The Project Gutenberg EBook of Blut, by Waldemar Bonsels

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Title: Blut
       Eine Erzhlung

Author: Waldemar Bonsels

Release Date: October 26, 2014 [EBook #47202]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Anmerkungen zur Transkription:

Die Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals wurde weitgehend
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diese Zhlung wurde in der transkribierten Fassung bernommen.
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  Waldemar Bonsels / Blut




  Waldemar Bonsels

  Blut

  Eine Erzhlung


[Illustration]


  56. bis 58. Tausend

  Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
  Berlin und Leipzig
  1923




  Die erste Ausgabe ist im Jahre 1909 erschienen
  Copyright 1914 by Hesse & Becker Verlag in Leipzig
  Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart




Erstes Kapitel.


Anne-Dore sah von ihren Fenstern aus am Rand eines niedrigen
Buchenwaldes hin die rote Heide. In leichten Hgeln dehnte sie sich
weiter hin, als das Auge reichte, und wenn die Sonne, die von drei Uhr
nachmittags ab ihre Zimmer bewohnte, abends hinter die glhenden
Schleier sank, die der Atem der Heide aus ihren letzten Strahlen wob,
erschien dem Mdchen die Welt unendlich und vollkommen. Die kleinen
Kiefern standen schwer und schwarz in rotem Gold, der Wald versank in
graue Trume voller Geheimnisse und fremder Graun, nur die rtlichen
Felsen fern hinter ihm, niedrig und zerklftet, wie sie waren, wachten
noch eine Zeitlang in den Farben der Abende, deren Stille berckend war,
die Schlge der Herzen hrbar machte und die Augen mit groen, khlen
Trumen berschattete.

Seit einigen Jahren war Anne-Dore dies abendliche Bild gewohnt wie eine
notwendige Lebenserscheinung, sie htte sich ihr schlichtes und
eintniges Leben nicht mehr denken knnen, ohne da die Weite der
breiten Heide mit ihrem wechselnden Wesen, ihren frohen Lichtern und
Farben und ihrer grauen Betrbnis, auch ihrem eigenen Wesen sein
Gesicht, ihrem Herzen seine Stellung zu allen Dingen der Welt verliehen
htte. Aber auch die Hgel der Heide, ihre Strucher und Kiefern, ihre
armseligen Strohhtten und die Buchen des Waldes, der sie gegen Sden
sumte, schienen Anne-Dore zu kennen und sie in der gleichen Treue zu
lieben, in der ihnen das Herz des Mdchens gehrte. Geduldig trugen sie
ihr weies, winterliches Kleid, des neuen Frhlings gewi, in dem sie
fr Anne-Dore grnen sollten, fr Anne-Dore, die schon als ganz kleines
Mdchen mit nackten Fen und fliegendem Kleid durch ihre sommerliche
Pracht gestrmt war.

Eigentlich immer allein. Tiefer im Tal, an den Hgeln, die das Landhaus
von der Stadt trennten, standen kleine Bauernhuser, zu klein und arm,
um Gehfte genannt werden zu knnen, und doch zu wohlgepflegt und
suberlich, als da man sie mit den drftigen Anwesen der Tagelhner aus
der Stadt verwechselt htte. Mit den Kindern, die dort aufwuchsen, hatte
Anne-Dore anfnglich wohl zuweilen gespielt, aber als die frhesten
Kindertage vorber waren, empfand sie einen Unterschied zwischen sich
und den anderen, einen Drang nach sich selbst und ihrem Wesen, dem sie
gehorchte. Man brauchte nur in ihre Augen zu sehen, in die tiefen,
versonnenen Augen, deren Blau so schwer von langen Wimpern berschattet
war, da es nur selten in einem unerwarteten Lichtstrahl seine Farbe
verriet. Dann glaubte man wohl zu verstehen, da diesem Wesen darnach
verlangte, ruhig auf sich versenkt, die stille Bahn zum eigenen Werden
zu suchen, an dessen Entwicklung niemand Anteil zu haben schien.

Soweit Anne-Dore zurckdenken konnte, kannte sie ihre Mutter nicht
anders als still, ergeben und schweigsam. Sie sprach leise und
schleppend, ein wenig singend und matt, aber ohne jede Inbrunst des
Ausdrucks. Man war dabei nie versucht, sie traurig zu nennen, o nein,
eine bestimmte und tiefe Traurigkeit htte ihrem Wesen vielleicht jene
sanfte Wrde verliehen, die Menschen adelt, die dem Leben gegenber
verzichtet haben und einen groen heimlichen Schmerz tragen. Nein, das
war es nicht, viel eher hatte die Art etwas Schleichendes, eine
qualvolle Tugendhaftigkeit und eine laue Anklage machten sich darunter
breit. Anne-Dore liebte ihre Mutter nicht und ihr Vater war ihr fremd,
denn er hatte die Jahre hindurch, in denen sie Kind war, in fremden
Lndern zugebracht, in weiten Reisen, auf denen seine Gattin ihn spter
nicht mehr begleiten konnte, weil ihre Gesundheit es nicht erlaubte. Und
etwas, das wie eine unsichtbare Schranke von je zwischen den Eltern und
ihrem Kind gestanden hatte, war deren groe Frmmigkeit. Es war eine
Frmmigkeit von jener anhaltenden Instndigkeit, die wie eine laue Luft
jeden ihrer Gedanken und jede ihrer Handlungen einhllte. In ihr fanden
sie Trost und Ersatz fr alle Unbillen eines Daseins, dessen Kmpfen und
Mhseligkeiten sie nicht gewachsen waren, in ihr barg sich alle Hoffnung
auf eine bessere Zukunft in einem leuchtenden Reich steter Heimatlichkeit,
das in einem Frieden ohne Angst ihr Leben vollenden sollte.

Nun, da Anne-Dore begann lter zu werden, und ihr bedchtiges Herz die
Werte prfte, die es in seine verschlossene Welt nahm, gengten ihr die
verzichtreichen Betrachtungen der Eltern selten, der helle Glanz ihres
irdischen Himmels erschien ihr wirklicher und kstlicher, als alle
Strahlen aus jener zuknftigen Welt. Wohl nahm sie geduldig an allen
Kirchgngen und Bibelstunden teil, die ihre Eltern besuchten, aber sie
kehrte ermdet und unbefriedigt in ihre ruhigen Zimmer zurck und in das
Mitrauen, das sie der stillen Freude ihrer Eltern entgegenbrachte,
mischte sich langsam der Unwille einer leisen Verachtung.

Am Abendhimmel glhten ihre einsamen Trume, die seltsam wenig Gestalt
gewannen, aber ihre Andacht war sinnenfroh und ohne Schranken. Sie
behielt ihre Zweifel im Herzen verschlossen, aber sie berwachte jedes
Wort und jede Gebrde ihrer frommen Eltern und schlief oft im Gefhl
eines bsen Triumphes ein, wenn es ihr am Tage gelungen war, tiefgeheim
die Mngel und Schden der elterlichen Seelenwelt zu betasten.

Auf ihren bloen Knien, im armseligen Schein der kleinen Nachtkerze,
betete sie wohl immer noch vor ihrem Bett, bevor sie einschlief, aber
ihre Augen wichen denen ihres ungeliebten Gottes aus, whrend sie
sorgfltig und in mhsamer Sammlung ihre gewohnten Stze sprach. Oft
schlo sie ihr Gebet mit den Worten: Du siehst in die Herzen der
Menschen, Herr Jesus Christus, du willst keine Gaben und Opfer, die
nicht ohne Vorbehalt gegeben werden, mache mit meinem Sinn, was du fr
gut hltst.

Dann brachen oft ihre geflsterten Worte ab und sie dachte unvermerkt:
das ist eigentlich das mindeste, was man von Gott verlangen kann, wenn
ihm daran liegt, da man fromm und gerecht bleibt.

Aber solche Gedanken mied sie und schmte sich ihrer in verborgener
Furcht. Erst der tiefblaue Nachthimmel mit der berflle seiner
silbernen Sterne brachte ihr Ruhe und in ihre letzte Mdigkeit schien
oft sein ewiges Licht als eine groe Erlsung, voll unaussprechlicher
Milde.

Die Morgensonne fand sie selten betrbt. Mit dem anbrechenden Tag war
ihr Herz froh und von Licht erfllt wie alle Dinge im Garten und im
Hause. Sie tat ihre einfache Arbeit gern und liebevoll gegen jedermann,
ertrug die bedchtige und lange Morgenandacht ohne Groll wie eine
unvermeidliche Gewohnheit und blinzelte mit ihren Augen den Widerschein
vom Goldschnitt der groen Bibel zu sich hinber. Das Gesicht ihres
Vaters war berladen von Andacht, und die gute Mutter neigte den Kopf in
unverstandener Wehmut wie unter einer freundlichen Last. Die Gegenstnde
im Wohnzimmer waren alle mit ihr befreundet. Es waren prchtige alte
Stcke darunter, die Frau Berta Wendel einst als Mdchen ihrem Gatten
aus den Schtzen des eigenen Vaterhauses mitgebracht hatte. Braune
Kommoden, blank und schwer beschlagen, an deren geschnitzten Ecken schon
die jungen Blondkpfe mancher Generation sich gestoen und deren dunkle,
fast unergrndliche Tiefen alle Geheimnisse geborgen hatten, die nur
immer ihre kindlichen Herzen ahnen mochten. Die alte, hohe Uhr in der
Ecke zwischen den niedrigen Fenstern war wohl der ehrwrdigste Besitz
der Familie Wendel, sie zeigte nicht allein Stunden und Minuten, nein,
auch die Tages- und Monatszahlen, hatte wandelnde Apostel, die zur
Mittagsstunde herzutraten, einen blinkenden Sternhimmel und ein so
volltniges, tiefgoldenes Glockenwerk, da Fremden unwillkrlich das
Wort im Mund erstarb, wenn diese feierliche Stimme in ihre Rede fiel.
Auf den niedrigen Wandschrnken tanzten, in hellbunten Glasspitzen, mit
sem Lcheln und gespreizter Grazie feine Porzellanfigrchen; in ihrer
eintnigen Lieblichkeit boten sie sich trben Stunden oder hellen
Blicken der Sonne dar.

Etwas, das Anne-Dore stets strte in dieser Harmonie von Tradition und
Ehrwrde, waren die neumodischen Bibelsprche, die in aufdringlichem
Bunt oder in ihren Begrbnisfarben von Silber und Schwarz berall an den
Wnden hingen, wo sie die Blicke einfingen und ihren Segen in die
Gemter zu leiten versuchten. Den Eintretenden grte der apostolische
Segen, dem Platze des Gastes am Speisetisch gegenber wurde der Herr
Jesus eingeladen, die Mahlzeiten zu segnen, ber dem schmalen und
hochlehnigen Sofa, das wie eine hagere Jungfer jede Behaglichkeit mit
energisch gespreizten Lehnen und Beinen von sich abwies, war der Spruch
angebracht: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die
Welt berwunden. Ein kleines leichtfertiges Hausmdchen, das lngst
entlassen war, hatte frher einmal zu Anne-Dore gesagt, da dieser
Spruch sehr gut ber das harte Sofa passe, das einen bsen Charakter
htte und jedem Wesen Angst einflte. Anne-Dore mute oft daran denken,
wenn sie in gemchlichem Frohsinn des Morgens den Staub aus den
polierten Verschnrkelungen der hartgepolsterten Lehnen wischte. Der
runde Spiegel mit verblichenem Goldrahmen war sehr hoch und derart
angebracht, da niemand hineinschauen konnte. Frau Berta Wendel hatte
gemeint, ein Spiegel verfhre zu migem Aufenthalt, nur weil man ihn
htte, sollte er seinen Platz im Zimmer haben. Sie war in solchen Dingen
von einer schleppenden Entschiedenheit und setzte ihre Meinungen durch.
Hoch ber ihm, schrg gegen die dunkle Tapete, hing in silbernen
Buchstaben, die von rosigen Blmchen durchwunden waren, das Wort des
Apostels Paulus: Wir sehen jetzt in einem Spiegel in einem dunklen
Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht.

Nein, diese Flle bereitwilliger Gaben aus der Glaubenswelt ihrer Eltern
hatte Anne-Dore nie recht behagt. Die Sprche hatten im Laufe der Jahre
durch die Gewhnung lngst ihren Geist und Sinn fr sie verloren, doch
sie empfand etwas wie eine Widrigkeit gegen das Wesen des wrdigen,
schnen Wohnzimmers. Aber ihre zaghaften Einwnde wurden vom Vater mit
der Begrndung widerlegt, da ein Herz, das recht zu seinem Heiland
stnde, von solchen Kleinigkeiten nicht berhrt werden drfe.

Sein eigenes Zimmer war grau und nchtern. Die Wnde waren durch hohe
schlichte Bcherregale verdeckt, deren Bnde von grnlich-grauen und
mrben Vorhngen verhllt waren. Sein groer Schreibtisch nahm fast die
ganze Schmalwand ein, in der das Fenster den Blick in den blhenden
Garten fhrte, der Sessel war praktisch und hart. Der segnende Christus
von Thorwaldsen sah auf die mhsame und zwecklose Geistesarbeit dieses
braven Mannes nieder, der fr sein Leben gern die Krfte und die Gaben
besessen htte, seinem Herrn und Heiland in Amt und Wrden zu dienen.
Die Verhltnisse seines Vaterhauses hatten ihm jedoch sein Studium nicht
erlaubt, und so war er frh mit einer drftigen Bildung und einem
opferfrohen Sinn als Missionar unter die Heiden gezogen. Sein Inspektor
hatte ihm dann nach Jahren auf seine Bitte hin eine Frau ausgesucht und
zur Gattin hinausgesandt. Berta Behneke hie sie, mehr wute er nicht
von ihr. Dieser Name stand in einem Brief, der ihm die Abreise seiner
zuknftigen Frau ankndigte, und er nahm sie hin, im Vertrauen auf
seinen Inspektor und auf seinen Gott, dessen Willen er diese Fhrung
zuschrieb. Anne-Dore war ihr einziges Kind geblieben, denn seine Frau
erkrankte kurz nach der Geburt der Kleinen, da sie das tropische Klima
nicht ertrug und er mute um ihretwillen seinem Berufe bald entsagen. Es
ergab sich nach dem Tode seiner Schwiegereltern, der kurz darauf
erfolgte, da ein kleines Vermgen vorhanden war, von dem das Huschen
erbaut werden konnte, das sie nun bewohnten. Auch blieb auer einer
geringen Pension der Missionsgesellschaft noch genug brig, um sie vor
drngenden Sorgen zu schtzen und die Verwaltung eines Waisenhauses,
sowie mancherlei andere Arbeiten im Weinberge des Herrn sicherten Herrn
Wendel und seiner kleinen Familie ein bescheidenes Auskommen.




Zweites Kapitel.


Vielleicht waren es die beschrnkten Mittel, vielleicht auch eine
bertriebene Besorgnis den Gefahren der fremden, groen Welt gegenber,
da Herr und Frau Wendel sich nicht entschlieen konnten, Anne-Dore fr
einige Zeit aus dem Hause zu geben. Es boten sich mancherlei
Gelegenheiten, aber ber zgernden Erwgungen wurden sie verpat, und
Anne-Dore drngte eigentlich ihre Eltern nicht, da sie keine
Abwechslungen begehrte und ihre Heimat liebte. Wohl trumte sie zuweilen
von einem andern Leben voller Farben, Glanz und irdischer Freuden, aber
ihre durch geduldige Gewohnheiten tiefbegrndeten Anschauungen lieen
ihr solche Begierden als unziemend und anmaend erscheinen. Sie hatte
krzlich die Erlaubnis erhalten, einem Vortrag beizuwohnen, der durch
eine Flle von Lichtbildern aus dem Sden Italiens, von den Inseln Capri
und Sizilien bereichert wurde. Sie sah dieses ppige und glanzvolle
Leben an sich vorberziehen, die strahlenden Toiletten der beglckten
Frauen und Mdchen, fr die es solche Herrlichkeiten auf Erden gab, und
ihre Gedanken fhrten sie zuweilen in dieses Land hinber, an der Seite
eines geliebten Mannes, sorglos, frei, ganz in Sonne gehllt, und dem
Grau des Elternhauses fr alle Zeit entrckt. Aber diese Sehnsucht
schmerzte nicht, sie vertrieb die Zeit und lockte in die Zukunft, im
Grunde waren es andere Dinge, die ihr Innenleben ganz in Anspruch nahmen
und ihre Stirn in gestaltlose Trume senkten. Aber sie verbarg das Weh
ihrer heimlichen Erfahrungen und all ihren Drang nach neuen Klarheiten
und Erkenntnissen lange tief in ihrem eigenen Herzen, in einer
fruchtbaren und ernsten Geduld, aus der ihre schwerbltigen Hoffnungen
lichtlos emporblhten.

Oft, in einer schmerzhaften Ratlosigkeit suchten ihre Blicke im
Angesicht des Heilands, aber unberhrt und still schaute sein
Leidensantlitz ber ihre einsamen Kmpfe hin. Und sie fhlte dann wohl,
da die nchtlichen Geheimnisse ihres jungen Krpers und alle drngenden
Erwartungen, die sie mit sich brachten, dies heilige Bild befleckten.
Sie weinte und verstand ihre Trnen nicht, bis sie sich endlich nach
einem verzweifelten Kampf gegen ihren brennenden Stolz in groen ngsten
ihrer Mutter vertraute. Das milde, berlegene Lcheln voll lauer Gte,
das ihr dankte, emprte sie bis auf den Grund ihrer Seele. Sie wnschte
sich inbrnstig, alles in frechen Lgen widerrufen zu knnen, aber die
Mutter kam ihr umstndlich zuvor und klrte sie darber auf, da dies
eine Strafe sei, mit der Gott alle Mdchen und Frauen zchtige und da
ein geduldiges Ertragen dieser Heimsuchung den Herrn vershnen wrde,
dessen heiliges Blut die Menschen von allen Snden reinwsche.

Von diesem Tage an hate Anne-Dore ihre Mutter. Sie verteidigte ihr Herz
eigensinnig gegen die Bitternis dieses Gefhls, das brennend emporstieg,
aber sie verschlo sich mehr als je und es krnkte sie hart, da nichts
dies geschenkte Vertrauen rckgngig machen konnte.

Drauen blhte die Welt. Anne-Dore flchtete in dieser Zeit hufiger und
oft fr viele Stunden in die ruhige Pracht der heimatlichen Heide. Auf
verlassenen Wegen, die niemand kannte, lie sie sich mit einem Buch am
Waldesrand nieder, versank im Summen der Bienen in tiefe, warme Gedanken
und berlie sich ganz dem goldenen Willen der Sonne. Oft konnte sie
lange Zeit dem bedchtigen Gang eines Kfers durch die Strucher des
Heidekrauts folgen, befriedigt und beglckt, aber zuweilen berfielen
sie seltsame und fremdartige Gelste, wie mit einem heidnischen Lachen
und doch in einem tiefen Zusammenhang mit allem Drngen und Werden in
der Natur, das um sie her glhte. Anfangs widerstand sie furchtsam und
geqult, aber je mehr sie empfand, da kein Sonnenstrahl darber seine
Herzlichkeit, kein Schmetterling seine leichte, selige Farbenpracht
verlor, um so mehr folgte sie sorgloser und sorgloser ihren Wnschen.
Sie entkleidete sich und legte sich nackt in die Sonne, lachte frhlich,
wenn ein Schmetterling sich ihre kleine, weie Brust zur Rast ersah und
berlie dem Wind und dem Spiel der Grser und Heidezweiglein ihren
jungen Krper. Eine Herzensscheu von unaussprechlicher Keuschheit lie
seine Geheimnisse ruhn, ihr erschien gut und rein, was sie erkannte und
sie ergab sich demtig und begierig der blhenden Vollendung, die ihm
geschah.

       *       *       *       *       *

Um diese Zeit war es, als eines Morgens Herr Wendel seine Tochter mit
einem vielsagenden Lcheln beim Morgenkaffee begrte. Anne-Dore
verhielt sich seinen neckischen Scherzchen gegenber meist in etwas
abwartender Reserviertheit, diesmal hatte sie aber sogleich den
Eindruck, da es sich um etwas Besonderes handeln msse. Sie nahmen das
Frhstck an den warmen Frhlingstagen, die es schon gab, des Morgens
auf der kleinen Veranda ein, in die man vom Wohnzimmer aus gelangte und
deren Seiten hellgrne, durchsichtige Wnde aus Efeu und Wein bildeten.
Eine schmale Holztreppe fhrte in den Garten.

Dore setzte sich erwartungsvoll, die Mutter fehlte noch, wie meistens,
denn sie schlief hufig des Nachts nicht und versumte dann selten, die
verlorene Ruhe den Morgen hindurch nachzuholen. Es war klarer
Frhsonnenschein, die Sperlinge schrien am Dach und Hhne krhten in der
blhenden Ferne. Es kam khl, ein wenig taufeucht und duftend vom Walde
herber zu den beiden.

Nun? fragte Dore und go ihren Kaffee ein.

Die milde weie Hand des Vaters lag gewichtig auf einem geffneten
Brief, dessen Ecken unter seinen Fingern hervorschauten.

Wir erhalten Besuch, sagte er.

Tante Helene? fragte Dore enttuscht.

Nein, Kind, hr einmal zu. Und dann begann der Vater umstndlich zu
berichten, er und die Mutter htten sich immer schon gesagt, da das
schne Fremdenzimmer gar nicht so recht zu seiner verdienten Geltung
komme, und da sich nun gerade durch die Empfehlung einer lieben und
befreundeten Familie Gelegenheit geboten, htten sie ein Anerbieten
angenommen und wrden fr die kommenden Monate einem jungen Kandidaten
der Theologie ihr Haus ffnen.

Was will der hier? fragte Dore.

Kind, beschwichtigte der Vater die leise Herausforderung, die er in
der Stimme seiner Tochter zu finden glaubte, du weit, wir mssen ein
wenig rechnen und wie die Dinge nun einmal liegen, nicht da ich
unzufrieden wre, aber der Mutter kme die kleine Pension, die solche
jungen Herren zahlen, recht zustatten. Er will sich hier in lndlicher
Ruhe auf sein Examen vorbereiten und ich hrte, er sei ein braver und
charakterfester Jngling.

Wie heit er denn? fragte Dore, etwas vershnlicher gestimmt.

Helferich Friedberg ist sein Name. Ich glaube wenigstens ... wenn ich
mich nicht irre ... Und er bltterte das Schreiben hin und her, bis er
besttigen konnte: Helferich Friedberg, ja.

Dore rhrte ihren Kaffee um, schwieg eine Weile und meinte dann
gelassen, wie sie fast immer war: Helferich? Was ist das fr ein Name?

Kind, der Name tut doch nichts zur Sache, wie? Ich habe ihn zwar auch
noch nicht gehrt, aber ... Das lchelnde Kinn des Vaters neigte sich
schrg ber seinen Teller nieder und er meinte mit einem milden
Handschlag auf die Tischdecke: Mir scheint, fr einen jungen
Seelenhirten ist er ganz geeignet. Er stellte sein Lcheln etwas
befangen ein, da Anne-Dore es nicht teilte. Und Friedberg? meinte er
dann ein wenig unsicher.

Friedberg geht an, urteilte Dore.

Nun, siehst du, mein Tchterchen, und ich hoffe, du wirst dich in die
kleine Vernderung fgen, die unserem Hause geschieht. Ich hege die
zuversichtliche Hoffnung, da es beiden Parteien zum Segen ausschlagen
wird.

Dore wollte noch allerlei fragen, aber sie unterlie es, sie klingelte
dem Mdchen zur Morgenandacht, und als die drei ber dem Bibelkapitel,
das fr diesen Tag bestimmt war, still um den Kaffeetisch herumsaen,
stieg drauen aus der glitzernden Heide eine Lerche in den sonnigen
Himmel empor.

Und whrend Dores Gedanken dem neuen Gast des Hauses mitrauisch
entgegengingen, hrte sie die Stimme ihres Vaters lesen:

Aber Gott ist treu, der euch nicht lsset versuchen ber euer Vermgen,
sondern macht, da die Versuchung so ein Ende gewinne, da ihr's knnt
ertragen.

       *       *       *       *       *

Eines Mittags, als Anne-Dore von ihrem gewohnten Heidegang zurckkehrte
und den Feldweg an den letzten Bschen ihres Gartens entlangschritt, sah
sie durch die Zweige einen groen, schwarzgekleideten jungen Mann auf
der Veranda ihres Vaterhauses sitzen. Sie blieb stehen, bog die ste
vorsichtig zur Seite und beobachtete, ob er ihr Kommen bemerkt htte. Es
schien nicht. Er sa ruhig da und schaute in den Garten. Anne-Dore
betrachtete ihn neugierig. Sie sah ein sehr groes, weiliches und
volles Gesicht mit einem mchtigen Kinn, das ganz unvernnftig weit nach
unten ausholte und die kurze dicke Nase und die freundlichen blauen
Augen in ihren Rechten zu beeintrchtigen drohte. Ein ganz schmaler,
kaum sichtbarer Kragen machte sich unsicher am Halse zu schaffen und
suchte mhsam eine Verbindung mit dem dicken schwarzen Gehrock, der nach
allen Richtungen hin vom Krper abstrebte. Nur auf den breiten Schultern
ruhte er gelassen, offenbar gewann er mit ihrer Hilfe seinen einzigen
Halt. Am erstauntesten aber betrachtete das Mdchen die Beine dieses
fremden Mannes, von denen eine so redliche Bescheidenheit ausging, da
sie gerhrt ihr Kpfchen schtteln mute. Es kam vielleicht nur durch
diese verletzend unschuldige Haltung seiner beiden Fe, deren Spitzen
sich derb und gesund nherten, whrend die beiden Fersen feindselig
auseinanderwichen. Dabei berhrten sich die Knie zutraulich und boten
seinen breiten roten Hnden bereitwillig eine Ruhestatt.

Das ist Helferich Friedberg, schlo Anne-Dore.

Nichts sprach gegen sein gutes Herz, aber sie freute sich doch darber,
da ihr ein Zufall Zeit gelassen hatte, sich an den Anblick des neuen
Hausfreundes zu gewhnen. Wenn er so ganz pltzlich dagestanden wre ...,
dachte sie. Dann ging sie durch die Haustr hinein und wurde im Korridor
vom Vater empfangen.

Unser junger Freund ist gekommen, sagte er ein wenig verlegen und ein
wenig erregt. Wenn du ihn begren willst? Oder ... Er sah ber Annes
Kleid hin, ber ihre Figur, mit einem heimlichen Stolz, den er nicht
wute, und seine Blicke blieben an ihren Haaren haften. Wie
unordentlich du aussiehst, sagte er.

Ich ziehe mich zum Essen um, meinte sie.

An der Treppe hielt er sie noch einmal an: Hre doch, Kind, ich habe es
dir immer schon sagen wollen, habe auch mit der Mutter darber
gesprochen, deine beiden Zpfe kannst du jetzt nicht mehr gut tragen. Du
mut dir die Haare knftig aufstecken. Mutter meinte, auch schon wegen
der hellen Sommerbluse wre es praktischer. Wie?

Anne-Dore blieb stehen.

Heute kann ich es nicht mehr gut, meinte sie zgernd und etwas
betrbt. Ich mte erst Nadeln und Kmme kaufen.

Es eilt auch nicht so, entschied der Vater, froh darber, da sie
scheinbar so leichten Herzens von ihrer gewohnten Haartracht lie.
Eigentlich war es ihm selbst ein kleiner Kummer, denn Anne-Dores dunkles
Haar war wunderschn und die beiden schweren Zpfe reichten weit ber
die Hften nieder und waren ihr kostbarer Schmuck.

       *       *       *       *       *

Es war in der Tat Helferich Friedberg, der junge Kandidat der Theologie
aus Pommern, der auf der Veranda des Wendelschen Hauses Platz genommen
hatte und dort auf die Mittagsmahlzeit wartete. Er war einen Tag zu frh
erschienen und eigentlich ohne genaue Anmeldung; es lag daran, da seine
gute Mutter daheim das Zimmer, das er bewohnt hatte, einen Tag frher
brauchte, und in Missionar Wendels Zusagebrief hatte auch gestanden:
Sie sind uns tglich willkommen, junger Freund. Er hatte seine
Handkoffer selbst gleich mitgebracht, eine Kiste mit Wsche und Bchern
war auf der Bahn unterwegs. Gegen zehn Uhr fand er sich ein und wurde
vom Hausherrn in sein kleines Zimmer gebracht, das gottlob schon
hergerichtet war. Von dort hatte er sich nach flchtiger Toilette ins
Wohnzimmer begeben und die beiden Herren waren einander in lngerem
Gesprch nhergetreten. Herr Wendel nahm die Familieneinzelheiten mit
Interesse entgegen, in allen Berichten hatte er eine schlichte und
rechte Gesinnung zu finden geglaubt, und auch ber die innerliche
Stellung des Jnglings zu seinem Gott war er schon unterrichtet. Es
hatte sich bei einer Gelegenheit, als der Gast vom Tode seines Vaters
sprach, so gemacht, da man das Gesprch unaufdringlich auch auf diesen
Gegenstand bringen konnte, und Herr Wendel war in allen Stcken beruhigt
und befriedigt. Er teilte dies auch erfreuten Herzens seiner Frau mit.
Man will doch gern wissen, mit wem man unter einem Dache schlft,
meinte er, und sie nickte mit einem weinerlichen Gerusch ihrer belegten
Stimme und bekundete damit ihre bereinstimmung.

Als man sich am Mittagstisch zusammenfand, wurde Anne-Dore vom Vater
Herrn Friedberg vorgestellt. Er machte eine tiefe Verbeugung, die ber
die ganze Lnge zweier niederhngender Arme unterrichtete, und die
Manschetten sanken ihm auf die Handknchel. Whrend des Tischgebets
versuchte er sie wieder in die rmel einzuschachteln, was Frau Wendel
mifiel. Als dann alle saen, fllte die Hausfrau die Suppenteller, und
mit einem freundlichen: Nehmen Sie vorlieb, reichte sie dem Gast
zuerst. Er wollte ihn an Anne-Dore weitergeben, aber leider hatte sein
Daumen sich zu tief in den Teller gewagt, und er zog ihn deshalb der
jungen Dame wieder fort und sagte: Pardon. Herr Wendel hoffte mit
einem geflligen Ruspern ber diese kleine Unannehmlichkeit
fortzuhelfen, was ihm sicher auch gelungen wre, wenn nur Herr Friedberg
gewut htte, ob er seinen benetzten Daumen in den Mund oder in die
Serviette schieben sollte. Er entschlo sich fr den Mund, da das
blendende Wei des frischen Leinens ihn abschreckte, lchelte befangen
und schaute Anne-Dore an. Sie erwiderte sein Lcheln, um ihm zu helfen,
und weil er ihr leid tat in seinem Ungeschick.

Was fr ein freundliches Mdchen, dachte Helferich Friedberg und schaute
von nun ab nur noch in das Gesicht des Hausherrn, der ihn in ein
Gesprch zog. Es handelte sich um einen fr die Gemeinde der Neustadt
sehr wichtigen Fall, um die Besetzung der vakanten Pfarrstelle in der
Nikolaikirche. Wendels rechneten sich dieser Gemeinde zu, und Herr
Friedberg erfuhr, da schon zwei Herren ihre Probepredigt gehalten,
beide eigentlich ohne da sie ein rechtes Wohlwollen gefunden hatten.
Morgen war nun der Sonntag des dritten Bewerbers, eines noch jungen
Pfarrers Jacoby, der sich von einer Kreisstadt aus hierher whlen lassen
wollte.

Als der Name fiel, kam ein unerwartetes Leben in den Kandidaten.

Jacoby sagten Sie? Sagten Sie nicht Jacoby?

Missionar Wendel besttigte es.

Ich kenne ihn, rief Friedberg und schwenkte die Hand. Ich kenne ihn
bestimmt. Oder, fgte er hinzu, es mte ein anderer Pfarrer Jacoby
sein.

Die nchsten Einzelheiten ergaben, da es in der Tat ein Bekannter war,
nicht ein persnlicher Freund, aber er hatte ihn predigen hren. Herr
Friedberg begeisterte sich ganz ber Gebhr fr diesen Mann. Sie mssen
ihn hren, rief er immer wieder. Es wre ein groer Segen fr unsere
Gemeinde, wenn er erwhlt wrde. Sonst wute er wenig bezeichnende
Eigenarten zu nennen, aber es war klar, da diese Bekanntschaft groen
Eindruck auf sein Gemt gemacht haben mute. Ich verdanke ihm viel --
alles sozusagen, versicherte er zum Schlu.

ber der Abmachung, da alle morgen zusammen den Gottesdienst besuchen
wollten, ging man auf ein anderes Thema ber. Anne-Dore sprach von den
Schnheiten der Gegend, aber sie verriet keine besondere Liebe, sondern
rhmte ihre rote Heide unbewut nur soweit, als sie annahm, da das gute
Herz des neuen Hausfreundes sie wrdigen knnte.

Sie ging an diesem Abend mivergngt und traurig in ihr Zimmer und wute
keine Erklrung fr ihre tiefe Verstimmung. Nachmittags war sie mit dem
Kandidaten im Wald gewesen, hatte ihr ruhiges Land und seine Wege
preisgegeben, und whrend sie an dies und jenes dachte, hatte die etwas
schnarchende, grobe Stimme des groen jungen Mannes sie ohne Aufhr in
ihre matten Tne gehllt. In der Abendsonne sangen Rotkehlchen und
Finken, es glhte von rotem Gold hinter dem jungen Grn und auf den
Zinnen ihrer lieben Berge. Ihr silberner Bach dmpfte im Wald die
frische Stimme ber der braunen Erde und den welken Blttern, frei und
lieblich lud die Natur alle Herzen zu sich ein, aber Helferich
Friedbergs derbe Schuhe benutzten ungefge und breit die Wege, die durch
sie hindurch fhrten, und er sprach immer nur von Pastor Jacoby und
seiner Wirksamkeit. Ach, wie gern glaubte ihm das Mdchen alles, aber
gab es nicht mehr, nicht tausend andere Dinge in der groen Welt, aus
der er kam? Ihre Augen suchten in seinem ausdruckslosen und gutmtigen
Gesicht, das immer Pastor Jacoby sagte. Nein, bei ihm gab es auch nur
dies eine, das nun so lange schon ihre Welt bedrngte, und sie empfand
etwas, das ihre jugendlichen Hoffnungen ttete, einen feinen Gram und
die bitterliche Erkenntnis, da noch fr lange Zeit ihr nichts die
stille und graue Welt verdrngen sollte, in der ihre Seele herangewachsen
war.

Sie waren dann bald zur Ruhe gegangen, der Herr Kandidat nach manchem
schlecht unterdrckten Ghnen, der Vater und die Mutter genau auf die
Art, wie sie es schon seit vielen, vielen Jahren taten. Vorher wurde die
Uhr aufgezogen, deren Stimme sich auch niemals nderte, und sogar der
Schlssel der Verandatr kreischte geduldig seinen alten Ton im etwas
rostigen Schlo.

Nun war es Nacht. Anne-Dore hatte beide Flgel ihrer Fenster weit
geffnet und hrte auf den Wind. Unter den Sternen her kam er ber die
Heide, lie ihrem klaren Glanz die ewige Stille und bewegte die Zweige
der Bume, so da sie flsterten und sich neigten. Hin und wieder fielen
Blten aus dem Kirschbaum lautlos und langsam auf den dunklen Rasen.




Drittes Kapitel.


Die Morgensonne weckte Anne-Dore und der goldene Gesang eines Waldhorns
hoch im Buchenwald der grnen Berge. Sie erwachte jh und ohne Besinnen,
richtete sich fast erschrocken auf, geblendet vom Glanz des Sonnenlichts
und wie im Jubel eines groen unverstandenen Glcks. Wie schn war die
hohe, warme, goldene Welt, -- was gab es nur, was war geschehn? Langsam
stiegen die Bilder des vergangenen Tages vor ihrer Seele empor. Nein,
sie wollte sie nicht. Sie wollte allein dem angehren, was hier im Licht
und im Gesang der Vgel in ihr Zimmer drngte. Sie hatte ein unendlich
frohes Gefhl tiefer Zugehrigkeit an dies Neue und Frische, das der
heraufsteigende Tag verkndete. Noch hatte keine Pflicht und kein Recht
ihres ntzlichen Tages die jugendliche Andacht dieses Herzens berredet.
Sie warf die Haare heftig und in lachendem Zorn ihres Kraftbewutseins
in den Nacken zurck, sprang aus dem Bett und stellte sich in das Licht
der Fenster. Sie sah die Sonnenstrahlen schrg auf das Dach der Veranda
fallen, im Garten ruhten sie im Blhn, und unter den Bumen auf den
feuchten Wegen schritt schwarz und feierlich Helferich Friedberg, den
Hut in der Hand und die Nase in einem kleinen, dicken Buch.

Wie das ernchterte. Sie trat vorsichtig so weit zurck, da nur sie ihn
erblicken konnte, und erkannte mit leisem Schreck, da er eine Brille
trug. Ach Gott, dachte sie, auch das noch. Weniger froh kleidete sie
sich langsam an, hatte aber doch das Gefhl, diesem guten Menschen etwas
abbitten zu mssen. In diesen Dingen war ihr Vater gro. Er hatte fr
alles ein Einsehen, fr jedes eine Entschuldigung, und nichts war seiner
Gte zu gering. Immer bemhte er sich, bei den Menschen nur das Gute zu
sehen und Schwchen in Liebe zu verdecken oder zu verzeihen.

