Project Gutenberg's Albina das Blumenmdchen, by Constanze Reinhold

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Title: Albina das Blumenmdchen

Author: Constanze Reinhold

Release Date: October 3, 2014 [EBook #47031]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALBINA DAS BLUMENMDCHEN ***




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                     Anmerkungen zur Transkription
                     #############################

Der vorliegende Text wurde anhand der 1826 erschienenen Ausgabe
mglichst originalgetreu wiedergegeben. Einzelne Begriffe mit
offenbar vertauschten (z.B. n/u) oder berflssigen Zeichen wurden
stillschweigend korrigiert. Altertmliche und regionale Ausdrcke
wurden beibehalten, ebenso Inkonsistenzen und Wortvarianten sowie eine
inkonsequente Gro- und Kleinschreibung.

Im Originaltext wurden die Anfhrungszeichen "umgekehrt" gesetzt, d.h.
ffnend: Anfhrungszeichen oben; schlieend: Anfhrungszeichen unten.
Entsprechend werden in diesem Text romanische Guillemets verwendet;
alle Anfhrungszeichen der wrtlichen Rede wurden sinngem ergnzt.
Die brige Zeichensetzung wurde nur in den Fllen abgendert, in denen
sonst der Sinn des Textes verflscht wrde.

Die folgenden Passagen wurden korrigiert:

    # S. 10: "Dorothe" --> "Dorothea"
    # S. 23: "Langengenheim" --> "Langenheim"
    # S. 43: "bemthe" --> "bemhte"
    # S. 104: "ein (welcher" --> "ein, welcher"
    # S. 130: "Z. b." --> "Z. B."
    # S. 207: "vorgetragen" --> "vortragen"
    # S. 242: "da ich ich": doppeltes Wort entfernt

Die Originalvorlage wurde in Frakturschrift gesetzt. Gesperrte Passagen
werden in diesem Text von Tilden umgeben (~gesperrt~), Antiquaschrift
wird durch Unterstriche hervorgehoben (_Antiqua_).




                                Albina

                                  das

                             Blumenmdchen

                                  von

                          Constanze Reinhold.

                      Neue, wohlfeilere Ausgabe.

                            Nrnberg, 1826.

                     bei Heinrich Haubenstricker.




                                Albina

                           das Blumenmdchen

                                  von

                          Constanze Reinhold.


Lieber Herr! wollen Sie nicht Blumen kaufen? rief eine se
Kinderstimme dem Secretair Langenheim nach, welcher mit einem Bund
Acten unter dem Arm schnellen Schritts ber den Markt eilte, um auf
das Rathhaus zu gehen. Unwillig ber den Aufenthalt, da ihn schon zu
Hause der Schlag der Stunde, die ihn zur Session rief, berrascht
hatte, blickte er um, und gewahrte ein liebliches Mdchen von ungefhr
9 Jahren mit einem Krbchen zierlich geordneter Blumen, welche sie ihm
wiederholt mit so anmuthiger Freundlichkeit anbot, da auch Langenheim
sie freundlich anhren mute. Er suchte Nelken, Granaten und jelnger
jelieber zu einem sinnigen Strau fr sein junges Weibchen zusammen;
indem schlug die Uhr wieder. Er wirft hastig dem Mdchen die Blumen
wieder in den Korb, und bestellt sie nach dem Mittagessen in seine
Wohnung, die er ihr genau bezeichnet. Halb ausser Athem kommt er
in's Session-Zimmer und der Direktor lt ihn ber sein lngeres
Aussenbleiben so heftig an, da er -- aus Aerger, bleich bis in die
Lippen -- nicht im Stand ist, seinen Verdru zu unterdrcken.

Der Direktor des Stadtgerichts zu E* war Langenheims erklrter Feind,
die Secretairstelle hatte dieser seinem Kammerdiener Halieb gewnscht
und zugesagt; aber Langenheim erhielt sie durch Stimmenmehrheit,
welche ein wrdiges Mitglied des Raths, der den jungen Mann schtzte
und begnstigte, fr ihn geworben hatte. Dies trug ihm Hainau (so
hie der Direktor) immer nach und er und sein rnkevoller Diener
warteten sehnschtig auf eine Gelegenheit, Langenheim ihre ganze Rache
ungestraft fhlen zu lassen; jedoch seine Gewissenhaftigkeit und
Pflichttreue, sein unbescholtenes Betragen, vereitelten alle deshalb
geschmiedeten Plane. Welche bsartige Freude empfand daher Hainau,
als er dem Secretair, wegen seines Versptens recht empfindlich seine
Uebermacht fhlen lassen konnte. Er berschritt dabei so sehr alle
Grnzen und wurde so beleidigend, da Langenheim gereitzt, auch etwas
heftig sich zu verantworten suchte. Dies war ein groes Vergehen in den
Augen des stolzen Direktors; welcher verlangte, da der Untergeordnete
sich, wenn man wolle, mishandeln msse lassen, ohne zu wiedersprechen.
Der Vorgang erregte endlich Spaltungen unter den Gliedern des Raths.
Der eine Theil war auf des Direktors Seite, der andere und grere
aber, auf der des Assessor Freibergs, welcher Langenheims Gnner
war und sich auch diesmal seiner lebhaft annahm. Es entsteht eine
allgemeine Bewegung und die Sitzung wird aufgehoben.

                   *       *       *       *       *

Voll trber Ahnungen kam der Secretair nach Haus und theilte seiner
Gattin den Vorgang mit. Therese, welcher das Glck zufllige
Reichthmer versagt hatte, besa dagegen einen weit grern Schatz
in Geist und Herzen, und eine unendliche Flle der Liebe fr ihren
Albert. Auch jetzt verstand sie es, den Betrbten aufzurichten und
das, in ihrem Herzen herrschende Vertrauen auf die Vorsehung, recht
lebendig in dem Seinigen zu erwecken; und das einfache Mittagsmahl
wurde darauf mit so viel Ruhe und Zufriedenheit verzehrt, als wre
nichts unangenehmes vorgefallen. Nach Tisch kam das holde Kind mit
den Blumen. Ihr bescheidener Anstand, ihr kindliches zutrauliches
Wesen, so wie die regelmigen Zge ihres freundlichen Gesichtchen
bezauberten die Gattin. Albina (so hie das Mdchen) wurde von ihnen
mit Liebkosungen berhuft und fr den gewhlten Strau reichlich
beschenkt. Sie sollte erzhlen: allein sie wute nichts zu sagen:
als da sie ein Findling und das Pflegkind braver aber unbemittelter
Leute sey, welche, aus Frankreich emigrirt, den Garten einer vornehmen,
jedoch sehr kargen Herrschaft besorgten. Noch sechs eigene Kinder und
ich machen dem guten Vater Paul viel zu schaffen, und es ist recht
traurig, da ich ihm auch zur Last fallen mu߻ setzte das Mdchen am
Schlue hinzu und dabei fllten sich ihre sanften blauen Augen mit
Thrnen und der niedliche Mund verzog sich zum schmerzlichen Weinen
-- Therese fhlte sich bei dieser Erzhlung tief bewegt: denn sie
wute aus Erfahrung was es hiee: arm zu seyn. Mit ihrer Hndearbeit
hatte sie sich als elternlose Waise mehrere Jahre auch sehr kmmerlich
ernhrt, bis ihr gnstiges Geschick sie in den Dienst einer trefflichen
Dame brachte, welche sich auf eines ihrer Gter zurckgezogen hatte, um
daselbst den frhen Tod eines heigeliebten Gattens zu betrauern und
hier in lndlicher Stille sorgte sie fr die Ausbildung der natrlich
guten Anlagen Theresens (welche sie wie eine Tochter liebgewann
und mtterliche Zrtlichkeit ihr schenkte) mit der grten Treue.
Langenheim, der mit Theresen verwandt, in Familien-Angelegenheiten sie
zu sprechen genthiget war, suchte sein Bschen auf; er fand in ihr ein
so vorzgliches Wesen, da er sich mit dem festen Entschlu von ihr
trennte: ein Amt zu suchen, das ein Paar Menschen, welche ihr Glck
nicht in zeitlichen Ueberflu setzen, ernhren wrde und dann Theresen
als Weib heim zu holen. Dies geschah als er die Secretairstelle
erhielt; denn auch bei ihr hatte der gebildete innige Mann einen
bleibenden Eindruck gemacht und sie folgte ihm gerne. Ihre gtige
Gebietherin stattete sie reichlich aus und durch weise Sparsamkeit und
Flei war es ihnen bei der ziemlich unbedeutenden Einnahme des Mannes
doch mglich: recht ordentlich auszukommen, ja noch Etwas brig zu
behalten.

                   *       *       *       *       *

Der Nachmittag jenes verhngnisvollen Morgen war einladend schn,
Therese bemerkte wieder einige leichte Wolken auf ihres Gatten Stirne;
freundlich trat sie daher zu ihm an den Schreibtisch und sagte: wie
wre es mein Albert, wenn wir ein Bischen ins Freie giengen? In Gottes
herrlicher Natur vergit man leichter die fr uns schmerzlichen
Folgen der Verirrungen seiner Menschen, als in den engen Mauern!
Langenheim zog die treu besorgte Gattin an sein Herz und dankte ihr
mit einem innigen Kue; packte dann seine Schreibereien zusammen und
wandelte mit ihr zur Stadt hinaus. Unterwegs kam das Gesprch wieder
auf Albinen und es wurde beschloen, den Garten aufzusuchen, wo sie
sich aufhielt, um auch ihre Pflegeltern kennen zu lernen. Albinens
Freude war unbeschreiblich als sie hinkamen und geschftigt reinigte
sie mit ihrer Schrze den besten Stuhl im kleinen Stbchen, um ihn
Theresen zum Sitz anzubiethen. Doch sie und ihr Gatte zogen vor, in dem
schn angelegten groen Garten zu gehen. Hier erfuhren sie nun in der
Unterhaltung mit den wackern Grtnersleuten: da Albina als ein Kind
in Windeln vor die Gartenthr in einen Korb gesetzt worden sey. Als
meine Dorothea, erzhlte der Mann, sie am Morgen entdeckte, machte sie
den Besitzern des Gartens die Anzeige davon: allein diese schickten sie
hchst aufgebracht mit dem Kinde wieder fort. Mir war es unmglich, das
arme Wrmchen weinen zu hren und mich seiner nicht anzunehmen; ich
lie ihr die h. Taufweihe und den Namen Albina geben und zhlte sie in
Gottesnamen zu meinen Kindern, mit denen ich trotz meines rmlichen
Einkommens noch nicht erhungert bin. Gott segnet jede gute That
braver Mann! sagte Langenheim gerhrt, aber, ist denn Albina des
christlichen Werks, das an ihr gebt wurde werth? setzte er fragend
hinzu (diese war mit seiner Gattin und mit Dorothea in eine Seitenallee
gegangen, um Theresen einen herrlichen Nelkenflor zu zeigen) da
glnzten des Mannes Augen vor Freude und er rief aus: Lieber Herr!
mein Lebtage hab ich kein Kind gesehen, das ihr gleichkommt! so
fleiig, so einsichtsvoll, so engelgut! -- weil sie sieht, wie wir
uns absorgen, getraut sie sich kaum satt zu essen, immer mssen wir
ihr zureden. Dabei strengt sie unermdet ihr bischen Kraft vom frhen
Morgen bis an den Abend an, um uns in allem beizustehen, uns alles
zu erleichtern. Sehen Sie, vorhin kam sie beinahe athemlos gelaufen
und mit einem Gesicht, das die Freude glhroth gefrbt hatte, zhlte
sie der Mutter und mir das Geld vor, womit sie von Ihnen beschenkt
wurde; dann gieng sie in ein Winkelchen der Stube, faltete die Hnde
und betete stille. Gewi hat sie fr Sie gebetet. Ja, ja, sie ist ein
liebes Kind! Gott sey mit ihr! so endigte Paul und groe Thrnen
trufelten ihm ber die braune Wange. Als Langenheim auf dem Rckweg
der Gattin das Gesprch mit dem Grtner mittheilte, sagte diese: ach,
was knnte aus diesem Mdchen bei einer sorgfltigen Erziehung werden!
wie glcklich wrde ich mich dnken, wenn ich Mutterstelle bei ihr
vertreten knnte! doch will ich wenigstens thun was ich vermag mit
deiner Beistimmung lieber Albert, Albinen zuweilen zu mir kommen lassen
und sie in weiblichen Arbeiten unterrichten. Langenheim willigte
gerne ein und Albina konnte immer die bestimmten Tage kaum erwarten,
an welchen sie einige Stunden Theresens grndlichen und liebevollen
Unterricht genieen durfte.

                   *       *       *       *       *

Der Direktor Hainau welcher bei der Regierung viel Gewicht hatte,
bewirkte durch eine schwarze, durchaus unwahr entworfene Darstellung,
in welcher Langenheim als trg, unbrauchbar und anmaend geschildert
wurde, wirklich dessen Amtsentsetzung. Sie kam nach 14 Tagen und
beugte jenen tief. Therese mute ihre ganze Seelenstrke aufbieten,
um theils sich selbst zu trsten, theils ihren Gatten vor gnzlicher
Muthlosigkeit zu sichern. Nchte vergiengen schlaflos, langsam und
dster schlichen die Tage vorber und Langenheim konnte zu keinem
Entschlu kommen. Endlich gab er Theresens Bitten nach, besiegte die
ihm eigene Aengstlichkeit und gieng zu seinem Gnner, dem Assessor
Freiberg. Mit herzlicher Theilnahme versicherte ihn dieser, da,
sobald er von seinem traurigen Schicksal gehrt habe, er sogleich
einem bedeutenden Freund an dem Sch*schen Hof geschrieben, denselben
Langenheim geschildert und ihn gebetten habe, bei der ersten
Dienststelle die sich erffnen und die er fr jenen passend finden
wrde, sich seiner zu erinnern. -- Die Frsorge dieses wrdigen Mannes,
hatte den gnstigsten Erfolg.

Die schleunige Rckantwort des Finanzrath Volkmar's (dies war
Freibergs Freund) enthielt den Ruf an Langenheim zur eben
vacanten Secretairs-Stelle in jenem Fache, und die Aufforderung
sich unverzglich an den Ort seiner Bestimmung zu begeben. Der
Assessor eilte mit dieser frohen Botschaft ungesumt zu seinem
Gnstling und fand sich fr seine schne That reich belohnt in dem
wiederhergestellten Glck der gerhrten Gatten, welche keine Worte
finden konnten, ihre Gefhle auszudrcken.

Albina war gerade zugegen, als Freiberg den Brief vorlas; ihr entfiel
das Strickzeug als sie von Langenheims baldiger Abreise hrte; endlich
entfernte sie sich. Als nun der gtige Freund weggegangen und die
ersten Ergieungen der Herzen zwischen den Ehegatten vorber waren,
vermite man Albina. Therese fand sie im kleinen Hofraum, den sie
hnderingend durchschritt und dabei laut weinte. Was hast du denn
Kind? frug jene. Ach ich kann es nicht ertragen, wenn ich Sie nicht
mehr sehen soll; antwortete schluchzend das Mdchen, gewi ich bin
recht, recht unglcklich! Sey ruhig Kleine, es wird sich geben!
sagte Therese beschwichtigend und fhrte sie ins Zimmer zurck, nahm
ihren Gatten beiseite und das Resultat ihres kurzen Gesprchs war --
Albinen mitzunehmen. Bei der grern Einnahme, zu welcher sie die
Aussicht hatten, schien es ihnen ausfhrbar sich um Albinen auf diese
Weise verdient machen zu knnen. Des Mdchens Entzcken, als ihr dies
kund gethan wurde, berstieg alle Beschreibung; sie jubelte laut, fiel
einmal Theresen, dann wieder ihren Gatten um den Hals und gelobte eine
recht gute Tochter zu werden.

Rhrend war Langenheims Abschied von seinem fr ihn so treubesorgten
Freund; noch rhrender Albinens Trennung von Vater Paul und Mutter
Dorothea. So sehr beide mit freudiger Theilnahme einsahen, da jener
ein weit glcklicheres Loos zu Theil werden wrde, als sie je bei
ihnen hoffen konnte, so sehr sie mit Dank erkennen muten, eine
Kostgngerin weniger zu haben: so war ihnen doch das liebe Pflegkind
so theuer, da der Abschied sie recht tief betrbte. Auch Albina
war sehr bewegt und konnte nicht aufhren den guten Eltern fr alle
Wohlthaten zu danken. Ihr habt mir das Leben gerettet sagte sie, ihr
habt mich christlich erzogen, und was ich bin, ist Euer Werk! so war
es auch. Die Leute waren von keiner gemeinen Herkunft und so genoen
ihre Kinder, mit ihnen auch Albina, eine bessere Erziehung, als bei
andern ihres Gleichen gewhnlich der Fall ist. Letzteres hatte mit den
grern Geschwistern vom Vater Paul in den langen Winterabenden und an
Sonntgen fertig lesen, schreiben auch rechnen gelernt und war durch
Lehre und Beispiel der wackern Pflegeltern in allem Guten bestrkt
worden, wozu sie die natrliche Anlage schon hatte.

                   *       *       *       *       *

Langenheims Aufenthalt in der Residenzstadt D* war uerst angenehm und
vortheilhaft. Die gewissenhafte Pflichttreue, der redliche Charakter
und das untadelhafte Betragen des Mannes, so wie die bescheidene
Sitte, das ungeheuchelte Wohlwollen und die uere Anmuth Theresens
wurde anerkannt und sie deswegen geschtzt und vorgezogen. Nicht lange,
so erhielt Langenheim einen hhern Posten und noch waren nicht ganz
4 Jahre verfloen, als er mit einer ansehnlichen Besoldung in die
Stelle eines abgehenden Finanzraths einrckte. Wohl macht man zuweilen
die Erfahrung, da verbesserte Glcks-Umstnde, vermehrter Reichthum
und erhhter Rang einen nachtheiligen Einflu auf den menschlichen
Charakter ussern: doch ist die nur ~da~ der Fall, wo man die
~Urquelle~ alles Guten auf der Welt leichtsinnig vergeen kann und
wo ein falscher Wahn herrscht, der jenen vergnglichen Dingen einen
Werth beilegt, welchen sie durchaus nicht haben und den sie erst durch
die Anwendung erhalten. Bei Langenheims war es anders: sie blieben
nicht nur die guten unverdorbenen Menschen, die sie waren, sondern
sie strebten vielmehr unablig nach einer immer hheren Stufe der
Verfeinerung und Vervollkommnung. Ohne sich zuzudrngen nahmen sie
die Aeuerungen wahrer Achtung dankbar und aufrichtig erwiedernd an,
waren gleich weit von lcherlichem Hochmuth und niedriger Kriecherei
entfernt und benahmen sich so wohl gegen Vornehmere wrdevoll, als
gegen Geringere freundlich. In ihrem Hause fand jeder, der fr das
Schne und Anstndige Sinn hatte, vollkommne Befriedigung, jeder
Besuchende herzliche Aufnahme, jeder Unglckliche Theilnahme und Trost
und -- was die Hauptsache war -- ein ~frommer~ Sinn heiligte dies
alles, theilte sich allem mit, was mit Langenheims in Berhrung kam und
zeigte sich auch in der, ohne ngstliche Scheu pnctlichen Ausbung
usserlicher gottesdienstlicher Handlungen. In solchen Umgebungen und
unter einer solchen Leitung wurde Albinens Geist und Herz auf die
vorzglichste Weise ausgebildet. Langenheim lie sie von den besten
Lehrern in allen Wissenschaften und Knsten unterrichten, welche einem
Mdchen nothwendig sind, die spterhin einen Gatten beglcken, in
weiche Kinderherzen den Saamen alles Schnen und Guten streuen, und
auch selbst in freundschaftlichen und gesellschaftlichen Verhltnissen
eine erfreuliche und vortheilhafte Rolle spielen will. Therese lie
sie an allen huslichen Beschftigungen Antheil nehmen, und konnte ihr
bald einen groen Theil der Fhrung ihres Hauswesens berlassen. Das
Beispiel der anspruchslosen und doch so verdienstreichen Pflegemutter
leuchtete ihr auf ihrem heitern Jugendweg voran und so wurde sie, ohne
da sie es wute, eines der vorzglichsten weiblichen Geschpfe und
glaubte: sie knnte nun gar nicht anders denken, handeln und seyn. Ihre
Vorzge und ihre dankbare innige Liebe zu ihren Wohlthtern lie diese
leichter das Glck verschmerzen, das ihnen die Vorsicht versagte,
eigene Kinder zu besitzen.

Langenheim folgte in D* -- wo eigentlich der Sammlungsort der schnen
Knste und Wissenschaften so wie ihrer Priester und Jnger ist --
selbst einer frhern Neigung und erhhte durch hufigen Umgang mit
Knstlern und Kunstfreunden sein natrliches Gefhl dafr, schrfte
sein Urtheil, verfeinerte seinen Sinn, vermehrte seine Kenntnie
und berlie sich oft solcher reiner Gensse. Sein Haus, das jedem
Gebildeten offen stand, bekam den Ruf, da Virtuosen und Knstler
vorzglich darinnen willkommen wren, und so wurde es von Einheimischen
und Fremden fleiig besucht. Nur 2 der holden 9 Schwestern: Melpomene
und Thalia konnten sich keiner freundlichen Duldung bei Langenheims
erfreuen. Alles, was auf das Theater Bezug hatte, war ihm zuwider und
in dem sonst heitern und offenen Wesen des Mannes gieng eine sichtbare
Vernderung vor, wenn irgend ein Gesprch oder ein anderer Zufall seine
Blicke auf jene Art der ffentlichen Unterhaltung hinlenkte. Therese
gewohnt immer den Wunsch ihres Alberts gem zu handeln, usserte nie
einen Wunsch nach dem Genu jenes Vergngens und so blieb das dortige
berhmte Theater von Allen unbesucht.

                   *       *       *       *       *

An einem Abend hielt ein Reisewagen vor Langenheims Wohnung, Baron
Volkmar, der Freund des Assessor Freibergs stieg mit seiner Tochter
Eugenia aus und kndigten sich als Gste bei ihnen an. Er war ehedem
bei Hof angestellt, und war derjenige welcher auf des Assessors
Frsprache, Langenheim eine Anstellung in D* verschafft hatte, aber
noch ehe dieser an seinen neuen Aufenthalts-Ort kam, erhielt jener den
Ruf als Prsident in eine entfernte Kreisstadt. Welche Verpflichtung
fhlten die Gatten, dem achtungswrdigen Manne ihre innige Dankbarkeit
durch das rcksichtsvollste und aufmerksamste Benehmen zu beweisen!
-- Am andern Tag kam beim Mittagsessen die Unterhaltung auf das
Theater und es sprach sich bei dem Prsidenten und seiner Tochter
eine leidenschaftliche Vorliebe fr dasselbe aus. Ersterer beklagte
sehr, diesen Abend durch eine andere Einladung abgehalten zu seyn ins
Schauspiel zu gehen und Langenheim mute den Pflichten eines geflligen
Wirthes seine Abneigung zum Opfer bringen und Eugenien durch seine
Gattin und Albinen ins Theater begleiten lassen. Es wurde Mllners
Schuld gegeben. Eine fremde Schauspielerin trat in der Rolle der Elwire
auf und rie durch die Kunst ihres Spiels das Publikum zur Bewunderung
hin. Die Leiden eines wunden Gewissens stellte sie mit so furchtbarer
Natrlichkeit dar, da jedes Gemth und vorzglich Albinens im
Innersten ergriffen wurde. Sie verbarg sich einigemal an Theresens
Busen und flsterte in heftiger Bewegung: Ach Mutter! Mutter! ich
mchte vergehen! Der Anblick der Schauspielerin erregte ein Gefhl
in ihr, fr das sie keine Worte hatte. Verlie jene die Bhne so war
Albina zerstreut und wnschte sie wieder, ja immer zu sehen; trat sie
auf, so war dem Mdchen so wohl, so weh, da sie mit sich zu kmpfen
hatte, um nicht die Aufmerksamkeit Anderer auf sich zu ziehen.

Therese schrieb ihr Benehmen der Neuheit des Gegenstands zu und
ermahnte im Nachhausgehen Albina leise: dem Vater nichts von dem
Eindruck zu sagen, welchen der erste Genu des Schauspiels auf sie
gemacht hatte, es mchte ihm Verstimmung, und ihr seinen Tadel zuziehen.

Bei dem 2ten Debt der Schauspielerin ward Langenheim von Volkmar
aufgefordert, mit ihm das Theater zu besuchen. Er konnte nicht
ausweichen ohne unartig zu seyn. Das Schauspielhaus war gedrckt voll;
selbst in der Loge, wo sie sich befanden waren mehr Personen als
eigentlich seyn sollte. Auf diese Weise blieb Langenheim ganz hinten
an der Thre stehen: jedoch als die Schauspielerin auftritt und einige
Worte spricht, drngt er sich vor, wirft einen Blick auf die Bhne,
ergreift die Hand des neben ihn stehenden Barons, die er krampfhaft
drckt, sagt ihm ins Ohr: mir wird schlimm! und strzt zur Loge
hinaus.

Er traf zu Hause Niemanden. Die Frauenzimmer waren in einer Theevisite.
Langenheim schliet sich in sein Zimmer ein und kmpft mit seinem
aufgeregten Innern.

Die Schauspielerin -- ja sie war es -- ich tusche mich nicht -- sie
ist Cornelia Bergen -- ruft er aus und schreitet heftig im Zimmer auf
und ab.

Ein Diener, der seinen Herrn sprechen wollte, fand das Gemach
verschloen und sumte nicht, es sogleich Theresen bei ihrer
Zurckkunft zu melden. Als sie ihre sanfte Stimme vor der Zimmerthre
ihres Gatten hren lie, ffnete er dieselbe, aber ach! was erwartete
sie hier. Bei dem trben Schimmer einer lang hinunter gebrannten Kerze,
schien sein blasses Antlitz eher einem Todten als einem Lebendigen
anzugehren, seine Arme hingen schlaff herunter und sein scheuer Blick
vermied den ihrigen. Gott! was fehlt dir mein Albert? rief die
Erschrockene. Statt der Antwort strzte er zu ihren Fen und Therese
fhlte den brennenden Fieberhauch seines Mundes auf ihrer Hand. So
sprich doch um Gotteswillen! fuhr Therese fort und zitterte am ganzen
Krper. Ach! mein Weib wird mich hassen, sie wird mich verlassen --
ich werde grenzenlos elend seyn! jammerte Langenheim; sprang auf, rang
die Hnde, warf sich auf das Sopha und verhllte sein Gesicht in die
Kissen. Die bestrzte Gattin hielt ihn fest umschlungen und beschwor
ihn mit den zrtlichsten Ausdrcken, sie von dem peinlichen Zustand
der Ungewiheit zu befreien und seinen Kummer ihr zu entdecken. Ich
will dir ihn ja gerne tragen helfen, wre es noch so schwer setzte
sie tief bewegt hinzu. Lange bat sie vergebens. Endlich richtete er
sich langsam auf, fuhr mit der Hand ber die heie Stirn und sagte,
indem er den Blick finster auf die Erde heftete: Ich will -- ich mu
dir alles sagen Therese! sollte es mich auch deine Liebe kosten. --
Es wird zwar vorber gehen, was heute mein Gemth erschtterte -- es
ist auch mglich, da es dir verborgen bliebe und -- die sogenannte
feine Welt wrde das Ganze vielleicht fr unbedeutend halten! --
aber ich, nein ich kann es nicht! in das treue Aug meines geliebten
Weibes knnte ich nimmer mit Ruhe blicken, an diesem stillen frommen
Herzen wrde das Meinige nimmer seinen Frieden finden, wenn ich dir
verheelte, was mir heute begegnet ist. Dabei sank er mit dem Kopf auf
Theresens Schulter und prete ihre Hand an sein laut pochendes Herz.
Du warst im Theater? frug die Gattin ahnungsvoll um ihm bei seiner
Mittheilung entgegen zu kommen. Ja, flsterte Langenheim, und --
die fremde Schauspielerin. -- Therese zitterte. -- Zittre nicht so
theures Weib! fuhr jener fort; schwach war dein Albert, er ist
es noch, aber niedrig konnte er nie handeln; hre, und dann richte
mich. Cornelia Bergen war wohl einst der Gegenstand meiner heftigsten
Liebe. Sie war von ausgezeichneter Schnheit und Liebenswrdigkeit,
besa einen gebildeten Geist, so wie Sinn und Liebe fr die Kunst
und Wissenschaften. Der Eindruck, den dies Alles auf mich machte,
verstrkte sich durch den Vorzug, welchen sie mir vor allen ihren
Verehrern gab und bald waren wir einig unter uns. Meinem Vater, der
schon viele Jahre krnklich war, wurde mein Verhltni zu Cornelien
von einer geschftigen alten Base hinterbracht und er zrnte so
heftig darber, da ich viele trbe Stunden hatte: Denn ich liebte
ihn herzlich, lag aber zu fest in Corneliens sen Ketten, als da
es mir mglich gewesen wre, mich hier loszureissen. Ein jher Tod
entri mir den Vater in dieser Katastrophe und oft schlich sich der
reuige Sohn zu seinem Grabe und weinte hier seinen Schmerz darber
aus, da unvershnt mit ihm das vterliche Herz gebrochen ist. Meine
dadurch oft getrbte Stimmung mifiel Cornelien, welche immer heiter
und frhlich war und bald bemerkte ich eine Vernderung in ihrem
Betragen. Ich forschte nach und erfuhr, da ein fremder Officier mich
bei ihr verdrngt habe, mit diesem verschwand sie auf einmal. Ach
Therese! was ich hier litte war unbeschreiblich! Jahre lang kmpfte
ich mit meiner Liebe, mit meiner Reue, die mitleidige Zeit zog nach
und nach einen Vorhang ber die Ereignie der Vergangenheit und mir
wurde das Glck dich mein gutes Weib kennen zu lernen, durch die
Verbindung mit dir wurde jede Forderung meines Herzens befriedigt
und der Schatten meines Vaters vershnt: denn oft entwarf er mir das
Bild eines Mdchens, wie er es fr mich gewnscht, und diesem warst
du nicht nur hnlich, du bertrafst dasselbe. Da ich nun ganz in der
glcklichen Gegenwart lebte, die Therese wird dir meine unverstellte,
immer gleiche Zufriedenheit und Ruhe gezeigt haben; aber ich wollte
nicht frevelnd durch unangenehme Erinnerungen an die Vergangenheit
selbst meinen Frieden stren: daher vermied ich das Theater, und alles
was darauf Bezug hatte. Heute nun trat ich mit bangem Vorgefhl in die
Loge. Nicht lange, so hrte ich die bekannte Stimme, ein Blick und
ich erkannte Cornelien -- Alles was ich Trbes und Angenehmes in dem
einstigen Verhltni mit ihr erfahren hatte, strmte in dem Moment auf
mich ein und ich eilte fort, um in meinem huslichen Asyl mich wieder
zu finden. Hier entstand aber erst recht eigentlich der Aufruhr in
meinem Innern. Die Schuld, an dir du Treue, durch Verheimlichung meiner
frhern Verhltnie begangen, stand riesenhaft vor mir, mich folterte
die Angst, wenn und wie du es erfahren wrdest -- ich verwnschte
meine Schwche, die mich verhinderte, jenes berraschende Ereigni
mnnlich zu behandeln und durch welche ich ihm eine Wichtigkeit gab,
die es wohl nicht mehr hat -- tausenderlei Plane durchkreutzten mein
Gehirn, und ich konnte keinen festhalten. Nun erschienst du Engel! die
ruhige Klarheit deines ganzen Wesens vergegenwrtigte mir dein Anblick.
Auf einmal war auch ich mit mir im Reinen. Ich fhlte und dachte nichts
mehr als die Ueberzeugung, da ich dir Nichts verschweigen drfte und
nun -- ist es hier leichter, sagte er, indem er auf die Brust deutete.

Therese hatte whrend der Erzhlung mhsam nach Fassung gerungen, denn
der se Wahn: da sie ~alleine~ Alberts Herz beseen habe, war
zerstrt, ihr felsenfestes Vertrauen auf seine Treue die sie nach der
ihrigen ma, war erschttert und die Aussicht in ihre husliche Zukunft
schien ihr in diesem Augenblick getrbt. Jedoch, wer vermag den Grad
der Strke der Liebe eines edlen Weibes zu bestimmen! -- Schwer ist der
Streit eines Helden mit uern Feinden, ungleich schwerer der, jener
weiblichen Heldinen, mit den innern Gegnern! aber -- ihr Panier ist
die Liebe! mit diesem kmpfen und siegen -- sie dulden, sie tragen,
sie verlugnen sich selbst und ermden nicht bei den fortwhrenden
Forderungen ~der~ Pflichten, welche sie aus Liebe bernommen
haben. Auch Therese duldete keine andere Empfindung in ihrem Herzen.
Sie war bald wieder mit sich ganz einig und strebte nur noch die letzte
Regung einer vorbergehenden Wehmuth in sich nieder zu kmpfen, als
Langenheim endigte.

Nach einer kurzen Pause sagte sie sanft: ich will kein Gedchtni fr
die Vergangenheit haben, fr die Gegenwart will ich mir Kraft von Gott
erbitten und die Zukunft wird mich wieder mit deiner Liebe belohnen.
Herrliches trefliches Weib rief Langenheim, warf sich vor ihr auf die
Kniee und bedeckte ihre Hand mit Kssen.

Therese bat ihn, ruhig zu werden und mit ihr gemeinschaftlich den
Plan zu einer bereinstimmenden Handlungsweise fr die nchsten Tage
und Stunden zu berlegen, um in keiner Hinsicht den ussern Anstand
zu verletzen, da seine schnelle Entfernung aus dem Theater, leicht
Aufsehen erregt haben knnte.

Ich werde alles thun, was du willst, sagte Jener, handle du fr
mich, ich kann es nicht. Das Ganze hat ohnehin nicht nur mein Gemth,
sondern auch meinen Krper so sehr angegriffen, da ich mich recht
unwohl fhle. Besorgt bat ihn Therese, sich niederzulegen und bestand
darauf, nach einem Arzt zu schicken. Indem sie ber den Vorplatz
eilte, um einem Dienstmdchen hiezu den Befehl zu ertheilen, hrte
sie die Treppe herauf gehen. Sie blieb stehen und -- siehe da, der
Prsident stieg mit einem Frauenzimmer dieselbe herauf, in welcher
er Theresen die gefeierte Schauspielerin und dieser, die Dame von
Haus: Frau Finanzrath Langenheim vorstellte. Hchst schmerzlich
berrascht, war Therese mit sich selbst zu viel beschftigt, um die
Bestrtzung Corneliens bei Erwhnung dieses Namens wahrzunehmen und
Volkmar scherzte darber, da er sie fr Schchternheit auslegte und
sie versicherte: Einer Priesterin Thaliens mte dies Gefhl ganz
fremd seyn, zumal in einem Hause, worin der Kunst so sehr gehuldigt
wrde. Therese fand whrend dieser Rede Zeit, sich zu sammeln und
nachdem sie, den Gatten mit Unplichkeit entschuldigend, die Gste ins
Speisezimmer gefhrt hatte, entfernte sie sich auf kurze Zeit, schrieb
mit Bleifeder auf ein Stckchen Papier: Ich sende Dir Albina zur
Pflege, da unsere Gste, worunter auch Cornelia ist, mich in Anspruch
nehmen; beunruhige Dich nicht! ich werde mich zu beherrschen wissen und
hoffe, auch Du wirst Niemanden dein Inneres verrathen. Am wenigsten
Albinen. Mit diesem Zettelchen schickte Therese Albina gleich von der
Kche, in welcher sie beschftigt war, zum Vater, mit der Weisung, ihn
nicht zu verlassen, bis sie von ihr abgelt werden wrde. Dann kehrte
sie mit dem festen Entschlu: ihr aufgeregtes Inneres zu bemeistern,
zu ihren Gsten zurck. Ganz stille, armes Herz! sagte sie leise
und drckte fest die Hand darauf, du darfst heute dein Recht nicht
geltend machen. Der gefllig arrangirte runde Tisch lud freundlich
zur Abendmahlzeit ein. Volkmar ein feiner Weltmann fhrte das Wort,
Eugenia kramte dazwischen hie und da ein gelehrtes Wissen aus; Therese
lchelte, erzhlte, hrte aufmerksam zu: doch Alles mit der hchsten
Anstrengung und -- Cornelia, ganz gegen die Weise der Schauspieler
war ernst, bescheiden und sprach nur, wenn sie aufgefordert wurde,
dann aber mit einer Tiefe des Gefhls, mit einer Wrme, und mit
einem Reichthum von Kenntnien, da Therese sie bewundern mute.
Corneliens ganzes Wesen erregte ihre Theilnahme und ihre angebohrene
unaussprechliche Milde lste bald den Zwang, den sie Anfangs ihrem
Benehmen anlegen mute in natrliche Werthschtzung und Freundlichkeit
auf. Ihre Geistes-Strke ging so weit, da sie, nachdem die Gste
sich entfernt hatten, ihres Gatten heftige Aeuerung ber Corneliens
Besuch mit vieler Mhe beschwichtigen und ihm von der gehaltreichen
Unterhaltung whrend des Abendeen manches mittheilen konnte. Edles,
edles Weib! wie hoch stehst du ber mir! rief Langenheim und prete
ihre Hand an seine Lippen. Ich thue nichts erwiederte Therese, als
was mich die Liebe zu dir, und die Gerechtigkeit gegen Andere lehrt;
ja der Wohlstand erfordert, da ich morgen Cornelien einen Gegenbesuch
mache, fuhr sie fort; mein Albert hat doch nichts dagegen? Wie
knnte ich! antwortete er, ich unterwerfe mich ja allen deinen
Anordnungen!

                   *       *       *       *       *

Am folgenden Tag, als sich Therese wirklich anschickte um zu Cornelien
zu gehen, sagte Albina, indem sie der Mutter den Mantel umgab und die
Schleifen der Haube ein wenig ordnete: ach, wenn ich dich zu der
intereanten Frau begleiten drfte, liebe Mutter! welche Freude wre
mir dies! Gewi, als ich gestern Abend, dem Vater zur Unterhaltung
eine Lectre zur Hand nahm, la ich wirklich gar nicht hbsch. Ich war
so zerstreut, da er es einigemal bemerkte und unwillig wurde, aber
ich konnte mir nicht helfen, ich war immer im Geist im Speisezimmer
und nur dein Gebot hielt mich ab bei Euch ein Bischen zuzusprechen,
denn unvergelich ist mir der Eindruck welchen die Knstlerin auf mich
gemacht hat. Nun, wer wei, erwiederte Therese, sie verlngert
vielleicht ihren Aufenthalt, dann knnte es sich wohl fgen, da du
mich einmal zu ihr begleiten wrdest.

Therese wurde bei Cornelien angemeldet, vermite aber bei dem Empfang
ganz die gewandte Schauspielerin; sichtbar befangen wurde sie begrt.
Jedoch nach einigen gewhnlichen Errterungen des Theaters und
Corneliens Kunst, worinn so viel Steifes und Gezwungenes lag, da es
Theresen drckend wurde, begann diese mit wahrer Engelsfreundlichkeit,
indem sie Cornelien nher rckte und ihre Hand ergriff: mein ganzes
Gefhl strubt sich gegen die Art und Weise unsers gegenseitigen
Benehmens, ich bin es mir klar bewut: ~so~ kann und darf es nicht
bleiben; von einem wichtigen Ereigni Ihres Lebens unterrichtet, habe
ich ein Recht zu wnschen, da zwei Herzen, die sich in ~einem~
Gegenstand begegneten, sich nicht fremd bleiben mchten, lassen Sie
uns diesen ungestrten Augenblick bentzen, sie gegeneinander zu
erffnen, lassen Sie uns von der gewhnlichen Weise unsers Geschlechts
abweichen, wo Eifersucht und Ha vielleicht jetzt trennend zwischen
uns tretten wrde. O ich kann Sie nicht hassen, rief sie lebhaft,
ich ~mu~ Sie lieben, mein Albert hat Sie geliebt und -- ich
tusche mich nicht -- Sie verdienten diese Liebe! Cornelia war tief
erschttert und brach in Thrnen aus. Himmlische Gte! stammelte sie
-- nein -- nein Sie irren! ich war die Liebe eines so vorzglichen
Mannes nicht werth. In dem Feuer des Unglcks gelutert, darf ich mich
wohl ~jetzt~, mit einigem Selbstgefhl der Annherung eines so
edlen Wesens freuen -- aber die Vergangenheit reicht mir stets nur des
Vorwurfs Wermuthsbecher. Doch dieser Augenblick giebt meinem verweiten
Herzen, was es Jahrelang vergebens suchte: Mitgefhl, Theilnahme,
Freundschaft! o ich bin unaussprechlich glcklich! setzte sie im
hchsten Affect hinzu und warf sich in Theresens Arme.

Sie glaubte: dieser ihre innige Dankbarkeit durch ein unbedingtes
Vertrauen am sprechendsten zu beweisen und in der Ueberzeugung theilte
sie der edlen Freundin ihre ganze Lebensgeschichte mit:

Von Schauspielern gebohren, war sie schon als kleines Kind auf der
Bhne einheimisch geworden. Ihr Vater gehrte zu den Gebildetern
seines Standes und wandte auf die Erziehung seiner einzigen Tochter
viel Fleis und Mhe. Ein geschickter ltlicher Schauspieler, der ihr
sehr gewogen war, trug auch das Seinige dazu bei und so wurde in ihr
nicht nur der Sinn fr die Wissenschaft geweckt, sondern auch genhrt
und vortheilhaft wrkte dies auf ihr ganzes Betragen. Ihr Aeusseres
zog ihr berall einen Schwarm von Verehrern zu, deren Absichten aber
grtentheils unlauter waren, jedoch so leichtsinnig Cornelia schien,
so streng tugendhaft war sie wirklich. Ihre Eitelkeit gefiel sich in
den Bewerbungen der Mnner, allein ihre Wrde wute dieselben in den
Schranken der Sittlichkeit zu erhalten. Langenheim nherte sich ihr
auf eine Art, welche seinen reinen Sinn und seine Liebe fr Kunst und
Wissenschaft aussprach, dies machte ihr ihn sehr theuer. Die Stunden,
die sie zusammen verlebten, verstrichen nicht blos unter Kosen und
Tndeln: sie lasen miteinander die besten englischen, italienischen und
franzsischen Werke, er suchte mit ihr den Geist ihrer Rollen auf und
half sie ihr einstudiren, oder hrte ihrem Spiel auf dem Flgel und auf
der Guitarre zu. Diese reinen Gensse wurden indessen bald durch die
Unzufriedenheit des Vaters Langenheims gestrt. Albert kam nun oft in
trber Stimmung zu Cornelien und als endlich vollends der Vater jh und
unvershnt mit dem Sohne starb, war dieser einige Zeit ganz tiefsinnig.
Ob sich wohl seine Liebe gegen Cornelien immer gleich blieb und ihr
Einflu auf seine Stimmung, wenigstens in ihrer Gegenwart sichtbar
vortheilhaft war: so wurde es dieser doch in die Lnge peinlich, immer
trsten, immer beruhigen zu mssen und zum Unglck lernte sie in der
Periode einen Officier kennen, der mit einem sehr vortheilhaften
Aeussern die Gabe der Verfhrungskunst im hohen Grad besa. Er verstand
es, Langenheim zu verdrngen und in Cornelien eine glhende Liebe fr
ihn zu erwecken. Die Revolution in Frankreich wthete, die deutschen
Frsten boten ihre Vlker auf, auch Romberg (so hie der Officier)
bekam Ordre zum Marsch. Er berredete Cornelien ihm ins Hauptquartier
zu folgen. Hier lebte von ihm ein Jugendfreund als Geistlicher. Dieser
mute den ungestmmen Bitten desselben nachgeben und das Paar trauen.

Kurz war der seeligste Traum meines Lebens! sagte tiefseufzend
Cornelia, und frchterlich war sein Erwachen. Was Liebe erfinden kann
um zu beglcken, das war mein schner Theil in den geschlonen Ehebund
und in der noch ~nie~ genossenen, aber in ihrer Neuheit mir
unbeschreiblich sen hulichen Stille, entflohen mir die glcklichen
Flitterwochen. Allein bald entdeckte ich finstre Wolken auf der
Stirne meines Gatten. Er wich meinen ngstlichen Fragen aus und half
sich mit leeren Ausflchten. Sein Trbsinn nahm jedoch immer mehr zu
und -- an einem Abend, wo er mit einer seltsamen Bewegung von mir
schied, da ihn Dienstgeschfte riefen -- sah ich ihn zum letztenmal!
Vergeblich wartete ich zur gewhnlichen Zeit auf seine Rckkehr. Die
Nacht erschien, sie verstrich, ohne Ruhe und Schlaf fr mich und
-- Romberg kam nicht wieder. Ein Strom von Thrnen unterbrach hier
Cornelien, Therese umfate tiefgerhrt die Trauernde und ihre innige
Theilnahme besnftigte den aufgeregten Sturm in dem Gemth derselben.
Nach einer Pause fuhr sie fort: Ich erfuhr nachher durch meine
Wirthsleute, welches gute Menschen und mir in Liebe und Mitleid sehr
zugethan schienen, da Romberg meinetwegen ein Duell gehabt htte und
da dies unglcklich ausgefallen sey, genthigt worden wre: mich und
den Dienst heimlich zu verlassen. Wer beschreibt meine hlflose Lage!
Ohne alles Vermgen, mit jener Gesellschaft, von der ich mich durch
Romberg verleitet, selbst getrennt hatte; aus aller Verbindung, hatte
ich Niemanden auf der weiten Welt, dem ich nher angehrte und war
also auch nicht im Stand irgend eine andere Lebensweise zu beginnen,
als mich eben wieder auf eine andere Bhne zu begeben. Mein Hauswirth
dem ich mich vertraute und der mich mit etwas Geld untersttzte, erbot
sich, mit dem Direktor der Truppe, welche in dem Ort spielt, wo ich
mich befand, meinetwegen zu sprechen: allein mir war es unmglich
hier aufzutretten; ich verkaufte einen Ring, das Einige was ich noch
von Werth besa und fuhr mit dem Postwagen nach C* wo ich bei dem
dortigen berhmten Theater gerne aufgenommen wurde. Vor Mangel war ich
nun wieder geschtzt: aber in meinem Innern sah es furchtbar aus. Das
Leiden einer Betrogenen, immer noch heftigen Liebe, erkannte ich fr
eine gerechte Strafe meiner an Langenheim verbten Untreue, der mir,
nicht nur die ffentliche Meinung, sondern auch die Liebe seines Vaters
geopfert hatte. Die Sorge um sein Schicksal, welches das Gefhl meines
eigenen Glckes verdrngt hatte, trat wieder hervor und verfolgte
mich immer, auch wollte mir das Schauspielerleben durchaus nicht mehr
zusagen. Ich hatte -- wie wohl nur in kurzen 4 Wochen -- mit meinem
Romberg gefhlt, was husliches Glck ist und mit unaussprechlicher,
doch vergeblicher Sehnsucht hing ich den sen Trumen nach, die mir
meine rege Phantasie davon entwarf. Die Zeit nahte heran, wo ich einem
armen vom grausamen Vater verlassenen Kinde das Leben geben sollte, ich
konnte nicht mehr auf der Bhne erscheinen und in die trbe Einsamkeit,
in welcher ich nun lebte, folgten mir die Gespenstergleichen Bilder
meines Unglcks.

Endlich vertrieben die Kriegsunruhen unsere Gesellschaft aus jener
Gegend. Auf der Reise wurde ich in einem kleinen Oertchen von einer
Tochter entbunden. Doch -- hier schien Cornelia mit einer geheimen
Unruhe zu kmpfen -- doch auch das Kind starb. Fr so viele bittere
Erfahrungen suchte ich Trost in dem Gebieth der Wissenschaften und
durch immerwhrendes Studium gelang es mir, mich mit bereichertem
Geist aber verarmten Herzen auf den Standpunct empor zu schwingen,
auf welchem ich nun stehe, wo ich gewhnlich rauschenden Beifall
einerndte, doch sonst auch Nichts fr meine bessere Sehnsucht gewinne.
Meine Absicht ist auch, mir nur eine gewisse Summe zu erwerben, dann
auf dem Lande mich anzukaufen und dort in der Stille mein vergriffenes
Leben zu vertrauern. -- Wohl setzte sie noch hinzu, habe ich jetzt
viel, sehr viel meinem Verhltni als Schauspielerin zu danken! ich
lernte durch dasselbe ein Wesen kennen, das, wie ein trstender
Engel aus bessern Welten, wieder Ruhe und Stille in das ungestmme
Meer meiner Empfindungen gebracht hat. Auch wei ich, da Langenheim
glcklich ist, ertrage also leichter in Zukunft mein eigenes Unglck.
Ach, wie konnte ich mir ~die~ seelige Folge denken, als ich mich
gestern entschlo, Ihrem Gast zu folgen, welcher mich nach geendigtem
Schauspiel aufsuchte und mir anbot mich in das Haus eines seiner
Freunde zu bringen, worinnen Knstler so sehr willkommen wren; ich
willigte ziemlich gleichgltig ein, denn erst, als ich vor Ihnen
stand, hrte ich den mir unvergelichen Namen. Gebt in der Kunst
mich, wenn es seyn mu, auf der Bhne anders zu geben als ich bin, war
mir doch dies in jenem Augenblick eben so unmglich als auch vorhin
bei Ihrem Eintritt eine Verwirrung zu verbergen. Nur Ihre hinreiende
Herzlichkeit und Gte -- Wie glcklich wre ich, fiel Therese hier
schnell ein, wenn ich mir durch mein Benehmen eine Freundin gewonnen
htte! Cornelia hob das schne dunkle Aug gen Himmel, faltete die
Hnde und sprach in Begeisterung: Gott! mache mich dieses groen
Glckes, der Freundschaft dieser Edlen wrdig! --

                   *       *       *       *       *

Mit kurzer Auswahl theilte Therese nach und nach ihrem Gatten aus
Corneliens Lebensgeschichte mit, was ihr, ihm zu sagen nothwendig
duchte (auch Albinen erzhlte sie manches davon, welches diese
mit groem Interee aufnahm). Vorzglich blieb sie bei dem, von der
Freundin geusserten Wunsch: vom Theater wegzugehen und sich auf dem
Lande anzukaufen -- fters stehen, und sprach denselben gleich einem
Eigenen aus. Zufllig wurde eben ein kleines Landhaus in der Nhe der
Stadt feilgeboten und Therese forderte von ihrem Gatten als einen
Beweis seiner Liebe fr sie: ihr das dazu erforderliche Capital als
Vorschu fr Cornelien und seinen Beistand bei den Unterhandlungen des
Kaufs zu bewilligen. Langenheim betrachtete sie lange stillschweigend.
Er frchtete durch irgend eine Aeuerung das zarte Gefhl ihres schnen
Herzens zu verletzen, das er fhig war in diesem Augenblick ganz zu
durchschauen, ganz zu verstehen. Endlich schlo er sie in seine Arme
und sagte: bestimme ber mein Vermgen, ber meine Handlungsweise!
mein edles Weib wird nichts von mir fordern, das ich nicht leisten
knnte und leisten drfte. Mit inniger Rhrung hrte und nahm Cornelia
Theresens gromthiges Anerbiethen an, und es entzckte sie die
Aussicht knftig in der Nhe dieser theuern Freundin ein glckliches
und ruhiges Leben fhren zu knnen. Sie verlangte und erhielt bald
darauf ihre Entlassung vom Theater und fhlte sich durch Theresens
achtungsvolle Freundschaft mehr geehrt, als durch alle, noch so
vortheilhafte mndliche und schriftliche Urtheile ber ihre Kunst,
wovon die Zeitschriften erfllt waren und die gesellschaftlichen Zirkel
wiederhallten. O den Besitz eines edlen Menschenherzens wiegt keine
Krone auf: sie sey von Gold oder von Lorbeeren!

Therese gieng nun wegen des Kaufs des Landguts fters zu Cornelien,
denn Langenheim hatte jede ~mittelbare~ Hlfe versprochen, aber
kein Verlangen gezeigt, sich Cornelien persnlich zu nhern. Die Gattin
schien ihn hier ganz ruhig nach eigener Willkhr handeln zu lassen,
usserte keine Besorgni, da sich die alten Freunde wieder sehen
wrden, wollte es aber auch nicht absichtlich veranlassen, sondern
berlie Alles dem Gang der Zeit und des Schicksals, welchem auch
Cornelia nicht vorgreifen zu wollen schien und Langenheims Haus seit
dem ersten Besuch nicht betretten hatte. Therese hatte ihr von dem
Eindruck, den ihr Wiederfinden auf Langenheim machte, nichts gesagt,
aber sie aufrichtig seiner fortdauernden Freundschaft oft versichert
und auf diese Weise ein rein herzliches doch leidenschaftsloses Gefhl
in beider Gemther erregt und unterhalten.

Bei einem jener Besuche, die Therese hufig bei Cornelien machte,
erzhlte Erstere dieser von ihrer geliebten Pflegetochter Albina.
Sie war unerschpflich in ihrem Lob und fand bei Cornelien eine
wunderseltsame Theilnahme. Bei der regelmigen Schnheit Albinens
erwhnte sie, als eines kleinen Verstoes gegen dieselbe eines Mal's am
Halse, weswegen sie genthigt sey, ihren blendend weisen Nacken, immer
in hohe Chemissetten zu verhllen. Wie ist dies Mal gestaltet? frug
Cornelia schnell? Ganz wie ein natrliches Erdbeerchen antwortete
Therese. Gott! mein Kind, mein Kind! meine wiedergefundene Tochter!
rief ganz ausser sich Cornelia, strzte vor Theresen nieder, hob die
Hnde empor und flehte: Engel! vollende dein himmlisches Werk! gieb
mir mein Kind wieder! Ich will Tag und Nacht sinnen, wie ich deine
Liebe dir vergelte! Ja fordre was du willst, ich will Alles thun,
nur sey barmherzig und gieb mir meine Tochter wieder! Therese hob
sie trstend auf und versicherte freudig: augenblicklich Albinen
davon zu benachrichtigen und ihr dieselbe zuzufhren. Sie eilte auch
sogleich nach Haus und als Albina ihr entgegen kam, umarmte sie
dieselbe gerhrt und sagte: Du ahnest wohl nicht gutes Kind! welch
ein wichtiger Augenblick dir naht, bereite dich auf eine groe Freude
vor! o Mtterchen! sprich doch, schmeichelte Albina! ich bin voll
Begierde. Sie waren jetzt ins Zimmer gekommen und hier entdeckte
ihr die bewegte Pflegemutter, da Albina sich von ihr trennen msse,
um an dem Herzen der eigenen Mutter zu ruhen. Welch eine Fluth ser
Empfindungen goen diese Worte in des Mdchens Seele. Wie fhlte sie
die Strke der, in den Banden des Bluts begrndeten Rechte der Natur!
Von welch ganz anderer Art war, was sie jetzt empfand im Vergleich mit
dem, was sie fr ihre geliebten Pflegeltern fhlte! Mit der ihr eigenen
Offenheit warf sie sich Theresen in die Arme und sagte: so lang meine
Lebenspulse schlagen und noch jenseits werde ich mit unaussprechlicher
Liebe und Dankbarkeit dich verehren: aber vergieb der Sehnsucht die
mich fest mit aller Gewalt zu meiner Mutter hinzieht. O Albina ist
nicht mehr heimathlos! Wie viel ses liegt in diesem Gedanken! und ich
habe eine Mutter, die du werth hlst, die ich lieben und achten kann
und die auch mich, so, wie ich durch deine treue Frsorge bin, nicht
von ihrem Herzen wegweisen wird. Komm, o komm, da sie sich mit mir zu
dem Dank vereinigt, den ich so tief fhle, fr den ich aber keine Worte
finden kann! Therese streichelte die glhende Wange des entzckten
Mdchens und sagte: nur so lange gedulde dich liebes Kind! bis ich den
guten Vater von allem unterrichtet habe, es wre pflichtwidrig dies
anstehen zu lassen, ich will mich recht kurz fassen und bin gleich
wieder bei dir. Erstaunt hrte Langenheim Theresens Erzhlung und
freute sich mit ihr, vom Schicksal auserkohren worden zu seyn, das Kind
einer Freundin so zu erziehen, um es ihr nun vorwurfsfrei in die Arme
fhren zu knnen.

