The Project Gutenberg EBook of Memoiren einer Sozialistin, by Lily Braun

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Title: Memoiren einer Sozialistin
       Kampfjahre

Author: Lily Braun

Release Date: July 15, 2005 [EBook #16302]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN ***




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Memoiren einer Sozialistin


Kampfjahre


Roman

von

Lily Braun

Albert Langen, Mnchen

1911




Erstes Kapitel


Eine gewitterschwle Juninacht. In der Kabine unten hatte ich es nicht
ausgehalten. Die eingeschlossene Luft legte sich zentnerschwer auf Kopf
und Brust, und das melancholisch eintnige Anschlagen der Wellen an die
Fenster prete mir das Herz zusammen, als ob das Unglck selbst es in
seinen harten Hnden hielte.

Ich bin seefest, hatte ich der warnenden Stewarde zugerufen, als ich
die schwankende Treppe hinaufgestiegen war. Zwei-, dreimal atmete ich
auf, tief und schwer, wie nach berstandener Anstrengung, ehe ich mich
in den Korbstuhl fallen lie. Am Himmel jagte, vom Wind gepeitscht, ein
schwarzes Wolkenheer. Dunkel und drohend rollten die Wellen dem Schiff
entgegen. Kein Mondstrahl spiegelte sich in ihnen, kein Stern
erleuchtete das finstere Firmament. Langsam verschwanden am Horizont die
Kste von Holland und mit ihr die letzten freundlichen Lichter.

Ich war allein -- ganz allein. Ich sammelte meine Gedanken, die das
Fieber der letzten Tage durcheinandergewirbelt hatte wie der Sturm die
Schaumperlen auf dem Wasser. War das Gebude meines neuen Lebens, das
ich mir droben auf den Bergen mit eigenen Hnden stolz und selbstsicher
errichtet hatte, nichts als ein Kartenhaus gewesen, das ein Sto mit der
Hand umzuwerfen vermochte? Ich griff suchend in die Tasche meines
Mantels, es war kein Traum, sondern grausame Wirklichkeit: meiner Mutter
Brief knisterte noch darin. Ich konnte ihn auswendig. Schon auf der
Fahrt von Grainau nach Berlin hatte ich ihn gewi zehnmal gelesen.

Es ist mir, Gott sei Dank, mglich gewesen, Deinen Brief ohne Wissen
Deines Vaters in die Hand zu bekommen, hie es darin, und ich schreibe
Dir in grter Hast, Gott anflehend, da es meinen Worten gelingen
mchte, das Schrecklichste von uns allen abzuwenden. Was ich immer schon
frchtete, als ich mit anhren mute, wie Dein verstorbener Mann und Du
unseren Herrn und Heiland verleugnetet, und in Euren 'Ethischen
Blttern' las, wie Ihr immer wieder fr die Umsturzpartei eintratet, das
ist jetzt geschehen. Der Samen, den Georg in Deine Seele streute, ist
aufgegangen: khl und geschftsmig, als handle es sich um den Plan
eines Spaziergangs, teilst Du uns mit, da Du Deine Redaktionsstellungen
aufgegeben hast, um Dich ganz und gar der Sozialdemokratie in die Arme
zu werfen. Deine groe Verirrung, Dein Unglaube haben Dich, wie es
scheint, fr alles, was Pflicht, Gehorsam, Liebe und Rcksicht heit,
blind und taub gemacht, sonst mtest Du wissen, da Du mit einem
solchen Schritt Deinem ganzen bisherigen Verhalten Deinen Eltern, Deiner
Familie gegenber die Krone aufsetzest. Dieser Partei, die alles
besudelt und mit Fen tritt, was uns heilig ist: Gott und Christentum,
Familie, Ehe, Monarchie und Militr, sollen wir unser Kind berlassen?
Es wre in dem Augenblick fr uns gestorben! Aber freilich, das ist Dir
einerlei, Du wirfst leichten Herzens alles ber Bord, was Deinem
Eigensinn, Deinem Ehrgeiz, Deiner Eitelkeit hindernd in den Weg tritt.
Wenn Du aber damit Deinen armen Vater mordest -- von mir will ich gar
nicht reden, eine Mutter scheint dazu da zu sein, da die Kinder sie mit
Fen treten --, wirst Du auch dann noch Deiner Selbstherrlichkeit froh
werden knnen?! Du weit, da es ihm in letzter Zeit gar nicht gut geht.
Vor ein paar Tagen fiel er vom Pferd; er sagt, er sei gestrzt, Bruder
Walter aber, der dabei war, ist berzeugt, da es ein leichter
Schlaganfall gewesen ist. Die kleine Braune, deren Ruhe du kennst,
machte keinerlei Bewegung, er glitt eben einfach aus dem Sattel. Seitdem
leidet er an Schwindel und Kopfschmerz und ist schwerer zu behandeln
denn je. Jede Aufregung kann einen neuen Anfall hervorrufen, der ihn
ttet. Ich wollte nur, ich knnte dann mit ihm sterben, ehe ich so etwas
mit Dir erleben mte ...!

Als ich diesen Brief erhalten hatte, waren meine Austrittserklrungen
aus den Redaktionen der Ethischen Bltter und der Frauenfrage schon
versandt worden. Kaum in Berlin angekommen, fand ich die Mitteilung
davon in der Presse und die ntigen Kommentare dazu: Frau von
Glyzcinski hat den lngst erwarteten Schritt getan, und die
Sozialdemokratie kann sich ob dieser ebenso interessanten wie pikanten
Aquisition ins Fustchen lachen ... so und hnlich lauteten sie.

Am nchsten Morgen in aller Frhe war meine Schwester bla und
verngstigt zu mir gelaufen:

Wir sind mit dem Arzt im Komplott, hatte sie mit stockender Stimme
gesagt, whrend die Trnen ihr unaufhaltsam ber die Wangen liefen, er
verbietet Papa, auszugehen. So liest er wenigstens im Kasino die
Zeitungen nicht. Und die Post wird dem Briefboten an der Hintertreppe
abgenommen ... Ach, Alix, -- du weit nicht, wie grlich es zu Hause
ist .. Ich mu Papa immer was vormachen, damit er nichts merkt und Mama
nicht zu sehr qult .. Am liebsten liefe ich selber davon ...

Zu Tisch war ich dann mit ihr zu den Eltern gegangen.

Meines Vaters Anblick hatte mich erschttert.

Kommst du wirklich noch zu einer halben Leiche?! hatte er bitter
lachend gesagt. Ihr knnt's ja wohl gar nicht erwarten, da eine ganze
draus wird. Herr Gott, -- wie hbsch knntet ihr dann eurem Vergngen
leben!

Mama begleitete mich nach Hause: Habe den Mut, ihm deinen Entschlu ins
Gesicht zu sagen! -- So einen Brief schreiben und alle Folgen auf Mutter
und Schwester abwlzen, -- das ist freilich eine Heldentat, die dir
hnlich steht!

Abends war Frau Vanselow noch gekommen, -- tief bekmmert. Ich verstehe
Ihren Entschlu, -- wenn ich so jung wre wie Sie, ich tte dasselbe --,
aber das hindert mich nicht, ihn schmerzlich zu bedauern. Unsere
'Frauenfrage' ist nichts ohne Sie. Und darum bitte ich Sie recht
herzlich: wenn ich schon die Mitredakteurin verlieren soll, so doch
wenigstens nicht die Mitarbeiterin. Mehr als je knnen Sie jetzt fr
die Einheit der ganzen Frauenbewegung wirken. Und dann hatte sie mir
die Einladung zum Internationalen Frauenkongre nach London vorgelesen,
die auf unser beider Namen lautete. Wie viel knnten gerade Sie, meine
liebe, junge Freundin, dort lernen und leisten -- England, das
klassische Land der Frauenemanzipation ...!

In der Nacht kmpfte ich einen schweren Kampf. Meine berzeugungen,
meine Zukunftstrume, meine Hoffnungen standen alle bis an die Zhne
gewappnet auf wider mich.

Sehr langsam, sehr mde schlich ich am Tage darauf zu den Eltern. Noch
nie war mir der Flur, in dem auch heute, an einem strahlenden
Frhsommertage, das kleine Lmpchen brannte, so eng, so dunkel
vorgekommen und die Zimmer mit ihren schweren Vorhngen so kalt.

Rasch, wie ein Schulmdchen, das den eingelernten Vers herunterhaspelt,
um nur nicht stecken zu bleiben, erzhlte ich von der Einladung nach
England.

Wenn ihr nichts dagegen habt, mchte ich mit Frau Vanselow
hinberreisen. Ich kann dabei viel gewinnen. Die englische
Frauenbewegung ist uns weit voraus, die ganze soziale Hilfsttigkeit ist
glnzend organisiert, -- ich werde mir fr meine eigene Arbeit ein
Muster nehmen knnen. In schlechte Gesellschaft komme ich auch nicht,
hatte ich mit erzwungenem Lcheln hinzugefgt, denn Grfinnen und
Herzoginnen sind unsere Gastgeber ...

Mama verstand. Sie strahlte. Klein-Ilschen, die sich bei meiner Ankunft
verschchtert in eine Ecke geflchtet hatte, sprang auf und wirbelte
lustig im Zimmer umher, der Vater schien frmlich elektrisiert von all
den Aussichten, die sich mir boten. Er studierte das Kursbuch, das
Konversationslexikon und schickte die Minna zum nchsten Buchhndler, um
den neuesten Bdecker von London zu holen.

Immer wieder griff er verstohlen nach meinen Hnden und streichelte sie
so sanft, so leise, da ich den Kampf der Nacht verga und nichts fhlte
als seine Liebe.

Die Reisevorbereitungen, der Abschied, -- der Vater hatte sich's nicht
nehmen lassen, mich frhmorgens zur Bahn zu bringen und mir, wie ein
feuriger Liebhaber, einen Strau blhender Rosen in die Hand zu drcken,
-- die Eisenbahnfahrt in Begleitung von Frau Vanselow und Frau
Schwabach, die unaufhrlich von ihrer Vereinsarbeit sprachen, hatten
mich bis zu diesem Augenblick nicht zu Atem kommen lassen.

Ach, und warum schlief ich nicht jetzt, statt heraufzubeschwren, was
vergangen war, und in schmerzhafter Sehnsucht an den zu denken, den ich
nicht erwecken konnte? Ich sah die Nacht um mich her und die groe
Einsamkeit -- war Georg nicht erst jetzt fr mich gestorben? Mich
frstelte; feucht und kalt klebten mir die Kleider am Leibe.

Ich will schlafen gehen, murmelte ich ... und die Augen fielen mir
zu .....

       *       *       *       *       *

Im Morgengrauen lag die Kste Englands vor mir, unfreundlich und
nchtern. Mit jener unwirschen Rcksichtslosigkeit aller
Unausgeschlafenen hasteten und stieen sich die Schiffspassagiere. Ich
lie mich schieben, -- es war ja alles so schrecklich gleichgltig.

Frau von Glyzcinski?! -- berrascht sah ich auf. Mister Stratford?
-- Der rotblonde Hne, der mich eben begrt hatte, nickte erfreut. Wie
einen Gru von Georg, so empfand ich seinen Hndedruck; er war sein
bester Freund gewesen, seine Schriften, seine Briefe hatten ihn mir wie
ein Echo Georgs erscheinen lassen. Und mit leisem Lcheln mute ich der
Stunde gedenken, in der mir der Verstorbene gestanden hatte, da er
zwischen uns den Heiratsvermittler habe spielen wollen, ehe er daran zu
denken wagte, ich knne ihn -- den armen Gelhmten -- jedem anderen
vorziehen.

Stratford war berzeugter Sozialist, wie Georg, nur da er noch mit
aller Energie an dem Standpunkt der Ethischen Gesellschaft festhielt:
sich offiziell keiner Partei anzuschlieen. Wir gerieten whrend der
Eisenbahnfahrt nach London in eine eifrige Debatte.

Grade Menschen wie wir knnen fr die Verbreitung der Ideen des
Sozialismus auerhalb der politischen Organisation weit mehr und
nachhaltiger wirken, als wenn wir ihre eingetriebenen Mitglieder wren,
sagte er. Wir verzetteln und verzehren unsere Krfte nicht im Kleinkram
des Parteilebens, wir finden Gehr, wo wir sonst von vornherein auf
Mitrauen stoen wrden.

Und Sie als Ethiker knnen es verteidigen, da wir mit geschlossenem
Visier kmpfen und unsere berzeugungen durch Hintertren in die Huser
tragen? rief ich. Ich komme mir dabei vor wie ein Feigling und ein
Betrger!

Er lenkte ein: Sie mgen in Deutschland, wo der ganze Sozialismus sich
in der Partei konzentriert, zu dieser Empfindung ein Recht haben, bei
uns gibt es nichts, das der deutschen Sozialdemokratie auch nur
annhernd hnlich wre. Wir sind viel zu individualistisch, um uns
herdenweise zusammenscharen zu lassen; Sie werden daher unseren
Sozialismus und seine Ausbreitung nicht nach dem Dutzend kleiner Vereine
beurteilen mssen, sondern nach den Scharen freier Sozialisten, die in
allen Gesellschaftsschichten zu finden sind.

Meine Unwissenheit in bezug auf englische Verhltnisse fiel mir
pltzlich schwer aufs Gewissen. Ich lie meinen Begleiter erzhlen, der
sich, wie es schien, gern reden hrte, und warf nur hie und da eine
Frage dazwischen, um seinen Redeflu auf die von mir gewnschten Bahnen
zu lenken. Ein Kaleidoskop bunter Bilder reihte sich vor mir auf: von
der Ethischen Gesellschaft an, deren Sprecher er war, bis zu den
politischen Kmpfen zwischen der konservativ-unionistischen Koalition
gegen das liberale Ministerium Rosebery-Harcourt. Ich war ganz benommen,
als wir uns London nherten.

Einzelne Huser tauchten auf, grau, nchtern, mit trben Fensterscheiben
und dnnen schwarzen Schornsteinen; sie schoben sich rechts und links
zusammen, enger und enger, sie verdrngten schlielich das letzte
Streifchen grnen Rasens; schmal, feuchtglnzend wie Riesenwrmer,
wanden sich unten die Straen zwischen den Mauern. Ein schmutzig-grauer
Nebel umhllte alles, nicht wie ein Schleier, der phantastische
Vorstellungen von dahinter verborgener Schnheit zu wecken vermag, --
wie ein nasses Tuch vielmehr, das die Hlichkeit der Formen betont und
jede Farbe verwischt, die sie mildern knnte. In der Bahnhofshalle
brannten die Bogenlampen, sie wirkten wie flackernde llmpchen im
Dunkel eines Kohlenbergwerks. Wir fuhren durch die Stadt: leichte Wagen
und schwerfllige Omnibusse, Reiter und Radler schoben und drngten sich
hin und her, kein Fubreit Weges blieb frei zwischen ihnen. Auf den
Brgersteigen daneben hasteten die Fugnger; gleichgltig, nur auf das
eigene Vorwrtskommen bedacht, ohne einen Blick nach rechts und links.
Selbst die Kinder liefen ernsthaft, gradausschauend weiter. Da war
keiner, der Zeit hatte --, unsichtbar schienen in der Menge die
Fronvgte der grausamen Herrin Arbeit ihre Geieln zu schwingen.

Hier sollte ich Frieden finden und eine sichere Richtschnur fr das
kommende Leben?!

Westminster! -- das Parlament, hrte ich meinen Begleiter sagen. Ich
blickte auf. An einem Palast mit gotischen Trmen und Fenstern fuhr der
Wagen langsam vorbei. In vornehmer Abgeschlossenheit, hinter hohen
Gittern lag er gestreckt am breit dahinflutenden Strom. Schchterne
Sonnenstrahlen brachen durch den Nebel, leuchteten durch das feine
gotische Mawerk, blitzten auf den Turmknufen, sprangen hinber zu der
altehrwrdigen Kirche und lieen ihre bunten Fenster aufglhen, als
stnde sie im Feuer.

Ein schmaler Weg am Ufer der Themse, hinter dem Parlament, einfach und
still wie eine Dorfstrae, nahm uns auf. Wir waren am Ziel.

Meine Wirte, zwei alte Leute, hatten fast ihr ganzes Haus den Besuchern
des Frauenkongresses zur Verfgung gestellt. Sie empfingen mich so
herzlich, als wren wir alte Freunde. Man versammelte sich grade zum
Frhstck. Warum waren die Leute nur alle so feierlich? Selbst Stratford
legte das Gesicht in wrdevolle Falten, -- fnf himmelblau gekleidete
Dienstmdchen traten ein, -- ein Harmonium ertnte, -- helle Stimmen
sangen einen Choral. Dann las der Hausherr mit dem Tonfall katholischer
Priester einen Bibelabschnitt, -- ein Gebet folgte. Alles kniete nieder,
den Kopf in den Hnden vergraben, -- auch Stratford, Georgs Freund, der
Atheist. Ich fhlte, wie ich rot wurde vor innerem Zorn; ich allein
blieb stehen.

Wie knnen Sie nur?! frug ich ihn emprt, als er sich verabschiedete.

Es ist ja nur eine Form!

Durch all unsere Rcksicht auf die Form helfen wir die Sache erhalten!

       *       *       *       *       *

Am Abend wurde der Kongre durch einen feierlichen Empfang der
auslndischen Delegierten erffnet. Eine Schar weigekleideter Mdchen,
mit breiten Schrpen in den Landesfarben ber der Brust, bildete Spalier
auf der Treppe von Queenshall; in ein Meer von Licht war der Riesenraum
getaucht, und alle Blumen des Sommers leuchteten und dufteten rings
umher. In groer Toilette erschienen die Delegiertinnen, bei jeder
Eintretenden ging ihr Name flsternd von Mund zu Mund. Und wie sie
bekannt waren, so kannten sie sich untereinander und begrten sich wie
alte Kriegskameraden. Ich kam allein in meinem schwarzen Trauerkleid,
ber das der Witwenschleier schwer herunterfiel. Es war ein leerer Raum
um mich, als ob meine dunkle Erscheinung alles Bunte, Helle von sich
stiee. Mich kannte niemand. Ein scheu-verwundertes Wer ist das?
schlug an mein Ohr.

Auf der Estrade versammelten sich die Delegiertinnen, und jede von ihnen
begrte im Namen ihres Heimatlandes die wogende Menschenmasse unter
uns. Da waren sie alle, die alten Vorkmpferinnen, die Frauen Amerikas
und Australiens, die ihrem Geschlecht die Hrsle der Universitten und
die Pforten zum Parlament erffnet hatten. Ein neuer Weibestypus: statt
der weichen Madonnengesichter, die die Stille und Enge huslichen Lebens
formt, schmale, scharf geschnittene Zge, wie sie die Welt ihren Brgern
meielt; statt des treuen, warmen Blicks, der ber Kinderstube und
Kchengarten nicht hinauszuschauen braucht, die wissenden, ernsten,
leidenschaftdurchfunkelten Augen jener, denen des Lebens dunkle Abgrnde
sich offenbaren. Neben ihnen, den Siegerinnen, standen die noch immer
Besiegten: die dunkelugige Trkin im schimmernden Mrchengewande der
Scheherezade, die Abgesandte Indiens, den schlanken braunen Leib in
weiche Schleier gehllt. Stolz erzhlten die einen von ihren Triumphen,
klagend die anderen von ihren Leiden, -- Triumphen auf dem Gebiete des
wissenschaftlichen, des sozialen, des politischen Lebens, -- Leiden,
hervorgerufen durch sexuelle, soziale und rechtliche Unterdrckung, als
ob Befreiung und Not ihres Geschlechtes damit erschpft wren. Immer
heftiger schlug mir das Herz: ich sah wie im Traum vor den Tren dieses
glnzenden Saales Scharen blasser Frauen im farblosen Kleide der Arbeit,
wie Werksttten und Fabriken sie allabendlich zu Tausenden in ihr
elendes Heim entlassen. Und als mein Name gerufen wurde, und die weie
brillantengeschmckte Hand der Prsidentin sich mit einer leise
bevormundenden Bewegung auf meine Schultern legte, whrend sie von
Deutschlands rechtlosen Frauen, von meinem ersten Auftreten fr ihre
politische Gleichstellung sprach, da wute ich, was ich zu sagen hatte.

Die Millionen Frauen, die unsere Hemden weben und unsere Kleider nhen,
haben mich nicht delegiert, aber ich fhle mich als ihre Abgesandte und
nur als die ihre.

