna zurckgekehrt war, da schpfte sie
sofort neue Hoffnung: Schatoffs Angst, der verzweifelte Ton seiner Bitte
lieen sie eine gewisse Umwandlung in den Gefhlen des Verrters
ahnen. Ein Mensch, dachte sie, der sich entschlossen hat, sich selbst zu
verderben, nur um andere auszuliefern, wrde anders aussehen und anders
sprechen. Jedenfalls entschlo sich Arina Prochorowna sofort, alles mit
eigenen Augen zu untersuchen. Und auf Wirginski wirkte der Entschlu
seiner Frau unendlich beruhigend -- als ob man ihm fnf Pud von der
Seele genommen htte! Auch in ihm stieg eine neue Hoffnung auf: das
Aussehen Schatoffs schien ihm im hchsten Grade Werchowenskis Verdacht
zunichte zu machen.

Schatoff hatte sich nicht getuscht: als er zurckkam, fand er Arina
Prochorowna schon in seinem Zimmer. Sie war erst vor ein paar Minuten
eingetroffen, hatte den unten an der Treppe Wacht haltenden Kirilloff
mit Verachtung weggejagt und sich schnell und so gut das mglich war,
mit Marie verstndigt. Angetroffen hatte sie ihre Patientin in der
gemeinsten Verfassung, das heit, bse, gereizt und im allerdmmsten
Kleinmut -- aber schon nach wenigen Worten hatte sie Maries smtliche
Einwendungen besiegt.

Was jammern Sie da, da Sie keine teure Hebamme haben wollen? sagte
sie gerade in dem Augenblick, als Schatoff eintrat, der reinste
Bldsinn, verdrehte Gedanken, die von Ihrem unnormalen Zustande kommen.
Mit Hilfe irgendeines alten Bauernweibes htten Sie fnfzig Chancen,
schlecht zu enden, jawohl, und dann gibt es schon mehr Scherereien und
Ausgaben, als wenn Sie eine teure nehmen. Und woher wissen Sie
berhaupt, da ich teuer bin? Sie knnen spter bezahlen, von Ihnen
werde ich nicht mehr verlangen als recht ist, und ich garantiere fr
eine gute Entbindung: bei mir werden Sie schon nicht sterben, das ist
bei mir noch nie vorgekommen. Und das Kind -- das kann ich Ihnen morgen
noch in einer Anstalt unterbringen, und spter geben wir es ins Dorf zur
Erziehung, womit die Sache dann abgetan ist. Sie aber werden schnell
gesund, machen sich an eine vernnftige Arbeit und >entschdigen< dann
meinetwegen Schatoff fr das Zimmer und die Ausgaben, die durchaus nicht
so gro sein werden ...

Ach, nicht das ... Ich habe nicht das Recht, ihn zu belstigen ...

Sehr rationell und brgerlich gedacht, aber, wie gesagt, Schatoff wird
fast berhaupt keine Auslagen haben, glauben Sie mir, -- wenn er sich
nur aus einem phantastischen Herrn in einen Menschen mit vernnftigen
Ideen verwandeln wollte! Vor allem sollte man ihn keine Dummheiten
machen, nicht gleich lostrommeln und mit herausgestreckter Zunge durch
die Stadt rennen lassen! Er hat jetzt hier zu bleiben! Wenn man ihn
nicht mit Gewalt festhlt, so schleppt er uns bis zum Morgen womglich
noch smtliche rzte zusammen: er hat doch bei mir alle Hunde zum
Klffen gebracht! rzte brauchen wir nicht, ich habe schon gesagt, da
ich fr alles garantiere. Ein altes Weib kann man meinetwegen noch zur
Bedienung annehmen, das kostet auch weiter nicht viel. brigens kann er
sich auch selbst ntzlich machen, er braucht doch nicht nur zu
Dummheiten fhig zu sein. Er hat doch Arme und Beine, kann also in die
Apotheke laufen, ohne dabei irgendwie Ihre Gefhle mit >Wohltaten< zu
verletzen. Was Teufel >Wohltaten<! Hat er Sie denn nicht selbst in diese
Lage gebracht? Er hat Sie doch damals zum Bruch mit dieser Familie
getrieben, in der Sie Lehrerin waren, mit dem selbstschtigen Ziel, Sie
dann heiraten zu knnen!? Wir haben doch davon gehrt ... brigens kam
er doch selbst angelaufen und hat bei uns geschrien und getobt wie ein
Verrckter. Ich binde mich wahrhaftig niemandem auf und bin nur um
Ihretwillen gekommen, aus Prinzip, weil wir unter uns zur Solidaritt
verpflichtet sind. Das habe ich ihm brigens auch gesagt. Wenn ich aber
nach Ihrer Meinung hier berflssig bin, dann sagen Sie es nur und --
leben Sie wohl! Da blo kein Unglck geschieht, was so leicht zu
verhten wre. Und sie erhob sich sogar schon von ihrem Stuhl.

Marie war aber so hilflos, litt dermaen und -- um die Wahrheit zu sagen
-- frchtete sich so malos vor dem, was ihr bevorstand, da sie es
jetzt selbst nicht mehr wagte, die Wirginskaja von sich zu lassen. Dafr
aber war ihr diese Frau pltzlich geradezu verhat: die sprach da von
ganz anderem, nur nicht von dem, was in Maries Seele vorging! Doch die
Mglichkeit, in den Hnden einer ungeschickten Hebamme zu sterben,
besiegte den Widerwillen. Zu Schatoff jedoch wurde sie von nun an noch
herrischer, noch unnachsichtiger: schlielich verbot sie ihm nicht nur,
sie anzusehen, sondern er durfte nicht einmal mit dem Gesicht zu ihr
gewandt stehen. Dabei wurden ihre Schmerzen immer strker und ihre
Flche und selbst Schimpfworte immer sinnloser.

Ach, was da! wir schicken ihn einfach hinaus, schnitt Arina
Prochorowna kurz ab. Mit seinem Gesicht erschreckt er Sie nur: bleich
ist er wie ein Toter! Was haben denn Sie zu frchten, Sie komischer
Mensch? Das ist mir mal eine Komdie!

Schatoff antwortete nicht: er hatte sich vorgenommen, um nicht unntz zu
reizen, einfach nichts zu erwidern.

Ach, habe ich dumme Vter in solchen Fllen gesehen! Die verlieren nun
mal immer den Verstand. Aber die haben dann doch wenigstens ...

Hren Sie auf, oder gehen Sie, damit ich endlich sterbe! Kein Wort
mehr! Ich will nicht, will nicht! keuchte Marie in Qualen.

Da kann man ja berhaupt nichts mehr sprechen! Ich sehe nur, da Sie
die Vernunft verloren haben. Doch zur Sache: sagen Sie, haben Sie schon
etwas vorbereitet? Antworten Sie, Schatoff, denn sie hat jetzt keinen
Sinn dafr.

Sagen Sie, bitte, was denn eigentlich ntig ist.

Also nichts vorbereitet.

Sie zhlte ihm das unbedingt Ntige auf, wirklich nur das Notwendigste.

Einiges fand sich auch bei Schatoff. Marie zog einen kleinen Schlssel
hervor und reichte ihn ihm, damit er in ihrer Reisetasche suche. Da aber
seine Hnde zitterten, so dauerte es etwas lnger, bis er das ihm
unbekannte Schlo aufgemacht hatte, worber Marie wieder auer sich
geriet, doch als nun Arina Prochorowna ihm helfen und schneller ffnen
wollte, da erlaubte sie wieder unter keiner Bedingung, da diese ihre
Tasche anrhre, und bestand mit kindischem Geschrei und Weinen darauf,
da nur Schatoff allein sie ffne.

Nach anderen Sachen mute er zu Kirilloff gehen. Kaum aber war er aus
dem Zimmer, da rief ihn Marie auch schon wie rasend wieder zurck und
beruhigte sich erst, nachdem Schatoff sofort wieder von der Treppe
zurckgelaufen kam und ihr dann auseinandersetzte, da er nur auf eine
Minute und auch nur nach dem Notwendigsten fortgehen und sofort wieder
da sein werde.

Na, Sie zu befriedigen ist aber schwer, meinte Arina Prochorowna
lachend, bald mu man mit dem Gesicht zur Wand stehen und darf sich
nicht mal umkehren, bald ist es wieder so nicht recht; und wenn man
Ihretwegen auf einen Augenblick fortgehen mu, fangen Sie zu weinen an.
Na, nun regen Sie sich aber nicht so auf, reiben Sie sich nicht die
verweinten Augen, -- ich lache doch nur.

Er darf sich nicht unterstehen, berhaupt etwas zu denken!

Tatata, wenn er nicht wie ein Bock in Sie verliebt wre, wrde er doch
nicht die Hunde der ganzen Stadt zum Heulen bringen und wie verrckt
durch die Straen rennen! Bei mir hat er fast den Fensterrahmen
herausgeschlagen.


                                   V.

Schatoff traf Kirilloff immer noch im Zimmer auf- und abgehend an, aber
er war so zerstreut und mit sich beschftigt, da er die Ankunft von
Schatoffs Frau einfach vergessen hatte, Schatoff selber jetzt zwar
anhrte, doch ihn zuerst gar nicht verstand.

Ach ja, erinnerte er sich dann pltzlich, und es war, als risse er
sich nur mit groer Anstrengung und nur auf einen Augenblick von
irgendeinem ihn beherrschenden Gedanken los, ja ... die Frau ... Frau
oder altes Weib? Warten Sie: und Frau, und altes Weib? Ich wei schon.
Ich war da. Die Alte wird kommen, nur nicht gleich. Nehmen Sie das
Kissen. Was noch? Ja ... Warten Sie, kommt es bei Ihnen auch vor,
Schatoff, da Sie Minuten ewiger Harmonie haben?

Wissen Sie, Kirilloff, das geht nicht so weiter! Sie mssen sich wieder
angewhnen, in der Nacht zu schlafen.

Jetzt erst erwachte Kirilloff und -- sonderbar: er sprach mit einemmal
viel zusammenhngender und richtiger, als er sonst zu tun pflegte;
wahrscheinlich hatte er alles das schon lange in Gedanken formuliert und
vielleicht sogar aufgeschrieben:

Es gibt Sekunden, es sind im ganzen nur fnf oder sechs auf einmal, und
pltzlich fhlen Sie die Gegenwart der ewigen Harmonie; einer vollkommen
erreichten. Das ist nichts Irdisches; ich rede nicht davon, ob es
himmlisch ist, sondern da ein Mensch in irdischer Gestalt das nicht
aushalten kann. Man mu sich physisch verndern oder sterben. Das ist
ein klares und unbestreitbares Gefhl. Als ob man pltzlich die ganze
Natur fhlt und pltzlich sagt: ja, es ist richtig. Gott hat, als er die
Welt schuf, am Abend jedes Schpfungstages gesagt: >Ja, es ist richtig,
es ist gut.< Das ... das ist nicht ein Ergriffensein, sondern nur so, --
Freude. Man verzeiht auch nichts, denn es gibt nichts mehr, was zu
verzeihen wre. Es ist nicht, da man liebt, oh, -- das hier ist hher
als Liebe! Das Furchtbarste ist, da es so schrecklich klar ist und eine
solche Freude. Wenn es mehr als fnf Sekunden wre, so wrde die Seele
es nicht aushalten und mte vergehen. In diesen fnf Sekunden durchlebe
ich das Leben und wrde fr sie mein ganzes Leben hingeben, denn sie
sind das wert. Um zehn Sekunden zu ertragen, mu man sich physisch
verndern. Ich denke, der Mensch mu aufhren, zu gebren. Wozu Kinder,
wozu Entwicklung, wenn das Ziel erreicht ist? Im Evangelium ist gesagt,
da man nach der Auferstehung nicht mehr gebren, sondern wie Engel
Gottes sein wird. Ein Fingerzeig. Ihre Frau gebiert?

Kirilloff, haben Sie das oft?

In drei Tagen einmal, in einer Woche einmal.

Haben Sie nicht die Fallsucht?

Nein.

Dann werden Sie sie bekommen. Nehmen Sie sich in acht, Kirilloff, ich
habe gehrt, da die Fallsucht gerade so beginnen soll. Mir hat ein
Epileptiker Wort fr Wort so wie Sie den Zustand vor dem Anfall
geschildert: fnf Sekunden gab auch er an, und auch er sagte, da man
mehr nicht ertragen knne. Denken Sie an Mohammeds Krug, der nicht Zeit
hatte, berzuflieen, whrend der Prophet auf seinem Pferde das Paradies
umflog. Der Krug -- das sind dieselben fnf Sekunden; das erinnert zu
sehr an Ihre Harmonie, und Mohammed war bekanntlich Epileptiker. Nehmen
Sie sich in acht, Kirilloff, vor der Fallsucht!

Die kommt zu spt, sagte Kirilloff mit stillem Lcheln.


                                  VI.

Die Nacht verging. Schatoff wurde fortgeschickt, gescholten,
zurckgerufen und wieder gescholten. Maries Angst um ihr Leben erreichte
den hchsten Grad: sie schrie, da sie leben wolle, unbedingt,
unbedingt! und nicht sterben! nicht sterben! Wre Arina Prochorowna
nicht bei ihr gewesen, so htte es schlimm werden knnen; doch
allmhlich bekam sie die nervse Patientin vollkommen in ihre Hand, bis
diese schlielich wie ein Kind jedem einzelnen ihrer Worte gehorchte.
Arina Prochorowna fate sie -- ihr erprobtes Mittel -- mit Strenge an,
sparte sich, wie gewhnlich, jede Freundlichkeit, tat aber sonst
meisterhaft ihre Pflicht.

Der Tag brach an.

Arina Prochorowna fiel es pltzlich ein, zu erzhlen, da Schatoff im
Augenblick vorher auf den Treppenflur hinausgegangen sei, um zu Gott zu
beten, und sie lachte darber. Marie begann gleichfalls zu lachen, hart
und hhnisch, als ob ihr von diesem Lachen leichter wrde.

Schlielich wurde Schatoff ganz hinausgeschickt. Ein kalter, feuchter
Morgen brach an. Er sttzte wieder die Stirn an die Flurwand, und stand
so, wie er vorhin gestanden hatte, als Erkel zu ihm gekommen war. Er
zitterte am ganzen Krper und frchtete sich zu denken, aber sein Denken
heftete sich an alles vor seinem Geist Erscheinende, wie es im Traum zu
geschehen pflegt. Die Gedanken zogen ihn immer wieder mit sich fort,
rissen aber dabei selbst fortwhrend ab, wie mrbe Fden.

Aus dem Zimmer drang schon nicht mehr Gesthn: das waren vielmehr
entsetzliche, rein tierische Schreie, unertrgliche, unmgliche. Er
wollte sich die Ohren zuhalten, doch konnte er es nicht und sank auf die
Knie, unbewut, immer nur das eine Wort stammelnd: Marie, Marie,
Marie!

Und dann pltzlich hrte er einen neuen Schrei, der ihm durch Mark und
Bein fuhr und ihn aufspringen machte -- den schwachen, zitternden Schrei
eines Kindes. ... Er bekreuzte sich und strzte ins Zimmer. In Arina
Prochorownas Hnden wimmerte und bewegte sich mit winzigen Hndchen und
Fchen ein rotes, runzliges, kleines Wesen, das bis zur Klglichkeit
hilflos war, das aber schrie und sich kund tat, ganz als htte es
gleichfalls ein groes Recht auf das Leben ...

Marie lag wie ohnmchtig in den Kissen: nach einer Minute erst schlug
sie die Augen auf und sah sonderbar, ganz sonderbar Schatoff an: das war
ein ganz neuer Blick -- was fr einer, das konnte er noch nicht
verstehen, aber noch nie vorher hatte er einen hnlichen Blick an ihr
bemerkt.

Ein Knabe? ein Knabe? fragte sie mit leiser, schwacher Stimme Arina
Prochorowna.

Ein Bengel! rief die zurck, die gerade das Kleine einwickelte.

Als sie das Kindchen eingepackt hatte und sich nun anschickte, es
zwischen zwei Kissen quer aufs Bett zu legen, gab sie es auf einen
Augenblick Schatoff, damit er es halte. Marie, die das bemerkt hatte,
winkte ihn heimlich heran, als ob sie sich vor Arina Prochorowna
frchtete. Er verstand sie sofort und trat mit dem kleinen Wesen zu ihr,
damit sie es sehen konnte.

Wie ... nett er ist ... flsterte sie lchelnd, mit schwacher Stimme.

Arina Prochorowna bemerkte zufllig Schatoffs Gesichtsausdruck und brach
in heiteres Lachen aus: Was der aber fr ein Gesicht macht! So etwas
habe ich noch nie gesehn!

Lachen Sie nur, Arina Prochorowna ... Das ist eine groe Freude ...
sagte Schatoff mit einfltig seligem Gesichtsausdruck: nach den paar
Worten, die Marie ber das Kind gesagt hatte, war er geradezu erstrahlt.

Ach, was ist denn das fr eine groe Freude! lachte Arina Prochorowna,
die geschftig im Zimmer hin und her ging.

Das Geheimnis, da es ein neues Wesen auf der Welt gibt; das groe und
unerklrliche Geheimnis, Arina Prochorowna -- wie schade, da Sie das
nicht verstehen!

Schatoff sprach wirr, wie benommen und verzckt. Als ob irgend etwas in
seinem Kopfe hin und her wogte und sich von selbst, ohne seinen Willen,
aus seiner Seele ergo.

Es waren zwei, und pltzlich ist ein dritter Mensch, ein neuer Geist,
ein ganzer, in sich vollendeter, wie ihn Menschenhand nimmer erschaffen
kann; ein neuer Gedanke und eine neue Liebe ... sogar unheimlich ... Und
es gibt nichts Hheres auf der Welt!

Der redet was zusammen! Das ist doch einfach die Weiterentwicklung des
Organismus und nichts anderes, nichts von Geheimnissen, sagte Arina
Prochorowna wieder mit aufrichtig heiterem Lachen. So wre ja jede
Fliege ein Geheimnis. Nur sehen Sie: berflssige Menschen sollten
lieber nicht geboren werden. Schmiedet erst alles so um, da sie nicht
mehr berflssig sind, dann knnt ihr sie gebren. Denn sonst -- da mu
man ihn nun bermorgen in die Findelanstalt schleppen ... brigens, so
mu es auch sein.

Niemals werde ich ihn von mir fort in eine Anstalt geben! sagte
Schatoff, den Blick zu Boden gesenkt, mit fester Stimme.

Sie adoptieren ihn?

Er _ist_ mein Sohn.

Natrlich, er heit Schatoff, nach dem Gesetz ist er ein Schatoff, und
Sie haben keine Ursache, sich als Wohltter des Menschengeschlechts
aufzuspielen. Ohne Phrasen geht's ja nicht. Nun, nun, schon gut, nur
noch eines, meine Herrschaften, schlo sie endlich, sich bereits
ankleidend, ich mu nmlich jetzt gehen. Ich werde am Vormittag
wiederkommen und auch am Abend, falls es ntig sein sollte; jetzt aber
mu ich, da hier alles so glcklich berstanden ist, zu meinen anderen
Patientinnen, die warten schon lange auf mich. Sie haben dort irgendwo
eine Alte ... Aber Alte hin, Alte her, deshalb knnen auch Sie sich
immer noch ntzlich machen. Da Sie sie mir nicht allein lassen! --
setzen Sie sich als liebes Mnnchen an ihr Bett -- Marja Ignatjewna wird
Sie, glaub' ich, jetzt nicht mehr fortjagen ... nun, nun, ich scherze ja
nur ...

Bei der Pforte, die Schatoff fr sie aufschlo, sagte sie noch zu ihm:

Sie haben mich fr mein ganzes Leben erheitert! Geld nehme ich von
Ihnen nicht, werd' noch im Schlaf lachen mssen. Komischeres als Sie in
dieser Nacht, habe ich in meinem Leben noch nicht gesehn.

Sie ging vollkommen zufrieden fort. Nach Schatoffs Aussehen und allen
seinen Worten war es fr sie klar wie das Sonnenlicht, da dieser Mensch
sich jetzt in die Rolle des Vaters einfhlen wird und der letzte Lappen
ist, -- ans Denunzieren also berhaupt nicht denken werde. So eilte sie
denn, obgleich die Wohnung einer Patientin am Wege lag, zuerst nach
Haus, um diese Beobachtungen ihrem Mann zur Beruhigung mitzuteilen.

Marie, sie hat dir gesagt, da du nicht gleich schlafen sollst, wenn
das auch, frchte ich, sehr schwer ist ... begann Schatoff schchtern.
Ich werde mich hier ans Fenster setzen und auf dich acht geben, nicht?

Und er setzte sich hinter dem Diwan ans Fenster, doch so, da sie ihn
auf keine Weise sehen konnte. Aber es verging nicht eine Minute, da rief
sie ihn schon wieder und bat gereizt, ihr das Kissen zurechtzurcken. Er
versuchte es vorsichtig. Sie sah bse zur Wand.

Nicht so, ach, nicht so ... Was fr ungeschickte Hnde!

Schatoff bemhte sich, es besser zu machen.

Beugen Sie sich zu mir, sagte sie pltzlich und gab sich die grte
Mhe, ihn nicht anzusehen.

Er zuckte erschrocken zusammen, doch beugte er sich gehorsam zu ihr
nieder.

Noch ... nicht so ... nher, und pltzlich umschlang ihr linker Arm
ungestm seinen Hals und er fhlte ihren starken, feuchten Ku auf
seiner Stirn.

Marie!

Ihre Lippen bebten, sie bezwang sich sichtlich, doch pltzlich richtete
sie sich halb auf und sagte mit blitzenden Augen:

Nicolai Stawrogin ist ein Lump!

Und kraftlos, als ob ihr pltzlich alle Sttzen entzogen worden wren,
fiel sie, hysterisch aufschluchzend, mit dem Gesicht auf das Kissen und
drckte fest, fest Schatoffs Hand in ihren glhenden Hnden.

Von diesem Augenblick an lie sie ihn nicht mehr von sich, und wollte
unbedingt, unbedingt, da er an ihrem Bett sitzen blieb. Sprechen
konnte sie nur wenig, aber sie sah ihn an und lchelte ihm zu wie eine
Glckselige. Sie schien pltzlich ganz unklug, eine ganze Trin geworden
zu sein. Alles war jetzt gleichsam verwandelt. Schatoff weinte bald wie
ein kleiner Knabe, bald sprach er Gott wei wovon, sprach wild, wie
benommen, begeistert; er kte ihre Hnde, und sie hrte ihm wie
berauscht zu, vielleicht ohne zu verstehen, was er sprach, streichelte
liebkosend mit ihrer geschwchten Hand sein Haar und schien sich an ihm
nicht satt sehen zu knnen. Er erzhlte ihr von Kirilloff, erzhlte
davon, da sie beide jetzt von neuem und auf ewig zu leben beginnen
wrden, sprach von Gott und davon, da alle Menschen gut seien ... Und
in der Begeisterung holten sie dann wieder das Kindchen hervor, um es
von neuem zu betrachten.

Marie, rief er, als er das Kindchen in den Armen hielt, nun hat das
ein Ende, das mit den alten Qulereien und der ganzen veralteten
Schmach! Wollen wir uns jetzt auf den neuen Weg durcharbeiten, wir drei
zusammen, ja, ja! ... Ach so: wie werden wir ihn denn nennen, Marie?

Ihn? Wie wir ihn nennen werden? fragte sie verwundert, und pltzlich
drckte sich in ihrem Gesicht ein unsagbarer Schmerz aus.

Sie erhob die Hnde, blickte Schatoff vorwurfsvoll an und warf sich dann
aufschluchzend mit dem Gesicht auf das Kissen.

Marie, was hast du? rief er malos erschrocken.

Und Sie konnten ... konnten ... Oh, Sie Undankbarer!

Marie vergib, Marie ... Ich habe ja nur gefragt, wie wir ihn nennen
sollen. Ich wei nicht ...

Iwan! Iwan! rief sie, ihr glhendes, trnenberstrmtes Gesicht wieder
erhebend. Haben Sie denn wirklich an irgendeinen anderen _furchtbaren_
Namen denken knnen!?

Marie, um Gottes willen, beruhige dich! Oh, wie du nervs bist!

Eine neue Krnkung, da Sie das den Nerven zuschreiben! Ich knnte
wetten; wenn ich gesagt htte, ihn ... mit jenem anderen schrecklichen
Namen zu nennen, so wren Sie sofort einverstanden gewesen, htten es
nicht einmal bemerkt! Oh, ihr Undankbaren, ihr Niedrigen, alle, alle!

Nach einer Minute vershnten sie sich natrlich wieder. Schatoff
beredete sie schlielich, einzuschlafen. Sie tat es denn auch, doch gab
sie seine Hand auch jetzt noch nicht frei, wachte oft auf und blickte
ihn an, ganz als htte sie gefrchtet, er knnte fortgegangen sein, bis
sie dann von neuem einschlief.

Kirilloff schickte die Alte, um zu gratulieren, und sandte zugleich
heien Tee, heie, selbstgebratene Koteletts und Bouillon mit Weibrot
fr Marja Ignatjewna. Die Kranke trank gierig die Bouillon aus und
zwang auch Schatoff, von den Koteletts zu essen, worauf die Alte das
Kind von neuem einwickelte.

Die Zeit verging. Schatoff schlief endlich gleichfalls ein, mit dem Kopf
auf ihr Kissen gebeugt, todmde. So fand sie Arina Prochorowna, die
richtig ihr Wort hielt und wiederkam. Lachend weckte sie die beiden auf,
sprach mit Marie ber das Ntige, besah das Kindchen und verbot Schatoff
wieder strengstens, die Kranke zu verlassen. Darauf ging sie, nach einem
Witz ber das Ehepaar, in dem etwas Verachtung und Hochmut lag, ebenso
befriedigt fort, wie am Morgen.

Es war schon dunkel, als Schatoff erwachte. Er zndete schnell das Licht
an und lief nach der Alten. Gerade als er aus dem Zimmer trat, hrte er
unten auf der Treppe die leisen, vorsichtigen Schritte eines Menschen,
der herauf stieg. Er blieb erschrocken stehen. Es war Erkel.

Nicht weiter! flsterte ihm Schatoff zu, erfate hastig seine Hand und
zog ihn mit sich nach unten zur Hofpforte. Warten Sie hier, ich komme
gleich, ich hatte Sie ganz und gar vergessen!

Er beeilte sich dermaen, da er nicht mal zu Kirilloff ging, sondern
nur die Alte herausrief. Marie geriet in Verzweiflung darber, da er
auch nur daran denken konnte, sie allein zu lassen!

Dafr ist es der allerletzte Schritt! rief er begeistert. Dann kommt
der neue Weg, und niemals, niemals mehr werden wir an den alten
Schrecken zurckdenken!

Es gelang ihm schlielich, sie irgendwie zu beruhigen. Er versprach
ausdrcklich, um neun Uhr wieder zurck zu sein. Darauf kte er sie
fest, kte das Kindchen und lief dann schnell nach unten zu Erkel.

Sie begaben sich nach Skworeschniki in den Stawroginschen Park, wo
Schatoff vor anderthalb Jahren an einer einsamen Stelle am Rande des
Parkes, dort, wo schon der alte Kiefernwald begann, die ihm anvertraute
Druckmaschine vergraben hatte. Es war ein wilder, abgelegener Ort, der
weit vom Herrenhause lag. Von der Bogojawlenskschen Strae war er
ungefhr eine Stunde entfernt.

Sollen wir denn den ganzen Weg zu Fu gehen? Ich nehme eine Droschke.

Ich mchte Sie sehr bitten, keine Droschke zu nehmen, entgegnete
Erkel. Der Droschkenkutscher wre sonst auch ein Zeuge.

Zum Henker! ... Nun, einerlei, nur beenden, beenden!

Sie gingen sehr schnell.

Erkel, Sie kleiner Knabe! rief Schatoff pltzlich und blieb stehen,
sind Sie in Ihrem Leben schon einmal glcklich gewesen?

Sie sind jetzt wohl sehr glcklich? fragte Erkel neugierig.




                       Einundzwanzigstes Kapitel.
                          Die mhevolle Nacht


                                   I.

Wirginski beeilte sich im Laufe des Tages, zu allen Unsrigen zu
laufen, um ihnen mitzuteilen, da Schatoff bestimmt nicht denunzieren
werde, da jetzt seine Frau zu ihm zurckgekehrt und er Vater geworden
sei, und da man, da man doch das Menschenherz kennt, unmglich
irgendeine Gefahr von seiner Seite zu befrchten habe. Aber auer Erkel
und Lmschin traf Wirginski zu seiner Verwunderung niemand zu Hause.

Erkel hrte ihn schweigend an und sah ihm klar in die Augen. Auf die
Frage aber: Werden Sie um sechs Uhr zu ihm gehen? antwortete er mit
dem ungetrbtesten Lcheln, da er ganz selbstverstndlich zu ihm
gehen werde.

Lmschin lag, augenscheinlich wirklich krank, zu Bett und hatte sogar
die Decke um den Kopf gewickelt. Als Wirginski eintrat, erschrak er
entsetzlich, und als Wirginski zu sprechen begann, fing er zur Antwort
pltzlich an wie verrckt unter der Decke mit Hnden und Fen
abzuwinken, was wohl so viel bedeuten sollte, wie: man solle ihn doch
nur ums Himmels willen damit verschonen! Wirginskis Ausfhrungen ber
Schatoff lieen ihn aber doch aufhorchen. Die Nachricht, da Wirginski
von den anderen niemanden angetroffen hatte, regte den Kleinen aus
irgendeinem Grunde furchtbar auf, doch beunruhigte auch er wiederum
Wirginski mit der Mitteilung von Fedjkas Tod (Liputin hatte ihm diese
Neuigkeit gebracht), den er hastig und zusammenhanglos erzhlte. Auf die
Frage aber, die Wirginski an ihn stellte: Soll man nun hingehen oder
soll man nicht hingehen? begann er wieder mit Hnden und Fen unter
der Decke abzuwinken, wobei er diesmal flehentlich hervorstie, er sei
ja doch blo eine Nebenperson! Wei nichts, gar nichts! Und zum
Schlu: Lassen Sie mich in Ru--u--uh!

Bedrckt und erregt kehrte Wirginski wieder heim. Was ihn am meisten
bedrckte, war vielleicht, da er seine Sorgen vor seiner Familie
verbergen mute. Er hatte sich so daran gewhnt, seiner Frau alles
mitzuteilen, da er Geheimnisse kaum mehr ertragen konnte, und wenn
jetzt nicht pltzlich ein neuer Gedanke, ein gewisser friedenstiftender
Plan in ihm aufgetaucht wre, so htte er sich wohl auch wie Lmschin
vor Seelenangst zu Bett legen mssen. Aber dieser neue Plan strkte ihn
allmhlich und zum Schlu glaubte er sogar so fest an die Mglichkeit,
ihn verwirklichen zu knnen, da er der Dmmerung fast mit Ungeduld
entgegensah und schon frher als verabredet zum Treffpunkt aufbrach.

Es war das ein sehr finsterer Ort am Rande des Parkes von Skworeschniki.
Ich bin spter hingegangen, um mir die Stelle genau anzusehen: wie mu
es ihnen dort unheimlich gewesen sein, an jenem rauhen, dunklen
Herbstabend ...

Es war so dunkel unter den Bumen, da man auf zwei Schritte den anderen
nicht mehr sehen konnte, doch Pjotr Stepanowitsch, Liputin und spter
auch Erkel brachten Laternen mit. Ich wei nicht, von wem und zu welchem
Zweck hier irgendeinmal vor langer Zeit aus groen unbehauenen Steinen
eine Grotte erbaut worden war. Der Tisch und die Bnke waren jetzt schon
lngst verfault und auseinander gefallen. Ungefhr zweihundert Schritte
rechts von dieser Grotte endete der dritte Teich des Parks. Diese drei
Teiche zogen sich, vom Herrenhause an, ber eine Werst weit einer hinter
dem anderen durch den ganzen Park. Es war schwer anzunehmen, da man
irgendein Gerusch, Geschrei oder selbst einen Schu im Stawroginschen
Herrenhause hren wrde. Da Nicolai Wszewolodowitsch am Tage vorher
fortgefahren und Alexei Jegorowitsch wieder in die Stadtwohnung
zurckgekehrt war, so durften im Herrenhause nicht mehr als fnf oder
sechs Dienstboten verblieben sein, lauter mehr oder weniger sozusagen
invalide Leute. Jedenfalls konnte man annehmen, wenigstens mit
ziemlicher Wahrscheinlichkeit, da selbst in dem Falle, da jemand von
ihnen Schreie hrte, er sich doch nicht von der warmen Ofenbank erheben
wrde.

Zwanzig Minuten nach sechs hatten sich schon alle -- auer Erkel, der
mit Schatoff kommen sollte -- an der bezeichneten Stelle eingefunden.
Pjotr Stepanowitsch kam diesmal nicht zu spt: er erschien zusammen mit
Tolkatschenko, der finster und besorgt aussah und dessen ganze
vorgespiegelte, frech-prahlerische Entschlossenheit verschwunden war.
Tolkatschenko verlie Pjotr Stepanowitsch heute fast nicht auf einen
Schritt, war ihm pltzlich, wie es schien, unermelich zugetan und
flsterte ihm jeden Augenblick geschftig irgend etwas zu; dieser
antwortete ihm meist berhaupt nicht oder brummte gergert nur ein paar
Worte, um ihn loszuwerden.

Schigaleff und Wirginski waren sogar ein wenig frher eingetroffen als
Pjotr Stepanowitsch. Als er erschien, traten sie sofort ein wenig zur
Seite, in tiefem und offenbar absichtlichem Schweigen. Pjotr
Stepanowitsch erhob die Laterne und betrachtete sie ungeniert mit
beleidigender Aufmerksamkeit. Die wollen wieder reden, zuckte es ihm
durch den Kopf.

Lmschin ist nicht gekommen? fragte er Wirginski. Wer hat es gesagt,
da er krank ist?

Ich bin hier, meldete sich Lmschin, pltzlich hinter einem Baum
hervortretend.

Er war in einem warmen Paletot und dazu noch in ein groes Plaid fest
eingewickelt, so da man ihn sogar mit der Laterne nur schwer in dieser
Umhllung erkennen konnte.

Also fehlt nur noch Liputin?

Da trat Liputin schweigend aus der Grotte. Pjotr Stepanowitsch erhob
wieder die Laterne.

Warum haben Sie sich dorthin verkrochen, warum kamen Sie nicht gleich
heraus?

Ich nehme an, da wir alle das Recht der Freiheit bewahren ... unserer
Bewegungen ... erwiderte Liputin, wahrscheinlich, ohne selbst recht zu
wissen, was er eigentlich sagen wollte.

Meine Herren! Pjotr Stepanowitsch erhob die Stimme -- gab somit zum
erstenmal den Flsterton auf, was einen gewissen Eindruck machte: Sie
verstehen, hoffe ich, da wir hier nichts mehr breitzutreten brauchen.
Gestern ist alles gesagt und durchgekaut worden, klar und bestimmt. Aber
vielleicht will doch noch jemand, wie ich nach dem Ausdruck der
Gesichter vermute, irgend etwas sagen? In dem Fall bitte ich, sich zu
beeilen! Hol's der Teufel, wir haben wenig Zeit und Erkel kann ihn jeden
Augenblick bringen ...

Er wird ihn unbedingt mitbringen, bemerkte aus einem unbekannten
Grunde Tolkatschenko.

Wenn ich mich nicht irre, so mu er zuerst die Druckmaschine
abliefern? erkundigte sich Liputin, wiederum gleichsam, als ob er
selbst nicht wute, wozu er das eigentlich fragte.

Selbstverstndlich, wozu denn Sachen verlieren! Pjotr Stepanowitsch
erhob wieder die Laterne und beleuchtete Liputins Gesicht. Aber wir
sind doch gestern bereingekommen, da man sie nicht wortwrtlich in
Empfang zu nehmen braucht. Er soll Ihnen nur die Stelle zeigen, wo sie
hier vergraben ist, spter knnen wir sie dann selbst herausgraben. Ich
wei, da sie hier irgendwo zehn Schritt von irgendeiner Ecke der Grotte
liegt ... Aber zum Teufel, Liputin, wie haben Sie das nur vergessen
knnen!? Es war doch abgemacht, da Sie ihn allein treffen und wir erst
spter hervortreten ... Sonderbar, da Sie noch fragen, -- oder taten
Sie es blo so?

Liputin schwieg mit finsterem Gesicht.

Alle schwiegen. Der Wind schaukelte die Wipfel der alten Kiefern.

Ich hoffe, meine Herren, da ein jeder seine Pflicht tun wird, sagte
Pjotr Stepanowitsch, der die Geduld verlor, sichtlich gereizt.

Ich wei, da Schatoffs Frau zu ihm zurckgekehrt ist und heute Nacht
ein Kind geboren hat, begann pltzlich Wirginski aufgeregt,
gestikulierend und sich so berstrzend, da er kaum die Worte
hervorzubringen vermochte. Und da man doch das Menschenherz kennt ...
knnen wir sicher sein, da er jetzt nicht denunzieren wird ... er ist
jetzt glcklich ... Ich war heute schon bei allen, fand aber niemanden
zu Hause ... Ich meine, da jetzt vielleicht nichts mehr zu befrchten
ist ... --

Er brach ab vor Atemlosigkeit.

Wenn Sie, Herr Wirginski, pltzlich glcklich geworden wren, -- Pjotr
Stepanowitsch trat auf ihn zu, wrden Sie dann etwas aufschieben, was
Sie sich vorgenommen haben, nicht eine Anzeige, davon kann hier
natrlich nicht die Rede sein, -- aber irgendeine gewagte, brgerliche
Tat, die Sie schon vor Ihrem Glck beschlossen haben und die auszufhren
Sie fr Ihre Pflicht und Schuldigkeit halten, trotz der Gefahr fr Sie
und der Mglichkeit, Ihr Glck zu verlieren?

Nein, ich wrde es nicht aufschieben! Auf keinen Fall wrde ich es
aufschieben! beteuerte Wirginski mit einem ganz eigentmlich
tlpelhaften bereifer und wieder ganz in Bewegung.

Sie wrden lieber wieder unglcklich sein wollen, als die Tat nicht
ausfhren -- und sich fr einen Lump halten, nicht wahr?

Ja, ja ... Ich wrde sogar ganz im Gegenteil ... wrde sogar ein ganzer
Lump sein wollen ... Das heit, nein ... nicht so ... durchaus nicht ein
Lump, sondern ... ich wollte sagen: im Gegenteil, lieber vollkommen
unglcklich, als ein Lump ...

Nun, so merken Sie sich, da Schatoff diese Anzeige fr seine
brgerliche Heldentat hlt, fr eine Tat, die er seiner hchsten
berzeugung schuldig ist. Und der Beweis: da er doch auch sich selbst
damit in Gefahr begibt und der Regierung ausliefert, obschon man ihm fr
die Anzeige natrlich manches verzeihen wird. So einer wird sein
Vorhaben schon nie aufgeben. Den kann kein Glck besiegen: schon am
nchsten Tage wrde er sich besinnen, sich Vorwrfe machen, hingehen und
es tun. Auerdem kann ich kein besonderes Glck darin erblicken, da die
Frau nach drei Jahren zu ihm zurckgekehrt ist, um Stawrogins Kind zu
gebren.

Aber es hat doch noch niemand seine Anzeige gesehen, sagte Schigaleff
pltzlich und eindringlich.

Die Anzeige habe _ich_ gesehen, rief Pjotr Stepanowitsch, sie ist
fertig, und dieses mige Gerede ist furchtbar dumm, meine Herren!

Ich aber, fuhr pltzlich Wirginski auf, ich protestiere ... ich
protestiere aus aller Kraft ... Ich will ... Hren Sie, was ich will:
ich will, da wir, wenn er kommt, ihm alle entgegengehen und ihn alle
fragen: wenn es wahr ist, so soll er bereuen, und wenn er sein Ehrenwort
gibt, so soll man ihn wieder freilassen. Auf jeden Fall aber -- Verhr,
und das Urteil _nach_ dem Verhr! Und nicht, da wir uns alle verstecken
und ihn dann berfallen.

Auf ein Ehrenwort die ganze allgemeine Sache setzen! -- das ist schon
die Hhe aller Dummheit! Hol's der Teufel, wie das dumm ist!! Und was
ist das fr eine Rolle, die Sie im Augenblick der Gefahr spielen?

Ich protestiere, ich protestiere, ich protestiere, wiederholte
Wirginski immer wieder.

Jedenfalls schreien Sie nicht so, wir knnen sonst das Signal nicht
hren. Schatoff, meine Herren ... (Teufel noch eins, wie das jetzt dumm
ist!) Ich habe Ihnen schon gesagt, da Schatoff Slawophile ist, das
heit so viel, wie einer der dmmsten Menschen ... Aber brigens, zum
Teufel, das ist schlielich gleichgltig! Sie bringen mich nur aus dem
Konzept! ... Schatoff, meine Herren, war ein verbitterter Mensch, und da
er immerhin noch zum Verband gehrte, ob er es wollte oder nicht, so
hoffte ich bis zum letzten Augenblick, da die allgemeine Sache sich
seiner noch einmal werde bedienen knnen -- und zwar gerade als eines
verbitterten Menschen. Ich habe ihn gehegt und geschont, trotz der
ausdrcklichsten Instruktionen ... Ich habe ihn noch hundertmal mehr
geschont, als er es wert war! Er aber endete damit, da er seine Anzeige
verfate, und nun -- hol's der Teufel, das ist ja zum Anspucken! ... Im
brigen soll es jetzt nur jemand von Ihnen zu versuchen wagen, sich noch
zurckzuziehen! Kein einziger von Ihnen hat das Recht, die gemeinsame
Sache zu verlassen! Sie knnen ihn meinetwegen noch alle vorher
abkssen, wenn Sie durchaus wollen, aber die allgemeine Sache auf ein
Ehrenwort hin aufs Spiel zu setzen, dazu haben Sie nicht das Recht! So
knnen nur Schweine handeln, oder solche, die von der Regierung
bestochen sind!

Wer ist denn hier von der Regierung bestochen? warf Liputin
dazwischen.

Sie vielleicht. Es wre schon besser, wenn Sie ganz den Mund hielten,
Liputin. Sie sprechen ja nur so, nur aus Angewohnheit. Bestochen, meine
Herren, sind alle diejenigen, die im Augenblick der Gefahr feig werden.
Aus Angst findet sich immer ein Rpel, der in der letzten Minute
hinluft und losschreit: >Ach, verzeihen Sie mir, und ich werde alle
ausliefern!< Aber wissen Sie auch, meine Herren, da man Sie jetzt fr
keine einzige Anzeige mehr begnadigen wird? Wenn man vielleicht auch
Milderungsgrnde zulassen wrde -- nach Sibirien ginge es doch mit jedem
von Ihnen! Abgesehen davon, da Sie auch einem gewissen anderen
Richtschwert nicht entgehen wrden. Dieses andere Schwert aber ist etwas
schrfer, als das der Regierung.

Pjotr Stepanowitsch war so wtend, da er viel berflssiges sagte. Da
trat Schigaleff fest drei Schritte auf ihn zu.

Seit dem gestrigen Abend habe ich die Sache bedacht, begann er
berzeugt und methodisch wie immer. (Ich glaube, selbst wenn die Erde
sich in diesem Augenblick unter ihm aufgetan htte, auch dann wrde er
weder den Ton, noch einen Ausdruck seiner Auseinandersetzung gendert
haben.) Und nachdem ich die Sache bedacht, bin ich zu dem Schlu
gekommen, da der beabsichtigte Mord nicht nur ein Verlust der kostbaren
Zeit ist, die zu etwas weit Wesentlicherem und Nherliegendem verwandt
werden knnte, sondern auerdem jenes verhngnisvolle Abweichen von der
geraden Strae darstellt, das der Sache immer am meisten geschadet und
ihren Erfolg auf Jahrzehnte hinausgeschoben hat, indem es die Sache dem
Einflu leichtsinniger und vornehmlich politischer Menschen, statt
reinen Sozialisten unterstellt hat. Ich bin einzig zu dem Zweck
hergekommen, um gegen das beabsichtigte Vorhaben offen zu protestieren
und dann -- mich von diesem Augenblick an, den Sie, ich wei nicht
warum, den Augenblick der Gefahr nannten, zurckzuziehen. Ich gehe fort
-- doch nicht aus Furcht vor der Gefahr oder aus besonderen Gefhlen zu
Schatoff, den >abzukssen< ich absolut keine Lust habe, sondern einzig,
weil diese Sache vom Anfang bis zum Ende buchstblich meinem Programm
widerspricht. Eine Denunziation haben Sie von mir nicht zu frchten. Sie
knnen ruhig sein -- ich werde Sie nicht anzeigen.

Und damit wandte er sich und ging.

Teufel, er geht ihnen entgegen und wird Schatoff warnen! rief Pjotr
Stepanowitsch und ri seinen Revolver hervor.

Man hrte das Knacken des Hahnes.

Sie knnen berzeugt sein, wandte sich Schigaleff ruhig wieder zurck,
da ich, wenn ich Schatoff unterwegs treffen sollte, ihn vielleicht
noch gren werde, ihn warnen aber, das ist nicht meine Sache!

Aber wissen Sie auch, mein Herr Fourier, da Ihnen das teuer zu stehen
kommen kann?

Ich bitte Sie, zu beachten, da ich kein Fourier bin. Dadurch, da Sie
mich mit diesem slichen, apathischen Abstrahisten verwechseln,
beweisen Sie nur, da Sie mein Manuskript, wenn es auch in Ihren Hnden
gewesen ist, berhaupt nicht verstanden haben. In betreff Ihrer Rache
aber sage ich Ihnen nur, da Sie ganz umsonst den Hahn gespannt haben,
in diesem Augenblick ist das fr Sie durchaus unvorteilhaft. Wenn Sie
mir aber fr morgen oder bermorgen drohen, so brchte Ihnen die
Ausfhrung, auer unntzer Mhe, doch keinen Gewinn: mich wrden Sie
zwar erschieen, frher oder spter aber wrden Sie doch zu meinem
System kommen. Leben Sie wohl.

In diesem Augenblick ertnte ungefhr zweihundert Schritte weit aus dem
Park, von der Seite des Teiches her, ein heller Pfiff. Liputin
antwortete, wie verabredet, sofort gleichfalls mit einem Pfiff -- er
hatte sich zu diesem Zweck am Morgen eine Kinderpfeife aus gebranntem
Ton fr eine Kopeke auf dem Markt erstanden, da er sich auf seinen
ziemlich zahnlosen Mund nicht ganz verlassen konnte.

Erkel hatte Schatoff schon vorher mitgeteilt, da er mit Liputin einen
Pfiff austauschen werde.

Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde abseits von ihnen vorbergehen
und sie werden mich gar nicht bemerken, sagte Schigaleff in
eindringlichem Flsterton.

Und er ging ohne Hast und ohne den Schritt zu beschleunigen, tatschlich
durch den dunklen Park nach Haus.

Heute ist es bis in die kleinsten Einzelheiten bekannt, wie diese
schreckliche Tat geschah. Zuerst trat Liputin Erkel und Schatoff ein
paar Schritte von der Grotte entgegen. Schatoff grte ihn nicht und gab
ihm auch nicht die Hand, sondern sagte sofort eilig und laut:

Wo ist denn hier die Anhhe? Haben Sie nicht noch eine Laterne?
Frchten Sie sich nicht, hier ist so gut wie kein Mensch in der Nhe,
wir knnten selbst mit Kanonen schieen, in Skworeschniki wrde es doch
niemand hren. Das ist brigens hier, genau hier, genau auf dieser
Stelle ...

Und er stie mit dem Fu auf die Erde -- es war gerade zehn Schritt von
der hinteren Ecke der Grotte zum Walde hin. In diesem Augenblick strzte
sich, hinter einem Baum hervorlaufend, Tolkatschenko auf ihn, whrend
Erkel ihn hinterrcks an den Ellenbogen packte und Liputin sich von
vorne auf ihn warf. Die drei schlugen ihn sofort zu Boden und drckten
ihn an die Erde. Da erst lief Pjotr Stepanowitsch mit dem Revolver
herbei. Man sagt, Schatoff habe gerade noch Zeit gehabt, seinen Kopf zu
ihm zu wenden und ihn zu erkennen. Drei Laternen erhellten die Szene.
Schatoff stie pltzlich einen kurzen und verzweifelten Schrei aus; doch
man lie ihm keine Zeit zum Schreien: Pjotr Stepanowitsch setzte ihm
genau und sicher den Revolver mitten auf die Stirn, fest und senkrecht,
und -- drckte den Hahn ab. Der Schu war, glaube ich, nicht sehr laut,
wenigstens hat ihn in Skworeschniki niemand gehrt. Gehrt hat ihn
natrlich Schigaleff, der erst einige dreiig Schritte gegangen war --
gehrt hatte er auch den Schrei, doch hat er sich nach seiner eigenen
Aussage weder umgewandt, noch war er stehen geblieben. Der Tod trat fast
augenblicklich ein. Die volle Geistesgegenwart -- doch Kaltbltigkeit
wohl kaum -- behielt nur Pjotr Stepanowitsch. Er hockte sich hin und
durchsuchte eilig, doch mit fester Hand, die Taschen des Toten. Geld
fand sich nicht in ihnen (Marja Ignatjewnas Beutelchen war unter ihrem
Kissen geblieben); nur ein paar nichtssagende Zettelchen zog er hervor:
einen Kontorzettel, ein Notizblatt mit dem Titel irgendeines Buches und
eine alte auslndische Gasthausrechnung, die sich wei Gott auf welche
Weise zwei Jahre in Schatoffs Tasche erhalten hatte. Die Papiere steckte
Pjotr Stepanowitsch zu sich, und als er pltzlich bemerkte, da alle die
Leiche umstanden, sie ansahen und nichts taten, begann er wtend und
unhflich zu schimpfen und sie anzutreiben. Tolkatschenko und Erkel
liefen sogleich, sich nun wieder besinnend, in die Grotte und brachten
zwei Steine, jeder an zwanzig Pfund schwer, die sie schon am Morgen
vorbereitet, das heit, fest mit Schnren umbunden hatten. Da man
verabredet hatte, die Leiche in den nchsten, den dritten Teich zu
versenken, so muten ihr diese Steine an den Hals und die Beine gebunden
werden. Pjotr Stepanowitsch band sie an: Erkel und Tolkatschenko
reichten sie ihm nur hin. Erkel gab ihm seinen Stein zuerst, und whrend
Pjotr Stepanowitsch ihn murrend und schimpfend an die Fe der Leiche
band, hielt Tolkatschenko seinen schweren Stein diese ganze ziemlich
lange Zeit ber senkrecht an den Schnren in der Luft, wobei er sich
stark und fast wie ehrerbietig mit dem ganzen Oberkrper nach vorne
beugte, um ihn ohne Zeitverlust sofort hinreichen zu knnen, und verfiel
kein einziges Mal darauf, die schwere Last inzwischen auf die Erde zu
stellen. Als dann endlich beide Steine angebunden waren und Pjotr
Stepanowitsch sich erhob, um zunchst seinen Blick prfend ber die
Gesichter der Anwesenden zu fhren -- da geschah pltzlich etwas ganz
Sonderbares, etwas, das niemand erwartet hatte und das alle nicht wenig
in Erstaunen setzte.

Wie schon erwhnt, standen fast alle und taten nichts. Wirginski war,
als die anderen sich auf Schatoff gestrzt hatten, wohl auch
hinzugelaufen, doch hatte er weder geholfen, ihn zu halten, noch ihn
berhaupt angerhrt. Lmschin aber war erst nach dem Schu unter den
anderen aufgetaucht. Whrend der ganzen, vielleicht zehn Minuten
whrenden Untersuchung der Taschen und Anbindung der Steine hatten sie
dann alle gleichsam einen Teil ihres Bewutseins verloren. Sie standen
um Pjotr Stepanowitsch herum und empfanden, statt Unruhe oder Erregung,
zunchst nur so etwas wie Verwunderung. Liputin stand ganz vorn neben
der Leiche. Wirginski, der sich hinter ihn gestellt hatte, sah ber
Liputins Schulter mit einer sonderbaren und gewissermaen
nebenschlichen Neugier auf die Leiche; ja er hob sich sogar auf die
Fuspitzen, um besser sehen zu knnen. Lmschin aber versteckte sich
hinter Wirginski und blickte nur zuweilen furchtsam hinter diesem
hervor, worauf er sich dann sofort wieder versteckte. Als nun die Steine
angebunden waren und Pjotr Stepanowitsch sich erhob, begann Wirginski
auf einmal zu zittern, und pltzlich -- warf er die Arme hoch und rief
traurig mit lauter Stimme:

Das ist doch nicht das! nicht das! Nein, das ist doch gar nicht das!

Er htte vielleicht noch etwas hinzugefgt zu seinem verspteten Ausruf,
aber Lmschin lie ihm keine Zeit dazu: pltzlich packte er ihn
hinterrcks und quetschte ihn mit aller Gewalt und schrie dabei ein ganz
unmgliches Geschrei. Es gibt Augenblicke eines starken Schreckens, in
denen der Mensch pltzlich wie nicht mit seiner eigenen Stimme
aufschreit, sondern mit einer, die man nie an ihm gehrt hat und deren
Vorhandensein in ihm man nie fr mglich gehalten htte, und das kann
manchmal sogar recht unheimlich sein. Lmschin schrie nicht mit einer
menschlichen, sondern mit einer gleichsam tierischen Stimme. Dabei
prete er Wirginski krampfhaft von hinten zusammen, schrie ohne
Unterla, schrie ohne Atem zu schpfen, schrie immer ein und denselben
Ton, whrend ihm die Augen fast hervorquollen und der Mund unheimlich
weit aufgerissen blieb; mit den Beinen aber strampelte er so
zitterschnell, als ob er mit ihnen einen Trommelwirbel auf der Erde
schlagen wollte. Wirginski erschrak dermaen, da er selbst sofort wie
ein Wahnsinniger losschrie und sich in einer so grimmigen Wut, wie man
sie von Wirginski nie im Leben erwartet htte, aus Lmschins Krallen zu
befreien suchte, auf ihn, den er nur schwer fassen konnte, mit den
Fusten nach hinten losschlug, ihn kniff und kratzte. Endlich gelang es
Erkel, Lmschin von ihm loszureien. Doch kaum war Wirginski entsetzt
gleich auf zehn Schritt von ihm fortgelaufen, da strzte sich Lmschin,
der nun Pjotr Stepanowitsch erblickte, pltzlich mit neuem Geschrei auf
diesen, stolperte jedoch ber die vor seinen Fen liegende Leiche und
ri Pjotr Stepanowitsch im Fall mit sich zu Boden. Er umkrallte ihn aber
so fest und drckte seinen Kopf so krampfhaft an dessen Brust, da weder
Pjotr Stepanowitsch selbst, noch Tolkatschenko, noch Liputin ihn im
ersten Augenblick losreien konnten. Pjotr Stepanowitsch schrie,
schimpfte, schlug ihn mit den Fusten auf den Kopf, bis es ihm endlich
gelang, sich irgendwie zu befreien; im Augenblick ri er seinen Revolver
hervor -- doch Lmschin, den die anderen an den Armen hielten, fuhr fort
zu schreien, trotz des auf ihn zielenden Revolvers, er schrie, schrie
wie besessen! Bis schlielich Erkel, der schnell sein Taschentuch
zusammengerollt hatte, ihm dieses gewandt in den aufgesperrten Mund
steckte, so da der Schrei dann ganz von selbst pltzlich abbrach.
Tolkatschenko band ihm sofort mit einem Stck der brig gebliebenen
Schnur die Hnde auf dem Rcken zusammen.

Das ist sehr sonderbar, sagte Pjotr Stepanowitsch und betrachtete in
beunruhigter Verwunderung den Verrckten.

Er war sichtlich betroffen.

Ich hatte ihn ganz anders eingeschtzt, fgte er nachdenklich hinzu.

Vorlufig bergab man ihn Erkel, denn man mute sich mit der
Fortschaffung der Leiche beeilen: es war so viel geschrien worden, da
es doch jemand gehrt haben konnte. Tolkatschenko und Pjotr
Stepanowitsch nahmen die Laternen und hoben den Kopf des Toten, Liputin
und Wirginski faten ihn an den Fen, und so wurde er dann getragen.
Mit den beiden Steinen war die Last sehr schwer, die Entfernung aber
betrug ber zweihundert Schritte. Der Strkste von ihnen war
Tolkatschenko. Er gab wohl den Rat, gleichmig zu gehen, doch niemand
hrte auf ihn, und so ging man denn, wie es gerade kam. Pjotr
Stepanowitsch ging rechts und trug, ganz niedergebeugt, auf seiner
Schulter den Kopf des Toten, wobei er noch mit der linken Hand den Stein
von unten hielt. Da Tolkatschenko whrend der ganzen ersten Hlfte des
Weges nicht darauf verfiel, den Stein gleichfalls zu sttzen, so schrie
ihn Pjotr Stepanowitsch schlielich fluchend an. Der Schrei war kurz und
seltsam in der Stille: schweigend trugen sie weiter, bis pltzlich,
schon dicht am Teich, wieder Wirginski, der unter der Last ganz gebeugt
ging und wie erschpft von ihrer Schwere, mit derselben lauten und
weinenden Stimme ausrief:

Das ist nicht das, nein, nein, das ist gar nicht das!

Die Stelle, wo dieser dritte, ziemlich groe Teich aufhrt, zu dem man
den Toten trug, war die einsamste und abgelegenste des ganzen Parks. Der
Teich ist dort am Ufer vergrast. Sie stellten die Laternen nieder,
schwenkten die Leiche hin und her und warfen sie ins Wasser. Ein
dumpf-hohler Laut erscholl und klang lange nach. Pjotr Stepanowitsch
erhob die Laterne und alle reckten neugierig die Hlse, um zu sehen, wie
der Krper versank, aber es war schon nichts mehr zu sehen: die Leiche
mit den beiden Steinen war sogleich versunken. Die dicken Wellenringe,
die sich ber die Flche des Teiches ausbreiteten, vergingen schnell.
Die Tat war vollbracht.

Meine Herren, wandte sich Pjotr Stepanowitsch an alle, jetzt gehen
wir auseinander. Zweifellos mssen Sie nunmehr jenen Stolz empfinden,
der mit der Erfllung einer freien Pflicht verknpft ist. Sollten Sie
vielleicht bedauerlicherweise fr solche Gefhle zu erregt sein, so
werden Sie sie zweifellos morgen empfinden, wenn es schon eine Schande
wre, sie nicht zu empfinden. Die unverzeihliche Erregung Lmschins will
ich als eine Art Fieberdelirium auffassen, zumal er ja tatschlich seit
dem Morgen krank sein soll. Ihnen aber, Wirginski, wird schon der erste
Augenblick freien Nachdenkens beweisen, da man im Interesse der
allgemeinen Sache unmglich auf ein Ehrenwort eingehen konnte, sondern
einzig und allein so handeln mute, wie wir es getan haben. Die Zukunft
wird Ihnen zeigen, da Schatoffs Anzeige schon fertig war. Ich bin
bereit, auch Ihre Ausrufe zu vergessen. Eine Gefahr fr uns ist nicht
vorhanden. Es wird niemandem einfallen, irgendeinen von Ihnen zu
verdchtigen, vorausgesetzt natrlich, da Sie sich zu benehmen wissen.
So hngt denn die Hauptsache ganz von Ihnen ab und von Ihrer
berzeugung, richtig gehandelt zu haben, -- eine berzeugung, die, wie
ich hoffe, sich schon morgen in Ihnen befestigen wird. Darum haben Sie
sich ja auch -- unter anderem -- zu einer geschlossenen Organisation, zu
einer freien Gesellschaft Gleichdenkender zusammengetan, um fr die
allgemeine Sache im gegebenen Moment die Energie miteinander zu teilen,
und, wenn es ntig ist, einer den anderen zu beobachten und immer auf
dem Posten zu sein. Jeder von Ihnen ist zu einer hheren Rechenschaft
verpflichtet. Sie sind berufen, ein altersschwaches und im Stillstand
langsam zu stinken anfangendes Reich zu erneuern. Das sollen Sie stets
zu Ihrer Aufmunterung vor Augen haben! Ihre ganze Aufgabe besteht
vorlufig nur darin, darauf hinzuwirken, da alles zusammenstrzt: das
Reich wie seine Moral. brigbleiben werden nur wir, die wir uns schon
dazu vorausbestimmt und vorbereitet haben, die Macht in unsere Hnde zu
nehmen. Die Klugen ziehen wir zu uns herber, und auf den Dummen reiten
wir. Im brigen mu man die Generation neu erziehen, um sie der Freiheit
wrdig zu machen. Noch viele Tausend Schatoffs stehen uns bevor. Wir
organisieren uns, um die ganze Richtung in die Hand zu bekommen, da wre
es dumm, alles, was mig daliegt und das Maul aufsperrt, nicht
mitzunehmen. Ich begebe mich jetzt sofort zu Kirilloff und zum Morgen
hin werde ich von ihm besagtes Dokument erhalten, in dem er vor dem Tode
alles auf sich nimmt. Nichts kann wahrscheinlicher sein, als diese
Kombination. Erstens stand er mit Schatoff auf feindschaftlichem Fue:
sie haben zusammen in Amerika gelebt, also haben sie Zeit gehabt, sich
zu berwerfen. Man wei, da Schatoff seine berzeugungen gendert hat;
folglich ist ihre Feindschaft wegen dieser berzeugungen entstanden.
Hinzu kme noch die Furcht vor einer Denunziation. Das wird auch alles
so geschrieben werden. Zum Schlu wird noch erwhnt, da Fedjka in
Kirilloffs Wohnung geschlafen hat. Das alles wird jeden Verdacht von
Ihnen entfernen, denn es wird die Schafskpfe in eine ganz andere
Richtung treiben. Morgen, meine Herren, werden wir uns nicht sehen: ich
mu auf ganz kurze Zeit in den nchsten Kreis fahren. Aber bermorgen
werden Sie meine Mitteilungen erhalten. Ich wrde Ihnen eigentlich
raten, morgen zu Hause zu bleiben. Jetzt aber gehen wir alle je zwei
zusammen auf verschiedenen Wegen zurck. Sie, Tolkatschenko, bitte ich,
sich Lmschins anzunehmen und ihn nach Hause zu bringen. Sie knnen ihm
alles auseinandersetzen und vor allen Dingen erklren, da er mit seinem
Kleinmut in erster Linie sich selbst schadet. Ihrem Schwager,
Schigaleff, Herr Wirginski, ganz wie auch Ihnen, will ich nicht
mitrauen. Er wird nicht denunzieren. Es bleibt nur seine Handlung zu
bedauern. brigens hat er ja noch nicht gesagt, da er aus dem Verbande
austreten will. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen. Doch
jetzt schnell, meine Herren; wenn jene auch Schafskpfe sind, so kann
doch Vorsicht immerhin nicht schaden ...

Wirginski ging mit Erkel in die Stadt zurck. Letzterer trat noch, bevor
er Lmschin Tolkatschenko berlie, mit diesem zu Pjotr Stepanowitsch
und sagte, da Lmschin sich besonnen habe, bereue, um Verzeihung bitte
und sogar selbst nicht mehr wisse, was eigentlich vorhin mit ihm
geschehen war. Pjotr Stepanowitsch ging allein fort: er whlte den
lngsten Weg, an der anderen Seite der Teiche, am Rande des Parkes
entlang. Zu seiner Verwunderung holte ihn, als er schon die Hlfte des
Weges zurckgelegt hatte, pltzlich Liputin atemlos ein.

Pjotr Stepanowitsch, aber Lmschin wird doch denunzieren!

Nein, er wird zur Besinnung kommen und sich sagen, da er dann als
erster nach Sibirien ginge. Jetzt wird niemand mehr denunzieren. Auch
Sie nicht.

Aber Sie?

Zweifellos werde ich Sie alle verschwinden lassen, sobald Sie sich nur
einfallen lieen, etwas verraten zu wollen, und das wissen Sie. Aber Sie
werden nicht denunzieren. Sind Sie mir deshalb zwei Werst nachgelaufen?

Pjotr Stepanowitsch, Pjotr Stepanowitsch, aber wir werden uns doch
vielleicht nie mehr sehen!

Wie kommen Sie darauf?

Sagen Sie mir nur eines!

Nun, was denn? brigens wnsche ich, da Sie sich packen.

Nur eine Antwort, aber da sie auch richtig ist: sind wir die einzige
>Fnf< in der Welt, oder ist es wahr, da es einige Hundert solcher
>Fnfer<-Gruppen gibt? Ich frage im hheren Sinne, Pjotr Stepanowitsch!

Das sehe ich Ihrer Verfassung an. Aber wissen Sie auch, da Sie noch
weit gefhrlicher sind, als Lmschin?

Ich wei, ich wei, aber -- die Antwort, Ihre Antwort!

Sie dummer Mensch! Jetzt knnte es Ihnen, denke ich, doch schon ganz
gleichgltig sein, ob es eine oder tausend sind.

Also _eine_! Ich wute es ja! rief Liputin. Ich habe es ja die ganze
Zeit gewut, da es nur eine ist, bis jetzt, die ganze Zeit ...

Und ohne eine andere Antwort abzuwarten, kehrte er um und verschwand
schnell in der Dunkelheit.

Pjotr Stepanowitsch wurde ein wenig nachdenklich.

Nein, keiner wird denunzieren, murmelte er dann berzeugt vor sich
hin, aber die >Fnf< mu eine Gruppe bleiben und gehorchen, oder ich
werde sie ... Es ist doch ein Lumpenzeug, wirklich, dieses Volk!


                                  II.

Werchowenski ging zuerst zu sich nach Hause und packte, ohne sich im
geringsten zu beeilen, seinen Reisekoffer. Um sechs Uhr morgens ging der
Schnellzug ab. Den Unsrigen hatte er zwar gesagt, er werde nur auf
kurze Zeit in die nchste Kreisstadt fahren, aber, wie es sich spter
herausstellen sollte, hatte er doch ganz andere Absichten. Als er mit
dem Einpacken fertig war, bezahlte er seine Wirtin, die von ihm schon
frher von seiner Abreise benachrichtigt worden war, und fuhr dann mit
einer Droschke zu Erkel, der nicht weit vom Bahnhof wohnte. Und dann
erst, nach ein Uhr nachts, begab er sich zu Kirilloff und benutzte
wieder den geheimen Gang durch den Zaun.

Pjotr Stepanowitschs Stimmung war furchtbar. Auer verschiedenen
anderen, fr ihn sehr wichtigen Unannehmlichkeiten (er hatte noch immer
nichts ber Stawrogin erfahren knnen) soll er noch im Laufe des Tages
von irgendwoher (am wahrscheinlichsten wohl aus Petersburg) eine geheime
Mitteilung erhalten haben, nach der ihm schon in nchster Zeit eine
gewisse Gefahr drohte.

Natrlich erzhlt man sich jetzt bei uns viele Geschichten und
Einzelheiten ber diese ganze Zeit, doch wieviel mag davon wahr sein?
Das Nhere werden wohl nur die wissen, die sich von Amts wegen mit der
ganzen Angelegenheit haben beschftigen mssen. Ich fr mein Teil nehme
denn auch nur nach meinen eigenen Erwgungen an, da Pjotr Stepanowitsch
auer in unserer Stadt noch andere Verbindungen hat haben knnen, und in
dem Fall ist es allerdings sehr leicht mglich, da man ihm jetzt auf
der Spur war. Ja, ich bin sogar trotz des zynischen und schrecklichen
Zweifels selbst in Liputin fest berzeugt, da Pjotr Stepanowitsch noch
zwei, drei andere Fnfer-Gruppen gegrndet hatte, und da er in allen
greren Stdten, wenn auch vielleicht nicht durchweg Fnfer-Gruppen
hatte, so doch geheime Verbindungen und Beziehungen zu allen mglichen
Menschen unterhielt. Nicht spter als drei Tage nach seiner Abreise
erhielt unsere Stadtobrigkeit aus Petersburg denn auch tatschlich den
Befehl, ihn zu verhaften: fr welche Vergehen, ob fr die bei uns
begangenen oder andere -- das wei ich nicht. Dieser Befehl traf hier
gerade noch zur richtigen Zeit ein, um den unheimlichen Eindruck und die
Angst verstrken zu helfen, die pltzlich unsere immer noch so
leichtsinnige Gesellschaft samt Polizei und Verwaltung ergriffen hatte,
als mit einem Male die geheimnisvolle und schwerwiegende Ermordung des
Studenten Schatoff, sowie die rtselhaften Umstnde, von denen sie
begleitet war, bekannt wurden. Aber der Befehl selbst kam zu spt: Pjotr
Stepanowitsch war schon unter fremdem Namen in Petersburg, von wo aus er
dann schnell ber die Grenze entwischte. -- Doch ich greife vor.

Als Werchowenski bei Kirilloff eintrat, sah er bse und zankschtig aus:
es war, als ob er Kirilloff auer der Hauptsache noch ganz persnlich
etwas antun, sich an ihm fr irgend etwas noch ganz besonders rchen
wollte.

Kirilloff war ber sein Erscheinen gleichsam erfreut; man sah, da er
schon furchtbar lange und in krankhafter Ungeduld auf ihn gewartet
hatte. Sein Gesicht war bleicher als gewhnlich, der Blick der dunklen
Augen schwer und unbeweglich.

Ich dachte, Sie kommen nicht, sagte er schwer von der Sofaecke aus, in
der er brigens sitzen blieb, statt seinem Gast entgegenzugehen.

Pjotr Stepanowitsch blieb vor ihm stehen und musterte zunchst, bevor er
ein Wort sprach, prfend Kirilloffs Gesicht.

Also alles in Ordnung und wir treten von unserem Vorhaben nicht zurck,
das ist brav! sagte er mit beleidigend gnnerhaftem Lcheln. Nun, und
da ich etwas spt gekommen bin, fgte er mit gemeiner Scherzhaftigkeit
hinzu, darber htten Sie sich doch nicht zu beklagen: habe Ihnen doch
somit drei Stunden geschenkt.

Ich will von Ihnen gar keine berflssigen Stunden geschenkt haben, und
du kannst mir berhaupt nichts schenken ... Dummkopf!

Was? Pjotr Stepanowitsch fuhr schon auf, beherrschte sich aber sofort.
Das ist mir mal eine Empfindlichkeit! Ach so, wir sind wohl erzrnt?
fragte er scharf, mit demselben beleidigenden Hochmut. In so einem
Augenblick ist Ruhe mehr am Platz. Am besten wre es aber, sich fr
Kolumbus zu halten, und auf mich wie auf eine Maus, die einen berhaupt
nicht beleidigen kann, herabzusehen. Das habe ich schon gestern
anempfohlen.

Ich will nicht auf dich wie auf eine Maus sehen.

Was soll das, ein Kompliment? ... Hm, auch der Tee ist kalt -- also
alles drunter und drber. Nein, das ist mir zu unzuverlssig. Ah! aber
was sehe ich denn dort auf dem Fensterbrett? (er ging hin). Wahrhaftig
-- ein Huhn mit Reis! ... Warum haben Sie mir das bis jetzt noch nicht
angeboten? Wir befanden uns also in einer Gemtsverfassung, die sogar
ein Huhn ...

Ich habe gegessen, und das ist nicht Ihre Sache. Schweigen Sie!

Oh, natrlich, und zudem ist das an sich ja auch ganz gleichgltig.
Blo mir ist es jetzt nicht gleichgltig: denken Sie sich, ich habe
heute so gut wie gar nicht zu Mittag gespeist und darum, wenn jetzt
dieses Huhn, wie ich annehme, nicht mehr ntig ist, -- wie?

Essen Sie, wenn Sie knnen.

Ei, danke, und dann nachher noch Tee.

Er setzte sich im Nu an den Tisch, am anderen Ende des Sofas, und machte
sich mit ungewhnlicher Gier ans Essen; doch gleichzeitig beobachtete er
jeden Augenblick sein Opfer. Kirilloff sah ihm mit bsem Widerwillen
regungslos zu, wie auerstande, seinen Blick von ihm loszureien.

Einstweilen, -- Pjotr Stepanowitsch sah pltzlich auf, fuhr aber fort
zu essen -- wie wird es denn damit? Also, wir treten nicht zurck, wie?
Und der Zettel?

Ich habe in dieser Nacht festgestellt, da es mir einerlei ist. Werde
schreiben. Die Proklamationen?

Ja, auch die Proklamationen. brigens, ich werde Ihnen diktieren. Ihnen
ist es doch ganz gleich. Knnte denn der Inhalt Sie in diesen Minuten
wirklich noch beunruhigen?

Das geht dich nichts an.

Natrlich nicht. brigens ... im ganzen nur ein paar Zeilen: da Sie
mit Schatoff die Proklamationen verbreitet haben, unter anderem, mit
Hilfe Fedjkas, der sich hier in Ihrer Wohnung verborgen hat. Dieser
letzte Punkt ber Fedjka und die Wohnung ist sehr wichtig, sogar der
allerwichtigste. Sehen Sie, ich bin ganz aufrichtig zu Ihnen.

Schatoff? Warum mit Schatoff? Auf keinen Fall schreibe ich von
Schatoff.

Das fehlte noch, was macht Ihnen denn das aus? Schaden knnen Sie ihm
ja doch nicht mehr.

Seine Frau ist zu ihm gekommen. Sie wachte auf und schickte zu mir
fragen, wo er ist?

Sie hat zu Ihnen geschickt, um zu erfahren, wo er ist? Hm ... das ist
nicht ... Dann knnte sie ja wieder schicken ... Hren Sie, niemand darf
erfahren, da ich hier bin ...

Pjotr Stepanowitsch wurde unruhig.

Sie wird nicht erfahren, schlft wieder. Bei ihr ist eine Frau, Arina
Wirginskaja.

Schn, schn, und ... wird es auch nicht hren, denke ich? Wissen Sie,
wre es nicht besser, die Flurtr zu verriegeln?

Wird nichts hren. Und wenn Schatoff kommt, verstecke ich Sie ins
andere Zimmer.

Schatoff wird nicht kommen; und Sie werden schreiben, da Sie sich mit
ihm wegen Verrat und Denunziation berworfen haben ... heute Abend ...
und die Ursache seines Todes sind.

Er ist tot! stie Kirilloff aufspringend hervor.

Heute um acht Uhr abends, oder richtiger, gestern um acht Uhr abends,
denn jetzt ist es schon ein Uhr.

Du hast ihn ermordet! ... Und ich habe das gestern vorausgewut!

Wre auch was gewesen, das nicht vorauszusehen! Hier, sehen Sie, mit
diesem Revolver! (Er zog seinen Revolver aus der Tasche, anscheinend
nur um ihn zu zeigen, doch steckte er ihn nicht wieder zurck, sondern
behielt ihn in der rechten Hand, wie in Bereitschaft.) Sie sind doch
ein sonderbarer Mensch, Kirilloff, Sie wuten ja schon lngst, da es
mit diesem dummen Menschen gerade ein solches Ende nehmen mute. Was ist
denn hier noch vorauszusehen? Ich habe es Ihnen schon mehrmals frmlich
in den Mund gelegt. Schatoff bereitete eine Anzeige vor: ich beobachtete
ihn; man konnte ihn auf keine Weise so lassen. Ja, und auch Sie hatten
doch den Auftrag, auf ihn aufzupassen: Sie haben mir doch selbst noch
vor drei Wochen ...

Schweig! Das hast du ihn dafr, da er dir in Genf ins Gesicht gespuckt
hat!

Auch dafr, und auch noch fr anderes. Fr vieles andere; brigens ohne
jede Bosheit meinerseits. Warum da aufspringen? Wozu Posen annehmen?
Oho! Also so sind wir! ...

Er sprang auf und erhob seinen Revolver. Kirilloff hatte nmlich seinen
Revolver, der schon seit dem Morgen geladen war, vom Fensterbrett
genommen. Pjotr Stepanowitsch stellte sich in Positur und zielte auf
Kirilloff. Der lachte bse auf.

Gesteh nur, Schurke, du hast deinen Revolver blo darum genommen, da
ich dich erschiee ... Aber ich werde dich nicht erschieen ... obgleich
... obgleich ...

Und wieder erhob er seinen Revolver und zielte auf Pjotr Stepanowitsch,
wie auerstande, auf das Vergngen zu verzichten: sich vorzustellen, wie
das wre, wenn er Pjotr Stepanowitsch jetzt mit einem Schu
niederstrecken wrde. Pjotr Stepanowitsch wartete immer noch in Positur,
wartete bis zum letzten Augenblick, wartete mit gespanntem Hahn, wobei
er doch riskierte, selbst eine Kugel in die Stirn zu bekommen: von
diesem Maniak, wie er Kirilloff kurzweg nannte, war das zu erwarten.
Aber der Maniak lie schlielich die Hand sinken, atemlos und zitternd
und unfhig zu sprechen.

Sie haben gespielt, nun und genug jetzt. Pjotr Stepanowitsch senkte
gleichfalls seinen Revolver. Ich wute es ja, da Sie spielten. Nur,
wissen Sie, Sie wagten doch viel: ich htte abdrcken knnen.

Und er setzte sich ziemlich ruhig wieder auf das Sofa und go sich --
brigens doch mit ein wenig zitternder Hand -- Tee ein. Kirilloff legte
den Revolver auf den Tisch und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.

Ich werde nicht schreiben, da ich Schatoff gettet habe, und ... ich
werde jetzt berhaupt nichts schreiben. Es wird keinen Zettel geben!

Nicht?

Nein.

Welch eine Gemeinheit und was fr eine Dummheit! Pjotr Stepanowitsch
wurde vor Wut ganz fahl im Gesicht. Aber ich habe ja schon so etwas
geahnt. Wissen Sie auch, da ich mich nicht berrumpeln lasse! Aber, --
wie Sie wollen! Wenn ich Sie mit Gewalt zwingen knnte, so wrde ich es
tun. Sie sind brigens ein Schurke, er verlor immer mehr seine
Selbstbeherrschung, Sie haben sich damals von uns Geld geliehen und uns
dafr Langes und Breites versprochen ... Nur werde ich Sie doch nicht
ganz ohne Resultat verlassen, werde wenigstens sehen, wie Sie sich jetzt
selbst die Kugel durch den Kopf jagen.

Ich will, da du sofort gleich hinausgehst. Kirilloff blieb
entschlossen vor ihm stehen.

Nein, das tue ich auf keinen Fall, lehnte Pjotr Stepanowitsch ab und
ergriff wieder seinen Revolver. Jetzt kann Ihnen ja aus Wut und Bosheit
einfallen, alles aufzuschieben und morgen noch hinzugehen und zu
denunzieren, um wieder Geld zu erhalten: dafr wird doch gut gezahlt.
Hol' Sie der Teufel, solche Leutchen wie Sie sind zu allem fhig! Nur
beunruhigen Sie sich nicht, ich habe alles vorgesehen: ich werde nicht
vorher fortgehen, als bis ich Ihnen mit diesem Revolver gleichfalls den
Schdel geffnet habe, wie dem Schufte Schatoff. Wenn Sie selbst zu
feige werden und es aufschieben wollen! Hol' Sie der Teufel!

Du willst wohl unbedingt auch mein Blut sehen?

Nicht aus Bosheit will ich es. Begreifen Sie doch, da es mir
persnlich ganz gleichgltig ist. Ich will es nur, um fr unsere Sache
ruhig sein zu knnen. Da man sich auf einen Menschen nicht verlassen
kann, sehen Sie doch selbst. Ich verstehe nichts davon, was Sie da ...
-- ich meine, warum Sie sich umbringen wollen. Nicht ich habe diese
Phantasie fr Sie ausgedacht, sondern Sie selbst, und mitgeteilt haben
Sie Ihre Ideen zuerst nicht mir, sondern den anderen auslndischen
Gliedern. Und vergessen Sie nicht, da niemand es aus Ihnen
herausgezogen hat, es kannte Sie ja auch niemand, sondern Sie selbst
sind gekommen und haben Ihre Gedanken mitgeteilt -- aus Sentimentalitt
wahrscheinlich. Wer ist aber jetzt daran schuld, wenn damals daraufhin
ein Plan fr gewisse Taten hier in der Stadt entworfen wurde, und die
Hauptsache: mit Ihrer Einwilligung und auf Ihren Vorschlag hin
(vergessen Sie das nicht: auf Ihren Vorschlag hin!). Schon deshalb denke
ich, da Sie die Sache jetzt nicht mehr im Stiche lassen drfen. Sie
haben sich so benommen, da Sie schon zu viel wissen. Wenn Sie nun
Furcht bekommen haben und morgen hingehen, um zu denunzieren, wird das
fr uns dann vorteilhaft sein, oder nicht, was meinen Sie? Nein, Sie
haben sich verpflichtet, Sie haben Ihr Wort gegeben, haben Geld
genommen. Das knnen Sie alles unmglich leugnen ...

Pjotr Stepanowitsch ereiferte sich mchtig, aber Kirilloff hrte ihm
schon lngst nicht mehr zu, sondern schritt wieder in Gedanken versunken
auf und ab.

Schatoff tut mir leid, sagte er endlich und blieb wieder vor Pjotr
Stepanowitsch stehen.

Aber mir tut er ja auch lei... --

Schweig, Schurke! brllte Kirilloff wild auf und machte eine
furchtbare und unzweideutige Bewegung. Ich schlage dich tot!

Nun, nun, nun, schon gut, ich habe gelogen, ich gebe selber zu, es tut
mir um ihn nicht ein bichen leid; nun, schon gut! Pjotr Stepanowitsch
war ngstlich aufgesprungen und hielt den Arm wie zum Schutz erhoben.

Kirilloff wandte sich pltzlich still von ihm ab und begann von neuem
durch das Zimmer zu schreiten.

Ich werde es nicht aufschieben, gerade jetzt will ich mich umbringen:
alle sind solche Schurken!

Nun, das ist doch ein Gedanke! Selbstverstndlich sind alle Schurken,
und da es einen anstndigen Menschen auf der Welt anekelt, so ...

Dummkopf, ich bin ganz eben so ein Schurke wie du, wie alle, aber kein
anstndiger. Ein anstndiger ist noch niemals nirgends gewesen.

Na, endlich also erraten! Haben Sie denn wirklich bis jetzt noch nicht
begriffen, Kirilloff, Sie mit Ihrem Verstande, da alle ein und
dieselben sind, da es weder bessere noch schlechtere Menschen gibt,
sondern nur klgere und dmmere, und da, wenn alle Schurken sind (was
nebenbei bemerkt Unsinn ist), es folglich einen Nichtschurken auch gar
nicht geben kann?

Ah! Und du lachst wirklich nicht? fragte ihn Kirilloff mit einer
gewissen Verwunderung. Du sprichst mit Eifer und einfach ... Haben denn
auch solche wie du berzeugungen?

Kirilloff, ich habe nie verstehen knnen, warum Sie sich tten wollen.
Ich wei nur, da Sie es aus berzeugung ... aus fester berzeugung
wollen. Aber wenn Sie das Bedrfnis fhlen, sich, wie man sagt,
mitzuteilen, so stehe ich zu Ihrer Verfgung ... Nur mu man die Zeit im
Auge behalten ...

Wieviel ist die Uhr?

Oho, punkt zwei, sagte Pjotr Stepanowitsch mit einem Blick auf seine
Uhr, und er zndete sich eine Zigarette an.

Ich glaube, ich werde doch noch mit ihm fertig, dachte er bei sich.

Ich habe dir nichts zu sagen, brummte Kirilloff.

Ich erinnere mich noch, da da irgend etwas von Gott dabei war ... Sie
haben es mir doch einmal erklrt, oder sogar zweimal ... Wenn Sie sich
erschieen, so werden Sie Gott, so war es doch, wenn ich mich nicht
tusche?

Ja, ich werde Gott.

Pjotr Stepanowitsch lchelte nicht einmal, er wartete; Kirilloff blickte
ihn fein an.

Sie sind ein politischer Betrger und Intrigant, Sie wollen mich auf
die Philosophie hinberleiten und in Begeisterung bringen, und eine
Vershnung mit mir machen, um den rger zu vertreiben, und wenn ich mich
vershne, dann den Brief erbitten, da ich Schatoff gettet habe.

Pjotr Stepanowitsch antwortete fast mit natrlicher Offenherzigkeit.

Nun, mag ich das auch gedacht haben. Nur -- ist Ihnen denn das in
diesen letzten Augenblicken nicht ganz gleichgltig, Kirilloff? Worber
zanken wir uns berhaupt, sagen Sie doch bitte selbst: Sie sind solch
ein Mensch, und ich bin wieder solch ein Mensch, nun, und was liegt denn
daran? Und beide noch dazu ...

Schurken.

Gut, meinetwegen auch Schurken. Sie wissen doch, da das nur Worte
sind.

Ich habe mein ganzes Leben nicht gewollt, da es nur Worte sind. Ich
habe auch nur deswegen gelebt, weil ich das immer nicht wollte. Ich will
auch jetzt jeden Tag, da es nicht nur Worte sind.

Nun ja, ein jeder sucht, wo er es besser htte. Ein Fisch ... das
heit, jeder sucht seinen Komfort ... in seiner Art; und das ist alles.
Auerordentlich lange schon bekannt.

Komfort, sagst du?

Nun, lohnt es sich denn, sich um Worte zu streiten?

Nein, du hast das gut gesagt: meinetwegen -- Komfort. Gott ist
unentbehrlich und darum mu er sein.

Nun, und wunderbar.

Aber ich wei, da es ihn nicht gibt und nicht geben kann.

Das ist schon richtiger.

Begreifst du denn wirklich nicht, da ein Mensch mit zwei solchen
Gedanken nicht leben bleiben darf?

Sich also erschieen mu?

Begreifst du denn wirklich nicht, da man sich nur allein deswegen
erschieen kann? Du kannst es nicht begreifen, da solch ein Mensch sein
kann, ein einziger Mensch von allen euren tausend Millionen, einer, der
nicht will und nicht ertrgt.

Ich verstehe nur, da Sie, wie's scheint, schwanken ... Das aber ist
hchst gemein.

Auch Stawrogin ist von der Idee verschlungen, sagte Kirilloff, die
Bemerkung berhrend, und schritt finster durch das Zimmer.

Wie? Pjotr Stepanowitsch spitzte die Ohren, von was fr einer Idee?
Hat er Ihnen selbst irgend etwas gesagt?

Nein, ich habe selbst erraten: Stawrogin, wenn er glaubt, so glaubt er
nicht, da er glaubt. Wenn er aber nicht glaubt, so glaubt er nicht, da
er nicht glaubt.

Nun, Stawrogin hat noch etwas anderes, etwas Gescheiteres als das ...
brummte Pjotr Stepanowitsch rgerlich, whrend er unruhig die neue
Wendung des Gesprches verfolgte und den bleichen Kirilloff beobachtete.

Zum Teufel, er wird sich nicht erschieen, dachte Pjotr Stepanowitsch.
Habe es ja immer vorausgefhlt, das war bei ihm nur eine Gehirnspirale,
die ganze Idee, und weiter nichts. Solch ein Lumpenpack, diese Kerls,
wahrhaftig!

Du bist der letzte, der bei mir ist: ich wrde nicht bse mit dir
auseinandergehen wollen, sagte pltzlich Kirilloff.

Pjotr Stepanowitsch antwortete nicht sofort. Wei der Teufel, was das
nun wieder bedeutet! dachte er.

Glauben Sie mir, Kirilloff, da ich nie etwas gegen Sie persnlich
gehabt habe und immer ...

Du bist ein Schurke und bist ein falscher Verstand. Aber ich bin ganz
dasselbe wie du und erschiee mich, du aber bleibst lebendig.

Sie wollen wohl sagen, da ich so niedrig sei, da ich am Leben bleiben
will.

Er war noch nicht ganz sicher, ob es vorteilhaft oder unvorteilhaft war,
ein solches Gesprch jetzt weiterzufhren, und entschlo sich daher,
sich den Umstnden anzupassen. Doch der Ton der berlegenheit und die
unverhohlene Verachtung, die Kirilloff immer fr ihn hatte, reizten und
rgerten ihn aus irgendeinem Grunde diesmal noch viel mehr, als sonst,
-- vielleicht deshalb, weil Kirilloff, der schon in ungefhr einer
Stunde sterben mute (das behielt Pjotr Stepanowitsch trotz allem fest
im Auge) fr ihn bereits nur noch ein halber Mensch war, also jemand,
dem man auf keine Weise mehr erlauben durfte, auch noch stolz und
hochmtig zu sein.

Sie wollen, wie's scheint, damit vor mir grotun, da Sie sich
erschieen werden?

Ich habe mich immer gewundert, da alle leben bleiben, sagte
Kirilloff, der auch diese Bemerkung wieder berhrte.

Hm! nehmen wir an, da das eine Idee ist, aber ...

Du Affe, du stimmst zu, um mich zu besiegen. Schweig, du kannst nichts
verstehen. Wenn es Gott nicht gibt, so bin ich Gott.

Sehen Sie, diesen Punkt habe ich bei Ihnen nie begreifen knnen: warum
sind Sie dann Gott?

Wenn es Gott gibt, so ist aller Wille sein, und aus Seinem Willen kann
ich nicht. Wenn nicht, so ist aller Wille mein und ich bin verpflichtet,
Eigenwillen zu bezeugen.

Eigenwillen? Und warum verpflichtet?

Darum, weil aller Wille mein geworden ist. Wird denn wirklich kein
einziger auf dem ganzen Planeten, nachdem er mit Gott ein Ende gemacht
hat und nur an seinen Eigenwillen glaubt, es wagen, Eigenwillen zu
beweisen, Eigenwillen gerade im Hauptpunkte? Das ist so, wie wenn ein
Armer eine Erbschaft bekommt und erschrickt und nicht wagt, zum Geldsack
zu gehen, weil er sich fr nicht stark genug hlt, zu besitzen. Ich will
Eigenwillen beweisen. Und wenn auch nur ich, ein einzelner, aber ich tue
es.

Tun Sie's nur!

Ich bin verpflichtet, mich zu erschieen, weil der vollste, hchste
Punkt meines Eigenwillens ist -- mich selbst zu tten.

Aber Sie sind doch nicht der einzige, der sich selbst ttet; es gibt
viele Selbstmrder.

Mit einer Ursache -- ja. Aber ganz ohne alle Ursache und nur fr
Eigenwillen -- ich allein.

Wird sich nicht erschieen, zuckte es wieder durch Pjotr
Stepanowitschs Gedanken.

Wissen Sie was, bemerkte er gergert, ich wrde an Ihrer Stelle, um
Eigenwillen zu offenbaren, erst irgendeinen anderen, aber nicht mich
selbst, umbringen. Knnten sich damit noch ntzlich machen. Ich werde
Ihnen sagen wen, wenn Sie nicht erschrecken. Dann brauchen Sie sich
meinetwegen heute auch noch nicht zu erschieen. Man knnte sich
besprechen.

Einen anderen tten wrde gleich der allerniedrigste Punkt meines
Eigenwillens sein, und hierin bist du ganz enthalten. Ich bin nicht du:
ich will den hchsten Punkt und tte mich.

Glcklich mit eigenem Verstande darauf verfallen, brummte Pjotr
Stepanowitsch boshaft.

Ich bin verpflichtet, den Unglauben zu verknden, sprach Kirilloff
weiter, durch das Zimmer schreitend. Fr mich ist nichts hher, als die
Idee -- da es Gott nicht gibt. Die ganze Geschichte der Menschheit
spricht fr mich. Der Mensch hat nichts anderes getan, als Gott sich
ausdenken, um leben zu knnen, ohne sich totzuschlagen. Darin besteht
die ganze Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag. Ich allein in der
ganzen Weltgeschichte habe zum erstenmal Gott mir nicht ausdenken
wollen. Mag man das fr immer erfahren.

Wird sich nicht erschieen, dachte Pjotr Stepanowitsch wieder
beunruhigt.

Wer soll es denn erfahren? versuchte er ihn zu hetzen. Hier sind nur
Sie und ich! Liputin etwa?

Alle sollen es erfahren; alle werden es erfahren ... Es gibt nichts in
der Welt, was nicht einmal offenbar wird. Das hat _Er_ gesagt.

Und er wies in fieberhaftem Entzcken auf das Bild des Heilandes, vor
dem das Lmpchen brannte. Pjotr Stepanowitsch wurde endgltig wtend.

An den also glauben Sie immer noch? Haben auch das Lmpchen angezndet!
Tun Sie das vielleicht auch >auf alle Flle<?

Der andere schwieg.

Wissen Sie, meiner Meinung nach glauben Sie womglich noch mehr als ein
Pope.

An wen? An _Ihn_? Hre, Kirilloff blieb stehen und sah mit starrem,
wie verzcktem Blick vor sich hin. Hre eine groe Idee: es war auf der
Erde ein Tag und in der Mitte der Erde standen drei Kreuze. Einer am
Kreuz glaubte so, da er dem anderen sagte: >Wahrlich, ich sage dir,
heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.< Der Tag verging, beide
starben, gingen hin und fanden weder Paradies noch Auferstehung. Die
Worte bewahrheiteten sich nicht. Hre: dieser Mensch war der hchste auf
der ganzen Welt, war das, wozu sie lebt. Der ganze Planet, mit allem,
was auf ihm ist, ist ohne diesen Menschen -- nur ein Wahnsinn. Es war
weder vor Ihm, noch nach Ihm einer seinesgleichen, niemals, sogar bis
zum Wunder. Das ist eben das Wunder, da keiner vor ihm war noch nach
ihm sein wird, niemals. Aber wenn dem so ist, wenn die Gesetze der Natur
auch _Diesen_ nicht verschont haben, sogar ihr eigenes Wunder nicht
verschont haben und auch _Ihn_ zwangen, mitten in Lge zu leben und fr
Lge zu sterben, so ist folglich der ganze Planet Lge und beruht nur
auf Lge und dummem Spott. Folglich sind die Gesetze selbst des Planeten
-- Lge und des Teufels Bhnenstck. Wozu dann leben, antworte, wenn du
ein Mensch bist?

Das ist die Kehrseite. Mir scheint, Sie haben hier zwei verschiedene
Ursachen vermischt; das ist aber sehr unzuverlssig. Doch erlauben Sie,
wenn Sie nun Gott sind? Wenn die Lge zu Ende ist und Sie erraten haben,
da die ganze Lge nur daher kam, da es den frheren Gott gab?

Endlich hast du es verstanden! rief Kirilloff begeistert. Also kann
man es doch verstehen, wenn sogar so einer wie du es verstanden hat!
Verstehst du jetzt, da die ganze Errettung fr alle ist -- allen diesen
Gedanken zu beweisen. Wer aber wird ihn beweisen? Ich! Ich verstehe
nicht, wie bis jetzt ein Atheist wissen konnte, da es Gott nicht gibt,
und sich doch nicht sofort selbst ttete? Erkennen, da es Gott nicht
gibt und nicht im selben Augenblick mit eins erkennen, da man dadurch
selbst Gott geworden ist -- ist eine Ungereimtheit, denn anderenfalls
wrde man sich unbedingt selbst tten. Wenn du erkenntest -- so bist du
Zar, und du brauchst dich nicht mehr selbst zu tten, sondern wirst in
der allergrten Herrlichkeit leben. Aber einer, der erste, der das
erkennt, der mu sich unbedingt selbst tten, denn wer wird sonst
beginnen und beweisen? Also tte ich mich selbst, unfehlbar, um zu
beginnen und zu beweisen. Ich bin erst noch gezwungenermaen Gott und
bin unglcklich, denn ich bin _verpflichtet_, Eigenwillen zu bezeugen.
Alle sind unglcklich, denn alle frchten sich, Eigenwillen zu zeigen.
Eben deshalb ist der Mensch bis jetzt so unglcklich und arm gewesen,
weil er sich frchtete, den Hauptpunkt, den Kern des Eigenwillens
durchzusetzen, und weil er nur so drumherum, am Rande ein wenig
Eigenwillen oder Mutwillen trieb wie ein Schuljunge. Ich bin schrecklich
unglcklich, denn ich habe schreckliche Angst. Die Angst ist der Fluch
des Menschen ... Aber ich werde Eigenwillen offenbaren, ich bin
verpflichtet, fest daran zu glauben, da ich nicht glaube. Ich werde
beginnen und werde beenden, und werde das Tor ffnen. Und retten. Nur
dieses allein wird alle Menschen retten und schon in der nchsten
Generation physisch verndern. Denn in der jetzigen krperlichen Form
kann, so viel ich glaube, der Mensch ohne den frheren Gott nicht sein.
Ich habe drei Jahre das Attribut meiner Gottheit gesucht und habe es
schlielich gefunden: das Attribut meiner Gottheit ist -- Eigenwille!
Das ist alles, womit ich im Hauptpunkt meine Nichtunterwrfigkeit
beweisen kann und meine neue furchtbare Freiheit. Denn sie ist malos
furchtbar. Ich tte mich, um meine Nichtunterwrfigkeit zu beweisen und
meine neue furchtbare Freiheit.

Sein Gesicht war unnatrlich bleich, sein Blick unertrglich schwer. Er
war wie im Fieber. Pjotr Stepanowitsch frchtete schon, er werde
sogleich hinfallen.

Gib die Feder! rief Kirilloff pltzlich ganz unerwartet in
entschiedener Verzckung -- diktiere, ich unterschreibe alles. Auch,
da ich Schatoff gettet, unterschreibe ich. Diktiere, solange es mir
lachhaft ist! Ich frchte die Gedanken der anmaenden Sklaven nicht! Du
wirst selbst sehen, da alles Geheimnisvolle offenbar werden wird. Du
aber wirst zerdrckt werden ... Ich aber glaube! Ich glaube!

Pjotr Stepanowitsch schnellte empor, gab ihm im Nu das Tintenfa und ein
Blatt Papier und begann sofort zu diktieren, um den gnstigen Augenblick
nicht zu verpassen, zitternd fr das Gelingen.

Ich, Alexei Kirilloff, erklre ...

Wart! So will ich nicht! Erklre wem?

Kirilloff bebte wie im Fieber. Diese Erklrung und irgendein besonderer
pltzlicher Gedanke in bezug auf diese Erklrung hatten ihn, wie es
schien, ganz und gar verschlungen, als ob sie ein Ausweg wre, auf den
sich, wenn auch nur auf einen Augenblick, sein mdgequlter Geist
strzte.

Erklre wem? Will wissen wem?

Ach, niemandem, allen, dem ersten, der es liest! Wozu das bestimmen?
Der ganzen Welt!

Der ganzen Welt? Bravo! Und da keine Reue ntig ist! Ich will nicht
bereuen. Und ich will auch nicht an die Obrigkeit!

Aber nein doch, das ist ja auch gar nicht ntig, zum Teufel mit der
Obrigkeit! Aber so schreiben Sie doch, wenn Sie ernstlich! ... schrie
Pjotr Stepanowitsch in hysterischer Nervositt ihn an.

Wart! Ich will erst eine Fratze mit herausgestreckter Zunge malen.

Ach was, Unsinn! Teufel, das kann man auch ohne Malerei ausdrcken,
einfach mit dem Ton.

Mit dem Ton? Das ist gut. Ja, mit dem Ton, mit dem Ton! Diktier mir mit
dem Ton!

Ich, Alexei Kirilloff, diktierte fest und befehlend Pjotr
Stepanowitsch, ber die Schulter Kirilloffs gebeugt und jeden
Buchstaben, den dieser mit seiner zitternden Hand schrieb, mit den Augen
verfolgend, -- ich, Kirilloff, erklre, da ich heute, am ...sten
Oktober, am Abend um acht Uhr, den Studenten Schatoff im Park gettet
habe und zwar fr Verrat und Anzeige der Proklamationen, sowie Fedjkas,
der bei uns beiden im Filippoffschen Hause zehn Tage gewohnt und
genchtigt hat. Ich erschiee mich aber heute mit einem Revolver nicht
deswegen, weil ich bereue und euch frchte, sondern weil ich schon im
Auslande die Absicht hatte, mir das Leben zu nehmen.

Und das ist alles? fragte erstaunt und unwillig Kirilloff.

Kein Wort mehr! sagte Pjotr Stepanowitsch, mit der Hand abwinkend, und
suchte ihm das Papier zu entreien.

Wart! rief Kirilloff und legte fest seine Hand auf das Blatt. Wart,
Unsinn! Will noch sagen, mit wem ich erschlagen habe. Warum Fedjka? Und
die Brandstiftung? Ich will alles und will sie noch ausschimpfen mit dem
Ton, mit dem Ton!

Genug, Kirilloff, ich versichere Ihnen, das ist vollkommen genug!
flehte Pjotr Stepanowitsch geradezu, denn er zitterte vor Angst, da
Kirilloff das Papier vielleicht wieder zerreien werde. Damit die es
glauben, mu es so dunkel wie mglich sein, nur mit Andeutungen, gerade
so! Man mu nur ein Eckchen der Wahrheit zeigen, nur soviel, um sie
irrezufhren. Die werden sich schon selbst weit mehr vorlgen, als wir
es knnten, und sich selbst werden sie natrlich mehr glauben als uns --
und das ist doch gerade das Beste, das Allerbeste! Geben Sie her, es ist
wundervoll so. Geben Sie! Geben Sie!

Und er bemhte sich immer noch, ihm das Papier zu entwenden, es ihm
unter der Hand wegzuziehen. Kirilloff hatte die Augen weit aufgerissen,
hrte wohl auch zu und schien sogar begreifen zu wollen, doch hatte er
wahrscheinlich schon aufgehrt, zu verstehen.

Teufel! entfuhr es pltzlich wtend Pjotr Stepanowitsch. Er hat ja
noch gar nicht unterschrieben! Was starren Sie denn so, unterschreiben
Sie doch!

Ich will ausschimpfen ... murmelte Kirilloff, nahm aber doch gehorsam
die Feder und schrieb seinen Namen. Ich will ausschimpfen ...

Schreiben Sie meinetwegen: _Vive la rpublique_,{[199]} und damit dann
genug.

Bravo! schrie, brllte fast Kirilloff vor Entzcken auf. _Vive la
rpublique dmocratique, sociale et universelle ou la mort!_ ... Nein,
nein, nicht so. _Libert, egalit, fraternit ou la mort._{[200]} Das
ist noch besser, noch besser, und er schrieb es mit sichtlichem
Hochgenu unter seinen Namenszug.

Genug jetzt, wirklich genug! wiederholte Pjotr Stepanowitsch.

Wart, noch ein ... Ich, weit du, ich werde noch einmal auf franzsisch
unterschreiben: >_de Kirilloff, gentil-homme russe et citoyen du
monde_.<{[201]} Hahahahaha! lachte er auf. Nein, nein, nein, wart,
habe es noch besser gefunden, am allerbesten, Heureka! --
>_gentil-homme-sminariste russe et citoyen du monde civilis_!<{[202]}
Das ist am allerbesten ... -- -- -- und er sprang jh auf, ergriff
pltzlich mit einer schnellen Bewegung seinen Revolver, strzte in das
andere Zimmer und schlug die Tr fest hinter sich zu.

Pjotr Stepanowitsch stand einen Augenblick nachdenklich da und sah
gespannt auf die geschlossene Tr.

Wenn sofort -- dann ist es mglich, da er abdrckt, fngt er aber an
zu denken -- dann wird nichts geschehen.

Vorlufig nahm er das Blatt in die Hand, setzte sich wieder und sah das
Geschriebene noch einmal durch. Die Abfassung gefiel ihm wieder
ungemein.

Was fehlt uns jetzt! Es ist ja weiter nichts ntig, wie sie fr eine
Zeitlang ganz aus der Fassung zu bringen und abzulenken. Park? In der
Stadt gibt es keinen Park. Aber sie werden schon mit ihrem eigenen
Verstande auf Skworeschniki verfallen. Bis sie aber darauf verfallen,
vergeht Zeit, bis sie suchen -- wieder Zeit, und finden sie die Leiche
-- so ist hier nur die Wahrheit geschrieben worden, folglich mu auch
alles andere richtig sein, auch das von Fedjka. Was aber bedeutet
Fedjka? Fedjka -- das ist der Brand, Fedjka, das sind Lebdkins:
folglich ist alles aus dem Filippoffschen Hause gekommen, sie aber haben
nichts davon gesehen, haben nichts durchschauen knnen, -- und gerade
das wird sie schon vollends verwirren! Auf die Unsrigen aber werden sie
berhaupt nicht verfallen. Es waren also Schatoff und Kirilloff und
Fedjka und Lebdkin; warum sie aber einander totgeschlagen haben -- das
ist dann fr die Leute noch so eine kleine Frage zum Zeitvertreib. Zum
Teufel, wo bleibt denn der Schu! ...

Pjotr Stepanowitsch hatte die ganze Zeit, wenn er auch las und sich ber
die Abfassung freute, doch gleichzeitig jeden Augenblick mit qulender
Unruhe gehorcht und -- pltzlich wurde er wtend. Erregt zog er die Uhr
hervor: es war schon sehr spt; und Kirilloff mochte vor bereits zehn
Minuten hinausgegangen sein ... Er ergriff das Licht und ging zur Tr
des Nebenzimmers. An der Tr sah er pltzlich und kam es ihm zu
Bewutsein, da auch das Licht schon heruntergebrannt war und vielleicht
nach zwanzig Minuten auslschen werde, da ein anderes aber nicht
vorhanden war. Vorsichtig umfate er mit der Hand die Klinke und
horchte. Kein einziger Laut drang aus dem anderen Zimmer. Pltzlich
ffnete er die Tr und erhob das Licht: da brllte etwas auf und strzte
auf ihn zu. Hastig schlug er die Tr zu und stemmte sich mit aller Kraft
gegen sie, aber schon war alles verstummt -- und wieder Totenstille.

Lange stand er so in seiner Unentschlossenheit mit dem Licht in der
Hand. In dem kurzen Augenblick, nach dem ffnen der Tr, hatte er nur
sehr wenig sehen knnen, aber er erinnerte sich doch des Gesichts
Kirilloffs, der am anderen Ende des Zimmers am Fenster gestanden hatte,
und der tierischen Wut, mit der er zur Tr gestrzt war. Pltzlich regte
sich etwas im Nebenzimmer.

Pjotr Stepanowitsch stellte schnell das Licht auf den Tisch, ergriff
seinen Revolver und sprang auf den Fuspitzen zur Seite in die
entgegengesetzte Ecke, so da er, falls Kirilloff die Tr ffnete und
auf den Tisch zuschritt, noch vor Kirilloff zielen und abdrcken konnte.

Aber es blieb wieder alles ruhig.

Da Kirilloff jetzt noch den Selbstmord begehen werde, daran glaubte
Pjotr Stepanowitsch schon gar nicht mehr.

Er stand offenbar und dachte, ging es ihm blitzartig durch den Kopf.
Dazu noch ein dunkles, unheimliches Zimmer ... Er brllte auf und
strzte zur Tr -- hier sind zwei Mglichkeiten: entweder strte ich ihn
gerade in dem Augenblick, als er den Hahn abdrcken wollte, oder ...
oder er stand und berlegte, wie er mich tten knnte. Ja, das wird's
gewesen sein, er berlegte ... Er wei, da ich nicht vorher fortgehe,
als bis er tot ist, da ich ihn tten werde, wenn er selbst dazu zu
feige ist -- also mu er mich zuerst tten, damit nicht ich ihn tte ...
Und wieder, wieder bleibt dort alles still! ... Einfach gruselig:
pltzlich macht er die Tr auf ... Die Schweinerei ist ja blo, da er
an Gott noch mehr glaubt als ein Pope ... Wird sich nicht erschieen, um
keinen Preis! Oh ... Solche, wie er, die mit >eigenem Verstande so weit
kommen<, vermehren sich ja jetzt ungeheuer. Lumpenpack! Teufel, das
Licht, das Licht! In einer Viertelstunde ist es ausgebrannt, sptestens
... Mu Schlu machen, mu unbedingt, was es auch koste, Schlu machen
... Was, -- totschlagen kann man ihn ja jetzt ... Nach diesem Papier
kann niemand denken, da ich ihn erschossen habe. Man kann ihn schon so
auf die Diele legen und zurechtbiegen, mit abgeschossenem Revolver in
der Hand, da man unbedingt glauben mu, er selbst ... Teufel, aber wie
ihn nur erschieen? Wenn ich aufmache, wird er sich wieder auf mich
strzen und noch vor mir abdrcken. Teufel, nein, er wird natrlich
nicht treffen ... Immerhin ...

So qulte er sich hin und her und ward immer unruhiger infolge der
unumgnglichen Notwendigkeit der Tat einerseits und der eigenen
Unentschlossenheit andererseits. Schlielich nahm er wieder den Leuchter
und trat wieder leise zur Tr, wobei er den Revolver hob und den Hahn
spannte, dann mit der linken Hand, in der er das Licht hielt, die Klinke
zu ffnen versuchte -- aber es gelang nicht: das Schlo kreischte nur
und ffnete sich nicht. Er wird sofort auf mich schieen! dachte Pjotr
Stepanowitsch, ri die Tr auf und erhob Licht und Revolver ... Doch
kein Schu ertnte ... Auch kein Schrei ... Im Zimmer war kein Mensch.

Er fuhr zusammen. Einen anderen Ausgang hatte das Zimmer nicht, aus ihm
zu entfliehen war unmglich. Er hob das Licht noch hher und blickte
noch aufmerksamer hinein: nein, kein Mensch. Halblaut rief er einmal
Kirilloff und dann zum zweitenmal lauter, aber niemand antwortete.

Sollte er aus dem Fenster gesprungen sein?

Tatschlich war das Luftfenster offen.

Unsinn, durchs Luftfenster kann er doch nicht durch. Pjotr
Stepanowitsch ging durch das ganze Zimmer zum Fenster. Unmglich konnte
er hier durch! Pltzlich wandte er sich blitzschnell um und etwas
Ungewhnliches erschtterte ihn.

An der Wand, die dem Fenster gegenber lag, stand links von der Tr ein
Schrank. An der linken Seite dieses Schrankes aber, in der Ecke zwischen
der anderen Wand und dem Schrank, stand Kirilloff und stand furchtbar
sonderbar, -- unbeweglich, stramm, die Hnde militrisch an den Nhten,
den Kopf erhoben und mit dem Rcken fest an die Wand gepret ... Allem
Anscheine nach wollte er sich verstecken, aber das war wiederum nicht
glaubhaft. Pjotr Stepanowitsch stand ein wenig schrg zu der Ecke und
sah nur die hervortretenden Teile der Gestalt. Er konnte sich aber noch
nicht entschlieen, weiter nach links zu gehen und das Rtsel zu lsen.
Sein Herz schlug laut. Und pltzlich erfate ihn eine rasende Wut: er
ri sich von der Stelle, schrie auf und strzte trampelnd zu der
furchtbaren Stelle.

Doch wie er unmittelbar vor ihm stand, blieb er wie angewurzelt stehen,
noch mehr von Entsetzen betubt. Vor allem frappierte es ihn, da die
Gestalt sich trotz seines Schreies und wtenden Anlaufs nicht einmal
bewegte, nicht einmal zuckte, auch nicht mit einem einzigen Gliede --
ganz, als ob sie versteint oder aus Wachs gewesen wre. Die Blsse des
Gesichts war unnatrlich, die schwarzen Augen waren unbeweglich und
sahen auf irgendeinen Punkt im leeren Raum. Pjotr Stepanowitsch fhrte
das Licht von oben nach unten und wieder nach oben und sah aufmerksam
dieses Gesicht an. Und pltzlich gewahrte er, da Kirilloff, wenn er
auch geradeaus in die Luft blickte, ihn doch seitlich sah und womglich
noch beobachtete. Da kam ihm der Gedanke, das Licht diesem Schurken an
das Gesicht zu legen, es anzubrennen, um zu sehen, was er dann tun
werde. Pltzlich aber schien es ihm, da Kirilloffs Kinn sich bewege und
ber die Lippen ein Spottlcheln flimmere -- ganz als ob jener seinen
Gedanken erraten htte. Er erbebte und auer sich vor Wut packte er
Kirilloff an der Schulter.

Da geschah aber etwas dermaen Unglaubliches, und geschah so schnell,
da Pjotr Stepanowitsch sich spter in seiner Erinnerung selbst nicht
mehr zurechtfand. Kaum hatte er Kirilloff berhrt, als dieser pltzlich
seinen Kopf fallen lie und ihm mit dem Kopf das Licht aus der Hand
schlug. Der Leuchter fiel mit lautem Gepolter zu Boden, und das Licht
erlosch. Im selben Augenblick noch fhlte er einen furchtbaren Schmerz
im kleinen Finger seiner linken Hand. Er schrie auf, und spter wute er
nur noch, da er, auer sich, Kirilloff, der seinen Finger nicht aus den
Zhnen lie, dreimal mit dem Revolver auf den Kopf geschlagen hatte.
Doch es gelang ihm endlich, den Finger herauszureien. Und er strzte
fort, hinaus, so schnell er in der Dunkelheit nur konnte, aus dem
Zimmer, aus der Wohnung. Ihm nach aber drangen die furchtbaren Schreie:

Sofort, sofort, sofort, sofort!

Wohl mehr als zehnmal. Aber Werchowenski lief immer noch weiter, weiter,
durch die Dunkelheit, suchte schon im Flur die Ausgangstr, als
pltzlich ein lauter Schu erschallte. Da erst blieb er stehen, im Flur,
in der Dunkelheit, und berlegte wohl fnf Minuten lang. Endlich kehrte
er wieder um und ging in die Wohnung zurck. Zuerst mute Licht
geschafft werden. Dazu brauchte er nur den aus der Hand geschlagenen
Leuchter auf dem Boden aufzusuchen, rechts vom Schrank; aber womit dann
den Lichtstumpf anznden? Er selbst hatte nichts bei sich. Eine dunkle
Erinnerung zog ihm durch den Kopf: es war ihm, als htte er am Abend
vorher, als er in die Kche zu Fedjka gestrzt war, in der Ecke auf dem
Kchenbrett flchtig eine groe rote Streichholzschachtel bemerkt.
Tastend ging er also zuerst nach links, zur Kchentr, fand sie
schlielich und stieg dann die drei Stufen hinunter. Richtig: auf dem
Brett, gerade an der Stelle, an die er sich erinnert hatte, fand er in
der Dunkelheit eine groe, noch nicht geffnete Streichholzschachtel.
Ohne anzuznden, kehrte er eilig zurck und erst beim Schrank, auf
derselben Stelle, wo er vorhin gestanden hatte, als er den ihn beienden
Kirilloff mit dem Revolver auf den Kopf schlug, fiel ihm pltzlich sein
gebissener Finger ein, und in derselben Sekunde fhlte er auch einen
fast unertrglichen Schmerz in ihm. Er bi die Zhne zusammen, zndete
mit genauer Not noch den kleinen Lichtstumpf an und dann erst sah er
sich um: nicht weit von dem Fenster, dessen Luftfenster offen war, lag,
mit den Fen zu jener Ecke des Zimmers, die Leiche Kirilloffs. Er hatte
sich in die rechte Schlfe geschossen und oben an der linken Seite des
Kopfes hatte die Kugel wieder den Schdel durchschlagen. Blut und
Hirnspritzer sah man auf der Diele. Der Revolver war in der Hand des
Selbstmrders geblieben. Der Tod mute sofort eingetreten sein. Nachdem
Pjotr Stepanowitsch alles genau betrachtet hatte, erhob er sich wieder
und ging auf den Fuspitzen aus dem Zimmer, schlo hinter sich die Tr,
stellte das Licht auf den Tisch vor dem Sofa, dachte ein wenig nach und
beschlo dann, es nicht auszulschen, da durch dieses Licht im Leuchter
doch kein Brand entstehen konnte. Er blickte noch einmal auf das
Dokument und lchelte mechanisch. Darauf verlie er, ich wei nicht
warum, immer noch leise auf den Fuspitzen gehend, endgltig langsam das
Haus. Wieder kroch er durch Fedjkas geheimen Gang und schlo ihn hinter
sich sorgfltig mit dem Brett.


                                  III.

Zehn Minuten vor sechs gingen Pjotr Stepanowitsch und Erkel auf dem
Bahnhof lngs des diesmal ziemlich langen Zuges auf und ab. Pjotr
Stepanowitsch fuhr fort und Erkel begleitete ihn. Das Gepck war schon
aufgegeben, der Reisesack lag auf dem ausgesuchten Platz in einem Waggon
der zweiten Klasse. Das erste Glockenzeichen war schon ertnt und man
wartete auf das zweite. Pjotr Stepanowitsch sah sich wie gewhnlich
neugierig nach allen Seiten um, und betrachtete die Einsteigenden.
Nhere Bekannte aber waren nicht zu sehen. Allem Anschein nach wollte
Erkel in diesen letzten Minuten noch von etwas Wichtigerem sprechen --
wenn er auch vielleicht selbst nicht wute, wovon eigentlich; aber er
wagte nicht anzufangen. Es schien ihm sogar, da er Pjotr Stepanowitsch
lstig fiel und da dieser mit Ungeduld auf das zweite Glockenzeichen
wartete.

Sie sehen so offen alle Menschen an, bemerkte er etwas schchtern, als
wollte er warnen.

Warum soll ich denn nicht? Noch darf ich mich nicht verstecken. Ist
noch zu frh. Beunruhigen Sie sich nicht. Nur eines frchte ich, da der
Teufel mir den Liputin an den Hals schickt, der knnte es riechen und
herlaufen!

Pjotr Stepanowitsch, die sind nicht zuverlssig, sagte Erkel endlich
schchtern.

Liputin?

Alle, Pjotr Stepanowitsch.

Unsinn, jetzt sind sie durch das Gestrige gebunden. Kein einziger wird
verraten. Wer wird sich denn selbst ins Unglck strzen, wenn er nicht
den Verstand verloren hat?

Aber die haben doch den Verstand verloren!

Dieser Gedanke war wohl auch Pjotr Stepanowitsch schon durch den Kopf
gegangen. Darum rgerte ihn diese Bemerkung Erkels noch mehr.

Sind Sie nicht auch schon feige geworden, Erkel? Ich verlie mich auf
Sie eigentlich mehr, als auf die anderen zusammen. Jetzt wei ich, was
jeder von ihnen wert ist. Teilen Sie ihnen alles heute noch mndlich
mit. Ich vertraue sie Ihnen an. Gehen Sie schon am Morgen zu allen.
Meine schriftliche Instruktion knnen Sie ihnen morgen oder bermorgen
vorlesen, wenn sie versammelt sind und fhig, sie zu verstehen ...
Glauben Sie mir, die haben furchtbare Angst und werden jetzt weich wie
Wachs sein ... Aber die Hauptsache, werden Sie nur nicht melancholisch
...

Ach, Pjotr Stepanowitsch, es wre wirklich besser, wenn Sie nicht
verreisten!

Aber ich verreise doch nur auf ein paar Tage: ich bin ja im Augenblick
wieder zurck.

Pjotr Stepanowitsch, sagte Erkel schchtern, und selbst wenn Sie auch
nach Petersburg reisen sollten ... Ich verstehe doch, ich wei doch, da
Sie nur das fr die allgemeine Sache Notwendige tun.

Von Ihnen habe ich auch nicht weniger als volles Verstndnis erwartet,
Erkel. Wenn Sie erraten haben, da ich nach Petersburg fahre, so werden
Sie auch verstehen, da ich ihnen gestern, in jenem Augenblick, nicht
gleich sagen konnte, da ich in der Tat so weit reise. Ich htte sie nur
unntz erschreckt. Sie haben ja selbst gesehen, wie sie da alle waren.
Aber Sie verstehen doch, da ich es fr die groe und wichtige Sache tun
mu, fr unsere allgemeine Sache, und nicht etwa, um mich persnlich in
Sicherheit zu bringen, wie vielleicht irgendein Liputin annimmt.

Ich verstehe es ohne weiteres, Pjotr Stepanowitsch, und selbst wenn Sie
ins Ausland fahren sollten, ich verstehe es doch, ich wei, da Sie Ihre
Person nicht so aufs Spiel setzen drfen, denn Sie sind alles, wir aber
sind nichts. Oh, ich verstehe schon, Pjotr Stepanowitsch.

Die Stimme des armen Knaben bebte sogar.

Ich danke Ihnen, Erkel ... Au, Sie haben meinen kranken Finger
berhrt. (Erkel hatte ihm recht fest die Hand drcken wollen und dabei
nicht an die Verletzung gedacht; der kranke Finger war kunstvoll mit
schwarzem Taffett verbunden.) Aber ich kann Ihnen nur wiederholen, da
ich in Petersburg blo ein wenig schnuppern will, bleibe dort im ganzen
vielleicht vierundzwanzig Stunden -- und dann sofort wieder hierher.
Zuerst werde ich mich hier auf dem Lande bei Gaganoff niederlassen, Sie
verstehen doch -- der Leute wegen. Wenn aber die Unsrigen irgendeine
Gefahr wittern sollten, so werde ich als erster diese Gefahr mit ihnen
teilen. Sollte ich aber etwas lnger in Petersburg bleiben mssen, so
teile ich es Ihnen sofort mit ... auf dem bekannten Wege, und Sie sagen
es dann den anderen.

Das zweite Glockenzeichen ertnte.

Ah, also noch fnf Minuten bis zur Abfahrt. Wissen Sie, ich wrde es
nicht wnschen, da diese Gruppe hier auseinanderfllt. Das heit nicht,
da mir so sehr viel daran lge; nein; brauchen sich um mich weiter
keine Sorgen zu machen: solcher Kntchen des groen Netzes habe ich ja
genug und brauche nicht um eine einzige so sehr zu bangen. Aber eine
Gruppe mehr ist immerhin eine Gruppe mehr und als solche nicht zu
verachten. brigens, um Sie mache ich mir keine Sorgen, wenn ich Sie
auch fast allein mit diesen Migeburten hier zurcklasse: beunruhigen
Sie sich nicht, die werden nicht denunzieren, werden es gar nicht wagen
... -- A--ah, und auch Sie heute? rief er pltzlich mit ganz anderer,
heiterer Stimme einem sehr jungen Menschen zu, der freundlich auf ihn
zutrat, um ihn zu begren. Sie fahren also auch mit dem Schnellzug?
Wohin denn? Zur Mama?

Die Mutter des jungen Menschen war eine schwerreiche Gutsbesitzerin des
Nachbargouvernements, und der junge Mann, der weitlufig mit Julija
Michailowna verwandt war, hatte als Gast zwei Wochen in unserer Stadt
verbracht.

Nein, ich fahre weiter, nach K... Acht Stunden Eisenbahnfahrt stehen
mir bevor. Und Sie nach Petersburg? fragte der junge Mann frohgemut.

Warum nehmen Sie so aufs blaue hin an, da ich nach Petersburg fahre?
fragte Pjotr Stepanowitsch noch frhlicher und sah ihm lachend offen ins
Gesicht.

Der junge Mensch drohte ihm mit dem Finger der behandschuhten Rechten.

Na, wenn Sie's erraten haben, raunte ihm pltzlich Pjotr Stepanowitsch
mit gedmpfter Stimme geheimnisvoll zu, ich reise mit Briefen von
Julija Michailowna und mu dort drei, vier Persnlichkeiten aufsuchen,
und was fr welche noch dazu! -- na, Sie ahnen wohl schon. brigens
knnte sie meinethalben allesamt der Teufel holen, unter uns gesagt.
Eine verflixte Aufgabe!

Aber sagen Sie doch bitte, was frchtet sie denn pltzlich so?
flsterte nun auch der junge Mensch. Sie hat sogar mich gestern nicht
empfangen wollen. Meiner Meinung nach hat sie doch gar keinen Grund, fr
ihren Mann etwas Unangenehmes zu erwarten. Im Gegenteil, er ist doch
noch so anstndig auf dem Brandplatze hingefallen, hat ja frmlich, wie
man zu sagen pflegt, sein Leben aufs Spiel gesetzt.

Nun, natrlich doch, lachte Pjotr Stepanowitsch noch lustiger. Ja,
sehen Sie, sie frchtet aber, da man von hier aus schon geschrieben
haben knnte ... das heit, da gewisse Leute ... Mit einem Wort, hier
ist vor allem Stawrogin, oder richtiger Graf K... Ach, nun kurz: hier
steckt noch eine ganze Geschichte hinter der Geschichte -- ich werde
Ihnen vielleicht einiges unterwegs erzhlen -- soviel mir die
Ritterlichkeit zu erzhlen erlaubt ... Mein Verwandter, Fhnrich Erkel,
aus der Kreisstadt.

Der junge Mensch blickte flchtig auf Erkel und berhrte den Hut. Erkel
grte militrisch.

Ach, wissen Sie, Werchowenski, acht Stunden im Eisenbahnwagen ist ein
furchtbares Los. Mit uns fhrt noch in der ersten Klasse Oberst
Berestoff, ein urkomischer Kauz, mein Gutsnachbar: verheiratet mit einer
Garina -- _ne de Garine_.{[203]} Ist auch sonst in jeder Beziehung
tadellos. Und wissen Sie, dabei hat er sogar Ideen. Hier hat er sich nur
zwei Tage aufgehalten. Ein leidenschaftlicher Kartenspieler, nebenbei;
spielt mit Vorliebe Jeralsch[54], sollte man da nicht ein Spielchen
machen? Den vierten habe ich auch schon gefunden: Pripuchloff, ein
Kaufmann aus dem T.schen, Millionr, aber, wissen Sie, ein richtiger
Millionr, versichere Ihnen ... Ich mache Sie bekannt, eine urgemtliche
Haut, und lachen werden wir! ...

Oh, Jeralsch spiele ich mit dem grten Vergngen, und besonders noch
auf der Reise, aber ich fahre in der zweiten Klasse.

Ach was, das ist doch ... auf keinen Fall, Sie setzen sich einfach zu
uns. Ich werde sofort dem Zugfhrer sagen, da Ihre Sachen in die erste
Klasse zu bringen sind. Er gehorcht mir aufs Wort. Was haben Sie, einen
_sac de voyage_?{[204]} ein Plaid?

Famos, gehen wir!

Und Pjotr Stepanowitsch nahm selbst seinen Reisesack, Plaid und Buch und
siedelte sofort mit der grten Bereitwilligkeit in die erste Klasse
ber. Erkel half ihm, die Sachen zu tragen. Da ertnte auch schon das
dritte Glockenzeichen.

Nun, Erkel, sagte Pjotr Stepanowitsch eilig und reichte ihm mit
sichtlich anderweitig gefesseltem Interesse zum Abschied noch die Hand
aus dem Fenster, ich werde also mit ihnen Karten spielen.

Aber wozu mir das noch erklren, Pjotr Stepanowitsch, ich verstehe ja
schon, ich verstehe doch alles, Pjotr Stepanowitsch.

Na, also dann auf glckliches ... und auf den Anruf des jungen
Menschen, der ihn mit den Partnern bekannt machen wollte, wandte er sich
pltzlich vom Fenster zurck.

Erkel sah seinen Pjotr Stepanowitsch nicht wieder.

Traurig kehrte er nach Haus zurck. Nicht, da es ihn bengstigt htte,
da Pjotr Stepanowitsch sie so pltzlich verlie, aber ... aber er hatte
sich so schnell von ihm fortgewandt, als dieser junge Zierbengel ihn
rief und ... er htte doch etwas anderes sagen knnen, als diese nicht
zu Ende gesprochene Abschiedsredensart: na, also dann auf glckliches
oder ... oder wenn er doch wenigstens die Hand fester gedrckt htte!

Gerade dieses letzte tat ihm am meisten weh. Und schon begann noch etwas
anderes an seinem armen Herzchen zu nagen, etwas, das er selbst noch gar
nicht begriff, das aber mit dem vergangenen Abend in Verbindung stand
...




                      Zweiundzwanzigstes Kapitel.
                  Stepan Trophimowitschs letzte Reise


                                   I.

Ich bin berzeugt, da Stepan Trophimowitsch furchtbare Angst hatte, als
die fr sein wahnsinniges Vorhaben bestimmte Zeit nher und nher
rckte. Ich bin berzeugt, da er unter dieser Angst sehr gelitten hat,
besonders in der Nacht vor seinem Aufbruch, in jener furchtbaren Nacht.
Nastassja erinnerte sich nachher, da er sich spt zu Bett gelegt, dann
aber fest geschlafen hatte. Doch das letztere will nicht allzuviel
besagen, denn auch zum Tode Verurteilte sollen in der letzten Nacht
sogar sehr fest schlafen.

Wenn Stepan Trophimowitsch auch erst nach Sonnenaufgang loswanderte,
also zu einer Zeit, in der ein nervser Mensch sich immer ermutigt fhlt
(der Major, der Verwandte Wirginskis, hrte ja sogar auf, an Gott zu
glauben, sobald die Nacht vorber war), so bin ich doch berzeugt, da
er sich vorher nie ohne Grauen hat vorstellen knnen, wie er sich allein
und in einer solchen Lage auf der groen Landstrae befinden werde. Es
wird aber wahrscheinlich etwas Tollkhnes in seinen Gedanken gewesen
sein, das ihm zunchst die ganze Gre der schrecklichen Empfindung des
pltzlichen Alleinseins milderte, nachdem er _Stasie_ und seinen
zwanzigjhrigen warmen Platz verlassen hatte. Doch gleichviel: auch wenn
er alle Schrecken, die ihn erwarteten, klar und deutlich vorausgesehen
htte, -- er wre dennoch auf die groe Landstrae hinausgegangen und
htte den Weg fortgesetzt! Hierin lag etwas Stolzes, etwas, das ihn
trotz allem begeisterte. Oh, er htte ja auf Warwara Petrownas herrliche
Bedingungen eingehen und bei ihr bleiben knnen _comme un_{[205]}
gewhnlicher Schmarotzer! Er aber nahm die Gnade nicht an und blieb
nicht bei ihr. Und siehe, jetzt geht er selbst von ihr und verlt sie
und erhebt die Fahne der groen Idee, um fr diese auf der groen
Landstrae zu sterben! Gerade so und nicht anders mute er das
empfinden; gerade so mute seine Handlungsweise ihm selbst erscheinen.

Mehr als einmal habe ich mir die Frage gestellt: warum ging er denn
gerade zu Fu fort, buchstblich zu Fu? Warum mietete er denn nicht
wenigstens einen Wagen, wenn er schon mit der Eisenbahn nicht fahren
wollte? Zuerst habe ich sie mir mit seiner fnfzigjhrigen
Lebensunerfahrenheit beantwortet, schlielich aber mit einer
phantastischen Ideenverirrung unter dem Einflu eines starken Gefhls
erklrt. Es schien mir, da ihm der Gedanke an Postkutsche und Pferde
(selbst wenn sie Schellen und Glckchen haben sollten) doch viel zu
banal und prosaisch vorkommen mute. Dagegen war Pilgerschaft, wenn auch
mit dem Regenschirm in der Hand, viel schner, viel liebend-rchender.
Heute freilich, nachdem alles vorber ist, nehme ich an, da es sich im
wesentlichen weit einfacher zugetragen hat. Er frchtete sich wohl
einfach, Pferde zu mieten, denn erstens htte Warwara Petrowna das
erfahren und ihn mit Gewalt zurckgehalten, er aber wrde sich
selbstverstndlich ergeben haben, und dann -- fahre wohl auf ewig,
groe, heilige Idee! Und zweitens: wenn man schon Pferde und einen Wagen
nahm, mute man doch wissen, wohin die Reise eigentlich gehen sollte?
Das aber war sein grtes Leid in diesem Augenblick: einen bestimmten
Ort whlen und nennen, wre ihm geradezu unmglich gewesen. Sobald er
sich fr irgendeinen bestimmten Ort entschlo, mute ihm sein ganzes
Unternehmen sofort in seinen eigenen Augen dumm und unmglich erscheinen
-- das witterte er nur zu gut. Warum sollte es denn gerade diese Stadt
sein? Warum nicht eine andere? Und was soll er denn dort tun? _Ce
marchand_{[206]} suchen? Aber welchen _marchand_? Das war die
allerschrecklichste Frage! Im Grunde gab es fr ihn nichts Furchtbareres
als _ce marchand_, den zu suchen er sich so Hals ber Kopf vorgenommen
hatte, und den zu finden er im Grunde selbstverstndlich am allermeisten
frchtete. Nein, da war der weite Weg schon besser. Einfach drauf
loswandern, wandern, wandern und an nichts denken, so lange wie
nur mglich an nichts denken! Der weite Weg: das war etwas
Langes-Langes-Weites, dessen Ende man gar nicht sah -- ganz wie ein
Menschenleben, ganz wie ein Menschentraum ... Im weiten Wege lag eine
Idee. In der Postkutsche aber -- was war denn da fr eine Idee? Da war
es zu Ende mit der Idee. Also: _Vive la grande route_{[207]} -- und dann
wie Gott will!

Nach dem pltzlichen und unerwarteten Zusammentreffen mit Lisa ging er
in tiefem Selbstvergessen weiter.

Der groe Landweg fhrte in einer Entfernung von einer halben Werst an
Skworeschniki vorber, und -- sonderbar -- er bemerkte es zuerst gar
nicht, da er ihn betreten hatte. Klar zu denken oder auch nur die Dinge
mit Bewutsein zu sehen, war fr ihn in diesem Augenblick unertrglich.
Der feine Regen hrte bald auf, bald fing er wieder an; aber er bemerkte
auch den Regen nicht. Und ebensowenig bemerkte er, da er die
Reisetasche sich ber die Schulter geworfen hatte und da ihm dadurch
das Gehen bedeutend leichter wurde. Und schlielich hatte er so ungefhr
eine ganze Werst oder anderthalb zurckgelegt, als er pltzlich stehen
blieb und sich umsah. Der alte, schwarze, von Wagenspuren durchfurchte
Weg mit seinen gepflanzten Weiden zog sich wie ein endloses Band vor ihm
hin; rechts lag die leere Flche lngst abgeernteter Getreidefelder;
links Gestrpp und weiterhin ein Wldchen. Und in der Ferne, weit, die
kaum wahrnehmbare, schrg weggleitende Linie des Eisenbahndammes und auf
ihm das Rauchwlkchen irgendeines Zuges, von dem aber kein Laut zu hren
war. Eine gewisse Verzagtheit berkam Stepan Trophimowitsch, aber nur
auf einen Augenblick. Er seufzte -- grundlos, stellte dann seine
Reisetasche neben eine Weide und setzte sich, um sich auszuruhen. Beim
Niedersetzen fhlte er, da ihn frstelte, und er wickelte sich in sein
Plaid; bei der Gelegenheit bemerkte er auch den Regen, und er spannte
den Schirm ber sich auf. So sa er ziemlich lange, schob zuweilen die
Lippen hin und her und hielt krampfhaft den Schirmstiel umklammert.
Verschiedene Bilder zogen in fieberhaftem Reigen an ihm vorber, eines
immer schnell das andere aus seinem Bewutsein verdrngend. _Lise,
Lise_, dachte er, und mit ihr _ce Maurice_ ... Sonderbare Menschen ...
Aber was war das eigentlich fr ein Brand und worber sprachen sie doch,
u--und ... und wer ist denn ermordet worden? Ich glaube, _Stasie_ hat
noch nichts gemerkt und wartet noch mit dem Kaffee auf mich ... Im
Kartenspiel? Habe ich denn Menschen im Kartenspiel verspielt? Hm! bei
uns in Ruland, zur Zeit der sogenannten Leibeigenschaft ... Ach, Gott,
aber Fedjka?

Er fuhr auf vor Schreck und blickte sich angstvoll um.

Wenn dieser Fedjka jetzt hier irgendwo hinter einem Strauch sitzt? Man
sagt doch, er habe hier eine ganze Ruberbande an der groen Landstrae?
O Gott, ich werde dann ... Ich werde ihm dann die ganze Wahrheit sagen,
da ich schuldig bin ... und da ich zehn Jahre um ihn gelitten habe, --
viel mehr, als er dort bei den Soldaten, und ... und ich gebe ihm mein
Portemonnaie. Hm! _j'ai en tout quarante roubles, il prendra les roubles
et il me tuera tout de mme_.{[208]}

Vor Angst klappte er, ich wei nicht warum, den Schirm wieder zusammen
und legte ihn neben sich. Weit auf der Landstrae, zur Stadt hin,
bemerkte er pltzlich ein Gefhrt: unruhig sah er ihm entgegen und
versuchte zu unterscheiden, was es war.

_Grace  Dieu_,{[209]} es ist ein Wagen und -- er fhrt Schritt ... das
kann nicht gefhrlich sein. Diese hiesigen verhungerten Pferdchen ...
Ich habe schon immer gesagt, da die Rasse ... brigens nein, das war
Pjotr Iljitsch, der im Klub immer von der Rasse gesprochen hat. Er hat
im Spiel mit mir verloren ... oder nein, die Partie blieb _remis ... et
puis_,{[210]} -- aber was ist denn da hinten ... es scheint ... ein Weib
sitzt auf dem Wagen. Ein Weib und ein Mann -- _cela commence  tre
rassurant_.{[211]} Das Weib sitzt hinten und der Mann vorn, -- _c'est
trs rassurant_. Hinten am Wagen ist eine Kuh an den Hrnern angebunden,
_c'est rassurant au plus haut degr_{[212]} ...

Der Wagen kam immer nher: es war ein fester, guter Bauernwagen. Das
Weib sa auf einem vollgestopften Sack, der Mann vorn auf dem Wagenrand,
so da seine Beine zu der Wegseite, auf der Stepan Trophimowitsch sa,
berm Rade herabbaumelten. Hinter dem Wagen trottete tatschlich eine
rote Kuh, die mit einem Strick um die Hrner an den Wagen gebunden war.
Der Mann und das Weib starrten mit aufgerissenen Augen auf Stepan
Trophimowitsch, und dieser genau so auf sie. So zogen sie an ihm
vorber. Doch als er sie schon gute zwanzig Schritt hatte weiterfahren
lassen, erhob er sich pltzlich eilig und lief ihnen nach, um sie
einzuholen. In der Nachbarschaft des Wagens schien es ihm
natrlicherweise bedeutend sicherer zu sein. Doch kaum hatte er sie
erreicht, da hatte er alles schon wieder vergessen und sich bereits von
neuem in seine Gedanken und Vorstellungen versenkt. Er ging einfach
nebenher und merkte gar nicht, da er fr den Mann und das Weib
mittlerweile das rtselhafteste und interessanteste Objekt abgab, das
man je auf der groen Landstrae antreffen konnte.

Sie, was sind Sie denn, von welchen Leuten denn eigentlich, wenn es
nicht verboten is zu fragen? fragte endlich das Weib, das nicht lnger
an sich halten konnte, als Stepan Trophimowitsch in der Zerstreutheit
pltzlich auch sie ansah.

Sie war vielleicht siebenundzwanzig Jahre alt, rundlich, mit dunklen
Augenbrauen, roten Wangen und freundlich lchelnden roten Lippen,
zwischen denen gleichmige weie Zhne glnzten.

Sie ... Sie wenden sich an mich? stotterte Stepan Trophimowitsch mit
bekmmerter Verwunderung.

Mu wohl einer von den Kaufmnnern sein, meinte der Mann mit
berlegenheit.

Der war ein stmmiger Bauer von ungefhr vierzig Jahren, mit einem
breiten, nicht dummen Gesicht und groem blonden Bart.

Nein, ich bin nicht gerade von den Kaufleuten, ich ... ich ... _moi
c'est autre chose_,{[213]} verteidigte sich, so gut es ging, Stepan
Trophimowitsch und blieb auf alle Flle ein wenig zurck, so da er
jetzt neben der Kuh ging.

Mu wohl einer von den Herrschaften sein, schtzte der Mann, als er
die nicht russischen Worte vernommen hatte, und zog die Leine, um sein
Pferd ein wenig aufzumuntern.

Ja, ich mein' auch, das sieht man doch, denn es ist doch ganz, als ob
der Herr auf 'n Spaziergang gehen! meinte wieder das muntere Weib.

Das ... das fragten Sie mich?

Die Auslnder, die hier fahren, die gehen meistens da in die Eisenbahn,
die dort hinten auf Schienen luft, und Ihre Stiefel sind auch gar nich
so wie hiesige ...

Stiefel sind militrisch, bemerkte selbstzufrieden und bedeutsam der
Mann.

Nein, nicht gerade, da ich Militr ... ich ...

Was das doch fr ein neugieriges Weibchen ist, dachte Stepan
Trophimowitsch rgerlich, und wie sie mich betrachten ... _mais
enfin_{[214]} ... Mit einem Wort, es ist sonderbar, da ich mir vor
ihnen geradezu irgendwie schuldig vorkomme, und ich bin doch durchaus
nicht schuldig vor ihnen!

Das Weibchen neigte sich vor und flsterte mit dem Mann.

Wenn der Herr es nich fr ungut nehmen will, so knnen wir Sie ja
mitnehmen, wenn es man blo angenehm ist.

Stepan Trophimowitsch wachte pltzlich gleichsam auf.

Ja, ja, meine Freunde, ich bin mit dem grten Vergngen dabei, denn
ich habe mich schon sehr mde gelaufen, nur -- wie komme ich denn dort
hinauf?

Wie sonderbar, dachte er bei sich, da ich so lange neben dieser Kuh
gegangen bin und es mir nicht in den Kopf gekommen ist, sie schon frher
zu bitten, mich in den Wagen aufzunehmen ... Dieses >reale Leben< hat
doch etwas beraus Charakteristisches!

Der Mann hielt aber das Pferdchen deshalb noch nicht an.

Ja, wohin will er denn? erkundigte er sich mit einigem Mitrauen.

Stepan Trophimowitsch begriff nicht sofort.

Wohl nach Hatoff, mein' ich?

Zu Hatoff? Nein, nicht gerade, da ich zu Hatoff ... Und ich bin auch
nicht ganz bekannt mit ihm ... aber ich habe schon von ihm gehrt ...

Nee, das Dorf Hatowo, 'n Dorf, neun gute Werst von hier.

Ein Dorf? _C'est charmant_,{[215]} ja, ja, ich glaube auch schon davon
gehrt zu haben ...

Stepan Trophimowitsch ging immer noch, denn man machte noch nicht Miene,
ihn aufzunehmen. Da kam ihm pltzlich ein genialer Einfall.

Sie glauben vielleicht, da ich ... Ich habe einen Pa, ich bin --
Professor, das heit, wenn Sie wollen, Lehrer ... aber Oberlehrer. Ich
bin Oberlehrer. _Oui, c'est comme a qu'on peut le traduire._{[216]} Ich
wrde mich sehr gern in den Wagen setzen und ich werde ... ich werde
Ihnen dafr einen Liter Branntwein kaufen.

Ein halber Rubel von Sie, Herr, der Weg ist schwer.

Und sonstig wrde es man gar nich fr uns angehen, meinte auch das
Weibchen.

Ein halber Rubel? Nun gut, ein halber Rubel. _C'est encore mieux, j'ai
en tout quarante roubles, mais ..._{[217]}

Der Mann hielt endlich das Pferdchen an und Stepan Trophimowitsch wurde
mit vereinten Krften in den Wagen gezogen und neben das Weib auf den
Sack gesetzt. Der Wirbelsturm von Gedanken verlie ihn auch jetzt nicht.
Zuweilen fhlte er selbst, da er irgendwie ganz besonders zerstreut war
und gar nicht an das dachte, woran er eigentlich denken sollte, und
wunderte sich darber. Diese Erkenntnis bedrckte ihn schwer in manchen
Augenblicken und krnkte ihn sogar.

Das ... was ist denn das da hinten eigentlich -- eine Kuh? fragte er
pltzlich das Weib.

Ach du mein! hat denn der Herr noch keine Kuh gesehn? fragte das Weib
lachend zurck.

In der Stadt gekauft, bemerkte der Mann. All unser Vieh ist im
vergangenen Frhjahr krepiert. Pest. In unserer Gegend sind rundherum
alle um die Ecke gegangen, kaum die Hlfte frit noch weiter. Nichts zu
machen. Schrei, wieviel du willst, es krepiert dir doch.

Ja, das kommt bei uns vor in Ruland ... und berhaupt wir Russen ...
nun, ja, es kommt vor, meinte Stepan Trophimowitsch.

Wenn Sie nu Lehrer sind, was suchen Sie dann in Hatoff? Oder geht's
noch weiter?

Ich ... das heit, nicht gerade, da ich irgendwohin weiter wollte ...
_C'est  dire_,{[218]} ich will zu einem Kaufmann.

Ah, so! Dann wird's wohl nach Spassowo sein?

Ja, ja, nach Spassowo, nach Spassowo. brigens ist das einerlei.

Wenn Sie nu nach Spassowo zu Fu gehen wollten, ach du mein! -- in
Ihren Stiefelchen brauchten Sie dazu eine ganze Woche! Das Weibchen
lachte.

Ja, ja, aber das ist ganz gleichgltig, _mes amis_,{[219]} ganz
gleichgltig, brach Stepan Trophimowitsch ungeduldig ab.

Schrecklich neugieriges Volk. Das Weib spricht brigens besser als er,
und berhaupt habe ich bemerkt, da seit der Aufhebung der
Leibeigenschaft der Stil sich ein wenig verndert hat ... Was geht es
sie brigens an, ob ich nach Spassowo fahre oder nicht nach Spassowo?
Ich bezahle ihnen doch die Reise, was drngen sie sich da so auf?

Wenn man nach Spassoff will, so mu man noch mit'n Dampfschiff fahren,
bemerkte der Mann.

Ja, das mu er, griff das Weib sofort auf, denn mit Pferden lngs dem
Ufer hat er dreiig Werst Umweg zu machen.

Vierzig, verbesserte der Mann.

Und morgen grad um zwei Uhr kriegen Sie den Dampfer in Ustjewo fest!
triumphierte das Weibchen.

Stepan Trophimowitsch schwieg aber hartnckig. Da verstummten denn
allmhlich auch der Mann und das Weibchen. Der Mann zog hin und wieder
mit aufmunterndem Zuruf die Leine an und das Weibchen machte von Zeit zu
Zeit kurze Bemerkungen, auf die der Mann irgend etwas antwortete. Stepan
Trophimowitsch schlummerte allmhlich ein. Er war furchtbar erstaunt,
als ihn pltzlich das Weibchen aufweckte und lachend sagte, da sie
schon angekommen seien, und er sich auf einmal in einem Dorf vor der
Treppe eines dreifenstrigen Bauernhauses sah.

Eingeschlafen, Herr?

Was ist das? Was?! Wo--o bin ich denn? Ach! Nun ... Nun, einerlei ...
Stepan Trophimowitsch seufzte tief auf und kletterte dann aus dem Wagen.

Er sah sich traurig um; sonderbar und ganz furchtbar fremdartig erschien
ihm pltzlich das Aussehen eines Dorfes.

Ach, den halben Rubel, den habe ich ganz vergessen! wandte er sich mit
einer vllig unbegrndeten Hast zu dem Manne.

Augenscheinlich bangte ihm schon vor der Trennung von den beiden.

Kann man in der Stube abmachen, wenn man erst eingetreten ist,
forderte ihn der Mann auf.

Hier ist es gut! versuchte das Weibchen ihn zu ermutigen.

Stepan Trophimowitsch trat auf die wackelige Holztreppe.

Ja, wie ist denn das nur mglich, flsterte er in tiefer und
erschrockener Verstndnislosigkeit vor sich hin und trat in das
Bauernhaus. _Elle l'a voulu_,{[220]} stach es ihm pltzlich ins Herz.

Und wieder verga er alles, verga selbst das, da er ins Haus getreten
war.

Es war ein helles und ziemlich sauberes Bauernhaus mit drei Fenstern und
zwei Zimmern, doch nicht eine Herberge, sondern nur so ein Haus, in dem
vorberfahrende Bekannte abstiegen. Stepan Trophimowitsch ging ohne die
geringste Verwirrung in die Gastecke des ersten Zimmers, verga zu
gren, setzte sich und verfiel in Gedanken. Das angenehme Gefhl der
Wrme nach dreistndiger feuchter Klte ergo sich ungemein wohlig ber
seinen Krper. Sogar die Frostschauer, die ihm kurz und pltzlich ber
den Rcken liefen, -- wie das bei allen sehr nervsen Menschen vor einer
Influenza zu sein pflegt, wenn sie pltzlich aus der Klte in die Wrme
kommen, waren ihm mit einem Male ganz eigentmlich angenehm. Er erhob
den Kopf, und siehe da -- der leckere Duft von heien Pfannkuchen, die
die Buerin im Ofen briet, reizte seinen Geruchssinn. Mit einem
kindlichen Lcheln auf den Lippen erhob er sich und trat vorsichtig zum
Weibe.

Was ist denn das? Das sind doch Pfannkuchen, nicht wahr? fragte er
sie. _Mais c'est charmant!_{[221]}

Wollen der Herr vielleicht welche? bot ihm das Weib sogleich hflich
an.

Natrlich will ich, selbstverstndlich will ich, und ... ich wrde Sie
auch noch um etwas Tee bitten.

Ach, das Samowarchen aufsetzen? Ach, aber gern, gndiger Herr!

Und auf einem groen Teller mit dickem blauen Muster erschienen sogleich
die Pfannkuchen, wie nur die Bauern allein sie zu bereiten verstehen,
halb aus Weizenmehl, ganz dnn und mit heier, frischer Butter
bergossen -- die herrlichsten Pfannkuchen der Welt. Stepan
Trophimowitsch kostete mit Hochgenu.

Wie schn sie sind, die Pfannkuchen, und wieviel Butter! Und wenn man
jetzt noch _un doigt d'eau de vie_{[222]} ...

Will der Herr nicht vielleicht ein Schnpschen dazu?

Das ist's, das ist's ja gerade, ein wenig nur, _un tout petit
rien_{[223]} ...

Fr fnf Kopeken?

Fr fnf -- fr fnf -- fr fnf, _un tout petit rien_, besttigte
Stepan Trophimowitsch kopfnickend mit seligem Lcheln.

Bittet man einen einfachen Russen, etwas fr einen zu tun, so wird er
gern zu allem bereit sein, was in seinen Krften steht; bittet man ihn
aber, ein Schnpschen fr einen zu besorgen, so verwandelt sich die
freundliche Bereitwilligkeit sofort in einen geschftigen, freudigen
Diensteifer, ja fast in verwandtschaftliche Frsorge. Und wenn auch
derjenige, der das Schnpschen besorgt, genau wei, da man den Schnaps
ganz allein trinken wird und er nicht einen Tropfen davon erhlt, so
scheint er doch gleichsam einen Teil des Genusses, den man beim Trinken
haben wird, im voraus mitzuempfinden ... In kaum drei Minuten (die
Schenke war nur ein paar Schritte vom Hause entfernt) stand vor Stepan
Trophimowitsch eine Flasche und ein groes grnliches Schnapsglas.

Und das alles ist fr mich? fragte er hchst verwundert. Ich habe
immer Schnaps in meinem Weinschrank gehabt, aber ich habe nie gewut,
da man soviel fr nur fnf Kopeken bekommt.

Er go das Glas bis zum Rande voll, erhob sich und schritt mit einer
gewissen Feierlichkeit durch die ganze Stube zu der anderen Ecke, wo
seine Reisegefhrtin sa, -- das nette Weibchen, das ihm unterwegs mit
den vielen Fragen so lstig geworden war. Das Weibchen wurde verlegen
und strubte sich, zu trinken, doch nachdem sie alles gesagt hatte, was
der Anstand in solchen Fllen verlangt, erhob sie sich, nahm das Glas
und trank ehrerbietig in drei Schlckchen (wie Frauen zu trinken
pflegen) den Branntwein aus, worauf sie, das Gesicht zu einem
schrecklichen Schmerzensausdruck ob des scharfen Weines verziehend, das
Glas mit einer hflichen Verbeugung Stepan Trophimowitsch zurckreichte.
Er erwiderte die Verbeugung wrdevoll und kehrte mit geradezu stolzer
Miene an seinen Tisch zurck.

Es war das alles von ihm aus auf Grund einer pltzlichen Eingebung
geschehen: noch eine Sekunde vorher hatte er nicht gewut, da er
hingehen und dem Weibchen das Glas Branntwein anbieten werde.

Ich verstehe es tadellos, tadellos, mit dem Volk umzugehen, und das
habe ich ihnen immer gesagt, dachte er selbstzufrieden, als er sich den
Rest des Branntweins eingo, der ihn, wenn auch kein volles Glas
briggeblieben war, doch belebend erwrmte und ihm sogar ein wenig zu
Kopf stieg.

_Je suis malade tout  fait, mais ce n'est pas trop mauvais d'tre
malade._{[224]}

Wnschen Sie nicht eines davon zu kaufen? ertnte pltzlich eine leise
Frauenstimme neben ihm.

Er sah auf und erblickte zu seiner Verwunderung eine Dame vor sich --
_une dame et elle en avait l'air_{[225]} -- eine Dame von mehr als
dreiig Jahren, die sehr bescheiden aussah, stdtisch gekleidet war und
ein groes graues Tuch um die Schultern trug. In ihrem Gesicht lag etwas
sehr Angenehmes, das Stepan Trophimowitsch sofort ungemein gefiel. Sie
war erst vor ein paar Minuten ins Haus zurckgekehrt. Ihre Sachen lagen
noch auf der Bank neben Stepan Trophimowitsch: unter anderem eine
Ledertasche, die er -- dessen erinnerte er sich pltzlich -- bei seinem
Eintritt neugierig betrachtet hatte, und ein nicht sehr groer Sack aus
Wachstuch. Aus eben diesem Sack hatte sie jetzt zwei hbsch gebundene
kleine Bcher genommen, die sie Stepan Trophimowitsch hinhielt.

_Eh ... mais je crois que c'est l'Evangile ..._{[226]} Aber mit dem
grten Vergngen ... Ah, ich verstehe ... _Vous tes ce qu'on appelle
une_{[227]} Bibelverkuferin? Ich habe, glaub ich, vor nicht allzu
langer Zeit so etwas gelesen ... Fnfzig Kopeken?

Fnfunddreiig Kopeken, antwortete die Bibelfrau.

Mit dem grten Vergngen. _Je n'ai rien contre l'Evangile, et
..._{[228]} Ich habe es schon lange wieder einmal lesen wollen ...

Und im selben Augenblick kam es ihm zu Bewutsein, da er wohl seit
dreiig Jahren keine Bibel mehr in der Hand gehabt hatte und sich
berhaupt nur noch einiger Stellen erinnerte, die er vor ungefhr sieben
Jahren in Renans _Vie de Jsus_{[229]} gelesen. Da er kein Kleingeld
hatte, zog er seine vier Zehnrubelscheine hervor -- alles, was er besa.
Die Wirtin erbot sich, ihm einen Schein auszuwechseln, und da erst
bemerkte er, da sich inzwischen ziemlich viel Volk im Zimmer versammelt
hatte, das ihn wahrscheinlich schon lange beobachtete, jedenfalls aber
ber ihn sprach. Doch auch ber den Brand wurde gesprochen, von dem der
Besitzer des Wagens und der roten Kuh alles mgliche berichtete, da er
in der Stadt gewesen war und mehr wute, als die anderen. Man sprach
auch von den Spigulinschen und darber, da man absichtlich angezndet
htte.

Mit mir hat er kein Wort ber den Brand gesprochen, als er mich
herfuhr, sondern nur ber anderes, dachte Stepan Trophimowitsch
flchtig.

Vterchen, Stepan Trophimowitsch, gndiger Herr! Sind Sie es denn
wirklich, den ich sehe? Ach Gott, das htte ich aber wirklich schon gar
nicht erwartet! ... Haben mich wohl nicht erkannt? rief pltzlich ein
ltlicher Mann, der mit seinem glattrasierten Gesicht wie ein alter,
altmodischer Hofsknecht aussah und einen langen Mantel mit
hochgeschlagenem Kragen trug. Stepan Trophimowitsch erschrak, als er
seinen Namen rufen hrte.

Verzeihen Sie, murmelte er, aber ich kann mich Ihrer nicht mehr ganz
deutlich erinnern ...

Haben mich vergessen, ach ja! Ich bin doch Anissim, Anissim Iwanoff.
Ich diente beim seligen Herrn Gaganoff, und habe Euch, gndiger Herr,
mehr wie hundertmal mit Warwara Petrowna bei der seligen Awdotja
Ssergejewna gesehn. Awdotja Ssergejewna aber hat mich mit Bcherchen
nach Skworeschniki geschickt, ja, und zweimal habe ich Euch, gndiger
Herr, auch von ihr Petersburger Bonbons, oder wie sie da heien, die
Konfektchen, gebracht ...

Ach doch, ich erinnere mich, Anissim, sagte Stepan Trophimowitsch
lchelnd. Und du lebst jetzt hier?

Ich lebe bei Spassoff, im W--schen Kloster, in der Ansiedlung, bei
Marfa Ssergejewna, bei der Schwester von unserer seligen Awdotja
Ssergejewna, vielleicht erinnert sich der gndige Herr noch, die sich
das Bein brachen, als sie unterwegs aus dem Wagen sprangen -- fuhren zum
Ball. Jetzt leben sie allein beim Kloster und ich bin dortselbst bei
ihr. Heute aber wollte ich, wie der Herr sehen, ins Gouvernement, um die
Meinigen mal zu besuchen ...

Nun ja, nun ja.

Ach, hab ich mich was gefreut, als ich den gndigen Herrn sah, waren
immer so gndig zu mir, sagte Anissim mit gerhrtem Lcheln. Aber
wohin fhrt denn der gndige Herr, und noch so ganz allein? ... Sind
doch sonstig, glaub ich, nie so allein ausgefahren?

Stepan Trophimowitsch sah ihn erschrocken an.

Fhrt der gndige Herr nicht vielleicht gerade zu uns, nach Spassoff?

Ja ... ja, ich fahre nach Spassoff. _Il me semble que tout le monde va
 Spassoff ..._{[230]}

Ach, und vielleicht gar zu Fjodor Matwejewitsch selber? Ach, wird der
sich aber freuen! Hat doch immer den gndigen Herrn so geliebt und
spricht auch jetzt oft vom gndigen Herrn ...

Ja, ja, auch zu Fjodor Matwejewitsch.

Das mu wohl sein. Das mu wohl sein. Hier die Mnner, die wundern
sich, sagen, da man den gndigen Herrn zu Fu unterwegs ganz allein
getroffen hat. Aber was! Dummes Volk bleibt doch immer dummes Volk!

Ich ... Ich ... Weit du, Anissim, ich habe gewettet, wie die Englnder
das zuweilen machen, da ich zu Fu so und so viele Werst gehen knne,
und da bin ich nun ...

Schwei trat ihm an den Schlfen und auf der Stirn hervor.

Mu wohl sein, mu wohl sein ... meinte ohrenspitzend Anissim und
hrte mit wahrhaft unbarmherziger Neugier zu. Aber Stepan Trophimowitsch
hielt dem nicht stand. Er verwirrte sich so, da er schon aufstehen
wollte, um aus dem Hause zu laufen. Da wurde aber der Samowar gebracht,
und im selben Augenblick kehrte auch die Bibelfrau zurck. Wie ein
Mensch, der sich an seinen Retter wendet, so bat Stepan Trophimowitsch
jetzt schnell die Bibelfrau, mit ihm Tee zu trinken. Da trat Anissim
zurck und ging bald darauf aus dem Zimmer.

Unter dem Volk hatte sich tatschlich schon die Frage erhoben: Was ist
das fr ein Mensch? War zu Fu auf der Landstrae, sagt, er sei Lehrer,
gekleidet ist er wie ein Auslnder und sprechen tut er wie ein kleines
Kind, und mitunter antwortet er ganz so, als ob er fortgelaufen sei, und
dabei hat er noch Geld! Kurz, es dauerte nicht lange und man begann zu
erwgen, ob man nicht die Polizei benachrichtigen solle: da es bei
alledem in der Stadt auch nicht ganz ruhig ist. Da kam Anissim gerade
zur rechten Zeit in den Flur und beruhigte schnell die Gemter. Er
verkndete dem ganzen Publikum, da Stepan Trophimowitsch nicht so was,
wie ein Lehrer, sondern selber ein groer Gelehrter sei, der sich mit
allen Wissenschaften beschftigt, und frher sei er selber hiesiger
Gutsbesitzer gewesen, lebe nun aber schon seit zweiundzwanzig Jahren im
Hause der Generalin Stawrogina an Stelle des seligen Herrn, und in der
ganzen Stadt sei er hoch angesehen und alle Menschen achteten ihn sehr.
Im Adelsklub habe er oft an einem einzigen Abend an die tausend Rubel
verspielt und dem Titel nach sei er Rat, was ebensoviel besagen wolle
wie ein Oberstleutnant, also nur etwas weniger als ein voller Oberst.
Und was das Geld anbetrfe, so knne man das, weil es doch die Generalin
Stawrogin sei, gar nicht abzhlen, usw., usw.

_Mais c'est une dame et trs comme il faut_,{[231]} dachte inzwischen
Stepan Trophimowitsch und seufzte wie erlst nach dem Anissimschen
Angriff auf. Mit angenehmer Neugier betrachtete er seine neue Nachbarin,
die brigens den Tee von der Untertasse trank und den Zucker vom
Stckchen dazu bi. _Ce petit morceau de sucre ce n'est rien
..._{[232]} Es ist etwas Edles und Unabhngiges und gleichzeitig --
Stilles in ihr. _Le comme il faut tout pur_,{[233]} nur ein wenig wie
von einer anderen Art.

Bald erfuhr er von ihr, da sie Ssofja Matwejewna Ulitina hie und
eigentlich in K. wohnte, wo sie eine verwitwete Schwester unter den
Buerinnen hatte. Auch sie war Witwe, da ihr Mann bei Sebastopol
gefallen war.

Aber Sie sind noch so jung, _vous n'avez pas trente ans_.{[234]}

Vierunddreiig, sagte Ssofja Matwejewna lchelnd.

Wie, Sie sprechen auch franzsisch?

Ein wenig nur: ich habe nachher in einem adligen Hause vier Jahre
gelebt und da habe ich von den Kindern etwas gelernt.

Sie erzhlte ferner, da sie nach dem Tode ihres Mannes zunchst in
Sebastopol als barmherzige Schwester geblieben sei, darauf habe sie
verschiedene Stellen gehabt und jetzt gehe sie und verkaufe Bibeln.

_Mais, mon Dieu_,{[235]} waren Sie es vielleicht, mit der eine
sonderbare, sogar sehr sonderbare Geschichte bei uns passierte?

Sie wurde rot: sie war es tatschlich gewesen.

_Ces vauriens, ces malheureux!_{[236]} ... begann Stepan
Trophimowitsch mit einer Stimme, die vor Unwillen bebte: diese
widerliche Erinnerung prete ihm qualvoll das Herz zusammen und er
verlor sich darob wieder in Gedanken.

Ach, sie ist schon fortgegangen, dachte er erstaunt, als er pltzlich
bemerkte, da sie nicht mehr neben ihm sa. Sie geht ziemlich oft fort
und scheint ja mit irgend etwas sehr beschftigt zu sein; ich glaube,
sie ist sogar aufgeregt ... _Bah, je deviens goste!_{[237]}

Als er nach einiger Zeit aufsah, erblickte er wieder Anissim, diesmal
aber mit einer geradezu bedrohlichen Gefolgschaft: das halbe Zimmer war
von Bauern eingenommen, die alle Stepan Trophimowitsch nach Spassoff
fahren wollten. Auer Anissim standen noch da: der Besitzer des Hauses,
ferner der Mann, der ihn hergefahren hatte, sodann mehrere andere Mnner
-- wie es sich herausstellte, lauter Fuhrleute -- und ein kleiner
halbbetrunkener Mensch, der am allermeisten sprach, wie ein Tagelhner
gekleidet war, doch mit seinem rasierten Gesicht wie ein
heruntergekommener Kleinbrger aussah. Und alle die zankten sich
seinetwegen, zankten sich um den armen Stepan Trophimowitsch! Der
Besitzer der Kuh versicherte in einem fort, da im Wagen lngs dem Ufer
mindestens vierzig Werst Umweg zu machen seien, und da man unbedingt
mit dem Dampfer fahren msse. Der halbbetrunkene Kleinbrger dagegen und
der Hauswirt widersprachen eifrig:

Darum da wenn du, mein Bruderherz, Seiner Hochwohlgeboren auch sagst,
da es ber'n See wohl nher is, so is das wie's is, aber der Dampfer
kommt doch nich!

Wird kommen, er wird sicher kommen, noch 'ne ganze Woche wird er
kommen! beteuerte Anissim aufgeregt.

Schn, er kommt, das is wie's is, aber er kommt doch nie nich akkurat,
und jetzt is doch die Zeit schon spt, und da kommt's vor, da man ihn
in Ustjewo runde drei Tage nich sieht! schimpfte der Halbbetrunkene.

Morgen wird er sicher kommen, morgen um zwei Uhr, und in Spassoff kommt
dann der gndige Herr gerade noch zum Abend an! rief Anissim.

_Mais qu'est-ce qu'il a cet homme?_{[238]} fragte Stepan
Trophimowitsch, der nicht wute, um was es sich handelte, sich schon das
Schlimmste dachte und zitternd sein Schicksal erwartete.

Da drngten sich schlielich die Fuhrleute immer nher und boten sich
an: bis Ustjewo verlangte jeder von ihnen drei Rubel. Die anderen
schrien, drei Rubel seien wirklich nicht zu viel, da man den ganzen
Sommer hindurch von hier bis Ustjewo fr diesen Preis gefahren habe.

Aber ... hier ist es ja auch gut ... Ich will gar nicht fort,
stammelte Stepan Trophimowitsch abwehrend.

Hier ist's gut, gndiger Herr, das ist schon wahr, aber bei uns in
Spassoff ist es noch weit besser, und was wird Fjodor Matwejewitsch ber
den Besuch sich freuen! ...

_Mon Dieu, mes amis_,{[239]} das kommt mir alles so unerwartet ...

Endlich kehrte zum Glck auch Ssofja Matwejewna zurck. Sie setzte sich
aber traurig und wie zerschlagen auf die Bank.

So komme ich denn schon nicht mehr nach Spassoff! sagte sie
niedergeschlagen zur Wirtin.

Wie, auch Sie wollen nach Spassoff? fragte Stepan Trophimowitsch
pltzlich belebt.

Es stellte sich heraus, da eine Gutsbesitzerin, Nadeschda Jegorowna
Swetlizyna, der Bibelfrau gestern gesagt hatte, sie solle sie in Hatoff
erwarten, da sie dort durchfahren und sie dann nach Spassoff mitnehmen
werde. Nun aber traf diese Nadeschda Jegorowna noch immer nicht ein.

Was soll ich jetzt tun? fragte Ssofja Matwejewna ngstlich.

_Mais, ma chre et nouvelle amie_,{[240]} ich kann Sie doch
gleichfalls, ganz wie diese Gutsbesitzerin, mitnehmen! ... in dieses,
wie heit es doch, in dieses Dorf, wohin ich fahre und den Fuhrmann
schon angenommen habe! -- nun, und morgen sind wir dann beide in
Spassoff ...

Ja, fahren Sie denn auch nach Spassoff?

_Mais que faire, et je suis enchant!_{[241]} Und ich wrde Sie mit dem
grten Vergngen hinbringen. Sehen Sie, die wollen es doch alle, da
ich hinfahre, und ich habe ja auch bereits einen ... Wen von euch habe
ich denn nun engagiert? fragte Stepan Trophimowitsch lebhaft die
Bauern, pltzlich sehr damit einverstanden, nach Spassoff zu fahren.

Eine Viertelstunde spter saen sie bereits in dem verdeckten Wagen: er
ungemein angeregt und vollkommen zufrieden, sie mit ihrem Wachstuchsack
und einem dankbaren Lcheln neben ihm. Anissim lief rund um den Wagen
und bemhte sich wie fr Geld.

Glckliche Reise, gndiger Herr, habe mich so gefreut ber das
Wiedersehen!

Adieu, adieu, leb wohl, mein Freund, leb wohl, adieu.

Der gndige Herr wird nun auch Fjodor Matwejewitsch wiedersehen ...

Ja, mein Freund, ja ... auch Fjodor Pawlowitsch ... nur Adieu.


                                  II.

Sehen Sie, mein Freund -- Sie erlauben mir doch, mich Ihren Freund zu
nennen, _n'est-ce pas_?{[242]} begann Stepan Trophimowitsch eilig,
gleich nachdem sich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte. Sehen Sie, ich
... _J'aime le peuple, c'est indispensable, mais il me semble que je ne
l'avais jamais vu de prs. Stasie ... cela va sans dire qu'elle est
aussi du peuple ... mais le vrai peuple_,{[243]} das heit, das
wirkliche, das auf der weiten Landstrae ist, das, glaube ich, bekmmert
sich um weiter nichts in der Welt, als um dieses eine: wohin ich
eigentlich fahre ... Doch bergehen wir die Krnkungen. Ich glaube, ich
spreche heute etwas durcheinander, aber das kommt wohl nur, denke ich,
von der Eile ...

Ich frchte, Sie sind nicht ganz wohl, bemerkte Ssofja Matwejewna, die
ihn prfend, wenn auch ehrerbietig ansah.

Nein, nein, man mu sich nur ein wenig fester einwickeln, und berhaupt
... der Wind ist etwas frisch, etwas zu frisch, aber ... vergessen wir
das. Ja, die Hauptsache ... ich wollte eigentlich gar nicht das sagen.
_Chre et incomparable amie_,{[244]} ich glaube, da ich fast glcklich
bin, und schuld daran -- sind Sie! Mir tut das Glck nicht gut, denn
dann vergebe ich gewhnlich sofort allen meinen Feinden ...

Das ist aber doch sehr gut.

Nicht immer, _chre innocente. L'Evangile ... Voyez-vous, dsormais
nous le prcherons ensemble_{[245]} und ich werde mit Freuden Ihre
netten Bchlein da verkaufen. Ja, ich fhle, da das sogar eine Idee
ist, _quelque chose de trs nouveau dans ce genre_.{[246]} Das Volk ist
religis, _c'est admis_,{[247]} aber es kennt noch nicht das Evangelium.
Ich werde es ihm erklren ... In mndlicher Auslegung kann man leichter
die Fehler dieses bemerkenswerten Buches korrigieren ... Dieses Buch ...
-- ich bin bereit, mich mit auerordentlicher Hochachtung zu diesem
Buche zu verhalten. Ich werde auch auf der groen Landstrae ntzlich
sein knnen. Ich bin immer ntzlich gewesen, ich habe _ihnen_ das immer
gesagt _et  cette chre ingrate aussi_{[248]} ... Oh, vergeben wir,
vergeben wir, lassen Sie uns vor allem vergeben, und allen allen
vergeben und immer vergeben. Und hoffen wir, da man auch uns vergeben
wird. Ja, denn alle, jeder einzelne ist vor dem anderen schuldig. Alle
sind schuldig! ...

Das haben Sie, glaub ich, sehr schn gesagt.

Ja, ja ... Ich fhle, da ich sehr gut spreche. Ich werde sehr schn zu
ihnen reden, aber ... aber ... was wollte ich denn eigentlich sagen? Ich
komme immer ab und vergesse ... Ja -- wrden Sie mir erlauben, mich
nicht mehr von Ihnen zu trennen? Ich fhle, da Ihr Blick und ... ich
wundere mich sogar ber Ihre Art und Weise. Sie sind gtig, Sie sprechen
nur nicht ganz _comme il faut_{[113]} und gieen den Tee in die
Untertasse ... und dazu dieses schreckliche Zuckerstckchen ... aber
sonst ... -- in Ihnen ist etwas Wunderbares, und ich sehe in Ihren Zgen
... Oh, errten Sie nicht und frchten Sie mich nicht als Mann! _Chre
et incomparable, pour moi une femme c'est tout!_{[249]} Ich kann nicht,
kann berhaupt nicht anders leben, als neben einer Frau, aber eben nur
neben ihr ... Das heit, ich meine, ich wollte sagen ... Oh, ich glaube,
ich habe mich da entsetzlich versprochen ... Nur kann ich mich nicht
mehr darauf besinnen, was ich eigentlich sagen wollte. Oh, selig ist
der, dem Gott immer eine Frau schickt und ... ich, ich glaube sogar, da
ich in einer gewissen Begeisterung bin. Auch in der groen Landstrae
liegt eine hhere Idee! Ja, das -- das war es ja, was ich von dem
Gedanken sagen wollte! -- jetzt ist es mir wieder eingefallen, vorhin
hatte ich es ganz vergessen. Aber warum hat man uns fortgeschickt, in
diesen Wagen gedrngt? Dort war es doch sehr schn, hier aber -- _cela
devient trop froid. A propos, j'ai en tout quarante roubles et voil cet
argent_,{[250]} nehmen Sie es, nehmen Sie es, ich verstehe nichts davon
... ich verliere es, man wird es mir stehlen, und ... Ich glaube, ich
wrde ganz gern ein wenig schlafen ... es dreht sich da irgend etwas in
meinem Kopf. Ja, so, es dreht sich, dreht sich, dreht sich. Oh, wie Sie
gut sind, womit decken Sie mich denn zu?

Sie haben bestimmt eine gehrige Erkltung weg! Ich habe Sie mit meiner
Decke zugedeckt, aber das Geld wrde ich ...

Oh, um Gottes willen, _n'en parlons plus, parce que cela me fait
mal_,{[251]} oh, wie gut Sie sind!

Er hrte seltsam pltzlich auf zu sprechen und verfiel ungewhnlich
schnell in fieberhaften Schlaf.

Der Landweg, auf dem sie siebzehn Werst bis Ustjewo zurckzulegen
hatten, war recht uneben und der Wagen auch nicht gerade sehr elastisch.
Stepan Trophimowitsch wachte von den Sten oft auf, erhob sich dann
schnell von dem kleinen Kissen, das Ssofja Matwejewna ihm unter den Kopf
geschoben hatte, erfate erschrocken ihre Hand und fragte ngstlich:
Sind Sie da? ganz, als ob er gefrchtet hatte, sie knnte weggehen und
ihn allein lassen. Einmal sagte er, da er im Traum einen offenen Rachen
mit scharfen Zhnen gesehen habe, und da ihm das sehr unangenehm
gewesen sei. Ssofja Matwejewna machte sich schon nicht wenig Sorgen um
ihn.

Der Fuhrmann brachte sie zu einem groen Bauernhause, das vier Fenster
zur Strae und auf dem Hof noch verschiedene Wohngebude hatte. Stepan
Trophimowitsch, der gerade in dem Augenblick der Ankunft aufwachte,
stieg schnell aus und ging sofort ins zweite, das grte und beste
Zimmer. Sein verschlafenes Gesicht nahm einen ungemein geschftigen
Ausdruck an. Er erklrte der Wirtin, einem groen, vierzigjhrigen, sehr
brnetten Weibe, das auf der Oberlippe fast einen Schnurrbart hatte, er
wnsche das ganze Zimmer fr sich allein und da Sie mir keinen
Menschen hier herein lassen, schlieen Sie die Tren zu, _parce que nous
avons  parler. Oui, j'ai beaucoup  vous dire, chre amie._{[252]} --
Ich bezahle Ihnen alles, ich bezahle, bezahle! rief er, der Wirtin
erregt abwinkend.

Er sprach rasch, aber doch wie mit schwerer Zunge.

Die Buerin hrte ihn unfreundlich an, und zum Zeichen des
Einverstndnisses schwieg sie nur; darin lag aber schon gleichsam etwas
Drohendes. Stepan Trophimowitsch bemerkte davon natrlich nichts und
verlangte eilig -- er beeilte sich entsetzlich --, sie solle nur schnell
aus dem Zimmer gehen und ihm sofort das Essen bringen -- und keine Zeit
vertrdeln! fgte er hinzu.

Da aber hielt die Buerin mit dem Schnurrbart nicht mehr an sich:

Herr, das ist hier kein Gasthaus, wir haben kein Essen fr die
Reisenden. Krebse kann ich Ihnen noch kochen oder einen Samowar
aufstellen, aber weiter auch nichts. Frischen Fisch wird's erst morgen
geben.

Doch Stepan Trophimowitsch ertrug keinen Einwand und rief fuchtelnd in
zorniger Ungeduld: Bezahle, bezahle alles, nur schneller, schneller!
Endlich kamen sie dahin berein, da eine Fischsuppe gekocht und ein
Huhn gebraten werden sollte. Die Buerin sagte zwar, da ein Huhn im
ganzen Dorf nicht zu haben sei, einstweilen aber wollte sie doch
versuchen, eines aufzutreiben, wenn sie es auch mit einer Miene
versprach, als ob sie damit eine ungeheure Geflligkeit erweise.

Kaum war sie aus dem Zimmer, als Stepan Trophimowitsch sich schnell auf
den Diwan setzte und Ssofja Matwejewna zwang, sich neben ihn zu setzen.
Es war, fr eine Bauernstube, ein recht eigentmlich mbliertes groes
Zimmer. Auer einem gepolsterten Sofa standen noch zwei alte Lehnsthle
darin, und an den Wnden, die mit alten gelben, zerrissenen Tapeten
beklebt waren, hingen schauderhafte mythologische ldruckbilder.
Nur eine Ecke war noch Bauernstube: mit einer langen Reihe
von Heiligenbildern, teils auf Holz, teils in dreiteiligen
Metallschrnkchen. In einer anderen Ecke stand hinter einer niedrigen
Scheidewand ein Bett. Kurz, das Zimmer machte mit seiner halb
stdtischen, halb burischen Einrichtung einen unschnen Eindruck. Doch
Stepan Trophimowitsch sah das alles berhaupt nicht, ja er warf
berhaupt nicht einmal einen Blick durch das Fenster auf den groen See,
der kaum dreiig Schritte vom Hause begann.

Endlich sind wir allein! Wir werden niemanden hereinlassen! Ich will
Ihnen alles, alles, von Anfang an erzhlen.

Doch Ssofja Matwejewna fiel ihm in nicht geringer Unruhe ins Wort:

Wissen Sie auch, Stepan Trophimowitsch ...

_Comment, vous savez dj mon nom?_{[253]} fragte er, freudig lchelnd
...

Ich hrte vorhin, wie Anissim Iwanowitsch Sie anredete, als Sie mit ihm
sprachen. Aber ich mchte es wagen, Sie meinerseits auf etwas aufmerksam
zu machen ...

Und sie flsterte ihm, ngstlich nach der geschlossenen Tr blickend,
zu, da es hier im Dorf ein wahrer Jammer sei: die Bauern seien zwar von
Hause aus Fischer, lebten aber mehr davon, da sie im Sommer von den
Reisenden, die hier auf das Dampfschiff warteten, so viel Geld
verlangten, wie ihnen gerade einfiel. Das Dorf liege nicht an der groen
Landstrae, sondern abseits, und man komme nur deswegen hierher, weil
der Dampfer hier anlege, wenn aber nur etwas schlechteres Wetter sei, so
komme er berhaupt nicht, und dann sammelten sich hier sehr viele
Reisende an: jetzt zum Beispiel sei schon das ganze Dorf besetzt, und
darauf warteten die Hauswirte nur, denn dann knnten sie fr alles das
Dreifache verlangen, der Mann aber dieser Buerin mit dem Schnurrbart
sei sehr stolz und hochmtig, denn er sei der reichste Mann im Dorf, ein
einziges seiner Netze koste allein schon an die tausend Rubel usw. usw.

Stepan Trophimowitsch blickte geradezu vorwurfsvoll in das ungewhnlich
belebte Gesicht Ssofja Matwejewnas und machte mehrmals den Versuch, sie
zu unterbrechen. Sie aber lie sich nicht aufhalten und bekrftigte das
Gesagte noch mit der Erzhlung ihrer Erfahrungen, die sie im letzten
Sommer auf der Durchreise mit einer adligen Dame hier gemacht hatte, --
Erfahrungen, an die auch nur zurckzudenken fr sie schon furchtbar war.

Und nun haben Sie, Stepan Trophimowitsch, dieses Zimmer fr sich ganz
allein verlangt ... Ich sage es ja nur, um zu warnen ... Dort im anderen
Zimmer sind schon viele Reisende, ein lterer Mann und ein jngerer Mann
und noch eine Frau mit Kindern, und bis morgen zwei Uhr wird das ganze
Haus bis zum Dach voll sein, da das Dampfschiff morgen bestimmt kommen
wird, weil es jetzt schon zwei Tage nicht mehr gekommen ist. Und so
werden denn die Leute fr das besondere Zimmer und dafr, da Sie das
Essen bestellt haben, so viel von Ihnen verlangen, da es selbst in den
Hauptstdten unerhrt wre ...

Er aber litt, litt inzwischen aufrichtig.

_Assez, mon enfant_, ich flehe Sie an, _nous avons notre argent et
aprs -- et aprs le bon Dieu_.{[254]} Es wundert mich nur, da Sie mit
Ihren hohen Auffassungen ... _Assez, assez, vous me tourmentez_,{[255]}
rief er nervs. Vor uns liegt unsere ganze Zukunft, und Sie ... Sie
wollen mir Angst machen vor der Zukunft ...

Und er begann nun, ihr seine Lebensgeschichte zu erzhlen, wobei er zu
Anfang dermaen schnell sprach, da es schwer war, zu folgen. Die
Geschichte war sehr lang. Man brachte schon die Fischsuppe, brachte das
Huhn, brachte endlich auch den Samowar, er aber sprach immer noch ... Es
kam zwar alles ein wenig seltsam, wie eine Fieberphantasie, heraus, aber
-- er war ja auch tatschlich krank. Das war eine pltzliche krampfhafte
Anspannung seiner Verstandeskrfte, die in kurzer Zeit -- das sah Ssofja
Matwejewna schon bekmmert voraus -- unfehlbar ins Gegenteil umschlagen
mute.

Er begann mit seiner Kindheit, also mit der Zeit, als er noch mit
frischer Brust ber grne Wiesen lief. Erst nach einer Stunde hatte er
sich bis zu seinen beiden Ehen durchgearbeitet und dann begann die
Erzhlung des Berliner Lebens. Ich wage aber nicht, darber zu spotten.
Es lag fr ihn tatschlich etwas Hheres darin, oder um einen Ausdruck
unserer Zeit zu gebrauchen: eine Art Kampf ums Dasein. Er sah jetzt
diejenige Frau vor sich, die er schon fr sein zuknftiges Leben erwhlt
hatte, und er beeilte sich, sie in seine ganze Vergangenheit
einzuweihen. Seine Genialitt sollte fr sie kein Geheimnis mehr bleiben
... Es ist wahrscheinlich, da er Ssofja Matwejewnas Wert und Bedeutung
vor sich selbst stark vergrerte, aber das hatte weiter nichts auf
sich, denn sie war jetzt schon seine Erwhlte. Er konnte nun einmal
nicht ohne Freundin auskommen auf der Welt ... Was machte es ihm da aus,
da er ihrem Gesicht ansah, wie wenig sie ihn verstand ...

_Ce n'est rien, nous attendrons_,{[256]} und vorlufig wird sie mit dem
Vorgefhl begreifen knnen ..., meinte er bei sich.

Mein Freund, ich brauche ja von Ihnen einzig und allein Ihr Herz! rief
er ihr, seine Erzhlung unterbrechend, begeistert zu, und jetzt dieser
liebe, berckende Blick, mit dem Sie mir in die Augen sehen! Oh, errten
Sie nicht! Ich habe Ihnen doch schon gesagt ...

Am schleierhaftesten aber erschien die Geschichte der armen Ssofja
Matwejewna, als er eine ordentliche Rede ber das Thema hielt: wie ihn
niemand je hat verstehen knnen und wie bei uns in Ruland die Talente
umkommen. Das war alles viel zu klug fr mich, sagte sie uns spter
melancholisch. Sie hrte ihm dabei mit sichtlichem Mitgefhl zu, wobei
sie die Augen nur ein wenig weiter aufri. Als sich aber Stepan
Trophimowitsch auf den Humor warf und die geistreichsten Witzchen ber
unsere Fhrenden und Herrschenden lossprhen lie, da verlie sie
alles und jedes Verstndnis und nur aus Mitgefhl mit dem Kranken
versuchte sie noch zuweilen ein Lcheln zustande zu bringen, um
wenigstens ein wenig auf seine Heiterkeit einzugehen, doch es gelang ihr
so schlecht, da Stepan Trophimowitsch schlielich selber ganz verwirrt
davon ablie und mit noch grerer Wut und Bitterkeit auf die
Nihilisten und neuen Menschen berging. Da aber wurde es ihr angst
und bange zumut, und sie atmete erst wieder auf -- leider nur viel zu
frh --, als der eigentliche Roman begann. Eine Frau bleibt immer Frau
und wenn sie auch Nonne ist: so lchelte sie denn, schttelte
mibilligend den Kopf und errtete mit gesenkten Augen, wodurch sie
Stepan Trophimowitsch dermaen in Ekstase brachte, da er noch vieles
hinzudichtete. Warwara Petrowna erschien in seiner Erzhlung als
wunderschne Brnette -- die Petersburg und noch viele europische
Hauptstdte entzckt hat -- deren Mann bei Sebastopol gefallen war
und das einzig darum, weil er sich ihrer Liebe nicht fr wrdig und sich
fr verpflichtet gehalten hatte, sie demjenigen, den sie in Wirklichkeit
liebte, das heit also Stepan Trophimowitsch, abzutreten ...

Oh, werden Sie nicht verlegen, meine Stille, meine Christin! rief er
Ssofja Matwejewna zu, als er fast schon selbst daran glaubte, was er
erzhlte. Das war etwas Hheres, etwas so Zartes, da wir uns beide das
ganze Leben lang nicht ausgesprochen haben!

Als Grund einer solchen Lage der Dinge erschien darauf im weiteren
Verlaufe der Erzhlung eine schne Blondine (wenn man darunter nicht
Darja Pawlowna verstehen soll, so wei ich wirklich nicht, wen Stepan
Trophimowitsch damit gemeint haben knnte). Diese Blondine verdankte
alles, was sie besa, der Brnetten, die sie erzogen hatte und deren
weitlufige Verwandte sie war. Die Brnette aber bemerkte bald die Liebe
der Blonden zu Stepan Trophimowitsch und zog sich in sich selbst zurck.
Die Blonde aber bemerkte gleichfalls die Liebe der Brnetten zu Stepan
Trophimowitsch und zog sich auch in sich selbst zurck. Und so schwiegen
sie denn alle drei, alle drei in sich selbst zurckgezogen, alle drei
nichts als verkrperter Edelmut, und das whrte dann zwanzig Jahre lang
...

Oh, was war das doch fr eine Liebe, was war das doch fr eine
Leidenschaft! rief er in aufrichtigster Begeisterung aufschluchzend
aus. Ich sah die volle Blte ihrer Schnheit (der Brnetten), sah sie
mit wundem Herzen tglich an mir vorberziehen, sie, die das stolze
Haupt neigte, als schme sie sich ihrer Schnheit! Einmal sagte er
statt ihrer Schnheit: ihrer Flle. Schlielich behauptete er, er sei
jetzt erst aus diesem zwanzigjhrigen Traume erwacht. -- _Vingt
ans!_{[72]} Und nun pltzlich auf der groen Landstrae ... Darauf
folgte dann zum Schlu -- wahrscheinlich in einem Augenblick noch
grerer Benommenheit -- die Erklrung dessen, was die heutige zufllige
und doch so entscheidende Begegnung mit Ssofja Matwejewna fr ihn wie
fr sie bedeutete.

Ssofja Matwejewna erhob sich in schrecklichster Verlegenheit vom Sofa.
Und als er gar noch den Versuch machte, vor ihr auf die Knie zu fallen,
da begann sie vor Schreck zu weinen.

Die Dmmerstunde neigte sich schon dem Abend zu: beide hatten sie
bereits etliche Stunden in dem verschlossenen Zimmer verbracht ...

Ach nein, lassen Sie mich jetzt schon lieber in das andere Zimmer,
flsterte sie erregt, denn was werden sonst die Leute denken!

Endlich gelang es ihr, sich frei zu machen; er aber versprach ihr
folgsam, sich sofort ins Bett zu legen. Beim Abschied klagte er, da er
starke Kopfschmerzen habe. Ssofja Matwejewna hatte ihre Sachen im
vorderen Zimmer gelassen, wo sie mit den anderen zusammen zu bernachten
beabsichtigte; doch es sollte anders kommen.

In der Nacht geschah es nmlich, da sich bei Stepan Trophimowitsch die
mir und all seinen Freunden so wohlbekannte Cholerine einstellte, wie
gewhnlich nach nervsen Aufregungen. Die arme Ssofja Matwejewna kam
also die ganze Nacht nicht zum schlafen. Da sie bei der Wartung des
Kranken hufig durch das vordere Familienzimmer aus dem Hause gehen
mute, so strte sie die Schlafenden, die bald aufwachten und ungehalten
wurden. Und als Ssofja Matwejewna zum Morgen hin gar den Samowar
aufstellen wollte, da begannen sie auch noch zu schimpfen.

Stepan Trophimowitsch war so lange, wie die Cholerine andauerte, halb
bewutlos: zuweilen schien es ihm wie durch einen Nebel, da man den
Samowar aufstellte, da man ihm ein Himbeergetrnk zu trinken gab, da
man ihm mit irgend etwas den Magen und die Brust wrmte. Dabei fhlte er
die ganze Zeit und empfand es jeden Augenblick, da _Sie_ bei ihm war
und fr ihn sorgte, da _Sie_ es war, die da kam und ging, die ihn
zudeckte und wrmte! Um drei Uhr morgens wurde ihm ein wenig besser: er
setzte sich auf, lie die Beine ber den Bettrand baumeln, und
pltzlich, ohne sich dabei etwas zu denken, fiel er vor ihr auf die
Knie. Dieser zweite Kniefall war nicht mehr so harmlos wie der erste: er
fiel ihr einfach zu Fen und kte den Saum ihres Kleides ...

Um Gottes willen, ich bin das doch gar nicht wert, stammelte die Arme
erschrocken und bemhte sich vergeblich, ihn wieder auf das Bett zu
heben.

Meine Retterin, hauchte er andchtig und faltete wie im Gebet die
Hnde. _Vous tes noble comme une marquise!_{[257]} Ich -- ich bin ein
Nichtswrdiger! Oh, ich bin mein ganzes Leben lang ehrlos gewesen ...

Ach, beruhigen Sie sich doch, bitte! flehte Ssofja Matwejewna.

Ich habe Ihnen vorhin alles vorgelogen, aus Ruhmsucht, zur
Verschnerung, aus Eitelkeit, -- alles, alles, bis aufs letzte Wort! Ich
Nichtswrdiger, ich Nichtswrdiger!

So ging denn der Anfall von Cholerine in einen Anfall hysterischer
Selbstbeschuldigung ber. (Ich habe ja schon frher von diesen Anfllen,
bei Gelegenheit der Reuebriefe an Warwara Petrowna, gesprochen.)
Pltzlich erinnerte er sich jetzt Lisas und der Begegnung mit ihr am
Morgen.

Das war so furchtbar, sagte er, da war bestimmt ein Unglck
geschehen, ich aber habe in meinem Egoismus nicht einmal gefragt, und
nun wei ich auch nichts! Ich habe nur an mich gedacht! Aber was war
denn mit ihr geschehen, wissen Sie es nicht, was da geschehen ist?
flehte er wieder Ssofja Matwejewna an.

Gleich darauf schwor er, da er nicht untreu werden knne und zu
_Ihr_ -- d. h. zu Warwara Petrowna -- zurckkehren msse.

Wir werden jeden Tag zu ihrer Treppe gehen (das hie nun wieder er mit
Ssofja Matwejewna zusammen) und wenn sie sich in ihre Equipage setzt,
um ihre Morgenspazierfahrt zu machen, so werden wir still zusehen ...
Oh, ich will, da sie mich auch auf die andere Wange schlgt: mit
Begeisterung will ich es! Ich werde ihr auch meine andere Wange
hinhalten, _comme dans votre livre_!{[258]} Jetzt habe ich ... ja, jetzt
erst habe ich verstanden, was das heit, seine andere Wange ...
hinhalten. Ich habe das frher niemals verstehen knnen!

Fr Ssofja Matwejewna waren das die zwei furchtbarsten Tage ihres
Lebens: noch heute denkt sie nicht anders als mit Schrecken an sie
zurck. Stepan Trophimowitsch erkrankte so ernstlich, da er am nchsten
Tage unmglich mit dem Dampfschiff, das diesmal pnktlich um zwei Uhr
ankam, nach Spassoff weiterfahren konnte, sie aber wagte es nicht, ihn
allein zu lassen, und so blieb sie denn in Ustjewo bei ihm. Nach ihren
Worten soll er sich sogar sehr darber gefreut haben, da das
Dampfschiff endlich fortgefahren war:

Nun und wunderschn, so ist es sehr gut, sehr gut, murmelte er aus dem
Bett heraus, ich frchtete schon die ganze Zeit, da wir fortfahren
mssen. Hier aber ist es sehr schn, hier ist es am besten ... Sie
werden mich doch nicht verlassen? O nein, Sie verlassen mich nie mehr!

Einstweilen war es aber hier durchaus nicht so schn. Er wollte jedoch
nichts von ihren Unannehmlichkeiten wissen. In seinem Kopf war jetzt nur
Platz fr eine Menge Phantasien. An seine Krankheit dachte er berhaupt
nicht, denn er hielt sie ja nur fr eine schnell vorbergehende
Erkltung, und sprach die ganze Zeit davon, wie sie beide, wenn er erst
wieder gesund sei, diese kleinen Bcher verkaufen wrden. Und
pltzlich bat er sie, ihm aus dem Evangelium vorzulesen.

Ich habe es lange nicht mehr gelesen ... im Original. Aber, nicht wahr,
es knnte mich doch jemand beim Kauf eines dieser kleinen Bcher dies
oder jenes fragen, und dann knnte ich mich irren ... Man mu sich doch
immerhin etwas vorbereiten ...

Sie setzte sich an sein Bett und schlug das Buch auf.

Sie lesen vorzglich, unterbrach er sie schon nach der ersten Zeile.
Ich sehe schon, ich sehe, da ich mich nicht getuscht habe! fgte er
unklar, aber begeistert hinzu.

Und berhaupt war er die ganze Zeit in einem ununterbrochen begeisterten
Zustande.

Sie begann ihm die Bergpredigt vorzulesen.

_Assez, assez, mon enfant_,{[259]} genug ... Glauben Sie wirklich, da
_das_ noch immer nicht genug ist?

Und kraftlos schlo er die Augen. Er war sehr schwach, doch verlor er
noch nicht die Besinnung. Da erhob sich denn Ssofja Matwejewna, da sie
glaubte, da er schlafen wolle. Aber siehe da -- er war sofort wieder
wach und hielt sie zurck.

Mein Freund, ich habe mein Lebelang gelogen. Selbst dann, wenn ich die
Wahrheit sprach. Ich habe nie um der Wahrheit willen gesprochen, sondern
immer nur fr mich, das habe ich auch frher schon gewut, aber jetzt
erst sehe ich es so recht ein ... Oh, wo sind diese Freunde, die ich mit
meiner Freundschaft zeitlebens beleidigt habe?! Und sie alle, alle!
_Savez-vous_,{[260]} ich glaube, ich lge auch jetzt! Bestimmt lge ich
auch jetzt! Die Hauptsache ist, da ich mir selbst glaube, wenn ich
lge! Am allerschwersten ist es im Leben, zu leben und nicht zu lgen
... und ... und den eigenen Lgen nicht zu glauben, ja, ja, gerade das!
Aber warten Sie, das kommt alles spter ... Wir werden zusammen,
zusammen ... fgte er pltzlich enthusiastisch hinzu.

Stepan Trophimowitsch, begann Ssofja Matwejewna zaghaft, sollte man
nicht in die Stadt nach einem Arzt schicken?

Er war malos erstaunt.

Warum? _Est-ce que je suis si malade? Mais rien de srieux._{[261]} Und
wozu andere Menschen? Dann wird man es noch erfahren, da ich hier bin,
und -- was wird dann sein? Nein, nein, keine fremden Menschen ... wir
beide, wir beide!

Wissen Sie, sagte er nach kurzem Schweigen, lesen Sie mir noch etwas
vor, so, schlagen Sie auf gut Glck das Buch auf und lesen Sie das,
worauf Ihr Blick zuerst fllt.

Ssofja Matwejewna schlug das Buch auf und las.

Wo es sich von selbst aufschlgt, wo es sich von selbst aufschlgt,
wiederholte er.

>Und dem Engel ... --<

Was ist das? Woraus? Woraus ist das?

Das ist aus der Apokalypse.

_Oh, je m'en souviens, oui, l'Apocalipse. Lisez, lisez._{[262]} Ich
wollte ber unsere Zukunft etwas hren, darum lie ich Sie so eine
Stelle auf gut Glck lesen, ich will wissen, was Sie da gefunden haben.
Lesen Sie weiter, vom Engel, vom Engel ...

>Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe: Das sagt Amen, der
treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes. Ich wei
deine Werke, da du weder kalt noch warm bist. Ach, da du kalt oder
warm wrest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich
dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe gar
satt, und bedarf nichts; und weit nicht, da du bist elend und
jmmerlich, arm, blind und blo.<

Das ... und das steht in Ihrem Buch! rief er erregt, mit glnzenden
Augen, und erhob sich vom Kissen, diese wundervolle Stelle habe ich nie
gekannt! Hren Sie: eher kalt, kalt, als lau, _nur_ lau! Oh, ich werde
ihnen das auslegen! Nur verlassen Sie mich nicht, lassen Sie mich nicht
allein! Wir werden es ihnen beweisen, wir werden es auslegen!

Aber ich werde Sie ja nicht verlassen, Stepan Trophimowitsch, beruhigen
Sie sich, ich werde Sie nie verlassen! sagte sie und erfate seine
Hand, die sie mit Trnen in den Augen an ihre Brust drckte. (Er tat
mir schon gar zu leid in diesem Augenblick, erzhlte sie uns spter.)

Seine Lippen begannen zu zucken wie im Krampf.

Aber, Stepan Trophimowitsch, soll man nicht doch jemanden von den
Ihrigen benachrichtigen lassen, oder vielleicht auch -- Ihre Bekannten?

Da aber erschrak er dermaen, da sie ganz unglcklich darber war, ihn
noch einmal daran erinnert zu haben. Zitternd und bebend flehte er sie
an, nur um Gottes willen niemanden zu benachrichtigen, noch sonst etwas
zu tun! Und er nahm ihr das Wort ab und beschwor sie: Niemanden,
niemanden! Wir allein, nur wir beide allein, _et nous partirons
ensemble_.{[263]}

Schlimm war es auch, da sich die Hauswirte beunruhigten, ungehalten
wurden und der armen Ssofja Matwejewna auf den Hals rckten. Sie
bezahlte ihnen und zeigte ihnen Geld: damit beruhigte sie sie fr einige
Zeit; aber der Wirt wollte die Legitimationspapiere Stepan
Trophimowitschs sehen. Der Kranke wies mit hochmtigem Lcheln auf
seinen kleinen Reisekoffer, in dem Ssofja Matwejewna denn auch einen
alten Ausweis fand. Bald aber verlangte der Bauer, da man den Kranken
fortschaffen solle, denn er knne schlielich sterben und was gbe das
dann fr Scherereien. Ssofja Matwejewna sprach auch mit ihm ber den
Arzt, doch es stellte sich heraus, da, wenn man ihn aus der Stadt holen
wollte, die Kosten unerschwinglich wren. Und so kehrte sie denn
niedergeschlagen zu ihrem Kranken zurck, der allmhlich schwcher und
schwcher wurde.

Jetzt lesen Sie mir noch eine Stelle vor ... von den Schweinen, sagte
er pltzlich.

Wovon? fragte Ssofja Matwejewna entsetzt.

Von den Schweinen ... das ist auch hier ... _ces cochons_{[264]} ...
ich erinnere mich, die Teufel fuhren in die Schweine und die Schweine
strzten sich in den See und kamen alle um. Lesen Sie mir das unbedingt
vor: ich werde Ihnen nachher sagen, wozu ... Ich will es wortwrtlich
hren, wortwrtlich ...

Ssofja Matwejewna kannte die Bibel gut und fand sofort jene Stelle aus
Lukas, Kapitel 8, 32--37, die ich der Erzhlung all dieser Ereignisse
vorgeschrieben habe. Ich bringe sie hier noch einmal:

>Es war aber daselbst eine groe Herde Sue an der Weide auf dem Berge.
Und sie baten ihn, da er ihnen erlaubte, in dieselben zu fahren. Und er
erlaubte ihnen.

Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen, und fuhren in die Sue; und
die Herde strzte sich vom Abhange in den See, und ersoffen.

Da aber die Hirten sahen, was da geschah, flohen sie und verkndigten's
in der Stadt und in den Drfern. Da gingen sie hinaus, zu sehen, was da
geschehen war, und kamen zu Jesu, und fanden den Menschen, von welchem
die Teufel ausgefahren waren, sitzend zu den Fen Jesu, bekleidet und
vernnftig, und sie erschraken.

Und die es gesehen hatten, verkndigten's ihnen, wie der Besessene war
gesund worden.<

Mein Freund, sagte Stepan Trophimowitsch in groer Erregung,
_savez-vous_, diese wundervolle und ... ungewhnliche Stelle ist mir
mein ganzes Leben lang ein Stein des Anstoes gewesen ... _dans ce
livre_{[265]} ... so da ich diese Stelle noch aus der Kindheit --
behalten habe. Jetzt aber ist mir ein neuer Gedanke gekommen, _une
comparaison_.{[266]} Ich habe jetzt furchtbar viele Gedanken: Sehen Sie,
das ist genau so wie unser Ruland. Diese Teufel und Dmonen, die aus
dem Besessenen in die Schweine fahren -- das sind alle schlechten Sfte,
alle Miasmen, aller Schmutz, alle Teufel und Beelzebuben, die sich in
unserem lieben Kranken, in unserem Ruland angesammelt haben, schon seit
vielen, vielen Jahrhunderten! _Oui, cette Russie, que j'aimais
toujours._{[267]} Aber ein groer Gedanke und ein mchtiger Wille werden
es aus der Hhe segnen, ganz wie diesen wahnsinnigen Besessenen, und
alle diese Unreinlichkeit, diese ganze Gemeinheit, die sich auf der
Oberflche angesammelt hat und langsam angefault ist ... sie werden noch
selbst darum bitten, in die Schweine fahren zu drfen! Ja, und sie sind
ja vielleicht schon hineingefahren! Das sind wir, wir und jene und
Petruscha ... _et les autres avec lui_,{[268]} und ich vielleicht der
erste an der Spitze, und wir werden uns, wir Wahnsinnigen und
Besessenen, vom Fels in das Meer strzen und alle ertrinken, und dorthin
gehren wir auch, dahin mssen wir, denn nur dazu allein taugen wir
noch! Aber der Kranke selbst wird wieder gesunden und wird sich >zu
Fen Jesu< setzen ... und alle werden ihn mit Verwunderung schauen ...
Meine Liebe, _vous comprendrez aprs_, jetzt aber regt mich das sehr auf
... _Vous comprendrez aprs ... Nous comprendrons ensemble._{[269]}

Er begann zu phantasieren und schlielich verlor er das Bewutsein. So
verging der ganze folgende Tag. Ssofja Matwejewna sa an seinem Bett und
weinte, schlief schon die dritte Nacht nicht und vermied es nach
Mglichkeit, den Wirtsleuten unter die Augen zu kommen, denn sie ahnte
schon, da diese irgend etwas beabsichtigten. Am nchsten Morgen wachte
Stepan Trophimowitsch auf, erkannte sie wieder und streckte ihr die Hand
entgegen. Sie bekreuzte sich mit neuer Hoffnung. Er aber wollte
pltzlich aus dem Fenster sehen.

_Tiens, un lac_,{[270]} sagte er, ach Gott, und ich habe ihn noch gar
nicht gesehen ...

In diesem Augenblick rollte eine Equipage vor das Haus und in den
Zimmern wurde es lebendig.


                                  III.

Es war Warwara Petrowna in eigener Person, die mit einem Viererzug in
ihrer grten Equipage mit zwei Dienern und Darja Pawlowna angefahren
kam. Das Wunder erklrte sich sehr einfach: der neugierige Anissim war
in der Stadt gleich am anderen Tage in das Haus Warwara Petrownas
gegangen und hatte dort den Dienstboten erzhlt, da er Stepan
Trophimowitsch allein in einem Dorf angetroffen habe, und da der
gndige Herr von dort nach Ustjewo weitergefahren sei, und zwar in
Begleitung einer gewissen Ssofja Matwejewna. Da nun Warwara Petrowna
sich ber die Flucht ihres Freundes sehr aufgeregt und berall nach ihm
zu fragen und zu forschen befohlen hatte, so war ihr sogleich gemeldet
worden, was Anissim erzhlt hatte. Selbstredend mute Anissim nun
unverzglich vor der Herrin erscheinen und alles nochmals erzhlen, und
nachdem sie ihn aufmerksam angehrt hatte -- besonders die Schilderung
der Abfahrt in einem Wagen mit irgendeiner Ssofja Matwejewna --, da ward
noch im selben Augenblick die Equipage bestellt. Auf frischer Spur
ging's dem Flchtling nach. Von seiner Krankheit wute sie natrlich
noch nichts.

Ihre strenge und befehlende Stimme machte selbst den Wirtsleuten bange.
Sie lie hier nur halten, um sich zu erkundigen, wann Stepan
Trophimowitsch nach Spassoff weitergefahren sei. Als sie nun erfuhr, da
er noch da war und krank zu Bett lag, da stieg sie sofort aus und trat
erregt in das Haus.

Nun, wo ist er denn hier? fragte sie. Ah, das bist du! rief sie
pltzlich, als sie Ssofja Matwejewna, die gerade in diesem Augenblick
aus dem Krankenzimmer trat, in der Tr erblickte. Ich sehe es schon
deinem schamlosen Gesichte an, da du es bist. Hinaus, Schndliche! Da
mir sofort keine Spur mehr von ihr im Hause bleibe! Jagt sie hinaus, --
geh! oder ich lasse dich auf ewig ins Gefngnis stecken! Bewacht sie mir
solange in einem anderen Hause. Sie hat ja schon einmal im Gefngnis
gesessen, kann also wieder hinein. Und du, wandte sie sich befehlend an
den Hauswirt, da du mir nicht wagst, jemanden hereinzulassen, solange
ich hier bin! Ich bin die Generalin Stawrogina und nehme das ganze Haus
fr mich in Beschlag. Du aber, meine Beste, du wirst mir noch Rede
stehen!

Die bekannte Stimme wirkte erschtternd auf Stepan Trophimowitsch. Er
begann zu zittern. Aber da trat sie schon ins Zimmer, trat an sein Bett.
Ihre Augen blitzten. Sie stie mit dem Fu einen Stuhl heran, setzte
sich, lehnte sich steif zurck und rief Dascha unwillig zu:

Geh vorlufig hinaus! Kannst solange bei den Wirtsleuten bleiben! Was
ist das pltzlich fr eine Neugier? Und die Tr zieh hinter dir etwas
fester zu!

Eine ganze Weile fixierte sie stumm, mit einem seltsamen Raubtierblick
sein erschrockenes Gesicht.

Nun, wie geht es Ihnen, Stepan Trophimowitsch? Wie war denn der
Spaziergang? fragte sie pltzlich mit grimmiger Ironie.

_Chre_, stotterte Stepan Trophimowitsch wie benommen, ich habe die
russische Wirklichkeit kennen gelernt ... _Et je prcherai l'Evangile
..._{[271]}

Oh, Sie schamloser, undankbarer Mensch! rief sie zornig aus, die Hnde
erhebend. Ist es Ihnen noch nicht genug, da Sie mich so blostellen
und mit irgendeiner ... Oh, Sie alter, schamloser Wstling!

_Chre ..._

Seine Stimme versagte und er konnte nichts mehr hervorbringen, er sah
sie vor Entsetzen nur mit weit offenen Augen an.

Was ist das fr eine?

_C'est un ange ... C'tait plus qu'un ange pour moi_,{[272]} sie hat
die ganze Nacht ... Oh, schreien Sie nicht, erschrecken Sie sie nicht,
_chre, chre_ ...

Warwara Petrowna sprang pltzlich polternd vom Stuhl auf; angstvoll rief
sie: Wasser, Wasser!

Stepan Trophimowitsch kam allerdings schon wieder zu sich, aber sie
zitterte immer noch vor Schreck und blickte bleich in sein entstelltes
Gesicht: jetzt erst begriff sie, wie ernst sein Zustand war.

Darja, flsterte sie schnell der hereinstrzenden Darja Pawlowna zu,
sofort nach dem Arzt, nach Doktor Salzfisch! Schicke sofort Jegorytsch,
er soll hier Pferde mieten und in der Stadt einen anderen Wagen nehmen.
Da er mit Salzfisch noch vor dem Abend hier ist!

Dascha ging schnell hinaus, um den Befehl auszufhren. Stepan
Trophimowitsch sah Warwara Petrowna immer noch mit demselben
erschrockenen Blick aus weit offenen Augen an. Seine wei gewordenen
Lippen bebten.

Warte, Stepan Trophimowitsch, warte, Tubchen, nur einen Augenblick,
redete sie ihm wie einem kleinen Kinde zu. So warte doch, wart doch,
sieh, Darja wird gleich zurckkommen und ... Ach, mein Gott, Wirtin,
Wirtin, so komm doch du wenigstens, Mtterchen!

Und in ihrer Ungeduld lief sie selbst nach der Buerin.

Sofort, sofort _jene_ wieder zurckbringen! Bring sie mir sofort
zurck, zurck!

Zum Glck war Ssofja Matwejewna mit ihren Sachen kaum aus dem Hause
gegangen, so da man sie schon nach ein paar Schritten einholte. Sie
wurde zurckgebracht. Sie war aber so erschrocken, da ihre Hnde und
Knie zitterten. Warwara Petrowna ergriff ihre Hand, wie ein Geier ein
Kken, und zog sie eilig zu Stepan Trophimowitsch.

Hier, hier haben Sie sie! Ich habe sie doch nicht aufgefressen! Sie
dachten wohl schon, da ich sie einfach verschlungen habe?

Stepan Trophimowitsch ergriff Warwara Petrownas Hand und drckte sie an
seine Augen, und pltzlich schluchzte er auf, schmerzhaft, krampfartig.

Beruhige dich, beruhige dich doch, mein Tubchen, beruhige dich,
Vterchen ... Nun ... Ach, mein Gott, aber so beru--hi--gen Sie sich
doch! rief sie auer sich. Oh, mein Peiniger, mein ewiger, ewiger
Peiniger!

Meine Liebe, brachte Stepan Trophimowitsch endlich, zu Ssofja
Matwejewna gewandt, hervor, bleiben Sie, meine Liebe, dort -- im
anderen Zimmer ... ich will hier noch etwas sagen ...

Ssofja Matwejewna beeilte sich sofort, hinauszugehen.

_Chrie ... chrie ..._ -- er rang nach Atem.

Sprechen Sie noch nicht, Stepan Trophimowitsch, warten Sie noch ein
wenig, bis Sie sich erholt haben. Hier ist Wasser. Aber so war--ten Sie
doch noch!

Sie setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Stepan Trophimowitsch hielt
krampfhaft ihre Hand fest. Sie lie ihn noch lange nicht sprechen. Da
zog er ihre Hand an die Lippen und bedeckte sie immer wieder mit Kssen.
Sie bi die Zhne zusammen und blickte irgendwohin in einen Winkel.

_Je vous aimais!_{[273]} entrang es sich ihm endlich. Noch nie hatte
sie von ihm ein solches Wort gehrt, und so gesprochen.

Hm! war ihre Antwort.

_Je vous aimais toute ma vie ... vingt ans!_{[274]}

Sie schwieg immer noch -- zwei, drei Minuten lang.

Als aber Dascha in Aussicht stand, da erschien er parfmiert -- stie
sie pltzlich unheimlich flsternd hervor. Stepan Trophimowitsch
erstarrte nur so.

... Mit einer neuen Krawatte ...

Wieder Schweigen -- ungefhr zwei Minuten lang.

Und die Zigarre, entsinnen Sie sich?

Mein Freund, stammelte er, von Schrecken erfat.

Die Zigarre, am Abend, am Fenster ... der Mond schien ... nach den
Stunden im Park ... in Skworeschniki? Entsinnst du dich, entsinnst du
dich! und sie sprang auf, ergriff sein Kissen an beiden Ecken und
schttelte es mitsamt seinem Kopf. Entsinnst du dich noch, du leerer,
leerer, ehrloser, kleinmtiger, ewig, ewig leerer Mensch! zischte sie
nahezu in ihrem ingrimmigen Geflster, um nicht zu schreien. Dann lie
sie ihn fahren und fiel zurck auf den Stuhl, das Gesicht mit den Hnden
bedeckt. Genug! sagte sie kurz, sich steif aufrichtend. Zwanzig Jahre
sind vergangen, die bringt man nicht zurck; dumm war auch ich.

_Je vous aimais_, -- er legte beschwrend seine Hnde zusammen.

Was sagst du mir immer _aimais_ und _aimais_! Genug! Sie fuhr wieder
auf. Und wenn Sie jetzt nicht sofort einschlafen, so werde ich ... Sie
brauchen Ruhe! Schlafen Sie, schlafen Sie sofort! Schlieen Sie die
Augen! Ach, mein Gott, vielleicht will er frhstcken? Was essen Sie?
Was darf er essen? Ach Gott, wo ist denn _jene_? wo ist _jene_?

Warwara Petrowna setzte gleich das ganze Haus in Bewegung. Doch Stepan
Trophimowitsch stammelte, da er jetzt allerdings lieber schlafen wrde,
ein wenig nur, _une heure_, und dann -- _un bouillon, un th ... enfin
il est si heureux_.{[275]} Er lag ganz still und es war wirklich, als
sei er im Einschlafen (wahrscheinlich stellte er sich nur so). Warwara
Petrowna wartete noch ein wenig und ging dann auf den Fuspitzen zur
Tr.

Im anderen Zimmer setzte sie sich hin, schickte die Hauswirte einfach
hinaus und befahl Dascha, _jene_ hereinzufhren. Es begann ein ernstes
Verhr.

Erzhle mir jetzt, meine Liebe, alle Einzelheiten. Setze dich hierher,
so! Nun?

Ich traf Stepan Trophimowitsch ...

Warte. Schweig. Ich sage dir im voraus, da ich dich, falls es dir
einfallen sollte, mir etwas vorzulgen oder etwas zu verheimlichen, noch
aus deinem Grabe wieder herausholen werde! Nun?

Ich traf Stepan Trophimowitsch ... wie ich gerade in Hatowo war ...
begann Ssofja Matwejewna, atemlos vor Angst.

Wart, sei still! was trommelst du gleich los? Zuerst sage mir, was du
selbst fr ein Vogel bist?

Die erzhlte nun, so gut sie konnte, brigens in kurzen Worten, von sich
und ihrem Leben. Sie fing mit Sebastopol an. Warwara Petrowna hrte
schweigend zu, sa steif auf ihrem groen Stuhl und sah der Erzhlerin
streng und unverwandt in die Augen.

Warum bist du so erschrocken? Warum siehst du zu Boden? Ich liebe
solche, die mir offen in die Augen sehen und mit mir streiten. Fahre
fort!

Jene erzhlte von der Begegnung, von den Bchern, erzhlte, wie Stepan
Trophimowitsch der Buerin den Schnaps angeboten hatte ...

So ist's gut, vergi nichts, erzhle alles, sagte Warwara Petrowna.
Ssofja Matwejewna erzhlte also weiter, wie sie mit Stepan
Trophimowitsch hierher nach Ustjewo gefahren war und wie er schon ganz
krankes Zeug gesprochen und hier dann sein ganzes Leben von Anfang an
und mehrere Stunden lang erzhlt hatte.

Erzhle von seinem Leben.

Ssofja Matwejewna verstummte pltzlich und schaute hilflos drein.

Hiervon verstehe ich schon gar nichts mehr zu erzhlen, stotterte sie,
dem Weinen nahe. Und ich habe auch nichts davon verstanden.

Das lgst du. Nichts verstehen, das konntest du gar nicht.

Von einer schwarzhaarigen vornehmen Dame sprach er lange, sagte Ssofja
Matwejewna schlielich zgernd und errtete entsetzlich, da es ihr
pltzlich auffiel, wie wenig Warwara Petrowna mit ihrem viel helleren
Haar jener geschilderten schwarzhaarigen Schnheit glich.

Von einer Schwarzhaarigen? -- Was erzhlte er denn? Sprich!

Er ... er erzhlte, wie diese vornehme Dame schon ganz furchtbar in ihn
verliebt gewesen wre, zwanzig Jahre lang, und wie sie immer nicht
gewagt htte, es ihm zu sagen, und ... und wie sie sich vor ihm geschmt
hat, denn sie war schon gar zu dick ...

Dieser Esel! sagte Warwara Petrowna nachdenklich, doch berzeugt vor
sich hin.

Ssofja Matwejewna war nun wirklich schon am Weinen.

Ich wei hiervon gar nichts mehr zu erzhlen, denn ich war selbst in
groer Angst um ihn und habe auch gar nichts verstanden, da er doch ein
Mensch von so groem Verstande ist ...

ber seinen Verstand zu urteilen steht nicht so einer Krhe zu, wie du
eine bist. Hat er bei dir angehalten?

Ssofja Matwejewna erzitterte.

Ha! er sich in dich verliebt? -- Sprich! herrschte Warwara Petrowna
sie an. Hat er bei dir angehalten?

Beinah hrte es sich wirklich so an, brachte sie aufschluchzend hervor
... Nur habe ich das alles gar nicht beachtet, denn er war doch krank,
fgte sie hinzu und sah mit festem Blick auf.

Wie heit du?

Ssofja Matwejewna.

Nun, dann wisse, Ssofja Matwejewna, da dieser Mensch das
erbrmlichste, leerste Menschlein ist ... Mein Gott, mein Gott! Du
hltst mich wohl fr eine Nichtswrdige?

Die ri die Augen auf.

Fr eine Nichtswrdige, eine Tyrannin, die sein Leben zerstrt hat?

Wie kann denn das sein, wenn Sie jetzt doch selbst weinen!

Tatschlich standen Warwara Petrowna Trnen in den Augen.

Nun, setz dich, setz dich, brauchst nicht zu erschrecken. -- Sieh mir
noch einmal in die Augen, ganz offen! Warum wirst du rot? Dascha, komm
her, sieh sie dir an: was glaubst du, hat sie ein reines Herz ...

Und zu Ssofja Matwejewnas grter Verwunderung, vielleicht aber zu ihrem
noch greren Schreck, streichelte ihr Warwara Petrowna pltzlich die
Wange.

Schade nur, da du dumm bist. Dmmer als es deinen Jahren ansteht. Gut,
meine Liebe, ich werde mich deiner annehmen. Sehe schon, da alles das
Unsinn ist. Bleibe solange hier in der Nhe, man wird dir hier eine
Wohnung mieten, -- Kost und alles brige bekommst du von mir ... bis ich
dich rufen lasse.

Ssofja Matwejewna versuchte erschrocken einzuwenden, da sie fort msse.

Wohin? Deine Bcher kaufe ich dir alle ab, und du bleibst hier. Du
httest ihn doch, wenn ich nicht gekommen wre, auch nicht verlassen?

Fr keinen Preis htte ich ihn allein gelassen, sagte Ssofja
Matwejewna leise, doch mit fester Stimme und trocknete sich die Augen.

Doktor Salzfisch traf erst spt in der Nacht ein. Es war ein ehrwrdiger
alter, kleiner Herr und ein recht erfahrener Arzt, der erst unlngst
infolge eines ambitisen Streites mit der ihm vorgesetzten Behrde
seinen offiziellen Posten verloren hatte. In demselben Augenblick hatte
Warwara Petrowna ihn aus allen Krften zu protegieren angefangen. Er
untersuchte Stepan Trophimowitsch aufmerksam und gewissenhaft, fragte
dies und das, und berichtete sodann Warwara Petrowna, da der Zustand
des Kranken sehr bedenklich sei und da man sich auf das Schlimmste
gefat machen msse. Warwara Petrowna, die in den zwanzig Jahren sich
von der Vorstellung vllig entwhnt hatte, da irgend etwas, das Stepan
Trophimowitsch persnlich anging, ernst zu nehmen oder gar gefhrlich
sein knnte, war tief erschttert und erbleichte sogar.

Ist denn wirklich gar keine Hoffnung mehr?

Das ist nicht gesagt, denn Hoffnung ist nie ausgeschlossen, aber ...

Warwara Petrowna wachte die ganze Nacht bei dem Kranken und konnte kaum
den Morgen erwarten. Als Stepan Trophimowitsch die Augen aufschlug und
zu sich kam (er war die ganze Zeit bei Besinnung, nur wurde er von
Stunde zu Stunde schwcher), trat sie entschlossen zu ihm.

Stepan Trophimowitsch, man mu auf alles vorbereitet sein. Ich habe den
Priester rufen lassen. Sie mssen Ihre Pflicht tun ...

Da sie seine religisen berzeugungen kannte, so frchtete sie sehr eine
Absage. Er aber sah sie nur erstaunt an.

Unsinn, Unsinn! rief sie erregt, denn sie glaubte schon, er wolle sich
widersetzen. Jetzt handelt es sich nicht mehr um Kindereien. Haben doch
genug Dummheiten gemacht!

Aber ... bin ich denn wirklich schon so krank?

Nachdenklich willigte er ein. Zu meiner nicht geringen Verwunderung
erfuhr ich spter von Warwara Petrowna, da das Sterben ihn gar nicht
geschreckt hat. Mglich, da er einfach nicht an seinen Tod glaubte und
die Krankheit nur fr eine vorbergehende Erkltung hielt.

Er beichtete und nahm das Abendmahl -- und zwar mit groer
Bereitwilligkeit. Alle, auch Ssofja Matwejewna, die Wirtsleute und
selbst die Dienstboten kamen, um ihn nach Empfang des heiligen
Sakraments zu beglckwnschen. Alle ohne Ausnahme weinten still, als sie
sein eingefallenes, mdes Gesicht sahen, und die bleichen, zuckenden
Lippen.

_Oui, mes amis_, und es wundert mich nur, da ihr euch alle so ...
sorgt. Morgen werde ich wahrscheinlich aufstehen, und wir ... fahren
dann ... _Toute cette crmonie_{[276]} ... der ich natrlich alles
lasse, was recht und billig ist ... war doch ...

Ich wrde Sie bitten, Vterchen, noch nicht fortzugehen, hielt Warwara
Petrowna den Priester zurck, der sein Ornat schon ablegen wollte.
Knnten Sie nicht, wenn der Tee gebracht wird, mit ihm noch ber
Religises sprechen, um seinen Glauben zu strken.

Das tat der Priester denn auch; alle saen oder standen in der Nhe des
Kranken.

In unserer sndigen Zeit, fhrte er aus, die Teetasse in der Hand und
in singendem Tone, ist der Glaube an den Allmchtigen die einzige
Zuflucht des Menschengeschlechts, in allen Leiden und Nten des Lebens,
ganz wie die Zuversicht auf die ewige Seligkeit, die den Gerechten
verheien ...

Stepan Trophimowitsch war pltzlich wie neu belebt: ein feines
Spottlcheln glitt ber seine Lippen.

_Mon pre, je vous remercie, et vous tes bien bon, mais ..._{[277]}

Was ist da noch fr ein _mais_, durchaus kein _mais_! fiel ihm Warwara
Petrowna aufspringend erregt ins Wort. Vterchen, wandte sie sich
wieder an den Popen, das, das ist solch ein Mensch, das ist solch ein
Mensch ... nach einer Stunde wird man ihn noch einmal das Abendmahl
nehmen lassen mssen! Sehen Sie, solch ein Mensch ist das!

Stepan Trophimowitsch lchelte zurckhaltend.

Meine Freunde, sagte er, Gott ist mir schon deswegen unentbehrlich,
weil er das einzige Wesen ist, das man ewig lieben kann ...

Ob er nun in der Tat glubig geworden war, oder ob die mchtige
Zeremonie des letzten Abendmahls nur die knstlerische Empfnglichkeit
seiner Natur angeregt hatte, -- jedenfalls hat er noch mit fester Stimme
und, wie man mir sagte, auch mit echtem Gefhl einige Gedanken
ausgesprochen, die zu manchen seiner frheren berzeugungen in geradem
Widerspruch standen.

Meine Unsterblichkeit ist schon deswegen notwendig, weil Gott doch
nicht das Unrecht wird begehen wollen, das Feuer der Liebe, das einmal
in meinem Herzen zu Ihm entbrannt ist, ganz auszulschen. Was aber ist
teurer als Liebe? Die Liebe steht hher als das Sein, die Liebe ist die
Krone des Seins, wie sollte da das Leben ihr nicht untertan sein? Wenn
ich Ihn jetzt lieben gelernt habe, und diese meine Liebe mir eine Freude
ist -- wie wre es dann mglich, da Er mich und meine Freude wieder
auslschte und uns in Nichts verwandelte? Wenn es einen Gott gibt, so
bin auch ich unsterblich! _Voil ma profession de foi._{[278]}

Es gibt einen Gott, Stepan Trophimowitsch, ich versichere Ihnen, es
gibt einen Gott, beschwor ihn Warwara Petrowna, lassen Sie doch
endlich Ihre Dummheiten, lassen Sie sie doch wenigstens einmal im
Leben! (Sie hatte wohl seine _profession de foi_ nicht recht
verstanden.)

Mein Freund, sagte er mit wachsender Begeisterung, wenn auch seine
Stimme mehr und mehr versagte, mein Freund, als ich begriff ... diese
andere hingehaltene Backe, da ... begriff ich im selben Augenblick --
noch manches. _J'ai menti toute ma vie_,{[279]} mein ganzes, ganzes
Leben lang! Ich wrde gern ... brigens, morgen ... Morgen fahren wir
alle ...

Warwara Petrowna brach in Trnen aus. Er suchte jemanden mit den Augen.

Hier ist sie, hier ist sie! rief Warwara Petrowna schnell und zog
Ssofja Matwejewna an der Hand zu ihm hin. Er lchelte gerhrt.

Oh, ich wrde sehr gern wieder leben wollen! rief er mit einem
ungewhnlichen Zustrom von Kraft. Jede Minute, jeder Augenblick des
Lebens mssen fr den Menschen eine Seligkeit sein ... mssen, mssen es
unbedingt! Das ist die Pflicht des Menschen, es selbst so zu machen; das
ist sein Gesetz, -- ein geheimes Gesetz, das es aber trotzdem unbedingt
gibt ... Oh, ich wrde jetzt gern Petruscha sehen wollen ... und sie
alle ... und Schatoff!

Ich mu hier bemerken, da sie noch nichts von Schatoff wuten, weder
seine Schwester Darja Pawlowna, noch Warwara Petrowna, noch selbst Dr.
Salzfisch, der als letzter aus der Stadt gekommen war.

Stepan Trophimowitsch regte sich, statt ruhig zu sein, weit ber seine
Krfte auf.

Allein schon der immerwhrende Gedanke, da es etwas unendlich
Gerechteres und Glcklicheres gibt als mich, erfllt auch schon mein
ganzes Ich mit unermelicher Rhrung und -- Herrlichkeit, -- oh, wer ich
auch sei, was ich auch getan habe! Viel notwendiger als das eigene Glck
ist fr den Menschen das Wissen und der allgegenwrtige Glaube, da es
irgendwo schon ein vollkommenes und ruhiges Glck fr alle und fr jeden
gibt ... Das ganze Gesetz des menschlichen Seins besteht nur darin, da
der Mensch sich stets vor etwas unermelich Groem beugen kann. Wollte
man aber den Menschen das unermelich Groe nehmen, so wrden sie das
Leben nicht mehr auf sich nehmen und in Verzweiflung den Tod suchen. Das
Unermeliche und Unendliche ist fr den Menschen ebenso notwendig, wie
dieser kleine Planet, auf dem er lebt ... Meine Freunde, alle, alle: es
lebe der Groe Gedanke! Der Ewige, unermeliche Gedanke! Jeder Mensch,
wer er auch sei, mu sich davor beugen, da der Groe Gedanke existiert!
Sogar der dmmste Mensch braucht unbedingt wenigstens irgend etwas
Groes. Petruscha ... Oh, wie gern ich sie alle wiedersehen wrde! Sie
wissen nicht, sie wissen nicht, da auch in ihnen immer ganz derselbe
Ewige Groe Gedanke enthalten ist!

Doktor Salzfisch war bei der Zeremonie nicht zugegen gewesen. Als er nun
pltzlich eintrat, war er entsetzt: er trieb sofort die ganze
Versammlung auseinander und bestand darauf, da der Kranke unbedingt
Ruhe haben msse.

Stepan Trophimowitsch starb nach drei Tagen, nachdem er die letzte Zeit
in voller Bewutlosigkeit gelegen hatte. Er erlosch gleichsam, wie ein
zu Ende gebranntes Licht. Warwara Petrowna lie noch in Ustjewo das
Totenamt fr den Verstorbenen halten und brachte dann die Leiche ihres
armen Freundes nach Skworeschniki. Sein Grab auf dem Kirchhofe ist heute
bereits mit einer Marmorplatte bedeckt, doch die Aufschrift und das
eiserne Gitter sollen erst im Frhling gemacht werden.

Die Abwesenheit Warwara Petrownas aus der Stadt dauerte ganze acht Tage.
Mit ihr zusammen, in derselben Equipage, kam auch Ssofja Matwejewna, die
sich nun, wie's scheint, endgltig bei ihr niedergelassen hat.
Bemerkenswert ist noch, da Warwara Petrowna sofort, nachdem Stepan
Trophimowitsch die Besinnung verloren hatte -- also noch am selben
Morgen --, Ssofja Matwejewna aus dem Hause schickte und ganz allein den
Kranken bis zu seinem Tode pflegte. Kaum aber war er verschieden, da
lie sie auch jene wieder zu sich rufen. Das Anerbieten (richtiger,
der Befehl) Warwara Petrownas, fr immer nach Skworeschniki zu ziehen,
erschreckte die arme Ssofja Matwejewna entsetzlich, doch alle ihre
ngstlichen Einwendungen wurden von Warwara Petrowna berhaupt nicht
angehrt:

Unsinn! Ich werde selbst fr dich die Bibeln verkaufen gehen. Habe ich
doch jetzt niemanden mehr auf der Welt.

Sie haben doch noch Ihren Sohn, gndige Frau, bemerkte Doktor
Salzfisch, der zugegen war.

Ich habe keinen Sohn, sagte Warwara Petrowna kurz und -- hatte es
somit vorhergesagt.




                      Dreiundzwanzigstes Kapitel.
                               Der Schlu


                                   I.

Alle die begangenen Schandtaten und Verbrechen wurden erstaunlich
schnell bekannt, weit schneller, als Pjotr Stepanowitsch angenommen
hatte. Es begann damit, da die unglckliche Marja Ignatjewna nach der
Nacht, in der ihr Mann ermordet worden war, sehr frh, noch vor
Sonnenaufgang, aus tiefem Schlaf erwachte, und zu ihrem Schreck und zu
ihrer Angst Schatoff nicht bei sich, nicht an ihrem Bett, noch im Zimmer
sah. In einer Ecke schlief nur die von Arina Prochorowna besorgte
Wrterin. Diese vermochte aber die Kranke nicht zu beruhigen, und
schlielich wute sie nichts anderes zu tun, als schnell zu Arina
Prochorowna zu laufen, nachdem sie ihrer Pflegebefohlenen noch
versichert hatte, da Wirginskis bestimmt wissen wrden, wo Schatoff
geblieben war, und wann er zurckkehren werde.

Whrenddessen war auch Arina Prochorowna in nicht geringer Aufregung:
sie wute schon durch ihren Mann, was im Park zu Skworeschniki geschehen
war. Wirginski war erst um elf Uhr nachts in einem furchtbaren Zustande
nach Hause gekommen: er hatte die Hnde gerungen und sich auf das Bett
geworfen, um das Gesicht in den Kissen zu vergraben und immer nur unter
Zucken und Beben, schluchzend, immer nur dies eine zu wiederholen: Das
ist doch nicht das, nicht das; das ist ja gar nicht das!
Selbstverstndlich endete es schlielich damit, da er seiner Frau, die
unablssig in ihn drang, alles beichtete -- brigens doch nur ihr
allein. Arina Prochorowna hie ihn im Bett bleiben und schrfte ihm
strengstens ein, da er, falls er heulen wolle, dann ins Kissen heulen
solle, damit es die anderen nicht hrten, und da er ein Esel wre, wenn
er sich am nchsten Tage etwas anmerken liee. Darauf berlegte sie
rasch und machte sich dann schnell daran, auf alle Flle gewisse
Vorkehrungen zu treffen: alle zweifelhaften Papiere und Bcher, und
vielleicht sogar Proklamationen konnte sie teils noch beiseite schaffen,
teils spurlos vernichten. Nach kurzem Nachdenken sagte sie sich aber,
da sie selbst, ihre Schwester, die Tante und die Studentin weiter
nichts zu frchten hatten, ja, und vielleicht nicht einmal ihr
langohriges Brderlein -- Schigaleff. Als dann gegen Morgen die Wrterin
kam und sie zu Marja Ignatjewna rief, verlor sie weiter keinen
Augenblick und ging sofort zu ihrer Kranken. brigens wollte sie sich
auch selbst berzeugen, wie es sich damit verhielt, was ihr Mann in der
Nacht, halb unzurechnungsfhig, von den Versicherungen Pjotr
Stepanowitschs erzhlt hatte: da Kirilloff alles auf sich nehmen und
sich erschieen werde.

Aber sie kam zu spt. Marja Ignatjewna hatte, nachdem sie die Wrterin
zu Arina Prochorowna geschickt, es nicht lange allein ausgehalten, war
aufgestanden, hatte sich irgendwie halb angezogen, und war dann selbst
zu Kirilloff in den Flgel gegangen, da er, wie sie meinte, ihr am
ehesten sagen konnte, wo ihr Mann geblieben war. Man kann sich
vorstellen, wie das, was sie dort erblickte, auf die Wchnerin wirkte.
Merkwrdigerweise hat sie dabei den Brief, den Kirilloff hinterlassen
hatte und der sichtbar auf dem Tische lag, gar nicht gelesen, -- sie
wird ihn in ihrem Schreck und Entsetzen wohl gar nicht bemerkt haben.
Sie lief in die Dachstube zurck, ergriff ihr kleines Kind und verlie
das Haus. Der Morgen war feucht, Nebel stand ringsum. Kein Mensch war in
dieser abgelegenen Strae zu sehen. Sie lief und lief, atemlos, immer
weiter durch den kalten sumpfigen Straenschmutz und schlielich begann
sie, an die Huser zu klopfen. Im ersten Hause wurde nicht aufgemacht,
im zweiten hrte sie endlich Stimmen. Doch sie verlor die Geduld, zu
warten, und lief zum dritten Hause. Das war das Haus unseres Kaufmanns
Titoff. Hier rief sie groe Bestrzung hervor: sie schrie und
versicherte zusammenhanglos, man habe ihren Mann, Schatoff, ermordet.
Titoffs wuten, wer Schatoff war, und kannten zum Teil auch seine
Lebensgeschichte. Sie erschraken nicht wenig, als sie von dieser fremden
Frau hrten, da sie vor noch nicht vierundzwanzig Stunden geboren habe
und nun kaum bekleidet in dieser Klte mit dem fast nackten Kindchen
herumlief. Zuerst glaubte man, sie habe den Verstand verloren, um so
mehr, als man aus ihren Worten nicht recht klug werden konnte, wer nun
eigentlich ermordet worden war: Kirilloff oder ihr Mann? Marja
Ignatjewna aber wollte schon wieder aus dem Hause laufen, da sie wohl
trotz ihrer Erregung merkte, da man ihr nicht ganz glauben zu wollen
schien; doch da hielt man sie mit Gewalt zurck, obgleich sie furchtbar
schrie und um sich schlug. Jedenfalls ging man sofort zu Kirilloff, um
zu sehen, was mit ihm geschehen war -- und so wute denn schon nach zwei
Stunden die ganze Stadt von dem Selbstmord Kirilloffs und dem Brief, den
er hinterlassen hatte. Die Polizei erschien zum Verhr bei Marja
Ignatjewna, die noch bei Bewutsein war. Und eben hierbei stellte es
sich heraus, da sie Kirilloffs Schreiben gar nicht gelesen hatte, warum
sie aber zu dem Schlu gekommen war, da auch ihr Mann tot sei --
darber konnte man von ihr nichts Vernnftiges erfahren. Sie schrie
immer nur, wenn jener ermordet sei, dann sei auch ihr Mann ermordet,
denn -- sie waren zusammen, zusammen! Gegen Mittag verlor sie das
Bewutsein; sie starb am bernchsten Tage, ohne noch einmal zu sich zu
kommen. Das erkltete Kindchen starb noch vor ihr.

Inzwischen war Arina Prochorowna bei Schatoffs angelangt: als sie weder
die junge Mutter noch das Kind vorfand, sagte sie sich sofort, da hier
etwas Schlimmes geschehen sein msse, und wollte schon wieder nach Haus
zu ihrem Mann laufen, doch noch an der Pforte besann sie sich und
schickte die Wrterin in den Flgel zu Kirilloff, damit sie sich bei
diesem erkundige, ob er etwas wisse, oder ob die Kranke bei ihm war. Die
Frau kam mit entsetztem Geschrei zurckgelaufen. Arina Prochorowna hielt
ihr sofort den Mund zu und brachte sie mit dem bekannten Argument: Wenn
du was sagst, so wird man dich fr die Schuldige halten! zum Schweigen
und verlie dann selbst schnell den Hof.

Selbstredend erschien die Polizei noch am selben Morgen bei ihr, da sie
ja Schatoffs Frau entbunden hatte. Es war aber nicht viel, was man von
ihr erfuhr: kaltbltig und sehr sachlich erzhlte sie, was sie bei
Schatoffs gesehen und gehrt hatte, doch von den letzten Vorfllen
behauptete sie, weder etwas Nheres zu wissen, noch berhaupt das
Geschehnis begreifen zu knnen.

Man kann sich vorstellen, wie gro die Aufregung in der Stadt war.
Wieder eine Geschichte, wieder ein Mord! Und jetzt kam noch etwas
anderes hinzu: es war nun klar, da es also doch eine geheime
Verschwrerbande gab: revolutionre Brandstifter, Aufrhrer und Mrder.
Der furchtbare Tod Lisas, die Ermordung der Frau Nicolai Stawrogins,
Stawrogins Verhalten, der Brand, der Ball fr die Gouvernanten, die
Ungebundenheit in der Umgebung Julija Michailownas: das alles kam
zusammen! Sogar in dem pltzlichen Verschwinden Stepan Trophimowitschs
wollte man unbedingt etwas Bedeutsames sehen. Ja, es gingen schon sehr,
sehr schlimme Urteile und Gerchte ber Stawrogin um. Am Abend dieses
Tages erfuhr man auch die Abreise Pjotr Stepanowitschs, doch
sonderbarerweise wurde darber am allerwenigsten gesprochen -- am
meisten dagegen sprach man von dem Senator, der aus Petersburg bereits
eingetroffen sein sollte. Vor dem Filippoffschen Hause stand den ganzen
Vormittag ber eine ansehnliche Volksmenge. Die Polizei wurde durch
Kirilloffs Brief an die ganze Welt zunchst tatschlich irre gemacht.
Man glaubte an die Ermordung Schatoffs durch Kirilloff und an den
Selbstmord des Mrders. brigens glckte die Irrefhrung doch nicht so
ganz. Das Wort Park zum Beispiel, das sich ohne nhere Ortsangabe in
dem Brief fand, war fr keinen ein Rtsel, wie Pjotr Stepanowitsch
erwartet hatte. Die Polizei jagte vielmehr sofort nach Skworeschniki,
und zwar nicht nur deshalb, weil es einen anderen Park weder in der
Stadt noch in deren Umkreise gab, sondern gewissermaen schon aus bloem
Instinkt, da doch alle Schrecken der letzten Tage teils mittelbar, teils
unmittelbar mit Skworeschniki verbunden waren. (Ich mu hier bemerken,
da Warwara Petrowna schon am Morgen dieses Tages aus ihrem Stadthause
auf die Suche nach Stepan Trophimowitsch ausgefahren war.) Die Leiche
Schatoffs wurde am Abend desselben Tages im Teich gefunden: neben der
Grotte hatten die Mrder in unglaublichem Leichtsinn Schatoffs Mtze
liegen lassen, und von dort aus lieen sich dann deutliche Spuren bis
zur Fundstelle verfolgen. Dieser Umstand sowie einige rztliche
Feststellungen bei der Leichenschau legten sofort den Verdacht nahe, da
Kirilloff Helfershelfer gehabt haben msse. Man vermutete zunchst eine
Schatoff-Kirilloffsche geheime Gesellschaft, die mit den
Proklamationen irgendwie in Zusammenhang stehen mute. Wer aber waren
diese Leute? Von den Unsrigen ahnte man an diesem Tage noch nicht das
geringste. Aus dem Briefe war nur hervorgegangen, da Fedjka, den man
berall vergeblich gesucht, gerade in diesen Tagen vllig unbemerkt bei
Kirilloff hatte leben knnen! ... Der Hauptkummer aller blieb, da man
aus dem ganzen Wirrwarr der Tatsachen nichts Allgemeines und
Zusammenhngendes kombinieren konnte. Und ganz unmglich ist es
abzusehen, zu welchen abenteuerlichen Folgerungen man noch gekommen
wre, wenn man nicht pltzlich, schon am anderen Tage, den ganzen wahren
Sachverhalt erfahren htte -- dank Lmschin.

Der hielt es nicht aus. Es geschah mit ihm das, was sogar Pjotr
Stepanowitsch zum Schlu vorauszufhlen begonnen hatte. Lmschin war
zuerst der Obhut Tolkatschenkos, dann Erkels anvertraut worden und
verbrachte diesen ganzen Tag im Bett: er lag, anscheinend ganz zahm, mit
dem Gesicht zur Wand, sprach kein Wort und antwortete nicht einmal, wenn
man zu ihm redete. So erfuhr er denn auch nichts davon, was in der Stadt
geschah. Da fiel es aber Tolkatschenko, der natrlich alles wute, gegen
Abend ein, den von Pjotr Stepanowitsch ihm ausdrcklich gegebenen
Auftrag, Lmschin zu bewachen, einfach abzuschtteln und die Stadt zu
verlassen, d. h. sich einfach aus dem Staube zu machen. Wahrlich, Erkel
hatte recht, als er sagte, sie htten doch schon alle die Vernunft
verloren. Hier mag gleich erwhnt sein, da auch Liputin an eben diesem
Tage aus der Stadt verschwand, und zwar schon am Morgen. Das erfuhr man
aber erst am Abend des nchsten Tages, als die Polizei sich zu Liputin
begab und dort nur dessen vor Angst ber die Abwesenheit des Gatten und
Vaters zitternde Familie vorfand. Doch ich fahre fort, von Lmschin zu
erzhlen. Kaum war er also allein geblieben (Erkel war, da er sich auf
Tolkatschenko verlassen zu knnen glaubte, fortgegangen), als er sofort
aus dem Hause lief und natrlich sehr bald die ganze Lage der Dinge
erfuhr. Ohne nach Haus zurckzukehren, begann er zu laufen, weiter und
immer weiter. Aber die Nacht war so dunkel und sein Vorhaben dermaen
grausig und schwer, da er schon nach ein paar Straen umkehrte und doch
nach Hause ging, wo er sich fr die ganze Nacht einschlo. Ich glaube,
gegen Morgen machte er einen Selbstmordversuch; aber der milang ihm. So
sa er in dem verschlossenen Zimmer bis zum Mittag des nchsten Tages,
und -- pltzlich lief er schnurstracks auf die Polizei. Man sagte, er
sei dort auf den Knien herumgerutscht, habe geschluchzt und gekreischt
und die Diele gekt, habe in einem fort geschrien, er sei nicht einmal
wert, die Stiefel der vor ihm stehenden Wrdentrger zu kssen. Man
beruhigte ihn und war sehr freundlich zu ihm. Das Verhr zog sich durch
ganze drei Stunden hin. Er gestand alles, alles, erzhlte die letzten
Einzelheiten, griff vor, berhastete sich mit seinen Gestndnissen und
mischte, ohne danach gefragt zu sein, alles mgliche Unntige hinein. Im
allgemeinen aber wute er die Sache doch ganz anschaulich darzustellen:
die Tragdie mit Schatoff und Kirilloff, die Feuersbrunst, die Ermordung
der Lebdkins usw. traten als das Unwichtigere mehr in den Hintergrund;
in den Vordergrund aber traten: Pjotr Stepanowitsch, der Geheimbund,
seine Organisation, die Fnfergruppen, das Netz. Auf die Frage, warum
man denn so viele Menschen ermordet, so viele Verbrechen begangen hatte,
antwortete er mit eilfertigem Eifer: Zur systematischen Erschtterung
der Grundfesten und zur systematischen Zersetzung der ganzen
Gesellschaft und alles bisher Bestehenden; um alle zu entmutigen und aus
allem einen einzigen groen Brei zu machen, dann aber die auf diese
Weise zerrttete, kranke, zynische, unglubige Masse, die sich jedoch
bis zum uersten nach einer leitenden Idee und nach Selbsterhaltung
sehnt, -- pltzlich in die Hand zu nehmen, die Fahne des Bundes zu
erheben und im brigen sich auf das weitverzweigte Netz der
>Fnfergruppen< zu sttzen, die inzwischen ihrerseits alle nicht mig
gewesen sind, Jnger geworben und praktisch alle Mglichkeiten geprft
und alle schwachen Stellen des Gegners ausfindig gemacht haben, so da
man genau wei, wo er am besten zu fassen ist. Er schlo mit der
Mitteilung, da hier in unserer Stadt von Pjotr Stepanowitsch nur der
erste Versuch einer solchen systematisch hervorgerufenen Unordnung
gemacht worden sei -- sozusagen eine Art Prfung des Programms der
ferneren Ttigkeit nicht nur dieser, sondern auch aller brigen
Fnfergruppen. Letzteres sei aber seine -- d. h. Lmschins -- eigene
Vermutung und er bte nur, da man das alles nicht vergesse, vielmehr in
Betracht ziehe, bis zu welchem Grade er aufrichtig sei und wie gut er
den Sachverhalt klarlege, so da er noch sehr ntzlich sein knnte, wenn
die Polizei sich seiner annehmen wollte. Auf die Frage, ob es viele
solcher Fnfergruppen in Ruland gbe, antwortete er, es gbe ihrer
eine unzhlige Menge, die wie ein Netz ganz Ruland umspinne. Daran hat
er, wie mir scheint, selbst vollkommen aufrichtig geglaubt, wenn er auch
keine Beweise anfhren konnte. Vorzeigen konnte er nur ein im Auslande
gedrucktes Programm der Gesellschaft und ferner ein Projekt der
Entwicklung des Systems aller weiteren Handlungen, das von Pjotr
Stepanowitsch selbst geschrieben war. Es erwies sich, da Lmschin den
ganzen langen Satz von der Erschtterung der Grundfesten wortwrtlich,
ohne ein Komma oder einen Punkt zu vergessen, nach diesem Blatt zitiert
hatte, trotz seiner Beteuerung hinterher, da es seine eigene Auffassung
sei. ber Julija Michailowna uerte er sich erstaunlich scherzhaft und
sogar ohne gefragt zu sein, indem er wieder vorgriff, da sie ganz
unschuldig sei und man sie nur zum besten gehabt habe. Bemerkenswert
ist aber, da er auch Nicolai Stawrogin von jeder Teilnahme an dem
Geheimbunde, sowie von jedem Einverstndnis mit Pjotr Stepanowitsch
freisprach. (Von den geheimnisvollen lcherlichen Hoffnungen Pjotr
Stepanowitschs auf Stawrogin ahnte Lmschin natrlich nichts.) Auch die
Ermordung der Lebdkins war nach seinen Worten von Pjotr Stepanowitsch
ganz allein den Mrdern befohlen worden, ohne jeden Anteil Stawrogins,
und nur in der schlauen Absicht, diesen in ein Verbrechen
hereinzuziehen, um dann ber ihn Macht zu bekommen -- anstatt der
Dankbarkeit aber, auf die er zweifellos gerechnet, habe Pjotr
Stepanowitsch nur heftigen Unwillen und sogar Verzweiflung in dem
edlen Nicolai Wszewolodowitsch hervorgerufen. Und zum Schlu fgte
Lmschin in seinen Aussagen ber Stawrogin noch hinzu -- brigens
gleichfalls ungefragt und sich berhastend, augenscheinlich in der
Absicht, einen Wink zu geben --, da dieser ein ungeheuer wichtiges Tier
sei, nur msse das unbedingt ein Geheimnis bleiben; aufgehalten habe er
sich bei uns sozusagen inkognito, und dabei habe er hochwichtige geheime
Auftrge gehabt, und deshalb sei es sehr mglich, da er aus Petersburg
bald wieder zu uns zurckkehren werde (Lmschin war berzeugt, da
Stawrogin in Petersburg sei), dann aber schon mit ganz anderen Auftrgen
und mit einer Suite von solchen Persnlichkeiten, von denen man
vielleicht auch bei uns schon bald hren werde, und alles das habe er
von Pjotr Stepanowitsch gehrt, dem geheimen Feinde Nicolai
Stawrogins.

Hierzu eine Randbemerkung: zwei Monate spter gestand Lmschin, er habe
Stawrogin absichtlich von allem freigesprochen, und zwar in der Hoffnung
auf dessen Protektion: er habe geglaubt, Stawrogin werde ihm dann aus
Dankbarkeit in Petersburg eine bedeutende Erleichterung seiner Strafe
erwirken knnen und ihm vielleicht auch nach Sibirien Geld und
Empfehlungen schicken. Aus diesem zweiten Gestndnis ersieht man erst,
wie hoch Stawrogin auch von einem Lmschin eingeschtzt wurde.

Am selben Tage wurde natrlich auch Wirginski verhaftet, und im Eifer
verhaftete man auch gleich seine ganze Familie. (Heute sind Arina
Prochorowna, ihre Schwester und Tante sowie die Studentin schon lngst
wieder frei und es heit sogar, auch Schigaleff werde in krzester Zeit
aus der Untersuchungshaft entlassen werden, da er in keine Kategorie der
Angeklagten hineinpasse.) Wirginski bekannte sich sofort in allen Dingen
schuldig: er war krank und hatte hohes Fieber, als man ihn verhaftete.
Man erzhlt, er habe sich fast gefreut: nun sei es vom Herzen gewlzt,
soll er gesagt haben. Jetzt heit es von ihm, da er seine Aussagen
wahrheitsgetreu und sogar mit einer gewissen Wrde mache, doch von
seinen hellen Hoffnungen noch immer nicht lasse und nur den
politischen Weg, auf den er so unverhofft und unschuldig gelockt worden
war, verwnsche (im Gegensatz zum sozialen). Sein Verhalten whrend des
Verbrechens im Park soll, glaube ich, zur Milderung seiner Strafe in
Betracht gezogen werden. Wenigstens behauptet man das allgemein bei uns.

Anders steht es mit dem Schicksal Erkels. Der schweigt seit seiner
Verhaftung hartnckig, oder er entstellt die Wahrheit soviel er nur
kann. Noch hat man kein einziges Wort der Reue aus ihm herauszuholen
vermocht. Und doch hat er selbst in den strengsten Richtern Sympathie
erweckt, -- durch seine Jugend, durch seine Schutzlosigkeit, sowie durch
die erwiesene Tatsache, da er nur das fanatische Opfer eines
politischen Verfhrers ist, vor allem aber durch sein jetzt bekannt
gewordenes Verhltnis zu seiner armen Mutter, der er monatlich fast die
Hlfte seines kleinen Gehaltes zugeschickt hat. Seine Mutter ist jetzt
hier: sie ist eine schwache, kranke, vorzeitig alt gewordene Frau. Sie
weint und wirft sich -- es ist wortwrtlich zu nehmen -- den Richtern zu
Fen, um fr ihren Sohn Gnade zu erflehen.

Liputin wurde schlielich in Petersburg verhaftet, nachdem er dort zwei
volle Wochen sich aufgehalten hatte. Mit ihm war etwas ganz
Unwahrscheinliches geschehen, etwas, das man sich nur schwer erklren
kann. Er, der einen Pa auf einen fremden Namen und bei betrchtlichen
Geldmitteln durchaus die Mglichkeit hatte, ins Ausland zu entkommen,
war trotzdem in Petersburg geblieben: eine Zeitlang hatte er Stawrogin
und Pjotr Stepanowitsch gesucht, dann aber hatte er pltzlich zu trinken
begonnen und ein ber alle Maen ausschweifendes Leben gefhrt, ganz wie
ein Mensch, der jede gesunde Vernunft sowie jede Vorstellung von seiner
Lage verloren hat. Verhaftet wurde er denn auch in einem Bordell, in
betrunkenem Zustande. Jetzt soll er aber wieder zur Vernunft gekommen
sein, durchaus nicht den Mut verloren haben, in seinen Aussagen lgen
und zu der Gerichtsverhandlung sich mit einer gewissen Feierlichkeit und
Hoffnungsfreudigkeit vorbereiten (?). Ja, er soll sogar die Absicht
haben, vor Gericht eine Rede zu halten.

Tolkatschenko dagegen, der irgendwo im Nachbarkreise zehn Tage nach
seiner Flucht verhaftet wurde, verhlt sich weit bescheidener, lgt
nicht und verstellt sich nicht, sondern sagt alles, was er wei, ohne
sich dabei freisprechen zu wollen, ist aber gleichfalls ein wenig zum
Reden geneigt: er spricht viel und gern, und wenn man auf die Kenntnis
des Volkes und dessen revolutionre (?) Elemente zu sprechen kommt, dann
beginnt er sogar zu posieren und nach Effekt zu haschen. Auch er soll,
wie man hrt, eine Rede zur Gerichtsverhandlung vorbereiten. berhaupt
sind er und Liputin nicht allzu eingeschchtert, und das ist eigentlich
sonderbar.

Wie gesagt, das gerichtliche Urteil in dieser Sache ist noch nicht
gesprochen.

Unsere Gesellschaft jedoch hat sich jetzt, nach drei Monaten, schon
wieder einigermaen erholt, gesammelt, und sich sogar eine eigene
Meinung gebildet -- allerdings eine dermaen eigene, da jetzt viele bei
uns Pjotr Stepanowitsch fr ein Genie halten, oder doch wenigstens fr
einen Menschen mit hoch genialen Anlagen.

Da sieht man, was Organisation bedeutet! sagt man im Klub und erhebt
dabei den Finger. brigens ist das alles furchtbar harmlos, und
schlielich sind es nicht einmal viele, die so reden.

Andere dagegen urteilen weit weniger gnstig ber ihn, und wenn sie ihm
auch eine groe Begabung nicht absprechen, so tadeln sie doch seine
vollkommene Unkenntnis der Wirklichkeit, bei schrecklicher Abstraktion
und ungeheuerlicher und stumpfer Entwicklung nur nach einer Seite hin
und daraus folgendem auergewhnlichen Leichtsinn.

Das Urteil ber seine Moral ist natrlich bei allen das gleiche; darber
streitet schon niemand mehr.

Ich wei eigentlich nicht, wen ich der Vollstndigkeit halber noch zu
erwhnen htte. Mawrikij Nicolajewitsch ist irgendwohin auf immer von
hier weggereist. Lisas Mutter ist kindisch geworden ... Nur eine dstere
Geschichte bleibt mir noch zu erzhlen brig. Ich werde mich mit den
Tatsachen begngen.

Warwara Petrowna war nach ihrer Rckkehr mit der Leiche Stepan
Trophimowitschs aus Ustjewo wieder in ihrem Stadthause abgestiegen. Die
Neuigkeiten, die sich hier inzwischen angesammelt hatten und die sie nun
alle mit einem Male erfuhr, erschtterten sie entsetzlich. Es war Abend;
alle waren mde und man ging frher zu Bett.

Am folgenden Morgen bergab die Kammerzofe Darja Pawlowna mit
geheimnisvoller Miene einen Brief. Sie sagte, sie htte ihn erst spt am
Abend erhalten, als alle schon schliefen, und nicht gewagt, Darja
Pawlowna aufzuwecken. Der Brief war nicht mit der Post gekommen, sondern
in Skworeschniki von einem unbekannten Menschen Alexei Jegorowitsch
eingehndigt worden. Dieser aber habe den Brief gestern Abend ihr -- der
Kammerzofe -- selbst berbracht und sei darauf sofort nach Skworeschniki
zurckgefahren.

Darja Pawlowna betrachtete mit klopfendem Herzen lange diesen Brief und
wagte nicht ihn zu ffnen. Sie wute, von wem er war: so schrieb nur
Nicolai Stawrogin. Sie las die Aufschrift auf dem Kuvert: An Alexei
Jegorytsch zur bergabe an Darja Pawlowna, heimlich.

Hier ist dieser Brief, Wort fr Wort, ohne Korrektur auch nur des
geringsten Fehlers in den Stzen dieses russischen Edelmannes, der
ungeachtet seiner ganzen europischen Bildung die Grammatik seiner
Muttersprache nicht zu Ende gelernt hatte.

   Liebe Darja Pawlowna,

   Sie wollten einmal >als Krankenschwester< zu mir kommen und nahmen
   mir das Wort ab, Sie zu rufen, wenn es ntig wird. Ich fahre in zwei
   Tagen und werde nie mehr wiederkehren. Wollen Sie mit mir gehen?

   Im vorigen Jahr habe ich mich wie seinerzeit Herzen als Brger des
   Kantons Uri aufnehmen lassen, und das wei niemand. Ich habe mir
   dort schon ein kleines Haus gekauft. Ich habe noch zwlftausend
   Rubel; wir fahren dann fort und werden dort ewig leben. Ich werde
   sonst niemals nirgend wohin mehr reisen.

   Die Stelle ist sehr de, eine Schlucht; die Berge beengen den Blick
   und den Gedanken. Es ist sehr dster. Ich tat es, weil das kleine
   Haus gerade verkauft wurde. Wenn es Ihnen nicht gefllt, so verkaufe
   ich es und kaufe ein anderes an einem anderen Ort.

   Ich bin nicht gesund, aber von den Halluzinationen hoffe ich mich
   durch die dortige Luft zu befreien. Physisch; moralisch aber wissen
   Sie alles; nur, ist es auch wirklich alles?

   Ich habe Ihnen vieles aus meinem Leben erzhlt. Aber nicht alles.
   Sogar Ihnen nicht alles! brigens, ich besttige, da ich mit dem
   Gewissen an dem Tode meiner Frau schuld bin. Ich habe Sie nachher
   nicht mehr gesehen und darum sage ich es hier. Schuld bin ich auch
   vor Lisaweta Nicolajewna; aber hiervon wissen Sie alles; hier haben
   Sie fast alles vorausgesagt.

   Kommen Sie lieber nicht. Da ich Sie zu mir rufe, ist eine
   schreckliche Gemeinheit. Ja und warum sollten Sie auch mit mir Ihr
   Leben begraben? Mir sind Sie lieb und im Leid war es mir wohl bei
   Ihnen: nur bei Ihnen allein habe ich von mir laut sprechen knnen.
   Daraus folgt aber nichts. Sie haben es selbst geprgt: >als
   Krankenschwester< -- das ist Ihr Ausdruck; wozu so viel opfern?
   Begreifen Sie auch, da ich Sie nicht bemitleide, wenn ich Sie rufe,
   und nicht achte, wenn ich Sie erwarte. Und whrenddessen rufe ich
   Sie und erwarte ich Sie doch. Jedenfalls brauche ich Ihre Antwort,
   denn man mu sehr schnell fahren. In dem Falle werde ich allein
   fortfahren.

   Ich hoffe nichts von Uri; ich fahre einfach. Ich habe nicht mit
   Absicht diesen dsteren Ort gewhlt. In Ruland bin ich an nichts
   gebunden, -- hier ist mir alles ebenso fremd wie berall. Es ist
   wahr, in Ruland liebte ich am allerwenigsten zu leben; aber selbst
   in Ruland habe ich nichts zu hassen vermocht!

   Ich habe berall meine Kraft versucht. Sie rieten mir einmal dazu:
   >um sich selbst zu erkennen<. In den Versuchen fr mich selbst und
   in den Versuchen nach auen, um mit dieser Kraft zu prahlen, wie
   auch frher in meinem ganzen Leben, erwies sie sich immer als
   grenzenlos. Vor Ihren Augen ertrug ich die Ohrfeige von Ihrem
   Bruder. Ich bekannte ffentlich meine Ehe. Aber an was diese Kraft
   anlegen -- das ist es, was ich nie gesehen habe, auch jetzt nicht
   sehe, trotz Ihres Beifalls in der Schweiz und Ihres Zuspruchs, dem
   ich traute. Ich kann auch jetzt noch ganz so, wie auch frher immer,
   eine gute Tat zu begehen wnschen und empfinde Vergngen dabei;
   daneben aber will ich auch Bses und empfinde dabei gleichfalls
   Vergngen. Aber dieses wie jenes Gefhl ist, ganz wie frher, immer
   zu klein und flach, sehr stark aber pflegt es nie zu sein. Meine
   Wnsche sind viel zu wenig stark; sie knnen nicht leiten. Auf einem
   Balken kann man ber einen Flu schwimmen, auf einem Holzspan aber
   nicht. Ich schreibe das nur, damit Sie nicht denken, da ich mit
   irgendwelchen Hoffnungen nach Uri fahre.

   Ich beschuldige wie immer niemanden. Ich habe ein grenzenlos
   ausschweifendes Leben versucht und meine Kraft in ihm erschpft:
   aber ich liebe Ausschweifung nicht, noch wollte ich sie. Sie haben
   mich in der letzten Zeit beobachtet. Wissen Sie auch, da ich sogar
   auf unsere Verneiner mit Ha geblickt habe, aus Neid auf ihre
   Hoffnungen? Aber Sie haben sich umsonst gefrchtet; ich konnte denen
   nicht Freund sein, denn ich erblickte nichts. Zum Spott aber, aus
   Bosheit, habe ich es auch nicht gekonnt und nicht, weil ich das
   Lcherliche frchte, -- das Lcherliche kann mich nicht schrecken,
   -- sondern weil ich immerhin die Angewohnheiten eines anstndigen
   Menschen habe und es mich anekelte. Doch wenn ich mehr Bosheit und
   Neid fr sie htte, so wrde ich vielleicht auch mit ihnen gegangen
   sein. Urteilen Sie nun selbst, wie leicht es mir zumute war und wie
   ich mich hin und her gewlzt habe!

   Du, mein liebster Freund, Du zartes und gromtiges Geschpf, das
   ich nun endlich erraten habe! Vielleicht trumen Sie davon, mir so
   viel Liebe zu geben und mich mit so viel Schnem aus Ihrer
   wundervollen Seele zu berschtten, da Sie hoffen, schon damit
   endlich auch ein Ziel vor mich hinstellen zu knnen? Nein, Sie
   sollten lieber vorsichtiger sein; meine Liebe wird ebenso flach
   sein, wie ich selbst bin, Sie aber werden unglcklich sein. Ihr
   Bruder hat mir einmal gesagt, da derjenige, der die Verbindung mit
   seiner Erde verliert, sofort auch seine Gtter verliert, das heit
   also alle seine Ziele. ber alles kann man endlos streiten, aber aus
   mir ist nur Verneinung gekommen, ohne jede Gromut und ohne jede
   Kraft. Sogar nicht einmal Verneinung! Alles ist immer flach und
   schlaff. Der hochherzige Kirilloff ertrug die Idee nicht und --
   erscho sich: aber ich wei doch, da er deshalb hochherzig war,
   weil er nicht bei gesunder Vernunft war. Ich werde nie meine
   Vernunft verlieren knnen und werde nie in dem Mae an eine Idee
   glauben knnen, wie er. Ich kann mich in dem Mae nicht einmal mit
   einer Idee beschftigen. Nie, nie werde ich mich erschieen knnen!

   Ich wei, da ich mich tten mte, mich wie ein scheuliches Insekt
   von der Erde wegfegen; aber ich frchte den Selbstmord, denn ich
   frchte mich, Hochherzigkeit zu zeigen. Ich wei, da das noch ein
   Betrug sein wrde, -- der letzte Betrug in der endlosen Reihe der
   Betrge. Was htte es fr einen Nutzen, sich selbst zu betrgen, nur
   um einmal den Hochherzigen zu spielen? Unwille und Scham kann in mir
   niemals sein; folglich auch keine Verzweiflung.

   Verzeihen Sie, da ich so viel schreibe. Ich bin wieder zur
   Besinnung gekommen. Ich habe das aus Versehen getan. So sind hundert
   Seiten zu wenig und zehn Zeilen genug. Zehn Zeilen gengen, wenn man
   jemand >als Krankenschwester< ruft.

   Seit ich fortgefahren bin, lebe ich auf der sechsten Station beim
   Stationschef. Seine Bekanntschaft habe ich vor fnf Jahren in
   Petersburg in der wsten Zeit gemacht. Niemand wei es, da ich bei
   ihm bin. Schreiben Sie unter seinem Namen. Die Adresse fge ich bei.

                                                   Nicolai Stawrogin.

Darja Pawlowna ging sofort zu Warwara Petrowna und gab ihr den Brief.
Diese las ihn durch und bat darauf Dascha, sie allein zu lassen, da sie
den Brief noch einmal lesen wolle. Aber sie rief sie schon sehr bald
zurck.

Wirst du fahren? fragte sie fast zaghaft.

Ja, ich werde fahren, antwortete Dascha.

Dann mach dich bereit! Wir fahren zusammen!

Dascha sah sie fragend an.

Was soll ich hier jetzt noch? Ist es nicht einerlei, wo ich weiterlebe?
Ich werde mich gleichfalls in Uri aufnehmen lassen und in der Schlucht
leben ... Sei unbesorgt, werde euch nicht stren.

Sie begannen schnell einzupacken, um noch mit dem Mittagzuge abfahren zu
knnen. Es war aber noch keine halbe Stunde vergangen, als Alexei
Jegorytsch aus Skworeschniki eintraf und meldete, da Nicolai
Wszewolodowitsch pltzlich am Morgen angekommen war, mit dem Frhzuge,
und sich in Skworeschniki befinde, aber in einem Zustande, da der Herr
auf die Fragen nicht zu antworten geruhten, durch alle Zimmer gingen,
und sich dann in seiner Hlfte eingeschlossen haben ...

Ich bin ohne Befehl des Herrn hergefahren, um zu melden, fgte Alexei
Jegorytsch verhalten, mit sehr aufmerksamem Blick hinzu.

Warwara Petrowna sah ihn durchdringend an und fragte nicht weiter. Im
Augenblick war der Wagen bereit. Sie fuhr mit Dascha nach Skworeschniki.
Whrend der Fahrt soll sie sich mehrmals bekreuzt haben.

In seiner Hlfte waren alle Tren unverschlossen, doch Nicolai
Wszewolodowitsch war nirgendwo zu finden.

Sollte der Herr nicht vielleicht im oberen Stock sein? fragte
Fomuschka vorsichtig.

Es war sonderbar, da diesmal mehrere Dienstboten Warwara Petrowna in
die Hlfte des Herrn folgten, whrend die anderen im groen Saal
warteten. Noch nie hatten sie es gewagt, so die Etikette zu
berschreiten. Warwara Petrowna bemerkte es wohl, aber sie schwieg.

Man stieg in den oberen Stock. Dort waren nur drei Zimmer, doch in
keinem einzigen fand man ihn.

Ja, sollte der Herr nicht vielleicht dahin gegangen sein? fragte
jemand und wies auf die Tr zur Dachkammertreppe.

Tatschlich war diese sonst stets geschlossene kleine Tr zur Dachkammer
diesmal offen. Eine schmale, lange und sehr steile Treppe fhrte hinauf.

Dorthin gehe ich nicht! Aus welchem Grunde htte er dorthin gehen
sollen? fragte Warwara Petrowna, unheimlich erbleichend, und sah sich
nach den Dienstboten um. Die sahen sie an und schwiegen. Dascha
zitterte.

Dann strzte Warwara Petrowna die Treppe hinauf. Dascha folgte ihr. Doch
kaum hatte Warwara Petrowna in die Dachkammer hineingesehen, als sie
aufschrie und bewutlos hinfiel.

Der Brger des Kantons Uri hing hier gleich hinter der kleinen Tr. Auf
dem kleinen Tisch lag ein Stck Papier, auf dem mit Blei gekritzelt die
Worte standen:

Niemanden beschuldigen. Ich selbst.

Auf demselben Tischchen lag ferner ein Hammer, ein Stck Seife und ein
groer Nagel. Die starke seidene Schnur, mit der Nicolai Stawrogin sich
erhngt hatte, war dick eingeseift. Alles wies auf volle Absicht hin und
auf klares Bewutsein bis zum letzten Augenblick.

Die Annahme, da die Tat in geistiger Umnachtung oder im Irrsinn
geschehen sei, wurde von unseren rzten nach der Obduktion mit aller
Entschiedenheit zurckgewiesen.




                             Erster Anhang.
                   Material zum Roman Die Dmonen.
              Aus den Notizbchern F. M. Dostojewskis[55]


                                                       1. Januar 1870.


                        _Stawrogin_ (der Frst)

Der vollkommen entgegengesetzte Typ jenes Sprosses aus grflichem Hause,
den Graf Tolstoi in Kindheit und Jugend dargestellt hat[56]. Ein Typ
aus der Urbevlkerung, der unbewut von seiner eigenen typischen Kraft
beunruhigt wird, ganz unmittelbar, und die nicht wei, worauf sie sich
aufbauen [fufassen] knnte. Solche autochthonen Typen sind hufig
entweder Stenka Rasins[57] oder Danila Filippowitschs[58], oder sie
gehen bis zum uersten des Geiler- oder Skopzentums. Es ist das eine
auergewhnliche, fr sie selbst schwere unmittelbare Kraft, die etwas
verlangt und sucht, worauf sie Fu fassen [stehen bleiben] und das sie
sich zur Richtschnur nehmen knnte, die bis zur Qual Ruhe, Erlsung von
den Strmen verlangt und die vorlufig doch unmglich _nicht_ strmen
kann bis zu der Zeit, da sie die Beruhigung findet. Er stellt sich
schlielich auf Christus, doch sein ganzes Leben war Sturm und
Unordnung. (Die Masse des Volkes lebt unmittelbar, still und harmonisch,
urtmlich, doch kaum zeigt sich in ihr Bewegung, d. h. einfache
Lebensfunktion, so stellt sie immer diese Typen hervor). Es ist eine
unumfabare unmittelbare Kraft, die Ruhe sucht, die erregt ist bis zu
Schmerzen und die sich whrend der Zeit des Suchens und des Umherirrens
mit Freuden in ungeheuerliche Abweichungen und Experimente strzt, bis
sie auf einer so starken Idee Fu fat, die ihrer unmittelbaren
tierischen Kraft vollkommen proportional ist, -- auf einer Idee, die
dermaen stark ist, da sie diese Kraft endlich organisieren und bis zu
weihevoller Stille beruhigen kann.

berhaupt ein ernsterer Charakter, ernst bis zur Seltsamkeit. Ist
zurckgekehrt mit Gedanken und Fragen, die ihn um so mehr stutzig
machen, als ihm alles neu ist. Manche halten ihn fr einen Nihilisten
(z. B. die Mutter), ja er gilt sogar allgemein fr einen Nihilisten. Nur
Gr. sieht, da das nicht ein Nihilist ist (aber was denn sonst?). Er
meint, ein von sich selbst eingenommener Tor, wie es ihrer viele unter
ihnen gibt. Der Frst spottlacht immer, was Gr. mifllt und verletzt.
Gr. denkt schlielich, W. habe den Frsten in der Hand. Mitunter
berraschen Gr. am Frsten Ausbrche sowohl von Ernst wie von Zartheit.
Ein sehr ernstes Gesprch. Ein tiefer Zug, da der Frst sehr viel und
aufmerksam zuhrt. Aber die Mutter frchtet ihn doch immer. W. nahm ihn
schon in die Hand (d. h. er glaubte, da es ihm gelungen sei), doch bald
wurde es selbst dem sorglosen W. klar, da das etwas anderes war. Er
will brigens dennoch (auf den Rat und die Warnungen U--ffs hin) den
Frsten in den Mord hineinziehen. Doch W. ist blo leichtsinnig und
sorglos, wenn es aber ntig ist -- sehr klug: er gewahrt pltzlich, da
er den Frsten nicht in den Mord hineinziehen kann, da es hier gar
nicht das ist, was er vermutet hatte, da der Frst nur zuhrt, schweigt
und aufpat, ja sogar selbst auf Sch--ffs Seite steht. Da lst W. mit
einem Schlage das Mordproblem auf eine andere Weise und umgeht den
Frsten. Der Verdacht fllt dennoch zum Teil auf den Frsten; doch nun
nimmt pltzlich der Frst selbst die Sache in die Hand und enthllt
sich.

Er wird mit einem Schlage Herr der Sache und besiegt U--ff; dieser
gesteht. Geht geradeswegs zum Zgling, zeigt ihr seine ganze tiefe
Liebe, stellt aber Bedingungen -- sie ist mit Begeisterung
einverstanden. Neue Menschen, erneutes Leben! Gtzen zerstren und
Schiffe verbrennen. Ist, falls ntig, bereit, sich von der Erbschaft
loszusagen; doch die Mutter zittert schon und fgt sich. Schreckt den
Gouverneur und den groen Schriftsteller. Hat gromtig Mitleid mit der
jungen Schnheit, die er brutal und schroff verstt wegen eines
leichtfertigen Ausfalls. (Anfangs scherzte er mit ihr; sie hielt ihn fr
einen Nihilisten und lie es sich einfallen, mit ihm ein wenig zu
spielen; er lie sie brutal im Stich, war aber im Unrecht: denn es war
nicht Verderbtheit, wie ihm schien, sondern leichtfertige und
gewissensruhige berzeugung.) berhaupt: er berzeugt sich, da ehrlich
und besonders ein _neuer_ Mensch zu sein, nicht so leicht ist, da dazu
nicht Enthusiasmus allein gengt, was er auch ihr, dem Zgling seiner
Mutter, erklrt: Ich werde kein _neuer_ Mensch sein, ich bin viel zu
unoriginell dazu, sagt er, aber ich habe endlich einige wertvolle
Ideen gefunden, an die ich mich jetzt halten will. Doch vor jeder
Wiedergeburt oder Auferstehung -- Selbstberwindung; und deshalb: du
bist mir ntig, du wirst mich retten mit deiner Stille. Er sagt:
Frher verurteilte ich den Nihilismus und war sein erbitterter Feind,
jetzt aber sehe ich ein, da die Schuldigsten und Schlechtesten wir, die
Herren, sind, wir vom Erdboden Losgerissenen, und darum mssen zuerst
wir uns umgestalten. Wir sind die Hauptfulnis, auf uns ruht der
Hauptfluch und aus uns ist alles gekommen.

                                                         7. Mrz 1870.


                          _Stawrogin_ (Frst)

Der Frst war der ausschweifendste Mensch und ein hochmtiger
Aristokrat. Er hat sich bereits bekannt gemacht als ein Erzfeind der
Aufhebung der Leibeigenschaft und als ein Unterdrcker der Bauern.

Er ist _Ideenmensch_. Die Idee, die ihn einmal ergreift, beherrscht ihn
ganz; herrscht aber dann nicht so sehr in seinen Gedanken, als wie sie
sich in ihm _verkrpert_, in seine Natur bergeht (immer mit Leiden und
Unruhe), und dann, einmal in seiner Natur inkarniert, verlangt sie ihre
sofortige Umsetzung in die Tat.

Whrend seiner Abwesenheit aus unserer Stadt hat er seine berzeugungen
gendert. Seine berzeugungen ndern heit fr ihn sofort auch sein
ganzes Leben ndern, so da er schon mit der geheimen Absicht
zurckkehrt, sich von der Erbschaft loszusagen und mit allem zu brechen.
Er ist pltzlich ein furchtbarer Skeptiker geworden, ist malos
mitrauisch und vermutet immer das Schlimmste, -- eine Erscheinung, die
bei einem festen Menschen, fr den sich entscheiden, die Schiffe
verbrennen und handeln heit, sehr verstndlich ist. Dieser Mensch kann
noch vor dem Entschlu zweifeln, wenn er noch nicht ganz berzeugt ist;
zweifelt er aber, so wird er infolge der Leidenschaftlichkeit seiner
Natur zum Skeptiker bis zum Zynismus.

Die Ideen Goluboffs sind: Ergebung und Selbstberwindung und da Gott
und das Himmelreich in uns liegen, in der Selbstbeherrschung,
desgleichen die Freiheit.

                                                        11. Mrz 1870.


               Der letzte Entwurf zum _Frsten Stawrogin_

Als der Frst ankam, hatte er bereits alle Zweifel berwunden. Er ist --
ein _neuer_ Mensch. Er bricht mit zwei Mdchen, beabsichtigt auch mit
der Mutter zu brechen. Besessen von wahnsinniger, nach innen
geschlagener und verhaltener Energie, spricht er sich wenig aus, schaut
spttisch und skeptisch zu, wie ein Mensch, der schon die endgltige
Lsung und die groe Idee gefunden hat. Er hrt vorlufig alle an,
widerspricht selten. Macht sich innerlich hochmtig lustig ber Gr., ist
krankhaft betroffen durch Sch. und sieht vollkommen deutlich dessen
Buchgelehrtheit und Aussichtslosigkeit, beginnt mit Erstaunen und
Neugier W. zu beobachten und horcht gespannt -- da er endlich erraten
will: worauf diese Menschen so fest stehen knnen? (_NB._ Mit W. frhere
Beziehungen.) Einzig Goluboff erschttert ihn, doch mit Enthusiasmus
gesteht er ihm (aber kurz, in zwei Worten), da dieses ganz und gar auch
sein Gedanke ist, die von ihm gefundene berzeugung. Er ist
zurckgekehrt, um seine Verste, Beleidigungen usw. in der Stadt wieder
gutzumachen. Vershnt sich mit den Beleidigten, nimmt eine Ohrfeige hin,
tritt fr die verbte Religionssptterei ein, sucht die Mrder auf, und
schlielich erklrt er feierlich dem Zgling, da er sie liebt, erklrt
die Bedingungen. Sie bestehen darin, da er von nun an ein Russischer
Mensch ist und da man sogar an das glauben mu, was von ihm bei
Goluboff gesagt wurde, (da Ruland und der russische Gedanke die
Menschheit retten wird). Er betet vor Heiligenbildern usw. Whrend der
ganzen Zeit, die er in der Stadt verlebt, zeichnet er sich durch die
wildeste Energie in der neuen berzeugung aus und setzt seine Mutter in
Erstaunen. Dem Zgling sagt er, er habe sie beobachtet und sich
berzeugt, da er sie liebt und mit ihr auferstehen wird, wenn sie
dieselben berzeugungen hat. Und dann pltzlich erschiet er sich.


                 _Stawrogin_ (der Frst) und _Schatoff_

Der Hauptgedanke, an dem der Frst krankt und den er in sich trgt, ist
folgender: wir haben die Rechtglubigkeit, unser Volk ist gro und
schn, weil es glaubt und weil es die _Rechtglubigkeit_ hat; wir Russen
sind stark und strker als alle, weil wir eine unermeliche
rechtglubige Volksmasse haben. Wrde im Volk der Glaube an die
Rechtglubigkeit wankend werden, so wrde es sofort anfangen sich zu
zersetzen, ein Vorgang, der bei den Vlkern des Westens bereits begonnen
hat, denn im Westen hat man den Glauben (Katholizismus, Protestantismus,
Sekten, Entstellungen des Christentums) schon eingebt, und hat ihn
dort einben _mssen_. (Bei uns ist natrlich die obere Volksschicht,
die sogenannte hhere Gesellschaft, eine angeschwemmte Schicht, aus dem
Westen bernommen -- folglich hier nur Gras im Feuer und hat nichts zu
bedeuten.)

Jetzt aber fragt es sich: wer kann denn glauben? Glaubt denn auch nur
jemand (von den Panslawen und selbst Slawophilen)? und schlielich sogar
die Frage: _kann_ man berhaupt glauben? Wenn man es aber nicht kann,
wozu dann so viel von der Kraft des russischen Volkes, die in der
Rechtglubigkeit liegen soll, reden? Folglich ist diese Kraft nur eine
Frage der Zeit. Dort hat die Zersetzung, der Atheismus, frher begonnen,
bei uns -- wird sie eben spter beginnen, beginnen aber wird sie
unbedingt mit der Ausbreitung des Atheismus. Wenn das aber sogar
unvermeidlich ist, so mu man sogar wnschen, da es noch schneller
geschehe -- je schneller desto besser.

(Der Frst bemerkt pltzlich, da er mit den Anschauungen W--s
bereinstimmt: da alles verbrennen das Beste ist.)

Es ergibt sich also folgendes:

1. da die geschftigen Leute, die diese Frage fr leer und berflssig
halten und glauben, da man auch ohne sie auskommen knne, Pbel und
Insekten sind, Gras im Feuer;

2. da es sich um die dringende Frage handelt: kann man, wenn man
zivilisiert, d. h. Europer ist, berhaupt glauben? Ich meine:
einwandlos an die Gttlichkeit des Gottessohnes Jesus Christus glauben?
(Denn nur darin besteht doch der ganze Glaube, da man an Christi
_Gttlichkeit_ glaubt.)

_NB._ Auf diese Frage antwortet die Zivilisation durch Tatsachen mit
einem Nein (Renan) und mit dem Beweis, da die Gesellschaft das reine
Verstndnis Christi nicht hat rein erhalten knnen (der Katholizismus
ist Antichrist, Hure, der lutherische Protestantismus aber ist
Molokanentum)[59].

3. Wenn es aber so ist (d. h. wenn man also nicht daran glauben kann),
vermag dann die Menschheit berhaupt ohne Glauben zu leben (mit der
Wissenschaft z. B., Alexander Herzen)?[60] Die sittlichen Grundlagen
werden den Menschen durch Offenbarung gegeben. Vernichtet man im Glauben
blo irgend etwas, so strzt die _ganze_ sittliche Grundlage des
Christentums ein, denn (alles ist untereinander verbunden) das eine
zieht das andere nach sich.

Ist nun also eine andere, eine wissenschaftliche Sittlichkeit (ein
wissenschaftliches Ethos) berhaupt mglich?

Wenn nicht, so wird folglich die Sittlichkeit nur vom russischen Volke
aufbewahrt, denn das russische Volk ist rechtglubig.

Wenn aber die Rechtglubigkeit fr den Zivilisierten unmglich ist (und
in hundert Jahren wird halb Ruland zivilisiert sein), so ist folglich
alles nur ein Naturspiel, und die ganze Kraft Rulands nur eine
zeitweilige. Auf da sie jedoch ewig sei, ist voller Glaube an alles
unbedingt erforderlich ... Aber kann man denn glauben?

Zuerst, vor allen anderen Dingen, gilt es, diese Frage zu lsen: Kann
man berhaupt ernstlich und wahrhaft glauben?

Hierin liegt _alles_, der ganze Lebensknoten des russischen Volkes,
seine ganze Bestimmung in der Zukunft und sein ganzes zuknftiges Sein.

Ist es aber unmglich, so zu glauben, dann ist es doch durchaus nicht so
unverzeihlich, wenn jemand verlangt, da man alles verbrennen soll.
Beide Forderungen sind vollkommen gleich menschenfreundlich. (Langes
Leiden und dann Tod oder kurzes Leiden und Tod. Das Letztere ist
selbstverstndlich menschenfreundlicher.)

Das also wre das Rtsel?

_NB._ Sie knnen natrlich gegen die Richtigkeit der logischen Folgerung
obiger Thesen vieles einwenden, knnen streiten, nicht zustimmen, z. B.
von der gelehrten rechten Seite behaupten, da das Christentum nicht in
der Form des lutherischen Protestantismus fallen werde, d. h. indem man
Christus nur als gewhnlichen Menschen, als segensreichen Philosophen
auffat (denn das ist doch der Ausgang des lutherischen
Protestantismus), oder von der linken Seite behaupten, das Christentum
sei keineswegs eine Notwendigkeit fr die Menschheit und durchaus nicht
die _Quelle des lebendigen Lebens_ (die hitzigen Kleinen schreien ja
schon, da es sogar schdlich sei), da z. B. die Wissenschaft der
Menschheit das lebendige Leben sowie das vollendetste sittliche Ideal
geben knne. Diese Widersprche sind natrlich zu erwarten, ist doch die
Welt voll von ihnen und das wird sie ja noch lange sein. Aber Sie,
Schatoff, und ich, wir beide wissen doch, da das alles Unsinn ist, da
Christus-Mensch im Gegensatz zu Christus-Gottessohn weder Erlser noch
Quelle des Lebens sein kann, da die Wissenschaft allein niemals das
ganze menschliche Ideal erfllen wird, und da die Lebensquelle, die
Beruhigung des Menschen und die Rettung aller Menschen vor der
Verzweiflung und die Bedingung _sine qua non_ fr das Sein der ganzen
Welt in diesen Worten enthalten ist: _Und das Wort ward Fleisch_, und im
Glauben an diese Worte. Frher oder spter werden doch alle darin
bereinstimmen, und somit ist denn wieder die ganze Frage nur: Kann man
an all das glauben, woran zu glauben die Rechtglubigkeit befiehlt? Wenn
nicht, so ist es viel besser und humaner -- alles zu verbrennen und sich
Werchowenski anzuschlieen.


                 _Stawrogin_ (der Frst) und _Schatoff_

_Der Frst_: Ich mache Sie darauf aufmerksam, und ich hebe es noch ganz
besonders hervor, da diese Fragen unvergleichlich wichtiger sind, als
sie zu sein scheinen, wenn auch das sehr alte Neue an ihnen nur dies
ist, da wir beide ihre unermeliche Bedeutung und die unbedingte
Notwendigkeit ihrer Lsung erkannt haben.

_Ach!_ Wozu auf ganze tausend Jahre vorauslsen! rief Schatoff (d. h.
also die langsame Zersetzung). Besser ist, wir leben in der Gegenwart
und erfllen das Gegenwrtige, ohne daran zu zweifeln, da weiterhin
Gott helfen wird.

Versuchen Sie es, so zu leben! sagte der Frst lachend und ging.


                 _Stawrogin_ (der Frst) und _Schatoff_

Darum ist Werchowenski auch so ruhig, sagt der Frst, weil er
berzeugt ist, da das Christentum fr das lebendige Leben der
Menschheit nicht nur nicht unbedingt ntig, sondern sogar positiv
schdlich sei, und da die Menschheit, wenn man das Christentum
vollkommen ausrottete, sofort zu neuem, _wirklichem_ Leben aufleben
wrde. Darin besteht seine furchtbare Kraft. Sie werden sehen: der
Westen wird mit diesen Leuten nicht fertig werden, alles wird dort durch
sie untergehen.

Und was wird dann sein?

Eine tote Maschine, die natrlich nicht zu verwirklichen ist, aber ...
vielleicht ist sie doch zu verwirklichen, denn in ein paar Jahrhunderten
wird man die Welt schon so weit ertten knnen, da sie vor Verzweiflung
wirklich lieber wird tot sein wollen. >Berge fallt ber uns und deckt
uns zu.< Und so wird es auch sein. (Wenn z. B. die Mittel der
Wissenschaft sich fr die Ernhrung als unzureichend erweisen und es eng
sein wird, auf der Welt zu leben, so wird man die Neugeborenen in ...
werfen oder aufessen. Mich soll es nicht wundern, wenn das eine wie das
andere geschieht. Es wird so sein mssen, besonders wenn die
Wissenschaft es so fr richtig hlt).

Erklren Sie das nher, sagt Schatoff.

Wenn die Nahrungsmittel sich verringern und man mit keiner Wissenschaft
weder Nahrung noch Holz zum Heizen erlangen kann, die Menschheit sich
aber immer noch vermehrt, so wird man die Vermehrung aufhalten mssen.
Die Wissenschaft sagt: >Du bist nicht schuld daran, da die Natur es so
eingerichtet hat<, und allem voran geht der Selbsterhaltungstrieb,
folglich heit es, die Neugeborenen verbrennen. Das ist die Moral der
Wissenschaft. Malthus hat durchaus nicht so unrecht mit seiner Theorie,
nur ist bis jetzt noch zu wenig Zeit vergangen, um sie durch praktische
Erfahrung besttigt zu sehen. Blicken Sie etwas weiter, fragen Sie sich,
was dann sein wird; und wird denn Europa eine Bevlkerung ohne Nahrung
und Heizmaterial aushalten knnen? Und wird dann die Wissenschaft zur
rechten Zeit helfen, selbst wenn sie helfen knnte? Das Verbrennen der
Kinder wird zur Angewohnheit werden, denn alle sittlichen Grundlagen im
Menschen, _der einzig seinen eigenen Krften berlassen ist_, -- sind
bedingt. Der Wilde Nordamerikas skalpiert seinen Feind, wir aber finden
das vorlufig noch schndlich (wenn wir auch selbst eine Unzahl von
vielleicht noch schlimmeren Gemeinheiten begehen, Gemeinheiten, die wir
nicht einmal bemerken oder womglich fr Tugenden halten). Jetzt sehen
Sie einmal: wenn Sie glauben, da das Christentum eine Notwendigkeit ist
und (ein Geschenk) eine Gnade Gottes fr die Menschheit, die der Mensch
allein, von sich aus, nie wrde erlangt haben, -- wenn Sie glauben, da
der Mensch von seiner Wiege an in _unmittelbarer Verbindung mit Gott
steht_, zuerst durch die Offenbarung und dann durch das Wunder der
Erscheinung Christi, und schlielich, wenn Sie glauben, da der Mensch,
nur auf seine eigenen Krfte angewiesen, ganz auf sich allein gestellt,
unfehlbar untergegangen wre, und man folglich glauben _mu_, da Gott
mit dem Menschen in unmittelbarer Verbindung steht, -- dann (d. h. wenn
Sie sich dem Christentum ergeben haben) wrden Sie sich niemals mit dem
Gefhl des Kinder-Verbrennens ausshnen. Da haben Sie jetzt eine
vollkommen andere Sittlichkeit. Folglich enthlt nur das Christentum
allein das lebendige Wasser, kann nur das Christentum allein den
Menschen zu den Quellen der Wasser des Lebens bringen und ihn vor der
Zersetzung bewahren. Ohne Christentum wird sich die Menschheit zersetzen
und untergehen.

Also kann man sowohl an dieses wie an jenes glauben. Somit besteht denn
die Frage blo darin, was denn eigentlich richtiger ist und wo die
Quellen des lebendigen Wassers sind. Meiner Meinung nach wird die
Menschheit mit der Wissenschaft allein, wenn diese es bis zu
Gleichgltigkeit gegen die Neugeborenen gebracht hat, verwildern und
aussterben, und darum ist verbrennen besser als sterben. Doch
andererseits glaube ich fest, da das Christentum die Menschheit retten
wrde.

_Schatoff_: Wie, wie?

_Der Frst_: Es enthlt alle Bedingungen zur Rettung wie der Sklaven so
auch der Herren. Wenn man sich vorstellt, da alle Christusse wren,
wrde dann der Pauperismus berhaupt mglich sein? Im Christentum wre
sogar der Mangel an Nahrung und Heizmaterial ertrglich (nicht die
Neugeborenen umbringen, sondern selbst fr meinen Bruder sterben).

_Schatoff_: Wenn das so ist, worin besteht dann das Problem?

_Der Frst_: Immer in dem einen: kann denn ein zivilisierter Mensch
berhaupt glauben?

Nur aus Leichtsinn stellt der Mensch diese Frage nicht auf den ersten
Plan. brigens, viele mhen sich darum, schreiben und reden darber. Wir
sorgen uns aus Leichtsinn und aus rger nur um das Gegenwrtige und
glauben, das sei alles, was ntig ist. Andere wiederum denken sich
verschiedene Verdauungsphilosophien aus, in dem Sinne, da das
Christentum sogar mit der unendlichen Entwickelung der Zivilisation,
nicht nur mit der gegenwrtigen allein, vereinbar sei. Aber wir beide
wissen doch, da das alles Unsinn ist und da es nur zwei Initiativen
gibt: entweder der Glaube oder Verbrennen. Werchowenski hat sich fr das
zweite entschieden und ist stark und ruhig. Ich beobachte ihn jetzt, um
festzustellen, was in seiner Kraft aus der berzeugung kommt und was
einfach nur aus der Natur.


                 _Stawrogin_ (der Frst) und _Schatoff_

_Schatoff_: Wenn der Mensch sich verndern wird -- wie wird er dann mit
seinem Verstande leben knnen? Der Besitz des Verstandes entspricht nur
dem gegenwrtigen Organismus.

_Der Frst_: Woher wissen Sie, ob der jetzige Verstand berhaupt ntig
sein wird?

_Schatoff_: Was denn sonst? Wohl etwas Hheres?

_Der Frst_: Zweifellos etwas viel Hheres.

_Schatoff_: Ja, kann es denn berhaupt etwas Hheres als den Verstand
geben?

_Der Frst_: So fragt die Wissenschaft, aber -- sehen Sie, dort an der
Wand kriecht eine Wanze. Die Wissenschaft wei, da sie ein Organismus
ist, da sie irgendein Leben lebt und Eindrcke hat, sogar ihre eigene
Vorstellung, und Gott wei was noch alles. Kann aber die Wissenschaft
auch das Wesen des Lebens, der Vorstellungen und Empfindungen der Wanze
erfahren und sie mir mitteilen? Das kann sie natrlich nicht und das
wird sie auch niemals knnen. Um das erfahren zu knnen, mte man
wenigstens auf eine Minute selbst zur Wanze werden. Wenn der
Wissenschaft das unmglich ist, so kann ich annehmen, da sie mir auch
das Wesen eines anderen hheren Organismus oder Seins nicht mitzuteilen
vermag, und folglich auch nicht den Zustand des Menschen nach seiner
Ausartung im Millennium, wenn es dann auch meinetwegen keinen Verstand
mehr geben sollte.

Sie haben mich ganz wirr gemacht, sagt Schatoff, aber ich werde von
Ihnen nicht ablassen.

_Der Frst_: Ich verstehe nicht, warum Sie den Besitz des Verstandes,
d. h. der Erkenntnis, fr das hchste Sein von allen, die es berhaupt
geben kann, halten? Meiner Meinung nach ist das schon nicht die
Wissenschaft, sondern der Glaube, und schlielich kann man sagen, da
hier wiederum ein Gaukelspiel der Natur vorliegt, und zwar: sich selbst
zu schtzen (im Ganzen, d. h. als einzelner Mensch in der Menschheit),
ist zur Erhaltung des Menschen unbedingt ntig. Ein jedes Wesen mu sich
fr das Allerhchste halten. Die Wanze hlt sich bestimmt fr hher als
Sie, und sie wrde bestimmt nicht zu einem Menschen werden wollen, ganz
abgesehen davon, da sie es nicht kann, sondern wrde unbedingt gerade
Wanze bleiben wollen. Die Wanze ist ein Geheimnis, und schlielich ist
alles ein Geheimnis. Warum leugnen Sie die Geheimnisse anderer? Und
merken Sie sich noch, da der Unglaube dem Menschen vielleicht gerade
deswegen angeboren ist, weil der Unglaube den Verstand ber alles
stellt, da aber der Verstand nur dem menschlichen Organismus eigen ist,
so kann und will er auch nicht ein Leben in einer anderen Gestalt
verstehen, d. h. ein Leben nach dem Tode, und darum glaubt er nicht, da
es hher sei. Andererseits ist dem Menschen schon von Natur das Gefhl
der Verzweiflung und des auf ihm ruhenden Fluches eigen, denn der
menschliche Verstand ist so eingerichtet, da er bestndig an sich nicht
glaubt, sich selbst nicht befriedigt, und darum ist er geneigt, seine
Existenz fr ungengend zu halten. Daraus ergibt sich der Drang zum
Glauben an ein Leben jenseits des Grabes. Wir sind offenbar
bergangswesen und unser Dasein auf der Erde ist augenscheinlich der
Vorgang oder das unausgesetzte Dasein einer Puppe, die sich in einen
Schmetterling verwandelt. Erinnern Sie sich des Ausspruchs: der Engel
fllt niemals, der Teufel ist so gefallen, da er immer liegt, der
Mensch fllt und kann auferstehn. Ich glaube, die Menschen werden
entweder Teufel oder Engel. Man sagt, ewige Strafe sei ungerecht, und
die franzsische Verdauungsphilosophie hat sich ausgedacht, da allen
verziehen wird. Aber das Erdenleben ist doch ein Proze der Umgeburt.
Wer ist schuld daran, da man sich in einen Teufel umwandelt? Alles wird
natrlich aufgewogen werden. Aber das ist doch eine Tatsache, ein
Resultat -- ganz genau so, wie sich auch auf der Erde bei allem immer
eines aus dem anderen ergibt. Und vergessen Sie auch nicht, da >die
Zeit nicht mehr sein wird<, wie der Engel in der Apokalypse schwrt. Und
vergessen Sie gleichfalls noch das eine nicht, da die Teufel -- wissen!
Folglich haben auch die Naturen des Jenseits Erkenntnis und Gedchtnis,
und nicht nur der Mensch allein, allerdings -- vielleicht nicht
menschliche Erkenntnis und menschliches Gedchtnis. Sterben kann man gar
nicht. Sein ist, aber Nichtsein ist berhaupt nicht.

_Schatoff_: Solcher Gesprche, wie das unsrige, gibt es in Ruland
unendlich viele. Aber ... wie, wenn Sie sich ber mich nur lustig
machen?

Und was wre denn dabei so schlimm? fragte der Frst lachend.

_Schatoff_: Ich glaube es nicht. Ein Mensch, der die Rechtglubigkeit
als das Wesen Rulands begriffen hat, und das noch so begriffen hat wie
Sie, kann nicht darber spotten.

_Der Frst_: Das tue ich ja auch gar nicht.

_Schatoff_: Wirklich nicht? Ich bin ein Buchmensch. Ich wrde gern kein
Buchmensch sein. Was mu ich dazu tun?

_Der Frst_: Glauben Sie.

_Schatoff_: An die Rechtglubigkeit und Ruland?

_Der Frst_: Ja.

_Schatoff_: Ja, natrlich, dann ist man erlst. Ich ... vielleicht
glaube ich. Warum schweigen Sie?

_Der Frst_: Sie glauben also nicht.

_Schatoff_: Und Sie?

_Der Frst_: Aber was habe ich denn damit zu tun?

_Schatoff_: Sollten wir uns beide wirklich auch ohne Worte verstehen?

_Der Frst_: Leben Sie wohl ... Und erlauben Sie, Schatoff, Sie noch
auf eines aufmerksam zu machen: Sie sagten vorhin: >ich werde nicht von
Ihnen ablassen!< Das wnsche ich durchaus nicht, im Gegenteil, ich
wnsche, da Sie mich vollkommen in Ruhe lassen. Ich sage das im Ernst.
Ich habe meine Grnde ...


          _Stepan Trophimowitsch Werchowenski_ und _Schatoff_

_Stepan Trophimowitsch_ zitiert Tschatzki[61]:

   Zur Feder von den Karten, von ihr zurck zum Spiel,
   Wie Flut und Ebbe wechselnd nach stehendem Gesetz ...

_Schatoff_ greift sofort auf: Tschatzki begriff berhaupt nicht, als
beschrnkter Dummkopf, bis zu welch einem Grade er dumm war, als er
dieses, was Sie da soeben zitierten, sagte. Er ruft im strksten
Unwillen: >Den Wagen mir, den Wagen!< weil er nicht einmal fhig ist,
von selbst darauf zu verfallen, da man die Zeit auch anders als >zur
Feder von den Karten, von ihr zurck zum Spiel< verbringen kann -- sogar
in dem damaligen Moskau! Er war Herr und Gutsbesitzer und fr ihn
existierte auer seinem Kreise berhaupt nichts, -- das ist der Grund,
warum er ber das Leben der hheren Moskauer Gesellschaft in solche
Verzweiflung gert, ganz als ob es auer diesem Leben in Ruland ein
anderes gar nicht gegeben htte. Das russische Volk bersah er einfach,
wie dies alle unsere >Vorderen<[62] taten, bersah es um so mehr, je
mehr er zu den >Vorderen< gehrte. Je mehr Herr er war und je mehr
Vorderster, um so mehr empfand er Ha -- nicht gegen die russischen
Einrichtungen, sondern gegen das russische Volk. ber das russische
Volk, ber seinen Glauben, seine Geschichte, seine Sitten, seine
Bedeutung und seine groe Millionenmasse dachte er sich nichts mehr als
ber den Pachtzinsparagraphen. Und genau so dachten auch die
Dekabristen[63] und Professoren und Dichter und Liberalen, und berhaupt
alle Reformatoren bis zum Zar-Befreier.[64]

Tschatzki lie sich von seinen Bauern Pacht zahlen, um mit diesem Gelde
in Paris leben zu knnen, Cousin zu hren und womglich mit
Tschaadajeffschem[65] oder Frst Gagarinschem[66] Katholizismus zu enden
oder, wenn er Freidenker war, mit einem Ha auf Ruland, wie etwa
Belinski und _tutti quanti_[67]. Vor allem aber: er konnte es sich nicht
einmal vorstellen, da es in Ruland noch eine andere Welt als die der
Moskauer hheren Gesellschaft geben knnte, weil -- er selbst ein
Moskauer Herr und Gutsbesitzer war. Und um wieviel doch diese
stumpfsinnigen, kartenspielenden Moskowiter klger waren als er! Aber
wenn er auch dumm war, dafr hatte er ein gutes Herz, wenn er auch nicht
von weitem her war, dafr war sein Gedanke doch originell -- denn damals
waren doch diese Tiraden gegen Moskau immerhin originell! Aber Sie, Sie,
was sind Sie, wenn Sie das jetzt wiederholen? Oh, wenn Sie wten, wie
weit Sie sogar hinter den damaligen kartenspielenden und ihren Dienst
tuenden Moskowitern zurckgeblieben sind, und dabei halten Sie und
Ihresgleichen sich immer noch fr >Vordere<! Wer auf den alten Formen
des Liberalismus reitet, der ist schon zurckgeblieben. Die Form des
Liberalismus mu immer originell sein, jede Generation mu eine neue
haben. Ich spreche nicht vom Wesen des Liberalismus, sondern von seiner
Form. Liberalismus, der mit Antinationalismus und persnlichem Ha gegen
Ruland endet, ist Rckstand und Bldsinn, Sie aber sehen das nicht ein
und halten es noch fr das Vorderste und Hchste, das es berhaupt gibt.

Und bitte auch nicht zu vergessen, da der Zar das Volk befreit hat,
nicht Sie und Ihre Zeitgenossen. Herrgott, Sie haben ja noch nicht
einmal begriffen, da die Zaren unvergleichlich liberaler und
fortgeschrittener waren, als Sie, denn die Zaren sind immer Hand in Hand
mit dem Volke gegangen, sogar zu Birons[68] Zeiten. Der Gedanke, das
Volk zu befreien, war den Zaren schon lngst vertraut, dem Dekabristen
Tschatzki aber kam er berhaupt nicht in den Sinn. Ja, diese Tschatzkis
wurden manchmal sogar wegen grausamer Behandlung ihrer Bauern unter
Kuratel gestellt, -- und warum nur? Waren sie denn so schlechte
Menschen? Taten sie es etwa aus Bosheit? Keineswegs. Sie taten es, weil
sie einfach nicht origineller auf Ruland zu sehen verstanden, weil sie
ihre Moskauer hhere Gesellschaft fr ganz Ruland hielten. Ich knnte
wetten, da die Dekabristen das Volk sofort befreit htten, bestimmt
aber ohne ihm Land zu geben -- wofr das Volk ihnen unbedingt sofort die
Kpfe abgedreht und ihnen damit zu ihrer grten Verwunderung bewiesen
htte, da nicht die Moskauer Gesellschaft allein ganz Ruland ausmacht.
Aber, schlielich -- auch ohne Kpfe htten sie nichts verstanden,
obgleich es gerade ihre Kpfe waren, die sie am meisten am Verstehen
hinderten. Nein, mit Verlaub, das war Raskol, seit Peter dem Groen hat
es bei uns zwei Raskole gegeben, einen oberen und einen unteren.[69]


                 _Stepan Trophimowitsch_ und _Schatoff_

Sie, meine Herren, Sie Verneiner Gottes und Christi, haben nicht einmal
daran gedacht, wie ohne Christus alles in der Welt sofort schmutzig und
sndhaft wird. Sie verurteilen Christus und lachen ber Gott, aber was
fr Beispiele geben Sie denn der Menschheit? Wie kleinlich sind Sie, wie
verderbt, wie neidisch, wie ruhmschtig! Indem Sie Christus beseitigen
--, entfernen Sie das unerreichbare Ideal der Schnheit und Gte aus der
Menschheit. Und was schlagen Sie zum Ersatz Gleichwertiges vor?

_Stepan Trophimowitsch_: Ich glaube, hierber liee sich noch ein wenig
streiten -- aber wer hindert einen denn, wenn man an Christus nicht als
an Gott glauben will, ihn als Ideal der Vollkommenheit und sittlichen
Schnheit zu verehren?

_Schatoff_: Und zu gleicher Zeit doch nicht an >das Wort ward Fleisch<
zu glauben, d. h. da das Ideal leibhaftig gegenwrtig war, folglich auf
Erden nicht unmglich und der ganzen Menschheit wirklich erreichbar ist?
Ja, kann denn die Menschheit ohne diesen Trost auskommen? Aber Christus
ist ja doch nur deswegen gekommen, damit die Menschheit es erfahre, da
auch ihre irdische Natur, der menschliche Geist wirklich in einem so
himmlischen Glanze tatschlich und leibhaftig erscheinen kann, und nicht
nur geistig, als Ideal -- da das sowohl mglich wie natrlich ist. Die
Anhnger Christi, die dieses durchleuchtete Fleisch vergtterten,
bewiesen unter den grausamsten Martern, welch ein Glck es ist, diese
Leibhaftigkeit in sich zu tragen, der Vollkommenheit dieser Gestalt
nachzuahmen und an ihre Leibhaftigkeit zu glauben. Die anderen aber, die
da sahen, welch ein Glck diese Leibhaftigkeit gab, kaum da der Mensch
anfing, ihrer teilhaftig zu werden und sich in Wirklichkeit ihrer
Schnheit zu nhern, -- wunderten sich, staunten, und wollten
schlielich selbst diese Seligkeit genieen: sie wurden Christen und
freuten sich schon im voraus der Qualen. Das Ganze liegt hier eben
darin, da >das Wort< wirklich >Fleisch ward<. Darin liegt der ganze
Glaube und der ganze Trost der Menschheit, der Trost, auf den sie
niemals verzichten wird. Das aber ist es ja gerade, was Sie und
Ihresgleichen der Menschheit nehmen wollen. brigens, Sie wrden es ihr
nehmen knnen, wenn Sie ihr etwas Besseres als Christus zeigen knnten.
So zeigen Sie es doch!

                   *       *       *       *       *

_Stepan Trophimowitsch_ sagt: Immerhin mu man sich doch ber das
bermige Quantum Dummheit wundern, das in Ruland steckt.

_Der Frst_: Aber das sind doch alles nur unreife Knaben, die weder von
der Gesellschaft noch vom Volk etwas verstehen.

_Stepan Trophimowitsch_: Die aber bei uns doch so viel Sttzkraft
gefunden haben und finden, und zu denen alles hinstrmt, -- wenn auch
die Hinstrmenden meinetwegen nur Knaben und Mdchen sind, so sind es
doch nicht zehnjhrige, sondern immerhin zwanzig- und ber
zwanzigjhrige. In diesem Alter aber ist es nicht mehr statthaft, so
dumm zu sein.

_Schatoff_: Ich bitte Sie! Sind denn bei uns nicht alle so dumm, selbst
die Sechzigjhrigen der gebildeten Gesellschaft nicht ausgenommen?
Treten doch ganze Zeitungen und Zeitschriften, ernste Menschen, sogar
Professoren und Direktoren und alle mglichen Autoritten fr die Idee
der Aufteilung Rulands und die Lostrennung unserer Grenzprovinzen ein!
Ist das denn nicht ebenso dumm?

Waren Sie es nicht selbst, Stepan Trophimowitsch, der uns noch vor
kurzem erzhlte, wie die Herren Literaten oder die literarischen Herren
mit Belinski darber diskutiert haben, wie dieses oder jenes in der
Zukunftsgesellschaft sein werde? Alles ist doch aus Ihrer Generation
gekommen, stammt aus Ihrer Zeit. Waren Sie denn klger? Ist denn die
Idee, da alle Vlker des Westens national sein und wir sie deswegen
achten und die Sonderheit der ganzen nationalen Entwicklung eines jeden
Volkes andchtig anerkennen mssen, die Russen aber unter keinen
Umstnden sie selbst sein drfen, und ihnen nicht einmal in Gedanken
etwas Besonderes, Eigenes zugestanden werden darf[70], -- ist diese Idee
etwa nicht dmmer, als was diese Knaben in ihren Proklamationen von den
Genossenschaften reden? Ja, genau genommen sttzen sich diese Knaben
gerade auf die Anschauungen Ihrer Generation, denn Ihre Generation hat
durch die Unkenntnis Rulands und die Verleugnung seiner Selbstndigkeit
die ganze Sache eingebrockt. Was aber diese Knaben anbetrifft, so
stellen sie sich ja durch ihr Programm selbst in ein Kriegsverhltnis zu
jeder Gesellschaft, also drfen sie sich auch nicht wundern oder sich
beklagen, wenn die Gesellschaft sie vernichtet. Sie sagen, da sie vor
moralischen Pedanterien nicht zurckschrecken, sondern morden und
brennen werden, folglich kann man auch mit ihnen so verfahren. Wenn sie
die Regierung geschlachtet haben werden, wollen sie nur ein paar Tage
Zeit lassen, damit alle ihr Hab und Gut ihnen bergeben, sich von allem
Besitz auf ewig lossagen und sich in die Genossenschaften als Schuster
einschreiben knnen. Folglich knnen alle, die das nicht wollen, auch
mit ihnen ebenso zeremonielos verfahren.


                               _Schatoff_

_Schatoff_ spricht whrend der Sitzung:

Ich schme mich, ein solches Programm mit meinem Namen zu
unterschreiben. (In wenigen Tagen sind dann alle Schuster.) Zehnjhrige
Knaben sind klger als Sie. Nach dem Ton des Programms zu urteilen, sind
Sie, meine Herren, vollkommen berzeugt, da alle, hingerissen von Ihrer
Khnheit, Weib, Kind, Besitz und Kirchen verlassen werden, um mit Ihnen
zu stehlen, zu morden und zu brennen. Aus Ihren Worten ersieht man, wie
fest Sie glauben, da das Volk den Zaren hasse und nur darauf warte,
endlich alles von sich werfen und sich Ihnen anschlieen zu knnen. Sie
sind ja sogar dermaen davon berzeugt, da Sie mit ruhigem Gewissen
bereits angefangen haben, sowohl zu rauben, wie zu brennen und zu
morden. Sie sind so unreife Knaben, da Sie nicht einmal die gewhnliche
Eigenliebe der Menschen in Betracht ziehen -- ganz abgesehen von alldem
anderen --, wenn Sie glauben, die Menschen werden zu Ihnen gelaufen
kommen, zu Ihnen, den grnen Jungen! Sie sind dermaen flach und dumm,
da Sie berzeugt sind, Sie htten eine groe Entdeckung gemacht, ohne
auch nur ein einziges Mal auf den Gedanken zu kommen, da die Menschheit
das alles wohl schon lngst getan htte, wenn das die Wahrheit wre, und
nicht tausend Jahre lang gelitten htte, einzig um auf Sie zu warten.
Sie schmen sich nicht, so zu lgen, wie Sie es in Ihren Proklamationen
tun, wenn Sie die Tatsachen entstellen und dazu bernaiv bemerken, dies
sei eben jesuitisch und die Jesuiten seien gewandte Leute, und da Sie
genau so wie die Jesuiten handeln werden; und dabei lassen Sie es sich
nicht einmal trumen, da jede Lge und jede Entstellung der Tatsachen
in ungewhnlich kurzer Zeit an den Tag kommt, und da dann die Menschen
sehen werden, da Sie absichtliche Lgner sind, und da Ihnen dann
niemand folgen wird. Sie sind, im Gegenteil, wie dumme Jungen fest
berzeugt, da die Lgen weiter nichts auf sich htten, da sie vielmehr
allen gefallen und die Menschen sich ber Ihre geschickten Lgen nur
freuen und alles, was sie bis dahin heilig gehalten, was sie geliebt, im
Stich lassen werden -- Gott, Weib und Kinder, Ordnung, Anstand --, um zu
Ihnen berzulaufen, einzig weil Sie morden und brennen -- ohne dabei
selbst zu wissen, warum und wozu eigentlich. Sie schmen sich nicht, zu
schreiben, da Sie dem Achtzigmillionenvolke eine Frist von nur ein paar
Tagen geben werden, innerhalb welcher Zeit es sein Hab und Gut Ihnen
auszuliefern, die Kinder zu verlassen, die Kirchen zu beschimpfen und
sich in die Genossenschaften als Schuster einzuschreiben habe. Sie sind
berzeugt, da alle die Kirchen hassen und die Ehe als Last empfinden
und sich nur nach den Aluminiumpalsten sehnen, in denen man nach
Herzenslust tanzen und die gemeinsamen Frauen und Mnner in besondere
Zimmer fhren kann[71]. Sie verfallen gar nicht darauf, da eine so
kindische Auffassung der Sache, als handle es sich hierbei um ein
Spielzeug, nur verrt, da Sie noch Bengel sind, denen man schmerzhaft
die Rute geben mte; und die Gesellschaft achten Sie so gering, da Sie
sich nicht einmal bemht haben, die Proklamation sorgfltiger zu
redigieren. Wenn das Publikum lesen wird, wie kindisch Ruland Ihrer
Meinung nach verfahren knnte, wie es in ein paar Tagen alles hinwerfen
und sich verwandeln soll, wird es sich nur ber Ihre Dummheit wundern;
doch wenn es sehen wird, da Sie auerdem noch Bsewichter sind, wird es
Sie als schdliche Irrsinnige beseitigen, und zwar mit aller Strenge
beseitigen. Doch leider sind ja auch _Alle_ nicht klger als Sie und das
kommt alles nur daher, ist nur deshalb so, weil sie sich vom Boden
losgelst und nicht ein eigenes, sondern ein fremdes Leben gefhrt und
bestndig unter Vormundschaft gelebt haben.

Man hat in diesem unter Vormundschaft verlebten Leben gar zu Weniges
lieb gewonnen, um fr dieses Leben einzustehen. Es hat sich viel Unzucht
und Leichtsinn aufgehuft. Wenn man sich um das Leben gemht, wenn man
es sich durch Arbeit erworben htte, selbstndig, mit Leid und Kampf,
mit Mhen und Plagen und allen Freuden des Erfolges nach dem Kampf, doch
vor allen Dingen durch Arbeit -- die eigene Mhe ist ja die Hauptsache
--, nicht aber nur unter administrativer Vormundschaft, so htte man
Tatsachen erworben, viele Erlebnisse aufgespeichert, es wrden sich
lebendige Erinnerungen an den Kampf und die Arbeit erhalten, und dieses
Erlebte und Durchlebte wrde allen teuer sein. Teuer wre dann auch das
Andenken an die verstorbenen Tatmenschen und hoch wrde man die lebenden
Tatmenschen schtzen, die dann einen ganz anderen Einflu auf die
Menschen htten, und nicht so leichtsinnig wie jetzt wrde die
Gesellschaft dann auf jeden Schwindel dummer und verderbter, seelenloser
Bengel antworten. Wahrlich, sie ist uns eine gute Lehre! -- diese
deutsche Vormundschaft! O Gott, was fr eine Lehre das ist! Es gibt kein
einziges Volk, keine einzige Nation in Europa, die sich nicht aus
eigener Kraft hat retten knnen, -- selbst in der flammendsten
Revolution, selbst auf den Barrikaden ist das erste, was geschieht, da
eine neue Ordnung festgesetzt wird und die Diebe, Plnderer und
Brandstifter erschossen werden. Sie aber, Sie wollen bei uns ein
Achtzigmillionenvolk einzig durch Brandstiftung, Totschlag und Zarenmord
anlocken und fr sich Sympathie erwecken! So glauben Sie, da diese
Gesellschaft berhaupt nichts aus ihrem durchlebten Leben achte, und da
dieses Leben unter administrativer Vormundschaft so schn gewesen sei!
Zu was sind Sie entartet? Und Sie, Sie sehen noch immer nicht, da das
Volk sich schon vollstndig, aber vollstndig von Ihnen losgesagt hat!
Nun wohl! -- versuchen Sie es doch noch einmal, das Volk unter
Vormundschaft zu nehmen, versuchen Sie es doch! Wahrlich, Sie haben doch
schon gar zu holsteinisch auf das Volk gesehen!

Und dann sofort der Verfasser der Chronik von sich aus: So sprach Sch.
wie auer sich, und vielleicht war in seinen Worten auch wirklich
einiges doch ganz Wahres. In der Tat, Vormundschaft und Entfremdung vom
Volke haben ja gerade das bewirkt, da die Gesellschaft erstens nichts
mehr hat, was ihr teuer ist und wofr sie einstehen wrde, und zweitens,
da sie sieht, da hingegen dem Volk zweifellos das Eigene teuer ist und
es dafr einsteht und dabei ein so volles Leben lebt -- so hat das der
Gesellschaft den Vorwand gegeben, das Volk nun endgltig zu hassen, also
gerade seines vollen Lebens wegen. Ich verstehe jetzt, was Schatoff
sagen wollte, als er von diesem Ha der Belinski und unserer smtlichen
Westler gegen das Volk sprach, und wenn sie selbst diesen Ha leugnen
wollen, so ist es klar, da sie selbst ihn nicht erkennen. Ja, so war es
doch: sie glaubten, da sie das Volk hassend liebten, und so sagten
sie es auch von sich. Aber sie schmten sich nicht einmal ihres Ekels
vor dem Volke, wenn sie praktisch mit ihm in Berhrung kamen. (In der
Theorie allerdings liebten sie es.)

_Stepan Trophimowitsch_ (Gr.) sagt: Ja, aber das Volk wurde doch ebenso
bevormundet, wie die anderen, und Sie geben doch selbst zu, da es
russisches Volk geblieben und _nicht_ unter der Vormundschaft entartet
ist und _nicht_ Ruland hat.

_Schatoff_: Das Volk wurde mit der deutschen Reform verschont und von
Anfang an als hoffnungslos aufgegeben. Man erlaubte ihm auch sofort
wieder, den Bart zu tragen. Damals hielt man das Volk fr etwas
Unwichtiges, man sah auf dasselbe wie auf Rohmaterial oder Steuerzahler
herab. Zwar bevormundete man es streng, das ist wahr, aber sein inneres,
eigenes Leben lie man ihm unangerhrt, und wenn es auch viel zu
erdulden und viel zu leiden hatte, so endete es doch damit, da es auch
sein Leiden lieb gewann. Dagegen wurden alle Russen der oberen
Gesellschaftsschicht zu Deutschen, und diese vom Erdboden Losgerissenen
hatten dann bald nur fr Deutschland noch Liebe brig, fr ihr Vaterland
aber und fr ihr eigenes Volk nur Verachtung und Ha. So war es ja
berall. So begannen auch in Litauen die Stammrussen ihre eigene Rasse
zu miachten.


                          Fragen und Antworten

Sie bieten das Glck an. Aber selbst wenn wir annehmen, da Sie im
Endziel des Strebens vollkommen recht haben (was natrlich absurd ist,
doch worber ich vorlufig nicht streiten will), so ersieht man doch
schon aus Ihrer Proklamation[72], bis zu welch einem Grade Ihre Kpfe
unreif, flach und leichtsinnig sind und somit -- wie wenig sie zum
Erreichen Ihres eigenen Zieles taugen. Sollten Sie denn wirklich nicht
einsehen, da eine Umwandlung, wie die, die Sie vorschlagen, eine
Umgeburt des einzelnen Menschen wie des ganzen Volkes, sich doch nicht
so leicht und schnell vollziehen kann, wie Sie glauben!? Denn Sie sagen
doch, da alles mit dem Beil und durch Raub gemacht werden werde, auf
da sich aber der Mensch von Gott, von der Liebe zu Christus, von der
Liebe zu seinen Kindern und von seinen Pflichten ihnen gegenber
lossage, von seiner Persnlichkeit und ihrer Sicherstellung, -- dazu
sind Jahrhunderte noch zu wenig. In Jahrtausenden hat sich z. B. die
gesellschaftliche, juridische Sicherstellung im Staate herausgearbeitet,
und doch -- bis zu welch einem Grade ist sie noch berall unzureichend!
So langsam arbeitet sich in der Praxis selbst ein so alltgliches
Bedrfnis eines jeden Menschen heraus! Darum aber, wenn auch das, was
bereits ist, was sich bereits herausgearbeitet hat, meinetwegen auch
unzureichend ist, so wird der Mensch doch nicht so leicht darauf
verzichten und Ihnen nachlaufen: denn wenn es auch nicht gut, wenn es
auch nur wenig ist, so ist damit doch immerhin schon etwas da, bei Ihnen
aber ist nichts, denn Sie sagen ja selbst ganz offen, da alles auf
Grund liebevoller Vereinbarung geschehen und niemandem und fr nichts
eine Garantie geboten werden soll, wenn's nicht gerade die
Genossenschaft betrifft. Um Fragen einfach abzuschneiden, behaupten Sie
kurzweg, da es in der neuen Gesellschaft Verletzungen nicht mehr geben
werde und folglich seien Garantien gar nicht ntig. Aber so etwas kann
doch nur ein Verrckter behaupten, der noch nichts erprobt hat, und so
ohne alle Unterlagen, wie Sie da Ihre Versicherungen abgeben.

Wenn aber der Mensch nicht einmal darauf leicht verzichten wird, wie
wird er sich dann noch von seinen Kindern, von seiner Liebe zu ihnen,
von Gott und schlielich von seiner ganzen Freiheit lossagen? Sie
antworten auf keine einzige der Fragen, die die ganze Menschheit
erregen, Sie schieben alles beiseite. Doch wenn Sie die Fragen nicht
beantworten, wie wollen Sie dann die Aufgaben lsen? Und deshalb -- wie
knnten denn alle sich Ihnen anschlieen und sich sofort zu der neuen
Gesellschaft umschaffen [umgebren]? Ihnen wird nur ein Hufchen
leichtsinniger Menschen folgen oder Nichtswrdige, die Sie mit der
Aussicht auf Plnderung anlocken. Wenn aber so etwas nur in
Jahrhunderten entstehen kann, wie knnen Sie dann versprechen, dasselbe
in wenigen Tagen zu schaffen (wie Sie sich ja buchstblich ausdrcken)?
Also sind Sie nun nach alledem nicht leichtsinnig, und welch eine
Verantwortung bernehmen Sie fr die Strme von Menschenblut, die Sie
vergieen wollen? Aufbauen ist schwer; darum reien Sie auch nur nieder,
weil das am leichtesten ist.

berhaupt keine Verantwortung, wir bringen einfach unsere Kpfe. Die
zuknftige Gesellschaft wird vom Volke geschaffen werden nach der
allgemeinen Zerstrung, je schneller desto besser.

Aber erstens, das Volk wird nicht anfangen dreinzuschlagen, wenn es
nicht wei, wofr; hauen, brennen und plndern wird nur ein Haufe
geheimer Bsewichter. Denn das Volk kann doch nicht Ihr Programm
annehmen: Vernichtung der Persnlichkeit, des Eigentums, Gottes und der
Familie. Ich sage nochmals: selbst wenn Ihr Programm gerecht wre,
knnte es doch nur im Laufe von Jahrhunderten angenommen werden, in
Jahrhunderten friedlicher, praktischer Studien und Entwicklung. Und
selbst wenn das Volk sich vom Aufruhr und Plndern hinreien lassen
sollte, so wird es sich doch sofort wieder beruhigen und dann etwas
anderes aufbauen, jedenfalls aber auf seine Art, und -- nun ja --
vielleicht sogar etwas noch viel Schlechteres.

Meinetwegen; aber auch das ist schon gut, da wenigstens eine Welt
untergeht. Dann wird eben eine andere Welt beginnen, meinetwegen eine
mit Fehlern, eine vom Volk errichtete, aber sicher wird sie schon ein
wenig besser sein. Wenn man dann deren Fehler erkannt hat, werden wir
oder unsere Nachfolger auch diese Welt wieder strzen, und so weiter,
bis schlielich unser ganzes Programm durchgesetzt ist. Doch auch beim
ersten Experiment werden wir unseren Zweck schon damit erreichen: da
erst einmal das Prinzip des Beiles und der Revolution angenommen wird.

Aber auf Grund wessen sind Sie denn so berzeugt, da Ihr Programm
unfehlbar ist? Wie nun, wenn das alles nur Unsinn ist und die absurdeste
Unkenntnis der menschlichen Natur im allgemeinen und des russischen
Volkes im besonderen? Sie knnen das Gegenteil doch mit nichts beweisen,
hchstens den Einwand vorbringen, da es Ihnen unfehlbar erscheint. Aber
es ist doch mglich, da Sie alle sehr dumm sind und es Ihnen nur
deshalb so erscheint; dann aber knnen Sie doch nicht verlangen, da
alle brigen Menschen ausschlielich zu diesem Zweck gleichfalls zu
Dummkpfen werden, nur um Ihnen folgen zu knnen. Aber siehe da, Sie
weigern sich ja, darber auch nur zu reden. Sie sagen: wer nicht fr uns
ist, der ist wider uns, und weihen alle, die entgegengesetzter Meinung
und berzeugung sind, einfach dem Tode, wobei Sie ganz zu vergessen
scheinen, da Streit unter allen Umstnden Entwicklung der Sache ist.
Und mit welch einer Wut erkennen Sie diejenigen nicht einmal an, die
gegen Sie sogar handeln werden, da sie mit Ihren berzeugungen nicht
bereinstimmen.

Alles das ist Unsinn und Finessen!

Wenn Sie aber nicht mit aller Sicherheit wissen, da Ihr Programm
richtig ist, wie knnen Sie dann das Verbrechen der Zerstrung auf Ihr
Gewissen nehmen?

Wir glauben aber, da unser Programm richtig ist, und da ein jeder,
der es annimmt, glcklich wird. Deshalb entscheiden wir uns auch frs
Blut, denn nur mit Blut wird Glck erkauft.

Wenn es aber nicht damit erkauft wird, was dann?! Geglaubt wird nur an
Gott, im Leben aber sind Tatsachen erforderlich.

Wir sind berzeugt, da man es damit kaufen kann, und das gengt uns.

Oh Ihr Unseligen! Mich freut nur eines: da es Ihnen um keinen Preis
gelingen wird, denn Sie kennen das Volk nicht. Gesetzt, Ihnen gelingen
einige Plnderungen, Brandstiftungen, Morde und Verfhrungen, nehmen wir
selbst an, da Sie es bis zu einem Aufstande bringen, das ganze Volk
aber wird Sie dafr doch sofort aufknpfen; nicht aber Ihr Programm
annehmen, denn dieses Programm ist widernatrlich und auerdem auf der
grten Unkenntnis des russischen Volkes aufgebaut. Niemals wird der
Mensch Ihnen seinen Glauben, seine Familie ausliefern und in dieses
Zuchthaus bersiedeln, das Sie ihm in Ihrem Programm anbieten, und
niemals wird er seine persnliche Freiheit fr eine solche Knechtschaft
verkaufen ... Das Volk aber wird Ihnen niemals seinen Zar-Befreier
ausliefern.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Sie wollen morden und plndern, weil das am leichtesten ist. Diese Lehre
tauchte in Frankreich gerade damals auf, als die Kommunisten berall
durchfielen und sich als nichtswrdige Bengel erwiesen.


     _Stepan Trophimowitsch_ und _Pjotr Stepanowitsch Werchowenski_

Ich mache die Sache, weil sie gemacht werden mu. Damit (mit der
Zerstrung) mu naturgem jede Sache beginnen; das wei ich, und darum
beginne ich eben. Das Ende geht mich nichts an, ich wei nur, da man
damit beginnen mu, alles brige ist nur zeitraubendes Geschwtz. Alle
diese Reformen und Korrekturen und Verbesserungen -- sind Unsinn. Je
mehr man reformiert und verbessert, um so schlimmer ist's, denn auf
diese Weise erhlt man noch einige Zeit knstlich das Leben eines
Dinges, das doch unbedingt sterben und einstrzen mu. Je schneller
desto besser, je frher damit begonnen wird, um so besser. (Zuerst
natrlich Gott, Verwandtschaft, Familie usw.) Man mu alles zerstren,
um das neue Gebude aufbauen zu knnen, das alte Gebude aber mit
Sttzen noch zu sttzen, ist nichts weiter als eine Pfuscherei.

Nun, z. B., du weit, da du frher oder spter doch einmal sterben
mut, warum erschiet du dich denn nicht jetzt gleich -- je schneller
desto besser?

Einzig weil ich noch nicht will und weil die Sache gemacht werden mu.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich bin kein Genie, und ich will auch gar nicht eines sein, aber ich
wei, da man es jetzt machen mu, und so mache ich es denn. Auch ihr
wutet das, du und deine Generation, doch ihr weintet blo. Wir aber
weinen nicht, sondern tun's einfach.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --


            _Stepan Trophimowitsch_ und _Pjotr Werchowenski_

Der verstorbene Belinski beschimpfte Christus, htte dabei aber nicht
einmal einem Huhn etwas zuleide tun knnen.

Oh, in der Wirklichkeit und im Verstehen der wirklichen Dinge war
Belinski sehr schwach. Turgenjeff hatte ganz recht, als er von ihm
sagte, da er, Belinski, sogar wissenschaftlich sehr wenig gewut habe.
Aber er begriff doch besser als sie alle. Du lachst, du scheinst sagen
zu wollen: viel haben sie wahrlich allesamt begriffen! Mein Freund, ich
erhebe keinen Anspruch auf das Begreifen der Einzelheiten des wirklichen
Lebens. Doch ich kam ja auf Belinski zu sprechen. Ich erinnere mich des
Schriftstellers D., der damals fast noch ein Jngling war[73]. Belinski
wollte ihn zum Atheismus bekehren und nach den Entgegnungen D's, der
Christus verteidigte, begann er Christus zu schmhen. >Und immer macht
er, wenn ich schimpfe, eine so betrbte, niedergeschlagene
Physiognomie,< sagte Belinski pltzlich, indem er mit dem gutmtigsten,
unschuldigsten Lachen auf D. wies. Einmal traf dieser D. zufllig
Belinski am Bahnhof der erst im Bau befindlichen ersten
Eisenbahnstrecke. >Ich kann nicht kaltbltig warten<, sagte Belinski zu
ihm, >ich habe mir den Weg hierher zum Spaziergang erwhlt und jeden Tag
sehe ich mir den Bahnbau an.< Oh, wenn er, der Arme, gewut htte, mit
welchen Augen damals viele auf diese Eisenbahn sahen, besonders die
Erbauer der Bahn! Belinski sagte: >Ich bin nicht so wie die anderen, ich
bin schon, wie Sie sehen, gerade davon krank. Wenn ich verscharrt sein
werde, -- wird man erfahren, wen man begraben hat.<[74] D. schlo sich
ihm an und begann ber die Eisenbahn zu sprechen, dann ber die
zuknftigen Eisenbahnen berhaupt, ber die Beheizung der Wagen und
schlielich ber die Beheizungsfrage in Moskau, wo das Brennholz immer
teurer wurde und in Zukunft, wenn Moskau der Knotenpunkt aller
Eisenbahnen sein wird, noch sehr viel teurer werden msse.
Wahrscheinlich werde man das Holz dann mit der Bahn aus den waldreichen
Gegenden herbeischaffen. Da begann Belinski zu lachen ber diese, wie
ihm schien, geringe Kenntnis der Wirklichkeit: >Brennholz will er mit
der Eisenbahn befrdern!< Das erschien ihm ungeheuerlich. Stellen Sie
sich vor, er glaubte wirklich, da man mit der Eisenbahn nur Passagiere,
von Waren aber hchstens die feinsten und wertvollsten _articles de
Paris_{[280]} befrdern werde. Das war seine Kenntnis der Wirklichkeit
... Aber er begriff doch mehr als alle.

Dann haben alle wohl viel begriffen!

Mein Freund, ich habe mich vom ttigen Leben zurckgezogen ... Jetzt
unter den Ttigen sein, das will und kann ich nicht ...

Ja, zu was knntest du jetzt auch noch taugen!


                   Charakteristik Pjotr Werchowenskis

Eigentlich geht mich ja weder das Volk noch die Kenntnis desselben
etwas an. Ich wei nur, da man das Volk jetzt zu einem Aufstand bringen
kann, und das ist alles, worauf es ankommt.

Wenn er vom Volk spricht, bekundet er pltzlich in einem Punkt eine
himmelschreiende und ganz sonderbare Unwissenheit und Ahnungslosigkeit
(eine unbedingt so sonderbare, da die Ungeheuerlichkeit sofort in die
Augen springt.) Unter Gelchter wird er berfhrt, werden seine
Behauptungen widerlegt; aber _bemerkenswert_ ist, da ihn das nicht im
geringsten verwirrt, weder wankt er, noch ist er pikiert, ja er fhlt
sich nicht einmal in seiner Eigenliebe verletzt. Unglaublich kaltbltig
und nachlssig nimmt er es hin:

Vielleicht ist es auch so, sagt er, aber das ist doch ganz einerlei,
nicht darauf kommt es an, sondern darauf, da man jetzt einen Aufstand
machen kann, und so will ich ihn denn jetzt machen.

Man antwortet ihm, da auch ein Aufruhr ihm bestimmt nicht gelingen
wird, wenn er nicht das Volk kennt, und da die Proklamation eine
Absurditt ist.

Das ist Unsinn, antwortet er, lat mich nur eine Viertelstunde ohne
Zensur mit dem Volke sprechen, und es wird mir sofort folgen.

Man versichert ihm, da das Volk weit fester sitze, er aber sagt: Na,
das ist erst recht Unsinn! und weist auf die Tatsachen hin --
Ruberhorden, Brandstiftungen, von Sohn[75] --. Und ihr seht es ja
selbst ein, da das eine unentschiedene Sache ist, da ihr jetzt selbst
verstummt und nichts mehr zu sagen wit. (Auf die goldene Urkunde[76]
hin ging doch das Volk, warum soll es auf die Proklamationen hin nicht
gehen?)

Ist mitunter ganz entsetzlich unwissend. Den ernsten Einwendungen seines
Vaters (z. B., da nicht die ganze Natur des Menschen bekannt ist und
der Verstand nur 1/20 des ganzen Menschen ausmacht) schenkt er berhaupt
keine Beachtung und will und versucht auch nicht einmal, ihm zu
entgegnen, gibt sogar offen zu, da er das nicht wei, aber: nicht
darauf kommt es an.

Ist in seiner Unwissenheit vollkommen ruhig.

Die Rede seines Vaters bei der Frstin hat er nicht einmal gehrt.

Und dabei schlgt er den Vater doch vollkommen. (Mit ihm kann man nicht
streiten, sagt der Vater.)

Die Streitfragen der Slawophilen und Westler sind ihm nicht einmal
annhernd bekannt, er hat nur gehrt, da es so etwas wie Slawophile und
Westler gibt, aber: _alles das ist Unsinn_ und nicht darum handelt es
sich.

Schreibt sogar unorthographisch.


                 Charakteristik Stepan Trophimowitschs

Portrt eines reinen und idealen Westlers mit allen Schnheiten.

Lebt vielleicht (in Moskau) in einer Gouvernementshauptstadt.

_Die charakteristischen Zge._ -- Eine lebenslngliche Ziellosigkeit und
Unfestigkeit in den Ansichten und in den Gefhlen, unter der er frher
gelitten hat, die aber jetzt zu seiner _zweiten Natur geworden_ ist.
(Der Sohn macht sich darber lustig.)

Ist zum drittenmal verheiratet. (Ein hchst charakteristischer Zug.)

Wnscht sehnschtig, verfolgt zu werden, und liebt es, von den frheren
Verfolgungen, denen er ausgesetzt gewesen, zu sprechen.

Ein Mensch der vierziger Jahre. Denkt gern an dieses Jahrzehnt und die
berlebenden zurck (ich und Timofei Granowski).

Er ist -- ein berhmt gewesener Name (zwei oder drei Artikel, eine
kritische Untersuchung, Reise durch Spanien, handschriftliche
Aufzeichnungen ber den Krimkrieg, die unter seinen Bekannten von Hand
zu Hand gingen und ihm die Verfolgung eingetragen haben). Stellt sich
unbewut auf ein Piedestal, wie etwa eine Reliquie, die man anbeten
kommt -- liebt das. Spricht hufig ohne Frwrter.

Ist wirklich ehrlich, rein und hlt sich fr die tiefste Allwissenheit.
Widerstandsunfhigkeit in Ansichtssachen.

Groer Poet, jedoch nicht ohne Phrase.

Hat das russische Leben ganz bersehen.

Tschurrt sich[77] vor dem Nihilismus und begreift ihn nicht.

55 Jahre alt. Literarische Erinnerungen: Belinski, Granowski, Herzen,
Turgenjeff u. a.

Liebt Champagner.

Rolle eines Ssacks[78].

Liebt es, Klagebriefe zu schreiben. Hat hier und da Trnen vergossen.

Lat mir Gott und die Kunst. Trete auch Christus ab.

George Sand und seine Gtzen blicken fortwhrend durch den Ernst hervor.

Echter Dichter. _Dies irae_, Goldenes Zeitalter, Griechische Gtter! Ein
inspiriertes Kapitel. Hat das Pekunire gut geordnet. Bildchen,
Memoirchen (usw. in dieser Art).

Sein Sohn wird im Auslande erzogen.

Noch eine Gestalt: junge Frau (seit vier Monaten schwanger).

_NB._ Beweint alle seine Frauen und heiratet immer wieder.

Kann mich nicht zufrieden geben, sehne mich ewig.

Ist klug und geistreich.[79]




                            Zweiter Anhang.
   Bruchstck aus einem bisher unverffentlichten Kapitel des Romans
                             Die Dmonen[80]


                                   I.

... Ungefhr um halb elf erreichte Stawrogin die hohe Pforte unseres
Spasso-Jefimjeffschen Bogorodskischen Klosters, das auerhalb der Stadt
am Flu lag. Erst hier schien er wieder zu sich zu kommen und sich
pltzlich einer Sache zu erinnern: er blieb stehen, befhlte hastig und
erregt seine Seitentasche, und -- ein Lcheln glitt ber sein Gesicht.
Nachdem er eingetreten war, erkundigte er sich bei einem kleinen
Klosterdiener, den er hier erblickte, wie er zu dem im Kloster lebenden
Bischof Tichon gelangen knnte. Der Kleine verneigte sich mehrmals
untertnigst vor ihm und bat ihn hflich, ihm zu folgen; doch an der
Treppe, die an dem einen Ende des langen zweistckigen Klostergebudes
lag, machte ihm ein dicker, grauhaariger Mnch den Gast geschickt und
wie mit vollstem Recht einfach abspenstig. Dieser fhrte nun Stawrogin
durch einen langen, schmalen Korridor, verneigte sich gleichfalls
fortwhrend vor ihm oder eigentlich nickte er nur immer wieder mit dem
Kopf, da ihm das Verbeugen bei seiner Korpulenz augenscheinlich schwer
fiel, und forderte ihn ununterbrochen auf, ihm zu folgen, obgleich
Stawrogin das ohnehin schon tat. Der Mnch stellte auch noch
verschiedene Fragen an ihn und sprach vom Archimandriten, da er aber
keine Antwort erhielt, verstummte er ehrerbietig. Stawrogin fiel es auf,
da man ihn im Kloster zu kennen schien, obgleich er doch, soweit er
sich erinnern konnte, nur in der Kindheit hier gewesen war. Als sie bei
der letzten Tr des Korridors angelangt waren, blieb der Mnch stehen
und ffnete sie mit einer Miene, als ob er der Bischof selber wre,
erkundigte sich familir bei dem flink herbeigelaufenen Zellendiener, ob
man eintreten knne, stie aber dann, ohne die Antwort abzuwarten, die
Tr weit auf und lie mit einer Verbeugung den teuren Gast an sich
vorber. Nachdem er aber den klingenden Dank empfangen hatte,
verschwand er mit einer Geschwindigkeit, die man ihm gar nicht zugetraut
htte.

Stawrogin trat in das kleine Zimmer, und fast im selben Augenblick
erschien in der Tr des Nebenzimmers eine hohe, hagere Gestalt: es war
ein Mann von ungefhr fnfundfnfzig Jahren, in einem einfachen
Leibrock, wie er unter dem Megewand getragen wird, ein Mensch, der dem
Aussehen nach leidend war, ein sonderbar unbestimmtes Lcheln hatte und
einen sonderbaren, gleichsam scheuen Blick. Das war jener Tichon, dessen
Namen Stawrogin zum erstenmal von Schatoff gehrt hatte.

Stawrogin hatte inzwischen Nheres ber ihn zu erfahren gesucht, doch
was er an Urteilen ber ihn zu hren bekam, war sehr verschieden und
sogar uerst widerspruchsvoll gewesen. Trotzdem hatten selbst die
entgegengesetztesten Aussagen etwas Gemeinsames gehabt, und zwar: sowohl
die Anhnger wie die Gegner Tichons (und solche gab es) hatten alle
gleichsam irgend etwas von ihm verschwiegen -- die einen wahrscheinlich
aus Geringschtzung oder Verachtung, die anderen, die Anhnger und sogar
die leidenschaftlichsten, aus einer gewissen Scheu, als ob sie etwas von
ihm htten verheimlichen wollen, irgendeine seiner Schwchen, vielleicht
sogar -- eine gewisse Unzurechnungsfhigkeit. Stawrogin hatte erfahren,
da er schon seit sechs Jahren in unserem Kloster wohnte, und da zu ihm
nicht nur das einfache Volk pilgerte, sondern auch die angesehensten
Persnlichkeiten fuhren, da er sogar im fernen Petersburg
leidenschaftliche Anhnger und vornehmlich Anhngerinnen hatte.
Andererseits aber hatte er von einem wrdevollen alten Klubherrn, und
zwar einem gottesfrchtigen, gehrt, da dieser Tichon so gut wie
vollkommen verrckt oder wenigstens ein ganz unbegabter Mensch sei und
zweifellos mitunter trinke. Hierzu mchte ich von mir aus bemerken,
obgleich ich damit vorgreife, da letzteres entschieden nicht der
Wahrheit entsprach; er hatte nur kranke Fe -- irgendein hartnckiges
rheumatisches Leiden -- und von Zeit zu Zeit war er irgendwelchen
nervsen Krmpfen oder Anfllen unterworfen. Ferner hatte Stawrogin
gehrt, da der zurckgezogene Bischof -- sei es aus Charakterschwche
oder aus einer bei seinem Rang unverzeihlichen Nachlssigkeit -- es
nicht verstanden habe, im Kloster besondere Ehrfurcht fr sich zu
erwecken. Es hie sogar, da der Archimandrit, ein in seinen
Amtspflichten sehr strenger Mann, der auerdem wegen seiner
Gelehrsamkeit berhmt war, zu Tichon ein gewissermaen feindliches
Gefhl nhre und ihm -- natrlich nicht offen, sondern nur mittelbar --
unordentliches Leben und fast Ketzerei vorwerfe. Die Brderschaft des
Klosters verhielt sich zu dem Kranken, wenn auch nicht gerade
nachlssig, so doch, sagen wir, familir.

Die zwei Zimmer, aus denen die Zelle Tichons bestand, waren etwas
sonderbar eingerichtet. Neben den klobigen alten Klostermbeln, deren
Lederbezug schon recht abgenutzt war, befanden sich daselbst drei oder
vier elegante Gegenstnde: ein teurer Lehnstuhl, ein prachtvoller groer
Schreibtisch, ein teurer geschnitzter Bcherschrank, Tischchen und
Etageren -- lauter geschenkte Sachen; auf dem Fuboden ein kostbarer
bucharischer Teppich und neben ihm eine einfache geflochtene Matte. An
den Wnden hingen Gravren mit mythologischen oder weltlichen
Darstellungen, in der Ecke aber war ein groer Heiligenschrank, dessen
Heiligenbilder in Gold und Silber schimmerten. Eines von ihnen war sehr
alt und enthielt Reliquien. Seine Bibliothek, hie es, sollte
gleichfalls sehr sonderbar zusammengesetzt sein: neben den Werken der
groen Kirchenvter sollte sie Werke der Theaterdichtkunst (!),
vielleicht aber noch schlimmere enthalten.

Nach den ersten Begrungsworten, die aus einem ungewissen Grunde von
beiden ein wenig befangen und sogar kaum verstndlich ausgetauscht
wurden, fhrte Tichon den Gast in sein Kabinett, wies ihm einen Platz
neben dem Tisch auf dem Sofa an, und setzte sich selbst auf einen
geflochtenen Lehnstuhl. Stawrogin war immer noch sehr zerstreut -- er
schien es von einer inneren, bedrckenden Erregung zu sein. Man htte
glauben knnen, da er sich zu etwas Ungewhnlichem entschlossen habe,
das, einmal getan, nicht mehr rckgngig zu machen wre, dessen
Erfllung aber seine Kraft doch zu bersteigen schien. Er blickte sich
im Zimmer um, doch augenscheinlich ohne etwas zu bemerken; er dachte,
doch wute er natrlich selbst nicht, was. Die Stille weckte ihn
schlielich und es schien ihm pltzlich, da Tichon gleichsam verschmt
die Augen zu Boden gesenkt hielt und da ein ganz berflssiges,
unbeholfenes Lcheln um seine Lippen spielte. Das rief sofort
Widerwillen in ihm hervor; er wollte schon aufstehen und weggehen, um so
mehr, als Tichon seiner Meinung nach entschieden betrunken war. Da erhob
aber Tichon pltzlich die Augen und sah ihn mit einem so festen,
gedankendurchdrungenen Blick an und zu gleicher Zeit mit einem so
unerwarteten und rtselhaften Ausdruck, da er fast zusammenfuhr. Es
schien ihm pltzlich aus irgendeinem Grunde, da Tichon schon wisse,
warum er zu ihm gekommen war, da man ihn schon von seinem Besuch
benachrichtigt habe (obgleich kein Mensch in der ganzen Welt _diesen_
Grund seines Besuches wissen konnte), und wenn er nicht als erster zu
sprechen anfing, dies nur deshalb nicht tat, weil er ihn schonen wollte,
-- vielleicht weil er frchtete, ihn zu demtigen.

Sie kennen mich? fragte Stawrogin schroff. Habe ich mich Ihnen
vorgestellt oder nicht, als ich eintrat? Ich bin so zerstreut ...

Sie haben sich nicht vorgestellt, aber ich habe Sie schon einmal vor
vier Jahren gesehen, hier im Kloster ... zufllig.

Tichon sprach nicht schnell, gleichmig, mit einer weichen Stimme, und
er sprach die Worte klar und deutlich aus.

Vor vier Jahren bin ich berhaupt nicht in diesem Kloster gewesen,
entgegnete Stawrogin in einem Ton, der an Grobheit grenzte; nur als
Knabe bin ich hier gewesen, als Sie noch gar nicht hier waren.

Vielleicht haben Sie es vergessen? bemerkte Tichon vorsichtig, doch
ohne darauf zu bestehen.

Nein, ich habe es nicht vergessen; und es wre auch lcherlich, wenn
ich mich dessen nicht mehr erinnern wrde, bestand Stawrogin wiederum
unverhltnismig heftig auf seiner Behauptung. Sie haben vielleicht
nur von mir gehrt und sich dann irgendeine Vorstellung von mir gemacht,
und so glauben Sie jetzt, da Sie mich gesehen htten.

Tichon schwieg. Da bemerkte Stawrogin, da es ber sein Gesicht zuweilen
wie ein Nervenzucken lief, ein Kennzeichen seiner Krankheit.

Ich sehe nur, da Sie heute nicht ganz wohl sind, sagte er, ich
glaube, ich tue besser, wenn ich fortgehe.

Er erhob sich sogar vom Sofa.

Ja, ich fhle seit gestern starke Schmerzen in den Fen, und in der
Nacht habe ich wenig geschlafen ...

Tichon verstummte. Seinen Gast aber hatte die vorige Nachdenklichkeit
schon von neuem und ganz pltzlich berfallen. Das Schweigen dauerte
lange an, mehr als zwei Minuten.

Sie haben mich vorhin beobachtet? fragte Stawrogin pltzlich erregt
und mitrauisch.

Ich habe Sie angesehen und mich dabei der Gesichtszge Ihrer Mutter
erinnert. Zwischen Ihnen und ihr ist bei uerer Unhnlichkeit viel
innere, geistige hnlichkeit.

Durchaus keine hnlichkeit, besonders keine geistige. Sogar berhaupt
keine! rief Stawrogin wieder ganz unverhltnismig erregt und heftig.
Sie sagen das nur so aus Mitleid zu mir und ... Unsinn! ... Kommt denn
meine Mutter hierher?

Ja, zuweilen.

Das wute ich nicht. Habe es niemals von ihr gehrt. Kommt sie oft?

Fast in jedem Monat einmal; aber auch fter.

Habe es niemals gehrt. Kein einziges Mal ... Nie gehrt ... Sie haben
dann natrlich von ihr schon erfahren, da ich verrckt bin? fgte er
pltzlich hinzu.

Nein, nicht gerade verrckt. brigens habe ich auch von dieser
Auffassung gehrt, aber von anderen.

Sie haben wohl ein gutes Gedchtnis, wenn Sie so viele Dummheiten
behalten knnen. Und von der Ohrfeige haben Sie gleichfalls gehrt?

Ja, einiges.

Das heit also alles. Sie haben ja ungemein viel Zeit brig. Und vom
Duell?

Auch vom Duell.

Sie hren hier allerdings erstaunlich viel. Wozu druckt man bei uns
eigentlich Zeitungen? Schatoff hat Ihnen wohl gesagt, da ich kommen
werde? Nicht?

Nein. Ich kenne Herrn Schatoff, aber jetzt habe ich ihn lange nicht
mehr gesehen.

Hm. Was haben Sie dort fr eine Karte? Sehe ich recht! Die Karte des
letzten Krieges! Was machen Sie denn damit?

Ich orientiere mich auf der Landkarte nach dem Text. Es ist eine
interessante Beschreibung.

Zeigen Sie; ja, das ist keine schlechte Darstellung. Aber doch eine
sonderbare Lektre fr Sie.

Er zog das Buch zu sich heran und blickte flchtig hinein. Es war eine
umfangreiche Geschichte des letzten Krieges, gut dargestellt, --
brigens nicht so sehr vom militrischen als vielmehr vom rein
literarischen Standpunkte aus. Nachdem er das Buch zu sich umgedreht
hatte, schob er es pltzlich ungeduldig wieder zurck.

Ich wei wirklich nicht, warum ich hergekommen bin! stie er gereizt
hervor, Tichon gerade in die Augen blickend, als ob er von ihm eine
Antwort darauf erwartete.

Sie scheinen auch nicht ganz gesund zu sein?

Ja, ich bin nicht ganz gesund.

Und pltzlich erzhlte er in kurzen, schroffen Worten -- manches war nur
schwer zu verstehen --, da er besonders nachts so etwas wie
Halluzinationen unterworfen sei, da er zuweilen irgendein boshaftes,
ein spttisches und vernnftiges Wesen neben sich sehe oder fhle, in
verschiedenen Gestalten und von verschiedenem Charakter, doch ist es
stets ein und dasselbe Wesen -- ich aber rgere mich dann immer ...

Wild und wirr war dieses Gestndnis; man htte wirklich glauben knnen,
da ein tatschlich Wahnsinniger es machte. Doch bei alledem sprach
Stawrogin mit einer so sonderbaren Aufrichtigkeit, wie sie wohl noch nie
jemand an ihm gesehen hatte, mit einer Offenheit, die ihm sonst gar
nicht eigen war, da man glauben konnte, der frhere Mensch in ihm sei
pltzlich -- und auch fr ihn selbst ganz unverhofft -- spurlos
verschwunden. Er schmte sich nicht im geringsten, die Angst zu zeigen,
die er vor seinem Gespenst hatte. Doch das whrte nur einen Augenblick
und verschwand dann ebenso schnell, wie es sich eingestellt hatte.

Aber alles das ist natrlich Unsinn, unterbrach er sich pltzlich
rgerlich. Ich werde zum Arzt gehen.

Tun Sie das unbedingt, riet ihm Tichon zu.

Sie sagen das so bestimmt ... Haben Sie denn solche Menschen schon je
gesehen, wie mich, mit solchen Erscheinungen?

Ja, aber nur sehr selten. Ich erinnere mich nur noch eines Offiziers,
nach dem Tode seiner Frau, seines unersetzlichen Kameraden. Von einem
anderen habe ich nur gehrt. Beide sind sie im Auslande geheilt worden
... Leiden Sie schon lange daran?

Ungefhr seit einem Jahr, aber das ist ja alles Unsinn. Ich werde zum
Arzt gehen. Das ganze ist ja doch nur ein Unsinn, ein furchtbarer
Unsinn! Das bin ich selbst in verschiedenen Gestalten und weiter ist es
nichts. -- Da ich soeben diese ... Phrase hinzugefgt habe, denken Sie
jetzt gewi, da ich immer noch zweifle und mich noch nicht berzeugt
habe, da ich es bin und nicht wirklich der Teufel?

Tichon blickte ihn fragend an.

Und ... Sie sehen ihn wirklich? fragte er, ohne die Erklrung
Stawrogins, da es ganz zweifellos eine krankhafte Halluzination sei,
berhaupt zu beachten, sehen Sie wirklich eine Gestalt?

Sonderbar, da Sie das noch fragen, nachdem ich Ihnen doch schon gesagt
habe, da ich ihn sehe, entgegnete Stawrogin, nach jedem Wort mehr und
mehr gereizt. Selbstverstndlich sehe ich ihn. Ich sehe ihn so, wie ich
jetzt Sie vor mir sehe, zuweilen aber sehe ich ihn und bin doch nicht
berzeugt, da ich sehe, obgleich ich sehe ... zuweilen aber bin ich
berzeugt, da ich sehe, und ich wei blo nicht, wen ich sehe: mich
oder ihn ... Ach, Unsinn ist das alles! Sie aber -- knnen Sie sich denn
das ganz und gar nicht vorstellen, da es wirklich ein Teufel ist?
fgte er lachend die Frage hinzu: er ging etwas gar zu schnell auf den
spttischen Ton ber. Das wre doch Ihrem Beruf angemessener?

Es ist wahrscheinlich nur Krankheit, wenn es auch ...

Wenn es auch was?

Wenn es auch Teufel zweifellos gibt, doch kann man sie sehr verschieden
auffassen.

Ich werde Ihnen sagen, warum Sie vorhin Ihren Blick senkten,
unterbrach ihn Stawrogin mit gereiztem Spott. Sie schmten sich fr
mich, weil ich -- an den Teufel glaube, doch unter dem Anscheine, da
ich selbst nicht glaube, Ihnen schlau die Frage stellte: gibt es ihn in
Wirklichkeit oder nicht?

Tichon lchelte unbestimmt.

Und wissen Sie, es steht Ihnen durchaus nicht, wenn Sie die Augen
niederschlagen: es ist unnatrlich, geziert und lcherlich. Und um Ihnen
in der Grobheit Genge zu tun, werde ich Ihnen sofort vollkommen ernst
und unverschmt die ganze Wahrheit sagen: ja, ich glaube an den Teufel,
glaube kanonisch an ihn, an den Teufel als Persnlichkeit, nicht als
Allegorie, und ich brauche berhaupt niemanden zu fragen oder etwas ber
ihn erfahren zu wollen, -- da haben Sie alles! Sie mssen jetzt sehr
froh sein ...

Nervs, unnatrlich lachte er auf.

Tichon blickte ihn mit einem weichen, beinahe ein wenig schchternen
Blick fast neugierig an.

Glauben Sie an Gott? warf ihm pltzlich Stawrogin die Frage zu.

Ich glaube.

Es steht doch geschrieben, wenn du glaubst und dem Berge befiehlst, von
der Stelle zu rcken, so wird er von der Stelle rcken ... brigens,
Bldsinn! Aber ich will Sie doch fragen: werden Sie einen Berg von der
Stelle rcken oder nicht?

Wenn Gott es befiehlt, werde ich auch Berge versetzen, sagte Tichon
leise und zurckhaltend, und allmhlich senkte er wieder den Blick.

Nun, das ist ebensogut, wie: Gott macht es selbst. Nein, _Sie, Sie_,
als Belohnung fr den Glauben an Gott?

Es kann sein, da ich ihn vielleicht auch nicht von der Stelle rcken
werde.

>Vielleicht<? Das ist nicht bel. Warum zweifeln Sie denn?

Ich glaube nicht vollkommen.

Wie? _Sie_ nicht vollkommen? Nicht ganz?

Ja ... vielleicht glaube ich nicht vollkommen.

Nun! Aber wenigstens glauben Sie doch, da Sie ihn mit Gottes Hilfe von
der Stelle rcken wrden, und das ist schlielich nicht wenig. Das ist
immerhin mehr, als jenes >_trs peu_<{[281]} eines, der gleichfalls
Bischof, Erzbischof war ... Allerdings -- das ist wahr -- unter dem
Sbel ... Sie sind natrlich auch Christ?

Deines Kreuzes, Herr, werde ich mich nicht schmen, sagte Tichon
flsternd, -- es war ein sonderbares Flstern, und er senkte den Kopf
noch tiefer. Seine Mundwinkel zuckten nervs.

Aber kann man auch an den Teufel glauben, wenn man berhaupt nicht an
Gott glaubt? fragte Stawrogin lchelnd.

Oh, sogar sehr, das tun fast alle, sagte Tichon, erhob seinen Blick
und lchelte gleichfalls.

Ich bin berzeugt, da Sie solch einen Glauben immerhin achtbarer
finden, als volle Glaubenslosigkeit ... Oh, Pope! rief Stawrogin
auflachend. Wieder lchelte Tichon ihm zu.

Im Gegenteil, der vollstndige Atheismus ist weit achtbarer, als die
weltliche Gleichgltigkeit, entgegnete er heiter und gutmtig.

Oho, also so sind Sie!

Der vollstndige Atheist steht auf der vorletzten hchsten Stufe zum
vollstndigsten Glauben -- mag er sie dann betreten oder nicht --, der
Gleichmtige dagegen hat berhaupt keinen Glauben auer einer schlechten
Angst.

Aber Sie ... -- Haben Sie die Apokalypse gelesen?

Ja.

Erinnern Sie sich der Stelle: >Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea
schreibe ...<

Ich wei, wundervolle Worte.

Wundervoll? Sonderbarer Ausdruck fr einen Bischof, und berhaupt sind
Sie ein Sonderling ... wo haben Sie hier das Buch? fragte Stawrogin
auffallend eilig und erregt und seine Augen suchten es auf dem Tisch,
ich will es Ihnen vorlesen ... haben Sie die russische bersetzung?

Ich wei, ich kenne die Stelle, ich kenne sie ganz genau, sagte
Tichon.

Kennen Sie sie auswendig? Sagen Sie sie! ...

Er senkte schnell die Augen, sttzte beide Hnde auf die Knie und
wartete ungeduldig.

Tichon sagte Wort fr Wort:

Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe: Das saget Amen, der
treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes. Ich wei
deine Werke, da du weder kalt noch warm bist. Ach, da du kalt oder
warm wrest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich
dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich, und habe
gar satt, und bedarf nichts; und weit nicht, da du bist elend und
jmmerlich, arm, blind und blo ...

Genug, unterbrach ihn Stawrogin, das ist fr die Mittelsorte, fr die
Gleichmtigen, nicht wahr? Wissen Sie, ich liebe Sie sehr.

Und ich Sie, sagte Tichon halblaut.

Stawrogin verstummte und versank wieder in seine Gedanken. Das kam wie
ein Anfall ber ihn, schon zum drittenmal. Und auch das ich liebe Sie
hatte er wie in einem Anfall gesagt, wenigstens ganz berraschend fr
sich selbst. Es verging mehr als eine Minute.

rgere dich nicht, sagte Tichon pltzlich ganz leise, und berhrte mit
dem Finger vorsichtig, als ob er sich scheue, seinen Ellenbogen.

Stawrogin fuhr zusammen und runzelte unwillig die Stirn.

Woher wissen Sie, da ich mich rgerte? fragte er hastig. Tichon
wollte etwas sagen, doch er unterbrach ihn in ungewhnlicher Erregung.

Warum glaubten Sie, da ich mich unbedingt rgern mute? Ja, ich
rgerte mich, Sie haben recht, und gerade deswegen, weil ich Ihnen
gesagt hatte: >ich liebe Sie<. Sie haben recht, aber Sie sind ein grober
Zyniker, niedrig denken Sie von der menschlichen Natur. Es htte kein
rger zu sein brauchen, wenn es nur ein anderen Mensch gewesen wre, und
nicht ich ... brigens, hier handelt es sich nicht um den Menschen,
sondern um mich. Immerhin sind Sie ein Sonderling und ein
Geistesschwacher ...

Er regte sich immer mehr auf und, sonderbar, tat sich in den Worten
berhaupt keinen Zwang an:

Hren Sie, ich liebe keine Spione und Psychologen, wenigstens nicht
solche, die in meine Seele kriechen. Ich rufe niemanden in meine Seele,
ich brauche niemanden, ich verstehe mit mir selbst auszukommen. Sie
glauben, da ich Sie frchte? fragte er mit lauterer Stimme und erhob
herausfordernd sein Gesicht. Sie sind wohl vollkommen berzeugt, da
ich gekommen bin, Ihnen ein >furchtbares< Geheimnis zu offenbaren? Nun,
so hren Sie denn, da ich Ihnen berhaupt nichts sagen werde, nichts
von einem Geheimnis, denn ich habe Sie berhaupt nicht ntig ...

Es hat Sie betroffen gemacht, da das Lamm den kalten mehr liebt als
den blo lauen, sagte Tichon, Sie wollen nicht _nur_ lau sein. Ich
ahne es, da eine ungewhnliche, vielleicht furchtbare Absicht Sie
qult. Wenn es so ist, so flehe ich Sie an, qulen Sie sich nicht und
sagen Sie alles, womit Sie gekommen sind.

Und Sie wissen es so genau, da ich mit irgend etwas gekommen bin?

Ich ... erriet es an Ihrem Gesicht, flsterte Tichon und senkte wieder
den Blick.

Stawrogin war etwas bleich und seine Hnde zitterten ein wenig. Einige
Sekunden lang sah er unbeweglich und stumm Tichon an, als ob er sich
endgltig entschlsse. Dann zog er aus der Seitentasche seines Rockes
irgendwelche Druckbogen hervor und legte sie auf den Tisch.

Das sind die Bltter, die zur Verbreitung bestimmt sind, sagte er mit
einer etwas stockenden Stimme. Wenn auch nur ein einziger Mensch sie
liest, dann, das sage ich Ihnen, werde ich sie nicht mehr verbergen,
dann werden alle sie lesen. So ist es beschlossen. Ich habe Sie
berhaupt nicht ntig, denn ich habe selbst schon alles bei mir
beschlossen. Aber lesen Sie ... Whrend des Lesens sagen Sie nichts,
aber wenn Sie es gelesen haben -- dann sagen Sie alles ...

Soll ich? fragte Tichon unentschlossen, zgernd.

Lesen Sie; ich bin schon lngst ruhig.

Nein, ohne Brille kann ich es nicht entziffern ... kleine Schrift ...
auslndisch.

Hier ist die Brille, sagte Stawrogin, reichte sie ihm vom Tisch und
lehnte sich zurck in die Ecke des Sofas. Tichon versenkte sich in die
Lektre.


                                  II.

Der Druck war tatschlich auslndisch -- drei broschierte Druckbogen von
gewhnlichem Postpapier kleineren Formats. Wahrscheinlich hatte er sie
in einer der geheimen russischen Druckereien im Auslande setzen lassen.
Auf den ersten Blick glichen sie sehr einer Proklamation. Als
berschrift stand: Von Stawrogin.

Ich nehme dieses Dokument unverndert in meine Chronik auf.
Wahrscheinlich kennen es jetzt schon viele. Ich habe mir nur erlaubt,
die orthographischen Fehler zu korrigieren, die ziemlich zahlreich waren
und die mich sogar gewissermaen wundernahmen, da doch der Autor
immerhin ein gebildeter und belesener Mensch war (natrlich relativ
gesprochen). Im Stil dagegen habe ich nichts verndert, trotz der
Unrichtigkeiten und sogar Unklarheiten. Jedenfalls ersieht man aus
ihnen, da der Verfasser kein Schriftsteller war.

Nur eine Bemerkung will ich mir doch noch erlauben, obgleich ich damit
vorgreife. Meiner Meinung nach ist dieses Dokument -- ein krankhaftes
Erzeugnis, ein Werk des Teufels, der sich dieses Menschen bemchtigt
hatte. Es ist, wie wenn ein Kranker, den ein groer, scharfer Schmerz
peinigt, sich in seinem Bette wlzt, einzig in dem Verlangen, eine
Stellung einzunehmen, die ihm wenigstens auf einen Augenblick
Erleichterung schafft, oder nicht einmal Erleichterung, sondern blo den
alten Schmerz durch einen anderen Schmerz verdrngt, wenn auch nur auf
einen Augenblick. Und dann kommt es ihm natrlich nicht mehr auf die
Schnheit oder Vernnftigkeit der Stellung an. Der Ausgangspunkt dieses
Dokuments war -- das furchtbare, ungeheuchelte Bedrfnis einer Strafe,
einer ffentlichen Hinrichtung. Und dabei war dieses Bedrfnis, das
Kreuz auf sich zu nehmen, in einem Menschen, der an das Kreuz nicht
glaubte, -- doch auch das macht schon eine Idee aus, -- wie einmal
Stepan Trophimowitsch gesagt hat, wenn auch in einem ganz anderen
Zusammenhange.

Und doch wirkt dabei das ganze Dokument wie etwas Wildes und Verwegenes,
obgleich es anscheinend mit einer ganz anderen Absicht geschrieben
worden ist. Der Autor erklrt darin, da er das unmglich _nicht_
schreiben konnte, da er dazu gezwungen war -- und das ist ziemlich
wahrscheinlich: er htte gern den Kelch umgangen, wenn er es gekonnt
htte, aber er konnte es, wie es scheint, tatschlich nicht und griff
nur nach der Mglichkeit einer neuen Gewalttat. Ja, frwahr: ein Kranker
wlzt sich auf dem Lager und will den einen Schmerz durch den anderen
betuben -- und siehe, da schien ihm der Kampf mit der Gesellschaft die
leichteste Lage, und so wirft er denn der Gesellschaft die
Herausforderung zu. Ja, schon aus der Tatsache, da ein solches Dokument
entstehen konnte, fhlt man eine neue, unerwartete und ehrfurchtslose
Herausforderung der Gesellschaft. Da heit es: nur schnell irgendeinen
Feind finden ...

Doch wer wei, vielleicht ist das Ganze, d. h., sind diese Bltter mit
der ihnen zugedachten Verffentlichung -- wiederum nichts anderes, als
ein gebissenes Gouverneursohr, nur in einer anderen Gestalt? Warum mir
das sogar jetzt noch in den Sinn kommt, jetzt, nachdem sich schon so
vieles erklrt hat, -- das wei ich selbst nicht. Ich fhre weiter keine
Beweise an gegen eine etwaige Vermutung, die Tat, von der in dem
Dokument die Rede ist, sei falsch, d. h., vollkommen erdichtet. Am
wahrscheinlichsten ist, da man die Wahrheit irgendwo in der Mitte
suchen mu ... Doch ich greife zu weit vor; es ist besser, ich wende
mich zu dem Dokument selbst zurck.

                   *       *       *       *       *

Und Tichon las folgendes:




                               Anmerkung


S. 160. Die Antwort Kirilloffs auf die Frage nach Gott ist ein absoluter
Widerspruch, wie nein und ja: _Jew njet, no on jestj_. Man knnte
ebensogut sagen: Er ist nicht, aber es gibt ihn.

S. 896 sagt Schatoff zu Kirilloff: Gib mir, Bruder, ich gebe es dir
morgen wieder. Die Anrede mit dem Wort Bruder ist unter Russen so
blich, wie im Deutschen die Anrede mit Freund oder Lieber.

Die russische Frau wird von russischen Mnnern hufig Freund genannt,
obschon es die Form Freundin auch gibt. Es ist das psychologisch nicht
unwichtig.

                                                            _E. K. R._




                                Funoten


[1] Das Wort brgerlich ist hier und im folgenden nur als
parteipolitische Bezeichnung zu verstehen, wie es nach der franzsischen
Revolution und besonders im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts von
liberalen, fr europische Kultur und Brgerfreiheit schwrmenden,
republikanisch oder mindestens konstitutionell gesinnten Russen mit
Stolz gebraucht wurde. Es bezeichnete unter den russischen
Schillerianern den sich seiner Wrde bewuten Kulturmenschen, im
Gegensatz zum Untertan der herrschenden Autokratie. E. K. R.

[2] Die Klassiker der russischen Literatur sind fast alle zeitweise
verbannt gewesen oder haben unter geheimer polizeilicher Aufsicht
gestanden. Vgl. S. 1119. Die nach Sibirien verbannten Dekabristen wurden
geradezu als heilige Opfer verehrt. Vgl. Anm. S. 1093, 1094. E. K. R.

[3] Ein Kreis junger Dichter in den dreiiger und vierziger
Jahren. Lyriker, schwchere Romantiker, die sich fast alle den
sozialen und politischen Fragen fernhielten. Ihre zum Teil
melancholisch-pessimistischen Dichtungen wurden von dem berhmten
Kritiker und Realisten Belinski alsbald schonungslos kritisiert und
damit war ihr Ruhm untergraben. E. K. R.

[4] Die vier bedeutendsten literarisch-politischen Persnlichkeiten
derselben Zeit. Vgl. die Anmerkungen S. 1099, 1112, 1118 und 1081. E. K.
R.

[5] Der unter Nikolai I. gebruchliche vorsichtige Ausdruck fr das
Eingreifen der politischen Geheimpolizei -- der sogenannten Dritten
Abteilung --, vor der niemand sicher war. E. K. R.

[6] D. h., er ist um Mitteilung seines politischen Bekenntnisses ersucht
worden wegen einiger uerungen in einem Privatbrief ber
innerpolitische Manahmen (Umstnde). Die Dritte Abteilung der
Geheimpolizei kontrollierte auch die Privatkorrespondenz, und ein jeder,
der zu einer Universitt in Beziehung stand, galt unter Nikolai I.
bereits fr verdchtig. E. K. R.

[7] Humoristische Anspielung auf die am 23. April 1849 in Petersburg
verhafteten 30 Petraschewzen, von denen 20 -- unter diesen auch
Dostojewski -- zum Tode verurteilt, doch zu Zuchthaus und Verbannung
begnadigt wurden. ber die von einzelnen Petraschewzen geplante
Fourier-bersetzung vgl. Bd. XI der Ausgabe, Autobiographische
Schriften, S. 87. E. K. R.

[8] Die bliche Umschreibung fr von der Dritten Abteilung verfolgt,
bezw. bestraft worden sein. E. K. R.

[9] Der unter Nikolai I. mundtot gemachten Fortschrittler. E. K. R.

[10] Eine Art Whistspiel. Wrtlich: Unsinn, Wirrwarr. E. K. R.

[11] Vgl. S. 1118, Anm. E. K. R.

[12] Die ersten Jahre nach der drckenden Regierungszeit Nikolais I.
(1825--55), als unter dem jungen Zar-Befreier die groen Reformen
vorbereitet wurden, bis 1861, 62. E. K. R.

[13] Die regierungsfeindlichen russischen Zeitschriften erschienen in
der Schweiz und in London und waren in Ruland nur als Konterbande
erhltlich. E. K. R.

[14] Verfasser eines empfindsamen Buches ber die Schrecken der
Leibeigenschaft Eine Reise von Petersburg nach Moskau; wurde dafr
sofort (1790) zum Tode verurteilt, doch schlielich nur in Ketten nach
Ostsibirien verschickt, spter von Paul I. begnadigt. Beging Selbstmord,
als man ihm wieder mit Sibirien drohte. E. K. R.

[15] Wjek, Das Jahrhundert, hier als Titel einer Zeitschrift gedacht.
L. Kambek ein Kritiker. E. K. R.

[16] Eine Redensart wie am Ende der Welt, wo Makar noch nie gewesen
ist, unter jenen Umstnden in Petersburg das Verbannungsland Sibirien.
E. K. R.

[17] Der Tag der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861. E. K. R.

[18] Vgl. Vorbemerkung. E. K. R.

[19] Eine Dorfgeschichte von Grigorowitsch, die 1847 eine neue
Anschauungsweise einleitete (da der Bauer auch ein Mensch sei) und der
Literatur ein neues Stoffgebiet erschlo. E. K. R.

[20] Der Fhrer einer greren Schar aufsssiger Bauern nach der
Bauernbefreiung. Vgl. S. 1115, 2. Anmerkung. E. K. R.

[21] Der Aufstand der Polen im Jahre 1863 hatte zur Folge, da der
russische Nationalstolz mchtig hervorbrach. E. K. R.

[22] Die beste deutsche Schule in Petersburg. E. K. R.

[23] Frst von Nowgorod, 1151--1202, fiel auf einem Eroberungszuge gegen
die Polowzer. Anspielung auf den sorglosen Willen dieses Frsten zu
nationaler (normannischer!) Ausbreitung. E. K. R.

[24] Gogol bekannte sich seit 1846 zur offiziellen Orthodoxie. E. K. R.

[25] Vetter und Cousine drfen sich nach den Satzungen der russischen
Kirche nicht heiraten. E. K. R.

[26] In Karmasinoff hat Dostojewski I. Turgenjeff karikiert. E. K. R.

[27] Zu Kirilloffs eigenartig falscher Ausdrucksweise Nheres in der
Vorbemerkung. E. K. R.

[28] Der Held in Lermontoffs Roman Der Held unserer Zeit: Eroberer von
Frauenherzen. E. K. R.

[29] Die Gutsbesitzerin Frau Korobotschka in Gogols Roman Die toten
Seelen: der Typ einer beschrnkten, engherzigen, geizigen alten Frau.
E. K. R.

[30] Antwort Gogols auf den Vorwurf, seine Menschen seien nur mit Spott
und Verachtung geschaut, weshalb er auch nicht einen guten Zug an ihnen
wahrgenommen habe. Dostojewski hat dagegen in seinem ersten Werk
denselben unscheinbaren russischen Menschen als einen Trger grter
Menschenliebe und seelischer Zartheit geschildert -- als Protest gegen
Gogols Darstellung. E. K. R.

[31] Volkstmliche Anrede der Droschkenkutscher. E. K. R.

[32] Die orthodoxe Kirche lie damals eine Ehescheidung noch nicht zu.
E. K. R.

[33] Teilnehmer an der Verschwrung und dem Aufstande gegen die
Autokratie im Dezember 1825 -- meist Gardeoffiziere und die geistige
Elite Rulands. Die Fhrer wurden gehenkt, die brigen auf Lebenszeit
nach Sibirien verbannt (Siehe Anhang). E. K. R.

[34] Im Roman Vter und Shne -- der erste Versuch einer
Charakterisierung des Nihilisten: von der Zensur sehr entstellt, da
sie alle geschilderten guten Eigenschaften Basaroffs strich. E. K. R.

[35] Der Typ eines Gutsbesitzers in Gogols Roman Die toten Seelen:
Ein durchtriebener leichtsinniger Kerl, Schwtzer, Lgner, unehrlicher
Spieler ... der schnell mit jedem bekannt wird und, bevor man sich's
versieht, einen duzt ... Er erzhlte lgenhafte Anekdtchen, brachte
Zwietracht zwischen Verlobte. Er war berhaupt sehr vielseitig und stets
zu allem bereit. Was er tat, geschah aber nicht aus Gewinnsucht, sondern
infolge einer eigentmlichen Sprunghaftigkeit und Unruhe des
Charakters. E. K. R.

[36] Die altrussische Sitte, nach der Kinder ihre Eltern nicht duzen
durften, besteht auch heute noch in allen guten russischen Familien,
whrend das Du nur in herzlicher, unformeller Unterhaltung blich ist.
E. K. R.

[37] Siehe Anmerkung S. 313. E. K. R.

[38] Anfhrer des Kosakenaufstandes von 1667--71. Freiheitsheld. 1671
hingerichtet. E. K. R.

[39] Burschikose Abkrzung fr Petersburg. E. K. R.

[40] 1861. Siehe Anm. S. 451. E. K. R.

[41] Nach altrussischem Brauch werden Leichen in offenem Sarge auf den
Kirchhof getragen, wo der Sarg erst vor der Versenkung in die Gruft
geschlossen wird. E. K. R.

[42] Siehe S. 307, 430, 431. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft
durch Alexander II. (1861) machte sich alsbald unter dem zum Teil schwer
geschdigten Landadel eine reaktionre Gegenbewegung bemerkbar, die die
Regierung zeitweilig nicht wenig beunruhigte. Zwanzig Jahre spter
konnte man ihr ffentlich die Schuld an dem Attentat auf den Zaren (13.
III. 1881, einen Monat nach dem Tode Dostojewskis) zuschreiben, whrend
es im Grunde eine Tat des Terrorismus war: gleich den vielen anderen
Attentaten (seit 1866) eine Antwort der revolutionren Jugend auf die
scharfen Manahmen gegen ihre Fhrer und Kameraden. E. K. R.

[43] Berhmter Roman des Realisten und radikalen Publizisten
Tschernyschewski (1828--1889, seit 1865 politischer Strfling):
geschrieben whrend der Untersuchungshaft 1863, als Kunstwerk belanglos,
doch als anschauliche Vorfhrung der erstrebten Reformen -- u. a. die
Mglichkeit der Ehescheidung -- von ungeheuerem Einflu auf die Jugend.
E. K. R.

[44] Kondratij F. Rylejeff, geb. 1795, Dichter, von Puschkin und Byron
beeinflut, suchte durch Verherrlichung historischer Gestalten
Brgersinn und Unabhngigkeitsgefhl zu wecken, wurde als einer der 121
Dekabristen (siehe Anm. Bd. I, S. 300) abgeurteilt und am 14. Juli
1826 als einer der fnf zum Tode durch den Strang Verurteilten gehngt.
Seine Dumy (historische Lieder der Ukraine) waren lange Zeit nur
handschriftlich verbreitet. E. K. R.

[45] Die orthodoxe Kirche schied damals noch keine Ehe, die in ihr
geschlossen worden war, und grundstzlich steht sie auch heute noch auf
dem Standpunkt, da eine Ehe nur der Tod lsen darf. E. K. R.

[46] In den letzten Lebensjahren Belinskis ist Dostojewski (von
1845--1848) an diesen Abenden persnlich zugegen gewesen. E. K. R.

[47] Sekte der Schneidlinge, die ein legendres Buch fr die einzige
gttliche Offenbarung hlt. E. K. R.

[48] Anspielung auf den Heiland der Geislersekte. E. K. R.

[49] Die Hauptperson in Lermontoffs Roman Der Held unserer Zeit
(1841), meist fr ein Produkt des Byronismus in Ruland gehalten, im
Grunde jedoch etwas typisch Russisches: ein skeptisch-blasierter
berflssiger Mensch, seelisch Nihilist, doch ohne die Kraft und den
Enthusiasmus der spteren sogenannten Nihilisten, die Tolstoi die
einzigen Glubigen genannt hat und die z. T. auch hier in den Dmonen
geschildert sind. E. K. R.

[50] Bis zur Zeit der Aufklrung in Ruland verbreitete Vorstellung vom
Weltall, dessen Maschinerie angeblich von Engeln aufgezogen wurde. E. K.
R.

[51] Die gemigt liberale Petersburger Tageszeitung Die Stimme,
deren Bedeutung damals (1871) schon zurckgegangen war. Auch die brigen
Masken verspotten liberale oder nicht ausgesprochen nationalistische
Zeitschriften. E. K. R.

[52] Der Typ einer beschrnkten, engherzigen, geizigen Frau in Gogols
Roman Die toten Seelen: in ihren Kombinationsversuchen kommt sie auf
Vermutungen, die kein Mensch fr mglich halten wrde, -- eine
Charakterzeichnung von so genialem Realismus, da ihr Name bereits
adjektivisch gebraucht wird. E. K. R.

[53] Roman von Drushinin, der 1847 groen Beifall fand: der Mann
verzeiht seiner reuig zuckgekehrten Frau und das Glck ist nachher
tiefer. E. K. R.

[54] Eine Art Whistspiel. E. K. R.

[55] In formgetreuer Wiedergabe der zum Teil sprunghaft notierten Stze.
E. K. R.

[56] Irtenjeff -- Tolstois jugendliches Selbstportrt. E. K. R.

[57] Anfhrer des Kosakenaufstandes von 1667--1670. Machte das Land von
Kasan bis Persien unsicher, wollte dann gegen die unbeliebten
moskauschen Bojaren ziehen, wurde jedoch geschlagen, gefangen und
hingerichtet. Vielbesungener Freiheitsheld (s. S. 378). E. K. R.

[58] Der als Gott-Vater angebetete Heilige der Geilersekte. Mitte des
XVII. Jahrhunderts. Spielt innerhalb der Sekte eine grere Rolle als
der Papst im Katholizismus. Der jeweilige regierende Nachkomme Danilas
nennt sich Christus. S. 650, 651, Anspielung, da Stawrogin als Prinz
Iwan mehr sein wrde als ein Iwan Filippowitsch. Der Zarewitsch
Iwan ist der lichte Prinz im russischen Mrchen. E. K. R.

[59] Molokanen (Milchesser), russische Sekte an der Wolga seit dem
Anfang des XIX. Jahrhunderts, so genannt, da sie auch in der Fastenzeit
Milch genieen. Protestantisch insofern, als sie die Bibel sehr hoch
halten und die Entstehung der Sekte auf Berhrung mit den
protestantischen deutschen Kolonisten zurckzufhren ist. Im brigen
glauben sie das Urchristentum zu besitzen, und ein jeder kann sich die
Heilige Schrift nach eigener berzeugung auslegen. E. K. R.

[60] Herzen, dem Sohn der Protestantin Louise Haag, war der um jeden
Preis geforderte blinde orthodoxe Glaube der Slawophilen -- besonders
der Romantiker unter diesen -- ebenso unmglich, wie die mokante Skepsis
seines Vaters, des russischen Aristokraten Jakowleff. Die Wissenschaft
war fr ihn gleichfalls Liebe. Das Gefhl der Religion ersetzte ihm
eine hohe Meinung von der Wrde des Menschen. Auf dieser Grundlage
bekmpft Herzen das absolutistische Regierungssystem zunchst als
Republikaner, in seinen letzten Lebensjahren jedoch nicht mehr als
prinzipieller Antimonarchist. Als Fortsetzer der aufrufenden Arbeit
Belinskis, als Publizist und glnzender Schriftsteller hatte er um die
Mitte des 19. Jahrhunderts (1848--63) den grten Einflu auf die
geistige Entwicklung Rulands. (Geb. 1812 in Moskau, seit 1847 Emigrant,
1870 gest. in Paris.) Dostojewski hat erst spter (1876 im Jngling,
1880 in der Puschkinrede) die Westler, zu denen Herzen, Belinski,
Tschaadajeff und Granowski gezhlt wurden, gleichfalls als Trger der
russischen Idee anerkannt. E. K. R.

[61] Die Hauptperson in Gribojedoffs klassischer Komdie Verstand
schafft Leid (geschrieben 1823, durfte erst 1833 verstmmelt gedruckt
werden): Tschatzki kehrt von seinen Reisen im Auslande, erfllt von
Heimatliebe, nach Moskau zurck, rgert sich aber sogleich dermaen ber
seine Landsleute, ber ihren gedankenlosen Materialismus, ihr
Strebertum, das fr sie der einzige Antrieb zu ihrem Staatsdienst ist,
ber ihre stolzlose Auslnderverehrung, da er noch am selben Tage in
Verzweiflung nach seinem Wagen ruft, um wieder zu verreisen. Der
aufrttelnde Einflu dieser im Originaltext bis in die sechziger Jahre
nur handschriftlich, doch in ungezhlten Tausenden von Exemplaren
verbreiteten Satire ist nicht abzuschtzen: Die Jugend wollte sich nicht
mehr zu diesen von D. von Wisin, Gribojedoff, Gogol usw. gezeigten
Spiegelbildern der Gesellschaft entwickeln, gab in den dreiiger Jahren
mit Tschaadajeff Ruland fast auf, nannte sich international, um in den
vierziger Jahren mit Belinski, in den fnfziger Jahren mit Herzen, in
den sechziger Jahren mit Tschernyschewski immer wieder -- wie diese --
auf dem Umwege ber Europa erst recht zu Ruland zurckzukehren. Ihr
Anschlu an Dostojewski -- nach ihrem Anschlu an Tolstoi -- steht im
wesentlichen erst noch bevor. E. K. R.

[62] Die im Russischen bliche Bezeichnung fr geistige Fhrer,
Koryphen, wie berhaupt fr fortschrittlich gesinnte bedeutende
Menschen. Hier von dem slawophilen Schatoff-Dostojewski in feindlich
herabsetzendem Sinne gebraucht, da die Fortschrittler meist Westler
waren oder fr Westler gehalten wurden. E. K. R.

[63] Siehe S. 300, Anm. Die Grnder des geheimen Wohlfahrtsvereins und
der anderen Geheimbnde -- meist Offiziere, sowie ehemalige Freimaurer
oder Shne von solchen -- erstrebten anfangs (etwa 1816--18) nur eine
freiheitliche Umgestaltung der russischen Autokratie nach westlichen
Vorbildern (England). Doch ihr bedeutendster Vertreter, Oberst Paul von
Pestel (Adjutant des Feldmarschalls Grafen Wittgenstein und Haupt des
Sdlichen Geheimbundes in Kiew) war von Anfang an fr die Republik und
die Beseitigung des Kaiserhauses. Pestel arbeitete fr Ruland eine
Verfassung in Anlehnung an die der Nordamerikanischen Staaten und der
Schweiz aus, ging aber in vielem sehr viel weiter und plante bereits
eine Bodenreform auf staatswirtschaftlicher Grundlage, weshalb er ein
Sozialist vor dem Sozialismus, aber wegen seines Absolutismus auch
eher ein Bonaparte als ein Washington genannt worden ist. Das Land
sollte nach seinem Plan den Bauern berwiesen werden, da anderenfalls
die Proklamation der Republik nur eine leere Namensnderung wre. (Das
hat Dostojewski noch nicht gewut).

Der pltzliche Tod Alexanders I. und die Ungewiheit ber seinen
Nachfolger verleitete die Geheimbndler zu einem verfrhten Aufstand (am
14. Dezember 1825 -- daher Dekabristen), der von Nikolai I. mit
Karttschen niedergeschlagen wurde. Es folgten ber 1000 Verhaftungen.
Die Tragdie der Hinrichtung ihrer Fhrer durch den Strang (ursprnglich
sollten die 5 Hauptschuldigen, Oberst von Pestel, Oberst Murawjoff, der
heilige Dichter Rylejeff u. a. gevierteilt, 31 guillotiniert, die
brigen als Strflinge nach Sibirien verbannt werden), sowie die Haltung
der Verurteilten bis zur Hinrichtung oder whrend ihres sibirischen
Martyriums, das von ihren Frauen freiwillig geteilt wurde, hatte zur
Folge, da die Dekabristen als Helden und Mrtyrer verehrt wurden und so
unzhlige Nachfolger fanden. Aus dieser besonders durch die Dekabristen
in Ruland hervorgerufenen Verehrung der politischen Verbannten ist dann
auch Stepan Trophimowitschs leidenschaftlicher Wunsch, ein Verbannter
und Verfolgter zu sein, zu erklren, und weshalb um diese beiden Worte
ein gewisser klassischer Glanz spielt (siehe Seite 2.) Die
literarischen und politischen Schriften der Dekabristen sind zum Teil
erst in jngster Zeit herausgegeben worden, zum Teil sind sie auch jetzt
noch unverffentlicht. E. K. R.

[64] Alexander II., der 1861 die Leibeigenschaft aufhob. E. K. R.

[65] Tschaadajeffs Vorliebe fr den Papismus war so bekannt, da sogar
das Gercht von seinem bertritt eine Zeitlang glaubwrdig erschien. E.
K. R.

[66] Freund und Zeitgenosse Tschaadajeffs, wurde Jesuit, gab 1862 eine
Auswahl von Tschaadajeffs Schriften heraus. E. K. R.

[67] In spteren Jahren (1877) urteilt Dostojewski gerechter ber
Belinski. Vgl. Bd. XI., Alte Erinnerungen. E. K. R.

[68] Gnstling der Zarin Anna Iwanowna, die ihn 1737 zum Herzog von
Kurland erhob. Nach ihrem Tode (1740) Vormund des minderjhrigen
Thronfolgers Iwan und Regent, im selben Jahr von dessen Mutter Anna
Leopoldowna nach Sibirien verbannt, im nchsten Jahre von der Zarin
Elisabeth zurckgerufen. Zeichnete sich durch Grausamkeit in der
Regierung aus; lie zwar vom Volk Abgaben fr frhere Jahre eintreiben,
verfolgte aber besonders den russischen Adel und die Geistlichkeit. E.
K. R.

[69] Raskol = Spaltung: Bezeichnung fr die russische Kirchenspaltung,
d. h. die Absonderung der sogenannten Altglubigen von der Staatskirche
wegen der Korrektur der Gesang- und Gebetbcher, die durch das
Abschreiben immer fehlerhafter geworden waren und deshalb 1654 auf
Anordnung des Patriarchen Nikon in ihrem richtigen Text neuhergestellt
wurden. Mit diesem Raskol ist hier von Dostojewski die erste Absonderung
einer unteren Volksschicht gemeint. Mit der zweiten Absonderung einer
oberen Schicht seit Peter sind die Westler gemeint -- das Westlertum der
russischen Herrenkaste als Folge der Europisierung Rulands durch Peter
den Groen. E. K. R.

[70] Dostojewski hat ursprnglich Tschaadajeff zur Hauptfigur eines
Romans machen wollen, den bedeutenden Westler, der in einem Schreiben
von Ruland gesagt hatte, es habe keine Geschichte, keine Tradition,
denn es hatte und hat keine leitende Idee, die Vlker aber leben und
gedeihen nur, wenn sie eine [eigene] Idee haben und verwirklichen. Nach
der Verffentlichung seines Schreibens suchte Tschaadajeff sich in
einer Apologie zu rechtfertigen, in der er seine Kritik Rulands zum
Teil abschwcht, doch auch so blieb sie fr Dostojewski zeitlebens ein
Dorn im Fleisch. E. K. R.

[71] Anspielung auf Tschernyschewskis berhmten Roman Was tun? (1863),
in dem von der Heldin vier im Traume geschaute Zukunftsvisionen erzhlt
werden (Aluminiumpalste des Volkes, Arbeit bei Gesang, Wanderung nach
dem Sden, freie Liebe usw.). Den ungeheuren Erfolg jedoch errang der
phantastische Roman -- nach den knstlerisch hochwertigen, doch als
Spiegelbilder der Gegenwart auf die Jugend trostlos wirkenden Werken
Gogols, Herzens, Turgenjeffs -- durch die mit grtem Temperament und
Optimismus gezeigte Rettungsmglichkeit aus diesem korrumpierten
Leben: ins Volk zu gehen, selbst wieder Volk zu werden. Die Ausfhrung
dieser Idee durch die Helden des Romans wirkte dazu wie eine Offenbarung
und bewog unzhlige Menschen der gebildeten Schicht, ihr Leben hinfort
buchstblich unter dem Volk wie unter Gleichstehenden zu verbringen oder
sich ihm ganz zu widmen. Die Mglichkeit zu glubiger Hingabe war fr
sie natrlich wichtiger als die Frage nach dem knstlerischen Wert des
Romans oder manchem selbstgebten Dilettantismus. Zudem lag in dieser
Idee etwas sehr Russisches, das einem noch unbewuten Triebe in den
Menschen jener Zeit entgegenkam. Auch Tolstoi und viele andere sind ja
spter diesen Weg gegangen. berdies waren die im Roman geschilderten
Menschen in ihrer sich als Selbstverstndlichkeit gebenden
Menschlichkeit trotz aller Utopien so entwaffnend, wie es etwa hier in
den Dmonen nicht die lauten Revolutionre, sondern die fast stummen,
doch im Innersten neuen Menschen sind. (Auch die vier starken, stolzen
Frauengestalten in den Dmonen haben in der russischen Literatur viele
Vorgngerinnen). Daher Dostojewskis Gestndnis im 9. Kapitel: Oh, wie
qulte ihn dieses Buch! usw. und seine wiederholten leidenschaftlichen
Angriffe gegen die bernaiven Zukunftstrume in diesem Roman, die bei
der Jugend die radikalsten politischen Forderungen zur Folge hatten,
jeden lebenserfahrenen Menschen aber bengstigen muten. E. K. R.

[72] Nheres ber diese und andere Proklamationen, die zu Anfang der
sechziger Jahre verbreitet wurden, siehe Band XI der Ausgabe
Autobiographische Schriften, Seite 169--173. E. K. R.

[73] D. war Dostojewski selbst, der in seinem vierundzwanzigsten
Lebensjahr (1845) Belinski kennen lernte. Dasselbe Erlebnis hat
Dostojewski spter noch ausfhrlicher wiedergegeben: in Bd. XI,
Autobiographische Schriften, Seite 313. E. K. R.

[74] Belinski war schwindschtig und starb schon 1848, siebenunddreiig
Jahre alt. (Auch seine spteren, von der Jugend gleichfalls
angeschwrmten Nachfolger, die als Kritiker den Kampf gegen die Kunst
um der Kunst willen immer radikaler fortsetzten, sind jung gestorben:
Dobroljuboff 1861 mit vierundwanzig Jahren, Pissareff 1868 mit
siebenundzwanzig Jahren. Dobroljuboffs Art, dem berhmten Turgenjeff
Wahrheiten ungeniert ins Gesicht zu sagen, ist in der Unverfrorenheit
Pjotr Werchowenskis gegenber Karmasinoff wiedergegeben.) E. K. R.

[75] Ein Herr, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in
einem Petersburger ffentlichen Hause ermordet wurde. Die gerichtliche
Untersuchung des Falles ergab ein abschreckendes Bild von der
grostdtischen Verrohung. E. K. R.

[76] Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft verbreitete sich unter den
Bauern das Gercht, der Zar habe ihnen viel mehr Land zugedacht, und in
einer Goldenen Urkunde (sie glaubten, Zarenworte wrden nur in Gold
geschrieben) sei dies zu lesen, aber die Beamten und der Adel htten die
Urkunde unterdrckt. Gegen die aufsssigen, plndernden Bauernhaufen
mute wiederholt Militr vorgeschickt werden. E. K. R.

[77] Tschurr heit Grenze, doch bei Spielen im Freien zugleich: Ich
darf nicht angerhrt werden! ich stehe auerhalb (der Grenzen) des
Spiels! -- Aus dem sddeutschen Bonde! und dem norddeutschen Es
brennt! lt sich keine hnlich drastische Ableitung bilden, die das
Verhalten Stepan Trophimowitschs so erschpfend bezeichnete: die wenig
mnnliche Art, sich persnlich vor einer Gefahr zu sichern, indem man
sich mit einem billigen Mittelchen dem Kampfe entzieht, sich fr
unantastbar erklrt und abgrenzt.

[78] In Drushinins Roman Polinka Ssacks der Gatte, der seiner Frau den
Ehebruch verzeiht, selbst jedoch bald darauf an Tuberkulose stirbt. E.
K. R.

[79] Dostojewski hat die Gestalt des Stepan Trophimowitsch zum Teil nach
dem schnen, doch sehr unbedeutenden Dichter Kukolnik gezeichnet, dessen
Romane Ende der dreiiger, Anfang der vierziger Jahre noch Beifall
gefunden hatten, ein Jahrzehnt spter jedoch schon vergessen waren, --
zum Teil nach dem bekannten Moskauer Geschichtsprofessor T. N.
Granowski, dem Freunde von Herzen, Belinski, Bakunin, Stankewitsch u.
a., die um 1840 im geistigen Leben Moskaus eine Rolle spielten. Auch
Granowski war eine schne Erscheinung, von gepflegtem ueren, das (nach
Herzens Ausspruch) ein wenig an einen feinen protestantischen Pastor
erinnerte. Seine Frau war eine Deutsche, kinderlos, in ihrer Erscheinung
ihm so hnlich, da sie wie seine Schwester wirkte. Seit 1839 hielt
Granowski, der bei den Studenten und freien Zuhrern sehr beliebt war,
und auch sonst allgemein verehrt wurde, an der Moskauer philosophischen
Fakultt seine Vorlesungen, doch war es ihm u. a. verboten, ber die
Reformation oder eine Revolution zu lesen, da die Aufgabe der seit dem
Dekabristenaufstand vom Zaren gehaten Universitten nichts weiter sein
sollte, als die Erziehung der Studenten zu treuen Shnen der orthodoxen
Kirche, zu treuen Untertanen fr den Kaiser und zu guten Brgern fr das
Vaterland. Whrend der Regierung Nikolais I. (1825--1855) hatte jeder
Schriftsteller von einigem Wert unter dem geistigen Druck und den
persnlichen Verfolgungen der Reaktion zu leiden. So war das
Verfolgtwerden unbedingt eine Ehre. Stepan Trophimowitschs Ehrgeiz und
zugleich Furchtsamkeit in der Beziehung ist durchaus lebenswahr
geschildert, obschon sich fr diesen Zug keine Portrthnlichkeit
nachweisen lt: Kukolnik war in seinen patriotischen Dramen
berpatriot, Granowski als Westler zwar liberal gesinnt, doch ein
Charakter, dem hnliche kleine Eitelkeiten und Schwchen fern lagen.
1876 schreibt Dostojewski selbst ber Granowski: Das war einer unserer
ehrlichsten Stepan Trophimowitsche (in meinem Roman >Die Dmonen< der
Typ des Idealisten der vierziger Jahre, den unsere Kritiker richtig
gezeichnet fanden ...) und vielleicht sogar einer ohne den geringsten
komischen Zug, der diesem Typ sonst leicht anhaftet ... Whrend
Granowskis Freunde, die Hegelverehrer Bakunin, Belinski, Herzen u. a.
spter Atheisten und Sozialisten wurden, blieb Granowski bei seinem
Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und hielt es mit den deutschen
Romantikern.

Gegen diesen sogenannten _Idealismus der vierziger Jahre_, den Stepan
Trophimowitsch vertritt, lt Dostojewski die historischen Nachfolger
dieser Idealisten, die in den Seminaristen und dem Anhang Pjotr
Stepanowitschs geschildert sind, den sogenannten _Realismus der
sechziger Jahre_ ausspielen: Der unrussischen Romantik und dem
unrussischen Symbolismus (in Karmasinoffs Potpourri Merci und in
Stepan Trophimowitschs Dichtung in lyrisch-dramatischer Form, wie in
seiner unrussischen Schwrmerei fr Abstraktionen) werden die von den
Seminaristen vergtterten Naturwissenschaften und die angewandte
entsprechende Philosophie, d. i. radikale Politik, entgegengestellt.

Die Reden Schatoffs in den Notizbuchentwrfen sind Entgegnungen auf fast
wrtlich wiedergegebene Aussprche Bakunins, des Begrnders des
revolutionren Anarchismus, und des Terroristen Netschajeff.

Letzterer (Prototyp Pjotr Werchowenskis) hatte die Lehre Bakunins -- von
der Notwendigkeit der radikalen Zerstrung der bisherigen
Gesellschaftsform, damit die neue Form vom Volk nach ganz anderen,
wirklich neuen Grundstzen geschaffen werden knne -- sogleich in die
Tat umzusetzen versucht und 1869 in Moskau die Mitglieder seines
Geheimbundes zur Ermordung eines ihrer Genossen (des Studenten Iwanoff)
zu zwingen gewut. Wie W. Ssolowjoff hervorhebt, ist in den Dmonen
der Netschajeffproze vorweggenommen. Der Roman war 1871 zum Teil
schon gedruckt, als der Proze erst begann. (Nheres ber Netschajeff
und die Netschajewzen -- den Proze der Siebenundachtzig -- siehe Band
XI, Autobiographische Schriften, S. 323--351.) Netschajeff selbst
entkam zunchst nach der Schweiz, wurde aber 1872 an Ruland
ausgeliefert und starb nach zwanzigjhriger Kerkerhaft im
Schlsselburger Gefngnis. Seine Zeitgenossen schildern ihn als einen
Charakter von sthlerner Energie. Seine Ideen ber die
Pandestruktion verffentlichte er 1869 in Genf in einem Blatt, das er
Das Volksgericht nannte. Plne fr den zuknftigen Aufbau wurden von
ihm berhaupt nicht geduldet. Unter sein Bild schrieb er die Worte: Das
Werk der Zerstrung ist getan, -- das Werk des Aufbaus steht bevor und
wird nicht nur eine Generation beschftigen. Von seinem Grundsatz, da
auch Jesuitismus und Macchiavellismus im Kampf der Klassen als Mittel
anzuwenden seien, haben sich seine Lehrer Bakunin und andere Anarchisten
alsbald losgesagt.

In der Philosophie Kirilloffs hat Dostojewski die Gedanken Michael
Bakunins wiedergegeben und weitergesponnen, -- wie brigens auch in den
folgenden Romanen Der Jngling, Die Brder Karamasoff, und in
kleineren Werken. Bakunin wollte vor allem die Idee >Gott< in den
Menschen tten.

Vorlufer Stawrogins sind in gewissem Sinne fast alle Helden Puschkins.
Aber auch Tschatzki und die Helden Lermontoffs, Gontscharoffs,
Turgenjeffs u. a. sind eine Vorbereitung zu dieser Gestalt. E. K. R.

[80] S. Bd. I, Vorbemerkung. E. K. R.




                 bersetzung franzsischer Textstellen


{[1]} Sie haben mich wie eine alte Stoffmtze behandelt!

{[2]} das heit, ein [Narr], der meine Existenz einfach zerschmettern
kann

{[3]} in jedes Land, ..., wo Makar seine Klber auf die Weide bringt

{[4]} Ich bin ein [einfacher Schmarotzer], nichts mehr! Aber wirklich
nichts mehr!

{[5]} unter den Seminaristen

{[6]} Lieber Freund

{[7]} Blumenstrau der Kaiserin (franzsische Parfmmarke)

{[8]} fr unser heiliges Ruland

{[9]} aber lassen Sie uns unterscheiden

{[10]} Unter uns gesagt

{[11]} Haudegen

{[12]} ausgezeichnete Freundin

{[13]} Sie wissen, unter uns ... Mit einem Wort

{[14]} um uns seine Macht zu zeigen

{[15]} was fr eine wilde Idee!

{[16]} meine gute Freundin

{[17]} Schnes Kind!

{[18]} Aber, meine Liebe ...

{[19]} Aber, meine gute Freudin

{[20]} Und dann, da wir immer mehr Mnche als Grnde finden

{[21]} Nun ja, Teuerste

{[22]} und dann

{[23]} Ein Hitzkopf, aber ein guter Mensch.

{[24]} Oh, ein dumme Geschichte! Gute Freundin, ich habe auf Sie
gewartet, um Ihnen zu erzhlen ...

{[25]} Alle klugen und fortschrittlichen Mnner Rulands waren, sind und
werden immer [Kartenspieler] und [Trinker] sein

{[26]} Aber, unter uns

{[27]} Mein Liebster, ich bin ein ...

{[28]} Aber sie ist ein Kind!

{[29]} Ja, ich benutzte das falsche Wort ... Aber ... Es spielt keine
Rolle ...

{[30]} gleich

{[31]} Ja, ja, ich kann nicht

{[32]} diesem lieben Sohn

{[33]} Er ist so ein Kindskopf!

{[34]} Und schlielich das Lcherliche

{[35]} Ich bin ein Galeerenstrfling, ein Badinguet (Deckname Napoleons
III. auf der Flucht), ein ...

{[36]} Mir doch egal!

{[37]} Das ist mir egal, und ich rufe die Freiheit aus! Zum Teufel mit
Karmazinoff! Zum Teufel mit Lembke!

{[38]} Sie werden mich untersttzen als Freund und Zeuge, nicht wahr?

{[39]} ja, das ist das Wort

{[40]} oder etwas in dieser Art

{[41]} ich erinnere mich. Schlielich ...

{[42]} er war wie ein kleiner Idiot

{[43]} Wie!

{[44]} von userem armen Freund

{[45]} unser heiliges Ruland

{[46]} Aber das geht vorbei.

{[47]} ... zum Unglck. Sie werden mich begleiten, nicht wahr?

{[48]} Oh groer, gtiger Gott!

{[49]} und ich beginne zu glauben

{[50]} In Gott? Ein Gott hoch oben, der gro und gtig ist?

{[51]} Er tut alles, was ich will.

{[52]} Gott, Gott! ... Endlich eine Minute Glck!

{[53]} Sie und das Glck, Sie kommen zur gleichen Zeit!

{[54]} Aber

{[55]} ich war so nervs und krank. Und dann ...

{[56]} Das ist ein Trumer von hier. Er ist der beste und jhzornigste
Mann der Welt.

{[57]} und sie werden ihm eine Geflligkeit erweisen

{[58]} Mein Freund!

{[59]} Letztendlich ist es lcherlich.

{[60]} Dieser Mawrikij

{[61]} ein anstndiger Mann, immerhin ...

{[62]} an diese arme Freundin ... schlielich

{[63]} Tante, Tante

{[64]} Diese arme Tante

{[65]} dieser Liputin, den ich nicht verstehe ...

{[66]} Ich bin undankbar!

{[67]} alles ist gesagt, ... Es ist schrecklich!

{[68]} Sie ist ein Engel

{[69]} Nun ja

{[70]} schlielich

{[71]} Die arme Freundin

{[72]} Zwanzig Jahre!

{[73]} Er ist ein Ekel. Doch, ...

{[74]} ein anstndiger Mann, immerhin

{[75]} Diese Leute glauben, da die Natur und die menschliche
Gesellschaft in Wirklichkeit anders sind, als Gott sie gemacht hat

{[76]} Mit dieser lieben Freundin

{[77]} Aber la uns von etwas anderem sprechen.

{[78]} in der Schweiz

{[79]} Das war dumm, aber was kann man tun? Alles ist gesagt.

{[80]} Schlielich -- alles ist gesagt

{[81]} Der liebe Gott

{[82]} wenn es Wunder gibt?

{[83]} und lasse alles gesagt sein!

{[84]} was man Altar nennt!

{[85]} Lassen Sie mich allein, mein Freund

{[86]} sehen Sie

{[87]} Aber Lisa, was haben Sie denn?

{[88]} liebe Kusine

{[89]} Aber meine gute und ausgezeichnete Freundin ... welche Unruhe!

{[90]} das schmerzende Pochen

{[91]} Kurz gesagt, das ist ein verlorender Mann, wie ein entlaufender
Strfling.

{[92]} Das ist ein unredlicher Mann, und ich glaube, er ist ein
entlaufender Strfling oder etwas hnliches.

{[93]} Peter, mein Kind

{[94]} Aber mein Kind!

{[95]} possenhafter Charakter

{[96]} Sie haben Recht

{[97]} Erhaben!

{[98]} Sohn, lieber Sohn

{[99]} Er lacht.

{[100]} Sei's drum

{[101]} Ja, das ist das Wort

{[102]} Krach um seinen Namen machen, [ohne zu bemerken, da] sein Name
...

{[103]} Er lacht. Er lacht viel ... Er lacht stndig

{[104]} Umso besser. Doch lassen wir das.

{[105]} Ich wollte ihn bekehren. [Sie lachen natrlich.] Das arme
[Tantchen], sie wird Schnes zu hren kriegen!

{[106]} Dort ist irgendwas Blindes und Verdchtiges.

{[107]} Das sind einfach nur Faulenzer

{[108]} Ihr seid Faulpelze! Eure Flagge ist ein Lumpen, machtlos!

{[109]} Eine Dummheit dieser Art

{[110]} Du verstehst es nicht. Doch lassen wir das.

{[111]} Verstehen Sie?

{[112]} Kalesche

{[113]} gebhrend

{[114]} mit voller Kraft

{[115]} wohlttiger Kauz

{[116]} Quadrille der Literatur

{[117]} Lat ihr unreines Blut ber unsere Felder flieen!

{[118]} Keinen Zoll von unserer Erde, nicht einen Stein aus unserem
Festungen!

{[119]} Ja, dieser Vergleich ist erlaubt. Es war wie ein kleiner
Donkosake, der auf seinem eigenen Grab hpft.

{[120]} Ich habe das vergessen.

{[121]} Genug!

{[122]} Teuerste, genug!

{[123]} mangelndes Benehmen

{[124]} ohne da es sichtbar wird!

{[125]} Vorwarnung

{[126]} Endlich ein Freund!

{[127]} Bitte entschuldigen Sie, Ich habe seinen Namen vergessen. Er ist
nicht von hier, ... eine irgendwie dumme und deutsche Physignomie. Er
heit Rosenthal.

{[128]} Sie kennen Ihn? Irgendeine Stumpfsinnigkeit und
Selbstzufriedenheit ist in seiner Gestalt, und dennoch etwas Strenges,
Steifes und Ernsthaftes.

{[129]} Die kenne ich.

{[130]} ja, ich erinnere mich, er hat dieses Wort benutzt

{[131]} Er hlt sich zurck

{[132]} Jedenfalls schien er zu glauben, da ich ihn angreife und direkt
niederschlage. All die Leute aus den unteren Schichten sind so.

{[133]} Seit zwanzig Jahren bin ich bereit.

{[134]} Ich war wrdevoll und ruhig.

{[135]} und kurzum, all das

{[136]} und einige meiner historischen, kritischen und politischen
Entwrfe

{[137]} Ja, so war es

{[138]} Er war allein, ziemlich allein, [brigens war noch jemand] im
Vorzimmer, ja, ich erinnere mich. Und dann ...

{[139]} Sehen Sie, ich war stark erregt. Er redete und redete ... ber
einen Haufen Sachen ...

{[140]} Ich war stark erregt, aber wrdevoll, seien Sie versichert.

{[141]} Wissen Sie, er sprach den Namen Teltnikoff an

{[142]} der mir immer noch fnfzehn Rubel vom Whist schuldet, nebenbei
gesagt. Na ja, ich habe es nicht ganz verstanden.

{[143]} was denken Sie? Letztendlich stimmte er zu

{[144]} und nichts mehr

{[145]} als Freunde, und ich bin voll und ganz einverstanden.

{[146]} Meine Feinde ... und dann, wozu soll dieser Staatsanwalt gut
sein, dieses Schwein von einem Staatsanwalt, der mich zweimal beleidigte
und der letztes Jahr bei der charmanten und schnen Natalia Pawlowna
eine feine Abreibung erhalten hatte, als er sich in ihrem Boudoir
versteckte. Und dann, mein Freund

{[147]} wenn man diese Dinge in seinem Zimmer hat, und wenn sie kommen
um dich festzunehmen

{[148]} Schick sie fort ... und es geht mir auf die Nerven.

{[149]} Man mu vorbereitet sein, sehen Sie, ... jederzeit

{[150]} Sehen Sie, mein Teuerster

{[151]} Das kommt aus Petersburg

{[152]} Sie haben mich mit diesen Leuten zusammengebracht!

{[153]} Mit diesen Freidenkern der Feigheit!

{[154]} Wissen Sie, ... als wenn ich hier eine Art Skandal produziere.

{[155]} Meine Karriere ist heute beendet, ich fhle es.

{[156]} Ich schwre es Ihnen

{[157]} Was wissen Sie davon

{[158]} meine Karrriere is zu Ende

{[159]} was wird sie sagen

{[160]} Sie wird mich ihr ganzes Leben lang verdchtigen

{[161]} Das ist unwahrscheinlich ... Und dann, die Frauen

{[162]} Man mu wrdevoll und ruhig bei Lembke sein.

{[163]} Oh, glauben Sie mir, ich werde ruhig sein! ... auf dem Hhepunkt
von allem, was am heiligsten ist ...

{[164]} Gehen wir!

{[165]} Alles fr das Beste in der besten aller mglichen Welten.

{[166]} Meine Stunde hat geschlagen.

{[167]} Sie machen nichts als Dummheiten

{[168]} Ausgezeichneter Freund!

{[169]} Dieser liebe Mann

{[170]} und da man berall mehr Mnche als Vernunft findet

{[171]} Bezaubernd, die Mnche

{[172]} aber lassen Sie uns hier abbrechen, meine Liebe

{[173]} dieser lieben Freindin

{[174]} in vollem Umfang

{[175]} meine Damen

{[176]} Das ist Dummheit in Reinform, etwa wie eine einfache Chemikalie.

{[177]} nebenbei gesagt

{[178]} Lockspitzel!

{[179]} Mge Gott dir vergeben, mein Freund, und mge Gott dich
beschtzen.

{[180]} mit der Zeit

{[181]} Was mich betrifft

{[182]} diese armen Leute haben manchmal so bezaubernde Worte voller
Philosophie

{[183]} Mein Kind!

{[184]} Oh, das sind die armen kleinen Taugenichtse, sonst nichts, die
kleinen [Nrrchen] -- Das ist das Wort

{[185]} Oh, gestern war er so geistreich

{[186]} Welche Schande!

{[187]} Charmante Dame, Sie werden mir vergeben, nicht wahr?

{[188]} den Kindern

{[189]} Sie werden mir verzeihen, nicht wahr

{[190]} Arme Mutter!

{[191]} Sie sind traurig, nicht wahr?

{[192]} Wir sind alle traurig, aber wir mssen vergeben. Lisa, lassen
sie uns vergeben

{[193]} man mu vergeben, vergeben und vergeben!

{[194]} zweiundzwanzig Jahre!

{[195]} Im Haus des Kaufmanns, wenn es den Kaufmann denn gibt!

{[196]} Aber wissen Sie wie spt es ist?

{[197]} Existiert Ruland? Ha, das sind Sie, lieber Hauptmann!

{[198]} Oh, mein Gott

{[199]} Es lebe die Republik

{[200]} Es lebe die demokratische, soziale und universale Republik, oder
Tod! ... Freiheit, Gleichheit, Brderlichkeit oder Tod.

{[201]} von Kirilloff, einem russischen Gentleman und Weltbrger

{[202]} einem russischen Gentleman-Seminaristen und Brger der
zivilisierten Welt!

{[203]} geborene Garin

{[204]} Reisetasche

{[205]} wie ein

{[206]} Diesen Kaufmann

{[207]} Es lebe die Fernstrae

{[208]} Ich habe zusammen vierzig Rubel, er wird das Geld nehmen und
mich trotzdem tten.

{[209]} Gott sei Dank

{[210]} unentschieden ... und dann

{[211]} Das fngt beruhigend an.

{[212]} Das ist sehr beruhigend ... das ist im hchsten Grad beruhigend

{[213]} Ich bin jemand anderes.

{[214]} aber schlielich

{[215]} Das ist reizend

{[216]} Ja, so knnte man das bersetzen.

{[217]} Das ist sogar besser, ich habe vierzig Rubel, aber ...

{[218]} Um es auszusprechen

{[219]} meine Freunde

{[220]} Sie wollte es

{[221]} Ach wie schn!

{[222]} einen Fingerbreit Wodka

{[223]} ein kleines bichen

{[224]} Ich bin ziemlich krank, aber es ist nicht schlimm, krank zu sein

{[225]} Eine Dame, die auch so aussah

{[226]} Ah ... aber ich glaube das ist das Evangelium ...

{[227]} Sie sind, was man eine Bibelverkuferin nennt?

{[228]} Ich habe nichts gegen des Evangelium, und ...

{[229]} Das Leben Jesu

{[230]} Mir scheint es, da alle nach Spassoff gehen ...

{[231]} Aber sie ist eine Dame und eine wahre Respektsperson

{[232]} Dieses kleine Stck Zucker ist nichts ...

{[233]} makellos respektvoll

{[234]} Sie sind keine dreiig Jahre alt

{[235]} Aber, mein Gott

{[236]} Diese Bsewichte, diese Unglcklichen!

{[237]} Bah, ich werde zum Egoisten!

{[238]} Aber was ist mit dem Mann los?

{[239]} Mein Gott, meine Freunde

{[240]} Aber meine teure und neue Freundin

{[241]} Aber was tun, und ich bin begeistert!

{[242]} nicht wahr?

{[243]} Ich liebe die Menschen, das ist unerllich, aber es scheint
mir, da ich ihnen niemals nahe war. Stasie ... Es versteht sich von
selbst, da sie aus dem Volk stammt ... aber von den wahren Menschen

{[244]} Liebe und unvergleichliche Freundin

{[245]} liebste Unschuldige. Das Evangelium ... Sie sehen, von nun an
werden wir zusammen beten

{[246]} etwas ganz neues dieser Art

{[247]} zugegebenermaen

{[248]} und dieser netten Undankbaren auch ...

{[249]} Liebe Unvergleichbare, fr mich ist eine Frau alles!

{[250]} Es wird zu kalt. brigens, ich habe vierzig Rubel und hier ist
das Geld

{[251]} La uns nicht mehr reden, weil es mir weh tut

{[252]} Weil wir reden mssen. Ja teure Freundin, ich habe Ihnen viel zu
sagen.

{[253]} Wie, Sie kennen schon meinen Namen?

{[254]} Genug mein Kind, [ich flehe Sie an,] wir haben unser Geld und
dann -- und dann den gtigen Gott.

{[255]} Genug, genug, Sie qulen mich

{[256]} Es ist nichts, wir werden warten

{[257]} Sie sind edel wie eine Marquise!

{[258]} wie in Ihrem Buch!

{[259]} Genug, genug, mein Kind

{[260]} wissen Sie

{[261]} Bin ich wirklich so krank? Aber es ist nichts Ernstes.

{[262]} Oh, ich erinnere mich, ja, die Apokalypse. Lesen Sie, lesen sie.

{[263]} und wir werden zusammen weggehen

{[264]} diese Schweine

{[265]} in diesem Buch

{[266]} ein Vergleich

{[267]} Ja, dieses Ruland, was ich immer geliebt habe.

{[268]} und die andern mit ihm

{[269]} Sie werden spter verstehen ... Zusammen werden wir es spter
verstehen.

{[270]} Schau, ein See

{[271]} Und ich werde das Evangelium predigen ...

{[272]} Sie ist ein Engel ... Sie war mehr als ein Engel fr mich

{[273]} Ich liebte Sie!

{[274]} Ich liebte sie man ganzes Leben lang ... zwanzig Jahre!

{[275]} Eine Stunde, [und dann] -- eine Brhe, einen Tee ... endlich ist
er so glcklich.

{[276]} Ja, meine Freunde, ... Die ganze Zeremonie

{[277]} Mein Vater, ich danke Ihnen, und Sie sind sehr gut, aber ...

{[278]} Dies ist mein Glaubensbekenntnis.

{[279]} Ich habe mein ganzes Leben gelogen

{[280]} Pariser Artikel

{[281]} sehr wenig


                     Anmerkungen zur Transkription

Die Smtlichen Werke erschienen in der hier verwendeten ursprnglichen
Fassung der bersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
Ausgaben 1906--1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
nach:

                  F. M. Dostojewski: Smtliche Werke.
                     Erste Abteilung: Fnfter Band.
                    Erste Abteilung: Sechster Band.
                              Die Dmonen
                 R. Piper & Co. Verlag, Mnchen, 1921.
                          11. bis 20. Tausend

Fr diese ebook-Ausgabe wurden der fnfte und der sechste Band
vereinigt. Band 6 beginnt mit Elftes Kapitel.

Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der Smtlichen
Werke vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
ursprnglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
nach der Titelseite eingefgt.

Funoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Die Bearbeiter haben diesem Text bersetzungen der franzsischen
Textstellen in Form von Funoten hinzugefgt und der _public domain_ zur
Verfgung gestellt.

Diese zustzlichen Funoten sind mit { } markiert.

Zu den Anfhrungszeichen: Gesprche wurden in doppelte Anfhrungszeichen
() eingeschlossen. Die Wiedergabe von uerungen anderer innerhalb von
Gesprchen wurde in einfache Anfhrungszeichen (><) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
Buchstabe  (oder auch j) steht fr den kyrillischen Buchstaben
ja. Die Schreibweise hufig vorkommender russischer Namen wurde
vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):

   Agafja (Agaphia)
   Bogojawlenskstrae (Bogojavlenskschen Strae)
   Marja Ignatjewna (Maria Ignatjewna)
   Iwan (Iwn)
   Iwanoff (Iwanow)
   Nicolai (Nikolai)
   Nicolajewitsch (Nikolajewitsch)
   Nicolajewna (Nikolajewna)
   Praskowja (Proskowja)
   Semjonytsch (Ssemjonytsch)
   Stawrogin (Stowrogin)
   Stepan (Stephan)
   Zarewitsch (Zarwitsch)

Die abweichende Schreibweise der Namen im Personenverzeichnis wurde
unverndert bernommen, da sie die Aussprache verdeutlichen soll.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
nderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des
russischen Originaltextes, sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 14]:
   ... die nur miteinander streiten, das ganzen Leben in ...
   ... die nur miteinander streiten, das ganze Leben in ...

   [S. 37]:
   ... jetzt irgendein Andrejeff, un rechtglubiger Narr mit ...
   ... jetzt irgendein Andrejeff, c'est  dire un rechtglubiger
       Narr mit ...

   [S. 78]:
   ... sozialen Republik und Harmonie htten sein knnen. ...
   ... sozialen Republik und Harmonie htte sein knnen. ...

   [S. 120]:
   ... ganze ungewhnlichen Pose vor mir stehen. ...
   ... ganz ungewhnlichen Pose vor mir stehen. ...

   [S. 139]:
   ... mir zu viel Geld kosten, und das ist er auch gar nicht wert ...
   ... mich zu viel Geld kosten, und das ist er auch gar nicht wert ...

   [S. 200]:
   ... beiden hatte man an Lebdkin vermietet. An Mbel ...
   ... beiden hatte man an Lebdkin vermietet. An Mbeln ...

   [S. 330]:
   ... zu ihren Diensten stehe, jederzeit und unter allen ...
   ... zu Ihren Diensten stehe, jederzeit und unter allen ...

   [S. 464]:
   ... wirklich wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt bost, ...
   ... wirklich wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt erbost, ...

   [S. 784]:
   ... hielt, sich daraus einen Vers zu machen oder etwas ...
   ... hielt, sich darauf einen Vers zu machen oder etwas ...

   [S. 880]:
   ... oder Geld, davon schon ganz zu geschweigen. Du hast ...
   ... oder Geld, davon schon ganz zu schweigen. Du hast ...

   [S. 1073]:
   ... autochthone Typen sind hufig entweder Stenka Rasins ...
   ... autochthonen Typen sind hufig entweder Stenka Rasins ...

   [S. 1085]:
   ... sehen Sie einmal: wenn sie glauben, da das Christentum ...
   ... sehen Sie einmal: wenn Sie glauben, da das Christentum ...






End of the Project Gutenberg EBook of Smtliche Werke 5-6: Die Dmonen, by 
Fjodor Michailowitsch Dostojewski

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     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
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Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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