Unterdessen fhlte Cornelia eine Ungedult, welche bei ihrem
leidenschaftlichen Charakter, schmerzlich wurde, sie verwirrte ihre
Ideen, da sie nichts deutlich denken konnte als den Wunsch: wenn
sie doch kmen! hundertmal gieng sie ans Fenster und rannte dann,
wenn sie niemand erblicken konnte, laut weinend im Zimmer auf und ab.
Endlich ffnete sich die Thre und -- Albina flog in ihre Arme. Fr
solche heilige Momente besitzt die Feder keine Fhigkeit sie wrdig
zu schildern und begngt sich damit, erst wieder nach den ersten
Ergssen heftig ergriffener Gemther ihre Thtigkeit fortzusetzen;
unterdessen entwerfe sie mit einigen Zgen Albinens Bild: Sie stand vor
ihrer Mutter in der vollen Jugendblthe eines 16 jhrigen Mdchens,
ausgestattet mit jeder usseren Schnheit und Anmuth. Das reiche blonde
Haar umschlang in zierlichen Flechten das schn geformte Haupt, einige
Locken umspielten die freie offene Stirn, die feine, fast unmerklich
gebogene Nase gab ihrem Gesicht ein regelmiges Profil. Die Wangen
schienen von sanfter Pfirsichblthenfarbe nur angehaucht, des kleinen
Mundes Korrallen-Lippen verschloen zwei blendend weie Reihen Zhne
und das Kinn mit einem Grbchen versehen, vollendete die rein ovale
Form des Gesichts welches durch ein paar seelenvolle blaue Augen
Leben und Ausdruck erhielt. Ihr Wuchs war edel, ihr Gang leicht und
schwebend, ihre Sprache tnte melodisch und alle ihre Bewegungen,
alles was sie sagte und that trug das Geprge von Anmuth, von richtiger
Bildung erworbener Fertigkeiten und -- von Seelenadel. Wahr und treu
im engsten Sinn des Wortes, war sie schon von Kindheit an gewesen und
der Reichthum von Liebe in dem Herzen ihrer treflichen Pflegmutter
waltend, theilte sich auch dem ihrigen mit und nahm ganz Besitz
davon. Es entzndete sich an ihrer Gluth das Feuer der Thtigkeit fr
Andere. Ja, die Kraft, die schon in ihr lag, sich fr die Menschen,
besonders fr geliebte Wesen aufzuopfern, verstrkte sich durch das
edle Beispiel Theresens. Sehr geschickt in allen weiblichen Arbeiten,
nicht unbekannt mit den schnen Wissenschaften, verband sie mit all'
diesen herrlichen Eigenschaften eine liebenswrdige Bescheidenheit,
eine unverstellte fromme Demuth. Auch jetzt als Cornelia, lange in
ihren Anblick versunken, endlich in gerechte oder leidenschaftliche
Aeusserungen der Bewunderung ausbrach, suchte Albina, hoch errthend
und beinah ngstlich sie dadurch davon abzubringen, da sie ihren
Blick auf Therese als die Grnderin ihres Glcks lenkte. Cornelia
verstand sie und lie nun ihr volles Herz gegen diese in Dank und Wonne
ausstrmen. Es ist einer der seeligsten Augenblicke meines Lebens
sagte Therese, und ich danke der Vorsicht gerhrt fr den hohen Lohn
einer Handlung, welche der Menschlichkeit angehrte; fr den sen
Erfolg meines Strebens, die natrlichen Eigenschaften unserer Albina
dazu auszubilden, da sie jetzt die Freude und der Stolz einer wrdigen
Mutter werden kann und wird. Aber Mtterchen, welcher feindseelige
Dmon stellte sich einst trennend zwischen dich und dein armes Kind?
sagte Albina, indem sie sich mit thrnenvollem Auge an Corneliens
Busen schmiegte: diese erwiederte: ja, ich fhle es, ich bin dir die
Beantwortung dieser natrlichen Frage schuldig, so wie auch dir, meiner
schwesterlichen Freundin Therese -- setzt euch zu mir ihr Theuern!
ich will euch Aufschlu geben so gut ich kann, nur ist mir selbst
gar manches dunkel: In der Periode, in welcher ich meiner Entbindung
entgegen sah, war wie ich schon erzhlte durch die Kriegs-Unruhen,
unsere Truppe und ich mit ihr genthiget, einen andern Aufenthalts-Ort
zu suchen. Ich kam auf der Reise in einem kleinen Ort in die Wochen.
Eine dem Schein nach gutmthige Person, die Frau des Leinenwebers,
bei dem ich mich eingemiethet hatte, zeigte so viel Antheil an mir
und meinem Kinde, da ich nach 8 Tagen -- (lngere Zeit wurde mir von
meinem Direktor nicht zur Erholung gegnnt, sondern ich wurde schleunig
einberufen) -- ihr den Vorschlag machte: meine Kleine nur so lang zu
behalten, bis unsere Gesellschaft wieder einen festen Haltungspunct
htte; ich glaubte sie hier besser versorgt, als sie es bei mir, in
meiner unstten Lebensweise gewesen seyn wrde, versprach: sie so bald
als mglich holen zu lassen und sie dann reichlich zu belohnen. Auch
schon bei meiner Abreise beschenkte ich sie und ri mich mit tiefem
Schmerz von meinem geliebten Kinde los. Die damalige Zeit erschwerte
und verzgerte eine sichere Unterkunft fr uns. Wir entfernten uns
immer mehr von jenem Dorf und ich konnte keine Nachricht geben noch
hren. Beinah war ein Jahr verfloen, als es mir endlich gelang einen
Kanal auszumitteln, durch welchen ich etwas zu erfahren hofte, was
meine sehnschtige Sorge befriedigen knnte: allein, was ich erfuhr
war nur geeignet, mich ganz niederzubeugen. Jenes Dorf, hie es, sey
ausgeplndert und die Einwohner vertrieben worden. Die Ungewiheit ber
dein Schicksal meine Albina! die Vorwrfe die ich mir wegen meines
Verfahrens machte, war ein neuer Stachel, der sich tief in mein ohnehin
wundes Herz senkte und es immer von Neuem unheilbar verletzte. Der
Anblick jedes lieblichen Mdchens rief mir das Bild vor die Seele, das
sich meine Phantasie von dir ausgemalt hatte. Ueberall sah ich nur
dich, forschte genau bei jeder scheinbaren Spur von dir nach, hoffte da
und dort etwas von dir zu hren und hatte ich mich wieder getuscht,
dann beweinte ich dich so lange als tod, bis mir wieder ein neuer
Hoffnungsschimmer glnzte. Noch ehegestern als ich mich der Stadt
nherte, sagte ich zu mir selbst: sollten diese Mauern dein verlohrnes
Kleinod umschlieen! und wirklich -- ich habe es darinnen gefunden! ich
besitze es und bin nun unbeschreiblich reich! --

So lebhaft Corneliens Wunsch war, sich nicht mehr von Albinen zu
trennen: so billigte sie doch Theresens Ansichten, welche glaubte,
da man, um groes Aufsehen zu verhten, ein kleines Opfer nicht
scheuen sollte. Sie schlug vor: bis das nun gekaufte Landhaus ganz
in bewohnbarem Zustand sey, sollte Albina bei Langenheim bleiben,
mit Theresen aber die Mutter bei ihren neuen Einrichtungen treulich
untersttzen und erst dann ganz bei ihr wohnen. Auf diese Weise wre
die neugierige Welt immer in einer Art Ungewiheit ber die Sache, und
es bliebe ihr anheimgestellt, was, und wie sie davon denken mgte.

Therese war die beinah ngstliche Scheu vor der ffentlichen Meinung
von ihrer ehemaligen Wohlthterin, der sie ihre ganze Bildung zu
verdanken hatte, so sehr eingeprgt worden, da sie auch in der groen
Welt, worinnen sie jetzt lebte, in diesem Punct usserst streng
dachte und besonnen handelte, um durch nichts einen beln Schein
zu verlassen, oder den ussern Anstand zu verletzen. So offen sie
sich brigens benahm, so verschwiegen und geheimnivoll war sie bei
Ereignissen, welche zu falschen Urtheilen Gelegenheit geben konnten.
Cornelia ehrte ihre Grundstze und erfllte ihren Wunsch. Rasch gieng
es nun ber die Herstellung und Einrichtung des neuen Wohnsitzes
Corneliens her. Ihr erworbenes Vermgen reichte zu, um die nthigen
Meubeln, Garten- und Hausgerthe, zwar einfach, aber geschmackvoll
anzuschaffen und bald schimmerte das Haus in frischem Anstrich von
weisgelber Farbe, mit grnen Fensterlden und neu gedeckter Bedachung
durch die dunkeln Kastanienbume die es umgaben und zog Vorbergehende
zu nherer Beschauung an. Man gewahrte dann an der einen Nebenseite
des Hauses einen Blumen- und Gem-Garten, in dessen Mitte ein Delphin
seinen Wasserstrahl in ein kleines Bassin sprudelte; ringsherum waren
Akkazien-Hecken gepflanzt. An einem Ende des Gartens duftete eine
Laube von jelnger jelieber. Ihr gegenber war ein kleines Treibhaus
angebracht. Die Wand des Gebudes an welche der Garten sich anschlo,
war mit hohen, dichtbelaubten Weinreben bedeckt und an den Spalieren
prangten reifende Frchte, die andere Seite des Hauses stand frei; ein
Fusteig schlngelte sich an ihr Berg an, durch ein kleines Gehlz zu
einem Hgel, der auch mit Wein bepflanzt, in guten Jahren eine ziemlich
reiche Erndte versprach. Noch gehrten Wiesen und Aecker zu diesem Gut,
welches Alles bei Corneliens Uebernahme vortheilhaft verpachtet wurde;
ausgenommen der Garten, den sich Albina zur Bestellung vorbehielt.
Hier trat die Kinderzeit mit ser Magie ganz vor ihre Seele und
sie lebte mit ihren ersten Gespielen mit den Blumen wieder in alter
Vertraulichkeit, pflegte sie mit groer Sorgfalt und hatte bald in
ihrem Glashause Seltenheiten, welche ihr den Besuch vieler Fremden und
Einheimischen verschafften, wo sie durch manchen vortheilhaften Verkauf
Gewinn erhielt. Vorzgliche Pflege wiedmete sie der Laube, damit das
~Jelnger Jelieber~ in Ueppigkeit an ihr empor wuchs und auf ihren
~Nelkenflor~, der bald jeden andern bertraf, so wie auf einige
~Granatenbume~, welche mit Blthen, in die Farbe der Wahrheit
getaucht alljhrlich in Flle prangten. Auch in ihrem Zimmer durften
in der Blumenwase jene 3 Gattungen ihrer Pfleglinge nicht fehlen; denn
Albina lie sich so gerne durch sie an den Augenblick erinnern, in dem
sie Langenheims kennen gelernt hatte und der so entscheidend fr ihr
Leben war. Doch wir wollen nun auch in das Innere des Landhauses, wo
unsere Albina ferner leben soll tretten und es nher beschauen.

Es war eine liebliche, gerumige und bequeme Wohnung, wo berall
die hchste Reinlichkeit herrschte, wo die gefllig geformten und
sauber gehaltenen Meubeln, die fehlende Kostbarkeit ihres Werthes
vergessen machten, und wo man berall die Spuren der feinen Bildung
und ntzlichen Thtigkeit der Bewohner wahrnahm. So war z. B. im
Erdgescho ein freundliches Zimmer, durch welches man in den Garten
gehen konnte. Hier hielten sich Mutter und Tochter grtentheils in
der bessern Jahreszeit auf. Es war einfach meublirt und Tisch und
Sthle hatten die Farbe der Bume und Gestruche, welche durch die
Fenster nickend, liebliche Khle in dem Gemach schufen. Doch die sinnig
geordneten Tpfe mit aufgeblhten Blumen, die Albinens Sorgfalt der
brennenden Sonnenhitze entzog, verbreiteten in dem Zimmer herrliche
Wohlgerche und gaben dem Ganzen das Ansehen eines Tempels der Gttin
Flora. Im obern Stockwerk war ausser den gewhnlichen Gemchern ein
gerumiger Saal. Ein schner Flgel, eine Guittarre, ein Bcherschrank,
hinter dessen Glasfenster man die Namen der besten Werke, alle in
ein gleiches Gewand von englischem Leder gehllt, lesen konnte, und
ausgesuchte treffliche Kupferstiche unter Rahm und Glas waren darinnen
zu finden. Auch im Gastzimmer war fr die Unterhaltung des gern
Beherbergten durch ein kleines Repositorium mit einigen interessanten
Bchern gesorgt; schwellende Kissen mit glnzendem Weis bezogen,
luden zur behaglichen Ruhe ein; ja auch hier, war Reinlichkeit und
Anstand zu finden, wie in jedem Theil des Hauses. Den Hofraum umgaben
Oeconomie-Gebude, nemlich die Wohnung des Pchters, seine Stallungen,
Scheuren u. s. w. es fehlte nichts was zur Bequemlichkeit und zum
Vortheil der Besitzer gehrte.

Cornelia fhlte sich unbeschreiblich glcklich im Besitz dieses
Eigenthums und durch die, von ihrer ehemaligen nun so ganz
verschiedenen Lebensweise. Ordnung, Einfachheit und Ruhe, und dennoch
hohe Gensse waren mit ihr verbunden; und an der Seite ihrer Albina
erhielt alles noch mehr Werth fr sie.

Nur Theresen, der Schpferin ihres Glcks, gestand sie zuweilen, wenn
sie feurig ihre Lage prie: da noch ~ein~ Wunsch in ihrer Seele
lebe, nemlich der: von Rombergs Schicksal etwas zu erfahren; und bei
solchen Aeuerungen fielen oft auf Theresens Hand, die sie an ihr
pochendes Herz drckte, groe Thrnen.

Albina war auch hier in ihrer neuen Sphre wieder unermdet thtig.
Sie wute, da die Mutter Langenheims Schuldnerin war und so gerne sie
sich den edlen Menschen verpflichtet fhlte: so glaubte sie doch hchst
undankbar zu handeln, wenn sie nicht das, was in ~ihrer~ Macht
stand anwenden wollte, um von der Gte der theuern Freunde nicht zu
lange Gebrauch zu machen, was in ihren Augen Misbrauch schien.

Die Mutter hatte ihr gleich Anfangs das Haus-Regiment bergeben, da
sie durch ihre ehemaligen Verhltnie verhindert sich wenig husliche
Kenntnie erwerben konnte und dieselben sich erst nach und nach zu
eigen zu machen im Stillen sich vornahm. Albinens feines Gefhl wute
es aber ~so~ zu wenden: als sey es fr die Mutter eine Last, die
sie ihr freudig abnehmen wolle; sie unternahm nichts ohne Beistimmung
Corneliens, verstand es aber immer so vorzutragen, da Jene gegen ihre
klugen Einrichtungen nichts einwenden konnte. Alle zielten dafr ab,
zu ersparen, zu gewinnen, ohne zu geitzen, oder es den Dienenden und
Hlfsbedrftigen zu entziehen.

Auch schmte sie sich nicht, ihre Fertigkeiten in weiblichen Arbeiten
jetzt fr sie eintrglich zu machen. Sie bemhte sich immer die
neuesten Mode-Arbeiten, von deren Erscheinen sie durch Theresen
sogleich in Kenntni gesetzt wurde, schnell nachzufertigen und dies
trug ihr viel Geld ein. Cornelia, welche Verstand genug besa, sich
berall bald zurecht zu finden, lernte Albinen ihre Vortheile ab und
beide beeiferten sich nun um die Wette, recht viel auf solche Weise zu
verdienen.

Therese freute sich, so oft sie ihre Freundinnen besuchte, mit Dank
gegen Gott ihres gelungenen schnen Werks und wurde jedesmal von
jenen mit der dankbarsten Verehrung und Liebe begrt. Durch ihr
offenes, kluges und liebevolles Betragen brachte sie es dahin, da die
Scheidewand fiel, welche bisher noch immer trennend zwischen ihrem
Gatten und Cornelien stand. Sie nherten sich einander herzlich und
ruhig, das gegenseitige volle Vertrauen beugte jedem gefhrlichen,
leidenschaftlichen Gefhl vor und jedes fand sich befriedigt im
ungestrten Besitz einer Neigung, welche Vorzge und Pflicht
einflten und erlaubten.

Der Ruf von dem freundlichen Landhaus und seinen achtungswerthen
Besitzerinnen verbreitete sich sehr bald und sie wurden fleiig
heimgesucht. Bald wnschte man Albinens Treibhaus zu sehen, bald ein
seltenes Gewchs zu kaufen, bald wurde eine knstliche Arbeit bestellt.
Wer nun kam, gieng immer usserst befriedigt hinweg und erzhlte hie
und da von der lieblichen Wohnung, von der gebildeten Mutter, von der
liebenswrdigen Albina. Auch die Aufmerksamkeit der vorberfahrenden
Fremden (es fhrte die Poststrasse an dem Garten vorbei) zog das Ganze
oft auf sich.

An einem schnen Sommer-Abend sa Cornelia und Albina im
Garten-Zimmerchen an einer Stickrahm. Ein Ofenschirm war seiner
Vollendung nahe, auf welchem die Kunst einen Korb voll Blumen
hingezaubert hatte, von denen jede der Natur abgeborgt schien. Glaubst
du nicht Mtterchen, da hier noch eine Lcke ist, welche dort jene
Moosrose gut ausfllen wrde? frug Albina, die Stickerei bald nher,
bald von der Ferne betrachtend, und das blonde Kpfchen dabei hin und
her wiegend. Sie kann sich zwischen der Nachtviole und der kleinen
Rosette gut ausnehmen, erwiederte Cornelia, doch pflcke keine von
dem Blumentopf, setzte sie hinzu, als Albina im Begriff war dies zu
thun; im Garten, nahe an der Laube sah ich vorhin eine Blthe, die
noch halb in der Knospe mir malerischer dnkt. Albina eilte durch die
offene Thre in den Garten und pflckte die Blume. Im Rckweg, als
sie an dem schwarzen Gatterthor vorbei gieng, durch welches man von
der Fuhrstrae herein kam, erblickte sie an demselben einen Fremden
mit zwei allerliebsten Mdchen von 6 und 8 Jahren, alle in Trauer
gekleidet, welche den Garten zu betrachten schienen. Albina ffnete
sogleich das Thor und erfreute Jene durch das mit ihrer liebenswrdigen
Freundlichkeit geuerte Anerbieten: einzutretten, welches auch
sogleich dankbar bentzt wurde. O wie schn ist es hier! riefen die
Kinder und klopften in die Hnde. Sehr, sehr schn stimmte der Vater
bei, und ihm -- einem groen Botaniker fiel sogleich das Treibhaus in
die Augen. Albina fhrte sie hin und zeigte einige seltene Gewchse,
wobei sie sehr gelufig die Namen, so wie die Eigenschaft jeder
derselben zu nennen wute.

Baron Kronthal (so hie der Fremde) sah und erfuhr hier selbst Manches,
was ihm noch unbekannt war und schien so unendlich erfreut darber, da
Albina trotz seiner Lobsprche, womit er sie berhufte, diesmal doch
mehr ihrer Gutmthigkeit, als ihrer Bescheidenheit Gehr gab und alle
ihre Schtze ihm vorstellte. Dann fhrte sie die Fremden zur Mutter
und nachdem man sie begrt hatte, zogen die Kinder, die schon ganz
vertraulich mit Albinen plauderten, dieselbe jubelnd zu einem zahmen
Canarienvgelchen, das bald in den nahstehenden offenen Kfig hinein
hpfte, bald wieder heraus flatterte und sich auf den Blumenkronen
wiegte; sie waren unbeschreiblich glcklich als Albina etwas Futter
in ihr Hndchen streute und der zahme Pipi dasselbe wegpickte. Der
Baron unterhielt sich unterdessen sehr befriedigend fr ihn mit
Cornelien. Die kunstvolle Arbeit wurde auch nach Verdienst bewundert
und ein auf der Stickrahm aufgeschlagen liegendes Buch (es war: die
Bilder des Lebens von Ehrenberg) in welchem Albina Cornelien kurz
vorher vorgelesen hatte, bestrkte Kronthal in seiner, von Mutter und
Tochter gefaten vortheilhaften Meinung, denn whrend Erstere Albinen
den Auftrag ertheilte, eine kleine Erfrischung zu holen, konnte er
den Reiz nicht widerstehen in das Buch hinein zu schauen und fand von
einer niedlichen Frauenhand niedergeschriebene geist- und gefhlvolle
Bemerkungen ber mehrere intereante Stellen in dem erwhnten Buch. Die
Mdchen baten schmeichelnd, da sie Albinen begleiten drften. In der
Zeit machte Kronthal Cornelien mit der Absicht seiner Reise bekannt:
Er hatte nemlich das Unglck vor einigen Wochen die Gattin, die treue
Mutter seiner Kinder durch den Tod zu verlieren und unfhig auf dem
einsam gelegenen Gut, das er bewohnte, letztern die gehrige Erziehung
geben zu knnen: wollte er sich in der Residenz nach einer Anstalt
erkundigen, welcher er seine Tchter anvertrauen knnte; allein setzte
er hinzu: Was ich ~hier~ sah und hrte wird mein Urtheil, meine
Forderungen steigern. Warum; o warum machen Sie Ihr schnes Leben nicht
gemeinntziger? warum sorgt Ihre liebenswrdige Tochter fr leblose
Pfleglinge, indem Ihre Wohnung eine wohlthtige Pflanzschule fr junge
Gemther werden knnte, worin der Natur die hlfreiche Hand geboten
und kstliche Frchte gezogen werden wrden. -- Cornelia schien
nachdenkend. -- Der Baron fuhr fort. Knnten Sie sich entschlieen,
einen bekmmerten Vater die groe Sorge fr seine geliebten Kinder
abzunehmen -- ich wrde mit Freuden jede Ihrer Forderungen befriedigen
und mein Dankgefhl wrde unauslschlich seyn. Indem trat Albina mit
den Kleinen in das Zimmer. Sie hatten ihr Alles abgenommen, um nur von
ihrer Hand gefhrt zu werden und trugen -- die Eine ein zierliches
Krbchen mit Apricosen und Frhbirnen, die Andere einen Teller mit
mrbem Brod. Aurelia! Sidi! rief der Vater ihnen zu, wie gefllts
euch hier? ach so wohl, so wohl erwiederten beide, da wir immer
hier bleiben mchten! -- berall ist so freundlich, so lieb, ich
fhle mich ganz heimisch hier, sagte Sidi. Aurelia die Aeltere klagte:
So wirds nicht in der Anstalt seyn, wo Du uns hinbringen willst guter
Vater -- sie schlang ihren Arm um seinen Nacken und fuhr fort -- dort
werde ich viel und lange weinen, wenn Du von uns weggehst, hier aber
glaube ich, knnt' es mit ein paar Thrnchen vorbergehen; mir ist so
wohl, so wohl, als wenn noch die Mutter bei mir wre hier lief sie vom
Vater weg zu Albinen; barg ihr Gesichtchen an den Busen derselben, und
weinte sanft.

Albina -- sagte Cornelia -- dieser Freund hier schenkte uns ein
Vertrauen, diese holden Kinder eine Liebe, welches beides unsere
dankbare Anerkennung fordert: ich denke aber, wir knnen jene uns
ehrenden und beglckenden Aeusserungen in die Zukunft dadurch
rechtfertigen, wenn wir mit gewissenhafter Treue die Erziehung und
Ausbildung dieser theuern Wesen bernehmen und besorgen.

Entzckt kte Kronthal Cornelien die Hand; die Kinder horchten hoch
auf und als ihnen Albina freundlich bestttigte, ja wir bleiben
beisammen! war ihre Freude ohne Grenzen.

                   *       *       *       *       *

Die Gegenwart der Kleinen nderte wenig in der Lebensweise Corneliens
und Albinens, denn der Vater hatte es nicht nur gebilligt sondern
ausdrcklich gewnscht: da, in Rcksicht der physischen Bedrfnisse
und Ausbildung seiner Kinder die hchste Einfachheit beobachtet werden
mchte.

Es wurde also wie bisher mit der Sonne aufgestanden, ein Glas
frisches Quell-Wasser und etwas spter Milch getrunken, dann
erhielten die Kinder abwechselnd von Mutter und Tochter Unterricht in
wissenschaftlichen Gegenstnden, aber auch bei huslichen Geschften
durften sie, wo sie konnten kleine Dienste leisten. Nach Tisch wurde
wie auch Abends ein Stndchen der Blumenpflege gewiedmet, nachher
muten die Mdchen eine weibliche Handarbeit vornehmen und der brige
Theil des Abends gehrte ihren Erholungen, wobei Albina ihre Spiele
leitete und berhaupt immerwhrend durch Beispiel und Unterhaltung,
ohne da sie es oft selbst wute, lehrreich fr sie wurde, das
Mittagessen und die Abendsuppe blieben so einfach wie bisher und
bald nachdem die letzte eingenommen war, ruheten auf dem Lager von
Rohaarkssen die durch bestndige Thtigkeit ermdeten Glieder der
holdseligen Mdchen sanft aus. Diese ganz einfache und doch herrlich
gedeihende Erziehung wirkte so vortheilhaft auf Aurelia und Sidonie,
da nicht nur ihr Geist und ihr Herz eine treffliche Richtung und einen
Reichthum von Kenntnien und zarten edlen Gefhlen erhielt, sondern,
da auch ihr Aeueres die Spuren der festesten Gesundheit und der
Reinheit ihrer Seele trug.

Jeder Blick ruhte mit Wohlgefallen auf ihnen und die Folge war: da
mehrere Eltern ihre Lieblinge Albinen und ihrer Mutter zufhrten
und sich auf diese Art ein Institut bildete, das, zwar nicht seiner
Ausdehnung nach (denn die Zahl der Zglinge durfte nur bis auf
12 steigen) aber in Hinsicht seiner aufgestellten und befolgten
Grundstze, zu den Vorzglichsten gehrte. Die befriedigten Eltern
entwarfen selbst fr Cornelien die vortheilhaftesten Bedingnisse,
unter welchen ihre Kinder angenommen werden sollten und so hatte sich
auf einmal der Lebensplan von Jener und von Albinen ohne ihren Willen
gendert. Sie suchten vorher beinah ngstlich durch den Erwerb ihrer
Handarbeit, ihre Verpflichtung gegen Langenheims zu erfllen und ihre
Existenz zu erleichtern, sie wollten dabei nur ihr Grtchen anbauen
und in der Stille leben, jedoch ganz anders gestaltete sich auf einmal
ihre Lage. Ein groer segensreicher Wirkungskreis war auf einmal vor
ihren Blicken geffnet. Hier sollten sie pflanzen und pflegen, sen
und erndten. Die Sorge fr das eigene Fortkommen wurde von der weit
edlern Sorge fr die geistigen und physischen Bedrfnisse Anderer
verdrngt und mit dem Gewinn, den sie reichlich durch die Freigebigkeit
der Eltern und Verwandten in klingender Mnze erhielten, verband sich
der noch weit hhere Lohn, der in dem Gelingen ihres gewissenhaften
Strebens: fromme, durch sich selbst glckliche Menschen zu erziehen,
bestand.

                   *       *       *       *       *

So lebhaft es nach und nach in dem freundlichen Landhaus wurde, so
stille war es um Theresen, seit sich Albina von ihr getrennt hatte; sie
fhlte sich verwait: denn die se Gewohnheit, alle Arbeiten mit dem
Beistand des lieben Mdchens vorzunehmen, alle Vergngungen mit ihr zu
genieen, sich an ihren Vorzgen im Stillen zu weiden, dies Alles --
hatte aufgehrt. -- Daher kam es ihr sehr erwnscht, als Langenheim
mit einem Brief in der Hand in ihr Zimmer trat, und ihr erffnete:
da Prsident Volkmar, wegen Krnklichkeit um seine Dienstentlassung
nachgesucht habe, da er knftig in der Residenz mit seiner Familie zu
leben gedenkt und den lebhaften Wunsch hege: in Langenheims Wohnung ein
Quartier zu beziehen. Kann ich wohl anders liebes Weib! als ihm den
2ten Stock unsers Hauses zusagen? setzte Langenheim am Schlu hinzu,
ihm haben wir ja so viel zu danken! und es sind gute edle Menschen!
Therese stimmte ihm bei und traf gleich an den folgenden Tagen alle
hiezu nthigen Vorkehrungen im Haus. Nach Verflu eines Monats erschien
nicht nur Volkmar, mit Gattin und Tochter, sondern auch Guido sein
Sohn und Theodor ein Freund desselben kamen mit ihnen nach D**. Die
beiden letztern waren eben von der hohen Schule zurckgekehrt und
sollten sich in der Residenz um eine Anstellung bewerben. Nun war auf
einmal wieder Leben in Langenheims Haus. Es wurden die ffentlichen
Vergngungen mehr genoen und viele Gesellschaften so wohl gegeben, als
auch besucht.

Volkmar wurde, als vertrauter Freund gleich whrend den ersten Tagen in
die Verhltnie Corneliens und Albinens eingeweiht, welche sich bald
nach seinem letzten kurzen Aufenthalt zu D** entwickelt hatten und er
und seine Familie zeigte eine groe Sehnsucht bei Jenen eingefhrt zu
werden.

An einem schnen Nachmittag berraschte die ganze Gesellschaft die
wrdigen Vorsteherinnen des kleinen Instituts, als sie eben bei einer
Lesestunde in dem Saal unter ihren Zglingen saen und sich nebst
den andern mit Handarbeit beschftigten, inde Aurelia, welche die
Reihe traf mit Richtigkeit und Ausdruck in Lossius Gumal und Lina
vorla. Albina flog von ihrem Sitz auf, als sie Theresen erblickte
und wollte in ihre Arme eilen: jedoch sie trat wieder einige Schritte
hocherrthend zurck: denn eine schne mnnliche Gestalt ging auf
sie zu und verbeugte sich mit edlem Anstand. Therese nannte Guido,
Volkmars Sohn. Unterdessen waren sie alle in den Saal getretten und
die Bewillkommnungsscene erregte sehr gemischte Empfindungen in den
Gemthern der Anwesenden; besonders bei Cornelien. So bald sie konnte
flsterte sie Theresen ins Ohr: wer ist der junge Mann? indem sie auf
Theodor zeigte. Theodor Hainau, antwortete Jene und sah erstaunt die
Freundin an, welche ihr wieder in einem leidenschaftlichen Zustand zu
seyn schien. Es war keine Zeit zu Errterungen zu finden und nachdem
Garten und Haus mit Allem was dazu gehrte, eingesehen und eine kleine
Erfrischung gereicht und genossen war, endete sich der Antrittsbesuch.
Man schied zwar sehr befriedigt von Allem, was man gesehen und gehrt
hatte, indessen freuten sich mehrere der Theilnehmer derselben im
Stillen, allein oder in geringerer Anzahl bei den interessanten
Freundinnen zuweilen zuzusprechen, wovon man sich einen greren Genu
versprach.

                   *       *       *       *       *

Langenheims waren mit ihren lieben Miethsbewohnern hchst zufrieden.
Der Baron war ein Mann von seltenen trefflichen Eigenschaften. In
seiner Gattin, welche das Bild einer unermdet thtigen treuen
Hausmutter vorstellte, erhielt Therese eine liebende, ihrer Liebe
werthe Freundin. Aber in Eugenien fand sie Albinen -- nicht. Sie besa
mehr einen mnnlichen als weiblichen Charakter, war mehr gelehrt, als
gebildet, anmaend im hchsten Grad und stolz auf ihr Wissen. -- So
unzufrieden die Eltern mit ihrer Tochter waren, so sehr beglckte sie
der Besitz ihres Guido's. Mit einem Schatz gesammelter Kenntnie, mit
einem reinen, unverdorbenen Herzen, den Sitz eines unaussprechlich
tiefen Gefhls, mit einem festen Sinn und feinen Sitten -- so kehrte
er von der Universitt in die Arme der Eltern, dabei war er schn wie
Apoll und khnen Muthes wie Mars. Ihm flogen alle weiblichen Herzen
in der Residenz entgegen: doch das Seinige schlug seit dem ersten
Anblick nur fr -- Albinen. Theodor Hainau wurde berall als Freund
Guido's und Verwandter des Hauses vorgestellt, stand aber neben
Ersterm im Schatten. Er hatte nichts ausgezeichnetes, als einen hchst
schwermthigen Zug im Gesicht. Auch war er immer ernst und stille,
dabei aber nicht ohne Kenntnie und unbeschreiblich sanften weichen
Gemthes. Seine grte Neigung war die Musik; er spielte den Flgel und
blie die Flte trefflich. Auch ihm schien Albina das vollkommenste
weibliche Wesen, das er je gesehen, und er konnte nichts denken als
sie. Sie war der Inhalt seiner klagenden Tne am Clavier, denen seine
Leidenschaft Worte gab, sie erschien ihm im Traume und oft gieng er vor
die Stadt, um nur von ferne die Wohnung zu sehen, wo sie liebend und
emsig waltete.

In dem Landhaus hatte jener Besuch auch verschiedenartige Folgen
zurckgelassen. Albinens ruhiger Gleichmuth war gestrt. Sie mochte
es sich noch so sehr selbst ablugnen wollen, die beiden Jnglinge
beschftigten ihre Phantasie mehr als alle mnnliche Erscheinungen,
welche ihr schon auf ihrem Lebensweg begegnet waren. Guido'n mute sie
den Vorzug geben: jedoch wunderseltsam zog sie Theodor an; sie konnte
sich durchaus keine Rechenschaft von dem Gefhl geben, das er in ihr
erregt hatte. Niemand konnte indessen etwas davon ahnen, was in ihrem
Herzen vorgieng; nur in stiller Nacht, oder wenn sie alleine den Garten
durchwandelte, hing sie hnlichen Betrachtungen nach, dann stand sie
freilich oft lange gedankenvoll vor ihren duftenden Pfleglingen, ohne
sich um sie zu bekmmern, bis ein leiser Lufthauch ihre Zweiglein und
Blthenkronen gegen sie fhrte, gleich als wollten sie dieselbe an ihr
Daseyn erinnern. War Albina aber im Kreise der Kinder oder sonst bei
einem Geschfte, so wie sie strenge Alles in die Tiefe des Herzens
zurck, was sie stren konnte und gegen die Mutter -- ja die Mutter --
war nicht Therese! So sehr sie Jene ehrte und liebte, so schreckte sie
ihre Leidenschaftlichkeit zurck und sie fhlte es oft mit Schmerz,
da sie sich ihr weniger zu vertrauen vermgte als Theresen. Auch
war Corneliens Betragen seit jenem Besuch so ungleich, da Albina
Mhe hatte, seinen Einflu auf die Kinder zu verhindern. Oft, ja
grtentheils war jene ernst, trbe, heftig. Zuweilen aber blitzte
ein Strahl, wie von einer schnell auflodernden freudigen Empfindung
des Herzens aus ihrem Auge und Albina sah sehnschtig einem Besuch
Theresens entgegen, deren Seelenfrieden, wie sie hoffte, auch in ihrer
beider Herzen ihn wieder herstellen wrde. Nur wnschte sie, da sie
alleine kommen mchte. Die geschah nicht; die Baronin begleitete sie
und jene wute es zu veranstalten, da Albina der letztern den Weinberg
zeigen und also sich lange mit ihr entfernt halten mute. Diese Zeit
bentzte Therese, um sich von Cornelien Aufschlu ber ihre letzthin
an sie gerichtete Frage: wer Theodor sey? geben zu lassen. O meine
Freundin! rief diese, und warf sich weinend in Theresens Arme: Alles
was ich mhsam in Schlummer gewiegt hatte, das hat Theodors Anblick
wieder mchtig erweckt. Ich fand eine Aehnlichkeit in seinem Gesicht,
welche mir das Bild meines Gattens ganz vergegenwrtigte. Vorzglich in
den letzten Tagen unserer Vereinigung, wo Schwermuth, die vorherrschend
in Theodors Zgen liegt, auch meines Rombergs Miene aussprach. Doch --
jener heit Hainau? Ja, erwiederte Therese, so heit er, und ist
ein Verwandter Volkmars, Theodors Vater war, seiner Aussage nach nicht
Officier sondern der Besitzer eines Guts und ist seiner Gattin, welche
nach der Geburt des Sohnes starb, bald nachgefolgt.

Volkmars nahmen sich seiner an, und in dieser Familie fhlte
sich Theodor so glcklich, da er sich um seine brigen
Familien-Verhltnisse nichts bekmmerte und ihm dieselben ganz
unbekannt blieben. Auch meinen Albert und mich interessirte sein Name
und meines Gatten erste Frage war: ob er mit dem Direktor zu E*
welcher auch Hainau hie, verwandt sey? jedoch Theodor konnte uns
keine Aufklrung darber geben. Gewi hat die feurige Einbildungskraft
meiner Freundin sie irre gefhrt und bei fterem Wiedersehen wenn
es ihr gelingen wird, der Phantasie die Zgel anzulegen, wird jene
Aehnlichkeit weniger auffallend erscheinen. Cornelia versprach ihre
Unruhe zu beherrschen: allein so oft sie mit Theodor zusammen kam,
hatte es immer nachtheilige Folgen auf ihre Stimmung und Theodor
begleitete Theresen ~oft~ in das Landhaus; denn ihm war nur wohl
in Albinens Nhe: Ihr zu lieb studierte er emsig die Blumenpflege,
bereicherte ihren Garten, ihr Treibhaus mit neuen Schtzen, half ihr
dann bei allen ihren Beschftigungen mit demselben und diese Stunden,
wo Albina in schwesterlicher Vertraulichkeit mit ihm lebte, waren fr
ihn die seeligsten. Wenn er noch so tief im Herzen betrbt zu ihr kam,
so theilte sie ihm bald ihre sanfte Heiterkeit mit und sein Trbsinn
verwandelte sich in die munterste Laune. Albina bemerkte seinen Hang
zur Schwermuth und das innigste Mitleid erfllte ihre schne Seele.
Mit herzlicher Freude wurde sie ihres Einflues auf seine Stimmung
gewahr und es schien ihr Pflicht, ihn immer zu seiner Aufheiterung zu
bentzen.

Einst wurde Volkmars zu Ehren in der Stadt eine Gesellschaft gegeben,
auch Cornelia und Albina waren dazu gebeten. Allein da beide, der
Zglinge wegen, nicht zugleich sich vom Haus entfernen konnten, so
schlug letztere die Einladung aus.

Theodors Blick suchte in den gesellschaftlichen Cirkeln immer zuerst
Albina. Heute fand er sie nicht, und erfuhr von Theresen die Ursache
ihres Nichterscheinens. Nun brannte unter ihm der Boden, nun war nur
sein Krper gegenwrtig, er selbst war in dem freundlichen Garten,
im Kreise der Kinder, an Albinens Seite. Ein Bedienter kam und rief
ihn ab. Welch ein glcklicher Zufall! Im Gasthof zur Rose war ein
Universitts-Freund von ihm abgestiegen und verlangte ihn zu sprechen.
In dem Augenblick war Theodors Entschlu gefat. Er entschuldigte sich
bei der Hausfrau, suchte schnell den Bekannten auf und nach einer
kurzen Unterredung, eilte er von ihm weg, zur Stadt hinaus und dem
Landhaus zu. Albina trat eben aus der, im Erdgescho befindlichen
Kche, mit einem Teller Suppe auf den Vorplatz, wo ein armer Greis
sa, den die Kinder mitleidig umringten und sich von ihm sein Elend
vorerzhlen lieen. Theodor blieb in der Entfernung stehen und weidete
sich an dem himmlischen Anblick; wie die Kinder, trstenden Engeln
gleich, sich beeiferten, den Armen zu bedienen, jedes ihm eine kleine
Hlfe zu leisten sich bemhte, Albina selbst mit milder Theilnahme
seine Klagen willig anhrte und ihm Speise und Trank, Geld und
freundliche Worte spendete. Theodor blieb noch immer verborgen, um die
rhrende Scene nicht strend zu unterbrechen. Erst als der Grei mit
heien Segenswnschen von seiner Wohlthterin geschieden war, von den
Kindern untersttzt und in ihrem Geleite den Berg hinter dem Landhaus
mhsam hinauf stieg, trat er hervor und begrte Albinen, die, jenen
nachschauend unter der Thr stehen geblieben war. Sie schien betroffen
und auch ihm entsank beinahe der Muth bei ihrer ganz eigen betonten
Frage: Theodor! was fhrt Sie ~alleine~ zu mir? Er blickte ihr
bittend ins Auge und antwortete: der Schmerz, sie bei Regierungsrath
W* nicht getroffen zu haben und die schon lang gehegte Sehnsucht: mein
von so manchem Kummer belastetes Herz gegen Sie durch vertrauliche
Mittheilung zu erleichtern. Darf ich bleiben, oder schicken Sie mich
trostlos fort? Albina vermogte dies nicht; doch erwiederte sie
ernst: Sie bleiben mein Freund! aber Sie erwarten meine Mutter, nur
~dadurch~ wird sich das Unschickliche, das in diesem Schritte lag,
vermindern.

Die Kinder kamen zurck und tummelten sich im Garten. Albina und
Theodor nahmen Platz in der Laube und Erstere glaubte, jene von
ihrem Freund gewnschten Mittheilungen verhten zu mssen, da es
ihr gefhrlich dnkte, seine Vertraute zu werden; sie suchte mit
mglichster Unbefangenheit die Unterhaltung auf gewhnliche Gegenstnde
zu lenken. Allein Theodor ging wenig darauf ein, war einsilbig und
traurig. Endlich sagte er mit einem tiefgeholten Athem-Zug: Die
wohlthtige gtige Albina, welche einem alten Bettler ein williges
Gehr fr seine Klagen leiht, will durchaus ihrem armen Freund den
Trost versagen, den er in der Schilderung seiner betrbenden Schicksale
finden wrde. Albina lie das Strickzeug in den Schoos sinken und
in ihrem feuchten Auge la Theodor die Bewilligung seiner Bitte,
dankbar drckte er ihre Hand an seine Lippen und fuhr fort: Erklren
Sie mir, theure Albina! den unwiderstehlichen Drang meines Herzens
Ihnen, und nur Ihnen allein Ereignie anzuvertrauen, welche ausserdem
tief in meinem Innern begraben liegen. Auch der edlen Familie,
die sich des Verlanen annahm, sogar meinem Guido ist manches in
meiner Lebensgeschichte unbekannt geblieben. Ja ber den wichtigsten
Gegenstand in derselben, der so schwer mir auf der Seele liegt, da
ich ihn nicht mehr alleine zu tragen vermag, sind sie im Irrthum.
Sie glauben nemlich: mein Vater ist tod -- aber -- er ist nur tod
fr mich! er lebt Albina! er lebt! doch Gott wei es, wo jetzt sein
Aufenthalt ist! Auf Albina machten diese Worte einen eigenen tiefen
Eindruck und in gespannter Erwartung bat sie nun Theodor selbst, seine
traurigen Erfahrungen ihr mitzutheilen. Das Unglck hat mich von
Kind auf verfolgt, begann er, schon mein Eintritt in die Welt hatte
die schreckliche Folge, da er meiner Mutter das Leben kostete; einer
Mutter, welche nach der Aussage Anderer, unbeschreiblich sanft und gut,
der rauhen Behandlung meines Vaters unterlag. Auch ich wurde von ihm
mihandelt und lebte eine harte Jugend. Endlich erlauschte ich einen
gnstigen Zeitpunct und entfloh. Die kleine Baarschaft, die ich bei
mir trug, war bald aufgezehrt; aber als Kind hatte ich auf unserm Gut,
das mitten im Wald lag, von den Knaben im Dorf kleine Hirtenflten aus
Lindenholz zu machen gelernt; welche ich, so ziemlich geschickt zu
blasen verstand. Mit dieser Kunst, die Instrumente zu verfertigen und
durch meinen Vortrag zu empfehlen, erwarb ich mir Freunde und durch sie
Brod und Obdach. So kam ich in die Stadt, wo Volkmars lebten. Guido,
den ich auf der Strasse begegnete und welcher Gefallen an mir fand,
fhrte mich zu seinen Eltern, und diese rhrte mein Unglck. Guido's
Bitten bestrkten sie in ihrem gromthigen Entschlu, mich bei sich
zu behalten und ich geno von diesem Augenblicken an bei ihnen die
Rechte eines eigenen Kindes. Mit dem Sohn theilte ich jeden Unterricht
und nach geendigten Schulstudien bezogen wir zusammen die Universitt.
Eine unberwindliche Scham hatte mich bisher abgehalten, die Wahrheit:
da ich vor meines Vaters Mihandlungen entflohen sey, zu bekennen;
ich hatte vorgegeben: er wre gestorben, und ich, nach seinem Tod
ganz arm und verlassen, htte mein Glck in der weiten Welt suchen
wollen. Oft aber bereute ich diese Unwahrheit: denn in meinem Herzen
lebte, trotz der Behandlung, die ich von meinem Vater erfahren hatte,
Liebe zu ihm und Sehnsucht etwas von ihm zu hren und doch verschlo
mir immer eine gewisse Schchternheit den Mund, wenn ich meine erste
Aeuerung wiederrufen wollte. Als ich zu H* studirte und fhiger war,
einen festen Entschlu mnnlich auszufhren, schrieb ich an meinen
Vater alles, was mir ein reuiges kindliches Herz eingab, allein der
Brief kam unerbrochen in einem Couvert zurck, worin Jener mit kurzen
Worten erklrte: da jede meiner Bemhungen ihn mit mir zu vershnen
vergeblich seyn wrde, indem er seinen Aufenthalt verndern und einen,
vor der Welt ganz verborgenen whlen wrde. -- Dies ist es nun theure
Freundin, was unaussprechlich qulend jede Erdenfreude mir vergiftet,
was bisher als lastendes Geheimni mein Leben trbte und mich zu
keiner Ruhe kommen lt -- bei diesen Worten lste sich Theodors
Schmerz in Thrnen auf und Albina weinte mit ihm.

Armer, armer Theodor! sagte sie sanft, wie bedauernswrdig sind Sie!
doch, wre es nicht besser gewesen, wenn Sie schon lngst Ihren edlen
Pflegeltern sich anvertraut und ihre Vermittelung erbetten htten?
Theodor machte eine verneinende Bewegung. Mein Vater ist unerbittlich
versetzte er, ich habe auf Alles verzichtet, nur nicht darauf, da ich
in Ihrem edlen Herzen Albina eine Freisttte fr meinen verborgenen
Kummer finden wrde!

Unfhig sich anders zu geben als sie war, und voll des innigsten
Mitgefhls, erwiederte sie mit einem herzlichen Druck der Hand:
Knnte ich Ihnen doch mehr geben als Theilnahme! knnte ich helfen!
Theodors lang unterdrckte Leidenschaft brach hier mit Heftigkeit aus.
Er strzte zu Albinens Fen und betheuerte ihr: da es nur in ihrer
Macht stehe, ihm sein Unglck ganz vergessen zu machen, und da er sie
unendlich liebe! Welche Seeligkeit gab Theodor Albinens Gegenliebe,
die der Glckliche unverkennbar in ihrem Auge la, als er seinen Blick
zu ihr erhob! jedoch, indem er von ihren Lippen die theure Versicherung
wegkssen wollte, hrte Albina die Haus-Klingel schellen. La uns der
Mutter entgegen gehen! sagte sie, ihr drfen und wollen wir uns
nicht verbergen.

Corneliens Scharfblick entgieng die Bewegung nicht, in welcher sie
die jungen Leute antraf und als sie beide schweigend und forschend
betrachtete, schlang Albina die Arme um ihren Nacken, Theodor ergrif
ihre Hand und ohne viele Worte war sie in ihr ses Verstndni
eingeweiht. Allein die schne Morgenrthe des Glcks an dem Himmel des
liebenden Paars verdunkelte bald die trbe Wolke auf der Stirne der
Mutter. Sie schien nach besonnener Gelassenheit zu ringen. Endlich zog
sie beide an ihr Herz und bat sie ernst und dringend: sich durch kein
bereiltes Versprechen unglcklich zu machen. Ich will den Pfad Eurer
Liebe nicht mit Dornen bestreuen, sagte sie, aber ich kann meiner
Ueberzeugung nach, Eure Neigung fr jetzt nicht begnstigen, o Ihr
mt Euch noch nher kennen lernen, wenn Ihr sagen wollt: wir sind fr
einander gebohren, und um jeder unangenehmen Folge der Oeffentlichkeit
Eures Verhltnies vorzubeugen, verlange ich von Euch, da Ihr dasselbe
vor den Augen der Welt verberget. Nach Jahresfrist knnt Ihr eher auf
meine Einwilligung hoffen.

Die Liebenden gehorchten, begngten sich mit den zwar sprlich
zugemeenen aber dann desto kostbareren Augenblicken schuldloser Gene
und Albina machte nur Mtterchen Therese zu ihrer Vertrauten.

                   *       *       *       *       *

Guido hatte seine glhende Liebe zu Albinen tief in seine Brust
verschloen; sobald er gewahr wurde, da Theodor in ihrem Besitz seine
hchste Glckseeligkeit setzte. Kein Blick, keine Miene verrieth den
Zustand seines Innern. Aber Albinens Zauber feelte ihn dennoch an den
Ort, wo sich ihm fters die Gelegenheit darbot, sie in ihrer ganzen
Liebenswrdigkeit zu beobachten. Er schlrfte mit Wohlbehagen das Gift,
welches sie ihm ohne Wissen und Willen in ihrer holden Freundlichkeit
darreichte und jede Stunde, die er mit ihr in den bunten Reihen der
Gesellschaft oder am traulichen Theetisch bei Langenheims, wie auch bei
seinen Eltern zusammen lebte, umfate eine Flle der schmerzlichsten
und seeligsten Empfindungen fr ihn.


An jenem Abend, als der glckliche Theodor wonnetrunken nach Haue kam
und die Freunde in ihr gemeinschaftliches Zimmer traten, legte jener in
das Heiligthum der Freundschaft, in Guido's Herz, das Geheimni seines
stillen Glcks, seiner Liebe. Auch hier blieb jener edle Jngling Herr
ber seine Gefhle; aber am andern Morgen, trug er den Eltern, den (wie
er sagte) schon lang gehegten Wunsch vor: eine Reise ins Ausland machen
zu drfen, um sich noch mehr Kenntnie und Erfahrungen zu sammeln. Er
erhielt ihre Einwilligung und in einem kurzen Abschied, rie er sich
mit mnnlich verhaltenem aber unendlichem Schmerz von Albinen los.

                   *       *       *       *       *

Die eingefhrte Gewohnheit, nach welcher jeder Knstler in Langenheims
Haus willkommen war, wurde immerwhrend beobachtet und war schon oft
fr sie die Quelle manches reinen hohen Genues geworden. An einem
Abend fhrte sie einen geschickten Maler, Namens Hugo zur Theezeit in
den kleinen Kreis, welcher nebst den Hauswirthen und Volkmars auch
Cornelien gerade damals umfate. -- Hugo erzhlte viel Interessantes
von seinen Reisen und zeigte manche trefflichen Producte seiner Kunst,
besonders in Landschafts-Gemlden.

Bald war es eine freundliche Ansicht, bald eine, die schauerliche Gre
der Natur beurkundente Gegend, bald ein stilles Drfchen in ppiger
Flur an einem klaren See, bald eine einsame Kapelle unter alten Eichen
was Hugo im Flug aufgenommen und dann mit Muse meisterhaft ausgefhrt
hatte.

Diesem Blatt hier, sagte der Maler, indem er auf ein noch
umgeschlagenes Gemlde in seiner Mappe hindeutete, mu ich zuerst
die Erzhlung eines Ereignies voranschicken, welches eigentlich der
Darstellung noch mehr Werth giebt; ich kam vor einigen Wochen auf
meiner Fuwanderung durch das Gebirg, schon als die Sonne im Sinken
war, an das Ende eines schwarzen Tannen-Waldes. Die feurige Kugel
blitzte mit dunkelm Roth durch die Stmme der lichter stehenden Bume
und auf einmal strahlte mir seitwrts ihr goldner Wiederschein aus
hochgewlbten Fenstern einer alten verfallenen Burg entgegen, die
jetzt erst sichtbar von einem hohen Felsen stolz hernieder schaute.
Dieser Felsen war auf der vordern Seite nackt und kahl, neben aber
schlngelte sich ein Fusteig mit bequemen Stufen herunter bis zu
einer Quelle welche sanft murmelnd das Auge auf einem etwas freiern
Platz hinleitete, der mit grnen Moos bedeckt und mit einigen Birken
verschnert, gar freundlich gegen das dstre Dunkel der brigen
Umgebung abstach. Auf einer, unter den Bumen angebrachten Rasenbank
sa ein ltlicher magerer Mann mit finstern halb erloschnem Auge
und mit den Spuren ehemaliger Schnheit in dem bleichen Gesicht. Er
sttzte sich auf einen Officiers-Degen und betrachtete aufmerksam eine
getrocknete Rose, die er in der einen Hand hielt. Ein tiegerartig
gefleckter Jagdhund lag zu seinen Fssen und schien seinen Herrn zu
beobachten. Es hatte fr mich das Ganze so viel Anziehendes, da ich
in einer kleinen Entfernung mich auf einen Baumsturz setzte und es mit
einigen Strichen skizirte. Eben hatte ich vollendet, als der Mann in
die Hhe fuhr, dann den Degen entblte und eine Bewegung machte sich
damit zu tden. Der Hund sprang auf und bellte und ich rief mit lauter
Stimme: Halt Jener sah sich um und als er mich erblickte entfloh er
ins Gehlz; ich konnte nichts mehr von ihm gewahr werden und gieng
in das nicht ganz weit von dieser Stelle gelegene Dorf um hier ein
Nachtquartier zu nehmen. Bei meinem Wirth erkundigte ich mich nach den
nhern Umstnden der beschriebenen seltsamen Erscheinung und erfuhr:
da schon seit lngerer Zeit das Felsenschlo von dem Unbekannten
bewohnt werde, welcher jede menschliche Begegnung vermeidend, sich nur
gespensterartig jeden Abend um eine gewisse Stunde in dem Hain sehen
liee, wo ich ihn traf. Wchentlich einmal kme ein stummer Knappe
in fast abentheuerlicher Kleidung in das Dorf, der durch Zeichen
die nothwendigsten Bedrfnisse fr seinen Herrn und sich verlange;
jedoch alles redlich bezahle. Am andern Morgen erschien wirklich der
sonderbare Diener. Einen Hut mit Federn, den er tief ins Auge drckte,
einen kurzen Mantel, welchen er um sich herum schlug, und darinnen
sein Gesicht zu verbergen suchte, schwarze kurze Beinkleider, nach
alter Ritterart aufgeschlizt, Strmpfe von gleicher Farbe, nebst
hohen geschnrten Schuhen mit Franzen und Maschen geziert -- so trat
er in die Wirthsstube, zog sich aber sogleich zurck, als er mich,
einen Fremden erblickte; doch erfuhr ich nachher von der Wirthin,
da sein Herr am Leben sey, was mir wirklich am Herzen lag und
weswegen ich entschloen war, trotz meinem Wunsch, schnell weiter zu
reisen, demselben Abend mich wieder in den Wald zu begeben, um mich
zu berzeugen, ob jener Unglckliche, den Vorsatz, von dem ich ihn
abgehalten hatte, vielleicht doch ausgefhrt habe, nun war es aber
nicht nthig und ich verfolgte meinen weitern Reiseplan.

Jetzt zeigte Hugo das Gemlde. Cornelia, welche der Erzhlung sehr
aufmerksam zugehrt hatte, warf einen Blick auf dasselbe und sank
ohnmchtig auf das Sopha zurck. Alles war in der grten Bestrzung.
Man brachte sie ins Nebenzimmer und durch Theresens Bemhungen kam sie
bald wieder ins Leben zurck.