Sie sah sich im Spiegel und zog langsam den Kamm durch die dunkle Flle
ihres schweren Haars. Sie lchelte sich im Spiegel an. Ihre Augen waren
unnatrlich blau in diesem Reichtum von Licht.

Vielleicht hat er geringe Ansprche, schlo sie zgernd weiter und sah
in Gedanken das milde Lcheln ihres Vaters. Wie es qulte, solchen
Gedanken folgen zu mssen, zu deren letztem Schlu sie weder den Mut
noch die Erfahrung hatte. Ihr Herz drngte hei nach Sicherheit und
Erkenntnis, aber sie fhlte, schneidend und voll bittrer Angst, wie man
Fesseln fhlt, da ihr Blut in einen seltsamen Bann gesprochen war.
Jedesmal nach solchen Stunden des Grbelns und Sehnens stieg eine
Bitterkeit gegen ihre Eltern in ihr auf, die sie geflissentlich
unterdrckte, und sie bemhte sich dann oft selbstqulerisch und voll
Eifer in verdoppelter Liebe gegen sie gutzumachen, was ihr Herz an
Schuld zu tragen glaubte.

Nun hrte sie die Glocken hinter den Hgeln, die ihr heimatliches Tal
von der Stadt trennten. Ein undeutlicher, schwerer, summender
Morgengesang. Die Dorfglocken von Hildenrot antworteten hell und
harmlos. Sie dachte an das Forsthaus dort am Waldrand, sah aus dem
Fenster ber die Heide hin nach den Bergen und wnschte sich, dorthin zu
drfen, statt in die graue Stadtkirche mit ihren hundert fremden frommen
Menschen.

Sie hrte dann die Stimme ihres Vaters im Garten, als sie die helle
Bluse mhsam hinten zuknpfte, sie zupfte sie ber der Brust zurecht und
wurde vor dem Spiegel ein wenig unsicher, als sie ihre Figur prfte. Sie
faltete die Hnde an den Fingerspitzen, prete sie auf ihre Brust und
zog sie fest an den Krper, die weien Zhne auf der Lippe. Es half
nichts. Ich werde eine groe Frau, dachte sie, gab ihrem Kopf eine
gezierte und steife Wrde der Haltung und blickte hochfahrend und ernst
auf ihr Gesicht im Spiegel. Es ist wahr, dachte sie dann und senkte den
Kopf nach hinten, die Zpfe kann ich nicht mehr tragen. Sie wickelte sie
leicht und prfend um den Kopf, eine schwere dunkle Krone von mchtiger
Flle ruhten sie um ihre Schlfen, machten ihr Gesicht bleicher und
kleiner und senkten feine blausilberne Schatten auf die bedchtigen
Lider der reinen Augen.

Schnell lie sie sie fallen und eilte zum Kaffee hinunter.

Sie hatten schon begonnen, als sie eintrat. Die Bibel fr die
Morgenandacht lag bereits neben dem Platz des Vaters. Helferich
Friedberg erhob sich, als sie eintrat, kaute angestrengt und heimlich,
whrend sie ihren Vater kte, versuchte zu schlucken und mute dann
doch mit vollem Mund sein Guten Morgen, gndiges Frulein sagen.

O o, meinte der Vater, wir lassen es besser bei einem einfachen
Frulein Wendel. Und er schaute ein klein wenig strafend auf den
Kandidaten, als wre da mit ihm ein ganz falscher Ton in die
Gemeinschaft ihres schlichten Familienlebens gedrungen.

Schade, dachte Dore, und wute nicht recht, warum sie diese nderung
bedauerte. Er wird sonst am Ende zu weltmnnisch, schlo sie ihren
Gedanken, und ein ganz feines Lcheln, das niemand sah, huschte zu
kurzer ungewohnter Rast ber ihren kindlichen Mund. Sie mute sich etwas
beeilen und trank flchtig ihren Kaffee, Herr Wendel schob dem Gast die
Bibel in freundlichem Ernst neben den Teller und bat ihn, diese liebe
Pflicht fr heute zu erfllen. Es lag wohl etwas Respekt vor dem
studierten Manne in seiner Aufforderung und doch auch die Herablassung
eines, der aus Brderlichkeit und Bescheidenheit gern auf ein Vorrecht
Verzicht leistet.

Herr Friedberg kmpfte in diesem besonderen Fall seine Befangenheit mit
Erfolg nieder. Hier spielte etwas in seinen Beruf hinber und streifte
den Gang seiner heiligsten Pflichten. Er forschte bescheiden:

Ich wei nicht, wie Sie es in Ihrem Hause zu halten pflegen, Herr
Missionar.

Folgen Sie ganz Ihrem Herzen, sagte Herr Wendel und lchelte und
nickte ermutigend. In diesen Dingen gibt es kein Gesetz, und wir wollen
dankbar sein, wenn Sie uns eine neue Art zeigen, in der wir vor den
Herrn treten knnen.

Anne-Dore wurde dunkelrot. Ihr Zorn, als sie es fhlte, nderte diese
verrterische Erscheinung nicht zugunsten. Niemand sah es. Herrn
Friedbergs breite Finger suchten am Goldschnitt, er besann sich, schlug
dann kurz entschlossen im Neuen Testament eine beliebige Stelle auf und
suchte seine Brille.

Wollen Sie das Losungsbuch? fragte Herr Wendel.

Friedberg schttelte nur den Kopf, denn er war schon im Bann seiner
Pflicht, deren Erfllung ihn ganz erheischte. Er las ein Kapitel des
Apostel Paulus an die Rmer, in dem er einer langen Reihe von
Gemeindemitgliedern Gre bestellen lie. Anne-Dore hrte all die
fremdartigen und sonderbaren Namen, die sie wenig erbauten. Der junge
Mann las mit tiefem Ernst und einer singenden Eindringlichkeit, als wre
jede Zeile von groer Wichtigkeit und voll tiefer Weisheit. Dann betete
er das Vaterunser, und als er Amen gesagt hatte, schaute er Anne-Dore
an. Er klappte die Bibel zu, ohne seine Erleichterung zu verraten, und
der Brille wurden ihre beiden Nickelflgel ber den glsernen Leib
gelegt, so da sie in das Etui pate, das nicht mehr ganz neu und innen
mit hellblauem Papier beklebt war.

Es war spt geworden, und man mute sich fr den Kirchgang beeilen. Frau
Wendel war nicht erschienen, und so zogen die drei anderen miteinander
ber den niedrigen Berg in die Stadt, durch den Morgensonnenschein und
durch den Gesang der Vgel. Es war eine gute halbe Stunde Wegs, und man
frchtete, da die Kirche sehr voll sein wrde, bei einer so wichtigen
Gelegenheit, wie es eine Probepredigt war. Anne-Dore ging zwischen den
beiden Herren, hin und wieder trat der Kandidat zurck und lie ihr auf
dem schmalen Weg den Vortritt, aber fr gewhnlich sah sie neben sich
diese dunklen, dicken, steigenden Beine und den melancholischen Fall der
langen, schwarzen Sonntagsrcke. Man sprach wenig. Anne-Dores
Empfindungen waren matt und geteilt, keine sonderliche Erwartung hielt
sie im Bann, es wrde sein wie immer. Vielleicht war die Predigt
wirklich ein wenig unterhaltender, vielleicht blieb der Herr Pfarrer
auch in seiner Rede stecken. Aber nein, das war wohl nicht anzunehmen,
obgleich sie es oft gefrchtet hatte und manchmal sogar heimlich
gewnscht, nur damit ein wenig Leben in die alten Wahrheiten der Kanzel
kme, die so gar nichts Neues in ihr Dasein bringen konnten.

Sie hielt erschrocken in ihren Gedanken inne. Der Versucher geht dicht
neben mir und raubt mir die Andacht und die rechte Stellung des Herzens,
frchtete sie. Dann stellte sie sich vor, der Satan habe die Gestalt des
Herrn Helferich Friedberg angenommen, sie wute, da er in vielerlei
Gestalt die Herzen versuchte, aber als die Fe ihres Nachbarn wieder
neben ihr auftauchten, stellte sie heimlich fest, da solche Stiefel,
wie er sie trug, stets den rechten Weg gingen. --

Die Kirche war berfllt, und es war kein Gedanke daran, einen Platz zu
finden. Zwar forschte Herr Friedberg eifrig hier und dort, um wenigstens
fr Anne-Dore ein Pltzchen ausfindig zu machen. Er tat es mit der
Sicherheit eines, der im eigenen Hause schaltet, aber seine selbstlosen
Bemhungen erregten nur Unwillen und strten. So stellten sie sich denn
nebeneinander an eine breite Sule dicht am Ausgang, das junge Mdchen
mit dem Rcken gegen die getnchten Steine, die ihr ein wenig Halt
boten. Gerade in den bunten Farbwegen standen sie, die das Sonnenlicht
durch die hohen Fenster nahm, rote, blaue und goldene Kreise malten sich
in Anne-Dores Kleid. Sie neigte den Kopf und schlo die Augen, bis ihr
Friedberg die Nummer des Liedes zuraunte, das gesungen wurde. Herr
Wendel flsterte seinem Gast ins Ohr, sie htten sonst hier eigene und
feste Pltze, aber die Bnke seien heute fr die Kirchenltesten
reserviert, die ber die Wahl des neuen Pfarrers entscheiden sollten.
Dann setzte die Orgel ein, milde und als wollte sie die Bewegung und die
dmmerigen Gerusche beschwichtigen, die stets von einer feierlich
versammelten Menge ausgehen, wie der Odem einer gedmpften Erwartung.

Nun brauste das Lied voll befreiender Inbrunst durch das breite Schiff
der alten Kirche:

    Steil und dornig ist der Pfad,
    Der uns zur Vollendung leitet.
    Selig ist, wer ihn betrat
    Und im Namen Jesu streitet.

Die ernste Feierlichkeit nahm auch Anne-Dore in ihren Bann. Neben ihr
behauptete sich Friedbergs Stimme. Er verschwand fr sie in dieser
bewegten Menge, wurde das unpersnliche Glied in einer Gemeinschaft
Glubiger und verlor fr sie darber seine armselige Krperlichkeit. Ihm
dagegen, der heimlich auf sie hinschaute, erschien das Mdchen seltsam
verschnt und verklrt. Er empfand eine Gemeinschaft und eine
bereinstimmung mit ihr, die sie einander geschwisterlich nherte. Das
schne farbige Licht auf ihrem geneigten Scheitel und ihrem weien Kleid
tat dazu das Seine, und er fhlte sich eigenartig beglckt und
wundervoll geborgen unter den Menschen.

Es war das zweite Lied. Der Altardienst war schon beendet, die Predigt
stand bevor, und vom dritten Vers ab wandte die Aufmerksamkeit der
Andchtigen sich der kleinen Tr in der Sakristei zu, durch die Pastor
Jacoby kommen sollte. Anne-Dore konnte dorthin nicht sehen, sie
erblickte den Pfarrer erst, als er langsam und scheinbar tief in
Gedanken die offene Treppe zur Kanzel emporstieg. Dort sah sie ihn nur
kurz und undeutlich, denn er kniete sogleich nieder, um zu beten und sie
sah nur seinen Scheitel, der dunkelblond und schlicht ber dem schweren
Samt der groen Bibeldecke lange still und unbeweglich im matten Licht
der Kirche ruhte. Als er sich aufrichtete, sang die Gemeinde den letzten
Vers, und Anne-Dore hatte Mue, das Gesicht des Geistlichen zu
betrachten. Seine Augen lagen im Schatten der sehr bleichen Stirn, und
ein dunkler Bart verdeckte klein und weich den Mund und das Kinn. Die
gerade Nase war von vornehmem und fast zartem Schnitt. Seine Blicke
glitten ruhig ber die Versammlung hin, verweilten hier ein wenig, dort
einen Augenblick, gelassen und klug, in einem Prfen, das fast etwas
Trauriges hatte. Anne-Dore fand dies Gesicht sehr schn.

Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Strme
lebendigen Wassers flieen.

Was war das fr eine Stimme? Anne-Dores Herz erzitterte vor der Inbrunst
und Eindringlichkeit, die diese Worte mit unendlich klarer
Selbstverstndlichkeit in die Halle der Kirche sandten. Der Pfarrer
hatte sie ohne Ankndigung und ohne die Stelle zu nennen, in der sie in
der Bibel standen, pltzlich in die groe Stille der Wartenden
hineingerufen. Mit heller, fast leidender Stimme und doch mit so ehernem
Nachdruck, als hinge Leben und Tod von ihrer Wahrheit ab.

Alles war ungewhnlich, das Niederknien auf der Kanzel, der unvermittelte
Text und dies Warten nun. Dies Warten, das kein Ende nehmen wollte.
Anne-Dore schlug in heier Angst die Augen nieder. Er wei den Anfang
nicht, dachte sie und zitterte. Die Unruhe aller Herzen wuchs, wurde
qualvoll, man hrte die Stille des gefllten Gotteshauses wie ein
Sausen. Anne-Dore schaute hinauf, und als sie nun sein Gesicht sah,
wute sie pltzlich, tief ergriffen, und still bis auf den Grund der
Seele: Er wei den Anfang.

Und nun begann er, fast zu leise und sagte nur die Worte: Herr Jesus,
sei mitten unter uns. So begann er sein Gebet. Anne-Dore konnte keinen
Blick von ihm wenden, whrend er sprach. Sie hatte nie ein Gesicht
gesehen, so zermartert von Sehnsucht und Gram, so entstellt von
Inbrunst. Seine Hnde krampften sich so ineinander, da sie wei wurden,
sie schaukelten hin und her und auf und nieder, als rngen sie
miteinander, als wollten sie nicht ein Trpflein Blut mehr in sich
dulden. Es war, als schaute er voll hinein in das Angesicht des
Heilands, als she er das Blut unter der Dornenkrone des Gekreuzigten
niederrinnen, als habe er Macht, den Geist seines auferstandenen Gottes
in dies Haus zu beschwren, als hoffe er auf eine Antwort, als er rief:
Herr, hre mich, wie ich dich zu uns rufe. Nach dem Amen sank seine
hochaufgereckte Gestalt mit einem tiefen Seufzer der schwachen Brust
zusammen. Er legte beide Hnde um die Bibel und begann seine erste
Predigt an die Gemeinde der Nikolaikirche.

Die Menge war wie in einen Bann gesprochen. Anne-Dore zitterte und
sttzte sich an ihren Vater, der seinen grauen Kopf schttelte in tiefem
Erstaunen, in Abwehr und Zweifel, ja fast wie in Besorgnis. Niemand
rhrte sich. Es war, als wre nach diesem Gebet die Person des Heilands
gegenwrtig, jeder glaubte heimlich ihn neben sich zu wissen. Man
wartete wie auf ein Wunder, auch die Gleichgltigsten harrten beklommen.
Was waren das fr neue allmchtige Worte? Wer war die Gemeinde der
Heiligen, von der es dort oben hie, sie wrden mit Christus herrschen
tausend Jahre? Seit wann war es notwendig, seinen Gott von Angesicht zu
Angesicht zu kennen, zu wissen, ob man seiner Gnade teilhaftig war oder
nicht? Wie Flammen sengten diese Worte sich in die erschrockenen Herzen,
Anne-Dore hatte niemals geglaubt, da eine so leuchtende Gewalt der
Sprache auf der Menschenerde mglich sei. Die Worte Jesu Christi
gewannen durch diese bleichen Lippen, durch die verzehrende Inbrunst
dieser Glaubenszuversicht ein ganz neues Leben. Welch tiefen Sinn von
zerschneidendem Ernst und edler Hoheit bekamen pltzlich die Worte der
Apokalypse: Ach, da du kalt oder warm wrest! Weil du aber lau bist,
und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. --
Wie ein Triumph ewiger Wahrheiten leuchtete es von dieser schmerzvollen
Stirn.

Es wurde still. Dann klang das Amen leise und menschlich einfach, die
Orgel setzte ein. Immer noch lag dort oben der Mann auf den Knien, als
schon die ersten Verse zaghaft und bedrckt, in ganz neuer Scheu, und
wie vernderten Sinnes erklangen. --

       *       *       *       *       *

Auf dem Heimwege war Kandidat Friedberg in jeder seiner Bewegungen und
im Gehabe all seiner gewaltsam bescheidenen Stze nur die eine
herausfordernde und rechtsfrohe uerung: Was habe ich gesagt? Habe ich
es nicht gesagt?

Missionar Wendel hatte seine Brauen vorsichtig gelichtet, mit
festgeschlossenem Mund und beruhigten Blicken, die nicht wanderten,
meinte er nur: Der Mann ist noch sehr jung. Ich kenne diesen
Erweckungseifer und kann meine Sorgen nicht ganz von der Hand weisen.
Aber Gott wird zulassen, da alles nur zum Segen ausschlgt. Er wird
wohl gewhlt werden.

Anne-Dore ging still und tief ergriffen zwischen beiden. Bei den Worten
ihres Vaters hatte sie den bestimmten Eindruck, als redete er von einem
ganz anderen Gott als jener Mann auf der Kanzel, der den Heiland der
Menschen im eigenen Herzen erlitten, der ihn liebte und fr ihn ein
Streiter ohne Furcht und Zgern war. Ihr guter Vater sprach von seinem
alten braven Hausgott, der ganz grau geworden war von lauter
verbrauchter Gte, die man tglich soweit annahm, als man sie gerade
ntig hatte; aber die Worte dessen, der ihr Herz in Feier hielt, kamen
aus einer Seele, tief geneigt und geheiligt durch den Martertod des
Herrn Jesu Christi. O, da du warm wrest oder kalt, klang es in ihr
nach, und ihr Herz glhte. Mit einem feinen schmerzlichen Lcheln voll
geheimer Seligkeit verloren ihre Blicke sich im Sonnenschein und im
warmen Wind. Sie fhlte sich zu neuen Kmpfen, zu neuem Wesen wunderbar
bestimmt, bereit und allein. Ihr war zumut, als habe sie im Halbschlaf
auf den Tag geharrt und auf ein neues Licht. Strme lebendigen
Wassers, sagte sie ganz leise nur mit den Lippen.

Neben ihr sprach Friedberg, und ber sie hin, mit ihrem Vater. Ich
versuche mir in diesen Fragen einen offenen Sinn zu bewahren, meinte
er, Prfet alles und behaltet das Beste. Solange man wie ich in einer
Zeit des Lernens und Werdens steht, ist einem jede Abart der Auffassung
willkommen, und ich bin unbesorgt, es wird alles zu meiner Erziehung
dienen. Er betrachtete Dore, whrend er sprach, besorgt, da sie ihm
zuhrte.

Missionar Wendel schien durch diese Worte beruhigt. Er sprach lauter und
scheinbar frhlicher. Nur hin und wieder glitten seine Augen ber die
Zge seines Kindes, und er wute nicht, da etwas wie eine ganz feine,
leise Eifersucht in seinem alten Gesicht stand, das immer gtig und fast
ein wenig traurig erschien, wenn Anne-Dores Angelegenheiten ihn besorgt
machten.

Die huslichen Pflichten ernchterten das junge Mdchen seltsam. Am
liebsten htte sie sich in ihr Zimmer zurckgezogen, wre jedem
ausgewichen, um sich ganz, rasch und auf einmal mit allem abzufinden,
das ihr Innerstes bestrmte. In ihr war von je ein seltsam bestimmtes
Bedrfnis, im Haushalte ihrer Seele Ordnung zu wahren, Unsicherheit und
ein halbes Bewutsein waren ihr qualvoll. Sie konnte sich krank fhlen
bis zu einem Hang ins Schwermtige, wenn ihrem Suchen eine Klarheit
versagt blieb. Sie war den Tag hindurch wie auf der Flucht. Die Fragen
ihrer Mutter machten sie zornig. Ihr Wunsch, freien Herzens das
Empfangene weiterzugeben, selbstlos, froh und schwesterlich, rang hei
mit ihrem Stolz und ihrem Bedrfnis, Empfundenes im Herzen zu bewahren.
Sie weinte sich abends in Schlaf. --

Im Traum stand Friedberg vor ihr, suchte mit den dicken, weien Fingern
am Goldschnitt der Bibel und las endlich mit seiner geruhsamen Stimme,
die immer etwas mit Heiserkeit kmpfte:

Wer aus der Wahrheit ist, der hrt meine Stimme. --

Es war kein Zweifel, durch wen die Pfarrstelle der Nikolaikirche besetzt
wurde.




Viertes Kapitel.


Mit dem Einzug Pastor Jacobys in die Stadt brach eine neue ra im
Geistesleben ihrer Bewohner an. Soweit die beiden alten, schlichten
Trme der Nikolaikirche Ort und Land berwachten, vollzog sich in den
Herzen aller Beteiligten eine seltsame Wandlung. Aber nicht nur die
Gemeinde der Glubigen wurde von ihr betroffen, sondern die neuen
Regungen griffen weit um sich und zogen auch Auenstehende und
Unkirchliche in ihr umstrittenes Interessengebiet. Eine ganz neue
Bewegung erhob sich, trennte entschieden und schroff die Gemeinde in
zwei Parteien, und es schien, als sollten die neuen Glaubensgewiheiten
in ihrer Wirkung bis in das intimste Familienleben die Worte Christi
seltsam bewahrheiten: Ihr sollt nicht whnen, da ich kommen sei,
Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht kommen, Frieden zu senden,
sondern das Schwert. Und als einmal gar nach einer Predigt von
einschneidendem Ernste das Bibelwort: Wer Vater und Mutter mehr liebt,
denn mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt
denn mich, der ist mein nicht wert, die Herzen entzndete, schien der
Verwirrung kein Ende mehr. -- Die ersten Wochen hindurch wurde die
Kirche gestrmt, die Geistlichen der anderen Gemeinden sprachen vor
leeren Bnken, nur alte Leute behaupteten dort noch im Halbschlummer die
gewohnten Pltze. Dann rumte eine verstndliche Reaktion, die in Ha
ausartete, die Nikolaikirche aus. Aber langsam begann sie sich wieder zu
fllen, und eine gefestigte und scheinbar unerschtterliche
Glaubensgemeinschaft verband die Andchtigen unter dieser Kanzel. Man
nannte sie die Gemeinde der Heiligen, aber sie ertrugen Spott und
Geringachtung mit dem glcklich ergebenen Lcheln Geborgener und
Erlster. Ihr innig und aufrichtig geschlungener Bund und seine
Schicksale erinnerte in vielen Erscheinungen an die ersten Gemeinden der
Apostel in Rom und Griechenland. Man empfand Grauen und Ehrfurcht, ihre
geduldige Heilandsliebe peinigte und forderte rohen Widerspruch heraus.
Ja, es kam zu Ttlichkeiten und die Polizei mute einschreiten. Pastor
Jacobys Ruf drang weit ber die Grenzen der Provinz ins Land hinein. Es
schien, als sei das Bibelwort seiner ersten Predigt zum Wahlspruch und
Kampfruf erhoben: O da du kalt oder warm wrest. Weil du aber lau
bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem
Munde.

       *       *       *       *       *

Wenig Herzen durchlitten alle tiefinnerlichen Wandlungen so inbrnstig,
so ganz der neuen Wahrheit ergeben und so aufrichtig wie Anne-Dores.
Ihre neue Frmmigkeit hatte nichts mehr gemein mit jener kleinlichen
Beschrnktheit von Menschen, die ihren Glauben als eine Schranke vor
ihrer Drftigkeit, ihrer Armut und ihrer engherzigen Selbstsucht
aufrichten. Das ruhige und feste Glck ihrer reinen Augen wich jedem
falschen Schein und aller Knechtschaft einer niedrigen Demut aus. Es
ging ein Glanz von groer und freier Liebe mit ihren Schritten aus, ohne
Dnkel und kleine Mae, warm, aus Freude und wie aus lauter Licht. Ihr
Wesen schien vllig verndert und wollte es weder wissen noch verknden,
es war, als erkmpfte fr sie ein neuer Streiter Klarheit und Erkennen
in alle Finsternis ihrer suchenden Seele, deren Flgel auftauchten in
die verborgenen Seligkeiten und Geheimnisse einer zuknftigen Welt. Ja,
es war im Laufe der kommenden Zeit so, als teilte sich ein Schein dieses
neuen Glcks, in dem ihr Wesen ruhte, auch ihrem uern mit. Ihr Gesicht
wurde schmaler und bleicher, ihre Bewegungen von jener leichten Scheu
weltfremder Hoheit und von einer Anmut, fr die es keinen irdischen
Namen gibt.

Handlungen und Lebensgewohnheiten, die sonst allein durch den
tiefbegrndeten und eingeborenen Geschmack eines reichen Herzens ihren
Adel gewinnen, stellten sich bei ihr ein, als schlge ein neues Herz in
ihrer Brust. Als habe eine neue Kraft, voll unergrndlicher Schnheit,
sie eng und wie an Kindes Statt in den edlen Gang ihres Waltens gezogen,
sie ganz fr sich genommen und herrlich bereitet fr eine glckselige
Zukunft.

Herr und Frau Wendel sahen die Vernderung nur in ihrer Wirkung, die bis
in die kleinsten Einzelheiten der nchternen Tage reichte. Ihre
anfngliche Besorgnis wich einer frohen Bewunderung. Die neue und stille
Freude, die das Wesen ihres Kindes verklrte, warf ihren Schein auch
ber ihre Stunden, beglckt und zuversichtlich dankten sie ihrem Gott.
Da Anne-Dore niemals ber ihre inneren Erlebnisse und ber die
Seelenvorgnge sprach, die sie bewegten, niemals einen Versuch machte,
jemanden anders als durch ihr Tun von der Schnheit dessen zu
berzeugen, dem sie diente, blieb ihre Welt unangetastet wie ein
Heiligtum.

Einen tiefen Eindruck hinterlieen diese Erscheinungen, die sich durch
Wochen hindurch vollzogen, auch bei Helferich Friedberg. Anfnglich gab
er dem unklaren Drang seiner geteilten Gefhle Anne-Dore gegenber
Ausdruck. Er meinte einmal, als sie miteinander von einem Kirchgang
heimkehrten, es wre eigentlich Christenpflicht, sich nicht so einseitig
beeinflussen zu lassen, ob sie nicht einmal zu einem anderen Prediger
gehen wollten und nicht immer zu Pastor Jacoby, der brigens auch
anfinge sich zu wiederholen.

Dore schttelte den Kopf. Sie ginge zu Pastor Jacoby, solange sich ihr
Gelegenheit bte. Er wrde wohl kaum lange bei dieser Gemeinde bleiben.
Aber er, Friedberg, tue sicher recht daran, diesem Gefhl zu folgen,
wenn er es ehrlich glaube.

Er sprach wieder, dachte aber nicht an seine Stze, sondern an ihre
letzte Bemerkung, und darber ertappte er sich bei der Erkenntnis, da
sein Vorschlag nicht ganz selbstlos und ehrlich gewesen war. Er schwieg
dann, um ungehindert seinen Gedanken folgen zu knnen. War es wirklich
so, da ihn davor bangte, Anne-Dore mchte allzu tief und allzu
menschlich im Bann dieses Mannes stehn, den er bewunderte mit heimlichem
Neid? Ja, er hatte wahrhaftig den Wunsch, Anne-Dore mchte auch ihn ein
wenig anders beachten, als nur auf jene freundlich gelassene Art, in der
sie ihm hin und wieder flchtig gehrte. Meistens nur dann, wenn er ber
Pastor Jacoby und dessen Auslegungen sprach, wenn er sie mit anderen
Auffassungen verglich und dem Mdchen besttigen konnte, da keine
feinsinniger und tiefer erfat waren als die seinen. Und unbewut war
ihm Pastor Jacoby beinahe um dieses einen Umstandes willen lieb
geworden.

Nun, da er so neben ihr hinschritt, schmte er sich pltzlich dieser
Wahrheit, und tief in seinem Herzen tauchte ein neues Bewutsein auf,
das ihn eigen und wehmtig erregte. Wie nun, wenn er die Fhrung seines
Gottes darin erkennen durfte, da er gerade in dieses Haus und an die
Seite dieses Mdchens gekommen war? Da ihm der Herr in seiner
unergrndlichen Freundlichkeit hier einen Fingerzeig fr sein knftiges
Leben gab und eine Bestimmung sie zusammengefhrt hatte und einst ganz
vereinen wollte?

Er erschrak und wies den Gedanken von sich. Er lag ihm anfnglich doch
zu nah bei seiner Bewunderung fr ihre Frmmigkeit. Ihm war, als betaste
er mit solchen Wnschen ein Eigentum des Erlsers, als versndige er
sich gegen ein erwhltes Kind des Himmels. Aber der Gedanke kehrte
wieder und immer wieder und berwand ihn. Er war neben einen Schatz von
viel Schnheit und Tugend gestellt worden, und gewi nicht ohne eine
Fgung des Himmels. Und unter Gebeten und wohlverborgen allen Menschen,
beschlo er diesen Schatz zu heben.

Alle Ideale eines vollkommenen Christentums und alle Vorstellungen von
einer untadeligen Gattin vereinigten sich ihm mehr und mehr in der
Person Anne-Dores, und machten ihm bald das Herz warm in Form von langen
inbrnstigen Gebeten und bald in einer sehnschtigen Schwrmerei. Und
beide Formen flossen wehmtig ineinander ber, und ihn verlangte bald
nicht mehr sonderlich hei nach ihrer klaren Trennung.

       *       *       *       *       *

Es war in diesen Wochen gewesen, als eines Mittags ein kleiner hoher,
zweirdriger Wagen von bestechender Eleganz und fast zerbrechlicher
Leichtigkeit in der Nhe des Wendelschen Wohnhauses auf dem schmalen
Fahrweg hielt. Anne-Dore stellte ihre Arbeit im Garten ein, wo es am
Weinstaket der Veranda zu tun gab, und schaute neugierig hinber,
angezogen durch helle, feste Stimmen und frohes Lachen. Sie sah zwei
junge Herren in englischen Anzgen, fein und knapp gekleidet, wie sie
vom Wagen sprangen, der eigentlich in federnder Schwebe zwischen den
hohen Rdern nur ein einziges Sitzbrett hatte. Der Jngere von ihnen
warf die Zgel um eine kleine Kiefer am Wegrand, wobei er das Bumchen
nicht gerade sonderlich schonte, und dann schritten die beiden ber das
unbebaute Stckchen Heideland, das schmal und verwildert Wendels Garten
vom Wald trennte. Dieser Landstrich gehrte der Stadt, soviel Anne-Dore
wute, sie pflegte dort ihre Wsche zu trocknen und zu bleichen. Die
Herren schienen etwas zu vermessen, sie gingen auf und ab, zhlten die
Schritte, schauten nach dem Stand der Sonne und prften den Boden. Hin
und wieder verstand das Mdchen ein lauteres Wort, konnte aber die
Absichten der beiden nicht erraten. Der ltere zeichnete in sein
Notizbuch, steckte Stckchen in den Boden und schien mit seinen
Erfahrungen zufrieden. Der andere langweilte sich scheinbar bald dabei,
er hieb nachlssig mit seinem Stock in die jungen Huflattichbltter am
Wegrand, klopfte dem Pferd den schlanken glnzenden Hals und sah hin und
wieder zu ihr in den Garten hinber. Er konnte sie nicht erblicken, nur
das Haus schien ihm zu gefallen, er ging ein paar Schritte am Garten
entlang und schaute zu den umgrnten Fenstern hinauf.

Mark, rief da der andere von oben, schreibe auf: zehn Schritte vom
Waldrand und zwanzig vom Weg. Es geht ausgezeichnet!

Der Angeredete winkte ab.

Kind, gab er zurck, wozu hast du dein Notizbuch! Und er fing an, am
Zaun des Wendelschen Gartens Heckenrosen abzuschneiden. Verflucht,
hrte sie dann pltzlich und gleich darauf das zwitschernde Gerusch von
saugenden Lippen an seinem Finger.

Anne-Dore hatte schon darber lachen mssen, da er diesen groen
Menschen da oben mit Kind anredete, aber das htte wahrhaftig auch auf
Friedberg gepat. Nun, da er sich auch noch gestochen hatte, wurde ihr
ordentlich lustig zu Sinn. Das schadete ihm nichts, so frech wie er war.
Da er geflucht hatte, war ihr gar nicht recht ins Bewutsein gedrungen,
sie htte es sicher nicht verziehen, aber er hatte es mit einer Stimme
gesagt, bei deren Klang es so seltsam wie ein natrlicher Schmerzenslaut
wirkte, da es jedenfalls auch ihrem Vater nicht aufgefallen wre.

Jetzt sah sie sein Gesicht. Er hrte gar nicht auf, ihre Blumen zu
stehlen, hatte schon einen ganzen Strau und schnitt unbesorgt weiter,
bog ste nieder und knickte sie ab, rcksichtslos und erfreut. Dore fand
es nett, da er Blumen mochte, darber verzieh sie ihm seinen Raub. Und
auch, weil sein Gesicht ihr gefiel. Sie gestand es sich nicht zu, aber
es zog sie an, schmal und leicht gebrunt wie es war, mit Augen, die ihr
grau erschienen, und braunem Haar, das unter der englischen Kappe
hervordrngte, weich und voll.

Das Pferd ri sich los. Es warf den Kopf unruhig, scheinbar geqult
durch ein Insekt. Dann hob es sich rasch und schmerzvoll mit erregtem
Schnauben, schlug und bumte.

Mit zwei, drei Sprngen war der Blumendieb beim Wagen.

Verdammte Canaille!, rief er hell und fing die flatternden Zgel mit
sicherer Hand. Schmei mir die Karre noch kaput, dummes Luder!

Aber dann sprach er beruhigend und gtig auf das zitternde Tier ein,
suchte nach der Ursache seiner Angst, ohne sie zu finden. Wieder stieg
es schnaubend empor. Wie fest die schmale, weie Hand den Zgel hielt.
Jetzt wurde es ernst. Der Rosenstrau flog auf und zerflatterte wild in
der Luft und am Boden. Es gab ein zorniges Ringen. Von oben lief der
Freund in langen Sprngen herbei.

Sie bndigten das scheue Tier. Eine Pferdebremse mute die Ursache
gewesen sein. Dann saen sie rasch und sicher von zwei Seiten wieder
nebeneinander oben und das Tier zog mit krftigem Ruck an, befreit und
in weitausholendem Trab.

Da lagen die schnen Rosen im Staub der Strae. Anne-Dore schickte Lotte
und lie sie holen. Es wre schade um die Blumen gewesen, wenigstens
sollten sie nun den Mittagstisch schmcken, rasch verwelkt, wie sie sein
wrden.

Beim Essen erzhlte sie den kleinen Vorfall, der sie seltsam erregt
hatte. Sie war ihrem pochenden Herzen mit der Hand zu Hilfe geeilt, als
der junge Mensch sich so khn und mit der Gefahr vertraut um das
bumende Tier bemhte. Und doch war sein Erfolg ihm leicht und
selbstverstndlich gewesen. Sie schaute freundlich auf die Blumen, die
Lotte ins Wasser getaucht hatte, um sie vom Staub zu subern. Sie
strmten nun im Schatten schwach und fein ihren zrtlichen sen Geruch
von Honig und Sonne aus.

Friedberg wute Bescheid. Es wrde wohl gebaut werden. Natrlich. Was
denn sonst? Und die beiden Herren waren der Baumeister und der Besitzer
gewesen.

Anne-Dore widersprach. So she kein Baumeister aus. Sie wute nicht
recht, weshalb, aber einen solchen Mann stellte sie sich viel lter vor,
mit einem Vollbart und einer leichten Neigung zu Kopfschmerzen.

Herr Wendel mute lachen.

Aber ich glaube auch nicht, da dort gebaut wird, meinte er. Es gibt
schnere Orte in der Nhe, auch ist ja hier kaum Platz fr einen Garten,
den will man doch fr gewhnlich.

Man einigte sich nicht, obgleich man fast unermdlich bei diesem Thema
blieb, Friedberg, um Anne-Dore zu ehren, die es begonnen hatte, und Herr
Wendel, weil ihm ehrlich der Wunsch am Herzen lag, man mchte ihm dort
kein Haus zwischen seinen hbschen Besitz und den Wald bauen.

Noch am Abend mute Anne-Dore immer an den Vorfall denken und an seinen
Helden, der Mark hie. Sie konnte nicht einschlafen, wollte sich zwingen
und verlor darber den Rest ihrer Mdigkeit. Es war schon spt und eine
warme Nacht. Der Mond stand in wandernden Wolken, aber man hrte keinen
Wind. Sie hatte ihr Licht gelscht, und im Bann einer ganz fremden
Traurigkeit schaute sie ruhig von ihren Kissen aus, wie am Boden bald
klar und wei der helle Schein vom Himmel lag, wie es bald grau und
still ber ihn hinzog und wie darber lautlos ihr Zimmer versank. Wenn
es dunkel wurde, wnschte sie sich, er kme wieder, der weie Schein,
sie sah dann die Gegenstnde im Zimmer, die schliefen, die Sprche an
der Wand, ihren Schreibtisch und die bunten Rcken ihrer Bcher auf dem
kleinen Wandbrett. Sie konnte sie alle erkennen, am Tischrand lag
aufgeschlagen ein Predigtbuch des Englnders Spurgeon, das Friedberg ihr
in einer neuen bersetzung geschenkt hatte. Was er dazu sagte, hatte ihn
verraten. Es war ihm daran gelegen, ein Gegengewicht gegen den Einflu
Pastor Jacobys zu bieten, dessen Wirkungen ihm zu nachhaltig wurden. Sie
mute lcheln. Er war wirklich allzu besorgt, der Brave. Wieder senkte
sie Mdigkeit lau in halbe Trume, in Trume, die Gedanken waren, und in
Gedanken, die von Trumen berwunden wurden.