Sekundenlanger Beifall unterbrach mich, -- galt er nicht mehr meinem
gebrochenen Englisch und meiner Trauerkleidung als meinen Worten? Mit
einem Blick voll Geringschtzung streifte ich die elegante
Zuhrerschaft. Ich werde euch schon verstummen machen --, dachte ich.

Ihre Vorsitzende rhmte mich als die erste deutsche Frau, die
in ffentlicher Versammlung das Stimmrecht fr ihr Geschlecht
gefordert habe. Ich mu dieses Lob ablehnen. Seit Jahren tragen
deutsche Arbeiterinnen von Ort zu Ort die Fahne der politischen
Gleichberechtigung, und an der Spitze der Arbeiterpartei, der
Sozialdemokratie, steht ein Mann, dem die Frauen der ganzen Welt zu
Dank verpflichtet sind: August Bebel.

Ich hielt unwillkrlich inne, ich erwartete einen Tumult, statt dessen
erhoben sich alle Hnde zu einmtigem Applaus, und selbst die Damen des
Prsidiums, unter denen sich die vornehmsten Frauen Englands befanden,
lchelten mir freundlich zu.

Am Ausgang des Saals trat mir eine starkknochige ltere Frau entgegen.
In dem Druck ihrer harten, unbehandschuhten Hand erkannte ich die
Arbeiterin. Ich bin Sozialdemokratin, sagte sie, und mchte Sie als
Genossin begren. Auf dem Heimweg begleitete sie mich, und ich gab
meiner Verwunderung und meiner Freude Ausdruck ber das Erlebte. Sie
lachte geringschtzig. Was wollen Sie?! Wir sind in England! Wenn ein
Prinz Anarchist und eine Aristokratin Sozialistin ist, so gilt das als
ganz besonders interessant. Passen Sie auf: man wird sich um Sie reien.
Fr unsere Sache aber hat das gar keine Bedeutung. Sie nannte mir ihren
Namen -- Amie Hicks -- und ihre Wohnung, fern im uersten Norden
Londons. Besuchen Sie mich einmal; ich werde Sie in Arbeiterkreise
fhren.

Im Trubel der nchsten Zeit war daran nicht zu denken. Der Kongre und
seine Veranstaltungen nahmen mich ganz in Anspruch. Ich fehlte zwar oft;
nicht nur, um den Morgen- und Abendandachten aus dem Wege zu gehen, mit
denen die Sitzungen regelmig eingeleitet und geschlossen wurden,
sondern auch, um Zeit zum Schreiben zu gewinnen.

In Gedanken an meine zusammenschmelzende Barschaft stieg mir das Blut
oft siedendhei in die Schlfen. Das sogenannte Gnadenquartal war mir
als Witwe eines Universittsprofessors freilich bewilligt worden, aber
schon vom nchsten Monat ab hatte ich nichts Sicheres zu erwarten als
meine kleine Pension von hundert Mark monatlich. Ich hatte kaum an den
pekuniren Ausfall gedacht, als ich meine Redaktionsstellungen aufgab.
Nun hie es: arbeiten, zusammenschreiben, was ich zum Leben ntig hatte.
Ich wute nicht einmal, wie viel das war. Ich hatte nie mit dem Pfennig
gerechnet. Wie gut, da mein Trauerkleid mir wenigstens ersparte, den
Luxus der anderen mitzumachen.

Mit Einladungen wurden wir berschttet: vom Lord-Major an, der uns mit
dem ganzen Pomp seiner unnachahmlich wrdevollen Stellung empfing,
wetteiferte alles in schier grenzenloser Gastfreundschaft. Hinaus aufs
Land fhrten uns Extrazge, -- jenes Land voll rhrender, weicher
Schnheit, mit seinen grnen, sanft geschwungenen Hgeln, seinen dunklen
Buchengruppen und stillen, rosenumsponnenen Husern. Fast unmerklich fr
Auge und Sinn geht die freie Natur in den Blumengarten, in den
Schlopark ber, nicht wie bei uns, wo die ihr mit allen Mitteln mhsam
aufgezwungene Kultur oft so verletzend wirkt wie protziger Reichtum
neben drrer Armut. Und in die Huser Londons waren wir geladen, die,
wie Menschen von alter Kultur, nach auen die gleichfrmige, oft
langweilig wirkende Maske guter Erziehung tragen und erst dem Gast, dem
sich die Pforten ffnen, den ganzen inneren Reichtum individuellen
Lebens zeigen. Berlin und die Berliner fielen mir dabei ein, wo Fassaden
und Kleider, um Originalitt vorzutuschen, einander an Buntheit zu
bertreffen suchen, whrend im Inneren Tapeziergeschmack und Konvention
uneingeschrnkt herrschen.

In Wohlttigkeits- und Bildungsanstalten aller Art wurden wir
eingefhrt, und wie in der Frauenbewegung, so imponierte mir hier die
Einheitlichkeit ihrer Organisation, deren gewaltige Rderwerke so
selbstverstndlich ineinander griffen wie die jener Dampfturbinen, bei
deren Anblick wir nicht wissen, ob wir die praktische Kunst ihrer
Schpfer oder die fremdartig-neue Schnheit ihres Baus mehr bewundern
sollen.

Der Kongre selbst war eine Parade, wie fast alle Kongresse. Die Reden,
die gehalten, die Berichte, die gegeben wurden, waren den Eingeweihten
ihrem Inhalt nach aus Bchern und Broschren bekannt. Der Austausch von
Meinungen, der das wichtigste gewesen wre, wurde an zweite Stelle
gerckt, er htte die Ordnung und den Glanz der Heerschau am Ende trben
knnen. So wre als Gewinn allein die Anknpfung persnlicher
Beziehungen brig geblieben, aber auch er war bei nherem Zusehen fr
mich nur gering: diese Frauen hatten mir nichts Neues zu sagen. Ihr A
und O, das Frauenstimmrecht, war fr mich in dem Augenblick erledigt
gewesen, als ich die Selbstverstndlichkeit seiner Forderung erkannt
hatte.

Bei einer internen Sitzung der Delegationen wurde ich zur Prsidentin
fr Frauenstimmrecht in Deutschland gewhlt. Meine ablehnende Haltung
wurde unter allgemeinem Erstaunen als eine Aufgabe des Prinzips
betrachtet.

Sie alle haben ihre ganze Kraft auf die Lsung dieser einen Frage
konzentriert, sagte ich in dem Versuch, mich verstndlich zu machen,
ich bewundere Sie, aber ich kann Ihnen nicht folgen. Das
Frauenstimmrecht ist heute fr mich nicht mehr das Ziel, fr das ich
mein Leben einsetze, es ist nur ein Ziel, nur eine Etappe ...

Man verstand mich nicht, von irgend einer Seite fiel sogar das scharfe
Wort: ... unbrauchbar fr praktische Arbeit.

Gleich nach der Schlusitzung des Kongresses wechselte ich mein Domizil.
Freunde von Stratford -- ein liberaler Parlamentarier und seine schne
elegante Frau -- hatten mich in ihr Haus am Hydepark eingeladen. Alles
trug dort den Anstrich ausgesuchtester Vornehmheit: vom Zeremoniell der
Lebensweise, dem deutschen Hauslehrer und der franzsischen Gouvernante
bis zu dem wrdevollen, glattrasierten Bedienten und dem niedlichen
Kammermdchen. Hausherr und Hausfrau verstieen mit keiner Miene und
keiner Bewegung gegen die Regeln der guten Gesellschaft, und doch wurde
ich den Eindruck nicht los, der uns gegenber guten Kopien groer
Meisterwerke oft befllt: wir erstaunen ber die Technik und vermissen
um so schmerzhafter den Geist. Da Stratford sich hier heimisch fhlte,
mit allen Fibern die parfmierte Luft dieser von tausend Nichtigkeiten
berladenen Salons einatmete, machte ihn mir noch fremder. Und als ich
ihn in der Ethischen Gesellschaft reden hrte inmitten einer Korona von
lauter typischen Vertretern der Geldaristokratie, denen seine
Sittenpredigten dieselbe angenehme Emotion boten wie die Moral der
biblischen Geschichten den Frommen in der Kirche, da mute ich mir seine
Briefe, seine Schriften ins Gedchtnis rufen, um noch Georgs Freund in
ihm zu erkennen.

Er ging den Weg, den ich nach dem Wunsche meiner Familie gehen sollte,
-- wie wrde ich jemals imstande dazu sein?!

Sie sind sehr ungerecht, sagte er eines Tages, als ich ihm in meiner
heftigen Art, die der Unruhe meines eigenen Innern entsprang, ber seine
Ttigkeit als Modeprediger Vorwrfe machte. Sie kennen mich nur von
der einen Seite. Noch am selben Abend sollte ich die andere kennen
lernen.

An der Ecke von zwei engen Straen, beim Scheine einer trbe flackernden
Laterne sprach er ber die Ethik des Sozialismus. Zuerst blieben nur ein
paar neugierige Bummler stehen, aber je strker seine Stimme von den
Mauern widerhallte, desto mehr Menschen sammelten sich um ihn. Mde,
zerlumpte Gestalten krochen wie Nachtgespenster aus den Kellern hervor,
Hoftren ffneten sich, und umwogt von einer Wolke ekler Gerche
erschienen Frauen mit zerwhlten Zgen, halbwchsige Mdchen, deren
freches Grinsen allmhlich zuckendem Schluchzen wich. Mit wstem
Geschrei stieen sich trunkene Burschen aus der nchsten Kneipe heraus,
und nach und nach entzndeten sich Lichter des Verstehens in ihren eben
noch bld glotzenden Augen. Die Strae wurde schwarz vor Menschen.
Stratford sprach mit steigender Begeisterung. Um seinen roten Bart
tanzten die Lichter der Laternen, seine Augen strahlten vom eigenen
Feuer. Ich hrte kaum, was er sagte, ich sah nur die Wirkung seiner
Worte. Aus den vertiertesten Gesichtern brach ein Schein von
Menschentum hervor, ein froher Zug von Hoffnung verwischte tiefe
Kummerfalten.

Wir gingen schweigsam durch die Nacht nach Hause. Vor der Tre reichte
ich ihm die Hand.

Ich wrde Sie nach dem, was ich eben erlebte, um Verzeihung bitten,
meiner Vorwrfe wegen, wenn ich nicht grade dadurch wte, da Sie
doppelt schuldig sind. Ein Mann wie Sie gehrt der Sache des
Sozialismus, und keiner anderen ...

Vielleicht haben Sie recht, antwortete er leise, wren nur nicht der
Fesseln so viele, die uns an das andere Leben schmiedeten -- --

Wir werden sie beide zerbrechen mssen --

       *       *       *       *       *

Im Hause meiner Gastfreunde drehte sich das Interesse fast
ausschlielich um Fragen der Politik. Was fr andere Frauen der
Gesellschaft der Flirt, die Kunst, die Toilette, das Theater war:
Reizmittel fr ihr Nervensystem, -- das war die Politik fr Mrs. Dew.
Fast tglich war ich mit ihr im Parlament; sei es, da wir den
Kommissionsberatungen des neuen Fabrikgesetzes beiwohnten -- das
Publikum hatte ohne weiteres Zutritt -- oder in den Wandelgngen und auf
der Themseterrasse zwischen Tee und Eis mit den Abgeordneten
debattierten. Seltsam: man nahm uns ernst; vergebens erwartete ich auf
den Zgen der Mnner jenes gnnerhaft mitleidige Lcheln, mit dem meine
Landsleute die politisierende Frau zu betrachten pflegten. Eine gewisse
Zurckhaltung mir gegenber entsprang weniger der Tatsache, da ich ein
Weib, als da ich eine Deutsche war, die offenbar nur im Bilde der
guten Hausfrau im Bewutsein der Englnder lebte.

Schon war es gewitterschwl in den feierlich-hohen Hallen des
Parlaments, bei jeder Gelegenheit drohte ein Wetterstrahl die Regierung
zu strzen, und die von Elektrizitt geladene Luft drang bis hinter die
engen Gitterstbe der Damengalerie. Unruhiger als sonst raschelten die
seidenen Kleider, unterdrckte Erregung durchzitterte die
Flstergesprche. Man achtete kaum der Redner im Saal, man erwartete nur
die Katastrophe. Da pltzlich klang eine Stimme von unten empor, rollend
wie ferner Donner, -- dann wieder tief und schwer wie der Ton riesiger
alter Kirchenglocken, -- die Damen verstummten, -- drngten sich enger
an das Gitter, -- und aus ihrer bequemen Stellung auf den weichen
Polstersitzen reckten sich die Abgeordneten auf. Ich hrte nur die
Stimme, den Redner sah ich nicht, aber ich empfand ihn als einen, der
zum Herrschen bestimmt war. Wer ist das? -- John Burns! -- John
Burns -- der Verrter?! So war er in der deutschen sozialistischen
Presse von dem Augenblick an bezeichnet worden, wo er sich grollend von
der englischen Partei losgesagt hatte. Noch am selben Abend stellte Mr.
Dew ihn mir vor. Ich war zuerst enttuscht: Alles berragend hatte ich
den Trger dieser Stimme mir gedacht, nun trug er auf dem untersetzten
krftigen Krper nur den Kopf eines Riesen: Dunkle Haare erhoben sich
widerspenstig ber der breiten, scharf durchfurchten Stirn; hinter
buschigen Brauen glnzte ein Augenpaar, das in seiner mchtigen Frbung
und fieberhaften Lebendigkeit der Herkunft aus diesem hellugigen Volke
Hohn sprach.

Er schttelte mir krftig die Hand. Die seinige war breit und schwer,
sie zeugte von dem Hammer, den sie gefhrt hatte; -- wie war es mglich
gewesen, da ihr die rote Fahne entglitt, die sie einst an der Spitze
des Heers der Arbeitslosen durch das entsetzte London getragen hatte?
War dieser Mann nicht der geborene Schpfer und Fhrer einer groen,
einigen sozialistischen Partei Englands? Ich unterdrckte keine der
Fragen, die sich mir aufdrngten.

Ich wei, da die Sozialdemokraten, besonders die deutschen, mich fr
einen Verrter halten, sagte er, aber sie verstehen die Situation
nicht. In Deutschland wrde ich nicht anders handeln als Bebel und
Liebknecht, aber hier ... mit einer raschen Bewegung schob er die
Teetasse beiseite und zeichnete auf die weie Marmorplatte des Tischs
einen Punkt mit einem groen Kreis rings herum. Sehen Sie, fuhr er
fort, dieser Punkt ist der Sozialismus, um den Kreis herum steht die
deutsche Regierung, Ihr Militr, Ihre Polizei, und diese treiben
naturgem alle freidenkenden Elemente dem Mittelpunkt zu, mit dem sie
sich, infolge des ueren Drucks, fest vereinigen. Bei uns besteht der
Mittelpunkt, aber der Kreis fehlt, und so strmen die Strahlen dieser
sozialistischen Sonne ungehindert nach allen Richtungen aus. Ich
lchelte ein wenig unglubig. Ich werde Ihnen beweisen, was ich sage,
fgte er rasch hinzu. Sie kommen morgen mit mir --, er lie mir gar
keine Zeit zu Einwendungen, sondern bestimmte Ort und Stunde fr unsere
Zusammenkunft.

Von da an trafen wir uns oft, im Parlament wie im Londoner
Grafschaftsrat. Ich sah erstaunt, mit welchem Respekt Mitglieder aller
Parteien diesem Manne begegneten, der noch vor wenigen Jahren im
unterirdischen London Gasleitungen gelegt hatte; aber noch mehr
erstaunte ich ber den freudigen Stolz, mit dem er mir stdtische
Einrichtungen als Strahlen der sozialistischen Sonne erklrte, in
denen ich nichts anderes sehen konnte als brgerlich-soziale Reformen.

Der deutsche Marxismus hat Sie blind und taub gemacht, sagte er eines
Tages ungeduldig, als ich mich fr die Kommunalisierung der
Verkehrsmittel durchaus nicht begeistern konnte. Lassen Sie sich von
den Fabiern in die Schule nehmen.

Den Fabiern?!

Eine Gesellschaft von 'Salonsozialisten', wrde man bei Ihnen in
Deutschland sagen. Tchtige Leute darunter ...

Mit einem ihrer Begrnder und Leiter, Sydney Webb, machte er mich im
Teezimmer des Grafschaftsrats bekannt. Ich wute von seiner Frau, die
als junges Ding ihr reiches Elternhaus verlassen hatte, um der Sache der
Arbeiter zu dienen, und nun, gemeinsam mit ihrem Mann, durch Wort und
Schrift fr Genossenschaften und Gewerkschaften ttig war. Ich wute
auch, da sie der Frauenbewegung fern, ja ihren Forderungen sogar
vielfach feindlich gegenberstand. Gelesen hatte ich keines ihrer
Bcher, nur mit einer gewissen Scheu ging ich darum zu ihr. Eine blhend
schne Frau fand ich, mit dem ganzen Reiz starken geistigen Lebens in
den Zgen und einer Gte und Anmut des Wesens, der meine Steifheit
nicht lange standhielt. Durch sie erfuhr ich von der Macht und Gre der
englischen Gewerkschaftsbewegung und fand den Weg in die Huser jener
Arbeiter, die sich durch die Kraft ihrer Organisation aus physischer und
geistiger Versklavung befreit hatten. Wie ein Stck verwirklichter
Zukunftsstaat kam es mir vor, wenn ich sie drauen, vor Londons Toren,
in ihren Grten traf oder vor dem Kamin ihres Wohnzimmers oder am gut
besetzten Tisch. Wahrhaftig: hier hatten die Strahlen der
sozialistischen Sonne aus dem Land neues Leben hervorgerufen.

In den Versammlungen der Fabier, die ich von da an regelmig besuchte,
wurden theoretische und praktische Fragen des Sozialismus von allen
Seiten beleuchtet und errtert. Jene Scheu, zu sagen, was man denkt, die
die Menschen berall schwach und klein macht, wo religiser, sittlicher
oder politischer Fanatismus die Wahrheit an sich zu besitzen vorgibt,
schien hier verschwunden, und mir war, als fiele Licht auf den Weg, den
ich zu gehen hatte.

Es ist nicht wahr, da die Befreiung der Arbeiterklasse nur ein Werk
der Arbeiterklasse selbst sein kann, -- es ist nicht wahr, da der
Klassenkampf das Grundelement der sozialistischen Bewegung ist, -- es
ist nicht wahr, da die Entwicklung des Sozialismus mit der Sicherheit
eines Naturgesetzes notwendig zur Expropriation der Expropriateure
fhren wird ... Eine berschlanke Gestalt stand auf der Rednertribne,
mit schmalem, gelblich blassem Gesicht, in das weiche blonde Haare wirr
hineinfielen. Es waren und sind die revoltierenden Shne der
Bourgeoisie selbst -- Lassalle, Marx, Liebknecht, Morris, Hyndman, Bax
-- alle, wie ich, Bourgeois mit Mischung von Kavaliersblut, die die rote
Fahne entfalteten. Der Hunger der Armen treibt zur Revolte, der Geist
allein zur Revolution ... Wie Hochverrat an den grundlegenden Dogmen
des Sozialismus klang mir, was dieser Mann hart und scharf in den Saal
hinausschleuderte. Aber ein Ton blieb mir hartnckig im Ohr und weckte
etwas in mir, das stark und stolz war. In selbstentsagender Askese hatte
ich mich, ein schlichter Soldat, als mein Lebensglck zusammenbrach, in
den Dienst der Partei stellen wollen. Kraft und Jugend kehrten mir
wieder: sollte ich nicht fhig sein und berufen, dem Sozialismus den
Urwald erobern zu helfen, den alle Giftpflanzen des Vorurteils und des
Stumpfsinns noch ppig durchwucherten?

Ich suchte des Redners Bekanntschaft. Es war Bernard Shaw, der
Theaterkritiker der Saturday Review, der Entdecker Ibsens und Richard
Wagners nicht nur fr England, sondern fr den Sozialismus, der bissige
Sptter, von dessen Witzen die englische Gesellschaft nie recht wute,
ob sie ber sie lachen, oder sich vor ihnen frchten sollte. Mich
verlangte nach einer Erklrung dessen, was er in lapidaren Stzen eben
vor mich hingestellt hatte.