Sie blickte scheu um sich und als sie die Freundin neben sich sitzen
sah, fuhr sie heftig empor, schlang beide Arme fest um sie und rief:
Er ist es, mein Romberg ists! wo ist die Burg? wo find ich ihn?
Therese bot ihre ganze Beredsamkeit auf, um sie zu beruhigen. Das
wirksamste Mittel hiezu war der Entschlu Langenheims: nachdem Hugo
auf sein Verlangen die Lage des Felsenschloes und den Weg dahin genau
bezeichnet hatte, selbst hinzureisen um fr Cornelien und Albinen
etwas Entscheidendes zu bewirken: und wirklich trat er gleich am
folgenden Morgen seine Reise dahin an. Erst am 2ten Tag erreichte er
das Felsenschlo, wo ihm der Einla schlechterdings versagt wurde.
Er ritt nun in das Dorf und erwartete hier die Abendstunde in welcher
der Menschenfeind an der Quelle erschien; begab sich hier auf einen
Posten, wo ihn dieser nicht eher sehen konnte, bis er vor ihm stand.
Beide erkannten sich sogleich und Romberg drang mit gezogenem Degen
wthend auf seinen ehemaligen Nebenbuhler ein. Der Ueberraschte hatte
jedoch so viel Fassung jenem die Waffe aus der Hand zu winden; aber
Romberg blind vor Zorn verwundete sich durch eine ungeschickte heftige
Bewegung selbst so tief damit, da er zu Boden strzte. Langenheim
eilte in das Schlo, trug mit Hlfe des stummen Knappens den, durch den
starken Blutverlust ohnmchtig Gewordnen in seine Wohnung und sprengte
nach dem Dorf, um den dortigen Chirurg zu holen. Mit brderlicher
Sorgfalt pflegte Langenheim den Verwundeten, der whrend der ersten
Tage zu schwach fr jeden Widerstand, oder auch fr die Erwiederung
gromthiger Gesinnung war. Als er wieder zur Besinnung kam,
beobachtete er ernst und schweigend Langenheims Handlungsweise und das
wohlthtige der herzlichen Bemhungen desselben. Um ihn, schien nach
und nach die Eisrinde, die sich um sein Herz gezogen hatte zu sprengen.
An einem Abend sa Jener an seinem Bette. Eine Lampe erhellte matt das
groe dstre Zimmer. Nach einem kurzen Schlummer verlangte Romberg
Thee. Als Langenheim ihm denselben reichte, das Kissen zurecht machte
und theilnehmend nach seinem Befinden fragte, ergrif jener seine Hand,
drckte sie und sagte mit noch schwacher Stimme: Sie sind ein edler
Mann! -- tief stehe ich unter Ihnen -- lassen Sie mir Zeit zur Erholung
-- und Sie sollen meine herzliche Reue sehen. Langenheim, glcklich
den Sieg ber ein hartes Menschenherz gewonnen zu haben, verwies ihn
zur Ruhe, um durch heftige Gemthsbewegungen seine Genesung nicht zu
erschweren. Nach 8 Tagen erhielt Romberg von dem Wundarzt die Erlaubni
zu einer Unterhaltung mit Langenheim, und mit herzlichem Vertrauen
wurde ein Freundschaftsbndni geschloen, das, durch die Einwirkung
ein und derselben Personen auf ihre beiderseitigen Schicksale desto
mehr Interesse und Festigkeit erhielt. Langenheim erfuhr zu seinem
Erstaunen, da Hainau der wahre Name seines unglcklichen Freundes
und der Direktor zu E* sein Vater sey, da der nemliche bsartige
Kammerdiener, welcher ihn ins Unglck zu strzen suchte, auch den
Sohn durch Verlumdungen um die Liebe seines Vaters ja diesen so weit
gebracht habe, da er ihn frmlich aus dem Haus und aus dem Herzen
verbannte. Unter dem Namen Romberg fuhr Hainau fort, suchte ich
Militair-Dienste. Von Natur leidenschaftlich, ohne Grundstze, ohne
Leitung lebte ich eigentlich zgellos. Ich hatte viele Abentheuer,
Streite, Liebesgeschichten u. s. w. und auf meine Monats-Gage warteten
schon immer die Schuldner, allein sie reichte nicht hin diese zu
bezahlen.

Als ich eben von einer Anzahl Glubiger geqult wurde, erhielt ich
einen Brief von jenem Bsewicht, in welchem er mir den Tod meines
Vaters mit vielen heuchlerischen Klagen meldete und die Anweisung
auf ein dortiges Handelshaus beilegte, welches mir eine kleine Summe
auszahlen sollte, die er, nach seiner Versicherung meinem Vater fr
mich abgebettelt htte. Nur meine damals bedrngte Lage zwang mich dies
schimpfliche Erbgut anzunehmen, aber den Brief zerknitterte ich mit
Zhnknirschen in den Hnden und warf ihn dann fluchend ins Feuer. Mit
dem Geld bezahlte ich meine Schulden und den kleinen Rest verjubelte
ich mit lachender Wuth in den ersten Tagen. Bald darauf wurde meine
Garnison in den Ort verlegt, wo Cornelia als Schauspielerin mit lautem
Beifall auftrat. Sie zu sehen, und die heftigste Leidenschaft fr sie
zu fhlen, war das Werk eines Abends; ich suchte ihre Bekanntschaft und
es gelang mir bald, mich auf Ihre Kosten armer Freund! in ihre Gunst
zu setzen. Aber Cornelia verstand es, meinen flatterhaften Sinn ganz
zu fesseln. Durch sie wurde ich erst mit der Gestalt und dem Wesen
der wahren Liebe bekannt. Anfangs beschfftigte ihre ausgezeichnete
Schnheit nur meine Sinnlichkeit, allein ihre Tugendliebe und ihr
innerer Werth erregten nach und nach meine achtungsvolle Bewunderung,
welche sich bald in die zrtlichste Liebe verwandelte. Ich hatte
nun keinen heissern Wunsch, als ihren Besitz und dieses Verlangen
wirkte sogar auf meine Lebensweise. Bekannt mit meiner und Corneliens
vermgungsloser Lage wurde ich auf einmal sparsam und haushlterisch
und entwarf mit ihr die zweckmigsten Plane zu unserm einstigen
Fortkommen. Cornelia wollte Unterricht in fremden Sprachen ertheilen,
ich im Zeichnen und Mathematik, worinn ich so ziemlich bewandert
war und den sonst so bedrfnireichen Hainau schuf die Liebe zum
gengsamsten und doch glcklichsten Sterblichen um.

Der Feldzug gegen Frankreich begann; ich mute marschieren und beschwor
bei unserer Trennung meine weinende Geliebte mir zu folgen, sobald ich
ihr ein Standquartier wrde melden knnen. Sie versprach es und hielt
Wort. Ein dortiger Geistlicher, in welchem ich einen Jugendfreund fand,
gab meinen dringenden Bitten nach und traute mich mit meiner Cornelia.
Der Reichthum ihrer Vorzge lieh unserm huslichen, wenn gleich stillen
Leben so viel Reitz, da durchaus keine Sehnsucht nach andern Freuden
in meiner Brust entstand und ich sann nur immer darauf, auch ihr durch
Erweisungen meiner Liebe dies Verhltni so angenehm als mglich zu
machen. Aber ach! dies Glck war von kurzer Dauer! Meine Verheirathung
wurde bekannt, so wie der ehemalige Stand meiner Gattin und meine
Cameraden beeiferten sich, mir jenen Schritt als ein Vergehen gegen die
Ehre in immer wiederholten hhnischen Aeusserungen vorzuspiegeln.

Stolz war stets eine meiner heftigsten Leidenschaften; er erlitte
unendliche Beleidigungen und endlich gewann er die Herrschaft ber die
Liebe. Ein unglckliches Duell lie mich die schrecklichsten Folgen
befrchten, ich rie mich mit blutendem Herzen von meinem Weibe los,
und ergrif die Flucht.

Die Erinnerung an diese Epoche seines Lebens, erschtterte Hainau von
Neuem so sehr, da Langenheim ihn bat, seine Erzhlung ein andermal
fortzusetzen. Dagegen lie er ihn mit mglichster Schonung von weitem
ahnen, da er im Stande sey, ihm von Cornelien einige Nachrichten zu
geben. Ein Strahl von Freude glnzte in Hainau's Auge; und indem er
Jenen versicherte: er fhle sich stark genug alles zu hren; verlangte
er dringend weitere Aufschle. Der Freund mute nachgeben und Hainau
erfuhr nun Corneliens Schicksale, Albinens Daseyn und die Gewiheit:
durch treue Gatten- und Kindesliebe noch glcklich zu werden. Dies
war zu viel fr sein Herz, fr seinen geschwchten Krper. Er war
unbeschreiblich angegriffen und mute zu Bette gebracht werden. Als
er am andern Morgen, gestrkt durch einen sanften Schlummer erwachte,
beschwor er seinen Arzt, Langenheim und seinen treuen Joseph (der
nun beredt und unermdet in seiner Pflicht sich zeigte) alles zu
seiner schleunigen Genesung beizutragen, um recht bald in die Arme
der Seinigen eilen zu knnen. Er selbst befolgte pnctlich alle
Vorschriften und die Wonne des Wiedersehens nahm im Vorgefhl so sehr
sein ganzes Wesen in Anspruch, da Langenheim es nicht ber sich
vermogte ihn an die Ergnzung seiner Lebensgeschichte zu erinnern, so
sehr ihn die Ungewiheit beunruhigte: ob darinnen vielleicht Theodor
Hainau, da er des Freundes Nahme fhrte, auch eine wichtige Rolle noch
spielen wrde. In einer der gewhnlichen Unterhaltungen zwischen ihm
und Hainau ber die fernen Lieben, brach Letzterer in die Aeusserung
aus: Eine Gattin, eine Tochter werde ich bald an mein Herz drcken,
wer aber, wer giebt mir meinen verlornen Sohn Theodor? Langenheim,
dadurch aufmerksam gemacht, sprach nun den Wunsch: noch etwas von
Hainaus Geschichte zu hren gegen ihn aus und erhielt von diesem
folgende Fortsetzung der Erzhlung:

Als er sich nemlich von Cornelien getrennt hatte, strzte er sich
wieder in den Strudel der Zerstreuungen und da es ihm an Geld mangelte,
buhlte er um die Gunst der Gttin Fortuna im Spiel. Er war an jedem
grnen Tisch zu finden, wute aber seinen Vortheil sehr gut zu
bentzen, spielte vorsichtig und gewann manche hbsche Summe. Doch
die Leere in seinem Herzen konnte keine Lustbarkeit, keine gesellige
Freude, kein Sinnen-Genu ausfllen, er fhlte sich verlassen und
suchte ein Wesen, das ihm Cornelien ersetzen sollte. Auch war er
berzeugt, da seine ausschweiffend durchlebte Jugend, ihm ein frhes
und krnkliches Alter herbeifhren wrde und sehnte sich: mit dem im
Spiel erworbenen Gewinn, sich wieder ein stilles husliches Glck zu
erkaufen.

Auf einem glnzenden Maskenball zog ein Frauenzimmer das als Catinka
(im Mdchen von Marienburg) erschien, seine ganze Aufmerksamkeit auf
sich. Es war dies die Rolle, in welcher er Cornelien das Erstemal
auf der Bhne sah. Jene Erscheinung brachte deshalb sein Inneres in
heftige Bewegung und in einer wehmthigen Stimmung, welcher er nicht
Meister werden konnte, nahte er sich jener Maske, lernte in ihr ein
liebenswrdiges bescheidenes Mdchen kennen und verfolgte den gnstigen
Eindruck, den auch er in seinem sanft melankolischen Benehmen auf sie
gemacht hatte, mit dem gewhnlichen Ungestm. Sie war die Nichte eines
Lehrers an dem Liceum der Stadt. Hainau suchte in Bekanntschaft mit ihm
zu tretten, und fand in ihm einen Mann, welcher sich mehr fr seine
Griechen und Rmer, als fr seine nchsten Umgebungen interessierte.
Ohne viele Umstnde gab er nach einigen Wochen seine Einwilligung zu
Hainaus Werbung um Herminien. Sie wurde seine Gattin und bezog mit
ihm ein Landgut, das er von seinem erspielten Vermgen gekauft hatte.
Allein bald zeigte sich der Misgriff der Ehegatten in ihrer Wahl. Sie
paten durchaus nicht fr einander. Herminie war bis zur Erniedrigung
demthig und furchtsam, zitterte bei jeder Forderung Hainau's und
handelte dennoch in immerwhrender ngstlicher Besorgni vor seinem
Unwillen verkehrt. Dies machte sie Hainau wiederlich. Er verkannte
dadurch ihre brigen guten Eigenschaften, misbrauchte ihre Sanftmuth
und der Schmerz ber ein unfreundliches rauhes Betragen, verkrzte
Herminiens zartes Leben. Nachdem sie Hainau einen Sohn gebohren, starb
sie bald darauf an einer unheilbaren Schwche. Mein Theodor hatte
das sanfte, zur Schwermuth sich hinneigende Temperament der Mutter
geerbt, fuhr Hainau seufzend fort und ich mochte den weichen, so
ganz unmnnlichen Knaben durchaus nicht leiden. Bis in sein 12tes Jahr
war er unter der Aufsicht mehrerer Hauslehrer; jedoch ich forderte von
diesen; sie sollten die Gemthsart meines Sohnes umndern, und da sie
dies nicht vermogten, schickte ich sie nach kurzer Zeit unzufrieden
wieder fort. Theodor war der unglckliche Gegenstand meines Unwillens.
Er mute meine trbe Stimmung, welche immer finsterer wurde, auf alle
Weise fhlen und nach einer besondern, heftigen Scene, wo ich den armen
Jungen sehr hart behandelte, floh er vor dem unnatrlichen Vater und
lie mich in einem furchtbaren Zustand zurck. Die Erinnerung an alle
Leiden der eigenen unglcklichen Jugend, an die traurigen Erfahrungen
der sptern Zeit, alle Vergehungen, deren ich mich schuldig gemacht
hatte, vor allem aber Corneliens Bild und die unendliche Sehnsucht
nach ihr, machte mir mein Leben qualvoll; ich fieng an die Menschen zu
hassen und diese feindliche Gesinnung brachte mich endlich so weit,
da ich mein Gut verkaufte, meine Dienerschaft entlie, bis auf den
einzigen Treuen, der mich nicht verlassen wollte und mir in diese
schauerliche abgelegene Burg folgte, wo ich meine Wohnung aufschlug.
Joseph mute mir geloben mit Niemand ausser mir ein Wort zu sprechen
und mein Herz verhrtete sich nach und nach so sehr, da ich fhig war,
einen Brief meines Sohnes unerbrochen zurck zu schicken.

Nur das Andenken an Cornelien war vermgend mich aus der gnzlichen
Erstarrung meiner Gefhle zu wecken. La dir die Stelle zeigen mein
Freund, sagte Hainau, wo ich die einzigen hellen Augenblicke in der
dunkeln Nacht meines Daseyns, in der heiligen Erinnerung an Cornelien
gelebt habe.

Arm in Arm wandelten die Freunde zu dem Hain; in deen tiefsten
Hintergrund eine Laube, welche Hainau aus einigen Birken gezogen hatte,
sie aufnahm. In ihr war ein kleiner Altar von Rasen aufgebaut und auf
der Oberflche desselben aus Vergimeinnichtpflnzchen ein O gebildet.

In diesem Tempel, fuhr Hainau fort, brachte ich tglich die Stunde
zu, worinnen ich mich in einem thrigt falschen Wahn von Cornelien
trennte. Ich nahm ihr damals die Rose welche sie am Busentuch hatte
mit hinweg und hob sie getrocknet wie ein Heiligthum auf. Krzlich
hatte ich sie wieder bei mir, als ich wieder zur gewhnlichen Zeit
hieher wankte; ich sa dort am Saum des Waldes auf jener Rosenbank und
betrachtete lange in tiefes Nachdenken versunken die drre Blume. Auf
einmal schien es mir, als rief eine leise, se Stimme meinen Namen --
Sie ist Tod! in diesem Augenblick ist sie von der Erde geschieden und
mitleidig ruft sie mich! die waren meine Gedanken und mein Entschlu
sogleich gefat: ihr zu folgen. Doch daran verhinderte mich ein Fremder
und nachher kehrte mein gewhnliches Stumpfsein wieder zurck. Ach
ich war sehr sehr unglcklich! und das bittre Gefhl der Reue, wird
mich ~nie ganz~ glcklich werden lassen! denn: habe ich nicht als
Vater unverantwortlich gehandelt? -- auch der Augenblick, wo ich im
letzten Anfall wilden Menschenhaes bald meinen Retter gemordet htte,
auch dieser wird noch oft ein strenges Gericht ber mich halten.
-- so klagte Hainau und warf sich Langenheim an die Brust. La die
Erinnerung an die Vergangenheit in deinen dunklen Mauern zurck sagte
Langenheim und gehe mit getrostem Muth der Zukunft entgegen. La uns
aber auch jetzt aus diesem Dunklen Labyrinth dort zu der freundlichern
Rosenbank hinwandeln, hier ist es zu dster setzte er hinzu und fhrte
Hainau dahin. Von hieraus hatte das Aug eine etwas freiere Aussicht,
besonders auf einen Teich welcher Zuflu von jener Quelle erhielt, auf
seiner klaren Flche spiegelte sich der blaue Himmel und die Strahlen
der Sonne versilberten die kleinen Wellen, ber ihn hinweg sah man
durch eine perspectivisch gepflanzter Reihen hoher Pappeln das fters
schon erwhnte freundliche Drfchen.

Vertraue mir! sagte hier trstend Langenheim zu Hainau, der noch
immer den Kopf in die hohle Hand gesenkt, trbe neben ihm sa.
Vertraue mir Freund! so wie ich dich eben jetzt aus der Nacht deiner
Tannen hieher ans heitere Tageslicht fhrte, wo dem Blick, der dort nur
auf den nchsten Umgebungen beschrnkt ruht sich heitere Gegenstnde
zeigen, so hoffe ich dir in der Nacht den Kummer, der noch als Vater
deine Seele belastet Trost, und leicht geben zu knnen. Es mte
mich alles tuschen, wenn ich dir nicht einige Auskunft ber deinen
Theodor ertheilen knnte. Hainau blickte ihn zweifelnd an. Langenheim
beschrieb nun Theodors Aeueres so lebhaft und treu, als kein Pinsel
es vermgte. Ja er ist es rief Hainau entzckt, sank auf seine Kniee
und sprach ein lautes inniges Dankgebet aus. Dann fiel er strmisch
Langenheim um den Hals und du mein ser Wohlthter hienieden der
du mir alles zufhren willst was mir theuer ist sprich! wo lebt
mein Sohn? In unsrer Mitte, geliebt von uns allen und auch deiner
Vaterliebe werth, erwiederte Langenheim; er mute nun von Theodor
erzhlen, was er wute dann aber versicherte Hainau: nun kann ich
nicht mehr lnger hier verweilen. Morgen, Langenheim morgen reisen
wir. Dieser erbat sich noch einen Tag Aufschub, um einen Brief als
Vorlufer absenden zu knnen, ob er gleich schon mehrere abgeschickt
und Theresen darin alles mitgetheilt hatte: was sie beruhigen und worin
sie Cornelien und Albinen vorsichtig benachrichtigen sollte.

                   *       *       *       *       *

Unruhig ber Corneliens ungewhnlich langes Aussenbleiben, und mit
einem seltsam bangen Vorgefhl kmpfend, schaute Albina an jenem
Abend, wo die folgereiche Scene in Langenheims Haus vorgefallen war
sinnend zum Fenster hinaus und lauschte auf jeden vermeintlichen
fernen Futritt. Ihre Zglinge umgaben den runden Tisch in der Mitte
des Zimmers, auf welchem schon die freundliche Kerze brannte und
lispelten leise mit einander: denn Albinens befangenes Wesen, das fr
sie eine auffallende Erscheinung war, hatte ihre kindliche Munterkeit
gestrt und die Abendsuppe wurde ungenoen wieder weggetragen. Die
~nun~ 12 jhrige Aurelia schlich zu Albinen, umfate sie innig
und der volle Mond der silbern am Himmel stand spiegelte sich in ihren
Thrnen. Gutes theures Kind! sagte Albina gerhrt und drckte sie an
die Brust. -- Du verstehst meine Sorge und ich danke dir fr deine
Theilnahme, sie ist wohlthuend fr mein Herz. Doch beunruhige dich
nicht auch. Der groe Geist, der diesen schn leuchtenden Weltkrper
schuf und in seiner Bahn erhlt, sieht eben so mildsorgend auf das
funkelnde Johanniswrmchen dort unten im Grase, und der Menschen
Schicksale, lenkt er nach ewig weisen und huldreichen Gesetzen. Ich
sagte mir dies vorhin recht nachdrcklich vor und bin nun gefat,
das, was die nchsten Stunden, meiner geheimen Ahnung noch Wichtiges
mir bringen werden ruhig anzunehmen. Bald darauf hrten sie in der
Stille der Nacht von ferne einen Wagen rollen. Das wird die Mutter
seyn! sagte Aurelia frhlich. Ist sie es, erwiederte Albina mit
pochendem Herzen leise, so beauftrage ich dich als die Verstndigste,
deine Schwestern gut zu unterhalten, damit meine Abwesenheit nicht
nachtheilig fr sie wird, denn ich mu mit der Mutter alleine
sprechen. -- Sie eilte hinunter -- und aus dem Wagen stieg -- Cornelia
und Therese -- Leztere hatte sich entschlossen, da sie alles von der
Leidenschaftlichkeit ihrer Freundin befrchtete, sie zu begleiten und
die Nacht auf dem Landhaus zuzubringen. Aengstlich sphend blickte
Albina beide an. Die Mutter usserte mit schlecht verheelter Unruhe,
sie mchte die Kinder so schnell als mglich zu Bett bringen und dann
im Gaststbchen sie aufsuchen. Es geschah und als Albina wieder kam,
fand sie Cornelien, mit rckwrts gebogenem, ins Sacktuch verhllten
Gesicht, auf dem Sessel sitzend; sie eilte auf Theresen zu, die
neben Jener stand und bat im flehenden Ton, um Aufschlu ber alle
diese Erscheinungen. Therese, die Seelenstrke der geliebten Tochter
kennend, entdeckte ihr Alles; und Albina; in deren Herzen diese
Mittheilungen verschiedenartige Empfindungen erregt hatten, beeiferte
sich mit Theresen fr die Hoffnungsreichsten derselben auch Corneliens
Gemth empfnglich zu machen und schon hatte die Mitternachtsstunde
geschlagen, als Mutter und Tochter erst von der trefflichen Freundin
schieden und zwar mit den Aeusserungen der innigsten Dankbarkeit fr
die abermalige Beschftigung einer treuen Freundschaft und Frsorge,
welche in Theresens schner Seele immerdar segnend fr ihre Lieben
waltete.

                   *       *       *       *       *

Haben wir im Leben irgend eine wichtige Erfahrung gemacht, so ist es
hchst wohlthtig, in der Einsamkeit dieselbe noch einmal durchzugehen
um sie vollkommen zu wrdigen, und unser Benehmen gehrig regeln zu
knnen, -- aber es entsteht dann auch sogleich der Wunsch dem mit
uns am nchsten verwandten Herzen, Kunde davon geben und uns seines
Mitgefhls freuen zu knnen. Albina, als sie sich auf ihrem Lager
allein mit ihren Empfindungen befand war jetzt erst vermgend, reiflich
ber die Ereignisse des Abends und ber das, was die Pflicht aufs Neue
von ihr fordern wrde, nachzudenken. Als sie damit im Reinen war,
entstand die Frage: Ob wohl Theodor von dem Vorfall wisse? und das
sehnschtige Verlangen regte sich lebhaft, doch recht bald mit ihm
darber sprechen zu knnen. Du mein Geliebter! wirst also einen Vater
durch deine Albina wieder erhalten! sprach sie leise und innig: doch in
diesem Augenblick verschmolzen die Bilder seines und ihres Vaters in
ihrer Phantasie so wunderbar in einander, da sie unzufrieden mit ihren
verworrenen Ideen, sich bemhte, einzuschlummern um am Morgen sich
ihrer gewhnlichen Geistesklarheit erfreuen zu knnen.

Sie war auch am folgenden Tag wieder vollkommen im Stande, alles,
was ihr schner Beruf heischte, genau zu besorgen, und der noch
heftig angegriffenen Mutter kindlich beizustehen -- doch gewhrte
es ihr hohen Trost, als Therese usserte: noch einige Tage bei ihnen
zu bleiben, da ihres Gatten Reise und Abwesenheit ihr die lngere
Entfernung vom Hause gestatte. Die erste gnstige Minute wo Albina
allein die mtterliche Freundin sprechen konnte bentzte sie um zu
erfahren, ob auch Theodor von den neuesten Begebenheiten unterrichtet
sey? Er ist nicht hier, erwiederte Jene; Volkmar gab ihm einen
Auftrag, der ihn schnell abzureisen und 10-12 Tage wegzubleiben
nthiget. Durch mich sendet er Albinen seine zrtlichsten Gre.

                   *       *       *       *       *

Nach einigen Tagen brachte Corneliens Dienstmdchen aus der Stadt
einen Brief an Theresen mit -- von meinem Albert! rief diese
und eilte damit in den Garten. Albine auf alles gefat, entschlo
sich ihr nachzugehen. Therese gieng aus der Laube mit dem Ausruf
entgegen: Dein Vater ist gefunden -- doch vielleicht -- nur um
ihn wieder zu verliehren! Sie theilte ihr nun den Brief mit, den
Jener an dem Krankenbette des noch in Gefahr schwebenden Verwundeten
geschrieben hatte. Albina war tief bewegt -- aber ganz mit Theresen
einverstanden: der Mutter diese Nachricht vorzuenthalten, vermogte sie
es, ihre Gefhle zu verbergen. Bald verwandelte ein zweites Schreiben
Langenheims diese peinliche Unruhe in glckliche Gewiheit und mit
mglichster Vorsicht machte Therese Cornelien mit dem Erfolg der Reise
ihres Gattens so wie nach und nach mit allen sie begleitenden Umstnden
bekannt. In Freude und Schmerz gleich ausschweifend, war Cornelia kaum
fhig die Erste zu ertragen und sie scholt die Zeit, welche sie viel zu
langsam zum Ziel ihrer Wnsche, zum Wiedersehen ihres Rombergs fhrte.
(Langenheim hatte nemlich den wahren Namen seines Freundes und seine
Vermuthungen wegen Theodor weislich noch verschwiegen.)

                   *       *       *       *       *

Therese wurde durch husliche Angelegenheiten genthiget in die
Stadt zurckzukehren. Albina verdoppelte nun ihre Sorgfalt fr die,
dem Geist und Krper nach leidende Mutter; ihre dadurch vermehrten
Geschfte lieen ihr nicht Zeit, ihren eigenen Empfindungen Gehr
zu geben, welche sie oft mit einer sen Unruhe erfllten. An dem
Abend, an welchem Theodor, der von seiner Reise zurckgekehrt war,
auf den Flgeln der Liebe zu seiner Albina eilte und beide des lang
entbehrten Genues eines traulichen Beisammenseyns in der Laube sich
erfreuten, kam Therese auch, doch etwas spter in das Landhaus. Sie
brachte Cornelien den Brief, worinn ihr Gatte seine und Hainaus Ankunft
und zugleich letztere als Theodors Vater ankndigte. Nachdem sie die
heftig aufgeregte Freundin etwas beruhigt verlassen konnte, suchte sie
die Liebenden auf und als sie vorbereitend von Vater Hainau manches
erzhlt hatte was beide aufmerksam und empfnglich fr die Nachricht
machte, die sie ihnen bringen mute, nannte sie die Namen: Bruder --
Schwester! -- Theodor fuhr erschrocken auf, Albina wurde bla und
zitterte, endlich lte ein wohlthtiger Thrnenstrom, die Betubung,
in welche sie diese Entdeckung versezt hatte, auf. Therese drckte
sie an ihr Herz und sagte: La uns Gott danken, theures Kind! der zu
~rechter~ Zeit einen erleuchtenden Strahl in die drohende Nacht
deiner Zukunft sandte, welcher uns alles im wahren Licht erblicken lt
und uns von dem Abgrund hinwegreit an dem wir ohne Wissen standen.
Theodor! fuhr sie fort, indem sie sich zu den noch immer in dumpfen
Sinnen finster brtenden Jngling wandte: Theodor! mssen Sie denn
die Geliebte ohne allen Ersatz hingeben? erhalten Sie nicht dafr
einen vershnten Vater, eine treue Schwester? Ja, eine treue, treue
Schwester will ich dir seyn! fiel Albina ein und umfate ihn liebend
trstend, wir haben uns ja nur verlohren, um uns in anderer Gestalt
wieder zu finden. Lasst mir Zeit, mich zu sammeln, bat Theodor, und
wandte sich sanft aus Albinens Armen; ich mu mit mir ~alleine~
seyn, und hoffe, wenn wie uns wieder sehen, Euch alle zufrieden zu
stellen. Er drckte einen Ku auf Albinens Stirn, reichte Theresen die
Hand und eilte fort. Wir wollen nun Anstalten zum Empfang der theuern
Gste treffen sagte leztere zu Albinen, dies wird eine wohlthtige
Zerstreuung fr meine geliebte Tochter seyn. Folgsam, aber schweigend
mit niedergesenktem Blick gieng sie an Theresens Seite in die Wohnung.

Cornelia schlo sie in ihre Arme und sagte: Ist Dir der letzte Vorfall
nicht Brge fr die Untrglichkeit meiner Ahnungen? -- Als der Sohn
meines Hainau, als dein Bruder, wird Theodor den nchsten Platz nach
dir in meinem Herzen einnehmen. Bis jezt konnte ich ihn aber nie ohne
geheimen Schauer betrachten. Ach Albina! welche beseeligende Aussicht
zeigt sich unserm Auge! ffne doch dein Herz auch meinen Empfindungen
geliebtes Kind! ich flehe zu dir, theile ~meine~ Freude! Theure
Mutter! erwiederte Albina bewegt, ist sie denn nicht auch ~meine~
Freude? Einen hohen Genu, den der vterlichen Liebe, bringen mir die
nchsten Stunden und ich fhle gewi seinen Werth. Aber sey nachsichtig
beste Mutter. Zu neu ist mir mein gegenwrtiges Verhltni gegen
Theodor, das Herz mu sich erst daran gewhnen lernen.

                   *       *       *       *       *

Es kam der der groe Augenblick des Wiedersehens und das freundliche
Landhaus umschlo eine unaussprechlich glckliche Familie! Nur das
gealterte krnkliche Ansehen Hainaus go einen Tropfen Wermuth in
den Freudenbecher. Es giebt Scenen im menschlichen Leben, wo die
Gegenwart, selbst der vertrautesten Freunde, strend werden kann. Diese
richtige Ansicht hatten auch Langenheims und da der Tag der Ankunft
genau bestimmt war, begab sich Theodor -- welcher das zur Seelenruhe
erforderliche Gleichgewicht der Empfindungen sich wieder errungen
hatte, an demselben ~alleine~ zur geliebten Schwester und Mutter
und der glckliche Hainau fand alles vereint, wonach in den letzten
Tagen sein Herz die heisseste Sehnsucht empfunden hatte. Er gab sich
ganz den sen Regungen der zrtlichsten Gatten und Vaterliebe hin
und fhlte sich oft, durch die Gensse, die ihm wurden zu dem Glauben
geneigt: er sey schon der Erde entrckt.

Auch Cornelia war unendlich glcklich in der Erwiederung einer lange
hoffnungslos gehegten, doch treu bewahrten Liebe und bemhte sich,
ihren Gatten immerwhrend davon zu berzeugen.

Der herangereifte Jngling befriedigte nun ganz die Forderung des
Vaters und auf der lieblichen Tochter ruhte oft lange mit stillem
innigen Wohlgefallen sein Blick. Joseph der seltene treue Diener
gehrte auch mit in den huslichen Verein und wurde durch die
allgemeine dankbare Anerkennung seiner Verdienste um seinen Herrn,
fr dieselben belohnt. Seine abentheuerliche Ritter-Kleidung wurde
als eine Reliquie der vorigen Zeit aufbewahrt. Sie hatte sich seiner
Aussage nach in der alten Ritterburg vorgefunden und schien ihm damals
geeignet, das geheimnisvolle Benehmen, wozu ihn Hainau verpflichtet
hatte, noch mehr zu erhhen. Der sonst stumme Diener war jezt sehr
redselig geworden. Er erzhlte viel und gerne von der Vergangenheit.
Unter andern gab er gleich in den ersten Tagen, bei einer zuflligen
Gelegenheit, folgende wichtige Geschichte zum besten:

Er war Soldat, und immer menschlich gesinnt kam er als Feind in ein
Dorf. Hier sah er vom weiten eine Frau, im Begriff ein neugebohrnes
schreiendes Kind im vorbeistrmenden Flu zu werfen. Joseph rief ihr
ein donnerndes: Halt zu. Sie blieb stehen und erwartete ihn. Was
willst du thun Barbarin? fuhr sie jener an. Ey was, erwiederte die
Frau, das Kind ist nicht mein, eine Fremde hat es mir zurckgelassen
und in den harten Kriegszeiten habe ich genug zu thun fr mich und
meinen Mann zu sorgen; das Kind ist mir eine Last. Joseph stellte
ihr das Grliche ihres Vorsatzes so eindringend vor, da sie in sich
gieng, die Augen mit der Schrze trocknete, das Kind kte und sagte:
Nun wohl, ich will die Kleine morgen in der Frh vor ein Gartenhaus
in der Gegend setzen: da wohnen reiche Leute die knnen sich ihrer
annehmen. Joseph quartierte sich darauf absichtlich bei jenen Leuten
ein, aber statt sich von ihnen frei halten zu lassen, bezahlte er
alles, was sie ihm gaben, doppelt und die Kleine trug er selbst den
ganzen Abend ber auf seinen Armen herum und liebkote sie. Sie hat
es gewut, da ich ihr Lebensretter war, sezte er treuherzig hinzu,
denn wenn sie im vollen Schreien war, und ich nahm sie zu mir, so
war sie stille und blickte mich lieb und freundlich an. Es war ein
wunderschnes Kind. In der Nacht mute ich weiter marschiren und ich
wei nicht, was aus ihr geworden ist, hab aber oft an sie gedacht. --
Theodor und Albina waren es, die er vorzglich mit seinen Geschichten
und also auch mit dieser unterhielt. Als er geendigt hatte sagte
Leztere: Treue Seele! die du gerettet hast vom Wassertod -- steht
vor dir -- ich bin es, und will dir mein Lebenlang dies zu vergelten
suchen. Sie erzhlte ihm ihre Jugend-Geschichte und Joseph war ausser
sich vor Freude da er zum Werkzeug erkohren war einem so edlen Wesen
das Leben erhalten zu haben. Als den brigen Gliedern der Familie diese
Begebenheit mitgeteilt wurde, beeiferte man sich um die Wette, dem
wackern Joseph die herzlichste Dankbarkeit fr seine schne Handlung,
welcher man das Daseyn der allgemein geliebten und verehrten Albina
zu verdanken hatte, zu beweisen. Vorzglich hatte er sich dadurch
Cornelien unendlich verpflichtet. Sie betrachtete ihn als ihren
Wohlthter und bot alles auf, ihm dies mit der That zu lohnen.

                   *       *       *       *       *

Albinens zarter liebender Sinn hatte einen Plan entworfen, nach
welchem, der letzten Ereignie wegen, ein wrdiges Familienfest
gefeiert werden sollte. Es war ihrer schnen Seele Bedrfni, sich
ffentlich darber aussprechen zu drfen; und Theodor wurde von ihr zur
freundlichen Mitwirkung aufgefordert.

Mehrere Tage bemerkte Cornelia bei Albinen eine geheime Thtigkeit,
so wie auch bei den Zglingen. Diese standen oft auf einem Fleckchen
beisammen, flsterten und lachten versteckt. Mtterchen, forsche nicht
nach! schmeichelte Albina, als Jene sie darber fragte: nur heute
noch, und du wirst Aufschlu erhalten. Am folgenden Abend erschienen,
von Albinen eingeladen und berraschend fr die Eltern, als liebe
Gste, Langenheims und Volkmar.

Im festlich mit Eichengewinden decorirten Saal war der Theetisch
bereitet. Eine der ltern Pflegetchter, eine muntre hbsche Brnette
bediente die Anwesenden anmuthig und gewandt. Die andern Zglinge
giengen ab und zu und Albina wute es leicht zu veranstalten,
da die Mutter die Freunde mit den Produkten des Fleies und der
Geschicklichkeit der Kinder unterhalten mute und also ihre und
Theodors Entfernung weniger bemerkt wurde. Endlich (es war schon
dunkel und an der reinen azurnen Himmelsdecke funkelten zahllose
Sterne) traten die 2 jngsten Kinder der Anstalt, als Genien gekleidet
in das Zimmer. Das weise Gewand war mit Blumengewinden hinaufgeschrzt
und Blumenkrnze zierten die blonden Kpfchen. Jede trug eine kleine
Fackel in der Hand und mit freimthigem Anstand nherten sie sich der
Gesellschaft und sprachen abwechselnd:

    Mchte es Geliebte Euch gefallen
    Uns zu folgen in die heil'gen Hallen
    Wo die Kindesliebe Eurer harrt.

            *       *       *

    Mchte dort ihr Walten Euch erfreuen
    Wo sie treulich in dem Kreis der Treuen
    Jegliche Empfindung offenbart.

Freudig erstaunt folgten die Eingeladenen den lieblichen Fhrerinnen.
Im Gartenzimmer, das von einer Lampe matt erhellt und reich
ausgeschmckt mit duftenden Blumen in Tpfen und Vasen war, standen
vor der geffneten Flgelthre, welche in den Garten fhrte, die
berechneten Sitze fr die Eintrettenden. Der mit vielen farbigen
Flmmchen erleuchtete Gang leitete die Blicke zu einem im Hintergrund
befindlichen Tempel, dessen Dach auf grn belaubten Sulen ruhte
und welcher die Strahlen, einer hinter ihm transparent angebrachten
Sonne wiedergab. Ein Altar stand in der Mitte derselben; an ihm ward
Albinens edle holde Gestalt im himmelblauen griechischen Gewand
sichtbar, welche die Flamme die auf dem Altar brannte, sorgfltig
unterhielt. Die Kinder alle wie die beyden Ersten gekleidet, umringten
in 2 Halb-Zirkeln den Tempel. In der entfernten Laube ertnte (auf das
gegebene Zeichen, da die Gefeierten zugegen wren) eine vollstimmige
Musik. Sie begann mit einem feierlichen Choral, in welchen die feinen
Kinder-Stimmen einfielen und Albina in betender Stellung an dem Altar
niedersank.

Sie sangen:

    Dem groen Geist, der wunderbar und weise
    Der Sterblichen Geschick hienieden lenkt
    Sey Lob und Prei fr diese schne Stunde
    Die uns hier himmlische Gensse schenkt!
    Er leite ferner huldvoll unsre Wege
    Zu der Vollendung schnem Ziele hin:
    Und reich' uns stets im innigen Vereine
    Der Lieb und Freundschaft dauernden Gewinn!

      *       *       *       *       *

Theodor kam nun als Minnesnger hervor. Um den Hals an einem breiten
Band befestigt hieng die Guitarre. Die Kinder eilten ihm entgegen
und fhrten ihn, gleich wie im Triumpf der Versammlung zu. Vor der
Flgelthre stehend begann er:

    Euch Ihr hochverehrten, hei Geliebten
    Tnt des Minnesngers frohes Lied
    Dem auf seinen Wanderungen lieblich
    Hier der Freude schnste Blume blht.

            *       *       *

    Was Irrthum einst trennte schaut er hier vereinigt
    Und in der Vergeenheit ewiges Grab
    Sieht er die vergangenen Leiden sich senken
    Im Augenblick, welcher uns Wonne nur gab!

            *       *       *

      Hochbegeistert lat mich aber preien
    Dich o Freundschaft! mit dem edlen Sinn!
    Du bist von dem Glck das uns beseeligt
    Mchtige und holde Schpferin
    Und die Grosmuth, die mit milden Hnden
    Die Verlanen fhrte und sie reich
    Segnete, beglckte und erfreute
    Gre ich verehrend hier in Euch!

            *       *       *

      Ihr habt schon den Lohn jener liebenden Thaten
    Im sen Bewutseyn; doch nehmt jezt den Kranz
    Mit freundlicher Gte aus kindlichen Hnden,
    Den Unschuld Euch reichet im himmlischen Glanz!

      *       *       *       *       *

Mit einer Verbeugung trat Theodor zurck und 4 Mdchen reichten den
Langenheimischen und Volkmarischen Ehegatten Krnze aus Lorbeeren und
Vergimeinnicht gewunden. Nachdem wurde man Theodor im Tempel gewahr,
wo er und Albina sich ber der heiligen Flamme auf dem Altar die Hand
reichten und der Chor der Kinder sang mit Musik begleitet:

      Heil dem neu geschlonen Bunde
    Reiner Bruder- treuer Schwesterliebe!
    Dauernd grnde diese Stunde
    Jene heil'gen Triebe.
    Ihre Herzen, die sich schnell gefunden
    Sind fr eine Ewigkeit verbunden.

      *       *       *       *       *

Nach Endigung dieses Gesangs giengen die Geschwister Hand in Hand, von
den Genien begleitet, der Versammlung zu und Albina lies sich vor dem
Vater, Theodor vor der Mutter, auf ein Knie nieder; Aurelia trat hervor
und sang mit weicher Stimme:

      Segnet theure Eltern die Geliebten,
    Die fr Euch in frommer Lieb' erglh'n!
    Euer immer werth zu bleiben
    Ist ihr unermdetes Bemhn
    Es soll Eure Tage schn verklren
    Und des trauten Kreies Glck vermehren!

      *       *       *       *       *

Mit tiefer Rhrung legten die Eltern die Hand auf die Hupter der
geliebten Kinder, zogen sie dann an ihre Brust und kein Auge blieb
trocken bei dieser herrlichen Scene welche besonders fr Cornelien und
Hainau sehr angreifend zu werden schien: doch Moly die schon erwhnte
heitre Brnette unterbrach dieselbe, indem sie mit noch einem Kranz
am Arm, auf den in einer Ecke des Zimmers stehenden Joseph hineilte,
welcher beinah laut weinte, ihn mit freundlicher Gewalt in ihre Reihen
zog und zu singen begann:

      Nimm diesen Kranz aus meiner Hand
    Sieh'! er gebhret der Treue!
    Sey auch verschieden ihr ueres Gewand,
    In welchem Sie uns erfreue.
    Du hast in der alten Rittertracht
    Auch teutschen Rittern dich gleich gemacht --
    Sey hoch geprieen aufs Neue! --

      *       *       *       *       *

Hiemit sezte ihm das frhliche Mdchen den Kranz auf. Jung und Alt,
Gro und Klein drngte sich zu ihn und drckte des Wackern Hand. Hainau
fand keinen Anstand, den bewhrten Diener an seine Brust zu nehmen, der
die Hand des gtigen Herrn mit Kssen bedeckte und lange vor strmenden
Thrnen, nicht sprechen konnte. Endlich kam in den treuherzigsten
Ausdrcken ein gutgemeinter Wunsch hervor. -- Man gieng dann zur
nheren Beschauung, Gruppenweise in die erleuchteten Parthien des
Gartens und freute sich wiederholt Albinen und Theodors schpferischer
Liebe.

Nach und nach schlichen sich die Aeltesten unter den lieblichen Genien,
dann Theodor und zulezt Albina und Joseph hinweg. Und nicht lange --
so wurden die Eltern und Freunde gebetten, in den Saal zurckzukehren,
wo hell erleuchtet ihnen die gedeckte Tafel einladend entgegen winkte.
Albinens Hausmtterliches Talent, die Gelehrigkeit und Emsigkeit
ihrer Schlerinnen, sprach sich in der Anordnung des, wenn auch nicht
kostbaren, doch wohlschmeckenden und geschmackvoll eingerichteten
Abendeen aus. In das Nebenzimmer war eine Harmonie-Musik blasender
Instrumente gewiesen, deren sanfte Zauber die beseeligenden
Empfindungen in den Gemthern der Anwesenden noch mehr erhhte und --
erst beim ernsten Schlag der Mitternachts-Stunde trennten sich die
Stadtbewohner mit den Gefhlen aufrichtiger Achtung und Dankbarkeit
gegen Albinen und Theodor von dem Wohnsitz reiner Freude.

                   *       *       *       *       *

So sehr Hainau wnschte mit dem lang entbehrten Sohn hufiger beisammen
seyn zu knnen: hielt doch Letzteren seine Pflicht in der Stadt. Er
war als Actuar angestellt, hatte seine Wohnung im Langenheimischen
Haus und brachte nur die Sonntge, an andern Tagen zuweilen ein paar
Abendstunden im Krei seiner Familie zu.

Wie schon erwhnt wurde -- war er ein leidenschaftlicher Freund der
Musik und besa auch von und in derselben ausserordentliche Kenntnie
und Fertigkeit. Seine Neigung gieng so weit, da er nicht nur jedem
Conzert; ~jedem~ musicalischen Privat-Verein beiwohnte, und auch
tglich, wenn die schne militrische Musik des in D* garnisonirenden
Regiments bei seinem Breau vorberzog, um die Wache zur Ablung zu
begleiten -- von seinem Sitz auf und ans Fenster sprang um sie zu
hren: sondern da sogar ~jeder~ an den Messen herumziehende
Strassensnger seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Einst spielte wieder ein Knabe vor seiner Wohnung eine kleine Orgel
und lockte Theodor an das Fenster. Ein zartes Mdchen von 14-15 Jahren
sang mit einer umgemein lieblichen Stimme dazu. Diese war fr ihr
Alter von einem bedeutenden Umfang, metallreich und hatte so viel
Weiches, da Theodors Augen sich unwillkhrlich mit Thrnen fllten.
Er rief die Kinder in das Haus, erfuhr, da sie unter Wegs zufllig
zusammengekommen wren und Antonie, so hie das Mdchen, aus dem
westlichen Theil Italiens gebrtig, ohne Verwandte in der weiten Welt
durch ihre Stimme den rmlichsten Unterhalt zu erwerben suchte. Ihr
bescheidenes Wesen, ihre ausdrucksvollen Gesichtszge und ihre hlflose
Lage, verbunden mit ihren musikalischen Talenten machte sie Theodor
ungemein interessant. Er beschenkte sie und ihren Begleiter reichlich
und lie sich ihre Herberge sagen.

Den grten Theil der Nacht beschftigte ihn der Gedanke: wie
unglcklich dies Mdchen sey, in welchen Gefahren sie schwebe und
ob es nicht mglich wre, sie denselben zu entziehen. Er beschlo,
sie nher kennen zu lernen und -- wre sie es wrdig! sich ihrer
anzunehmen: Theils fhrte ihn das Gefhl der Schiklicheit, theils das
Vertrauen auf Theresens Einsicht und wohlwollende Gesinnung am andern
Tag zu derselben und er gieng mit ihr in dieser Angelegenheit zu
Rath. Sie zeigte sich bereitwillig seinen Wunsch zu erfllen und lie
Antonien zu sich rufen. Diese war der Franzsischen Sprache kundig,
welche auch Therese vollkommen verstand und so war es der Lezten
mglich nach einer langen Unterredung das Mdchen auf verschiedene
Weise als Menschenkennerin zu prfen; doch ach, die freundliche
Behandlung Theresens, die schne Wohnung die sichtbaren Spuren der
Wohlhabenheit ihrer Besitzer, dies alles erregte bei Antonien, welche
hier den Abstand zwischen ihrer rmlichen Lage und der, der glcklichen
Stadtbewohner sehr schmerzlich fhlte, eine Sehnsucht und Wehmuth,
die sich bei ihrem Abschied von Theresen in hervorbrechenden Thrnen
usserte. Diese senkte einen Funken der Hoffnung in ihre betrbte Seele
und versprach ihr auch, sie whrend ihres Auffenthalts fter zu sich
kommen zu lassen. Als sie Theodor das Resultat ihrer Beobachtungen
mitgetheilt hatte, kamen beide darinnen berein: Antonien in die
Anstalt seiner Mutter zu bringen zu suchen.

Er gieng noch an dem nemlichen Abend hinaus, gewann zuerst die
mitleidige Albina fr seinen Wunsch und beide trugen ihn Cornelien vor.

Bist du denn sicher mein Sohn, sagte diese ernst, da der Schritt,
zu welchem du mich bestimmen willst keine nachtheiligen Folgen fr
unser husliches Glck haben wird?

Beste Mutter! erwiederte dieser, ist denn die mgliche Rettung
eines Menschen nicht eines, wenn auch gewagten Versuches, werth? Was
wre aus Albinen, was aus mir geworden, htten unsere Wohlthter an
unserer Wrdigkeit zweifelnd, ngstlichen Besorgnissen Gehr gegeben,
welche ihnen vielleicht auch wiederrathen haben wrden, sich unsrer
anzunehmen! -- Albina tief durchdrungen von der Wahrheit dieser Worte,
lie mit Bitten nicht eher nach, bis Cornelia ihre Einwilligung zur
Aufnahme Antoniens in ihrem Hause gab. Mit dem freudigsten Dankgefhl
kehrte Theodor in die Stadt zurck, theilte Theresen den Erfolg seiner
Bemhung fr Antoniens Zukunft mit und bat: sie am folgenden Tag zu
einer bestimmten Stunde rufen zu lassen, wo er wute, da er gewi zu
Hause sey; denn er wollte Zeuge von dem Entzcken des Mdchens seyn,
wenn sie die frohe Kunde hren wrde. Antonie! sprach sie Theodor
freundlich an, als sie bei ihnen am andern Morgen erschien. Antonie!
knntest du dich mir wohl vertrauen? ich mchte dein Glck grnden
und dich deiner unwrdigen Lebensweise entziehen! -- Das Mdchen
schaute ihn mit groen Augen an: Kannst du dich entschlieen, fuhr
Jener fort, hier zu bleiben und die Bemhungen dich auszubilden mit
Gehorsam und Flei zu belohnen: so will ich dich zu einer geliebten
Mutter und Schwester fhren, welche geneigt sind dich aufzunehmen. --
Noch immer schien Antonie ihr Glck nicht begreiffen zu knnen. Nun
sezte ihr Therese Theodors Plan deutlicher auseinander, und -- ein
freudiges Ach! war alles was sie hervor bringen konnte. Aber sie
zitterte, da sie sich an einem nahestehenden Tisch fest halten mute
und eine glhende Rthe wechselte mit Todtenblsse in ihrem Gesicht ab.
Fasse dich doch mein Kind! sagte Therese -- und -- prfe dich, fiel
Theodor ein, welcher anfieng an ihrem Willen in seinen Plan einzugehen,
zu zweifeln, prfe dich, ich will dich durchaus nicht zwingen, meinen
Vorschlag anzunehmen.

Ach Gott! ich bin zu glcklich! ich vermag es kaum zu fassen, sagte
das Mdchen und schlug die schnen dunkeln Augen gen Himmel. Die arme
verlassene Antonie soll einen Zufluchtsort finden, eine Mutter, eine
Schwester, einen Bruder! -- o es ist zu viel es ist zu viel! Sie
ergriff bei diesen Worten Theodors beide Hnde und prete sie an ihr
Herz. Noch an demselben Abend fhrte sie Therese mit Theodor in ihre
neuen lieblichen Umgebungen.

Sie wurde von der Mutter gtig, von Albinen mit schwesterlicher
Freundlichkeit empfangen und Antonie fhlte sich ber allen Ausdruck
glcklich.

Sie zeigte sich bald als eine hchst gelehrige, fleiige und gehorsame
Schlerin, wurde Albinens emsigste Gefhrdin, treueste Freundin und
dieser unbeschreiblich werth und theuer; auch die Mutter fand nicht
Ursache, ihren Entschlu zu bereuen; sie wurde bald im ganzen Hause
allgemein geliebt. Albina machte sich sehr verdient um sie, sie lehrte
ihr alles, was ihr nthig war und wozu sie Lust hatte und streute in
das empfngliche weiche Mdchen-Herz den Saamen aller schnen Gefhle.

Theodor, entzckt, ber sein gelungenes gutes Werk, kam nicht einmal,
wo er nicht neue Vorzge an Antonien entdeckte und Albinen innig fr
ihre schwesterlichen Bemhungen um Jene dankte. In der Musik gab er
ihr Unterricht und seine Schlerin machte riesenmsige Fortschritte
warum? -- die Liebe trat als Lehrerin auf. Theodor ihr Wohlthter war
ihr Abgott ihres Herzens. Mit geheimer aber glhender Leidenschaft war
sie ihm ergeben, ohne da sie es anfangs selbst wute. Sehnschtig
sah sie jedem Abend entgegen, wo nun Theodor fter auf dem Landhaus
erschien, als sonst. Die Unterrichtsstunden muten zum Vorwand dienen,
denn er wollte es nicht gestehen, was doch wirklich war, da ihm das
Mdchen, welches er vom leiblichen, ja vielleicht auch vom ewigen
Verderben errettet hatte, ihm immer theurer wurde. Sah Antonie (welche
sich nun die Zeit, in welcher er gewhnlich kam, immer am Fenster
etwas zu schaffen machte) ihn die Strasse herauf eilen: so suchte sie
zuerst ein paar einsame Augenblicke zu erhaschen um sich zu sammeln,
und dennoch begrte sie ihn immer mit niedergeschlagenen Blicken und
pochendem Herzen. Albina durfte sich auf Antoniens dringende Bitten,
nie whrend der Unterrichtsstunde entfernen: denn, sagte sie zu
dieser, in kindlicher Unschuld und Vertraulichkeit: ich kann dir
nicht sagen, wie bange mir an Theodors Seite ist und dennoch freue ich
mich so sehr auf jede Lehrstunde. Albina lchelte, ihr war der Grund
jener sen Unruhe wohl erklrbar. Die Mutter schien auch auf einige
Vermuthungen zu gerathen, sah aber sehr finster dabei aus.

                   *       *       *       *       *

Noch war kein Jahr nach der glcklichen Wiedervereinigung verfloen:
als Hainau bedenklich krank wurde. Die geschickteste rztliche Hlfe,
die ngstlichste Pflege treuer Liebe konnte seine Genesung nicht
bewirken. Die Natur unterlag den Folgen frherer harter Erfahrungen
und leichtsinniger Handlungsweise. Er entschlummerte zu jenem Leben
in den Armen Albinens, welche ihm sanft die Augen zudrckte. Cornelie
blieb sich auch hier gleich, ihr leidenschaftlicher Schmerz brach in
so heftige Aeusserungen aus: da man sie vom Krankenbett entfernen
mute! auch Theodor war nicht vermgend den Vater sterben zu sehen.
Mit verhlltem Gesicht schritt er im Zimmer auf und ab und Antonie
kniete in einer Ecke desselben und sandte fromme Gebete fr des
Sterbenden Heil zum Himmel. Er hatte vollendet! -- Albina kte die
kalte vterliche Hand und trug nun treue Sorge fr die Lebenden, da sie
in allen Fllen so viele Besonnenheit und Einsicht zeigte, mute sie
auch Langenheim bei dem Geschft der Beerdigung untersttzen. Antonien
bergab sie den trauernden Bruder und diese lie ihr liebendes Herz
ganz gewhren, sie war unerschpflich in den Bemhungen Theodor zu
trsten und aufzuheitern. -- Auch dem Todten weihte sie ihre fromme
kindliche Ehrfurcht. Am Abend zuvor, ehe er in die khle Gruft gesenkt
wurde, verfertigte sie aus sinnig gewhlten Blumen ein langes Gewinde,
womit sie inwendig den Sarg bekrnzte, da es schien als lge die
Leiche auf Blumen gebettet. So geschmckt, und einfach, aber wrdig
bekleidet, wurde dieselbe einige Stunden im Garten-Zimmer ausgestellt,
indeen die trauernde Familie nebst den Freunden aus der Stadt oben
versammelt waren und auf mannigfache Weise ihren Schmerz usserten.
Auf einmal vermite man Theodor. Erschrocken eilte Antonie weg, ihn
aufzusuchen. Sie fand ihn bei der Hlle des geliebten Vaters. Bei ihrem
Eintritt las er wieder in ihrer Miene die besorgte Liebe, und rief,
indem er beide Arme ausbreitete: Treue Seele! -- Sie sank an das
Herz des Heisgeliebten, mit ihm dann am Sarge nieder und fest schlo
sich an des erblichenen Vaters Seite das Bndnis ihrer Herzen. Albina,
den Vorgang ahnend, entfernte sich schweigend, um die Abwesenheit
der Liebenden weniger auffallend zu machen, traf sie noch in obiger
Stellung an der theuern Leiche und jenen war es wohlthtig an dem
treuen schwesterlichen Herzen den sen Schmerz ausweinen zu drfen.

Als nach der Beerdigung wieder mehr Ruhe und die gewohnte Lebensweise
nach und nach eintrat, wurde Cornelia in dem Benehmen Theodors und
Antoniens ihre gegenseitige Neigung gewahr, welches sie tief betrbte.
Sie liebte beide herzlich und sah keine Mglichkeit zur Erreichung
ihrer Wnsche. Theodors Amt war nicht eintrglich und die Familie nicht
reich. Der Ertrag ihres Instituts reichte gerade zu ihrem anstndigen
Unterhalt zu. Sie konnte also nicht anders, sie mute mit gnzlicher
Mibilligung ihre offnen Mittheilungen erwiedern. Jedoch es blieb
nicht alleine dabei: zu Theodors heftiger Leidenschaft fr Antonien,
gesellte sich ein Trotz gegen die Mutter, (die er ausserdem kindlich
verehrte) den weder Albinens sanfte Bitten, noch Antoniens Thrnen
mildern konnten; er reitzte dadurch Corneliens Unwillen immer mehr und
es gab manche unangenehme Auftritte, welche ehedem in dem friedlichen
Landhaus nie vorgefallen waren. Albinens Herz litte unendlich mit
den Bekmmerten. Sie suchte es aber vorzglich Antonien, als der am
schwersten Verlezten zu verbergen, allein in dieser Schwester Seele
hallte jeder, noch so leise Miston wieder; sie fhlte es schmerzlich,
wenn sie im Stillen Vergleiche zwischen Sonst und Jezt anstellte,
da ~sie~ die Ursache der traurigen Vernderung sey und dies
war ihr unertrglich. Unter heissen Kmpfen reifte nach und nach in
ihrem Innern ein Entschlu, der ihr ganzes Glck zerstren, doch das,
ihrer Geliebten wieder herstellen sollte! Bei einem der jezt seltenen
Abendbesuche Theodors, fhrte ihn Antonie, was sie sonst nie that, in
die Laube, zu einer ungestrten und wichtigen Unterhaltung, (wie sie
sagte). In ihrem ganzen Wesen lag so viel Feierliches, da, Theodor
unwillkhrlich davon ergriffen, lange ernst und schweigend an ihrer
Seite sa. Sie schien schmerzliche Empfindungen in ihrem Innern zu
verarbeiten und sich mhsam Fassung zu erringen. Endlich sagte sie
mit unaussprechlicher Zrtlichkeit: mein Theodor! in dem mir ewig
theuern Augenblick, wo du mir das Glck verkndet, da ich in deine
Familie aufgenommen werden sollte, war deine erste Frage an mich:
ob ich dir vertrauen knne? -- La mich nun dieselbe Frage an dich
richten: wrdest du, auch in zweifelhaften Fllen, immer mir vertrauen,
nie den Glauben an mich verlieren? Theodor sah sie befremdend an.
~Nie~! erwiederte er dann und umschlang feurig die Geliebte.
Jedoch ich glaube, da Antonie immer ~so~ handeln wird, da ich
sie begreiffen kann. Das wirst du knnen, versezte sie, wenn du
stets meine unaussprechliche Liebe zu dir ermiest, welche nur dein
Glck zum Ziel ihrer Bestrebungen hat. O welch ein Trost liegt in dem
Einverstndnis unsrer Seelen! fuhr sie fort, schlang ihren Arm um
Theodors Nacken und blickte ihn liebend ins Auge, Sollten uns auch die
Menschen trennen, was hierinnen (sie deutete auf das Herz) fr dich
lebt, dauert ewig und mir bleibt der Trost deines freundlichen, durch
keinen Zweifel entweihten Angedenkens --

Wer will, wer kann uns trennen? rief Theodor, sprang wild in die Hhe
und wollte -- Bses ahnend, fort strmen. Antonie hielt ihn zurck
und betheuerte: all' das Gesagte htte seinen Grund nicht in der
Handlungsweise Anderer, sondern in ihrer eigenen leidenden Phantasie.
Durch manche liebende Rede, besnftigte sie Theodors aufgeregtes Gemth
und ehe sie sich trennten, bat Antonie den Geliebten: um ein Zeichen
der Erinnerung an diese schne Stunde Sie zog bei diesen Worten ein
Scher'chen aus dem Arbeitskrbchen das neben ihr stand und schnitt
Theodor eine Locke ab, wickelte sie sorgfltig in ein Papier, drckte
sie an ihre Lippen und verbarg sie ins Busentuch. Theodor sah ihr
lchelnd zu. Gieb mir auch von deinem glnzenden Rabenhaar sprach er
und griff nach der Scheere. Als er welches abgeschnitten hatte, ordnete
sie es zierlich in Ringeln und indem sie ein Papier zuschneiden wollte,
um es einzuwickeln, verwundete sie sich so tief in die kleine Hand, da
groe Blutstropfen auf das Papier fielen. Theodor jammerte und sog das
Blut aus der Wunde. Antonie schien erschttert; nach einer Pause sprach
sie bewegt: o sey ruhig mein Lieber! der Schmerz ist unbedeutend und
warst ja du die Ursache davon! dieser Gedanke wrde mich auch bei einer
tiefern Herzenswunde zum ruhigen Ertragen derselben strken; doch
behalte dies Papier, diese Spuren von meinem Blut sollen dich immer
lebhaft an die von mir so tief empfundene Wahrheit erinnern, da ich
Ruhe, Blut und Leben willig deinem Glck opfern wrde. Ein langer Ku
dankte Antonien fr die Aeuerung der treusten zrtlichsten Liebe und
diese fhlte von Neuem das unaussprechliche Weh der nchsten Stunden.

Bla erhob sie sich aus Theodors Armen, die Pulse schlugen fieberisch,
die Augen brannten und es berfiel sie ein so heftiges Zittern, da
Theodor in der grten Herzensangst nach Hlfe eilen wollte. Antonie
verhinderte es la gut seyn! sagte sie leise, es wird bald wieder
vorbergehen.

Albina kam, um den Liebenden so schonend als mglich die
Unzufriedenheit der Mutter ber ihr langes Zusammenseyn mitzutheilen.
Theodor durch alles Vorhergehende gereizt, tobte frchterlich, Antonie
weinte; endlich flehte sie: um meinetwillen Theodor sey gelassen!
vergieb der Mutter und -- la uns scheiden! sezte sie mit besonderm
Nachdruck hinzu; Scheiden! rief Theodor und drckte sie strmisch an
die Brust; wer kann uns scheiden, wer? -- fr ~jezt~ meint Antonie,
sagte Albina beschwichtigend, lieber Bruder! -- erflle Antoniens
Bitte, durch ihre Nichtgewhrung bereitest du deiner Geliebten eine
neue Unannehmlichkeit; verla uns fr heute, ein baldiges Wiedersehen
soll dich schadlos halten.

Ja, das Wiedersehen! flsterte Antonie; und nach einer Umarmung,
in welcher es schien, als vermgte sich keines von dem Andern
loszureissen, gehorchte endlich Theodor Albinens ngstlich wiederholter
Bitte und -- gieng.

Antonie lag ohnmchtig in Albinens Armen. Diese suchte im
Arbeitskrbchen der Lezten nach dem strkenden Mittel welches jene
immer bei sich trug um sich vor hnlichen Unfllen, denen sie fters
ausgesezt war zu sichern und nach einigen Minuten gelang es ihr, sie
wieder ins Leben zu bringen. Antonie wankte, von Albinen untersttzt
sogleich in ihr Schlafzimmer, da sie der Ruhe hchst bedrftig war.
Finster hrte die Mutter die Nachricht von ihrem Uebelbefinden und
verwundete Albinens liebendes Herz durch manche harte Rede, welche die
leidende Freundin traf. Inde lie sich nicht das Geschft der Pflege
Antoniens nehmen: allein Letztere schien immer zu schlummern.

Nur einmal prete sie Albinens Hand an ihre Lippen und sagte innig:
Dank, heissen Dank fr Alles! --

Sie schlief noch mit 4 Tchtern der Anstalt in einem Zimmer; unter
diesen war auch Aurelie. Nach ein paar Stunden unruhigen Schlummers
erwachte Antonie; als sie sich aufrichtete, bemerkte sie, da die
Kinder whrend der Zeit ins Bett gegangen waren und schon schliefen.
Was soll ich thun? sprach sie nun halb laut fr sich -- ich fhle
mich zwar noch schwach, jedoch viel ist mit dem gestrigen Abend
berstanden, soll ich es noch einmal durchkmpfen? -- nein o nein!
fort, sogleich fort! Sie sprang mit diesen Worten aus dem Bett,
kleidete sich an, warf sich auf ihre Knie und schien hei zu beten.
Dann nahm sie aus ihrer Comode einige Wsche, eine Chatoulle worin
ihr kleiner Reichthum war unter dem Arm, hllte sich in Mantel und
Schleier und -- wollte zur Thre hinaus. Antonie was beginnst du!
rief Aurelia mit dem Ausdruck des Entsetzens. Sie war noch wach, als
Erstere ihr Selbstgesprch hielt, hatte sie bisher beobachtet und
mute nun ihrer Angst Worte geben. Gleich einer Bildsule erstarrte
Antonie. Endlich trat sie an Aureliens Bette und sagte: wenn dir
meine Seeligkeit lieb ist, so la mich fort und schweige. Ach warum
willst du uns denn verlassen? jammerte diese. O meine Aurelia,
erwiederte Antonie bewegt und umfate innig die Weinende, du warst
mir unter deinen Schwestern immer die Theuerste, nimm als einen Beweis
davon das Vertrauen, mit dem ich mich dir in den lezten Augenblicken
unsers Beisammenseyns nhere. Ich ~mu~ euch verlassen; unser aller
Ruhe fordert diesen Schritt. Wohin ich gehe, weis ich selbst noch
nicht, also ist auch jede Nachforschung von eurer Seite vergeblich.
Dir geliebtes Mdchen bergebe ich die Sorge fr meinen Theodor, fr
meine Albina. Verdopple die Aeusserungen deiner Liebe gegen sie, das
wird sie ber meinen Verlust trsten; sage ihnen, da, wenn ich hier
geblieben wre, ich endlich gewaltsamen Tod gewhlt haben, nun aber
entfernt, vielleicht meinen Seelenfrieden wieder finden wrde, sage
ihnen aber auch, da meine treue Liebe zu ihnen nur mit meinem Leben
enden wird; und auch deiner du theures Kind werde ich immer gedenken.
Aurelia verhllte ins Kssen ihr Gesicht und schluchzte laut, indem sie
Antoniens Hand fest in der ihrigen hielt. La mich, la mich, sagte
diese und weine nicht so sehr! du machst mich weich und ich habe viel
Strke nthig! Beruhige dich, Gott wird stets mit dir, mit allen meinen
Geliebten seyn! auch mich wird er nicht verlassen, leb wohl, leb wohl!
sie kte sie noch einmal mit dem heftigsten Ausdruck der Liebe und des
Schmerzens und eilte fort.

Aurelia war betubt; -- sie wute nicht, was sie thun sollte. Als sie
noch mit sich selbst zu Rathe gieng, trat Albina leise in das Zimmer.
Der gestrige Abend in der Laube, Antoniens hchst gespanntes Wesen,
machte sie unruhig: schlaflos verstrich ihr die Nacht bis dahin und
nun schien es ihr als hre sie eine Bewegung im Hau; endlich sogar an
der Thr. Ihr erster Gedanke war -- Antonie; und -- siehe da -- sie
fand sich in ihrer schrecklichen Vermuthung nicht getuscht -- sie
war entflohen. Alles was Aurelia ihr, immer von Thrnen unterbrochen
mittheilte, war nur vermgend ihren tiefen Schmerz zu vermehren; sie
sah daraus das Vergebliche jedes angestellten Versuchs, Antonien wieder
zu finden. Sie kannte die Festigkeit und Besonnenheit derselben und
vermuthete mit Recht, da sie ihre Flucht sehr berlegt unternommen
haben wrde. So war es. Albina machte zwar gleich Anstalten und sandte
die Pchtersleute nach Antonien aus, jedoch sie kamen am Morgen ohne
sie gefunden zu haben, zurck. Als Cornelia die Sache erfuhr, befand
sie sich in der Lage, in welche leidenschaftliche Gemther gerathen,
die durch ihre Heftigkeit etwas herbeifhren, was dann ausser ihrer
Macht steht zu ndern, so lebhaft sie es auch wnschen. Sie peinigte
sich Tag und Nacht mit Vorwrfen, die gerecht waren, jedoch ihre
Stimmung immer mehr verdarben; sie wurde beinahe tiefsinnig und
Albina mit so manchem eignen stillen Kummer in der Brust, hatte
die schwere Aufgabe, den schlimmen Einflu der lezten Ereignisse
auf ihre anvertrauen Zglinge zu verhindern, die Mutter von dem
Erziehungsgeschft ihr und Andern unbemerkbar ganz zu entfernen, ihre
kindlichen Pflichten gegen dieselbe zu erfllen und den trostlosen
Bruder vor gnzlicher Verzweiflung zu bewahren! -- Welche Seelengre,
welche Selbstverlugnung war hiezu erforderlich! -- oft sank sie
auch weinend an Theresens Brust und sagte: o Mtterchen, bete zu
Gott fr dein Kind um Strke! Sie suchte dieselbe hufig selbst im
eigenen andchtigen Gebet und stand davon aufs Neue ermuthiget stets
auf. Therese war wie immer, auch in diesem traurigen Zeitpunct der
Trost ihrer Freunde und erleichterte Albinen manche schwere Last,
verste manchen trben Tag; auch theilte sie sich mit dieser in die
Sorge um den schmerzlich leidenden Theodor. Der Unglckliche fiel
ganz in seine alte Schwermuth zurck, hielt sich entfernt von allen
gesellschaftlichen Freuden und fand die einzige Linderung seines
Kummers in dem Umgang mit Albinen und Theresen; ihre sanfte Theilnahme,
ihr inniges Mitgefhl lste seinen stummen dstern Gram in Klagen und
Thrnen auf, welche das geprete Herz erleichterten. Cornelia vermied
er; ihr eigener Schmerz gestattete es ihm nicht, ihr Vorwrfe zu machen
und doch vermochte er es nicht, sich gegen die Urheberin seiner Leiden,
freundlich zu benehmen.

Langenheim hatte einen wrdigen vielvermgenden Gnner, der einen
Gesandtschaftsposten am *** Hof bekleidete. Er erfuhr, da deen
Secretair von ihm verabschiedet worden sey und schlug Theodor zu dieser
Stelle vor. Zur gegenseitigen Zufriedenheit fiel der Erfolg dieser
Empfehlung aus und ftere Reisen, zerstreuendere Geschfte wirkten
vortheilhaft auf Theodors Stimmung. Auch berhob ihn diese Anstellung
der unangenehmen Nothwendigkeit bei einem Ereignis gegenwrtig zu seyn,
das sich in Volkmars Familie zutrug und Veranlaung zu Festen und
Gesellschaften gab, welche durchaus zu seiner Stimmung nicht paten,
ihn auch fters mit Cornelien zusammen gefhrt htten.

Jene Begebenheit war die Vermhlung Eugeniens mit einem berhmten
auswrtigen Gelehrten. Diesen lernte sie bei seinem Auffenthalt in
D* kennen. Uebereinstimmend in ihren Neigungen fanden sie Geschmack
an einander. Der sich rechtlich ussernde Charakter des Mannes, so
wie seine vortheilhafte finanzielle Lage bestimmten die Eltern zur
Einwilligung und Eugenie folgte ihm als Gattin auf eine entfernte hohe
Schule, wo er als Profeor angestellt war. --

Nachdem die geruschvollen Wochen vor und nach der Hochzeit vorber
waren, trat desto grere Stille bei Volkmars ein. Sie waren nun ganz
Kinderlos und fhlten sich oft sehr einsam. Es gereichte ihnen daher
zu einer wahren Aufheiterung, wenn Albina, welche die Achtung und
Liebe des wrdigen Paars in einem sehr hohen Grad besa, sie besuchte.
Aurelia, die gewissenhaft Antoniens lezte Wnsche zu erfllen und
dieselbe durch Thtigkeit und treue Anhnglichkeit Albinen zu ersetzen
strebte, hatte fr ihr Alter ungemein viel Ernst und Verstand; ihr
konnte Albina ruhig mehrere Stunden die Fhrung des ganzen Hauswesens
berlassen und daher war es ihr auch mglich dem Verlangen Volkmars von
Zeit zu Zeit ein Genge zu leisten. Sie erfllte freudig diese se
Pflicht: denn sie verehrte jene kindlich, auch lag noch eine geheime
Ursache zum Grund, weswegen sie gerne bei ihnen weilte.

Ach seit sie wute, da es die nah verwandschaftlichen Bande waren,
welche sie einst zu Theodor hingezogen hatten, besa Guido die ganze
stille Liebe ihres Herzens und sie pflegte treu die Gefhle fr ihn,
welche gleich anfangs seine Vorzge in ihr erregt hatten und die nur
durch die Neigung zu Theodor verdrngt worden waren. Sie traten nun
wieder mit ser Allgewalt hervor und beherrschten Albinens reine
Phantasie. Daher war ihr Alles, was nher oder entfernt auf ihn Bezug
hatte theuer und von unendlicher Wichtigkeit; daher vertraute sie
der verschwiegenen Nacht so manches leise Ach! so manche geheime
Thrne: denn Guido hatte seine Reise verlngert und endlich blieben die
Nachrichten von ihm aus welches die Seinigen in die tiefste Betrbnis
versetzte.

Bei einem wiederholten Besuch welchen Albina Volkmars machen wollte
traf sie die Eltern in groer Bewegung: der Vater schritt nachdenkend
mit, auf dem Rcken bereinander geschlagenen Hnden im Zimmer auf und
ab. Die Mutter sa auf dem Sopha einen Brief von mehreren Bgen in der
einen, das Sacktuch in der andern Hand haltend, womit sie sich die
Augen trocknete. Ach, unsre Albina! rief sie, als diese ins Zimmer
trat. Komm liebes Kind! theile unsern Schmerz und unsrer Freude! Guido
-- (Albina erschrack) unser geliebter lang entbehrter Guido wird in
den nchsten Wochen bey uns seyn; doch, lies diesen Brief, fuhr sie
fort, ach! wie unglcklich war der Arme und -- ist es noch! Albina
nahm das Schreiben und trat damit an das Fenster, um zu verbergen, was
in ihrem Innern vorgieng. Aber sie zitterte, da sie kaum die Bltter
zu halten vermogte, und mehr als einmal verdunkelten Thrnen ihren
Blick, die sie unbemerkt zu trocknen sich bemhte.

Guido's Brief lautete also:

    Endlich haben sich die Umstnde auf solche Weise gestaltet, da
    ich nicht mehr ein finstres Schweigen gegen meine theuern Eltern
    zu beobachten gezwungen, sondern in die Nothwendigkeit versetzt
    bin, mich Ihnen mit einer kindlichen Bitte zu nhern, die Sie einem
    unglcklichen Sohn nicht verweigern werden. Ich hre im Geist
    den sanften Vorwurf: warum theiltest du uns nicht frher deine
    Schicksale mit? Ach ich kannte ja Ihre Liebe zu mir theure Eltern!
    und es war mir unmglich Sie durch die Schilderung meiner Leiden
    so sehr zu betrben. Ich war zu unglcklich! doch jezt ist es
    vorber und ich vermag es sogar zuweilen wieder frohere Tage mir zu
    trumen. Ja in ihrer Nhe werde ich Ruhe und Frieden finden. Daher
    bitte ich, vergnnen Sie mir die Rckkehr ins Vater-Haus. Mich
    dnkt, ich sehe meinen geliebten Vater, meine zrtliche Mutter die
    Arme ausbreiten nach dem vielleicht Todtgeglaubten; ich vernehme
    den Gru der Liebe und danke Gott fr diese trstende Aussicht in
    die Zukunft.

    Indeen, da ich unter ganz vernderten Umstnden bei ihnen
    eintreten werde und die mndliche Erzhlung meiner Erfahrungen
    hchst angreiffend fr Sie und mich seyn wrde: so erlaube ich
    mir dieselbe in diesem Schreiben voraus zu schicken, und in der
    Ueberzeugung, da es ihnen angenehm seyn wird, wenn ich damit die
    Fortsetzung meiner Reisebeschreibung liefere (da durch ein, in
    mein Schicksal genau verflochtenes Ereignis, dessen ich spter
    erwhnen werde, ein Brief von mir nicht in ihre Hnde kommen
    konnte, welchen ich in einer wichtigen Periode meiner Abwesenheit
    an sie schrieb): will ich den abgerissenen Faden derselben wieder
    anknpfen.[*] Meinen lezten Brief erhielten Sie von Valenciennes,
    von wo ich ber Lille nach Callais gieng, um mich hier nach England
    einzuschiffen. Wir hatten gnstigen Wind und landeten, nach einer
    8 stndigen Fahrt glcklich in den Haven zu Dover an. Eine ganz
    eigene unangenehme Empfindung ergrif mich, als ich den Brittischen
    Boden betrat. Es war mir unmglich ber sie Herr zu werden und
    schon berlegte ich bei mir selbst: ob ich nicht lieber umkehren
    und durch Holland in mein Vaterland zurck reisen sollte. Jedoch
    der Wunsch, das berhmte London und die rege Betriebsamkeit der
    Englnder, so recht im Innern des Landes kennen zu lernen, trug
    leider den Sieg ber jene richtig bange Ahnung davon, und ich sezte
    meine Reise weiter fort.

    Sobald ich das Land erreicht hatte, empfand ich das Wohlthtige der
    in England treflichen Einrichtungen und Anstalten fr Reisende.
    Wege, Posten und Gasthuser befriedigen jede, auch noch so strenge
    Forderung; und die milde Seeluft, die fruchtbaren frischen Triften,
    mit ihrem unbeschreiblichen schnen Grn, herrliche Getraidfelder,
    dies alles vermehrte die Annehmlichkeiten meiner Reise durch die
    Landschaft Kent welche ich zuerst passirte. Auch weiterhin fand ich
    das englische Klima mild und angenehm, die Gegenden gesegnet und
    fruchtbar; einige Wenige ausgenommen; nur in den Fabrickstdten so
    wie in London selbst, macht der Steinkohlen-Dampf der unendlich
    vielen Rauchsttten, die Luft schwer und trb. Wir nherten uns der
    Themse. Ich nahm meinen Weg ganz an ihrem sdlichen Ufer, besah
    die Stadt ~Wolwich~, wo man die, zur englischen Seemacht
    nothwendigen Schmieden, Magaziene und Fabricken findet und
    erreichte bald das berhmte und wohlthtige Institut fr invalide
    Soldaten zu ~Greenwich~. Ich verweilte mit vielem Intresse
    darinnen: denn nirgends sah ich eine hnliche zweckmsige und fr
    die Bedrfnie sowohl als fr die Zufriedenheit der abgelebten
    Helden so gut berechnete Anstalt. Nicht unerkannt, nicht unbelohnt
    darf in England der Krieger zu Wasser und zu Land seine Krfte und
    seine gesunden Glieder dem Vaterlande opfern; er wei, da am Ende
    seiner Laufbahn ihm Ruhe, Pflege, ja selbst noch Vergngen winkt.
    In ~Greenwich~ fr die Seeleute, so wie in ~Chelsea~
    (wohin mich spter mein Weg fhrte) fr die Landsoldaten, wird auf
    das treflichste fr die ausgedienten Krieger gesorgt.

    In ~Greenwich~ bestieg ich ein Bot, fuhr auf dem mit
    Fahrzeugen aller Art bedeckten mchtigen Themse Strom ~London~
    zu und befand mich als ich das Bot verlie, in dem arbeitsamsten
    Theil der Stadt, in der ~City~. Von dem in derselben
    herrschenden Gerusch lt sich keine Beschreibung liefern.
    Hier ist der Handwerker, und Hndler in ununterbrochenem Flei
    beschftigt, sein rmliches Leben fortzufristen, indem Theurung
    aller Bedrfnie und groe Abgaben seine Existenz erschweren.

    In den breitern Straen der City trift man in einer Menge Lden,
    die, auf das vortheilhafteste ausgestellten Producte jenes Fleies
    und hier ist so wohl der Anblick der vielen hundert Equipagen und
    Fiackers im Fahrweg, als auch das Wogen und Drngen der Fugnger
    auf den, an den Husern hinlaufenden Trotoirs hchst unterhaltend.
    Das Leztere wrde noch rger seyn und zu vielen Unannehmlichkeiten
    Veranlaung geben, wre nicht die Regel festgesetzt: zur rechten
    Hand den Entgegenkommenden auszuweichen. Den Damen lt man die
    Seite nach den Husern zu.

    Unbekannt mit dieser Gewohnheit, fhrte ein von mir begangener
    Fehler gegen dieselbe, ein Ereignis herbei, welches -- unbedeutend
    scheinend -- von usserst wichtigen Folgen fr mich war.

    Ich begegnete nemlich einem Frauenzimmer in Trauer gekleidet.
    Ich, dem Stromme zur rechten Hand folgend, sie, von ihrem Recht
    Gebrauch machen wollend, kamen wir einander so nahe, da ich ein
    niedliches Arbeits-Krbchen welches sie nachlig hielt ihr aus
    der Hand stie. Ich erschrack; doch da wir uns gerade an einem
    reich geschmckten Galanterie-Laden befanden: so bot ich der Dame
    meinen Arm, fhrte sie hinein und suchte einen kostbaren Ersatz,
    ihres durch meine Schuld etwas beschdigten Eigenthums heraus. Ihr
    Benehmen bei dem ganzen Vorgang war usserst anstndig und der
    schwarze Anzug erhhte ihre blendende Schnheit. Ein Bedienter kam
    und meldete ihr, da am Ende der Strasse ihr Wagen hielt, aus
    dem sie, wie sie sagte gestiegen war, um verschiedene Lden nher
    betrachten zu knnen. Ich fhrte sie hin, erbat mir ihren Namen,
    ihren Auffenthalt, und die Erlaubnis, ihr aufwarten zu drfen.

    So sehr ich mich schon von der Vortreflichkeit der englischen
    Gasthfe berzeugt hatte, zog ich dennoch vor, in einem Privathaus
    zu logiren, welches mir durch meine guten Adreen, die ich bei mir
    hatte, nicht schwer wurde. Ich war einem reichen Banquier empfohlen
    und hatte alle Ursache, mit meinem Loose zufrieden zu seyn. Die
    Gastfreundschaft ist in London, wo nur Wenige sich eines groen
    Raums in ihrer Wohnung zu erfreuen haben und wegen der eingefhrten
    huslichen Lebensweise, welche pedantisch beobachtet wird, nicht
    allgemein zu Hause. Ich aber erfuhr eine von den erfreuenden
    Ausnahmen dieser Bemerkung, wurde freundlich aufgenommen und man
    bestrebte sich, mir meinen Aufenthalt so angenehm als mglich zu
    machen. Im Hause herrschte die grte Reinlichkeit und Ordnung. In
    meinem Zimmer waren die Wnde mit Kupferstichen, die Fenster mit
    schnen Vorhngen geziert. Ein mit Marmor knstlich eingelegter
    Kamin befand sich darinnen, in dessen Vertiefung der sthlerne
    Rost, die Zange und Schaufel hellpolirt entgegen blinkten und in
    einer ~groen~ Bettstelle, welche in England blich sind,
    mit grn seidenen Gardinen umhngt, fand ich zu Nachts auf den
    schwellenden Matratzen, auf den blendend weis bezogenen Kssen
    sanfte Ruhe. Am Morgen (welcher in London erst um 9 Uhr die
    Schlfer weckt, da man dagegen die Nacht zum Tag macht und die
    meisten Vergngungen bis zu seiner Annherung dauern) versammelt
    man sich anstndig gekleidet am Theetisch mit der Familie in dem
    zum Frhstck bestimmten Zimmer. Ein trefflich zubereiteter Thee,
    Brod, weis und wollig wie Pflaum, frische Butter, hartgekochte
    Eyer, Honig und noch mancherlei Delikatessen verschaffen hier einen
    angenehmen Sinnengenu.

    Jedoch mir wurde dabei das hhere Vergngen einer interessanten
    Unterhaltung mit dem jngern Bruder meines Hauswirths zu Theil,
    welcher sich mit einer, sonst den Englndern nicht eigenen
    Gewohnheit, bald mit vieler Wrme an mich anschlo. Ich erhielt
    an ihm einen treuen Freund im wahren Sinn des Worts; auch trug er
    Sorge, mich mit allen Merkwrdigkeiten Londons bekannt zu machen.
    Mit ihm besuchte ich die groen und geringern Theaters, Conzerte,
    Gemhlde-Ausstellungen, die Parks, das brittische Museum, den Tower
    u. s. w. welches Alles uns zu mndlichen Unterhaltungen Stoff geben
    wird.

    William zeichnete sich vor Vielen seiner Nation durch ~chten~
    Kunstsinn und warmes tiefes Gefhl aus womit er Brittische
    Festigkeit und Besonnenheit verband. Mein Temperament schien dem
    Seinigen zu hneln und mir seine Freundschaft, sein Vertrauen
    gewonnen zu haben. Wir waren unzertrennlich, und als ich den Wunsch
    usserte: Auch die prchtigen Landsitze der Reichen nach einander
    durchstreifen und in der Badezeit die vornehmsten Bder besuchen zu
    knnen war William sogleich bereit, mich zu begleiten; denn seine
    Anwesenheit im Haus des Bruders war nicht sehr nothwendig, und er
    lebte ohnehin mehr der Natur und Kunst, als dem Kaufmnnischen
    Beruf. Schon nahte sich der Monath Julius; von welchem an kein
    vornehmer Londoner in der Stadt anzutreffen ist; Alles eilt aufs
    Land, wo man bis gegen Weihnachten verweilt, und dann geht es in
    die berhmten Bade-Orte, von denen man erst im Frhling wieder
    zurckkehrt. Auch wir hatten den Tag zu unsrer Abreise schon
    bestimmt, als mich eine bedeutende Unplichkeit berfiel.


    In England zieht man in der Regel mehr die Apotheker als die
    eigentlichen Aerzte zu Rath. Jene sind ziemlich geschickt und
    diese sind all' zu kostbar. Jeder Besuch von ihnen wird mit einer
    Guine bezahlt. Jedoch mein Hauswirth htte es fr schimpflich
    gehalten das Wohlfeilere vorzuziehen er lie einen der berhmtesten
    Aerzte ruffen und dieser behandelte mich mit vieler Sorgfalt und
    Geschicklichkeit.

    William war mein treuer Pfleger und ich war fast nie allein,
    doch schrieb mir die Krankheit eine einfrmigere Lebensweise vor
    und gab mir Zeit manchen durch Zerstreuung aller Art verdrngten
    Phantasieen wieder nachzuhngen. Ach wie oft verweilten da
    meine Gedanken und Wnsche in der Heimath! -- In einer stillen
    Abendstunde schwebte aber auf einmal auch das Bild jener Dame vor
    meiner Seele, welche mir in den ersten Stunden meines hiesigen
    Aufenthalts erschienen und deren Andenken in dem Strudel zahlloser
    neuer und merkwrdiger Erscheinungen untergegangen war. Ich nahm
    mir vor, gleich nach erfolgter Genesung sie aufzusuchen. Am andern
    Morgen erstaunte ich, als mein Arzt einer kranken Lady Sydney
    erwhnte; Ich horchte auf, sie war die Nemliche welche mir in der
    City begegnete. Der Tod ihres Vaters hatte sie, nach der Erzhlung
    des Arztes so sehr betrbt, da ihr Krper darunter litte! Doctor
    Richard wute recht viel Vortheilhaftes von ihr zu rhmen so,
    da ich in seinen Wunsch: die trefliche Lady mge doch bald
    wieder gesund werden! im Stillen einstimmte. Bei seinem nchsten
    Besuch strebte der Doctor absichtlich mit mir allein zu seyn, und
    erffnete mir mit geheimnisvoller Miene, da er Lady Sidney von
    mir erzhlt, da sie durch seine Schilderung den Fremden in mir
    erkannt habe, der vor kurzen in der City einen kleinen Fehler der
    Unachtsamkeit gegen sie so artig verbeert htte, da sie vielen
    Antheil an meiner Krankheit nhme und herzlich meine Beerung
    wnsche. Dieser Mittheilung folgte nun eine Auseinandersetzung
    des Reichthums der Lady, so wie ihrer andern Vorzge. Ich war
    nicht recht einig mit mir, ob ich ber Richards Aeuerungen mich
    freuen sollte oder nicht. Es stritt mit meinen Forderungen an das
    weibliche Zartgefhl, da Lady Sidney eines Unbekannten, so lebhaft
    wie es schien, gegen einen Dritten erwhnte und doch war mir ihre
    Theilnahme nicht gleichgltig. Dies verbarg ich aber dem Doctor
    und nach einer flchtigen, ja kalten Erwiederung leitete ich das
    Gesprch auf andere Gegenstnde. Indeen konnte ich dadurch nicht
    verhindern, da Richard bei jeder Gelegenheit der Lady gedachte,
    und so erfuhr ich denn auch nach einigen Wochen, da sie wieder
    hergestellt, auf ihr Landgut gezogen sey, welches in der reitzenden
    Gegend von Richmonds Park an der Themse liegt, und da sie von da
    aus bald eine Badereise antretten wrde.

    Auch ich befand mich wieder wohl und erinnerte meinen Freund an
    sein mir gegebenes Versprechen, das um so mehr Reitz fr mich
    hatte, als William mir gleich anfangs zusagte: mich nicht nur mit
    den Landhusern der Groen des Reichs sondern auch mit allen,
    denselben nahe gelegenen Fabricken und anderen bedeutenden Orten
    bekannt zu machen.

    Noch in der schnsten Jahreszeit traten wir unsere Reise an und
    mein Brief wrde die Strke eines Buchs erhalten, wollte ich
    alle Kunstschtze, alle Naturschnheiten, so wie die Industrie
    der Englnder, in den von mir bereisten Gegenden ausfhrlich
    schildern. Ich begnge mich, das Merkwrdigste herauszuheben. Z. B.
    ~Oxford~ die bekannte Universitt, wo so viele groe Geister
    Englands gebildet wurden; ferner das Stdtchen ~Woodstock~,
    berhmt durch seine Stahlfabricken, so wie durch seine Umgebungen:
    Nahe daran liegt das prchtige Schlo ~Blenheim~, womit
    Knigin ~Anna~ dem Herzog Marlboraugh, dem sie sehr gewogen
    war, seine erkmpften Siege belohnte. Auf einer Wiese des dazu
    gehrigen Parks stand ein Landhaus, in welchem die Knigin
    Elisabeth ihre Jugend in beinah gefnglicher Eingezogenheit
    verlebte, aber auch die Bildung erhielt, durch welche sie fhig
    wurde nachher zu regieren. Doch konnte sie leider! der Rckblick
    auf diese traurige Periode, in welcher auch ihr die Ansprche auf
    den Thron streitig gemacht wurden, nicht milde und schonend gegen
    ihre unglckliche Schwester machen; daher richtet sie noch jezt die
    Nachwelt. Ihre Nation versagt ihr nicht die Bewunderung, welche
    sie als Regentin verdient, jedoch als Weib wird sie verabscheut,
    indeen die unglckliche ~Maria Stuart~ noch immer ihre
    Vertheidiger hat, welche ihr Liebe und Mitleid weihen.

    In jenem erwhnten Landhaus lebte auch einst die schne
    ~Rosamunda~, welche im Geheim mit ~Heinrich II~ getraut
    war. Hier schwanden ihr, innig von dem Knig geliebt in glcklicher
    Verborgenheit die Tage, bis sie von dessen rechtmiger Gemahlin
    ~Elinor~ entdeckt wurde, und durch Gift getdet, ihren vorher
    ermordeten drei unschuldigen Kindern folgen mute.

    Wir reiten weiter nach ~Birmingham~, einer berhmten
    Fabrickstadt. Sie erhllt durch die jezt berall gebruchlichen
    Dampf-Maschinen ebenfalls eine unendliche Erleichterung in ihren
    Werken. Man findet vorzglich auch trefliche Stahlfabricken
    darinnen. In ~Burton~, einem freundlichen Stdtchen, kostete
    ich das daselbst gebrute ~Ale~, wovon nach ganz Europa, ja
    selbst nach Amerika versendet wird. Die Seidenspinnereien und
    Porzelanfabricken zogen uns nach ~Derby~, einer ziemlich
    groen, doch nicht schnen Stadt. Siebzehn englische Meilen davon
    liegt der erste bedeutende Bade-Ort ~Matlock~ an der Dervent
    den wir erreichten, deren es aber in England viele giebt. Mehr die
    Schnheit der Lage des Orts, als die Heilkrfte der Quelle tragen
    wahrscheinlich hier zur Gesundheit des Krpers und zur Heiterkeit
    der Seele bei. Auch wir verweilten mit Vergngen in diesem
    lieblichen Thal, durchstreiften seine nchsten Umgebungen, und
    besahen manche, nachgelegene schne Landhuser, so wie auch eine
    groe Baumwollenfabrick. Unser Weg fhrte uns von hier aus zu einem
    von aussen prchtigen und durch sein Alter ehrwrdigen Gebude: zu
    dem Schloe ~Chatsworth~.

    Die unglckliche ~Maria Stuart~ wurde von ihrer grausamen
    Feindin zuerst hieher in enge Gefangenschaft und dann nach
    sechzehn traurig verlebten Jahren nach ~Fotheringhay~ im
    ~Nordhumberland~ gebracht, wo sie hingerichtet wurde. In
    jenem Schlo findet man ein Zimmer noch ganz so eingerichtet und
    meublirt, wie Maria es bewohnte.

    Die nchste bedeutende Stadt, welche wir besahen, war
    ~Manchester~, welche jedoch von dem Kohlendampf ihrer vielen
    Fabricken eingeruchert, ein finsteres Ansehen, und auch durch die
    Erwerbsgierde der Einwohner, so wie durch den Mangel an hbschen
    ussern Umgebungen, wenig Angenehmes hat. ~Leverpool~ die
    grte und bedeutenste Stadt in England nach London, war der
    Grenzpunct unsrer Reise. Handel und Betriebsamkeit, Reichthum und
    Luxus zeigt sich hier auf alle Weise. Ein schnes Theater, ein
    Conzertsaal, ein groer Gasthof und viele mildthtigen Anstalten
    entstanden durch das Zusammenwirken der reichen Bewohner, das
    prchtigste Werk aber sind ihre ~Docks~ oder knstliche mitten
    in der Stadt (hnlich denen, welche bei London errichtet wurden.)
    wo fr die Sicherheit und Herstellung der Schiffe und fr die
    Bequemlichkeit der Ein- und Ausladung derselben aufs Zweckmsigste
    gesorgt ist. Das in Leverpool befindliche ~Institut~ fr
    ~Blinde~ erregte indeen mehr als alles andere meine
    Theilnahme, da es ein Beweis hchster Menschenfreundlichkeit
    ist, die Blinden erhalten hier Unterricht in der Musik und in
    leichten passenden Arbeiten, als Spinnen, Korbflechten u. s. w.
    welche zum Vortheil der Anstalt in einem am Haus angebrachten
    Laden verkauft werden. Wie herzlich freute ich mich, als ich sahe,
    da diesen Bedauernswrdigen, durch jene wohlthtige Einrichtung
    in gesellschaftlicher Unterhaltung, unter Arbeit und Musik ihr
    dunkles Leben heitrer und angenehmer verstreicht und sie nicht so
    schmerzlich, wie andere ihrer Unglcksgenoen das Licht vermissen,
    das ihren Pfad erhellen sollte.

    Viele reitzende Gegenden, viele stattliche Schler und prchtige
    Landhuser durchstreiften wir auf dem Rckweg nach Derby durch
    ~Warwick~, einem am Ufer der Avon freundlich gelegenen
    Stdtchen, mit dem alten Schlo ~Warwickcastle~ und seinem
    herrlichen Park; von wo aus wir nach ~Stratford~ giengen.
    Dieser kleine, an sich arme Ort hat das groe Interee fr die
    Verehrer Schackspeare's, da es sein Geburts-Ort ist und da
    dieser, auch am Ende seiner rhmlichen Laufbahn wieder dahin
    kehrte und sie daselbst beschlo.

    Ich betrat wirklich mit Ehrfurcht die Htte, wo Schakespeares
    Vater, ein armer Wollkrmer einst wohnte und wo der groe Mann, bis
    in sein 16tes Jahr lebte. In der Westmnster Abtey, wo die Knige
    begraben liegen, hat auch ihm die Nation welche mit Recht stolz auf
    ihn ist, ein Denkmal errichtet.

    Rasch gieng es nun auf ~Bristol~ und auf das nah gelegene
    bedeutende Bad zu; nur flchtig passirten wir unterwegs einen
    kleinen freundlichen Bade-Ort ~Cheltenham~ und betrachteten
    auch ~Glocester~ nur als ein Nachtquatier. Von Glocester
    nach ~Bristol~ sind die Gegenden unbeschreiblich reizend und
    reicher an Erzeugnien wrmerer Zonen; viele groe Pflanzungen
    kstlicher Obstbume findet man hier und der schne Strom Avon
    belebt, mit seinen auf silberner Flche hinschwebenden kleinen
    Schiffen die herrliche Landschaft. Die Nhe des Meers, der
    schiffbare Strom, der fruchtbare Boden; alles vereinigt sich hier,
    um Flei und Mhe in Flle zu belohnen. Die Stadt ist gro, mit
    breiten Straen, schnen Privat- und ffentlichen Gebuden versehen
    und voll regen Lebens. Wie Rom ruht diese Stadt auf 7 Hgeln. Von
    einigen derselben geniet man eine kstliche Aussicht. Der Hafen
    ist prchtig, aber mir schauderte bei dem Gedanken: da er der
    Ort war, von wo einst mit unmenschlicher Grausamkeit Schiffe
    zum Sclavenhandel ausgerstet wurden, wodurch Bristols Einwohner
    sich bereicherten. Es war mir unmglich hier lange zu verweilen.
    Wir stiegen den steilen Berg hinab nach ~Hotwels~, wo die
    Heilquelle fliet und viele schne Wohnungen fr Bade-Gste erbaut
    sind. Jene Quelle wird besonders Kranken empfohlen, welche an der
    Schwindsucht leiden und da meinem Begleiter und mir dem Himmel sey
    Dank! dieses Uebel nicht drohte so verlieen wir ~Hotwels~,
    nachdem wir daselbst von allen Seiten die reizenden Aussichten und
    jede Naturschnheit genoen hatten und fuhren zu dem berhmtesten
    Badeort Englands nach ~Bath~. Der Weg dahin gleicht einem
    reitzenden Garten; doch bemerkten wir den Einflu der winterlichen
    Jahrs-Zeit, welche sich nherte. Bis zu ihrem gnzlichen Eintritt,
    da mit ihr erst das eigentliche Leben in ~Bath~ beginnt,
    besuchten wir die bedeutendsten Landsitze in der Umgegend, und
    machten uns dann mit allen Merkwrdigkeiten des Orts selbst bekannt.

    Es liegt in einem schnen Thal, umgeben von betrchtlichen Anhhen,
    welche dem Strom Avon nur den Durchzug zu vergnnen scheinen.
    Dieser erhht die Reitze der Gegend und bewirkt eine vortheilhafte
    Verbindung der Stadt mit dem Seehafen ~Bristol~. ~Bath~
    gewhrt einen ganz eigenen Anblick. Vllig vom Thal Besitz nehmend,
    erhebt es sich auf den nchsten Anhhen. Die Huser sind alle von
    Quadern erbaut, haben ein neues freundliches Ansehen und bilden
    gerumige Pltze und Straen, in denen groe Reinlichkeit herrscht,
    und die auch gut gepflastert, so wie bei Nacht wunderschn
    erleuchtet sind. Wegen der bergigen Bauart ist das Fahren darinnen
    unmglich, doch die Wagen werden durch Portechaises ersezt. Die
    ganze Stadt ist zur Aufnahme der Fremden geeignet und in ein
    paar Stunden knnen sie bequem und angenehm eingerichtet wohnen.
    Das Wasser ist sehr hei und erst nach 3 Stunden brauchbar. Die
    Entdeckung dieser Quelle verliert sich in das finstere Alterthum
    und es wurde uns davon manches Mhrchenhaftes erzhlt. In jedem
    Bade-Ort ist ein ~Ceremonien-Meister~, der ber die Ordnung
    und Etiquette, welche auch hier herrschen sorgfltig wachen mu. In
    ~Bath~ findet man deren zwei und ihre Gesetze, welche in den
    Assembleeslen angeschlagen sind, werden strenge befolgt.

    Meines Freundes Wunsch zu erfllen, da er sich zu meinem groen
    Leidwesen nicht wohl fhlte, beschlo ich, mich mit ihm in
    ~Bath~ auf einige Monate huslich niederzulassen. Wir
    bezogen ein nettes Quartier, speiten im Gasthof, sandten unsere
    Visitenkarten zu den schon anwesenden Badegsten und abonirten uns
    in den Gesellschaftsslen, zu den Conzerten, Leihbibliotheken, u.
    s. w. um berall Eintritt zu haben.

    Der _Bals pars_, so wie der kleineren Blle, giebt es
    vier in der Woche. Anfangs vermied ich sie gnzlich, da ich
    nicht den Tanz liebe, auch William durch vermehrte Krnklichkeit
    unfhig war, dieselben zu besuchen und ich ihn ungerne verlie.
    Allein einmal nthigte mich mein Freund hinzugehen und der
    Ceremonienmeister gerieth auf den unglcklichen Einfall, mich
    fr den Abend einer Dame als Tnzer zuzufhren, in welcher ich
    zu meinem Erstaunen ~Lady Sidney~ fand. Auch sie erkannte
    mich und es gelang ihr kaum ihre Freude ber dies Zusammentreffen
    genugsam zu verbergen. Durch Mr. ~Edwin~ von meinen Pflichten
    unterrichtet, beobachtete ich sie auch treulich und sorgte fr der
    mir anvertrauten Dame Bequemlichkeit und Unterhaltung. Das lezte
    wurde mir nicht schwer. Sie wich von der Sitte der Brittinnen ab,
    welche in der Regel sehr wenig sprechen und theilte mir von ihren
    Verhltnien und gemachten Erfahrungen in ein paar Stunden so viel
    mit, da ich meiner Meinung nach ganz bekannt mit ihrer Lage, ihr
    meine Theilnahme nicht versagen konnte. Sie war die Tochter eines
    sehr reichen Lords, wurde in einer Erziehungs-Anstalt gebildet
    (deren England viele hat, da es Sitte ist, die Kinder sogleich von
    der Kinderstube in die Fremde hinauszustoen!) und verlie dieselbe
    in ihrem 15. Jahr, um zu Hause an dem Sarge der Mutter, den frhen
    Verlust derselben zu beweinen. Eine Haushlterin fhrte nun das
    Regiment und herrschte, aber auch grausam ber Lady Anna: so, da
    diese viel Unangenehmes zu erdulten hatte. Vom Vater wurde sie wohl
    sehr geliebt, doch da jene Person ihm brauchbar, ja unentbehrlich
    dnkte: so bewirkten alle Klagen Anna's nicht ihre Entfernung.
    Vor 6 Monaten, 5 Jahre nach der Mutter Hinsterben, entri ein
    schneller Tod ihr auch den Vater. Ohne alle Verwandte stand sie nun
    ganz allein. Durch eine ffentliche Bekanntmachung, welche ihren
    Wunsch: einen Geschftsfhrer zu erhalten, aussprach, veranlat,
    meldete sich ein junger Rechtsgelehrter, welcher eine Zeitlang
    seine bernommene Verbindlichkeiten gengend erfllte. Allein bald
    suchte M. Wortley seine Rechte auszudehnen und qulte die Lady mit
    Heiraths-Antrgen. Da sie diese unerbittlich abwie legte er seine
    Stelle trozig nieder und nun war sie so verlassen als vorher.

    Durch die im kurzen wechselnden heftigen Gemthsbewegungen
    erkrankte Mylady. Ihr Arzt war bekanntlich der Meinige und
    sie nannte ihn ihren treuen Freund. Er mute ihr mehr von
    mir mitgetheilt haben, als er der Wahrheit gem htte thun
    sollen; denn Lady Anna dankte mir sehr verbindlich fr einen
    freundschaftlichen Antheil an ihrem Schicksal, dessen sie D.
    Richard versichert und den ich durchaus nicht gegen ihn geussert
    hatte. Durch seine Frsorge erhielt sie mittlerweile wieder einen
    Geschftsfhrer: allein da sie nach des Arztes Vorschrift bald
    nachher ins Bad reisen mute, so war sie nicht im Stande jenen
    genug kennen zu lernen und sie zeigte eine ngstliche Besorgnis,
    wegen ihrer Entfernung vom Haus und sprach von einer baldigen
    Rckkehr. Ueberdies hatte sie auch nach des Vaters Tod die fatale
    Haushlterin sogleich abgedankt und das ganze Dienstpersonale
    neu angestellt. Daher war nach ihrem Dafrhalten, zu Hause ihre
    Anwesenheit unentbehrlich.

    In dem Allen was Lady Sidney mir erzhlte, fand ich nichts
    Unglaubwrdiges und bedauerte sie aufrichtig, denn sie verstand es
    vollkommen durch die Art ihres Vortrags Theilnahme einzuflen.
    Von jenem Abend an wiedmete ich ihr alle Zeit, welche nicht die
    Pflicht fr meinen kranken Freund in Anspruch nahm. Dies schien
    sie sehr zu freuen und sie zeichnete mich mit einem sichtbaren
    Vertrauen vor allen Bade-Gsten aus. Es dauerte aber leider!
    nicht lange genug, um die Schlaue ganz kennen zu lernen: denn der
    Gesundheitszustand meines armen Williams verschlimmerte sich so
    sehr, da ich genthigt war, unverzglich mit ihm die Rckreise
    nach London anzutretten. Lady Anna schien bestrzt, als ich sie
    davon benachrichtigte doch sprach sie unverholen von einem baldigen
    Wiedersehen. Wir nahmen den krzesten Weg, hielten uns nirgends
    ohne Noth auf und ich kann daher von dieser Reise durchaus nichts
    Merkwrdiges mittheilen.


    Bald nach unserer Ankunft in London wurde mein geliebter Freund
    tdlich krank und D. Richard wurde wieder gerufen. Er suchte einen
    Augenblick zu erhaschen, in dem er mir seine Freude ussern konnte:
    da ich die frhere Bekanntschaft mit Lady Sidney erneuert htte.
    Sie erhielten wohl eine _Estafette_? fragte ich etwas bitter.
    Mit einiger Verlegenheit erwiederte er: die Lady habe ihn von Bath
    aus, wegen ihres Gesundheitszustandes geschrieben und dabei meiner
    erwhnt; gedachte aber nach diesem Gesprch der Lady mit keiner
    Silbe mehr. Mir war der tiefe Schmerz bestimmt: da die treue Seele
    meines Williams in meinen Armen die irdische Hlle verlie. Kaum
    wird der eigene Bruder ~das~ gefhlt haben, was ich bei dem
    frhen Hinscheiden dieses edlen Mannes empfand. Das groe London
    war mir zu enge, ich flchtete mich hinaus und mehr ein Verlangen
    nach Zerstreuung, als sonst irgend ein sehnschtiger Wunsch trieb
    mich zu dem Landhaus der Lady Sidney.


    Da die Landsitze in England vieles miteinander gemein haben, und
    ich von allen denen, welche ich gesehen, noch keines schilderte:
    so will ich eine Beschreibung desjenigen liefern in dem ich 4
    leidensvolle Jahre verlebte. --

    Ein schner Park umgiebt dasselbe mit bedeutenden in der
    ppigsten Vegetation prangenden Aeckern, und Wiesen. Hie und da
    stehen mahlerisch gruppirte ehrwrdige Eichen und Buchen; feste,
    reinliche Kieswege durchschlngeln den Park, in welchem zerstreut,
    freundliche Wirthschafts-Gebude liegen. Ein betrchtlicher
    Bach, ber welchen eine hbsche Brcke fhrt, bewert in
    mancherlei Krmmungen die Flur. Das Wohnhaus liegt auf einer
    Anhhe. Die _Facade_ ist mit Sulen geziert, welche einen
    schattigen Ort bilden, von wo aus man so recht die Aussicht
    auf die herrlich grnen Wiesen und fruchtbaren Aecker genieen
    kann. Dieser Platz ist mit kstlichen Gestruchen und Blumen in
    _Vasen_ geschmckt. (Ein Gegenstand, mit welchem in England
    ein ausserordentlicher Luxus getrieben wird.) Die Obst- und Gem-
    Grten, die Treibhuser und alle Oekonomie-Gebude liegen auf einer
    andern Seite ganz nahe am Haus. Erstere sind eigentlich das, was
    die Englnder Grten nennen. Auch der zu Fu-Promenaden vorzglich
    bestimmte Theil, ist nicht weit davon entfernt; er hat Aehnlichkeit
    mit den deutschen Parks. Hier giebt es Lauben, Bogengnge, Tempel,
    Sulen, Denkmhler, Ruhepltze u. s. w. hier grnen und blhen
    alle mglichen in- und auslndischen Gewchse, Blumen und Bume.
    Alle Gebude sind von Stein, alle Gelnder und Thren von schnem
    eisernen Gitterwerk. Das Wohnhaus hat hohe wohl erleuchtete
    _Sousterains_, in welchen die Kche, Spei-Gewlbe und die
    Bedienten-Zimmer sind. Vom Garten aus tritt man in eine Halle, die
    mit schnen Staten, Anticken u. s. w. ausgeschmckt ist, zu beiden
    Seiten liegen die Putz und Wohnzimmer, ein langer Saal mit einer
    ansehnlichen Bibliothek, deren Bcher, alle kostbar eingebunden
    in zierlichen Schrnken aufgestellt sind. Die Gemlde-Sammlung
    ist in verschiedene Zimmer vertheilt und ich traf in diesen
    Landhusern auf wahre Kunstschtze von den berhmtesten Meistern.
    Vorzglich mu van Dyk in England ungemein fleiig gewesen seyn.
    Ueberall, auch in Sidney's Hause zieren die Produkte seiner Kunst
    die Gemcher. Im obern Stock des Hauses sind die Schlafzimmer.
    Fubden, Treppen und Vorpltze sind mit schnen Teppichen belegt.
    Die Mbeln sind von Mahagoni oder knstlichem lackirten Holz und
    die Kamine grtentheils in Marmor geschmackvoll gearbeitet.


    Dies ist die Beschaffenheit des Landsitzes der Lady Sidney welchem
    mit einigen kleinen Abnderungen beinahe alle Landsitze der reichen
    und vornehmen Englnder gleichen, wo unbeschreiblicher Genu zu
    finden wre, wenn nicht die leidige Etikette, die unendlich vielen
    Vorurtheile, und die tyrannisirende Mode ihn verkmmerte.

    Doch ich kehre zu meinem verhngnivollen Erscheinen in
    Sidney'shouse zurck.

    Mylady empfieng mich mit sichtbarer Freude und sowohl bestochen
    von ihrer verlanen Lage, als gedrungen von dem Verlangen nach
    ntzlicher, zerstreuender Thtigkeit, welche meinen Schmerz um den
    verlohrnen Freund mildern sollte, gab ich ihr das Versprechen: ihre
    Angelegenheiten zu ordnen, denn ihren dermaligen Geschftsfhrer
    mangelte es an Einsicht und an gutem Willen. Ihre Dankbarkeit
    bewie sie mir auf eine Art, welche mich immer mehr anfeuerte ihr
    recht wichtige Dienste zu leisten. Sie bot alle Knste der feinsten
    Coquetterie auf, mich zu feeln und es gelang ihr; in wenig Monaten
    war ich ihr Gatte.

    Meinem geraden Sinn war es unmglich, eine so entsezliche
    Verstellung zu argwohnen, deren Lady Anna wirklich fhig
    war. Ach! ich glaubte in einem Herzen Liebe zu finden wo nur
    Selbstsucht herrschte und wurde frchterlich getuscht! -- Die
    huslichen Tugenden, welche sie um mir zu gefallen geheuchelt
    und in schnen Redensarten damit geprahlt hatte, wurden in der
    Wirklichkeit vergeblich bei ihr gesucht! In der Anstalt worinn sie
    erzogen wurde, hatte sie Vielerlei doch alles nur Oberflchlich
    und durchaus Nichts fr ihre knftige weibliche Bestimmung
    gelernt. Aus Stolz wollte sie, wie ich spterhin erfuhr von der
    Haushlterin ihres Vaters, welche sie flschlich fr so bse mir
    geschildert hatte, keinen Unterricht annehmen und so war sie
    hchstens nur im Stande, einen guten Thee zu bereiten und bei
    Tisch die von mir angegebenen und vom Koch verfertigten Speisen
    vorzulegen. Ihr Charakter enthllte zu meinem grten Schmerz
    nach und nach immermehr seine wahre Gestalt. Eigennutz, Hrte
    und drckender Stolz auf ihrem Reichthum, sprach sich in jedem
    Worte, in jeder Handlung aus. Die erste Leidenschaft war es,
    welche unsere nhere Bekanntschaft grndete. Ich hatte mich ihr
    bei unserm Zusammentreffen in der City von einer etwas glnzenden
    freigebigen Seite gezeigt; dies steigerte ihr Wohlgefallen an
    mir und durch die Schilderungen des Doctors, so wie durch unsere
    sptern Unterhaltungen glaubte sie an mir einen Mann kennen
    gelernt zu haben, welcher geeignet schien ihre Reichthmer auf
    eine vortheilhafte Weise verwalten zu knnen. Daher duchte es ihr
    der Mhe werth, meiner gewi zu werden und die Rollen sorgfltig
    einzustudiren, in welchen sie mir zu gefallen glaubte: doch als
    wir verbunden waren, legte sie den sehr lstigen Zwang nach und
    nach ab und lie mich -- leider zu spt! -- das Unglck meiner
    Wahl tief empfinden. Ich wandte anfnglich alles an, nur Annen's
    Liebe zu gewinnen und zartere weibliche Grundstze und Empfindungen
    ihr einzuflssen; allein weder meine Bemhungen, noch die Reitze
    der Natur in dem unaussprechlich schnen Richmonds Thal worinn
    unser Landsitz lag, noch ihr Verhltnis als Mutter, da sie zwei
    lieblichen Kindern, einem Knaben und einem Mdchen das Daseyn
    gab, konnten irgend eine vortheilhafte Umnderung ihrer Ansichten
    und Gefhle bewirken. Sie blieb die herrische, anmaende Gattin,
    welche meine Dienstleistungen als Schuldigkeit forderte und
    mit Undank belohnte, die gleichgltige sorglose Mutter, welche
    keinen Sinn fr die Freuden und sen Mhen derselben zeigte; die
    unwissende und daher desto ungerechtere und hrtere Hausfrau. Ich
    verschleiere die traurigen, mir hchst wiederlichen Scenen, welche
    ein solches Betragen unter uns herbeifhren mute und eile zu einer
    Begebenheit, welche entscheidend fr mein Schicksal wurde.