Warum erschien es ihr, als betaste die unbedachte, von keinerlei Harm
und Milde geschwchte Kraft, die ihr heute so neu und frisch
entgegengelacht hatte, die feierliche Schnheit ihrer Seelenwelt? Es
lagen vage Sehnschte in ihr miteinander im Streit. Irgendwie wurde ihr
Glck verhhnt, nicht frech und mit bewuter Anmaung, auch nicht mit
Groll und Ha, nein, wie mit dem Achselzucken einer jugendlichen
Erdensicherheit. Konnte denn solche Kraft bestehen, eine Gewalt, so
aller Freude gewi, so gesund und froh, neben den blutigen Siegen des
Erwhlten, der die Welt berwunden und der auch ihren Frieden hten
wollte?

Sie ertappte sich darber bei der seltsamen Vorstellung, die sie bisher
von gottlosen Weltmenschen gehabt hatte. Von Weltmenschen, wie ihr guter
Vater sie sah und wie ihre Mutter sie frchtete. Nur durch den Trotz der
Snde waren diese Gestalten erhoben, an ihren Stirnen brannte das Mal
der Verfluchten, und sie eilten in einem Rausch falscher Freuden ber
die Erde, wie von der Unrast eines bsen Gewissens gehetzt und ohne
einen Schein wahren Glcks.

Ein Gefhl von tiefer Beschmung beschlich sie. Nein, so hatte sie sich
diese Menschen doch nicht ganz gedacht, aber sie merkte nun, da sie
keine klaren Bilder von ihnen und ihrem Wesen kannte. War das nicht ein
bser Fehler im Haushalte ihrer Weltbetrachtung? Ihr war, als sei sie
pltzlich nur deshalb von einem Feinde berrascht worden, weil sie es
nie fr gut befunden hatte, seine Art und seine Macht unbefangenen Sinns
zu prfen.

Es wurde wieder hell im Zimmer, ein klarer Glanz siegte, wei, rasch und
doch feierlich. -- Nun schritt sie im Mondlicht am Garten entlang, brach
mit eigensinnigen Fingern die Knospen der Heckenrosen, die Zweige
raschelten, wenn sie zurckschnellten, und die verblhten Rosen
entbltterten sich ins Laub. Mit einem Schmerzensruf zog sie die Hand
zurck und sah aus ihrem Finger rote Tropfen steigen, einen nach dem
andern. Sie legten einen kleinen blutigen Weg um ihren Finger zurck und
zersprangen im Staub der Strae. Ratlos schtzte sie mit der anderen
Hand ihr langes weies Kleid, das im Mond glnzte, und erschrak
furchtbar, als sie erkannte, da es ihr Hemd war. Da kam ber den Weg
mit raschen festen Schritten der Fremde vom Mittag, er ergriff ihren
Arm, neigte sich ber ihre Hand und sie fhlte, wie er die Wunde an
ihrem Finger zuprete.

Mit einem Schauer erwachte sie und mit einem lauten Schrei.

Das Zimmer war tief in Finsternis gehllt, sie erkannte kaum das
Fenster. Man hrte den Wind sausen, die Bume schttelten sich, jhlings
erwacht, und ihr war es, als schlgen Tropfen auf das Verandadach.

Ich bin traurig, sagte sie leise und wunderte sich ber ihre Worte,
die sie nicht hatte sagen wollen.

Was wollte dieser seltsame Traum, der ihre Gedanken berholt hatte, als
fnde er sie gestaltlos und krank? Hilflos und von einer fremdartigen
Angst geqult, die sie nicht kannte, die etwas von den Nchten ihrer
ersten einsamen Erfahrungen hatte, stand sie auf und tastete nach dem
Licht. Da sie es nicht fand, lie sie sich im Dunkeln vor ihrem Bett auf
die Knie nieder und ber ihrem Gebet schlief sie ein, die Schlfe auf
den gefalteten Hnden und schwer auf den alten Sessel gesttzt, auf dem
ihre Kleider lagen.

Nun kam wieder der Mond, zgernd, als schiene er durch feine Schleier,
dann blendend und klar wie in einem ehrlosen Triumph ohne Neid und Gte.




Fnftes Kapitel.


Sie hatten nun erfahren, Herr Missionar Wendel und Kandidat Friedberg,
da ihre Schlsse falsch und ihre Besorgnis unntig gewesen waren, denn
die Arbeiten, die drben am Waldrand nach wenigen Tagen begonnen wurden,
unterrichteten sie darber, da ein Tennisplatz angelegt wurde. Die
Vorbereitungen gingen rasch und sicher vonstatten, bald erhoben sich
hohe dnne Drahtstakete vor dem Grn des Waldes, der Boden wurde
prchtig geglttet und mit Lehm berstampft, durch schmale eingesenkte
Holzleisten in groe und kleine Rechtecke eingeteilt, und ein hbscher
kleiner Zaun aus gekreuzten Weidenstmmchen und Zweiggeflecht trennte
dies Heiligtum irdischer Lust von der schmalen Fahrstrae, die schon ein
paar hundert Schritte weiter in einen Feldweg berging. Vierzehn Tage
hindurch schnarchten kleine Sgen schon frh bei Sonnenaufgang,
Handbeile zersplitterten frisches Geblk, und Hmmern und Klopfen weckte
die Bewohner des ruhigen und verschonten Hauses. Frau Wendel war nicht
sehr erbaut durch diese Erscheinungen, aber da der Vater sie mit gutem
Humor ertrug und sogar einmal den beiden jungen Leuten die Hoffnung
machte, auch fr sie mchte sich nun wohl Gelegenheit bieten, einmal
mitzuspielen, lie auch die Mutter beruhigter diesen Dingen ihren Lauf,
die in der genuschtigen Welt nun einmal nicht zu ndern waren.

Eines Tages klingelte es gegen Mittag unfreundlich und eindringlich.
Anne-Dore sah im Wohnzimmer den Freund ihres Blumendiebes im Gesprch
mit ihrem Vater, und erfuhr spter, da um die Erlaubnis nachgesucht
worden war, das Tennisnetz und die Blle ber Nacht im Hause
unterbringen zu drfen. Herr Missionar Wendel hatte es gern erlaubt,
Lotte wrde es ihnen stets auf Wunsch aushndigen, und fr den Fall
einmal alle ausgeflogen wren, wrden die Herren ihre Gerte im
Gartenhaus verwahrt finden, wohin sie leicht durch das Hinterpfrtchen
gelangen knnten.

Es war wirklich ein hflicher und liebenswrdiger junger Mann, der aus
gutem Hause sein mu߫, erzhlte er den andern. Es ist ja verstndlich,
da sie uns bitten, wie umstndlich wre es, das schwere Netz jedesmal
hin und her zu schleppen.

Das wre nun freilich keine allzu groe Mhe gewesen, denn sie kamen
bald darauf fr gewhnlich in ihrem kleinen Wagen, bald auch zu Rad, und
manchmal fuhren sogar mehrere Droschken vor, ein Luxus, der Herrn Wendel
ungebhrend und bedauerlich erschien. So junge Leute ... , sagte er
mit Kopfschtteln.

Nichtsdestoweniger schaute er ihrem bunten Spiel gern und oft zu. Es war
ein prchtiger und fr Anne-Dore ganz ungewhnlicher Anblick, der sie an
ihre alten Trume von leichtfertiger Daseinslust und groem Leben
erinnerte. Dies helle Lachen war verfhrerisch, wie das Lied der
Waldvgel einem gefangenen Snger im Kfig erscheinen mute, es lockte
heimlich an und berredete das Herz zu neuen Wnschen. Sie sah die
geschmeidigen jungen Krper dort drben wie im Flug ihrer frhlichen
Rufe. Das Lachen klang in den Sonnenschein, wie der Triumph einer
Lebensfreude, die unbestechlich war und nie zu berreden. Jugend hie
das groe helle Recht, das dort selbstherrlich und ohne Bedacht den
Beglckten die Brust weitete, und aus den frohen Blicken leuchtete es
wie Licht, wie Glck. Anne-Dore beobachtete alles, sie sah die
prchtigen hellen Kleider der jungen Damen, Kostme, die einzig fr
dieses Spiel erdacht schienen, das goldene Blondhaar in der Sonne,
bestrmt vom seligen Eifer kindlicher Kmpfe, die leichten weien Anzge
der jungen Herren, ihre feinen bunten Hemden, deren weicher Fall den
schlanken Krpern ihr Recht an Luft und Sonnenschein lie. Wie
schwerfllig und mde erschien ihr darber oft ihr eigener Krper, und
ihrer Seele ward oft der Flug so schwer, heim, in das Dmmerland frher
Wrde und khler Resignation. --

Die Damen kreischen, manchmal kreischen sie verletzend und springen zu
hoch, sagte Friedberg, und wute nicht, da er Anne-Dore mit diesen
Erkenntnissen zu trsten hoffte. Er ereiferte sich fr die eigene Welt,
fr ihre Welt, wie er sie nannte, und ahnte nicht, wie sehr sein Lob ihr
den Glanz der himmlischen Gter trbte. Anne-Dore fhlte sein Bedrfnis,
in dem er wieder und immer wieder ein Gefhl von Gemeinschaftlichkeit zu
betonen suchte, das sie und ihn in ihrem Glauben verband, und empfand es
wie einen Mibrauch, der sie qulte. Sie kmpfte ihre Miachtung nieder,
aber ihr schien, als ehrten ihre heimlichen Siege ihn wenig, und sie
wnschte sich ein Zartgefhl bei ihm, das ihr solche Milde erlie.

Sie saen miteinander im Garten, an einem warmen Nachmittage in diesem
schnen Frhling, der nun schon auf den Sommer zuging. Drben wurde
Tennis gespielt, die hellen knappen Zurufe und der lustige Zorn mancher
harmlosen Streitigkeit flatterte ber den trgen Strom ihrer eintnigen
Unterhaltung hin. Anne-Dore dachte daran, wie sie diesen Morgen zu
dreien miteinander in die Kirche gegangen waren, feierlich, schwarz und
still, gerade als drben die beiden Freunde mit ihrem Wagen zum Spiel
anlangten. Sie hatten gegrt, fast ohne sie anzuschauen, und Anne-Dore
war rot geworden. Sie hatte es mit Angst und Herzeleid gefhlt. Wie
herausfordernd trug Friedberg sein Gesangbuch, so bekenntnisfroh und
glaubenssicher. War er zu beneiden? Gewi nicht. Wie er nun wieder so
krnkend zuversichtlich von seiner Innenwelt sprach, in der ihn niemand
bedrngte, deren einfltige Kraft sicher in den Beschrnkungen ruhte,
die seine derben und schlichten Anlagen ihm zogen. Sie mute an das Wort
Christi denken: Wer da hat, dem wird gegeben, und fand die Lsung
nicht, die angesichts dieses Verschonten ihre Kmpfe und ihr Schmerz
erheischten. War ihm nicht alles gegeben, das nur immer ein glubiger
Christ sich wnschen konnte? Aber nun pltzlich wute sie und ihre Stirn
sank ein wenig: die Gaben und ihre Herrlichkeit, von denen hier die Rede
war, hatten nichts gemein mit jener selbstgeflligen Gengsamkeit und
ihrem Glck. Es bedurfte anderer Reichtmer, denen noch gegeben werden
sollte, und diese Gaben waren so bitter und belastet mit zeitlichem
Herzeleid, da ber ihnen eine ewige Krone unberhrbarer Schnheit in
ein knftiges Reich hinberglnzen sollte. In ein Reich, das nicht
verging, in dem wohlverwahrt jedes Leid gekannt wurde, als drfte es nie
verloren gehen, als habe die Erde nichts getragen, das hoheitsvoller
gewesen wre und der gttlichen Liebe vertrauter. Und sie schmte sich
ihrer Kmpfe nicht mehr, und kein Kummer schien ihr zu gering, und keine
weltliche Freude barg einen Ersatz.

In ihre Gedanken hinein, von denen Friedberg im matten Eifer seiner
Beredsamkeit nichts ahnte, und in die durchsonnte Stille des mittglich
schlummernden Gartens flog es da pltzlich mit hellem Rascheln durch die
Baumzweige, schlug auf am Wegrand und sprang mit rotem Lachen in das
dunkelgrne Laub des Efeus. Ein Tennisball! Er rollte vor die Laube,
besann sich noch ein Weilchen in leichtem Schaukeln und lehnte sich dann
beruhigt an Friedbergs Stiefel.

Der Kandidat sprang auf und zog ein Gesicht, als habe man ihn beleidigt.
Seine Arme glichen in der Luft irgend etwas aus. Er stellte fest:

Der ist hier herbergeflogen, der Ball, von drben offenbar.

Das war nicht zu bestreiten, Dore mute ber seinen Schreck lachen und
hob die rote elastische Kugel auf, wog sie in der Hand und prfte mit
dem Daumen ihre Federung.

Hbsch sind die, meinte sie. Wollen Sie ihn nicht zurckwerfen, Herr
Friedberg?

Zurckwerfen? Das knnte man. Aber eigentlich sollten sie ihn sich
selber holen. Sie tun, als gehrte ihnen die ganze Welt!

Das tut sie auch, sagte das Mdchen und erschrak ber ihre eigenen
Worte.

Aber Friedberg verstand sie vollkommen: Das war ein Scherz gewesen, der
nur seine Meinung besttigen sollte.

Da krachte das Staket gefhrlich, und die Bsche rauschten unter einem
heftigen Niedersprung. Ein wenig gebckt, mit raschen Bewegungen, frech
ber die Blumenbeete und den Rasen hin, schritt hastig und suchend der
junge Strenfried ihres einsamen Traums. Er war im gestreiften, weien
Tennisanzug, hatte geflochtene Ledersandalen an und das Racket flog
strmisch und ohne Rcksicht in die Zweige der Bsche und schlug sie zur
Seite.

Friedberg war in heller Emprung aus dem Schatten der Laube getreten,
und nun begegneten sich die beiden auf dem Weg. Der Kandidat hatte den
Ball in der Hand und kniff ihn, so fest er konnte, zusammen, denn
irgendwo mute sein Verdru sich Luft machen. Einfach so in den Garten
zu springen! Er verga nicht, Guten Tag zu sagen, fgte dann aber
gleich hinzu: Ich htte Ihnen das Ding da schon zurckgeworfen.

Darauf kann ich nicht warten, sagte der andere frech. Geben Sie her.
brigens ist >das Ding da< ein Tennisball.

Friedberg gehorchte, vllig eingeschchtert durch diese Anmaung. Er sah
das Lcheln des anderen nicht, der wirklich gern hflich gewesen wre,
aber die Anrede, die ihn empfangen hatte, lie es nicht zu.

Danke, sagte der Fremde kurz und drehte sich um.

Friedbergs geknickter Grimm war auf der Jagd nach Worten jhlings durch
etwas ganz Auerordentliches unterbrochen worden und hatte einem
malosen Erstaunen Platz gemacht. Ehe noch der Fremde zwei Schritte
gemacht hatte, hrte er hinter sich:

Mark Enz! Ist es mglich? Dahin ist es also mit dir gekommen!

Der Angerufene hielt inne, rutschte ein Stckchen auf dem Weg, weil er
schon zum Laufen angesetzt hatte, drehte sich um, starrte Friedberg an
und brach ohne weiteres in ein schallendes Gelchter aus.

Der Helferich! rief er jubelnd. Gott schickt mir wahrhaftig deine
graue Seele noch einmal ber den Lebensweg. Gib die Hand, Dicker, la
dich umarmen. Natrlich, wer htte das auch anders sein knnen, einem
wegen eines Sprungs in den Garten moralisch zu kommen. Was tust du hier
in diesem Bethaus?

Mige dich, Mark, rief Friedberg entrstet, lachte aber doch in der
Freude dieses Wiedersehens und begrte den Kameraden aus der Schule und
von der Universitt herzlich. Er hielt seine Hand fest, drehte ihn um,
und nun stand der Fremde vor Anne-Dore.

Niemals in seinem Leben hat Markus Enzheim den Eindruck vergessen, den
dies Bild in seine Seele grub. In der gedmpften Sonnenhelle der Laube
hob sich vom dunklen Laubgrund schmal und bleich ein Mdchengesicht,
tief berschattet von einer mchtigen Flle dunkler Haare, deren Nacht
die weien Augenlider in einen matten Schein von silbrigem Schattenblau
legte. Tiefschwarz tauchten die langen Wimpern in das bekmmerte Bla
der Wangen. Voll, breit, fast ein wenig zu gro schien ihm dieser
schchterne, schlafende Mund, und das Oval des Gesichts schimmerte,
weilicher Marmor, ohne einen Schatten und ohne eine Linie ber dem
dunklen Kleid, nie berhrt, von keiner Gte und keiner Glut, kindlich
und rein, ein Eigentum dessen, der es erschaffen.

Es war nur ein rasches Bild gewesen, aber eindringlich und erhaben, wie
ein Zuruf des Lebens selber an die Begnadeten, die es seiner Schnheiten
wrdigt. Dann hatte ihm Friedberg ihren Namen genannt und ihr den
seinen. Mark Enz, das wre nur eine Abkrzung aus der Jugendzeit, von
der Schule her, eigentlich hiee er Markus Enzheim.

Anne-Dore gab ihm die Hand. Darber und als er sie ergriff, versank ihm
das Bild, das ihn berrascht hatte, als wre pltzlich in einer Kirche
ein Vorhang von einer Seitennische gehoben, und als htte aus dem Glanz
der heiligen Gerte im Dmmerlicht der bunten Scheiben Maria selbst ihn
angeschaut. Nun war alles wirklich. Es war ihm lieb, da Friedberg ihn
mit Fragen und Einzelheiten berschttete; die nahmen ihn nicht in
Anspruch, aber sie hielten ihn hier fest. Erst trat er noch kurz aus der
Laube, schwang den Ball, und mit einem lauten Zuruf schleuderte er ihn
in einem weiten Bogen zurck auf den Spielplatz. Es war, als ob seine
hellen klaren Worte die rote Kugel mit sich rissen und trugen, wie sie
hoch das lichte Blau des Himmels durchschnitt, eintauchte in den grnen
Hintergrund der Bume und sich, nach lautlosem Aufschlag am Boden, bei
ihrem Sprung im Drahtnetz verfing. Man sollte fr ihn eintreten, er kme
sogleich. Fragen kamen zurck, ohne sie zu beantworten, trat er wieder
zu den beiden und nahm den Gartenstuhl, den ihm Friedberg ber den Tisch
hob.

Er sa gegen das Licht. Nun da er mit dem Kandidaten sprach, anfangs
immer ein wenig zurckhaltender und khler als jener, sah Anne-Dore, da
er schlanker und kleiner war, als er beim Schreiten und unter seinen
Bewegungen erschien. Gegen den helleren Eingang der Gartenlaube
erblickte sie sein Gesicht nur undeutlich, zuweilen aber sein Profil,
das ihr weich und vornehm im Schatten erschien, aber herb und fast
scharf, wenn bei einer Biegung seines Kopfes ein Lichtschein darber
hinglitt. Sie lauschte auf seine Stimme, fast ohne auf das zu achten,
was er sagte. Was konnte es wohl viel sein, da es doch Friedberg galt.
Diese Stimme war sonderbar melodisch und vernderbar, wie das
Schatten- und Lichtspiel unter dem Laub der Bsche am Boden. Sie fgte
sich dem Sinn seiner Worte, als wollte sie jedem seinem Wesen nach ein
anderes Gewand geben, und seine Bewegungen, die Wendungen seines Kopfes,
die Gebrden seiner Hand schlossen sich diesem feinen Spiel in so
vollkommener Harmonie an, da Anne-Dore eigentlich nur einen Eindruck
hatte, den einer lebensvollen, ein wenig bedchtigen und warmen Musik.
Manches erschien ihr von groer Anmut, wurde aber wieder und wieder so
keck und gleichgltig durch eine abweisende Energie der Bewegung
verworfen, da es ihr niemals weichlich erschien. Hier zeigte sich ihr
zum erstenmal ein Wesen, das nicht um die Tugend seiner Gebrden zu
ringen schien, sondern das sie zu verbergen trachtete.

Wrdigte er denn wirklich Friedberg all dieser Liebenswrdigkeit, dieses
feinen Eingehens auf jedes seiner Worte? Auch der Kandidat whlte
befangen im Schatze seiner Erinnerungen. Er kannte Mark Enz nicht
wieder. War das der rcksichtslose und spttische Kamerad, der es nie
fr der Mhe wert erachtet, ihn ernst zu nehmen, der ihn frher nur
gebraucht hatte, um seinen Fehlern zur Lust der andern ihre treffenden
Namen zu geben, der in Schweigen verfallen wre, wenn er mehr gefordert
htte, und der hochmtiger gewesen war, als auch die eifrigste Liebe
ertrug?

Friedberg entschlo sich, etwas unsicher, zu der Ansicht, da Mark Enz
sich doch sehr zu seinem Vorteil verndert haben mute, obgleich er
undeutlich empfand, da jener auch damals schon anders htte sein
knnen, wenn es nur sein Wille gewesen wre.

Nun wandte Mark Enz sich an Anne-Dore, und pltzlich, wie er nun in
seiner Unterhaltung mit ihr jeden, aber auch jeden Einwand Friedbergs
ignorierte, erkannte der Kandidat bestrzt den alten Gefhrten wieder,
den er gehat und geliebt hatte. Undeutlich empfand er, tief verstimmt,
die Rolle, die er hier eben hatte spielen mssen, gerade wie einst,
diesem geschmeidigen Willen ergeben, der zu seinem Erfolg mibrauchte,
was immer ihm gefiel, und dem jede Anmut, jede Lge und jede Tugend zu
dienen schienen. Alle Liebenswrdigkeit, die da vor ihm aufgeboten
worden war, hatte nicht ihm gegolten, wollte nichts von ihm.

>Pfui<, dachte Friedberg, bitter und erbost. Er beschlo, durch dumpfes
Schweigen zur Last zu fallen und keine Frage mehr zu beantworten. Aber
es wurde ihm nur fr seinen ersten Plan Gelegenheit geboten.

Jedoch die Liebenswrdigkeit und das bezwingende Lcheln des andern
waren wie ausgelscht. Er sprach ernst, fast zgernd, ja beinahe
abwesend, schien es nur gezwungen zu tun, und aus Hflichkeit und der
Ausdruck seines Gesichts war fast traurig. Gierig verfolgte Friedberg
jede Regung, aber er erkannte keine Absichten. Da lchelte er ironisch
und berlegen und verschrnkte die Arme. Mark Enz sah es und zog mit
innerlichem Lcheln einen Schlu daraus.

Da Anne-Dore dem Fremden anfangs nur schchtern und leise antwortete,
lie er ihr Zeit und erzhlte. Erst vom Spiel. Aus seinen Augen lachte
die Freude daran, er schien ihm mit Hingabe und Leidenschaft ergeben;
dann, ganz von selbst und ohne Stocken, kam er auf andere Dinge, sein
Eifer schien kindlich, seine Worte waren bunt. Anne-Dore entstanden
Bilder unter diesen raschen biegsamen Stzen, die, wunderbar geschmeidig
und zh gefgt, allein notwendig in dieser Form und sicher, wie mit
heimlichem Zauber, ihr Herz in die Welt seiner Gedanken hoben.

Auch sie begann nun, wie ohne ihre Absicht und doch bereitwillig, zu
sprechen. Er kam ihren scheuen Gedanken entgegen, gab ihnen ohne
erkennbare Hilfsbereitschaft ihre rechten Namen, und antwortete ihr auf
eine Art, die seine Achtung vor jedem ihrer Gefhle verriet. Nur eins
konnte er nicht, sie fhlte es rasch und vershnt mit jeder seiner
Gewandtheiten: er konnte keine Zugestndnisse machen. Nie lie er sich
herbei, um ihr in Dingen recht zu geben, die er nicht liebte, wie sie.
Wohl erschien es ihr, als wnschte er ihr zu gefallen, aber er setzte
mit Selbstbewutsein voraus, da dies nur mglich sei, wenn er seine Art
betonte und seine Welt heilig sprach. Das war es, was sie ihm heimlich
dankte.

Einmal widersprach sie ihm, ja sie unterbrach in einem Eifer, der ihr
fremd war, seine Worte und heischte eine Erklrung. Er besann sich, dann
meinte er kurz:

Ich kann sie Ihnen heute nicht geben. Bei Ihrer Jugend darf ich die
Erfahrung nicht voraussetzen, die fr ihr Verstndnis notwendig wre.

Sie schwieg. Friedberg war fr sie gekrnkt. Er mischte sich hinein und
sagte mit einem Ton milder, fast vterlicher berlegenheit in der
Stimme:

Nun, wo da von Erfahrung die Rede ist, lieber Mark, meine ich doch, da
eine menschliche Reife den Ausschlag gibt, und ob wir da nicht auf
verschiedenen Wegen zu ganz hnlichen Hhen gelangen knnen, ist
fraglich. Gerade was die Reife betrifft, wei ich bei dir nicht recht.
Auf welche Wissenschaft sttzest du dich, bei deiner Sicherheit, die
vielleicht ein wenig ... nun weit du ... ich will sagen -- vorschnell
ist ....

Er hatte bei seinen Worten die Hand erhoben, und Mark betrachtete,
whrend jener sprach, ruhig diesen zahmen weien Finger, wie er sich
warnend und langsam in der Luft hin und her bewegte. Er folgte ihm
gelassen mit den Augen, schien Friedberg ganz zu vergessen und
unterbrach ihn nicht. Das erstaunte den Kandidaten, er geriet ins
Stocken und betrachtete seinen Finger auch. Darauf senkte sich dieses
hilfsbereite Glied tlpelhaft und beschmt, machte sich am Knie allerlei
zu schaffen, und sein Gebieter wurde langsam rot.

Wie? fragte er und sah Mark Enz durch die Brille an.

Ich habe nichts gesagt, antwortete jener. Aber er lie nun den Finger
des Kandidaten mit seinen Blicken los und sah in den Garten hinaus, weil
ihn die Verlegenheit seines Gegners qulte.

Friedberg lachte. Seine ganze Niederlage lag in diesem Lachen voller
Zugestndnisse an den einfachen Sieg seines Gegners, und es gefiel
Anne-Dore wohl, da Enzheim keine Miene machte, seinen Erfolg in
kleinlichem Triumph einzustreichen.

Friedberg wurde redselig, ihm lag an einem Ausgleich. Es war, als fhlte
er sich nun dem alten Freunde gegenber wieder am rechten Platz. Und
Mark Enz berlie ihm diesen Platz und die Unterhaltung.

Die vernderte Stellung der drei zueinander und Friedbergs Worte nun,
wirkten auf Anne-Dore wie eine pltzliche Stille. Sie sah mit Schrecken
und Furcht auf den Fremden, der jetzt ein wenig geneigt, und den dunklen
Kopf auf die Hand gesttzt, schweigend auf seine Schuhe niedersah. Nun
da er ihr wieder fremd erschien, fremder als je, verstand sie nicht, mit
welchem Recht und dank welcher Krfte er ihr eben noch nah gestanden
hatte, wie ein vertrauter Freund. Als gbe es Mchte in ihrer Seele,
deren Leben zu erwecken nicht in ihrer Kraft stand. Ja es war ihr, als
sei jener von einer Gewalt begabt, deren Rechte in seinem Geschlecht und
Wesen ruhten und lter waren, als Menschengedanken zurckreichen. Aber
dieser Glaube trstete sie fast. So war nicht seine Willkr allein in
ihr verschlossenes Reich gedrungen, sondern ein Wille, hher als seiner
und strker als der ihre, eine Vorsehung, der sie beide ergeben waren.
Sie empfand nur unbestimmt, wie dies Wunderbare ber sie gekommen war,
aber ihre scheuen Regungen, die sie nicht verstand, spielten hinber zu
ihm, der sie erweckt, und lieen ber seinem Scheitel einen ersten Dank
ihres Herzens, der unschuldiger war, als da ihn irdische Gedanken
ereilen.

Stand er denn auf? Ging er fort? Selbstverstndlicherweise und hflich
gelassen, als sei nur dies noch ntig? Als er ihre Hand drckte, flog
etwas in ihrer Seele auf wie Zorn. Nahm er denn wissenlos und ohne Dank
nun alles mit fort? Auf seine Frage, die sie nur undeutlich zu hren
glaubte, antwortete sie verwirrt; ja, es wre ihr lieb, wenn er
wiederkme. -- Mute man das nicht, schon aus Hflichkeit? Er war sicher
reich und aus vornehmem Hause, da durfte man nicht undankbar erscheinen,
wenn er eine Freundlichkeit anbot. -- O wie diese flachen grauen
Gedanken pltzlich mit lgnerischem Ernst ihren Sinn beschatteten.

Friedberg begleitete den Freund an die Gartenpforte.

Hre, sagte Mark Enz, du tust das Deine, damit es mir mglich wird,
hier hin und wieder vorzusprechen. Er sprach erregt, sein Atem ging
hart. Er schien seine Worte zu bereuen.

Ich will mich gerne bemhen, Mark, aber was kann ich denn tun? Ich bin
in diesem Hause selbst ein Fremdling. Und welchen Sinn htte es
schlielich auch, du und diese Leute.

Enzheim blieb stehen. Sie waren weit genug von der Laube fort.

Dicker, sei lblich, sagte er barsch. Du denkst natrlich, ich tte
dir nun den Gefallen, zu sagen: >Lieber Helferich, nur du und deine
Freundschaft ziehen mich in dieses Haus.< Ich gedenke dies nicht zu
versichern. Denn erstens wre es eine Lge, und zum andren httest du
das bestimmte Gefhl, mich durchschaut zu haben. Ich komme einzig
deshalb, weil ich Frulein Wendel, oder wie sie heit, nher kennen
lernen mchte.

Friedberg fhlte sich sehr unbehaglich. Er beschlo einen Anlauf zu
seiner alten Wrde, die er in Jahren der Trennung mhsam errungen hatte,
verwarf ihn aber rasch und sagte fast bittend:

La das sein, Enz. Es hat keinen Sinn. Wirklich nicht. Die Gesinnung
der Dame macht auch jede Annherung unmglich, da du es weit.

So? Was fr eine Gesinnung hast du entdeckt? fragte Enzheim in einem
Spott, der nur in seiner Hflichkeit lag.

Sie ist eine glubige Christin und sehr fromm, sagte Friedberg mutig.
Er machte heimlich Fuste und wartete trotzig auf die Antwort.

Sie kam leise und freundlich:

Du gottsverfluchter Heuchler von einem Kandidaten. Schiebt der Kerl
wahrhaftig die Bibel als Riegel vor sein Jagdgebiet. Gib das auf,
Dicker, hast du gehrt?

Friedberg war wtend.

Ich werde mich keine Minute besinnen, Markus Enzheim, Frulein Dore
Wendel von deinen Worten Mitteilung zu machen. Das ist eine Infamie!
Solange ich in diesem Hause wache, betrittst du es nicht wieder.

So, sagte Enzheim, also du machst dem Mdchen Mitteilung von meinen
Absichten und meiner Bitte. Sieh mal, das ist es, was ich wollte. Er
sagte es ruhig und stillvergngt, und war sicher, da der andere nun auf
Tod und Leben schweigen wrde.

An der Pforte lenkte er ein.

Also auf Wiedersehen, Dicker. Lerne Scherz ertragen. Und Gre an die
junge Dame.

Er ging leicht und rasch ber den Weg und schien alles vergessen zu
haben. Friedberg sprte noch den festen Druck seiner Hand. Der Freund
erschien ihm sicher, gelassen und unvorsichtig zugleich. Als wren seine
angewandten Krfte des Gegenstandes nicht wert, oder der Gegenstand
ihrer flchtigen Unterhaltung seiner Krfte nicht. Aber er hatte immer
schon zu zwecklosen Betrachtungen herausgefordert, voller Widersprche,
wie er war. Und was hatte er da vorhin nicht ber die Bibel gesagt?!
Friedberg erkannte aufs neue, da dieses Buch den Gottlosen ein Dorn im
Auge war, und da jeder, der sich zu ihm bekannte, Anfechtungen und
Bedrngnisse erdulden mute.

Drben brachen die anderen auf, und da er gerade am Pfrtchen stand,
nahm er einem der jungen Herren das graue zusammengelegte Tennisnetz ab,
zog hflich seinen Hut, verbeugte sich, als habe man ihn beschenkt, und
ging nachdenklich in die Laube zurck, fest entschlossen, durch kein
bereiltes Wort das heraufziehende Unheil zu verschlimmern.

Anne-Dore war fort.




Sechstes Kapitel.


In den kommenden Tagen malte sich Friedberg ohne Ermden heimlich die
Niederlagen aus, die Mark Enz bei seinen Annherungsversuchen erleben
wrde. Er sah, wie jener unter Anne-Dores Blick und Wort zusammenschrak,
pltzlich verstummte, wie vor der Hoheit eines Heiligenbildes, wie er
beschmt und betroffen den Rckzug antrat und auch einmal die Kraft an
der eigenen Seele sprte, die von denen ausgeht, die wahrhaftig dem
Reiche Gottes angehren. Seine Phantasie arbeitete froh und angestrengt,
ganz ber ihr gewohntes Vermgen. Er sah Bilder, lebendig im Pathos des
Erhabenen, das sie darstellen. Anne-Dores erhobener Arm wies mit
kriegerischer Milde den Eindringling ab, er knickte scheu nach hinten
zusammen unter dem ruhigen Glanz ihrer Augen, und fern, in einem Nebel
aus Licht, erhob sich hinter ihr das Kreuz und strahlte. Er hatte einmal
ein hnliches Bild gesehen, die Erinnerung half gefllig nach, Mark Enz
verdarb und ward nicht mehr gesehen.

Er redete solche Bilder laut vor sich hin, berauschte sich an ihrer
Hoheit und ihr Trost beruhigte ihn. Aber hinter ihnen wohnten Gedanken,
furchtbarer und martervoller, als da er ihnen anfnglich Gestalt zu
geben wagte. Furchtsam empfand er bald, da diese Gedanken es waren,
die, tief unter den anderen, seine trostvollen Visionen ntig machten,
ja erschufen, als liebten sie hmisch die Tuschung, als spielten sie
spttisch mit ihrer dmonischen Gewalt, als wollten sie sein armes Herz
verhhnen mit falschem Trost. Er geriet auer sich, wenn nur ein
geringes Anzeichen, grau wie eine Ahnung, ihr dunkles Wirken verriet.
Und doch verschlang im Lauf der kommenden Zeit und unter ihren
Ereignissen dieser finstere Abgrund alle hellen Bilder. Er wute nun
seine Todesangst um Anne-Dore und nannte sie bebend bei Namen. Seine
Zuflucht wurde das Gebet. Nie in seinem Leben hat Helferich Friedberg
mit solcher Inbrunst seinen Gott angerufen, wie in dieser Zeit.

Als er einmal auf eine Art, die er unauffllig nannte, bei Anne-Dore das
Gesprch auf Markus Enzheim brachte, wies ihr Gesicht ihn ab. Der Zug
darin setzte ihn anfnglich in groe Verlegenheit und trug ihm ein
Schuldbewutsein ein, spter qulte er ihn hart. Denn dieses Ablenken,
mit dem ihn das Mdchen in seiner Sorge allein lie, hatte nichts von
jener liebevollen Nachsicht gehabt, die er fr gewhnlich ihre
Freundlichkeit nannte. Ich bin ein armer Tlpel, dachte er, und schalt
auf Enzheim, der ihm sein schnes Selbstbewutsein fr lange erschttert
hatte, und fragte sich wieder und wieder, was beide nur auszeichnen
mchte, jenen und Anne-Dore, da er sich ihnen gegenber fremd,
benachteiligt und armselig fhlte. Und da seine eigene Innenwelt im
Grunde keinen Namen trug, fand er nirgends Zuflucht und Trost gegen dies
Gefhl, und auch kein Bewutsein von stolzem Verzicht ffnete ihm das
Reich der Einsamkeit, in dessen Frieden niemand einzieht, dessen Seele
nicht reich von Geburt ist.

Es wunderte ihn, da Enzheim nicht kam. Er erwartete ihn tglich, hatte
sich jede Antwort zurechtgelegt und alle Aussagen formuliert, die er
Anne-Dores Eltern ber diesen gefahrvollen Menschen machen wollte. Ohne
Aufhr forschte er im Gesicht des Mdchens, dessen Zge, verschlossen
und fest, ihm nichts verrieten. Ihm schien, als sei sie bleicher als je.
Er sah ihre Augen erschrecken, wenn ein Vorfall sie hob, der
auergewhnlich war oder unerwartet kam. Seine erste groe Beteiligtheit
am Leben machte ihn empfindsam und klarsichtig, er litt sein erstes Leid
unvorbereitet und hilflos. Zu allem brachten seine religisen Urteile
ihm die Pein eines bsen Gewissens. Er verga sich so weit, da er
nachts an ihrer Tr lauschte, aber unter dem qualvollen Pochen des
eigenen Herzens und dem Beben seines Krpers hrten seine Ohren die
ganze Welt sausen, und er schlich fort auf seinen grauen Socken, bis
sein gesunder Schlaf ihn befreite.