Sie waren drauen in Letshfield? frug er mich statt aller Antwort.
Und haben die Bewohner in ihren Heimen gesehen? ... Natrlich auch
bewundert?! Ich nickte. Und nicht bemerkt, wie drastisch solch eine
Miniatur-Zufriedenheitsexistenz lehrt, da der Arbeiter in seiner Masse
nichts mehr verlangt, als ein Bourgeois zu werden!

Ist es nicht auch das wnschenswerteste Ziel, ihn zunchst wenigstens
satt zu machen? warf ich ein.

Sicherlich, denn Armut ist ein Laster --, wenn nur die satt gewordenen
nicht am raschesten derer vergessen wrden, die noch immer hungern. Im
Grunde sind die Arbeiter das konservativste Element im Staat, und wir
Freigelassenen der Bourgeoisie sind dazu da, sie aufzurtteln.

Der Kreis der Fabier war von nun an derjenige, der mich am meisten
anzog, aber die politischen Ereignisse auf der einen, und jenes Gefhl
der Unfreiheit auf der anderen Seite, das mit der Annahme auch der
weitherzigen Gastfreundschaft untrennbar verbunden ist, rissen mich
wieder nach anderen Richtungen fort. Die Abstimmung ber eine an sich
unbedeutende Militrfrage fhrte zu einer Niederlage der Regierung und
damit zum Rcktritt des Ministeriums. Eine Erregung, die sich vom
Parlament aus mit Windeseile auf alle Straen fortpflanzte, die
Gesichter der berall in Gruppen Zusammenstehenden hher frbte und alle
Augen blitzen lie, bemchtigte sich der Londoner. Sie steigerte sich
zur Fieberhitze an jenem Abend in Albert-Hall, wo sich die
Menschenmassen vom Parterre dieses Riesenzirkus bis hoch unter die
Kuppel zusammendrngten und die gestrzten Minister Rosebery und
Harcourt in die vom Atem Tausender und der zitternden Glut des Julitages
lebendigen Luft gegen die neue Regierung leidenschaftliche Anklagen
erhoben. Selbst die Nachmittagstees des londoner Westens gestalteten
sich zu Agitationsversammlungen. Die Leidenschaft des Hasardspielers
schien alle ergriffen zu haben, und gespannt, als gelte es dem Einsatz
der ganzen Existenz, hingen die Blicke an der rollenden Roulettekugel
des Wahlkampfes.

Eines Morgens atmete ich wie erlst aus einem Banne auf, als ich nicht
mehr in dem eleganten Zimmer von Princes Gardens erwachte, wo dichte
gelbseidene Vorhnge mir stets die Sonne vorgetuscht hatten und das
blitzende Messinggestell meines Betts mich oft selbst unter der
Daunendecke frsteln machte. Hinter weien Mullgardinen sah ich jetzt
grne Zweige schaukeln, und in einem Bett aus warm getnten hellem Holz
hatte ich traumlos geschlafen. Es waren Deutsche von Geburt, Englnder
aus freier Wahl, die mich fr die letzte Zeit meines londoner
Aufenthaltes zu sich in ihr Knstlerheim geladen hatten. Jedes
Mbelstck, jeder Teppich und jede Vase standen in den schnen lichten
Rumen des Hauses in feiner Harmonie zueinander, nur die Gemlde an den
Wnden schienen sie mitnig zu zerstren, und in dem groen Atelier
schrieen sie frmlich. Bilder des Elends waren es, des Hungers und der
Verzweiflung, Bilder des Krieges, auf denen von Wunden grauenvoll
Zerrissene die Hnde krampfhaft gespreizt oder wtend geballt gen Himmel
streckten. Der Hausherr malte sie und nichts als sie, -- ein milder,
gtiger Mann mit grauem Patriarchenbart und den Augen eines Jnglings.
Wo immer das Leid der Kreatur zum Ausdruck kam, war sein Herz und sein
Interesse, von der Friedensbewegung an bis zur Tierschutzbewegung. Er
gehrte zu den Menschen, die berall im einzelnen helfen und wirken
wollen, wie der ungelernte Grtner, der da und dort einem armen
Pflnzlein durch knstliche Nahrung oder durch den sttzenden Stab
aufhelfen will, aber bei all seinem aufreibenden Eifer nicht steht, da
der ganze Boden schlecht ist. Sein weiblondes zartes Frauchen lchelte
oft ganz heimlich, wie eine kleine Mutter zu den Spielen ihres Kindes,
die sie mit der Weisheit der Erwachsenen nicht stren will.

Ihr Haus bte eine magnetische Anziehungskraft auf Alles aus, was
abseits der groen Heerstrae ging. Shaw traf ich hier wieder als
hufigen Gast; Peter Krapotkin gehrte zu den Intimen des Hauses, -- der
groe Revolutionr, der doch ein Kind war: gut und vertrauensselig und
voll phantastischer Trume wie ein solches. William Stead, dessen
rcksichtsloser Kampf gegen die sittliche Fulnis der londoner
Gesellschaft ihm einen europischen Ruf verschafft hatte, begegnete mir
hier zum erstenmal und zog mich in den Bannkreis seiner starken
Persnlichkeit. Seine Augen, deren opalisierende Lichter wie durch
geheimnisvoll darber gebreitete Schleier schienen, bten eine
faszinierende Wirkung aus, und wenn er von seinem Verkehr mit den
Geistern Abgeschiedener erzhlte, wenn er von den Krften der Seele
sprach, die unerweckt auch in mir schlummern mten, so bedurfte ich der
ganzen Nchternheit meines Verstandes, der ganzen Strke meiner
fanatisch materialistischen Weltanschauung, um mich seinem Einflu zu
entziehen.

Ich will mich nicht mit Problemen beschftigen, die mich von dem
Problem ablenken knnten, dessen Lsung meine einzige Aufgabe ist: dem
des Elends in der Welt ... antwortete ich ihm eines Tages, als er mich
mit Annie Besant bekannt machen wollte, die sich eben vom Sozialismus
abgewandt hatte und zur begeisterten Verknderin theosophischer Ideen
geworden war. Mgen andere heute, wo die Zeit drngt, es vor sich
selbst verantworten, wenn sie ihren Trumen nachhngen...

Sie werden nie mehr trumen?! Mit einem Blick und einem Lcheln
begleitete Stead seine Frage, die mir das Blut in die Wangen trieben. Er
nahm meine beiden Hnde zwischen die seinen -- Hnde, die in ihrer Kraft
und ihrer Weiche zum Schtzen wie zum Streicheln gleich geschaffen
waren --, und seine Augen bohrten sich in meine Zge.

Ich liebe Ihre Tapferkeit und Ihre Klugheit, aber was mich Ihre
Freundschaft suchen lie, das ist Ihr unbewutes Ich, das sind Ihre
Trume, die Sie vergessen, wenn Sie wachen, von denen mir aber noch Ihre
Augen erzhlen, -- das ist die tiefe Sehnsucht, die Ihr Wesen ber sich
selbst hinauszieht.

Ich fuhr an jenem Tage mit ihm hinaus nach Wimbledon, wo sich zwischen
hohen Hecken und alten Bumen sein kleines, stilles Haus versteckte. Und
im verwilderten Garten unter dem schattenden Laubdach duftender Linden
lag ich in der Hngematte und lie mir von ihm die Kissen unter den Kopf
schieben.

Sie sind mde?

Sehr!

Ihr Leben ist Seelen-Selbstmord.

Seine Hand glitt sanft ber meine Stirn. Viele bunte Schmetterlinge
gaukelten ber ein Meer gelber Blumen, und zwei Libellen tanzten ber
dem kleinen stillen Teich zrtlich miteinander. Vom Herzen aus zuckte
ein schneidendes Weh mir durch den Krper, die Augen fllten sich mit
Trnen. Was war es nur, das mich berwltigte?!

Wie Ihre Jugend um ihr Leben weint! sagte leise der Mann neben mir.
Meine Jugend?! Kaum wute ich noch, ob ich alt war oder jung. Ich stand
wohl schon lange jenseits jeden Alters!

Schweigsam fuhren wir beide nach London zurck. Ich fhlte die Hand
meines Begleiters auf der meinen -- streichelnd, schtzend. Nachts
schluchzte ich verzweifelt in die Kissen, und morgens, als ich mich zur
gewohnten Arbeit am Fenster niedersetzte, schweiften meine Gedanken weit
hinaus ber die Baumwipfel -- in den glhenden Sommertag -- in das
Leben. Ich ging umher, mir selbst fremd geworden, mit anderen Augen. Ich
entdeckte im Spiegel mein Gesicht wie das einer Fremden. Mechanisch
lste ich die Witwenhaube aus den Haaren. Georg -- Georg -- schrie es
in mir, nie bin ich deine Frau gewesen -- wie kann ich deine Witwe
sein?!

Die Menschen um mich kamen mir verndert vor: ich fhlte Mnnerblicke,
die das Weib in mir suchten und nicht die Gesinnungsgenossin, und
Hndedrcke, die andere Empfindungen verrieten als die bloer
Freundschaft. Und wenn ich auf den grnen Wiesen im Hydepark blonde
rosige Kinder sah, kam ich mir vor wie eine Ausgestoene. Drangen aber
gar durch die Nacht aus den Grten rings umher sehnschtig-se Lieder
an mein Ohr, so war mir, als htte ich jetzt schon Georgs Vermchtnis
die Treue gebrochen.

       *       *       *       *       *

Eines Nachmittags -- mein Aufenthalt neigte sich seinem Ende zu -- trat
eine einfache, starkknochige Frau, die weien Haare straff aus der Stirn
gezogen, an unseren Teetisch und streckte mir eine harte,
unbehandschuhte Hand entgegen: Sie kennen mich wohl nicht mehr? Ich
sprang auf, fast htte ich sie in die Arme gezogen: Amie Hicks?! Sie
haben mir Londons Elend zeigen wollen! Wollen Sie es noch tun, -- gleich
jetzt? Sie lachte verwundert ber meinen pltzlichen Eifer, aber ich
lie sie nicht los und wir verabredeten zunchst einen gemeinsamen
Besuch im Bureau des Zentralkomitees fr Frauenarbeit.

Was ich dort kennen lernte, erregte mein hchstes Interesse: Man
hatte sich zur Aufgabe gestellt, die Lage der erwerbsttigen
Frauen zu untersuchen und die Resultate zu verffentlichen,
gewerkschaftliche Organisationen zu schaffen und zu untersttzen, die
Arbeiterinnenschutz-Gesetzgebung zu studieren und ihre Weiterentwicklung
durch mndliche und schriftliche Propaganda zu frdern. Wir sind
gewissermaen ein Arsenal und liefern der Arbeiterbewegung die Waffen,
sagte mir eine der Leiterinnen; und wir schaffen zugleich die
Mglichkeit, da die Frau der begterten Kreise die Lage der Arbeiterin
kennen lernt, und die Arbeiterin andererseits sich der Kenntnisse der
brgerlichen Frau bedienen kann, fgte eine andere hinzu. Der Plan,
etwas hnliches in Berlin zu grnden, reifte in mir: der
Arbeiterbewegung Waffen liefern, war mindestens so ntzlich, als selbst
die Waffen tragen. Es war praktisch im Grunde dasselbe, was die Fabier
theoretisch leisteten, es wrde wertvolle Krfte in den Dienst des
Sozialismus zwingen, -- ihrer selbst fast unbewut. Es ermglichte mir,
auerhalb der Partei fr die Partei zu wirken. Mit krampfhafter
Anstrengung zuerst und dann mit wachsender Anteilnahme vertiefte ich
mich in das Studium meiner Aufgabe. Ich flchtete aus den blhenden
Grten in die engen Straen zwischen die geschwrzten Mauern, wo kein
Baum und kein Vogel den Sommer verrt und seine Glut, die drauen vor
den Toren die Knospen wach kt, nichts hervorruft, als ekle Dnste und
giftige Miasmen. Je mehr ich ihm entfloh, desto grauer und stiller wurde
es auch wieder in mir. Eilig, wie die andern, ohne rechts oder links zu
sehen, lief ich durch die Stadt, ber klebrige Hfe, steile Treppen
hinauf in die Bureaus der Fabrikinspektionen und der Gewerkschaften, zu
Besuchen, Sitzungen und Versammlungen. Zahlen, nichts als Zahlen hrte
ich -- neben den Lohntabellen, die Arbeitsstunden und die Wochen der
Arbeitslosigkeit --, sie verfolgten mich bis in meine Trume,
verschwammen ineinander und schoben sich vor meinen Augen dichter und
dichter zusammen, bis sie nichts waren als ein einziges schwarzes
Trauergewand, das Himmel und Erde verhllte.

Nun bleibt mir nur noch brig, die Illustration zu Ihren Tabellen zu
sehen, sagte ich eines Abends zu Amie Hicks, die die Arbeiterinnen der
Zndholzfabrikation -- ihre Kolleginnen -- organisiert hatte. Sie wandte
sich an eine junge Soldatin der Heilsarmee, die bescheiden im
Hintergrund stand. Wollen Sie unsere deutsche Freundin heute nacht nach
Whitechapel mitnehmen?

Das Mdchen sah mich zweifelnd an: Wenn die Dame sich nicht frchtet
-- und sich entschliet, unsere Kleidung anzuziehen. Ich war natrlich
zu allem bereit. Ehe wir uns am spten Nachmittag auf den Weg machten,
steckte ich mir die Taschen voll kleiner Kupfermnzen. Das hat keinen
Zweck, lchelte meine Begleiterin, es sind ihrer viel zu viele!
Unterwegs erzhlte sie mir von ihrer Arbeit: einem unaufhrlichen Kampf
mit Laster und Not, einer stndlichen Aufopferung der eigenen Person,
und ihr schmales Gesichtchen strahlte dabei wie das ihrer
Altersgenossinnen, wenn sie von Karnevalstriumphen zu berichten haben.
Was fhrte Sie zu Ihrem Beruf? frug ich. Jesus rief mich! antwortete
sie einfach.

Es fing an zu dmmern. Die Straen schrumpften zusammen, whrend die
Menschenmassen unheimlich anschwollen. In ihrer Kleidung schienen die
Farben mehr und mehr zu erlschen, und die Unterschiede zwischen Alter
und Jugend verwischte ein gleichmiger Ausdruck, zwischen Leid,
Stumpfsinn und Gemeinheit schwankend. Kinder keuchten mit Scken beladen
ber die Gassen -- Heimarbeiter, bemerkte meine Begleiterin
lakonisch --, an den Rinnsteinen hockten andere in langen Reihen, und
whlten mit schmutzstarrenden, mageren Fingerchen im Straenkehricht.
Ein kleiner Bub mit krummen Beinen wollte sich eben heimlich mit dem
gefundenen Rest einer Banane aus dem Kreis der Gefhrten davon
schleichen. Ein triumphierendes Grinsen verzerrte sein Gesichtchen. Aber
schon fielen die anderen wutheulend ber ihn her und rissen ihm die
fadenscheinigen Lumpen von dem armen rhachitischen Krper. Er weinte
nicht, er duckte sich nur ein wenig und versuchte die zertretene Banane
vom Pflaster abzukratzen, aus seinen verschwollenen Augen traf mich
dabei ein Blick voll grenzenloser Verzweiflung.

Wir bogen in eine langgestreckte schmale Sackgasse ein. Nehmen Sie sich
in acht, warnte meine Begleiterin, als wir in eines der offenen Huser
traten, die Treppen haben keine Gelnder. Ich tastete mich hinter ihr
vorwrts, whrend ein pestilenzialischer Geruch mir den Atem benahm. Wir
stieen eine Tre auf, die weder Griff noch Schlssel hatte. Ein
schwerer grauer Dunst von Staub und Schwei schlug uns entgegen,
gespensterhaft bewegten sich die Gestalten der Bewohner dahinter,
whrend das Rattern und Quietschen schlecht gelter Nhmaschinen jeden
anderen Ton verschlang. Dicht aneinandergedrngt saen Mnner und Frauen
um den Tisch, auf dem ein kleines Lmpchen vergebens versuchte,
sprliches Licht zu verbreiten; an dem einzigen Fenster standen die
Maschinen, von zwei Kindern in Bewegung gesetzt. Keines der dunkeln
Kpfe hob sich bei unserem Eintritt. Nur als mein Kleid eine der Frauen
streifte, sahen ein paar schwarze Augensterne mich prfend an.
Russische Juden, sagte meine Begleiterin und wandte sich dem
finstersten Winkel des Zimmers zu. Eine durchsichtig weie Hand streckte
sich ihr entgegen. Er ist schwindschtig, flsterte sie. Zgernd trat
ich nher. In einem armseligen Bett, mit Haufen bunter Stoffreste statt
mit Kissen gefllt, lag ein Mann, das blasse durchgeistigte Antlitz von
schwarzen, langen Haaren umrahmt; strahlend richteten sich seine
fieberglnzenden Augen auf das junge Mdchen, aber die Milch, die sie
aus ihrem Krbchen nahm, enttuschte ihn; erst als sie ein kleines Buch
in seine schlanken Finger legte, lchelte er sie dankbar an. Ich habe
auch wieder ein Gedicht geschrieben --, sagte er und zog einen Fetzen
Zeitungspapier aus den Lumpen hervor, am Rande dicht bekritzelt.

Nicht einmal Knpfe kann er mehr annhen, tnte eine rohe Stimme neben
uns. Wenn es doch bald zu Ende wre, -- gestern spuckte er Blut auf ein
fertiges Hemd --

Ich mute mich einen Augenblick schwindelnd an den Pfosten des Torweges
lehnen, als wir hinunterkamen. Es war inzwischen ganz dunkel geworden.
Unter der nchsten Tre stand ein Mdchen mit entblter Brust und
sprhenden Augen. Marianne! -- Vorwurfsvoll tnte die Stimme meiner
Begleiterin. Ein rauhes Lachen antwortete ihr. Ich will leben! stie
das Mdchen zwischen den Zhnen hervor. -- Leben! -- wiederholte sie
noch einmal mit einem langgezogenen Nachtigallenton. Wir gingen an ihr
vorbei in die niedrige Stube; eine verrostete Eisenbettstelle, ein paar
Kisten bildeten die ganze Einrichtung. Am Herd in der Ecke stand ein
altes Weib mit den gedunsenen Zgen der Trinkerin, auf dem
feuchtglnzenden Lehmboden kroch eine Schar kleiner Kinder. Meine
Begleiterin hatte gerade begonnen, einem der kleinsten die wunden
Fchen zu verbinden, da sprang unter wstem Gekreisch die Tre auf: --
das Mdchen von drauen stolperte, von ein paar braunen Fusten
gestoen, ins Zimmer, zwei Schwerbetrunkene hinter ihr. Sie warf sich
aufs Bett, -- ich floh, von Entsetzen gepackt, aus dem Hause.

In den Straen brtete gewitterschwangere Julinacht. Junge und alte
Weiber, von Elend, Laster und Krankheit grlich gezeichnet, Mnner,
deren Kleidung einen Fuselgeruch ausstrmte, Kinder, die eine Kindheit
nie gekannt hatten, strichen an uns vorbei. Gibt es in der Welt noch
einmal solche Hlle, sthnte ich und wischte mir die Schweitropfen von
der Stirn. O, -- in Glasgow, in Liverpool, in Manchester ist es
ebenso --, sagte meine Begleiterin ruhig.

An der nchsten Straenecke ballten sich die Menschen zu einem schwarzen
Knuel. Qualvolle Schmerzensrufe drangen daraus hervor. Wir liefen
vorwrts, -- alles machte uns Platz, -- die Uniform der Heilsarmee war
wie ein Freibrief, den selbst die Rohesten respektierten. Auf dem
Pflaster lag ein Weib und wand sich in Mutterschmerzen. Er hat sie
hinausgeprgelt, schrie ein Mdchen, das neben ihr kniete und ballte
wtend die Fuste. Meine Begleiterin war im Augenblick bei ihr. Es war
keine Zeit mehr zu verlieren. In die Menschen um uns her kam ein
seltsames Leben, sie liefen in die nchsten Huser, atemlos, -- sie
kehrten zurck, -- auch der Elendeste mit vollen Hnden. Tcher, Kissen,
Decken breiteten sich um die Kreiende aus; ein weihaariges Mtterchen
mit gekrmmtem Rcken schleppte sthnend Eimer voll Wasser herbei, ein
alter Mann humpelte hastig auf seiner Krcke nher und legte mit
zitternden Hnden seine zerschlissene Jacke ber die Jammernde. Ein
Sekunde lang war es ganz still, -- das Leben schien den Atem anzuhalten,
da -- ein gellender Schrei, der die Nacht zerri, -- das Kind war
geboren, das unselige Kind der Strae. Zurckgelehnt in dem Scho der
Nchsten lag das Weib. Laternenlicht fiel grell auf ihre eingesunkenen
Wangen, die weitaufgerissenen Augen drehten sich in den Hhlen, suchend
griffen die Finger in die leere Luft, dann noch ein Zucken, ein rauhes
Rcheln, -- es war vorber. Und um die tote Mutter knieten ringsum im
Schmutz der Strae die Genossen ihres Jammers ...

       *       *       *       *       *

Der Sonnenzauber hatte keine Macht mehr ber mich.

Ich hatte nur noch ein Achselzucken, wenn ich die Macht der
Gewerkschaften preisen hrte -- die Sattgewordenen vergaen zuerst der
Hungernden --, und ein verchtliches Lcheln fr die Gre und
Einheitlichkeit sozialer Hilfsarbeit, die sich von Rechts wegen
bankerott erklren mte. Hier galt es nicht mehr, Einzelne vor dem
Ertrinken zu retten, und Wunden zu verbinden, hier galt nur eins: die
alte Welt, die ihre eigenen Kinder mordete, zu zerstren, um der neuen
Platz zu schaffen.




Zweites Kapitel


Sie wollen wirklich alle Bcher verkaufen?!

Der junge Student, der vor mir stand, blickte mich vorwurfsvoll an. Er
war gekommen, mir beim Ordnen der philosophischen Bibliothek meines
verstorbenen Mannes behilflich zu sein.

Mit wenigen Ausnahmen, -- ja! antwortete ich mit erzwungener Ruhe.
Sie sehen selbst: in der neuen Wohnung fehlt es an Platz fr sie, --
und auerdem werde ich sie kaum je benutzen. Ich werde mit berlegung
einseitig! Dabei wies ich lchelnd auf die dickleibigen
Fabrikinspektorenberichte, die vor mir lagen. Er begab sich stumm,
gesenkten Kopfes an die Arbeit. Wie herzlos, da ich Georgs geliebte
Bcher verkaufte, dachte er jetzt gewi. Durfte ich ihm sagen, da ich
sie verkaufen mute? Da ich gestern mit dem letzten, was ich besa,
Georgs Grabdenkmal bezahlt hatte, -- einen schnen hohen Marmorblock,
auf dem in groen goldenen Lettern sein Wahlspruch stand, der nun auch
der meine war: Wir leben durch die Menschen, lat uns fr die Menschen
leben.

Mama hatte mir eben aus Pirgallen entrstet ber meine Verschwendung
geschrieben: Ein schlichter Stein mit Georgs Namen wre ausreichend
gewesen. Ich lchelte unwillkrlich. Arm sind doch nur die Menschen,
die niemals verschwenden knnen! Ich war ja sonst so schrecklich
vernnftig. Treppauf, treppab war ich seit meiner Rckkehr aus England
gelaufen, um eine Wohnung zu finden, die meinen Mitteln entsprach. In
einem Hof der Kleiststrae, drei Treppen hoch, hatte ich sie endlich
gefunden: zwei Zimmer mit dem Blick auf eine Mauer, die eine riesige
gemalte Schweizer Landschaft schmckte. Zu allerhand der
journalistischer Tagesarbeit hatte ich mich verpflichtet, um in der
brigbleibenden Zeit meiner Aufgabe leben zu knnen. In vier Wochen zog
ich um, bis dahin mute auch sie festere Gestalt gewinnen.

Ich hatte mich zunchst schriftlich an eine Anzahl hervorragender
Politiker und Sozialpolitiker gewandt, bei denen ich ein Interesse fr
die Sache voraussetzen konnte, und ihnen meinen Plan eines
Zentralausschusses fr Frauenarbeit auseinandergesetzt. Sehr hflich,
sehr zuvorkommend hatten sie mir geantwortet. Ihr Plan hat meine volle
Sympathie, schrieb mir eben Theodor Barth. Ich habe nur Bedenken, ob
er sich in seinem vollen Umfang in absehbarer Zeit durchfhren lt.
Nach meinen Erfahrungen scheitern sehr viele an sich vortreffliche
Reformbestrebungen gerade daran, da das Ziel von vorn herein zu weit
gesteckt ist. Meines Erachtens sollte man zunchst einmal an eine
Sammlung und Sichtung von Material, die Bedingungen der Frauenarbeit
betreffend, herangehen, wie das sub 1 Ihres Programms ja auch in
Aussicht genommen ist. Unternehmer und Arbeiter mten allerdings
zusammenwirken und Vorurteile -- speziell auch gegen die
Sozialdemokratie -- drften keine Rolle spielen ... Leider ist meine
Arbeitskraft schon anderweitig so stark in Anspruch genommen, da ich
wohl mitraten, aber nicht mittaten kann ...

Diesen Satz enthielt noch jeder Brief, den ich erhalten hatte. Warnungen
vor der Gefahr sozialpolitischer Dilettantenarbeit, Besorgnisse, Wasser
auf die Mhlen der Sozialdemokratie zu treiben, bedenkliche Fragen nach
der finanziellen Fundierung des Unternehmens wiederholten sich oft. Auf
alle Flle ist der Zeitpunkt schlecht gewhlt, hie es in einem
Schreiben, das Dr. Jacob, mein alter Gegner aus der Ethischen
Gesellschaft, an mich richtete, jetzt, im Jubilumsjahr, wo das
unverantwortliche, antipatriotische Verhalten der Sozialdemokratie
selbst solche Kreise erbittern mu, die vielen ihrer Forderungen
sympathisch gegenberstanden, ist nicht der Augenblick, um zu
gemeinsamer Arbeit aufzurufen. Ich bezweifle auch, da Sie Kapitalien
finden, die Ihnen zu solchem Zweck die immerhin recht erheblichen Mittel
zur Verfgung stellen werden. Und Frau Schwabach, die einzige unter den
Frauenrechtlerinnen, der ich ein ernsteres Verstndnis der Sache
zutraute, war gleichfalls voller Bedenken gewesen. Wir mssen zuerst
die Peinlichkeiten ausbilden, die zu solcher Arbeit fhig sein sollen,
hatte sie gesagt. Das alte Lied, das die Gewissen einlullt, das
Selbstvertrauen betubt und die Schuld trgt, wenn vor lauter
Vorbereitung zur Tat die Tat selbst von einem Tage zum andern verschoben
wird.

Heute nun erwartete ich Martha Bartels mit zwei ihrer Freundinnen --
Arbeiterinnen wie sie --, um ihr Urteil zu hren und ihren Rat, der mir
der weitaus wichtigste erschien, zu erbitten.

Sie mssen fr heute aufhren, mein lieber Schmidt, wandte ich mich an
den Studenten, der vor den letztem Regalen des Bcherschranks hoch oben
auf der Leiter stand, es ist unverantwortlich von mir, da ich Ihre
Kraft und Zeit schon so lange in Anspruch nehme.

Er fuhr, wie aus einem Traum erwachend, zusammen und strich sich die
dichten schwarzen Haare aus der heien Stirn.

Mu ich wirklich schon fort? Hastig wandte er sich um und rieb die
roten, knochigen Hnde wie frstelnd aneinander. Ich nickte, denn schon
hrte ich drauen die Klingel. Langsam stieg er die Leiter hinab.

Ach, -- wenn ich doch wirklich etwas fr Sie tun knnte --, damit
senkte er den Kopf tief auf meine Hand.

In dem Augenblick ffnete sich die Tre, und die drei Frauen traten ein.
Sie sahen uns, wechselten sekundenlang einen vielsagenden Blick, ein
leises spttisches Lcheln kruselte die Lippen der einen, der groen,
hageren; -- ein Gefhl, als htte mich jemand mit Schmutz beworfen,
beschlich mich. Flchtig erinnerte ich mich, da meine Mutter die
Anwesenheit eines jungen Herrn bei mir, der Witwe, fr unpassend erklrt
hatte, -- aber waren nicht diese Frauen Vorkmpferinnen einer freien
Weltanschauung?! Ich richtete mich gerade auf, zog meine Hand aus der
sie noch immer umklammernden; mit einer ungeschickt eckigen Verbeugung
drckte sich der junge Student an den neuen Gsten vorbei zur Tre
hinaus.

Bei Kaffee und Kuchen berwanden meine Besucherinnen die erste
Verlegenheit. Sie hatten sich in den besten Sonntagsstaat geworfen und
saen kerzengerade auf den weichen Lehnsthlen; bei jeder Bewegung
krachten die engen Taillen ihrer schwarzen Kleider, und die vielen
bunten Blumen auf ihren Hten schwankten hin und her. Nur Martha
Bartels, die nicht zum ersten Male hier war, gab sich ungezwungener.

Irgend etwas in dem Gesicht der kleinen Nherin hatte sich seit unserem
letzten Zusammensein verndert.

Nun, Genossin Glyzcinski, was haben Sie uns Gutes mitzuteilen, sagte
sie mit einem leisen gnnerischen Ton in der Stimme, den sie damals noch
nicht gehabt hatte, als sie mich Frau von Glyzcinski nannte. Freilich,
sie hatte ja im Grunde ein Recht dazu, ich war ja jetzt nur eine Novize
in ihren Reihen --, dachte ich und bezwang die gereizte Stimmung, die
sich meiner zu bemchtigen drohte.

Mit steigendem Eifer, an der eigenen Sache mich erwrmend, setzte ich
ihnen meine Plne auseinander. Ich brauche dabei Ihre Mitarbeit,
schlo ich; wir knnen fr die Arbeiterinnen nichts tun, was nicht mit
ihnen geschieht --

Tiefe Stille. Die drei lffelten in ihren Kaffeetassen, stieen einander
unter dem Tische an und wollten nicht mit der Sprache heraus. Ja --,
meinte Martha Bartels schlielich gedehnt, das ist ja alles ganz schn
und gut, aber was uns das eigentlich angeht --! Wir wissen doch lngst,
wie's bei uns aussieht, und um die Neugierde der Bourgeoisdamen und
-herren zu befriedigen, oder sie gar in unseren Organisationen
herumstnkern zu lassen, -- dazu sind wir nicht da.

Frau Resch, die Hagere, nickte eifrig und warf mir einen giftigen Blick
zu. Frau Wiemer, ein rundliches Frauchen mit gutmtigen braunen Augen,
drehte sich hastig auf dem Stuhle um, so da die Sprungfedern knackten.
Da bin ich nun ganz und gar anderer Meinung, rief sie, wir wren
schn dumm, wenn wir so eine Untersttzung von der Hand weisen wollten.
Wir haben, wei Gott, keinen berflu an Krften, und wenn wir sie noch
dazu nach unserem Gutdnken benutzen knnen --

Martha Bartels trommelte mit den zerstochenen Fingern auf dem Tisch. In
meinem Kreis, Genossin Wiemer, kann ich dafr keine Stimmung machen,
sagte sie scharf.

Na, was das schon ist: Ihr Kreis. Ein halb Dutzend Frauen haben Sie
neulich in der Versammlung zur Vertrauensperson gewhlt, -- das macht
den Kohl nicht fett! spttelte die Angeredete. Die Mnner haben,
gottlob, auch noch ein Wrtchen mitzureden!

Frau Resch kicherte: Sie freilich meinen immer, Sie haben die Mnner am
Bndel --!

Stumm, in wachsender Verblffung hrte ich der Debatte zu, die sich mehr
und mehr ins Persnliche verlor.

Im brigen: was ereifern wir uns, sagte Martha Bartels endlich,
whrend sie sich mit hochrotem Gesicht in den Stuhl zurcklehnte. Zu
allererst werden wir doch Genossin Orbins Urteil hren mssen.

Die Frauen verstummten. Wanda Orbin: das war die anerkannte Fhrerin der
Arbeiterinnen-Bewegung, eine Frau, die ich aus der Ferne schon lngst zu
bewundern gelernt hatte. Mit der aufreizenden Leidenschaftlichkeit ihrer
Rednergabe vermochte sie alles mit sich fortzureien.

Meine Gste verabschiedeten sich, khl und verlegen. Nur Frau Wiemer
schttelte mir krftig die Hand und zgerte beim Hinausgehen. Wir reden
noch mal miteinander -- unter vier Augen, flsterte sie.

Enttuscht -- mutlos blieb ich zurck. Tiefes Verstndnis, freudige
Zustimmung, warme Kameradschaftlichkeit hatte ich erwartet --!

Am nchsten Morgen kam ein Brief von Martha Bartels: Seit gestern wei
ich nicht, ob Sie wirklich unsere Genossin sind. Was Sie da vorschlagen,
das kann jede Frauenrechtlerin auch. Es zeigt, da Sie mit der
brgerlichen Gesellschaft noch nicht gebrochen haben, und deshalb knnen
wir kein rechtes Vertrauen gewinnen. Ich sehe nun, da man immer unrecht
tut, wenn man den schnen Gefhlen der Bourgeoisdamen Glauben schenkt.
Hatte sie zu ihrer Enttuschung nicht ein greres Recht als ich zu der
meinen? War mein ganzes Verhalten nicht wirklich ein Rckzug? Versuchte
ich nicht, nach links und rechts Konzessionen zu machen, damit ich nur
selbst fein suberlich auf dem normalen Mittelweg mich erhalten konnte?

In meinen Hoffnungen und Wnschen sehr herabgestimmt, machte ich mich in
den nchsten Tagen auf den Weg, um die Fhrer der sozialdemokratischen
Partei aufzusuchen, bei denen ich mich schon angekndigt hatte.

Ich ging zuerst zu Liebknecht. Er wohnte drauen in der Kantstrae, wo
inzwischen das neue Berlin aus der Erde scho wie eine wildwuchernde
Urwaldpflanze. In der Tauentzienstrae, die vor fnf Jahren nicht viel
mehr als ein breiter Feldweg gewesen war, reihte sich ein Neubau an den
andern, -- hohe vier- und fnfstckige Huser, mit lauter Wohnungen zu
neun bis zwlf Zimmern. Wo kam der Reichtum nur her, der so ppig zu
wohnen vermochte? dachte ich. Und weiter nach dem Westen zogen sich
Straen und Straen hinaus, -- lange Spinnenarme, die ber die Felder
griffen bis fernhin, wo der Grunewald, eine schwarze schmale Linie, am
Horizont auftauchte. Ratternd und fauchend bewegte sich die
Dampfstraenbahn den Kurfrstendamm hinauf ihm entgegen. Wie viel kleine
gemtliche einstckige Huschen zwischen Birkenwldchen und
Kartoffelfeldern waren der Spitzhacke hier zum Opfer gefallen! Und der
Riesenbaum, der an der Straenkreuzung ein Wahrzeichen der Gegend
gewesen war hatte einer Kirche weichen mssen. Gut, da er fiel, dachte
ich; wie htten die Mauern den alten Recken beengt, wie htte seine
trotzige, rauhe Schnheit ihre Fassadenpracht Lgen gestraft. Die Kirche
hatte sich noch immer ihrer Umgebung angepat, auch hier hatte sie sich
zu ihr nicht in Widerspruch gesetzt.

In die Kantstrae bog ich ein. Dicht an der Stadtbahnbrcke, im dritten
Stock, wohnte Liebknecht. Er empfing mich vor einem alten Schreibpult in
seinem winzigen Arbeitszimmer, das vollgestopft mit Papieren und
Zeitungen war, so da dazwischen kaum ein freier Raum zum Treten brig
blieb. Sein hartgeschnittenes Gesicht mit den tiefen Furchen, dem Blick,
der unter buschigen Brauen wie abwesend ber einen hinwegsah, den wirren
dunkeln Haaren ber der hohen geraden Stirn, dem grauen ungepflegten
Bart um das breite Kinn und den seltsam schiefstehenden groen Mund,
dazu der Rock, der an den Ellbogen und auf dem Rcken speckig glnzte,
das Hemd darunter mit dem weichen halboffenen Umlegekragen, die
ausgetretenen Pantoffeln an den graubestrumpften Fen, -- das alles
wirkte zunchst wenig anziehend. Dann gab er mir flchtig die Hand, die
weich und zart war, -- ich mute ihn wirklich noch einmal betrachten, um
zu glauben, da sie diesem Manne gehrte. Sie gab mir Mut zu reden, ich
wre ohne sie am liebsten wieder umgedreht. Ich erzhlte ihm auch von
meinen Erfahrungen mit den Frauen. Er lchelte mit einem gutmtigen
Spott in den Augen. Soll ich Ihnen einen wirklich freundschaftlichen
Rat geben? sagte er. Kmmern Sie sich nicht um sie, wenn Sie was
erreichen wollen. Die sind noch rckstndiger als die Mnner, knnen gar
nicht anders sein. Wo sollen sie auch die Erkenntnis hernehmen, die
armen Weiber?! Schon alles mgliche, wenn sie rein aus ihrem
proletarischen Instinkt heraus gute Parteigenossinnen sind.

Vergebens suchte ich ihn bei meinem Thema festzuhalten, es interessierte
ihn offenbar nicht; dagegen rief der Name England eine Flut von
Gedankenverbindungen in ihm wach. Er glaubte meinen rettungslos
bourgeoisen Standpunkt daran zu erkennen, da ich zwar mit Burns und den
Fabiern, nicht aber mit Hyndman und der sozialdemokratischen Fderation,
die allein den Marxismus in England reprsentierten, verkehrt habe. Mit
den sprunghaften bergngen eines glnzenden Geistes, der weder die
Fhigkeit hat, auf die Interessen des anderen einzugehen, noch die
Fhigkeit, sich in eine Frage zu vertiefen, kam er von da auf unsere
auswrtige Politik zu sprechen, auf das berechtigte Mitrauen Englands
den offenbaren Weltmachtgelsten unseres Kaisers gegenber, auf Ruland,
an das wir um so nher uns anschlieen wrden, je weiter wir von
England abrckten, auf den knstlich ausgepeitschten Hurrapatriotismus
der Kriegserinnerungsfeiern der Gegenwart, der letzten Endes nur dazu da
sei, gegen die Sozialdemokratie mobil zu machen und die gescheiterte
Umsturzvorlage in anderer Form wieder aufleben zu lassen.

Mir war diese Gesprchswendung unbehaglich. Gut, da ich, ohne
aufzufallen, schweigen konnte. Hafteten die Eierschalen der
Vergangenheit noch so fest an mir, da die Artikel des Vorwrts ber
die Gedenkfeiern an den brudermrderischen Krieg mir das Blut in
Wallung brachten? Sie vertraten doch zweifellos Menschlichkeit und
Gerechtigkeit in weit hherem Mae, als all die mit Orden und Bndern
behngten Kriegervereinler, die sich wie die Wilden an der blutigen
Unterdrckung eines Nachbarvolkes noch in der Erinnerung berauschten.
Liebknecht war in seiner Gegnerschaft gegen jede Art von Chauvinismus
ein Fanatiker. National gesinnt ist meines Erachtens nur, wer das Recht
und das Wohl anderer Nationen ebenso zu achten wei, wie das der
eigenen, sagte er. Und mir wurde bewut: er fhlte international,
whrend ich nur die Idee der Internationalitt khl verstandesmig
anerkannte. Ich sprach das aus, und er nickte eifrig: Natrlich, -- das
ist der Unterschied, -- und der kommt zum groen Teil daher, da das
Jahr 48 und das Sozialistengesetz mir das Vaterland nahmen und die Welt
zur Heimat machten. Auch der Proletarier, der nichts besitzt, und der
Arbeit ber alle Grenzen hinweg nachrennen mu, ist von Herzen
international, und die Hammerstein und Konsorten, -- er lachte
boshaft --, die sich vom Vaterland den Schmerbauch msten lassen,
predigen uns Verruchten Patriotismus! Er unterbrach sich und stand auf.
Ich wollte gehen Daraus wird nichts, -- nun mssen Sie noch bei meiner
Frau Kaffee trinken.

Ich wurde ins Wohnzimmer gefhrt. Bei Frau Major X. in Bromberg und bei
Frau Hauptmann Z. in Brandenburg war es nicht viel anders gewesen --,
nur da hier statt der Familienbilder die von Marx, Engels und Lassalle
an den Wnden prangten, statt des Stichs der Sixtina Walter Cranes
Maifestzug, und ich damals noch nicht in die rechte Sofaecke gentigt
wurde. Frau Liebknecht war die typische Gouvernante aus vornehmen
Husern, der Bildung und Lebensform nicht die Haut war, sondern das
Kleid. Ihm war ich irgendwer gewesen, ihr: Frau von Glyzcinski.

Es dmmerte schon, als ich mit ihm das Haus verlie. Er ging in seine
Redaktion, ich in die Ansbacherstrae, wo ich die Eltern aus Pirgallen
zurckerwarten sollte. Und fr meinen Plan kann ich auf Ihre
Untersttzung nicht rechnen? fragte ich nun doch noch einmal. Er blieb
stehen. Meine Untersttzung?! Das wrde keinem von uns ntzen.
berlegen Sie sich's selbst noch mal, ob er Ihrer eigenen Untersttzung
wert ist!

       *       *       *       *       *

Die Stimmung war keine rosige, in der ich Eltern und Schwester empfing,
und auch sie schienen erregt und niedergeschlagen: Mama hatte die Lippen
fest zusammengekniffen, so da sie nur noch wie ein schmaler, blasser
Strich erschienen, der Vater war feuerrot im Gesicht und rusperte sich
ununterbrochen, Ilschen hatte verweinte Augen. Alles ging so gut,
flsterte sie mir hastig zu, als die Eltern ins Zimmer getreten waren,
und hielt mich im Flur zurck, da kam es gestern abend wegen der dummen
Hammerstein-Geschichte zu einer Auseinandersetzung zwischen Onkel Walter
und Papa. Das Vertuschungssystem sei unanstndig, sagte er, whrend
Onkel es fr notwendig erklrte im Interesse der Partei. Schlielich
schimpfte Papa -- du kannst dir denken, wie --, und Onkel sagte, Papa
habe sich wohl bei seiner Tochter, der 'Genossin', angesteckt, -- ein
Wort gab das andere, Onkel zeigte Papa schlielich die Kreuz-Zeitung mit
der Notiz ber dich -- --

So, -- nun haben wir miteinander zu reden --, unterbrach meines Vaters
vor Erregung rauhe Stimme die Schwester. Es war ein frmliches
Verhr ...

Mitglied der sozialdemokratischen Partei bin ich noch nicht --, sagte
ich. Er lehnte sich tief aufatmend mit geschlossenen Augen in den Stuhl
zurck. Ich wollte fortfahren. Er wehrte mit beiden Hnden ab: Genug --
genug! Mehr will ich nicht hren -- mehr nicht! Dann erhob er sich
schwerfllig, ging zum Schreibtisch und setzte ein Telegramm auf: Baron
Walter von Golzow, Pirgallen. Ich habe Alix' Wort. Verlange nunmehr von
dir Ehrenerklrung. Hans. Ich wollte widersprechen, -- des Vaters
rotunterlaufene Augen blitzten mich herrisch an, Ilse faltete hinter ihm
mit bittender Gebrde die Hnde --, ich schwieg. War es Feigheit? War es
Rcksicht? Oder nichts als schlaffe Ermdung?

Beim Abendessen wurde mir mitgeteilt, da die Gartenwohnung auf
derselben Etage frei geworden sei. Wir htten andernfalls umziehen
mssen, nun ersparen wir das, und du ziehst einfach hierher, sagte der
Vater; dann haben wir Alten wieder unsere beiden Tchter, fgte er mit
einem Anflug liebevoller Heiterkeit hinzu und streckte mir ber den
Tisch die Hand entgegen. Nur zgernd legte ich die meine hinein.

Sehr gtig, Papa, da du an mich dachtest, aber ich habe schon eine
Wohnung. Er brauste wtend auf. Schweigend lie ich den Wortschwall
ber mich ergehen.

Ich habe euch meine berzeugung geopfert, sagte ich dann fest, meine
Freiheit opfere ich euch nicht ...

Durch die sternenlose Augustnacht ging ich nach Hause. ber die
menschenleere Strae schwankten ein paar Betrunkene. Wie frchtete ich
mich sonst vor ihnen, -- gleichgltig schritt ich heute vorbei, --
meinetwegen htten sie mit mir tun knnen, was sie wollten. Ich war ja
gar nicht ich, nur ein Schatten dessen, das einst lebendig war. In
meiner einsamen dunkeln Wohnung warf ich mich angekleidet aufs Bett und
grbelte stumpfsinnig dem einen Gedanken nach: Warum ich eigentlich den
Morgen erwarten mte -- und den Tag -- und wieder einen Tag, und so in
endloser Reihe die ganze Leere des Lebens?!

       *       *       *       *       *

In meinen stillen Zimmern lastete die Luft auf mir. Die Sonne strahlte
durch die grnumsponnenen Fenster, ber die lachenden Grten, -- wre
ich nur erst in meinem neuen Heim, wo ich nichts sah, als eine gemalte
Landschaft! Von innerer Unruhe getrieben, lief ich in der Stadt umher,
blieb vor den Schaufenstern stehen und ertappte mich auf einem halb
unbewuten Verlangen nach hellen Kleidern. Ich sa allein vor dem alten
verrucherten Kaffee Josty und sah ber den Potsdamer Platz hinweg den
Menschen nach, die schwatzten und lachten und kokettierten, und unter
die ich mich nicht mischen durfte. Ein Gefhl von wohliger Wrme berkam
mich, wenn bewundernde Blicke mich trafen, -- ach, und Sehnsucht packte
mich, unbndige Sehnsucht nach Lebensfreude.

Damals begegnete mir Graf Oer, einer meiner alten Tnzer; er hatte den
schlechtesten Ruf und war doch einer der verwhntesten Mnner der
berliner Gesellschaft. Eine aufreizende, schwle Atmosphre verfeinerter
Sinnenlust umgab ihn; schon sein forschender Blick aus halbgeschlossenen
Augen, sein weicher, langsamer Hndedruck lie die Frauen errten, denen
er sich nherte. Mir gegenber war er ganz teilnehmender Freund. Ihre
Blsse erhht zwar nur Ihren Reiz, schnste Frau, sagte er, aber im
Verein mit Ihrer sylphidenhaften Gestalt -- seine Blicke wanderten
frmlich ber meinen Krper -- finde ich sie bengstigend. Sie brauchen
Sonnenweide wie ein Rassepferd. Was meinen Sie, wenn ich Ihnen tglich
ein paar Stunden lang meinen Wagen schicke und Sie in den Grunewald
fahre oder nach Wannsee? Trotz meiner Ablehnung, die nicht sehr
energisch gewesen sein mochte, hielt sein elegantes Juckergespann am
nchsten Morgen vor meiner Tre. War das wonnig, so in den jungen Tag
hineinzurollen; mit geschlossenen Augen vorbei an den den Feldern des
Kurfrstendamms, in den Grunewald hinein, dessen vereinzelte Villen sich
rasch verloren, bis zu dem kleinen Frsterhaus am stillen See, in dem
die Sonne sich, ihrer Schnheit froh, eitel bespiegelte. Wie Sie
genieen knnen! sagte Graf Oer, als wir beim Frhstck im Grtchen
saen. Und Sie wollen lebendigen Leibes ins Kloster gehen! Die Welt ist
so schn und wartet nur darauf, Sie zu empfangen, -- lassen Sie mich Ihr
Fhrer sein -- Ich fhlte seine feuchten, khlen Lippen auf meiner
Hand, sein Knie dicht an dem meinen, -- ein unbezwinglicher Ekel
schnrte mir die Kehle zusammen. Ich sprang auf, raffte mein Kleid und
verlie ohne ein Wort, ohne einen Blick den Garten. Waren Genu und
Gemeinheit Zwillingsgeschwister, so wollt' ich wahrlich ins Kloster
gehen!

       *       *       *       *       *

Zu Hause erinnerte mich ein Brief an den letzten und wichtigsten Besuch,
den ich im Interesse des Zentralausschusses machen wollte: bei Bebel. Er
lud mich zum Mittagessen ein, dabei lt sich am besten besprechen, was
Ihnen am Herzen liegt und mich lebhaft interessiert.

In der Grogrschenstrae wohnte er, einer jener neuen Straen, die jede
Fassadenpracht verschmhte und deren ppiger Blumenschmuck verriet, da
die vielen kleinen Balkons die Sommerfrische ihrer Bewohner waren.

Ein lchelndes Dienstmdchen in blendend weier Schrze ffnete mir auf
mein Luten an der blank geputzten Klingel. Ein leichter Geruch nach
frischer Seife drang mir entgegen, und in dem hellen Zimmer, das ich
betrat, blinkte die Politur der Mbel, da sich die Bilder an den Wnden
darin spiegelten. Die vollkommenste Einfachheit herrschte hier, jede
Spur knstlerischer Kultur fehlte, aber es fehlte auch jeder Versuch,
Nichtvorhandenes vortuschen zu wollen. Die kleine, runde Frau, die mich
herzlich willkommen hie, mit der schwarzen Schrze ber dem schlichten
Kleid, den von Gte strahlenden Zgen unter den glatten Scheiteln, war
wie ein Teil dieses Raumes. Sie ntigte mich in den Lehnstuhl neben dem
Nhtischchen am Fenster, meine Hand fest in der ihren haltend.

So eine arme, junge Frau, sagte sie mitleidig; ich mute oft an Sie
denken und an Ihre Einsamkeit, -- ich wre lngst bei Ihnen gewesen,
wenn ich nicht gefrchtet htte, zudringlich zu erscheinen. Mir wurden
die Augen feucht, -- meiner Einsamkeit hatten sich auch die Nchsten
nicht erinnert. Mit jener Kunst verstndnisvollen Zuhrens, die selbst
die beste Erziehung nicht zu geben vermag, wenn die Teilnahme des
Herzens fehlt, lie sie sich von meinen kleinen Wohnungs- und
Wirtschaftskmmernissen erzhlen. Was, im Wirtshaus essen Sie --?! Sie
schlug die Hnde erstaunt zusammen. -- Kein Wunder, da Sie so bla und
schmal werden; ordentlich herausfuttern mte man Sie --

Bebel trat ein, mit einem raschen, elastischen Schritt, die glnzenden
Augen gerade auf mich gerichtet, whrend ein Bschel Haare ihm keck, wie
bei einem Knaben, in die Stirne fiel. Von einer breiten Hand -- zu
schwer fast fr den schmchtigen Krper -- fhlte ich meine Finger
umschlossen. Ich freue mich Ihres Besuchs --, seine Stimme klang im
Zimmer viel weicher und voller als auf der Rednertribne, -- nicht mehr
allein, weil Sie Glyzcinskis Witwe sind. Nach dem Schriftstck hier --,
er hielt das Programm des Zentralausschusses in der Hand, -- haben wir
von Ihnen viel Gutes zu erwarten.

Er ntigte mich in sein Arbeitszimmer, einen kleinen Raum mit wenigen
gestrichenen Holzmbeln, blank gescheuerter Diele und musterhafter
Ordnung. Wir errterten alle Einzelheiten meines Plans.

Sie knnen mit Ihrer Arbeit da einspringen, wo die Regierung nicht
eine, sondern hundert Lcken gelassen hat. Unsere Beteiligung freilich
wird sich wohl nur auf Ratschlge beschrnken.

Damit ist mir nicht gedient! rief ich. Wie knnen wir in die Arbeits-
und Lebensverhltnisse der Arbeiter Einblick gewinnen, wenn Sie uns
nicht die verschlossenen Tren ffnen.

Ja, glauben Sie, ich wre der liebe Gott?! lachte er. Ich knnte etwa
den Gewerkschaften befehlen, Ihren Bestrebungen Vertrauen
entgegenzubringen, oder gar unseren Frauen!!

Wir wurden zu Tisch gerufen. Kein Diner hatte mir je so gut gemundet wie
dieses einfache Mittagsmahl. Die besten Stcke wurden mir auf den Teller
gehuft.

Sehen Sie, wie's schmeckt, wenn man nicht trbselig allein an einer
schmuddeligen Wirtstafel sitzt! sagte Frau Bebel, befriedigt ber
meinen Appetit. Sie schwieg sonst meist. Nur wenn der lebhafte Gatte gar
zu heftig irgendeinen Gegner angriff, warf sie ein paar besnftigende
oder entschuldigende Worte ein, und als er gegen die Junker wetterte,
sah sie zuerst ihn, dann mich vielsagend an.

Ach soo --, er unterbrach sich ein wenig verlegen, -- Sie gehren ja
am Ende auch zu ihnen! -- Aber mein Schimpfen ist wahrscheinlich
ein sanftes Fltenspiel gegen die Tne, die angesichts der
Kreuzzeitungsaffre in Ihren eigenen Kreisen angeschlagen werden. Der
Fall Hammerstein, diese Dekouvrierung eines der Edelsten und Besten,
kommt den privilegierten Beschtzern von Religion und Sittlichkeit
gerade jetzt gewaltig in die Quere. Und die Sache ist noch lange nicht
zu Ende, -- die ganze Kreuzzeitungspartei, die den jungen Kaiser vor ein
paar Jahren als Zugpferd vor ihren eignen Wagen spannen wollte, wird
daran glauben mssen. Er verbreitete sich, immer lebendiger werdend,
ber die politische Lage und die nchsten Zukunftsaussichten. Er sah
berall Symptome fr den Zusammenbruch der brgerlichen Gesellschaft,
und auf der anderen Seite Etappen zum Siege des Sozialismus. Die
Weltmachtpolitik, die, einmal begonnen, nicht mehr aufzuhalten sein
wird, ist der Anfang vom Ende. Sie appelliert zwar an die strksten, an
die brutalen Instinkte, aber sie fhrt schlielich mit Notwendigkeit zur
Auspowerung der Massen und treibt sie uns damit in die Arme, --
gewisser, als alle Agitation von unserer Seite es vermchte. Selbst ein
mglicher Weltkrieg zwischen den Kolonialmchten wre nur der Auftakt
der Revolution.

Ich dachte an Shaw und seine unbedingte Gegnerschaft zu dieser ans
Fatalistische streifenden Auffassung von der Entwicklung zum Sozialismus
und warf in diesem Sinn eine bescheidene Frage in die Unterhaltung:
Stehen wir nicht in Gefahr, als bloe Zuschauer die Hnde in den Scho
zu legen, wenn uns die Naturgesetzlichkeit des Sozialismus so zweifellos
fest steht?

Ein Einwurf, der nach dem Katheder schmeckt! Mssen wir nicht die
Menschen fr diese Entwicklung vorbereiten?

Also ist alle Gegenwartspolitik der Partei nie Selbstzweck --?

Sondern nur Mittel zum Ziel, rief er lebhaft, und ihr Wert ist nur
von diesem Gesichtspunkt aus zu bemessen!

Wie habe ich danach Ihr Interesse fr meinen Plan einzuschtzen? frug
ich lchelnd. Als bloe Hflichkeit etwa?!

Treiben wir Sozialpolitik aus Hflichkeit?! Doch nur, weil eine
gesunde, krftige Arbeiterschaft, die Zeit hat zum Denken und zum
Wirken, die Armee ist, die wir haben mssen.

Ich streifte mechanisch die Handschuhe ber die Finger. Mein Herz schlug
in dem raschen Takt der Melodie, die dieser Mann angeschlagen hatte. Der
Glaube an die Sache --, das war das Unberwindliche in ihr. An der Tr
hielt mich Bebel noch einmal auf: Ich rate Ihnen, wenn Sie irgend etwas
im Kreise unserer Genossinnen erreichen wollen, -- setzen Sie sich mit
Wanda Orbin in Verbindung. Am besten, fahren Sie zu ihr. Ist sie gegen
Ihren Plan, so haben Sie alle miteinander gegen sich!

Noch am selben Abend schrieb ich an Frau Orbin, um ihr meinen Besuch
anzukndigen; zugleich bat ich sie, in ihrer Zeitschrift, der
Freiheit, meine Idee zur Diskussion stellen zu drfen. Sie antwortete
umgehend, aber was sie schrieb, klang wenig ermutigend: Wenn mein Weg
mich ber Stuttgart fhre, so wrde ihr mein Besuch willkommen sein; zu
einer Reise, eigens ihretwegen, knne sie mir jedoch nicht raten, da sie
zwecklos sein wrde; von einer Verffentlichung meines Plans in ihrer
Zeitschrift knne auch keine Rede sein: ... die 'Freiheit' ist ein rein
sozialdemokratisches Blatt, an dem ich grundstzlich nur solche
Mitarbeiter zulasse, die auf dem Boden des Klassenkampfes stehen.
Trotzdem beschlo ich, zu ihr zu fahren, und wre es nur, um die
Bekanntschaft dieser Frau zu machen, deren Leben und deren
Persnlichkeit ein wahrhaft vorbildliches zu sein schien. Bebel, den ich
in dieser Zeit fter sah, erzhlte mir viel von ihr: wie sie sich mit
Peter Orbin, einem russischen Sozialisten, in freier Ehe verbunden habe,
ihm nach Paris in Elend und Verbannung gefolgt sei und das schwere
Siechtum, das ber ihn hereinbrach, jahrelang vor ihren Freunden zu
verstecken verstand, indem sie in seinem Namen korrespondierte, in
seinem Namen Artikel schrieb und mit zwei kleinen Kindern und dem
kranken, stndiger Pflege bedrftigen Mann nicht nur das tgliche Brot
fr alle schaffte, sondern auch imstande war, fr die Partei
unermdlich zu agitieren. Mir schwindelte vor dieser Leistungskraft;
meine Schmerzen, meine Kmpfe schrumpften davor klglich zusammen.

Ihre Nerven freilich hat sie dabei ruiniert, fgte Bebel schlielich
hinzu.

An einem Abend hatte ich Liebknechts und Bebels zu mir geladen. Lngst
erloschene Gesellschaftsvorfreuden empfand ich wieder in der Erwartung
dieser Gste. Zum erstenmal vermite ich schmerzlich all die vielen
grazisen Gerte, mit denen ich als Haustochter die Festtafel zu
schmcken verstand, -- ich hatte nicht einmal genug Messer und Gabeln!
Schweren Herzens entschlo ich mich, bei den Eltern zu borgen, was am
notwendigen fehlte.

Du gibst Gesellschaften? frug Mama erstaunt. Kaum ein halbes Jahr
nach dem Tode deines Mannes?!

Nur ein paar Interessenten meines Zentralausschusses --, antwortete
ich ausweichend, whrend die Scham ber diese verlogene
Geheimniskrmerei mich errten machte. War es Zufall oder Absicht, da
mein Vater, kurz ehe ich meine Gste erwartete, zu mir kam und Anstalten
machte zu bleiben? In qulender Angst sa ich vor ihm, alle erdenklichen
Grnde ersinnend, um ihn, ohne ihn zu verletzen, zum Gehen zu ntigen.
Endlich stand er auf. Meine eigene Tochter wirft mich hinaus, sagte er
mit einem mden, wehen Ton in der Stimme. Lieber -- lieber Papa! --
ich schlang die Arme um seinen Hals und kte ihn. In diesem Augenblick
kam ich mir vor wie ein Verrter. Der Abend, auf den ich mich so gefreut
hatte, war fr mich eine Qual.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen fuhr ich nach Stuttgart. Ein unbestimmtes Hoffen, das
wie durchleuchtet war von froher Ahnung, erfllte mich: irgend etwas
ganz Ungewhnliches wrde geschehen. Auf dem Bahnhof empfing mich Frau
Orbin. Ihre Erscheinung war nicht die imponierende, die ich mir
vorgestellt hatte. Ich sah zunchst nichts als eine breite untersetzte
Gestalt und einen groen Hut mit zerzausten Federn, der windschief auf
ihrem Kopfe sa und ihre Zge beschattete. Fast htte ich sie nicht
wiedererkannt, als sie ihn abgenommen hatte und sich im Speisezimmer des
Hotels zu mir setzte. Rotblonde Haare bauschten sich wellig um Stirn und
Schlfen, helle Augen, in allen Lichtern des Regenbogens spielend, sahen
mir gerade ins Gesicht, auf der Stirn, um Nase und Mund gruben sich
kleine senkrechte Falten, die zu der noch jugendlich-weichen Rundung
der Wangen in peinlichem Miverhltnis standen. Ohne alle
Hflichkeitsprliminarien begann sie sofort meinen Plan rcksichtslos zu
zerzausen. Sie sprach mit nervser berstrzung, die Worte jagten
einander, als wollte eins das andere verschlucken. An eine
Zusammenarbeit von uns und Ihnen ist natrlich gar nicht zu denken.
Sollte von anderer Seite etwas der Art fr mglich erklrt worden
sein --, ein mitrauisch-fragender Blick traf mich, -- so wrde
ich jede solche Absicht auf das Schrfste bekmpfen. Der politische
Kampf ist fr uns das A und O. Darum ist jede Harmonieduselei mit
brgerlichen Elementen vom bel und kann nur verwirrend wirken, den
Klassenkampfcharakter unserer Bewegung verwischen. Nicht die Gegenstze
berbrcken, wie brgerliche Idealisten und Ethiker wnschen, sondern
sie auf das Schrfste betonen, ist fr uns die Hauptsache. Reinliche
Scheidung, -- ohne Konzessionen.

Ich seufzte tief auf. Sie verstand mich falsch und ein feines ironisches
Lcheln kruselte flchtig ihre Lippen. Das ist freilich nicht immer
ganz bequem, aber fr Menschen wie Parteien die einzig mgliche
Grundlage ihrer Existenz.

Sie lud mich fr den folgenden Tag zu sich ein. Htte mich die Frau
nicht gereizt, der Sache wegen schien der Besuch keinen Zweck mehr zu
haben.

In einer Wohnung von puritanischer Schlichtheit empfing sie mich, aber
ein unbestimmtes Etwas, sei es die Wahl der Bilder, der Fall der
Vorhnge oder nur die ganze Farbenstimmung des Raumes, verriet das
knstlerische Empfinden der Bewohnerin. Und als ihre beiden frischen
Buben hereinstrmten, rotwangig und glnzenden Auges, sah ich hinter der
Rstung der Kmpferin den Menschen, die Mutter. Wie reich war sie! --
Wir gingen nachmittags hinaus vor die Stadt, die bewaldeten Hgel hinan,
die sie so zrtlich umschlieen. Die Kinder und die Natur schienen Wanda
Orbin zu verwandeln. Sie war viel milder heute. Sie sprach ber Kunst
und Literatur mit dem Verstndnis eines selbstndigen Geistes und der
Wehmut unglcklich Liebender. Das alles ist eingeschlafen, hat
einschlafen mssen gegenber der groen, umfassenden Aufgabe, sagte sie
schlielich, und ihre Augen bekamen wieder den fiebrigen Glanz des
Fanatismus.

Kaum waren wir in ihrer Wohnung, als ein Mann zu ihr hereinstrzte,
atemlos eine Depesche hin- und herschwenkend, whrend ihm hinter den
Augenglsern die dicken Trnen ber die brtigen Wangen liefen. Engels
-- Engels ist tot --, stie er mhsam hervor. Mit einer abwehrenden
Bewegung der Hnde -- breiter kurzfingeriger Hnde, die aussahen, als
htte der Bildhauer Natur sie nur in rohen Umrissen skizziert und
vergessen, sie auszufhren -- starrte Wanda Orbin dem Unglcksboten
sekundenlang ins Gesicht. Dann warf sie die Arme empor und brach in ein
konvulsivisches Schluchzen aus, unter dem ihr Krper immer heftiger zu
zittern begann. Ihre Fe wrden die Schwankende nicht mehr tragen,
dachte ich, und schob ihr vorsichtig einen Sessel zu, in dem sie haltlos
versank. Inzwischen hatte sich das Zimmer gefllt: die Eintretenden
tauschten miteinander warme Hndedrcke. Alles sammelte sich um die
weinende Frau, leise Flstergesprche, als lge der Tote mitten unter
ihnen, flogen nach langer bengstigender Stille hin und her. Eine
Familie war dies, die Strkeres zusammengeschweit hatte als das Blut:
aus gemeinsamen Empfindungen, Gedanken und Idealen entsprang die Tiefe
gemeinsamer Trauer um den, der ihr Fhrer gewesen war. Auf Zehenspitzen
schlich ich hinaus und fhlte doch mit berwltigender Gewiheit, da
ich dazu gehrte.

Spt am Abend kam Wanda Orbin noch einmal zu mir, -- sehr weich, sehr
liebevoll. Sie htten bleiben drfen, Sie sind uns doch keine Fremde,
sagte sie. Da gewann ich Vertrauen und erzhlte ihr von den Zweifeln und
Kmpfen der letzten Wochen. Ich sah, wie sie lchelte, -- nachsichtig
wie eine Mutter ber Kinderleiden, aber es verletzte mich nicht. Im
Zwiespalt der Empfindungen kann niemand dem anderen helfen, meinte sie
dann. Ich wei nur eins gewi: ist Ihre berzeugung erst vollkommen
klar und unerschtterlich, so verschwindet vor ihr das bloe Gefhl, wie
Sommerschwle vor dem Gewitter. Zu dieser berzeugung zu gelangen, das
ist freilich das schwerste. Die Logik der Tatsachen, die
Lebensverhltnisse pauken dem Proletariat eine Auffassungsweise ein, die
sich der brgerliche Idealist mit groer Mhe aneignen mu, wenn es ihm
berhaupt trotz aller Ehrlichkeit gelingt, den alten Adam der
brgerlichen Ideen abzulegen. Es ist so furchtbar schwer, aus seiner
Haut zu fahren, sich von dem zu befreien, was Vererbung und Milieu aus
uns gemacht haben. Ihre Augen schauten wie nach innen.

Wir sprachen noch lange miteinander. Sie riet mir jetzt zur Ausfhrung
meines Planes; ich wrde durch ihn vielleicht am besten zur Klarheit
kommen, und an Rat und -- inoffizieller -- Hilfe von ihr sollte es nicht
fehlen. Setzen Sie sich in Berlin mit den Gewerkschaften in Verbindung,
und zwar speziell mit den Konfektionsarbeitern, die infolge der
Bewegung, in der sie augenblicklich stehen, Ihre Sache als eine
Untersttzung betrachten drften. Und dann, vor allen Dingen, suchen Sie
unseren Genossen Dr. Heinrich Brandt fr sich zu interessieren. Gewinnen
Sie ihn, so ist Ihnen geholfen: er setzt alles durch, was er will.

Dr. Brandt! -- Ich schlo unwillkrlich die Lider, verloren in
Erinnerung. Alle Strme flieen in unser Meer, hrte ich eine dunkle
klingende Stimme sagen, und flchtig -- ein Traumbild -- tauchte ein
Mann vor mir auf, blond und schlank, und tiefe graue Augen versanken
sekundenlang in den meinen.

       *       *       *       *       *

Nach meiner Rckkehr schrieb ich sofort an Johannes Reinhard, den Fhrer
der Konfektionsarbeiter-Bewegung, und an Heinrich Brandt. Reinhard
kndigte mir umgehend seinen Besuch an; kurz darnach bestimmte Brandt
dafr dieselbe Stunde. Im ersten Gefhl starker Freude, ber deren
Ursache ich mir nicht so recht klar war, wollte ich Reinhard
abschreiben, um den anderen bald und zuerst zu sehen. ber mich selbst
errtend, zerri ich die Karte wieder, die ich zu schreiben begonnen
hatte, und bat statt dessen Brandt, seinen Besuch zu verschieben.
Schade, antwortete er mir, ich wre gern gleich gekommen. Vorgestern
las ich in der wiener 'Zeit' einen Artikel von Ihnen, der mich so
entzckte, da der Wunsch, die Verfasserin kennen zu lernen, in mir rege
wurde. Diesem Wunsch begegnete noch am selben Morgen Ihr Brief.

Und nun stand Reinhard vor mir, unter der linken Schulter die Krcke,
das Gesicht noch gelber, als da ich ihn zum letztenmal in der
Egidyversammlung gesehen hatte, die schwarzen, dnnen Haarstrhnen wie
festgeklebt um den breiten Schdel und die tief eingefallenen Schlfen.

Hielte ich Ihren Plan nicht fr gut, fr notwendig sogar in diesem
Augenblick, wo der Reichskanzler den Stillstand der Sozialreform nicht
nur zugab, sondern verteidigte, ich wrde nicht so rasch hier sein,
begann er die Unterhaltung, indem er sich mhsam, das linke Bein gerade
ausgestreckt, auf dem Stuhl niederlie. Wir stehen in der Konfektion
seit Beginn des Jahres in einer Bewegung, die mir Tag und Nacht keine
Ruhe lt -- --

Ich wei: um die Durchsetzung von Betriebswerksttten handelt es sich,
unterbrach ich ihn. Der Zentralausschu knnte nichts Besseres
beginnen, als Sie darin untersttzen.

Er sah erfreut auf. Ich sehe, Sie sind orientiert, und so brauche ich
nur hinzuzufgen, da Ihr Zentralausschu auch nirgends reicheres
Material zur Frage der Frauenarbeit finden knnte als bei uns. Ihren
londoner Eindrcken, von denen ich in den Zeitungen gelesen habe, wrden
die berliner nicht nachstehen.

Ich zweifelte an der Mglichkeit hnlichen Elends bei uns. Nicht einmal
in der Nacht, wenn ich aus Versammlungen gekommen war, hatte ich so
bittere Not gesehen, wie sie mir in London bei hellem Tage begegnet war.

Unsere rmsten schmen sich, -- das ist vielleicht der letzte Rest
Menschlichkeit in ihnen, meinte er; seit Wochen mache ich fast nichts
anderes als Besuche bei den Heimarbeitern. Eben erst war ich bei einem
alten gelhmten Weibe, das hier im Westen, fnf Treppen hoch, ein
einfenstriges Zimmer und eine fensterlose, winzige Kche mit ihrer
Tochter und deren vier kleinen Kindern bewohnt. Von frh fnf bis nachts
um elf trampelt die Tochter die Nhmaschine, um bestenfalls neun Mark in
der Woche zu verdienen. Vor wenigen Tagen war ich in einem engen
Kellerloch, wo eine Witwe mit zwei Kindern wohnt; auf den schimmeligen
Mbeln, auf dem einzigen wackeligen Bett, liegen elegante Damenblusen,
fr die sie ganze fnf Mark wchentlich einnimmt. Reinhard erhob sich,
rote Flecken brannten auf seinen Backenknochen, und whrend er
weitersprach, humpelte er im Zimmer aufgeregt hin und her. In einem
anderen Keller, wo die Dielen faulen und die Fenster tief unter der Erde
liegen, arbeiten zwei Schwestern, -- junge, bleichschtige Dinger, --
fr die, die oben in Luft und Sonne lachend vorbergehen. Ist die Ehre,
die ihr bewahrt habt, das elende Leben wert, -- htte ich ihnen am
liebsten zugerufen. Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen Lchern, sah
ich ein Ehepaar mit fnf Kindern und einem Schlafmdchen; den Mann
zerfrit auf dem Lager voll Lumpen der Kehlkopfkrebs, die Frau nht
Knopflcher fr ganze vier Mark in der Woche, -- klipp -- klapp --
klipp -- klapp, -- rascher und rascher schlug Reinhards Krcke den Takt
zu der grausen Melodie --; eine arme Mutter fand ich in einem
sonnenlosen Winkel im Norden, sie nhte Hemden, halbfertig lagen sie auf
dem Bett, wo zwei diphtheritiskranke Kinder mit dem Tode rangen. Und,
denken Sie nur, -- er blieb stehen und lachte grell auf, -- einen
schneeweien Mantel, bestimmt fr nackte Schultern schner Frauen, sah
ich einmal in den Hnden einer Syphilitischen --

Um Gottes willen -- hren Sie auf! Auch ich erhob mich. Warum
schreien Sie diese Tatsachen nicht auf ffentlichem Markte aus? Warum
kleben Sie Ihre Berichte nicht an alle Straenecken? -- Kein
Reichskanzler wrde mehr wagen, den Stillstand der Sozialreform zu
verteidigen.

Wir sind dabei, es zu tun, antwortete er, und seine Sprechweise nahm
wieder den Ton der alten sachlichen Ruhe an. Eine Broschre, an der ich
arbeite, wird allen magebenden Persnlichkeiten zugeschickt und unserem
diesjhrigen Parteitag vorgelegt werden; wir haben auerdem,
wie Sie wissen, die Unternehmer vor die Alternative gestellt,
Betriebswerksttten einzurichten, oder einer allgemeinen
Arbeitseinstellung gewrtig zu sein. Kommt es dazu, so wird die
ffentlichkeit sich mit uns beschftigen mssen. brigens: --, er
dachte einen Augenblick nach, wie wr's, wenn Sie die Ttigkeit Ihres
Zentralausschusses auf eigene Faust beginnen und mich bei meinen
Recherchen zuweilen begleiten wrden?

Dankbar nahm ich sein Anerbieten an. In der nchsten Zeit brachte ich
fast tglich ein paar Stunden mit ihm zu. Wir kamen in Stadtteile, die
ich noch nie gesehen hatte, lange, nchterne Straenzeilen, die Huser
regelmig aufgereiht, gleichmig grau getncht; die de des Anblickes
nur noch erhht durch die uere Ordnung und Reinlichkeit. Wir schritten
durch enge Hfe in dunkle Hinterhuser, die das Licht der Strae nicht
mehr frchteten und ohne Scham die Blen ihrer Not enthllten. Nach
Osten, nach Sden fhrte uns der Weg, wo mitten im kahlen, der Stadt
schon preisgegebenen Boden hohe Mietskasernen an zerwhlten, werdenden
Straen standen. Hier, zwischen den feuchten Wnden, hauste das Elend
und starrte uns an mit den glanzlosen Blicken erloschenen Lebens, die
grausamer in die Seele schneiden als die wildesten Schreie der
Verzweiflung.

Oft, wenn wir aus dem Dunkel sparsam verteilter Laternen kamen und das
Licht der Friedrichstadt uns blendend empfing, haftete mein Auge
staunend an den glnzenden Spiegelscheiben der Lden und der
Restaurants. Prahlend breiteten sich hinter den einen all die
Herrlichkeiten aus, die den Gaumen laben, den Krper schmcken, das
Leben bereichern; lachend, scherzend, mit vollen Taschen und glnzenden
Augen saen hinter den anderen die reizenden Frauen, deren einziger
Daseinszweck ihre Schnheit zu sein schien, und die Mnner, die ihnen
huldigen. Wie war es nur mglich, da die von drauen, aus den grauen
Huserzeilen und den werdenden Straen, nicht dicht gedrngt, auf leisen
Sohlen, wie Nachtgespenster, hierher sich schoben, um all die Pracht zu
zertrmmern, das Lachen erstarren zu machen?!

Und in meinem Herzen nistete der Ha sich ein fr alle die, die nicht
mehr hassen konnten.

       *       *       *       *       *

Am frhen Morgen des 18. August war es. Eine arme Frau hatte ich
besucht, die ich auf einem unserer Wege gefunden hatte. Sie war
sterbenskrank, -- ach, und wie gern wollte sie sterben, wenn nur die
Kinder nicht gewesen wren, die sie fester als alle Arzeneien der Welt
ans Leben ketteten. Die durchsichtigen Finger durften sich nicht zum
Schlafen friedlich ineinanderfalten, sie hielten krampfhaft die weie
Leinwand fest, um zierliche Namenszge, stolze Freiherrn- und
Grafenkronen hineinzusticken. Ein wenig Hoffnung hatte ich ihr gebracht,
-- Hoffnung, da sie bald ruhig werde sterben drfen. Nun ging ich nach
Hause, den Kopf gesenkt; die Sonne tat mir weh. An der Knigsstrae
geriet ich in einen Menschenschwarm, der mich mit sich ri: geputzte
Frauen mit jenem aus Neugierde, Aufregung und Nervenspannung gemischten
Ausdruck in den Zgen, der gewhnliche Menschen bei allen groen
Ereignissen, -- seien es Feuersbrnste oder Hochzeitsfeiern, --
charakterisiert, Mnner im Sonntagsstaat, irgend eine Medaille oder ein
Kreuz auf der Brust, das in diesen Tagen der Freibrief fr alles war:
Betrunkenheit -- man nannte sie Begeisterung --, Roheit gegen
Nichtdekorierte, -- man nannte sie Vaterlandsliebe. Ich sah um mich:
Fahnen flatterten von den Husern, Straenverkufer boten mit krhender
Stimme Kaisermedaillen aus, von ferne klang Trommelwirbel,
Pferdegetrappel. Richtig: die Grundsteinlegung des Nationaldenkmals war
heute.

Mit liebevoller Wehmut, wie die Greisin vergilbte Liebesbriefe, hatte
der Vater gestern die Generalsuniform aus ihren Seidenpapierhllen
herausgeholt, hatte die Stickerei, die Knpfe und die vielen Orden
selbst mit einem Lederlppchen abgestaubt und war gewi heute frh, voll
Erregung, zum Schlo gefahren.

Jetzt waren wir selbst bis dicht hinter die Schutzmannsketten
vorgedrungen. Ein Vorwrts gab's nicht mehr, ein Zurck noch weniger. Es
galt, auszuhalten. Die Galawagen der deutschen Frsten rollten vorber
in ihrer altertmlich schwerflligen Pracht, drhnenden Schrittes rckte
die Garde auf den Schloplatz, hinter ihr mit wehenden Fahnen Ulanen,
Dragoner und im blitzenden Kra die Gardedukorps.

Von hinten hauchte mir ein heier Atem in den Nacken, der nach
klebrigem Biere roch; aus dem Halsausschnitt der dicken, kleinen Frau
neben mir stieg ein slicher Schweigeruch. Mich ekelte vor der
Erregung der Menge; eindruckslos rauschte sogar die mich sonst
elektrisierende Musik an meinem Ohre vorber; wie ein schlechtes
Ausstattungsstck empfand ich das bunte Schauspiel vor mir.
Unwillkrlich fiel mir das Modell des Nationaldenkmals ein: wie gut
pate es hierher mit seinen unruhigen Tier- und Menschengestalten,
seinen Fahnen, Kanonen, Gewehren und Sbeln und dem theatralisch
daherschreitenden Engel, der des alten Kaisers vierschrtiges
Schlachtro fhrt. Von seinem knftigen Standort, dem Winkel vor dem
Schlo, den man noch dazu dem Wasser hatte abringen mssen, tnten
Hammerschlge, Kanonendonner fiel ein, die Luft erschtternd, von tiefen
Glockenklngen untermischt.

Glocken und Kanonen, -- die fhrenden Instrumente im Orchester der
brgerlichen Gesellschaft, mit denen sie das Weinen und Klagen der
Millionen zu bertnen glaubt! Ich aber hrte es, und ich wute: der Tag
wird kommen, wo die Glocken vor ihm schweigen und die Kanonen vor ihm
verstummen werden.

       *       *       *       *       *

Vor dem Spiegel stand ich in meinem Schlafzimmer. Wie lange war es her,
da ich nichts als flchtige Blicke hineingeworfen hatte, die nur der
Ordnung meiner Haare, meiner Kleidung galten. Heute sah ich mich wieder:
schrfer waren meine Zge geworden und schmaler mein Gesicht, meine
Gestalt aber war noch immer die eines jungen Mdchens. Ich lchelte:
'Frau' von Glyzcinski -- und ein Mdchen, ein altes Mdchen sogar von
dreiig Jahren! Aber ich wollte nicht alt sein, -- heute nicht. Ich
fhlte wieder, wie ich rot wurde. Da das Weib in mir sich nicht tten
lie! Wo doch so vieles schon gestorben war!

Es klingelte. Kurz und scharf. Die Aufwrterin hatte ich frh schon nach
Hause geschickt, sie war so alt und so hlich. Dem Besuch, den ich
erwartete, wollte ich selber ffnen.

Gndige Frau?! -- Eine berraschte, fragende Stimme. Ich unterschied
im Dmmerlicht der Treppe und des Flurs die Silhouette eines Mannes, mit
dem weiten Mantel ber den Schultern, dem breiten Schlapphut auf dem
Kopf. Ich selbst in meinem schwarzen Kleid mute ihm nur wie ein
Schatten erscheinen. Ich ging ihm voran ins Zimmer, das flutendes
Sonnenlicht durchstrahlte, wie einst, da ich zum erstenmal ber die
Schwelle trat. Ich wendete mich um, -- meine Hand blieb vergessen in der
Heinrich Brandts. Wir sind uns -- keine Fremden --, stotterte ich
verlegen. Nein, -- nein --, antwortete er und sah mich noch immer an.
Die Uhr auf dem Schreibtisch holte zum Schlagen aus. Ich zuckte
zusammen, setzte mich hastig, und steif und frmlich lud ich auch ihn
zum Sitzen ein.

Nein, wiederholte er, und seine Augen lieen mich noch immer nicht
los, whrend sein Gesicht heller zu werden schien, -- Sie sind mir
keine Fremde. Kennen Sie das? Er zog das graue Heft der Wiener Zeit
aus seiner Rocktasche. Im Grunde ein ganz dummer, kleiner Artikel, den
Sie da geschrieben haben, und doch so wundervoll! Ein ganzer Mensch
steckt dahinter!

Mir wurde warm ums Herz. Seine Worte streichelten mir die Wangen, seine
Stimme erfllte die Luft um mich mit einem einzigen Wohllaut.

Und Ihr Plan interessiert mich sehr. Ich habe auch gar nicht
abgewartet, bis Sie endlich die Gnade hatten, mich herzubefehlen, -- er
lchelte ein wenig malitis, Sie haben, wie ich hre, Freund Reinhard
den Vortritt gelassen, -- ich habe indessen, ohne zu fragen, den Schritt
getan, von dessen Erfolg Ihre ganze Sache abhngt. Ich sah fast
erschrocken auf. Oder sollten Sie wirklich nicht daran gedacht haben,
da Geld, viel Geld dazu gehrt? Ich nickte lchelnd. Ich schrieb an
einen unserer ernsthaftesten und reichsten Sozialreformer und schickte
ihm Ihr Programm. Ich zweifle nicht, da er die Sache in angemessener
Weise finanzieren wird.

Ich versuchte, ihm zu danken; es kam vor tiefer innerer Erregung
ungeschickt und hlzern heraus.

Lassen Sie doch diese Formalitten! sagte er. Wenn jemand Dank
verdient, so sind Sie es, die den Gedanken hatten. Ich bin bestenfalls
nichts als sein untergeordnetes Werkzeug.

Wir sprachen noch lange miteinander. Ich erzhlte von allem, was mir
seit den letzten Wochen das Herz bewegte, und Leidenschaft und Ha und
Liebe brachen durch die Dmme, die Einsamkeit und Zurckhaltung um sie
aufgeschichtet hatten.

Sie sind wie eine Flamme, die lodernd gen Himmel strebt, flsterte er
wie zu sich selbst.

Als er gegangen war, blieb ich regungslos, die Hnde fest
ineinandergekrampft, mitten im Zimmer stehen. War das ein Traum gewesen,
oder hatte er wirklich hier vor mir gestanden?! In diesem selben Zimmer,
wo ich Georg, meinen einzigen Freund, gefunden und verloren hatte?!

Am nchsten Tag gegen Abend kam er wieder.

Ich bin zudringlich, nicht wahr? lachte er mir entgegen. Aber Sie
kommen mir vor, wie ein verflogenes Vgelchen, das sich an Scheiben und
Wnden den Kopf stt und einer Hand bedarf, die es fngt und ins Freie
lt.

Sie mgen recht haben. Ich bilde mir wohl nur ein, da ich in Freiheit
flge, und die anderen Leute waren bisher kurzsichtig genug, mich darin
zu bestrken, wohl gar zu bewundern --

Es dmmerte. Entschuldigen Sie einen Augenblick, sagte ich und ging
hinaus, um die Lampe zu holen. Als ich wiederkam, fand ich ihn ber das
Manuskript eines Artikels gebeugt, den ich eben vollendet hatte.
rgerlich wollte ich ihn vom Schreibtisch weg an mich reien. Verzeihen
Sie --, fest drckte er die Hand darauf, -- das gehrt zu meinem
Vogelfang. Wie kommen Sie dazu, dergleichen zu schreiben?! Ich erschrak
vor dem finsteren Gesicht, das er mir pltzlich zuwandte. 'Londoner
Geflligkeit'! Haben Sie nichts Besseres zu tun?! Sein Blick blieb an
der Lampe haften, die ich zitternd auf den Tisch stellte. Seine Stirn
glttete sich, forschend sahen die groen grauen Augen mir ins Gesicht.


Sie mssen sich selbst bedienen? -- Sie ffnen mir immer selbst?! --

Ich senkte einen Augenblick lang den Kopf.

Wie Sie sehen: ja! Meine Stimme, die zuerst ein wenig verschleiert
klang, wurde klar und fest. Ich kann mir ein Dienstmdchen nicht
halten, und ich mu solche Artikel schreiben, weil ich von meiner
Pension nicht leben kann.

Verzeihen Sie, -- aber wie konnte ich ahnen -- Er sah mir tief in die
Augen.

Wir waren von da an tglich zusammen, sei es, da er mich zu einem
Spaziergang abholte, sei es, da wir uns in der Stadt trafen. Mit tiefer
Beglckung empfand ich die zarte Sorgfalt, mit der er mich umgab. Wenn
ich jetzt zu den Eltern kam und der Vater in heller Aufregung ber die
Sozialdemokraten schimpfte, -- lauter Hochverrter, die man hngen
sollte, -- so hrte ich nur mit halbem Ohre hin, es verletzte mich
nicht; um mich lag es wie ein warmer, kugelfester Mantel, den die
Freundschaft um mich geschlungen hatte.

Die Freundschaft! -- Ich glaubte an sie, -- ich wollte an sie glauben,
auch wenn die heien Wellen meines Herzens mich zu berfluten drohten.
Sie mssen bald einmal mit mir hinauskommen zu meiner Frau und meinen
Buben. Sie ist anders wie Sie, -- ganz anders, aber klug und gut, -- Sie
werden einander verstehen, hatte er mir einmal gesagt. Es kam aber noch
immer nicht dazu, und ich drngte nicht danach.

Eines Nachmittags saen wir zusammen auf dem schmalen Balkon des Kaffee
Klose. In weichem, silbernen Sonnenlicht fluteten unter uns auf der
Leipziger Strae die Menschen auf und nieder. Ein frher Herbstnebel,
zart und duftig wie Feenschleier, spielte um die endlosen Huserreihen,
und es schien, als dmpfte er selbst das Rasseln der Wagen.

Sehen Sie nur, was ich heute bekam, damit hielt ich ihm einen Brief
entgegen. Die Wiener Fabier fordern mich zu einem Vortrag auf -- Er
nickte erfreut, ich sah ihn von der Seite an. Ich habe keine
Beziehungen in Wien, fuhr ich nachdenklich fort, -- sollten Sie auch
hier meine Vorsehung gewesen sein?!

Und wenn dem so wre?!

Ich reichte ihm still die Hand. Ganz sanft, als ob sie sehr zerbrechlich
wre, nahm er sie in die seine, -- eine zarte Hand mit dichtem Geder
und nervsen Fingern.

Glauben Sie, fragte er langsam, nach einem Schweigen, das die Nhe
zweier Menschen zueinander verrt, glauben Sie, da ein Tag kommen
knnte, an dem unsere Freundschaft uns zwingt, einander 'du' zu sagen?

Ein Zittern durchlief meinen Krper. Ich antwortete nicht. Stumm standen
wir auf, stumm fuhren wir zu mir nach Hause. Drinnen im Zimmer sahen wir
uns an, das Herz schlug mir zum Zerspringen, die Finger erstarrten mir
zu Eis.

Alix --, wie ein Hauch kam mein Name ber seine Lippen.

Du --, mehr vermochte ich nicht zu sagen. Es dunkelte mir vor den
Augen. Einen Herzschlag lang fhlte ich seinen Mund auf dem meinen, --
dann schlug die Tre, -- ich war allein.

Und die Wnde schienen um mich zu kreisen, und der Glanz der Abendsonne
wurde zu glhenden Flammen. Wie Gesang lag es in der Luft von lauter
Harfen, -- meines Herzens Jubel hatte sie zum Klingen gebracht. In allen
Weisen der Welt, im Ton ser Wiegenlieder und stolzer Siegeshymnen sang
und jauchzte es: ich liebe.

       *       *       *       *       *

Wir verkehrten wie frher miteinander. Nur die Augen wagten es hier und
da, eine andere Sprache zu sprechen als der Mund. Ich war mitten im
Packen; schon starrten die lieben Rume mich fremd und de an, als sein
Weib kam, mich zu besuchen. Entgeistert sah ich sie an, als sie vor mir
stand: sie war hochschwanger.

Rasch warf ich die Kleider vom Sofa und ntigte sie hinein, ihr
vorsichtig die Kissen in den Rcken legend. Seine Frau! Sein Kind!! --
Der Gedanke bohrte sich mir ins Gehirn, da es mir den Kopf zu sprengen
drohte. Nie, -- nie hatte er mir von Liebe gesprochen, dachte ich,
whrend ich gleichgltig freundliche Phrasen mit ihr wechselte, nur
immer von Freundschaft. Und dieser Frau vor mir mit den groen, breiten
Hnden und den stechenden dunklen Augen hatte ich nichts genommen --
nichts, was ich nicht nehmen durfte. Denn da ich ihn liebte, was
schadete das ihr?! Und war nicht mein eigenes, groes, wundervolles
Gefhl und seine Freundschaft Glckes genug fr mich, die ich gelernt
hatte, auf alles Glck zu verzichten?

Wir ziehen im Winter auch in die Stadt, sagte sie ruhig, sonst
bekomme ich meinen Mann nicht mehr zu sehen --. War das eine
Anspielung? Ihr Gesicht blieb unbewegt. brigens sah ich eben im Hause,
wo Sie mieteten, eine Wohnung, die gut fr uns passen wrde. Das wre
fr alle Teile das beste --, und ich htte doch auch etwas von Ihnen.
Knnte auch von Ihnen lernen, was mir leider noch an Verstndnis fr die
Interessen meines Mannes fehlt. Ich begriff sie nicht; war das echt,
was sie sagte, oder lauerte Bosheit dahinter und Mitrauen? Feuchtkalt
lag ihre Hand beim Abschied in der meinen. Die Schleppe ihres seidenen
Kleides raschelte hinter ihr her wie eine Schlange. Ich mute mich ans
Fenster in die Sonne stellen, um wieder warm zu werden, nachdem sie mich
verlassen hatte.

       *       *       *       *       *

Gute Botschaft bringe ich! Am frhen Morgen, ich sa noch beim
Frhstck, trat Heinrich Brandt in mein Zimmer, freudestrahlend. Die
Sache ist entschieden. Ich griff hastig nach dem Brief, den er brachte
und las. Nach reiflicher berlegung habe ich mich dahin entschieden,
das mir vorgelegte Projekt eines Zentralausschusses fr Frauenarbeit
insoweit zu untersttzen, als ich zunchst eine Summe von achttausend
Mark jhrlich dafr aussetze, die, wenn der Umfang der Arbeiten es
spter notwendig macht, entsprechend gesteigert werden kann. Ich hoffe,
Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, der Sie ja ausdrcklich erklrten, nur
die Rolle eines unbeteiligten Vermittlers zu spielen, nicht zu nahe zu
treten, wenn ich Sie bitte, Frau von Glyzcinski mitzuteilen, da die
Voraussetzung meiner Untersttzung, von der ich unter keinen Umstnden
abweiche, die ist, da die Leitung der Sache nicht in den Hnden von
Sozialdemokraten ruht. Diese meine Forderung entspringt keinerlei
persnlicher Animositt, sondern nur der Erkenntnis, der sich
gegenwrtig kaum jemand verschlieen kann, da die Sozialdemokratie zu
ruhiger Reformarbeit unfhig ist und die magebenden Kreise einer von
ihr ausgehenden Bewegung mit Recht ablehnend gegenberstehen wrden.

Ich hatte zuerst laut und freudig, dann immer langsamer und leiser
gelesen. Das nennen Sie eine gute Botschaft? frug ich kopfschttelnd.
Gerade heute sah ich in der Presse, wie alles von rechts und links nach
einer neuen Auflage der Umsturzvorlage schreit. Und gestern erzhlte
mein Vater, da man im Kasino schon die Maregeln errtert, durch die
die Sozialdemokraten mundtot gemacht werden sollen --

Brandt unterbrach mich: Nun -- und? Wird Ihre Aufgabe dadurch etwa
berflssig?

Gewi nicht. Aber fr mein Gewissen kann es eine grere Aufgabe geben:
mich in dem Augenblick der Verfolgung an die Seite derer zu stellen, die
verfolgt werden. Die eigene berzeugung in die Tasche zu stecken, lt
sich nur so lange entschuldigen, als es keine Feigheit ist.

Sie haben recht -- wie immer, wenn Ihre erste Empfindung spricht, er
drckte mir die Hand, fest und kameradschaftlich, und doch mchte ich
Sie bitten: berlegen Sie ruhig, ehe Sie antworten. Die Ausnahmegesetze
sind bisher nichts als Wnsche und Drohungen, und das klgliche Ende der
Umsturzvorlage drfte kaum zu einer Wiederholung reizen. -- --

... Hngt am Tage von St. Sedan Trauerfahnen aus, erhebt feierlichen
Protest gegen den Massenmord und ehrt diejenigen, die zum Kriege hetzen,
wie es ihnen gebhrt: steckt sie als Verbrecher ins Zuchthaus. Mein
Vater hatte mir einen Zeitungsausschnitt geschickt, der diesen Satz aus
der sozialdemokratischen Breslauer 'Volkswacht' zitierte. Roh und
hlich, unwrdig vor allem war er. Die geistigen Waffen, die wir
fhren, sollten blanker und damit auch schrfer sein, dachte ich.

Wenige Tage spter verffentlichten die brgerlichen Zeitungen in
Riesenlettern den Trinkspruch, den der Kaiser am Sedantag ausgebracht
hatte:

... In die groe hohe Festesfreude schlgt ein Ton hinein, der wahrlich
nicht dazu gehrt; eine Rotte von Menschen, nicht wert, den Namen
Deutsche zu tragen, wagt es, das deutsche Volk zu schmhen; wagt es, die
uns geheiligte Person des allverehrten verewigten Kaisers in den Staub
zu ziehen. Mge das gesamte Volk in sich die Kraft finden, diese
unerhrten Angriffe zurckzuweisen. Geschieht es nicht, nun, dann rufe
ich Sie, um der hochverrterischen Schar zu wehren, um einen Kampf zu
fhren, der uns von solchen Elementen befreit.

Wortlos reichte ich Brandt das Blatt, als er kam. Was haben Sie
beschlossen?

Die Rotte von Menschen sind meine Brder und Schwestern. -- Ich lehne
ab.




Drittes Kapitel


Ich stand in Wien auf der Rednertribne des Ronachersaals und verneigte
mich noch einmal vor dem applaudierenden Publikum. Ich wute: ich hatte
nicht gesprochen wie sonst. Schon als der Vorsitzende mich an den
dichtgedrngten Reihen vorbeigefhrt hatte, an den eleganten, grazisen
Frauen, deren Toiletten nicht wie die der Berlinerin dazu da zu sein
schienen, die Trgerin unter der Last des Glanzes vergessen zu machen,
sondern ihre Individualitt betonten, ihre Reize unterstrichen, an den
jungen und alten Herren im Frack und Smoking mit den geschmeidigen
Gestalten und dem sffisanten Lcheln des Weltmanns, war mir der
Kontrast zwischen dem khlen Ernst meines Vortrags und dieser Umgebung
zum Bewutsein gekommen. Dann war ein Wogen von bunten Hten, ein
Knistern von seidenen Kleidern, ein Funkeln von Brillanten unter mir
gewesen. Opernglser aus Silber und Perlmutter hatten sich auf mich
gerichtet, und um das mattschimmernde Rokokoornament an den Decken und
Wnden des reizenden Konzertsaales hatte ein feiner, zarter Nebel
geschwebt, gewoben aus Zigarettenrauch und Parfm.

Ich stieg die Stufen hinab. Man klatschte noch immer. Ich mute wohl so
etwas wie eine neue Sensation gewesen sein, wie sie in Gestalt von
Sngern, Taschenspielern und Diseusen auf dieser Tribne gewhnlich zu
erscheinen pflegte.

Ich gratuliere Ihnen --, sagte eine dunkle Stimme neben mir. Nur ein
Mann in der Welt hatte solche Stimme! Es war Brandt. Und als meine Hand
in der seinen lag, war mir, als stnde ich allein mit ihm hoch auf einer
Felseninsel und in der Ferne nur brandete das Meer der Welt.

Sie in Wien, -- meinem geliebten Wien, und ich nicht neben Ihnen, -- es
kam mir absurd vor, hrte ich ihn leise sagen. Aber schon sah ich den
Kreis, der sich um uns gebildet hatte: Menschen, die warteten, mich
begren zu knnen, mir vorgestellt zu werden, der Vorstand der Fabier,
der mich zum Essen geladen hatte. Ich gewann meine Fassung wieder, und
whrend mein Herz hoch aufschlug vor Freude, hatte ich das Bedrfnis,
gegen alle, die sich mir nherten, doppelt und dreifach freundlich zu
sein.

In einem halbdunkeln verrucherten Kaffee spt am Abend trafen wir uns
wieder. Brandt erwartete mich mit Dr. Geier, seinem Schwager, dem Fhrer
der sterreichischen Sozialdemokratie, und einem Kreis von
Parteigenossen, die mitten in einer Debatte jh verstummten, als ich
eintrat. Sie hatten sich offenbar gezankt, was ich mit der ganzen
Empfindlichkeit der Frohgelaunten sofort empfand. Man stand auf, man
begrte mich, aber meine Anwesenheit wirkte sichtlich strend. Eine
kleine brnette Frau mit glnzenden braunen Augen fhlte das Peinliche
der Situation und zog mich auf einen Stuhl neben sich.

Ich bin Adelheid Popp, sagte sie einfach, ich habe mich so an Ihrem
Vortrag gefreut und wnschte nur, unsere Arbeiterinnen htten ihn hren
knnen. Das htte ich auch gewnscht, -- er wre dann besser gewesen,
antwortete ich. Ihre Augen lachten mich an. Wissen Sie was?! rief sie
lebhaft. Wiederholen Sie ihn in einer Volksversammlung! Mit freudiger
Zustimmung schlug ich in die dargebotene kleine, warme Hand. Aber
garantieren kann ich nicht, da es derselbe Vortrag wird! Wir
vertieften uns in ein Gesprch, und ich erfuhr, da diese zierliche Frau
eine arme Arbeiterin gewesen war, von dem Augenblick an aber, wo sie der
Sozialismus gewonnen hatte, zu einer begeisterten Vorkmpferin der
Arbeiterbewegung sich entwickelt habe. Ganz anders war sie wie unsere
deutschen Frauen: heiter und gutmtig, ohne eine Spur jener steifen
Zurckhaltung, die daheim all meinem Entgegenkommen zu spotten schien.
Sie sollen mal schauen, was in Wien eine Volksversammlung heit!

Das Gesprch der anderen hatte indessen da wieder angeknpft, wo ich den
Faden zerrissen hatte. Ich hrte zu.

Ist es nicht unerhrt fr einen praktischen Politiker, sich auf Seite
der breslauer Hundertachtundfnfzig zu stellen und einen blutleeren
Theoretiker wie Kautsky zu verteidigen?! rief Brandt, whrend die
dunkeln Brauen sich ihm eng zusammenzogen und die Augen dem Gegner
zornig entgegenblitzten.

Bist du vielleicht in deiner gegenteiligen Stellung zur Agrarfrage
weniger Theoretiker als er?! spttelte Geier. Die Gter, auf denen du
dir die Sporen des Praktikus verdient hast, liegen doch auf dem Monde!
Mit einer entschuldigenden Gebrde wandte er sich mir zu. Verzeihen
Sie, wenn wir uns auch in Ihrer Gegenwart noch mit so uninteressanten
Dingen beschftigen --

Sie brauchen sich vor mir nicht zu entschuldigen, antwortete ich,
mich haben die Verhandlungen des breslauer Parteitags lebhaft
interessiert, und da ich leider bis heute noch nicht wei, auf welcher
Seite ich stehe, so hre ich Debatten wie den Ihren besonders gerne zu.

Und nun wogte der Streit wieder hin und her. Brandt verteidigte die von
der Mehrheit des breslauer Parteitages abgelehnten Vorschlge der
Agrarkommission, als notwendige Forderungen der Gegenwartspolitik, als
ein erfreuliches Zeichen fr die wachsende Erkenntnis, da eine Partei
von der Gre der deutschen Sozialdemokratie die Interessen weiterer
Volkskreise vertreten msse, als nur die der Industriearbeiter.
brigens, was zanken wir uns, lieber Viktor? meinte er schlielich und
warf mit einer hochmtigen Geste den Kopf zurck. Du wrst der Erste,
die Vorschlge nicht nur zu akzeptieren, sondern selbst zu machen und
gegen alle Welt zu verteidigen, oder -- wie Schnlank treffend sagte --
eine Revision der Vorstellungsweise in der Partei herbeizufhren, wenn
du in die Lage versetzt wrdest, Landagitation treiben zu mssen.

Geier hieb wtend auf den Tisch, da die Tassen klirrten und der
Kellner, der verschlafen an einer Sule lehnte, erschrocken die Augen
aufri und dienstfertig die Serviette schwenkte. Da liegt doch gerade
der Hase im Pfeffer: ich bin eben nicht in der Lage und Ihr, trotz
Eurer anderthalb Millionen Stimmen auch nicht! Konzentriert doch Eure
Werbekraft auf die Millionen Lohnarbeiter, die Euch noch fehlen, und
lat Eure Enkel sich ber die hhere Bauernfngerei den Kopf zerbrechen!
Was du praktisch nennst, ist eben unpraktisch im hchsten Grade. Das
Aufrollen dieser schwierigen und gnzlich unaufgeklrten Fragen, -- ob
die Konzentration des Kapitals in der Landwirtschaft sich nach denselben
Gesetzen vollzieht wie in Industrie und Handel oder nicht, ob wir daher
mit der Proletarisierung der Bauern oder mit der Vermehrung der
lndlichen Kleinbetriebe zu rechnen haben werden, -- all das noch dazu
auf einem seiner ganzen Zusammensetzung nach inkompetenten Parteitag,
ist nur geeignet, die Parteigenossen zu verwirren. ber theoretischem
Geznk, das Ihr Reichsdeutsche so liebt, wird ein gut Teil praktischer
Arbeit zum Teufel gehen --

Und glaubst du etwa, die Annahme der lendenlahmen Resolution Kautsky,
die die Agrarfrage doch nicht aus der Welt schafft, sondern ihre Lsung
nur auf die lange Bank schiebt, wird dies Geznk verhindern? Im
Gegenteil! Die Bebel und Schnlank und David werden sich nicht mundtot
machen lassen, entgegnete Brandt.

Geier schttelte rgerlich den groen Kopf mit den wirren blonden
Haaren. Bebel wird sich dem Beschlu des Parteitages fgen; -- die
anderen freilich, geborene Krakehler, getrieben durch den eigentlichen
geheimen Generalstabschef des ganzen Feldzuges, Vollmar, werden die
Parteidisziplin ihrer Rechthaberei opfern.

Die Diskussion der leidenschaftlichen Mnner fing an, mich zu
beunruhigen, -- nicht ihrem Inhalt, wohl aber ihrer Form nach. Ich hatte
Brandt noch nie so erregt gesehen, und etwas wie Furcht befiel mich.
Kurz entschlossen erhob ich mich.

Verzeihen Sie, wenn mein Weggehen Sie strt wie mein Kommen, aber ich
bin sehr mde. Alles brach auf, sichtlich erleichtert. Kalter Regen,
mit kleinen spitzen Schneeflocken gemischt, schlug uns ins Gesicht, als
wir heraustraten. Menschenleer war's in den engen Gassen. Ist das
wirklich Wien, die Kaiserstadt? dachte ich frstelnd. Geier und Brandt
begleiteten mich; wir verabredeten allerhand fr den nchsten Tag. Ich
erzhlte von den verschiedenen Einladungen, die ich bekommen hatte.

Zu den Protzen werden Sie doch nicht gehen, die nur Staat mit Ihnen
machen wollen?! Brandts Stimme klang grollend, wie ferner Donner, und
sein Blick ruhte beinahe drohend auf mir. Und doch erschrak ich nicht;
es lag im Ton etwas, das mir das Blut in Wallung brachte, etwas, das
klang, wie ein Besitzergreifen. Bist du Frau von Glyzinskis Vormund?
brummte Geier.

Verzeihen Sie mir meine Heftigkeit --, flsterte Brandt, und im
raschen Wechsel seines Mienenspiels hatte seine Stirn sich wieder
geglttet, war sein Auge wieder klar geworden. Ich senkte stumm den
Kopf.

Zgernd, als fesselten sie magnetische Krfte, glitten unsere Hnde
auseinander. Er betrat mit mir das Hotel. Du -- wohnst auch hier?!
sagte Geier berrascht.

Ich schlief nicht in dieser Nacht. Es lag schwer und dumpf auf mir, und
ich wollte -- wollte nicht denken.

Wir fuhren am nchsten Morgen zusammen nach Schnbrunn.

Alle Einladungen hatte ich abgelehnt.

Graue Sptherbststimmung beherrschte die Natur. Die letzten Bltter
rieselten von den Bumen, ohne da ein Windhauch sich regte.

Im freien Walde sind selbst die dunkeln Tage schn: des Laubes beraubt,
reckt sich nackt und kraftvoll das starke schwarze Gest gen Himmel, ein
wundervoller Teppich vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Rot in halb
verblichenen weichen Farben spielend, breitet sich unter ihm aus. Aber
die Grten, die des Menschen Kunst gestaltet, starren uns an wie der
Tod. Sie leben nur, wenn im Rasenteppich die bunten Beete blhen, wenn
das Laub der geschnittenen Hecken und der Kugelbume die armen krummen,
um ihr natrliches Wachstum betrogenen stchen dicht umkleidet, wenn von
den Terrassen herunter, aus den Tritonenbecken empor das Wasser rauscht
und springt, und die Sonne sich lachend in den Scheiben der
Schlofenster spiegelt. Dann spielen, wie groe Schmetterlinge, Kinder
in hellen Kleidern auf den breiten gelben Kieswegen, soda der Garten
voll Freude sogar der schnen Damen in Reifrock und Puderpercke
vergit, die einst mit dem grazisen Geschwtz ihrer roten Lippen und
dem lustigen Klappern ihrer Stckelschuhe seine Gnge belebten.

Heute waren wir allein, zwei graue Gestalten, zwischen bltterlosen
Laubengngen und schlafenden Fontnen.

Sie sind so bla, sagte Brandt, der Heimweg gestern im Schnee hat
Ihnen geschadet --. Ich schttelte den Kopf. Meine Roheit hat Sie
verletzt? Ich sah zu ihm auf, aber das Lcheln, das ich ihm zeigen
wollte, erstarb mir auf den Lippen. So mde, so traurig war sein Blick.
In dem meinen blieb er hangen. Es war wie ein Abschiednehmen.

Ich habe es mir berlegt, stunden-, nchtelang, kam es tonlos ber
seine Lippen, ich mu fort von Berlin -- mit meiner Fr ... --, er
stockte, mit Rosalie --, verbesserte er sich hastig, bis -- bis die
Entbindung vorber ist. Es ist besser, -- besser fr uns alle.

Ja, sagte ich, die Kehle schnrte sich mir zusammen.

Dann gingen wir. Wo waren wir doch nur noch an diesem Tage? Ich entsinne
mich nicht. Meine Augen nahmen Bilder auf, von denen meine Seele nichts
wute.

Spter trafen wir wieder irgendwo in einem Kaffee mit Geier zusammen. Es
kamen noch allerlei Menschen, die ich an meinem Vortragsabend gesehen
hatte, sie gingen mit khlem Gru und vieldeutigem Lcheln an uns
vorber.

Du siehst, hrte ich Geier leise sagen, whrend er mich in die Zeitung
vertieft glaubte, zum mindesten httest du nicht im selben Hotel mit
ihr wohnen drfen. Brandt fuhr auf. Flehend sah ich zu ihm hinber. Er
schwieg. Die Kellner brachten die Abendbltter. Na, da haben wir's ja,
rief Geier, nachdem er sie rasch berflogen hatte, und strzte mit einem
kurzen Gru davon in seine Redaktion.

Ich las. Aus Berlin wird uns soeben mitgeteilt: Nachdem seit einiger
Zeit die politische Polizei eine fieberhafte Ttigkeit entwickelte und
Haussuchungen umfassender Art bei fast allen bekannten Mitgliedern der
sozialdemokratischen Partei stattfanden, bringt der Reichs- und
Staatsanzeiger heute folgende Bekanntmachung: 'Es wird hiermit zur
ffentlichen Kenntnis gebracht, da nachstehende Vereine: die sechs
sozialdemokratischen Wahlvereine, die Prekommission, die
Agitationskommission, die Lokalkommission, der Verein ffentlicher
Vertrauensmnner, der Parteivorstand der sozialdemokratischen Partei
Deutschlands auf Grund des 8 des Versammlungs- und Vereinsrechts
vorlufig geschlossen sind.'

       *       *       *       *       *

Kurz vor der Volksversammlung, in der ich sprechen sollte, besuchte ich
Geier in seiner Redaktion, engen, halbdunklen Rumen im Souterrain eines
alten Hauses. Von fast undurchdringlichem Tabaksqualm war sein Zimmer
gefllt, das den merkwrdigen Mann, der grundhlich war und hinreiend
schn sein konnte, der stotterte und doch der glnzendste Redner war,
phantastisch umwogte. Ich habe nur eine kurze Frage an Sie, sagte ich,
-- nichts war ihm widerwrtiger, wie berflssiges Weibergeschwtz, --
ich mchte in die Partei eintreten, -- was halten Sie davon?

Er sah mich prfend an, von oben bis unten, strich sich mit der feinen
Hand den wirren rotblonden Schnurrbart und zuckte die Achseln. Bleiben
Sie drauen, antwortete er schroff, eine Krokodilshaut gehrt dazu, --
ich zweifle, da Sie die haben --

Und wenn ich Sie htte?!

Dann, -- ja dann tragen Sie wie wir Ihre Knochen auf den Markt der
Partei --. Er reichte mir mit kurzem Kopfnicken die Hand, -- ich war
entlassen.

       *       *       *       *       *

Und wieder stand ich auf der Rednertribne, vor mir ein groer Saal,
nchtern wie eine Scheune, von flackernden Gasflammen erhellt. Von
rechts und links strmten die Menschen herein: junge und alte Frauen in
Kopftchern und Schrzen, die verfrorenen roten Hnde andchtig
gefaltet, Mnner in Arbeitsblusen, tiefen Ernst auf den durchfurchten
Gesichtern. Sie richteten alle die Augen auf mich, staunend, fragend,
erwartungsvoll. Kopf an Kopf drngten sie sich um die schmale, niedrige
Stufe, die mich ber sie emporhob. Sie kauerten zu meinen Fen, eng
aneinandergeschmiegt: ein kleines Fabrikmdchen mit zerzaustem
Blondhaar, ein junger Mann mit den klassischen Rmerzgen des
Sdtirolers, ein altes Mtterchen, die welke Hand horchend hinter das
Ohr gelegt. Und mir war, als wlbe sich der niedrige Saal zum Dom; als
trten die Abgesandten der Menschheit durch seine hohen weitgeffneten
Pforten. Tiefe, demtige Andacht erfllte mich. Die Welt, die drauen
war, versank. Denen, die mich umringten, gehrte von dieser Minute an
meine Kraft und meine Hoffnung. Da ich mich ihnen gab: meinen Arm den
Schwachen, meine Beredsamkeit den Stummen, meinen an Gipfelwanderungen
gewohnten Fu den Lahmen, und den Blinden mein Auge, das die Befreiung
sah, -- das war dieser Stunde stilles Gelbnis.

Genossen und Genossinnen -- Hell und scharf, wie ein Schlachtruf,
klang meine eigene Stimme mir ins Ohr. Der Jubel der Menge umbrauste
mich, whrend ich weiter sprach. Das blasse Gesicht des kleinen
Fabrikmdchens vor mir fing an zu glhen, dem alten Mtterchen rollten
die Trnen ber die welke Wange und die klassischen Rmerzge des
Tirolers strafften sich in eiserner Energie.

Als ich geendet hatte, war es sekundenlang still, -- dann eine
Beifallssalve, zahllose Hndedrcke von schwieligen Fusten, und lauter
und lauter anschwellend der Kriegsgesang der Arbeitermarseillaise. In
ihrem Takt schob sich die Menge hinaus, auf der Strae klang sie fort,
zog mit den Wandernden rechts und links in die nachtstillen Gassen, und
auf dem ganzen Heimweg verfolgte mich ihre Melodie: aufreizend,
siegesbewut.

       *       *       *       *       *

Einen Tag spter als Brandt kam ich nach Berlin zurck. Er empfing mich
am Bahnhof, bleicher, bernchtiger als je. Wir fuhren zusammen nach der
Kleiststrae, wo wir nun schon zwei Monate wohnten, er mit seiner
Familie im Vorderhaus, ich im Gartenhaus, in den zwei kleinen Stbchen.
Wir konnten einander an der Mauer mit der Schweizer Landschaft vorbei in
die Fenster sehen. Oft, wenn er bei mir gewesen war, tauchte hinter den
weien Vorhngen drben ein Schatten auf, der mit gespenstischer
Schnelle sein Gesicht zu verdunkeln schien. Dann erhob er sich, sah mich
kaum an und verlie das Zimmer.

Rosalie will nicht reisen, mit mir nicht, erzhlte er whrend der
Fahrt. Sie behauptet, meine Nhe steigere nur ihr belbefinden, deshalb
habe sie sich entschlossen, allein zu gehen und zwar -- nach England.

Nach England? fragte ich erstaunt. In dieser Jahreszeit?! Hat sie
Freunde dort?

Niemanden! -- Die fixe Idee einer Schwangeren, sagt der Arzt.

Ich schwieg, auf das tiefste betroffen. Mir, dem Weibe, schien
sonnenklar, was ihre Beweggrnde waren. Das Recht der Abwesenden wollte
sie zur Geltung bringen, und ein instinktives Gefhl trieb sie nach
England --, woher ich gekommen war, wo ich, wie sie meinte, mir an
Kenntnissen und Interessen erworben hatte, was ihren Mann an mich
fesselte.

Der Wagen hielt. Ich komme gegen Abend hinber, sagte ich und
verabschiedete mich hastig vor der Haustr. Ich mute allein sein. Meine
Zimmer fand ich mit Blumen geschmckt, wie zu einem Fest. Der Herr
Doktor --, sagte die Aufwrterin mit slichem Lcheln und einem
vertraulichen Blick.

Schon gut --, unterbrach ich sie hastig und warf die Tre hinter mir
ins Schlo.

Was nun?! Sie durfte nicht fort. Wirklich nicht?! Ein kalter Schauer
lief mir ber den Rcken. War es Furcht? Oder nicht vielmehr Freude --
Freude, die wie ein orkangepeitschtes Meer alle Dmme berflutete, alles
Denken begrub?! Allein -- allein mit ihm -- tage-, wochen-, monatelang!
Ein ganzes Leben der Entsagung war kein zu teurer Preis dafr! Wenn sie
wiederkam, wrde ich gehen, -- aus seinem Gesichtskreis still
verschwinden, -- und zu ihr wrde er zurckkehren, -- zu ihr -- und dem
Kinde ...

Es klopfte. Frau Dr. Brandt lt gndige Frau zum Abendbrot bitten --
Ich komme --

Wir saen um den gedeckten Tisch: Brandt schweigsam, mit gerunzelten
Brauen, die beiden kleinen Knaben -- seine Shne aus seiner ersten Ehe
-- verschchtert und ngstlich von einem zum anderen blickend, ich, eine
Unterhaltung mhsam aufrecht erhaltend; sie allein schien lustig, fast
bermtig, ihre Augen flimmerten, ihre groen weien Hnde, die mir
immer vorkamen, als htten sie ein eigenes Leben, als wren sie junge
Raubtiere, -- bewegten sich ruhelos, streichend, klopfend, sich dehnend,
um sich gleich wieder zur Faust zu ballen, auf dem Tisch. Das Mdchen
kam und brachte einen Eiskbel mit einer Flasche Champagner. Brandt sah
mibilligend auf seine Frau. Wie kannst du, Rosalie, -- in deinem
Zustand!

Sie lachte.

Nur heute, -- wo wir ein Fest miteinander feiern und ihr dasitzt wie
lgtzen und nicht lustig seid, -- lustig wie ich! -- Trinkt, Kinder,
trinkt, so ein Abend kommt nicht so leicht wieder! Sie strzte das
erste Glas in einem Zug hinunter. Und dann sprach sie unaufhrlich,
fieberhaft. Von der Reise, die sie machen werde, von den Herrlichkeiten,
die sie dafr schon eingekauft habe -- drei seidene Kleider und Hte
dazu, und einen Rohrplattenkoffer fr zweihundert Mark, -- mach' keine
entsetzten Augen, Heinrich; ich wei ja, du bezahlst es gern, -- so
gern! --, von ihren Trumen. Ich sehe immer denselben Mann, der mir
winkt, zu dem ich hin mu, -- ihre Stimme sank und ihre Augen weiteten
sich, da das Weie unheimlich gro um die dunklen Pupillen stand --
und der mir helfen wird.

Trinken Sie nicht mehr --, bat ich erschttert und legte meine Hand
auf die ihre, die eiskalt war. Sie schttelte sie ab wie eine lstige
Fliege.

Sie glauben, ich sprche im Rausch?! sagte sie. Sie irren. Ich bin
nchtern, ganz nchtern, -- ich wei nur mehr als Sie, viel mehr, und --
und ich glaube an Trume!

Bist du denn nicht eiferschtig auf deinen Rivalen, zu dem ich reise?
Damit wandte sie sich mit einem lauernden Blick aus halb geschlossenen
Augen an ihren Mann.

Rosalie! sthnte er geqult. Rasch stand ich auf. Ich konnte die
Blicke der Kinder nicht mehr ertragen.

Es ist schon zu spt fr euch, redete ich sie an und griff nach ihren
Hnden, kommt, -- ich bring' euch zu Bett. Sie lachten dankbar.

Ach, Tante, bring uns doch immer zu Bett! flsterte der lteste, als
er in den Kissen lag, und seine melancholischen Zigeuneraugen sahen mich
flehend an. Und morgen, bitte, bitte, erzhl uns eine Geschichte,
fgte der Jngste hinzu und richtete sich im Bett noch einmal auf.

Indessen war es im Wohnzimmer zu einer heftigen Szene gekommen. Rosalie
lag schluchzend auf dem Diwan. Er will mich nicht reisen lassen, er
will mich umbringen, -- mich und das Kind, schrie sie. So mige dich
doch, um Gottes willen! beschwor sie Brandt mit einem Blick auf die
Glastr, hinter der sich der Schatten des Mdchens hin und her bewegte.
Sie achtete nicht auf ihn, ihre Stimme wurde nur noch lauter und
heftiger. Ich halte es nicht mehr aus, -- ich mag deine Bevormundung
nicht, und deine schlechte Laune. Ich laufe davon -- Und ihr Schluchzen
wurde zum Weinkrampf.

Der Arzt wurde geholt. Sie mssen ihrem Willen nachgeben, wenn Sie
nicht das schlimmste riskieren wollen, entschied er schlielich.
Natrlich darf sie nicht ohne Pflegerin reisen, -- ich kann Ihnen eine
empfehlen, auch eine gute deutsche Pension in London.

Schon am nchsten Morgen kam Rosalie zu mir, um Abschied zu nehmen. Sie
war vllig verwandelt, weich, freundlich, ruhig. Es war fast ein
strahlendes Lcheln, mit dem sie mir im Weggehen sagte: Nun wei ich
gewi: Alles -- Alles wird gut werden.

Wie unter dem Zwang einer stillschweigenden Verabredung sahen Brandt und
ich uns in der nchsten Zeit selten und nie allein. Ich a drben bei
ihm mit den Kindern, nahm sie mit bei meinen Ausgngen und sorgte fr
sie, soviel mir an Zeit dafr brig blieb. Mit wehmtiger Freude sah
ich, wie sie tglich mehr an mir hingen und mit all ihren kleinen
Wnschen und Kmmernissen zu mir kamen. Weihnachten stand vor der Tr.
Einen richtigen Weihnachtsbaum machst du uns, Tante, nicht wahr?
bettelte Wlfchen, der Jngste. Im vorigen Jahr war er man soo klein.
Ich mchte am liebsten zur Mutter fahren, -- wie ganz frher, meinte
Hans, der lteste, und seine Augen schimmerten feucht. Zur Mutter --?!
staunte ich.

Nun ja, du weit doch, unsere richtige Mutter wohnt weit, weit weg in
Wien, plauderte Wolf; sie ist immer krank. