Project Gutenberg's Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by Jakob Wassermann

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Title: Olivia oder Die unsichtbare Lampe

Author: Jakob Wassermann

Release Date: June 18, 2007 [EBook #21860]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE ***




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                                Olivia
                                 oder
                        Die unsichtbare Lampe


                               Erzhlung
                                  von

                           Jakob Wassermann




Im Hause des Professors Khuenbeck, eines angesehenen Wiener Arztes, war
groe Gesellschaft. Man hatte reich getafelt, die Unterhaltung war im
besten Flu, und wie auf viele andere Dinge kam die Rede auch auf die
Kinder. Eine Dame, die vor kurzem das Tchterchen des Hauses flchtig
gesehen hatte, rhmte dessen besondere Schnheit und Lieblichkeit. Frau
Khuenbeck lchelte geschmeichelt, einige andere Damen gaben ihr
Verlangen kund, das Mdchen zu sehen, den Hinweis auf die spte Stunde
lieen sie nicht gelten, und sie wandten sich an den Professor, der,
unschlssig und wie beschmt, nicht wute, wie er die Bitte aufnehmen
sollte. Indessen hatte Frau Khuenbeck, die einer eitlen Regung nicht zu
widerstehen vermochte, einem der Dienstboten einen Wink gegeben und ging
dann selbst in das Zimmer, wo ihre beiden Kinder schliefen, der
zweijhrige Ferdinand und die sechsjhrige Olivia.

Schon sa Olivia auf dem Scho des Dienstmdchens, die Augen voll
Schlaf; es wurde ihr ein Atlaskleidchen angetan, die Haare wurden ihr
gekmmt, weie Strmpfe und weie Schuhe kamen an die Beinchen, und so
trug sie die Mutter in die strahlend erleuchteten Rume hinber. Die
Gste scharten sich um Mutter und Kind; ein Laut der berraschung und
Befriedigung tnte ihnen entgegen. Olivia blickte voll Angst und Zagen
in die vielen fremden Gesichter, deren Neugierde und Erstaunen ihr
unbegreiflich waren.

Abseits von allen stand ein junger Mann und schaute still auf die
Gruppe. Er dachte, da der Professor dem Schauspiel ein Ende bereiten
werde; da dies aber nicht geschah, rief er pltzlich mit scharfer, ja
barscher Stimme aus: Gndige Frau, stecken Sie doch den armen Wurm
wieder ins Bett; den Rummel wird er ohnedies bald genug kennen lernen.

Alle lachten; Frau Khuenbeck errtete und trug das Kind schnell hinaus.

Olivia hatte die Worte gehrt und verstanden; sie bewahrte dem, der sie
gesprochen, heimlichen Dank. Der junge Mann verkehrte oft im Hause; bald
wute sie seinen Namen; er hie Robert Lamm und war damals noch ein
unbeachteter Beamter im Ministerium.

Stets, wenn sie ihn sah, hatte sie dasselbe Dankgefhl; in Stunden
kindlicher Bedrngnis tauchte ihr sein Bild als das eines Helfers auf.
Er war die Verkrperung einer strengeren Schutzgottheit neben der
sanften des Vaters.

       *       *       *       *       *

Wenn der Professor an seinem Schreibtisch sa, geschah es oft, da sich
Olivia ins Zimmer stahl, sich ganz leise auf den Teppich zu seinen Fen
niederlie und in Bchern und in Heften bltterte, die auf dem Boden
aufgeschichtet lagen. Meist bemerkte sie der Professor erst, wenn er
die Feder weglegte und sich erhob; dann sagte er: Du bist da, Kind?
und lchelte. Olivia war glcklich, da es ihr gelungen war, ihn nicht
zu stren.

Manchmal machte er kleine Spaziergnge im Park, dann nahm er Olivia mit
und fhrte sie an der Hand. Verwundert betrachteten die Leute das schne
Kind. Olivia glaubte jedoch immer, da sie nach dem Vater sahen, der so
nachdenklich und voll Wrde dahinschritt. Sie war stolz auf ihn.

Einst hatte Olivia die Mutter belogen. Sie war mit dem Frulein im
Prater gewesen und hatte gesagt, sie sei bei ihrer Tante, Frau von
Scheyern, gewesen. Ihr Bruder Ferdinand hatte sie in aller Unschuld
verraten. In der Entrstung darber forderte die Mutter, da sie zur
Strafe in einer Ecke knien sollte. Olivia weigerte sich aber mit solcher
Leidenschaft, da die Mutter immer mehr in Zorn geriet. Da kam der
Professor in die Stube; ihn sehen und an seinen Hals strzen, war fr
Olivia eins; sie wollte nicht knien, schluchzte sie und klammerte sich
so krampfhaft an den Vater, da der erschrockene Mann alle Mhe hatte,
sie zu beruhigen.

Etwa ein Jahr nach diesem Vorfall, Olivia war damals elf Jahre alt, trat
der Professor eine Erholungsreise nach Italien an. Olivia empfand seine
Abwesenheit schmerzlich, und jeden Morgen setzte sie sich hin und
schrieb ihm einen Brief. In Neapel wurde der Professor schwer krank und
starb eines pltzlichen Todes.

Olivia begriff es nicht. Der Leichnam kam, die Beerdigung fand statt,
viele Leute waren im Haus, die Mutter weinte, der Bruder, die Verwandten
weinten, Olivia begriff es nicht. Fr sie war der Vater immer noch
verreist; sie glaubte und begriff nicht seinen Tod.

Tag fr Tag setzte sie sich hin und schrieb ihm einen Brief. Sie teilte
ihm die kleinen Ereignisse ihres Lebens mit, erzhlte von der Mutter und
von Ferdinand, sprach von ihren Vorstzen, von ihrem Eifer, zu lernen,
von ihrem Wunsch, etwas zu werden und ihm Ehre zu machen. Da sie aber
keine Adresse wute, sammelte sie alle Briefe in einer Mappe, -- so
lange, bis sie endlich begriff.

       *       *       *       *       *

Die groen Einnahmen des Professors waren von dem luxurisen Haushalt
verschlungen worden; nach seinem Tod blieb nur ein bescheidenes Kapital
brig, und Frau Khuenbeck sah sich zur Sparsamkeit gezwungen.

Bei der Ordnung der Vermgensangelegenheiten und des neuen Lebens war es
Robert Lamm, der der Witwe als Freund zur Seite stand. Frau Khuenbeck
hatte einen an Furcht grenzenden Respekt vor ihm. Auf Ferdinands
Erziehung bte er einen entscheidenden Einflu, whrend er Olivias Tun
und Lassen gleichmtiger zu betrachten schien.

Robert Lamm hatte in wenigen Jahren eine bedeutende Laufbahn
zurckgelegt, die selbst von belwollenden seinen Verdiensten
zugerechnet wurde. Er war Hofrat am Verwaltungsgerichtshof, hatte
beneidete Auszeichnungen erhalten und geno als juristischer
Schriftsteller den Ruf einer Autoritt.

Sein Wesen verkndete Mut und Entschlossenheit; er war der Schrecken
ganzer Heere von Beamten, denn ihm war eine seltene Kraft eigen, nmlich
eine Sache, die er fr gut und gerecht hielt, durchzusetzen.

Von frh an atmete Olivia gern die Luft um diese ehrliche, furchtlose
und derbe Persnlichkeit. Sie kam ihm herzlich entgegen, und er hatte
immer ein herzliches Wort fr sie. Whrend er mit der Mutter sprach,
stand sie in seiner Nhe; lchelte er ihr zu, so ging sie hin und lehnte
sich an seine Schulter.

Aber als sie zum Frulein heranwuchs, wurde er frmlicher. Er hrte
pltzlich auf sie zu duzen; Olivia erhob Einwnde. Er verbeugte sich und
sagte, wenn sie es ausdrcklich verlange und die gndige Frau, er
verbeugte sich gegen Frau Khuenbeck, es erlaube, werde er sie wieder
duzen, doch drfe es keine einseitige Freiheit bleiben, sie msse ihn
dann ebenfalls duzen. Aber ich habe es ja immer getan! rief Olivia
erstaunt. -- Gewi, nur pat mir der Onkel nicht, erwiderte er mit
einer Grimasse, ich hasse die Onkels.

So nannte sie ihn also Robert und Du. Gleichwohl behielt er seine
Frmlichkeit bei, die den Charakter spttischer Galanterie annahm, als
ihm manches an Olivias Lebensfhrung zu mifallen begann. Sie war so
eifervoll, so lernwtig, so auf Bcher versessen, so atemlos ttig, das
mifiel ihm; er uerte sich nicht darber, er wurde nur immer
spttischer und galanter.

Eines Abends kam er, als Olivia bei einem Buch sa. Er beugte sich ber
ihre Schulter, sah noch genauer hin, schttelte den Kopf, und da ihn
Olivia fragend anschaute, nahm er das Buch, bltterte, schttelte
abermals den Kopf und fragte endlich: Wie alt bist du denn jetzt?

Siebzehn war ich, antwortete Olivia. Ihr Haar leuchtete wie Gold im
Lichte der Lampe.

Siebzehn Jahre, und Plato im Original! rief der Hofrat aus. Sein
Gesicht war so traurig, da Olivia lachen mute.

Und womit sie ihren Kopf sonst noch plagt, mischte sich die Mutter ins
Gesprch; Mathematik und Philosophie und Literatur und Geschichte und
Klavierspiel und Vortrge, wahrhaftig, mir schwindelt, wenn ich zusehe.

So oft nun der Hofrat da war, hatte er immer denselben Blick fr Olivia,
in dem zugleich Kritik und Bedauern lag. Der Blick sagte: was soll es
dir ntzen, Mdchen, Plato im Original zu lesen? Wozu schlingst du tote
Wissenschaft in dich hinein? Was sollen dir die Scharteken?

Wahrscheinlich wute er zu wenig von der Jugend, mit der Olivia
aufwuchs; von ihrem Heihunger nach neuem Stoff und neuer Form, nach
Gehalt und Entfaltung. Dies Geschlecht mute sich alles ertrotzen,
Arbeit und Genu, Urteil und Zukunft, wenn es den Erbbeln des Landes
und der Rasse nicht erliegen wollte: der Frivolitt und der Trgheit.
Verloren sie in ihrem Trieb, sich hinzugeben, das Ma, so durften sie
doch die Vorsichtigen verachten, die bequemen Romantiker, die feigen
Hter des Herkmmlichen.

Er wute nichts von dieser Jugend, sah nicht Lebensflle und
hoffnungsvolles Werden, sondern bergriff und Eitelkeit. Einst kam er zu
Frau Khuenbeck und war enttuscht, Olivia nicht zu treffen. Sie war ins
Konzert gegangen. Es ist das zweite in dieser Woche, sagte Frau
Khuenbeck; und einmal Theater, und einmal eine Bilderausstellung, und
am Sonntag auf den Schneeberg. Sie ist nicht zu halten, ich wei nicht,
wo sie die Zeit und die Kraft zu allem hernimmt.

Und das da auch noch, sagte der Hofrat, und deutete auf einen
Tennisschlger und ein Paar weie Schuhe, die auf einem Stuhle lagen.

Ja, das auch, antwortete Frau Khuenbeck. Als sie das finstere Gesicht
des Hofrats gewahrte, fgte sie rasch hinzu: Aber es ist nicht
Vergngungssucht, wie Sie vielleicht meinen, es ist etwas anderes. Sie
ist von allem, was sie macht, so voll und tut alles, was sie tut, so
freudig, da man es nicht bers Herz bringt, sie zu stren.

Diese Begrndung war fr den Hofrat ein Schall. Olivia war schn; das
allein gab ihr Wert in seinen Augen. Alle Beflissenen waren hlich;
Bcher machten hlich, Wissen machte hlich, sich unter die Menschen
zu drngen, machte hlich. Auf Sportpltzen die Glieder verrenken, die
Fe durch plumpes Schuhwerk verunstalten und mit groben Stoffen
bekleidet sich den Unbilden des Wetters aussetzen, das nannte er ein
unerquickliches Schauspiel. Der Schnheit flo alles zu, sie raubte der
Natur nichts, sie lie sich von ihr beschenken, Schnheit war einsam,
war sich selbst genug, sich selbst Gesetz, und Olivia verging sich gegen
das Gesetz.

Er erkaltete gegen Olivia, und seine Besuche wurden immer seltener.

       *       *       *       *       *

Um diese Zeit wurde Olivia von einer heftigen Schwrmerei fr einen
genialen Kapellmeister und Komponisten ergriffen, der wie ein Feuer
unter die Gilde der stadtansssigen Musiker gefahren war und das
Publikum erst unterwarf, als es sich von seinem Staunen ber ihn erholt
hatte.

Er war mit dem Hofrat Lamm befreundet, und einmal begegnete sie den
beiden, die in eifrigem Gesprch waren. Der Hofrat grte sie und blieb
stehen; er machte sie mit dem vergtterten Manne bekannt. Sie wurde
bla, stammelte ein paar Worte, verstummte und ging dann weiter. Sie
hatte seine Stimme gehrt, und diese Stimme blieb ihr unvergelich. Die
Stimme eines Menschen konnte sie beleidigen und enttuschen, aber auch
beglcken und bezaubern. Seine Stimme hatte ihre Seele tiefer angerhrt
als irgendeine zuvor.

Im Sommer weilte er auf seiner Besitzung an einem Gebirgssee. Olivia
wute die Mutter zu berreden, da sie dort die Ferien verbrachten. An
vielen Tagen, in Mondnchten wandelte sie andchtig die Pfade, auf denen
er gegangen war. Seine persnliche Nhe suchte sie gar nicht; er war
immer so versponnen, so verwhlt, so abgewandt; sie war zufrieden, wenn
sie ihn einmal des Tages von ferne sah.

Eines Morgens gewahrte sie ihn zwischen Blumenbeeten. Er glaubte sich
unbeobachtet; bei einem Strau beugte er sich nieder, um zu riechen. Die
Zrtlichkeit der Bewegung hatte fr Olivia etwas Auerordentliches. Von
da an schaute sie Blumen mit andern Augen an. Es muten stets Blumen in
ihrem Zimmer sein, zu jeder Zeit des Jahres. Sie bego sie, pflegte sie,
freute sich, wenn sie blhten, und trauerte, wenn sie welkten.

Als der Musiker eines frhen Todes starb, gab sie alles Geld, das sie
besa, fr Blumen aus und schmckte mit ihnen sein Grab. Die unschuldige
und wunschlose Leidenschaft hatte ihr Herz fr Menschen noch
empfnglicher gemacht.

Gelehrtes und Gelerntes verlor an Bedeutung gegenber dem lebendigen Auf
und Ab der Schicksale. Freunde zu gewinnen, mit Freunden zu sein, an
Freunde sich auszuteilen, war Glck. So wurde sie vielfach in die
Geschicke der Menschen verflochten, vielfach beansprucht. Manches, was
im Spiel begonnen war, verwandelte sich in bitteren Ernst; Vertrauen
wurde mibraucht, Offenheit verkannt, Gte zurckgestoen, Wahrheit in
Lge verkehrt. Aber auch dies war fr Olivia ein Stck des groen
Reichtums, waren angefaulte Frchte von dem Baum, der ein berma der
guten gab.

Wie liebte sie die Welt, das Leben, die Stunde! Sie freute sich jeden
Morgen ber ihr Erwachen, ber den Himmel, die Luft, das Licht, die
Zeit, ber alles, was sie sich vorgesetzt hatte und was andere von ihr
erwarteten, ber ein Gesprch, das sie gestern gefhrt hatte, einen
Spaziergang, den sie heute machen wollte, ber ihren eigenen Krper,
ber jedes Ding in ihrer Stube.

       *       *       *       *       *

Ihre beste Freundin, noch vom Gymnasium her, war Marianne von Friesheim,
ein zartes, hochaufgeschossenes Mdchen von ernstem Wesen. Mariannes
Vater war ein hoher Regierungsbeamter, Sektionschef und Exzellenz, und
durch seine Verheiratung mit der Tochter eines ungarischen Magnaten
einer der reichsten Mnner des Landes.

Olivia kam beinahe tglich ins Haus, und alle, von der Exzellenz bis zum
geringsten Dienstboten, bewunderten und verwhnten sie. Wenn der
Sektionschef ins Zimmer trat, wo sie war, ging ein Leuchten ber sein
rotes, grobes Gesicht; er setzte sich eine Weile zu ihr und plauderte
mit ihr. Olivia hatte Sympathie fr ihn; er schien ein gtiger Vater und
ein wohlwollender Mensch zu sein.

Frau von Friesheim machte Olivia zur Vertrauten ihrer Sorgen. Ihr Sohn
Eduard, ein junger Arzt, hatte seit einigen Monaten eine Beziehung zu
einer Dame der Gesellschaft, deren mittelpunktloses und unberechenbares
Wesen schon manchem ihrer Anbeter verhngnisvoll geworden war. Eduard,
ohnehin verschlossenen Gemts und von eigenwilliger Lebenshaltung, wurde
durch den Umgang mit dieser Frau den Seinen vollends entfremdet. Nur an
der Schwester hing er, und ihr hatte er auch vor kurzem mitgeteilt, da
es sein Vorsatz sei, die geliebte Frau zu heiraten. Hierber war Frau
von Friesheim sehr unglcklich, und als sie bemerkte, da zwischen
Eduard und Olivia ein freundschaftliches Verhltnis entstand, legte sie
ihr nahe, sie mge alles aufbieten, um ihn dem gefhrlichen Einflu
jener Frau zu entziehen.

Es war eine wunderliche Aufgabe; Olivia mute lachen. Auf der anderen
Seite war es der Sektionschef, der ebenfalls eine heikle Aufgabe fr sie
hatte. Marianne nmlich hatte eine Neigung zu einem jungen Maler gefat;
Georg Ingbert war sein Name. Er stand noch ganz im Dunkeln, und wie es
auch mit seinem Talent beschaffen sein mochte, Ehrgeiz oder Ungeduld,
sich geltend zu machen, besa er nicht. Er war im Gegenteil voll
Gelassenheit, und dieser Gelassenheit war eine bei einem Mann seltene
Anmut beigegeben, Anmut des Geistes, des Herzens und des Krpers. Wenn
man ihn und Marianne sah, konnte man sie nicht anders als miteinander
verbunden denken.

Whrend nun Frau von Friesheim die Liebe dieser beiden mit auffallender
Nachsicht betrachtete, erblickte der Sektionschef ein Unglck fr seine
Tochter darin. Eduards Leidenschaft erschien ihm als eine flchtige
Verirrung, und er meinte, wenn man ihm nur Zeit lasse und nicht durch
Widerstand seinen Trotz errege, werde die Vernunft siegen. Marianne sah
er tiefer verstrickt; er kannte die Treue ihrer Natur und, bei aller
Mildheit, die Kraft ihres Gefhls. Er schtzte die Knstler gering; die
meisten waren Schmarotzer nach seiner Meinung. Und er forderte, Olivia
solle Marianne dazu bringen, da sie dem Maler entsage.

Olivia antwortete ihm, hierzu fhle sie sich nicht berechtigt, und als
seine Versuche dringlicher wurden, bot sie viel Beredsamkeit auf, um ihn
zu berzeugen, da man zwei Menschen, die durch Bestimmung
zusammengefhrt worden, nicht voneinander reien knne, ohne ihren
Lebenskern zu verwunden. Er bestritt dieses, unerschpflich in Grnden,
Olivia blieb standhaft und entwaffnete ihn durch ihre heitere Ruhe;
schlielich schien es, als bereite ihm das Wortgefecht an sich selber
Freude und als vergesse er den ernsthaften Anla. Wenn er mit ihr rede,
bekannte er einmal, komme es ihm allerdings vor, als sei es am besten,
dem Schicksal seinen Lauf zu lassen, und doch drfe es nicht sein, um
keinen Preis werde er sich fgen. Olivia schaute ihn an, und als sie
seinen finstern Blick sah, erschrak sie und wurde in ihrem bisherigen
Urteil ber ihn ein wenig irre.

Sie ging mit der Familie aufs Land, auch der Maler kam zu Besuch. Sie
begleitete Ingbert und Marianne auf ihren Spaziergngen und ermunterte
Eduard, mitzugehen, um jenen die Gelegenheit zu verschaffen, miteinander
zu sprechen. In einem benachbarten Ort wohnte Anita Grger, Eduards
Geliebte, und er bat Olivia, sie mge die Frau kennen lernen. Sie lie
sich zu ihr fhren, und er merkte ihr an, da ihr die Frau nicht gefiel.
Da er sie um Offenheit drngte, gestand sie es zu; die Frau sei ihr
unheimlich, sagte sie. Ich frchte, Anita wird Sie nicht glcklich
machen, uerte sie ein anderes Mal zgernd. Eduard war bestrzt und
kam immer wieder darauf zurck. Sie bereute ihre Voreiligkeit, doch sie
hatte seinen eigenen Zweifeln Nahrung gegeben. Wenn er bei Anita gewesen
war, suchte er Olivias Nhe; Anita begann ihr zu mitrauen und qulte
Eduard durch ihre Eifersucht. Es gab verschwiegene Zusammenknfte zu
zweien und zu dreien, lebhafte Auseinandersetzungen, Briefe wurden
getauscht, und bald sah sich Olivia bedenklich verstrickt, da Eduards
Herz sich ihr entschiedener zuwandte.

Nun mute sie abwehren, und sie tat es begtigend. Es war ihr alles ein
Spiel. Eduard war ihr im Innersten fremd; seine Freundschaft mochte sie
aber nicht missen. Er war klug, ehrenhaft und verllich. Sie sprte,
da sie ihm ein Gleichnis gegen die andere war, und da die andere dabei
verlor. So stellte sie sich in den Schatten und floh, wenn er sie
suchte. Ingbert merkte, was zwischen ihr und Eduard vorging. Sie wollte
seinen Rat haben, doch er war zurckhaltend und hrte mit seinem
reizenden Lcheln zu.

Eines Abends sa sie mit Ingbert am Waldrand; Marianne war bettlgerig,
Eduard war fr ein paar Tage verreist. Sie sprachen ber die beiden,
ber die Eltern, ber das Leben im Hause; pltzlich sagte Ingbert, der
Zustand, in dem er sich befinde, schmerze ihn, er enthalte etwas
Vergebliches und Knstliches, da er doch genau wisse, da Marianne ihm
niemals angehren wrde. Als Olivia widersprechen wollte, legte er seine
Hand auf ihre und fuhr fort, es sei kein Trost vonnten, er beklage sich
ja nicht, er klage auch nicht an; da Herr von Friesheim gegen ihn
eingenommen sei, begreife er, doch getraue er sich, den Kampf gegen ihn
aufzunehmen; jede uere Schwierigkeit sei berwindlich. Es liege nicht
an dem; es liege an ihm selbst. Er sei der Freiheit versprochen, damit
steige oder falle sein Stern.

Fragen Sie nicht, warum es dann so weit gekommen ist, schlo er leise;
das Herz geht seinen Weg, das Schicksal geht einen andern Weg. Das Herz
lt sich verfhren, die innere Stimme schweigt lange. Auf einmal aber
spricht sie, und man steht sndig da und will doch nicht noch mehr
sndigen.

Olivia wute nichts zu erwidern. Sie ging ins Haus, setzte sich an
Mariannes Bett und nahm ihre Hand. Wre es nicht dunkel im Zimmer
gewesen, Marianne htte ihre Blsse und Erregung merken mssen. Ingbert
war auf der Bank geblieben, man hrte ihn eines der alten Lieder singen,
die er liebte und in entzckender Weise vorzutragen wute. Marianne
prete Olivias Finger; Olivia hatte ein selig hinziehendes Gefhl; sie
wnschte, Ingbert mge sie holen und mit ihr weit fortwandern.

Sie fragte sich, weshalb er sich Marianne nicht erffnete, und wartete,
da sie sich gegeneinander aussprachen. Dies geschah aber nicht, und
Olivia zrnte Ingbert. Doch wenn sie Marianne ansah, die so kindlich
hoffte, verstand sie seine Unschlssigkeit. Er hatte etwas so Gtiges an
sich, da man billigen mute, was immer er tat, und bald wurde Olivia
gewahr, da ihre Gedanken an ihn zum Verrat an Marianne wurden.

Indessen kehrte Eduard von seiner Reise zurck und brachte zwei Freunde
mit; auch Freundinnen Olivias und Mariannes kamen zu Besuch. Es
entwickelte sich eine lebhafte Geselligkeit, Feste wurden gefeiert,
Fahrten und Wanderungen unternommen. Eduard suchte bei jedem Anla
Olivias Nhe, Ingbert und Olivia trieben wie durch eine unwiderstehliche
Strmung einander im verborgenen zu; Marianne begann endlich zu ahnen
und litt still, und Anita Grger war der ruhlose Geist, der bisweilen
verdsternd durch die herzlich bewegte Kleinwelt zog.

Stiegen auch Schatten empor, fr Olivia war alles noch ein Spiel. In der
Luft von Leidenschaft und Begehren, Forderung und Abwehr, Spannung und
Sehnsucht atmete sie gern, verlor sich aber keineswegs und bte sich in
jeder Kraft, die das Lebensgefhl erhhte. Hier eine Getuschte, dort
ein Schwankender, hier eine Verblendete, dort ein Entflammter, sie stand
immer in der Mitte und regierte; sie knpfte Fden und lste Fden,
verpflichtete sich zum Schein, entzog sich, wenn Gefahr drohte, ganz
nach ihrem Gefallen.

       *       *       *       *       *

Gegen Ende des Sommers, als die Gste schon abgereist waren,
verabredeten sich die Geschwister und Ingbert und Olivia zu einem
Ausflug in die Dolomiten.

An einem Augustabend kamen sie mde und staubbedeckt vom Rosengarten her
ins Karerseehotel, und als sie in die fr Touristen bestimmte
Wirtschaftsstube traten, bot sich ihnen ein wunderliches Bild. Um einen
Tisch waren mehr als zwanzig junge Mdchen in Abendkleidern gruppiert;
ein Herr, der den Frack ausgezogen und die rmel des Frackhemdes ber
die Ellbogen gestlpt hatte, bereitete in einer mchtigen Schssel eine
Bowle. Auf dem Tisch standen Champagner- und Weinflaschen, Gefe mit
Erdbeeren und Zucker. Voll sachlichem Ernst verrichtete der Herr seine
Arbeit, mischte die Getrnke, rhrte mit dem Lffel, kostete mit einem
andern Lffel, und immer, wenn ihm eines der Mdchen eine Flasche
reichte, sagte er etwas, worber alle in frhliches Gelchter
ausbrachen.

Sie kamen vom Diner und hatten die sogenannte Schwemme aufgesucht, um in
ihrer Lustigkeit nicht gestrt zu sein.

Olivia, die sich anfangs um die Gesellschaft nicht gekmmert hatte,
schaute dann doch hinber, fast ein wenig neidisch, und als die Gruppe
auseinandertrat, weil die Glser zum Einschenken gebracht wurden,
erkannte sie in dem Mann an der Bowlenschssel den Hofrat Lamm. Sie
errtete vor Freude.

Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, aber er war
unverndert. Trotz seiner fnfundvierzig Jahre war seine Gestalt noch
jugendlich schlank, seine Haltung straff und sein Gesicht frisch.

Er warf einen seiner durchdringenden Blicke an den Tisch, wo die vier
saen, und erkannte nun auch Olivia. Er verbeugte sich in seiner
ironisch galanten Art, ohne besondere berraschung zu zeigen, als htte
er sie gestern erst gesehen. Es verdro Olivia, da er nicht kam, um sie
zu begren; sie rgerte sich ber die jungen Mdchen, die ihn so
zudringlich umschwrmten, und fand ihre Ausgelassenheit gemacht. Als er
nach einer Weile das Glas gegen sie hob, um ihr zuzutrinken, dankte sie
khl.

Eduard fragte spttisch, wer der Hahn im Korbe sei, sie gab unwillig
Auskunft, mute aber pltzlich lachen, da sie eine sarkastische
Bemerkung des Hofrats ber eines der Mdchen aufgefangen hatte. Die
andern Mdchen kreischten, jetzt kamen auch einige junge Mnner hinzu,
und die Gesellschaft wurde sehr lrmend. Der Hofrat hatte seinen Frack
wieder angezogen, und pltzlich schritt er auf Olivia zu und reichte ihr
die Hand.

Olivia stellte ihre Freunde vor. Bei dem Namen Friesheim zuckte er
sichtlich zusammen. Er nahm am Tische Platz, und obwohl er drben die
beste Laune gezeigt hatte, war er seit dem Augenblick, wo er sich an den
Tisch gesetzt hatte, einsilbig und verstimmt. Mit gerunzelter Stirn
stellte er ein paar Fragen, dann erhob er sich wieder, verabschiedete
sich steif und ging aus dem Zimmer. Die jungen Mdchen riefen ihm nach,
aber er kmmerte sich nicht um sie.

Olivia war bedrckt wie schon lange nicht. Sie sagte, sie wolle schlafen
gehen, nahm ihren Rucksack und lie sich von der Kellnerin in eine der
Touristenkammern fhren. Trotz ihrer Mdigkeit schlief sie schlecht.
Schon um fnf Uhr stand sie auf und ging hinaus. Die Berge waren von der
frhen Sonne umglht, aus dem Wald strmte ein feuchter, kalter,
harziger Duft. Sie ging ber einen Wiesenweg und bog wie eine Trinkende
den Kopf zurck.

Da schallte ein Gru an ihr Ohr; sie drehte sich um und gewahrte den
Hofrat. Er war in Steirertracht; auf dem Lodenhut stak ein
reichbuschiger Gemsbart. Er glich nicht einem verkleideten Stdter,
sondern sah ganz urwchsig aus, sehnig, robust, sonnegebrunt.

Er nannte ihr die welsch klingenden Namen der Gipfel und Gletscher, die
gegen Sden lagen, und erzhlte ihr von den Touren, die er gemacht. Er
fragte, ob sie gefrhstckt habe, und als sie verneinte, gab er ihr eine
Tafel Schokolade. Zuerst angeregt, schien er pltzlich wieder zerstreut.
Dann beschmte ihn ein forschender Blick Olivias, und er zwang sich zum
Reden. Da dies Olivia peinigte, fragte sie ihn geradezu nach dem Grund
seiner gestrigen jhen Verstimmung.

Er bedachte sich kurz und antwortete, er habe schon davon gehrt, da
sie fleiig im Hause Friesheim verkehre; die beiden jungen Leute, in
deren Begleitung sie sich befinde, seien ja wohl Sohn und Tochter des
Sektionschefs. Olivia nickte. Wenn dem so sei, fuhr er fort, erbrigten
sich alle Erklrungen. Seine Stimme war schneidend, sein Blick finster.
Olivia blieb stehen und schaute ihn erstaunt an.

Sie waren auf einem Felsenpfad, ziemlich hoch; zur Linken fiel der
Abgrund steil hinunter. Auf einmal fhlte sich Olivia von den Hnden des
Hofrats heftig an den Armen gepackt und mit unerwarteter Kraft gegen die
Tiefe gedrngt. Sie schrie erschrocken, ihr bestrztes Gesicht war ihm
zugewendet; da lie er sie los und lachte grimmig. Es ist nicht viel
anders, als wenn ich dich da hineinwrfe, sagte er; schlimmer noch.
Mit solchen Menschen umgehen, das heit, allen Anspruch auf Achtung
verwirken und seinen Namen beflecken.

Mit entsetzten Augen fragte Olivia. Du httest dich vorsehen sollen,
begann der Hofrat wieder; eine Person wie du ist verpflichtet, Instinkt
zu haben und nicht in den Dreck zu steigen, wo er am klebrigsten ist.
Dieser Mann, in dessen Gehege du so munter herumspazierst, ist einer
unserer verderblichsten Praktikenmacher und Gelegenheitsjger, ein
Streber und Schleicher von einem Format, da sogar unsere vielbesungene
Gemtlichkeit keinen Reim mehr auf ihn zu finden wei. Dieser Mann ist
imstande, wenn sich zehn fhige Leute zu einem Posten gemeldet haben,
ihn mit dem elften zu besetzen, der gnzlich unfhig ist, und nicht
vielleicht aus Unwissenheit, nicht immer blo deshalb, weil der elfte
ein Freunderl oder der Freund eines Freunderls ist, sondern aus purem
Vergngen an der Unfhigkeit und aus Bosheit und Neid gegen die Fhigen.
Dieser Mann ist einer von denen, die nie einen Richter brauchen, weil
sie alles Recht so lange verschleppen, bis der Klger erschpft und
kirre gemacht ist; einer von denen, die mit der Peitsche auf die Pferde
einhauen, wenn der Wagen den Berg hinauf soll, und insgeheim den
Hemmschuh ans Rad legen. Dieser Mann ist ein Symbol, er ist mein Feind,
er ist schlechthin der Feind; ihn unschdlich zu machen, habe ich schon
meine beste Kraft verschwendet. Und nun geh hin und setz' dich wieder an
seinen Tisch und tu, als wtest du von nichts.

Er hatte scharf und kalt gesprochen wie ein Sachwalter vor dem Tribunal.
Olivia zitterte das Herz; sie ging mit niedergeschlagenen Augen gleich
einem gescholtenen Kind. Der Hofrat nahm einen Stein, schleuderte ihn
in den Abgrund und lauschte bis das Gepolter verklungen war. Dann lachte
er.

Warum lachst du? flsterte Olivia, ohne den Kopf zu erheben.

Ich lache, weil es so schn ist, antwortete er, weil die Sonne so
freundlich scheint und der Himmel so blau ist. Und weil unser Herrgott
soviel Geduld hat. Und weil die Bowle gestern so vorzglich war, und
weil berhaupt alles so famos ist.

Pltzlich dnkte es Olivia, als sei die ganze Welt grau geworden.

Sie sagte: Ich habe bisher nichts von deinem Leben gewut, Robert. Ich
habe dich fr einen Menschen gehalten, der in seinem Beruf glcklich
ist.

Abermals lie er sein kurzes, hhnisches Lachen hren. Dann schwieg er
eine Weile, und sein Gesicht wurde ernst. Darauf fing er an, von seinem
Leben zu sprechen, von dem Beruf, in dem sie ihn glcklich whnte. Von
den Untergebenen und den Vorgesetzten; wie ihn jene lhmten und diese
ihm mitrauten. Wie nirgends ein Wille galt, nirgends Einsicht des
Besseren, nirgends Vernunft, blo Vorschrift, blo der Buchstabe, das
halbe Ungefhr, das veraltete Gutdnken, die sinnlose Herrschaft derer
vom Schlage Friesheim. Wie jeder Schritt nach vorwrts auf Fallen stoe,
das wohlwollende Ermessen selbst im engsten Kreis behindert sei durch
unangreifbare Idole und lgenhafte Grundstze. Wie kein Weg aus diesem
Pfuhl fhre, an dem nicht die Dummheit Wache hielt, oder die Phrase,
oder die Pedanterie, oder die Verleumdung, oder die Bequemlichkeit, oder
der Eigennutz, oder der Neid.