Aber dieser Zustand der Ungewiheit nahm im Laufe der Wochen so
schmerzhaft berhand, da er es im ersten Augenblick beinahe wie eine
Erlsung empfand, als er eines Abends spt das junge Mdchen im
Gartenhaus mit Mark Enz berraschte.

Da er anfangs nur Anne-Dore sah, die das weie Gesicht im Halbdunkel
ber ihre Hnde neigte, die auf dem Tisch ruhten, erschrak er furchtbar,
als er pltzlich im Hintergrund der Laube den roten Feuerpunkt einer
Zigarette gewahrte, der aufglhte und ihm im Bereich seiner rauchenden
Seele fr eine Sekunde das verhate Gesicht zeigte.

Ich stre wohl -- --, stotterte er fassungslos.

Ja, sagte die Stimme mit dem gelassenen Klang und der infamen
Lieblosigkeit. Sonst nichts. -- Er konnte doch nun so nicht fortgehen.
Es schmerzte ihn schneidend, da Anne-Dore nicht sprach, da sie das
duldete, da er, kalt und lieblos bei einer hflichen Frage genommen,
fortgeschickt werden sollte wie ein Schuljunge. Sein Herz berstrmte
von einem schmerzhaften Mut.

Frulein Wendel ...., sagte er flehentlich.

Sie antwortete nicht. Da sah er, als wieder kurz und tckisch von drben
die Zigarette in das Schweigen einbrannte, ganz flchtig, aber mit
grausamer Deutlichkeit, da sie weinte, da sie mit dem Schluchzen
kmpfte, um ihm antworten zu knnen. Ihn schwindelte. Da fhlte er ihre
Hand an seinem Arm. Unsagbar zart und liebevoll war die kaum sprbare
Entschiedenheit, in der sie ihn fortschob. Als htte sie ihr Leben lang
nichts erlitten, als nur den Schmerz, zurckgewiesen zu werden, und
wte, wie keiner auf der Welt, wie weh das tut. --

Diese Nacht schlief Friedberg nicht. Er hatte sich zum Essen
entschuldigen lassen und schrak gegen Mitternacht heftig zusammen, als
ein leises Pochen an der Tr ihn an seinem Schreibtisch emporri. In
einem richtigen Instinkt fr die Bedeutung dieses auergewhnlichen
Vorfalls schwieg er und schlich rasch und bedachtsam auf den Zehen an
die Tr, die er leise ffnete. Es wurde ihm vorsichtig von auen
geholfen, er fhlte den Druck einer Hand an der Klinke, die zgernd und
schwer jedes Gerusch des Schlosses zu hindern trachtete. Dann sah er
Anne-Dore im Rahmen der Tr stehen, in weichen Hausschuhen und ohne die
dunkle Krone ihres Haares. Er lie sie zitternd ein, putzte sein Licht
und zog sprachlos und leise das Fenster zu. Nun sah er, da ihr Haar in
zwei Zpfen niederhing, gestrafft an den Schlfen, sank es glnzend und
schlicht vom Scheitel nieder. Wie das ihr Gesicht vernderte. Er glaubte
an einen Traum und fand keine Fassung. Sie winkte ihn traurig lchelnd
aber gelassen auf seinen Stuhl und lie sich auf seinem Bettrand nieder.

Ihr Kommen begrndete sie in keiner Vorrede und entschuldigte es nicht.
Er solle versuchen, ruhig zu sein und sie anzuhren.

Was soll ich tun? fragte er mit verstrtem Gesicht. Sind Sie es
wirklich, Anne-Dore?

Sie beachtete nicht, da er sie bei ihrem Vornamen nannte. Sie schien
auf nichts acht zu haben, war ganz im Bann ihres Plans, den sie
auszufhren schien, ohne zuvor die Kraft zu einer berlegung gefunden zu
haben. Friedberg entsann sich spter deutlich des Eindrucks, den sie
anfnglich auf ihn machte, er hatte die bestimmte Vorstellung, sie
wandelte in einem Traum, dessen schlfriges Feuer sie langsam verzehrte.

Friedberg, sagte sie, Sie mssen mir versprechen, zu schweigen.
Begreifen Sie, es ist ntig, da Sie schweigen ...

Es wurde still. Er wollte, seinem Herzen gehorsam, in dem es warm
emporwallte, ihr seine eifrigsten Versicherungen geben, denn ihm schien
allein darin eine rasche Hilfe fr sie zu liegen, aber seltsam und
unzertrennbar miteinander verbunden, berwltigten ihn seine Selbstsucht
und seine religisen Vorstellungen. War ihm hier nicht, wunderbar vom
Herrn gefgt, eine ganz andere Aufgabe gesetzt, als die, einen falschen
und gefhrlichen Dienst zuzusagen? Kam Anne-Dore nicht zu ihm, wie von
einer hheren Macht getrieben, die sich seiner bediente, um die Verirrte
auf den rechten Weg zurckzuweisen? Seine Erregung verdarb seinen
Zweifeln alle Kraft, er lie sich treiben in diesem dumpfen Drang, und
als er dem Mdchen antwortete, mochte seine haltlose Angst in ihrem
Fieber wohl wirken wie das Beben einer inneren Ergriffenheit.

Anne-Dore, was fordern Sie von mir? Wollen Sie mich zum Mitschuldner an
Handlungen machen, die Sie in Abgrnde reien? So wahr mir Gott helfen
wird, werde ich nichts unversucht lassen, um Ihr betrtes Herz auf den
rechten Weg zurckzuweisen.

Sprechen Sie leise, sagte das Mdchen. Wenn Sie noch ein lautes Wort
sagen, lasse ich Sie allein.

Friedberg migte sich.

Ja ich will leise reden, sagte er, mehr und mehr im Bann seines
geplanten Rettungswerkes, aber Sie mssen mich bis zu Ende anhren.
Wollen Sie? Ja, ich sehe, Sie wollen. Ich fhle, da Sie des Zuspruchs
bedrfen und danke Gott, der mich ausersehen hat, meine schwache Kraft
in den Dienst seiner Sache zu stellen. Um Ihretwillen Anne-Dore. Wie
herrlich ist das fr mich. -- Ich kann keine groen Worte machen, aber
er, Anne-Dore, unser Heiland, hat sie fr mich gemacht und ihrer Kraft
wollen wir uns vertrauen. O, er wird helfen. Er, der gesagt hat: Der
Vater, der sie mir gegeben hat, ist grer denn alles, und niemand kann
sie aus meines Vaters Hand reien.

Das Mdchen sprang auf, als habe der Mann vor ihr sie mit Feuer bespien.
Sie floh an die Tr, wie von einem Sturm erfat, mit einem
Schreckensangesicht, in dem auch die Lippen bleich waren, wie im Tode.
Beschwrend ri sie die Arme gegen ihn empor und ihr Mund stie
keuchende Laute aus, die Worte bedeuten sollten.

In einem Taumel von Siegesbewutsein und Todesangst wute Friedberg im
ersten Augenblick nur eins: eine Welt von Kmpfen und Schmerz in der
Seele des Mdchens lag zwischen jenem ersten Tag im Garten und dieser
Nacht. Und im Mittelpunkt aller Not stand der verhate Sptter mit
seiner geschmeidigen Wrde und seiner ruchlosen Sicherheit. Der Kandidat
prete die Fuste gegen die Augen und fhlte den Namen, wie er sich
einbrannte in das flimmernde Dunkel vor ihm. Teufel, sthnte er,
Teufel! Wer hat dich ausgerstet? Dann ri ihm ein wtender Mut die
Hnde vom Gesicht. Er sah Anne-Dores Arme hinter ihr an der Tr Halt
suchen, sprang herzu und sttzte sie.

Ruhe, Ruhe, bat er, beruhigen Sie sich. Es ist nichts verloren. Es
wird alles gut. Ich habe es nicht so gemeint, wie konnte ich auch
wissen ...

Er fhrte sie an das Bett, sie lie sich schwer nieder und schien nun
erst zu empfinden, da er sie berhrt und geleitet hatte. Ihre Schultern
schttelten die Erinnerung an seine plumpen Hnde ab, sie gewann
Sicherheit, weil sie seine Hilflosigkeit sah, besann sich mit einem
Lcheln, das ausgleichen sollte, aber schmerzlich war, wie vom ewigen
Heimweh erschaffen.

Lassen Sie gut sein, sagte sie und winkte ihm die begonnenen Worte von
den Lippen. Er brach ab und starrte sie an. Ich wollte nicht das, hren
Sie mich, fuhr sie fort. Glauben Sie, ich sei gekommen, um mir einen
Rat bei Ihnen zu holen? Ich wollte Ihnen nur den Rat geben zu schweigen.
Und Sie werden es tun. Greifen Sie nicht in Dinge ein, die ihren Gang
haben wollen. Wenn ich durch meine Eltern gehindert wrde, meinen Weg zu
gehen, gbe es ein greres Unglck, als sonst geschehen kann. Sprechen
Sie jetzt nicht, seien Sie still. Meine Eltern werden mich nicht hindern
knnen. Es wrde ein furchtbarer Schmerz in ihr armes Leben kommen.
Begreifen Sie doch, nicht meinetwegen komme ich, auch nicht seinetwegen,
am wenigsten Ihretwegen, Herr Friedberg. Ich komme meiner Eltern wegen.
Ich bin gekommen, um fr ihre Ruhe zu sorgen, denn was leistete mir
Gewhr, da Sie nicht eine Dummheit machen wrden, ich meine, da eine
unberlegte Gte von Ihnen, eine voreilige Hilfsbereitschaft alles
zerstrte. -- Es wre nachher nichts mehr gutzumachen.

Er hatte sie niemals so anhaltend, so sicher und bewut sprechen hren.
Whrend sie redete, konnte er keinen Gedanken fassen und nun, da sie
schwieg, mit einem Ausdruck drohender Entschlossenheit, erst recht
nicht.

Anne-Dore, sagte er und bedeckte sein Gesicht mit den Hnden.

Sie schwieg, geqult durch diesen Flehenden, der eben noch so streitbar
vor ihr gestanden, geqult durch den Gedanken an ihre Niederlage und da
sie sich ihm hatte verraten mssen unter jenem Wort, das in ihre
geheimen Kmpfe geleuchtet hatte. Nein, ihr waren keine Gaben verliehen,
den Brutalitten des Daseins geschmeidig zu begegnen. Kein Sieg ihrer
Jugend verlieh ihrem Gefhl Festigkeit und ihrem Innenleben Stete, das
erst um seinen Namen rang, und ihr waren keine Krfte geblieben, um sich
nach auen hin Rettung zu schaffen. Wachten nicht Engel ber dem
blutigen Streit eines hilflosen Herzens, es wre traurig um jenen Ruhm
bestellt, den der Himmel denen verheit, die berwinden.

Anne-Dore wute, da etwas geschehen mute, um ihre Stellung zu
Friedberg auch fr die knftige Zeit zu sichern. Wie leicht wre es ihr
geworden, wenn sie htte lgen knnen, jene feinen, liebevollen und
barmherzigen Lgen, die oft so viel schner scheinen als die Wahrheit,
und jedes Schicksal um sein Recht betrgen mchten. Sie konnte es nicht.
So sagte sie nur:

Ich mu allein sein, Friedberg, sehen Sie, mit allem, mu mich
abfinden. Ich glaube Ihnen, da Sie mir helfen mchten. Wollen wir nicht
Freunde sein? Bin ich Ihnen um so viel Glck voraus, da Sie nicht
knnen?

Seine Angst um sie und sein Ha gegen Enzheim siegten ber seine
Verwirrung. Er raffte sich zusammen und ballte die Fuste ...

Leise, leise, flsterte das Mdchen, als sie sein Gesicht sah.

Freunde? keuchte er, haben Sie Freunde gesagt? O, wie wre ich wert,
Ihr Freund zu sein, wenn ich schwiege! Ich habe Sie reden lassen, jetzt
will ich reden. Wissen Sie, wer dieser Mann ist, dem Sie vertrauen,
dessen Einflu Sie zu erliegen drohen? Ihr unschuldiger Sinn, der in der
argen Welt nicht erfahren hat, irrt und fehlt, ist verwirrt worden.
Glauben Sie, ich wte das nicht? Ich kenne Mark Enz. Wieviel Unschuld
seiner bsen Verstellungskunst schon erlag, ahnen Sie nicht. Ich wei
es. Ich habe mit ihm gelebt, habe gesehen, wie er Trnen verlachte,
Schmerzen verspottete und gewissenlos auch das Heiligste betastete. Er,
der alles bejahen und verneinen kann, der keinen Gott kennt, und dem
kein Gewissen in der Brust schlgt, lebt schamlos und ruchlos nur seinem
Genu. O, er kann alle Register ziehen und geht zu Werk im Kleid jeder
Tugend. Unschuldig kann er tun wie ein Knabe, gefhlvoll wie ein
schchternes junges Mdchen, mnnlich wie der Charaktervollste, der je
fr hohe Sitte und edlen Kampf verantwortlich war. Nichts an ihm ist
arglos oder rein, er ist berechnend und kalt in jeder Bewegung. In
jeder! Er kann sogar rot werden, wenn er will ...

Was war das? -- Anne-Dore lachte.

Nichts htte ihm seine ganze Ohnmacht deutlicher vor Augen fhren
knnen. Zwar besann sie sich gleich, glich aus mit einem freundlichen
Zugestndnis. Es wre ihr verstndlich, da Enzheim manchen so
erscheinen mte, die ihn nicht kennten, aber er drfe darber nicht
vergessen, da es Menschen geben knnte, die sich hinter mancherlei
Gebrden versteckten, weil sie sich den Tag hindurch ihrer Umgebung
nicht preisgeben wollten ...

Ach, sie glaubte ihren seichten Worten selber nicht. Aber ihre
Verachtung fr diese plumpe Erkenntnis des erbosten jungen Mannes vor
ihr war zu gro, als da sie ihm auch nur noch einen Schatten ihrer
eigenen Angst htte verraten knnen. Und ohne da sie recht wute, wie
es geschah, gelang es ihr, ihn zu beruhigen. Ihr Herz brannte ihr unter
den eigenen Worten, die lau und flach alles auf ein trges Mittelma
stellen muten, um diesen Einfltigen zu beschwichtigen. Was sollte sie
tun? Das Unheil war einmal geschehen. Sie sah in seiner Entdeckung
beides, eine Warnung und eine Gefahr. O, es war kein Zufall gewesen, da
dieser Verschonte, der fr sein Tun nicht zur Verantwortung gezogen
werden konnte, ihr mit jenem Bibelwort entgegentreten mute.

Gepeinigt durch die schale und unsinnige Lage, in der sie sich befand,
stand sie auf und reichte ihm widerstrebend ihre Hand hin.

Morgen, winkte sie ab, als er reden wollte.

Ich bin auch nur ein Mensch, stotterte er. Fhle ... leide -- ach,
entschuldigen Sie.

Sie nickte ihm zu, hilfloser als er.

Der liebe Gott behte Sie, sagte er traurig.




Siebentes Kapitel


Mit ihnen schritt ein Dritter durch die Nacht. --

Hast du mich lieb? fragte Mark Enz.

Anne-Dore schwieg, wei wie das Tuch, das ihre Hnde preten. Seine
Worte sanken in die blutige Dmmerung ihrer Seelenqual, in ihrer
Khnheit erlsend wie Licht und schmerzhafter als der bittere Tod. Nun
war ihr, als habe sie all ihre Zweifel und all ihre Not geliebt,
grausamer und allgewaltiger als sie, erschien ihr, was nun kommen
sollte. Und als er seine Frage wiederholte, traurig, wie nur er fragen
konnte, eindringlich, als hinge sein ganzes Heil von ihrer Antwort ab,
sthnte sie auf, wie ein gemartertes Kind und flsterte klanglos:

Hilf mir.

Wen bat sie? Sie wute es nicht mehr.

Sie waren des Nachts miteinander im Wald. Nachdem sie in der Laube
entdeckt worden waren, hatte Anne-Dore gebeten, er mchte dorthin nicht
mehr kommen, und er hatte ihr gesagt, er wrde am Waldrand auf sie
warten, spt, wenn das Haus schlief. Nun schritten sie miteinander im
Mondlicht dahin. Hellgraues Silber legte, geheimnisvoll bewegt, die
schmalen Waldwege in lichte Nebel. Wenn sie hinaustraten in die
Lichtungen der Waldwiesen, wurden ihre Stiefel na, es war dort khler
und das Gras duftete, feucht und ein wenig nach verwehtem Rauch. Unter
den Bumen war es noch warm vom Tage, sie schliefen tief in ihren grnen
Kleidern, die der Sommer noch nicht gedunkelt hatte.

Er blieb stehen, legte seinen Arm um ihren Hals und um ihre schweren
Zpfe, die khl und schwarz waren wie Erde; so blieb auch sie stehen,
suchte Halt in ihrer heien Bedrngnis, bis ihre Stirn seine Schulter
fand.

Er wute viel mehr als sie ahnen konnte, sie, die nie zu ihm gesprochen
hatte. Wie oft hatte sie erschrocken gelauscht und selig gezweifelt:
Woher kannte er sie und den scheuen Weg ihres geteilten Herzens? War
ihre Welt ihm nicht fremd?

Er hrte ihren Hilferuf und wute wohl, was sie verschwieg und um was
sie bat.

Anne-Dore, sagte er langsam, ich liebe dich. Mich verlangt nach dir.
Du bist Ruhe, Heimkehr, Halt fr mich. Du bittest mich um Hilfe und hast
gefhlt, wie sehr ich ihrer bedarf. Wenn du deine Liebe nicht schenken
kannst, sei gtig. Mein Herz ist zerrissen und meine Hoffnung bei dir,
Anne-Dore.

Er wute wohl, welcher Worte sie bedurfte, er empfand, wie viel zu
schwer sie litt, als da sie Leiden ungestillt lassen konnte. Und als er
sich nun niederbeugte ber ihr regloses Gesicht, empfingen ihre Lippen,
bleich und kalt, seinen heien Mund.

Vertraue mir, bat er. Sieh deinen Trost in meiner Heilung. Was soll
ich tun, da du nur einmal lchelst? Kind, sprich, glaubst du, ich wre
nicht bei dir? Die Welt, in der du glcklich warst, kann niemals meine
werden. Nie. Aber ich kann uns einen neuen Himmel schenken fr den, den
ich dir geraubt habe.

Sie zitterte und machte sich los.

Nichts hast du mir geraubt, flsterte sie angstvoll. Sprich nicht so.
Ich kann nicht dein eigen sein, wenn ich ... ach, versteh mich, Mark.
Bin ich ein Kind, sag, bin ich? Ich wei, wofr ich einstehe, und meine
Liebe zu Ihm ist stark durch Seine Kraft. Du bist ihm fremd und feind.
Du hast es mir oft gesagt. O, es ist schn, da du wahr bist, wie lieb
hab ich dich darum ...

Wieder fhlte er, wie oft zuvor, seinen Fehler, sie in diesen Dingen zu
ernst genommen zu haben. Aber sein empfindsames Wesen erlag ihrer
unschuldigen Wahrhaftigkeit und der Schnheit ihres kindlichen Ernstes.
Leicht tat er jedem Hindernis Gewalt an, aber jede Schnheit, die ihm
begegnete, war strker als er. Er hatte im Leben zu viel empfangen, als
da die schale Lust einer blinden Gabe ihm begehrenswert erschien. Was
ihm die Seele in Gluten hob, war der Kampf mit jener fernen, lichten
Kraft, die es fr ihn erst wahrhaftig gab, seit dieses Kinderherz ihrer
bedurfte und sie empfing. Ihm war, als gelte es einen Zweifel der
eigenen Brust zu berwinden.

So war ihm in heimlichem Grauen und wie in einer Liebe zu unbekannter,
neuer Gefahr, als schritte ein Dritter mit ihnen durch den nchtlichen
Wald. Ein Spiel mit Schuld und unsichtbaren Waffen glitt wie ein heies,
schmerzendes Feuer durch sein drngendes Blut.

Und wieder wute Anne-Dore, erbebend, was der geliebte Mann sie gefragt
hatte. Wie aufgescheucht floh ihre Seele vor der Antwort, die ihr Blut
ahnte und die ihr Mund verschwieg. Sie htte ihre beiden Hnde auf seine
Lippen pressen mgen, um seine Worte zu hindern, die sie ersehnte und
frchtete. Und was sie frchtete und ersehnte, sagte er.

Anne-Dore, wie klein ist der Himmel deiner Liebe, wenn er meine groe
Sehnsucht nach dir zurckstt. Ich wei, was mich zu dir drngt und ist
dein Reichtum so gering, da du Angst vor dem hast, was du meine Armut
nennst?

Schweig, stie sie hervor. Du lgst.

Wie ruhig er blieb.

Ich kenne mein Herz, sagte er fest. Ich lge nicht, wenn ich seiner
Glut die Tore ffne mit jedem Mittel. Aber du -- du schwankst und bist
nicht kalt noch warm. Dir ist die Gefahr verhat, weil du fhlst, wie
schwach die Herrlichkeit deiner Heiligtmer ist, die dem Zorn meiner
Liebe in dir erliegen. Du hast auf meine Frage nicht geantwortet. Willst
du, da ich dir die Antwort erla fr alle Zeit und dir deine
selbstschtige Seligkeit lasse, die ber meiner Not triumphiert? Keine
Snde ist grer in der Welt, als der Ungehorsam gegen ein starkes
Gefhl. Und dein Gefhl, Anne-Dore, an dem du dich versndigst, gehrt
mir.

Du bist kalt, sagte sie schwach von Zweifeln.

Ich verstehe dich nicht, antwortete er ihr hart und heftig. Heit
das, ich teilte deine himmlische Liebe nicht, heit es, ich sei nicht
fromm, nicht glubig wie du? Nein, ich bin es nicht wie du, und werde es
nie sein. Sei stolz auf deine lieblose Liebe, wenn du es kannst. Mein
Herz ist vielleicht schwcher wie dein's, aber grer und reicher.

Er trat von ihr zurck und mit vernderter Stimme sagte er aus dem
Schatten:

So geh. Der Friede, den dir dein Gott verschafft, wird dich trsten.
Meinen nimmst du fr immer mit.

Was willst du von mir? sthnte sie in Todesangst.

Dich, sagte er. Ihre Schultern schmerzten, so fest griff er zu. Aber
sie fhlte, da seine Hnde zitterten.

Pltzlich durchfuhr sie, wie ein rotes Licht, grell die Erkenntnis
dessen, was seine Ansprche sein mchten. Wie geblendet, mit blinden
Hnden, die ihr Ziel verfehlten, suchte sie ihn zurckzustoen. Die
ganze dunkle und drohende Macht der Snde erschien ihr verkrpert in
ihm. Aber gleichzeitig, und wunderbar verschmolzen mit ihrer Todesangst,
weckte die Kraft seiner khnen Hnde ein neues Leben in ihrem Blute auf,
schwermtig, s und brennend begann sein singendes Licht. Sie schlo
die Augen und sthnte. Gebrochen hing sie in seinem Arm.

Aber es war ein Dritter mit ihnen im Wald, gleich nah beiden, als liebte
er keinen geringer. Mark Enz hob sie auf, zrtlich, liebevoll und fest.
Er kte ihre bleiche Stirn, die schon der Mond vor ihm gekt,
zurckhaltend in jeder Bewegung, sttzte er sie auf eine Art, in der sie
seine Arme als gut und brderlich empfand und fhrte sie zurck zum Haus
ihrer Eltern. Wunschlos und wie befreit empfand er nichts als seine
Pflicht sie zu schtzen, auch vor sich selbst. Kein Zug seines Herzens
verwnschte die schne Schwche, in der er nicht zu nehmen vermochte,
was nicht bewut gegeben wurde.

Es scho ihm hei in die Augen, als sie an der Gartentr bebend fragte:

Du kommst doch wieder?

Er nickte nur.

Der Mond tauchte nieder in den Dunst der Heide, versank in ihrem Atem
und gab sein Reich den letzten Sternen hin, in deren blassem Glanz der
schlafende Wald den neuen Tag erwartete.

       *       *       *       *       *

Herr Missionar Wendel krnkelte in diesem Frhjahr ein wenig. Auch seine
Gattin lebte schweigsamer und zurckgezogener als je. Oft schritt er
langsam und in Gedanken versunken gebeugt und mde die Wege seines
Gartens entlang, den er angelegt, unter den Bumen hin, die er gepflanzt
hatte, und der Ausdruck seines Gesichts stimmte zu seinem grauen Haupt.
Gegen Anne-Dore war er zrtlicher als je und so nachsichtig, wie sie ihn
noch nie gekannt hatte. Er zeigte sich besorgt um kleine Einzelheiten,
die ihr fehlen mochten, einmal fragte er sie sogar, ob es ihr wohl
gefallen wrde, eine kleine Reise zu machen, das Ntige liee sich
erbrigen, und er lchelte sein gutmtiges Lcheln, etwas herablassend,
bedeutungsvoll und doch ein wenig unsicher. Sie lehnte es ab. Er dankte
ihr innerlich fr ihren bescheidenen Sinn, ohne zu ahnen, welch schwere
Bedeutung sein Kind diesem harmlosen Vorschlage beilegte, in dem ihr
gengstigtes Herz einen Ausweg zu sehen glaubte, den ihr barmherzig der
Himmel erschlo.

Oft sah sie in kleinen Zeichen einen Wink der Vorsehung, in nichtigen
Dingen eine verhaltene Drohung. Es kam dazu, da Friedberg, der
trbsinnig und schweigsam seine Tage lebte, die Abendandachten mit ihren
Bibeltexten zu offenkundigen Anspielungen mibrauchte. Als sie nach
jener Nacht mit Mark Enz spt aus dem Walde heimkehrte, sah sie Licht in
seinem Zimmer; er mute die Treppe unter ihren zaghaften Fen gehrt
haben, es war kein Zweifel, so laut wie sie knackte, in diesen unsagbar
stillen Nchten. Am andern Morgen las er mit wehmtiger berwindung
seines Stolzes den Spruch ihrer gemeinsamen Nacht und Anne-Dore hrte es
den ganzen Tag: Niemand wird sie aus meiner Hand reien.

Ruhiger Hoheit und fester Gte voll strmte es mit der Feier dieser
gttlichen Zuversicht in ihre Seele. Sie konnte sich der berwindenden
Gewalt dieses Heilandwortes nicht entziehen, wie in ein Licht sah ihre
Seele in den reinen Trost dieser starken Worte empor. --

Eines Abends an einem Wochentage, an dem Pastor Jacoby eine Bibelstunde
angekndigt hatte, schritt sie durch die Frhlingsdmmerung mit
Friedberg ber die Berge in die Stadt. Sie waren es gewohnt, diese
Stunden und die mehr persnlich gefrbten als allgemein gedachten
Auslegungen des geliebten Predigers miteinander anzuhren, ja, sie
hatten bestimmte Pltze, an denen sie niemals fehlten. --

Aus den groen blassen Farben des sinkenden Abends traten sie
miteinander in den gerumigen flachen Saal des christlichen Vereinshauses,
in dem die Versammlungen abgehalten wurden, die die eifrigsten
Gemeindemitglieder vereinigten. Das gelbe, schale Licht der singenden
Gasflammen kmpfte an der Flucht der niedrigen Scheiben mit der letzten
Sonnenkraft und legte sich unfreundlich und hart in die stillen und
bedachten Gesichter der Wartenden. Der Saal war wie gewhnlich
berfllt, denn Pastor Jacoby war in diesen Wochen bei der Auslegung der
Apokalypse angelangt und seine Worte galten auch heute jenen
geheimnisvollen und prophetenhaften Visionen des Apostels Johannes. Die
Stimmung war gedrckt, in allen Zgen stand ein qualvolles Bewutsein
fr den Ernst dieser drohenden Verheiungen, die die Plagen voraussagten,
mit denen das Reich des Antichristen heimgesucht werden sollte, vor der
Wiederkunft des Herrn Jesu Christi.

Finstere Gestalten, in funkelndes Erz und in die Farben des Feuers
getaucht, sprengten dahin wie die Vorzeichen endloser Plagen nach
gerechtem Gericht, Sinnbilder einer leuchtenden Macht, der auch der Tod
erlag, triumphierende Boten einer ewigen Herrlichkeit.

Anne-Dore hatte die Augen geschlossen und wartete. Neben ihr kritzelte
Friedberg in sein Notizbuch. Er schrieb sich alles auf, um es wohl zu
behalten. An ihren Augen zogen gigantisch und in umrauchten Farben die
Bilder vorber, die sich aus den letzten Stunden wie fr alle Zeit in
ihre Seele gegraben hatten.

>Und also sah ich die Rosse im Gesichte, und die darauf saen, da sie
hatten feurige und bluliche und schwefellichte Panzer; und die Hupter
der Rosse waren wie die Hupter der Lwen; und aus ihrem Munde ging
Feuer und Rauch und Schwefel.<

Dies geschah zu einer knftigen Zeit, in der vier Engel zu ihren Taten
gelst werden sollten, Engel, von denen es hie, da sie den dritten
Teil aller Menschen tten wrden.

Sie hatte nicht verstanden, was diese dsteren Symbole besagen wollten.
Konnte je ein Mensch es wissen? Aber die gigantischen Figuren und
Gestalten, funkelnd aus Nebel von Flammen, Rauch und Blut, hatten sich
ihr unauslschlich eingeprgt. Ihm, dem Antichristen, dem groen
Verfhrer und dem allmchtigen Feind des geschlachteten Lammes, des
himmlischen Erlsers, galt dieser furchtbar gerstete Zug unberwindlicher
Streiter, ihm und seinen verfluchten Gesellen. Und es galt das
Erlsungswerk vollkommen zu machen, das Licht fr alle Zeit von jeder
Finsternis zu scheiden und denen, die berwunden hatten, von Ewigkeit zu
Ewigkeit den leuchtenden Himmel ihres Heils zu bereiten. Den Erwhlten,
von denen es hie. >Und ich sah ein glsern Meer, mit Feuer gemenget,
und die den Sieg behalten hatten, stunden an dem glsernen Meer und
hatten Harfen Gottes.<

Sie, die erlst von aller Pein der Erde eingehen sollten in das befreite
Reich des Lichtes, in jenes Land, das zwlf Tore hatte wie zwlf Perlen,
und dessen Gassen von lauter Gold waren, klar wie durchscheinendes Glas.
Kein Tempel war darinnen, und es bedurfte der Sonne nicht und nicht des
Mondes, die Herrlichkeit Gottes, verklrt im Blut des Gekreuzigten,
durchleuchtete seinen unaussprechlich hohen Frieden. --

Ein Schauer holdseliger Verzckung hob tief und hell die Brust des
Mdchens, in ihren Trumen versank die kleine Welt ihrer zeitlichen
Kmpfe. Wer auch wollte ihr die Herrlichkeit rauben, die fr sie
bereitet war, in die ihre Liebe sie hob und die Liebe dessen, der fr
sie gelitten?

Die Gerusche des Saals dmpften sich, eine Stille der Erwartung trat
ein. Als sie aufschaute, stand Pastor Jacoby schon hinter dem kleinen
Rednerpult, das auf einem Podium am Ende des Saals unter einem
schimmernden Kruzifix errichtet worden war. Er hatte in diesen Stunden
seine Amtstracht niemals angelegt, sondern kam in einem schlichten
dunklen Rock, der anfnglich seine ganze Erscheinung menschlich nher zu
rcken schien, der ihn nahbarer machte und erbittlicher. Auch sprach er
fr gewhnlich rascher, ohne jenes eindringliche Pathos, das seinen
Kanzelreden die mitreiende Gewalt verlieh, er sprach persnlicher und
im Tone eines, der irren konnte, wie alle Menschen. Um so strmischer
aber berwltigte es, wenn mitten im Gang einer wohlgesetzten Rede
pltzlich sein heiliger Eifer alle Schranken zerbrach, wenn er
pltzlich, hingerissen durch die Glut der Visionen, die seine verzckte
Seele schaute, seiner entfesselten Inbrunst allen Sturm lie. Es schien,
als zersprengte sein Wille mitzuteilen und einzuwirken die geschlossene
Menge zu seinen Fen, es war, als redete er nur noch zu einem Menschen,
und jeder im Saal hatte erbebend den Glauben, er, er allein, sei jener
einzige, den diese Stimme meinte.

Niemals hatte Anne-Dore ihn so gesehen wie heute. Oft blieben seine Arme
minutenlang, halb erhoben, in beschwrender Haltung. Bleich und
entstellt von Ergriffenheit, ereiferte sich zwischen ihnen sein
bewegliches Gesicht, ein erregter Widerschein dessen, was seine Seele
erglhen machte. Von den Snden der Menschheit, die den Zorn Gottes
entluden, war er in seiner Rede auf jene eine Snde gekommen, die nach
dem Ausspruch Christi nicht vergeben werden konnte: auf die Snde gegen
den Heiligen Geist.

Seltsam, mitten aus dem Fieber ihrer hchsten Spannung und Hingabe sank
die Aufmerksamkeit Anne-Dores pltzlich herab in die Gelassenheit einer
vlligen Apathie. War es, da ihre verstrten Sinne nicht mehr die Kraft
besaen zu folgen, oder setzte bei ihr ein Wille ein, der strker als
sie war, sie wute es nicht, aber die Worte des Geistlichen klangen
pltzlich inhaltlos und hohl ber sie hin, hatten allen Sinn verloren
und wiegten sie nur ein, wie eine erregte, ungeordnete Musik, die aus
der Ferne her die Sinne halb verwundet, halb betubt. Und wie graue
Gewitterwolken ber hellgrnem, beschienenem Frhlingsland, zogen die
dunklen Bilder und ihre Schrecken dahin und verschwammen und lieen ihr
Raum fr andere Erscheinungen, fr die Erlebnisse ihrer letzten Wochen
mit Mark Enz.

In einer seligen Ermdung, von tausend Kmpfen geheilt, gab sie sich
ganz dem holden lichten Spiel hin, das fr sie kam. Sie sah den
geliebten Mann wieder vor sich stehen in der blhenden Heide am
Waldrand, sah, wie sie miteinander ber die Felder schritten, durch den
Wald, bis Hildenrot, wo er wohnte. Er hatte sich dort im Forsthaus ein
Zimmer gemietet, und als sie ihn erstaunt fragte, wie denn das kme, und
warum er sich gerade dort niedergelassen habe, sagte er einfach:
>Ihretwegen<. Er hatte sie wiedersehen wollen, denn seit der ersten
Begegnung war ihm gewesen, als drfte er sich nie mehr von ihr trennen,
als sei sie fr ihn und nur fr ihn in der Welt. In der grnen Welt, die
er liebte. Welches Glck hatte es fr sie bedeutet, mit ihm die
Herrlichkeit ihrer schnen Wlder zu teilen. Er liebte sie auf gleiche
Art. Ihm war jede Schnheit vertraut, als sei sie sein Eigentum und er
das ihre. Niemals hatte sie fr mglich gehalten, da ein Mensch mit so
schlichter, wahrhaftiger und warmer Inbrunst die Wlder, die Heide und
den Himmel lieben knnte. Freilich ihren Himmel nicht, aber mit wieviel
Feingefhl lie er ihrem Glauben sein Recht, damals, wie ging er vornehm
und liebevoll auf alle Regungen ein, die ihr Herz von Anfang kannte, wie
achtete er ihre Welt, so fremd sie seiner war. -- Aber dann versanken
ihr jene ersten Stunden, in denen sie gelernt hatte, ihm zu vertrauen.
Gern folgte sie seinem Wunsch, da sie einander hufig im Wald treffen
mchten. Auf wie seltsam selbstverstndliche Art wurden aus einzelnen
Spaziergngen regelmige Zusammenknfte, Stunden, deren Unterbrechung
sie nicht ertrug. Erst als er einmal zur verabredeten Zeit nicht kam,
fhlte sie mit Furcht und Schrecken, wie ntig ihr Herz seine Art hatte,
die reich und liebevoll und ihrem Wesen verwandt, wie eine ganz neue,
selige Offenbarung von Menschengemeinschaft beglckte. -- Aber dann
hatte sein Verhalten sich langsam verndert und mit ihm sein Gesicht.
Dies Gesicht, das ihr schner erschien als alles, was sie in der Welt
kannte, das in edler Nahbarkeit ihr tglich mehr anvertraute, als sein
beredter Mund es je gekonnt hatte. Es kam nun oft ein harter, fester Zug
hinein, etwas, das war, als fordere er ihren Dank, als wappne er sich zu
Taten, die durch alles Vergangene erst eingeleitet worden waren.

Eine bittere Scheu zog in ihre Seele ein, aber mit Zittern fhlte sie,
da er ihr um dieser Kraft willen lieber wurde, die sich wie eine
verborgene Drohung ankndigte. -- Nun waren sie in der Gartenlaube des
Elternhauses. Er beugte sich ber sie und kte ihren Mund. Ein heier
Schreck lhmte sie, bis Trnen sie erlsten. -- Der Weg erklang.
Friedberg stand im Eingang der Laube. Das war wieder Marks Stimme: >Ich
kann niemandem etwas ersparen, der sich in Liebe zu mir stellt.< -- Nun
zogen wieder Wolken, die Sonnenhelle ihrer Bilder versank. Graue Tage
und bse Nchte ohne Schlaf, ausgefllt mit Zweifeln, Kmpfen und
heimlichstem Leid, zogen vorber, bis jene Nacht kam, deren Ereignisse
im Walde grelle Deutlichkeit, unbarmherziges Licht in allen Widerstreit
ihrer Seele warfen. Zwei Ufer tauchten auf, ein dunkler Strom ri sie
dahin, sie fhlte, da es unerbittlich galt, sich zu entscheiden, da es
lau war in der Mitte, voller Gefahr zu versinken, falsch und trb. Ihr
einziger vager Trost war, da in dem dumpfen Rauschen des Stroms, der
sie fortri, etwas erklang wie ein Heimweh nach dem Unendlichen.

Friedberg kritzelte neben ihr in dieser Bibelstunde, in der sie trumte.
Einmal, als er flchtig und vorsichtig zu Anne-Dore hinberschielte, um
sich der Wirkung einer drohenden Verkndigung zu vergewissern, sah er
sie lcheln, versunken und glcklich.

>Mein Gott<, dachte er und machte sich bemerkbar. Aber das junge Mdchen
rckte nur ein wenig beiseite.

Pltzlich hrte sie, und die Gasflammen tauchten auf, die Kpfe der
Andchtigen, das Kruzifix zu Hupten des Pastor Jacoby:

Wer aber den Heiligen Geist lstert, der hat keine Vergebung ewiglich,
sondern ist schuldig des ewigen Gerichts.

Emporgerissen erbebte sie und lauschte angestrengt. Wie legte er diese
Worte aus, deren Sinn unter dieser Deutung klar wurde wie eine erlebte
Wahrheit? Wer die Krfte des zuknftigen Reichs im eigenen Herzen
erfahren hatte, wer alle Herrlichkeit und die gttliche Herkunft Jesu
Christi geschmeckt hatte in unantastbaren Gewiheiten und wie von
Angesicht zu Angesicht, und wer dennoch abfiel vom Glauben, im vollen
Bewutsein dessen, was er tat, wer in wissendem Frevel zum zweitenmal
den Heiland der Welt kreuzigte, in dessen Liebe er geborgen war, der
beging jene Snde, die nicht vergeben werden konnte. Nein, wer sich
fragte: >Tat ich es?< in Zweifeln und Sorge, der war ihrer nicht
schuldig. Wer sie begangen hatte, der wute es, klar, ohne Einwand,
graunvoll gewi, teuflisch sicher und ohne einen Schein von Reue. Seine
Stirn zeichnete grell, als ein ewiger Ha ohne Rast, der Stempel einer
untilgbaren Feindschaft. Wer der Gemeinde der Heiligen angehrt hatte
auf der Erde, als ein Sachwalter und Verweser des vergossenen Blutes
Christi, der konnte sie begehen, kein Unglubiger, kein Zweifler und
Heuchler, kein beliebiger Snder, nur wer schon versiegelt war zur
heiligsten Gemeinschaft und wurde dennoch ein Kind des Satans, des in
Ewigkeit Verfluchten. --

Anne-Dore wute pltzlich, da sie Markus Enzheim nie wiedersehen
durfte.

>Ich bin nicht fromm wie du und werde es nie sein.< Sie glaubte seine
Stimme zu hren. Und was er geheim von ihr forderte, war Snde, sie
fhlte es erschauernd und bleich von Traurigkeit. Er gehrte jener Schar
der Unglubigen an, aus deren Bereich es fr sie keine Wiederkehr mehr
gegeben htte. Und lockte sein drngender Ernst nicht ohne Aufhr ihre
Seele in die gelassene Lust seiner Welt? Nie htte sie halb und unwahr,
nie im Segen ihres himmlischen Guts sein Eigen werden knnen. Erst jetzt
erkannte sie die dunkle Gefahr, die ihr gedroht hatte. --

Auf dem Heimwege empfand sie einen so starken Widerwillen gegen den
Kandidaten Friedberg, da es sie fast wie ein krperliches Unwohlsein
berhrte. Ohne Aufhr zog ihr wieder und wieder der Ruf des Paulus durch
den Sinn:

>Ich habe Lust zu scheiden, um bei Christo zu sein, welches auch viel
besser wre.<




Achtes Kapitel


Es war in der Umgebung und im Hause Wendel nicht verborgen geblieben,
da ein junger Herr Enzheim sich im Forsthause von Hildenrot
einquartiert hatte. Ereignisse waren in dieser entlegenen Gegend selten,
und das nicht eben gewhnliche Gebaren des Fremden tat das Seine zu
allerlei Gerchten. Anne-Dore mute sich von Lotte belehren lassen, und
sie hrte ihr stumm und lchelnd zu, wenn sie erfuhr, der junge Herr sei
gern gesehen in Hildenrot; nicht weil er reich und freigebig wre, nein,
er sei sozusagen zutraulich und behandelte die Leute, als ob sie
seinesgleichen wren. Die Dorfkinder von Hildenrot wren ihm befreundet,
aber er htte auch Umgang mit den vornehmen Herrschaften aus der Stadt,
denen der Tennisplatz gehrte, und man mte fast sagen, wenn er zu
ihnen kam, war es, als gehrte alles ihm. Aber von Hochmut wre keine
Spur zu finden.

>Ist jemand in der Welt hochmtiger als du?< dachte Anne-Dore, und unter
Lottes eifrigen Berichten tauchte Mark Enz' Gesicht vor ihr auf. >Aber
auch dies ist wahr,< sann sie, >was trfe nicht zu bei dir?< Sie sah ihn
vor Friedberg, dann seinen Freunden gegenber, und dachte an alle
wechselvollen Stunden, die sie mit ihm durchlebt. Es war ihr fast, als
formte jede neue Umgebung, jede flchtige Gemeinschaft ihn neu, und doch
blieb er im Grunde derselbe, sprder als alle.

War auch etwas von ihren Beziehungen zu ihm bekannt geworden, oder war
es ein Irrtum, sahen nur ihre heien Befrchtungen in Lottes Gesicht
eine lauernde Aufmerksamkeit? Jedenfalls wute Lotte ber Enzheim
Bescheid. Mein Ideal wre er nicht, meinte sie, ihm ist doch nicht zu
traun, im Grunde, wissen Sie. So den Tag ber, da will ich nichts sagen,
aber schon, da er allein lebt. Alle Menschen, die allein leben, sind
falsch. Man sieht es auch an den Augen.

So? fragte Dore, um etwas zu sagen, was treibt er denn?

Was er treibt, das ist die Frage eben. Er malt mit dem Stock Figuren in
den Sand und verwischt sie wieder, schreibt in Notizbcher und verliert
sie. Manchmal starrt er eine Stunde lang ein paar Enten an, oder
Tauben ... wirklich! Sehen Sie hier, fuhr sie geheimnisvoll fort und
holte ein kleines Bchlein aus der Schrzentasche.

Was ist das? fragte Anne-Dore schnell und erschrocken, geben Sie
her.

Wollen Sie es? Man kann nichts lesen. Er hat es verloren.

Woher haben Sie das?

Lotte war erstaunt darber, da Anne-Dore pltzlich ihre Gefhle nicht
mehr zu teilen schien. Sie war erregt und sprach beinahe rgerlich.
Lotte sagte:

Von Christel, die alles erzhlt.

Vom Milchmdchen?

Lotte nickte. Im Wald lag es.

La es zurckbringen, sagte Anne-Dore ernst. Heute noch, gleich. Hast
du gehrt? Wie kannst du wissen, ob es nicht wichtige Dinge enthlt?

Das erschien Lotte sehr bertrieben. Sie zuckte die Achseln: Wichtige
Dinge. Schlielich gehorchte sie, wie es sich fr sie gehrte.

Auch bei Tisch war einmal von Enzheim die Rede. Friedberg bewies
Zartgefhl und unterdrckte das aufkommende Interesse so energisch, da
Missionar Wendel aufmerksam wurde. Anne-Dore empfand einen so heftigen
Verdru darber, da der Kandidat glaubte, ihr seine Hilfe anbieten zu
drfen, und dadurch ein Bewutsein von Gemeinschaftlichkeit mit ihr
einzuheimsen hoffte, da sie ihn zwang zu bekennen:

Sie tun so, als sei Ihnen Herr Enzheim unbekannt, sagte sie stolz und
herausfordernd, im Garten haben Sie ihn doch als Freund begrt?

Es wre sicher besser gewesen, sie htte geschwiegen. Aber irgend etwas
bermannte sie. Jener seltsame Mut, den eine geheime tiefe Traurigkeit
geben kann, der wenig mit der Erkenntnis und mit der Besinnung eines
Menschen zu tun hat. Ihr Herz war seit dem letzten Abend gewillt, alles
preiszugeben. Wer wagte es, ihren Schmerz zu teilen?

Friedberg war fassungslos.

Herr Wendel fragte, ob denn der Fremde im Hause gewesen sei.

Anne-Dore klrte ihn auf, in einer Gelassenheit, die dem Kandidaten
Schauer von Entsetzen und Hochachtung einbrachten. Es htte sich um
einen Tennisball gehandelt. -- Er wute nicht, ob er es mit Wahrheitsliebe
oder mit hchster Frivolitt zu tun hatte. Aber er fhlte sich wie mit
Futritten zurckgestoen. Da er den Einflu des Freundes im Gebaren des
jungen Mdchens zu spren glaubte, stachelten sein Ha und seine Scham
ihn auf:

Wenn Sie einen Grund fr meine ablehnende Haltung wissen mchten,
sagte er derb, so suchen Sie ihn bitte in meiner Abneigung gegen die
Denkungsart und gegen den Charakter dieses jungen Herrn.

Anne-Dore sah ihn ruhig und traurig an, so da er seine Worte bereute
und nicht wute weshalb. Erst als er wieder mit sich allein war,
beschlo er ernstlich, den begonnenen Kampf erneut aufzunehmen und ihn
mit aller Kraft zu Ende zu fhren, nicht seinetwegen, sondern
ihretwegen, die er liebte, und um seines Gottes willen, dem er zu dienen
glaubte. --

Fr Anne-Dore kam an diesem Nachmittag eine der schwersten Stunden, die
sie in ihrem Leben durchkmpft hatte. Nur mit groer Mhe war sie noch
eben ihrer Trnen mchtig geworden, als ihr Vater seine Hand auf ihren
Kopf legte und sie fragte:

Du bist doch nicht krank, liebes Kind?

Nein, nein, sie sei es gewi nicht, nur ein wenig mde. Und mit einem
nachdenklichen Gesicht hatte er sie ziehen lassen mssen. Er war seit
einiger Zeit besorgt. Da die Stimmung in einem Haushalt sich selten nach
denen richtet, die ihn leiten, sondern fr gewhnlich nach denen, die am
meisten geliebt werden, lag es seit einigen Wochen wie ein heimlicher
Druck auf den Gemtern, eine leise Beklemmung, die zuweilen einer ganz
ungewohnten Heiterkeit weichen konnte. Friedbergs Gebaren trug dazu bei,
das Verhltnis der Hausgenossen zueinander befremdlicher zu gestalten;
seiner beschaulichen Einfalt stand die dstere Grbelei wenig, in der er
sich jetzt hufig gefiel. Und da er es nicht liebte, seinen Kummer
allein zu leiden, trug er ihn in Gegenwart der anderen zur Schau, hier
Mitleid heischend, dort warnend und anklagend. --

Fr Anne-Dore rckte nun der Augenblick heran, an dem Mark Enz sie
wieder im Wald erwartete. Als sie ihr Zimmer erreichte, brachen ihre
Trnen sich mit ungestmer Gewalt Bahn, als htte die gute Hand ihres
Vaters sie gelst. Drauen war ein Tag, so reich an Sonne und frohem
Glnzen, da es war, als wagte der Kummer sich nicht aus der Brust der
Menschen, und als lastete er nun um so drckender. Ach, hinauseilen zu
drfen unter die Bume, in die Heide! >Wo gibt es Heilung in der Welt,
wenn nicht in der Natur<, hatte Mark Enz ihr einmal gesagt. Aber es war
ihr jetzt die Stimme des Versuchers, die lockte, die sich jedes Mittels
bediente, um sie zu berwinden.

Sie warf sich in ihrem Zimmer auf die Knie und betete unter Trnen. Aber
mitten in ihren heien, flehenden Worten bermannte sie ein Taumel von
Ohnmacht. Ihre Gedanken verloren sich in einem leeren Schein, sie sah
pltzlich ihre kleine silberne Uhr in ihrer Hand vor den getrbten
Blicken, und schluchzte auf in einem so heien Weh, da sie glaubte,
ihre verstrten Sinne wrden sich nie wieder zu ruhiger Harmonie
zurckfinden.

Mit frohem, spttischem Lachen hielt ihr Mark Enz die Bibel hin und
zeigte ihr Worte darin, die sie verbrannten wie mit Feuer. Seine Hnde
faten leicht und gelassen das groe Buch, seine Hnde, die auch sie
gehalten, leicht und froh. Und doch voll Liebe, wie man ein Eigentum
hlt, das tief und von Ewigkeit her der Seele verbunden ist durch
Sehnsucht und durch Blut. So hatte er sie damals gehalten. O sie war
sich dessen wohl bewut geworden, da sie in jener Nacht in seine Gewalt
gegeben war, da er Macht gehabt htte, zu nehmen, was immer er nur
gewollt htte. Sie wrde damals alles erlitten haben. -- Htte er es
getan, dachte sie pltzlich, htte er mich zerbrochen, dann wte ich
heute wenigstens, da er schlecht ist. Er war nicht schlecht. Nie wrde
sie dulden, da ein Mensch es sagte. Wie gro, ruhig und einfach
erschienen ihr nun pltzlich seine berredenden Worte. Von jenem
Verzicht her, in dem er sie geschont hatte, erhielten sie ihr warmes
Licht.

Sie empfand klar, da sie seine Handlungen nicht liebte, weil seine
Worte es wollten, sondern da sie jedes seiner Worte erst durch seine
Handlungen recht verstehen gelernt hatte. Er war nicht stark und war
nicht schwach, stets schien ihr, als sei er beides zugleich. Und wo ihr
Herz blutete im Ringen nach Klarheit, vor den tausend Widersprchen
seines Wesens, da war bei ihm sein freies, zuversichtliches Lcheln. Die
ruhige Kraft, in der er dem Augenblick gebot, den er benutzte, die
Sicherheit, in der er das Gegenwrtige zum Unabwendbaren umgestaltete,
die beinahe kindliche Wahrhaftigkeit, in der er sich auch der kleinsten
Regung hingeben konnte, die schienen ihr alle Widersprche zu jener
starken Harmonie zu lsen, der sie wie einer jauchzenden Kraft erlag.

Sie fhlte mit heimlichem Graun: seit seine Stimme sie zum erstenmal
erreicht, war ihre Seele wie verwandelt diesem Klang gefolgt. Ihr war,
als habe sie sich eingestellt und neu geschickt, um sein Wesen empfangen
zu knnen. Wie einer sen Gefahr gab sie sich ganz der Erinnerung an
seine Worte hin. Sie hatten etwas wie vom Schwung und Blitz sicherer
Degenklingen, konnten dennoch warm und liebevoll sein und breiteten ihr
Herz vor ihm aus. berallhin reichten sie, gaben den Dingen ein eigenes
neues Licht, schn und khn erschienen sie ihr, wie sein betrend feiner
Mund.

Und nun sah sie ihn traurig und wute pltzlich, da er um vieles
gefhrlicher war, wenn er bekmmert schwieg, und alles erschien so, als
warte er auf sie. Als lge es nur an ihr, ihn wieder reich und stark und
froh zu machen. Das hatte sie nie gekonnt. Sie hatte nur mit ihm
gelitten, denn wenn er traurig war, versank ihr die ganze Welt. Der
letzte Halt schien ihr zerbrochen, wenn er bekmmert und ruhlos in seine
dunklen Gedanken versank, die sie nicht teilen durfte. Darber kam ihr
in den Sinn, da er nie ber ein Leid gesprochen hatte, das ihn
bedrckte. Nur einmal hatte sie ihn gefragt, weil er ihr einsam und
verlassen erschien, ob sie ihm nicht Trost geben knnte mit ihrer
Freundschaft und Liebe. Sie hatte seine Antwort nicht vergessen, es war
sein erstes Gestndnis gewesen:

>Die Einsamkeit ist keine Beschaffenheit, die durch Gaben anderer, durch
Liebe und Gte, aufgehoben wird, Anne-Dore. Nicht wer keine Liebe
findet, ist unter den Menschen einsam, sondern wer nicht lieben kann wie
sie.<

Aber spter war sie doch ruhiger geworden. Die Worte konnten ja
unmglich so gemeint sein, als trfen sie auf ihn zu. Mehr wie alle
anderen Menschen, die sie kannte, konnte er lieben. Liebte er nicht
alles, was ihm begegnete, auf seltsam hingebende Art, die Wlder, den
Himmel, ja die kleinsten Pflanzen und Tiere, die man fr gewhnlich kaum
beachtete. In ihre neue Beruhigung hatte sich damals wohl ein ferner
Zweifel gemischt, als wre irgendwo ihr Schlu unvollkommen, als habe
sie ihn doch nicht verstanden, und endlich, als sei er ihr fremder und
unerklrbarer als nur ein Mensch. Aber kein Mitrauen, kein Grbeln und
kein Bewutsein von Fremdheit taten ihrer Liebe Gewalt an, die
emporblhte ber seiner Schnheit und Schuld, als bedrfe er auf der
Welt nur ihrer noch.

Unvermerkt hatte sie sich angekleidet in einer Hast, die durch ihre
letzten Gedanken etwas Frohes empfing. Vor dem Spiegel, als sie ihren
Strohhut steckte, fuhr sie zusammen. Aber ehe die Not des alten Kampfes
begann, befreite sie ein kurzer Entschlu. Sie wollte zu ihm gehen, um
Abschied von ihm zu nehmen. Es wre unter allen Umstnden unschn
gewesen, ihn in Unsicherheit und Zweifel zu lassen, er mochte ihr
Gestndnis anhren. Wie konnten seine Entgegnungen ihr eine Gefahr
bedeuten?

Ohne es zu wissen, redete sie laut, sprach sich Mut ein und trstete
sich, zhlte auf, was alles fr diesen Schritt sprach und wie gewi Mark
Enz sie verstehen und ihre Handlungen billigen wrde. Aber ihre Worte
gingen in ein Schluchzen ber, sie warf sich auf ihr Bett und sthnte
laut.

Da tauchte in ihre verstrten Sinne ein Licht, unaussprechlich wohlttig
in seinem Glanz, der sie nicht erschreckte und nicht blendete. Vor ihr
erhob sich Christus, hoch und wei. Ein wenig gebeugt stand er ruhig da,
seine Augen und seine Hnde suchten sie.

Sie sah die Dornenmarter, seine Kreuzesnot, auf ihre Hnde fielen
Tropfen von seiner schmerzvollen Stirn. Es war ihr wieder, als sprche
dieser gttliche Mund und fragte sie und sagte ihr seine himmlische
Liebe, die ihr das Reich einer ewigen Herrlichkeit erschlossen, nicht
fern und fremd, sondern heimatlich vertraut und von lauter Frieden hell.
Und nun ward seine traurige Mahnung zum Trost: >Niemand soll dich aus
meiner Hand reien. Mein Vater, der dich mir gegeben hat, ist grer als
alles.< Sie sah ber seinem Haupt den Strahlenkranz des Erwhlten
Gottes, der berwunden, unter dessen Licht die Ewigkeiten verbrannten
wie Minuten und die Zeit nicht mehr war, und Herzeleid und Trbsal nicht
mehr waren ... Dann drohten, schaukelnde rote Flammen aus dunklem Rauch,
die Verheiungen der Apokalypse am Horizont. Wei und verklrt, ein
flieender Lichtstrom, der den Himmel suchte, zogen die Erwhlten des
Heils ihrem lieben Herrn entgegen, um bei ihm zu sein fr alle Zeit,
aber fr die Verfluchten begann der Tag der Vergeltung. O keine Marter,
die ihr Sinn nur immer erdenken konnte, schreckte sie, alles htte sie
um den Preis ihres irdischen Glcks erduldet, aber da die Liebe des
Herrn Jesu Christi nicht mehr ihr Eigentum sein sollte und nicht mehr
ihre Freude, das war schmerzvoller als jede andere Not.

Ohne da eine Bitterkeit ihre Worte trbte, betete sie leise, als
sprche sie zu einem Menschen, dessen Gte sie vertraute:

Warum qulst du mich so sehr? Gibt es keinen Ausweg fr mich? Tu ein
Wunder, Herr Jesus.

War denn in der Welt niemand, der ihr helfen konnte, niemand, bei dem
sie Rat und Zuflucht finden wrde? -- Pltzlich dachte sie an Pastor
Jacoby. Sie wollte zu ihm gehen. Wer anders als er wrde ihr raten,
wrde ihr den rechten Weg zeigen und ihr sagen knnen, was recht und
unrecht, was gut und schlecht sei. Sie atmete auf wie erlst. Da ihr
Rettung aus ihrem Plan winkte, betubte sie jeden Einwand ihres Herzens
in einem Aufbruch, der nichts als eine Flucht vor ihrer Einsamkeit und
ihren Kmpfen war. Alles wrde sie ertragen lernen, nur sollte dieser
graunvolle Widerstreit ihrer Seele enden, der sie zerstrte. --

Auf dem Wege in die Stadt stellte sie sich sein Gesicht vor, seine
Gebrden, wenn er predigte, seinen tiefen, klaren Ernst, die begnadete
Hoheit, die mit seiner Schnheit ausging, als habe der Heiland selber
ihn zu seinem Jnger und zum Sachwalter seiner Barmherzigkeit erwhlt.
-- Sie schritt eilig dahin durch die ruhige Strae der kleinen Vorstadt,
mit einem ganz eigenen Lcheln auf dem Gesicht und beinahe ein wenig
geziert. Wer sie erblickt htte, dem wre sicher der Gedanke gekommen:
Jugend ist leichtfertig, frhlich, fhig sich unbedacht einem Glck
hinzugeben. --

Anne-Dore nahm sich fest vor, sich nicht auf ihre Worte vorzubereiten.
Es sollte alles kommen, wie es nun einmal mute. Nur eins beschlo sie
mit zuversichtlichem Glauben an ihre Kraft dazu, sie wollte Mark Enz
nicht preisgeben, ihn weder nennen noch verraten. Sie blieb pltzlich
stehen: er wartete bei der Waldlichtung unter Hildenrot, lag sicher wie
sonst im Gras am Rand der Heide in dieser Sonne, die auch sie
erreichte ... Nun lief sie beinahe. Als sie vor dem Pfarrhause stand,
das in einer Nebengasse im Schatten der Nikolaikirche lag, klingelte sie
in einer seltsamen Gelassenheit, in einer schlfrigen Bedachtheit, die
etwas von den Bewegungen hatte, wie man sie aus Trumen kennt. Sie
wartete, da man ihr ffnen mchte, und wartete im Grunde doch nur auf
ein Wunder.

Sie wurde in ein kleines nchternes Besuchszimmer gefhrt, das fr alle
bestimmt schien; nebenan hrte sie sprechen und lachen. Da sie dem
Dienstmdchen ihren Namen genannt hatte, begrte Pastor Jacoby sie
herzlich und ohne Fragen, weil er die geachtete Familie ihres Vaters
kannte.

Ich mchte Sie in einer wichtigen Sache um Ihren Rat bitten, sagte
Anne-Dore.

Er nickte. In seinem Arbeitszimmer spielte sein kleines blondes
Tchterchen, und er wandte sich in gleichgltigen Fragen bald an
Anne-Dore, bald an sein Kind. Vielleicht hatte er erkannt, da das junge
Mdchen erregt und schchtern war, und er hoffte so, ihr Gelegenheit zur
Sammlung zu geben und die Mglichkeit, sich ein wenig mit der Umgebung
und mit den Erscheinungen abzufinden. Er sprach von ihrem Vater,
erkundigte sich nach dem Befinden ihrer Mutter, ohne zu ahnen, was in
diesen Augenblicken in der Seele Anne-Dores vorging.

War dieser bewegliche und gesprchige Mann mit den etwas zrtlichen,
sympathischen Zgen Pastor Jacoby, der Geistliche, der ihr Wesen
verndert und ihr Herz so oft in Gluten von Liebe und Andacht getaucht?
Sie traute ihren Sinnen nicht mehr und starrte ihn an, als habe er sie
tdlich beleidigt. Sie wollte nicht acht haben auf diese uerlichkeiten,
die ihn ihr in so vllig anderem Lichte zeigten, aber sie drngten sich
ihr auf, mit qualvoller nchterner Deutlichkeit. Jedesmal wenn er mit
seiner wohlklingenden Stimme einen Satz gesagt hatte, umglitten seine
kleinen weien Hnde einander, als mte sein groes Wohlgefallen an
allen irdischen Dingen, die nun verklrt vom Licht des vershnten
Himmels waren, irgendwie einen Ausdruck finden. Dabei rusperte er sich
hufig ganz leise und andchtig tief im Hals mit kurzen Tnchen, die
etwa vermittelten: Es gibt auch noch allerlei andere Freuden, die den
Glubigen vom Herrn erlaubt sind. Wir wollen sie gern genieen.

In einem Zorn der Enttuschung, der ihr fast Trnen in die Augen trieb,
stand sie schwer und todmde auf, wandte sich ab und stellte sich an das
Fenster vor die hellen bunten Blumen, die dort in der Sonne blhten.
Pastor Jacoby spielte mit seinem Kind.

Ihre Hnde suchten sich. Was hatte dieses vergngte Mnnlein mit ihrem
Herzeleid zu schaffen? Flimmernde Schleier sanken ihr brennend vor die
starren Augen. Ich bin allein, dachte sie, die Menschen sind anders. Mir
kann niemand helfen.

Da tauchte es schmal aus dem feuchten Glanz vor ihren Blicken, und sie
keuchte, jhlings gestrafft in einer heldenhaften Traurigkeit:

Mark Enz, dein Gesicht! Sie sah es vor sich, bitter von Sehnsucht, von
Kmpfen bleich, mit einem Lcheln, als mache Einsamkeit reich, und
verzehrt wie von geshnter Schuld. Und in einem pltzlichen heien
Taumel, der ihr jedes Bewutsein fr Zeit und Ort raubte, wie in der Wut
eines stummen singenden Geschreis, fuhr es empor in ihr und ri sie mit:

Dich, dich lieb ich allein in der Welt! Nie werde ich einsam in deiner
Nhe sein. Deine Snde lieb ich, deine Snde gehrt mir. Deine Schuld
und dein Schicksal sind auch meine Schuld, und ich will kein Schicksal
fr mich, nur deins. Meine einzige Bestimmung in der Welt ist, dein
Eigentum zu sein.

Ihr schwindelte. Deine Snde, sagte sie noch einmal, als lge in dem,
was sie so bei ihm genannt, ihr ganzes Heil. Rettung suchend streckte
sie die Arme aus wie in einem Traum, der Boden schaukelte wild, das
Licht kreiste.

Da hrte sie eine lachende Kinderstimme und die neckischen Zurufe des
Pastor Jacoby, der sie unbeachtet gelassen hatte, um ihr Zeit zu lassen.
Wie unter einem Sto kam sie zu sich und tief aufatmend gewann sie
Sicherheit.

>Ich will keinen Halt, nur mein glhendes Herz,< hatte ihr Mark einmal
gesagt.

In hellem Triumph erhob sich ihr neuer Stolz, einsam und fest. Im
Glckstaumel eines, der alles verlor und der nun alles zu gewinnen hat,
fhlte sie sich unaussprechlich jung und zu jedem Schicksal bereit. Als
wren mit allen Gtern, die ihr versunken waren, auch alle Kmpfe um sie
fr immer dahin.

Da sie sich umgewandt hatte, glaubte Pastor Jacoby, der Augenblick der
erbetenen Unterredung sei gekommen. Er nahm sein Tchterchen bei der
Hand und fhrte es aus dem Zimmer. Drauen begann es ein jmmerliches
Weinen und er beruhigte es noch durch die Trspalte.

Ernst, mit kleinen festen Schritten, kam er nun auf Anne-Dore zu,
reichte ihr erneut die Hand und war jetzt, ihr gegenber auf einem
Sessel ein wenig vorgebeugt, ganz hilfsbereite Aufmerksamkeit. Sein
Lcheln war verschwunden und kam nicht wieder, nur sprlich und als
Fhrer einer warmen Gte. Seine Zge nahmen etwas von jenem Ausdruck an,
den sie von der Kanzel her bei ihm kannte; dies prophetenhaft Entrckte
und jene schmerzhafte Versunkenheit; nicht mehr das Kleine seiner
menschlichen Befangenheit und Armut herrschte, sondern die sichere
Gegenwrtigkeit und die fast hoheitsvolle Demut dessen, der wrdig war,
ein Stellvertreter Jesu Christi auf der Erde zu sein. Und unter seinem
Angesicht gewannen die Jesusworte pltzlich wieder ihr furchtbar ernstes
Leben, das Blut des Heilands rann unter der Dornenkrone nieder ber sein
Leidensangesicht, dies Blut, das vergossen war auch fr sie, ja das
vergossen worden wre nur fr sie, so ber alles wichtig war dem Vater
im Himmel ihr Kindesrecht an sein ewiges Reich. Und ehe ein Wort fiel,
empfand Anne-Dore, da ihre Kmpfe niemals ruhen wrden. Eine
unaussprechliche Traurigkeit senkte ihr das hilflose Haupt, und sie
sagte leise mit strengen Lippen und ohne Willen, ganz in der Gewalt
ihrer alten schwermtigen Sehnsucht das Wort des Jngers, flsternd, mit
toten Lauten und verstrtem Blick:

Ich habe Lust zu scheiden, um bei Christo zu sein, welches auch viel
besser wre.

Hatte sie es wahrhaftig gesprochen? Keine Miene des Geistlichen verriet
es, auch schaute sie nicht mehr in sein Gesicht. Ein einziger Begriff
hielt sie in seinem Bann, breitete sich aus in dsteren Nebeln, rot wie
die Sonne am Abend, glhend und allgewaltig: Blut war fr sie geflossen,
Blut warb um sie. Und nun pltzlich taten ihre Lippen ihr wieder seltsam
Gewalt an, preten einander s und spitz wie zu einem Ku. Sie atmete
tief auf in schwerem Stoen ihrer Brust, bis ein einziger Schauer, der
kein Glied ihres Krpers verschonte, sie zu einem Gefhl unfabar
seliger und tdlich wollstiger Schmerzen befreite.

Pastor Jacoby, der anfangs ruhig gewartet hatte, war aufgesprungen. Ganz
gegen seine Gewohnheit eilfertig und befangen und hatte die Magd um
Wasser angerufen. Nun reichte er dem Mdchen, das schwer gegen die Lehne
des Sessels hing, ein khles Glas an die Lippen, und sie trank, gierig
und stumm.

Es geht Ihnen schlecht, liebes Kind, sagte er eindringlich und gtig.
Ich glaube, ich werde Ihnen jetzt wenig bedeuten knnen. Wollen Sie mir
erlauben, Sie heute abend zu besuchen? Sagen Sie es Ihrem Vater, er wird
mich willkommen heien.

Anne-Dore schttelte den Kopf. -- Wie war nur dieses Fremdartige so
rasch gekommen und mglich gewesen? Was war es? Ihr war wohl und
nchtern zumute. Sie antwortete klar und einfach, sie wrde morgen
kommen, es tte ihr herzlich leid, ihn erschreckt zu haben, auch eile
ihre Angelegenheit nicht, und wenn er es erlaube, so kme sie lieber ein
andermal.

Besorgt sah er in ihr blasses Gesicht, das ihm wunderschn erschien und
wie zum Ruhm des Leids erschaffen, als ahnte er etwas von den geheimen
Vorgngen und ihrer Not. Aber er wagte es nicht, in sie zu dringen.
Vielleicht war es bei ihm ein Verstndnis dafr, da Blut und Seele
einander auf verschlungenen Wegen begegnen, vielleicht hinderte ihn nur
die Zurckhaltung eines, der wei, da kein schweres Gestndnis sich
erbitten lt. Jedenfalls lie er ihr den Willen, geleitete sie
liebevoll und ohne ein flaches Trostwort an die Haustr und reichte ihr
vterlich die Hand zum Abschied.

Anne-Dore begriff nicht, wie wohl und leicht ihr zumute war, als sie
langsam und ohne da schwere Gedanken ihre Schatten sandten, mde und
froh durch die lebhaften Straen schritt im Schein der warmen
Nachmittagssonne. Unter den alten Kastanien des Kirchplatzes spielten
Kinder mit lustigem Geschrei und ausgelassenem Lachen. Sie blieb stehen
und schaute ihnen zu. Die Farben der hohen Kirchenfenster der
Nikolaikirche erschienen von auen dumpf und erloschen, sie erkannte die
Figuren nur undeutlich und betrachtete sie prfend. Seltsam gelassen
erschien ihr alles, das frher so berreich an Beziehungen und
Erinnerungen gewesen war. Alle Dinge schienen weit fern, von ihrer
Innenwelt getrennt, schn, gut zu betrachten und bereit, ihr auf
freundliche Art zu gefallen. Selbst das christliche Vereinshaus, in dem
die Bibelstunden stattfanden, war ein Gebude geworden wie alle anderen,
eigentlich war es grau und unfreundlich, wie gut htte man Pflanzen und
Blumen in diesem kleinen Vorgrtchen pflegen knnen, das kahl und
verstaubt, nur ein wenig Rasengrn bot. Wie ppig und fruchtbar war der
feuchte durchsonnte Schatten ihres heimatlichen Waldes, wie warm und
unberhrt, wie wild und dennoch milde die rote Heide. Hoch und grn
waren die Buchen von Hildenrot.

Dorthin wrde sie nun gehen.

Sie beschleunigte ihre Schritte, faltete pltzlich im Schreiten zitternd
vor Glck und Hoffnung die Hnde, prete sie an ihre Brust und sagte:

Ich komm zu dir. Ich komm zu dir.




Neuntes Kapitel.


Das Forsthaus von Hildenrot war in die Ruine einer alten Burg eingebaut,
die auf einem bewaldeten Hgel dicht vor dem Dorfe lag und die dem
Gutssitz und der kleinen Ortschaft ihren Namen gegeben hatte. Der hohe,
zackige und begrnte Mauerwinkel, den zwei noch wohlerhaltene Wnde der
Burg bildeten, war zum Bau des Forsthauses verwandt worden. Ein dunkler,
riesenhafter Efeustamm verband nun schon lange mit tausend grnen Armen
die neuen Wnde mit den alten Mauern und diese mit dem rtlichen Fels,
den seine jngsten Sprossen erkletterten, ber die wirren, zerbrckelten
Zinnen hin.

Der Frster bot zuweilen Sommergsten Aufenthalt in seinem Hause. In
diesem Jahre war Markus Enzheim sein einziger Gast. Die beiden
rechteckigen und niedrigen Fensterchen seines Zimmers, das zur ebenen
Erde lag, lieen den Blicken die weite Heide ber eine hgelige
Waldlichtung hin, die grne Flle der hohen Buchen gegen Sden und die
blhende Pracht eines weitausgebauten und dichten Stakets von
verwilderten Rosen. Wenn man sich ein wenig vorbeugte, sah man in den
verschwiegenen steinernen Hof, der in tiefem Schatten ruhte und dessen
bewachsene Mauern ihn erschlossen wie ein Gemach. Durch ein verwittertes
Tor hin, das im Frhling ganz eingehllt war in den lichtfarbigen lila
Schaum blhender Glyzinien, verlor sich der Blick durch diesen klaren
Bogen, in der Wirrnis des Waldes.

Versteckt im Dmmergrund der dichten Holunderstruche, sprang an der
Hofmauer ein Quell aus einem steinernen Lwenmaul in eine bemooste
Holzrinne. Mit frhlich wechselnden Lauten und in unvernderbarem, immer
gleichem Klang rann das Wasser in sein dunkles Brunnenbecken, das
geheimnisvoll verborgen, ein lieber Freund des Mondes, die Flut in den
Wald leitete.

Mark Enz hatte Anne-Dore an diesem Nachmittag vergeblich erwartet, und
er schritt nun langsam unter den sommerlichen Bumen hin, tief in
Gedanken, die keine Gestalt gewinnen wollten, die bald wie Licht und
bald wie Wolken, bald wie ein Lied zerflatterten, haltlos und in milder
Mdigkeit.

Im Wald sangen Kinder, er sah sie nicht. Ihre Stimmen klangen zrtlich
und verschwommen, kein Wind zerteilte sie, nur die Wrme des
nachmittglichen Sonnenscheins nahm ihre Seligkeit in seinen Glanz und
der Himmel, den sie lobten. Nun verstand er und lauschte:

    Des Sommers goldner Segen
    liegt auf den Feldern still und hei,
    wir finden Mohn und Ehrenpreis
    auf unsern lieben Wegen.

Kam schon der Sommer, die groe reiche Zeit der warmen Ruhe, in der der
Wandel der Natur sich seiner Unschuld freut, wehmtig und seiner Treue
froh? Wo es den Herzen der Menschen erscheinen mag als fragte die Welt:
Wohin geht ihr? Seid ihr des einen Glcks eures Lebens gewi, dieses
Glcks, in dem ich erfllt bin und das mich heiligt, weil ich unter
ewige Liebe gebeugt der letzten Mahnung gefolgt bin?