    Geschfte riefen mich einst nach der Stadt (so wird London
    vorzugsweise in ganz England genannt.) Ich mute lnger
    daselbst verweilen, als ich geglaubt hatte und whrend meines
    Aufenthaltes fhrte mich ein Zufall an einem Abend an der
    ~Westmnsterabtey~ vorber. Nur einmal hatte ich sie mit
    meinem unvergelichen William und da nicht ganz genau besehen. In
    der schwermthigen Stimmung in welcher ich mich immer, besonders
    aber damals befand, zog mich das alte gothische Gebude mit seinen
    heiligen Denkmlern berhmter Entschlaffener unwiederstehlich an.
    Ich trat hinein und wandelte allein in diesen schauerlichen Hallen,
    wo die Geister der Vorwelt mich umschwebten und ich ihr Geflster
    wahrzunehmen whnte. Hie und da verweilte ich bei den, seltenen
    Sterblichen geweihten Monumenten und erblickte leider! an manchen
    unter ihnen den alles zerstrenden Zahn der Zeit. Jedoch mich
    ergriff der groe Gedanke: da, was jene Mnner wirkten, nicht
    der Gewalt irdischer Vergnglichkeit unterworfen ist; das Edle
    bleibt ewig Gro, das Schne ewig Neu, und es giebt Handlungen,
    welche sich empor ber die Erde erheben, dort von himmlischen
    Genien aufgenommen und eingetragen werden in das Buch des Lebens!
    bewegt nahte ich mich dem sanften Dichter ~Goldsmith~, dem
    ernsten ~Milton~, Thomson u. s. w. und gedachte der herrlichen
    Werke jener unsterblichen Snger, des Reichthums ihres Geistes
    und Herzens; ich vergegenwrtigte mir den segensreichen Einflu
    ihrer Schriften auf die gleichzeitigen Weltbrger, so wie auf
    sptere Geschlechter; ich gewahrte im Geist die Erheiterungen,
    die Begeisterungen, die vielen ernsten, folgereichen Erweckungen
    zum Guten, welche wir Jenen zu verdanken haben und die als
    ausgestreuter Saame in krzerer oder lngerer Zeit immer neue
    Frchte bringen. O wie klein, wie unbedeutend erschien ich mir,
    vor den Nachgebilden jener Geistes-Helden! ich habe ja mit all'
    dem reichen guten Willen, den ich in mir trage, noch nichts
    gemeinntziges gethan und das Wenige, was andere von mir empfiengen
    verschwindet wie ein leichter Schatten, vor den Strahlen der
    Wahrheit und der Verdienste wrdigerer Menschen.

    Dster, mit verschlungenen Armen, wandelte ich dem Tempel
    entlang, zu den zwlf, sich an ihn schlienden Kapellen, welche
    die irdischen Ueberreste der Knige und Kniginnen von jeher in
    ihrem Schoos aufnahmen. Auch hier bewunderte ich manches Werk der
    Kunst und beobachtete ihre stufenweis' fortschreitende Ausbildung.
    Innig gerhrt stand ich an dem Grabe der unglcklichen ~Marie
    Stuart~, welche nicht weit von ihrer ~Todfeindin~ und
    ~Mrderin~ hier schlummert. Noch mehr erschtterte mich das
    Grabmahl ~Eduard's~ I. und das seiner Gemahlin ~Eleonora~
    von ~Kastilien~. Von ihr erzhlt die Sage ein rhrendes
    Beispiel seltener, ehelicher Liebe und Treue. Ihr Gemahl zog als
    Kronprinz 1274 zum heiligen Krieg ins gelobte Land. Kein noch so
    furchtbar drohendes Ungemach konnte Eleonoren von dem Vorhaben,
    ihn zu begleiten zurckhalten. An ihrem weiblichen Heldensinn
    entzndete sich sein Muth und er richtete groe Niederlagen
    unter den Trken an. Um sich deswegen zu rchen, sandten sie
    Meuchelmrder gegen ihn aus, und ihr vergifteter Pfeil traf Eduard
    im Arm. Die Aerzte gaben ihn verlohren, wenn nicht augenblicklich
    das Gift aus der Wunde gesogen wrde. Keiner seiner Diener
    entschlo sich zu dieser That, aber Eleonora scheute nicht die
    Gefahr und weihte sich freudig dem Tod, um das Leben des geliebten
    Gemahls zu erkaufen und -- ihr gelang das schne Werk! die Strke
    treuer Liebe ehrend, soll indeen der Todesengel sich schonend
    hinweggewendet und die Gatten noch eine Reihe glcklicher Jahre mit
    einander gelebt haben; auf ihrem Sarkophage liegen die Gestalten,
    der darunter Schlummernden und in Eleonorens Gesicht ist ihre Gte
    und Milde kunstvoll ausgedrckt.

    Eine unbeschreibliche Wehmuth bemchtigte sich meiner, bei diesen
    Denkmhlern! Glcklicher Eduard! rief ich aus, dir wurde der Erde
    hchst Seeligkeit zu Theil! mir ist sie versagt, Vergeblich sehne
    ich mich nach Liebe, welche ich, wie du Eleonora (ja ich fhle es!)
    reich, reich mit jedem Opfer zu vergelten und zu erwiedern bereit
    wre! --

    Mit diesen Klagen machte ich meinem gepreten Herzen Luft und wurde
    so weich, da ich weinen mute.

    Endlich bemerkte ich, da es ber meine Betrachtungen ziemlich
    dunkel in dem hohen Gewlbe wurde und trennte mich von dem der
    Trauer geweihten Ort. Auf der Strae, wo es schon dmmerte, kam
    ich zu einem Grausen erregenden Auftritt. Ein Zusammenlauf vieler
    Menschen zog meine Aufmerksamkeit an sich. Das Blut starrte mir
    in den Adern, als ich in unserm vierspnnigen Wagen meine Gattin
    ~ruhig~ sitzen und unter den wiehernden Schimmeln, deren
    Zgel einige Mnner hielten, ein halbtodes Mdchen von 4 Jahren
    hervorziehen sah. Ich weis noch heute nicht, was Lady Anna bewog,
    mir nachzureisen; ich weis nicht, wohin sie nachher ihren Weg
    nahm: denn ihre laute unmenschliche Aeuerung: Fort, fort! was
    kmmert mich der Lrm; -- machte meinen ganzen Zorn rege. Ich war
    ausser mir. Eine bejahrte Frau, die Pflegemutter jenes Mdchens,
    kam hnderingend herbeigelaufen und lie weinend und schreiend das
    ohnmchtige Kind, von dessen Kopf das Blut herunter trof, in ihr
    Haus tragen. Das tiefste Mitleid drngte mich ihr zu folgen, ich
    mute aber leider Zeuge seyn, da alle Rettungsversuche vergeblich
    waren und die arme kleine Molly unter den Hnden des Chirurgs ihren
    Geist aufgab. Herzzerreissend waren die Klagen jener Frau; leider!
    war sie bei diesem Unglck nicht Vorwurfsfrei; auch sie hatte nach
    der in England hufigen Weise, die kleinsten Kinder ohne Aufsicht
    auf den Volkreichsten Wegen herumtrippeln zu lassen, (was mich oft
    in meinem Wagen ngstlich aufschreiend machte) unvorsichtig genug,
    Molly mit andern Kindern auf der Strasse spielen lassen, ohne sich
    um sie zu bekmmern, nun kam Lady Anna nach ihrer gewhnlichen Art
    ungemein rasch gefahren und das Kind war verlohren. Ob nun gleich
    Jene einigermassen Schuld an dem traurigen Vorfalle war, konnte
    er doch ihr hartes Herz nicht zur Theilnahme bewegen und dies war
    es, was mich so sehr emprte. Es entstand ein Aufruhr in meinem
    Innern, der dem, durch Sturm bewegten Meere glich; und da ich zu
    keinem Geschft tauglich war und das lezte Ereignis vorzglich mein
    Gemth beschftigte: so gieng ich nach ein paar Stunden wieder
    in jenes Haus der Trauer; ich hatte schon vorher, sowohl durch
    die Aeuerungen meines aufrichtigen Mitleids, als auch durch ein
    reichliches Geschenk die betrbte Pflegemutter der Verunglckten
    von meinem Antheil berzeugt und sie mir so geneigt gemacht, da
    ich ihr bei meinem zweiten Besuch sehr willkommen schien. Ich
    hrte nun, da Molly eine Waise war und eine Verwandte von Frau
    Sara (so nannte sich jene Frau). Ihr Nahme machte mich aufmerksam;
    die Haushlterin des Lord Sidney's hie auch Sara. Ohne mich zu
    erkennen zu geben, forschte ich weiter nach und meine Vermuthung
    bestttigte sich; sie war jene Person wirklich. Aber ach! welche
    Erzhlungen folgten dieser Entdeckung! Sie schilderte die vielen
    tadelnswrdigen Eigenschaften meiner Gattin so richtig, da ich sie
    in ihrem Betragen whrend der Zeit unserer Verbindung vollkommen
    wieder fand. Die Alte versicherte, da sie nur aus Liebe zu dem
    verstorbenen wrdigen Lord im Hause geblieben sey, denn Lady Anna
    mishandelte sie mit Stolz und Hrte und verwarf jedes Anerbieten,
    ihr etwas zu lehren. Nach dem Tod des Lords, als sie den Dienst
    verlassen, aber noch mit dem Pchter zu Sidney's House im guten
    Vernehmen geblieben war, erfuhr sie durch diesen noch Manches von
    dem nachherigen Betragen der Lady, welches sie mir mit einer ihr
    eigenen Geschwzigkeit mittheilte. Dadurch erhielt ich Aufklrung
    ber D. Richards Stellung zu Anna, und ber sein Benehmen. Er war
    nemlich ihr vertrauter Freund, ihr verschmizter Rathgeber und
    gab sich alle Mhe, ihr, weil sie es wnschte, einen fr ihre
    habsichtigen Plane passenden Gemahl aufzufinden; suchte mich daher
    fr sie einzunehmen und hatte ihr frherhin auch Wortley zugefhrt.
    Statt da dieser, wie sie sagte, sich um ihre Hand beworben stellte
    sie ihm Netze auf: jedoch sie mu damals noch nicht so gebt in
    der Verstellungskunst gewesen seyn, er bemerkte zu rechter Zeit
    manches Misfllige an ihr und zog sich zurck. Aus dem Mund jener
    Frau hrte ich nun meinen Namen nennen, hrte, wie man mich beklagt
    hatte, eine schlechte Wahl getroffen zu haben und da man als gewi
    vorausgesezt, ja hie und da bedeutende Wetten ber die Behauptung
    angestellt habe: da ich unmglich lange mit Lady Anna wrde leben
    knnen. Auch mir schien dies nach den heutigen Erfahrungen ganz
    klar, und doch war mein Entschlu noch nicht fest genug. Kaum
    wird dies, fr alle die mich kennen glaublich seyn. Der feurige,
    freigesinnte, jeden ungerechten Druck verabscheuende Guido konnte
    so lange, konnte damals noch zgern, sich von einem Weibe zu
    trennen, die ihn unwrdig behandelte! Jedoch meine geliebten Eltern
    werden es begreifen, warum dies geschah; Sie welche das innige
    Gefhl verstehen, das in einem treuen Vaterherzen waltet!

    Die Besorgnis: da Lady Anna ihr Recht auf Eines meiner geliebten
    Kinder geltend machen und mir es vorenthalten knnte war es, was
    mich immer von einem entscheidenden Schritt abhielt. Ich wollte
    nun auch wirklich wieder zu ihnen zurckkehren. Auf der Landstrae
    wurde ich von einem Menschen angebettelt, dessen Gesichtszge
    mir bekannt schienen. Mich trieb eine dunkle Ahnung, von meinem
    Irlnder abzusteigen und mich mit Jenem in eine Unterhaltung
    einzulassen. Sein Name brachte mir ihn ganz ins Gedchtnis zurck.
    Er war der Diener, welcher kurz vor meiner Verheirathung, von der
    Lady unter dem Vorwand: da er ein ungeziemendes Betragen gegen sie
    htte zu Schulden kommen lassen, fortgeschickt wurde. Der rstige
    junge Bursche dauerte mich, da er das Bettlerhandwerk ergriffen
    hatte und meine gutgemeinten dringenden Ermahnungen wirkten so
    mchtig auf ihn, da er mir zu Fssen fiel und unter Thrnen
    versicherte: er verdiene diese Gte nicht, er habe sich auch gegen
    mich verfehlt. Erstaunt sah ich ihn an, und erfuhr folgendes: Mit
    dem Brief, an meine geliebten Eltern, dessen ich schon im Anfang
    dieses Schreibens gedachte und worinnen ich sie um Ihren Segen
    zu meiner Verbindung mit der Lady gebetten hatte, wollte ich ein
    Kistchen mit verschiedenen Produckten des englischen Kunstfleies
    fr meine entfernten Lieben absenden. Ich hatte es in Gegenwart
    meiner Braut eingepackt und gab es John, damit er es zu einem
    gewissen Kaufmann in London tragen sollte, welcher mir versprochen
    hatte, es einer Schiffsladung nach Deutschland beizufgen. Ich
    erinnere mich noch sehr deutlich, wie theilnahmlos mir damals
    Lady Anna zusah, welches mich innig schmerzte; und wie sie bei
    meiner Aeusserung: da ich jene Sachen auf meinen Streifereien
    durch England schon lange gesammelt und aufgekauft habe den Mund
    zu einem spttischen Lcheln verzog und sich schnell entfernte.
    Sehr gut weis ich auch, da ich darauf in den Park eilte, um die
    unangenehmen Gefhle niederzukmpfen, welche dies Benehmen in mir
    erregt hatte. -- In meiner Abwesenheit lie nun (so erzhlte John)
    die Lady ihn zu sich ruffen und versprach ihm noch ber seinen
    Lohn, den sie ihm hinzahlte, eine Guine, wenn er meinen Auftrag
    nicht vollziehen, sondern ihr das Kstchen und den Brief bergeben
    aber auch auf der Stelle schweigend ihr Haus verlassen wollte:
    denn, sezte sie mit Heftigkeit hinzu, ich lae von meinem Vermgen
    nichts bers Meer fhren. Den armen Burschen blendete das Gold;
    er willigte ein und hofte bald wieder einen Dienst zu bekommen,
    allein mehrere Versuche mislangen, und nun ergrif er das Betteln
    als den bequemsten Erwerb.

    Diese Entdeckung machte mich rasend. Anna war also die Ursache so
    vieler trben Stunden, in welchen ich mich ber das Stillschweigen
    der Meinigen ngstigte! Anna unterschlug das von mir bestimmte
    Eigenthum derselben und verkmmerte mir die kleine Freude aus
    niedrigem Eigennutz, aus schndlichen Argwohn! Nun war es fest
    beschloen mich von ihr zu trennen; und statt nach Sidney'shouse,
    sprengte ich nach London zurck, eilte zum Westminster Gebude,
    woselbst viele Rechtshndel geschlichtet werden und brachte
    meine Ehescheidungsklage an. Nach diesem Schritt trieb mich die
    Vaterliebe wieder nach Hause: denn ich wute, wie wenig Sorge die
    Mutter den Kindern wiedmete. Unterwegs berlegte ich, da ich mit
    Ruhe am Ersten zu meinem Zweck gelangen und Lady bestimmen wrde,
    mir meine zwei Kinder zu berlassen; und diese Hoffnung gab mir
    die Gewalt ber die heftigen Ausbrche meines gereizten Gemths
    gegen die Urheberin seiner Leiden. Besonnen und kalt machte ich
    Anna mit meinem obigen unwiederruflichen Entschlu, und mit den
    Beweggrnden zu demselben bekannt und fand zu meinem Erstaunen
    eben so viel Klte und Bereitwilligkeit, sowohl fr die Trennung,
    als fr meinen Wunsch, die Kinder mir zu berlassen. Mir war es in
    diesem Augenblick, als fielen klirrend die Ketten zu meinen Fssen,
    welche mich so lange schmhlich gefangen hielten. Ich eilte in das
    Zimmer meiner Kinder, prete die Kleinen unter heien Kssen an das
    klopfende Herz und konnte kaum den folgenden Tag erwarten, um mit
    ihnen und ihrer Wrterin nach London zu fahren. Ganz ruhig war der
    Abschied der unnatrlichen Mutter von ihren Kindern und -- und als
    htte ich sie aus dem Feuer gerettet eilte ich mit ihnen davon.

    Auf der Strae begegnete ich John wieder und nahm ihn in meine
    Dienste, wo er sich bisher ganz zu meiner Zufriedenheit betrgt. In
    der Stadt logierte ich mich in einen Gasthofe ein, um den Ausgang
    meines Prozees zu erwarten. Nur einmal mute ich mit Lady Anna vor
    den Schranken erscheinen und da weder sie noch ich an eine andere
    Instanz zu appellieren gedachten sondern mit dem Ausspruch der
    Richter vollkommen zufrieden waren, so war er sehr bald geendigt.

    Meine beschwerliche und sorgenvolle Lage whrend meiner Rckreise,
    konnte nur die unendliche Vaterliebe zu meinem William, zu meiner
    Fany mir ertragen helfen. Fast in jedem bedeutenden Ort, wechselte
    ich, theils durch Umstnde genthiget, theils vielleicht auch aus
    bertriebener Besorgni die Wrterin und es ist ein wahres Wunder,
    welches mich mit dem innigsten Dank gegen die Vorsicht erfllt, da
    die Kleinen diese gefahrvolle groe Reise so glcklich berstanden
    haben. Einige kleine Unplichkeiten abgerechnet, brachte ihnen das
    vernderte Klima und die verschiedene Lebensweise keinen Schaden.
    Auch gegenwrtig, wo ich dieses schreibe, sind sie vollkommen
    gesund.

    Aber Guido der Vater, theilt mit Guido dem Sohn, die
    unbeschreibliche Sehnsucht, bald mit seiner kstlichen Beute im
    sichern Haven, im Arm der Eltern von all den Strmen, welche ihn im
    fernen Land Verderben drohend umbrauten, auszuruhen! --

    O, des seeligen Augenblicks! wo meine Kleinen ihre Aermchen um
    den Nacken der besten Groeltern schlingen und ich die theuern
    Vater- und Mutter-Hnde auf mein wundes Herz drcken und damit
    die vielerlei schmerzlichen Gefhle, welche darinnen herrschen
    beschwichtigen werde!

    Ein neues Leben wird mir aufgehen! Meine gesammelten Erfahrungen
    sollen mich begleiten auf das Feld der Thtigkeit, das ich mir
    suchen werde. Ich will wirken und ntzen, und wird gleich mein Bild
    einst nicht der Nachwelt aufbewahrt, wie das berhmter Britten
    in der Westmnster Abtey: so soll doch hie und da eine Stimme im
    Vaterland mir ein segnendes Lebewohl in die khle Gruft nachrufen.

    Ich erwarte nun keine weitere Nachricht. Fest auf die Liebe theurer
    Eltern bauend, werde ich diesem Brief bald nachfolgen, um den
    Forderungen eines kindlichen Herzens und den vterlichen Wnschen
    und Sorgen fr meine Kinder ein Genge zu leisten.

    ~Ihr Guido.~

                   *       *       *       *       *

Die Baronin gieng einigemal, whrend Albina las zu dieser hin, umfate
sie und sah mit ihr in Guido's Brief hinein. Bei manchen bedeutenden
Stellen konnte sie die Ausbrche ihrer mtterlichen Empfindungen
nicht zurck halten, welche wechselnd Staunen, Mitleid und Freude
ausdrckten; der Vater klopfte sie dann sanft auf die Schulter und
sagte: Mtterchen! la doch unsere Albina ungestrt fortlesen! auf
diese Weisung kehrte sie wieder aufs Sopha zurck; doch nicht lange, so
fhrte sie eine neue Aufwallung der Gefhle, abermals zu Albinen, zu
dem Brief. -- Schweigend faltete endlich Leztere denselben zusammen. --
Die Baronin sprang auf und schlo sie in die Arme. Durch ihre eigene
Bewegung war sie unfhig, Albinens Gemths-Zustand zu beobachten und
die Fluth ihrer Worte gab dieser Zeit und Gelegenheit sich zu sammeln.
Sie mute sich nun zwischen das wrdige Elternpaar setzen und mit
redseeliger Freude theilte ihr die Baronin mancherlei husliche Plane
fr die Zukunft mit, welche oft im nchsten Augenblick wieder durch
Neue verdrngt wurden. Volkmar hrte lchelnd zu und gab nur zuweilen
durch eine besonnene Rede dieser oder jener flchtigen Idee Festigkeit.

Albina kehrte diesmal in einer hchst unruhigen Stimmung auf das
Landhaus zurck. -- Sie sollte ihn wiedersehen, ihn der ihr Herz ganz
erfllte! Er unglcklich -- sie voll Mitgefhl -- beide frei -- war
es nicht natrlich, da die Mglichkeit einer Annherung sich ihr
unwillkhrlich aufdrang? -- aber fest war ihr Entschlu, sich streng
im Auge zu behalten und ihre weiche Seele mit ruhiger Ergebung in den
Willen der Vorsehung auszursten.

Guido war durch sein Schreiben noch weit hher in ihrer Achtung
gestellt; sein trefflicher Charakter, sein Sinn fr das Schne und
Groe, seine menschenfreundlichen Handlungen, seine Vaterliebe,
alles dies blickte aus jeder Zeile seines Briefs hervor und ihre
rege Phantasie mahlte sein Bild in mnnlicher Vollkommenheit;
aber der Zweifel flsterte in ihrer Seele: wird Guidos Herz nicht
~unheilbar~ verwundet seyn? wird die gemachte traurige Erfahrung
ihn nicht gegen das ganze weibliche Geschlecht mitrauisch gemacht --
werden die Jahre der Trennung nicht die Empfindungen der Freundschaft,
deren Daseyn sie vor Zeiten in seinem Herzen ahnen durfte ganz
verlscht haben? --

Albina hatte viel mit diesen wechselnden Gefhlen zu kmpfen und immer
kehrten sie wieder. Beglommenen Herzens gieng sie nun jedesmal in die
Stadt, Guidos Wiedersehen bald frchtend, bald hoffend. An einem Abend,
als sie wieder in Langenheims Haus trat, berfiel sie ein heftiges
Zittern denn ein Reise-Wagen im Hofraum lie sie Guidos Ankunft
vermuthen. Sie war nicht vermgend gleich die Treppe hinaufzugehen
und mute ihre ganze Seelenstrke aufbiethen, um Fassung zu erringen.
Endlich hielt sie sich fr fhig Guido ruhig zu begren. Die Thre
ffnete sich und er -- etwas mager und bleich, demohngeachtet edel
und schn, sa mit dem Rcken nach der Thre gekehrt, einem Spiegel
gegenber, in welchem sie sein Gesicht und er ihr Eintretten sehen
konnte. Er sprang auf und eilte auf sie zu, die kleine Fany auf dem
Arm, fhrte er Albinens Hand an seine Lippen. Das Kind aber streckte
verlangend die Aermchen nach ihr aus; es schien ihre, alles bezaubernde
Anmuth selbst das kleine Mdchen-Herz mit magnetischer Kraft an sich
zu ziehen. Ein dunkles Roth berflog Guidos blasse Wangen; auch
Albina fhlte die ihrigen erglhen und war froh, sie an Fanys zartem
Gesichtchen verbergen zu knnen. William wurde auf des Grovaters
Knie geschauckelt, als Albina in das Zimmer trat, und die Baronin war
ausser demselben beschftigt fr den geliebten Sohn und die theuern
Enkel Bequemlichkeit und Erfrischung zu besorgen: denn noch war keine
Stunde verfloen, da Guido angekommen war. Albinens befangenem Zustand
kam die Gegenwart der Kleinen wohl zu statten. Von jeher der Kinderwelt
mit wahrer Liebe zugethan, waren ihr natrlich Guidos Sohn und Tochter
unbeschreiblich theuer; und so lange sie anwesend war, beschftigte sie
sich unaufhrlich mit ihnen. Auf ihrem Schoos genoen sie erquickenden
Thee und wohlschmeckenden Zwieback auf ihrem Arm, an ihrer Hand trug
und fhrte sie die Kleinen in den Gemchern des Hauses umher, wo irgend
ein Gegenstand war, der sie unterhalten konnte und endlich schlummerten
sie auf ihrem Schoos, von der Reise ermdet ein, und wurden sanft von
ihr in die fr sie bereiteten Bettchen getragen. Guidos Blick weilte
mit stillem Entzcken, so oft er es unbemerkt konnte, auf Albinens
zrtlicher Sorge fr seine Lieblinge und auf deren zutraulicher
Annherung an Jene. Schmeichelnd schmiegte der kleine William sein
Gesichtchen an das ihrige, fest schlang Fany die Aermchen um ihren
Nacken und schttelte weinend das blonde Lockenkpfchen, wenn sie die
Grosmutter oder die Wrterin zu sich nehmen wollte.

Eine unerklrbare Bangigkeit hielt inde Albina von Guido entfernt und
da auch dieser eine gewie ehrerbietige Zurckhaltung beobachtete:
so herrschte zwischen Beiden eine drckende Spannung. Herzlich froh
war Albina als Langenheims von einem Besuch nach Haus kamen und die
Unterhaltung allgemeiner wurde. Jedoch das Ueberma der Empfindungen
bewegte zu strmisch das sonst so ruhige Herz. Sie konnte es nicht
lnger unter ihren Freunden aushalten, sie mute fort, um in der
Einsamkeit sich selbst wieder zu finden.

Schlaflos verstrich ihr die Nacht. Ach! Guido war ihr wieder so
interessant, so liebenswrdig und doch so kalt erschienen! und es
dnkte ihr sehr nothwendig sich einen festen Plan fr ihr knftiges
Betragen zu entwerfen. Sie beschlo mit ruhiger Freundlichkeit ihm zu
begegnen aber Miene, Wort und Handlungen genau abzuwgen um ihm zu
keiner falschen Beurtheilung Veranlassung zu geben. Am andern Morgen
erhielt sie ein liebevolles Billet von der Baronin, in welchem sie
dieselbe dringend, und unter der Zusage ihrer wrmsten Dankbarkeit
bat, sich ihrer Enkel an -- und sie zu sich zu nehmen, ihre physische
und moralische Bildung zu leiten und auf diese Weise die Ruhe der
Groseltern und des Vaters zu sichern; da sie durch zunehmendes Alter
und durch Aengstlichkeit unfhig zur Erfllung jener Pflicht sey.

Albinens Herz hatte sogleich entschieden; allein die Zustimmung der
Mutter war auch nothwendig und sie zitterte bei dem Gedanken, da sie
sich weigern knnte.

Als sie eben berlegte, wie sie, ohne ihr Inneres zu verrathen Jene, zu
einer Einwilligung bestimmen knnte: wurde sie zu Cornelien geruffen,
und fand -- Theresen, welche von Volkmars beauftragt, die obige Bitte
mndlich wiederholen sollte. Albina zeigte der Mutter, das, kurz
zuvor erhaltene Schreiben und diese fhlte sich verpflichtet durch
das Andenken an den segensreichen Einflu von Theresens gromthiger
Freundschaft auf ihr Schicksal der edlen Frau jenen Wunsch welchen sie
wie einen Eigenen vortrug zu erfllen. Albina trat an ein Nebenfenster
und mit einem frommen Blick zum Himmel sandte sie ihre Freude, ihren
Dank zur Gottheit, verband aber auch damit ein heisses Flehen um Strke
und Weisheit zu ihren neu bernommenen theuern Obliegenheiten.

In Begleitung der liebenden Grosmutter kamen die Kleinen bald
darauf in das Landhaus und der Auffenthalt daselbst, unter Albinens
allumfassender treuer Frsorge war segensreich fr ihr krperliches
und geistiges Gedeihen. Aber die mtterliche Erzieherin war auch so
gewissenhaft, da sie nur durch die usserste Nothwendigkeit gedrungen
ihre Pfleglinge verlie, daher auch selten, und nur mit ihnen in die
Stadt gieng.

Guido war ein eben so seltener Besuch auf dem Landhaus, und Albina
verwie ihr Herz zur Ruhe, wenn es unzufrieden darber klagen wollte.
Die kltere Vernunft gebot ihr sogar dies sprliche Zusammenkommen zu
wnschen: denn ach! in Guido's Nhe war ihr so weh, so beglommen! --
Eine dstere Schwermuth bemeisterte sich nach und nach ganz seiner
Seele und verlezte ihr Gefhl in dem Grad, als seine brigen groen
Eigenschaften es oft beseeligten. Sie suchte den Grund in seinen
ehemaligen traurigen Erfahrungen, als unglcklicher Gatte, zweifelte
durchaus an ihrem Vermgen, ihn trsten und erheitern zu knnen und
hielt sich mit wunden Herzen so weit als mglich von ihm zurck.
Allein in Guido war die alte Leidenschaft fr Albinen mit aller Strke
wiedergekehrt; doch in ihrem schchternen ja beinah ngstlichen
Betragen, wollte er eine neue schonende Abweisung finden. Ihre Liebe
zu seinen Kindern schrieb er auf Rechnung ihrer angebohrenen Milde,
so wie der, edlen weiblichen Wesen eigenen Hinneigung zu den kleinen
hlflosen Geschpfen und so vergrerten Beide die Scheidewand immer
mehr, die anfangs leicht zu bersteigen gewesen wre. Die Eltern und
Langenheims theilten Albinens obige Vermuthung und boten vergeblich
alles auf, ihn zu zerstreuen. Aus gutmthiger Geflligkeit gieng er
auf jeden gesellschaftlichen Plan ein: jedoch er war in solchen Zirkeln
ein unntzes Glied. Wortarm, in sich versunken sa er oft in den bunten
Reihen und so sehr sein vortheilhaftes Aeueres den Damen und Mdchen
wohlgefiel: so sehr schreckte sie sein Ernst, seine trbe Stimmung
ab. War er mit Albinen zusammen: so vermied sein Auge absichtlich den
ihrigen zu begegnen und geschah es dennoch, so lag so viel innerer Gram
in seinem Blick da es tief, tief ihr Gemth verwundete, und sie die
Thrnen kaum zurckzuhalten vermochte. Langenheim gelang es am besten,
durch seine Unterhaltung Guido etwas zu zerstreuen; sein gebildeter
Geist, sein tiefes Gefhl, sprach diesen wohlthtig an, und in der
Mittheilung ihrer Erfahrungen, fanden sie gegenseitig viel Interesse.
Doch wurden von Guido nur Jene berhrt, welche die Welt und die
Menschheit im ~Allgemeinen~ betrafen; inde Langenheim von seinem
eigenen Schicksal ihm Mancherlei erzhlte. In einem solchen Gesprch
erhielt Guido Aufschlu ber Familien-Verhltnie, welche sich in
seiner Abwesenheit anders gestaltet hatten; und auch des todgeglaubten
Direcktor Hainau's wurde erwhnt; Langenheim schilderte seinen
Reichthum und beklagte, da seine rechtmigen Anverwandten, Albina und
Theodor keinen Genu davon erhalten konnten. Guido beschlo nach dieser
Unterhaltung an einen Bekannten zu E* zu schreiben und Erkundigungen
einzuziehen, ob zum Vortheil der ihm so theuren Geschwister gar nichts
mehr zu unternehmen wre.

Aus der Antwort ergab es sich, da der alte Hainau wirklich noch
am Leben, aber fest umstrickt sey von der ganzen Familie des
verabscheuungswrdigen ehemaligen Kammerdieners, welcher nun die
Secretairsstelle begleitete. Nun war Guidos Plan entworfen und sein
Entschlu gefat!

An einem Morgen beim Frhstck, als den Tag zuvor wieder zrtliche
Sehnsucht die Groseltern nach dem Landhaus hingefhrt hatte und sie
hchst befriediget zurckgekommen waren, konnte die Baronin nicht
aufhren, das glckliche Geschick ihrer Enkel zu preien welches ihnen
Albinen zur Pflegerin gegeben hatte; und ihr Gatte stimmte auf das
herzlichste in diese Versicherungen ein. Guido schwieg und sah finster
zur Erde. Die Mutter nahte sich ihm, mit bittender Miene, strich sanft
mit der Hand ber seine faltige Stirne und sagte: Wenn doch nur mein
Guido Herr ber die traurigen Erinnerungen an die Vergangenheiten und
dadurch fhig werden knnte, das was die Gegenwart biethet, freier zu
beobachten!

Ach eine holde liebliche Erscheinung knnte ihm durchaus nicht
entgehen, welche das Ideal einer treflichen Tochter ist und das einer
eben so vorzglichen Gattin und Mutter werden wrde! Ich weis wen
Sie meinen liebe Mutter! sagte Guido ernst; aber nein -- es ist
nichts -- es kann nicht seyn, sezte er tief seufzend hinzu; und
wenn sie mich lieben, kein Wort mehr davon! Er stand auf, rckte den
Sessel zurecht und entfernte sich. Nach einigen Tagen theilte er den
Eltern seinen Plan mit: ein thtiges Leben zu beginnen und sich um eine
Assessors Stelle zu melden, welche bei dem Stadtgericht zu E* erledigt
sey. Und warum denn gerade nach E*? fragte der Vater. Ich habe einen
Freund dort, erwiederte Guido, welcher mir eine sehr vortheilhafte
Schilderung von jenem Posten und der ganzen Lebensweise in E*
mitgetheilt hat; hier lieber Vater! ist vor der Hand keine Aussicht
zu einer mir wnschenswerthen Anstellung und ich denke, Thtigkeit
ist das krftigste Mittel gegen meine trbe Stimmung, die auch leider
ihnen geliebte Eltern! manche unangenehme Stunde macht. Verzeiht mir!
und lat den finstern Sonderling ziehen: heiterer hoffe ich, wird er
Euch wiedersehen! -- Die Eltern konnten nichts dagegen einwenden, sein
Gesuch wurde begnstigt und er beschleunigte so sehr er konnte seine
Abreise.


Die Besorgnis, bei der abermaligen Trennung von Albinen sich vielleicht
nicht genug verbergen zu knnen, bestimmte ihn, einen Tag zum
Abschiedsbesuch auf dem Landhaus zu whlen wo er wute, da Albinen
ein unabnderliches Geschfte ohne seine Kleinen in die Stadt rief.

Unter schmerzlichen Kmpfen hatte er in der Nacht zuvor ein Schreiben
an sie aufgesezt, das sein dankbares Gefhl als Vater innig ausdrcken
und doch von seiner unaussprechlichen Liebe zu ihr, nichts verrathen
sollte. Immer vernichtete er wieder, was er geschrieben hatte, denn es
duchte ihn bald zu leidenschaftlich, bald zu kalt. Endlich schien er
es getroffen zu haben; aber erschpft und mit verweinten Augen warf er
sich auf sein Bett, nicht um zu schlafen sondern in stolzen Entwrfen
fr das Glck der geliebten Grausamen, Linderung seiner Schmerzen und
se Zerstreuung zu finden. Mit klopfendem Herzen nherte er sich am
andern Tag dem Landhaus, denn es war doch mglich Albinen zu treffen.
Er hatte es gut berechnet, sie war nicht zu Hause. Gerhrt drckte
er seine Kinder an sein Herz, gab Cornelien den Brief fr Albinen
und eilte so schnell als mglich wieder fort. Albina war mit seinem
Entschlu, wegzugehen schon bekannt; doch sie hatte gehofft, noch
einmal ihn zu sehen, ein freundliches Wort von ihm zu hren und gelobte
sich selbst: von diesem, gleich einem rmlichen Reisepfennig durchs
Leben, in den knftigen Tagen sparsam und zufrieden zu zehren. Allein
auch darauf sollte sie Verzicht leisten mssen! dies war hart! und sie
wurde bleich bis in die Lippen, als sie bei ihrer Zurckkunft aus
der Stadt hrte, Guido habe Abschied genommen und den Brief fr sie
zurckgelassen. Sie nahm ihn und gieng damit in die Gartenlaube.

Also whlte er absichtlich diese Zeit, um mich doch ja nicht zu
finden! sagte sie schmerzlich zu sich selbst; und ein gerechter
Stolz emprte sich in ihr gegen diese Vernachligung. Sie hielt
lange den Brief unentsiegelt in ihrer Hand, starrte auf ihn hin und
war ungewi, ob sie ihn ffnen sollte oder nicht. Guido Guido! rief
sie, du mishandelst ein Herz, das ganz dein gehrt hat und -- noch
immer dein ist, sezte sie wehmthig leise hinzu, und ein wohlthtiger
Thrnenstrom erleichterte die beglommene Brust. Sie lste das Siegel,
las, las wieder und noch einmal und manche einzelne, herabfallende
bittere Thrne verlschte hier und da ein Wort des Briefs, der nichts
wohlthuendes fr ihre leidende Seele enthielt. Es herrschte darinnen
ein steifer kalter Ton; der in diesem Augenblick doppelt hart an
das liebende weiche Herz Albinens anschlug. Also auch nicht einmal
Freundschaft, nein nur dankbare Hflichkeit giebt mir Guido fr die
heisse Liebe, die ich fr ihn fhle! klagte Albina und legte die
glhende Stirne in die hohle Hand. Aber weis er es denn, da ich ihn
liebe? fuhr sie fort, o! htte er ahnen knnen, was in mir vorgieng,
wenn ich seinen Kummer ber die Vergangenheit, oder seine Freude ber
seine Kinder sah! wre er Zeuge von meinen jezigen Leiden -- dies groe
Herz, das die ganze Menschheit umft mit reicher Liebe, wrde auch fr
mich freundlich trstenden Gefhlen Raum geben! Ach! er bleibt dennoch
-- und dabei prete sie fest beide Hnde an das blutende Herz -- er
bleibt dennoch Beherrscher dieses stillen Reiches in meiner Brust!
guter Gott! seufzte sie und sank in betender Stellung an der Rasenbank
nieder, guter Gott! la einen deiner heiligen Boten, als Schutzengel
ihn begleiten auf allen seinen Wegen und mir gieb Strke bei der
Erziehung seiner Kinder, sein Glck und das ihrige zu begrnden! --

Wieder ganz einig mit ihrem Herzen nahm sie noch einmal Guido's Brief
zur Hand. Ihrem nun klaren Auge wollte hie und da manche Stelle in
einer Spannung des Gemths geschrieben dnken, ja sie fand Ausdrcke,
welche ihr jezt eine ganz andere Auslegung zu fordern schienen, als
vorhin. Wie -- sagte sie, sollte er Gefhle mir verbergen wollen,
welche die hchste Seeligkeit meines Lebens hienieden ausmachen
wrden und sollte dieses Streben jene Klte erzeugt haben? nicht doch
Albina! tusche dich nicht wieder selbst! o der Zwiespalt im Innern
ist etwas frchterliches! Gott bewahre dich dafr! Sie versank in
tiefes Nachdenken; endlich -- wie daraus erwacht -- stand sie rasch
auf, hob Hand und Auge gen Himmel und sagte: es sey, wie es wolle!
ich gehre schon lange mir nicht mehr selbst an, ich bin sein und
will es bleiben, bis dies Herz nicht mehr schlgt! mit diesen Worten
verlie sie die Laube und kehrte in das Haus zurck. William hpfte
ihr entgegen und seine freundlichen Liebkosungen hieen vollends jeden
Nachklang schmerzlicher Gefhle schweigen. -- War sie vorher schon eine
treue mtterliche Pflegerin der Kleinen, so wurde sie es jezt mit einer
beispiellosen Aufopferung. Sie konnte sich in dieser Pflicht immer gar
nicht gengen und wer den Kleinen Beweise von Liebe und Wohlgefallen
gab, der erhhte Albinens Glck, das in diesem wunderschnen Kinderpaar
aufblhte. Es waren aber auch holde liebliche Wesen, in deren groen
klaren Augen ein Himmel von Unschuld und Liebe lag, auf deren Wangen
die Rosen der Gesundheit glhten und in all deren Bewegungen Freude und
Leben war.


Man konnte nicht anders, als liebend sich ihnen nhern und dann
schmiegten sie sich mit unendlicher Freundlichkeit an die Menschen
an, welche sich oft um ihre Gunst stritten. Schon in dem zarten
Alter, worinnen sie noch waren, suchte Albina die schne Grundlage
der weichen Herzen fr den Saamen herrlicher Tugenden zu bentzen,
und Wohlthtigkeit, Eintracht, Dankbarkeit, alle diese und hnliche
Eigenschaften trieben frhzeitig se Frchte. William trug, kam
whrend der Tischzeit ein Armer, vorsichtig seinen Teller Suppe hinaus
und brachte ihn denselben mit Engelsfreude. Fany schob freundlich das
vielgeliebte Spielzeug dem Bruder hin, wenn dieser darum bat und Hand
und Lippe boten sie freiwillig und ohne Erinnerung Jedem der ihnen mit
irgend Etwas einen Genu verschaffte. Auch Cornelien wurden die Kleinen
lieb und theuer und verwandelten oft ihre ernste Stimmung in eine
heitere Laune. William nannte sie Grosmutter und Albina mute sich,
den Mutter Namen von ihm geben lassen, so wollte es die Baronin. Der
kleine Mdchen Krei, der ebenfalls Albinens Leitung anvertraut war und
dem sie mit viel umfaender Einsicht und Liebe, trotz ihrer Pflichten
gegen Guido's Kinder nichts entzog, was sie ihnen schuldig zu seyn
glaubte: theilte nach Krften, mit Albinen die Sorge fr die Kleinen
mit einer Anhnglichkeit an dieselben, welcher oft Albina Einhalt zu
thun genthigt war; doch diente dies ganze Verhltnis zur gegenseitigen
Ausbildung mancher Tugenden und Fertigkeiten und die kluge liebevolle
Vorsteherin verstand es ~so~ zu leiten, da jedem Familien-Glied
Vortheil daraus entstand. In heiligen Augenblicken, wo sich Albina mit
William und Fany allein befand, sprach sie in schner Begeisterung zu
ihnen von dem Vater und in einer fr sie falichen Weise legte sie
ein herrliches Bild von ihm in die zarten Kinder-Seelen, damit es
mit ihnen heranwachse und unvergnglich in ihnen wohne und herrsche!
-- Bei einem Besuch, den Albina mit den Kleinen in Volkmars Hause
machte, gewahrte William das Portrait des Vaters und mit kindischer
Heftigkeit verlangte er es mitzunehmen. Albina errthete und suchte
ihn davon abzubringen; doch den Groseltern war es unmglich einen
Wunsch ihres geliebten Enkels unerfllt zu lassen, sie usserten: da
sie sich mit einem kleinern Gemlde begngen wollten und sagten jenes
William zu. Dieser klopfte voll Freude in die Hndchen und Albina
mute das Portrait ber sein Bettchen hngen; wo sie dann oft, den
Einfall des Knaben im Stillen segnend, mit thrnenvollen Augen und mit
unendlicher Liebe darauf verweilte, wenn sie William schlafen legte,
oder wenn sonst sie ein Geschft in dieses Zimmer allein fhrte.
Erwhnte Guido in seinen seltenen, beinah unbedeutenden Briefen doch
jedesmal seiner Lieblinge und ihrer treuen Erzieherin freundlich: dann
eilte sie besonders zu des Geliebten Bild und weihte ihm des Herzens
heissen Dank fr das trstende Angedenken. Die verstrkten krperlichen
Krfte der Kleinen, ihre immermehr zunehmende Fertigkeit im Gehen,
machte, da Albina nun fters den Wunsch der Groseltern erfllen
und mit ihren Enkeln zur Stadt kommen konnte. Sie unterlie dann
nicht, ihre theuern Pflegeltern auch jedesmal zu besuchen. An einem
schnen Herbst Nachmittag wurde wieder in die Stadt gewallfahrtet
und Aurelia begleitete Albinen. Dieses sanfte Geschpf war aus der
Pflegetochter Albinens, ihre Freundin geworden. Frei von allem
jugendlichen Leichtsinn, hatte sie sich frhzeitig jeden Vorzug einer
treflich gebildeten Jungfrau erworben und htte ihren Kenntnissen
und Fertigkeiten nach, schon lnger die Schule, worinnen sie erzogen
wurde verlassen knnen; auch erschien einst ihr Vater (welcher schon
mehreremale seine Tchter besucht hatte und immer hchst befriedigt
hinweggereit war) mit dem Wunsch, da sie nun ihren bisherigen
Auffenthaltsort verlassen und zu ihm zurckkehren mchten. Sie muten
sein Verlangen billig finden und hegten eine zu kindliche Liebe fr den
Vater, eine zu hohe Meinung von dem ihm schuldigen Gehorsam, als da
sie sich htten wiederspenstig zeigen sollen; indeen fhlten sie tief
das Schmerzliche der verlangten Trennung. Sidi sah, wie es besonders
der von ihr herzlich geliebten Schwester einen schweren Kampf kostete,
sich von Albinen loszureien und beschlo, ins Mittel zu tretten,
indem sie den Vater bat: sie einstweilen mitzunehmen und Aurelien noch
eine Zeitlang zurckzulassen. Er willigte in den Vorschlag ein und
mit welcher Innigkeit dankte Aurelia der edelmthigen Schwester! wie
fhlte sie sich so glcklich mit Albinen noch lnger vereinigt leben zu
knnen!

Aurelia verband mit vieler Geistesbildung auch tiefes und richtiges
Gefhl, Albina fhlte sich sehr zu ihr hingezogen und fhrte sie
mit einem, jene hoch ehrenden, Vertrauen fters in die Tiefe ihres
schnen Gemthes ein. Doch ber Guido's Bild war in Albinens Herzen
ein dichter Schleier gezogen, den nur sie zuweilen wegzuziehen wagte;
allein Aureliens sphendes Auge fr alles was der Freundin wichtig
war erblickte durch den verhllenden Flor dennoch die wohlbekannten
Zge. Auch hatte sie Jene einst bei einer der geheimen Ergieungen
ihrer Seele vor Guidos Bild ohne ihren Willen berrascht, sich aber
augenblicklich und stille zurckgezogen; und suchte nun bescheiden, auf
unmerkliche Weise alle diese Entdeckungen zu wohlthtigen Erheiterungen
der geliebten mtterlichen Freundin zu bentzen. Das heit: sie gab
fters ganz unbefangen scheinend Albinen Gelegenheit, sich ber den
Heigeliebten aussprechen zu mssen, wobei diese immer so glcklich
schien. Aurelia wute dann so geschickt durch Fragen Albinen immer
mehr in solche Unterhaltungen zu verwickeln, da dieselbe oft am Ende
im Stillen staunend zu sich selbst sagen mute wie kam es, wie war
es dir mglich so viel von Guido zu sprechen? -- Auch auf jenem Weg
nach der Stadt war unversehens der entfernte Freund ihr unsichtbarer
Begleiter geworden. Aurelia sprach von seinen Reisen und wnschte so
herzlich mehr davon zu hren, da Albina nicht ausweichen konnte, sie
mute ihr manches was ihr davon bekannt war, mittheilen. Das Feuer der
Liebe rthete dabei immer hher ihre Wangen, strahlte immer lebhafter
aus ihrem Auge und auf William und Fany bertrug sie in vielen heissen
Ken die Aeuerung ihrer schuldlosen Leidenschaft. Aurelia gieng,
befriedigt durch die Erreichung ihrer reinen Absicht: Albinen wieder
einen Genu bereitet zu haben, stille, neben ihr, wagte aber keinen
freien Aufblick, um ihre Freundin im Ergu ihrer Empfindungen nicht zu
stren. Indeen dadurch aufgeregt und voll seeliger Erinnerung an Guido
kam diese zu Langenheims. Sie fand ausser Volkmars einen Fremden, deen
Gesicht ihr bekannte Zge zu haben schien. Auch er betrachtete sie mit
einer Aufmerksamkeit, welche sie beinahe verlegen machte; doch bald
stellte Langenheim beide einander als alte Bekannte vor. Edmund, so
hie der junge Mann war der Sohn des reichen Besitzers jenes Gartens,
in welchem Albina ihre Kinderjahre verlebt hatte.

Ach, sein Anblick und diese Erluterung fhrte die Vergangenheit
ganz vor ihre dankbare Seele und mit einer herzlichen Lebhaftigkeit
fragte sie augenblicklich bei Edmund nach ihren ersten Wohlthtern so
nannte sie mit inniger Rhrung die braven Grtnersleute. In Edmunds
Auge glnzte bei dieser Unterhaltung eine Thrne; Er drckte Albinens
Hand und sagte. Haben Sie Dank fr diese Frage; edle Albina! sie
lt mich in ein schnes Menschenherz blicken. -- Albina schlug
den Blick bescheiden zur Erde und Edmund fuhr fort, ihre Hand immer
nicht loslassend; Grtner Paul ist mit all' den Seinigen gesund und
heiter und sie wrden sich unaussprechlich freuen, wenn sie Zeugen des
freundlichen Angedenkens ihrer Albina seyn knnten, die sie warlich
nicht vergeen haben! Freudig wollte Albina zu Edmund aufsehen,
doch sie begegnete abermals seinem Feuerblick und konnte ihn nicht
ertragen. Theresen entgieng nicht die Befangenheit ihres geliebten
Tchterchens, eben so wenig der Eindruck, welche der Anblick desselben
bei Edmund bewrkt hatte und sie suchte dem Gesprch eine muntere
Wendung und ein allgemeines Intresse zu geben. Albina erfuhr, da
Edmunds Eltern nicht mehr am Leben seyen und jener sein groes Vermgen
-- ganz unhnlich den kargen Eltern -- zu schnen Zwecken verwende,
auch einen Theil desselben zu einer bedeutenden Reise bestimmt habe.
Es war sein Plan, auf derselben D* zu passiren, wo er Langenheim und
Albinen zu finden hoffte. Ersterer war ihm nur durch die beredten und
vortheilhaften Schilderungen des Grtner Paul's bekannt; doch des
hbschen Grtnermdchens -- wie er sich ausdrckte und dadurch eine
Rosengluth auf Albinens Wangen jagte -- hatte er sich noch sehr gut
erinnern knnen, allein immer so erwartet, wie er es gefunden habe.
Bei diesen Worten trat er ihr nher und kte ehrerbietig die weiche
runde Hand. Albina hatte sich wieder ganz zurecht gefunden, und suchte
mit mglichster Unbefangenheit in den gewhnlichen Unterhaltungston
einzustimmen und in demselben sich nach allen, ihr durch die
Vergangenheit lieben und wichtigen Personen, Gegenstnden, Plzchen
und Ergebnien zu erkundigen. Edmund befriedigte sie ganz, jedoch es
berraschte ihn fters dabei eine Art Leidenschaftlichkeit, welcher
dann Albina desto mehr Ruhe und Klte, entgegenzusetzen strebte. Sie
konnte es nicht lugnen an Edmund viele groe Charakterzge bemerkt zu
haben: doch die Glorie welche in ihrem Herzen Guidos Bild umgab, fehlte
jeder andern Erscheinung und sie verlohr sich dann im Schatten.

Edmund war anfangs Willens nur ein paar Tage in D* zu verweilen:
allein schon war eine Woche vorber und er fand noch immer so viel
Sehenswerthes, oder so viele Hindernie diese und jene Merkwrdigkeit
zu beschauen: da er seine Abreise von Tag zu Tag verzgerte. Er kam
sehr oft in Langenheims gastfreundliches Haus. Sein Blick suchte aber
bei jedem Eintritt immer zuerst Albinen, er versumte auch nicht nach
ihr zu fragen; aber sein sehnschtiges Verlangen wurde nie befriedigt.
Albinen konnte ihrer unverstellten Anspruchslosigkeit ohngeachtet der
Eindruck nicht entgangen seyn, welchen sie auf Edmund gemacht hatte;
jedoch, wie htte ein so edles Mdchen-Herz wie das ihrige gewienlos
mit der Ruhe eines braven Mannes spielen knnen! Sollte sie seinen
Gefhlen noch mehr Leben und Bestimmtheit geben, da es nicht in ihrer
Macht stand dieselben zu erwiedern! dagegen emprte sich ihr reines
Gemth. Sie beschlo also ihn zu vermeiden.


Aber an Aurelien bemerkte sie seit jenem Nachmittag eine sichtbare
Vernderung. Das sonst harmlose, Geschpf schlich jezt traurig umher,
seufzte tief auf und war ungemein zerstreut.

Edmund hatte, ganz ohne es zu wollen und zu wissen von dem unbewachten
Herzen, dieses kindlichen Wesens Besitz genommen und Albina gieng
mit sich zu Rath, welche Maaregeln sie wegen ihrer gelibten Aurelia
ergreiffen sollte. War sie ihrer Gefhle deutlich bewut: so lie
sich keine vorbergehende Neigung in diesem tiefen Gemth vermuthen,
doch im Fall einer Unbekanntschaft mit ihren Empfindungen schien es
vortheilhafter, sie nicht bemerken zu wollen und nur ein fteres
Wiedersehen zu verhten; dann, hoffte Albina, wrde Aurelia bald
ihre sonstige Stimmung erlangen. Sie war entschloen die mtterliche
Freundin Therese zu ihrer Vertrauten zu machen und der klugen und
milden Leitung derselben das Schicksal Aureliens, Edmunds und auch
das ihrige zu empfehlen: jedoch in den ersten Tagen beobachtete
Edmund die gewhnliche feine Sitte und stattete bei den Bekannten des
Langenheimischen Hauses Besuch ab. Da der Gang zum Landhaus der
Wichtigste fr ihn war, lt sich denken.

Albina sa eben im Kreise ihrer Pflegetchter und gab ihnen in
weiblichen Arbeiten Unterricht. Die Grern saen an Stickrahmen, die
Kleinen nhten und strickten. Albina lehrte mit dem sen Wohllaut
ihrer Stimme, sanft und liebevoll. Aurelia war ihre treue Gehlfin und
stand bald dieser, bald jener Schlerin bei. William und Fany saen zu
den Fen Albinens. Ersterer baute Huserchen von Karten, Fany reichte
ihm dieselben zu und machte frohlockend Mtterchen aufmerksam, wenn es
dem Bruder gelang einige Stockwerke aufeinander zu thrmen.

Von diesem allen war Edmund unbemerkt Zeuge. Es wurde ihm von der
Magd, welche gerade unten beschftigt war, bei der Frage nach Albinen
der Saal bezeichnet, wo er sie finden wrde und er hielt sich vor der
Thre, welche Glasfenster hatte unbeweglich und stille, um sich recht
lange an Albinens Anblick so wie an der ganzen anziehenden Gruppe zu
weiden.

Aurelia stand gerade bei Albinen, ihr die Arbeit von einer der
Schlerinen vorzeigend, als er die Thre ffnete und eintrat. Sie
erschrack so sehr, da sie das Strickzeug fallen lie und sich
geschwind zu den Kindern hinunter bckte, um Edmund die glhende Rthe
ihres Gesichts zu verbergen. Besonnen und anmuthig strebte Albina
seine Anwesenheit so unschdlich als mglich zu machen; sie fhrte
ihn sogleich weg und zu Cornelien dann in Begleitung einiger Kinder
im Garten und Haus herum und zeigte ihm unbefangen und heiter alles,
was einiges Interee fr ihn haben konnte: doch konnte sie nicht
verhindern, da Edmund berall die Spuren ~ihrer~ Einrichtung,
ihres Waltens gewahr wurde und da er in der sich frhlich und
unaufhrlich ussernden innigen Zrtlichkeit aller Zglinge eine neue
Bestttigung ihres Werthes fand. Aurelia hatte Albinens geheimen Wunsch
erfllt und war in dem Saal zurkgeblieben. Denn ihre Bewegung war zu
heftig als da sie es htte wagen knnen, Edmund sich zu nhern. Sie
wollte sich sammeln, um beim Abschied gefat zu erscheinen. Ach! sie
duchte sich so unglcklich! die ersten Gefhle der Liebe erregte in
ihr ein Mann, welcher sie ganz zu bersehen schien und Albina, ihre
geliebte Albina mit glhender Leidenschaft verehrte! Sie konnte nicht
mit sich fertig werden, wohin sie ihren Blick wandte sah sie nur
Schreckbilder und der, Andern freundlich blhende Garten der Liebe, der
sich zum erstenmal ihr ffnete, bot ihr nur Dornen, welche ihren Fu
bei ~jedem~ Schritt zu verletzen drohten. Im tiefen Nachsinnen
stand sie am Fenster und zerbltterte gedankenvoll eine blhende
Aster als Albina -- ~ohne~ Edmund eintrat. Ein neuer Schmerz! Er
zuckte so gewaltig durch ihr ganzes Wesen, da sie, nicht mehr ihrer
mchtig an den Busen Albinens sank und laut weinte. Innig drckte sie
diese an ihre Brust, bedeutete ihr leise: da sie nicht alleine wren
und versprach, gleich nach geendigter Unterrichtsstunde, deren vorige
Strung sie jetzt ersetzen msse, ihr nach in den Garten zu kommen.

In der Unterredung mit ihr fand Albina, da die Liebe schon tiefe
Wurzeln in Aureliens Herz gefat hatte, fand sie aber auch fest
entschloen, schweigend zu dulden und Albinens Glck ihre Gefhle
zu opfern. Da dies nicht der Fall seyn knnte, belehrte sie die
Versicherung der letztern: da sie durchaus keine Neigung fr Edmund
fhle und seine fernern Bewerbungen um sie schonend abweisen me doch
in dem ersten Entschlu: ihre Empfindung vor Jedermann und vorzglich
vor ihm zu verbergen bestrkte sie Albinens Beifall, welcher hohe
Begriffe von der weiblichen Wrde hegte, und streng bei sich und ihren
Zglingen jede Miene, jedes Wort, jede Bewegung bewachte. Sanfte
religise Trstungen und die innigste Theilnahme verfehlten bei der
dafr empfnglichen Seele Aureliens, nicht ihre Wirkung und sie fgte
sich mit wehmthiger Ergebung in Albinens Rath: durch den Einflu
Theresens ein abermaliges Wiedersehen Edmunds fr sie beide zu verhten.

Vergeblich sahen sie einen Besuch dieser Freundin mehrere Tage
entgegen; und Albina hielten auch die bekannten Grnde von der Stadt
zurck. Endlich erhielt sie eine schriftliche Einladung von Jener, wo
von einem ungestrten alleinigen Zusammenseyn die Rede war und dem zu
Folge wagte Albina es zuzusagen.


Nicht unerwartet, aber dennoch ergreiffend waren ihr die Mittheilungen
der theuern Pflegemutter. Edmund hatte dieser seine Leidenschaft
fr Albinen gestanden und um ihre Verwendung bei ihr gebetten. So
wohl sein innerer Werth, als auch seine begterte Lage gaben seinem
ausgesprochenen Wunsch in Theresens Augen eine unaussprechlich
erfreuende Gestalt. Sie sah fr ihre geliebte Albina nur Glck, reines
Glck darinnen und trug ihr also denselben auch mit so viel freudiger
Theilnahme vor, da diese, innig gerhrt in Thrnen ausbrach. Sie
ergrif Theresens Hand drckte sie an ihr Herz und sagte: theure
Mutter! wie traurig ist es mir, deine gtige Sorge fr mich und die
reine Liebe eines edlen Mannes unerwiedert, unbelohnt lassen zu
mssen! Du kennst deine Albina! du wirst gewi voraussehen: da mich
~wichtige~ Grnde bestimmen mssen, die Wnsche so guter Menschen
nicht zu erfllen. So ist es auch und ich halte es fr unerlliche
Pflicht, dir diese Grnde mitzutheilen; aber nur du geliebte Mutter,
sonst Niemand auf der Welt soll erfahren, was mich bestimmt, Edmunds
mich ehrenden Antrag auszuschlagen!

Die innige Vereinigung zweier Menschen durch den Ehebund ist fr mich
ein so ehrwrdiger und heiliger Gegenstand, da ich ihm fters mein
stilles Nachdenken wiedmete; und das Resultat meiner Betrachtungen
war die Ueberzeugung: da ein Mdchen mit ihrer Hand auch ein ganz
ungetheiltes Herz voll reiner Liebe dem Erwhlten hingeben me.
Das Gelbde am Altar ist ein Inhaltsschwerer Eid! die leiseste und
geheimste Verletzung derselben dnkt mir eine groe Snde! auch fhrt
der Ehestand zu viel Ernst, zu viel unvermeidliche Unannehmlichkeiten,
selbst in den glcklichsten Verhltnien mit sich: als da nicht die
hchste Liebe dazu erforderlich wre, um alles so zu ertragen wie es
seyn soll; und kann ein glckliches Ehebndni ohne eine der festesten
Grundsulen, ohne alles Vertrauen statt finden? ist dies aber denkbar
wenn irgend ein Geheimnis vorwaltet? und liegt nicht das nachtheiligste
Geheimnis in einer, wenn auch unterdrckten ltern Neigung? Selten, ach
selten sind die Flle, wo achtungsvolle Freundschaft an der Stelle der
Liebe gengend fr das Glck beider Gatten seyn knnte und hufig geht
das gegenseitig reine und beglckende Verhltnis da verlohren, wo man
leichtsinnig ber jene Puncte fhlt und denkt! --

Albina hielt inne. Mit wahrem Vergngen hre ich meiner fr Tugend
und Pflicht so beredten Albina zu, sagte Therese, indem sie dieselbe
zrtlich umfate: und preie den Mann unendlich glcklich, welcher
die ganze Flle der Liebe dieses reichen schnen Herzens besitzt!
da es Edmund nicht ist, das begreiffe ich und nach allen deinen
Aeusserungen kann und darf ich kein Wort mehr fr ihn sprechen. Meine
Sorge mu nun seyn, ihn mit seinem traurigen Schicksal so schonend als
mglich bekannt zu machen. Wie wirst du mich dadurch verpflichten
liebe Mutter! erwiederte Albina, denn gewi, ich achte ihn sehr! aber
~lieben~? -- nein theure mtterliche Freundin! ~lieben~ kann
ich nur ~Einen~ und dies ist -- Guido! Sie verbarg bei diesen
Worten ihr glhendes Gesicht an Theresens Busen. -- Erstaunt und
zgernd antwortete diese: Guido -- Guido? -- Du hast wohl diesen
Namen nicht erwartet? versezte Albina, indem sie sich empor richtete,
Niemand -- hoffentlich auch er nicht, wird den Zustand meines Herzens
ahnen, nicht wahr? Therese bejahte dies und sah schweigend und ernst
zur Erde nieder. Du bist ungehalten Mtterchen, klagte Albina, du
nennst meine Liebe vielleicht ein Phantom, du willst, ich soll es dem
Glck Anderer opfern -- ists nicht so? Ich kann es nicht lugnen,
versezte Therese, es schmerzt mich, da meine Albine ein Gebild
ihrer Phantasie der Wirklichkeit vorzieht. Guido scheint mir deine
Gefhle nicht zu theilen, Edmund verehrt dich bis zur Anbetung; diesem
schlgt deine Weigerung eine tiefe Herzenswunde, jener kennt dein
Opfer gar nicht; Edmund wrde alles aufbiethen, um deine Lebenstage
zu verschnern, inde du, in einer immer noch beschrnkten Lage mit
dem Leiden einer hoffnungslosen Liebe kmpfest. Mdchen, Mdchen! was
hat deinen sonst so klaren Sinn geblendet? Die groen Eigenschaften
Guido's, antwortete Albina mit Begeisterung, die ich noch bei
keinem mnnlichen Wesen in der Vollkommenheit antraf; berhaupt die
magnetische Kraft in dem Menschen, welche sich nicht schildern, nicht
aussprechen lt, die aber ohne es zu wollen, mit unwiderstehlicher
Gewalt die Herzen anzieht. O geliebte Mutter! fuhr sie fort, fate
Theresens beide Hnde und sah ihr bittend ins Auge: sey nicht
grausam! versage mir nicht deine Beistimmung zu meinem Vorsatz, nie
zu heirathen! Ich knnte Edmund nicht beglcken, wie er es verdient;
es wre mir unmglich, Guido's Bild aus meiner Seele zu bannen; ich
wrde Vergleiche anstellen, ich wrde mich elend und schuldig fhlen
-- ich kann nicht anders handeln! o la mir mein geringeres Glck!
la mir meinen Wirkungskreis! er ist dazu geeignet, mich wohlthtig
zu zerstreuen und meine Liebe zieht mich keinen Augenblick von meinen
Pflichten ab, im Gegentheil: das edle Bild das ich im Herzen trage,
verstrkt meinen Eifer, es ist mein Ideal, dem ich nachzuahmen suche.
Ja ich will meinen Entschlu selbst vor dem Allwissenden verantworten:
denn ich kann in meiner Lage auch viel Gutes thun, viel ntzliches
wirken und finde meinen Lohn in Gottes Wohlgefallen und in meiner
innern kleinen Welt, wo Guido lebt, und herrscht, was ich aber Niemand
als dir theuere Mutter vertraue! --

Therese umarmte Albina und sagte: nach deiner schnen
Eigenthmlichkeit, wre es hchst unrecht, dich zu einer andern Denk-
und Handlungsweise verleiten zu wollen. Folge deiner Ueberzeugung! Gott
segne dich!

Durch diese Versicherung ganz beruhigt und glcklich entdeckte nun auch
Albina Theresen den Zustand von Aureliens Herzen und Jene versprach,
die Sache so zu leiten, da kein Wiedersehen Edmunds mehr statt
finden sollte. Albina sezte sich mit Genehmigung Theresens an deren
Schreibtisch und suchte in folgendem Abschiedsworte fr Edmund milden
Trost zu legen. Sie schrieb:

    Kann Sie aufrichtige Hochachtung und herzliche Freundschaft
    mit einem Mdchen ausshnen, dem es sein Geschick versagt, die
    ehrende Liebe eines edlen Mannes mit gleichen innigen Gefhlen zu
    erwiedern: so wird dies unaussprechlich ein Herz beruhigen, das die
    wrmsten Wnsche fr Ihr knftiges Glck hegt und sich stets mit
    dankbarer Theilnahme Ihrer erinnern wird.

    Albina.

Edmund nahm aus Theresens sanfter Hand den gebrochenen Stab seiner
schnsten Hoffnungen mit mnnlicher Kraft und reiste schnell ab. Von
ihm hatte Langenheim erfahren was Guido schon frher erkundet aber
verschwiegen hatte; da nemlich der alte Hainau noch lebe, jedoch ganz
in der Gewalt jener bekannten nichtswrdigen Familie sey. Dieser Zusatz
bestimmte Langenheim, Cornelien und ihren Kindern jene ihm unntz
scheinende Entdeckung nicht mitzutheilen.

                   *       *       *       *       *

Mit einem wohldurchdachten Plan war Guido in E* angekommen. Grade
Hainaus Wohnung gegenber miethete er sich bei einem wackern Brger ein
und trat seine Stelle an. Da er den Secretair Halieb, welcher so lange
ungestraft die gewissenlosesten Handlungen unter einer heuchlerischen
Larve verbt hatte, durch getreue Schilderungen genau kannte: so wurde
es ihm nicht schwer, jenen auch in amtlichen Verhltnien bei manchen
heimlichen Vergehungen auf die Spur zu kommen, welche Erfahrungen er
sorgfltig sammelte und zu gelegener Zeit aufbewahrte. Dann ging seine
zweite Sorge dahin, sich dem alten Hainau bemerkbar zu machen. Durch
seinen Hauswirth erhielt er in gleichgltig scheinender Unterhaltung
manche Winke darber, welche er weise bentzte. So erfuhr er z. B.
da Hainau ein leidenschaftlicher Jagd- und Hunde-Liebhaber war und
das leztere noch sey. Er besa eine ganze Kuppel dieser Thiere, welche
oft einen grulichen Lrm im Hause verursachten, aber von ihrem
Herrn hufig am Fenster geliebkot wurden, auch alle mit glnzenden
mssingen Halsbndern geziert waren welche mit den Anfangsbuchstaben
des Eigenthmers Namen prangten. Guido gab sich nun auch gleich
fr einen Freund der Jagd aus, strebte einen ausgezeichnet schnen
Hhnerhund zu bekommen und wanderte in Begleitung desselben, mit Flinte
und Waidtasche alle Abende aus seiner Wohnung und zum Thor hinaus.
Hainau unfhig mehr zu irgend einem Geschft, vertrieb sich die meisten
Stunden des Tags damit, da er in einem Lehnstuhl am offenen Fenster
sa, alles beobachtete was sich auf der Strae und in der Nachbarschaft
zutrug und dicke Rauchwolken aus seiner trkischen Tobackspfeife, die
an einem ungeheuer langen Rohr befestigt war, in die Luft blie: denn
seine zweite Leidenschaft war das Tobackrauchen, aus besonders seltenen
und kostbaren Pfeiffen.

Guido hatte bald seine Absicht erreicht. Der Jger mit seinem schn
gefleckten Tyras zog Hainau's ganzes Interesse auf sich, zumal da das
wrdevolle und anziehende Aeuere des wohlgebildeten jungen Mannes und
seine verbindliche Art zu gren ihm ausnehmend gefiel. Als er aber
nun gar nach einigen Tagen in der Hand seines jungen Nachbars einen
meerschaumenen Pfeiffenkopf von noch nie gesehener Gre und Schnheit
erblickte: da verga der erstaunte Greis den hflichen guten Morgen
von jenem zu erwiedern, ergrif die nahe bei ihm stehende Klingel und
schellte heftig.

Ein Diener kam. Thomas lauf geschwind da hinber zu dem Herrn -- hrst
du? da in dem Haus des Meister Gerards, verstehst du mich? und sage --
hm hm! -- was will ich sagen -- frage -- nein bitte den neuen Herrn
Rath, der da ben wohnt: er mchte als Nachbar seine Frhpfeife bei mir
rauchen und ein Frhstck mit mir einnehmen. Hrst du? lauf geschwind!
Der Bediente folgte dem Befehl. Ein zweiter Klingelzug rief die Magd,
welche schnell ein paar Tassen Chocolate zu bereiten beauftragt
wurde. Da Guido augenblicklich erschien lt sich denken und Hainau
zrnte mit dem Thrmer, als die Glocke seinen angenehmen Besuch von ihm
weg zur Session rief: denn er hatte sich unbeschreiblich gut mit ihm
unterhalten, ihn auch fr Morgen zum Mittag-Een gebetten, da heute,
einer nothwendigen Arbeit wegen, Guido sein Anerbiethen ausschlagen
mute.

Der alte Mann konnte kaum die Stunde erwarten, in welcher sein neuer
Freund erscheinen wrde, er gieng nicht vom Fenster hinweg und
als Guido aus seinem Haus trat, eilte er, so schnell, als es mit
seinen kranken Fen gehen wollte, bis zur Treppe ihm entgegen;
nahm ihn am Arm und fhrte ihn triumphirend in das Zimmer. Auch die
zahlreiche Hunde-Gesellschaft rannte auf ihn zu und bewillkommte ihn
mit gewaltigen Geklffe; einige sprangen an ihm in die Hhe, als
wollten sie recht ihre Freude bezeugen. Ey, still doch! rief der
Alte abwehrend. Bst Pedrillo, ruhig Cinthio, Caro, Jason! was ist
das fr ein Lrm; wollt ihr ordentlich seyn? er drohte mit seinem
Krckenstock und sagte zu Guido: Verzeihen sie das ungestmme Betragen
der unartigen Hunde! allein es ist als ob sie mein Vergngen, Sie
theurer Freund, bei mir zu sehen mit mir theilten, auch haben die
lieben Thiere gar ein scharfes Erinerungsvermgen und wahre Dankbarkeit
-- wissen Sie wohl, Sie haben es gestern mit der Rae da verdorben (im
guten Sinne nemlich) denn Sie haben ihnen geschmeichelt und sie mit
mrbem Brod gefttert. Dabei sah Hainau Guido recht wohlgefllig an
und klopfte ihn freundlich auf die Schulter. Das Mahl wrzte dem Grei
Guidos Unterhaltung ber seine Lieblingsgegenstnde und es schien, als
wren sie fr jenen unerschpflich; immer wute er eine neue Ansicht,
einen neuen Vortheil denselben abzugewinnen, und seine, in dieser
Hinsicht gemachten Erfahrungen trug er mit einer Darstellungsgabe vor,
welche Hainau entzckte und mit jugendlichem Feuer stimmte er in
Guidos Aeuerungen ein, oder erhob sie mit preienden Worten. Er mute
versprechen in jener Woche noch einmal zu kommen und hier machte ihm
der Alte den Vorschlag sich ganz bei ihm einzuquartiren. Dies schlug
Guido aus; denn er wollte langsam, aber desto sicherer bei der Sache
zu Werk gehen. Die Woche zweimal bei ihm zu een: dazu machte er sich
verbindlich; allein schon dies war dem mitrauischen Secretair hchst
rgerlich. Er wurde durch Guido berzeugt, da, auer ihm, doch noch
jemand fhig wre, Hainaus Zuneigung zu gewinnen und dies war ihm
unertrglich. Mit heuchlerischer Besorgni warnte er seinen Gnner:
sich dem Fremden doch nicht zu sehr anzuvertrauen, denn er wollte
manches Nachtheiliges von ihm gehrt haben. Der schwache Greis wurde
anfangs bedenklich, aber als Guido das nchstemal wiederkam, und mit
seiner gewhnlichen Herzlichkeit des alten Mannes Neigungen huldigte,
auch ehrlich und freimthig wie immer ihm ins Auge blickte: da schwand
aller Verdacht aus Hainaus Seele und er erklrte Halieb fest: Guido
knne nicht tuschen und ihm wrde nichts vermgen seinen angenehmen
Umgang aufzugeben. Der Bsewicht sah da von dieser Seite nichts zu
machen sey und versuchte nun von einer andern Guido zu schaden.

Ein Proze eines unredlichen Vormunds gegen eine betheiligte Mndel
war bei dem Stadtgericht anhngig. Guido hatte sich berzeugt, da
das Recht auf Seiten der Leztern war und vertheidigte mit Feuer die
Forderungen der Unterdrckten. Die schien dem rnkevollen Halieb
die unvermeidliche Klippe an welcher Guidos Ruf und Glck scheitern
wrde. Er machte mit dem Vormund gemeinschaftliche Sache, beide
erkauften falsche Zeugen und diese muten in der Stadt vorzglich bei
den Mitgliedern des Raths das Gercht verbreiten: Guido sey in einem
Einverstndnis mit dem Mdchen: seine tglichen Jagdpromenaden dienten
ihm zu geheimen Zusammenknften mit ihr und die kostbare Tobackspfeife
welche er bese, wre ein Geschenk der Liebe und der Dankbarkeit
fr seine Verwendung. Der vorher berall geachtete Guido wurde nun
wirklich hie und da mit zweifelhaften Augen betrachtet, und so viel
Freunde er in seinem Collegium hatte; kannten sie ihn doch zu kurze
Zeit, um nicht auch mitrauisch zu werden. Guido bemerkte bald eine
Aenderung ihres Betragens gegen ihn und konnte es sich lange nicht
erklren.

Auch Hainau erfuhr die Geschichte und eines Mittags traf ihn Guido sehr
bler Laune. Als er sich theilnehmend nach der Ursache erkundigte,
sagte dieser: lieber Herr! wem wird es nicht weh thun, wenn er sich
getuscht findet und zwar so bitter wie ich! Sie wollen wissen wie?
Gut, ja, es soll heraus was mich herzlich verdriet, und somit erzhlte
er Guido, was die Leute von ihm sagten. Nun fiel diesem die Binde
von den Augen. Er schttelte Hainau die Hand, versicherte ihm seine
Unschuld und versprach ihm in den nchsten Tagen Aufklrung ber Alles.
Am folgenden Tag hinderte ihn eine Unplichkeit in die Session zu
gehen. Dieser Umstand wurde benzt, ihm eine schriftliche Aufforderung
zuzuschicken (weil man eine gewie Scheu fhlte, ihn mndlich zu
ersuchen) sein _Votum_ in der bewuten Sache abzugeben, da er
nicht ganz unpartheiisch zu seyn schiene. Mit einem Blick durchschaute
er das ganze Gewebe der Bosheit und sobald es seine Gesundheit
erlaubte, trat er als Klger vor Gericht, und verlangte den Grund zu
obigem Benehmen gegen ihn. Man mute sein Begehren erfllen und dann
nannte er Halieb seinen Verlumder. Als Genugthuung forderte er die
Untersuchung aller der Belege schlechter Handlungen jenes Elenden,
welche er in seiner Gegenwart vorlegte. Halieb wurde berwiesen und
konnte der gerechten Strafe nicht entgehen, denn eine Entdeckung
fhrte immer wieder zu vielen Andern und die Zahl und Gre seiner
Vergehungen zogen ihm nicht nur Dienstentsezung, sondern auch schnelle
Landesverweisung zu.

Guido suchte in dieser Zeit eine Zusammenkunft Hainau's mit Halieb
dadurch zu vermeiden, da er jenen auf schonende Weise so bald als
mglich alles mittheilte, was nothwendig war, ihn selbst bei dem
besorgten Greis zu rechtfertigen und den Bsewicht zu entlarven. Es
schien ihm um so nothwendiger, da sich unter jenen Acten auch eine
unbesonnene Hindeutung des Secretairs auf ein vorhandenes Testament
des alten Hainaus befand. Guido verlangte es zu sehen, und Halieb
war darinnen als Haupterbe des ganzen groen Vermgens eingesezt.
Des alten Mannes Erstaunen gieng in Wehmuth und lauten Jammer ber,
als Guido auch Halieb's frhere Handlungsweise schilderte, welche
auf seine Verwandten Verderben bringend gewirkt hatte, als er die
dadurch entstandenen Folgen in den Schicksalen desselben auseinander
sezte und mit Begeisterung von Hainau's Enkeln sprach. Tiefgebeugt,
ja vllig zerknirscht stand der sonst stolze Mann vor Guido, wie vor
seinem Richter und fragte mit hohler Stimme: Wie kann, wie soll ich
mein groes Unrecht gut machen? dann hob er das zitternde Greisenhaupt
in die Hhe, der Reue Thrnen flossen ber die eingefallenen Wangen
und mit flehenden Worten beschwor er den Geist seines Sohnes: ihm zu
verzeihen.

Guido erschtterte der Zustand des armen Greises sehr; er sorgte
mit kindlichem Eifer, da der traurige Vorgang keine nachtheiligen
Folgen fr ihn haben sollte und gelobte ihm: alles fr seine Ruhe zu
thun. Hainau forderte selbst frs Erste sogleich sein Testament ihm
zu verschaffen, welches Guido auf der Stelle holte, und auf Hainaus
Gehei zerri. Dann bat ihn dieser, sich an sein Bett zu sezen und
ihn von seinen Verwandten zu erzhlen. Die Liebe und Freundschaft
fhrte in Guidos Hand den Pinsel, auch Cornelien gedachte er ehrenvoll
und erregte dadurch bei dem Greis den lebhaften Wunsch: recht bald
die geliebten Enkel und ihre Mutter bei sich zu sehen. Er lie sich
Schreibmaterialien bringen und schrieb mit ungewisser Hand selbst
einen kurzen Brief, in welchem er sie eilig zu sich berief, um die
lezten Tage seines irdischen Daseyns mit ihnen zu verleben. Er wollte
durchaus die Veranlassung zu diesem Schreiben der Wahrheit gem ihnen
mittheilen, allein Guido bat so ngstlich dringend, seiner nicht zu
erwhnen, da ihm Hainau, um ihn zu beruhigen, sein Wort gab, ihn
nicht zu nennen, sondern im Allgemeinen eine sonderbare Verkettung der
Umstnde als Grund anzugeben.

                   *       *       *       *       *

Liebe theure Mutter! rief Albina, indem sie in Theresens Zimmer flog
und ihr um den Hals fiel, theile meine Freude! der Grovater lebt und
liebt uns; er will uns sehen, wir sollen zu ihm reisen, lies', lies'
diesen Brief! mit diesen Worten zog sie obiges Schreiben aus dem
Arbeitsbeutel und reichte es Langenheim hin, dessen Anwesenheit sie
jezt erst gewahrte. Die Gatten durchlasen dasselbe miteinander und
usserten den aufrichtigsten Antheil ber dies frohe Ereignis. -- Dies
hat Guido herbeigefhrt sagte Langenheim. Ja, nun ist mir alles klar.
-- Albina schmiegte sich an Theresens Busen, und flsterte: Mein Herz
hat mir dies auch schon gesagt, o! des edlen Mannes! -- Nun aber
trug die Stillbeglckte ihre und der Mutter Bitte den treuen Freunden
vor: da, whrend ihrer Abwesenheit Therese ihre Stelle im Landhaus
vertretten mchte! und sie wurde gewhrt. Langenheim versprach,
Theodor zu beruffen und so wurde denn die ganze Angelegenheit bald
ins Reine gebracht. Der Tag der Abreise erschien und mit Rhrung
und Freude fuhren alle der Bekanntschaft mit dem Familien Oberhaupt
entgegen. Der alte Hainau wnschte: Guido sollte bei dem Empfang
der Verwandten gegenwrtig seyn; jedoch dieser suchte es abzulehnen
und sah nur durch eine kleine Oefnung seiner Fenster-Gardine, als
der Reisewagen vor Hainaus Wohnung hielt. Aber das Herz pochte ihm
hrbar, als er seine heigeliebte Albina erblickte. Er verfolgte sie
im Geist, wie sie des guten Grovaters Segen empfangen und der Blick
desselben mit sichtbaren Wohlgefallen auf der holden Gestalt ruhen
wrde. So war es auch, der alte Hainau war tief bewegt und suchte jedem
der ihm vom Himmel Geschenkten seine innige Liebe zu beweisen: doch
Albina erhielt den sichtbaren Vorzug. Sie mute immer um ihn seyn und
er nannte sie mit den sesten Namen. Diese Begebenheit, und alle
vorhergehenden hatten seine morsche irdische Htte hart erschttert;
er fhlte sich so schwach und angegriffen, da er das Bett nicht
verlassen konnte. Albina bewie ihm die zrtlichste Sorgfalt; auch
Cornelia pflegte ihn mit kindlicher Liebe und Theodor erhielt von dem
Grovater den Auftrag: seine Papiere zu ordnen. Wenn in dieser Zeit
Albina beschftigt war diesem eine Erfrischung zu bereiten und sie ihm
darreichte, oder sonst etwas zu seiner Bequemlichkeit und Zufriedenheit
vornahm und einrichtete: betrachtete sie der Greis oft lange mit
lchelndem, liebevollem Blick und es schien ihr: als bekmpfe er ein
aufwallendes Gefhl, als wnsche er ihr Etwas mitzutheilen. Doch wenn
sie mit ihrer melodischen Stimme fragte: Grovterchen hast du ein
Anliegen? so drckte er ihr die Hand und schttelte schweigend den
Kopf. Nach einigen Tagen fhlte er sich wieder etwas gestrkter und
wollte nun aufs Neue testiren. Er verlangt nach dem Stadtgerichtsrath
Volkmar. Albinen durchzuckte bei dieser Aeusserung, bei diesem Namen
ein ser Schauer und Guido wollte sein begonnenes schnes Werk nun
auch vollenden, berwand mit diesem Entschlu alle Bedenklichkeiten
und trat wie er glaubte, ganz gefat in das Krankenzimmer. Jedoch
als er Albinen daselbst in sorgsamer Beschftigung um den theuern
Grovater fand und als diese bei seinem Anblick die innere Bewegung
nicht verbergen konnte: hielt er ihr schnelles Erbleichen fr ein neues
Zeichen ihrer Abneigung und fhlte sich unfhig, dies zu ertragen. Er
sagte dem Kranken: da er gekommen sey, ihn um die Erlaubnis zu bitten,
sein Geschft einem andern Collegen bertragen zu drfen; und ehe jener
Etwas darauf erwiedern konnte, empfahl er sich schnell, und gieng fort.
Albina aber eilte durch eine Seitenthre auf den Vorplatz. Unerwartet
stand sie vor dem erschtterten Guido. Edler Mann! sagte sie bewegt,
ergrif seine Hand und sah ihn mit einem seelenvollen Blick in die
dunkeln dstern Augen: vergnnen Sie doch diesem gepreten Herzen, die
Wohlthat, sich mit der Versicherung gegen Sie erleichtern zu drfen:
da ich wei, ~wer~ diese wichtigen Ereignie hier bewrkte;
gestatten Sie mir den Trost, Ihnen danken zu drfen! die lezten Worte
erstickten hervorbrechende Thrnen. Verwirrt stammelte Guido: Sie
irren -- ich weis nicht, was Sie damit sagen wollen. Indem rief die
Mutter ngstlich zur Thr heraus: ob der Asseor nicht mehr einzuholen
sey, der Grovater wolle ihn durchaus sprechen.

Guido kehrte mit Albinen ins Zimmer zurck. Der Kranke richtete sich in
seinem Bette krftig auf, streckte beide Hnde den Kommenden entgegen
und sagte: Hat mir doch Gott vor meinem Ende noch einen heissen Wunsch
erfllt! So wie ich da mein Goldtchterchen erblickte, dachte ich in
meinem Herzen: Wenn doch mein wackerer Asseor Gefallen an ihr finden
knnte. Dem biedern Mann, dem ich es allein verdanke, da ich ruhig
sterben kann, wnschte ich den Lohn dafr in einer guten tugendhaften
Gattin und meine Albina kann gewi einen Mann beglcken; wie meinen Sie
liebe Tochter? mit dieser Frage wandte er sich an Cornelien. Guido
ist auch mir, wie uns allen so achtungswerth, da ich mich seines
Glckes, in welcher Gestalt er auch erscheine, immer herzlich und
dankbar erfreuen werde erwiederte diese. Albinen vergiengen beinahe
die Sinnen; sie zitterte und sank endlich still der Mutter weinend im
Arm. Guido stand mit gefaltenen Hnden am Fu des Krankenbettes und sah
finster zur Erde. Der Alte schttelte wehmthig den Kopf. Habe ich
geirrt, fieng er an, so verzeiht mir! ich meinte es gut. Ihr schnelles
Entfernen Volkmar, Albinens Betroffenheit bei Ihrem Erscheinen fiel mir
auf, ich usserte gegen die Mutter mein Befremden und erfuhr: da ihr
euch nicht unbekannt seyd. Nun wollte ich Licht haben, fuhr er fort
und verlangte sehnlich Ihre Rckkehr mein Freund! Bei euerm Eintritt
war mir alten Mann als ~mte~ ich ein vereintes Prchen in euch
erblicken, allein ich sehe wohl, ich war zu voreilig. -- Noch einmal
verzeiht mir! Ach! wenn Sie sich nicht geirrt htten! rief Guido in
heftiger Bewegung; aber es ist unmglich, fuhr er fort! bog sich zu
dem Kranken ber das Bett hin und sagte im schmerzlichsten Ton halb
leise: ich bin sehr, sehr unglcklich! Albina fhlt keine Liebe fr
mich, ja ich frchte, sie hat mich. Groer Gott! rief sie und fuhr
empor, wer sagt dies! welch ein Argwohn! und mit weicher Stimme,
mit unaussprechlicher Liebe im Blick sezte sie hinzu: hatte Guido
denn durchaus keine Ahnung von den Gefhlen, die seit Jahren mit ser
Gewalt mein Inneres beherrschen und welche ich nur mit der ussersten
Anstrengung verbergen konnte? Ist es mglich! fiel Guido ein, mir
wre der Himmel auf Erden lngst schon offen gestanden und unseelige
Zweifelsucht htte mein Auge verschloen! Albina, du liebst mich! Er
breitete im hchsten Entzcken beide Arme aus und sie sank mit einem
innigem: Ja an seine Brust.

O meine Albina! Mutter meiner Kinder! sagte Guido mit unendlicher
Zrtlichkeit. Dich, dich nur liebte ich seit dem ersten Augenblick in
dem ich dich erblickte. Jedes Gefhl fr Andere deines Geschlechts
war Tuschung und Wahn. Du allein warst das Ideal meiner Wnsche und
mit furchtbarem Schmerz gab ich dich verlohren! Nach einer heissen
Umarmung, in welcher beide die Wonne einer lang verborgenen reinen
Liebe fhlten, empfieng das berglckliche Paar knieend den Segen des
vergngten Grovaters, der liebenden Mutter. Lchelnd bemerkte Hainau
dann: da heute mit dem Herrn Rath kein wichtiges Geschft abzumachen
seyn wrde und verschob die Verfertigung des Testaments auf den andern
Tag. Sie muten sich nun alle um sein Bett herumsetzen und ihm Viel
und Mancherlei aus ihrer Lebensgeschichte mittheilen. Cornelia fhlte,
da ihre Erfahrungen nur schmerzlich das Herz des Greises berhren
wrden und sprach am Wenigsten. Desto mehr mute Albina erzhlen, wozu
sie ein hchst angenehmes Talent besa. Auch entzndete sich an der
heiligen Gluth inniger Dankbarkeit gegen Gott und gute Menschen, welche
eine der vielen treflichen Eigenschaften ihrer schnen Seele war, das
Feuer der Darstellung bei der Mittheilung der glcklichen Ereignie
ihres Lebens. Oft unterbrach sie Guido mit den feurigsten Aeuerungen
seiner Verehrung, besonders als sie seiner Kinder und der Belohnung
erwhnte, welche sie in ihrem sichtlichen Gedeihen an Geist und Krper
und in ihrer innigen Anhnglichkeit an sie, fr ihre se Sorge
erhielt. Es war nun aber der Augenblick erschienen, wo auch der Vater
derselben durch die Erge der dankbarsten Zrtlichkeit sie von seiner
Anerkennung ihrer treuen mtterlichen Erziehung zu berzeugen strebte.
Durch mein ganzes Leben will ich dir meine Albina! diese edelmthige,
uneigenntzige Liebe zu vergelten suchen, rief er aus und drckte sie
innig an seine Brust.

Warst du nicht auch gromthig besorgt, mir die Zuneigung meines
theuern Grovaters zu bewirken, sagte Albina, zu einer Zeit, wo du
noch fr eine Undankbare zu handeln glaubtest! du hast ~Alles~
abgetragen, was du mir auch vielleicht schuldig zu seyn glaubtest.
-- Als Theodor, welcher abwesend war, zurckkehrte, sah und hrte was
unterdessen vorgefallen war: begrte er herzlich theilnehmend Guido
als seinen Bruder. Aber sein trauriges Geschick fiel ihm bei dem
Anblick des hohen Glcks der Liebenden mit neuer Schwere auf das Herz.
Sie vermieden auch mit zarter Schonung so viel als mglich in seiner
Gegenwart jede laute Aeusserung desselben.

O die reine Menschenliebe, wie unser groer Meister sie lehrt, spricht
sich nicht allein in inniger Theilnahme, in thtigem Beistand aus, sie
zeigt sich auch bei manchen Fllen in einem tiefen Schweigen, in einem
sorgfltigen Verbergen unserer Vorzge, oder unserer Freuden, wenn es
die Ruhe Anderer erfordert. --

                   *       *       *       *       *

Guido konnte nun als anerkannter Enkel des Testirenden das amtliche
Geschft dabei nicht mehr vollziehen. Es wurde am folgenden Tag einer
seiner Collegen berufen und mit diesem war Hainau mehrere Stunden
allein, um denselben seinen lezten Willen zu dicktiren. Als er nach
seinem Tod erffnet wurde, ergab es sich daraus, da die Enkel nach
Abzug der Legate, zu Haupterben seines groen Vermgens bestimmt
waren, da die Mutter jhrlich die Zine eines bedeutenden Capitals,
und auch Langenheim ein betrchtliches Vermchtnis erhalten sollte. Des
Letzteren hatte sich Hainau fters Reuevoll gegen Guido erinnert und
sich seines Glcks herzlich gefreut.

Bald darauf erlschte sanft der Lebensfunke des Greises, dessen
letzten Tage alles frher begangene Unrecht austilgten und um seine
Leiche stand trauernd die Liebe und die Dankbarkeit und segneten sein
Andenken. Als er beerdigt war, trat Cornelia mit ihren Kindern die
Rckreise an. So schwer die Liebenden von einander schieden, brachten
sie doch willig der Pflicht und der Nothwendigkeit das Opfer und Albina
versprach ihrem Guido bald mit William und Fany wieder zu kommen, um
sich nicht mehr von ihm zu trennen.

                   *       *       *       *       *

Auf dem Weg zum Landhaus war es gerade nicht nothwendig D* zu pairen,
man konnte die Stadt seitwrts liegen lassen. Jedoch Albina bat, den
kleinen Umweg nicht zu scheuen, indem sie das Verlangen usserte:
Guido's wrdigen Eltern sich als Tochter zu nhern, und Segen fr sich
und den Geliebten zu erbitten. Cornelia fand diesen Wunsch gerecht
und bewilligte ihr ihn freudig. Glcklich erreichten sie D*, allein
als sie ber den volkreichen Markt fuhren, nthigte ein hochbepackter
Fuhrmanns Wagen den Kutscher auszuweichen. Er verfuhr dabei nicht
vorsichtig genug und unsere Reisenden wurden umgeworfen. Man hofte,
mit dem bloen Schreck ohne Beschdigung davon gekommen zu seyn, und
Theodor wollte bei dem Wagen und Gepck zurck bleiben, bis derselbe
wieder in der Hhe und alles in Ordnung seyn wrde. Cornelia und Albina
eilten nun zu Fu nach Volkmars Wohnung. Sie fanden die Thre geffnet
und schlichen durch den Hof in den Garten, der sich am Haus befand,
weil es sie bednkte: als hrten sie von daher einige Kinderstimmen. So
war es; William und Fany tummelten sich mit mehreren kleinen Gespielen
im Gras herum. Aurelia sa dabei und strickte. Welch ein Jubel, als
sie Albinen erblickten! die Kinder flogen auf sie zu, umklammerten sie
fest und konnten nicht Worte genug finden, ihre Freude, sie wieder
zu haben, auszudrcken. Auch Aurelien beglckte das Wiedersehen der
geliebten Freundin unendlich. Albina, berwltigt von den Empfindungen
ihres liebenden Herzens, sank auf ihre Kniee, umfate die beiden
Kleinen und rief: o meine Kinder! nun bin ich durch die Liebe eures
Vaters wirklich eure Mutter! -- doch kann ich euch mehr lieben als
bisher? -- gute Mutter! mich recht lieb haben und Fany auch, nimmer
fortgehen, wir wollen recht brav seyn! so plauderte William und fiel
Albinen immer aufs Neue um den Hals; auch Fany kte und streichelte
ihr unaufhrlich Hand und Wangen.

Die laute Freude war bis in die Gemcher des Hauses gedrungen, auch
dem Baron und seiner Gattin wurde sie bemerkbar und sie folgten ihren
Tnen. Ohne von Albinen gesehen zu werden, nherten sie sich schon ihr,
als sie jene bedeutungsvollen Worte sprach -- meine Tochter! rief
innig erfreut und gerhrt die Baronin. Albina blickte auf und fiel
mit den Worten: meine verehrte Mutter! ihr in die Arme; dann nahm
sie der beiden Eltern Hand und sagte: segnen, o segnen Sie den Bund
zweier Herzen, welche sich lngst angehrten, die aber ein sonderbares
Geschick so lang von einander entfernt hielt; wir haben uns gefunden
und wollen nun vereint in der Erfllung kindlicher Pflichten gegen die
geliebten Eltern wetteifern. -- Welch einen heissen Wunsch hat uns
dadurch die Vorsicht erfllt! erwiederte Volkmar. Sey uns willkommen
und gesegnet als Tochter, du edles theures Mdchen!

Du weinst Gromtterchen! sagte William und kte schmeichelnd
die Hand der Baronin, welche Cornelien umarmend sich die Augen
trocknete. O Kind! das sind se Thrnen! erwiederte diese. Ich
bin eine glckliche Mutter! denn indem sie sich zu Albinen wandte:
hre und freue dich mit mir; Eugenie hat mich whrend der Zeit deiner
Abwesenheit besucht und ich habe sie jetzt ganz deiner Freundschaft
wrdig gefunden. Du wrdest sie kaum mehr kennen. Ihr ganzes Wesen hat
eine Weichheit, eine Anmuth gewonnen, welche sie wirklich liebenswrdig
macht. Ihr Gatte, von dem sie mit inniger Liebe spricht und welcher
ohne Zweifel diese Vernderung bewirkte, rechtfertigt meine, gleich
anfangs von ihm gefate Meinung; er mu ein treflicher Mann seyn!
Ist sie denn schon wieder abgereit? fragte Albina. Ja -- nein --
antwortete die Baronin zgernd und blickte verlegen auf Aurelien. Ich
denke, versezte diese, wir wollen unsern theuern Freundinnen nichts
vorenthalten. Sie sollen es ja doch erfahren und Theodor ist nicht
zugegen. Nun denn, sagte die Baronin, Eugenia ist nicht alleine
gekommen -- aber ihre Begleitung ist euch nicht fremd und verdient
den herzlichsten Empfang zum Ersaz vieler ausgestandener Leiden und
zum Lohn vieler Tugenden -- Antonie! rief Albina. Ja sie ist es!
erwiederte Jene; und Mutter und Tochter geriethen in die freudigste
Bewegung. Gott sey gelobt! rief Erstere, nun kann ich manches
begangene Unrecht wieder gut machen! und ihren und Theodors Wnschen
steht nichts mehr im Weg, da er jetzt im Besitz eines bedeutenden
Vermgens ist. Eben trat dieser von Langenheim gefhrt ein; bla im
Gesicht, den linken Arm in einer Binde. Mein Gott was ist geschehen,
was fehlt dir? riefen alle ngstlich. Ich habe mich beim Aufheben
des Wagens so beschdigt, da ich zu einem Chirurg gehen und mich
verbinden lassen mute antwortete Theodor. Ja, sagte Langenheim,
es ist keine Kleinigkeit! er brachte den Arm in eine Klemme und es
htte nicht viel gefehlt, so wre ihm der Knochen abgedrckt worden.
Ein fremder junger Mann hat ihn von diesem Unglck gerettet. Den
Wanderbndel auf dem Rcken gieng er vorbei und hrte Theodor dem
Kutscher zuruffen: halt mein Arm schnell warf er das Rnzchen ab,
stie jenen, der sehr ungeschickt zu Werk gieng unwillig weg und
hob mit Gewandtheit und Strke den Wagen vollends in die Hhe: denn
so viele Neugierige sich auch versammelt hatten, so leisteten doch
Wenige hlfreiche Hand; und ich war zu schwach dazu. Du bist sehr
angegriffen lieber Theodor! sagte die Baronin mtterlich sorgend, komm
doch gleich mit herauf und lege dich nieder; ich will Thee machen
lassen und dich treulich pflegen. Sie giengen und als Albina usserte:
in diesem Zustand msse man ihm die Nachricht von Antoniens Rckkehr
behutsam vortragen; versprach Langenheim die zu bernehmen und
folgte jenem schnell nach. Die Andern aber fuhren bald darauf nach dem
Landhaus. Therese empfieng sie an der Thre und wollte sie bestimmen
im Gartenzimmer abzutretten; jedoch Albina rief: Mtterchen! ich weis
Alles, Antonia ist oben, la mich, la mich zu ihr! Sie eilten nun
hinauf und Antoniens schwchlicher Gesundheitszustand unterlag der
Freude des Wiedersehens. Sie wurde ohnmchtig. Doch die Bemhungen der
Freundschaft brachten sie wieder zum Bewutseyn ihres Glcks: denn
Albinens Entzcken und Corneliens mtterliche Liebkosungen verlschten
auch die kleinste Spur trber Erinnerungen in ihrer Seele. Sie gab
sich ganz den seeligsten Hoffnungen fr die Zukunft hin. Warum ist
aber Theodor nicht mit gekommen? frug sie etwas befremdet. Albina
fiel schnell ein: er blieb in der Stadt, und ihm ist das Glck, dich
wiederzusehen, noch unbekannt. Aber, wann wird er es erfahren und ich
ihn an dies liebende Herz drcken? erwiederte Antonie mit sehnschtigem
Verlangen. Bald, bald antwortete Eugenia beschwichtigend, welche durch
Aurelien von Theodors Unfall unterrichtet, wieder neuen Nachtheil
fr ihre Freundin befrchtete, wenn sie es unvorbereitet erfhre.
Auch war es spt geworden und mit Eugenien einverstanden, erklrte
Therese fr nothwendig: da die Reisenden wegen Ermdung und Antonia
wegen den Einflu der gehabten Gemthsbewegung auf ihren Krper,
sich bald zu Bett begeben und die wechselseitigen Mittheilungen auf
den folgenden Tag verschieben sollten. Man trennte sich also um die
Ruhe zu suchen. Doch Albinen verscheuchte den Schlaf die Begierde:
von Antonien mehr zu wissen und das Verlangen sich mit Theresen und
Eugenien recht auszusprechen: denn sie fand Leztere wirklich ungemein
zu ihrem Vortheil verndert und fhlte sich durch die neugeknpften
schwesterlichen Bande liebend zu ihr hingezogen. Beide Freundinnen
waren bereit, Albinens Wunsch zu erfllen und sie bentzten noch einige
Stunden der stillen Nacht, zu einer traulichen Unterhaltung. Albina
folgte in derselben dem Drang ihres Herzens und schilderte sein reines
und inniges Glck den aufrichtig theilnehmenden Freundinnen; und dann
gewhrte Eugenia ihre Bitte und erzhlte ihr, wie sie mit Antonien
zusammen gekommen sey, auf folgende Weise:


Auf der Universitt F* wo Eugeniens Gatte als Profeor lebte war,
noch nicht lang von einem edlen unverheiratheten Einwohner der
Stadt ein Spital gestiftet worden, welcher ausser andern treflichen
Einrichtungen, auch den Vorzug hatte, da einige Gemcher des Hauses
und ein Theil des groen Fonds ganz allein zur Verpflegung solcher
Kranken bestimmt war, welche fremd, ohne Verwandte, auch zuweilen ohne
Geld, sich in einer doppelt hlflosen Lage befanden.


Jeder groe und kleine Gastwirth hatte die Weisung: dergleichen
Personen zu dem Vorsteher der Anstalt zu bringen, fr welche dann nach
Beschaffenheit der Umstnde unentgeltlich, oder gegen eine geringe
Vergtung auf das menschenfreundlichste und zweckmsigste gesorgt
wurde.

Nach einem Conzert, welches in einem Gasthof der Stadt whrend
der winterlichen Jahrszeit wchentlich statt fand, wurde von den
Theilhabern derselben ein _Soupe_ einmal veranstaltet und Eugenia
und ihr Gatte befanden sich auch dabei. Der besorgte Wirth sa mit an
der Tafel und bediente seine Gste, wobei er die ihm nahe Sizenden
immer zu unterhalten bemht war. Eugenia war auch nicht weit von ihm
entfernt und hrte: wie er eines kranken Mdchens erwhnte, welche am
Mittag bei der ffentlichen Tafel in das Zimmer gekommen war und durch
einen himmlischen Gesang die Anwesenden bezaubert habe: allein noch vor
dem Schlu desselben ohnmchtig niedergesunken sey. Er beschrieb ihr
Aeueres und Eugenia wurde aufmerksam. Sie wnschte mehr von ihr zu
erfahren und setzte das Gesprch mit der Frage fort: was mag wohl die
Ursache des schnellen Zufalls bei dem Mdchen gewesen seyn? Lieber
Gott antwortete Herr Braun, so hie der Wirth, die bittre Noth! das
arme Kind war leicht bekleidet und zitterte vor Frost, als sie in das
Zimmer kam. Hier war ziemlich dafr gesorgt, da der schon sehr strenge
Winter seine Gewalt nicht ausben konnte und so mag der schnelle
Uebergang von Klte zur Hitze nachtheilig auf sie gewirkt haben: denn
als sie auch wieder zu sich kam, befand sie sich so bel, da ich sie
in unser wohlthtiges Krankenhaus bringen lassen mute. Wissen sie
ihren Namen? frug Eugenia. Ja wohl, antwortete Herr Braun, ich mute
ihn bei dem Spitalpfleger vorweisen. Die Arme hat mir ihn mit schwacher
zitternder Hand aufgeschrieben. Er suchte in beiden Westen-Taschen
lange herum, endlich brachte er ein Zettelchen heraus und reichte es
Eugenien hin.

_Antonie Viscolina!_ rief diese und schlug die Hnde zusammen,
welche Entdeckung! fuhr sie gegen ihren Gatten, fort, der neben ihr
sa; diese Antonie ist Theodors Geliebte, Albinens Freundin! und so
unglklich! ach Ferdinand! morgen mit dem Frhesten mu ich zu ihr, mu
sie trsten und ihr helfen, wenn es in meiner Macht steht!

Albina reichte hier Eugenien gerhrt die Hand und jene fuhr fort: Am
folgenden Tag fhrte ich sogleich meinen Vorsatz aus und fand Antonien
in einem bewutlosen gefhrlichen Zustand. Eine heftige Nervenkrankheit
hatte sie ergriffen und in grausen Fieberphantasien beschftigte sie
sich unaufhrlich mit Theodor und mit dir theure Albina. In dieser
Lage war nichts fr sie zu thun, als fleiig Nachfrage zu halten:
wie es mit ihr stehe und ob sie gut verpflegt wrde; von lezterm
konnte ich mich immer berzeugen, aber ihr Leben schwebte lange in
Gefahr. Endlich erschienen wieder heitere Augenblicke und in einem
solchen nahte ich mich ihr. Sie erkannte mich; jedoch bald trat
wieder Fieberhitze ein und nun mischte sich auch mein Bild in ihre
verwirrten Vorstellungen. Aber so oft sie zu sich kam, war ihre
erste Frage nach mir. Indeen vergingen mehrere Tage, bis ich etwas
zusammenhngendes mit Antonien sprechen konnte. Doch als sie einmal
aus einem lang andauernden sanften Schlummer erwachte und ich gerade
an ihrem Bett sa: ergrif sie meine Hand, fhrte sie zu den Lippen und
sagte schwach und leise: se Erscheinung aus meiner glcklichsten
Lebensperiode, bist du ein Traum oder Wirklichkeit? -- Ich suchte sie
nun zu berzeugen, da keine Tuschung ihrer Sinne vorwalte und da ich
von Herzen bereitwillig wre, ihr nach Krften beizustehen, wenn sie
meine Hlfe nthig htte. Ach ich bin sehr unglcklich! sagte sie und
brach in heftiges Weinen aus; ich bat sie: ihre Genesung nicht durch
Gemthserschtterungen zu hindern und versprach ihr, sobald es der Arzt
erlauben wrde, sie in mein Haus zu nehmen. Diese Zusage schien sie
sehr zu trsten und sie fragte tglich den Arzt: ob der ersehnte Tag
noch nicht bald komme? In dieser Zeit versuchte sie einigemal mir von
ihrem Schicksal zu erzhlen: allein sie gerieth immer dabei in eine,
ihrem schwachen Krper so nachtheilige Bewegung, da ich es ihr bis zu
ihrer vollkommenen Herstellung nicht mehr gestattete, ihr aber dagegen
durch vorsichtige Mittheilung deen, was ich von Eurem Befinden, und
Begebnien wute, manche innig frohe Stunde schuf; auch zeigte ich ihr
von ferne die Aussicht auf ein glckliches Wiedersehen, da ich ihr
bereiten wollte. Als ich sie endlich mit Beistimmung des Arztes zu mir
nehmen durfte, als sie mein edler Gatte mit Gte und Wohlwollen aufnahm
und behandelte und ich ihr jede Strkung Bequemlichkeit und Erheiterung
zu verschaffen suchte; da erhielt ihr Krper und Geist wieder so viel
Kraft, da sie meinen Rath befolgen und ihre Lebensgeschichte seit der
Zeit ihrer Trennung von euch niederschreiben konnte; es schien mir
dies weniger angreifend fr sie zu seyn, als eine mndliche Erzhlung.
Eugenia stand auf nahm ein geschriebenes Heft aus einem Schrank und
sagte: in diesen Papieren erhielt ich die Urkunde des Werths eines
Mdchen-Herzens, welches heldenmthige Tugend zu ihrem Tempel erkohren
hatte und das der Sitz der edelsten Gefhle ist. Durch diese erlangte
Kenntni von Antoniens Vorzgen, freute ich mich doppelt, da es mir
vergnnt war, ihr auf dem Lebensweg trstend zu begegnen und denselben
ebener fr sie zu machen und ich und mein Gatte gelobten ihr treuen
Beistand fr die Zukunft.

O Ihr guten edlen Menschen! unterbrach sie hier Albina, Gott mu euch
segnen fr das, was Ihr an dem armen verlassenen Geschpf gethan habt!
--

Eine innige Umarmung beider Freundinnen gab der Vereinigung ihrer
Herzen, welche frherhin unmglich war, nun aber natrlich erfolgen
mute die erste heilige Weihe. Eugenia wurde dann von Albinen und
Theresen gebetten, Antoniens Lebensgeschichte vorzulesen, denn auch der
Leztern war noch manches darinnen unbekannt geblieben. Und sie begann
also:

In jener verhngnisvollen Nacht, wo ich mich mit blutendem Herzen
von meinem Geliebten losrie, eilte ich so schnell als es meine
Krfte erlaubten den Berg hinan, welcher hinter dem Landhaus,
durch ein kleines Gehlz, zu dem Weinberg fhrte. Der Mond blickte
freundlich durch die dunklen Tannen und Fichten und beleuchten meinen
Thrnenreichen Pfad, den ich jedoch mit aller Besonnenheit wandelte.
Wohl bedenkend, da, sobald meine Flucht entdeckt seyn wrde, man
Anstalten treffen knnte mich einzuholen, fand ich es fr nthig, mich
unter Wegs auf einige Stunden zu verbergen. In jenem Weinberg befand
sich ein Httchen und unter diesem war ein kleiner Keller gegraben.
Darinnen hielt ich mich bis zu dem andern Abend versteckt.

Zur Stillung meines Hungers hatte ich etwas Brod mitgenommen, aber
brennender Durst nthigte mich, nun meinen Zufluchtsort zu verlassen.
Dunkelheit begnstigte meine Wanderung und ich erreichte bald das
nchste Dorf. Hier labte ich mich an einem Rhrbronnen und fhlte
nun aber auch das Bedrfni des Schlafes im hchsten Grad. Die
Besorgni, da in diesem Ort leicht am vorigen Tag Nachforschungen
wegen mir gehalten worden seyn konnten, verhinderten mich hier um ein
Nachtquatier zu bitten; ich wankte weiter und weiter und kam endlich
an ein Gartenhuschen, das zu der Besitzung eines reichen Edelmanns
gehrte, welcher aber das Gut nicht bewohnte. Ich versuchte die Thre
zu ffnen, es gelang mir und in dem ganz leeren Zimmer lagerte ich
mich auf dem Erdboden, machte mein Wschbndelgen zum Kopfkien,
meinen Mantel zur Decke und geno auf diese Weise einige Stunden,
einen durch die hchste Erschpfung sogleich herbeigefhrten sanften
Schlummer. Gestrkt erwachte ich, war froh, unentdeckt geblieben
zu seyn und pilgerte nun eben so getrost durch schne Obst Alleen,
Gemfelder, ppige Wiesen und khle Wlder, als durch sandige Einden
und magere Steppen. Ich umgieng die Stdte, pairte aber noch manche
Drfer und erhielt theils durch gutmthige Einwohner, theils von
der freigebigen Mutter Natur, hin und wieder Nahrung und Obdach.
Meine kleine Baarschaft war aber dennoch aufgezehrt, noch ehe ich
die Hlfte meiner Reise zurckgelegt hatte. Ich wollte nemlich nach
Italien in mein Vaterland zurckkehren und befand mich jezt in der
Schweiz an der Grenze von Schwaben. Meine vorige Lebensart wieder zu
ergreifen, oder -- noch schrecklicher -- Almosen zu verlangen, beides
war mir unmglich. Ich wollte nun von den Kenntnien und Fertigkeiten
Gebrauch machen, in welchen mich meine geliebte unvergeliche Albina
unterrichtet hatte, durch sie in einem soliden Haus Unterkunft suchen
und wagte mich deshalb in eine Stadt. Allein in derselben war, wie
es wohl seyn soll, eine wohl organisirte Polizey. Mein Aufenthalt in
einer kleinen Herberge wurde angezeigt, ich vorgefordert und als ich
keinen Pa, keinen Attest vorzeigen konnte, mir angedeutet: da ich
nicht daselbst gedultet werden knnte: sondern mich ungesumt aus der
Stadt begeben msse. Groer Gott! ich werde fr eine Landstreicherin
gehalten und kann es Niemand verargen; wie unglcklich bin ich!
So jammerte ich, als ich mich ausserhalb der Stadt befand. Ich sa
auf einer steinernen Ruhebank und weinte heftig. Eine mitleidige
Bauernfrau kehrte eben mit ihrem Korb ausgeleerter Milchkrge auf
ihr Dorf zurck, erblickte mich und blieb mit theilnehmender Miene
bei mir stehen. Ach gute Frau! sagte ich, Sie sieht in mir ein ganz
verlaenes, heimathloses Mdchen! weis sie Niemand in ihrem Dorf,
der mich aufnehmen wrde? ich wollte ja gern mein bischen Brod mit
jeder, auch noch so schweren Arbeit zu verdienen suchen. Hr sie
Jungfer sagte das Weib und betrachtete mich vom Kopf bis zum Fu, zu
schweren Arbeiten ist sie nicht gemacht; vielleicht kann sie aber
mit der Nh- und Striknadel umgehen: ich habe viele Kinder, mu mein
Feld und mein Vieh besorgen, da reicht mir oft die Zeit nicht hin,
Kleider und Wsche auszubeern und zu verfertigen; geh' sie mit mir;
wir wollens ein paar Tag mit einander probiren. Aber da, ihr dnnes
Vorhngchen, das ihr Gesichtchen ganz verbirgt und ihren seidenen
Schlumber lege sie ab: denn meine Nachbarsleute wrden groe Augen
machen, wenn so eine vornehme Mamsel zu mir ins Haus kme. Die Lumpen
da, helfen ihr nicht fr den Hunger, ich aber kann dafr helfen und
also mu sie meinen Willen thun. Herzlich gern gute Frau! sagte ich,
nahm geschwind Mantel und Schleier ab und wickelte beides in mein
Wschbndelchen. So, gefllt sie mir beer usserte Jene billigend,
und nun wollen wir machen, da wir nach Hause kommen! Gott vergelte
ihr den menschenfreundlichen Entschlu! erwiederte ich, es soll sie
nicht gereuen! gut, wir wollen sehen antwortete die Buerin und eilig
schritten wir beide dem nah gelegenen Dorfe zu. Unterwegs ruhten oft
die Blicke der Frau auf mir, aber keine neugierige Frage kam ber ihre
Lippen: denn sie war Eine von jenen seltenen unverdorbenen Seelen,
welche auch Andern Gutes zutrauen und edle Handlungen mit Hoffnung auf
Gottes Beistand ohne vieles Forschen und Klgeln ausben. Ich aber
erzhlte ihr unaufgefordert Mancherlei von meinem Vaterland von meinen
Eltern, wie ich diese frhzeitig verlohr und gezwungen war, meinen
Unterhalt durch Singen und Leiern zu verdienen; auch von der krzern
Vergangenheit theilte ich ihr so viel mit, als mir nthig schien,
um ihr Zutrauen zu erhhen und zu befestigen. Natrlich verschwieg
ich dabei, was meine Freunde und meine innigen Verhltnie zu ihnen
betraf. Armes Kind! Sie hat schon viel erfahren! sagte beklagend
die Landfrau, und sezte hinzu; verzag sie nur nicht, vor der Hand
bleibt sie bei mir, wo es ihr gewi nicht schlimm gehen wird, und dann
wird ihr Gott schon weiter helfen! Wir kamen endlich in Gerdrudens
lndliche Wohnung. Im reinlichen Stbchen wimmelte es von Kindern; das
Aelteste ein Mdchen von 12 Jahren trug ein Schwesterchen, das wenig
Wochen alt war auf ihren Armen und die andern sprangen der Mutter
entgegen. Voll kindischer Ungeduld nach dem Mitgebrachten aus der Stadt
bemerkten sie die Fremde nicht, die mitgekommen war, nur Marie die
lteste grte mich freundlich kopfnickend.

Die Frau packte Semmel und Birn aus und gab jedem davon. Ich bin auch
recht unachtsam, sagte sie zu mir, da ich ihr unter Wegs nichts
von diesen Sachen angeboten habe; sie wird hungrig seyn; nun da nehme
sie auch ihren Theil, oder ist ihr mein schwarzes krftiges Brod und
ein Glas Buttermilch lieber? -- Ich whlte das Lezte und geno es
mit herzlichem Dank. Nun Kinder gebt der Jungfer ein Patschhndchen
sagte Gertrud, als diese, ihr Brod und Obst verzehrend sich um
mich versammelten, und mich anstaunten; sie wird einige Zeit bei
uns bleiben, fuhr die Mutter fort, und eure Kleidungsstcke wieder
herstellen, welche ihr muthwillig zerrien habt. das ist gut, sagte
Konrad der lteste bauspackigte Knabe, lief fort und brachte ein
Jckchen das schadschaft war; ein Anderer brachte Strmpfe und die
jngern Mdchen, wollten die Schrzen, welche sie um hatten, gleich
losmachen, weil auch hie und da kleine Ausbeerungen daran nothwendig
waren. Seyd doch gescheud, sagte Marie. Wie kann denn die Jungfer
alles zugleich machen, auch mu sie ja erst ausruhen, sie wird wohl
mde seyn. Du hast recht Mdchen! sagte die Mutter, doch was wissen
die einfltigen Dinger, die Jungfer wird es ihnen zu gut halten.
Nun kam auch der Mann vom Feld zurck. Er sah mich mit groen Augen
an, aber Gertrud nahm ihm beim Ermel und fhrte ihn hinaus. Als sie
wieder herein kamen sagte er freundlich zu mir: Nun kann ich sie
erst ordentlicher Weise begren liebe Jungfer, weil ich von meiner
Frau gehrt habe -- na es ist gut, da Gertrud sie mit sich genommen
hat, ich zhle sie zu meinen Kindern, betrachte sie mich als Vater!
-- Ich drckte ihm herzlich die durch Arbeit schwlenvolle Hand und
gelobte im Stillen die Gutmthigkeit der wackern Leute mit treuer
Ergebenheit zu vergelten. Mein geringer Vorrath von Wsche und Kleidung
hatte durch die Fureise, (ich war schon 3 Wochen unter Wegs) ziemlich
gelitten. Gertrud bemerkte es und einige Tage nachher brachte sie mit
etwas verlegener Freundlichkeit ein Pckchen und legte es vor mich
auf dem Tisch hin. Das ist wohl auch etwas zum ausbeern? frug ich.
Nein, erwiederte die Frau was darinnen ist gehrt ihr. Ich mchte sie
eben gar zu gerne, Tochter und du nennen, und da meine ich, wenn sie
~meine~ Kleidung trge, gieng es mir leichter vom Mund weg, doch
mu sie mir es nicht bel nehmen. Ach Gott! sagte ich und ergrif
Gertrudens beide Hnde, wie gut ist sie, wie gut! gleich liebe Mutter
soll sie mich nach ihrem Wunsch umgekleidet sehen, und immer mit ihrer
dankbaren Tochter zufrieden seyn. Ich gieng nun in mein Kmmerchen und
als ich das Geschenk genauer untersuchte, fand sich ein vollstndiger
Anzug eines Land-Mdchens von Canton Appenzell welchem auch etwas
Wsche beigelegt war. Mit herzlicher Bereitwilligkeit vertauschte ich
meine Kleidung mit dieser, flocht mein Haar in zwei Zpfe: und trat
vor Gertrud mit der Frage hin: gefall' ich ihr nun liebe Mutter?
Freilich, freilich sagte diese mit groer Zufriedenheit, packte
mich an beiden Schuldern und drehte mich vor und rckwrts. Ey
Tchterchen, wie hbsch lt dir die Tracht! fieng sie wieder an und
rief, Marie, Konrad, Lise kommt, seht, nun ist Antonie eure Schwester
geworden. Die Kinder sprangen mit Lachen und Jubel um mich herum und
freuten sich herzlich darber. Bald fand ich mich in die lndlichen
Beschftigungen und stand Mutter Gertrud redlich bei, wute mich auch
in ihre und ihres Mannes Launen gut zu fgen und wurde dafr von Beiden
herzlich geliebt. Was mir die Zuneigung der Eltern in noch hherem
Grade gewann, war meine Sorge fr die Kinder; ich pflegte und wartete
die Jngern und lehrte die Aelteren. Sie hingen aber auch alle mit
sehr groer Liebe an mir und lernten mit so viel Freude und Eifer, da
in kurzer Zeit Marie und Konrad fertig lesen, so ziemlich schreiben
und auch ein bischen rechnen konnten. Erstere unterrichtete ich noch
berdies im Nhen und Stricken, worinn sie bald bedeutende Fortschritte
machte. Ich war mit meinem Loos ganz zufrieden, ich konnte wirken und
ntzen, befand mich im Kreie gutmthiger, redlicher Menschen und die
lndliche Abgeschiedenheit und Stille sagte meiner verschwiegenen
Trauer um verlohrenes Glck vollkommen zu: denn oft erschienen mir die
Bilder meiner entfernten Lieben und ich begrte sie mit schmerzlicher
Rhrung. Wenn der Mond die volle Scheibe den Erdbewohnern zeigte,
suchte ich am Abend ein Stndchen zu einem einsamen Spaziergang zu
gewinnen und gedachte mit Thrnen der Trennungs-Stunde, wo auch Lunens
freundlicher Schimmer mein Schlafgemach erhellte und mich auf meiner
Flucht begleitete.

So waren mehrere Monate ruhig dahin geschwunden. Der Frhling grte
die Erde wieder! da kam einst Vater Jakob von der Stadt nach Hause und
sagte, (indem er Hut und Stock den dienstfertigen Kleinen hinreichte
und den beern Rock mit der Hausjacke vertauschte.) Kinder! nun wirds
lebendig in unserm Dorfe werden. Das, schon so viele Jahre leerstehende
Schlo dort ben auf dem Berg hat eine adelige Herrschaft gekauft
und will Jahr aus Jahr ein hier hauen. -- Ich weis nicht, warum mir
dies nicht in den Sinn will! ich kenne die Menschen nicht, und es
ist mir doch ordentlich bange vor ihnen. Hast wieder Mucken im Kopf
Alter! sagte Gertrud und klopfte ihm freundlich auf die Schulter.
Sey nicht wunderlich Jakob, die Leute werden uns nichts in den Weg
legen, wir haben ja gar nichts mit ihnen zu schaffen. und der Mann
setzte bedeutend hinzu: Na wir wollen sehen und gieng damit zur
Thre hinaus. Ich sa am Fenster, nhete und theilte (mir selbst
unerklrlich) Jakobs bange Bersorgnie. Gertrud bemerkte da ich tief
aufseufzte. Auch du kraut die Stirne sagte sie schmlend. Ihr seyd
nicht klug. Es ist ja nicht anders als wrde knftig das Nest dort
von argen Burggeistern bewohnt. Werdet nicht bse Mutter! erwiederte
ich; mir war die ruhige Stille, in der wir bisher lebten, so lieb!
ich bin so zufrieden unter euch und sehnte mich nach keinem fremden
Menschen, daher denke ich mit Besorgnis an eine mgliche Aenderung der
Dinge Ey so erwartet es erst, was die Zeit bringen wird und qult
euch nicht im Voraus erwiederte Gertrud. Bald darauf kam wirklich
ein vierspnniger Reisewagen, ihm folgten mehrere Kchen-Wgen, auch
einige Reuter. Diese, den bequemeren Fupfad einlenkend, welcher an
Jakobs Httchen vorbei, sich nach und nach dem Berg hinauf schlngelte,
sprengten an den niedern Fenstern vorber. Eben sa ich wieder an
meinem gewhnlichen Platz bei dem geffneten Fenster und nhete emsig;
aber schon waren die Reuter verschwunden, als ich den Hufschlag der
Pferde hrte und auf blickte. Allein im Nu wandte der Eine wieder um
und ritt langsam an das Fenster hin, bckte sich herab und frug: ob
dies der rechte Weg zu jenem Schlo hinauf zu kommen sey? da ich
nichts vermuthet hatte, erschrack ich so heftig, da ich kaum ein
Ja hervorzubringen im Stande war und schnell entfernte ich mich vom
Fenster und aus dem Zimmer: denn der Reuter stieg ab und machte sich
etwas am Steigbgel zu schaffen. Eine unaussprechliche Bangigkeit
fhlte ich nach diesem Ereignis den ganzen Tag ber; ja es traten
mir sogar Thrnen in die Augen, als Jakob bei dem Abendeen mit der
Hand die faltige Stirne rieb und seufzend sagte: Nun sind sie da die
vornehmen Plagegeister! Wie kannst du sie so nennen, du weit ja
nicht, wie sie seyn werden.! entgegnete unzufrieden Gertrud, O,
ich weis jezt genug, versezte der Mann; ich habe nachgeforscht und
erfahren, da es recht hochmthige, viel verlangende Menschen sind,
welche glauben, unser Einer wre nur um ihrentwillen da. Gertrud sah
ernst vor sich hin. Jakob fuhr fort: die Familie besteht aus einem
alten Herrn, seiner Schwester, die sonst am Hof gelebt hat, aus zwei
eitlen Tchtern und drei jungen Barons die immer noch einige ihres
Gelichters bei sich haben, wo dann die liebe von Gott geschenkte Zeit,
mit Jagen, Fechten und Reiten verthan wird. O, das wird eine herrliche
Wirthschaft werden! das ist freilich nicht trstend sagte die Mutter,
Tonchen Tonchen! da darfst du dich hbsch verborgen halten. -- Dies
war auch mein fester Entschlu; Ohngeachtet deen entwarf mir meine
rege Phantasie ein so schreckliches Gemhlde der Zukunft, da ich die
ganze Nacht schlaflos zubrachte. Am Fenster lie ich mich nun nicht
mehr sehen, denn Thomas der goldgelockte 4 jhrige Knabe konnte nicht
aufhren, von den schnen Reutern auf den herrlichen Pferden mit den
prchtigen Reitzeuch zu erzhlen, welche immer und immer an unserer
Wohnung vorbei einen. Mit einem fortdauernden ngstlichen Arbeiten
den gewhnlichen heitern Muth und erschrack oft vor meinem Schatten,
indem ich im Geist einen der Schlobewohner sah. Diese streiften viel
in der Gegend umher. Die Fruleins wollten ihr Burgleben ganz nach
dem in Rittergeschichten geschilderten und oft gelesenen einrichten;
hatten sich altdeutsche Kleidung verfertigen lassen, hatten Rocken und
Spindeln angeschafft und wollten wenigstens bei den Dorfsbewohnern
und bei den seltenen Besuchen aus der Stadt Aufsehen dadurch erregen.
Dazu gehrte nun auch, da sie also aufgepuzt hufig lustwandelten
und mit erknstelter Leutseligkeit die Landleute und ihre Kinder
ansprachen. Sie kamen auch in Jakobs Htte, wollten sich mit Gertrud
ber konomische Gegenstnde unterhalten und die Kenntnie der
Kinder prfen: allein in jenem Gesprch muten sie sich eilfertig
zurckziehen, da die gescheute Landfrau, die unwissenden Stadtfruleins
mit ihren prahlerischen Schein-Wissen in die Enge trieb. Bei den
Kindern fanden sie auch mehr, als sie erwartet hatten und sie konnten
ber deren Fertigkeit im Lesen, Schreiben und Rechnen ihr Staunen nicht
verbergen, da in dem Ort keine Schule, sondern diese eine Stunde weit
entfernt war, wohin in der Regel die Eltern ziemlich saumseelig ihre
Kinder schickten.

Da nannte mich Konrad, wie mir nachher die Mutter erzhlte, mit den
herzlichsten Ausdrcken, als ihre Lehrmeisterin. Ey so zeigt sie uns
doch! wer ist sie denn? fragten die Fruleins; und so eben trat ich
in die Stube; wollte aber eilig durch eine andere Thre wieder hinaus:
allein die Kinder riefen frhlich: da ist sie, da ist sie! hiengen
sich an mich zogen mich mit den Worten zu den Damen Komm nur komm nur,
wir haben eben von dir gesprochen. Ich begrte jene, welche mich aber
kaum eines Danks wrdigten, sondern heimlich mit einander flsterten
und uns schnell verlieen. Gertrud schttelte den Kopf als sie weg
waren, und sagte: das sind sonderbare Leute, bald mchte ich Jakob
Recht geben!--

Ein paar Tage nachher kam Gertrud, die Hacke ber der Schulter langsam
und nachdenkend vom Feld nach Haus gegangen. Jakob stand mit seiner
Pfeiffe unter der Thre, und ich war im Vorplatz mit einer huslichen
Arbeit beschftigt. Die Kinder sprangen der Mutter entgegen, sie schien
sie aber gar nicht zu bemerken. Gertrud! wie kommst du mir vor! rief
ihr der Mann entgegen. Du hast ja fr nichts Augen und Ohren! Sie war
nun ins Haus getretten, lehnte schweigend die Hacke in einen Winkel und
gieng auf die Stube zu. Jakob hielt sie auf. Und nicht einmal einen
guten Abend biethest du uns! sagte er. Ey, was hast du denn? Ach!
erwiederte Gertrud und trocknete sich mit der Schrze die Augen. Ich
habe etwas Betrbendes erfahren und wei nicht recht wie ich es dir
und Antonien erzhlen soll, ohne da ihr auch traurig werdet, doch
kommt herein. Ich lie alles stehn und liegen und eilte den Gatten
nach ins Stbcben. Hier begann nun Gertrud: Ihr wit, ich gieng in den
Kraut-Acker dort am Hgel, wo die Garten-Laube der gndigen Herrschaft
anstt, und hackte das Erdreich auf. Da hrte ich in meiner Nhe
sprechen, und konnte der Neugierde nicht widerstehen, sondern begab
mich hinter einen breitstigen Apfel-Baum, dessen dichtes Laub mich
verbarg und lauschte. Soll ich es Glck oder Unglck nennen, da es
sich so fgte -- kurz ich hrte, wie die gndigen Fruleins mit gar
spttischen und boshaften Worten und Gebehrden von uns und vorzglich
von dir arme Antonie sprachen. Das Herz im Leibe that mir weh, denn
sie nahmen unsere unbescholtene kleine Htte unbeschreiblich mit,
verschonten weder den Vater, noch mich, ja selbst die Kinder nicht und
am schlimmsten verfuhren sie mit Antonien. Es war der pure Neid der aus
ihnen sprach, das hab ich gleich neulich gemerkt, wie sie bei uns waren
und dich mein Goldkind erblickten. Nun aber hrte ich auch wie sich
die Herren Barons eifrig um dich annahmen und da war mir wahrhaftig
der vorige Tadel noch lieber, als das Lob von diesen, es klang mir
gar zu gefhrlich. Sie rhmten dich gewaltig, nannten dich die Krone
des Dorfs, bedauerten, dich nur ein einzigesmal gesehen zu haben und
versicherten: es in Zukunft schon klger anzufangen. Ihr Vater sagte
drohend: nehmt euch in acht ihr lockern Vgel, da ihr nicht an der
Leimruthe hngen bleibt und das alte Frulein verbat sich streng mit
kreischender Stimme alle Gemeinschaft mit der Bauern-Familie. Dann
verlieen sie die Laube und ich hatte alle Arbeits-Lust verlohren;
mir fielen Eure bangen Ahnungen aufs Herz und ich dachte mir allerlei
Mittel und Wege, um die Unannehmlichkeiten, welche ich mir jezt auch
als mglich denke, zu verhten. Nun, was hab ich denn gesagt,
erwiederte Jacob finster, da habt ihr die Bescherung. Wie kann ich
unsere arme Taube da, vor den Raubvgeln genug sichern und wenn ich als
ihr Beschtzer fest auftretten will, werde ich nicht ihre Rache gegen
mich und meine Familie reitzen? Ich gieng verzweifelnd im Zimmer auf
und ab und rang die Hnde. Guter Vater! sagte ich endlich, schickt
mich fort! nur auf diese Weise knnen wir alle dem drohenden Unheil
begegnen. Ach Gott! versezte Gertrud, wie ungerne wrde ich dich
missen, giebt es denn kein anderes Rettungsmittel?--

Indem wir so miteinander berlegten, traten die jungen Herrn vom Schlo
in die Stube. Ich sank zitternd auf einen kleinen Schemel. Gertrud
stellte sich gleich einem Schild vor mich hin und sprach mir leise
Trost ein, und der eine Sohn der Herrschaft fragte im barschen Ton
nach verkuflichem Haber. Jacob wute die Absicht ihres Erscheinens,
war gereizt und antwortete in eben so kurzen und rauhen Ausdrcken.
Ich rafte mich auf und wollte mit Gertrud aus dem Zimmer gehen, die
jungen Herren vertraten uns den Weg, Jacob aber packte zwei von ihnen
und fhrte sie ziemlich unsanft zur Thre hinaus. Was weiter vorgieng,
weis ich nicht. Die Angst hatte mir das Bewutseyn geraubt und als ich
wieder zu mir kam, stand Gertrud weinend an meinem Bett. Ach du lieber
Himmel! sagte sie; ich dachte, du wrest gestorben und habe fr
deine Seele herzlich gebetet. Nun Gottlob, da du nur lebst! -- Wie
geht es denn? frug ich ngstlich. Der Vater hat eben zu rasch und
unbesonnen gehandelt, antwortete sie, es wird kein gutes Ende nehmen.
Er ist jezt auf dem Schlo und beschwert sich bei dem Alten. Jacob kam
erzrnt zurck, warf sich in seinen Sorgenstuhl und sagte: elende,
erbrmliche Menschen! Weil in ihnen kein ehrlicher Blutstropfen ist,
so trauen sie andern Leuten auch nur Schlechtes zu, und glauben das
Recht zu haben unser Einem immer nur als Mittel zu ihren gottlosen
Zwecken gebrauchen zu drfen! -- und die hmischen Frauenbilder! --
habe ich denn nicht des Satans Freude aus ihren Augen lachen sehen, als
ich mich mit dem Vater herumzankte und er mir drohte: mein Vergehen,
an seinen hochgebohrnen und niedrigdenkenden Shnen bitter zu rchen?
Ey, meinetwegen! fuhr er fort, sprang zornig auf und rannte wild im
Zimmer auf und ab; meinetwegen! thut was ihr wollt! jagt mich von Haus
und Hof -- da drinnen, er schlug mit geballter Faust vor die Brust --
bleibts dennoch ruhiger, als in dem Sndenpfuhl eurer armen Seelen! --
Jacobs Heftigkeit lie Gertruden und mich alles befrchten und es
wollte uns durchaus nicht gelingen, ihn zu besnftigen. Endlich als er
mich so ganz trostlos weinen sah und klagen hrte: da ich die Ursache
des Jammers wre! fate er etwas ruhiger meine Hand und sagte: du hast
ja all' dies nicht herbeigefhrt armes Kind! und bist unter uns am
belsten daran; kannst auch nicht bei uns bleiben. Aber wohin? -- Zu
meiner Schwester! fiel Gertrud entschloen ein. Heute ists schon zu
spt, aber morgen Jacob, morgen mache dich mit Antonien auf den Weg
nach Waldsee. Du wirst gut aufgenommen werden, versicherte sie mir.
Es sind wackere Leute; auch sind sie vermgend. Mein Schwager ist ein
geschickter Schuhmacher und verdient sich des Jahrs ber ein hbsches
Smmchen. Gut, das ist ein gescheuter Einfall, sagte der Mann und ich
dankte den beiden Gatten herzlich fr ihre elterliche Sorgfalt.

Allein in derselben Nacht weckte mich Gertrud mit dem Verlangen:
da ich Feuer machen und Thee bereiten sollte; der gestrige Verdru
habe dem Vater eine Unplichkeit zugezogen. Ich fand ihn wirklich
bedeutend krank. Der Knecht wurde in die Stadt nach dem Arzt geschickt
und mehrere Tage verstrichen unter bangen Besorgnien. An meine
Abreise in Jacobs Begleitung war nun sobald nicht zu denken, denn er
war von der Krankheit sehr mitgenommen und ohne jene war diese nicht
zu wagen: also sah ich sie mit geheimer Angst im Herzen auf lange
verschoben. Gertrud vermehrte dieselbe, wenn sie fters bei ihrer
Rckkehr von der Stadt erzhlte, wie die jungen Herrens schon am
frhen Morgen herumschwrmten und einer von ihnen ganz besonders sie
im Aug zu haben schien; ja sie einmal immer von fern, bis in einige
Straen der Stadt begleitet habe. Bald darauf kam sie mit der Nachricht
zurck: das vielleicht jezt der Himmel fr mich gesorgt habe. Denn
in einem vornehmen Haus, wohin sie tglich Milch trug, sey unter den
Dienstboten die Rede von einer Kammerjungfer gewesen, welche die
Herrschaft suche. Die Kchin, die uns (wie ich mich wohl erinnerte)
an der Kirmes besucht, und mich damals gesehen hatte erinnerte sich
nun meiner. Gertrud versprach, mich davon zu benachrichtigen und am
folgenden Tag wurde sie von der gndigen Frau selbst beauftragt, mich
zu ihr zu schicken. In meiner Lage mute mir jeder Ort der Entfernung,
wenn sie nur halb zu genehmigen war, erwnscht seyn und ich machte
mich also sogleich auf den Weg nach der Stadt. Ich fand in der Frau
von Steinfels eine liebe freundliche Dame, und unsere Unterhandlungen
waren schnell und zu meiner Zufriedenheit beendigt. Mit herzlicher
Trauer nahm ich von meinen redlichen Landleuten und ihren guten
Kindern Abschied. Auch sie waren alle tief betrbt doch trstete sie
der Gedanke, mich jezt in Sicherheit zu wissen. Meine Fertigkeiten in
huslichen und weiblichen Arbeiten, welche ich ganz allein den theuern
Vorsteherinnen des Instituts zu N* verdanke, erwarben mir bald die
Gunst meiner neuen Herrschaft, und ich hatte nicht Ursache ber Etwas
Klage zu fhren: desto schmerzlicher war es mir, als ich nach ein paar
Monaten abermals eine Strung meines Glckes gewahr werden mute. Eben
war ich im Begriff meine gndige Frau ins Theater anzukleiden, als
sich die Thr ffnete und ein junger Mann mit den Worten: guten Abend
liebe Mutter! eintrat. Ey guten Abend Richard! erwiederte diese, hast
du endlich auch wieder einmal an das nach Hause kommen gedacht! was
machen die neuen Bewohner der alten Ritterburg? nun erst betrachtete
ich den Angekommenen und erkannte in ihm einen der Barons, welche
meinen friedlichen lndlichen Aufenthalt so grausam getrbt hatten.
Ich zitterte da mir die Stecknadeln, mit denen ich den Anzug der Dame
vollenden wollte, eine nach der andern entfielen. Wie ist sie denn
so ungeschickt? schmlte diese und ich nahm mich zusammen, so gut ich
konnte.

Richard schien mich nicht zu bemerken und unterhielt sich ganz
unbefangen mit der Mutter. Es vergiengen mehrere Tage und ich empfand
nichts von seiner Anwesenheit im Haus, was meine Angst vermehrt htte.
Sie minderte sich nach und nach durch die Hoffnung, da Richard
wahrscheinlich nur die Vettern immer begleitet, doch ihre Plane und
Absichten nicht getheilt habe. Allein bald wurde ich leider vom
Gegentheil berzeugt. An einem Abend, wo ich alleine im Haus zu seyn
glaubte, da meine Herrschaft mit dem Sohn sich in einer Gesellschaft
befand, stand auf einmal Lezterer vor mir, klagte, da er nicht wohl
sey und ersuchte mich, ihm Thee zu machen. Ich mute sein Verlangen
erfllen und als ich ihm denselben brachte, sagte er: ob ich schon
wisse, das der wackere Jakob in einem kostspieligen Proze mit der
Schloherrschaft ber ein Stckchen Land, das an deren Besitzungen
angrnzt, verwickelt worden wre, der ihn leicht um sein Vermgen wrde
bringen knnen? Ich erschrack heftig, und Zorn und Verlegenheit,
verbreiteten eine heie Gluth in meinem Gesicht. Richard ergriff
meine Hand und sagte theilnehmend: Gewi, ich kann das Verfahren
meiner Oheims und meiner Vettern durchaus nicht billigen; ich war
lange Zeuge davon und erfuhr jeden ihrer Plane; daher hielt ich es
auch fr rathsam, Ihnen liebes Kind, in dem Hause meiner Mutter einen
sichern Zufluchtsort zu verschaffen. Mir haben Sie es zu verdanken,
wenn es Ihnen bei uns wohlgefllt. Ich wute nicht, sollte ich mich
ber diese Mittheilungen freuen oder ngstigen. Da Richard ohne alle
Neben-Absicht so gehandelt habe -- dieses Edelmuths schien er mir nicht
fhig. Ich suchte auszuweichen, erwiederte einige hfliche Worte und
schlo mich dann in mein Kmmerchen ein, wo ich Gott an flehte, mich
aus dem gefhrlichen Standpunct, worauf ich mich meiner Meinung nach
befand, zu schtzen.

Richard lie wieder einige Wochen verstreichen, ohne einen Versuch zu
machen, sich mir zu nhern: allein diese von ihm ergriffene Maaregel,
konnte dennoch meine Wachsamkeit nicht einschlfern und bald bemerkte
ich, wie nach und nach seine erknstelte Klte sich in zunehmende
Freundlichkeit verwandelte, hielt mich desto entfernter von ihm und
da ich ihm jede Mglichkeit mit mir alleine zu sprechen benahm: so
suchte er den schriftlichen Weg der Erklrung; jedoch seinen Brief,
den er mir in Gegenwart der Eltern, als ein Schreiben, das ich auf die
Post bestellen sollte zu geben wute, legte ich in seiner Abwesenheit
unerffnet auf sein Zimmer und ein Zettelchen dabei, worauf ich ihm
bedeutete: da ich ein zweites Schreiben unverzglich seinen wrdigen
Eltern bergeben wrde. Wirklich verdienten diesen Beinahmen der
Baron Steinfels und seine Gattin und es schmerzte mich tief, wenn
ich bemerkte, mit welcher innigen Zrtlichkeit sie den Sohn liebten,
behandelten, und fr ihn Sorge trugen der durch seinen Leichtsinn
dieser Gesinnung sich unwerth machte. Ein gutes Herz blickte indeen
aus allen seinen Handlungen hervor, auch scheute er sich, die Eltern
zu beleidigen und bemhte sich daher in ihren Augen viel solider zu
erscheinen, als er war. In dieser Bemerkung lag viel Beruhigendes fr
mich und ich kannte keine grere Sorge, als mir die Gunst meiner
gtigen Herrschaft zu erhalten, durch welche mich die Baronin dann
immer gerne und viel um sich sah. Richard war nach jener Begebenheit
mit dem Brief sehr ungehalten auf mich: allein je weniger ich mich
um ihn bekmmerte, desto mehr schien eine unglckliche Leidenschaft
fr mich ihn aufzuregen. Er bewie mir, nachdem sich sein Zorn gelegt
hatte, wieder mit der zartesten Aufmerksamkeit allerlei Artigkeiten
und bei einer groen Gesellschaft, welche seine Eltern gaben, gieng
er zu mir an den Theetisch, wo ich beschftigt war und sagte zu mir:
Antonie; Jacob und seine Familie ist sehr unglcklich geworden, wollen
sie mehr von ihnen hren, so gestatten Sie mir eine kurze Unterredung.
Ich war einen Augenblick unentschloen. Dankbarkeit und Sorge um meine
Ehre stritten miteinander. Doch bald trug die Lezte den Sieg davon. Ich
erwiederte: In Gegenwart eines Dritten, soll jene Unterredung nicht
statt finden, das begreife ich wohl und ohne Zeugen ziemt sie sich
zwischen uns nicht. Gott helfe den armen Leuten! ich -- ~kann~
es nicht! -- Ein kleines Packetchen glitt aus Richards Hand auf den
Theetisch und er entfernte sich schnell. Es war berschrieben: der
edlen Antonie zu wohlthtigen Zwecken. Wieder ein neuer Kampf! Mit
diesem Gold es waren 2 Ducaten -- konnte ich meiner Sehnsucht: mich
gegen Jacob und seine Familie dankbar zu beweisen, ein Genge leisten
und doch schien es mir gefhrlich, mich Richard zu verpflichten. Nach
reiflicher Ueberlegung entschied ich -- und er fand auch dies Geld am
Abend wieder auf seinem Schreibtisch. Nun aber, war er frchterlich
gereizt und kaum fhig, sich in Gegenwart seiner Eltern, wo er mich
nur sahe zurckzuhalten. Aengstlich schlug mir das Herz wenn ich seine
wild rollenden Augen, seine finstere Stirne, seinen verbienen Grimm
bemerkte. Aber konnte ich anders handeln? -- ich vertraute also fest
auf den Schutz Gottes und hatte auch den Muth stille zu stehen, als
er mir auf einem Gang vor die Stadt, wozu mich die Baronin in seiner
Gegenwart beauftragt hatte, nacheilte. Antonie! rief er stark und
heftig. Ich wandte mich um und sagte: Herr Baron! es ist sehr unedel
ein Mdchen zu verfolgen, das keinen andern Reichthum hat, als seine
Ehre. Er fieng nun an, mir Vorwrfe ber mein Betragen zu machen,
seine leidenschaftlichen Empfindungen fr mich zu schildern und mir
zu versichern: da ich durch Wiederstand meine Lage verschlimmern
wrde. Zugleich wollte er die Grenzen der Achtung und Bescheidenheit
bertretten und seiner Leidenschaft den Zgel lassen. Wir waren
indessen an einen Teich gekommen und entschloen schwor ich bei allem
was heilig ist: augenblicklich meinem Leben ein Ende zu machen, wenn er
nicht wieder die gehrige Herrschaft ber sich gewinnen und mich ruhig
anhren wolle. Bei dieser Versicherung trat ich an das usserste Ende
des Ufers. Er zog mich ngstlich zurck und versprach mir schuldige
Migung.

Ich bot nun meine ganze Beredsamkeit auf, ihm das Verwerfliche
seines Benehmens mit den grellsten Farben darzustellen; ich lie die
verlezten Pflichten gegen Gott und die Tugend, gegen seine Eltern und
gegen ein armes verlaenes Geschpf in Begleitung aller Qualen der
zu spten Reue gegen ihn auftretten und entwarf ihm das Bild eines
Jnglings, der, Herr seiner selbst rein und schuldlos aus dem Kampf
mit Verfhrung und Leidenschaft herrlich wie der Phnix aus der Asche
hervorgeht. Ich gestehe es, ich war in Begeisterung, die sich zulezt
in unbeschreibliche Rhrung auflte. Richard gieng lange still, und
mit niedergeschlagenen Augen neben mir. Als ich aber immer lebhafter
sprach, blieb er einigemal stehen und blickte mich staunend an; und
als ich weich wurde und Thrnen ber meine Wangen trufelten: da nahm
er sein Taschentuch, trocknete sie sanft und dann auch sich damit die
feuchten Augen; umfate mich endlich und kte mich ehrerbiethig auf
die Stirne. --

Antonie! sprach er feierlich, als ich geendigt hatte: du hast mein
Herz zerrien: denn ich liebe dich! warlich! ich mu dich lieben und
-- kann dich nicht besitzen, das sehe ich ein. Doch du hast mich
fr die Tugend auf ewig gewonnen. Wehe den Verfhrern auf jener
Burg! deren Beispiel mich verleiten konnte, ein solches Wesen zu
ngstigen! Vergieb mir! und nimm den Lohn mit dir: in dem Bewutseyn:
eine Seele gerettet zu haben! -- Er drckte meine Hand an sein
Herz, hob das Auge gen Himmel und ein paar groe Thrnen perlten ihm
ber das Gesicht. Auch ich mute weinen, doch durchdrang mich ein
unaussprechlich beseeligendes Gefhl. Gerhrt dankte ich Richard fr
seine trstlichen Versicherungen und bat ihn nun, um nhere Nachrichten
von Jacobs Schicksal, das mich tief bekmmerte. Ich erfuhr, da dieser
in jenem Proze, durch einen rnkevollen Advocaten, der sich von
der Gegenparthey bestechen lie, den grten Theil seines Vermgens
verlohren hatte und genthigt wurde sein Gtchen zu verpfnden, da
die endlich ganz seinen Schuldnern anheim gefallen sey, er das Dorf
verlassen habe, wo er einst glcklich war und an einem andern Ort sich
mit seiner Familie durch Taglohn den rmlichen Unterhalt verdiene.
Innig beklagte und beweinte ich das Schicksal dieser Redlichen. Richard
versprach mir, die Armen nach Krften zu untersttzen, da er beschmt
sich gestehen mute: da auch er einen kleinen Antheil an dem Unglck
derselben habe.

Nach diesem Ereignis betrug sich Richard mit Resignation und Wrde,
aber auch unverkennbar war die Anstrengung, mit welcher er seine
Neigung zu bekmpfen suchte. Die schmerzte mich und ich fate den
Entschlu, durch meine freiwillige Entfernung es ihm zu erleichtern.
Doch wohin? das war die groe Frage. Einen andern Dienst zu suchen,
dnkte mir eine unverdiente Krnkung fr meine jezige Herrschaft zu
seyn, da sie mir durchaus keine Veranlassung zu einer Vernderung
meiner Lage gab, und ausserdem war ich ohne alle Freunde und Bekannte.
Zu einer Reise ins Vaterland aber, war meine Baarschaft, welche sich
wohl im Hause des Barons ziemlich vermehrt hatte, noch zu gering, denn
ich wute aus Erfahrung, wie viel bei der sparsamsten Einrichtung
doch unterwegs aufgezehrt werden konnte. Mir fiel wohl die in Waldsee
verheirathete Schwester der wackern Gertrud bei, welche mich damals,
nach dem Plan der Leztern hatte aufnehmen sollen: allein wie konnte
ich mich den Verwandten der Familie nhern, welche durch mich
unglcklich geworden war! In der Zeit, als ich so mit mir zu Rathe
gieng, erschien auf einmal Gertrud und usserte: da sie und Jacob
nicht lnger htten den Wunsch unterdrcken knnen, wieder einmal
etwas nheres von mir zu hren und mir fr die reichlichen Geschenke,
die sie zuweilen erhielten, zu danken. Erstaunt und gerhrt erkannte
ich den edlen Geber und nannte ihn auch Gertruden; erffnete ihr aber
zugleich mein Verlangen, irgend eine andere Unterkunft zu finden, da
mich gewie Verhltnisse dazu nthigten. Gertrud verwies mich abermals
an ihre Schwester und da ich ihr meine Bedenklichkeit entgegensezte,
versicherte sie mich herzlich: da Niemand den geringsten Groll gegen
mich empfinde, da sie bei ihrer Armuth zufrieden und also auch ihre
Verwandten darber ganz ruhig seyen. Sie versprach mir, bei ihrer
Schwester Anfrage zu halten und mich von dem Erfolg zu benachrichtigen.
Statt der Antwort kndigte sich nach Verlauf von einigen Wochen ein
junger Mann, als den Sohn jener Leute bei mir an, mit der Zusage seiner
Eltern auf meine Bitte, und mit dem Vorschlag mich sogleich dahin zu
begleiten. Ich ersuchte ihn ein paar Tage im Gasthof zu verweilen,
schrieb einen Brief an Richard, worin ich ihm meinen Vorsaz, und die
Grnde, welche ihm das Entstehen gaben, mittheilte; und bat die Eltern
um meine Entlassung, mit dem Vorgeben: jene Leute wren nahe Verwandte
von mir und wnschten mich unverzglich bei sich zu haben. Ungern wurde
mein Verlangen bewilligt; auch verweilte ich noch so lange im Haus, bis
sich eine Stellvertretterin fand, die ich einzuweisen mich verpflichtet
hielt. Dann schied ich mit Rhrung von den Edlen, die mich so liebreich
so menschenfreundlich behandelt hatten. Richard sah ich nicht mehr; er
hatte sich auf einige Wochen vom Hause entfernt.

Mit Georg, so hie jener junge Mann, trat ich nun meine Wanderschaft
nach Waldsee in Schwaben an und wurde von seinen Eltern so ziemlich
herzlich empfangen: doch gewahrte ich in den ersten Augenblicken
einen beraus groen Unterschied zwischen den beiden Schwestern und
fhlte mich in der neuen, ganz eigenen Sphre in der ich mich befand,
lange, ja beinahe gar nicht, heimisch. Bei treuherzigen Landleuten,
bei der gebildeten Menschen-Classe und vor diesen allen, in dem Krei
liebender und geliebter Freunde, ffnete sich mein Herz und Sinn allen
den eigenthmlichen Vorzgen jener Umgebungen; sie zogen mich an; sie
harmonirten mit meinem ganzen Wesen; sie befriedigten mich. Nicht so
der wohlhabende brgerliche Mittelstand, dessen tadelnswrdige Seite
in dem Haus zu finden war, in welches ich jezt als Genoin trat. Ich
wurde wohl anfangs freundlich behandelt und ein, doch weit geringerer
Grad Gutmthigkeit machte Frau Brigitta ihrer Schwester etwas hnlich.
Uebrigens stie ich immer auf Spuren von Beschrnktheit des Geistes,
auf kleinliche Ansichten und Neigungen und berall war die Uebermacht
eingebildeter Vorzge sichtbar. Unter solchen Verhltnien war mir
meine Existenz drckend und ich sehnte mich von ganzer Seele hinweg:
jedoch, bis sich eine andere Gelegenheit darbot, beeiferte ich mich
doppelt durch alle mglichen Dienstleistungen, die Bereitwilligkeit,
mit welcher ich aufgenommen wurde, zu vergten: denn ich begrief sehr
gut, da ich hier bald lstig werden knnte.


Von den ebengenannten Fehlern schien indeen Georg ganz frei zu
seyn. Er hatte fr seinen Stand so viele richtige Bildung, so tiefes
Gefhl und berhaupt einen so rechtlichen Charackter: da ich ihm
die verdiente Werthschtzung im Stillen nicht versagen konnte. Auch
er betrug sich achtungsvoll gegen mich und suchte mir durch allerlei
kleine Geflligkeiten den Auffenthalt in seinem Hause recht angenehm zu
machen. Ich konnte es deutlich merken, da er es schmerzlich fhlte,
wenn irgend eine unzarte Erwhnung meiner gemachten Erfahrungen
von Seite seiner Eltern mir wehe that und berhaupt rgte er, zwar
bescheiden, doch ernst, jedes Benehmen der Seinigen, das Eigensinn,
Hochmuth und Rohheit verrieth.

In eine peinliche Verlegenheit gerieth er an einem der ersten Sonntage,
den ich bei ihnen verlebte:

Brigitta erzhlte bei Tisch, da Georg versprochen sey; ich usserte
meine Theilnahme, er aber wurde blutroth im Gesicht und machte Miene
sich zu entfernen. Du bleibst! sagte der Vater heftig. Was soll das
heien? schmst du dich deiner Braut? Das hat er nicht Ursache, fiel
Brigitta ein. Rosinchen ist ein braves, sparsames, fleiiges, Mdchen,
ist recht hbsch und hat berdies viel blanke Thaler.

Georg rckte auf seinem Stuhl hin und her und wischte sich den Schweis
vom Gesicht. Du bist ein recht lppischer Junge! sagte der Alte
zrnend, meinte man denn nicht, es wre ein Verbrechen, da du dein
Liebes hast! Sie wird sie heute kennen lernen Jungfer, sagte die
Mutter zu mir und gewi ~unsere~ Wahl billigen. Armer Schelm!
dachte ich im Stillen, Du hast also nicht gewhlt; --

Nachmittag wurde der Kaffeetisch zierlich gedeckt; die Kannen, die
Tassen von blauem Porzelan herbeigeholt; der bestellte, ungeheuer
groe Kuchen kam vom Nachbar Beckermeister und wurde auf den Tisch
gestellt und die Anzahl der Sthle, welche man einstweilen herumsezte,
so wie die der Kaffeetassen, lieen auf eine starke Gesellschaft,
welche kommen wrde schlieen. Bald erschienen auch einige Vettern
und Baasen, nebst den Eltern Rosinchens und sie selbst. Georg hatte
vorher seine Mutter in die anstoende Kammer gefhrt und ich hrte sie
stark sprechen. Als sie wieder hereintraten vernahm ich von Brigitten
noch die Worte: Ich werde thun, was mir gut ducht; wahrscheinlich
war von meiner Herkunft die Rede und unter welchem Namen ich bei der
Gesellschaft erscheinen sollte: denn da mich Brigitta derselben als
eine arme weitluftige Verwandte vorstellte, welche bei ihnen Aufnahme
gesucht und gefunden habe -- drehte sich Georg unwillig auf dem Absatz
herum, bi sich in die Lippen und wurde feuerroth. Ich erbot mich:
den Kaffe zu kochen und Georg schlich mir in die Kche nach, ergrif
meine Hand und sagte leise mit niedergeschlagenen Augen: Antonie,
wollten Sie nicht den schnen Herbsttag bentzen und die Umgebungen
des Stdtchens auf einem Spaziergang kennen lernen? Ich verstund ihn,
doch sagte ich: warum? Ihre Eltern knnten es nicht gerne sehen.
Ach! sezte er ngstlich hinzu: Unser Besuch und das, was er mit
sich bringt, pat durchaus nicht fr Sie. Guter Georg! erwiederte
ich seyn Sie unbesorgt; ich habe mich in manches finden gelernt.
Wir hrten die Stubenthre knarren und er entfernte sich schnell.
Wohl fhlte ich bald, da er recht voraus gesagt hatte. Lcherliche
Hflichkeit, plumper Scherz stolze Anmaung charackterisirte den
versammelten Zirkel und Rosinchen -- ach wie beklagte ich den
armen Georg! Rosinchen erschien mir als ein eitles, hochmthiges,
herrschschtiges Mdchen, ohne allen innern Gehalt. Sie erwiederte
meine, ihr um Georgs willen bewiesene freundliche Annherung, mit
verchtlicher, hmischer Zurcksetzung und der Brutigam wurde von
der Verlobten und von den beiden Aelternpaar wahrhaft tyrannisirt.
Sobald ich konnte, flchtete ich mich in mein Kmmerchen. Es war im
Erdgescho und sein Fenster gieng in den kleinen Hofraum des Hauses.
Auf einmal wurde leise daran gepocht. Ich blickte auf, Georg stand vor
mir und reichte mir mit nassen Blicken ein Glas Wein und ein Stck
Kuchen hinein. Was soll das: fragte ich. Nehmen Sie doch! bat er
und ein freundliches Wort von Ihnen soll mich strken, mein trauriges
Schicksal, das ich heute mehr als jemals fhle, gedultig zu ertragen.
Getrost Freund! sagte ich ermuthigend zu ihm: der Vater im Himmel
verlt seine Kinder nicht und sie sind fromm und gut! Er drckte mir
seufzend die Hand und gieng.

Die folgende Zeit war Georg unbeschreiblich traurig. Er sprach den
ganzen Tag bei seiner Arbeit kein Wort und trocknete sich oft im
Geheim die Augen. Die Eltern schmlten mit ihm und ich bemerkte, wie
ihre Freundlichkeit gegen mich zusehends abnahm. Der Mutter Blick
ruhte oft lange auf mir und dann auf ihrem Sohn finster und forschend.
Ich htete mich wohl, eine Veranlaung zu irgend einem Argwohn zu
geben, hielt mich bestndig um Frau Brigitta herum und suchte ihr so
gefllig als mglich zu seyn. Demohngeachtet, als ich an einem Morgen
aus meinem Kmmerchen in die Stube gehen wollte, hrte ich einen
gewaltigen Lrm darin: der Vater polterte: die Mutter schrie, Georg
sprach heftig und laut. Ich hrte ihn sagen, als ich zitternd stehen
blieb: Ich kann Rosinen nicht heirathen, und ihr knnt mich durchaus
nicht zwingen, eher gehe ich in die weite Welt. Die Mutter kreischte.
Seht den Trotzkopf! die fremde Jungfer hat dich berckt, darum ist
jezt das brave Rosinchen in deinen Augen nichts mehr, aber warte --
jene sollst du mir nicht kriegen oder ich lege mein Haupt nicht sanft;
ich enterbe dich, ganz enterb' ich dich und sie mu mir heute noch
aus dem Haus. Das ist das beste Mittel fiel der Alte ein. Georg
erwiederte nun sanfter und bittend: Lat es doch dem armen Mdchen
nicht entgelten! sie ist ja ganz unschuldig und ich verlange sie auch
nicht; aber was kann sie und ich dafr, da Rosina durch Vergleiche
mit ihr ganz verlohren hat, ich konnte sie gleich Anfangs nicht lieb
gewinnen und nun ist sie mir vollends zuwieder. Kurz ich heirathe
diese und jene nicht und damit hat es ein Ende. Ich hrte ihn der
Thre sich nhern und eilte in meine Kammer zurck. Bald darauf kam
die Mutter und kndigte mir mit trockenen Worten an: da ich eine
andere Unterkunft suchen mchte, da sie mich nicht lnger behalten
knnte. Damit gieng sie fort und schlug die Thre hinter sich zu,
da alles zitterte. Groer Gott! sagte ich zu mir selbst. Bin ich
denn nicht ein wahrer Unglcksvogel der wo er sich zeigt, das Glck
anderer strt! Indeen so wenig ich wute, wohin ich mich jezt wenden
und was aus mir werden sollte, war es mir dennoch unmglich, einen
Augenblick lnger als es seyn mute, in diesem Haus zu verweilen.
Ich packte mein Wanderbndelchen, nahm kurz Abschied und gieng fort.
Georg war ausgegangen. Als ich um die Straen-Ecke herumbog, kam
er mir entgegen. Wie Antonie? frug er erstaunt -- was soll das
heien? -- Der Mutter Wille ist es, erwiederte ich, da ich Ihr Haus
verlae. Georg glhte vor Zorn und wollte mich durchaus bewegen,
wieder mit ihm zurckzugehen. Ich aber bat ihn, mich ruhig meinem
Schicksal zu berlassen und lieber darauf zu denken, das Seinige durch
ein kindliches Betragen gegen die Eltern zu verbeern. Antonie kann
nicht wollen, da ein freier Mensch sich selbst zum Galeerensclaven
machen soll, versetzte er. Das nicht, antwortete ich, aber sanfter
Ernst richtet mehr aus, als heftige Wiederspenstigkeit und der Himmel
belohnt den ~guten~ Sohn. Seine Augen fllten Thrnen. Er sagte:
wahrhaftig die Trennung von Ihnen wird mir sehr schwer. Erleichtern
sie mir dieselbe liebe Antonie und gewhren Sie mir in der Annahme
eines kleinen Angedenkens meine ~lezte~ Bitte. Mit diesen Worten
zog er einen Beutel aus der Tasche, drckte mir denselben in die Hand
und eilte mit einem Lebewohl um die Ecke herum.

                   *       *       *       *       *

Der Winter nahte: doch durch jenes Geschenk und durch meine eigene
kleine Cassa hoffte ich in irgend einem Landstdtchen oder auf einem
Dorf mir die Erlaubni, mich daselbst aufzuhalten erkaufen und mit
Handarbeit meinen Unterhalt die rauhe Jahrszeit hindurch sichern zu
knnen. Mich zog die Sehnsucht wieder rckwrts dem Lande zu, wo die
Geliebten meines Herzens weilen; allein mehrere Versuche jener Art
mislangen, unfreundlich wurde ich hie und da abgewiesen und meine
Hoffnung schwand nach und nach gnzlich.

Der rauhe Nordwind wehte die lezten welken Bltter von den Bumen,
weiser Reif lag am Morgen auf den Fluren und befeuchtete meinen Fu
oder strmender Regen durchnte mich schauernd; und immer hatte ich
noch keine bleibende Sttte. Lstern blickte ich nach den rauchenden
Schlten eines freundlich vor mir liegenden Dorfs oder wandelte durch
die Straen einer Stadt, und sog die mannigfachen Gerche bereiteter
Speien begierig ein, wenn ich an Garkchen und Gasthfen vorbei
schlich, ohne mich zu sttigen: denn ich wagte es nicht, meinen Hunger
und Durst ganz zu befriedigen, um mein kleines Vermgen nicht zu sehr
zu schmhlern. Auch meine Kleidung war der Jahrszeit nicht angemessen:
denn mit jedem Tag wurde es klter und meine Noth grer.

Hchst niedergeschlagen und mich durch so viel erlittenes Ungemach
recht unwohl fhlend, kam ich in diese Stadt. Der Jahrmarkt hatte
in der Herberge, welche ich aufsuchte, herumziehende Krmer,
Taschenspieler, Seiltnzer u. s. w. versammelt: schchtern, bat ich
die Wirthin um ein einsames Winkelchen zum Schlafen, da die Nacht
hereinbrach. Sie schlug es mir ab und ich war genthiget, meinen Platz
auf einer Ofenbank zu nehmen. Hier verzehrte ich, still weinend ein
Npfchen schwarze Brod-Suppe und wollte mit aller Gewalt den Schlaf,
deen Anwandlung ich fhlte, widerstehen. Es schien mir gerathener:
unter diesen Leuten zu wachen, als zu schlafen. Allein die Natur errang
die Oberherrschaft ber die Klugheit, ich entschlief. Als ich wieder
erwachte -- Gott wer schildert meinen Schrecken! -- war das Zimmer leer
und mein ganzes Bndelchen mit Geld und Wsche -- war weg.

So ~mu~ ich denn den Bettelstab ergreifen! rief ich laut
jammernd und lief hnderingend umher. Die Wirthsleute -- harte
Menschen, wollten weder von einer polizeilichen Anzeige, noch weniger
von einer Vergtung etwas hren und verweigerten mir sogar ein kleines
Frhstck, da ich es nicht bezahlen konnte. Verzweiflungsvoll rannte
ich zum Haus hinaus und durch die Strassen der Stadt. Ich kam an einer
Kirche vorber, welche offen stand. Mit aller Gewalt zog es mich
hinein. Ich sank weinend an dem Altar nieder und himmlischer Trost
trufelte in mein leidendes Herz. Eine fromme Beterin kniete neben
mir; als sie sich entfernt hatte, fand ich auf ihrem Platz ein feines
Bildchen, das wahrscheinlich ihrem Gebetbuch entfallen war. Es stellte
ein in Gefahr schwebendes Schiff auf brausenden Wellen vor. In der
Entfernung war die glnzende Halbkugel der Sonne, mit ihren Strahlen
dem Meer entsteigend, sichtbar. Unten las man die Worte: nach der
langen strmischen Nacht scheint wieder freundlich die Sonne; und den
Biblischen Spruch: des Herrn Hlfe ist nahe denen, die ihn frchten.
Psalm 84. v. 10.

Wie wichtig war mir in dem Augenblick dieser Fund! wie strkte er mein
Vertrauen auf Gott! wie hob er meinen sinkenden Muth! ich verlie
voll Hoffnung die Kirche. -- Der Mittag nahte, der Hunger qulte mich
frchterlich: da entschlo ich mich, wie wohl mit schweren Herzen
das Erwerbsmittel zu ergreiffen, wovon Theodor (Gott, mit welchen
schmerzlichen Empfindungen schrieb ich diesen Namen nieder!) mich einst
befreit hatte. Ich suchte einen der grten Gasthfe auf, und nahte
mich schchtern dem Speisesaale. Ich traf eine stark besezte Tafel
und begann einen Gesang; doch indem ich das niedergeschlagene Auge
einmal in die Hhe hob: erblickte ich unter den Gsten, ganz am End
des Tisches Richard von Steinfels. Hunger und Frost, Kummer und Sorge
hatten meinen Krper mehrere Wochen sehr mitgenommen: nun kam noch
diese Ueberraschung hinzu und warf mich ganz darnieder. -- Ich wurde in
die Krankenanstalt gebracht und was nun weiter mit mir vorgieng, welche
Hlfe und Rettung mir durch die Grosmuth Eugeniens wiederfuhr, ist
der edlen Seele bekannt und bleibt mit unauslschlichen Zgen in mein
Inneres gegraben.

                   *       *       *       *       *

Eugenia hatte nicht ununterbrochen fortlesen knnen. Theils versagte
ihr zuweilen selbst die durch Rhrung gehemmte Stimme den Dienst,
theils konnten Therese und Albina die Aeuerungen inniger Theilname
und schmerzlichen Mitgefhls nicht zurckhalten. Eugenia fgte noch
der schriftlichen Mittheilung die fehlende Ergnzung bei, in dem sie
erzhlte: da ihr Gatte die Bekanntschaft jenes Barons in den erwhnten
Gasthof gesucht und angeknpft und in ihm einen achtungswrdigen jungen
Mann gefunden habe. Er verheelte aber in einer der vertraulichen
Unterhaltungen dem Professor nicht: da er erst durch Antoniens
Beispiel rein moralich denken, fhlen und handeln gelernt habe. Er
gestand offenherzig ein paar Universitts-Jahre durchaus verschleudert
und ohne irgend einen Nutzen fr seine Geistes- und Herzens-Bildung
durchlebt zu haben, versicherte aber, fest entschloen zu seyn:
das Versumte einzuholen; deswegen sey er in diese Stadt gekommen
und wollte hier noch ein Jahr den Vorlesungen einiger berhmter
accademischer Lehrer beiwohnen. Antoniens Schicksal, das er durch den
Professor erfuhr, erschtterte ihn heftig und die frher bekmpfte
Neigung drohte wieder mit Gewalt hervor zu brechen. Eugenia hatte
ihren Gatten schon frher von Antoniens Verhltnis zu Theodor
erzhlt und ihn auch spterhin ihren Plan mitgetheilt die Getrennten
wieder zu vereinigen. Dies bentzte der kluge Mann bei dem Baron auf
zweckmsige Weise und verhinderte dadurch eine abermalige, fr ihn
gefhrliche Annherung an Antonien. Unendlich glcklich machte diese
der ihr erffnete Entschlu Eugeniens: sie ihren lang und schmerzlich
entbehrten Freunden wieder zuzufhren. Zu verdoppeltem Dank fhlte
sie sich verpflichtet, als sie von Richards lngerer Anwesenheit
auf der Universitt hrte und sie trug mit der grten Sorge selbst
alles zu ihrer gnzlichen Wiederherstellung bei, um recht bald
abreisen zu knnen, Ach! wie mu jezt dem armen, vom Schicksal so
verfolgtem Geschpf zu Muthe seyn, da sie sich jezt in dem Haven
der Ruhe befindet! rief Therese; Wenn sie nur einer dauerhaften
Gesundheit gene! sezte Eugenia hinzu. Von Natur fein und zart,
haben die vielen erduldeten Leiden ihren Krper furchtbar geschwcht.
Freundschaft und Liebe werden alles aufbiethen ihn zu strken, ihr
Leben zu verlngern! -- sagte Albina.

Es dmmerte schon der Morgen, als sich die Freundinnen auch noch ein
wenig zur Ruhe niederlegten.

Am folgenden Tag war Antoniens erste Frage: nach Theodor und man
erzhlte ihr vorsichtig seinen gehabten Unfall. O lat mich, lat
mich zur Stadt gehen, ich fhle mich gesund und krftig, es ist mir
unmglich ihn lnger zu missen! so bat Antonia und Albina, Eugenia und
Therese begleiteten sie dahin.

Theodor hatte sich nicht nur am Arm beschdigt, es hatte auch der Fu
etwas gelitten und er konnte sich nicht gut von der Stelle bewegen.
Langenheim und Volkmars hatten es daher fr beer gehalten, ihn
Antoniens Anwesenheit zu verschweigen, um nicht seine Ungedult noch
heftiger und schmerzlicher zu machen. Wie war ihm, als sie nun in sein
Zimmer trat! -- Ein Schrei des Entzckens und -- sie lag an seinem
Herzen! Fest, fest umschlang er sie mit dem gesunden Arm und wollte
sie nicht loslassen: doch ihr bleichgewordenes Antlitz lie die
Freundinnen eine zurckkehrende Schwche befrchten, und die Bitten
derselben brachten Theodor zur Besinnung, welche ihm beinahe die
Freude geraubt hatte. Durch zweckmige Mittel fhlte sich Antonie
bald wieder ganz gestrkt und sie wich nun nicht mehr von Theodors
Seite. Auf das zrtlichste sorgte sie fr ihn, suchte seine Schmerzen
und das Unangenehme seiner Lage ihm so viel als mglichen zu versen
und segnete oft laut den wackern Unbekannten, welcher nach Langenheims
Erzhlung ein noch greres Unglck verhtet hatte. Am Mittag trat
dieser mit einem jungen Mann in das Zimmer und sagte: da hat mir ein
glcklicher Zufall deinen Retter in den Weg gefhrt, lieber Theodor!
Eben wollte er mit seinem Wanderbndel wieder zum Thor hinaus; ich
erkannte ihn und bat: er mchte mit mir kommen, du sehntest dich, ihn
kennen zu lernen und ihm zu danken. Es hat mir aber viel gekostet, bis
ich ihn dazu bewegen konnte.

Antonie, welche Theodor liebkosend, an seinem Armseel stand, hatte
sich bei ihrem Eintritt weg, und an ein Fenster begeben: denn sie
erkannte in dem jungen Reisenden, Georg Werner. Theodor nthigte
ihn freundlich sich niederzusetzen und rief: Antonie! willst du
wohl diesem lieben Freund hier Brod und Wein bringen! Georg blickte
bei diesem Namen um sich, erkannte Antonien und stammelte verlegen
und ganz roth im Gesicht die wiederholte Versicherung: da er sich
unmglich lang aufhalten knnte. Das soll auch nicht geschehen,
versicherte Theodor, sie wird gleich wieder da seyn. Sie kam wirklich
und reichte ihm mit freundlicher Unbefangenheit ein Glas Wein und ein
Stck Kuchen, wandte sich dann gegen Theodor und sagte: Wunderbar sind
die Wege des Schicksals! dieser junge Mann und ich sind alte Bekannte.
In seiner Eltern Haus wurde ich aufgenommen, als ich einst keinen
Zufluchtsort hatte. Georg verstand es, mir mit zarter Aufmerksamkeit
das Drckende meiner damaligen Lage weniger fhlbar zu machen und nun
mu er mir sogar mein Theuerstes auf der Welt, dich meinen Theodor, vor
einem groen Unglck schtzen! Innigen Dank dafr lieber Freund! Ach,
noch ist mir der Augenblick gegenwrtig, wo Sie mir mit freundlicher
Sorge in mein einsames Kmmerchen ein Glas Wein und ein Stck Kuchen
brachten! Wre es mir doch vergnnt, so, wie ich Ihnen hier eine
hnliche Erfrischung reichen konnte, ihnen auch den lezten wichtigen
Dienst vergelten zu knnen!

Doch wie ist es Ihnen bisher gegangen? gewi, ich nehme den
herzlichsten Antheil! und mein Theodor, fuhr sie fort, indem sie
ihren Arm um ihn schlang, wird aufrichtig mit ihnen fhlen, wenn ich
ihm spter von Ihrem Schicksal erzhlen werde. Georg hatte sich
gesammelt. Er konnte dem offenen und herzlichen Benehmen Antoniens
unmglich Verschloenheit entgegen setzen und mute sich, wenn auch mit
einiger Verlezung seines Gefhls, ihres Glcks und des Zufalls freuen,
welcher ihn in den Stand gesezt hatte, eine groe Strung desselben
abzuwenden. Er wurde zutraulich und erzhlte: da er nach Antoniens
Entfernung noch viele harte Kmpfe mit seinen Eltern zu bestehen hatte;
jedoch Rosinchen fhrte endlich selbst die Trennung herbei, indem sie
sich mit einem Unterofficier, eines im Stdtchen einquatierten Truppen
_Detachement_, in ein Liebesverstndni eingelassen hatte. Nun
muten ihn seine Eltern selbst frei sprechen und um die Leiden der
Vergangenheit ein wenig zu vergeen, auch um anderer Vortheile willen,
habe er sich vor wenig Wochen auf die Wanderschaft begeben, wo ihn sein
Weg zur glcklichen Stunde in diese Stadt gefhrt hatte. Von dem Dank
und den herzlichsten Wnschen der Liebenden begleitet, sezte er bald
darauf seine Reise weiter fort.

                   *       *       *       *       *

Eugenia hatte nun ihr schnes Werk vollendet und glaubte der
glcklichen Antonie entbehrlich zu seyn. Sie verbarg auch nicht, da
sie sich herzlich nach ihrem Gatten sehne, in deen zrtlichen Briefen
sie ihre Belohnung fr die Opfer fand, welche sie, als liebende Gattin
der Freundschaft gebracht hatte. Albina riefen nothwendige Geschfte
auf das Landhaus zurck und Eugenia entschlo sich, sie dahin zu
begleiten, um daselbst Abschied zu nehmen und ihre dort befindlichen
Effecten einzupacken.

Der Weg dahin wurde den Freundinnen durch trauliche Gesprche verkrzt.
In gebildeten und tieffhlenden Gemthern giebt es der Berhrungspuncte
so viele, welche dann ein weites Feld gegenseitiger Mittheilungen
erffnen.

Auch Albina und Eugenia fanden in ihren Ansichten und Urtheilen ber
die Erscheinungen im Leben, reichen Stof zu gehaltvoller Unterhaltung;
und so waren sie denn auch auf das interessante Thema: ber den groen
Einflu, welchen der Umgang mit geliebten Personen auf den Charakter
des Menschen behauptet, gekommen. Eugenia schien ergriffen und gieng
eine Zeitlang schweigend neben Albinen. Endlich sagte sie: Zu der
Behauptung dieses Satzes, gebe ich selbst den unwiedersprechensten
Beleg. Ja theure schwesterliche Freundin! ich kann unmglich dem Drang
widerstehen: dir einen Bewei meines unbegrnzten Vertrauens zu geben
und zugleich mir den Genu einer Mittheilung zu verschaffen, den ich
mir noch bei keiner Seele gestattet habe. In deine verschwiegene Brust
wei ich, darf ich Alles niederlegen, was ausserdem mit mir begraben
werden wrde. Du, du bist das Wesen, dem sich alle Herzen ffnen,
das mit einer sanften Gewalt, alle an sich zieht und -- ohne es zu
wollen, sich dieselben zu eigen machen wei. Ich wrde unzufrieden
abreisen, htte ich dich nicht ganz in das verborgene Gebieth meines
Innern blicken lassen: denn ich kenne nichts heiligeres und seres
in der Freundschaft, als die gegenseitige Enthllung der Herzen. Nur
dann, wenn du alles von mir weit, nur dann sind wir ganz vereinigt
und bleiben es in jeder Entfernung fr dieseits und jenseits. Albina
umarmte tief bewegt die begeisterte Freundin und versicherte innig: sie
wrde ihr freudig dies volle Vertrauen erwiedern und ihr auch alles
mittheilen, was ihr vielleicht noch in ihrem Schicksal unbekannt wre:
doch jezt mchte Eugenia ihre Begierde: etwas der Freundin Wichtiges zu
erfahren, befriedigen.


Eugenia begann mit niedergeschlagenen Augen das Bekenntni: da
sie in ihren Mdchen-Jahren, ja noch im Anfang ihrer Ehe so viele
irrige Meinungen und Ansichten, so viele tadelnswrdige Neigungen und
Eigenschaften beseen habe, da sie jezt mit tiefer Beschmung sich
derselben erinnere. Und die gnzliche Umwandlung meiner selbst,
sagte sie gerhrt, hat -- die Liebe bewirkt! eine reine Liebe, deren
Andenken eine stille Ruhe in meiner Seele verbreitet, mich zu jeder
Tugend anfeuert und mir den Standpunct, auf welchem ich unter den
Menschen stehe, erst recht theuer und wichtig macht.

Hre, wie es zugieng. Ein naher Verwandter meines Mannes, Ottmar von
Wildenfels, der als Major im heiligen Krieg seine Gesundheit und seinen
geraden Krperbau eingebt hatte, kam unerwartet zu uns und bat mit
sanfter Stimme um freundliche Aufnahme, da sein trauriges Schicksal
ihm unter fremden Menschen noch schwerer zu ertragen fiele. Mein guter
Mann gewhrte ihm mit Freuden seine Bitte und er zog bei uns ein.
Sein Anblick hatte einen ganz eigenen Eindruck auf mich gemacht. So
viel mnnliche Liebenswrdigkeit und so viel Unglck hatte ich noch
nicht vereinigt gesehen. Er war innerlich verletzt und sein lahmer
rechter Arm verkmmerte ihn jede Erleichterung seines harten Geschicks.
Wissenschaftlich gebildet, edlen Sinnes, zart und tieffhlend, ein
geschickter Mahler und Dichter, hatte er manche Quelle des Trostes
in sich, doch von seinen vielen Fertigkeiten und Kenntnien konnte
er, vermge seiner Unbehlflichkeit keinen Gebrauch machen. Dir
lieber Vetter, sagte mein Gatte bei dem ersten Mittagessen, mu
eine sanfte weibliche Hand zu Hlfe kommen, uns Mnnern fehlt hiezu
der richtige Tact und die geschickte Weise; auch kann ich meiner
brigen Verhltnie und Geschfte wegen meinen Wunsch, dir gefllig
zu werden, kein vlliges Genge leisten; Eugenia! dir bergebe ich
also unsern leidenden Freund! trage alles dazu bei, ihm bei uns
sein Unglck vergeen zu machen. Ich wagte nicht aufzublicken und
stammelte verlegen eine kurze Zusicherung meiner Bereitwilligkeit. Nun
mute ich sogleich mein Amt bernehmen und alles dem armen Invaliden
vorschneiden und zureichen. Er ergrif mit der linken Hand die Meinige,
fhrte sie dankbar und ehrerbiethig zu den Lippen und eine Thrne
glnzte in seinem schnen dunklen Auge. Ich mute mich entfernen,
so sonderbar war mir zu Muth. Gefhle, mir ehedem ganz unbekannt,
erwachten in meiner Brust mit aller Lebhaftigkeit und drohten, die
sonst darinn herrschende kalte Ruhe ganz daraus zu verdrngen. Doch
fand ich in der Einsamkeit wieder so viel Strke, meine Bewegung
zu verbergen und gefater kehrte ich in das Zimmer zurck. Mit der
grten Sorge richtete ich darauf die fr unsern Gast bestimmten
Gemcher zurecht! und es schien, als wre ich in der kurzen Zeit unsers
Beisammenseyns, schon vllig in den Geist seines Wesens eingedrungen,
als wren mir alle seine Neigungen und Wnsche bekannt. Ich decorirte
die Wnde seines Zimmers mit den vorzglichsten Kupferstichen, die
ich mit Bewilligung meines Mannes aus allen Theilen unsers Hauses
zusammentrug; ich versah ein Bcherschrnkchen mit den besten und
unterhaltensten Schriften die wir besaen; ich schmckte die Fenster
mit Blumentpfchen, die Tische mit Blumenvasen und Einfachheit suchte
ich mit der hchsten Reinlichkeit und Ordnung zu verbinden. Dabei war
meine Stimmung so ganz verschieden von der ehemaligen; ich gefiel
mir so wohl in den Hausmtterlichen Beschftigungen, die mir sonst
eine Last waren, da ich mir selbst rthselhaft erschien. Mein Gatte,
welcher in meinen Anordnungen nur die Gewhrung seiner Wnsche fand,
dankte mir mit einer herzlichen Umarmung und fhrte, als ich alles
vollendet hatte, Ottmar in sein kleines Besitzthum. Als mich dieser
wieder sah, sagte er mit Innigkeit: Wie kann ich der Schpferin meines
hchst angenehmen Daseyns in diesem theuern gastfreundlichen Hause
genug danken! Ihr Gatte hat mich versichert: die liebliche Einrichtung
meines Zimmers wre ganz ihr Werk. Kennt denn Eugenia so genau meine
Lieblings-Gegenstnde, da sie auch nichts verga, was mir Freude und
Genu gewhren kann? -- Ich errthete und suchte nach Worten, welche
ihm meinen Antheil an seiner traurigen Lage, ruhig doch herzlich
versichern sollten. Er drckte mir die Hand und sagte: ich bin nun
vllig mit meinem Schicksal ausgeshnt und erwarte in diesen lieben
Umgebungen gefat den Freund, der mich aus der Erde Prfungsschule in
das Land der Vollendung fhren wird. Ich blickte ihn ngstlich an. Ja
meine Freundin! fuhr er fort. Ich habe dem Vaterland die Aussicht
auf ein langes Leben geopfert. Eine feindliche Kugel fuhr mir durch
die Rippen, auf der Seite wieder heraus und verlezte mir die innern
Theile so stark, da ich tglich bedeutender die tdlichen Folgen
davon empfinde. Ich fhlte Thrnen ber meine Wangen trufeln und die
Bewegung, in der ich mich befand, benahm mir das Vermgen auch nur
ein Wort hervorzubringen; aber er sah, was in mir vorgieng und sagte:
Dank, tausend Dank fr Ihr Mitleid, das aus Ihrem Auge spricht! aber
lassen Sie die Ueberzeugung: da eine hhere Hand unser Geschick zu
unserm wahren Besten leitet, den Sieg ber jede zu weiche Regung in
unserm Innern davon tragen. Auch ist es ja ein schner Tod, der Tod
frs Vaterland! Ich bin stolz darauf und darf es seyn, denn dieser
Arm hat, ehe er zerschmettert wurde, die Schmach der Unterdrckten
grimmig gercht. Er wurde bei dieser Aeuerung so heftig, da mich
die Angst entsezlich ergriff: es mchte ihm Schaden bringen. Herzlich
froh war ich daher, als mein Gatte herein trat und Ottmar anbot: mit
ihm in eine Abendgesellschaft zu gehen. Ich war nun allein und forderte
mich selbst zu einer strengen Rechenschaft ber den in so kurzer Zeit
gewaltig vernderten Zustand meines Innern auf. Sie gab mir Aufschlu
darber, den ich nun auch dir theure Albina nicht vorenthalten will.
~Ich hatte nemlich noch nie geliebt!~ zur geistigen Eitelkeit
geneigt fand ich genug Befriedigung im eigenen Wissenschaftlichen
Forschen und in der Anerkennung meines Wissens von Andern. Diese
Neigung verdrngte jedes andere zartere und tiefere Gefhl und gab
meinem Geist eine ganz falsche Richtung. Ich hatte fr nichts Sinn,
als fr das, was Bezug auf die Vollendung meiner Verstandesbildung
hatte. Das Herz gieng vllig leer aus und wollte es hie und da unter
Menschen sein Recht geltend machen; so berstimmte es augenblicklich
der kalte hochmthige Geist; der mich beherrschte. Mit dieser Gesinnung
lernte ich meinen Gatten kennen. Seine grndliche Gelehrsamkeit und
sein Gefallen an meinem Wissen, hie mich seinen Wunsch nach meinem
Besitz Gehr geben, und aus diesem Gesichtspunkt betrachtete ich auch
mein ehliches Verhltni zu ihm. Ich sah in ihm den einsichtsvollen
Lehrer, welcher in meinen Augen nun doppelte Verpflichtung hatte, mich
bei meinem wissenschaftlichen Streben zu untersttzen; hingegen seine
brigen treflichen Eigenschaften glitten an meinem verblendeten Blick
leicht und ohne Werth vorber. Mein Hauswesen war und blieb klein,
die wenigen, doch mir immer lstigen Geschfte, welche ich nicht den
Dienstboten bertragen konnte, waren schnell besorgt und ich hatte viel
Zeit fr meine Lieblings-Beschftigung. Ich wurde nun Schriftstellerin;
tummelte mich aber immer auf dem Felde, mystischer Gegenstnde und
wollte unserm Geschlecht durchaus gelehrte Speise auftischen, indem
ich philosophische und wissenschaftliche Gegenstnde in ein geflliges
Gewand kleidete. Der Beifall meines Gatten und der Recensenten, den
sie meiner Schreibart schenkten, lie mich den Tadel verschmerzen, den
ich oft ber den Gehalt der Werke selbst erfahren mute. Da uns die
Vorsicht die Eltern-Freuden versagte, so konnte mein Herz auch von der
Seite der mtterlichen Gefhle auf keinen Zeitpunct hoffen, wo deen
tieferes Empfindungs-Vermgen sein Daseyn beurkunden wrde: allein
dieser Zeitpunct erschien dennoch, wenn auch etwas spter und unter
andern Umstnden.

Die Liebe hatte sichs vorbehalten, ihre Allgewalt an mir zu beweisen.
In der Person des Majors drang sie mchtig in mein Herz; ich konnte es
mir nicht ablugnen und diese Entdeckung machte auf mein Pflichtgefhl
einen betrbenden Eindruck. Es entstand ein heftiger Zwiespalt in
meinem Innern; die Gattin und die Freundin eines Leidenden, standen
gegeneinander auf und jede forderte ihre Rechte. Ich gelobte mir
endlich: mit der grten Vorsicht meine bernommenen Verbindlichkeiten
bei unserm Gaste zu erfllen, doch streng das eigene Herz zu hten,
damit es nicht nachgiebig der erwachten Neigung zu viel Raum gestatte.

Die Abendstunden abgerechnet, wo sich Ferdinand Ottmarn wiedmen konnte,
war dieser den ganzen Tag allein auf ~meinen~ Umgang beschrnkt
und angewiesen. Ausser unserm Hause wollte er keine Bekanntschaft
anknpfen und schien nichts zu wnschen, als immer in meiner Nhe
seyn zu knnen. So redlich mein Wille und Vorsatz war wenn ich mich
allein befand: die gehrige Herrschaft ber mich und meine Gefhle zu
behalten; so schwer wurde es mir, ihm treu zu bleiben, wenn der Major
Hlfe bedrfend mit weicher bittender Stimme sich an mich wandte, wenn
er neben mir sa und von seinen frhern Erfahrungen offen und herzlich
zu mir sprach, oder wenn ein lang verhaltener krperlicher Schmerz
ihm eine sanfte Klage entlockte; inniges Mitleid ri mich dann zu den
theilnehmensten Aeuerungen, zu der aufmerksamsten Sorge fr ihn hin:
oder wenn ich ihm vorlas und seine gehaltreichen, richtigen Urtheile
hrte, wenn er absichtslos scheinend, ber meine sonstigen Ansichten
und Grundstze, gleich als ber die, einer dritten Person sprach und
durch seine ausgesprochenen Meinungen, die Meinigen sanft und schonend
zu berichtigen strebte: dann regte sich das sehnschtige Verlangen in
mir: ihm meine Achtung doch recht beweisen zu knnen; oder wenn er
endlich gar mit dem ihm eigenthmlichen Feuer mir versicherte: was
ihm meine Freundschaft, meine Pflege, meine Unterhaltung gewhre,
wenn er mir fr jede kleine Dienstleistung mit einem Blick, mit einem
Hndedruck dankte, in welchem stille verborgene Liebe brannte: dann
begann der Kampf in mir aufs Neue und in solchen Fllen konnte ich
nur durch die Flucht der Gefahr entgehen, mich nicht zu verrathen;
ich entfernte mich dann unter irgend einem scheinbaren Vorwand und
kehrte gefater zu ihm zurck. Doch der Zeitpunct nahte, wo jede meiner
Vorsichts-Maregeln durch die Macht des Augenblickes niedergeworfen
wurde, wo sich mir -- ach nur fr einmal! ein groes edles
Menschen-Herz ganz enthllte und ich die heiligste Stunde meines Lebens
feierte.

An einem Abend, an welchem mein Gatte durch eine Einladung zu einem
Collegen abwesend seyn mute: sa Ottmar auf unserm, nach Landessitte,
gleich einem Zimmer garnirten Vorplatz, welchen noch einige, in voller
Blthe prangende Orangen-Bume zierten, an meiner Seite. Wir hatten
Thee zusammen getrunken, wobei ich ihm den gewhnlichen Beistand
leistete. Er schien mir krnker und in einer besonders weichen
Stimmung, die auch mir sich mittheilte, so, da ich mir immer Etwas
zu schaffen machte, um meine Rhrung zu verbergen. Unter andern brach
ich von einem der Orangen-Bume einen blhenden Zweig und legte ihn
vor Ottmar hin. Ein frischer Schmuck fr Ihre Vase lieber Freund!
sagte ich, doch entfernen Sie ja diese Blthen bei Nacht aus Ihrem
Zimmer, ihr Duft ist zu stark, er knnte Ihnen schaden. Er sah mich
wehmthig lchelnd an -- Schaden? -- wiederholte er; bald kan
mir nichts Irdisches mehr schdlich seyn. Theure Eugenia! wie diese
Blthen nur als Treibhaus Pflanze ~hier~ gedeihen knnen und
in ihrem eigentlichen Vaterland krftig und in Flle empor streben:
so wird meine Seele, deren Gefhle ~hier~ auf Erden nicht
alle hervorbrechen konnten und durften, sich bald ~jenseits~
in ihrer Heimath entfalten. Dort, er drckte mir heftig die Hand,
ist das Feuer, das ich in mir trage, eine heilige Gluth, hier
ist es eine versengende Flamme. Eugenia ich sterbe bald! -- Ein
starker Bluthusten, der mich kurz vorhin berfiel, giebt mir diese
Ueberzeugung. Traure nicht geliebtes Wesen! fuhr er fort, als ich das
Tuch vor die weinenden Augen hielt. Es ist gut da ich sterbe -- o der
schrecklichen Mglichkeit: da ich dein Leben vergiften knnte! und
das Meinige wre mir knftig eine Qual; so aber scheide ich schuldlos
und ruhig: denn ich habe mit meiner Leidenschaft redlich gekmpft und
wenn dies Herz stille steht, wird meine Freundin des armen Pilgers, der
ihr auf dem Lebensweg begegnete, freundlich und vorwurfsfrei gedenken
knnen. Nicht wahr? -- Ich reichte ihm still weinend die Hand. Mach
mich nicht zu weich liebe Eugenia! fuhr er fort. Ich habe dir noch
viel zu sagen, ehe der Tod mir den Mund verschliet und -- ich weis
es -- es sind mir nur noch wenige Stunden dazu vergnnt. Sie sind mir
deswegen um so feierlicher und ich will sie bentzen, um einen ewigen
Bund von hchster Wichtigkeit zwischen uns zu schlieen. Bist du es
zufrieden? und darf ich ohne Rckhalt mein Herz dir erffnen? --

Ottmars reiner Sinn brgt mir fr Alles! erwiederte ich tief
gerhrt. Dank fr dies beseeligende Vertrauen! sagte er und drckte
meine Hand an sein Herz. Ich will es verdienen. Ich will dir alle
meine, in deiner Nhe gesammelten Beobachtungen und ihre Resultate
mittheilen. Sie grnden sich auf eine vieljhrige Erfahrung und
Menschenkenntni; auf eine unaussprechliche aber reine Liebe zu dir
und auf den heien Wunsch, dich, durch dich selbst recht glcklich zu
machen. Auf seine Bitte rckte ich nher zu ihm, da ihm das laute
Sprechen schwer wurde und gab ihm das vom Arzt verordnete _Gele_
zur Erfrischung. Whrend einer kleinen Ruhe, die er sich gestattete,
wo er mit zurckgebogenem Haupt auf dem Sopha-Kien ein wenig zu
schlummern schien, bemerkte ich mit tiefem Schmerz in dem blaen,
aber mnnlich schnen Antlitz, die Spuren einer baldigen Verklrung
und lie ungehindert meinen Thrnen freien Lauf. Endlich richtete er
sich mhsam wieder auf und sagte: Ich fhle mich wieder etwas strker
und nun la mich aber von der mir noch geschenkten kostbaren Zeit
nichts mehr verliehren. Seine lezte wichtige Rede, welche er, oft
von heftigen Husten unterbrochen und mit zuletzt immer mehr heisser
werdenden Stimme sprach, habe ich bald nach seinem Hinscheiden
aus meinem Gedchtnie hervorgerufen und niedergeschrieben, um sie
dem mglichen Vergessen zu entziehen. Es sind festliche Stunden
in denen ich sie zur Hand nehme und mir jene heiligen Augenblicke
vergegenwrtige. Diese Worte bewhren dann jedesmal ihren segensreichen
Einflu auf meine Denk- und Handlungsweise und neue Kraft zur Tugend,
zur treuen Erfllung meiner Gelbde gewhren sie mir. Eine steinerne
Bank unter einem dicht belaubten Kastanienbaum lud die Freundinnen
auf dem Wege ein, hier auszuruhen; sie setzten sich Arm in Arm und
beobachteten lange ein tiefes Stillschweigen. Ein sanftes Suseln in
den grnen Wipfel, duchte ihnen wie Geisterwehen; in der lndlichen
Stille unterbrach nichts den hohen Flug ihrer Gedanken, welche sich
ungestrt mit berirdischen Gegenstnden beschftigten. Endlich zog
Eugenia aus einem Brieftschchen ein Blatt Papier hervor und sagte:
Hier ist das theure Vermchtnis meines vollendeten Freundes -- Ganz
ist dieser feierliche Augenblick dazu geeignet dir meine Albina es
mitzutheilen. Mir ist, als wre Ottmars Geist uns recht nahe! o wohl
mir, wohl mir, da ich mit einer himmlischen Ruhe mich darber freuen
und seiner gedenken kann! hier (sie deutete auf die Brust) hier ist
es so stille, wie es jezt in der Natur um uns her ist. Ja Albina!
deine reine Seele wird in dem, was ich dir noch erffnen will, gewi
nichts finden was sie verdammen mte. Vernimm also die lezten Worte
meines Freundes: Er begann: Meine Eugenia ist in einem ihr selbst
unbekannten reichen Besitz der herrlichsten Gefhle, vereinigt mit
einer Strke des Geistes, welche mich in dem Entschlu befestigt
~alles~, was in Beziehung auf sie und mich, schon lange mich
beschftiget, ihr anzuvertrauen. Bei einer andern deines Geschlechts
wrde ich es nicht wagen. Du aber verstehst mich, das bin ich gewi,
du vermagst allen meinen Aeuerungen die rechte Deutung und Anwendung
zu geben; so la mir denn gestehen, da ich meine Freundin, wie mich
selbst kenne, da ich durch stille Beobachtung deines ehelichen
und huslichen Verhltnies und aus den Producten deines Geistes,
welche mir Ferdinand mittheilte, und welche nicht den Krei, in dem
sich das Weib alleine bewegen soll, sondern einen Auergewhnlichen
durchschreiten, mit Schmerz gewahr wurde: da meine Eugenia den Weg
verfehlte, den ihr Geschlecht wandeln soll. Die steile Bahn, welche uns
Mnnern vorgezeichnet ist, lockte sie, durch den von fern her winkenden
Loorbeer und auf diesem Pfad blhten ihr nicht die Blumen, welche durch
ihren Duft, den weiblichen Sinn fr eigenthmliches Wirken, und fr die
ihm verliehenen Gensse und Freuden empfnglich machen.

Indeen konnten diese Bemerkungen, den Eindruck nicht schwchen, den
dein Anblick bei mir bewrkte und den deine zarte Sorge fr mich,
deine traulichen Mittheilungen, deine geuerten Grundsze und dein
wrdevolles Betragen verstrkten. Die tiefste Achtung gesellte sich
zur feurigsten Liebe. Als ich durch dies alles bei dir das innigste
Mitleid, als ich -- o la mich, la mich mein Glck aussprechen, als
ich hie und da einen Strahl der Liebe durchbrechen sah: da gewann
meine Leidenschaft die hchste Stufe. Doch Gottlob! Ottmar wrdigte
sich nicht selbst durch ein Vergehen herab, das in seinen Augen
unverzeihlich schien. Die Gastfreundschaft, das Vertrauen deines
wrdigen Gatten wollte ich nicht mibrauchen, dir meine Eugenia den
sichtbaren Kampf mit der Pflicht nicht geflissentlich erschweren.
Ach, nur in ganz glcklichen Augenblicken, wo mich deine Nhe so
unaussprechlich beseeligte, drohte die verhaltene Flamme hervor zu
brechen. Gewi! dieser Kampf hat auch meine Lebenstage verkrzt, aber
dennoch ist mir die Erinnerung daran ewig theuer. O mit welcher hohen
Freude bemerkte ich, da meine Eugenia durch den Schwesterlichen
Umgang mit ihrem Freunde immer und immermehr sich der schnen
Eigenthmlichkeit ihres Geschlechts nherte! Wie gerne sah ich,
whrend mancher, Rhrung erregenden Unterhaltung, Thrnen in diesem
Auge glnzen, welche sie vorher streng in ihren Schriften, als eine
leicht zu mibrauchende Weichheit verurtheilte. Ich empfand es tief:
so, nur so kann meine Freundin glcklich werden und glcklich machen.
Den zerstrenden Feind in meinem Krper fhlend, wollte ich noch die
wenigen Tage, den sen Duft der mir heimlich blhenden Blume, eines
stillen verborgenen Glcks, ~alleine~ genieen und durch eine
voreilige Berhrung den zarten Kelch mir nicht selbst verschlieen;
fate aber den Entschlu: bei der Annhrung meines Todes jene Blume
auch fr Andere, vorzglich fr deinen Ferdinand zu erhalten zu suchen.

Der Augenblick ist gekommen! fuhr er fort, ergrif meine Hand und sah
mir mit einem seelenvollen Blick ins Auge.

Der Sterbende -- ich betrachte mich als einen solchen -- mu jede
Hlle abwerfen und so will ich denn auch frei und offen dir bekennen!
da ich dich Eugenia liebte, wie noch kein weibliches Wesen auf Erden!
da ich diese Liebe mit hinber nehme in die bere Welt und dort
sehnschtig des Augenblicks harren werde, wo ich dir entgegen eilen und
die Freuden der Ewigkeit mit dir theilen werde knnen. Gieb mir den
Trost mit in die bange Sterbestunde, da auch du mich geliebt hast! Er
hielt inne und Thrnen fllten seine Augen.

Meiner nicht mehr mchtig, sank ich weinend ihm an das Herz. Er drckte
mich sanft an sich und sagte: O der seeligen Minute! wie verst sie
mir den Tod! aber Eugenia, da sie nie reuevoll uns erscheine, so sey
dies Bndnis unserer Seelen geheiliget durch fromme Vorstze.

Ich habe deinem Gatten nichts geraubt: denn du hast ihn nicht geliebt!
Mir Glcklichem war dies Gefhl in deinem Herzen aufbewahrt. Aber
Ferdinand ist gut und edel, ist dein Gatte und verdient, da du ihn
mit inniger, und zrtlicher Achtung zugethan bleibst -- auch deine
Zufriedenheit wird dabei gewinnen und ich werde mich dort freuen,
etwas dazu beigetragen zu haben. Ich scheide -- die Liebe zu mir
wird in deiner Brust einen heiligen Charakter annehmen. Liebe ist
kein Verbrechen, nur die Leidenschaft ist es und verklrte Geister
kennen keine Leidenschaft, und erwiedern sie auch nicht. Liebe ist der
Grundton im Universum. Liebe verbindet die Menschen mit Gott, die Engel
mit den Menschen, die Sterblichen untereinander. Dieses Band Eugenia,
das du ehedem zu verschmhen schienst sollst du ehren und dich damit
schmcken; es ist die schnste Zierde des Weibes. So liebend, darfst
du auch meiner gedenken, als deines treuesten Freundes, als deines
Schutzgeistes. O ich will -- ist es mir vergnnt, immer dich umschweben
und es wird meine Seeligkeit erhhen, wenn meine Freundin auf den nun
betrettenen Pfad, immer weiter zur Vollendung schreitet; wenn sie die
Pflichten der Gattin in ihrem ganzen weiten Umfange erfllt, wenn sie
fr Anderer Wohl und Weh ein immer gleich offenes Herz darbietet,
und nicht mehr durch kalte Sophisterei die beern Empfindungen
verdrngt, sondern was die Edlen ihres Geschlechts seyn sollen, als
sanft trstender, mitfhlender, rettender Genius, unter den Menschen
wandelt. O Ottmar! rief ich tief erschttert aus, ich will es!
nimm das feierliche Versprechen, da ich stets dieser Stunde gedenken
werde. Ja, ich gestehe es dir -- die Liebe zu dir hat mich veredelt und
auch in Zukunft wird sie als strkender Engel mich begleiten durchs
Leben. Heiliger Gott! sagte er, mich an sich drckend, den schon
matten Blick, in welchem noch einmal Feuer zurckkehrte, gen Himmel
hebend -- heiliger Gott! wie weise und gtig sind deine Wege! du hast
mich durch mein Leiden veranlat, Trost bei guten Menschen zu suchen;
ich habe noch mehr gefunden, Liebe, beglckende Liebe wurde mir zu
Theil! und vergnnt war es mir, einer theuern Seele Wohl und Heil zu
befrdern und das der meinigen damit zu begrnden. Nun sind wir Eins
hier und dort in der Liebe zu dir und deinen Geboten! und die lezte
Zeit meines Erdenaufenthalts hast du mir guter Gott da angewiesen, wo
sie mir so genureich verstrich und wo ich schon den Vorschmack deiner
himmlischen Freuden empfand. Wie huldreich und gndig ist Gott! -- Mit
diesem frommen Gebet beschlo mein edler Freund seine schne irdische
Laufbahn. -- Eugenia faltete hier das Papier zusammen und feierte
stille und mit Thrnen, das Andenken dieser schmerzlich sen Stunde.
Auch Albina war hchst gerhrt, wollte aber die Freundin durch keine
Aeuerung in ihren heiligen Empfindungen stren. Nach einer Weile fgte
Eugenia mit zurckgekehrter Fassung noch folgendes jener schriftlichen
Mittheilung bei. Erschpft sank Ottmar nach jener Ergieung seines
Herzens auf das Sopha-Kien zurck, schlo die Augen und prete
krampfhaft meine Hand. Meine Angst war auf das Hchste gestiegen; ich
suchte die Klingel zu erreichen und sandte die Magd schnell nach dem
Arzt. Er kam und zuckte die Achsel. Lassen Sie ihren Gatten ruffen,
sagte er; unser Leidender wird bald vollendet haben. Und so war es.
In meinem Arm hauchte er nach einigen starken Athemzgen die schne
groe Seele aus. Diese Hand trocknete ihn den Todesschweis von der
Stirne, diese Hand drckte ihn die Augen zu und ich legte sie auf das
edle Herz, das nun ausgeschlagen hatte und wiederholte im Stillen meine
heiligen Gelbde.

Ferdinand traf ihn nicht mehr bei Leben an und in aufrichtiger Trauer
um unsern Verlust, vereinigten sich an seinem Sarge inniger unsere
Herzen. Ottmars Beerdigung hatte ich angeordnet, da er mir deswegen
seine Wnsche schon mitgetheilt hatte. Wrdevoll, aber einfach und
stille wurde sie vollzogen. Seine Uniform und alle theuer erworbenen
Ehrenzeichen schmckten ihn im Sarge; einen blhenden Orangenzweig
legte ich in seine kalte Hand und unter sanften Harmonieen blasender
Instrumente wurde er dem khlen Schoos der Erde bergeben. An seine
Grabsttte pflanzte ich weise Rosen und oft weilte ich daselbst und
holte mir neue Kraft zur Ausfhrung frommer Entschle. Ferdinand
schien meinen Schmerz, um den mir von ihm selbst Anvertrauten sehr
natrlich zu finden, ohne mehr zu ahnen, vielmehr dankbar dieser
Erscheinung in unserm sonst ziemlich alttglichen Leben, die Umnderung
meiner Denk- und Handlungsweise zuzuschreiben: da er einen sehr
ruhigen, durchaus nicht zur Eifersucht geneigten Charakter besitzt
und durch meine Umwandlung keinen Nachtheil, sondern fr sich und das
Hauswesen die grten Vortheile gewahr wurde; ja immer herzlicher,
immer zufriedener wurde unser Verhltnis: denn ich bemhte mich durch
vermehrte Beweise meiner achtungsvollen Anhnglichkeit an Ferdinand,
die Grundpfeiler unsers ehelichen Glckes zu befestigen und betrachtete
von jezt an, meinen Standpunct als Gattin und Hausfrau als den Hchsten
und Wichtigsten; den Beschftigungen am Schreibtisch wiedmete ich nur
meine Musestunden. Meine Feder bearbeitete nun ganz andere Gegenstnde
als vormals und ich darf nach dem Ausspruch meines Gattens, mich
der sen Hoffnung berlassen: durch meine kleinen Schriften jezt
mehr Segen und Genu zu verschaffen und zu verbreiten als ehedem.
Eugenia endigte hier mit der wiederholten Versicherung: da ein reines
dankbares Andenken an Ottmar, den Schpfer ihres wahren innern Glckes,
unvertilgbar in ihrem Herzen wohne, da sie ihn nicht liebe, sondern
gleich einen Heiligen verehre und sein Bild und seine Wnsche ihr als
Maasstab durchs ganze Leben dienen wrde.

In dieser Gestalt ist die Liebe ein wahrer Schutzengel der
Sterblichen, sagte Albina, rein von allen irdischen Mngeln gehrt
sie auf solche Weise, wie sie sich dir theure Eugenia genhert hat,
zu den himmlischen Genien, und ohne Vorwurf darfst du dich ihres
beseeligenden Einflues auf dein Leben freuen, ja ihr noch jezt
huldigen. Wir gewinnen alle dabei! o Dank und Seegen dem Edlen! der
dich fr ein segenreiches Wirken in der Welt und fr unsere Herzen
gewonnen hat! ja Dank und Segen ihm! versezte Eugenia, und blickte
mit leuchtenden Augen nach der Hhe. Er hat sich unaussprechlich
verdient um mich gemacht und mit hoher Ruhe folgt ihm mein Geist in
jene Gefilde. -- Die Trennung von ihm war zwar schmerzlich, aber sein
Leben wrde fr ihn und mich qualvoll seyn, inde sein sanfter Tod uns
beiden Frieden gab. Aus voller Ueberzeugung ruffe ich mit ihm aus: Wie
huldreich und gndig ist Gott! Unter diesen Gesprch hatten sie das
Landhaus erreicht, und Eugenia schickte sich zur Abreise an. Mit heiem
Dankgefhl fr das was sie Antonien erzeigt hatte, trennten sich die
Freunde, so wie diese selbst von ihr und wann sich das liebende Paar
in seiner Wiedervereinigung hchst beglckt fhlte: so wurde Eugeniens
Name mit Dank und Rhrung genannt.

Antonie kehrte nach Theodors Herstellung auf das Landhaus zurck und
half Albinen eifrig zu ihrer Ausfertigung. Guido's Sehnsucht sprach
sich in jedem seiner feurigen Briefe aus und gerne htte er dieselbe
durch einen Besuch befriedigt: allein die Entfernung war zu bedeutend
und seine Berufspflichten, welche er mit Eifer und Treue erfllte,
gestatteten keine lange Abwesenheit. Er hatte sich einen sehr groen
und segensreichen Wirkungskreis selbst gebildet, in welchem er
unermdet, unendlich viel Gutes stiftete und manche groe Tugend bte.
Endlich winkte ihm der Lohn fr alle ausgestandenen Leiden sowohl, als
fr alle edlen und gemeinntzigen Handlungen, welche seine Tage und
Stunden bezeichneten; und es ergieng der beglckende Ruf an ihn; da
er kommen und die Heigeliebte zu sich holen drfe. Langenheim lud ihn
in einem freundschaftlichen Schreiben ein, mit dem Bedeuten: da er
in seinem Haus und aus seiner Hand die theure Pflegetochter erhalten
wrde. Er kam, und noch nie hat ein glcklicheres Paar seine Vermhlung
gefeiert. Die heieste Liebe, auf die tiefste Achtung gegrndet,
von dem Segen der Eltern und dem innigen Antheil treuer Freunde
begleitet, schttete das Fllhorn ihrer reinsten Freuden auf das Haupt
der Verlobten. William und Fany waren unendlich frhlich ber diese
Begebenheit und unzertrennlich von den Eltern. Die andern Zglinge
Albinens aber und Aurelia trauerten herzlich ber die Trennung von der
geliebten und liebevollen Erzieherin. Cornelia war tief erschttert als
Albina mit dem berglcklichen Guido, mit den Kindern und Therese in
den Reise-Wagen stieg; und es verstrichen Wochen und Monate, bis sie
das Versprechen ganz erfllen konnte, welches Albina den Abend vor der
Abreise im Ton der kindlichsten Ehrerbiethung ihr abgenommen hatte:
nemlich Aurelia fr ihre Tochter anzusehen und mit dieser vereint das
Wohl der anvertrauten Pfleglinge zu besorgen: denn obgleich durch
Albinens Entfernung, Aureliens Auffenthalt bei Cornelien allen Reitz
verlohren hatte, so hielt es doch diese zartfhlende Seele fr ein
groes Unrecht, die ohnehin jezt betrbte Mutter zu verlassen und hatte
Albinen zugesichert: jene noch eine Zeitlang zu untersttzen; denn auf
Antonien konnten sie nicht rechnen. Diese lebte ihrem zrtlichen Freund
und der Sorge fr ihre Zukunft, in Verfertigung ihrer von Cornelien
gromthig bestimten reichlichen Mitgabe von Kleidung und Wsche.
Nach Jahresfrist wurde auch sie mit Theodor verbunden, bei welchem
frhlichen Fest Albina mit ihrem Gatten innig theilnehmende Gste
waren.

Doch ich kehre zu diesen und zu der Zeit zurck, wo sie sich in E*
huslich niederlieen. Albina und Therese begegneten sich in dem
Wunsch: da diese, jene dahin begleiten mchte. An dem Ort, wo durch
die edelmthige Freundin, Albinens Lebensglck gegrndet wurde, in so
ganz vernderter Lage mit ihr einige Wochen wieder zusammen zu seyn,
mit ihr die Vergangenheit in der Erinnerung daselbst durchleben zu
knnen: welche erfreuende Aussicht! Auch Therese hofte viel Genu in
der lezten Beziehung von der Reise nach E* und was sich beide von der
Erfllung ihres Verlangens im Geist versprochen hatten, gieng alles
in Wirklichkeit ber. Mit Hlfe Theresens war Albinens husliche
Einrichtung bald geordnet und dann ersuchten beide Frauen Guido,
da er sie in die ehemalige Wohnung Langenheims fhren mchte. Nach
eingezogener Erkundigung erfuhr er zu Theresens groer Freude, da
der gegenwrtige Besitzer der edelmthige Asseor Freiberg war, der
sich so verdient um Langenheims gemacht hatte. Durch einen frhern
Briefwechsel, wurde Langenheim benachrichtigt, da sich der Rath nach
jenem unangenehmen Auftritt in der Session abgefordert hatte und da er
Willens war, irgend wo Anders eine Anstellung zu suchen. Er versprach
Langenheim, ihn von seinem neuen Auffenthaltsort, wenn er bestimmt seyn
wrde in Kenntni zu sezen: allein es erschien kein Schreiben mehr und
dieser glaubte sich vergeen. Als nun Therese und ihre Freunde Freiberg
besuchten, erfuhren sie, da der Tod seiner Gattin ihn die Lust
benommen habe, den ersten Plan auszufhren. Er hatte vorgezogen, in dem
Ort zu bleiben, in deen Nhe die Hlle seiner Lebensgefhrtin ruhte
und hatte es auch Langenheim geschrieben. Da der Brief also verlohren
gegangen seyn mute und er keine Antwort erhalten hatte, gestund er:
dem Argwohn Raum gegeben zu haben, da die Glcklichen nicht mehr des
Freundes gedchten, der im Unglck ihnen so viel war. Hchst erfreut
ber diesen angenehmen Irrthum, gab er Theresens dringenden Bitten
nach und entschlo sich, mit ihr zurck nach D* zu reisen um den Rest
seiner Tage in ihrer Nhe zu zuzubringen. Hier machten Guido's Eltern,
Langenheims und der Asseor in der groen Welt eine kleine, innig
mit sich zufriedene Welt aus; und auch Cornelia gehrte in diesen
Cirkel. Freiberg seegnete oft seinen Entschlu: denn ihm waren jezt
theilnehmende Freunde so nothwendig, als Andere sonst seiner in dieser
Hinsicht bedurften. Er war im hchsten Grad trbsinnig geworden und
fhrte in M* ein einsames, freudenloses Leben. Wie s war Theresens
edlen Herzen die Hoffnung: dem Redlichen seinen thtigen, segensreichen
Antheil, den er einst an ihrem Schicksal genommen hatte, vergelten zu
knnen. Ach, fr den guten Menschen ist dies eine hohe, eine himmlische
Wonne! Auch Albina und Guido strebten nach diesem reinen Genu.

Sie suchten nemlich die wackern Grtnersleute auf, deren
menschenfreundliche Denkungsart Albinen nicht nur das Leben erhielt,
sondern auch demselben durch eine treue und fromme Erziehung die
Kinderjahre hindurch, Werth gab.

Ihre Freude war unaussprechlich, Albinen wieder zu sehen, und zwar
in einer so glcklichen Lage und mit so unverndert dankbaren und
liebevollen Gesinnungen gegen sie. Die Eltern weinten vor herzlicher
Rhrung, als sich Albina wie ehedem traulich zu ihnen auf die
Bank sezte, nach allem fragte, sich alles erzhlen lie und die
Hauptabschnitte ihrer nachherigen Lebensgeschichte ihnen mittheilte.
Die Kinder, deren mehrere in Dienste gegangen und nur noch die drei
jngsten derselben bei den Eltern sich aufhielten, schienen sie nicht
mehr zu erkennen; doch wurden sie bald recht herzlich und gesprchig:
denn Albina hatte sich einen groen Korb nachbringen lassen, welchen
sie geschftig auspackte und dann jedes reichlich und passend
beschenkte. Auch Vater und Mutter giengen nicht leer aus; allerlei
Bedrfnie der Nahrung wurden befriedigt und die Familie konnte nicht
aufhren zu danken und sich zu freuen. Ach Vater Paul! sagte Guido
und umfate innig seine Gattin -- was ist all das gegen dies Kleinod
welches ich euch zu verdanken habe! so lange ich lebe sollt ihr gewi
an Nichts Mangel leiden und dennoch werde ich meinem Verlangen, euch zu
vergelten, immer nicht Genge leisten knnen! Er hielt Wort, besuchte
hufig mit seiner Albina den Ort ihrer Kindheit und erzeigte ihren
Pflegeltern viel Gutes.


Nach ein paar Jahren kam Edmund von seinen Reisen zurck, erfuhr durch
Paul die Verheirathung Albinens, und ihren Auffenthalt zu M* und fhlte
sich stark genug, mit ruhiger Herzlichkeit sie selbst seines Antheils
versichern zu knnen. In ihrem Haus und durch die Freundschaft des
edlen Guido wurde ihm manche genureiche Stunde zu Theil und hier war
es auch, wo sein ehliches und husliches Glck gegrndet wurde. Ein
schneller Tod Corneliens zog nemlich die Auflsung des ohnehin klein
gewordenen Instituts nach sich und Aurelia wurde von ihrem Vater
abgeholt. Doch dieser sollte die geliebte Tochter nicht lange besitzen.
Er befriedigte ihr sehnschtiges Verlangen: ihre theure Albina wieder
zu sehen und wollte mit ihr ber E* zurckreisen.


Guido und seine Gattin freuten sich innig der lieben Gste und
wuten ihnen ihren Auffenthalt so angenehm zu machen, da die dazu
bestimmten Tage zu Wochen wurden. In dieser Zeit lernte Edmund, nun
mit freiem Herzen, Aureliens Vorzge kennen und eine zrtliche Achtung
und Liebe war die Folge davon. Ach Aurelia hatte auch ihn noch nicht
vergeen! sie gestand es Albinen mit heiem Errthen, und des Vaters
Gefallen an dem jungen Mann, erleichterte diesem die Bewerbung um die
liebenswrdige Tochter. Jener gab seine Einwilligung und Aureliens
reines Glck erhielt die Vollendung durch die reizende Aussicht in
Albinens Nhe leben zu knnen.


Corneliens Tod hatte Albinens kindliches Gemth tiefbetrbt. Auch
Theodor betrauerte sie herzlich. Ihn hatte die Verstorbene zum Besitzer
des Landhauses ernannt. Bald darauf folgte der damalige Pchter seiner
Herrin in die Ewigkeit nach. Die Stelle mute ersezt werden und Antonie
wurde dadurch in den Stand gesezt, sich gegen Jacob und seine Familie
dankbar zu beweisen. Mit gnzlicher Beistimmung ihres Gattens wurde er
berufen, das Gut zu pachten und erschien mit Freuden. Sie wurden unter
den fr sie vortheilhaftesten Bedingungen angenommen, erfllten treu
ihre Verpflichtungen und fhlten sich unbeschreiblich glcklich.


Nach zurckgelegten Wanderjahren besuchte Georg Werner seine Verwandte
und holte sich bald darauf sein Bschen Maria zum Weibe. Sie erhielt
von Antonien eine reichliche Ausstattung. Dies war aber die lezte
Freude, welche sie hienieden geno. Nach dem zweiten unglcklichen
Wochen-Bette, in welchen sie beidemale von einem todten Knaben
entbunden wurde, fhrte sie der Tod aus den Armen ihres trostlosen
Gattens, in das Land, wo keine Trennung ist.


Theodor flchtete sich mit seinen wunden Herzen zu Albinen, gab seine
Stelle am Hof auf und wiedmete sich der Tonkunst. Bei dieser sanften
Muse fand er den krftigsten Trost. Tragisch, dramatische Werke
verdanken ihm ihre musikalische Bearbeitung. Eugenia hrte von Theodors
traurigem Schicksale und von den Frchten, seiner im Dienst der Wehmuth
stehenden Phantasie. Sie schrieb an ihn theilnehmende Briefe. Wie
liebliche Tne aus der Jugendwelt klangen ihm ihre Versicherungen im
Herzen wieder, und er fand in dem fleiig unterhaltenen Briefwechsel
wahre Beruhigung.


Einem dieser Briefe war ein Schreiben Richards von Steinfels
beigeschloen, welcher durch den Profeor von Antoniens Vollendung in
Kenntni gesezt worden war. Der Brief war folgenden Inhalts:

    Nun, da der Engel, welcher mich einst der Tugend zufhrte, in seine
    Heimath zurckgeeilt ist, nun darf ich es wagen, mich dem wrdigen
    Manne zu nhern, welchen der kurze Besitz jenes himmlischen Wesens
    beglckte und welcher durch dessen Verlust tief gebeugt wurde. Ich
    darf ihm sagen, da ich unfhig war, nachdem ich Antoniens Werth
    kennen gelernt hatte, eine andere Verbindung zu knpfen, da ich
    ihr Andenken heilig in meinem Herzen bewahrte. Mit Ihnen nun aber
    auch treu den Schmerz um die Verlohrene theilend, kenne ich keinen
    innigern Wunsch fr diese Welt: als da Sie mich werth finden
    mchten, in brderlicher, gemeinsamer Trauer mit mir Hand in Hand
    die kurze Bahn durchs Leben vollends zu wandeln. Ich stehe ganz
    allein. Meine Eltern weilen, wo Antonie ist. Das vterliche Haus
    habe ich weggegeben, da mir der Auffenthalt in der geruschvollen
    Stadt nicht zusagte. In einem lieblichen Thal liegt das Gut, deen
    Besitz ich mir erkauft habe. Hier lebe ich von den Frchten des
    Landes und suche meine Unterthanen zu beglcken.

                       *       *       *       *       *

    Kommen Sie zu mir Freund! bringen Sie Ihre Muse mit; sie liebt
    die lndliche Stille und was Tonkunst, Natur und Freundschaft dem
    Betrbten trstliches zu biethen vermgen, das wird unser Antheil
    seyn.

    Richard.

Theodor konnte diesen freundschaftlichen Ruf nicht ausschlagen. Er
folgte ihm und fand nie Ursache, es zu bereuen.

Eugenia freute sich schwesterlich, als sie nach und nach aus Theodors
Briefen die Ueberzeugung schpfte da die Zeit und sein Verhltnis bei
und zu Richard seinen Schmerz ruhiger gemacht habe. Sie vereinigten
sich endlich zu einer gemeinschaftlichen Kunstthtigkeit. Eugenia
schrieb treffliche Werke fr die Bhne, doch alle ernsten und
tragischen Inhalts; denn auch sie hatte durch ihr Geschick eine andere
Ansicht des Lebens erhalten und fhlte sich mehr zur stillen Schwermuth
als zum lauten Frohsinn geneigt, welcher Stimmung sie aber nie die
Herrschaft im Umgange mit ihrem Gatten und ihren Freunden einrumte:
sondern hier eine ruhige, alles beglckende Heiterkeit zeigte. Aber
jene Produckte ihrer Feder sprachen ihren wahren Charakter aus und
diese gehaltvollen Worte sezte Theodor dann in Musiek. So entstanden
mehrere groe Opern, welche den Liebhabern des Theaters vielen Genu
gewhrten.


Albina, aber lieber in der wirklichen Welt lebend, wurde eine beraus
treue Mutter von vier eigenen wunderschnen und liebenswrdigen
Kindern; doch empfanden Guido's Sohn und Tochter keine Beeintrchtigung
der mtterlichen Liebe und Sorgfalt durch Jene. Sie schpften mit
diesen aus der Flle ihres milden und geistreichen Wesens. Guido fand
den Himmel auf Erden in dem Besitz seiner Albina und wer in ihrer Nhe
lebte, freute sich doppelt seines Daseyns in dem Wiederschein und den
Wirkungen ihrer Tugenden. Auch die alttglichsten Geschfte, auch die
gewhnlichsten Neigungen hatten bei ihr Sinn und Bedeutung und dienten
ihr dazu, die Lebenstage Anderer zu verschnern und ihren eigenen
zarten und tiefen Gefhl, Genge zu leisten.


So war sie auch ihr ganzes Leben hindurch eine Freundin der Blumen:
denn sie waren ja ihre ersten Gespielen und die Begrnder ihres Glcks.
Doch vorzglich liebte sie unter ihnen diejenigen, welche einst, in
jenem folgereichen Augenblick Langenheim zum Geschenk fr seine Gattin
in ihrem Krbchen zusammengesucht hatte; und als sie -- eine wrdige
Greisin -- ihr schnes Leben endigte: war, nach ihrem ausgesprochenen
Wunsch, ihr einziger Schmuck ein Strau von ~Granaten~,
~Nelken~ und ~Jelngerjelieber~, welchen die ihrigen unter
heien Thrnen in ihre kalte Hand legten.




Funote:

[* Bei dieser Reisebeschreibung wurde von der Verfaerin, das
schtzbare Werk, ~Erinnerungen~ von einer Reise in den Jahren
1803-1804-1805. von ~Johann Schoppenhauer~ hie und da bentzt.]






End of Project Gutenberg's Albina das Blumenmdchen, by Constanze Reinhold

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    Chief Executive and Director
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ways including checks, online payments and credit card donations. To
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Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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