Es war Flamme in seinen Worten, dabei auch Witz; eine bissige
Schadenfreude, als bereite es ihm Spa, Illusionen zu zerstren.

Und er zerstrte Illusionen, grndlich. Ein eisiger Hauch wehte durch
Olivias Brust. Ihre Augen blickten verloren, ihre Wangen waren bla; es
war, als htte sich etwas Schmackhaftes auf ihrer Zunge in Ekles
verwandelt, als stnde dort, wo eine frohe Erwartung sie hingezogen, ein
Schreckbild. Sie staunte, sie strubte sich, sie glaubte nicht und
frchtete doch, zu zweifeln. Alles war pltzlich sonderbar anders.

An ihrer Schweigsamkeit merkten Eduard und Marianne, da etwas mit ihr
vorgegangen war. Sie hatten am selben Tag weiter wandern wollen, aber
Olivia konnte sich nicht zum Aufbruch entschlieen und schtzte eine
Unplichkeit vor. Ingbert fhlte sich in dem teuren und eleganten Hotel
nicht behaglich, und da die Geschwister zgerten, die Tour ohne Olivia
fortzusetzen, sagte er, er wolle allein seiner Wege gehen. Um sich zu
verabschieden, kam er in Olivias Zimmer und fand sie in tiefem
Nachdenken. Sie gab ihm die Hand, und als sie sprte, da er ihren Blick
forderte, sah sie ihn an. Ein wortloses Einanderbegreifen hatte sich
zwischen ihnen schon seit langem entfaltet. Der bekmmerte Ausdruck in
seinem klugen, ernsten Gesicht ging ihr nahe. Ehe sie es bedacht hatte,
zog sie seinen Kopf herab und kte ihn. Er errtete wie ein Knabe,
seine Verwirrung erfllte sie mit noch grerer Liebe, er drckte seine
Lippen auf ihre Hand und verlie sie stumm.

Es trieb sie zu Robert hin, und wenn sie bei ihm war, erschien sie sich
treulos gegen Eduard und Marianne. Und wenn sie bei Eduard und Marianne
war, peinigte sie deren argloses Wesen, und die beiden Menschen waren
ihr verdunkelt und entrckt. Marianne, die ber Ingberts Flucht
unglcklich war und Plne schmiedete, wie man ihn noch erreichen knnte,
nahm Olivias verndertes Betragen nicht schwer und war offen und
anschmiegend wie immer; Eduard jedoch deutete alles auf sich und sein
Verhltnis zu Olivia. Seine Erregung wuchs, er suchte eine Aussprache
herbeizufhren, er bat sie schlielich, ihm den Grund ihrer rtselhaften
Abkehr mitzuteilen. Sie erschrak; sie leugnete. Er ging nicht weiter
darauf ein und sagte, da er mit Anita Grger gebrochen habe. Sie wute,
was nun folgen wrde, sie hatte Angst davor, und mit einer Klte, die
ihn bleich machte, verbot sie ihm, davon zu sprechen. Da gingen sie
auseinander.

Am selben Abend schlug ihr Robert Lamm vor, sie solle mit ihm nach Hause
reisen. Sie willigte ein, ihn bis Salzburg zu begleiten, wo ihre Mutter
sie erwartete. Zu Eduard und Marianne sagte sie, die Mutter habe ihr
geschrieben und sie gerufen. Sie umarmte Marianne mit dem Gefhl einer
Trennung fr immer, Eduard schaute sie starr an, und so oft sie nachher
an sein verstrtes Gesicht dachte, wurde ihr weh zumute, und sie htte
die Erinnerung auslschen mgen.

Gegen den Hofrat war sie einsilbig, er seinerseits sprach nur von
gleichgltigen Dingen. Sie grollte ihm, wagte sich aber dem Groll nicht
zu berlassen; sie vermied es, seinem Blick zu begegnen, der whrend der
langen Eisenbahnfahrt zuweilen prfend auf ihr ruhte, und als sie von
Innsbruck ab allein im Coup waren, brach sie selbst das Schweigen aus
unbestimmter Angst. Sie begann von Menschen zu sprechen, die sie beide
kannten und von denen sie annahm, da er sie schtzte. Sie redete sich
in Eifer, entschuldigte Gewohnheiten und Handlungen dieser Menschen und
bertrieb ihre Vorzge, als seien sie von ihm angegriffen worden. Er
hrte mit scheinbarem Anteil zu, nickte manchmal ermunternd und schaute
in die Landschaft.

Da erschien ihr alles falsch und einfltig, was sie sagte, sie mochte
die schnen Gegenden nicht betrachten, durch die sie fuhren, und sie
fhlte mit Betrbnis, da sie all dieses Schne nicht mehr so liebte wie
sie es bisher geliebt. Es war, als htte Robert Lamm einen Schleier
darber gezogen, und als sei es fruchtlos, sich gegen die stumme
Gewaltttigkeit, die er an ihr bte, zu wehren. Desungeachtet zwang es
sie, ihn kurz vor dem Ziel ihrer Reise zu fragen, ob sie ihn nach ihrer
Rckkehr in die Stadt sehen werde. Sie htte aufgeatmet, wenn er nein
gesagt oder eine Ausflucht gebraucht htte. Er antwortete: Freilich
will ich dich sehen. Und als sie schwieg, fgte er dster lchelnd
hinzu: Vielleicht brauch' ich dich.

Sie war ngstlich verwundert. Brauchen? Du -- mich?

Kommt dir das so unglaublich vor? Er lachte ber ihr hilfloses
Gesicht. Pltzlich, der Zug fuhr schon in die Halle, beugte er sich nahe
zu ihr, ergriff ihre beiden Hnde und sagte mit jener Eindringlichkeit,
die sie bei keinem andern Menschen als bei ihm wahrgenommen hatte: Ich
kmpfe gegenwrtig einen Kampf, in dem fr mich alles auf dem Spiel
steht. Ich kmpfe fr die Ehre eines Toten, fr die Rettung seines guten
Namens, fr sein Weib und seine Kinder. Sie wollen ein Verbrechen, das
begangen worden ist, vertuschen, wollen die ungeheuerlichste
Niedertracht, die sich denken lt, nicht verantworten. Das darf nicht
geschehen, verstehst du? Es darf nicht geschehen, obwohl hnliches schon
tausendmal geschehen ist. Aber bei diesem einen Mal hab' ich mir in den
Kopf gesetzt: es darf nicht sein. Geschieht es trotzdem, dann bin ich
fertig mit der Wirtschaft. Dann komm zu mir, Olivia, dann haben wir
vielleicht einiges miteinander zu reden. Leb' wohl, gr' mir die
Mutter.

Sie stieg aus, aber am liebsten htte sie jetzt mit ihm weiterfahren
mgen. Schwche kam ber sie, ihr ganzes Denken und Gefhl war dunkler
gefrbt. Alles, was sie vorhatte, Arbeiten und Vergngungen, dnkte ihr
pltzlich falsch und einfltig. Drei Tage spter fuhr sie mit der Mutter
in die Stadt zurck, und einen Tag nach der Ankunft ging sie zu Robert
Lamm.

       *       *       *       *       *

In Riedach, einem kleinen obersterreichischen Kurort, hatte der junge
Arzt Doktor Seelmann bis vor Jahresfrist seine Praxis zu allgemeiner
Zufriedenheit ausgebt. Da hatte sich im Sommersbeginn in einer
Huslerfamilie ein Typhusfall ereignet, und Doktor Seelmann hatte getan,
was seine beschworene Pflicht als Gemeindearzt war, er hatte die
Erkrankung zur Anzeige gebracht.

Es entstand sogleich eine groe Erregung. Einige Brger hatten noch in
letzter Stunde den Doktor an der Ausfhrung seines Entschlusses zu
hindern gesucht. Die Sanittskommission selbst, deren Vorsitzender der
Brgermeister war, hatte geltend gemacht, da die Sommerfrischler und
Kurgste den Ort verlassen und fr lange Zeit in Verruf bringen wrden.
Es war umsonst gewesen; weder Bitten, noch Versprechungen, weder
Warnungen, noch Einschchterungen fruchteten, Doktor Seelmann achtete
die Pflicht hher als die gefhrdeten Interessen der Gemeinde.

Die unmittelbare Folge seines Schrittes war, da eine Militrabteilung,
die in Riedach hatte einquartiert werden sollen, in einen andern Ort
befehligt wurde. Auch der wenigen Sommerparteien bemchtigte sich
Schrecken, und mehrere Familien reisten ab. Eine schmutzige Flut von
Beschimpfungen ergo sich nun ber den jungen Arzt, und alt und jung
machte der Erbitterung in den unfltigsten Formen Luft. Die Mnner
erwiderten seinen Gru nicht; sie spuckten auf der Strae vor ihm aus.
Der Metzger, der Bcker, der Milchhndler weigerten sich, seiner Frau
die Lebensmittel zu verkaufen, die sie fr sich, den Mann und das kleine
Kind brauchte. Tglich erhielt er gemeine Spott- und Drohbriefe, die
Fenster seiner Wohnung wurden ihm eingeworfen, man ging nicht mehr in
seine Sprechstunde, enthielt ihm die Bezahlung vor, und im September
wurde ihm seine Stellung als Gemeindearzt gekndigt.

Er wandte sich an den Reichsverband der rzte, und dieser rief die
Behrden um Untersttzung an. Der Appell war nicht vergebens,
Gemeinderat und Sanittskommission wurden vom Statthalter aufgelst, der
Brgermeister seines Amtes entsetzt, die Kndigung fr ungltig erklrt,
und der Bezirkshauptmann schickte eine Gendarmerie-Eskorte, die den Arzt
schtzen sollte.

Doktor Seelmanns Lage besserte sich aber dadurch mit nichten. Vor
krperlichem Schaden konnte man ihn bewahren, die Praxis konnte man ihm
nicht zurckgeben; die Leute zwingen, ihm die Honorare zu entrichten,
die sie ihm seit Jahr und Tag schuldeten, konnte man nicht. Er war
ruiniert. In den verflossenen Monaten hatte er einundzwanzig
Ehrenbeleidigungsklagen vor Gericht gebracht, und jeder dieser Prozesse
wurde zu seinen Gunsten entschieden. Aber nach jedem Prozesse kam er
mutloser und hoffnungsloser heim. Seine Spannkraft war dahin, sein Geist
getrbt, seine Gesundheit erschttert, mit vierzig Jahren sah er wie ein
Greis aus.

Da seines Bleibens in Riedach nicht war, begriff er wohl. Riedach war
aber seine Heimat; er liebte das Land, er hatte sein Dasein hier zu
beschlieen gedacht. Wohin sollte er als mittelloser Landarzt ziehen,
wohin mit Frau und Kind und einer alten, gebrechlichen Mutter? Wie
sollte er die Verleumder zum Schweigen bringen, die ihn sicher bis in
die Ferne verfolgen wrden? Wie die Schmach abwaschen, mit der sie ihn
bedeckt, die Besudelung, die Krnkung vergessen? Ein neues Leben
anzufangen, fehlte ihm das Selbstvertrauen; er hatte keinen Freund, der
ihn aufrichtete, die Trstungen seines Weibes beugten ihn nur noch
tiefer, denn er sprte ihre eigene Verzweiflung darin. So brach er
zusammen, wurde krank und starb. Der Arzt, der ihn behandelte, nannte
eine Gehirnentzndung als Ursache seines Todes, aber in Wirklichkeit
hatten ihn der Kummer und der Lebensekel gettet.

Der Reichsverband der rzte stellte nun den Anspruch an den Staat, fr
die Hinterbliebenen zu sorgen, die der bittersten Not preisgegeben
waren. Dies wurde bewilligt, aber in so kargem Ausma, da die
Hilfeleistung beinahe wie Hohn aussah. Einer von den Mnnern, die sich
dafr eingesetzt hatten und den Fehlschlag ihrer Erwartung nicht ruhig
hinnehmen wollten, bezeichnete den Hofrat Lamm als den einzigen, dessen
Beistand und Vermittlung den halbwegs gescheiterten Plan noch zum Erfolg
fhren konnte. Ihm allein traute man die Entschlossenheit zu, ihn allein
hielt man fr unabhngig genug, da er es als hoher Staatsbeamter wagen
durfte, fr den begangenen Frevel eine Shne zu verlangen, die freilich
versptet war, jedoch die beleidigte Gerechtigkeit wieder erhhte.

Der Hofrat hatte von dem Martyrium des Arztes nichts gehrt; die
Zeitungen hatten alle Berichte unterdrckt, die sonstige Kunde, die im
Dunkel umlief, war nicht zu ihm gedrungen. Er vernahm die Erzhlung der
Geschehnisse mit unbeweglichem Gesicht. Den Abgesandten, die ihm Vortrag
hielten, begegnete er mit seiner unverbindlichen und trockenen
Hflichkeit, ohne mit einer Miene zu verraten, da ihm die Angelegenheit
nher ging als irgendein anderer Hader zwischen Parteien. Er lie sich
alle einschlgigen Akten kommen, auch die der einundzwanzig Prozesse,
und las und studierte sie mit aufeinandergebissenen Zhnen. Dann
zauderte er nicht mehr, zu handeln. Er forderte die Regierung auf, nicht
nur mit gengenden Geldmitteln die Mutter, die Witwe und die Waise des
in Ausbung seiner Pflicht und seines Amtes gemordeten Doktor Seelmann
zu untersttzen, des gemordeten, so lautete sein Diktum; nicht nur alle
schuldigen Brger und behrdlichen Organe von Riedach zu einer scharfen
Strafe zu verurteilen; sondern auch durch eine ffentliche und
feierliche Erklrung die geschndete Ehre und den verunglimpften Namen
des Toten vor den Augen der Welt von allem Makel zu befreien. Denn ein
solcher Mann sei, genau wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld, fr das
Vaterland, fr die Menschheit gefallen und habe sich den gleichen Dank
verdient.

Diese unumwundene Sprache begegnete verlegenen Ausflchten. Er drngte
auf eindeutigen Bescheid, man antwortete, da man den Fall noch einmal
grndlich untersuchen wolle. Das Bestreben, Zeit zu gewinnen, war
offenbar; der Hofrat kannte die verwickelten Auswege und die rostige
Maschinerie zu gut, um sich damit beschwichtigen zu lassen. Er ging zum
Minister; der erklrte sich als mangelhaft unterrichtet, schtzte
wichtigere Geschfte vor und wies ihn an den Sektionschef Friesheim.
Hier tuschte Gleichgltigkeit durch geflligen Eifer; auch mit dieser
Taktik war der Hofrat vertraut. Er lie den Herren keine Ruhe, er
bestand auf seiner Forderung, er pochte auf das Recht. Man hrte ihn an,
man zuckte die Achseln, jeder versicherte seine Willigkeit, jeder
beteuerte machtlos zu sein. berall dieselbe scheinbare Nachgiebigkeit,
dieselbe Lauheit. Robert Lamm frchtete, alles zu verderben, wenn er
seinen Zorn nicht bndigen konnte. In den Salzburger Bergen hatte er,
vor langer Zeit schon, eine Alm und ein Blockhaus gekauft; dorthin floh
er, so oft ihm des rgers und der Plage zu viel wurde. Er tat es auch
jetzt und nahm sich vor, geduldig zu warten. Aber diesmal graute ihm vor
der Einsamkeit; er fuhr nach Karersee, wo er zahlreiche Bekannte zu
treffen sicher war, wo er sich zerstreuen, betuben konnte. Zwei Tage
nach dem Gesprch mit Olivia erhielt er in der Sache des Doktors
Seelmann den schriftlichen Bescheid des Ministeriums: die sachliche
Entschdigung betreffend, habe man die Gelder zum reichlichen Unterhalt
der Familie bewilligt, alle brigen Ansprche msse man aber aus
wohlerwogenen Grnden zurckweisen.

Die Grnde will ich wissen, knirschte der Hofrat. Er packte seine
Koffer und reiste. In seiner finstern Ungeduld kam ihm die
Eisenbahnfahrt wie ein boshaft langsamer Schneckengang vor. Gleich nach
seiner Ankunft eilte er zu den verantwortlichen Stellen.

An Grnden war man nicht arm. Wozu einen verjhrten Streitfall
aufwrmen, einen glcklich begrabenen Skandal mutwillig noch einmal vor
die ffentlichkeit zerren? Wozu sonst friedliche Brger wegen immerhin
zweifelhafter und schwer nachweisbarer Vergehen schdigen oder gar um
ihre Existenz bringen? Es ist doch nun alles so schn geglttet und
vergessen, wozu den Brand wieder anblasen, wozu bses Blut machen? Wozu
endlich die Komdie einer Ehrenerklrung, die dem Toten nicht mehr
ntzen und die Lebenden nur verdrieen wrde?

Ein glcklich begrabener Skandal ist euch das! rief Robert Lamm mit
funkelnden Augen. Schn geglttet und vergessen findet ihr alles? Nun,
wir werden sehen, ob euch nicht angst und bange wird vor Gespenstern.

Er drohte Lrm zu schlagen. Die Geschichte wurde bedenklich; der
Strenfried begann hchst unbequem zu werden. Man konnte ihm nichts
anhaben, zu viele sttzten ihn, er war zu beliebt. Daher jubelte man im
stillen, als er in seinem Zorn die Saite zu straff spannte und um seinen
Abschied bat. Es war ein Schreckmittel, er glaubte nicht, da man ihn
wrde gehen lassen, er hatte ein zu starkes Bewutsein von seiner
Notwendigkeit und der Wichtigkeit seiner Dienste. Allein der Abschied
wurde gewhrt. Da er schon vor Jahren in einer Angelegenheit, die den
Hof berhrt hatte, zu scharf ins Zeug gegangen war, brauchte man Tadel
oder Einwand von oben nicht zu frchten.

Das traf ihn unerwartet. Es dauerte Tage, ja Wochen, bis er sich wieder
gesammelt hatte. Die Zustnde waren also noch viel heilloser, viel
giftiger, als er sich eingebildet hatte. Er war wie gelhmt. Er lie die
Sache, fr die er sich geopfert, auf sich beruhen. Er wich den Menschen
aus, wurde scheu und wunderlich. Er verlie seine Stadtwohnung und zog
sich ganz in seine Villa zurck.

Diese Villa lag am Ende der Sdwestvorstadt, nahe den bewaldeten Hgeln
und inmitten eines groen Gartens, der vor neugierigen Blicken durch
eine hohe, steinerne Mauer geschtzt war. Die zahlreichen Rume
enthielten Schtze von Gemlden, Statuen, Bchern, Porzellan und alten
Mbeln. Der Hofrat lie aber die Zimmer versperrt und nistete sich in
einer Giebelkammer ein. Die Haushlterin kochte fr ihn, und der Diener
Gerold, eine Art Faktotum, sorgte fr seine brigen Bedrfnisse.

       *       *       *       *       *

Anfangs hatte ihn Olivia beinahe tglich gesehen. Entweder kam er zu
ihr, unterhielt sich eine Weile mit der Mutter und forderte Olivia auf,
ihn zu begleiten, oder sie ging zu ihm. Wenn er arbeitete, setzte sie
sich in eine Ecke, nahm ein Buch und las.

Von dem, was ihn in dieser Zeit erfllte, sprach er nicht. Sie erfuhr es
von andern. Jeder entstellte es auf seine Weise, aber es gengte, da
sie Robert Lamm anschaute, dann rckte sich alles zurecht. Sie war stolz
auf ihn, nichtsdestoweniger drckte sein Wesen sie nieder, ohne da sie
wute, wie es geschah. Er war vertraulich und herzlich, dennoch schien
es, als rede er mit ihr durch eine Wand hindurch. Da sie ihm nicht
nher kommen konnte, beunruhigte sie und trieb sie immer wieder in seine
Nhe.

Da trat die Katastrophe ein, die ihn aus seiner Wirksamkeit, aus seiner
Laufbahn ri. Am Tag, bevor er in die Villa bersiedelte, gab er ihr in
unfreundlichem Ton zu verstehen, da er bis auf weiteres von keinem
Menschen behelligt werden wolle. Sie lie sich's gesagt sein und ging
verletzt und schweigend hinweg. Wieder erst von andern hrte sie, was
sich ereignet hatte; es machte tiefen Eindruck auf sie, aber da er sie
zurckgestoen hatte, blieb sie ihm fern.

Sie wollte ihr Leben wieder wie frher fhren. Allein die Heiterkeit und
Sorglosigkeit waren verflogen. Es war nicht mehr der Leichtsinn darin,
das se Trumen, das unbefangene Lachen. Sie lauschte aufmerksam auf
das, was die Leute zu ihr sagten, und mitraute den Worten. Zu einigen
Menschen, die sie lieb gehabt, ging sie auch jetzt gerne, aber die
rechte Freude fehlte. Da war zum Beispiel Nina Senoner, die Frau eines
Groindustriellen. Sie war um zehn Jahre lter als Olivia, hatte schon
eine fnfzehnjhrige Tochter und wurde von allen, die sie kannten, wegen
ihrer Sanftmut und ihres Liebreizes bewundert. Wohl versprte Olivia
noch immer den Zauber ihres Wesens, aber das ganze Dasein dieser Frau
erschien ihr auf einmal leer, sie bemerkte in ihren Zgen eine
Melancholie, die ihr vordem nicht aufgefallen war, und, was das
Schlimmste war, das Zusammensein mit ihr langweilte sie.

In der Trauer hierber nahm sie zu Bchern ihre Zuflucht; ihre Gedanken
hatten aber keine Stetigkeit, sie sah kein Ziel, sie war nicht erfllt.
Konzerte, Theater, Sport, nichts befriedigte sie mehr. Ihre zahllosen
Beziehungen wurden von Tag zu Tag lockerer; oft mute sie sich erst
mhsam erinnern, was sie an den oder jenen Menschen gefesselt hatte; sie
waren pltzlich so schmucklos und ohne Anreiz. Das Friesheimsche Haus
mied sie. Eduard hatte als Schiffsarzt Dienst auf einem Lloyddampfer
genommen; aus berseeischen Hfen schrieb er Briefe an Olivia, in denen
Enttuschung, Resignation und schchtern glimmende Hoffnung enthalten
waren. Sie antwortete selten, der Ton, den sie anschlug, konnte seine
Zuversicht nicht heben.

Eines Tages kam Marianne zu ihr, sa eine Weile schweigend da und begann
auf einmal zu weinen. Olivia umarmte sie; zu sagen wute sie wenig,
Trost hatte sie keinen. Sie fragte nach Ingbert; Marianne schaute
erstaunt und unwillig empor. So verstellst du dich? zrnte ihr
vorwurfsvoller Blick. Erst als Olivia, khl und befremdet, zum
zweitenmal fragte, erkannte Marianne ihren Irrtum, weinte aber noch
heftiger. Seltsam, die Trnen rhrten Olivia nicht, ruhig forschte sie
Marianne aus und erfuhr, da Ingbert schon seit Wochen in die Stadt
zurckgekehrt war und in seinem Atelier fast ohne Pflege krank lag. Ja,
hast du ihn denn nicht besucht? fragte Olivia mit groen Augen. Wie
soll ich denn? Wie kann ich ihn denn besuchen? erwiderte Marianne, und
um ihren Mund zuckte es hilflos. Olivia faltete die Hnde und sagte
langsam: Aber was willst du dann? Warum weinst du? Marianne senkte den
Kopf. Verzeih, Olivia, ich glaube, ich hab' dich ungerecht
beschuldigt, hauchte sie. Darauf hatte Olivia keine Antwort und war nun
ganz kalt und zugeschlossen.

Als sie zu Ingbert kam, wurde sie von einer alten Aufwrterin
abgewiesen. Es drfe niemand zu ihm, sagte die Frau, er liege im Fieber.
Sie fragte, welcher Arzt ihn behandle; die Frau erwiderte, er wolle
keinen Arzt. Da bat Olivia ihren Hausarzt, da er ihn besuche, und
dieser beschwichtigte ihre Sorge. Auch ihren Bruder Ferdinand schickte
sie hin und war froh, zu bemerken, da er an Ingbert Gefallen fand. Als
sie endlich selbst zu ihm gehen durfte, brachte sie ihm Rosen. Sein
blasses Gesicht wurde bei ihrem Anblick berflammt von Freude; ihre
offensichtliche Bestrzung ber die Armseligkeit seiner Behausung
entlockte ihm ein wehmtiges Lcheln.

Sie kam fast tglich. Er besa ein altes Spinett, darauf spielte er ihr
vor. Sie sah seine Bilder und Studien an und fragte, ob er nichts
verkaufen wolle. Es waren Arbeiten einer feinen Hand, voll Poesie und
besonderer Anschauung der Natur. Er whlte einige Stcke aus und nannte
Preise, gegen deren Bescheidenheit sie Einspruch erhob. Er wehrte
stolz-ergeben ab. Da sie sich jedoch in den Kopf gesetzt hatte, ihm,
wenn auch wider seinen Willen, zu helfen, schrieb sie an Robert Lamm,
von dem sie wute, da er an Bildern Interesse hatte. Ein paar Tage
spter teilte ihr Ingbert mit, der Hofrat sei bei ihm gewesen, habe sich
aber nicht entschlieen knnen, eines der Bilder zu erwerben. Es lag
etwas Verschmitztes in seinen Worten, Olivia schpfte Argwohn und ging
zu Robert Lamm, um ihn zu fragen. Dein Maler ist ein Narr, sagte
Robert Lamm; ich wollte ihm zwei Bilder abkaufen, er antwortete mir,
gerade von denen knne er sich nicht trennen. Ich bezeichnete ihm ein
anderes, da meinte er, das sei nicht fertig, und als wir endlich ber
ein viertes beinahe handelseins geworden waren, behauptete er, das habe
er einem Freund versprochen. Du ttest gut daran, mich knftig mit
solchen Auftrgen zu verschonen.

Er ging im Zimmer auf und ab. Was soll's? Was soll's berhaupt? fuhr
er mit seiner keifend-hellen Stimme fort. Was soll's mit der ganzen
Kunst? Was frdert sie? Wen frdert sie? Wen trstet sie? Wen macht sie
besser? Verringert sie das Elend, die Niedertracht, die Willkr? Es ist
alles Schwindel und Selbstbetrug. Die Leute, die dergleichen schaffen,
werfen Herz, Geist, Ideen, Genie in einen stinkenden Sumpf, und den
andern, die sich dafr begeistern, dient es als Ausrede fr ihr
schlechtes Gewissen.

Olivia widersprach; er beharrte; das Hin und Her von Worten war ein
unntzes Leiden. Es gab keinen Punkt, wo sie sich festsetzen konnte, er
ri sie fort, er ri sie in Furcht und Unglauben hinein. Mit Schrecken
sprte sie, da sie bei jedem Schritt, den sie unternahm, innerlich vor
seinem Urteil zitterte, und all ihr Sinnen zielte daraufhin, sich dem
verhngnisvollen Einflu zu entziehen. Was an Zrtlichkeit in ihrem
Gemt war, strmte Ingbert zu; sie schenkte ihm ein unbegrenztes
Vertrauen, ein stilles freilich, aber er schien zu verstehen; nie
durchbrach ein vorwitziges Wort von ihm die Schranken, die sie
aufgerichtet hatte.

Er durfte sie kssen, wenn sie kam und wenn sie ging. Er verga nicht,
da er es nur durfte. Er behandelte sie wie eine Kostbarkeit, die blo
zufllig in seine Verwahrung gegeben war. Sie stand jetzt in der Blte
ihrer Schnheit; alle Menschen drehten sich auf der Gasse nach ihr um;
ihre khn-aufgereckte Haltung, der edle Gang, das nrdliche Blond der
Haare, die perlenhafte Haut, der vollendete Bau des Krpers und seine
vornehme Bewegung, das alles im Verein war so selten wie unvergelich.
Ingbert malte sie, wieder und wieder. Er sagte: Jetzt sehen Sie erst,
was fr ein Stmper ich bin; doch sie lchelte ihm zu und war froh ber
diese Stunden, die ihr erlaubten, sich zu sammeln. So bezaubernd wie ihr
ehedem die ganze Welt geschienen hatte, so bezaubernd dnkte ihr nun
Ingbert allein. Und doch war ihr Gefhl verwirrt, tief und schmerzlich
verdunkelt.

Sie lie sich selbst nicht ruhen, und endlich whnte sie Klarheit zu
gewinnen. Was auf ihr lastete, war geistige Schuld, sittliche Schuld,
die von Jahr zu Jahr sich gehuft hatte und noch immer, Stunde um
Stunde, wuchs. Und dort, in seiner freiwilligen Einsamkeit, sa der
Richter, zu dem mute sie gehen, nur er konnte ihr helfen, -- zu den
Menschen, von den Menschen.

Menschen! Das war das Rtsel, das die Qual. Hatte sie denn die Menschen
vorher nicht gesprt, sie blo hingenommen und nicht geprft? Mit ihnen
gelebt und sie nicht erkannt? War alles nur Spiel gewesen, was sie mit
ihnen verbunden hatte, angenehme Lge? Waren alle diese Bndnisse
nichtig, dies Mit- und Freinandersein, war es wertlos, das Entzcken an
den Dingen verwerflich, die Beschwingung und das Streben eitle Gaukelei?

Und was berechtigte sie zu dem nagenden Mitrauen? Was hatte die
Flgelkraft gelhmt, den unbeirrten Glauben zerbrochen? Woher waren die
Zweifel gekommen? Aus Worten nur. Durften Worte solche Macht haben? Doch
hinter den Worten standen die Gesichter, hier das Gesicht eines
Heuchlers, dort das Gesicht eines Rechtlosen, hier eins, das vom trgen
Genu verwstet war, dort eines, das der Hunger gezeichnet hatte; und
vor allem _sein_ Gesicht, Robert Lamms hartes, verstrtes, erbittertes,
richtendes Gesicht.

Sie mute auch zu ihm gehen. Sie wollte Frieden haben; sie wollte mehr
Beweise haben; einen Spruch, auf den sie sich sttzen konnte; einen Weg,
der in die Sonne zurckfhrte. Sie ertrug es nicht, sich in Ha gegen
die Welt zu verlieren.

       *       *       *       *       *

Frau Khuenbeck hatte mit dem Hofrat wegen einer
Vormundschaftsangelegenheit zu sprechen; es handelte sich um die Zukunft
Ferdinands. Sie hatte ihm mehrere Male geschrieben, ehe er sich
entschlo, zu kommen. Sein Besuch fiel auf einen Tag im Fasching;
Ferdinand und Ingbert hatten sich verabredet, zusammen auf einen
Maskenball zu gehen, auch Olivia war von mehreren Bekannten zur
Teilnahme aufgefordert worden, hatte sich aber geweigert.

Robert Lamm sa mit Frau Khuenbeck am Tisch und berlas einige Urkunden,
da traten Ingbert und Ferdinand und ein Freund des letzteren mit Lrm
und Lachen ins Zimmer. Der eine war als Vagabund, der andere als
Indianer, der dritte als italienischer Fischer gekleidet. Frau Khuenbeck
erhob sich, heiter berrascht, Olivia stand lchelnd auf der Schwelle.
Robert Lamms Miene drckte Wohlgefallen aus, und er klatschte sogar
Beifall. Nach einem scherzhaften Wortwechsel mit den jungen Leuten
begann er von Redouten zu berichten, bei denen er durch diese oder jene
abenteuerliche und ungewhnliche Tracht Aufsehen erregt hatte. Es
bedrfe vieler Phantasie, um solchen Veranstaltungen Wrze zu verleihen,
meinte er, und schilderte ein Fest von ehemals, bei welchem
hervorragende Personen, Schriftsteller, Schauspieler, Diplomaten,
Tnzerinnen durch geistreiche Einflle von sich reden gemacht htten. Er
gab einige Anekdoten aus jener Zeit zum besten, die sein glnzendes
Erzhlertalent ins Licht setzten, kurz, er war so aufgerumt, so
unterhaltend und trotz des Zynismus, der heimlich oder unverhllt stets
in seinen Worten lag, so gewinnend, da alle an seinem Munde hingen und
ihr Bedauern nicht verhehlten, als er abbrach und sich, pltzlich wieder
trocken und hlzern hflich, empfahl.

Olivia war in Hut und Mantel, weil sie einige Einkufe in der Stadt
machen wollte. Sie schlo sich dem Hofrat an, und er schien sich darber
zu freuen. Seine unerwartete Gesprchigkeit hatte erlsend auf sie
gewirkt; sie schpfte Hoffnung, seine Gegenwart schien keine Gefahr mehr
zu enthalten.

Schweigend gingen sie nebeneinander. Es war Abend, viele Menschen waren
unterwegs. Der Hofrat bog von den Hauptstraen ab in die stilleren, aber
auch dort sprach er nicht. Anfangs dnkte Olivia dies Schweigen
natrlich, doch als sie ihn anschaute, bemerkte sie, da seine Miene
finster und feindselig war. Sie erschrak; sie konnte sich die
Verwandlung nicht erklren; sie frchtete, ihn verletzt zu haben, wollte
fragen, brachte aber kein Wort ber die Lippen. Immer wuchtender, immer
lhmender wurde sein Schweigen, und er erschien ihr grausam und
geheimnisvoll dadurch. Sie htte sich von ihm verabschieden knnen,
doch sie war nicht imstande, den Vorsatz auszufhren. Die Richtung, in
die sie gingen, lag weitab von ihrem Ziel; was zwang sie, ihm zu folgen?

Sie sprte, wie sie allmhlich bleich wurde und ein fremdes Entsetzen
sie beschlich.

Auf einmal blieb er stehen. Sie waren bereits hinter dem Grtel, und
statt der elektrischen Bogenlampen brannten fahle Gaslaternen. Er legte
beide Hnde auf ihre beiden Schultern, blickte sie durchdringend an und
fragte: Warum kommst du nicht zu mir?

Stumm schaute sie zu Boden.

Komm morgen, sagte er befehlend.

Ein Automobil fuhr die Strae herauf. Er rief den Lenker an, fragte
Olivia, wohin sie zu fahren wnsche, half ihr in den Wagen, gab dem
Manne Geld, lpfte den Hut und eilte hinweg.

       *       *       *       *       *

Als sie am andern Nachmittag in die Villa kam, sagte ihr der Diener
Gerold, der Herr Hofrat sei im Garten. Langsam schritt sie durch die
Alleen und ber die Wege und gewahrte ihn endlich auf einem Beet, wo er
harkte. In seiner Nhe gruben der Grtner und sein Gehilfe die Erde um.