Diese Wege war er oft mit Anne-Dore geschritten. Alles erinnert ihn an
sie, nun um so mehr, da es erscheinen mochte, als gedchte sie seiner
weniger. Und er sprach zu ihr, als schritte sie neben ihm, Worte, die er
nicht gefunden htte, wenn sie an seiner Seite gewesen wre. Worte, die
im Grunde ihn selber meinten, seine Hoffnung und seine Zukunft, die
seiner Liebe Gestalt schufen und doch ihm selber galten.

Nach einer Weile blieb er stehen und sah den Waldweg entlang, der still
im Spiel der rtlichen Sonne und im Bltterschatten ruhte, braun, und
grn berdacht. In der Weite verlief alles in einem goldblulichen Hauch
von Sonne, Grn und Ferne. Anne-Dore kam nicht mehr. --

Nun war es Nacht geworden ber Hildenrot. Er hatte noch spt in der
langsamen Dmmerung mit dem Frster im Hof gesessen, ber dies und jenes
geplaudert, wie man es wohl tun mag, fast nur um sich der nahenden Ruhe
gewi zu bleiben, gedankenlos und bedchtig. Als er gegen Mitternacht
sein Licht lschen wollte, klopfte es leise an sein Fenster. In einer
seligen und wehen Ahnung, in der noch kein Schein von Freude war,
ffnete er die Scheiben ganz langsam und so heftig zitternd, da das
lose Glas des Fensterflgels leise klirrte wie er es weit geffnet hielt
und sich am Rahmen sttzte und Anne-Dore drauen erkannte im reinen
Mond, gegen die schlafenden Rosen, schwarz und still und mit
tiefgeneigtem Haupt, ganz nah, ganz nah. Keinen Gru auf den Lippen und
keine Hand fr seine suchenden Hnde. Die Nachtstimmen der Bume hatte
sie um ihr Haupt und das Murmeln des Brunnens und das Silber des
Himmels, dessen Sterne leuchteten, und den Duft der Walderde. Alles warb
um sie und schien fr sie zu bitten, berredete sie dennoch, und war um
ihr Wesen, wie das Weinen ihres Herzens.

Wie klar der Brunnen rauschte, lauter als je zuvor, und wie hoch schien
diese weite Nacht. Ihm war pltzlich, als berblickte er die ganze Erde,
als eine Stimme sein Ohr traf und er die Worte hrte:

Hilf mir.

Ihr leiser Ruf befreite ihn, denn er hatte vergessen, da es ihn und
sein Glck galt. Er hatte vergessen, da er mehr tun sollte, als in
Andacht schauen und fhlen, wie schn das Leben der groen Erde ist.
Aber doch war ihm nun zumute, als sei er tief hinabgesunken von einer
hocherhhten Warte, nun, da er seine zitternden Arme um ihren Nacken
legte und ihr Gesicht an seine Brust prete und seine Lippen in ihr
Haar.

All meine Hoffnung ruht auf dir, sagte er so leise, da sie es nicht
verstand, o erlse mich, fhr mich zurck zu einem einfachen
Menschenglck, in die Armut deiner blinden Schnheit, zu der reinen
Hingabe, die ich gehabt habe, als ich ein Kind war. La mich vergessen,
mach mich arm, damit ich wieder reich werde.

Komm, sagte er, hilflos vor Freude. Er umschlang sie mit beiden Armen,
hob sie ein wenig, und sie stieg gebckt und leise zu ihm ein. Es war
nicht ganz leicht, denn das Fenster war niedrig und der Efeu sponn es
ein, und sie lchelten beide ber ihr bebendes Ungeschick, dies heie,
traurige Lcheln, das nur in unendlichem Jauchzen Erlsung findet, oder
im Tode. --

Die Nacht gab ihrem Schlummer Khle, und die Dfte der blhenden
Pflanzen erschufen ihre Trume, und alle Sehnsucht ber ihnen spielte
hell und langsam das groe Lied ihres ewigen Triumphes.

       *       *       *       *       *

Als der erste fahle Schein der erwachenden Dmmerung ber das Land zog,
brachte Mark Enz Anne-Dore ber die Heide hin und durch den Wald zurck
in das Haus ihrer Eltern. Sie gingen langsam und schweigend, eng
umschlungen und aneinander gepret. Nun brauchte das Mdchen nur noch
ber den schmalen Fahrweg, und die Gartenbume ihres Vaterhauses boten
ihr Schutz. Als sie am Tennisplatz anlangten, der beinahe traurig in
seiner leeren Verlassenheit ruhte, immer noch etwas zu bunt und neu, um
sich unauffllig in die Natur einzufgen, muten beide lcheln. Ein
vergessener Ball lag im Gras am Rand des Drahtstakets, na und leblos.

Vorsichtig ffnete Dore die Gartenpforte im blauen Morgenlicht, die
eiserne Klinke war khl und na vom Tau der Nacht. Sie zog sie sacht
hinter sich zu und sah zum Fenster ihres elterlichen Schlafzimmers
hinauf. Es ruhte bla und stumm mit seinen weien Vorhngen, im Schmuck
des grnen Weins. Dann verklang dem horchenden Mark ihr lieber Schritt
hinter der Hausecke. Er glaubte die Verandatr noch zu hren ...

Wie still es war. Noch schliefen alle Vgel, es regte sich nichts im
Walde. Ihm war zumute, als strte er und er trat unwillkrlich leise
auf. Aber dann bermannte ihn pltzlich ein Gefhl unaussprechlichen
Lebenstriumphes, weitete ihm hell und strmisch die Brust und lie ihn
alle Mdigkeit vergessen. Er schritt ihren gemeinsamen nchtlichen Weg
zurck, obgleich ein anderer ihn frher nach Hildenrot gebracht htte.
Was lag an Zeit und Schlaf, was an Ordnung und Ruhe. Ein langsamer
Schauer von seligem Kraftbewutsein durchschttelte ihm alle Glieder und
straffte sie. Welch ernste Augen alle groe Freude hat, dachte er,
jugendlich ergriffen und stolz vor Glck. Die goldene Glut der Erde war
seinem Blut verwandt und heiligte es in dieser schnen Stunde zu aller
Unschuld.

Freundlich nahm ihn die rote Heide in ihre erste Feierstunde auf und
darauf wieder der nachdenkliche Wald. Das Dach, unter dem nun Anne-Dore
schlafen mochte, war lngst hinter Grn und Hgeln versunken. Vielleicht
wacht sie und begleitet mich, dachte er, faltete die Hnde und prete
sie an die Stirn. --

Lieblich verwirrt und so fein wie Licht stand ber seinem Weg und ber
seinen Gedanken ihr scheues Lcheln, verriet und verschwieg zugleich,
gab und dankte. Er schritt einher im freien Leuchten ihrer Gunst, nun,
da auch das Licht des Tages begann und die Pflanzen erwachten und der
Tau fiel.

Mark Enz blieb stehn und starrte in die silbergraue schlfrige
Morgenruhe der dmmrigen Heide hinaus. Er wute nicht, zu wem er sprach
und was ihn zu seinen Worten berredete, die aus seiner fessellosen und
durch Lust erlsten Seele brachen:

Von wieviel Tuschung machst du mich gesund. Du lehrst mich neu, da
unser Herz im Grunde allen Prunk verachtet und den tnenden Rausch. Das
Herz des Menschen ist einfach, arbeitsam um der Schnheit willen und
ohne Liebe zum Schein, wie deins, Anne-Dore. Es lauscht hinber auf den
Widerhall aus der Ewigkeit ...

Nun lag ein roter Glanz ber den wogenden Kornfeldern, die Sonne ging
auf, am Waldrand blhte Mohn, von Tau gebeugt. Meisen zirpten und
Buchfinken riefen. Es war Tag geworden ber der Erde der Menschen.




Zehntes Kapitel.


Anne-Dore war am anderen Tage mit schweren Sinnen, mde und hilflos zu
Mark Enz in den Wald gegangen, in die Heidelichtung, wo er sie
erwartete. Ihr war gewesen, als seien ihre Seele und ihr Leib bedeckt
mit schmerzenden Wunden, sie hatte geglaubt, ihn still und ernst zu
finden, und nun lag er da neben ihr in der Heide, auf dem Rcken, die
Knie hochgezogen, lustig und gesprchig, ja beinahe ausgelassen, wie sie
ihn nie gesehen hatte, und tat, als sei nichts geschehen als beiden eine
groe Freude. Ihre tiefe Melancholie und all ihre Traurigkeit verflogen
rasch in dieser Heiterkeit, die er ihr durch sein Wesen gab, wie das
kstlichste Heilmittel, das nur ein Mensch ersinnen konnte. Sein Lachen
flog ber sie hin wie Sonnenschein, in dem ihre schweren Gedanken sich
langsam zerteilten zu jener seligen Lebenswichtigkeit, die Genesende
beglckt.

O, wie dies Lachen heilte. --

Es erschien ihr fast unmglich, da er so dalag, ein wenig spttisch
gegen die Mitwelt gestimmt, zu jeder Torheit ausgelegt und unbedacht,
wie ein groes Kind. Wie der Inbegriff aller Lebenskraft und aller
Daseinsfreude erschien ihr dies wandelbare, immer sichere Wesen, das
Schmerz und Freude aufnehmen konnte, als seien beide allein herrlich und
nichts als das. Sie dachte an sein Gesicht in der verflossenen Nacht und
glaubte es nicht wiederzuerkennen. Ihre Welt, die in tausend Vorurteile
eingeschrnkt gewesen war, versank ihr arm und klein im Lachen seiner
Augen, die keine Grenzen schauten, die frohlockten und trauerten auf
gleiche Art, wie es die unschuldige Erde tat mit ihren Schnheiten,
ihren Gefahren und ihren reinen Schicksalen.

Jubelnd gab ihr ganzes Sein sich dieser freien Kraft seiner Seele hin.
Sie fhlte ihre Liebe zum erstenmal als ein Glck ohne Schranken und
ohne einen anderen Halt, als seine junge unbedachte Kraft.

Da man lachen durfte, laut und frhlich lachen ber all die Dinge, die
man sonst zunchst einmal verzeihen, dann verstehen und endlich
bedchtig ablehnen mute.

Hre du, sagte er pltzlich sehr ernst, ihr bedenkt mich gar zu reich
aus eurer Friedensgemeinschaft. Neulich hat man mir aus eurer Behausung
ein Notizbuch gesandt, das wahrscheinlich eurem Glaubensgenossen
Friedberg angehrt.

Anne-Dore lachte und bekannte sich schuldig.

Auen geht es an, fuhr Mark fort, aber innen enthlt es einen Entwurf
zu einer Bupredigt, scheint mir. Gott sei Dank ist sie zum grten Teil
stenographiert. Sie bemht sich um eine Auslegung von Lukas 12, Vers 25:
>Welcher ist unter euch, ob er schon darum sorget, der da knnte eine
Elle seiner Lnge zusetzen.< -- Dieser lange Kerl pat unter kein
Kanzeldach und whlt sich wahrhaftig diesen Predigttext. Er ist ganz von
Gott verlassen.

Die groen ruhigen Bume mit ihrer Geduld und ihrer Wrde schauten auf
Anne-Dore nieder, die sie schon lange kannten, die sie schon seit Jahren
gesehn, als ein kleines Mdchen, und spter als sinnendes Jungfrulein,
viel zu ernst und viel zu allein. Aber sie wunderten sich nicht ber das
helle glckliche Lachen, das sie verbergen muten. Denn der Wind der
Erde und der Wald und das Meer und die Berge sind ber den Schicksalen
der Menschen alt geworden und jung darber geblieben, so da sie nie
erstaunen.

Mark Enz drehte Zigaretten.

Willst du? fragte er und hielt ihr eine hin.

Sie versuchte. Es ging nicht.

Was bist du fr ein Barbar, sagte er traurig.

brigens Friedberg, fuhr er fort. Ich kenne nicht allein seine
Jugendgeschichte, sondern auch die Einzelheiten seiner Abstammung. Die
mu man wissen. Das Licht vom Scheitel seiner Vter erleuchtet dies
verstauchte Kandidatengehirn bis tief hinein in seine Weltanschauung, in
der der Verfall aller Naturgesetze triumphiert. Du hast nicht genug
berblick, Dore, aber du mut es mir glauben. Hre zu: Sein Vater war
Missionar, er verehelichte sich in Jahren unbedachten Gottvertrauens und
zog in die Sdsee, nach Samoa, um die Kaffern zu bekehren, die dort so
viel ich wei in den Wstenprovinzen ihr schwarzes Unwesen treiben. Ich
bin nicht genau ber ihre Eigenart unterrichtet, aber sie fressen
Menschen. Also der alte Friedberg reckte ber ihre Ansiedlungen und ber
ihren sndhaften Appetit seine Missionsbibel, miverstand sie freudig
und legte sie in Demut aus. Sie wollten sich aber nicht bekehren. Sie
fingen an einem sonnigen, warmen Sonntag die Frau dieses Missionars
Friedberg, brieten sie und fraen den geprften Mann ledig.

Aber vorher hatte die legitime Verbindung eine Frucht gezeitigt: den
Helferich. Der alte Friedberg drckte den Sugling an sein Herz und
bestieg ein Schiff zur Heimreise, weil er eine neue Mutter fr sein Kind
finden wollte. Dies gelang ihm nicht. Darber starb er. Helferich wurde
eine Missionswaise. Dieser Umstand hat ihm die Mittel zu seinem Studium
verschafft. -- Hier ist brigens sein Buch, gib es ihm zurck. Solche
Predigt schreibt man nur einmal im Leben.

Anne-Dore kte ihn strmisch. Ungewut empfand sie seinen befreienden
Spott als eine Rache an aller Unterdrckung, die ihre Natur, ihre
Entwicklung und ihr Urteil beeintrchtigt hatte. Etwas wie Seligkeit an
Snde, das verzehrend se Bewutsein eines bsen Gewissens und ihr
Wille, dem Geliebten alle alten Gter darzubringen wie ein einziges
groes Opfer, erhhte ihr neues Lebensgefhl zu heiem Glck.

       *       *       *       *       *

Woche fr Woche, Nacht fr Nacht lief Anne-Dore durch den Buchenwald
nach Hildenrot. Die Stimme des Brunnens empfing sie im Schweigen der
Nacht. Sie fand den Weg in dunklen strmischen Nchten, und oft auf dem
Heimweg schlich sie sich frh durch das Hinterpfrtchen des Gartens,
erst wenn schon das Morgengrauen sein sthlernes Lcheln, blulich und
frei wie ein Schein der Ewigkeit, am Horizont erhob. --

Wie rasch alle Bedenken der seligen Gewiheit dieser einen Pflicht
wichen. Sie sprte weder Mdigkeit am Tage, noch senkte ein Bewutsein
von Schuld ihr die Blicke. Im roten Sturm ihres erwachten schweren Bluts
hob ihre junge Jugend alle verschonte Kraft zugleich in einem berma
von Lebenstriumph und Glut.

Wie sie die dunklen Bume ihrer Nchte liebte, die ihre Hoffnung und ihr
Bangen kannten. Auf dem Heimweg war ihr oft, als htte der schwere
duftende Schatten, der das Licht erwartete, auch ihrer geharrt; mit
geffneten Kleidern und losem Haar lief sie durch die versinkende Nacht
unter den verglimmenden Sternen dahin und vertraute der reinen Khle
umher den letzten Rausch ihres singenden Bluts an.

Niemals begegnete ihr hier ein Mensch, auch hatte sie in Dickicht und
Heidegrund ihre eigenen Wege. Sie wich den Orten vorsichtig aus, die ihr
Gefahr bringen konnten, viel weniger aus Furcht vor einer Entdeckung,
als vielmehr um dieser Einsamkeit willen, in der die Natur, unter dem
Abschied ihrer funkelnden Nacht, die pochende Sehnsucht ihres Krpers
heilte, ihr Glck forttrug und bis zu neuen Erfllungen barg.

Es war ihr in ihrem vernderten Leben oft so, als begegneten alle
Erscheinungen ihres Alltags ihr nur im Traum, die Wirklichkeit begann
fr sie erst, wenn sie in den Armen und am Herzen ihres Geliebten
erwachte. Es kam dazu, da der heimatliche Haushalt durch die Abreise
ihrer leidenden Mutter Vernderungen erfahren hatte, die ihr manche
Pflicht erlieen und andere erleichterten. Die krnkelnde Frau nahm in
der Regel ohne Aufhr die Dienste der Hausgenossen in jener leicht
erregbaren Empfindlichkeit in Anspruch, die oft bei Kranken auftritt,
deren Zustand niemals ganz schlecht und auch niemals ganz befriedigend
wird. Seit sie fort war, waren alle sich auf ganz neue Art selbst
berlassen, und besonders Anne-Dore atmete auf, denn das im Grunde
selbstschtige und unausgesetzt nrgelnde Interesse, das ihre Mutter ihr
zu zeigen pflegte, war ihr nie so qualvoll erschienen, als in der
letzten Zeit, in der sie wieder und wieder gentigt war, Fragen mit
Lgen zu beantworten. Ihr Vater war anders in diesen Einzelheiten, er
lie ihr den Willen in allen kleinen Dingen; vielleicht htte er einem
Sohn weniger Freiheiten eingerumt, aber Anne-Dore gehrte neben seiner
Liebe auch seine heimliche Bewunderung, und ihre Angelegenheiten waren
ihm fremdartig und heilig, wie ihr Geschlecht es ihm in seinem
ereignisarmen Leben im Grunde nun einmal geblieben war.

Friedberg schien ganz in seine Arbeit vertieft, er fhrte seine
Denkerstirn mit schweren Kummerfalten durch das Gartengrn, und nur hin
und wieder lie er sich in kurze Gesprche mit Missionar Wendel ein, die
in der Regel den Ernst des Lebens betonten und die Vergnglichkeit alles
Irdischen.

Anne-Dore hatte fast ausnahmslos eine vllig humorlose Abneigung gegen
diese gewaltsamen Unaufrichtigkeiten ihres jungen Hausgenossen bekommen.
Er erschien ihr armselig und feige, und alle Entschuldigungen, die sie
frher lchelnd fr ihn gefunden hatte, verwarf sie jetzt als schwach
und falsch. berhaupt mied sie in verborgenem Ha alles, was auch nur
ein leises Zugestndnis an ihre versunkene Innenwelt enthalten konnte.
Zwar nahm sie ihrem Vater zulieb an allen Hausandachten teil und
besuchte wie frher die Gottesdienste mit ihm, aber sie trumte dort in
einem Halbschlummer ohne Anteilnahme ihre eigenen Trume, die stets
begannen mit einem goldenen Sonnenjubel weit ber warmes, sommerliches
Land hin und ber Seligkeit und Schmerzen fort in einem wilden,
uferlosen Meer von Blut versanken.

Die erhabene Kraft dieser glhenden Vereinsamung in einer einzigen
Leidenschaft gab ihrem Wesen nun frh eine stolze Sicherheit des Gefhls
und ein klares Urteil ber alle Dinge, die sie allein danach
einschtzte, wie sie ihrem Glck frderlich oder hindernd sein mchten.
Sie lernte leicht und rasch verwerfen, was ihrer einen Sehnsucht nicht
Genge tat, und lebte ihre Tage und Nchte allein um der Stunden willen,
die ihr junges neues Recht in tausend Gluten und seliger Not
besttigten.

Ich habe nur noch dich, sagte sie Mark an einem spten Abend im Wald.
Sie sprach es aus, als fragte sie ihn etwas.

So wie ich kannst du dich nie verlieren, fuhr sie leise und ohne
Vorwurf fort, und pltzlich bermannte es sie und sie kte ihn hei und
rief: Ich bin darum viel reicher als du.

Schner bist du, sagte er innig. Deine Welt ist vollkommen und du in
ihr. Deine Hnde sind schwach, aber sie tragen deine ganze Welt, dein
Auge reicht so weit, als ihre Hhen und Tiefen gehn; dein Herz ist wie
der Heiland deiner Welt, es kann sie ganz erlsen und wird sie gerecht
richten. Du bist schn.

Er merkte, da sie ihn nicht ganz verstanden hatte.

Du kannst dich hingeben, ganz, ohne Einwand und ohne Bedacht, darum
bist du schn, fuhr er fort. Dich berredet keine Zukunft, wenn es
gilt, der Gegenwart zu gehorchen, du bist dir treu.

ber ihnen leuchtete der Himmel in nchtlichem Blau, erfllt von
Sternen, ber ihnen waren die Zweige der schlafenden Waldbume und der
Friede ihrer Nchte, den sie um seiner schweigsamen Gte willen liebten,
die ihrer Eintracht gnstig war. Mark richtete sich ein wenig auf, legte
ihren Kopf auf den weichen Waldboden, auf dem sie ruhten, mit beiden
Hnden strich er ihre dunklen Haare aus der schimmernden Stirn und
senkte seine Blicke in ihre groen suchenden Augen, als fnde er darin
den Himmel wieder, der ber ihnen war, die Waldbume und auch den
Frieden ihrer Nacht.

Mein Dank fr deine Liebe ist meine Sehnsucht, sagte er.

Sie verstand ihn, weil sie seine geliebten Hnde an ihren Schlfen
fhlte, sie verstand ihn, weil seine Blicke in ihren Ruhe fanden und
weil seine Gedanken ihr Herz riefen. Sie schlo die Augen in einem
tiefen Schauer von Glck, das ihr nicht mehr so erschien, als sei es
allein ihr eigen, sondern ihr war, als habe die Nacht daran teil, die
reiche Natur, die sie umgab, das Licht des Himmels und die unendliche
Weite der groen Welt, in der sie erwacht war zu ihrer jungen Liebe.
Diese fremde Kraft, die ihr Geliebter seine Sehnsucht nannte, gewann im
Suchen ihrer seligen Traurigkeit Gestalt, und sie sah sie als einen
Engel, der sein Haupt beschirmte, und der ihn in seine Zukunft fhrte,
die weiter reichen und schner sein sollte, als ihre Gedanken und als
ihr Tun. Und sie faltete ihre Hnde, die wie alles an ihrem Leibe und an
ihrer Seele nicht mehr ihr Eigentum waren, und schaute zu dem Engel auf:
Ich bin nicht dein Ziel, sagte sie zu ihm, aber schlag auch fr kurz
deine beiden hellen Flgel um mich.

       *       *       *       *       *

Wie vernderbar sein Wesen war. Wie herb er sich ihr oft verschlo,
obgleich nichts ihn hinderte, gelassen seine Ansprche vor ihr zu
erheben. Oft hatte er sie tiefernst, traurig und grblerisch verlassen,
fast bitter und ohne einen Schein von Glck in den Augen. Dann legte sie
sich mhevoll und hei besorgt die Worte zurecht, prfte ihre kindlichen
Hnde, wie sie ihn trsten mchten, und empfing ihn ernst und zu jedem
Opfer bereit. Aber dann flog ihr oft sein leichtsinniges Lachen
unerwartet und jugendlich entgegen, ber all ihre Sorge hin. Seine Stirn
schien dann niemals gebeugt und sein Mund nicht schmerzvoll gewesen zu
sein.

Aber keine seiner Stimmungen hielt an, sie verflogen wie Licht und
Schatten an strmischen Wolkentagen, um die der Sonnenschein kmpft. Sie
wechselten zuweilen sogar in einer kurzen Stunde ihres heimlichen
Beisammenseins, nur wenn er scheinbar allen Erlebnissen seines Tages
fern, seine Gedanken mitbrachte, die ihn beschftigten, war er bestndig
und immer liebevoll. Aber sie empfand dann so, als sei er entfernt, auch
noch, wenn seine heien Worte, in denen er ihr seine Welt enthllte, nur
ihr zu gelten schienen. Sie fhlte sich dann oft wunderbar beglckt und
zugleich mibraucht. Aber nur er kannte sie, das bedeutete ihr mehr als
jede Tugend.

Ihr kindliches und unerfahrenes Herz emprte sich niemals. Nur einmal,
als sie mit ihm darber sprach, lchelnd, und bereit, ihm jeden Einwand
zu verzeihen, erschreckte sie seine Antwort, die er in einem seltsamen
Leichtsinn aussprach, in einer Aufrichtigkeit, die schwermtig und
unvorsichtig war, die er sicher vermieden haben wrde, wenn ihn die
eigene Gewiheit nicht auf neue Art berwunden htte:

Wenn mir einmal die Liebe einer Frau begegnet, sagte er, die so
beschaffen ist, da ich mich ganz an sie verlieren knnte, so wrde ich
sie und mein Glck zerstren. Sicherlich, ich wrde es tun. Ja, wenn ich
in die tiefste Schmach flchten mte ...

Er besann sich pltzlich und brach ab. Betroffen sah er ihr bekmmertes
Gesicht, und nun erst schien ihm klar zu werden, vor wem er gesprochen
hatte.

Aber er machte keinen Versuch, etwas gutzumachen, obgleich es ihm
vielleicht gelungen wre. Aus ihren gequlten Zgen sah sein Schicksal
ihn an und lchelte barmherzig.

Vergib mir, sagte er ruhig, ich habe dich nicht krnken wollen.

Wie hast du es gemeint, fragte sie traurig, bin ich dir so wenig?

Er sagte nur:

Ich erscheine dir undankbar.

Kannst du niemand recht lieb haben? fragte sie, und nun sah er, da
sie weinte, denn sie konnte ihre Trnen nicht mehr verbergen.

Er schwieg.

Ach, antworte mir doch, bat sie heftig und schluchzte. La mich nicht
allein.

Gedemtigt durch ihren Schmerz, der ihn zugleich beglckte, sagte er und
suchte die Worte mhsam:

Vielleicht ist in meinem Herzen mehr Liebe als in vielen anderen, aber
ich kann sie nicht auf einen Menschen ausschtten wie ein einziges
Geschenk. Mich bewahrt eine Kraft, deren Sinn und Ziel ich noch nicht
kenne, der ich mich ganz vertrauen mu.

Ohne Hoffnung, mit einem Mut der Verzweiflung, sagte sie fast zornig:

Ich versteh dich nicht.

Mochte er darauf in sein stolzes Schweigen verfallen, die Achseln zucken
und sich ein wenig mitleidig abwenden. Ja, mochte er gehn, wenn er
wollte. Ihr blieb doch die bittere Genugtuung, da ihre Schmerzen grer
waren als sein Stolz.

Aber nichts von alledem geschah. Er kniete neben ihr nieder, suchte ihre
Hnde, legte sein Gesicht hinein und vergrub es in ihrem Scho. Ihre
Lippen sanken in sein Haar und ihr Herz brannte vor Beschmung und
Glck. Bebend und hei verwirrt dachte sie nur immer wieder: Was ist es
denn, das ihn so pltzlich berredet hat? Gab er ihr nun nicht mehr, als
er je mit Worten wrde geben knnen? Und sie fhlte, wie unberechenbar
und ohne Halt und Willen sein Herz schien, das doch in Krften ber
ihrem Dasein schlug, die stark wie das Leben waren und stark wie der
Tod.

       *       *       *       *       *

Morgens wenn die Frhsonne den besprengten Garten trocknete, duftete die
Welt warm im leisen Summen der Bienen nach dem Sommer. Die Tage zogen
strahlend hell und wunderbar still herauf, der gewohnte Weg, den die
Sonne durch das Haus nahm, war grn und dicht bekrnzt an offenen
Fenstern, sommerlich hell im ruhigen Haus und in den Herzen der Menschen
von grougigen Trumen umlchelt.

Anne-Dore wachte oft des Morgens auf, ehe die Sonne da war; noch
befangen von der Gte der tiefen Nacht, trat sie ins blaue Licht der
Dmmerung ans Fenster, schaute ber die Hgel ihrer Heide, wie sie es
einst als Kind getan, und wie ein khles neues Wunder tauchte ihr aus
den versinkenden Fesseln ihres Schlafs die Gewiheit empor, da sie ein
Mensch auf dieser Erde war.

Die Bume im Garten, die sie kannten, grten sie in der Stimme des
ersten Windes, der flsternd mit dem Licht erwachte, und sie fhlte in
seiner reinen Khle ihren jungen Krper, den sie liebte, weil er den
geliebten Mann beglckte, dem sie ihn ganz zu eigen gab. Einmal
berwltigten ihre sehnschtigen Gedanken sie, sie kleidete sich hastig
an in dieser seligen Dmmerung der stillen Welt und eilte ber die
versteckten Waldwege hin nach Hildenrot. Aber dicht vor dem Forsthaus
kehrte sie erschrocken um, angstvoll besorgt, die Leute im Haus mchten
sie sehn und ihr Geheimnis entdecken.

Mit der heraufsteigenden Glut der Sonne begann ihr trumerischer Tag,
der wenig Wirklichkeiten fr sie brachte. Sie schritt, ihre leichte
Hausarbeit verrichtend, durch die so lange schon bekannten Rume ihres
Elternhauses, in dem alles in unerschtterlichem Gleichma seinen guten
Gang ging. Immer noch tanzten mit sem Lcheln und gespreizter Grazie
die feinen Porzellanfigrchen in hellbunten Glasspitzen ihren Reigen auf
dem Wandschrank, sie erschienen ihr wie verblate Erinnerungen aus einer
fernen toten Zeit. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich
habe die Welt berwunden, stand immer noch in silberner Schrift ber
dem altmodischen Sofa, aber der Sinn der Worte war erstorben und sein
Leben gehrte einer versunkenen Zeit an.

Oft hielt sie sinnend inne und eine tiefe Verwunderung machte ihr die
Augen starr und still: alles blieb beim alten in den Behausungen der
Menschen und weit um sie her, mochte ein Herz schlummern, jubeln oder
bluten. Das gab eine so eigen wehmtige Gewiheit, als wanderten die
Menschen klein und arm und flchtig nur fr kurz durch ihr irdisches
Bereich, und nichts umher vernderte sich, wie ihr Sinn und ihre
Hoffnung. Was bleibt, fragte sie sich angstvoll und dachte an ihre groe
Liebe. Dann verstand sie wohl und dachte lange daran, was ihr Mark Enz
einmal in einer traurigen Stunde gesagt hatte:

Glaubtest du, ich wrde mich je begngen? So unmglich ein Mensch das
Vollkommene erreicht, so unmglich ist die Ruhe meines Herzens auf der
Erde.

Oft glaubte sie, all ihre Liebe gehrte allein seiner Seele, seinem
tiefsten Wesen und der Glut seines Gefhls, aber dann wute sie in ihrer
Erinnerung pltzlich, da es sein Mund war, den sie liebte, seine Hnde,
sein Haar. Ach, wer war sie, was sollte sie tun und werden, welches Ziel
heiligte ihr heies flchtiges Tun und seine Inbrunst? Ihr war oft, als
wre ihre Liebe grer, als da ein Mensch allein sie tragen knnte, als
drngte sie ber den Geliebten hinaus, weit, weit. Nicht zu einem
andern, o nie, das wute sie gut. Aber ihr war, als wnschte sie sich,
leiden zu drfen.

Von ihm sollte ihr Gewiheit kommen, ihn wollte sie fragen. Ihn, der
stets bereit schien, sich zu zerstren, nie aber sich zu vergngen, und
dessen Wesen doch Lebenskrfte umschlo, die ber jede Gefahr zu
triumphieren schienen. Das betubte sie in ihren Liebesstunden fast
vllig, in ihrer Erinnerung war ihr, als seien sie vom Tode berwacht
und vom Schicksal durchtrauert, von einem Schicksal, das sich vor ihr
erhob in Gestalt eines bronzenen Engels mit Flgeln, die im Sonnenlicht
verstrmten, und mit Augen, die ber sie, die Ringenden und Ergebenen,
fortsahen, weit fortsahen, gelassen am blauen Horizont der Zukunft
ruhend. Alle Mchte, an deren Einwirkung und an deren Gewalt sie
glaubte, nahmen in ihrer Vorstellung die Gestalt von Engeln an, wie es
einst Engel gewesen waren, die frh an ihrer Kinderwiege gewacht und die
die Welt ihrer Vorstellungen bevlkert hatten.

Jede Erinnerung an die Stunden ihrer Liebe senkte ihr die Blicke in eine
starre Verlorenheit. Fast frchtete sie sich vor der Zeit, in der sie
Kraft und Ernchterung genug gefunden haben wrde, ihrer gelassener zu
gedenken, bewuter und erkennender. Aus Furcht davor, ihre alten Kmpfe
mchten sich neu erheben, suchte und liebte sie die flimmernde
Versunkenheit, in die ihre Trume sie tauchten, wie in ein Meer von
rotem Licht und Blut. Erschauernd ging sie in diesen Wirbeln von Furcht
und Glck unter, krperlos fast, wie aufgelst in lauter Lust.

Auch weil ihre Befrchtungen sie nicht eine Stunde verlieen, waren ihr
solche Erinnerungen unklarer und betubender Art. Seit einst zum
erstenmal Mark Enz ihren Mund gekt hatte, bis heute, wo er alles
genommen, was sie zu geben vermochte, war sie seiner nicht einen
Augenblick sicher gewesen. Nichts an ihm schien ihr Gewhr zu bieten,
da er ihr eigen sei, wie sie doch ganz sein Eigentum geworden war. Und
irgendwo, unerreichbar durch alle Gedanken, blieb eine Fremdheit
zwischen ihnen. Sie nannte sie in glcklichen Augenblicken ihre Achtung,
ihren Respekt vor ihm und seiner berlegenheit, suchte die Grnde in
allem, das ihr noch neu, gefhrlich und besonders an ihm erschien, aber
sie kannte Nchte, in denen dies Bewutsein sie bitterlich schmerzte.
Als habe er sie wohl an sein Herz genommen, aber als bliebe ihr dies
Herz verschlossen.

Dies Empfinden verlieh ihrer krperlichen Hingabe mit der Zeit eine so
sehnschtige und wilde Verlorenheit, da er erschrak. Aber ihre
Hoffnung, deren Drngen sie nur erduldete und nicht erkannte, ri alle
Tore ihres Blutes und ihrer Seele vor seinen Wnschen auf. Je mehr ihr
Gewiheit darber wurde, da er sich ihr verschlo, um so inbrnstiger
trachteten ihre Gaben danach, ihn ganz in das Bereich ihrer Liebe zu
ziehn.

Und so erlitt sie im Grunde immer noch seine Liebe. Gerade wie am ersten
Tage und ohne die triumphierende Zuversicht eines groen Rechts. Nie
lachte ihre Lust sinnenfroh und gesunden Blutes unbedacht auf, es war
fast, als htten ihre alten Glaubensstze und alle Mysterien einer
ergebenen Hingabe an ihre Religion ihrer irdischen Liebe den Weg
bereitet, den sie nun schreiten mute, wie im Schatten eines
Sndebewutseins und einer Knechtschaft.

Mark sagte es ihr auch einmal:

Dein Blut ist in einen seltsamen Bann gesprochen. Meins peitscht ein
heidnisches Lachen auf, deins fliet wie unter den Klngen einer
Kirchenorgel.

Er hatte dazu gelchelt und ihren Mund gekt, als wren seine Worte
beilufig und ohne Belang. Er hatte versucht sie auszugleichen, weil er
sie bereute, aber Anne-Dore lauschte mit einem heimlichen Graun, das sie
wiedererkannte, auf die Antwort, die ihre Seele wute und die ihr Mund
verschwieg.

War es das, was sie tiefinnerlich zu trennen drohte?

Knnte ich schlecht sein, dachte sie und hatte das Gefhl, als verlre
sie sich ganz und fr alle Ewigkeit. Aber wollte er denn das? Ihre Angst
erprete ihr Gestndnisse. Sie sagte einmal, als er gegen Mitternacht in
Hildenrot in ihrem Arm erwachte und sie fortschicken wollte:

Ich mchte sein wie du. So frei, so schrankenlos, so einzig dem
ergeben, was fr den Augenblick dein Glck bedeutet, deinen Genu. Du
bist schn, frei bist du, ganz frei ...

Er sah an ihren Augen, da sie gewacht hatte, empfand, wie tief diese
Fragen und Wnsche sie beschftigten, und richtete sich nachdenklich
auf, wach und bereit. Er verstand, und kalt und ohne Erbarmen sagte er:

La solche Ansprche. Was du bei mir schn und frei nennst, das wre
bei dir schlecht, nur schlecht und nichts als das. Ich will dich nicht
anders als du bist. Du liebst und ehrst mich in deiner Liebe nur, wenn
du sie in ihrer Art heilig sprichst.

In ihrer Art ..., wiederholte sie zgernd.

Er legte ihren Kopf an seine Schulter, liebevoller, als da auch nur ein
Schatten von Schmerz in ihrer Seele blieb, strich ber ihren Scheitel,
hinunter ber ihr loses Haar, unter dem er die Formen ihrer Schultern
und ihrer reichen Hften sprte:

Du schlfst, sagte er langsam.

Sie rhrte sich nicht. Seine Worte bewegten sie, als wrde sie still in
barmherzige Nacht gebettet. Sie verstand seine seltsame Ergriffenheit
nicht, die so zrtlich seine schnelle Hrte abgelst hatte; sie wute
nur, was er empfand, galt ihr, das war ihr Liebe genug.

Wenn du erwachst, bist du zu Haus, sagte er leise.

Zu Hause? fragte sie schchtern. Ich bin es nur bei dir. Wo sollte
ich es sonst sein in der Welt?

Bei deinem Kind, antwortete er, tief in Gedanken.

Sie erschrak nicht und fragte ihn nicht. Es brach ihr hell aus den Augen
und lief ber seine Brust. Sie hatte ihm nie so vertraut, als nun, da
sein Mund diesen neuen Namen genannt hatte, der ihre Heimat werden
sollte.




Zwlftes Kapitel.


Herr Wendel hatte Anne-Dore eines Tages auf sein Zimmer rufen lassen. Es
war ihm sehr schwer geworden, dies Gesprch zu beginnen, weniger
vielleicht, weil es seiner Art fern lag, als vielmehr weil er sich vor
dem Ende frchtete, das es nehmen mchte. In einer ungewissen und
uneingestandenen Furcht, die ihm seine Anforderungen beinahe schwer
machte, und die durch kein Pflichtbewutsein zu berreden war. --

Vater, bitte mich nicht. Ich vermag es dir nicht zu sagen, wie ich
mchte, aber mit dir zum heiligen Abendmahl kann ich nicht gehn.
Anne-Dore war sehr bleich.

Tiefbesorgt schaute Missionar Wendel seiner Tochter ins Gesicht. Gewi
lie er ihr gern in allen kleinen Dingen den Willen, aber hatte in der
letzten Zeit schon manches ihn befremdet, so gab nun diese Weigerung
bitter schmerzend den Ausschlag.

Dore, sagte er betrbt und eindringlich, ich habe mich in den
verflossenen Wochen oft bemht, dich recht zu verstehn, habe nichts
gesagt, Kind, wenn mir das Herz schwer wurde; hre, willst du dich heute
deinem Vater nicht vertraun? Es meint es kein Mensch so aufrichtig gut
mit dir. Komm, bitte, setz dich hier neben mich, so, gib deine Hand,
schau mich an ... verdient meine Liebe dein Vertrauen nicht?

Anne-Dore legte ihre Hand in einer ergebenen Mdigkeit in seine beiden,
die ein wenig zitterten. In diesem Augenblick htte sie alles fr ihn
tun knnen, alles, nur damit ein Schein von Freude in sein gutes Gesicht
kam, in dem so traurig der Wunsch stand, seine Liebe mchte nicht
verachtet werden. Aber sie fand keinen Ausweg. Es war ihr nicht schwer
gewesen, sich in mancher Lage zu helfen, wenn ihr Herz nicht beteiligt
war, aber wo sie empfand, konnte sie nicht lgen. Als er ihr gestern
mitgeteilt hatte, er wollte in dieser Woche noch mit ihr und Friedberg
in gewohnter Weise zum Tisch des Herrn gehn, war pltzlich ihr Blut
erstarrt in einem Graun, wie vor der bsesten Gefahr, die ihr nur immer
begegnen konnte. Wie unter einer machtvollen Drohung tauchte es vor ihr
auf, aus dem Reich der gttlichen Liebe empor, die sie verraten und
verloren hatte.

Nun sprach ihr Vater wieder:

Drckt dich eine Schuld, mein Kind? Wenn du sie deinem irdischen Vater
nicht sagen kannst, so bring sie deinem himmlischen. Sieh, ein erster
Anfang ist die groe Gefahr fr uns alle. Lassen wir nur ein einziges
Mal etwas zwischen uns und den Heiland kommen, so ist dem Versucher das
Tor unserer Seele geffnet. Und es gibt keine Schuld, die das Blut
unsres Herrn Jesu Christi nicht abwaschen knnte vom Kleid unsrer Seele,
die sein Eigentum ist fr alle Ewigkeit. Kind, ich habe Sorge um dich.
Seit vielen Wochen seh ich dich verndert. Ich wei gut, da wir alle
bsen Anfechtungen ausgesetzt sind, aber es streitet fr uns der rechte
Mann, weit du es nicht, mu ich es dir sagen? Es gab eine Zeit, Dore,
da habe ich von dir gelernt. Sieh, ich scheue mich nicht, es dir zu
sagen. Aber was ist nun mit dir geschehn? Meinst du, ich, dein Vater,
der keine andere Sorge kennt, als die um dich, she nicht, wie du
verndert bist? Auch bist du oft bla und es scheint mir, als ob du
geweint hast. Sprich zu mir, mein Kind.

Und als Anne-Dore schwieg, fuhr er fort:

Ich schlie auch dein Wohl hei in meine Gebete ein. Gewi, man soll
niemanden zwingen, zum Tisch des Herrn zu gehn, seine Mahnungen und
Warnungen sind so ernst, wie seine Verheiungen Seligkeit und Frieden
verknden. Wer unwrdig sein heiliges Blut trinkt und seinen Leib it,
der it und trinkt sich selber das Gericht, sagt uns die Schrift. Aber
Kind, das heit etwas ganz anderes, als wir armen sndigen Menschen oft
denken. Wer mit glubigem Herzen hinzutritt, seine Snde aufrichtig
bereut und fest den Willen hat, sie in Zukunft nicht wieder zu begehen,
der nimmt vom heiligen Kelch die Gewiheit mit, da all seine Snde
vergeben ist, da Gott vershnt ist durch dies vergossene Blut seines
Sohnes, das er uns gibt. -- Was ist dir? Deine Hand zittert. Nicht wahr,
meine Worte haben dich neu darin bestrkt, da wir gemeinsam der
hchsten Gabe bedrfen, die uns der Herr zurckgelassen hat?

Anne-Dore nahm sich gewaltsam zusammen, sie sagte stockend und schwer,
den Blick gesenkt und die Stirn von Traurigkeit gebeugt:

Mu nicht ein jeder selbst wissen, Vater, wann es ihn treibt, zu gehn?
Und wenn man zweifelt, ist es nicht besser, zu warten?

Nein, Kind, dann ist es Zeit zu eilen.

Nun erst, da Anne-Dore auf ihrer Weigerung beharrte, empfand ihr Vater
das ganze Gewicht seiner Betrbnis. Ihm vermischte sich, ohne da er es
wute, seine Sorge um ihr irdisches Wohl mit der Furcht um ihr ewiges
Heil. Nun war ihm, als sei auch ihr Leib in Gefahr, als gelte es nicht
allein, ihre Seele zu retten. Eine jhe Angst befiel ihn und ein
schmerzhaftes Gefhl seiner Ohnmacht. Er lie ihre Hand fahren und
schaute sie lange tieftraurig und voll Liebe an.

Als Anne-Dore ihre Blicke hob, sah sie in seinen Augen Trnen, die er zu
verbergen trachtete. Sie liefen ber seine Wangen in den grauen Bart und
auf seine gefalteten Hnde.

Vater, rief sie, sprang empor und legte ihre Arme um seinen Hals, ich
geh mit dir. Gewi. Gewi. Vergib mir, ich habe tricht gezweifelt. Ich
wei, da keine Snde zu gro ist, da ich kommen darf, wie ich bin, da
er barmherzig ist, gut -- da er versteht -- vergibt. -- Vater, weine
doch nicht.

Sie trocknete ihm die Trnen mit ihrem Tuch und er lie es geschehen,
wie eine Wohltat, die er im Leben noch nie erfahren hatte. Und er sagte
und wute nicht, wie schn seine himmlische Sorge und Liebe in irdischem
Licht erglnzte:

Dich kann ich nicht verlieren, mein liebes Kind.

Ich habe etwas gegen mein Gewissen getan, empfand Anne-Dore, als sie
allein war. Nicht allein ihr Versprechen lag ihr im Sinn, sondern der
Gedanke an ihren ohnmchtigen Widerwillen, als sie ihren Vater hatte
weinen sehen. Sie erschrak vor der Erkenntnis, da sie sich htte
abwenden knnen, von nichts erfat, als von einem Mitleid mit seiner
Schwche. Wo lagen die Grnde dafr, da ihr das Ereignis im Grunde nur
peinlich, und nichts als das, gewesen war? Sie fhlte klar und
zuversichtlich, da sie nichts mehr mit ihm und seiner Empfindungswelt
zu schaffen hatte, da sie im Grunde nie sein eigen gewesen war, und da
er sie ganz verloren hatte, wenn auch sein Sinn sich nun in neuer
Gewiheit trstete.

Wem gehren wir an in der Welt? dachte sie. Nur Oberflchliche suchen
Halt und finden ihn im Glauben an Gemeinschaft. Jeder ist allein. Es
stieg ihr bitter empor: die sich tuschen knnen, sind glcklich, die
nicht beanspruchen, die sich begngen, die wenig empfinden. Und sie
dachte an Mark Enz, den sie mehr liebte als ihr Leben und als ihre
Hoffnung, und nie hatte sie so schmerzhaft gewut wie nun, da auch er
allein war, einsamer vielleicht, als ihr Herz bisher geahnt. Auch meine
grte Liebe erhht den Wert meiner Gaben nicht, die ich ihm darbringe,
dachte sie bebend; ber allen Wnschen, die uns unsere Liebe bringt,
geht der Weg dahin, den Seelen zu ihrer seltenen Gemeinschaft finden.
Nur Augenblicke gibt es, Augenblicke ... Sie prete pltzlich in einem
Aufwallen verwundeter Begierde und wie in einem wehen Drang nach
Erkenntnis ihre Hnde in den Scho, brach nieder in ihre Knie und
stammelte:

Erlse mich durch dein Blut von meinem, Herr Jesus. --

Was war das fr ein bses Gebet gewesen, das sie ausgestoen hatte wie
einen Schrei? Taumelnd erhob sie sich. Wie kam ich dazu, was trieb mich,
was zerri mich, welche Sehnsucht ri mich mit sich fort?

Du bist allein, mein Liebster, sagte sie leise. Wer gibt dir deine
Kraft? Du bist frhlicher als die Menschen, die ich kenne, und
trauriger, dein Herz fhrt dich Wege, die nicht einmal du selber kennst.
Alles ist fremd an dir, alles liegt miteinander im Streit. Wohin gehst
du? Sag es mir, denn ich mchte mit dir. Deine Reichtmer und deine
Schulden sind zu schwer fr meine Schultern, ich kann sie nicht
ertragen. Was bist du fr ein Mensch, da ich dich immer und immer
lieben mu und immer nur dich, und bin doch allein bei dir, wie du bei
mir. Wenn ich dich betrachte in meinen armen Gedanken, verwirrt sich
mein Sinn, aber wenn du zu mir sprichst, ist der Himmel weit und hell
geffnet, als gbe es keinen Kampf, keinen Zweifel, keine Unrast, als
gbe es nur Harmonie und bestndige Seligkeit. Warum hilfst du mir
nicht? Ich kann dich nie verlieren, mein Geliebter.

Sie erschrak. Solch letzte Worte hat auch ihr Vater gesprochen. Eben
noch. -- War es berall in der Welt dasselbe, sollte nichts gestillt,
kein Glck vollkommen sein und keinem Drngen nach Gemeinschaft
Erfllung werden?

Sprichst auch du solch schmerzhafte Worte, Liebster? Zu wem sprichst du
sie? fragte sie mit groen leeren Augen. Nicht zu mir. Ach, sprchst
du einmal so zu mir, littest du nur einmal um mich, ich wrde dies Leid
so berglcklich mit allem segnen, was ich habe, ich wrde glauben, da
eine Gemeinschaft zwischen uns mglich ist, da ich dich halten kann.

Leb wohl, sagte sie pltzlich fest und seltsam feierlich. Ich gehe.
Weit du, wohin ich gehe? Ich will fr den da sein, der um mich leidet.
Fr meinen Vater. Wenigstens einmal noch, und fr den anderen, der mich
ruft und der auch um mich gelitten hat. Vergib mir, ich komme wieder. Du
wirst fhlen, da du mich nicht mehr heilen kannst. Aber ich gehe, denn
ich habe keine Snde begangen, die nicht vergeben werden knnte, und ich
werde knftig keine Snde mehr tun. Es wird mich niemand strafen fr
mein Leid um dich, mein Liebster.

       *       *       *       *       *

Die Abenddmmerung trug still und warm die Klnge der Kirchenglocken von
St. Nikolai ber die Stadt und das Land. Es waren die groen Glocken
nicht, die riefen, sondern nur kleine, wie sie beim Tode Armer gelutet
werden, oder an Sonntagen in der ersten Frhe. -- Die Welt umher lebte
noch in jenen seltsam wachen und doch verlorenen Lauten, die nach heien
Tagen aufsteigen, wie von der nahenden Khle getragen. Kinderstimmen,
ein langer, fremdartiger Ruf, der Schrei eines mden Lasttiers oder der
dumpfe Fall eines schweren Tors. -- Die Gerusche flogen alle gesondert
auf, wie vereinsamt, sammelten sich nicht mehr wie am Tage zum Gerusch
des Treibens der Menschen, sondern ermahnten zur Rast und waren, als ob
sie dem sinkenden Licht nacheilen wollten.

In der Nikolaikirche brannten vereinzelte Gasflammen, bei der Orgel,
ber dem Gesthl des Chors, und den Hauptgang entlang, der zum Hochaltar
fhrte. Nur die Sakristei war erleuchtet, immer drei und drei brannten
die leise singenden Flammen. Schlichte, dnne Eisenarme reckten sich an
plumpen Leuchtern empor. Am Hochaltar blinkte das Marmorkreuz und der
Leib des gekreuzigten Heilands schimmerte leidensbleich ber den Prunk
der silbernen Gerte hin in das dmmerige Kirchenschiff hinein. Es war
kaum noch ein schchterner Schein vom Tag hinter den hohen bunten
Scheiben zu erkennen.

Ebenmig, grau und gerade hoben sich die Sulen der Seitengnge empor
in die Dmmernacht, die unter der gewlbten Decke herrschte. Die Kanzel
ruhte leblos, nur der breite Goldschnitt der Bibel, die dort auf ihrem
niedrigen Holzpult lag, blinkte.

Im verengten Kirchenschiff, vor dem Hochaltar, waren rechts und links
zwei Stuhlreihen in breiten Kurven aufgestellt. Die ersten Abendmahlsgste
versammelten sich, langsam und schwarz schritten sie bedchtig und
bedrckt an ihre Pltze, sie schienen den Widerhall ihrer Schritte zu
frchten, der hohl, laut und wie von weither aus den toten Rumen der
Kirche zurckkam. Hoch auf der Galerie bei der Orgel versammelten sich
die Chorknaben, das grelle Schurren eines Stuhls und polternde Laute
verrieten sie, die Wnde schienen das Echo verdoppelt und verschrft
zurckzuwerfen, und jeder Laut erhhte, lang ausgedehnt, die bedrckende
Allmacht der feierlichen Stille.

Pastor Jacoby hatte dies Abendmahl angesagt. Die Pltze waren bald
besetzt, zur Rechten und zur Linken des Altars zwei mattbewegte schwarze
Reihen; es wurden noch Sthle fr neue Gste hinaufgebracht, die
Kirchendiener gingen auf den Fuspitzen, mit ernsten und wichtigen
Mienen taten sie ihre Pflicht und schienen zu eilen, wenn sie die
Sakristei wieder verlieen.

Anne-Dore und ihr Vater hatten mit Friedberg schon zu den ersten gehrt,
die angekommen waren. Das Gesicht des jungen Mdchens war von einer so
unbewegten und starren Blsse, da es auffiel, und manche Blicke besorgt
und in bewundernder Andacht darauf ruhten. Friedberg glaubte nie in
seinem Leben etwas so Schnes gesehen zu haben, wie diese ruhigen,
klaren Zge, deren Linien, wie die Linien des Marmors, unbeweglich und
doch lebensvoll erschienen und so von geheimer Trauer verklrt waren,
da es vielen erschien, als ob ihr eigenes Leid gering sei.

Der Kandidat hatte mit groer Spannung darauf gewartet, ob Anne-Dore an
dieser Feier teilnehmen wrde oder nicht. Nun war ihre stille Hingabe
ihm eine Besttigung seiner liebsten Hoffnung, die ihn mit Glck und
neuer Zuversicht fllte. Nun wute er wieder, welchem Herrn sie im
Grunde allein diente, jenem Friedensfrsten, der auch sein Gott war, dem
Heiland der Welt, der alle Schuld der Menschen trug. Ein heimlicher
Triumph weitete ihm die Seele, durchwrmte seine Andacht bis zu
berschwenglicher Hingabe an die Sache dessen, der den Sieg behalten
hatte. O, er htte auf sie zutreten und ihre Hand drcken mgen; wenn
doch eine Kraft auf Erden wre, die ihm ihr Herzeleid aufbrden knnte,
gern wre er zu jedem Opfer willig und zu jeder Tat der Bruderliebe
bereit gewesen.

Wie still und khl war ihr Gesicht, verborgen und scheu suchten seine
Blicke darin zu lesen. Er sah ihre geneigte Stirn und ihre gesenkten
Augen halb von der Seite. Unter der Krone des berreichen schweren Haars
und ber dem schwarzen Kleid hob es sich ab, beinahe leuchtend ... Hatte
Mark Enz wohl jemals diesen Mund gekt, diesen Mund, der nun, wie auch
der seine, den Leidenskelch des Heilands an seinen Lippen spren sollte?
Nie, nie! Wie konnte es mglich sein. Maria war nicht reiner als du,
sagte er mit unhrbarem Flstern und seine Sinne versanken ihm in
andchtiger Scheu. --

Hell in die groe Stille des Wartens hinein, siegreich und klar, ein
himmlischer Glanz, brach hoch wie vom Himmel her der Knabenchor ein.
Eine gttliche Erlsung, rein in seiner seligen Feier, beschwingt und
erhebend. Er trug die Herzen aus der schwlen Bedrckung ihrer irdischen
Niedrigkeit in Gottes Huld empor:

    Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
    Herr Gott, erhr mein Rufen.

Klein, vergnglich und arm war nun die Welt mit ihrer Trbsal; den
Mhseligen stand der Himmel auf. In einer Gebrde unaussprechlicher Gte
hob ein geliebter Engel den Kelch ber alle Not, den Kelch, der das Blut
des geschlachteten Lammes von Golgatha umschlo, die hohe Brgschaft
eines unvergnglichen Friedens.

Als Anne-Dore aufsah, stand Pastor Jacoby schwarz und stumm hart an der
letzten oberen Stufe, die zum Altar fhrte. Sein schlichter Talar, der
fast ganz ohne Falten bis auf seine Fe niedersank, machte seine
Gestalt beinahe berschlank; vom gestickten Purpur der Altardecke hob
sie sich ruhend und aufrecht ab, in diesem lieblosen Licht der
Gasflammen, die den Schein der Altarkerzen verdrngten. Ihr Spiegelglanz
warf sich vom Hochaltar auf die geneigten Gesichter der Andchtigen,
berbleich erschienen sie, qualvoll entstellt, als wre kein Opfer gro
genug, um der himmlischen Gaben wrdig zu werden, die sie erflehten.

Es war Anne-Dore, als she sie heute Pastor Jacoby nach langer Trennung
zum erstenmal wieder. Unentwegt schaute sie ihn an, sie tauchte ihr
Gesicht hinein in den Klang seiner Worte, als er nun sprach, in diesen
Klang, der einst ihre Seele zu ihrer ersten Zuversicht erweckt hatte.
Aber keine Erinnerung gewann Gestalt, ihre groen, ruhigen Augen suchten
sein Gesicht, dies Angesicht, das sie einst bewundert und verehrt hatte,
und das ihr nun so eigen vertraut erschien und doch so fern, so traurig
weit entrckt, wie ihre versunkene Hoffnung.

Aber seine Stimme war ihr lieb. Unter diesem eindringlichen und traurig
hellen Ton war ihr zumute, als schaute sie von einem heien Weg, den ihr
Fu gehen mute, zurck in das feierliche Tal ihrer Heimat, die sie
verlassen hatte.

Aber zwischen heute und damals lag, wie ein einziges heies,
wildwogendes Chaos, die Zeit ihrer Kmpfe und ihres Wandels. Sie wute
darber nichts mehr, es war, als ob die schwer geheilten Wunden ihre
Seele unempfnglich gemacht htten. Das alles konnte nie wieder kommen,
o, es machte glcklich, das zu fhlen; welch bses Schicksal auch immer
nahte, schlimmer konnte auf der Erde nichts mehr werden, als jene Zeit,
in der zwei Mchte um sie gerungen hatten. Wie war es zuletzt gewesen?
Als ob die Flgel ihrer Seele, die Jesu Blut verklrt hatte, in das rote
warme Blut ihrer irdischen Liebesnot niedergetaucht wren.

Nun hrte sie wieder die feierlich flehende Stimme ber sich:

Denn der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm das Brot,
dankte, brach's, und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der fr
euch gebrochen wird; solches tut zu meinem Gedchtnis. Desselbigen
gleichen auch den Kelch nach dem Abendmahl, und sprach: Dieser Kelch ist
das Neue Testament in meinem Blut; solches tut, so oft ihr's trinket, zu
meinem Gedchtnis.

Sie lauschte mit Anstrengung, kmpfte matt um den Sinn der Worte,
lchelte dann fein und bermde und schlo die Augen, whrend der
Geistliche seine kurze, ernste Ansprache begann, nach welcher die
heilige Handlung vollzogen werden sollte.

Die Kirche schien wie erstorben. Es war so still, da die Stimme des
Predigers wie in einem Grabgewlbe erscholl; nur wenn er die langen
Pausen machte, die er liebte, hrte man das Singen der Gasflammen und
leise und nah das Atmen seines Nachbarn.

Aus ihrer Erstarrung befreite sich Anne-Dores Sinn noch einmal unter dem
Christuswort:

Welcher nun unwrdig von diesem Brot isset, oder von dem Kelch des
Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn -- --
denn welcher unwrdig isset und trinket, der isset und trinket ihm
selber das Gericht ... darum sind auch viel Kranke unter euch und ein
guter Teil schlafen.

Isset und trinket, isset und trinket ... klang es ihr nach, wie ein
Echo, mit irgendeinem Lcheln, gtig, spttisch, sehr traurig und wie
durch ein Flimmern heier Luft.

Dann war ihr pltzlich, als she sie Mark Enz langsam durch das
dmmerige Kirchenschiff kommen. Was willst du hier? wollte sie fragen.
Nein, er war es nicht. Doch -- nun erkannte sie ihn deutlich, nun, da
das Licht der Gasflammen ihn empfing und erst nur sein Gesicht, dann
langsam seine Gestalt deutlich wurde. Geh leise, wollte sie rufen.

Pltzlich sprang er vor, nahm die Marmorstufen zur Sakristei mit einem
Satz, vorgebeugt sprang er, die Arme ausgestreckt. Er ergriff die
schwere, rote Altardecke mit sehniger Hand, schwang kreisend die Faust,
so da das dunkle Tuch, ein goldgestickter Schlangenleib, sich um seinen
Arm wand, und ri den Purpur nieder, da die heiligen Gerte mit
Klingeln auf den Steinfliesen der Sakristei umhertanzten ...

Sie ri die Augen auf.

Die Stuhlreihe vor ihr war leer. Die ersten knieten schon am Altar, auf
der niedrigen, gepolsterten Schemelbank, im Halbkreis, gebeugt, stumm,
den Schein der Altarkerzen auf den Huptern. Sie sah, wie Pastor Jacoby
eine schlanke Silberkanne neigte und den Kelch mit Wein fllte. Mit
Blut, dachte Anne-Dore. Ihr alle dort seid wrdig.

Nun erhob sich ihr Vater. Allzubesorgt, die einfachen Regeln genau zu
befolgen, schritt er langsam voran, hinter ihm Friedberg, und nun mute
auch sie aufstehn, um beiden zu folgen.

Friedberg lie dem jungen Mdchen den Platz neben ihrem Vater, dann
kniete er an ihrer Seite nieder, sie sprte seine Schulter an der ihren.

Wie herzlich lieb hab ich dich gehabt, Herr Jesus, dachte Anne-Dore.
Sie sagte es flsternd, mit kalten Lippen, neigte den Kopf und lauschte
wie mit erstorbenen Sinnen, wartete in einer heien, sen Erregung, und
war sich nicht klar darber, worauf. Vielleicht war so der Augenblick,
in dem man seinen Tod kommen fhlte. Eine geheime Gewalt begann
pltzlich ihre Brust in weher Tiefe fein und grausam zu stoen. Ihr war,
als mte sie ein aufsteigendes Lachen unterdrcken oder ein
eigensinniges Weinen, das grundlos begann.

Nehmet hin und esset, hrte sie ber sich. Sie sah, wie ihr Vater den
Mund ffnete, wie eine welke, groe Hand mit dicken Adern ihm eine
weiliche Oblate zwischen die Lippen schob. Das war der alte Prediger
Bunsen, der beim Abendmahl Hilfsdienste leistete. Dann kam er zu ihr und
ihr geschah ein gleiches. -- Oben sangen sie ohne Aufhr leise und fern,
gedmpfte Stimmen, die wie aus dem Himmel herberklangen und alles in
Gte einhllten.

Die Oblate blieb ihr am Gaumen kleben. Sie versuchte sie mit der Zunge
zu lsen. Es ging nicht. Die alte zittrige Stimme und die unsichere Hand
waren bei Friedberg.

Dann hrte sie zu ihrer Linken pltzlich die klaren Worte Pastor
Jacobys:

Nehmet hin und trinket alle daraus. Oben setzte der Chor neu ein,
schwermtig und klar.

Sie sah den silbernen Becher, eine Hand hielt den schlanken Stiel, die
andere sttzte den Kelch. Als er sich an den Mund ihres Vaters neigte,
sah sie, da er innen golden war. Er blinkte und blendete. Ihr Vater
trank. Sein Gesicht war todtraurig und dabei ngstlich besorgt.

Nun stand Pastor Jacoby vor ihr.

Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut ...

Der harte, blanke Rand neigte sich gegen ihren Mund. Als sie das khle
Metall sprte, prete sie pltzlich beide Lippen fest zusammen, fest,
und die Zhne auch. Es rann kalt ber ihre beiden geschlossenen Lippen,
ber ihr Kinn ... War denn Mark Enz nicht da, um ihr zu helfen? Sie
spitzte fein den Mund ... nun kamen seine Lippen -- -- -- suchten die
ihren ...

K mich -- -- k mich, Herzliebster!

In einem wilden feinen Schauern fuhren pltzlich ihre beiden Arme empor.
Mit lautem trillerndem Schrei sprang sie auf und zurck, taumelte zwei,
drei Schritte rckwrts, so da es aussah, als flatterte erschreckt und
verstrt ein riesiger schwarzer Vogel auf, todwund, mit letzter
Flgelkraft. Dann sank sie gerade, beinahe steif, hinten herber und
schlug mit einem dumpfen Knall auf die Steinfliesen. Die Kirche hallte
noch wider von ihrem hellen Schrei und nun warfen die hohen Hallen
einander dunkel das neue Echo zu. Dann wurde es langsam still, als habe
der Tod es geboten.

Wie schn das war: gefat und ruhig stellte der junge Prediger den Kelch
auf den Altar, raffte mit beherrschter Hand den langen schwarzen Talar,
schritt die niedrige Steinstufe nieder und hob Anne-Dore in seine Arme.
Schwer und mhsam trug er sie ohne ein Wort langsam in das kleine
Kmmerchen hinter dem Altar.

Das Entsetzen der Abendmahlsgste hatte sich in eine sinnlose Verwirrung
aufgelst. Der alte Pastor Bunsen rang ratlos die Hnde und hob sie zum
Kruzifix empor. Die Kirchendiener waren herangestolpert, aus den Gruppen
der versprengten Andchtigen klang hier und da ein krampfhaftes
bitterliches Schluchzen. Friedberg sttzte mhsam den vllig
fassungslosen alten Herrn Wendel, der klglich entstellt und mit
tastenden Armen hinter den Altar wankte.

Pastor Jacoby schickte den Kandidaten nach einem Wagen, er selber
schritt nach kurzen Worten der Beruhigung an den Vater zurck zu der
wartenden Schar. Er bat sie leise und traurig gefat, mit ihm zu beten.
Die meisten knieten nieder, mehr aus Ergriffenheit und Schwche als aus
Andacht. Er entlie sie mit dem apostolischen Segen. Und whrend die
Worte seines flehenden und doch zuversichtlichen Gebets die Herzen
notdrftig beschwichtigten, kniete Missionar Wendel mit trnenlosem
Schluchzen neben seinem Kind, vllig verstrt, ohne einen einzigen
Gedanken fassen zu knnen, nur immer wieder stammelnd:

Stirb nicht, mein Kind! Gott, Gott im Himmel, hilf meinem Kind ...

Anne-Dore lag bleich und gerade auf den Steinfliesen der kleinen Kammer,
in der unsicher eine schaukelnde Gasflamme, durch leisen Zugwind bewegt,
lautlose Schatten warf. Das Mdchen sah aus, als ruhte sie im Tode. Um
ihren leicht geffneten Mund war ein Lcheln von einer grauenhaften
Seligkeit, s und traurig, wie aus einem Bereich des Glcks und der
Pein, das die Erde nicht kennt.

Unter ihren Kopf hatten sie ein Bndel silbergestickter Altarbezge
geschoben, ber deren matten Glanz ihr schwarzes Haar halb gelst
dahinflo, ein dunkler, ruhender Strom.

Als Pastor Jacoby zurckkam, richtete er den zitternden alten Mann fest
und liebevoll auf, schob ihm einen Stuhl unter die bebenden Knie und
trstete ihn. Es sei nichts Ungewhnliches, nur eine Ohnmacht, von der
sie bald genesen wrde.

Aber man schreit doch nicht, wenn man in eine Ohnmacht sinkt, sagte
Missionar Wendel stotternd und rauh, hlich im Gesicht vor Angst.
Helfen Sie doch, beten Sie ... ich bitte Sie so sehr ich kann, Sie
haben doch gewi Einflu droben beim Herrn ...

Er wute nicht mehr, was er sagte. Er rutschte wieder von seinem Stuhl,
kroch auf den Knien bis zu Anne-Dore heran und sthnte in seine Hnde:

Ich trage alle Schuld, ich, allein ich.

Friedbergs derbe Schritte klangen. Als er Anne-Dore sah, prallte er
zurck.

Tot? keuchte er schaukelnd.

Pastor Jacoby beruhigte ihn. Die Kirchendiener brachten Tcher und einen
Mantel, aus zwei langen Fubnken hatten sie eine Tragbahre hergestellt.
Drauen wartete der Wagen.




Dreizehntes Kapitel.


Am andern Morgen in aller Frhe eilte der Kandidat Friedberg ruhlos und
immer noch verstrt und mit vllig ungeordneten Gedanken ber den Berg
in die Stadt, um Sanittsrat Clauen aufzusuchen. Die steile vornehme
Villenstrae, die von der Berghhe in die stdtischen Anlagen
niederfhrte, legte er laufend zurck. War es auch sicher nicht so ber
alles eilig, so betubte diese Anstrengung doch die bohrenden Gedanken,
in die kein klrendes Licht fallen wollte. Er rannte an den Gittern der
kleinen wohlgepflegten Vorgrten vorbei, sah die Rosen im Morgentau
stehn, in diesem halben Frhsonnenschein und in dieser wartenden Stille.
Unten wurde die Strae gesprengt, es roch nach Staub und schwler
Feuchtigkeit und es erschien ihm, als wrden vergessene Dinge des alten
Tages neu aufgestrt.

Alle Beklemmung nach einer schlaflosen Nacht, die frostige de hinter
der Stirn und die ruckweise Fahrlssigkeit seiner Schlsse beherrschten
ihn wie ein schales Fieber.

Was war das fr eine bse Nacht, die zurcklag, er entsann sich kaum
einer schlimmeren in seinem Leben. Gerade schienen alle ein wenig
ruhiger geworden zu sein, man war still zu Bett gegangen, wie auch
Anne-Dore, die wohl noch bla und seltsam abwesend gewesen war, aber man
hatte doch wieder ein Lcheln gewagt, mit ein wenig Trost im Herzen. Da
hatte es gegen zwei Uhr begonnen. Tren schlugen, Lotte lief treppauf,
treppab, und die Stimme Missionar Wendels klang gedmpft und erregt.
Friedberg hatte sich gengstigt und sich langsam angekleidet, aber doch
keine Einmischung gewagt. Erst gegen Morgen wurde an seine Tr geklopft.
Er mchte doch gleich aufstehn und zum Arzt eilen. Anne-Dore lge im
Fieber.

Es war Herr Wendel, der ihn bat. Er schien kaum berrascht, den
Kandidaten schon in den Kleidern zu finden.

Lotte hat Kaffee gemacht, trinken Sie bitte erst einen Schluck, ehe Sie
gehn, sagte er zu dem jungen Mann. Drauen wurde es hell.

Er schritt hinter ihm her die Treppe hinunter, und unten hatte er sein
Angebot schon vergessen. Er hakte dem Kandidaten den Mantel vom Stnder,
den jener ablehnte und wieder forthing, gab ihm seinen Hut und schlo
mit zitternden Hnden die Haustr auf. Aber dann hielt er ihn noch
einmal fest und beschrieb ihm umstndlich die Lage des rztlichen
Hauses. brigens knne er ja auch fragen, es seien sicher schon Leute
auf, Straenkehrer oder Bckerjungen. Clauen hiee er, Sanittsrat
Clauen.

Friedberg fragte:

Ist das Fieber arg?

Ich habe pltzlich nachts ihre Stimme gehrt, dann hab ich an der Tr
gelauscht und endlich bin ich hineingegangen. Sie gab mir keine klaren
Antworten. Wre nur die Mutter da ...

Er schwieg einen Augenblick und schien mit sich zu kmpfen:

Herr Friedberg, wer ist denn Mark Enz?

Mein Gott ... sagte der Kandidat.

Erschrecken Sie? Warum erschrecken Sie? Bitte, unterrichten Sie mich
doch. Ist es nicht der junge Mann, von dem einmal bei Tisch die Rede
war?

Ja, ich glaube, stotterte Friedberg und eh eine neue Frage kam, fgte
er rasch hinzu:

Sie kann ihn doch nur flchtig kennen, glaube ich, hoffe ich ... ein
Tennisball flog in unsern Garten ...

Missionar Wendel schien beschwichtigt.

Gleichgltige Dinge gewinnen oft im Fieber ein merkwrdiges Gewicht,
meinte er erklrend und zur eigenen Beruhigung. Er schien seine Frage zu
bereun und doch um Mut zu einer neuen zu ringen. Aber dann sagte er nur
noch abbrechend:

Nun gehn Sie, bitte, gehn Sie gleich. --

Am Eingang zu den stdtischen Anlagen, die er nun durchqueren mute,
hielt Friedberg einen Augenblick inne und schpfte Atem. Die bestaubten
Bltter der Bsche am Straenrand hingen ermdet und mattfarbig nieder.
Die bunten Zierbeete auf den wohlgepflegten Rasenpltzen sahen unecht
und albern aus in diesem einsamen Morgenwind. Auf einer Bank unter
Fliederbschen schlief ein Arbeiter, seine Stiefel waren zerrissen und
sein Hut lag am Boden. Friedberg entdeckte darber pltzlich, da er
wieder seinen guten Anzug angezogen hatte, den langen schwarzen Rock von
der gestrigen Feier und die Manschetten und den schwarzen Bindeschlips
... Es war Sommer. Eventuell konnte man drauen schlafen. Es war nachts
nur kurze Zeit dunkel. Wie schn war es im Sommer ... Man wird denken,
ich kme erst jetzt von einer Festlichkeit heim, ging ihm durch den
Kopf. Ein Gefhl der Scham lie ihn sich umschauen, aber dann verwarf er
seine Befrchtungen unwirsch.

Daran denke ich nun, wo so wichtige Dinge vorgehen sollten, schalt er
sich.

Wre nur jener Name nicht gefallen, eben, als er fortgeeilt war. Dieser
Name, den er angstvoll in den schlaflosen Stunden dieser Nacht mit den
schaurigen Vorfllen in Zusammenhang gebracht hatte, die gestern
geschehn waren.

O dich kenn ich! rief er grimmig und ballte die Fuste. Aber auch
meine Stunde kommt. Wehe dir! Wehe dir! Er glaubte seiner Drohung alle
Macht, verschrfte sie bse und verga Anne-Dore fast vllig im Rausch
seines Zorns. Aber alle heimlichen Schmhungen, die er aneinanderreihte,
verwarf er, lenkte ein, verdoppelte sie wieder hmisch und suchte alle
seine Erlebnisse mit Mark Enz herbei, um sie zu belegen. Aber
schlielich stand er im heien Widerstreit seiner Erkenntnisse vor einem
bsen Nichts. Er blieb stehn und sagte laut:

Das ist es alles nicht. Anne-Dore hat dich lieb. Wer bist du?

Und unter dieser heien Gewiheit, die wie eine unerkennbare,
schleppende Krankheit schmerzte, sah er pltzlich das verhate Angesicht
in einen Schein von Hoheit gelegt, in einer heldenhaften Feier ber sein
eigenes, armes Vermgen erhoben, und aller Liebe wrdig. -- Sein Ha
schien ihn zu necken, aber er erlag dieser neuen Regung, sah sich selber
traurig und arm, weit abgestellt, ein verschmhter Diener.

Doch, doch, das mute jeder Neid dem andern lassen, er war stark,
selbstndig und eigenwillig. Was er wollte, erreichte er. Aber unwrdig
war er doch, ein schlechter Sachwalter seiner Gaben, deren Reichtum er
nicht verdiente, ein lssiger Verweser der Geschenke, mit denen ein
unvernnftiges Schicksal ihn betraut hatte. Er hielt nichts auf sich,
das war es. Und Friedberg wute, beinahe beruhigt, eine Reihe von
Ereignissen, die ihm seine Erkenntnis bekrftigten. Und keinen Stolz hat
er, das soll man nicht vergessen. Wer etwas auf sich hlt, kann sich
nicht so rasch herbeilassen, folgt nicht so unbedacht jeder Regung des
Herzens.

Und Friedberg langte eigen erhoben und neu gefestigt am Hause des Arztes
an: er hlt nichts auf sich. Er ist keiner Liebe wert. Ein reiches und
groes Herz beugt sich dankbar unter die Gunst des Lebens und kann
Empfangenes bewahren und achten.

Strker als je wuchs der Wille in ihm empor, all seine Krfte einzig in
den Dienst nur einer Sache zu stellen: Anne-Dore aus diesen unwrdigen
Hnden zu reien. Noch erschien es ihm nicht zu spt, und ein neues
Geschick schien sich ihm grausam und doch liebevoll zu verbinden. --
Aber seltsam gelassen schaute es ihn aus den Drohungen heraus an, die
die bsen Begebenheiten enthielten, mit kalten, hellen Augen, die hart
lchelten und verschwiegen triumphierten. Es kommt alles anders, wute
er pltzlich in einem Gefhl widerwrtiger und ruchloser Begierde, die
die Zhne aufeinanderpressen lie und das Blut peinvoll fhlbar machte,
giftig und s. --

       *       *       *       *       *

Herr Sanittsrat Clauen folgte dem Ruf erst gegen zehn Uhr am
Vormittag. Das Vorfahren seines Wagens wirkte wie eine Lsung auf alle
Wartenden. Lotte war inzwischen noch einmal geschickt worden, kehrte
aber unverrichteter Sache heim, da der Arzt seine Wohnung schon
verlassen hatte. Nun mute man sich gedulden. Herr Missionar Wendel
hatte still und eifrig mit kalten Umschlgen die heie Stirn seiner
Tochter gekhlt, ihre Hnde gehalten, die sich nicht wehrten, und
flehende Gebete vor den Thron seines Gottes geschickt, dessen Walten ihm
in diesen unverstndlichen Vorfllen unergrndbar erschien.

Als der Wagen vor dem Garten hielt, eilte Herr Wendel selbst an die
Haustr, um zu ffnen. Und nun, da der Arzt ohne viel Fragen, in
einschchternder Sachlichkeit und scheinbar grausam anteillos sich in
Anne-Dores Zimmer hatte fhren lassen, schritt er stumm, mit geneigtem
Kopf und ruhlos besorgt in seinem kleinen Garten auf und ab.

Die Luft wartete auf Regen, es war nicht warm und nicht kalt und kein
Wind bewegte die Zweige der Bume, an denen die Frchte zu reifen
begannen und die mit dem Land auf Regen zu hoffen schienen, geduldig und
gut. Die Rosen neigten sich an ihren hohen, wohlgepflegten Stcken,
senkten die vollen Kelche und trugen Tautropfen, die khl vom Wind der
hellen Nacht waren.

Wie qulte die stille Geduld der Pflanzen und das graue Zgern des
Himmels. Es berredete die Seele, aber vergeblich erhoben die groen
Mahnungen der heilenden Natur sich vor der Qual dieses zitternden
Herzens. Der alte Mann starrte mit schmerzvollem Gesicht in den Morgen
hinaus. -- Ein grougiger Engel schien zgernd in den Frieden seines
Heimes eingekehrt, herrschschtig und still. Er verriet der fragenden
Seele nicht, ob sein Wesen Huld oder Strenge, Licht oder Finsternis
barg, wie ein schweigender Bote eines nahenden Schicksals, der wider
Willen verkndete, wer ihn gesandt hatte. Seine lautlose Gegenwart
erinnerte das schwache Herz jhlings daran, da die Welt keine Zuflucht
bietet, wenn ein Leid hereinbricht, und da keine Macht im Himmel und
auf der Erde den dunklen Zug der Schmerzen hindern kann, die die Seele
eines Menschen erwhlt haben.

Lange nach allen Ereignissen, spt und im Schatten seines Lebensabends,
gedachte Herr Wendel dieser Stunden und alles Kommenden, in jener bsen
und beinahe unvershnbaren Deutlichkeit, die die einzigen und schwersten
Ereignisse des ganzen Lebens behalten knnen. Und immer blieb in der
Erinnerung etwas von jenem Schwindel, in die grausame und harte
Schicksale ein Herz bringen knnen. Alle wilde Klarheit, die diese
Geschehnisse aus der Welt seiner Vorstellungen und Erlebnisse rckte,
lie doch die seltsam bedrckende Angst im Herzen zurck, als wren
seine Augen verbunden gewesen und als htten die Sinne in einem
schrecklichen, wachen Schlaf gelegen. Wie demtigte diese Huld einer
fremden Gte tief, die mit den Menschen umging, als seien sie trichte
Kinder, und die sie zugleich bewahrte, als seien sie trichte Kinder. --

Mach mein Herz demtig, betete er im stillen, als er ins Wohnzimmer
eintrat, in das der Arzt ihn nun hatte bitten lassen, und in dem er
erfahren sollte, wie es um sein Glck stand und um alle Freude seines
Lebens.

Das Gesicht, in das er forschend schaute, verriet ihm nichts. Der Herr
Sanittsrat rckte ihm einen Stuhl hin. Es war ganz augenscheinlich, er
kokettierte ein wenig mit der Macht, die ihm fr kurz die Umstnde
einrumten, dieser Herr, der sich in seiner Gelassenheit wichtig fhlte
und gefiel, und dem die bangende Hoffnung schmeichelte, die jetzt von
seinem Ausspruch ihr Heil oder ihren Untergang erwartete.

Er wies Herrn Wendel mit sehr beherrschter und hflicher Gebrde auf den
Stuhl, auf den jener sich sinken lie, ohne recht zu wissen, da er es
tat, und immer die Blicke im Gesicht des andern. Seine hastige Frage
schien jener zu berhren, er ordnete irgendein blinkendes, fremdartiges
Instrument in ein Taschenetui ein und sagte:

Sprechen wir mit viel Ruhe miteinander, lieber Herr Missionar, das ist
in jedem ernsten Fall das erste Gebot Einsichtiger, die helfen mchten.

Herr Wendel stand auf:

Sagen Sie mir, ob meine Tochter in Gefahr ist oder nicht.

Bitte, beruhigen Sie sich. Ich mte Ihnen die bedeutsamsten
Einzelheiten vorenthalten, wenn ich Ihrer Gelassenheit kein Vertrauen
schenken drfte. Und in diesem Fall hngt viel von einer sachkundigen
und besonnenen Behandlung ab. Zunchst bedarf es der Pflege einer
geschulten Kraft, ich lasse Ihnen noch heute mittag eine barmherzige
Schwester aus dem Ursula-Spital senden, unter den protestantischen
Schwestern wird kaum eine abkmmlich sein. Es wird Ihnen nichts
ausmachen, denke ich ...

Er kritzelte, kurzsichtig vorgeneigt, auf seinem Rezeptblock. Eigentlich
war genug gesagt. Herr Wendel zitterte so heftig, da er nicht sprechen
konnte, seine Hnde flogen. Er prete sie auf die Knie und wartete in
heier Angst.

Der junge Herr, den Sie im Hause haben, hat mich ber die Geschehnisse
in Kenntnis gesetzt, die zurckliegen, und denen wir diesen bsen Fall
verdanken. Es liegt eine so schwere Gehirnerschtterung zugrunde, da
beim Stand des heutigen Fiebers wohl kaum so bald auf eine Wiederkehr
des Bewutseins gerechnet werden kann.

Lieber, lieber Gott, sthnte Herr Wendel auf.

Es liegt kein Grund vor, alle Hoffnung fahren zu lassen, aber ich halte
es fr meine Pflicht, Sie zu unterrichten. Wir rzte machen in der Regel
die belsten Erfahrungen mit jedem falschen Trost, den wir gewhren ...

Herr Wendel war aufgesprungen und taumelte im Zimmer umher, so da der
Arzt ihn sttzen mute, beinah erstaunt ber soviel Mangel an
Selbstbeherrschung, wo es doch galt, die Krfte fr ernste
Hilfsbereitschaft zu sparen.

Es ist nicht dies allein, sagte er nachdenklich und scheinbar
unentschlossen, whrend er, die Hnde auf dem Rcken und die Stirn in
strenge Falten gelegt, im Zimmer auf und ab schritt, immer an Herrn
Wendel vorbei, der schwer und wie gebrochen, wortlos auf seinen Stuhl
gesunken war. Nun war er auf dem Fuboden und man hrte seine wichtig
knarrenden Stiefel, nun dmpfte der Teppich seinen Schritt. Nun war es
umgekehrt.

Sie peinigen mich, sagte Herr Wendel leise. Bitte, sprechen Sie
ausfhrlich, sagen Sie mir alles, ich mu es ja tragen, wie es nun
kommen soll.

Er fuhr mit den Hnden durch seinen grauen Bart, rang mhsam um Fassung
und suchte sich den Anschein zu geben, als sei er wohl beherrscht und
stark. Aber seine Gebrden waren beinahe drollig in ihrer Hilflosigkeit.
Niemand fhrte sie und niemand verstand, was sie bekundeten.

Es kommt noch etwas hinzu, fuhr der Arzt in einem Tone fort, der nicht
an die Bitte des andern anschlo, sondern nur seine Nachdenklichkeit
verriet und sein Bewutsein fr den Ernst seines Berufs, es kommt zu
ungeeigneter Zeit und ist ein bses Zusammentreffen. Aber darber
spreche ich wohl besser mit der Mutter.

Herr Wendel hob den Kopf.

Meine Frau ist verreist .. sagen Sie es zu mir.

Sie wollen, da ich es Ihnen sage? -- Nun, es ist wohl auch meine
Schuldigkeit: Ihre Tochter ist im dritten Monat schwanger.

Er bereute es sofort, der Sanittsrat, eigentlich schon, bevor er
ausgeredet hatte. Man htte, so gefahrvoll die Dinge nun einmal lagen,
auch warten knnen. Aber nun war es mitgeteilt, nun mute es ertragen
werden.

Was? fragte der Mann vor ihm mit einem so trostlosen Ausdruck von
Schreck und Angst in den Augen, da der Arzt um seinen Verstand zu
frchten begann. Und noch einmal: Was? Aber er hatte verstanden.

Er erhob sich schaukelnd mit einem beinahe kindischen Lachen, winkte mit
der Hand hoch in die Luft, als gbe er jemanden den Rat, sich fern zu
halten, und stotterte:

Sie irren sich, mein Herr! rzte irren zuweilen ... es ist vorgekommen,
da rzte Irrtmer begangen haben. Was Sie sagen, ist ganz unmglich,
merken Sie es sich ...

Aber er wute schon selber, da hier eine Wahrheit ausgesprochen worden
war. Er wute es pltzlich mit dem klaren Instinkt eines Liebenden, der
lange in qualvollen Zweifeln gelitten hat, und der nun die furchtbare
Wahrheit glauben mu, weil er mit allem Schmerz zugleich auch ihr
Erlsendes fhlt, ihre befreiende Kraft von der schweren Finsternis
einsamer Zweifel. Aber dann bermannte ihn doch jhlings die ganze
Bitternis dieser schrecklichen Wirklichkeit; mit trockenem, ruckweisem
Schluchzen trat er vor, seine schwachen, zitternden Fuste geballt, und
blieb so vor dem Arzt stehn und mit bebenden Lippen schrie er lallend:

Warum -- haben Sie mir -- das gesagt? -- Nein, nein, nein, das durften
Sie mir nicht sagen, das nicht. O spter -- wenn wir einmal vor Gott
stehn, vor dem Thron Gottes, wir beide, dann sollen Sie mir Rede stehn,
warum Sie mir das gesagt haben ...

Die Ergriffenheit und die Verlegenheit des Arztes schlugen in Zorn um,
weil er merkte, da er nicht mehr gutmachen konnte, was er voreilig
angerichtet hatte. Wie kam man ihm hier aber auch entgegen, ihm, dem
Sanittsrat Clauen! Ich bin ein Opfer meines schweren Berufs, dachte er
und schritt aufgeregt im Zimmer umher. Hatte er etwa seine Pflicht
vernachlssigt?

Erst als er sah, da Herr Wendel still und gebrochen in seine Hnde
weinte, ohne den alten, drohenden Zorn und ohne Anklage, gewann er seine
gelassene Ruhe wieder, versuchte zu trsten und zu erklren. Es wre nun
einmal so in der argen Welt und die Jungen machten es nicht besser, als
frher die Alten es gemacht htten. Aber alles sei menschlich und she
sich nur anfangs so schlimm an. Ach, er glaube ja gar nicht, an wie
vielerlei die Menschen sich gewhnen knnten.

Nein, gegen dies ratlose Weinen kam niemand an. So gab denn der Arzt
Herrn Friedberg und dem Dienstmdchen die ntigsten Anweisungen,
versprach, die barmherzige Schwester selbst sofort zu bestellen und zu
unterweisen, und sagte seinen erneuten Besuch fr den Abend zu.




Vierzehntes Kapitel.


Dann kam jener klare khle Sommermorgen, der strahlend und hell ber
Hildenrot heraufzog, den Mark Enz wie einen Blitz erkannte, als er
jhlings erwachte. Farbenreich, grn, rot und hoch und jubelnd vor
Frische, eingetaucht in die blausilberne Seide der sinkenden Dmmerung,
lag vor seinen weit offenen Fenstern die Welt.

Aber was war es, das ihn so wild emporgerissen hatte? Nun wieder: ein
dumpfes Poltern, dann rief eine Stimme rauh, hlich und heiser seinen
Namen. Es wurde roh und strmisch an seine Tr geschlagen, und als er
emporsprang und sie aufri, schaukelte derb und schwarz der Kandidat
Friedberg ins Zimmer, rang mit lautem Keuchen nach Atem, fuchtelte mit
den Armen durch die Luft und wies hinter sich:

Anne-Dore stirbt! schrie er.

Und nun half er Mark Enz beim Ankleiden, berhastig und vllig verstrt,
eher hinderlich als frdernd. Er trug ihm die Stiefel herbei und suchte
seinen Rock, gab ihm den Hut und zog ihn frmlich mit sich heraus.

Du mut kommen, rasch, rasch! Sie will es, keuchte er, als sie ber
die Waldwege liefen. Sie hat mich gebeten, mich hat sie gebeten, dich
zu holen. Ich habe es getan, nun .. das siehst du ja --. Aber bitte,
versteh mich .... nur rasch, rasch!

Er war vllig erschpft und wie von Sinnen.

Warum bist du nicht eher gekommen? fragte Enzheim.

Da brach Friedberg mitten auf dem Wege zusammen und sthnte wild. Er
umklammerte die Knie des andern, der ihn aufrichten wollte, und wand
sich wie ein Besessener.

Vergib mir! schrie er, vergib! Auch dir wird man vergeben mssen,
auch dir. Sei barmherzig, ich habe nicht gekonnt. Ich habe geglaubt, es
meinem Gott schuldig zu sein, da ich dich fernhielt. Ich wei alles ...
man hat mich beschuldigt, daher wei ich, da du ..., da Anne-Dore
Mutter wird. Hre mich zu Ende: Ich habe geschwiegen -- sie -- hat mich
-- schon vor -- drei Tagen gebeten, auch nachts, dich zu holen, aber ich
habe -- sie belogen.

Mark Enz wurde totenbla. Er ri die Hnde des Wimmernden von seinem
Krper und sprang zurck, als frchte er, sich an ihm zu vergreifen.

Dein Gott mag dein Richter sein, stotterte er in einem Grauen, das ihn
schmerzte. Dann wandte er sich ab, kurz, hart, die Schultern flogen, und
strmte den Waldweg hinunter, wie auf der Jagd um sein Leben. --

Der unschuldige Wald ward wieder morgendlich still und voll heimlicher
Feier, als habe er alles wohl vergessen, was Menschen in ihn
hineingetragen. Helle Vogelstimmen in kurzen jubilierenden Lauten, die
kein Lied mehr wurden, tnten aus dem niedrigen Buschwerk und hoch aus
den feinbewegten Kronen. Langsam stieg die goldene Sonne hher, ihr
Licht wurde weier und alles verhie einen langen, heien Tag. -- Quer
ber den schmalen, grauen Fuweg, das Gesicht und die Hnde im Laub, lag
dunkel und schwer ein groer junger Mensch, schwarz und still, als sei
er tot. Nur die stoende Brust verriet sein Leben, und ein wenig weiter,
auf Missionar Wendels Landhaus zu, lag am Wegrand ein Hut im Gras.

Alle im Hause Wendel schienen vorbereitet, als nun Mark Enz es betrat.
Er begegnete niemandem, als dem Dienstmdchen, das ihm weinend und stumm
den Weg wies. Im Halbdunkel des Schlafzimmers sah er, wie schwarz, mit
einer schimmernden weien Haube, eine Krankenschwester sich wortlos
erhob, dann Anne-Dore vorsichtig und schonend etwas zuflsterte, die Tr
hinter ihm zuzog und ihn mit dem Mdchen allein lie. Auch die Schwester
schien eingeweiht und mit den andern dem Schicksal ergeben, das dieser
Mann ber dies Haus heraufbeschworen hatte. Ja, sie war es gewesen, die
Missionar Wendel berredet hatte, seinem sterbenskranken Kinde den
Willen zu tun. Sie, die an manchem Bett gesessen, dessen Leidende sich
ihr vertraut, sagte schluchzend zu dem alten Mann: Sie versndigen
sich, wenn Sie Ihrem Kinde nicht diesen Wunsch erfllen, den letzten
vielleicht. Sie bittet nicht mehr, das ist das Schreckliche. Aber ihre
Augen, ihr Herz, ihre Hnde -- -- Gott, es ist wahrhaftig so, als
bluteten sie vor Verlangen.

Da hatte Herr Wendel genickt, mit einem Gesicht, als sei ihm fr immer
seine Welt in einer neuen fremden versunken, in der sich sein Kopf nicht
mehr zurechtfinden konnte, und noch weniger sein verarmtes Herz. --

Mark Enz hrte seinen Namen, ein Sthnen, das ihn bedeuten sollte.
Schmal und wei tauchten zwei fiebernde Arme aus dem Dmmern empor und
suchten ihn. Er beugte sich unter ihrem matten Liebesgru und kniete an
ihrem Bett.

Mark, Mark, mu ich sterben? sthnte sie in sein Haar.

Durch ihr loses Hemd, ber Schultern und Brust hin, hatte er flchtig
ihren Krper gesehn, schnell und mit jhem, furchtbarem Erschrecken. War
es mglich, da in so kurzer Zeit ein Mensch so vllig verndert werden
konnte?

In einem Taumel von namenloser Wut und kaltem Entsetzen fhlte er: so
kommt der Tod. Nicht wie die jugendlichen Trume unserer Kraft ihn sehn,
sondern so, schleichend, allgewaltig, gemein, lieblos. Er konnte seine
Opfer klein und erbrmlich machen, bevor er sie in seine ewige Nacht
dahinraffte. Er entkleidete sie ihrer Schnheit und Wrme, erbarmungslos
zerstrte sein Odem den jugendtrunkenen Glauben an Hoheit und fromme
Hingabe an sein Friedensreich.

Mark Enz kmpfte einen harten Kampf gegen sein Mitleid, das strker zu
werden drohte, als jedes andere Gefhl. Es war ein Mitleid, in dem er
seine ganze Ohnmacht erkannte, seine Todesangst vor der Macht, die hier
wirkte und seinen Ha gegen sie. Erst als sie sprach, war er befreit,
denn ihre Stimme war ganz die gleiche geblieben wie frher, nur
erreichte sie ihn langsamer und trauriger, aber sie gehrte doch noch
dem Leben an, auch seinem Leben, ihr Klang war Hoffnung, und wenn auch
nur ein matter Abglanz.

Er hatte ihr nicht geantwortet. Da sagte sie deutlich und leise mit
schwerflligen Lippen:

Wer bist du, ich kenn dich nicht, Mark. Was hast du von mir gewollt und
was hast du aus mir gemacht? Ich habe geglaubt, ich sollte alles finden.
Was nur? Mark, sag es. -- Willst du es mir nicht sagen? Warst du auch
betrt wie ich, und hast mich in deine Torheit gezogen? -- Sieh, es ist
alles halb geblieben und ich bin verloren. Weil du bist, weil du lebst
und fhrst, einhergehst, darum kann ich nicht mehr umkehren. Oft mchte
ich, aber ich mu immer auf dich schauen. Warum bist du nicht gekommen?
Es ist schon so spt ...

Er besann sich und fate sich:

Hat es dir Friedberg nicht gesagt, mein Liebling?

Ja, er hat gesagt, du seist fortgereist.

So war es, antwortete er bebend. Ich mute reisen.

Sie lchelte flchtig, ein wenig in Gedanken an Friedberg und auch, weil
sie von ihrer Furcht befreit war, Mark htte nicht kommen wollen.

Aber dann sagte sie ernst, ganz versunken in ihre schwermtige
Traurigkeit:

O, du bist nicht gro und stark, wie ich geglaubt habe, du bist haltlos
und schwach. An dir ist alles halb, alles wankelmtig, und dein Herz ist
ohne Hingabe. Warum hast du mich auf deinen bsen Weg gelockt, der kein
Ziel hat? Wohin gehst du? Mein Weg war vielleicht leer und arm -- du
weit es nicht, nur ich wei, wie er war, er war einfach und fhrte zu
meiner Ruhe, er lie mir mein Wesen und ich wre vielleicht glcklich
erwacht. Du bist fremd ...

Er richtete sich auf, hielt sie mhsam und sah sie an. Sie beugte sich
immer noch gegen ihn, sttzte sich schwach und hinfllig an seiner
gebeugten Schulter, kniend in ihrem Bett. Es sah aus, als versnke sie
wei und erstorben, wenn nicht ihre beiden kraftlosen Arme, deren Hnde
sich in seinem Nacken falteten, an seinem Hals Halt gefunden htten.

Ganz nah vor seinem Gesicht flsterte sie fort:

Wenn du mein eigen geworden wrst ... aber du hast mir niemals gehrt.

Sie sah sein Gesicht und in gequlter Hast fuhr sie fort:

Glaube nicht, ich htte dich nicht lieb gehabt, Mark. O, ich will dir
ja nichts nehmen, du sollst alles behalten. Aber bitte, sag es mir doch
heute, nun wird es dir ja nicht mehr Schaden tun: du hast mich nicht
sehr lieb gehabt, nicht wahr? Nur ein wenig ...

Er sah sie an, ohne zu antworten. Die tiefe Trauer in seinem Gesicht
schien befleckt wie durch Gedanken. Es war, als knnte er sich auch
seinem Schmerz nicht hingeben.

Mu es denn so unter den Menschen sein, so, und nicht anders? fragte
sie wieder sehr leise. Ist es nicht mglich auf der Erde, da durch
Liebe Krfte erstehn, die unsere Armut zu Vollkommenem ergnzen? Da
alles gut ist und die Sehnsucht still wird, da sie Flgel hat und ihren
Weg wei ...

Da hrte sie ihn qualvoll aufschluchzen, als wrde seine Brust in einer
Demut gebeugt, der sie trotzte. Er schlug seine Hnde vor das blasse
Gesicht und weinte, weinte laut und haltlos und ungestm, wie ein
verstrtes Kind.

O, o, rief sie zitternd, doch, doch? Sie richtete sich mhevoll auf,
aber ganz hell im Gesicht vor Seligkeit und wie von geheiltem Gram. Sie
nahm seine Hnde von den Augen, zog sie nieder, und kte die ersten
Trnen, die sie je bei ihm gesehn, von seinem Gesicht, mit den letzten
Kssen, die sie geben sollte.

Da hob er sie auf und bettete sie stark und gefat in ihre Decken, ruhig
und so liebevoll, wie nur einer sein kann, dessen ganzer Stolz seine
Einsamkeit ist. Es war, als schmiegte sie sich noch einmal in seine
Hnde. Ein Glanz reicher und ruhiger Freude lag in ihrem Gesicht, als
habe aller Widerstreit ihrer Seele Erlsung gefunden, als htten ihre
Augen eine Zukunft geschaut, der auch sie gedient, als wte sie nun
wohl, warum alles so und nicht anders hatte sein mssen: nun gehe ich
gern zu meiner Ruhe, da ich es kann im Glauben an das, was ich geliebt
habe.

Ob es eine letzte irdische Gewiheit war, die sie beglckte, oder ein
erster Traum aus einem Land, in dessen Frieden alle Sehnsucht heilt;
niemand hat auf der Erde ihren Kindersinn darum befragt, auch er nicht,
der ihre Hnde hielt, bis sie bleich in seinen schliefen, und ihren
bebenden Druck nicht mehr erwidern konnten, wie einst den ersten.

       *       *       *       *       *

Immer standen im Hause die Tren auf, es zog durch die offenen Fenster,
eine blasse Ratlosigkeit herrschte berall. Die alltglichsten Dinge
nahmen eine seltsame Wrde an und behaupteten sich gewichtig und in
einem neuen Licht. Vielleicht lag es daran, da seit Tagen alle Ordnung
und die gewohnte sichere Lebensfhrung zerstrt waren. Lotte fhlte sich
tief bedrckt dadurch, da niemand mehr ihre alten Pflichten von ihr
verlangte, nur rasche, unerwartete, aufregende Handlungen forderte man,
Dienste, die nicht beachtet wurden. Sie hatte das Bedrfnis, diese
offene Tr zu benutzen, um zu flchten, fort aus diesen Rumen, deren
de von Verfall sprach. Wre nur alles erst vorber, dachte sie, alles.

Denn da es sich zum besten wenden mchte, daran glaubte niemand mehr,
nur der Sanittsrat sagte es, und die andern wiederholten es. Gott, was
lie sich nicht alles mit Worten wiederholen. -- Die Herzen schwiegen
und warteten. Irgendwo schlich eine Freude in den Winkeln umher, eine
widerwrtige Freude, etwas wie ein hmischer Triumph. Er war hinter
einem, gebar lsterne Gedanken und schuf ein Lebensbewutsein, das man
verachten mute. Das drohende Etwas im Hause galt Anne-Dore, die andern
blieben verschont, konnten in den sonnigen Garten gehn, wenn sie
wollten, ber die Strae, in die laute Stadt, wohin sie mochten. Und
morgen auch noch, o, noch lange. Es kicherte in der Luft, machte das
warme Blut des Krpers auf ganz neue Art fhlbar, rckte den groen
Schmerz beiseit, wie eine schwere, niederstrmende Wolke wurde er, die
man in sicherer Behausung vorberziehen sah. Erst der Gedanke an die
Erinnerung, die man an ihm haben mochte, lockte die Trnen.

Frau Wendel kam nicht. Lotte mute an jeden Zug, der sie irgend bringen
konnte. Es war noch nicht einmal Nachricht von ihr angekommen, und man
frchtete ernstlich, da die Botschaft Unheil angerichtet htte. Aber
sie hatte dringend sein mssen, weil sie erst im letzten Augenblick
abgegangen war, immer noch war Hoffnung geblieben, die Mutter ganz
verschonen zu knnen. --

Missionar Wendel rang einsam in seinem Zimmer auf den Knien mit seinem
Gott. Erhalte mein Kind, betete er, du bist getreu, der uns nicht
lt versuchen ber unser Vermgen, sondern macht, da die Versuchung so
ein Ende gewinne, da wir's knnen ertragen. Und er fgte stotternd und
im Fieber seiner furchtbaren Angst ein trostreiches Bibelwort an das
andere. Aber das in mhseliger Ergebung in so vielen Jahren errichtete
Gebude seiner Glaubenszuversicht strzte unter dem kalten Angesicht der
Todesfurcht zusammen, die ihn schttelte. Sein gemartertes Herz
verwirrte ihm jeden Gedanken und mitten in die zerfahrene Inbrunst eines
gestammelten Gebetes hinein schrie der alte Mann laut:

Anne-Dore, mein Kind, mein einziges Kind, das ich hab. Ich hab sonst
nichts.

Und dann kam ihm pltzlich in den Sinn, da er ihr einst verboten hatte,
ihre Zpfe noch zu tragen, damals, als Friedberg ins Haus genommen
wurde. Das war ihr sicher ein Kummer gewesen, sie hatte gewilich
heimlich Freude daran gehabt und er hatte sie ihr verdorben. Auch hatte
sie nie so schne Kleider besessen wie die vornehmen Damen beim
Tennisspiel, und konnte deren Freude niemals teilen. Aber wieviel gab es
nicht, das er ihr htte als Ersatz bieten knnen, und es war
unterblieben; wie unachtsam war seine Liebe gewesen. Diese kleinen Dinge
ihres alltglichen Zusammenlebens! Sie drngten sich vor und marterten
ihn; die schweren bsen Ereignisse, seine letzte bittere Erfahrung
schienen ihm gering dagegen, nichts als eine Gelegenheit, vergeben zu
knnen. Heimlich dankte er ihr fast fr jede Schuld, die sie begangen
hatte, als ruhte darin ein Schein von Trost fr ihn und seine geringe
Liebe. Wenn nur das Schreckliche vorberzog, das sein Haus bedrohte.

Grausam zertrmmerte ihm das Gespenst des nahenden Todes alle stillen
Altre seines Glaubens, die ihn in gelassener Zeit so oft mit Trost und
Segen bedacht hatten. Lautlos zerbarsten sie im Odem der Nacht, die
heraufzog, deren Gewalt sein Leben noch nicht in der eigenen Seele
erfahren hatte.

Nun wnschte er sich, seine Gattin wre da. Ihr ruhiges Gottvertrauen,
ihre unerschtterliche Kraft, sich dem Willen des Allmchtigen zu fgen,
wrde auch ihm Halt gegeben haben. Aber dann war ihm pltzlich, als habe
er im Grunde nie mit ihr geteilt, auch seine Liebe zu Anne-Dore nicht,
als sei sie ganz anders wie er, nicht glubiger und nicht strker,
sondern armseliger. Es stieg etwas wie eine Verachtung gegen sie in
seinem Herzen auf und der Wunsch, seine Schmerzen mit ihr zu teilen, war
nicht mehr da. Zerfiel denn alles? Welch eine Kraft war in seinen Wandel
eingebrochen? Ihm war, als schaute er auf eine endlose Kette von
Tuschungen zurck und er fhlte sich grenzenlos verlassen, bis aus
diesem Gram, im kurzen Sonnenschein seiner verlorenen Jugend, das Bild
seiner toten Mutter stieg. Er hatte sie lngst vergessen, als wre ihre
Treue nie sein Eigentum gewesen, und ganz pltzlich, als ein grimmiger
und ser Kummer, wurde ihm klar: auch du hast keine Mutter gehabt,
meine Anne-Dore. Nur mich hast du gehabt, aber was bin ich dir gewesen?

Und ihn, den Fremden, hatte sie gehabt, der sie betrogen und gar
verlassen hatte, den mute sie sehr, o, von Herzen geliebt haben. Er
hatte ihren Tod verschuldet und doch rief sie ihn an ihr Leidensbett.
Hate er denn diesen Fremden? Nein, es war kein Ha, es war eine Scheu,
ein Graun. Wie konnte ein Mensch den Reichtum solcher Liebe, wie sein
Kind sie gab, ertragen, wie konnte er verantworten, ihn zu verachten,
wie konnte er ihn missen, diesen Reichtum? War jener stark und reich,
segnete ihn dies wunderbare und unverstndliche Leben? -- Er wute es
nicht. Er empfand nur, da er selber bitterlich arm war, weil er nie das
Vertrauen seines Kindes besessen hatte, nie in ihre Seele geschaut, nie
ihr Weh und ihre Lust geteilt hatte. War er denn am Leben vorbergegangen
in all seinen langen Jahren? Unter seinen Trnen erstarrten ihm die
mden Augen und er sah, wie eine Vision ferner Regionen des Seins, die
Gestalt des jungen Fremden sein Haus betreten, bleich und hastig, eine
bse Gelassenheit im Gesicht, sicher, als gbe es kein Recht fr ihn,
dessen Pflichten er nicht erfllt htte. Und dann war er kurz darauf
fortgegangen, ohne ein Wort fr ihn oder die anderen, ungebeugt, und
doch ging eine Traurigkeit von ihm aus, die keine Vernunft fassen
konnte. Und er lie sein Kind liegen und sterben und ging, um sein Leben
zu leben....

Gott, Gott, sei du sein barmherziger Richter, sthnte der alte Mann.

Strme von Hoffnungslosigkeit wechselten mit einer leeren Ruhe, in der
kleine, trichte Gedanken kamen und ihn zu verspotten schienen. Da hob
der gequlte Mann den segnenden Christus von seinem Wandbrett,
umklammerte die tnerne Figur mit seinen groen, zitternden Hnden und
lie in verwirrten Gebeten seine Trnen auf diesen unberhrbaren
Scheitel tropfen. Aber die Hoheit der machtvollen Liebesworte, die
dieser Mann der Menschheit gesagt hatte, wurden ihm von Schmerz und Not
in dieser Stunde in hohle Phrasen verwandelt. Eine endlose de der
Bekmmernis ghnte den Betenden aus der Zukunft her an, ein Weg, leer an
Liebe und Glck, bis zum Abschlu seines armen Lebens. Da prete sich
aus seinem ringenden Leib, von der schwer atmenden Brust gestoen, der
erste Fluch ber seine Lippen, den er im Leben ausgestoen hatte. Er hob
die Faust gegen das Heilandsbild und sank gebrochen und von kaltem
Fieber geschttelt auf den bunten Strohteppich seines Zimmers. Aber
keins seiner Gebete und kein Fluch, der seinem Munde entfahren war,
bewirkten, da auch nur ein Schein von Linderung die Zge seines
sterbenden Kindes glttete. --

Es war am Mittag desselben Tages, da erlitt Anne-Dore ihren schweren
Tod. Niemand war bei ihr, als ihre Nacht heraufzog. Die Stimmen der
Ihren an ihrem Bett reichten nicht mehr zu ihr, an die Ufer des
finsteren Reichs hinber, das schweigend seine Schatten um ihr
beschlossenes Dasein legte.

Sie starb ohne Bewutsein, in furchtbarem Ringen um ihre letzten
Atemzge, man mute sie im Bett halten, und ihre Brust keuchte noch,
nachdem schon lange ihre Augen erloschen schienen. Zuletzt wollte sie
sich noch einmal aufrichten, es war, als liee das schwere Haar es nicht
zu, so hoben sich nur ihre Arme, und vor ihnen und hher als sie, die
schmalen Hnde, deren Tasten schwach und schaurig war. Ihre groen
leeren Augen suchten ber ihr. Man ffnete die Fenster und lie das
volle Tageslicht in den Raum, den Glanz des strahlenden Mittags, der die
erfllte Erde sommerlich beglckte.

Da kam ein schmerzvolles Lcheln in das verlschende Licht ihrer Zge.
Sie schlo die Augen. Es sank rot und schimmernd auf ihren letzten
irdischen Traum. Ein gewaltiges Meer von Rosen brauste leuchtend heran,
im Klingen eines Lichts, das ber die Erde zog. Es berwltigte in
betubend bitterer Allmacht und begrub ihre kurze Jugend und brauste
fort.

An ihrem Sterbelager betete ihr Vater, lallend, und von Schluchzen
berwunden:

.... denn unsere Trbsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine
ewige und ber alle Maen wichtige Herrlichkeit. Schaff sie meinem Kind,
du Heiland der Welt, Herr Jesus Christus. --

       *       *       *       *       *

Mark Enz schritt durch den Wald; die Felder nahmen ihn in ihrer
reifenden Flle auf, wieder der Wald und endlich die breite, rote Heide,
ein blhendes Meer. Es zog eine Schar Kinder singend mit ihrer Lehrerin
dahin, immer zwei und zwei schritten sie und hatten sich bei den Hnden
gefat. Die weien Kleidchen und die Blondkpfe leuchteten ber dem Korn
und am grnen Hintergrund der Buchen. Er hrte die hellen Stimmen, die
fein und inbrnstig erklangen, der Sonne und dem schnen Tag dankbar, da
blieb er stehn und lauschte:

    Des Sommers goldner Segen
    liegt auf den Feldern still und hei.
    Wir finden Mohn und Ehrenpreis
    auf unsern lieben Wegen.

Das Lied verklang im Heidegrund, und der Wald nahm die kindlichen
Sngerinnen in seinem Schatten auf. Die Welt ward still.


    Ende.




Liste korrigierter Druckfehler:

Seite 27, Komma eingefgt (In der Abendsonne sangen Rotkehlchen und
Finken, es glhte von rotem Gold)

Seite 99, "Erlsunswerk" gendert in "Erlsungswerk" (Und es galt das
Erlsungswerk vollkommen zu machen,)

Ab Seite 118 nderte sich im Original die Schreibweise des Namens
"Jacoby" in "Jakoby". Die Schreibweise wurde durchgehend angeglichen.

Seite 134, Punkt am Satzende hinzugefgt (da unser Herz im Grunde allen
Prunk verachtet und den tnenden Rausch.)

Seite 145, "wer" gendert in "wre" (obgleich es ihm vielleicht
gelungen wre)

Seite 177, "klare" gendert in "klaren" (Sie gab mir keine klaren
Antworten)

Seite 199, Komma ergnzt (Grausam zertrmmerte ihm das Gespenst des
nahenden Todes alle stillen Altre seines Glaubens, die ihn in
gelassener Zeit so oft mit Trost und Segen bedacht hatten)






End of the Project Gutenberg EBook of Blut, by Waldemar Bonsels

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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