Er winkte ihr zu; sie blieb stehen und wartete. Nach einer Weile trat er
zu ihr. Er begann sogleich von Ferdinand zu sprechen und sagte, der
junge Mensch sei im Begriff, zu verludern; er habe mit der Mutter ber
ihn gesprochen, und sie seien berein gekommen, da es am besten wre,
wenn man ihn nach Deutschland schickte. Einem angehenden Techniker bten
sich dort gnstigere Aussichten und ein reicheres Feld der Bettigung
als hierzulande, wo alle Kraft geknickt werde und Talent und Flei dem
flchtigen Genu zum Opfer falle.

Ein anderer Plan, den er ebenfalls mit Frau Khuenbeck zum Austrag
gebracht hatte, war der einer Wohnungsvernderung. Die Wohnung in dem
eleganten Stadtviertel war zu teuer geworden, und Frau Khuenbeck hatte
sie schon vor einigen Wochen gekndigt. Sie hatte aber noch kein
passendes Heim gefunden, und da hatte ihr Robert Lamm geraten, in seine
Nhe, aufs Land zu ziehen. Zufllig hatte er davon gehrt, da in einem
Haus in Ptzleinsdorf eine Wohnung von drei Zimmern billig zu vermieten
sei; er sei heute vormittag dort gewesen, und da sich alles in
wnschenswertem Stand gezeigt, habe er die Wohnung gleich gemietet. In
vierzehn Tagen knnten sie bersiedeln, Olivia mge es zu Hause
ausrichten.

Du hast dann nur ein paar Minuten Wegs zu mir, schlo er, kannst
kommen, wann du willst und hier im Garten spazieren gehen. Wenn du's
wnschest, richt' ich dir einen Pavillon ein, da kannst du sitzen und
trumen. Dort, das Rondell zwischen den Kastanien; vom Mai an ist es
ganz in Blten begraben. Freilich, besser ist es, nicht zu trumen,
besser ist's, die Augen offen zu halten, damit man nicht betrogen wird.

Olivia wie die Mutter schieden ungern aus der alten Wohnung, in der sie
seit dem Tod des Professors gelebt. Olivia erschien sich zu einem
ungewnschten Zustand vergewaltigt, und als sie das neue Heim bezogen
hatten, kam sie sich wie eine Verbannte vor, von allen Quellen
abgeschnitten. Sie unterdrckte ihr Gefhl, um das dumpfere der Mutter
nicht aufzuwecken; der Hofrat, der zuweilen herber kam, merkte die
Verstimmung und erging sich in boshaften Bemerkungen. Um jene Zeit gab
es schon Blumen die Flle in seinem Garten, und er schickte einmal eine
ganze Wagenladung von Topfpflanzen, mit denen Olivia die Fenster und den
Balkon schmckte, bis das Drftige und rmlich Frische der Zimmer
verhllt war.

Im Mai reiste Ferdinand nach Berlin, einer greren Bestimmung entgegen.
Seine Freunde gaben ihm ein Abschiedsfest; die Trennung von Mutter und
Schwester fiel ihm nicht leicht. Olivia konnte sich lange nicht
zurechtfinden; sein Mitdasein war ihr immer so selbstverstndlich
gewesen, jetzt fehlten sein Scherz, seine liebenswrdige Ungebundenheit
zu allen Stunden. Frau Khuenbeck hatte den Plnen, die der Hofrat in
bezug auf Ferdinands Zukunft entwickelt hatte, stets willig beigestimmt;
die Verwirklichung betrachtete sie als ein ihr zugefgtes Unrecht, und
sie fate einen Groll gegen Robert Lamm.

Hiervon war hufig die Rede zwischen Lamm und Olivia. Er uerte sich
bitter ber die Undankbarkeit der Mutter und spottete ber ihre
wehleidige Schwche. Profit machen und nichts zusetzen, so ein Geschft
wnschen sie sich alle, sagte er verchtlich; andere fr sich schuften
lassen und im brigen lustig sein, frhlich sein, heirassassa.

Htte dein Vater zu wirtschaften verstanden, dann brauchtet ihr nicht
wie die Kmmerlinge zu leben, sagte er ein andres Mal; er hat in
manchen Jahren sechzig-, siebzig-, achtzigtausend Kronen verdient, und
wenn er blo die Hlfte zurckgelegt htte, so httet ihr heute ein
ansehnliches Vermgen. Statt dessen wurde alles fr Kche und Keller
vergeudet; jeden Tag offene Tafel, ein Dutzend Kostgnger, die sich den
Bauch msteten und wenn sie den Rcken gedreht hatten, sich das Maul
zerrissen, weil sie doch nie genug bekamen; Schntuer und
Speichellecker, die sich auf Nimmerwiedersehen Geld ausborgten,
Dienstboten, die wie die Raben stahlen, wahrhaftig, es war zu toll! Das
Herz blutete einem beim Zuschauen. Da war nichts zu bessern; solche
Lebenshaltung galt fr vornehm, keiner machte es anders, man war ein
Kavalier, man lie sich nichts abgehen, man berzahlte jeden Genu, und
jeder Schubiak konnte sein Trinkgeld einstecken, wenn er nur eifrig zu
katzbuckeln wute. Und so stehen wir halt da, wo wir stehen, meine
Liebe. Nicht nur du und deine geehrte Mutter, sondern ringsherum die
ganze Kompanie, das ganze Land, dicht vor dem Bankrott, reif zum Sturz.

Olivia wollte das Andenken des Vaters nicht geschmht wissen und
verteidigte ihn mit dem Hinweis auf seine Gte und seine gromtige
Sinnesart. Das sei eine schlechte Gte, die das eigene Fleisch und Blut
der Sorge berliefere, nur weil die Lockung des Augenblicks strker sei
als die Vernunft, war die Antwort; eine schlechte Gromut, die jedem
Lumpen zu willen sei und die Frchte mhevoller Arbeit einem
Parasitenhaufen an den Kopf werfe. Du sprichst ja, als httest du
meinen Vater gehat, kam es emprt von Olivias Mund. Robert Lamm
richtete sich steif empor. Gehat? Er war mein Freund. -- Nun, also!
-- Was, also? An ihm zuerst habe ich unsere Krankheit konstatiert, er,
bei seiner Menschlichkeit und Redlichkeit, wurde mir zum Sinnbild
unseres Unterganges. Die Leistung an sich, auch die trefflichste,
ist nichts, so wie der allerreinste Charakter fast nur als eine
Abnormitt dasteht, wenn er nicht die Kraft hat, umbildend zu wirken.
Ja, ich war sein Freund; ich wei, wie er zeitlebens gearbeitet hat, wie
selbstlos er seinem Beruf hingegeben war. Aber ich war ein Feind seiner
Weichheit, seiner Wehrlosigkeit, seines Augenblicklertums, seines
Allesiebengradeseinlassens.

Und er kam auf gewisse Zustnde an der Klinik, die damals schon von sich
reden gemacht htten und heute zum Skandal gediehen seien. Khuenbeck
habe dem Unwesen nicht zu steuern vermocht und sich seufzend ergeben. Er
sei niemals fhig gewesen, Rnke zu spinnen, aber er habe auch den
Gedanken nicht ertragen knnen, da andere gegen ihn Rnke spannen.
Deshalb sei er auch nicht davor zurckgeschreckt, sich zu demtigen,
wenn es einen Widersacher zu vershnen galt, und oft sei es geschehen,
da er einem Kollegen, der ihn auf der Gasse mit herausfordernder Klte
gegrt, einen Besuch abgestattet habe, um sich nach dem Grund seines
Gesinnungswechsels zu erkundigen. Da wurde dann geredet und geredet; der
klaffende Ri, der Gut von Bse, Reinheit von Gemeinheit scheidet, sei
mit Floskeln, Schmeicheleien und Versicherungen zugestopft worden, und
zum Schlu habe man sich freundschaftlich die Hnde geschttelt, womit
alles beim alten geblieben sei und die Schlamperei Fett angesetzt habe.

Am Ende seines Lebens ist er dann mde und traurig geworden und sah
wohl ein, was er unschuldig verschuldet hatte, sagte Robert Lamm.
Eines Abends, es war kurz, ehe er die Reise antrat, von der er nicht
heimgekehrt ist, erzhlte er mir die Geschichte eines seiner Schler.
Der hchst begabte junge Mensch hatte den Malaria-Bazillus entdeckt; er
war bettelarm, und da er sich politisch kompromittiert hatte, konnte er
nirgends Untersttzung finden; alle seine Gesuche um ein Stipendium
wurden abschlgig beschieden. In der Verzweiflung darber, da er die
zur Herstellung des Serums, also zur Nutzbarmachung seiner Entdeckung
erforderlichen Mittel auf keine Weise aufbringen konnte, beging er die
Eselei, Banknoten zu flschen. Die Sache kam natrlich ans Licht, er
wurde zu langjhrigem Kerker verurteilt, und damit war seine Existenz
vernichtet. Deinem Vater war der Fall sehr nahe gegangen; er hatte von
den Arbeiten des jungen Fachgenossen gehrt; er wute, was fr
Schwierigkeiten ihm in den Weg gelegt worden waren, Schwierigkeiten, auf
die bei uns jeder stt, der etwas will, etwas kann und etwas ist. Als
er sich entschlossen hatte, einzugreifen, war es schon zu spt gewesen.
Freilich war er durchaus nicht sicher, da sein Dazwischentreten die
Katastrophe abgewendet htte. Zum ersten Male sah ich ihn ganz
niedergeschlagen, und in seiner mden Art klagte er das Regime an,
machte das Regime verantwortlich fr alle bel. Nun, dieses Lied war mir
bekannt. Das Regime ist wie der Drache im Mrchen, der die Jungfrau zum
Fra verlangt; allgemeines Heulen und Zhneklappern, Schimpfen und
Fluchen, aber der Drache gibt nicht nach, und die Jungfrauen werden
ausgeliefert. Im Mrchen erscheint dann das tapfere Schneiderlein und
macht dem Untier den Garaus; ich mcht es nicht erleben, wie so ein
Schneiderlein bei uns traktiert wrde; die Schikanen und Kniffe und
Bedenklichkeiten wrden ihm seine Heldentat schon verleiden, wenn's
berhaupt dazu kme, und statt die Hand der Prinzessin gbe man ihm zur
Belohnung einen Futritt.

'Die Stimme, die Stimme,' mute Olivia in einem fort denken; qualvoll
war ihr seine schrille, keifende Stimme, qualvoll dies Schelten,
Raunzen, Geifern und Hhnen. Sie sehnte sich nach einer Stimme, die
Klang hatte, die Tiefe hatte und nicht sich ins Innere bohrte gleich
einer Schraube. Sie htte ihn oft bitten mgen, leise zu sprechen, aber
sie wagte es nicht, denn er war empfindlich; warf er ihr doch ohnehin
bei jeder Gelegenheit ihre Verzrtlichung und Verslichung vor und
spottete ber das Rhrmichnichtan, das in ihrer Miene lag.

Er entri ihr Stck um Stck ihres inneren Besitzes. Was er mit seinem
Wort berhrte, wurde entwertet und entheiligt. Bisweilen lehnte sie sich
auf gegen seine Welt- und Menschenverachtung, jedoch die Armseligkeit
ihrer Grnde entlockte ihm nur Hohn. Seine Erfahrung war um Beispiele
nie verlegen, vor den Tatsachen mute sie sich beugen.

Anfangs glaubte sie, ihm etwas sein, ihm etwas werden zu knnen. Sie
wies auf die groen Werke hin, die groen Schpfer, die groen Gedanken
der Menschheit. Er nannte das ein frommes Geplauder; die Menschen
redeten nur davon, es sei wie bei der Zeitung; ber dem Strich feiere
die Korruption Orgien, unter dem Strich wrden Schnheit und Moral
gepredigt, was billig zu haben sei und niemand in Unkosten strze. Sie
erinnerte ihn an seinen Freund, den Musiker, der so viele erhoben, so
viele entflammt; er lachte geringschtzig und fragte, ob sie denn nicht
wisse, da man gerade den mit giftigem Ha verfolgt und frmlich in den
Tod gejagt habe.

Sie wute nichts davon; er berichtete Einzelheiten, erzhlte, wie der
wunderbare Mann gelitten hatte, wie er gegen das Ende seines Lebens, um
sich und seine Kunst zu retten, keine andere Mglichkeit gesehen habe,
als aus dem Land zu fliehen und wie er sich in Amerika durch aufreibende
Wanderfahrten die Krankheit zugezogen habe, die seiner sternenhaften
Bahn ein Ziel gesetzt.

Da tnte aus der Vergangenheit die herrlich-sonore Stimme, nach der sich
Olivia gesehnt, die Stimme des Aufschwungs, Seelenstimme, erstickt nun
und verloren; sie schauderte und lie die Schwrze wehrlos um sich
niedersinken.

       *       *       *       *       *

Mied sie Robert Lamm, so rief er sie; widerstrebte sie dann noch, so kam
er selbst. Er war der Strkere; mit eiserner Faust zog er sie in seine
finstere Sphre. Er zwang sie, mit seinen Augen zu sehen, er belud sie
mit seiner schmerzlichen, im Grunde edlen, aber auch ohnmchtigen
Verbitterung. Als sie wahrnahm, da sie nur noch mit seinen Augen sah,
erschlaffte jeder Nerv an ihr.

Mit einer letzten Anstrengung suchte sie sich zu befreien. Bei Senoners
war ein Ball, sie wurde eingeladen und ging hin. Als ausgezeichnete
Tnzerin, die sie war, wurde sie lebhaft umworben, aber schon bei dem
ersten Walzer erfate sie ein Grauen vor der Umschlingung eines
wildfremden Menschen. Alle Gesichter erschienen ihr zu Grimassen
verzerrt, in allen sah sie etwas Drohendes, Gemeines und Feiges. Die
Lichter taten ihr weh; das Lachen und Scherzen, Nina Senoners
Herzlichkeit, alle Bewegung, Musik und Worte, alles tat ihr weh.
Jeanette, Ninas Tochter, ein Mdchen von sprhendem Temperament, sorglos
wie eine Elfe, folgte Olivia auf Schritt und Tritt; sie war wie behext
von der schnen Freundin ihrer Mutter, und Nina, die es merkte, lchelte
still und bat Olivia, sie mge doch wieder zu ihr kommen wie frher.
Jedoch Olivia glaubte nicht an die Aufrichtigkeit dieser Bitte, ein
seltsam steinerner und kalter Ausdruck, der fast nie aus Ninas
schwermtigen Zgen wich, machte sie stutzig und argwhnisch, und in
einer Sekunde visionren Schauens war es ihr, als klaffe zwischen dieser
Mutter und dieser Tochter ein Abgrund, von dem beide noch nichts ahnten.

In einem andern Kreis lernte sie wenige Tage spter einen russischen
Snger kennen, dem sie zuerst wenig Beachtung schenkte; doch als er
dann, von Mnnern und Frauen bestrmt, Lieder seiner Heimat sang, wurde
ihr Herz im Innersten aufgewhlt. Trunken ging sie nach Hause und
wnschte nichts anderes, als den Snger noch einmal zu hren. Sie
erfuhr, da er an einem bestimmten Abend wieder dort sein wrde, und
versumte nicht, sich einzufinden. Es war ein gastliches Haus, in
welchem allerlei freie und halbfreie Menschen zwanglos verkehrten. Bei
ihrem Eintritt wurde sie von Georg Ingbert begrt; sie zeigte weder
berraschung, noch Freude. Mit dem Russen hatte sie kaum gesprochen,
dennoch herrschte eine geheime Verstndigung zwischen ihr und ihm.
Whrend er sang, behielt er sie im Blicke; sie starrte gebannt in sein
Gesicht. Er hatte eben ein Lied geendet; das Entzcken der Hrer uerte
sich in lrmendem Hndeklatschen, Olivia schaute immer noch verzaubert
in die Richtung, wo er stand. Da drngte sich Ingbert durch eine
aufgeregte Gruppe; er ging ganz nahe an Olivia vorbei; mit einer freien
Anmut der Gebrde strich er mit den Fingerspitzen seiner Linken leicht
und schmeichelnd ber Olivias entblten Unterarm und flsterte, so da
nur sie es vernehmen konnte: Olivia, Sie sind verliebt.

Ein entsagendes Lcheln spielte auf seinen Lippen. Olivia erschrak. Sie
lchelte gleichfalls, matt und schuldbewut. Verliebt, das war kein Wort
mehr fr sie; es mahnte sie an unwiederbringlich Verlorenes.

In diesem Augenblick gewahrte sie Robert Lamm. Niemand schien sein
Kommen bemerkt zu haben, aber da er da war, schien doch allen
selbstverstndlich. Er hatte zu keiner Zeit in dem Hause verkehrt,
trotzdem benahm er sich, als wren ihm die Rume und die Menschen
wohlbekannt. Er war von einer komdiantisch bertriebenen
Freundlichkeit, in seinen Verbeugungen gegen die Damen lag etwas
Geziertes und zugleich Hmisches, sein Gesicht war krebsrot. Olivia
erhob sich. Er sah sie nicht oder wollte sie nicht sehen. Das
Bengstigende aber war, da ihn seinerseits die andern, in deren Mitte
er sich befand, nicht zu sehen schienen. Langsam, in der Haltung einer
Hypnotisierten, nherte sie sich ihm. Da wurden die Leute aufmerksam,
stellten sich um sie herum, beobachteten verwundert ihr sonderbares
Gehaben und richteten scheue Fragen an sie. Ja, seht ihr denn nicht!
htte sie rufen mgen. Das Blut pochte wider ihre Schlfenwand, mit
einem dumpfen Schrei brach sie zusammen.

Ingbert fing sie in seinen Armen auf. Sie aber fhlte sich in den Armen
Robert Lamms. Sie fhlte sich in seinem Besitz, unentrinnbar und fr
alle Zeiten. Ihr graute vor seiner Stimme, vor seinem Auge, vor seiner
Hand, vor seinem Hauch; sie strubte sich leidenschaftlich, aber alle
Bemhungen waren vollkommen vergebens.

Man brachte sie nach Hause. Unterwegs wurde sie wieder Herrin ihrer
Sinne und bat die Begleiter, die bei ihr im Wagen saen -- es waren
Ingbert und ein junges Mdchen --, sie mchten die Mutter nicht
beunruhigen. Am Ziel angelangt, dankte sie ihnen, und als sie fort
waren, atmete sie noch eine Weile in tiefen Zgen die Nachtluft ein,
bevor sie am Tor lutete.

Sie schlief schwer, und gegen Morgen hatte sie folgenden Traum. Sie war
in einem Saal, in welchem viele festlich gekleidete und festlich
gelaunte Menschen sich ergingen. Namentlich die Frauen zeichneten sich
durch blendenden Schmuck und kostbare Kleider aus. Unzhlige Lichter
brannten, nicht nur an den Wnden, in Hunderten von Kandelabern,
sondern auch von der Decke hingen sie herab. Olivia selbst hatte nichts
am Leibe als einen grauen Schleier, und da sie auf solche Lichtflle
nicht gefat gewesen war, begann sich eine qulende Scham ihrer zu
bemchtigen. Auf einmal verlosch ein Licht, dann ein zweites, ein
drittes, zwanzig, dreiig, fnfzig, in regelmigen Pausen. Dies wurde
anfangs von keinem beachtet, denn die Helligkeit blieb noch lange
strahlend; als es aber dunkler und immer dunkler wurde, weil mehr und
immer mehr Lichter verloschen, wurden die Menschen still; alle bewegten
sich gegen die Wnde hin, wie wenn sie dort Schutz suchten vor der
drohenden Finsternis, und als zuletzt nur noch eine einzige Lampe
brannte, stand Olivia allein in einem den Raum. Der Schleier, der sie
einhllte, wuchs und dehnte sich wie Rauch, machte das Geschmeide und
die kostbaren Gewnder unsichtbar, und eine gellende Stimme rief in das
Schweigen hinein: Wo seid ihr denn? Niemand antwortete, niemand rhrte
sich.

Sie erwachte, kleidete sich an und ging in die Villa Robert Lamms. Der
Hofrat war trotz der frhen Stunde schon in den Treibhusern. Sie
wanderte durch das Haus, durch alle die schnen Rume, betrachtete die
schnen Gegenstnde. Sie lagen, hingen und standen so nutzlos da, so
weltfern und ohne Freude.

'Er allein in dem groen Haus,' mute sie denken, 'so nutzlos und ohne
Freude! Und soviel Ha in der Brust!'

Dann ging sie in den Park. Es war Sommer, unendliches Blhen. In
zauberhafter Pracht standen die Rosen; Sulen-, Wild-, Zaun-, Moos- und
Hundsrosen. Die Erde schien durch geheimnisvolle Chemikalien
vorbereitet, es war ein Wuchern von Lilien, Tulpen, Anemonen, Veilchen,
Rhododendren, Azaleen und Flieder. Blaue Felder von Levkojen, Lobelien,
Clematis und Winden drngten sich an gelbe von Zinnien, Skabiosen,
Portulak und Dahlien. Und die ppigen Hecken, die kleinen Kanle voller
Seerosen, die feierlichen Alleen von Pappeln, Kastanien, Linden und
Ulmen, die dunklen Eichen, die gelbgeflammten Platanen: es war ein Fest
der Natur.

Er aber kauerte im Treibhaus wie ein Alchimist in seiner Kche und
suchte das Mittel zur Zchtung einer schwarzen Rose.

Whrend Olivia mit Blicken des Abschieds den Garten langsam verlie,
hatte sie das Gefhl, als riefe sie jemand, aber als drfe sie um keinen
Preis dem Rufe folgen und zurckkehren.

Sie kehrte nicht zurck.

       *       *       *       *       *

Olivia hatte mit der Mutter ein entscheidendes Gesprch, und am gleichen
Abend reiste sie nach Mnchen. Von dort ging sie nach Florenz, dann nach
Rom, dann nach Paris. Nirgends hatte sie Ruhe. Sie lebte krglich,
gnnte sich kaum den Bissen zum Sattwerden und verkehrte mit keinem
Menschen.

In Paris besuchte sie eine Bildhauerschule und arbeitete mit Hingabe,
wenn auch ohne Enthusiasmus.

Die sprlichen Briefe, die sie schrieb, erregten die Besorgnis ihrer
Mutter; Frau Khuenbeck reiste nach Paris. Der berhmte Meister, dessen
Unterricht sie geno, uerte sich ber Olivias Charakter mit
Bewunderung, ber ihr Talent mit Vorbehalt. Er glaubte nicht daran, da
ihr Entschlu zur Kunst ein unwiderruflicher sei; er erschien ihm
vielmehr als ein Akt der Erprobung und des Verzichtes.

Ein paar Tage spter sagte Olivia zu ihrer Mutter: Eine Frau kann es in
der Kunst zu nichts Groem bringen. Wir knnen die Welt nicht anschauen,
wir knnen die Welt nicht fassen. Heute hab' ich meine Tonfigur
zerschlagen. Ich gehe nicht mehr hin.

Frau Khuenbeck fuhr mit ihr ans Meer. Olivia ertrug das Meer nicht, und
sie reisten in die Schweiz, wo sie Frau von Scheyern treffen sollten. In
Zrich wurde Olivia bettlgerig, doch was ihr fehlte, konnte nicht
ergrndet werden. Ein Arzt, der Frau Khuenbeck empfohlen worden war,
bezeichnete die Krankheit als Hysterie und machte sich anheischig,
Olivia vermittelst einer sogenannten Seelenanalyse zu heilen. Das
Verfahren erregte solchen Abscheu in ihr, da sie drohte, sich aus dem
Fenster zu strzen, wenn der Mann noch einmal in ihre Nhe komme.

Sie verweigerte die Nahrung, sie konnte nicht schlafen, sie blieb stumm,
wenn man sie anredete; jedes Gesicht qulte sie, bei jedem Gerusch
zitterte sie, vor Bchern empfand sie Widerwillen, die Natur lie sie
kalt.

Als Frau von Scheyern kam, merkte Frau Khuenbeck erst durch die
Betroffenheit ihrer Schwester, welche Vernderung mit Olivia geschehen
war. Sie war berschlank, ihre Formen hatten die Weichheit eingebt,
ihr Gesicht die Lieblichkeit, sogar die Farbe ihrer Haare schien
gebleicht. Die Augen lagen tief in den Hhlen und blickten fremd und
matt.

Man wollte sie zur Heimreise bewegen. Sie weigerte sich und blieb gegen
alles Zureden taub. Das Beste, was man fr sie tun knne, sei, sie sich
selbst zu berlassen, erklrte sie. Den Frauen dnkte dies Verlangen
sinnlos; sie berieten sich mit einem Arzt und brachten sie in ein
Sanatorium am Bodensee.

Nach einigen Wochen schrieb sie der Mutter, die nach Hause gereist war,
sie halte es in der Anstalt nicht aus, sie wolle einsam sein, sie wolle
ins Gebirge. Nun ging sie nach Arosa und mietete sich in einem kleinen
Gasthof ein. Sie lebte ganz ohne Menschen, ganz ohne Zuspruch, vom
November bis August. Wenn man sie sah, hatte man den Eindruck, als denke
und fhle sie nicht, als sei ihre Seele gelhmt.

Sie war von einer mrderischen Verachtung gegen sich und ihren Zustand
erfllt. Die einzigen Gefhrten in ihrer traurigen Abgeschiedenheit
waren Blumen, die sie bei ihren Spaziergngen auf den Alpenwiesen
pflckte. Doch in ihrem erstorbenen Herzen versprte sie keine Freude
ber die Blumen. Sie sammelte tglich einen Strau und trug ihn in ihre
Stube. Am andern Tag war er ein totes Ding.

Ihre Hnde waren jetzt ganz schmal und gelb.

       *       *       *       *       *

Eines Morgens trat der Besitzer des Gasthofs in ihr Zimmer und sagte:
Es ist Krieg ausgebrochen, ich mu mein Haus schlieen.

Sie suchte nach einer andern Unterkunft, aber man wollte sie nirgends
aufnehmen. Alle Fremden reisten ab. Dumpf und teilnahmlos, wie sie war,
traf sie Vorbereitungen, nach Paris zu fahren. Man bedeutete ihr, da
dies nicht anginge. Da bekam sie eine Depesche ihrer Mutter, worin sie
kategorisch zur Heimreise aufgefordert wurde. Sie gehorchte.

In allen Bahnhfen drngten sich aufgeregte Menschen, und Neugier und
Angst waren auf allen Gesichtern. Der Zug war so voll, da Olivia kein
Pltzchen zum Sitzen fand und sechzehn Stunden lang gepfercht im
Korridor stehen mute. Und immer mehr Leute stiegen ein; Frauen
kreischten, Kinder weinten, Mnner suchten ihre Gepckstcke, Hunde
bellten, unaufhrlich liefen Gerchte von Mund zu Mund, das Kaiserlied
wurde gesungen.

Olivia hielt sich krampfhaft am Fensterrahmen fest. Ihr schwindelte vor
Ekel bei den fortwhrenden Berhrungen, denen sie ausgesetzt war.

Als im Morgengrauen der Zug hielt, sah sie auf dem Bahnsteig eine
Buerin, die von ihrem Sohn Abschied nahm. Was zwischen den beiden
geredet wurde, konnte sie nicht hren, aber wie sie voreinander standen,
Hand in Hand, Blick in Blick, das rttelte sie auf einmal aus ihrer
selbstischen Pein.

'Wohin bin ich geraten?' dachte sie schuldbewut; 'wer hat mir die
Menschheit geraubt? Wer hat mich gelehrt, sie zu fliehen?' Auf einmal
hatte der Lrm, der um sie herrschte, etwas Melodisches. Das Ungeheuere,
von dem die Menschen erfat wurden, begriff sie nicht, doch sprte sie
seine Gewalt.

Niemand holte sie ab. Sie mute lange warten, bis sie einen Wagen bekam.
Die Mutter empfing sie mit Herzlichkeit; Ferdinand, der einrcken mute,
war schon aus Berlin heimgekehrt. Auch er begrte sie froh, aber im
brigen wurde nicht viel Wesens aus ihr gemacht, und das tat ihr wohl.
Niemand fragte, niemand bewachte, niemand belauerte sie, deshalb gewann
sie Sicherheit und fhlte sich minder einsam, als wenn man ihre
Einsamkeit zu stren versucht htte.

Eines Morgens kamen Ferdinand und ihre zwei jungen Vettern, Leo und
Ernst von Scheyern, um ihr Lebewohl zu sagen. Die Uniform kleidete sie
vortrefflich. In ihren Augen war neben einer heiteren Genugtuung ein
Etwas, von dem Olivia elektrisch berhrt wurde.

Spter kamen noch einige der frheren Freunde und Bekannten, die
vernommen hatten, da sie wieder zu Hause war und sich von ihr
verabschieden wollten. Sie schienen vergessen zu haben, da Olivia ihrer
lngst vergessen hatte, und waren so zutraulich und aufgerumt, da sie
sich ber jeden einzelnen wundern mute. Oft war sie nah daran, zu
fragen: Bist du es denn wirklich? Seid ihr es wirklich? Seid ihr
wirklich so?

Am Nachmittag erschien Georg Ingbert. Er war Artillerieoffizier und sah
aus, als ob er mit dem bunten Rock geboren wre. Er sprach nicht viel.
Er gab Olivia eine papierne Rolle, die versiegelt war, und bat, sie mge
sie in Verwahrung nehmen. Der Abschied war kurz und fast ganz stumm.
Erst nach einer langen Zeit des Hindenkens sttzte Olivia den Kopf in
die Hand und weinte. Es waren gute Trnen.

Soldaten zogen singend am Haus vorbei. Sie trat ans Fenster, einige
schauten empor. Die lachenden, jungen Gesichter! An den Mtzen steckten
Feldblumen. Auch diese fremden Leute hatten das seltsame Etwas in den
Augen, das wie ein Funke herbersprang.

Sie ging in die Stadt. Unzhlbare Scharen von Menschen zogen ber den
Ring. Ein ahnungsvolles Schweigen veredelte die Massen. Elemente, die
vorher gegeneinander gewirkt hatten, flossen zusammen und bildeten eine
einheitliche Kraft.

In einer Nacht traf eine schlimme Botschaft vom Kriegsschauplatz ein;
sie war in der Luft zu spren, ehe sie verkndet wurde. Es schien, als
seufzten die Pflastersteine.

Der Vorrat von Hoffnung war gering im Lande; das Land hatte keinen
Glauben an sich. Aber aus dem verbrderten Reich strmten, wie aus einem
unerschpflichen Sammelbecken, immer neue Fluten von Zuversicht. Nie
waren Stdte einander so nah gewesen, nie hatten Menschen durch die
Ferne einander so gefhlt. Um jeden einzelnen barst ein Gehuse, das ihm
zum Kerker geworden war.

       *       *       *       *       *

Immer wieder, suchend, fliehend, wanderte Olivia durch die Stadt. Sie
ging zu Leuten, mit denen sie seit Jahren die Verbindung gelst hatte,
konnte aber, als schme sie sich, nicht sprechen. Alles in ihr, an ihr
war Frage, Zweifel, dunkles Ringen.

So kam sie auch zu Frau von Scheyern. Diese wollte die Sorge um ihre
Shne betuben und machte sich an vielen Orten ntzlich. Sie forderte
Olivia auf, sie zu begleiten, und sie fuhren zum Ostbahnhof, wo
zahlreiche Damen beim Labedienst beschftigt waren. In einer Halle waren
mehr als zwanzig Verwundete auf Stroh gebettet; sie lagen ganz still da,
mit traurigen Augen und blutbefleckten Verbnden.

Olivia blieb stehen und wurde bleich. Was war das? Was geschah hier?
Menschen lagen da in ihrem Blut, und andere Menschen gingen vorbei, als
msse es so sein. Von der Welt fiel eine Hlle ab, die ihre Gestalt
verborgen hatte, und pltzlich trat diese Gestalt in schrecklicher
Nacktheit hervor. Unbeschreiblichen Ernst im Auge, wandte sie sich zu
Frau von Scheyern und fragte tonlos: Warum liegen denn die Leute hier?

Wir haben zu wenig Platz, war die Antwort.

Sie kehrte sich hinweg und verfiel in Grbelei. Fremde Leute drngten
sich um sie, und Frau von Scheyern entschwand ihr aus dem Gesicht. Sie
trat auf die Strae. 'Zu wenig Platz,' grbelte sie und starrte auf die
Huser, die vielen Fenster, 'wieso denn zu wenig Platz?' Wie konnten
alle die Mnner und Frauen in ihren Stuben weilen, wenn fr jene
Blutenden zu wenig Platz war? Wie konnten sie essen, trinken, schwatzen,
ihre Geschfte besorgen und in der Nacht schlafen? Zu wenig Platz!

Sie wurde von einer wachsenden Unruhe ergriffen. Am andern Tag ging sie
wieder auf den Bahnhof, und noch mehr Verwundete lagen da. Wie gestern
an Frau von Scheyern, wandte sie sich mit scheuer Frage an einen jungen
Militrarzt. Die Antwort, mit bedauerndem Achselzucken gegeben, war
dieselbe. Unwillkrlich prete sie die Hnde zusammen, dann floh sie wie
von einem Ort der Snde.

Immer entsetzlicher wurde das Bild in ihrer Phantasie. 'Was tust du?
Wozu bist du da?' rief sie sich zu. Bestndig zitterten ihre Lippen. Sie
wute kaum, wie die Tage vergingen, ihre Mutter glaubte, sie wrde von
neuem krank. Eines Morgens begegnete sie Eduard von Friesheim. Er bot
ihr beide Hnde dar, aber sie beachtete seine freudige Erregung nicht,
es war ihr unangenehm, zu denken, da ihre Person Gegenstand auch nur
eines einzigen Wortes sein sollte. Als sei sie ausgehungert nach
Mitteilung und Aufklrung, sprudelte sie in raschen Stzen hervor, was
sie bedrckte. Eduard war als Arzt in der Stiftskaserne ttig; dort
seien die Zustnde bengstigend, sagte er; die Leute lgen in den
Gngen, haufenweise, und mit den furchtbarsten Verletzungen. Und Sie,
Eduard, und Sie? kam es geqult und emprt von Olivias Lippen.

Er sah hilflos aus, blickte sie verwundert an. Viel Schicksal und
Erlebnis lag in seinen Zgen, aber sie gewahrte es nicht.

Auf einmal tauchte in ihrer Erinnerung ein Haus empor, zuerst wie ein
Traumbild, dann immer wirklicher, greifbarer, ein Haus mit vielen
unbewohnten Zimmern.

Ich gehe demnchst zur Front, sagte Eduard Friesheim, und sein auf
Olivia gerichteter Blick verlor alle Freude.

Olivia nickte ohne Anteil; von einem gebieterischen Bedrfnis nach Eile
gepackt, rief sie einen Kraftwagen an. Sie lie sich zu Robert Lamms
Villa fahren.

Gerold, der auf ihr Luten das Tor ffnete, sagte: Ich wei nicht, ob
der Herr Hofrat empfngt. Olivia schob ihn beiseite, flog durch den
Flur, ber zwei Treppen hinauf und pochte an der Tr des Giebelzimmers.

       *       *       *       *       *

Robert Lamm sa lesend am Fenster. Bei dem strmischen Eintreten des
jungen Mdchens erhob er sich, zuckte zusammen, schaute zu Boden,
schaute wieder auf Olivia und sagte kalt verwundert: Du bist es?

Seine Lippen schienen schmaler geworden, die Wangen etwas faltiger, der
schttere Schnurrbart war ergraut. Doch seine Gestalt war noch
elastisch, die Haltung ungebeugt. Der einsame Blick seiner Augen
erschtterte Olivia, ein Schauder berlief sie: der Mann war ihr so nah
und so fern dadurch, in ihr war pltzlich alles Heiglut des Erlebens,
in dieser Glut schmolz er dahin, und ihr dnkte, als vergehe sie sich an
ihm, nur weil sie hier stand und er sein Wesen verlor, sie ihres gewann.
Es war ein Gefhl aus einer Tiefe, wo vordem nichts gewesen war als die
Wucht von Erfrorenem.

Eine Gebrde Lamms fragte. Die Gebrde war beredt: die Menschen meiden
mich, ich habe aufgehrt, etwas von ihnen zu erwarten. Was fr ein
selbstschtiger Anla fhrt dich her?

Olivia schpfte Atem. Mit der Stimme aus jener aufgetauten Tiefe sagte
sie: Robert, es liegen Soldaten in ihrem Blut, die keine Lagersttte
haben, kein Dach ber dem Kopf, keinen Winkel, wo sie sich bergen
knnen.

Ja, ich wei, es ist Krieg, entgegnete Robert Lamm sachlich. Du hast
offenbar Verwundete gesehen. Regt dich das so auf? Es sind die
notwendigen Folgeerscheinungen. Was hab' ich damit zu schaffen?

Olivia trat dicht vor ihn hin und legte die Hand auf seinen Arm. Um
Gottes willen, was redest du, rief sie leise. Die Unglcklichen gehn
zugrunde, und es sind so viele Huser da mit leeren Stuben! Robert, dein
Haus! Vierzehn Zimmer! In jedem Zimmer knnen zehn Betten sein. Man hat
zu wenig Platz, Robert, zu wenig Platz fr Menschen, die sich geopfert
haben. Hier bei dir ist Platz in Hll' und Flle. Gib mir dein Haus,
Robert, besinn dich nicht, gib ihnen Platz, wenn nicht zum Leben, so
doch zum Sterben.

Stumm erstaunt blickte Lamm in Olivias flammendes Gesicht.

Wie sie still halten, flsterte Olivia und prete die Hnde
gegeneinander, wie fromm sie daliegen, wie verstmmelte Tiere. Geh mit
mir und schau' sie an.

Robert Lamm schttelte langsam den Kopf, als begriffe er diese Worte
nicht. Endlich sagte er scharf abweisend: Sie haben sich nicht
geopfert, sie sind geopfert worden. Ad eins. Ad zwei: verschlgt es
nichts, wenn das Pack dezimiert wird. Es bleiben immer noch genug brig.
Ad drei ist es nicht meines Amtes, den Samariter zu spielen. Das
berlass' ich denen, die noch Erwartungen oder Ehrgeiz oder den Glauben
an ihre Wichtigkeit haben.

Fassungslos blickte Olivia in sein unbewegtes Gesicht. Sie begann am
ganzen Leib zu beben. Und wenn du dort lgst, hilflos dort lgst,
stammelte sie; alle Farbe wich aus ihren Wangen. Lamm schwieg und rhrte
sich nicht. Und wenn's dein Bruder wre, irgendein Mensch, den du
liebst, fuhr sie flehend, beschwrend, auer sich fort. Robert Lamm zog
mit eigentmlich bsartiger Bewegung die Schultern hoch und starrte
finster ber Olivia hinweg. Und wenn ich's selbst wre, Robert, ich
selbst! brach es nun wie ein Schrei aus ihr hervor. Ihre Augen
schwammen in schimmernder Feuchtigkeit, der wilderregte Blick lief
suchend durch den kargen Raum und blieb an einer Stelle der Wand
haften, wo unter einem Hirschgeweih zwei Gewehre hingen und zwischen den
Gewehren ein Jagdmesser mit kunstvoll eingelegter Klinge. In
leidenschaftlicher Wallung trat sie an die Wand, ri das Messer an sich,
ffnete mit zitternden Fingern die oberen Knpfe ihrer Bluse und
richtete die Spitze des Stahls gegen die weie Haut ihrer Brust. Wenn
ich es wre! wiederholte sie, und in den Ton der Verzweiflung mischte
sich ein seltsames Jauchzen. Ihre von den Lippen entblten groen engen
Zhne leuchteten, als ob sie lache, und das Bild, wie sie dastand,
drohend, fordernd, anklagend, das Messer in der Faust, mitten im Schmerz
und in der Furcht vor der Enttuschung gleichsam spielend, hatte bei
allem Unerwarteten und Bengstigenden etwas so Rhrendes, ja Kindliches,
da in Robert Lamms Zgen eine verwunderte Ergriffenheit bemerkbar
wurde.

Er griff hin, packte sie beim Gelenk und lste das Messer mit sanfter
Gewalt aus ihrer Hand. Keine dramatischen bungen, mein Kind, sagte er
tadelnd; ruhig Blut, la uns ruhig verhandeln.

Er warf das Messer auf den Tisch und schritt ein paarmal durch das
Zimmer. Dein Gefhl macht dir Ehre, begann er wieder; ich sehe nur
nicht ein, warum mir daraus Pflicht und Zwang erwachsen soll. Niemand
lt sich gern auf einen Posten drngen, der weder seinem Charakter,
noch seiner Auffassung der Dinge gem ist --

Die bel, unter denen du am rgsten gelitten, und die du immer als
unsern Fluch bezeichnet hast, Trgheit und Unverantwortlichkeit, da mir
die gerade dein Bild verunstalten sollten, knnt' ich nicht ertragen,
warf Olivia ein.

Robert Lamm blieb stehen und senkte den Kopf. Die Glut in Olivias Worten
berraschte ihn sichtlich; er schien mit sich zu kmpfen. Mit dem Haus
allein ist's nicht getan, sagte er zgernd, wer wird es einrichten?

Das la meine Sorge sein.

Du vergit, da dazu viel Geld gehrt.

Du bist reich. Was willst du mit all dem Geld machen? Es gibt noch
andere, die reich sind, wenn du nicht genug hast oder nicht soviel
entbehren willst. Am Gelde sollt' es scheitern? Geld beschmutzt den, der
jetzt nicht hilft.

Robert Lamm lachte; es klang halb berlegen, halb beengt. Er setzte sich
an den Tisch und starrte in den Garten hinaus. Nun gut, sagte er nach
einer Weile, nun gut. Ich will nicht deine Verachtung auf mich laden.
Tue, wozu es dich drngt. Ich werde Auftrag geben, da man dich nach
deinem Belieben hier schalten lt. Ich werde dir ein ausreichendes
Konto bei der Bank erffnen. Ich nehme an, da deine praktische Eignung
mit der Begeisterung gleichen Schritt hlt; da du Leute ausfindig
machst und zu Rate ziehst, die Erfahrung und Redlichkeit besitzen, ist
wohl selbstverstndlich. Ich kann ja zusehen, was daraus entsteht. Auf
meine Person allerdings darfst du nicht weiter zhlen. Ich bin nicht da,
fr dich nicht, fr keinen. Jetzt geh, du hast ja Eile, versum' die
Zeit nicht.

Olivia trat an den Tisch, nahm Robert Lamms Hand mit ihren beiden und
drckte sie fest. Unsicher, fast beklommen schaute er sie an und schlug
hierauf den Blick zu Boden. Sie ging.

       *       *       *       *       *

Am selben Abend reiste Robert Lamm ab. Er floh auf seine Alm.

Jedesmal, wenn er in das Tal kam, lie er den Wagen beim Brandwirt
halten, und ein Bauernmdchen, das dort bedienstet war, folgte ihm in
das Blockhaus. Dieses Mdchen, Romana hie sie, war ihm seit vielen
Jahren treu ergeben und freute sich stets, wenn sie droben bei ihm sein
durfte.

Sie war zur Schweigsamkeit erzogen, und da er sie in trben Gedanken
sah, fragte er, was ihr sei. Sie antwortete, ihr Schatz sei im Krieg.

Das Wort tnte fremd in dieser Ferne von allem Menschentreiben. Die
Majestt und Ruhe der Natur vernichteten seinen Sinn.

Es war herrliches Oktoberwetter. Nebel lagen in der Frhe auf den Hhen
ringsum und fllten die Tiefen; alsbald begannen sie unter der noch
unsichtbaren Sonne zu glnzen, sich zu zerteilen, und der strahlend
blaue Himmel trat hervor.

In den ersten Tagen ging Robert Lamm regelmig auf die Jagd. Aber er
merkte, da ihm die rechte Lust und Sammlung fehlte. Einmal war er einem
Bock auf der Spur, und es gelang ihm, das Tier vor den Schu zu bringen.
Kaum hundert Schritte von ihm stand es witternd zwischen den Bumen; er
legte an, doch seltsam, das Herz klopfte ihm so heftig, da er die
Flinte absetzen mute. Das Tier hatte ein Gerusch gehrt und enteilte,
nicht in groen Stzen, sondern beinahe bedchtig und als wisse es, da
es nicht mehr bedroht sei. rgerlich feuerte Lamm sein Gewehr in die
Luft, und da erst sprang es voll Schrecken davon.

Sein bedchtiger, federnder Traumgang hatte den Jger an eine
Menschengestalt gemahnt. Er hatte pltzlich Olivia vor sich gesehen.

Er lie die Flinte zu Hause und unternahm weite Wanderungen ber das
Gebirge.

Wo der Horizont verstellt war durch Felsen oder Wlder, fhlte er sich
abgegrenzt und sicher; auf den Gipfeln schien es ihm, als zitterte die
Glocke des Himmels, und am Rande war ein Flimmern wie von Eisenbndern,
die im Feuer glhen.

Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, griff er nach der Zeitung und las die
Berichte. Die Bauern, denen er eine vertraute Erscheinung war, knpften
Gesprche mit ihm an und wollten Aufschlu und Trost von ihm haben. Er
aber gefiel sich darin, sie in der Furcht zu bestrken, und sein letztes
Wort war stets: Es ist aus mit uns. Und in seinen Mienen malte sich
eine herzlose, fanatische Schadenfreude.

Einmal bewies er dem Frster und dem Postmeister mit der Karte in der
Hand, da es gegen die berzahl der Feinde kein Entrinnen gbe. Jene
hrten bekmmert zu, und der Frster wagte bescheiden auf die Siege
hinzudeuten, welche die Truppen doch schon errungen htten. Da lachte
der Hofrat und antwortete: Im besten Fall siegen wir uns zu Tode.

Er war immer in unruhiger Bewegung. Er lie sich Bcher aus der Stadt
kommen, hatte aber zum Lesen keine Geduld. In frheren Tagen hatte er
den Plan gefat, unweit von der Htte ein ausgemauertes Wasserbecken
anzulegen, um im Sommer baden und schwimmen zu knnen. Jetzt dnkte es
ihn an der Zeit, das Projekt zu verwirklichen, und jeden Morgen ging er
mit der Schaufel zu der bestimmten Stelle und grub selbst die Erde aus,
viele Stunden lang. In der Mdigkeit, die ihn dann berfiel, war ihm
zumute, als erlahmte die Wut eines Tieres, das ihn zwischen seinen
Pranken hielt.

Bei Regenwetter sa er im Haus. Oft schickte er Romana mit Auftrgen ins
Tal und kochte selbst. Oft auch, besonders am Abend, kauerte er am Herd
und starrte in die Flammen. Dann begann er in trotzigem Ton vor sich hin
zu reden, oder er nahm ein halbverbranntes Stck Holz und zeichnete mit
dem verkohlten Ende Hieroglyphen auf die weie Kalkmauer. Aus den
Flammen aber erhob sich Olivias Gestalt und verlor sich wieder in die
Finsternis.

Allmhlich bemchtigte sich seiner eine unbestimmte Angst vor Gefahren
und vor Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug in der Nacht und
verbarrikadierte die Tre. Im Bett liegend, betastete er seinen Krper
und suchte nach einer Schmerzempfindung. Er zndete Licht an, griff nach
der Uhr und zhlte seine Pulsschlge. Kaum konnte er es ertragen, sein
Herzgerusch zu hren; jeden Augenblick war er darauf gefat, da die
geheimnisvolle Maschine im Innern des Leibes stillestehn wrde. Er
wanderte in den nchsten Ort und kaufte allerlei Mixturen und
Probatmittel in der Apotheke. Es kam ihm vor, als shen ihn die Leute
mit argwhnischen Augen an, als htten sie sich besprochen und fhrten
etwas Verderbliches gegen ihn im Schilde. Das Rascheln im Gebsch
erschreckte ihn, der Schrei der Krhen lie ihn erbleichen, das Heulen
des Windes verursachte ihm die grte Pein. Beim Ausschaufeln der
Badgrube war ihm eines Morgens pltzlich zumute, als schaufle er ein
Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das Gert weg und htete sich, die
Arbeit wieder aufzunehmen. Sobald es dmmerte, wagte er sich nicht mehr
ins Freie. Romana hatte bisher jeden dritten Tag die Post holen mssen.
Jetzt lie er sie nur jede Woche hinunter, weil er sich vor dem
Alleinsein frchtete, und wenn sie mit den Briefen kam, besah er nur die
Umschlge und die Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu ffnen.
Er las auch keine Zeitung mehr; er wollte nicht wissen, was drauen
vorging; er wartete auf eine Katastrophe und wollte nicht erfahren, ob
sie nher gerckt oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte er nicht
fr die Menschen, nur fr sich. So unentbehrlich ihm auch die
Gesellschaft Romanas war, so sehr hate er ihr Reden und ihr Schweigen.
Wenn alles stille war, im Schnee, denn es war mittlerweile Winter
geworden, qulte es ihn, da er um ihren Atem wute. Manchmal schlich er
des Nachts durch die Stube und an den Bretterverschlag, hinter dem sie
schlief. Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug er roh an die Wand,
und sie blies die Kerze aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so bi er die
Zhne zusammen und gab sich seiner unergrndlichen Erbitterung hin.

In der Schlferin war die Menschheit; nur in ihr noch. Sie drngte sich
ihm auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, stumpfen Leibes, wie sie
lag, gefhllos und gemein? Trumte sie von dem blden Bauernburschen,
den sie geliebt hatte und der nun in der Schlacht war? Und hatte sie
darum ein Anrecht auf ihn, Robert Lamm? Aber war nicht etwas Zuflliges
in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? Ein wenig verfeinert die Kontur, ein
wenig glatter die Haut, ein wenig beseelter das Gesicht, und sie war
eine andere, unheilvoll verwandelt.

Olivia, murmelte er vor sich hin.

Eines spten Abends wurde an die Haustr gepocht. Der Hofrat ging hin
und ffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen Gewndern und verstrtem
Gesicht stand drauen. Stammelnd bat er um Einla. Da es strmte und
schneite, mochte ihn Lamm nicht zurckweisen. Auf die Frage, wo er
herkomme und weshalb er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur
verworrene Antworten. Romana fhrte ihn auf den Dachboden, wo er auf
einem Strohsack nchtigen konnte. Als sie zurckkam, sagte sie, es sei
ein Knecht aus ihrem Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben worden
und sei geflohen. Der Hofrat fuhr auf; dann sag' ihm, er soll sich
packen! rief er. Man knne doch keinen Menschen in diese Nacht
hinausjagen, war die Erwiderung. Lamm zndete die Laterne an, stieg auf
den Dachboden, und da er den Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er
ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien es ihm, als werfe ihm ein
Spiegel sein Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter Schrecken
war in diesen Zgen. Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die sich aus
der Finsternis nach dem Fahnenflchtigen streckten, und von dort, wohin
er den Rcken kehrte, griffen sie auch nach ihm. In einer Wallung von
Zorn rttelte er an der Schulter des Schlfers; der lie nur ein Sthnen
hren und schlief weiter. Und wie hinter dem Bretterverschlag die
schlafende Romana die Gestalt Olivias angenommen hatte, wurde dieser
fremde Mensch in ihn selbst verwandelt, und es war nicht zu
unterscheiden, ob der Schlaf dieses andern eine Wahnvorstellung war oder
sein eigenes Wachen. Es war ein grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch
und Mensch, von Seele und Seele, ein grausiger Verlust der Leibesgrenze,
ein bergreifen von Bewutsein zu Bewutsein.

Bis zum Morgengrauen schritt Lamm in seiner Stube auf und ab. Sobald es
Tag war, wollte er hinunter in den Ort, um die Anzeige zu machen. Aber
bevor er sich noch fr den Gang gerstet hatte, sah er zwei Gendarmen
mit einem Polizeihund auf das Haus zukommen. Sie hatten die ganze Gegend
abgestreift, da der Hund im Schnee die Spur verloren hatte und wollten
sich auch hier nach dem Flchtling erkundigen. Der Mann ist droben, den
ihr sucht, redete sie der Hofrat an und zeigte auf die Stiege zum Dach.

Der junge Knecht wurde verhaftet und mit Handfesseln versehen. Lamm
gebot der Magd, da sie den Gendarmen einen Imbi reiche, und whrend
sie warteten und aen, packte er eilig seinen Koffer. Dann begleitete er
die Leute ins Tal und war auffallend gesprchig, in einer seltsam
unterwrfigen Art, als habe er irgendeine Schuld auf sich geladen und
knne es durch beflissenes Wesen verhindern, da man ihn bezichtigte.

Beim Brandwirt lie er sein Gepck von der Almhtte holen. Am Abend fuhr
er in die Stadt.

Er mietete sich in einem Hotel ein. Mehrere Tage ging er nicht aus dem
Zimmer, endlich entschlo er sich, seinen Diener zu benachrichtigen.
Gerold kam und brachte ihm Kleider und Wsche, die er verlangt hatte.
Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben solle, schttelte der Hofrat den
Kopf und erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er seiner bedrfe.

Die Vernderung, die mit dem stillen, plumpen Menschen vorgegangen war,
schien er nicht zu bemerken. Die Augen Gerolds schwammen in roter
Flssigkeit, seine Arme zuckten bestndig, beim Reden stotterte er und
verlor den Zusammenhang.

Aber Robert Lamm sah die Leute nicht an. Wenn er ausging, whlte er die
Abendstunden und vermied die hellbeleuchteten Straen. Er schritt mit
gesenkten Lidern und sttzte sich auf seinen Stock wie ein Greis. Es lag
eine unheimliche Komdie darin, da er auch den Gang eines Greises
nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor den Menschen alt sein. Er
trug sich nicht mehr mit jener gewhlten Feinheit, durch welche er stets
aufgefallen war, sondern sorgte mit listiger Berechnung fr kleine
Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige Zylinder, der etwas wie ein
Wahrzeichen seiner Persnlichkeit bildete, war nicht mehr so glnzend
gebrstet, obwohl er noch immer ein bichen schief auf dem Kopfe sa.

Es kam hufig vor, da er trotz der Verstellung, die er bte, trotz des
Versteckenspiels, das er trieb, gegrt wurde. Doch dankte er nie.
Einmal trat ihm ein guter Bekannter in den Weg, gebrdete sich entzckt,
ihn zu sehen, und wnschte ihm Glck zu seiner groen Tat. Verdrossen
fragend schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, da jener das
Verwundetenspital meinte, zu welchem das Landhaus umgewandelt worden
war. Begeistert rhmte er die dortselbst getroffenen Einrichtungen,
sowie die auerordentlichen Leistungen Olivia Khuenbecks, ber die man
immer neue Wunder zu hren bekomme und von der die ganze Stadt schwrme.

Mrrisch erwiderte der Hofrat, das gehe ihn alles nichts an, die Villa
sei lngst keine Privatanstalt mehr, sondern befinde sich als
ffentliches Kriegslazarett unter staatlicher Aufsicht. Er knne kein
Verdienst beanspruchen, und Lobsprche seien ihm gegenber am falschen
Ort.

Einem ehemaligen Kollegen, von dem er gleichfalls aufgehalten und mit
Fragen belstigt wurde, flsterte er mit heuchlerischer Bekmmernis zu,
der Arzt habe ihm das Sprechen verboten; er deutete auf seinen Kehlkopf
und lie den Verdutzten stehen.

In den Speise- und Kaffeehusern, die er besuchte, setzte er sich in
einen Winkel; um sich vor zudringlichen Blicken zu schtzen, hielt er
eine Zeitung vor das Gesicht, ohne jedoch zu lesen. Die Menschen lrmten
ihm zu viel; seine Miene verzerrte sich gehssig, wenn sie lachten oder
aufgeregt kannegieerten. Nach seiner Ansicht htten sie stille sein
mssen, ganz still, und am Abend htten keine Lichter brennen drfen.
Hrte er irgendwo Musik, so geriet er auer sich und fand, da man das
Schicksal frech herausforderte. Wurden Extrabltter ausgerufen und alle
Hnde griffen gierig danach, so blieb er teilnahmlos und rhrte sich
nicht. Er war berzeugt, da fast alles, was in diesen Blttern stand,
erlogen war. Die zahllosen Flchtlinge, welche die Stadt fllten,
erregten seinen rger, anderseits bereitete ihm der Gedanke an die
Ursache ihrer Gegenwart eine hmische Genugtuung, und er machte boshafte
Glossen ber das dumme Volk, das die Gefahr nicht zu ahnen schien, die
sich darin verkndete. Begegnete er Gruppen von Soldaten, geheilten
Verwundeten, die in schmierigen Uniformen und mit erbarmenswrdig
blassen Gesichtern durch die Straen zogen, so ballte er wie im Zorn die
Faust und lchelte dster.

Dreimal wechselte er sein Quartier, weil er sich einbildete, da whrend
seiner Abwesenheit Leute in seinem Zimmer gewesen seien, um zu
spionieren. Auch war es ihm berall zu teuer und zu laut. Er prfte
mitrauisch die Rechnungen und gab keine Trinkgelder. Zuletzt wohnte er
in einem geringen Gasthof in Whring. Seine wachsende Vereinsamung
steigerte die hypochondrischen Gefhle; oft lag er tagelang im Bett.

Es war zu Beginn des Dezember, als von den Grenzen her Vernichtung und
Untergang drohte. Es schien, da nur ein dnner Schleier noch zu reien
brauchte, und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich in eine Welt,
die bis zur Stunde noch mit Not und Grauen gespielt hatte. Alles Leben
stockte wie im Zimmer eines Sterbenden: die Menschen sahen sich an, und
einer suchte Hilfe im Auge des andern. Da kam ber Robert Lamm eine
eigentmliche Schwche, und er sprte seine Verlassenheit wie ein
Zentnergewicht. Als er einmal an einer Blumenhandlung vorberging,
stockte sein Schritt. Er mute lachen. Es kam ihm so widersinnig vor,
da hinter der Glasscheibe Blumen standen, jetzt, im Winter und am Abend
aller Dinge. Pltzlich erfate ihn die Sehnsucht nach seinen
Treibhusern; er sprte sogleich die feuchtschwirrende Luft und den
warmen Geruch der Erde. Er erinnerte sich an seine Lieblingspflanzen und
an das Gefhl der Verschwisterung, das er gegen sie empfunden hatte. Die
letztvergangenen Monate dnkten ihm eine Zeit der Verbannung und der
Entbehrung, er begriff seine Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben;
er wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er beargwhnte sein
Verlangen, als sei es nur ein Vorwand fr ein anderes, das er sich nicht
eingestehen mochte. Der alte Selbstha schlug empor und mischte sich mit
dem Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst teuer gewesen, weil er Macht
ber sie gehabt, soviel Macht, da er sich hatte einbilden drfen, sie
sei ein von ihm abhngiges; ja von ihm geschaffenes Wesen, gleich einer
Blume, die er hegte und deren Wachstum und Farbe er bestimmte. Da kam er
zur Oper und mute stehen bleiben, da eine Wagenkette den Weg
versperrte. Eine schne Frau stieg aus einem Fiaker, dem Anschein nach
eine Polin, ein kostbarer Mantel umflo den schlanken Krper, auf dem
dunklen Haar trug sie eine tiefrote Rose. Lamm htte die Rose von ihrem
Haupt reien mgen; es war etwas so Verwegenes und Lsternes um sie; die
Welt erschien ihm malos entartet, aus aller Form und aller Vernunft; er
sah ein andres Gesicht unter der Rose, es verblate, erglhte, verblate
wieder; er wollte das Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos umher,
wurde mde, raffte sich wieder auf, stieg in einen elektrischen Zug,
ging wieder ein Stck, und es war spter Abend, als er vor seiner Villa
anlangte.

Kraft- und Krankenwagen standen am Gartentor. Soldaten eilten ein und
aus, ber dem Hauseingang hing ein groes, rotes Kreuz, alle Fenster
waren hell beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht entschlieen. Es
war Flucht, als er sich zum Gehen wandte. Er verachtete sich, war ein
Narr in seinen Augen. Sein eigenes Haus, ein Ort der Leiden und der
Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich ausgeschlossen hatte, ihm
entrissen von einer Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden
gelehrt hatte!

Am nchsten Tag kehrte er zurck, sprach mit dem Grtner, einem wrdigen
Mann, der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit ihm lebte. Er ging in die
Glashuser, begleitet von dem Alten. Er lie Gerold rufen und merkte
noch immer nichts von der Verstrung des Mannes. Er wollte nichts von
Olivia hren, doch der Grtner fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war
Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit welcher Umsicht und
Geschicklichkeit sie alles in Angriff genommen; zuerst das Ausrumen des
Hauses, dann die Neueinrichtung; wie sie mit den Behrden verhandelt,
die Handwerker zur Eile getrieben, die Geschftsleute gefgig gemacht
habe; wie unermdlich sie am Werk gewesen und wie nichts ihrer Beachtung
entgangen sei, von den Vorrten fr die Kche bis zu den Instrumenten
fr den Operationssaal. Dann kam die Frau des Grtners hinzu und
erzhlte gleichfalls; man sah, da das Schauspiel opfervoller Ttigkeit,
das Olivia gegeben, alle andern Ereignisse im Sinn dieser Menschen
verdrngt hatte. Der Hofrat fragte, wie die Petunienstcke fortgekommen
seien; der Grtner gab befriedigende Auskunft. Sein Weib lie sich aber
nicht zum Schweigen bringen und schilderte trotz der abwehrenden Gebrde
des Hofrats, wie das Frulein die Pflegerinnen aufgenommen, nicht blo
Berufsschwestern, sondern auch vornehme Damen, die freiwillig Dienst
tten, und wie sie nicht geruht habe, bis sie die besten rzte bekommen.
Anfangs habe ihr Frau von Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere
Damen htten sich angeboten, die Arbeit mit ihr zu teilen, aber es sei
ihr alles zu wenig gewesen, was man getan, niemand konnte vor ihrem
Eifer bestehen. Der Grtner nickte; es sei kaum zu fassen, fgte er
hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher Zeit zu sein, auf dem
Bahnhof, um die Transporte zu berwachen, bei den mtern, um neue
Vergnstigungen zu erhalten, in den Krankenzimmern und in der Kche, bei
Tag und bei Nacht, und wann sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch.

Lamm erhob sich und schritt erregt auf und ab.

Gerold sagte dumpf: Soviel ich hre, sollen jetzt Baracken im Park
gebaut werden.

Der Hofrat fuhr jh herum. Baracken im Park? Da hab' ich noch was
dreinzureden, dnkt mich!

Ich denke auch, murmelte Gerold und prete die Hand um seinen Hals.

Auf einmal ertnte vom Haus herber ein langgezogener Schrei. Robert
Lamm lauschte erschrocken. Die andern schienen derlei schon gewohnt.
Armer Teufel, sagte die Frau des Grtners. Gerold war sichtlich
zusammengeschaudert.

Der Schrei wiederholte sich, in einer hheren Tonlage, aus heftigerem
Schmerz heraus. Lamm verlie die Grtnerstube, sah sich drauen um, der
Schrei dauerte noch an, setzte ab, begann abermals. Von dem Trieb
beseelt, sich dem Bereich der grlichen Stimme zu entziehen, schlug
Lamm den Weg zum Tor ein. Pltzlich aber blieb er stehen und kehrte um.
Es zog ihn unwiderstehlich zurck, die Muskeln in seinem Gesicht
verkrampften sich, zaudernd und beklommen schritt er zum Haus. Es war
schon Abend, weicher Schnee klatschte unter seinen Fen. Gerold folgte
ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem beleuchteten Fenster; in den
Raum konnte er nicht blicken, da ein weier Vorhang hinter den groen
Scheiben hing. Er stand da und lauschte zitternd dem frchterlichen
Schrei.

Herr Hofrat, flsterte Gerold, man kann's hier nicht aushalten, man
kann nicht mehr leben in dem Haus.

Die Umrisse einer Gestalt fielen pltzlich auf den hellen Vorhang. Das
Fenster wurde jh geffnet. Die es ffnete und nun in den Ausschnitt
trat und einen Blick in den Abend warf und die beiden sah und Robert
Lamm erkannte, war Olivia.

Robert Lamm nannte ihren Namen. Er sttzte sich mit bebenden Armen auf
den Sims und war ihr so nah wie damals, als er ihren Hnden das
Jagdmesser entwunden hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh ihr eine
Wrde, die ihn unwillkrlich veranlate, einen Schritt zurckzuweichen.
Der Mann im Saale schrie und schrie, gellend, markerschtternd. Er wird
sterben, sagte Olivia, und trotzdem sie in die Dunkelheit
hineinschaute, sah man, wie ihre Augen glanzlos wurden.

Als sei er von einer berirdischen Erscheinung geblendet, senkte Robert
Lamm den Kopf.

Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer hinauf, das er ehedem
bewohnt hatte und das von der Verwandlung des Hauses nicht berhrt
worden war.

       *       *       *       *       *

Da brannte wieder die Lampe, da blickten ihn die Bcherreihen an, und es
herrschte auch Stille; aber die alte Stille war es nicht, die Stille des
Gartens und der leeren Zimmer, nicht mehr die Stille, die er beherrscht
hatte.

In dumpfer Trauer schritt er auf und ab. Es dnkte ihm, als habe er kein
Recht, hier zu sein, als msse er sich das Recht erst erkmpfen. Gegen
wen aber erkmpfen? Offenbar doch gegen Olivia. Er wnschte, sich mit
ihr auseinanderzusetzen, dabei fhlte er, da ihr an einer
Auseinandersetzung gar nichts gelegen war, da seine Person und was er
dachte und der Grund, weshalb er nun pltzlich im Hause war, in ihren
Augen gar nichts bedeutete. Er drckte auf den elektrischen Knopf der
Leitung, die in Gerolds Kammer ein Signal gab. Gerold kam nicht. Er
ffnete die Tre und rief hinaus. Keine Antwort. Er brllte Gerolds
Namen ber die Treppe hinunter. Eine weibliche Stimme fragte unwillig
erstaunt nach der Ursache des Lrms. Er fuhr fort, nach Gerold zu rufen.
Endlich erschien Gerold. Er wolle sofort das Frulein Khuenbeck
sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach einigen Minuten kehrte Gerold
zurck und sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine Zeit, sie werde
spter kommen. Bleib in deinem Loch, was streunst du im Hause herum,
wenn man dich braucht! keifte Lamm und schlug die Tr hinter sich zu.

Gleich danach pochte es an der Tr, und Gerold schob sich ber die
Schwelle. Der Herr Stabsarzt lt dringend ersuchen, die Tre nicht zu
schmettern, sagte er furchtsam.

Lamm blickte finster verwundert empor. Hinaus mit dir! erwiderte er.

Er zog ein Buch aus dem Schrank und bltterte darin. Dann warf er es
weg. Die Hnde auf dem Rcken, lief er ungestm die Kreuz und Quer
durchs Zimmer. Ein leises Klopfen berhrte er, und er richtete sich
steif auf, als Olivia eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge zu
begegnen, bald aber fate er Mut. Ihr Gesicht hatte einen
trumerisch-verschleierten Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu einer
gewissen Beschwingtheit und einem selbst im Ruhen willensvollen
Fortstreben aller Bewegungen stand. Sie war verndert, ganz und gar; er
wute auch, da ihre Stimme verndert klingen wrde. Alles an ihr
erregte seinen erbitterten Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr
Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehssigen Verneinung; er
schmte sich dessen und geriet doch noch mehr in Wut, gegen sich, gegen
sie, gegen ein ungreifbares Etwas, das zwischen ihnen war.

Du reibst dich auf, sagte er in bellaunigstem Ton, du bernimmst
dich, du richtest dich zugrunde. Man braucht dich nur anzusehen, um zu
wissen, wie leichtsinnig du mit dir umgehst. Es schmeichelt dir
vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens davon machen, und es liegt in
einer solchen Zeit nahe, sich zu betuben und im allgemeinen Elend das
eigene zu ersticken. Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so
verhngnisvoller Leidenschaft wider sich und seinen Krper wten soll.
Dafr bist du nicht geschaffen, das ist Verblendung.

Olivia, die gegen die Tr gelauscht hatte und sichtlich unruhig war wie
ein Soldat, der seinen Posten verlassen hat, wandte ihm mit befremdeter
Miene das Gesicht zu. Was weit du von mir? fragte sie. Was weit du
denn eigentlich von mir?

Ihre Stimme klang wirklich verndert, tiefer, frauenhafter; sie enthielt
mehr Brechungen und entschiedenere Akzente.

Ich wei, was ich sehe, versetzte er kurz.

Hast du mich deshalb von der Arbeit wegrufen lassen, um mir Vorwrfe zu
machen? fuhr sie fort. So will ich dir sagen, da du dazu kein Recht
hast und da ich dir das Recht auch nicht einrume. Du bist nicht Herr
ber mich. Du bist es kaum ber dich. Was willst du?

Sie schaute ihn an, und er fhlte sich ganz in ihrem Auge drinnen; es
umgab ihn frmlich, und er war klein, wie er nie gewesen, vor ihr nicht
und vor keinem. Er begriff, da sie einen weiten Weg zurckgelegt hatte,
seit er zuletzt vertraut mit ihr gesprochen, und da sie seine Fhrung
nicht mehr annahm und nicht mehr brauchte.

Ich habe zu tun, sagte sie, ich komme wieder, sobald ich mich fr
eine halbe Stunde freimachen kann. Es mssen Baracken gebaut werden, und
dazu ist deine schriftliche Zustimmung ntig.

Baracken? In meinem Park?

Ja, an der Sdseite des Hauses.

Er brauste auf. Ah, freilich; da sollen wohl meine Kastanien gefllt
werden! Hundertjhrige Bume!

Allerdings, erwiderte Olivia ruhig. Bume, fgte sie mit einer
Gebrde trauriger und ungeduldiger Verachtung hinzu, Bume!

Sie hatte schon die Klinke in der Hand, da kehrte sie sich noch einmal
um. Bleibst du hier im Hause, Robert? Du kannst bleiben. Du kannst aus
unserer Kche zu essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen, wenn
du dich entschlossen hast. Der Mann ist brigens zum Sufer geworden.
Vor ein paar Tagen fand ihn Schwester Nina Senoner betrunken auf der
Treppe liegen. Versuch' es, ihn von dem Laster abzubringen. Doktor
Strygowski sagt, er leidet am Blutwahn.

Sie ging. Das Wort Blutwahn, das sie so gelassen ausgesprochen hatte,
rauschte noch durch das Zimmer wie ein beflgeltes Untier. Lamm machte
einige Schritte, als wolle er ihr folgen, als msse er noch einen Blick
in ihr Gesicht werfen, nur um glauben zu knnen, da sie es war, sie
selbst, und nicht eine Doppelgngerin.

       *       *       *       *       *

Da sie versprochen hatte, wiederzukommen, wartete er auf sie.

Zweifellos hatte sie auer acht gelassen, da es schon zehn Uhr war, als
sie sich entfernt hatte. Sie konnte doch nicht daran denken, ihn in
spter Nacht aufzusuchen. Es lag etwas Erschtterndes in der
Vorstellung, da Zeit und Zeiteinteilung keine Rolle fr sie spielten.

In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes Buch vor sich, las
aber nicht. Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet, war unvernderlich
dster. Bisweilen dnkte ihn, er hre wieder den Schrei, der ihn zu dem
beleuchteten Fenster gezogen hatte. Bisweilen glaubte er chzen und
Sthnen deutlich zu vernehmen. Ihm war, als lausche er in den brodelnden
Krater eines Vulkans.

Gerold kam und richtete das Bett, den Waschtisch, nahm Wsche aus dem
Schrank. Lautlos ging er hin und her und sah aus, als frchte er das
Auge seines Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches geffnet und
whlte in alten Briefen und Papieren. Manchmal sphte er hastig nach
Gerold und erschrak bei dem Anblick des krankhaft gelben Gesichts.
Alles, wovor ihm bangte und was ihm unertrglich zu denken war, hatte
sich als Erlebnis in diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl ihm
endlich, das Zimmer zu verlassen. Da schlich Gerold mit geducktem Kopf
hinaus.

Lange nach Mitternacht legte sich Lamm zum Schlafe hin. Aber er konnte
die Lider nicht schlieen, die Finsternis brannte ihm frmlich auf der
Stirn. Er hatte in den alten Briefen nicht gelesen; alle Worte,
geschriebene und gedruckte, waren ihm wie Moder. Doch ein Geruch der
Vergangenheit hatte ihn umfangen und war in sein leeres Herz gestrmt
wie Gift.

Es wurde ihm bewut, wie sehr ihn das Schicksal um Liebe und Liebesrecht
verkrzt hatte, und Begebenheiten traten in lebendige Nhe, die mit
Schweigen und Vergessenheit zu bedecken er immerfort bemht gewesen war.
Dazwischen tauchten Gerolds Zge empor wie ein versteinertes Bild des
Grauens, dann gewahrte er Olivias Gesicht, in phosphoreszierender
Blsse, in einem Rahmen von Blut. Er bi die Zhne zusammen, als schlge
ihn eine unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief jemand mit
rcksichtsloser Lautheit: Schwester Emilie! Schwester Emilie! Lamm
richtete sich auf, stemmte die Arme hinter sich und schrie in die Luft
hinein: Ruhe!

Seine Stimme hallte im Raum, unten wurde sie natrlich nicht gehrt.
Aber sein Ha saugte sich an dem unbekannten Rufer fest und begleitete
ihn in die Zimmer und an die Betten der Soldaten, und aus diesen
bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: 'Wir sind in deinen Frieden
eingedrungen, wir haben deinen Frieden zerstrt, wir haben dir alles
geraubt, was du besessen hast; deine Gemlde sind verschwunden, deine
Mbel, deine Teppiche, deine Tapeten haben wir genommen, deine Bume
lassen wir fllen, deine Blumen reien wir aus, und die einzige Seele,
um die du geworben, die du in deine Einsamkeit geschleift hast wie der
Tiger die Beute in die Wildnis, deren du in deinem Innern noch sicher
warst, als sie sich fern von dir durch die verdunkelte Welt schleppte,
auch die haben wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir elenden, kranken
Menschen!'

Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob sich von neuem Olivias Bild, doch
er erkannte nun und fhlte, was sie ihm bedeutet hatte, ahnte, was sie
ihm war, was sie ihm wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme kam ber
ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch, ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu
erffnen, zu erklren, von ihr gebilligt und begriffen zu sein.

Als er am Morgen einen Blick in den Spiegel warf, war er entsetzt. Ein
altes, fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm gespenstergleich
entgegen. Er machte eine Grimasse und stellte hhnend fest, da seine
Bltezeit vorber sei.

       *       *       *       *       *

Erst um die Dmmerungsstunde kam Olivia herauf.

Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, gab ihr Lamm die schriftliche
Einwilligung zum Bau der Baracken.

Sie dankte. Sie war mde und setzte sich nieder; eine gewisse Nervositt
verriet auch jetzt, da sie sich keine Rast erlauben zu drfen glaubte.

Der gestern geschrien hatte, war schon tot. Sie erzhlte es beilufig.
Es war fr sie ein Fall unter vielen.

Er nickte. Damit msse er sich abfinden, da der Tod Stammgast in dem
Hause sei, sagte er; mit ihrem Tun knne er sich nicht abfinden. Bis zur
Atemlosigkeit gehetzt, wie er sie vor sich sehe, knne er sich nun und
nimmer entschlieen, ihr Unternehmen zu billigen oder gar zu preisen.

Es mag der Weg fr hundert andre sein, dein Weg ist es nicht, Olivia.
Fr die Haltlosen, die Enttuschten, vom Leben Betrogenen der richtige
Weg, fr dich der Irrweg.

Warum, Robert? Es ist dein Trotz und dein tyrannischer Wille, die mir
entgegenstehen. Ich habe Welt und Menschen anders gefunden, als du sie
mir gezeigt hast, antwortete sie.

Anders gefunden? Wie denn, wenn man fragen darf? Bist du auch die
Zeugin von groen Leiden, so bist du doch nicht befhigt, darber zu
urteilen, woher sie stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen liegt.

Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich behaupte nichts. Das tun die
Zuschauer, Robert, die herzlosen Zuschauer.

Ein Mann ist stets Zuschauer, meine Liebe, auch wo er handelt. Soll ich
pltzlich vergessen, wogegen sich fnfundzwanzig Jahre lang mein Gemt
emprt hat, wovon ich beleidigt und gedemtigt worden bin zeit meines
Lebens? Euch ist der Krieg ein Unglck, ein Verhngnis, das nicht zu
verhten gewesen ist wie ein Hagelschlag oder eine Seuche, mir ist er
die Shne fr eine unendliche, aufgehufte Schuld. Im Grauen der
Feuersbrunst wollt ihr nichts mehr davon wissen, da ihr so lange
gezndelt habt, bis die Flammen endlich zum Dach herausgeschlagen sind.
Jetzt ringt ihr die Hnde, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt ihr helfen
und retten, jetzt, da es zu spt ist. Frher ward ihr taub, habt euch
verhtschelt und verhrtet, seid Genlinge gewesen, Spieler, Trinker,
Sportshelden, Bcherwrmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. Es kommt
mir so lcherlich vor, so unntz, so aufgeblasen. Du mut schon
verzeihen, Olivia.

Olivia erhob sich und erwiderte mit der Ruhe, die ihr die erlebten
Gesichte, die Tage, die Nchte, die Schmerzen, das Ungeheure der
geschauten Wirklichkeit gaben: Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich
nicht sagen, du tust mir namenlos leid. Und wenn ich dich ansehe, wei
ich, da das nur deine Worte sind. Dein Gefhl ist es nicht, kann's
nicht sein.

Ach, bleib' bei mir mit dem Gefhl vom Hals! Was ich fhle, ist meine
Privatsache, was ich denke, geht das Allgemeine an. Und ich denke, da
du mit dem Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer von Blut nicht
ausschpfen kannst. Ich denke, da einer Sintflut nicht abzuhelfen ist,
indem man ein paar Zaunlatten in den Boden rammt. Ich denke, da, wo der
Sturm ganze Wlder zerschmettert hat, es ein fruchtloses Unterfangen
ist, mit dem Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, da niemand das Recht
hat, sich zu verschwenden, der, wenn auch nur in der Idee eines
einzelnen, der Menschheit besser dient, indem er sich bewahrt. Wer
geboren ist, Blumen zu hegen, der tauche seine Hnde nicht in Blut, oder
er entwrdigt die Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen, da
sie doch ohnehin schon auf den Hund gekommen ist. Das alles klingt ja
verflucht grausam, aber das Schicksal gibt mir ein Exempel von
Grausamkeit, das mir Mut einflt.

Ich wundre mich, sagte Olivia kopfschttelnd, und ihre blauen Augen
strahlten im Feuer des Unwillens. Woher nimmst du die Kraft und den
Entschlu, dich einer Verantwortung zu entziehen, die alle spren, von
der alle niedergezwungen werden? Bist du der Richter und untersteht die
ganze brige Welt deinem Spruch? Hast du nie gefehlt, nie selber
gesndigt, hast du dir kein Versumnis vorzuwerfen, bist du nicht auch
ein Mensch und stehst mit uns allen unter dem gleichen Gesetz? Warum
also diese Anmaung, dieses Feilschen und Hadern, diese feige Flucht vor
dem, was nun einmal ist?

Er schwieg zunchst. Er ging ungeduldig auf und ab und pfiff leise. Er
warf finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke, hochaufgerichtete
Gestalt mit den seltsam zurckgebogenen Schultern erfllte ihn mit einer
Scheu, die er sich nicht eingestehen mochte. Er trat ans Fenster und
trommelte an die Scheiben, und whrend er in den winterlichen Garten und
in die kahlen ste der Bume schaute, sah er immer blo sie, fhlte
immer nur sie, bewunderte sie, schmhte sie, suchte nach ihr in seinem
zerwhlten Innern, suchte sich in ihr, sammelte Grnde, qulte seinem
Geist Rechtfertigungen ab.

Er sprach von dem Unheil, das ber die Menschheit hereingebrochen war,
als von der groen Reinigung. Er sprach von der geschichtlichen
Notwendigkeit und von den politischen Verkleidungen, unter denen sie
die Vlker narre und durch die sie alle einzelnen zu vollbringen zwinge,
was keiner zu tun wnsche. Lngst seufzten die Lnder, die Stdte unter
einem berflu von Menschen und von Produktion; die Flle sei zur Not
geworden, es sei wie in einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff durch zu
viele atmende Lungen verbraucht worden war. Sei sie nicht selbst mit den
Worten zu ihm gekommen, es gbe zu wenig Platz? Nun werde Platz
geschaffen, darin liege die Fgung, und nicht nur Platz fr den Krper,
sondern auch fr die Seele, fr den Glauben, Platz fr den Herrgott, der
in Gefahr gewesen, in seinem Himmel zu ersticken. Da drfe man nicht die
Hnde ringen und sich larmoyanter Wehklage berlassen; da zieme sich
Ehrfurcht vor dem hheren Walten, denn wer falle, der sei eben der hre
vergleichbar, die, wie die tausende ihrer Mithren, reif sei fr die
Sichel des Schnitters. Jeder erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn
Millionen strben, sei es doch nur ein einziger Tod, und es sei ein
Fehler in der Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach zu sehen.

Olivia schaute ihn an, lchelnd und mit einem erglhten Blick. Ich bin
auch eine hre, warum willst du mich sondern? sagte sie.

Ja, ich will dich sondern, antwortete er heftig; doch stockte er, weil
er die Vermessenheit des Wortes empfand und etwas damit verriet, was ihm
selbst noch unbewut in seiner tiefsten Brust verborgen war.

Warum? beharrte sie, und ihr Lcheln wurde so vergeistert, da er
Furcht vor ihr versprte. Wenn du die Dinge in solcher Art betrachtest,
bin ich dann nicht ein Werkzeug fr die, die ich rette, wie die Granate
ein Werkzeug der Vernichtung ist? Knntest du nur einmal die Augen eines
Menschen schimmern sehen, dem man die Schmerzen lindert! Du weit nicht,
was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das Leben fr dich nichts? Das
einmalige, herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt, wenn der Tod
nach ihm langt --? Du weit nicht, was Leben heit!

Mach ich einen Dichter, einen Trumer, einen, der die Wirklichkeit des
Seins nie zu beherrschen und nchtern abzuschtzen gelernt hat, mach ich
solch einen pltzlich zum Steuermann auf einem Schiff, whrend der
Taifun rast, so tu' ich ungefhr dasselbe, was du mit dir tust,
antwortete Lamm und wandte ihr das in allen Muskeln bebende Gesicht zu.
Wie alles in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes Ma zerstrt, jede
Form zerstrt!

Nein, nein, nein! rief sie ihm entgegen. Nicht zerstrt, nicht
zerrissen, nur lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses Lebendigsein
auch Zerstrung wre, wer bin ich denn, da ich auf mich achten sollte,
mich schtzen drfte? Fr wen, wofr mich bewahren? Wo ist das Bessere,
Grere? La mich sein, wie ich bin, la mich tun, was ich tue!

Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren Augen an, dann brach der Blick
und feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte auf ihn zu, prete beide
Hnde wider ihre Brust und flsterte, totenbleich: Ach, Robert, es ist
frchterlich! Frchterlich!

Er umfing die Schwankende mit seinen Armen und stand regungslos da.

Nach einer Weile machte sie sich sanft los, strich mit der Hand ber
ihre Haare und sagte erschrocken: Ich vergesse mich ganz. Es wartet
soviel Arbeit auf mich. Gute Nacht, Robert.

Schnell verlie sie das Zimmer.

       *       *       *       *       *

Ungefhr vor einer Woche war ein Mann eingeliefert worden, den man ohne
Uniform, bis aufs Hemd entkleidet, auf einem Schlachtfeld in Galizien
gefunden hatte. Er hatte einen Schu im Rckgrat, konnte nicht sprechen
und keinerlei Auskunft ber sich geben.

Still und steif war er dagelegen, die Augen immer auf denselben Punkt in
der Luft gerichtet. Er hatte ein auerordentlich schnes Gesicht, bla,
vergeistigt, durchformt; ein schwarzer Bart umrahmte es derart, da Kinn
und Wangen von Haaren frei waren.

Ob er Freund oder Feind war, wute man nicht. Er trug die Nummer 42, das
war alles. Man redete ihn in allen Sprachen aller Vlker an, die im
Krieg standen, doch gab er niemals ein Zeichen, da er die Worte fate.
Man vermutete, er sei auch des Gehrs beraubt und hielt ihm Zeitungen
und beschriebene Zettel vor; er beachtete nicht einmal die Gebrde.
Ohne zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag er da.

Wennschon dies von einer vlligen Teilnahmlosigkeit, ja von einem
inneren Starrkrampf zeugte, hatten doch seine Augen den strksten Glanz
bewahrt, der sich denken lie. Sie waren ununterbrochen weit geffnet,
und als ob der Bewegungsmuskel der Lider nicht mehr arbeitete, schlossen
sie sich nicht eine Minute lang. Der Ausdruck in ihnen war keineswegs
fieberisch; es war ein mildes Licht, ein seelenhaftes Strahlen, das auf
rzte und Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung bte. Oft standen
mehrere Personen zugleich an seinem Lager, die sich fr kurze Zeit ihrer
Beschftigung entzogen hatten, nur um diesem Blick zu begegnen und ihn
festzuhalten.

Und in jeder Nacht kam Olivia an das Bett dieses Verwundeten, blieb
stehen, schaute in das bleiche Gesicht und suchte, auch sie, den
wunderbar verlorenen, wunderbar erfllten Blick des fremden Mannes. In
jeder Nacht unterbrach sie ihren Rundgang hier und verweilte wie ein
Mensch, der Atem schpft und sich besinnt und der Lsung eines dsteren
Geheimnisses nher ist als bisher.

Seit dieser Mann im Hause war, seit sie diese Augen wahrgenommen hatte,
die ber dem wirren, wilden Geschehen wie zwei feine, einsame Sterne
leuchteten, diesen Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos,
wissend-bewutlos aus dem Geisterreich zu dringen schien, hatten sich
ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein etwas gelindert; sie
tauchte empor aus der qualmenden Hllenglut und lenkte ihren Blick gen
Himmel, vielleicht zum erstenmal im Leben mit der Ahnung und dem Gefhl
von Gott.

Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen als nach oben.

       *       *       *       *       *

Mit dreizehn Schritten durchma Robert Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte
berechnet, da er zwlftausendfnfhundert Schritte machen mute, um eine
Strecke von zehn Kilometern zurckzulegen. Er besa einen Schrittzhler,
mit dessen Hilfe er tglich die durchwanderte Bahn bestimmte. An manchen
Tagen waren es zwlf, an manchen fnfzehn Kilometer.

Die Mrsche dnkten ihm notwendig zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch
konnte er beim Gehen besser denken.

Aber die Gedanken fhrten zu keinem Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor,
da er nach dem dreizehnten Schritt wieder umkehren mute. Wenn der
neunte, der zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung versprach,
die Wand, die zur Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte.

Fnf bis sechs Stunden Schlaf, zwei bis drei Marschieren und zwei bis
drei Lektre, blieben immer noch mindestens zwlf Stunden, die leer
waren, zwlf boshaft schleichende Stunden. Jedes Gerusch im Hause,
jeder Ruf, jedes Glockenzeichen, jedes Flstern oder Murmeln war eine
Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene Unterbrechung.
Wieviel da lauerte, schreckte, drohte, da drauen, da drunten!

Angst vor Begegnungen hielt ihn davon ab, die Schwelle zu berschreiten.
Nach Verlauf einer Woche brtete er ber Fluchtplnen. Doch wute er,
da sich niemand um ihn kmmerte.

Ein sonderbares Vergngen gewhrte es ihm, die Personen an sich
vorberziehen zu lassen, die er ehedem mit seinem Ha bedacht hatte. Es
stellte sich heraus, da von diesem Ha nicht mehr viel brig war; auch
wenn seine Erinnerung noch so grobe Zerrbilder malte, vermochte er an
jenen Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges Gefhl
gerechtfertigt htte.

Die Ursache war nicht etwa die, da er die Fhigkeit zu hassen verloren
hatte, sondern da alles, was noch an Ha in ihm war, sich gegen einen
einzigen Menschen richtete: allein und unvershnlich gegen Olivia.

Sie hatte ihn gezwungen, wider seine berzeugung zu handeln. Sie hatte
ihn um die letzte Hoffnung betrogen, die er noch gehegt, um die letzte,
die geheimste Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung und
schmerzlichen Verlassenheit noch an die Zukunft geknpft hatte.

Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand. Er war der Mann nicht, um
einer solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Sein Gemts- und
Sinnenleben war eine vernachlssigte Provinz seines Daseins, und die
dunklen Wege der Seele nur zu ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete
sie, wo es mglich war. Aber jetzt trat das Vergangene so nah an ihn
heran; er wute pltzlich, da er schon das Bild des Kindes Olivia mit
Lust in sich aufgenommen, und da das Wchter- und Erzieheramt, das er
ausgebt, ihm mehr und anderes bedeutet hatte als eine Pflicht der
Piett und der Freundschaft. Auge und Empfindung hatten ihn getuscht;
er htte sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er von ihr, von
sich, vom Schicksal gefordert, wenn er wissentlich zu erreichen
getrachtet htte, wonach sein ausgehungertes Herz lechzte. Wunsch und
Sehnsucht zu ersticken und zu unterdrcken, dienten ihm aber menschlich
nicht; es verfinsterte ihn und hhlte ihn aus.

Die Gestalt Olivias, die Stimme, der Schritt, der Blick, das Lcheln:
alles das war ihm einst wie ein Eigentum gewesen, Frucht seiner Mhe,
Lohn seiner Entbehrung, Ausgleich seiner trben Erfahrung; ihm
beschieden, weil zu tiefst nur von ihm erkannt. Fr ihn gemacht, fr ihn
lebendig, weil er den magischen Schlssel dazu besa, das Wesen zu
begreifen glaubte. Ihr Tun war seines, auch das anscheinend
Widerstrebende war noch in der Harmonie mit ihm. Als sie unter seiner
Belehrung zusammengebrochen war -- er nannte es Belehrung, obwohl ihm
sein Gewissen einen hrteren Ausdruck vorschlug -- als sie sich der
Geiel seiner Worte und dem lhmenden Einflu seiner Urteile durch die
Flucht entzogen hatte, war er noch weit entfernt, sie verloren zu geben;
mit fatalistischer Geduld vertraute er auf seine Wirkung in die Ferne,
rechnete mit ihrer Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf versetzt
htte und den Zeitpunkt abwarten wollte, der zur Erweckung am
gnstigsten war.

Ihr Erscheinen ri ihn vllig aus dieser Einbildung. uere Umstnde,
die strker waren als alles, was er in die Wagschale htte werfen
knnen, hatten den Sieg ber ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfate
ihn und erneute sich immer wieder, so oft er sich sagte, da bei
natrlicher Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten geblieben
und die Schwankende, Haltlose ihm endlich in die Arme gefhrt htte.
Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz bestand in seiner Existenz, in
vielen Jahren hartnckig und trotzig verhehlter Zuversicht. Er hatte auf
jedes Gut und jedes Ziel sonst verzichtet und zh und stumm, wie nur er
sein konnte, alles auf das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, und er
wute es nun. Derselbe Sturm, den er geweissagt hatte, seitdem sein
mnnlicher Geist und Wille in Konflikt geraten war mit den Gebresten der
Zeit und den Unterlassungssnden ihrer Menschen, hatte die Blte
ausgerissen und verweht, die er im geschtztesten Winkel seines
Lebensgartens gepflanzt hatte.

Hier war kein Appell mglich. Sie hatte ihm deutlich genug zu verstehen
gegeben, da jeder Versuch, sie zurckzuhalten, ihn in ihren Augen zum
Verbrecher stempelte. Er durfte nicht hoffen, da irgendein Mensch,
weder Mann noch Weib, weder Freund noch Feind, in seinen Bemhungen
etwas anderes erblickte als Verschrobenheit und Herzensklte. Er hatte
sie eingebt, sie war dahin, sie konnte ihn nicht mehr sehen und hren,
sie hatte sich dem blutigen Chaos verdungen und bildete sich ein,
ntzlich zu sein und litt unsglich, und wrde immer rger leiden
mssen, je hher die Woge des Entsetzens stieg.

Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrtender Teufel bleich und bse in
einem Winkel seiner Kammer kauerte und sich das Hirn zermarterte mit den
Gedanken, die ihm sein ohnmchtiger Groll und seine wirklich
beispiellose Einsamkeit erregten. Es war etwas Troglodytisches um ihn;
es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten Welt; er glich dem
krperlosen Schatten, der nach einer Seele sucht und sie nicht finden
kann. Er fhlte sich ausgestoen und gnzlich vergessen, erniedrigt und
beraubt; er fror und fieberte, er sann auf Gewaltstreiche, aber die
Vorstellung, da mglicherweise er es sein mute, der sich zu beugen und
zu unterwerfen hatte, war ihm noch mit keinem Hauch genaht.

       *       *       *       *       *

Eines Nachmittags um die Dmmerungszeit schlich er aus dem Hause und
ging zu Frau Khuenbeck.

Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er hatte sich jahrelang nicht um sie
gekmmert, das trug sie ihm nach.

Sie machte ihn im stillen auch fr alles verantwortlich, was mit Olivia
geschehen war, und als er die Rede auf das Mdchen gebracht hatte,
erklrte sie, da sie ihre Tochter nur selten sehe. Olivia sei
ungehalten, wenn man sie im Spital besuche. Eine Zeitlang seien keine
Nachrichten von Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen und habe sich
bei Olivia erkundigt, ob sie etwas erfahren habe. Sie habe nichts
gewut, habe aber auch keinerlei Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig
zugehrt, aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, wobei einem eiskalt
wurde.

Haben Sie das vielleicht beobachtet, fuhr Frau Khuenbeck fort, den
Blick, meine ich, den Blick einer Besessenen? Gewi begeh' ich ein
Unrecht, wenn ich so etwas sage. Die Menschen beten sie ja an. Auch ich
mu sie bewundern, aber sie ist mir fremd geworden. Geht das mit rechten
Dingen zu?

Lamm schwieg. Es gengte ihm, da die Frau von Olivia sprach. Er hielt
es fr ausreichend, sie durch eine ermunternde Miene anzuspornen.

Sie assistiert jetzt bei den Operationen, berichtete Frau Khuenbeck.
Sie hat das Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit
darin erworben, da die rzte ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen.
Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; instinktiv bringe sie
genau die Tiefe des Betubungsschlafes zustande, die fr den
betreffenden Fall erforderlich ist. Wenn einer schreit oder sich
strubt, so braucht sie ihn nur anzurhren, und er fgt sich.

Mrchen, warf Robert Lamm hin.

Ich glaube nicht, da es ein Mrchen ist. Ich glaube, es ist ein
Erbteil von ihrem Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. Einige rzte
meinen, da sie sich auf eine besondere Kunst des Dosierens versteht. Es
sind auch Chirurgen aus der Stadt gekommen, denen sie eine Erklrung
geben sollte. Sie konnte aber nichts erklren.

Die Esel vom Fach vermuten immer da Wunder, wo ganz und gar keine
sind, bemerkte Lamm trocken.

Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. Ein Soldat sagte von ihr: sie packt
einen so an, da man vergit, was einem bevorsteht. Aber was bedeutet
mir das? Wie ich das zweite- oder drittemal dort war, mute ich auf sie
warten und ging im Flur auf und ab, und da kam sie mit dem blutenden,
frisch abgesgten Bein eines Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen,
doch wer kann so ein Bild wieder loswerden, wenn er es einmal geschaut!
Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte das Gefhl, als begehe das Kind
eine schreckliche Snde.

Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. So ein Bein, wissen Sie, ist
auerdem verflucht schwer, sagte er mit heiserer Stimme, es mag gut
und gern seine fnfzehn Kilo wiegen.

Diese Olivia, rief Frau Khuenbeck, die so heikel war, da sie vom
Tisch aufstand und nicht weiteressen konnte, wenn auf einem Salatblatt
ein Wurm kroch! Was kann ihr die Welt noch sein, danach? Kann sie je
wieder ein harmloses Leben fhren, ein Leben mit kleinen Pflichten?

Lamm erhob sich. Wir werden das Problem heute nicht lsen,
Verehrteste, antwortete er schroff. Unser Verstand ist berhaupt
unzulnglich gegenber dem traurigen Verwesungsvorgang, den man Leben
nennt. Mich drfen Sie schon gar nicht interpellieren. Ich gestehe
Ihnen, mir wird bel, wenn ich ja oder nein sagen soll. Ich bin im
Begriff, mir das Reden abzugewhnen; meine Zunge hat nicht die geringste
Lust mehr, Gerusche zu artikulieren. Ein berflssiges Stck Fleisch,
das mir im Munde fault. Empfehle mich Ihnen.

       *       *       *       *       *

Als er durch den Korridor seines Hauses schritt, traten ihm zwei Herren
in den Weg. Der eine war Doktor Strygowski, der andere, der mit
auerordentlicher Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, etwas
aufgeschwemmtes Gesicht, und seine Miene verriet Unsicherheit und
Anmaung. Er blieb vor dem Hofrat stehen, lpfte den tadellos gebgelten
Zylinder, nannte seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher
Bescheidenheit und sagte, er sei entzckt von der Besichtigung des
Hauses, das eine Perle unter den Lazaretten der Stadt sei, und er freue
sich, dies ffentlich verkndigen zu knnen.

Lamm stand steif wie ein Stock. Der andere verbeugte sich, lchelte aus
irgendeinem Grunde geschmeichelt und ging.

Doktor Strygowski sagte: Einer unserer fhrenden Journalisten.
Besichtigt Spitler im Auftrag des Roten Kreuzes.

Lamm nickte. Kennen Sie die Geschichte vom Grafen Ulrich von
Wrttemberg und dem Dieb? fragte er. Der Graf Ulrich hatte die
Gewohnheit, oft den ganzen Tag vor seinem Schlo zu sitzen und mit jedem
zu sprechen, der vorberging. Einmal schlich sich ein Mensch aus dem
Tor, der hatte drinnen in der Kche einen Fisch gestohlen und er hatte
einen sehr kurzen Mantel an, unter dem der Fisch hervorhing. Da rief ihn
der Graf zu sich und sagte zu ihm: 'Wenn du wieder Fische stehlen gehst,
so zieh einen lngeren Mantel an oder nimm einen krzeren Fisch.'

Doktor Strygowski lachte. Ich glaube, der Rat hat gefruchtet,
antwortete er. Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend langen
Mnteln versehen.

Lamm warf einen durchdringenden Blick auf den jungen Arzt. Doktor
Strygowski, wenn ich nicht irre --?

Strygowski ist mein Name. Ich bitte um Verzeihung, da ich unterlassen
habe --

Lamm schttelte ungeduldig den Kopf. Nichts, nichts, unterbrach er den
Doktor. Dann lie er abermals den Blick mit fast verletzender
Unbekmmertheit auf dessen Zgen ruhen. Er war gefesselt von dem
Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und sagte: Es wre mir lieb, wenn
Sie am Abend eine Stunde zu mir kommen wrden. Ich habe einige Fragen an
Sie zu richten.

Doktor Strygowski erwiderte, er werde kommen, sobald es ihm seine Zeit
erlaube.

Herr Doktor, der Transport, sagte Schwester Nina, die vom Eingangsflur
heraufkam. Lamm kannte die schne, blasse Frau Senoner. Er grte khl.

Die Sanittsleute kamen mit den Bahren. Regungslos lagen die verwundeten
Mnner, mit eingesunkenem Brustkorb und auf die Seite geneigtem Kopf.
Ihre Gesichter waren von einem verwitterten Grau, das Blut war durch die
Verbnde gedrungen und klebte auf der Haut. Mit dumpf-unglubiger
Verwunderung sahen sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen,
verursachte ihnen eine mit Furcht gemischte Spannung, ber die sie
grbelten.

Hinter den letzten Trgern ging Olivia. Sie war in einen ziemlich groben
Mantel gehllt, das Gesicht war entfrbt. Als sie Robert Lamm gewahrte,
nickte sie ihm ohne Lcheln zu.

       *       *       *       *       *

Es war elf Uhr vorbei, als Doktor Strygowski in Robert Lamms Stube trat.
Er entschuldigte sein sptes Kommen. Lamm deutete schweigend auf einen
Sessel gegenber seinem Lehnstuhl.

Ich will ber Olivia Khuenbeck mit Ihnen sprechen, begann er ohne
Umschweife. Vielleicht ist Ihnen bekannt, da Olivia whrend ihrer
ganzen Jugend unter meiner Obhut gestanden ist. Ich fhle mich noch
immer fr das, was sie tut, verantwortlich. Mglich, da es eine Torheit
ist, aber es ist nun einmal so. Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias
zu dem Beruf, den sie sich hier erwhlt hat?

Ein wenig verwundert ber den Ton eines verhrenden Richters, antwortete
der junge Arzt nach einigem berlegen: Zu einem Urteil oder einer
Kritik fehlt jede Befugnis, wo etwas so Ungewhnliches vollbracht wird.

Hat sie von Anfang an gewut, was ihr beschieden sein wrde, wenn sie
beharrlich blieb?

Ohne Zweifel, versetzte Doktor Strygowski.

Beachten Sie eines, fuhr Lamm eindringlich fort; viele Menschen, die
sich an ein schwieriges Unternehmen wagen, ermangeln der Kenntnis und
aufrichtiger Einschtzung ihrer Fhigkeit. Sie brauchen darum nicht zu
versagen, oft zeigen sich die hheren Krfte mit der hheren Forderung.
Aber wo es sich um den bestndigen Anblick von Blut und Wunden handelt,
mu unbedingt die Phantasie nach und nach erttet werden, sonst ist an
eine fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der Augenschein schwcht sich
ab, die Gewohnheit macht die Sinne stumpf.

Das kann ich nicht leugnen, und es gilt in allen Fllen, nur bei
Schwester Olivia nicht, versetzte Doktor Strygowski. Ihr Geist und ihr
Gemt sind der Abstumpfung nicht unterworfen. Das ist das Merkwrdige
und das Seltene bei ihr. Nicht blo, da sie sich an das vielfltig
Entsetzliche nicht gewhnt, nie gewhnen wird, sondern jeder neue
Eindruck reit ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem Grauen, dem Schmerz,
der Emprung, dem Mitleid mit einer Intensitt berliefert, die ohne
Grenze ist.

Also ein Phnomen, ganz einfach ein Phnomen, sagte Lamm mit
erheuchelter Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den Sessel zurck und
umklammerte mit den Fingern die Armlehnen fest.

Doktor Strygowski fuhr fort: Sie kennt jeden einzelnen Mann, und wir
haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. Sie kennt die Beschaffenheit
der Wunden bei jedem, sie wei ob Hoffnung besteht, das Leben zu
erhalten oder nicht, jede Besserung oder Verschlimmerung sprt sie
unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, wenn Gefahr droht. Die
Fieberzustnde sind ihr so vertraut, da alles Fieberwesen, vom
gelispelten Betteln um Wasser bis zur Raserei, vom Zhneklappern bis zur
Hochglut zur besonderen Sprache und Mitteilung fr sie geworden ist. Und
sie begngt sich nicht, sie will immer noch ein Mehr; von sich selbst
heit das, nur von sich selbst.

Lamm erhob sich, ging auf und ab, setzte sich wieder. Er zwang sich
mhsam zu Ruhe. Ich begreife es nicht, stie er hervor, begreife es
nicht. Ich will gar nicht die Frage errtern, wie sie es physisch
aushalten soll; aber Tag fr Tag das alles sehen! Und nicht nur sehen,
auch hren, das Sthnen, Wimmern, Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier
oben schaudert mir manchmal die Haut, und ich bin doch ein
hartgesottener alter Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von jedem
Windhauch war sie abhngig, jede bel gelaunte Miene hat sie erschreckt;
sie an einem Wirtshaus vorberzufhren, wo Betrunkene lrmten, war ein
Wagnis.

berrascht von der Aufwallung eines Mannes, den er fr trocken und
unempfindlich gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski den Kopf. Vor
einigen Tagen war ich mit Schwester Olivia in einem Haus, wo irrsinnige
Verwundete untergebracht sind, erzhlte er mit leiser Stimme; da waren
Zimmer angefllt mit Mnnern, die aneinander vorbergingen, ohne
einander zu gewahren, in gleichmigem Marschtempo, mit Blicken der
angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo Mnner saen, die stundenlang die
Hnde steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach ihren Angehrigen
riefen; da war es schwer, sich zusammenzunehmen, sehr schwer. Schwester
Olivia hatte eine Gebrde, die ich nicht vergessen kann seitdem; so, als
wollte sie sagen: 'O Gott, was ist mit deiner Welt geschehen, was ist
mit eurer Welt geschehen, ihr Menschen!'

Ja, das kann ich mir gut denken, antwortete Lamm nun wieder mit
erknstelter Ruhe. Aber erklren Sie mir doch, was in ihr vorgeht,
fgte er hinzu und kniff die Augen sonderbar zusammen; mich lt da die
Logik im Stich.

Die menschliche Seele ist ein wunderbarer Organismus, Herr Hofrat,
sagte Doktor Strygowski sinnend. Ich will nicht von mir reden. Ich bin
Arzt. Aber auch ein Arzt, fr den der Menschenkrper Studium und Sache
wird, gert jetzt bisweilen mit der sogenannten gttlichen Weltordnung
in Konflikt. Man fragt sich, was das alles soll, das Leben und Sterben
und die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken an mir nagen, und ich
schaue Schwester Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa einem
stmpernden Dilettanten, der vor einem Knstler steht. Die leidet! Das
ist Leiden! Gewi, der Tag fat vieles, man vergit, man flieht, die
gespannte Saite lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes Wort,
einen geistigen Zuspruch, aber bei ihr ist auch davon keine Spur. Es
scheint mir oft, als sei sie bereits einen Schritt ber die
Alltglichkeit hinausgelangt, ich kann es mir nicht anders erklren,
irgendein unbekanntes Element hat sich ihrer bemchtigt, fr mich im
stillen nenne ich es die Metempsyche.

Lamm schwieg, kaum da er atmete, und nach einer kurzen Weile fuhr
Doktor Strygowski fort: Sie versteht die Heiterkeit nicht mehr, das
harmlose Gesprch nicht mehr, das selbstverstndliche Weitergehen des
Daseins nicht mehr. Sie versteht nicht, da es noch Menschen gibt, die
von ihren Geschften, ihren Wnschen, ihren persnlichen Vorteilen und
Enttuschungen reden knnen. Ich sah sie einmal ins Pflegerinnenzimmer
treten, als eines der Mdchen vor dem Spiegel sa und sich frisierte,
einigermaen umstndlich, wie es ja manche Frauen tun. Die Miene, mit
der sie wehmtig und unwillig staunte, war ergreifend. Sie selbst hat
sich ja ihr Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.

Nein, ich wute es nicht, murmelte Lamm, ich wute es in der Tat
nicht. Das unvergleichliche Haar! In Generationen schafft die Natur so
etwas nicht zum zweitenmal.

Unter unseren freiwilligen Damen, begann Doktor Strygowski wieder,
ist auch eine vielgerhmte Schauspielerin, Schwester Susanne, eine
verwhnte Gesellschaftsdame mit Prinzessinnen-Allren; um sie ist der
ganze Lgendunst des Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten
mit der groen Geste, mit der sie ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu
sehen, wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. Sie schlgt die Augen zu
Boden, als schme sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie soll ich
sagen, etwas geradezu magisch Edles. Sie wei natrlich, wie es um so
manche dieser Frauen bestellt ist; da sie sich im Pflegedienst
Abwechslung und Zerstreuung verschaffen wollen, da sie die Leere ihres
Gemtes zudecken durch einen Eifer, der ihnen Beifall eintrgt.

Robert Lamm lachte bitter auf. Sie sind ein grndlicher Herr, das mu
man gestehen, sagte er. Nun, und das wucherische Treiben der
Lieferanten, wei sie auch von dem? Und wie verhlt sie sich dazu? Und
zu der Schwerflligkeit der mter und Behrden, der Schmhsucht der
Unzufriedenen, den Rnken der Beleidigten, den Ausreden der Faulen, den
krampfhaften Bemhungen der Streber und Ordensjger, dem frhzeitigen
Erlahmen derer, die in rascher Begeisterung Wunder zu tun versprochen
hatten, mit einem Wort, dem ganzen landesblichen Unrat, wie verhlt sie
sich dazu?

Ich glaube, das alles legt sie sich frmlich selber zur Last und
verwandelt es in eine Forderung an sich, erwiderte Doktor Strygowski.
Er dachte eine Weile nach, bevor er zgernd fortfuhr: Sie mu ein
Erlebnis von einschneidender Bedeutung gehabt haben. Sie mu einmal so
zu Boden geschlagen worden sein, da es aller Kraft bedurfte, die ein
Gemt berhaupt aufbringen kann, damit sie sich wieder erheben konnte.
Deshalb ihre Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb ihr
unbeirrbar gerichteter Weg.

Ach was, Flausen! rief Lamm schroff, ja fast wild. Flausen! Darauf
fall' ich Ihnen nicht herein!

Ein rascher Blitz des Unwillens traf ihn aus Strygowskis Augen. Ich
habe Ihnen meine Meinung nicht aufgedrngt, Herr Hofrat, sagte er
leise. Da ich Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht leugnen. Ich
gestehe sogar, da ich noch nie einen Menschen in diesem Ma bewundert
habe. Meine Bewunderung ist um so grer, als ich mir nicht verhehle,
nicht verhehlen kann, _wohin_ der Weg fhrt, den sie geht.

Lamm schwieg betroffen. Die beiden Mnner sahen sich an.

Und Sie haben kein -- Kapital in diese Bewunderung investiert? Sie
wollen keine Zinsen daraus ziehen? fragte Lamm mit verkniffenem Mund.

Ich verstehe nicht --

Ich meine, ob Sie nicht ein bichen bestochen sind, vielleicht ohne es
zu wissen? Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen, ohne geheime
Hoffnung, ohne die Erinnerung an einen Nervenkitzel, ohne ein
egoistisches Ziel.

Hierauf habe ich keine Antwort.

Das ist jedenfalls bequem. Lamm erhob sich und begleitete seine Worte
mit heftigen, abgehackten Gebrden. Ich soll also schlechterdings an
Engel glauben, an graduierte Engel mit Schnurrbart und Brille! Seit wann
sind denn die Doktoren der Medizin unter die Idealisten und Propheten
gegangen? Hat euch die blutige Zeit betrunken gemacht?

Ihr Ungestm gibt Ihrer Beschuldigung noch nichts Plausibles, sagte
Strygowski, der bla geworden war.

Ich beschuldige Sie nicht, ich wei nichts von Ihnen, Sie sind mir
fremd, lassen wir Ihre Person aus dem Spiel, fuhr Lamm grollend fort.
Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, will ich abbitten. Aber knnen Sie
sich als erfahrener Mann, als redlicher Beobachter vorstellen, da ein
Wesen wie Olivia sich Tag fr Tag, Stunde fr Stunde unter Mnnern
bewegt, ohne nur im Geringsten als Weib auf diese Mnner zu wirken?
Meine Frage enthlt keine Frivolitt. Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir
leben auf einem Planeten, mag er auch noch so mangelhaft gezimmert sein,
auf dem es fr bestimmte Daseinsformen bestimmte Gesetze gibt. Hunger
ist Hunger, Blut ist Blut. Hunger will Sttigung, Blut will Wrme.
Riechen Sie nicht den tckischen Giftstoff, von dem das ganze Haus
erfllt ist? Glauben Sie, da irgendein Weib sich dem entziehen kann,
auch wenn sie Olivia heit?

Ich glaube es, erwiderte Doktor Strygowski entschlossen. Was Sie
sagen, ist keine Wahrheit fr mich, sondern eine Anklage, die erst
bewiesen werden mu. Es mte erst bewiesen werden, da die Caritas, vor
der ich meine Knie beuge, ein lemurischer Unhold ist.

Ist sie auch! rief Lamm mit Leidenschaft. Ein Unhold und Lgengeist,
der Frauen- und Mdchenseelen mit falschen Hoffnungen umgarnt, um sie
dann, jeder Illusion bar, hinaus ins Leben zu stoen.

Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski zog die Uhr aus der Tasche,
berlegte eine Weile, whrend er die Uhr in der Hand behielt und sagte
dann: In einer Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre zweite
Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur durch den Augenschein widerlegt
werden. Unmglich, da Sie auf Ihrer Meinung beharren, wenn Sie sie
dabei sehen.

Ich brauche den Augenschein nicht, knurrte Lamm. Alles was ist, kann
ich mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.

Diese Paradoxie ist mir bekannt, entgegnete der Arzt; ich kenne
dieses Leiden. Er blickte traurig zu Boden.

In diesem Augenblick vernahmen sie ein seltsames, eintniges Plrren,
ein singsanghnliches Heulen wie von einem Hund. Der Hofrat ging zur Tr
und lauschte. Dann ffnete er die Tre, schritt durch den kleinen
Vorraum und die Treppe hinunter.

Doktor Strygowski folgte ihm.

       *       *       *       *       *

Auf der untersten Treppenstufe sa zusammengekauert ein Mensch. Erst als
er ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener Gerold. Er war es, der wie
ein Idiot halblaut vor sich hinheulte und dabei mit dem Oberkrper
schaukelte. Was treibst du da? herrschte ihn Lamm an.

Herr Hofrat, ich find' im ganzen Haus kein Pltzchen, wo es still ist,
flsterte der Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah aus wie
geschwollen.

Geh auf der Stelle in deine Kammer und in dein Bett, befahl Lamm.

Gerold erhob sich schwerfllig und wankte ber die Stiege. Kann aber
nicht schlafen, Herr Hofrat, klagte er.

Lamm schttelte sich ein wenig. Er machte Miene, wieder in seine Stube
zu gehen, aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so forschend, so
sonderbar auffordernd auf ihn gerichtet, da er mit einer unbehaglichen
Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte und hinter dem Arzt in das groe
Zimmer ging, das vormals seine Bibliothek gewesen war. Die Lichter waren
ausgelscht bis auf eines, das neben der Tr brannte und durch ein
grnes Tuch abgedmpft war. Nur in den zunchst stehenden Betten konnte
man die Gesichter sehen. Sie hatten einen fahlen Schein. Einige
Verwundete wachten und hoben von Zeit zu Zeit den Kopf; dabei glnzten
die Augen hei, und wenn sie den Kopf zurcksinken lieen, chzten sie.

Doktor Strygowski zog Lamm in den Schatten und raunte ihm zu: Sie mu
gleich kommen; hier war sie noch nicht, denn die Schwester dort drben
ist eingenickt.

Er hatte kaum ausgeredet, da trat im Hintergrund eine Gestalt durch die
Tre. Es war Olivia.

Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit im Raum lieen ihr Gesicht nahezu
wei erscheinen. Der Schritt war lautlos und verlieh der Bewegung etwas
Geisterhaftes. Sie ging sogleich zu der jungen Schwester, die
schlummernd auf dem Stuhl sa und berhrte mit der Hand deren Schulter.
Das Mdchen fuhr erschrocken empor; die Bestrzung in ihrem Gesicht
verwandelte sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia schttelte den
Kopf und ging weiter.

Die Blicke derer, die wach waren, hatten sie entdeckt; sie flogen ihr
zu, frmlich ungeduldig; dies hatte etwas wie bei hungrigen Suglingen,
wenn die Amme an die Wiege tritt. Es war rhrend und unheimlich. Olivia
schien es zu fhlen; sie neigte die Stirn; alles war pltzlich so sanft
an ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar innerlich und beredt.

Sie ging wie mit einer Lampe in der Hand, die nicht verlschen durfte.
Aber trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare Lampe ihre ganze
Aufmerksamkeit zu beanspruchen schien, war es, als sehe und spre sie
alles, was rund um sie war, mit zehnfach geschrften Sinnen.

Als sie in das nchste Zimmer treten wollte, kam Schwester Emilie, eine
ltere Person, aus der Tr. Sie sagte: Mit Nummer 42 geht es jetzt zu
Ende.

Rufen Sie Doktor Strygowski, antwortete Olivia.

       *       *       *       *       *

Vor dem kleinen Raum, in welchem Nummer 42 lag, standen flsternd einige
Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski, als er zu dem Bett des
Unbekannten ging. Robert Lamm hatte sich unter sie gemischt. Olivia
bemerkte ihn im Vorberschreiten und nickte ihm zu wie am Abend, ohne zu
lcheln, doch mit einem verwunderten Aufschimmern des Blicks.

Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen, sondern eine Kraft, die ihren
Ursprung in Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe, die sie trug.

Der Sterbende war in einem Zustand von Auflsung und Entrckung. Der
Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert, da es peinigend war, in
sie zu schauen. Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem Gestrpp.

Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf der keuchenden Brust des Mannes und
lauschte dem Herzschlag.

War es nur eine Tuschung, oder verhielt es sich wirklich so: alle im
Zimmer Anwesenden hatten den Eindruck, als seien die Blicke des
Unbekannten, die bis zu dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten
Gegenstand oder einem Menschen geruht hatten, auf Robert Lamm gerichtet,
ausschlielich und ohne abzuirren auf ihn, und zwar in einer Art, wie
wenn er eine Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn er ihn an ein
Versprechen mahnen wollte. Der Blick war so dringend, als sei zwischen
den beiden zu irgendeiner Zeit einmal eine Verabredung getroffen worden
und als sei eben jetzt die Frist verstrichen. Es war ein Blick des
Willens und des Bewutseins, der alle in Erstaunen versetzte.

Lamm sphte scheu um sich her; er wollte dem Blick entrinnen, doch zwang
es ihn stets von neuem in die Richtung, wo er dem schauerlich und
dringlich glnzenden Auge begegnen mute. Olivia stand hinter dem Arzt;
in ihrem Gesicht war ein gedankenvoller Ernst. Auch dagegen strubte
sich Lamm mit stummer Anstrengung; am liebsten htte er ihr zugerufen:
Sprich mit mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus seiner Bedrngnis
befreit htte, sich abzuwenden und wegzugehen, war ihm durchaus
unmglich. In dieser Not griff er zu einem sonderbaren Hilfsmittel: er
ri seine Zigarettendose aus der Tasche, entnahm ihr eine Zigarette und
hielt sie dem Sterbenden hin. Es geschah dies weniger aus berlegung,
als aus Trotz und Trieb, die gesteigerte Situation ins Gewhnliche zu
ziehen.

Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger Funke aus den Augen des
Unbekannten blitze; er machte eine schwache Bewegung mit dem Arm, und
Lamm schob ihm nun die Zigarette zwischen die Lippen. Aber um den
blutlosen Mund spielte auf einmal ein Ausdruck der Verachtung; ja, der
deutlichen, bittersten Verachtung, durch ein mattes Lcheln nicht
gemildert, sondern verstrkt. Sodann erschtterte ein schrecklicher
Seufzer den Krper, das Auge brach, das Leben war dahin.

Als Robert Lamm den Raum verlie, war ihm wie einem zu schimpflicher
Strafe Verurteilten zumute; das Lcheln unergrndlicher Verachtung in
der letzten Agonie des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal auf ihm.

       *       *       *       *       *

Olivia tat das Herz so weh, als sei es ein Geschwr in ihrer Brust. Am
Anfang und am Ende jeder Handlung stand dieselbe Frage; jede
Gedankenfolge schlo mit einem jammervollen Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo
ist Trost?

Die Schauspiele verwirrten sich wie die Schicksale. Der gemeinsame
Ursprung der Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses Haus, in dem sie
zufllig wirkte, war nur eines unter den Tausenden von Becken, in denen
sich das Unglck sammelte. Man mute die Einbildungskraft in Schranken
zwngen, um nur die Hnde rhren zu knnen. Es war ein krampfhaftes
Ansichhalten vom Morgen ber den Tag zum Morgen, vom Abend die Nacht zum
Tag.

Und dennoch: immer wieder auf und hinber, hin zu den Wunden,
vielleicht, da eine Berhrung, ein Wort, ein Blick Linderung brachte
oder Geduld einflte.

Sie fhlte eine Kraft in sich, deren Wesen ihr nicht bekannt war. Sie
fhlte diese Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und die Augen an ihr
hingen. Diese Augen redeten eine Sprache von nie gehrter
Eindringlichkeit, die sie ohne Gewissenspein nur hinnehmen konnte, wenn
sie sich ganz ausschpfte im Tun, sich ganz und gar verga.

Die Schicksale strzten ber sie, und sie wurde das Opfer von ihnen. Sie
wollte es sein, in ihren hingegebensten Stunden sehnte sie sich danach,
vllig zermalmt zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. Ruhte sie, fate
sie sich wieder, so wurde es zu grlich, nur zu denken an das, was war.
Nicht allein von Bildern der Zerstrung war ihr Geist beladen, Bildern
leckender Flammen, eingescherter Wohnungen, unertrglichen Hungers,
erstickender Todesangst, hoffnungslosen Siechtums und der Verzweiflung,
die keinen Blutstropfen unvergiftet lie, sondern von dem auch, was
dahinter war an Wut, Ha und Bosheit, dem Gewebe kleiner Lgen, den
Beleidigungen der Menschenwrde, von dem Aufgestachelten in allen, der
von berallher tnenden Klage.

Damals, als ihre Mutter in der Sorge um Ferdinand zu ihr kam, mute
Olivia in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; sie sagte: Du darfst
die Hoffnung nicht sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.

Ich? Warum nur ich? Warum nicht auch du? gab Frau Khuenbeck erstaunt
zurck.

Olivia schwieg. Ihr war, als verriete sie alle andern, wenn sie den
Bruder beklagte.

Leo von Scheyern war gefangen, Ernst von Scheyern war unter den
Vermiten. Frau von Scheyern kam nicht mehr ins Spital. Sie sprach eines
Tages mit Olivia darber, wie sie beim Anblick jedes Brieftrgers
bleich geworden sei, bei jedem Luten der Wohnungsglocke gezittert habe.
Da sah Olivia Tausende und aber Tausende von Mttern, die in folternder
Ungewiheit um das Leben ihrer Shne schwebten und an keinem Morgen
erwachten, ohne auf die Kunde gefat zu sein, die ihr Dasein in eine
Wstenei verwandelte.

Im Anfang blieben die Geschehnisse im Schatten, und nur die Gesichter
traten hervor. Als sie aufhrten, stumm zu sein, wenigstens fr Olivia,
wlzte sich von allen Seiten das Grauen heran. Viele von denen, die
dalagen, hatten berdies Worte, unvergeliche Worte, um andre wieder
schallte tnend ihr Erlebnis, ohne da sie selber Kunde gaben.

Ich will nimmer hinaus, knirschte einer im Fieber und bumte sich
verzweifelt, tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh' nimmer. Einer
stie im Schlaf die schrecklichsten Angstlaute aus, und einer schaute
gebannt, mit aufgerissenen Augen in die Luft, als sehe er in
ununterbrochener Folge wieder und wieder, was ihm das Herz zerfleischt
und den Verstand geraubt hatte.

Da war ein Mann, der in seinem brgerlichen Beruf Akrobat gewesen war.
Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe bildete, die Cromwell-Truppe,
wie sie sich fremdlndisch-imposant nannte, war er jahrelang durch die
Provinz gezogen und hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit
ergtzt. Ein Schrapnellschu hatte ihm beide Beine weggerissen, Frau und
Kinder waren des Ernhrers beraubt, er lag da, ein Krppel, und sann
darber nach, was er an Stelle seiner verlorenen Kunst wrde treiben
knnen. Er dachte an das bunte Kostm, in dem er aufgetreten war, an den
Beifall, den er mit seiner Arbeit am hohen Trapez geerntet, und da das
alles nun vorbei war.

Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. Es war ein sehr
gewhnliches Gesicht mit vollen Backen, kleinen dummen Augen und
niederer, fliehender Stirn. Aber die Gewhnlichkeit der Zge war durch
die geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren Krfte umglht. Wie ging
das zu?

Sie grbelte unablssig. Was bedeuteten ihr im Grunde all diese Leute,
die aus einem kleinen Leben zufllig in ein groes gerissen worden und
darin zerschmettert worden waren, zufllig in diesem Haus ein Asyl
gefunden hatten? Was galt ihr der Bauer aus der Sdmark, der da lag,
erblindet? Aber wie er es trug, was er daraus schuf! Was war mit ihm
vorgegangen, da er tun konnte, was er getan? Viele Wochen hatte er
unbeweglich im nassen Schtzengraben zugebracht, unter den Folgen eines
bsartigen Rheumatismus hatte er das Augenlicht eingebt. Eines Tages
war seine Mutter ins Spital gekommen, ein abgehrmtes Weib, frhzeitig
ergraut, in Sorgen gealtert. Er war ihr einziger Sohn, ihre Sttze, ihre
Hoffnung. Sie wute nichts von der Erblindung, und er hatte beschlossen,
sie ihr noch zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, hatte er
rzte und Schwestern gebeten, da man ihr nichts sage. Zuerst ging es
ganz gut; er nahm sich zusammen, die Brille mit farbigen Glsern
begnstigte die Tuschung. Allmhlich wurde die Frau stutzig. Ein paar
tastende Gebrden, der tote Ausdruck der Zge erweckten Ahnungen. Sie
langte pltzlich nach seiner Hand, und als er sich nicht rhrte, stie
sie einen markerschtternden Schrei aus. Der junge Mensch erbleichte.
Mit schuldbewutem Ton sagte er: Was willst denn, Mutter, ich seh' dich
ja. Aber es war zu spt, sie glaubte ihm nicht mehr. Sie mute
fortgebracht werden. Von Zeit zu Zeit hrte man ihn immer wieder vor
sich hinmurmeln: Ich seh' dich ja.

Woher kam ihm dieser Heroismus?

Woher kamen dem einfachen mhrischen Soldaten die Worte, mit denen er
schilderte, wie er in Polen einen ganzen Tag und eine ganze Nacht
hindurch einen irrsinnig gewordenen Oberleutnant hatte bewachen mssen?
Es waren die furchtbarsten Stunden seines Lebens gewesen und der tiefste
Eindruck, den er vom Krieg empfangen hatte. Er vor der Htte, der
Offizier in der einzigen Stube drinnen, immer auf und ab gehend, vor
sich hinsprechend, immer auf und ab und in regelmigen Pausen zu dem
Soldaten tretend. La mich heraus. -- Darf nicht, Herr Oberleutnant.
Und jener, wie ein verstrter Geist, zur Wand hinber, in die Wand
hineinredend: Er will mich nicht herauslassen. Dann wieder: Gib mir
dein Gewehr. -- Darf nicht, Herr Oberleutnant. Der Offizier zur Wand,
und dort in klagendem Ton: Er gibt mir das Gewehr nicht. So ging es
den ganzen Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, kurzen, hastigen
Schritten wanderte er ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach zehn
Minuten und forderte etwas, das Gewehr, ein Messer, Briefpapier,
Schnaps, und wenn es ihm der Soldat verweigerte, stellte er sich mit dem
Gesicht zur Wand und rapportierte der Wand, da er nicht erhalten habe,
was er begehrt. Es war herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, noch
der Bericht stockte unter der Wirkung des Grauens.

Und der Konditor, der vom Vollzug des Standrechts in Serbien erzhlte.
Man hie ihn blo den Konditor, denn er war in seinem Zivilverhltnis
Gehilfe bei einem Zuckerbcker. Er war aufgeschwemmt und ziemlich roh,
doch wenn er an eine gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen
und die ihm nicht aus dem Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme,
und von oben bis unten schttelte es ihn. Es war Befehl gegeben worden,
alle Huser zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden Truppen
gefeuert worden war, und die Mnner, die man darin fand, sogleich zu
erschieen. Eines Tages marschierte die Abteilung durch eine Dorfstrae
und gelangte unangefochten bis ans letzte Haus. Aus einem Fenster dieses
Hauses wurden zwei Schsse abgegeben, die aber niemand trafen. Die
Leute, denen das Morden schon zu viel war, wollten keine Notiz davon
nehmen, jedoch das Kommando wurde erteilt. Als sie nun das Haus
betraten, lagen in der Tenne zwlf Mnner auf den Knien, schon zum Tod
bereit. Ebenso viele Frauen standen bleich, hochaufgerichtet im
Hintergrund des Raumes an der Wand. Zwlf Soldaten legten die Gewehre
auf die zwlf Mnner an, die Salve krachte, die Mnner strzten tot zu
Boden. Von den Frauen aber verzog keine einzige eine Miene, sie rhrten
sich nicht, mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses strich langsam mit
der Hand ber die Stirne; sonst nichts. Es mute in der Gebrde etwas
bermenschliches an Qual enthalten gewesen sein, denn der Erzhler kam
immer wieder darauf zurck; es lie ihn nicht los, er mute es immer
wieder beschreiben.

Olivia sah diese Frauenhand, sah sie ber die Stirne streichen, als sei
die letzte Hoffnung die, da vielleicht alles nur ein bser Traum war.
Und warum? fragte es in ihr, warum, o Gott?

In einem der Zimmer kauerte ein Hund; er war nicht vom Bett seines Herrn
zu vertreiben, dem er in die Schlacht und von der Schlacht wieder bis
ans Krankenlager gefolgt war. Ein schmutziger, hlicher Kter war es,
der aber niemand zur Last fiel. So oft sein Herr einen Laut von sich
gab, blickte er mit sanften Augen empor, sonst starrte er mde vor sich
hin, gleich als sei er dort drauen von einem Strahl hheren Bewutseins
getroffen worden, der seine Tierseele flchtig erleuchtet hatte, so da
sie jetzt in dunkler Pein noch danach rang.

Warum diese unermeliche Schwermut in den Augen des schmutzigen Hundes?
Was begriff er? Was war ihm seltsam, was hatte ihn so still werden
lassen?

Ein Bild war da, so oft sie es dachte war ihr als msse sie hinstrzen
und ihr Denken erwrgen: zwei Offiziere, in der Attacke aufeinander
zureitend, mit geschwungenem Sbel gegeneinander. Schon will der unsere
zuhauen, da sieht er, da der Russe keinen Kopf mehr hat, da er aber
noch immer, den Sbel hoch im Arm, auf seinem Gaul sitzt. Da stt der
unsere einen Schrei aus, fllt vom Pferd, und auf dem Boden windet er
sich stumm wie ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm, er hatte die
Sprache verloren.

Sie sah die Flchtlinge, Mnner mit eilig errafften Habseligkeiten, die
Weiber mit ihren Kindern, die eine hatte einen Sugling verloren, die
andere brach zusammen, und sie waren ohne Speise und Trank und
nchtigten auf dem Felde und zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in den
Viehwagen langer Eisenbahnzge eingesperrt, wie sie fuhren, immerzu
fuhren, durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte Ruinen gab, und
wie sie um Brot schrien, und wie ihre Kinder verhungerten, ihre
Suglinge verschmachteten.

Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbrchigen auf einer den Insel
glichen; sah die Vter, die keine Shne, die Kinder, die keinen Vater
mehr hatten, die Witwen, die trauernden Brute, die Verlassenen,
Beraubten, zugrunde Gerichteten berall. Sie sah die Mutigen erlahmen,
die Feigen apathisch werden, und wie die Freunde aufhrten, freinander
zu zittern. Sie sah die tausendfltige Unbill, Zurcksetzung und
Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der Idee auch im Edlen erlosch, wenn
die trbe Flut des Niedrigen und Gewhnlichen emporschwoll oder das
krperliche Leiden die Kraft der Seele besiegte. Wie die Begeisterung
flgellahm, die Tapferkeit zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch fr
den Leichtherzigsten seinen Reiz, die Gefahr ihre Lockung einbte und
nur den Strksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt.

Olivia sah die Stdte rauchen, die Anwesen geplndert, die cker
zerstampft, die Wlder geknickt. Sie sah den Tod in jeglicher Gestalt,
ja, die Erde war gepflastert mit Toten. Sie hingen verstmmelt in den
Drahtverhauen und lagen eingebettet in Blumen, sie waren versunken in
den Smpfen und hinuntergestrzt in Gebirgsschluchten, sie schwammen in
den Wellen des Meeres und fielen aus den Wolken herab: Mnner und
Jnglinge, Kinder und Greise, Frauen und Mdchen, Reiche und Arme, Gute
und Schlechte, Verrter und Verratene, Schne und Hliche, Glckliche
und Unglckliche.

Und sie hrte das Gelute der Glocken und das Prasseln der Brnde und
alle Laute, die die menschliche Stimme hat, um Schmerz und Todesangst
auszudrcken. Sie hrte, wie sie in den Kirchen beteten und in den
Stuben weinten. Sie hrte die Worte des Abschieds und die Worte frommer
Fgsamkeit. Sie hrte den Marschschritt der Armeen, das Schlrfen mder
Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen, die Gesnge des Triumphes
und die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen oder wenn sie sich
berauschen wollten.

Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann vorsang, der in einer
Nacht beim Granatenfeuer weie Haare bekommen hatte.

    Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten,
    zu begraben, zu begraben die Soldaten.

    Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Lnge,
    dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge.

    Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben!
    die Gemeinen unten, Korporale oben.

    An den Seiten viere, in der Mitten viere,
    berquer die Herren, Herren Offiziere.

    Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe,
    dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe.

    Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden,
    zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten.

    Morgen frh vielleicht bin ich auch geschossen,
    morgen frh, gewi, ist mein Blut geflossen.

Diese einfachen Strophen machten auf Olivia einen ungewhnlichen
Eindruck, und ihre Gedanken begannen hinter dem zerstckten und
verworrenen Getriebe nach etwas Bestimmtem zu suchen.

Es wurde ihr alles zur Vision, immer glhender und glhender, und sie
suchte in der glhenden Wirrnis nach einer Gestalt. Sie suchte den
Urheber, sie suchte den Bsen. Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen des
Bsen. Sie sagte sich: einer mu sein, der das ungeheure Leid, den
unermelichen Jammer bewirkt; einer mu da wirken, Gott kann es nicht
sein, es mu ein Gegner von Gott sein und ein Feind seiner Kreaturen;
Feind alles Geschaffenen, alles Blutes, aller Wrme, aller Liebe, alles
Lebens und Entstehens. Sie nannte ihn den Bsen, und sie suchte ihn.

       *       *       *       *       *

Eines Nachts lag sie angekleidet auf dem Sofa in der Kammer, die allein
zu bewohnen die einzige Bequemlichkeit war, welche sie sich verstattete.
Es war finster, sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in die Luft.

Um eine reichgedeckte Tafel saen fnf oder sechs junge Weiber. Sie
waren in Gesellschaftstoilette, tief entblt, lachten ausgelassen und
tranken Sekt. Mit ihren Scherzen, frivolen Wortspielen und
verfhrerischen Gebrden wandten sie sich an einen, der am oberen Ende
der Tafel sa. Der aber hatte keine Gestalt, er war wie ein Klo, wie
ein Stck Lehm. Aber die Diener zitterten, wenn sie in seine Nhe kamen,
und die Frauen wurden unter der Schminke bleich, wenn er sie anschaute.

Ein befrackter Mensch mit langem Knstlerhaar spielte Klavier; bisweilen
warf ihm der Gestaltlose ein Goldstck hinber, das er geschickt
auffing, ohne sein Spiel zu unterbrechen.

Mitten auf dem blendendweien Tischtuch lag, unbemerkt von allen, eine
Leiche. Ihr Krper war ganz und gar mit Frchten und Konfekt bedeckt,
und aus der Brust ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben, die Griffe
von drei Messern heraus. Durch die Fugen des Tisches rann Blut und
tropfte in leisen Schlgen auf den Boden.

Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren in bermtigster Laune, da erhob
sich der Gestaltlose und forderte eine der Frauen zum Tanze auf. Die
Betreffende war geradezu ein Wunder an Schnheit, strahlend von Jugend
und Leidenschaft; sie trug ein enganliegendes Gewand aus Silberschuppen,
das die schlanke Figur zur hchsten Geltung brachte. In ihrem Tanz war
die freie Anmut bewuter Kunst, und als sie den Kopf zurckbog und
hingerissen lchelte, lchelten die andern Frauen mit und klatschten in
die Hnde.

Whrend der Klavierspieler in einen schnelleren Rhythmus berging, war
es, als ob der tanzende Klo sich dehne und wachse; er bekam einen
Schdel, aus dem Schdel blickten Augen, und diese Augen sprachen: Ich
begehre, ich begehre. Diese irisierenden Gallertaugen waren von einer
solchen Lust erfllt, da die Zuschauerinnen pltzlich verstummten und
sich ein bleierner Druck auf sie legte. Die Tnzerin aber wurde
zusehends blasser, sie suchte sich aus der Umklammerung des Kloes zu
befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeldrre Arme, mit denen er sie still
gewaltttig an sich prete, immer fester, so fest, da sie zu rcheln
begann, da ihr Gesicht blau wurde, da ihr Leib in der Mitte
einknickte, und als sie ihm schlielich entseelt in den Armen hing, sah
es aus, als sei nichts mehr von ihr brig als das Kleid.

Ihre Genossinnen sprangen schreiend auf, wollten fliehen, umklammerten
einander, da richtete der Mensch, der mit den drei Messern in die Brust
unter Frchten begraben war, den Kopf in die Hhe und sagte mit
geschlossenen Augen, wodurch sein Sprechen doppelt unheimlich wurde: Gib
sie mir wieder!

In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten schien, strmten nun auf
einmal viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter, Soldaten, Offiziere,
rmlich gekleidete Frauen, junge Mdchen. Einer von ihnen, ein alter
Mann mit weiem Bart, drngte sich nach vorn und sagte zu dem Klo, der
jetzt allmhlich eine menschliche Gestalt annahm: Gib mir meine Tochter
wieder!

Mehrere, die hinter ihm standen, schrien gleichfalls, wie auer sich:
Gib uns unsere Tchter zurck! Unsere Brute! Unsere Schwestern!

Da aber wurde ein monotones Gemurmel hrbar, die Aufgeregten sahen sich
um und machten scheu einer Gruppe von Bauern Platz, die demtig und
bekmmert aussahen; sie beugten sich zur Erde und riefen: Gib uns unser
Land, gib uns unsere Wlder!

Dazwischen gellten die Stimmen von Frauen: Unsere Shne gib uns, du
Mrder, unsre Shne!

Der Klo wich Schritt fr Schritt ins Leere, bekam aber immer mehr
Gestalt. Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hnde und Krper; es war
als sei er mit Rost berzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Zge
erweckten nicht die geringste Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten
etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit seinen beraus langen Armen winkte
er den Dienern, die brachten nun Scke voll Gold und Edelsteinen und
schtteten ihren Inhalt auf den Boden. Es entstand ein beklommenes
Schweigen, bis der alte Mann vortrat, auf den ausgebreiteten Schatz wies
und in strengem Ton sagte: Das fr unsere Tchter? Das fr unsere Shne?
Fr unser Herzblut das, du in Ewigkeit Verruchter?

Und alle Stimmen riefen verzweifelt: Unsere Brder! Unsere Shne! Unsere
Lnder! Du in Ewigkeit Verruchter!

Olivia hatte die Augen offen und sah und hrte alles so wirklich, als ob
sie im Theater se.

       *       *       *       *       *

Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich unablssig; wo soll ich hin, wo
kann man noch leben, wo ist es noch mglich, zu lcheln, wo ist noch
Freude, wie kann je wieder Freude entstehen?

Sie wnschte, sich verwandeln zu knnen. Als sie von fern durch die
Glaswand der Treibhuser Blumen sah, erbleichte sie in geisterhafter
Sehnsucht nach einem Blumenleben. So in der Erde zu wurzeln, tief und
innig, bewutlos hinzudmmern, mit zartesten Fasern an die Natur
gebunden!

Da man Blume werden knne, irgendwie, irgendwann, wurde Traum und
beglckende Idee fr sie. Es erschien ihr wie ein letzter Preis und ein
letztes Asyl.

Sie erhielt die Nachricht, da ihr Bruder bei einem Sturmangriff fern im
Osten gefallen war. Stumm und zu keiner Trstung fhig sa sie zu Hause
vor der versteinerten Mutter.

Nach einer Weile kam Robert Lamm und setzte sich zu ihnen.

Dazu mu man Kinder haben, dazu sie aufziehen, sagte die unglckliche
Mutter mit Augen ohne Trnen; zwanzig Jahre war er alt.

Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu Olivia: Um Pfingsten herum
werd' ich vielleicht allein bei ihr sitzen. Man mte dich mit Stricken
auf ein Bett binden.

Ein paar Tage spter ging sie gegen Abend in seine Kammer. Schau' dich
nach der Mutter um, bat sie, ich kann meinen Platz nicht verlassen.

Ja, du bist wichtig, pflichtete er ihr voller Hohn bei, oder du
glaubst es wenigstens zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den Halbtoten
ihre Toten beklagen zu helfen.

Wozu also taugst du? konnte sie sich zu fragen nicht enthalten, und
ihr Blick flammte. Du warst dir und andern lang genug gut gewesen, das
schlechte Wetter zu machen. Wir haben aber soviel von der Sorte in
unserm Land, da sich die Sonne schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist
kein Ruhm damit zu holen.

Er lachte sonderbar. Wenn du Widerpart zu leisten verstehst, rum' ich
dir die Freiheit ein, mich zu beschimpfen, entgegnete er und lie,
beinahe wie ein Sklave, Arme und Schultern hngen; nur nicht diese
wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses Schmachten im berschmerz. Ich werde
verrckt, wenn ich es ansehe. Zu weich, meine Teure, zu weich! Ihr
lockert eure Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.

Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb erstaunt. Du bist sehr einsam,
sagte sie.

Ich will ja deine Mutter besuchen, lenkte er ab, unangenehm berhrt
von ihrem Ton und ihrer betrachtenden Khle, aber sie hat nichts von
mir. Ich bin ihrer Trauer nur im Wege. Ich bin schlielich allen im
Wege, auch mir selbst.

Du bist sehr einsam, wiederholte Olivia, und in ihrem Gesicht war
pltzlich ein Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern machte.

Nun ja, stotterte er, was weiter?

Einsamkeit ist eine Todsnde, Robert. Sie trat einen Schritt nher vor
ihn hin und sagte: _Deine_ Einsamkeit ist Todsnde.

So nimm sie mir weg, versuchte er dster zu scherzen. Bekehre mich,
vielleicht gelingt's, sonst holt mich eines Tages sicher der Teufel.
Siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist? Sahst du es nicht?
brach er aus und bohrte die Fuste in die Augenhhlen. Auch Blindheit
kann eine Todsnde sein, murmelte er vllig verstrt, genau so wie
Einsamkeit.

Da ihm dieses oder ein hnlich geartetes Wort jemals entschlpfen
knnte, htte er nie fr mglich gehalten. Scham bemchtigte sich
seiner, und am liebsten htte er sich mit Ngeln das Gesicht
zerfleischt. Er sah sich alt, verkommen, wertlos, ohne Licht, ohne
Kraft, ohne Wrde, und fr die Dauer einiger Minuten war sein ganzes
Wesen umnachtet und im Krampf.

Als die Hnde von den Augen sanken, war Olivia aus dem Zimmer gegangen.
Mit welcher Miene, mit welch erschttertem Zgern hatte er nicht
wahrgenommen, darum brach alles zusammen in ihm. Nun war er wirklich
alt, wirklich ohne Wert und Wrde. Denn der Mensch ist doch am Ende das,
wozu ihn die formen, denen seine Liebe gilt.

       *       *       *       *       *

Einsamkeit Todsnde? So will ich mich mit Menschen umstellen, sagte er
sich, das steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten Lebenswandel
kann ich Absolution erwerben.

Es kam eine Wut ber ihn, sich gemein zu machen, ein Verlangen nach
Lrm, Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu horchen, zu schnffeln, zu
schren. Er ging in die Kaffeehuser, in die Versammlungen, zu frheren
Kollegen, sprach Bekannte auf der Strae an und redete so lange mit
ihnen, bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen Geierblick fr die
Unzufriedenen, die Verschwrer, die heimlichen Brandstifter, die Nrgler
und Dunkelmnner aller Kategorien. Er wute sie so einzuspinnen, da
sie getuscht die Maske fallen lieen. Er verstand so zu heucheln, da
er sich selber widerlich wurde. Seine tckischen Mitleids- und
Freundschaftsversicherungen wurden mit den Gestndnissen quittiert, um
die es ihm zu tun war. Er tat jenen schn, deren Bestechlichkeit und
Verrtertum ffentliches Geheimnis war; er schmeichelte den Betrgern
und klatschte den falschen Propheten Beifall.

Er rechnete mit der Redseligkeit, der sich auch die Schlauesten im
Katzenjammer nach einer Orgie berlieen; mit dem Zynismus, den auch der
Tartff in der Erwartung der groen Katastrophe an den Tag legte; mit
der aufgehuften Bitterkeit der Erniedrigten und Zurckgesetzten, mit
dem Druck der Lasten auf allen Schultern, mit der natrlichen Freude des
Menschen an Unheil, Tod und Zerstrung.

Aber sein selbstqulerischer und haerfllter Gang zu den Menschen nahm
eine unerwartete Wendung. Die Gegenspieler traten vor ihn hin, whrend
ihn die Spieler beschftigten; von Schatten umringt, die in einer
Schattensprache redeten, sah er ber ihnen, unter ihnen, hinter ihnen
Gestalten. Hingekauert an einem morschen und entlaubten Baum, vernahm er
den ewigen Gesang der Wurzel. Er fhlte die Kraft, fhlte die Bewegung,
fhlte die Wehen der Wiedergeburt mitten unter Gespenstern; er fhlte
sein Land, er fhlte sein Volk. Wenn er vor den Bckerlden die blassen
Frauen stehen sah, geduldig wartend, da das Brot ausgeteilt werde, wenn
die zu Krppel Geschossenen mit unbegreiflich strahlenden, fast
schwrmerischen Augen, an Stcke gefesselt, einherhumpelten, wenn
verschmte Armut den Geber mied und die Verlorenen in den
Elendsquartieren Siegesfeste glubig-still feierten, da wurde ihm der
Zusammenhang bewut, da war er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur,
wie allein er war, sondern auch, wie verlassen sie waren, wie er sie
verlassen hatte.

ber den Gesichtern, die er schaute, lag der Schein einer verborgenen
Lichtquelle. Kam nicht das Licht von der unsichtbaren Lampe her, mit der
Olivia des Nachts durch die Sle geschritten? Er konnte sich dieser
Vorstellung nicht entziehen: in der finster gewordenen Welt die eine
Flamme; ringsum im Kreis die Seelen, deren Kraft es ist, zu schweigen
und zu dienen; sie warten auf das Wunder, das darin besteht, da sie die
Lampe sehen werden, denn dann sind sie erlst.

Traum eines Einsamen, Traum von der Lampe und vom Volk!

Eines Abends kam er heim, angegriffen von der Frhlingsluft, in einer
sonderbaren Stimmung zwischen Hinwelken und innerlicher Glut, in der ihm
jetzt zumute war, als msse er das Gesicht in Kissen vergraben und
schluchzen, und jetzt wieder, als stehe er am Anfang der Zeit und an der
Schwelle des Lebens: so zwischen Tod und Werden kam er und suchte ein
Bild und einen Begriff von seinem eigenen Wesen. Da ffnete sich die
Tre und Olivia trat herein.

Er erbebte; es ahnte ihm, da es sich um eine Entscheidung handelte.

Die Bestrzung, in der Olivia das letztemal von Lamm weggegangen, war
nachhaltig gewesen. Sie hatte eine dunkle Schuld gegen ihn immer
empfunden, aber da er sie nun zur Verantwortung ziehen wrde, hatte sie
nicht erwartet.

So weit sie auch zurckdachte, er war die herrschende Gestalt in ihrem
Dasein, von jener Stunde an, wo sie als Kind durch seinen Einspruch
einer peinlichen Schaustellung enthoben worden war. Sie hatte gegen ihn
gewirkt, er gegen sie, aber das Band zwischen ihnen war nur um so fester
geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen hatte, um ihm nicht
gnzlich zu verfallen, war sie ihm schon gnzlich verfallen.

Sie hatte aber nie aufgehrt, ihn Freund zu heien. Ja, es war der
erfahrene, wohlgesinnte, starke, verlliche Freund gewesen, sogar in
den Jahren ihrer Verfinsterung und des Selbstverlustes. Dann, als die
Verwandlung kam, als sie sein Haus von ihm forderte, als er in
geheimnisvollem Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens ihr
entrissen wurden bis auf eine Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte,
nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge der andern entdeckte, auch da war
noch der Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, der Mensch.
Und das Wissen um seinen Ha und Abscheu war nur ein Ansporn geworden,
so zu erglhen, da der Eispanzer um seine Brust schmelzen mute.

'Auch Blindheit kann Todsnde sein, siehst du nicht, Olivia, woran du
mit mir bist?' Dieses Wort vernichtete wie ein zndender Blitzstrahl
alles, was sie um sich her gebaut hatte.

Nur zu deutlich hatte sie die Not gefhlt, in der er es ihr
entgegenschrie. Also war er berzeugt, da sein Vorwurf und der
Anspruch, den er erhob, zu Recht bestnden? Da sein Schicksal, er das
ihre wre? Unbeseelt und miverstehend hatte sie ihn benutzt, wie man
einen Boten benutzt oder einen Fhrer, und hatte seine Gaben, sein
hingestrmtes Inneres als Tribut genommen, doch immer in der fernen
Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, der Titel Freund nicht eine
wertlose Mnze, ein Almosen, das ihr Gewissen beruhigen sollte? So wenig
Sinn und Phantasie war in ihr, da sie ihn im Dunkeln hatte tappen
lassen Jahr fr Jahr und er mit getuschtem Herzen zum Verrter werden
mute an sich und an der Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den
niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit und den hartgeschlossenen
Mund, das lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, die Tyrannei und
die stumme Bitte, das ganze Leiden, den ganzen mhevollen Weg. Und sie
hatte oft an ihn gedacht als an einen, der die Truggestalten berdauert,
die in kurzem Glcks- und Sehnsuchtsrausch verlockend erschienen waren.
Getrumt hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte sie ihn nicht eine
Stunde, nie hatte sie sein Bild verloren.

Einst, auf einem Ball, hatte ein junger Mann zu ihr gesagt: Man
erzhlt, da der Hofrat Lamm um Sie wirbt. Sie hatte den Kopf
zurckgeworfen und mit aufsteigender Blsse in den Wangen erwidert:
Wenn Robert Lamm mich haben wollte, htte er nicht ntig, zu werben.

Doch gerade damals war sie in Georg Ingbert verliebt gewesen.

Pltzlich war sie ein Weib, sein Weib. Er hatte den Verlauf ihrer
Spiele, ihrer Verstrickungen, ihrer Trbungen abgewartet, um sie zu
rufen im Angesicht einer blutberstrmten Welt. Geschah es, weil er nach
einem letzten Halt griff? Geschah es in der Erkenntnis ihres Wesens oder
in der Verzweiflung ber den Niederbruch aller irdischen Ordnung? Sie
widerstrebte nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein Weib. Doch
auer einem schmerzlichen Verlangen nach Frieden und Zrtlichkeit fhlte
sie nichts, was an Liebe erinnerte oder was die Menschen darunter
verstanden.

       *       *       *       *       *

An einem Nachmittag um die Dmmerungsstunde betrat sie das kleine
Lese- und Sprechzimmer, das fr die Genesenden eingerichtet worden war.
Es war niemand darin als Schwester Nina Senoner. Sie sa am Tisch und
hatte den Kopf in die Hand gesttzt. Trotz der Dunkelheit war an den
Umrissen des schnen Gesichts der Kummer erkennbar. Olivia ging nher zu
ihr hin. Was ist mit Ihnen, Nina? fragte sie, und als Nina Senoner
erschrocken aufblickte, sprte Olivia die unheilbare Verstrung in
diesem Gemt. Aber sie hatte Furcht, der neuen Forderung nicht gewachsen
zu sein, die in dem Schmerz der Freundin lag.

Da machte Nina Senoner eine jhe Bewegung, schlang die Arme um Olivias
Hften und prete das Gesicht gegen ihre Brust.

Olivia hatte lange nicht mit einer Frau gesprochen; persnliches Wort
auf dem Grund persnlichen Gefhls zu finden, fiel ihr schwer. Sie hatte
verlernt, wichtig zu nehmen, was der einzelne in seinem Kreis mit seinem
Schicksal auszukmpfen hat; nun sah sie die Verarmung darin und empfand
Reue. Sie legte die Hnde wie schtzend auf Ninas Haar. Die stolze,
herbe Frau, die ungeachtet ihrer fnfunddreiig Jahre wie ein junges
Mdchen wirkte, begann zu schluchzen; unaufhrlich zuckte ihr Krper.

Nach einer Weile gelang es Olivia, sie in ihr Zimmer zu fhren, wo sie
ungestrt sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; sie trocknete mit
ihrem Taschentuch die Trnen auf dem weien Gesicht. Sie fragte, fragte;
hingebend, ja zrtlich. Es dauerte lange, bis Nina Senoner ihre Scheu
berwand. Nie zuvor hatte jemand in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war
in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft aufgewachsen, sie
kannte nur Menschen von Haltung, von nicht zu durchdringender Fremdheit,
von vorsichtigstem Anteil. Das Element der Klte hatte sie allmhlich in
eine lebende Statue verwandelt; alles in ihr war erfroren, was Frauen
erst zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb und Mitteilung.

Mit achtzehn Jahren hatte sie einen Mann geheiratet, den sie achtete und
der ihr ein vortrefflicher Gefhrte war. Aber sein Los war die Arbeit,
und je reicher er wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender
wurde die Arbeit. In den Ruhepausen verlangte er freundliche Mienen,
einen geruschlosen Haushalt und angenehme Gesprche. Nina hatte viel
Verkehr, dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. Alle Gte und Sorgfalt
des Mannes war auf das uere des Daseins gerichtet; er umgab sie mit
Luxus und mit Menschen, und wenn sie Kopfweh hatte und bla aussah, lie
er die teuersten rzte kommen und wachte darber, da deren Ratschlge
befolgt wrden. Sie hatten nie Streit miteinander, kaum einen
Wortwechsel, ihre Ehe wurde als mustergltig betrachtet, und das
strahlende Temperament der aufwachsenden Jeanette schien ein Glck zu
besiegeln, dem in den Augen der Welt nichts zur Vollkommenheit mangelte.

Es vergingen viele Jahre, ehe Nina Senoner berhaupt merkte, da sich
mit ihr eine Vernderung ereignet hatte, die durchaus nicht zu diesem
bewunderten und beneideten Bild des Glckes passen wollte. Sie gehrte
zu den Menschen, die selten ber sich und ihren Zustand nachdenken, zu
jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher Strenge jede Regung der
Unzufriedenheit in ihrer Brust ersticken. Doch kam es immer hufiger
vor, da ein sehnschtiger Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe ihre Stirn
in Schatten hllten. Sie war gern allein; solche Stunden geno sie tief;
da verflog das Gefhl der Einsamkeit, und sie wurde frhlich, wie sie
als junges Mdchen gewesen war. Aber man erlaubte ihr nicht, allein zu
sein. Die geselligen Pflichten nahmen an Vielfltigkeit zu; man drngte
sich an sie; man wollte sie haben; man fhlte sich wohl in ihrem Haus
und in ihrer Nhe; trotzdem sie fast immer schweigsam war, fesselte und
reizte sie Mnner wie Frauen; ihr Lachen verbreitete eine festliche
Stimmung, ihr sanfter Blick glttete alle Stirnen. Sie war immer
verabredet, immer unterwegs, oder zu Hause immer unter Gsten. Die
zahllosen Ansprche zu befriedigen, wurde schwer, sie zu vermindern ganz
unmglich. Es war eine Lawine, die selbstttig anschwoll und ihre Seele
unter sich begrub.

Da hatte sie eines Tages die Empfindung, als werde sie nur knstlich und
nach dem Belieben aller dieser Menschen bewegt und in ihr selbst sei gar
kein Wille mehr, kein Entschlu und keine Freiheit. Es schien ihr, als
habe man sie planmig und Schritt fr Schritt ihres Eigenlebens beraubt
und als sei sie dessen erst inne geworden, nachdem jeder Funke davon
ausgelscht war. Sie sah sich nur noch als Hlle ihres frheren Ichs,
als Opfer von toten Dingen, als Erfllerin von zwangvollen Pflichten,
als Beute von fremden Menschen. Und das Schreckliche war, da sie auch
Mann und Kind unter diesen Fremden erblickte, die sie geplndert und ihr
nichts briggelassen hatten als einen mden Krper und ein freudloses
Herz.

Ihre Liebenswrdigkeit und Schnheit hatten viele Mnner berckt;
hochgestellte und geringe, alte und junge, berhmte und unbedeutende
hatten fr sie geschwrmt; manche hatten sich mit der Verehrung aus der
Ferne begngt, andere hatten ihr Heil in heimlichem oder offenem Werben
gesucht; die Bemhungen der meisten hatte sie bersehen, und sie konnte
dabei einen Hochmut entfalten, der grndlich erkltete; einige gab es,
die sie eines vertrauten Gesprchs fr wrdig hielt, von denen sie
Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse einflte. Doch keinen
einzigen hatte sie so begnstigt, da er sich in besonderer Weise htte
ausgezeichnet finden drfen, geschweige denn, da sie sich ihm gegenber
etwas vergeben htte. In den Kreisen, in denen sie verkehrte, zhlte die
ungetreue Gattin zu den gewhnlichsten Erscheinungen des Lebens; sie
hatte gegen solche Frauen stets eine heftige Abneigung versprt, und der
Gedanke, ihren Gatten zu betrgen, auch nur mit einem Blick, mit einem
Lcheln nur, war ihr niemals in den Sinn gekommen.

Vor zwei Jahren war es gewesen, da hatte sie in einem Kurort einen Mann
kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom Leben weit umhergetriebenen
Menschen, sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, mit
Eigenschaften des Charakters, die je anziehender wurden, je lnger man
sich mit ihm beschftigte. Der Eindruck, den er auf sie machte, war von
der ersten Sekunde an entscheidend. Er stand im selben Alter wie Nina,
in der Mitte der Dreiig, aber so reif und erfahren er wirkte, es war
doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhngigkeit seiner Gesinnung
ffnete Nina eine neue Welt, deren Schwelle zu berschreiten sie zaghaft
und verwundert zauderte. Er war verheiratet, nicht eben glcklich, hatte
Kinder, die er liebte, verfocht aber mit einer beinahe zornigen
Leidenschaft und mit Verachtung gegen die feigen Grundstze der
sogenannten Moral das Recht der Freiheit der Herzen.

Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel schaute, sah sie, da ihre Zge
anfingen, welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren einer
eigentmlichen Abspannung wie bei jemand, der jahrelang vergebens
gewartet und endlich die Hoffnung aufgegeben hat. Jetzt wute sie,
worauf sie gewartet hatte. Die Jugend war dahin, und sie hatte nichts
von ihr genossen. Sie hatte nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt.

Der Freund vermochte es, ihr dieses Gestndnis zu erpressen. Er
vermochte mehr. Er gab ihr den Glauben, da es noch nicht zu spt sei.
Dies aus seinem Mund zu hren und immer wieder zu hren, beglckte und
erschtterte sie. Sie verlor sich in dunkle Trumereien. Stumm lauschte
sie den Worten des Mannes, den sie pltzlich mit einer Gewalt liebte,
von der sie frher keinen Begriff gehabt und in der sie sich verwildert
und entwurzelt erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so htte sie doch
niederknien mgen, um seinen Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge,
ihre Gebrde furchtsam und abwehrend, so war doch ihr Inneres voll
Zrtlichkeit und Sehnsucht. Er verstand sie; er drngte nicht; er
achtete ihr Gefhl, und seine besondere Art von Gte erstaunte sie bei
einem Mann und machte ihn ihr tglich teurer, whrend der Kampf, der in
ihr tobte, tglich ungestmer wurde. Eine stille Raserei nahm von ihr
Besitz; es schwindelte ihr, wenn sie seine Stimme, seinen Namen hrte;
sie wnschte zu sterben und begehrte heier als jemals zu leben; alle
Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische Ratlosigkeit prgte ihrem
Gesicht den Ausdruck einer Somnambulen auf, dabei mute sie auf der Hut
sein und sich beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit von
vielen.

Ihren Gatten zu hintergehen und sein Vertrauen zu mibrauchen, war ihr
entsetzlich zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung und vllig im Bann
der berlegenen Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch nahe daran,
den letzten Schritt zu wagen, blo um die Qual zu beenden, blo um dem
Spender des Gefhls, das sie erfllte, dankbar zu sein. Da kam Jeanette.
Als sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte Nina zu ihrem Freund:
Wir drfen uns nicht mehr sehen. Der Ingenieur reiste ab. Nina
erkrankte.

Nachdem man sie in die Stadt geschafft hatte, rief sie ihn wieder. Sie
konnte es nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. Es waren Nchte,
wo sie Angst hatte, wahnsinnig zu werden. Der Freund folgte ihrem Ruf,
und er besuchte sie nun, so oft sie es verlangte, zu jeder Stunde, die
sie bestimmte. Es konnte nicht hufig geschehen, aber von einem Mal zum
nchsten brachte sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen Freude
hin. Sie konnte tagelang in seliger Schwrmerei an ihn denken, sich
seinen Gang vorstellen, sein Lcheln, seinen Gru, und wenn sie ihn
erwartete, schritt sie vom frhen Morgen an aufgeregt durch die Zimmer
und war totenbleich.

Aber die wenigen Stunden, die sie dann fr einander hatten, wurden oft
durch das Erscheinen Jeanettes gestrt. Sie trat mit einem Scherz, einer
Neckerei ein, so wie sie damals getan, als sie zur Mutter aufs Land
gekommen war. Genau wie damals schien sie belustigt von dem tiefen Ernst
in den Mienen der beiden, bedachte den Mann mit mdchenhaftem Spott,
bevormundete in ihrer gutmtigen und etwas derben Weise die Mutter, war
anspruchsvoll, ohne es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. Ihre
Heiterkeit hatte einen Anflug von Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte
den Verdacht, da sie spioniere. Und doch war sie davon weit entfernt.
Sie war nur immer da; war sie nicht im Zimmer, so war sie doch im Haus;
war sie nicht im Haus, so war sie doch im Garten; war sie fortgegangen,
so drohte ihre Rckkehr; sie war immer da, immer zu frchten.

Allmhlich verkrperte sie fr Nina den Argwohn der Welt, die Stimme des
Gewissens, die Pflicht, die sie dem Gatten schuldete. Schaute sie in das
Antlitz der Tochter, so fhlte sie die unbarmherzige Forderung, die
Fessel nicht zu brechen, die fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet
hatten, empfand sie die ganze Nchternheit und Dumpfheit ihres Daseins.
Das eigene Kind, das sie liebte, ja vergtterte, war ihr zugleich ein
Gegenstand des Hasses und der Furcht; es war der Wchter vor ihrem
Gefngnis, der Anwalt des Vaters, die Meinung der Gesellschaft.

Sie geriet in Verwirrung und unsgliche Qual. Sie floh vor Jeanette und
suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie schmeichelte ihr und bestach
sie mit Geschenken; dann wieder war sie verschlossen und kalt. Eines
Tages sagte die Achtzehnjhrige zu ihrer Mutter: Du bist mir ein
Rtsel, und vor ihrem verwundert forschenden Auge senkte Nina den
Blick. Der Freund fand sie ruhelos und launenhaft. Wenn sie dem
Flehenden ihre Hand berlie, horchte sie mit emporgezogenen Schultern
und abgewandtem Gesicht zur Tr. Er fragte, warum sie so vor dem Kind
zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebrde als Antwort; wie von
Leidenschaft gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er bot ihr alles, sein
Leben, die Lsung seiner Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie erhob
beschwrend die Hnde. Er wollte sie umarmen, sie stie einen Schrei aus
und stellte sich schnellatmend mit dem Rcken gegen die Tre. Sie wrde
mich bis ans Ende der Welt verfolgen, sagte Nina flsternd; sie hat
alle Macht, und ich habe keine. Dieses wunderliche Wort ergriff den
Freund, und zum erstenmal hatte auch er bei dem Gedanken an Jeanette die
Ahnung der Gefahr.

Einst standen sie in der Dmmerung nah' beieinander am Fenster, da
wurden rasche Schritte hrbar, und Jeanette trat ein. Sie blieb an der
Schwelle stehen und lachte. Nina drehte sich um und bemerkte unmutig:
Wie kann man sich nur so taktlos benehmen! -- Aber Mutter! rief
Jeanette, abermals und noch lauter lachend. Was konnte der Grund ihres
Lachens sein, das eigentlich ein wenig albern klang? Es schnitt Nina in
die Seele, jedoch der Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese Jugend
verachtete das Halbe und seine dunklen Katastrophen, verachtete die
hingezogenen Entscheidungen, verachtete die Umwege und das matte
Zweifeln, verachtete die Dmmerung und das Geheimnis. Sie schuf sich ein
neues Lebensgesetz, sie hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich zu
verkndigen und fr sich einzustehen, sie erklrte sich fr das Gerade,
fr die Helligkeit und fr die Kraft.

Das war es, was er aus dem unschuldig und albern klingenden Lachen
Jeanettes herausfhlte. Und er sagte es Nina. Geh zu ihm oder geh zu
mir, schlo er; zu einem mut du gehen.

Sie schwieg. Aber am Abend schrieb sie dem Freund einen Abschiedsbrief,
dann ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, da sie einen andern liebe.
Sein Gesicht wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als sie anstarren.
Zwei Tage und zwei Nchte sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann
rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. Sie sagte: Ich bin deine
Frau. Da fragte er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben wolle, das
sie in Ungarn besaen, und sie bejahte. Er begleitete sie hin, und sie
blieb dort monatelang. Jeanette besuchte sie hufig, sie war verndert,
voll Zartheit und Rcksicht, als wisse sie um das Geschehene und sei nun
zufriedengestellt. Von dem Geliebten hrte sie erst wieder, als er bei
Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. Er sandte einen letzten Gru.

Heute hatte sie die Nachricht erhalten, da er gefallen sei.

       *       *       *       *       *

In das verstrte Herz fiel der Strahl der Lampe. Ihr Geisterschein lie
aufschimmern, was Ninas wortunkundige Lippen verschweigen muten. Olivia
war so sehend geworden, so allfhlend, so mitschwingend; sie dachte auf
einmal an ein Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein einziges Herz.

Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt und Gesicht vor ihr auf. Es war
wie ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, den sie wute und lebte,
zum Kampf gegenbertrat. Leib und Seele standen auf widereinander; ach,
dieser Verzicht, dies dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat wurde! Der
ewige Hunger der Dmonen schrie nach Stillung.

Eine reuevolle Unruhe erfate sie. Ingbert war der Erwecker ihrer Sinne
gewesen, und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der Zerrttung
menschlicher Dinge, aus Ninas vernichtetem Schicksal. Der Genius in
ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, da Lamm gekommen war, um
sein Recht zu fordern.

Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr Ingbert beim Abschied bergeben
hatte. Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es drngte sie hin wie zu
einem Menschen. Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah sie, da auf
dem Bande, an dem das Siegel befestigt war, Worte geschrieben standen.
Sie las: Zu ffnen von Olivia, wenn sie einmal spren kann, was sie mir
war.

Zaghaft streifte sie das Band herunter und ffnete die Rolle. Es kam
eines der Portrts zum Vorschein, das Ingbert nach seiner Krankheit von
ihr angefertigt hatte. Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, da es
ein ausgearbeitetes Werk war, eine Komposition, der die zahlreichen
Skizzen, die er damals gemacht, zur Grundlage gedient hatten. Das
Gesicht war von solcher Schnheit, da Zweifel sie beschlichen, ob es
auch wirklich ihre Zge seien und nicht eine in dem Maler wurzelnde Idee
davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit in dem Antlitz, etwas
Strahlendes und Enthusiastisches, und um den Mund lag eine sinnliche
Bereitschaft, die Olivia fremd berhrte und sie errten lie. 'Soll ich
so gewesen sein?' fragte sie sich.

Hatte er sie so gesehen und empfunden, dann mute sie auch so gewirkt
haben. Dann mute das alles auch in ihr sein. Ihr Puls schlug matter;
unwillkrlich schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter ihr stehe und
sie ihn fragen knne. Nichts erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu
fragen.

Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurck. Da meldete man ihr, da im
Sprechzimmer ein Offizier auf sie warte. Sie ging hinein; der Offizier,
der Arm und Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar vom Felde
kamen, leidend angestrengte Zge hatte, erhob sich und fragte hflich,
ob sie Schwester Olivia Khuenbeck sei. Dann nannte er seinen Namen und
fuhr fort: Ich bin vom Leutnant Georg Ingbert dringend beauftragt,
Ihnen Gre zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, es nicht zu
versumen. Ich entledige mich hiermit meiner Mission.

Wo ist Georg Ingbert? erkundigte sich Olivia mit leiser Stimme.

Er liegt in Zawadow bei Strji.

Verwundet?

Schwer verwundet; so schwer, da man ... da man seinen Tod wnschen
mu.

Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen sagte sie, kaum hrbar: Ich
danke Ihnen. Sie haben mir einen groen Dienst geleistet.

Ihr Entschlu war gefat.

       *       *       *       *       *

Sie stand vor Robert Lamm in derselben Haltung wie vor dem Offizier.
Ich mu so schnell wie mglich nach Galizien, Robert, sagte sie; sei
mir behilflich, da ich morgen die ntigen Papiere erhalte.

Was willst du denn in Galizien tun? fragte er.

Sie antwortete: Ich mu zu Georg Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend
in einem Feldspital.

Lamm ging, an ihr vorber, auf und ab. Nach einer Weile sagte er: Ich
werde die Papiere besorgen. Dann, wieder nach einer Weile: Wre es dir
lstig, wenn ich dich begleiten wrde? Du brauchst auf dieser Reise
einen Schutz.

Sie sah ihn gro an. Statt etwas zu entgegnen, bot sie ihm die Hand. Er
starrte darauf nieder, berwltigt. Olivia, zwischen uns beiden steht
das Schicksal in seiner ganzen Unerbittlichkeit, murmelte er.

Sie schttelte den Kopf. Zwischen uns beiden ist nichts Trennendes
mehr, sagte sie mit schnem Lcheln und legte auch die linke Hand in
seine.

Unglubig hob er die Augen. Es gibt ein Glck, das wie Angst wirkt. Zu
spt, Olivia, zu spt, stammelte er. Ich bin ein gar zu irdischer
Mensch. Die Sorte geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde. Aber
ich habe nun wenigstens die Genugtuung, da ich nicht an ein trichtes
Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei liegt eine hhere Vernunft.

Olivia, sichtlich mde, lehnte den Kopf an seine Schulter.

Es ist mglich gewesen, das gengt mir, fuhr er fort. Die
Verwirklichung wre schon zu viel. Dein Leben hat sich eine Form
geschaffen, die fr meines zu weit, zu tief ist. Sie wieder einzuengen,
steht nicht in deiner Macht. Wie sollten wir zu einer Gemeinsamkeit
gelangen? Du kommst im rechten Augenblick; vielleicht htt' ich mich
sonst vollends zerfleischt. Jetzt berseh' ich den Weg; dich begleiten,
das kann ich; dich fr mich behalten darf ich nicht.

Olivia flsterte: Ich bin eine Frau; ich will es sein.

Lamm nahm ihren Kopf zwischen die Hnde und kte sie auf die Stirn.
Was htte es dann mit Georg Ingbert auf sich? fragte er. Warum diese
Reise? Was suchst du bei ihm? Was ist dir sein Leben oder sein Tod, dir,
-- die durch das Sterben der Menschen geht wie durch einen Garten im
November?

Das kann ich dir nicht sagen, erwiderte Olivia, ich _mu_ es eben
tun.

Ich aber kann es dir sagen, versetzte Lamm; du willst dich mit diesem
Schritt von ihm scheiden. Er besitzt noch etwas von dir, ein Pfand, das
du auslsen mchtest. Wenn du zu mir gehst, schlgst du das Tor der
Vergangenheit hinter dir zu, und du willst nicht, da einer, ob es auch
blo ein Schatten ist, drauen steht und nach dir ruft.

Olivia erbleichte. Sie schlo die Augen und schwieg.

Wir knnen aber ohne Vergangenheit nicht in die Zukunft hinaus, begann
Lamm wieder; wer da baut, mu die Erde hhlen. Grber der Liebe machen
neue Liebe fruchtbar, es fragt sich nur, wie reich man an Liebe ist. Du,
Olivia, hast tausendfache Liebe in die Grber gesenkt, tausendmal hast
du Georg Ingbert schon begraben.

Und doch mu ich zu ihm --

Ich glaub' es selbst, antwortete Lamm. Eine Fahrt ber lauter Grber.
Zwischen dir und ihm -- Grber; zwischen dir und mir -- Grber. Millionen
von Verbluteten und Hingeschlachteten zwischen uns.

Man mchte auf einen andern Stern fliehen, sagte Olivia. Es mu einen
gttlichen Sinn haben, alles, sonst sind wir Narren und Verbrecher.

Es gibt keinen andern Stern, Olivia, aber das Leben ist unendlich. Die
wir begraben haben, die tragen uns; warum sie vernichtet worden sind,
ist nicht zu erforschen. Zu fhlen ist es, glauben mu man; kann man das
nicht, dann ist es freilich zum Verrcktwerden.

_Was_ fhlen? _Was_ glauben? brach Olivia leidenschaftlich aus.

Die hhere Ordnung, Olivia. Du warst ja nahe, es zu nennen: Gott! Ja,
ich sag' es, ich, Robert Lamm, der Skeptiker von achtundvierzig Jahren,
der Gewohnheitsleugner, der Mann ohne Ideal. Gott! Es bleibt nichts
andres brig. Gott will, und wir tun. Gott dngt, und wir wachsen. Gott
pflgt, und wir werden als Unkraut ausgejtet oder als Samen in die
Furchen gestreut. Was ist dein Aufbumen, was ist mein Schwatzen? In
ferner Zukunft verleiht es vielleicht einmal einer Kreatur, an deren
Existenz wir einen sehr entfernten Anteil haben, den geheimnisvollen
Nerv zu einer Tat. Du kannst nicht helfen, keinem auer dir. Und hilfst
du dir, ich meine dem Gott in dir, so hast du nichts mehr zu frchten.

Und du, Robert? fragte Olivia ernst: Du? Das alles ginge mir strker
ans Herz, sprchst du zu mir als Handelnder.

Lamm blickte mit zusammengezogenen Brauen starr ins Weite. Er
antwortete: Da man sich in diesem Sturm und Wirrsal in einen
herabgedrckten Zustand des Lebens finden mu, wre es wnschenswert,
wenn jedermann eine Prfung seiner inneren Bestnde vornehmen wollte.
Der Krieg wird lange dauern. Ein neues Zeitalter wird sich hernach
deutlich abscheiden. Ob ich dann noch zu brauchen bin, wei ich nicht.
Ich will's versuchen.

Wirklich? rief Olivia mit aufleuchtenden Augen. Doch warum zgerst
du?

Weil ich nicht pfuschen will. Du hast mich Geduld gelehrt, Olivia. Er
wandte sich ab und sagte gepret: Knnt' ich nur in Worte fassen, was
du mir bist.

Robert!

Jh fuhr er herum und zog sie in die Arme. Sie aber befreite sich sanft
und verlie ihn.

       *       *       *       *       *

Um sich zu sammeln, ging sie in den Garten. Es war hell, der Mondschein
einer Mainacht, die Luft voll Blumengerche. In den Baracken waren
schon die Lichter ausgelscht. Vor einem der Treibhuser sa ein Soldat
und starrte in den Himmel. Auf den Wegen lagen weie Blten, so viele,
da sie den Schritt dmpften. Alles in der Natur atmete Frieden, alles
sprach von Auferstehung und Erneuerung.

Olivia brach einen Zweig von einem Apfelbaum, roch daran und ging
sinnend weiter. 'Warum hast du das getan?' fragte sie sich pltzlich und
betrachtete den Zweig mit Abscheu. Aus den weien Blten grinste ihr der
Tod entgegen.

Sie erschauderte. Die ganze Welt schien ihr wie auf eine Wand gemalt,
fremd wie der Tod.

       *       *       *       *       *

Erst am dritten Tage konnten sie reisen.

Es war eine sonderbare Fahrt. Robert Lamm, lebhaft und aufgerumt,
erzhlte viel und war stets um Olivia bemht. Junge Offiziere saen im
Wagen, die dem schnen Mdchen in der kleidsamen Schwesterntracht eine
teilnahmvolle Neugier bezeigten. Auf den Bahnhfen gab es lange
Aufenthalte, und berall herrschte ein bengstigendes Treiben.
Verwundete Soldaten lagerten in malerischen Gruppen; Flchtlinge jeden
Alters und Standes drngten sich um aufgeregt gestikulierende Beamte;
Munitions-, Proviant-, Spitals- und Mannschaftszge versperrten die
Geleise oder fuhren vor; der einzelne Mensch hatte weder Wichtigkeit
noch Stimme, alles verlor sich in der Masse, wurde fortgerissen von der
Masse, anscheinend ordnungslos, und doch von einer gewaltigen und
besonnenen Kraft regiert.

Und das alles fr eine Einbildung von Feindschaft, sagte Lamm leise zu
Olivia; wo ist dein Feind? Wo ist meiner? Wo der von dem Slowenen, der
da am Pfeiler lehnt oder von der eleganten Dame dort, die wahrscheinlich
bei der Flucht auf einem Leiterwagen ihre Mantille zerrissen hat --? Wo
ist der Feind? Jeder ist mein Feind, jeder andere Mensch, und jeder ist
mein Bruder. Gegen wen ziehen also die Armeen, wogegen rasen die Vlker?
Sie wissen es nicht. Es ist aber das Blut, der Wille der Generationen,
die nach ihnen kommen. Diese brauchen einen Weltzustand, den wir nicht
einmal trumen knnen, und doch mssen wir ihn fr sie schaffen, sie
wollen es, sie erzwingen sich's. Die Einsicht knnen sie uns nicht
geben, nur das Feuer und die Brunst, die zur Zeugung gehren. Zeugung
aber ist eine Angelegenheit des Rausches, sie hat Zge von Mordlust und
Grausamkeit und stt die Seele ins Chaos zurck, von wo sie stammt.

La das, antwortete Olivia gepeinigt; ich mag's nicht, wenn Gedanken
so wahr werden, da sie verletzen. Gesteh doch lieber, gesteh es
endlich, da du dich getuscht hast, wenn du mir immer unser Land als
reif zum Untergange geschildert hast. Du hast gegen deine Brder gewtet
wie ein Besessener, und gegen dich selber auch. Gesteh doch, da wir
nicht zuschanden geworden sind vor dir und da du das Henkerbeil umsonst
gewetzt hast. Schau' in die Gesichter, in welches du willst; ist nicht
in fast allen ein khles, ttiges Leben, ein werkfreudiges Gefhl, und
sogar die Widerstrebenden knnen sich nicht entziehen. Sag's ihnen doch,
da sie deiner nicht so ganz unwrdig waren, Robert; die Shne bist du
ihnen schuldig. Es klang wie Spott eines Cherubs. Lamm errtete.

In einer Station nach Krakau stieg ein dicker, kleiner Herr von etwa
fnfzig Jahren ein. Er trug ein schwarzes, flaches Strohhtchen auf
einem mchtigen Schdel und sah einem Negerhuptling in europischen
Kleidern hnlich. Lamm kannte ihn, und sie begrten einander. Es war
Exzellenz Hfner, ein ehemaliger Minister. Durch seine Gaben zu groen
Leistungen befhigt, hatte er sich doch wider die Rnke seiner Gegner
nicht zu behaupten vermocht. In der Zeit, die ihn am Ruder gesehen,
waren die Wogen des Liberalismus hoch gegangen und hatten den starren
Theoretiker und rmisch angehauchten Frondeur ber Bord des
Staatsschiffes gesplt. Jetzt hatte man sich der lenkenden Erfahrung
erinnert, die er besonders in den schwierigen nationalen und
wirtschaftlichen Problemen der eben befreiten Nordprovinz stets
erwiesen, und hatte ihn aus dem Dunkel eines Pensionisten-Daseins mitten
in den Tumult der Weltbhne gerufen. Er war auf dem Weg ins
Hauptquartier, wo er Beratungen wegen einer neu einzusetzenden
Verwaltungsbehrde pflegen sollte.

So erzhlte er Lamm und Olivia, mit der er alsbald bekannt wurde. Er
hatte eine bestrickende Art zu plaudern, trotzdem er bissig war wie ein
Kettenhund. Die Hand auf Lamms Knie legend, sagte er zrtlich und
strafend: Sie, lieber Hofrat, she ich nicht ungern unter meinen
Helfern. Es wird keine Leibwache sein, frchten Sie nichts. Mit den
Prtorianern haben wir aufgerumt. Sie haben sich viel zu frh ins
Ausgeding begeben. Aber Sie waren unvorsichtig, Sie waren zu leise. Auf
Filzschuhen darf man nicht aus unseren mtern schleichen. Wenn schon
Skandal, dann mit groem Orchester. Ich habe bereits an Sie gedacht,
denn ich bin mit der Laterne auf der Menschensuche. Werden Sie mich fr
einen Fanfaron halten, wenn ich Ihnen sage, da man den rechten Mann an
die rechte Stelle bringen wird? Das Land schwitzt seine ungesunden
Stoffe aus; Blut, Leichen, Schutt, Moder, aufgehngte Verrter. Kommen
Sie gleich mit mir, wenn es irgend angeht; ich habe ausreichende
Vollmachten. Es gibt zu tun, man kann die Flgel dehnen. Mit den alten
unbezahlten Rechnungen machen Sie es wie ich: vergleichen Sie sich und
geben Sie neuen Kredit.

Lamm sah betreten vor sich hin. Er antwortete zaudernd und unbestimmt;
das Anerbieten war zu berraschend, und sein Mitrauen gegen die
Regierenden war zu tief. Die Exzellenz wollte keine Ausflucht gelten
lassen. Da er bemerkte, da Olivia begierig zuhrte und Lamms Erwiderung
mit sichtlichem Unmut aufnahm, witterte er das nahe Verhltnis zwischen
den beiden und wandte sich geschmeidig an sie. Sie gab ihm in jedem
Punkte recht, auch darin, da Lamm die Entscheidung nicht aufschieben
drfe. In die Enge getrieben, erklrte Lamm, da er nicht gewohnt sei,
wichtige Entschlsse mit solcher Eile zu fassen, auch knne er nicht
zugeben, da Olivia die Reise mitten durch Kriegsgebiet und nahe an die
Front allein fortsetze. Olivia widersprach dem, und Exzellenz Hfner
sagte, er treffe in Tarnow zwei hohe Offiziere, die im Automobil zum San
fhren und dem Frulein sicherlich einen Platz im Wagen gewhren wrden.
Ohnehin mute man in Tarnow bernachten. Lamm bat sich Bedenkzeit bis
zum nchsten Morgen aus.

Er sa mit Olivia in einem trbseligen Gasthauszimmer. Die Exzellenz war
fortgegangen, um die Offiziere aufzuspren, die Olivia mitnehmen
sollten. Unablssig polterten Fuhrwerke ber das holprige Pflaster
drauen, und das Geschrei der kutschierenden Bauern und Soldaten
erfllte die Nacht. An den Nebentischen saen Juden, die sich in ihrem
unverstndlichen Jargon leise unterhielten.

Wt' ich dich zu Hause, so gb's kein Schwanken fr mich, sagte Lamm.
Ich wei, da ich nicht mehr hinten stehen darf. Schon um deinetwillen
nicht. Ich hab' dir's ja auch gelobt.

Es wr' ein schlechter Anfang, Robert, wenn mir deine Angst Ketten um
die Fe legte, erwiderte Olivia. Du und Angst, Angst um einen
Menschen! Ich kenn' dich nicht mehr!

Du sprichst von einem Anfang, Olivia; mich dnkt, es ist ein Ende. Ich
spr's in allen Nerven, und mir ist so unheimlich wie manchen Leuten,
die den Blitz fhlen, bevor er gezndet hat. Hr' doch, wie die Welt
braust und brllt! Die Menschen sind so armselig und so furchtbar.
Dessen bleib eingedenk, da ich um dich gedient habe, lnger als Jakob
um Rahel, viel lnger. Nur dacht' ich, ich mte dich unterwerfen,
derweil lag es umgekehrt im Schicksalsplan, und ich hab' nicht begreifen
wollen, warum. Du hast gesiegt, Olivia, du bist die Siegerin, aber nicht
blo ber mich, ber uns alle, auch ber die Sieger, und dich fr meine
Person zu beanspruchen, wre so lcherlich, als wollt' ich den Mond in
mein Zimmer hngen, da er mir zum Schreiben leuchte. Ich hab' eine
Erscheinung gehabt, weiter nichts.

Ach, Robert! seufzte Olivia, die es nicht ertragen konnte, wenn man
sie pries. Ahnst du denn nicht, wie jmmerlich alles ist, was man tut,
im Vergleich zu dem, was ungetan bleibt?

Es liegt nicht an der Qualitt, es liegt im Geiste. Der Geist kann
heilig werden, trotz Vlkermord und Vlkerwahn. Ich habe an den Heiligen
Geist glauben gelernt, und damit allerdings steh' ich wieder am Anfang.

Er verstummte. Olivia sah ihn an und hielt ihn im Blick ihres gro
aufgeschlagenen Auges.

       *       *       *       *       *

Exzellenz Hfner kam etwas verlegen zurck. Er habe die beiden Herren
gefunden, berichtete er, aber das Unangenehme sei, da sie noch in der
Nacht fahren mten. Ob man der jungen Dame zumuten drfe, die
anstrengende Reise schon in einer Stunde fortzusetzen, habe er nicht
gewagt zu entscheiden.

Olivia sagte, sie sei bereit, sie wre froh, wenn sie rasch ans Ziel
komme. Lamm widersprach nicht.

Sie nahmen hastig einen Imbi auf schmutzigen Tellern, dann ging Olivia
auf ihre Kammer, um ihre Tasche zu richten. Lamm folgte ihr nach einer
Weile; als er in die elende Kammer trat, die von einer einzigen Kerze
erhellt wurde, war sie schon fertig. Sie stand hochaufgerichtet am
schwarzen Fenster, den Kopf etwas zur Seite geneigt, die Schultern, nach
ihrer Art, zurckgebogen, die Arme lssig im Fall. Ihr Gesicht hatte
einen verlorenen Ausdruck, selten hatte Lamm sie so in sich selbst
ruhend gesehen.

Er trat zu ihr und kte sie. Olivia lchelte; als sie ihn wieder kte,
waren ihre Augen feucht.

Er ergriff das Tschchen, und sie verlieen den Raum. Unten wartete die
Exzellenz, um sie an den Ort des Stelldicheins zu fhren. Schweigend
gingen sie durch die finsteren Gassen. Auf einem Platz neben einer
Scheune stand der Kraftwagen. Die Vorstellung war schnell erledigt,
Olivia stieg ein, der Motor begann zu schnurren; leb' wohl, Robert,
rief Olivia, dann winkte sie noch einmal, und der Wagen fuhr davon.

Kommen Sie, Freund, wir haben nur noch vier Stunden zum Schlafen,
sagte die Exzellenz und schob den Arm in den Robert Lamms.

Fr Robert Lamm gab es aber keinen Schlaf. Er verlie die zugige Kammer
wieder, kaum da er sie betreten hatte, und ging auf die Gasse.

Die regenfeuchte Luft schlug ihm ins Gesicht, die Huser, an denen er
vorberging, waren schwarz, viele sahen wie seit langer Zeit verlassen
aus. Er schritt an einem Zaun hin und sphte bisweilen in die Ebene oder
in den Himmel. Die Zaunpfhle neben ihm, in endloser Folge, das brachte
ein eigentmliches Gefhl von Rhythmik in seinem Innern hervor, und
vielleicht war dies die Ursache, da seine Gedanken immer bewegter,
immer strmischer wurden.

Der Marschschritt einer Kolonne wurde hrbar und kam nher. Es waren
deutsche Soldaten, eine groe Abteilung; der Zug wollte gar kein Ende
nehmen. Lamm konnte die Gesichter der Leute nicht unterscheiden, doch
die Entschlossenheit und der unabnderliche Gleichklang ihres Schrittes
machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Als sie vorber waren, blieb er
stehen und schaute ihnen nach. 'Da gehen sie nun,' dachte er und zog die
Stirn in Falten, 'da gehen sie. Es ist etwas in ihrer Haltung und in
ihrem Schritt, als rechneten sie gar nicht mit der Rckkehr. Ob nicht
ein einziger unter ihnen ist, der heimlich rebelliert? Vielleicht doch.
Aber es kommt nicht darauf an. Es kommt auf keinen einzelnen an, auf den
Willigen nicht und auf den Rebellen nicht. Was liegt am Mller und am
Schmied und am Fuhrknecht und am Schreiber und an all den Strebern und
Glcksjgern und Verliebten und Familienvtern und Staatsdienern, die
dort drauen auf dem Schlachtfeld fallen werden, was liegt an ihnen? Es
wird immer wieder Schmiede und Fuhrknechte und Schreiber und Verliebte
und Familienvter geben. Was brchten sie vor sich, wenn ihnen dies
Schicksal erspart bliebe? Es kommt auf sie nicht an. Auch auf mich kommt
es nicht an. Vor Gott bin ich gar nichts wert.'

Er ging ein Stck, in der Richtung gegen die Stadt zurck, und nach
einer Weile blieb er wieder stehen. Und doch, redete er nun laut vor
sich hin, doch ist der Mensch etwas Kstliches; man mu ihn blo
anschauen und begreifen knnen. Viele knnen es nicht. Diese Gestalt,
das Auge, die Stimme: es ist wunderbar. Die meisten spren nicht den
Menschen. Auch ich habe den Menschen nicht gesprt. Ich habe so
hingelebt, das ist alles; habe mich gergert, habe gezankt, gefeilscht,
geredet, aber den Menschen gesprt, nein, das hab' ich nicht. Und im
Weitergehen wiederholte er noch ein paar mal die Worte: Nein, das hab'
ich nicht.

Da kam er an ein Haus, das ohne Tren und ohne Fenster war. Auch das
Dach war zum Teil weggerissen, so da der Himmel in die den Rume
starrte. Lamm lie einen Blick zerstreuter Neugier ber die Ruine
schweifen und wollte seinen Weg fortsetzen, als er ein jmmerliches
Wimmern vernahm. Er lauschte und hrte den Laut deutlicher. Es klang wie
das Weinen eines kleinen Kindes.

Nun trat er in das Haus, zndete seine elektrische Taschenlampe an und
ging von Stube zu Stube. In der letzten Stube sah er einen Sugling auf
schmutzigen Lumpen liegen, halb nackt und nur noch matt schreiend. Lamm
rief. Er glaubte die Mutter oder sonstige Angehrige in der Nhe. Aber
niemand antwortete; niemand war zu sehen. Der Sugling war vllig
verlassen, fror und hatte Hunger.

Lamm nahm das Kind auf seine Arme und trug es hinaus. Er rief noch
einmal; umsonst. Da trug er das wimmernde Kind auf seinen Armen weiter.
Sein anfangs zaudernder Schritt wurde fest und entschlossen, und alle
hadernden Gedanken in seinem Innern schwiegen still.

Er hllte das frierende Kind in seinen Mantel, und als er die
Krperwrme sprte, kam etwas Freudiges ber ihn, und das lebendige, an
ihn geschmiegte Wesen wurde ihm pltzlich in sonderbarer Weise teuer.
'Ich will es behalten,' sagte er sich, 'ich will es wie ein Geschenk von
Olivia behalten, und seine Augen sollen mir leuchten, wenn ich zu den
Menschen gehe und fr sie schaffe.'

       *       *       *       *       *

Am Nachmittag darauf, nach fnfzehnstndiger, durch viele Hindernisse
verzgerter Fahrt im Regen kam der Kraftwagen nach Drohobycz. Hier mute
Olivia eine andere Gelegenheit suchen, und der Bemhung des einen
Offiziers gelang es, ihr einen Platz auf einem Feldpostwagen zu
verschaffen, der nach Zawadow fuhr. Hatte sie schon die Nacht und den
Tag ber vom Regen zu leiden gehabt, jetzt wurde es schlimmer; oft
konnte der Wagen kaum vorwrts, so schwierig war es, den begegnenden
Fahrzeugen und marschierenden Kolonnen auszuweichen. In langen Reihen
schleppten sich Verwundete die Straen heran; fern am Horizont umsumte
den dstern Himmel eine dunkle Glut. berall waren Notbrcken, berall
rauchten Trmmer, und der Erdboden war von tiefen Spalten und Lchern
zerrissen.

Vllig durchnt war Olivia, als endlich der schttelnde Wagen in der
Nacht vor einem halbzerschossenen Haus einer Dorfstrae hielt. Ein
freundlicher Korporal besorgte ihr ein Obdach, irgendwo in einem
Bauernhaus, in dessen Flur sie ber die Leiber schlafender Soldaten
steigen mute. Ein Strohsack hinter einem Verschlag bildete ihr Lager.
Von den Bretterwnden troff das Wasser, die Luft war wie in einem
Keller, Pferde stampften in der Nhe, sie schlo die Augen und dmmerte
erschpft hin, ohne schlafen zu knnen. Mit dem Morgengrauen erhob sie
sich und fragte um den Weg nach dem Feldspital, in welchem sie Ingbert
zu finden hoffte.

Sie ging zum Oberarzt, der kaum Zeit hatte, ihr Rede zu stehen. Ein
jngerer Arzt trat hinzu, und dieser konnte ihr sagen, da Leutnant
Ingbert tot sei. Gestern war er begraben worden. Olivia fate die
Kalkmauer mit den Fingerspitzen der einen, dann der andern Hand an. Es
schien ihr, als springe ihr Herz vor Kummer.

Zu Hunderten kamen blutende Mnner vom Schlachtfeld, auf Bahren, auf den
Armen der Sanittsleute, oder von Kameraden gefhrt. Der Kampf um Strji
war mrderisch. Olivia half verbinden. Hier roch das Blut der Wunden
wilder und frischer als fern in der Stadt. Die rzte nahmen einen um den
andern vor, hatten unbewegliche Gesichter, kmmerten sich weder um
Schreien und Sthnen, noch um Bitten. Niemand fragte, woher Olivia kam
oder ob sie bleibe, man war um jeden Arm froh, der zugriff. Auf
dergleichen war sie nicht vorbereitet gewesen, auf diese endlosen Reihen
von Starrenden und mit dem Tode Ringenden. Um Mittag wandelte sie eine
Ohnmacht an, denn sie hatte noch nichts gegessen. Auch fror sie
bestndig. Ein junger Bursch brachte ihr Fleisch und Kartoffeln, sie
konnte nichts anrhren. Na, werden Sie uns nur nicht krank, sagte
einer der Doktoren rgerlich im Vorbergehen. Sein Leinwandkittel war
von oben bis unten mit Blut bespritzt.

'Du mut zu seinem Grab,' gebot eine Stimme in Olivia. Wie gehetzt floh
sie aus dem Raum, drngte sich durch die Verwundeten und fragte einen
Oberleutnant, wo die gestern Begrabenen lgen. Der Offizier zog die
Stirne kraus; die betreffende Stelle sei seit einigen Stunden gefhrdet,
antwortete er. Sie sagte gepret, wessen Grab es sei, das sie aufsuchen
wolle. Ich kannte Ingbert, versetzte der Offizier, ein lieber
Kamerad. Schade um ihn. Dann warf er einen flchtigen Blick auf Olivia
und erklrte sich bereit, sie zu fhren. Sie war nicht fhig, ihm zu
danken. Sie hatte keinen Dank mehr in sich.

Sie gingen ber einen kotigen Feldweg. Bisweilen spritzte die Erde auf,
als ob in ihrem Innern etwas geplatzt sei. Sie schieen, bemerkte der
Offizier, nach einem Wald in der Ferne deutend und zndete sich eine
Zigarette an.

Auf einer Wlbung des Gelndes sah man unzhlige kleine Holzkreuze. Der
Offizier schritt eine Weile an der vordersten Reihe entlang, blieb bei
einem stehen und sagte: Hier liegt er. Damit grte er und entfernte
sich.

'Hier liegt er,' dachte Olivia. 'Und warum eigentlich? Und warum die
andern, Unzhligen, warum?' Sie erinnerte sich der Anmut und Zartheit
des Freundes, seiner Wrme und schweigsamen Liebe, und dachte: 'Warum
nur, warum?'

Sie ging weiter, ohne auf Weg und Richtung zu achten. Immer noch fiel
Regen, immer noch fror sie. Am dunkelnden Wolkenhimmel malten sich
feurige Geschobahnen, Leuchtkrper schwammen weit drben in der Luft,
bisweilen ertnte ein Krachen, als wolle der Weltkrper zerreien. Zur
Rechten wich mannshohes Gestrpp zurck, das eigentmlich erhellt
gewesen war, und nun gewahrte sie ein brennendes Dorf in der Ebene, weit
drben, und sie wanderte darauf zu. Sie holte ein Wgelchen ein, das von
einem mden, klapperdrren Gaul gezogen und von einer alten Buerin
gefahren wurde. Fnf oder sechs entsetzlich bleiche Kinder lagen droben
und schliefen. Das Pferdchen wollte nicht mehr weiter, und die alte
Buerin schimpfte bald, bald flehte sie. Eines der Kinder erwachte, und
als es des Brandes ansichtig wurde, stie es einen gellenden Schrei aus.

Pltzlich flammte in einer Entfernung von kaum zweihundert Schritt
ebenfalls ein Gebude auf. Man sah nun, da dort ein Dorf lag. Die
Dcher der brigen Htten fingen im Zeitraum von wenigen Minuten Feuer.
Olivia blieb stehen.

Mnner und Weiber strzten ins Freie; die vergrmten Gesichter waren
grell vom Feuer beschienen. Aus der Menge aber lste sich eine
auffallende Erscheinung; ein einfacher russischer Soldat, jedoch ein
Riese von Gestalt. Er war nicht jung, sicherlich ber Vierzig, trug
keine Kopfbedeckung, und seine schwarzen Haare flatterten struppig um
Stirn und Schlfen. Er ging langsam, mit wagrecht vorgestreckten Armen,
und man sah an seinem Gang, da er blind war.

Doch schwankte er nur wenig; er ging dicht an den brennenden Husern
entlang, immer mit wagrecht vorgestreckten Armen. Die Funken prasselten
um seinen Kopf, brennende Balken fielen dicht neben ihm nieder, aber
durch keine Miene verriet er Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck
war so mchtig, da die Bauern, ihre Weiber und ihre Kinder ihm alsbald
in Scharen folgten und sich dicht an ihn drngten, als ob sie in seiner
Nhe gefeit wren.

Olivia blickte rundum: die nasse Erde rot, der sternenlose Himmel rot,
und zwischen Erde und Himmel tobende Mordmaschinen, brllendes Vieh,
winselnde Hunde und verzweifelte Menschen. Es wollte ihr scheinen, als
kme der blinde Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu bringen, und
je deutlicher sie sein Gesicht sehen konnte, je mehr wunderte sie sich
ber die unbeschreibliche, fast selige Ruhe darin. Gefhrdeter konnte
kein Mensch sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete ihm die Gefahr?
Was galt ihm diese Stunde und die nchste? Obgleich in Olivia ein
rtselhafter Wunsch war, da er sie sehen mge, ein rtselhaftes
Bedauern, da er sie nicht mehr sehen konnte, war es ihr doch klar, da
nach allem, was er von dieser Welt gesehen, er glcklich zu preisen sei,
da er nichts mehr von ihr sah.

Sie wanderte den Weg zurck, verirrte sich jedoch. Ihre Erschpfung
wuchs, und sie konnte nicht mehr daran zweifeln, da sie krank war.

Patrouillen begegneten ihr und riefen ihr etwas zu. Sie verstand nicht
und antwortete nicht. Auf einem umgehauenen Baumstamm rastete sie eine
Weile, dann schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter. Sie kam zu
einem offenen Parktor, ging hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das
leer war. Durch die Baumwipfel sah sie die Umrisse eines groen
Gebudes.

Die Beine versagten den Dienst; sie schlpfte in das Schilderhaus,
kauerte sich nieder und hllte sich fester in den nassen Mantel. Ein
schlafhnlicher Zustand machte sie bewutlos.

Als sie wieder zu sich kam, war es Tag. Sie raffte alle Krfte zusammen
und trat ins Freie. Da bot sich ihren fieberheien Augen ein
unvermuteter Anblick. Fahler Frhsonnenschein war durch die Nebel
gebrochen und fiel auf unzhlige Beete und Strucher voller Rosen.
Lauter Rosen, ber die ganze Flche des Parks, in allen Farben der
Gattung, soweit der Blick reichte. Dazwischen aufgeworfene Grben,
zertretener Rasen, zersplitterte Bume. Sie trat zum nchsten Strauch;
die Freude an den Blumen, erst wie eine berwltigende Erinnerung,
verdrngte jedes andere Gefhl und steigerte sich zu leidenschaftlichem
Verlangen. Voller Hast, ja fast gierig brach sie einige Rosen ab, ohne
darauf zu achten, da sie sich an den Dornen die Hnde blutig ri.

Aber da ihr schwindelte und alles um sie zu tanzen begann, schritt sie
dem Hause zu und trat in die Vorhalle. Es war eine gerumige
Baulichkeit, einer der vielen adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein
Mensch war zu sehen. Die Tren der Zimmer standen offen, und berall
zeigten sich die Spuren bswilliger Zerstrung. Die Glser der Spiegel
lagen in Scherben auf dem Boden, die Mbel waren umgestrzt, das
Porzellan zerschmettert, die Bcher aus den Regalen geschleudert und
zerfetzt, die Bilder zerschnitten, die Wnde mit Unrat beschmiert. Hier
mochte sie nicht bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend, stieg sie
die Treppe hinauf. Sie rief, doch niemand antwortete. Da, als sie in
einen Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte sie endlich einen Menschen.
In der Mitte des sonst vllig leeren Raumes stand ein Sarg, darin lag
ein Greis mit langem, weiem Bart; ein Kruzifix aus Silber ruhte auf
seiner Brust, und an den vier Ecken des Sarges brannten vier Kerzen.
Daneben aber sa ein Knabe von etwa vierzehn Jahren; er hatte
tiefschwarze Haare, die ber die blassen Wangen fielen; seine Augen
waren traurig und voll Angst.

Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er erhob sich und redete sie
polnisch an. Olivia verstand die Sprache nicht; da sie sich aber
hinschwinden fhlte, machte sie eine bittende Gebrde und prete die
linke Hand gegen ihre Brust, in der der Atem flog. Der Knabe sah sie an
und begriff; ihn hatte der Krieg frhzeitig ber menschliches Leiden
unterrichtet. Auf den Zehen, als knne der tote Mann noch gestrt
werden, ging er zu einer Tr, die er ffnete und wies auf ein Bett, das
dort im Zimmer stand. Nicht zu verkennen, da es das Schlafgemach einer
Frau gewesen war; auf den Lehnen der Sthle hingen Frauenkleider, in
einer Ecke standen Frauenschuhe; sonst deutete manches auf eine eilige
Flucht hin.

Olivia schlo die Tr, als sie drinnen war, ri ihre nassen Gewnder vom
Krper, strzte frmlich in das Bett, whlte die zitternden Glieder in
die Kissen, richtete sich noch einmal auf und griff nach den Rosen, dann
rang sie seufzend die Hnde, sprte, da ihr die Sinne vergingen, und
freute sich darauf, nicht mehr denken und frchten zu mssen.

Nach einer Weile klopfte es an der Tr, der Knabe trat lautlos ein.
Unschlssig stand er zu Fen des Lagers und schaute auf die Kranke,
deren Wangen sich mit Scharlachrte bedeckten. Er fand sie schn; ihre
Gegenwart erregte scheue Neugier in ihm, ihr Zustand stimmte ihn
mitleidig. Abermals sagte er etwas in polnischer Sprache. Olivia ri
entsetzt die Augen auf. Pltzlich schrie sie: Gebt mir die Rosen! und
prete die drei Rosen, die sie krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren
Mund.

Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich hatten Rosen in seinem
bisherigen Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie muten ein Ziel
eigensinniger Liebhaberei gewesen sein, vielleicht des toten Greises,
der drauen im Sarg lag; nicht blo die Kultur des Parks lenkte darauf
hin, sondern auch die zerstrten Gemlde, auf denen fast ausschlielich
Rosen dargestellt waren. Und da Olivia ihren Fieberruf wiederholte und
immer wieder ekstatisch die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht drckte,
glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie aus irgendeinem Grund, den
er nur noch nicht verstand. Rasch verlie er das Zimmer, und nach
einigen Minuten schon kehrte er zurck, beide Hnde voller Rosen, und
warf sie auf das Bett.

Als er vernahm, da die Fiebernde sich beruhigte, war er auch gewi, das
Rechte getroffen zu haben. Er ging noch einmal, dann ein drittes und
viertes Mal. Schlielich hatte er so viele Rosen heraufgebracht, da sie
von der Bettdecke auf den Boden fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer
und jenes noch, in dem der Tote lag, erfllte. Danach ging er zu dem
Toten hinaus, kam wieder zurck, lief zum fnften Male in den Garten und
brachte wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und lchelte zufrieden,
als er sah, da die unbekannte Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen
Haaren einen rhrenden Eindruck auf ihn machte, nun stille war und die
Augen geschlossen hatte.

Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; whrend sie schlief, wurde ihr Gesicht
erst bleich und immer bleicher; von einem gewissen Punkt an kehrte aber
die Farbe des Lebens zurck, als ob ein Traum von glcklicher und
ttiger Zukunft die Seele jh berhrt htte. Dieser Traum erzeugte ein
Lcheln; das Lcheln schien das Blut, das schon verblate, neu zu rten.
Verwandlung war in ihr; ber ihr Verheiung eines Geistes aus
verwandelter Welt.



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der Erstverffentlichung erstellt. Diese erschien in Velhagen
& Klasings Monatshefte, XXXI. Jahrgang 1916/1917, Hefte 1-3,
September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser
Heftaufteilung. Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller
gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 002: [Punkt ergnzt] Mhe hatte, sie zu beruhigen.
S. 003: [Punkt korrigiert] ber ihn erholt hatte, -> hatte.
S. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin
S. 167: mit abgerissenen Gewndern und verstrtem Gesichts -> Gesicht
S. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten
S. 172: die Finsternis brannte ihn frmlich auf der Stirn -> brannte ihm
S. 173: [Komma entfernt] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist,
S. 182: die Bestrzung in ihrem Gedicht -> Gesicht
S. 182: Er war rhrend und unheimlich. -> Es ]



[Transcriber's Notes: This ebook has been transcribed from the first
publication of the story, printed in "Velhagen & Klasings Monatshefte",
XXXI. bound volume 1916/1917, issues 1-3, September-November 1916. The
page numbers jump according to the distribution of the story onto the
three issues of the monthly periodical. The table below lists all
corrections applied to the original text.

p. 002: [added period] Mhe hatte, sie zu beruhigen.
p. 003: [corrected period] ber ihn erholt hatte, -> hatte.
p. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin
p. 167: mit abgerissenen Gewndern und verstrtem Gesichts -> Gesicht
p. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten
p. 172: die Finsternis brannte ihn frmlich auf der Stirn -> brannte ihm
p. 173: [extra comma] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist,
p. 182: die Bestrzung in ihrem Gedicht -> Gesicht
p. 182: Er war rhrend und unheimlich. -> Es ]





End of the Project Gutenberg EBook of Olivia oder Die unsichtbare Lampe, by 
Jakob Wassermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OLIVIA ODER DIE UNSICHTBARE LAMPE ***

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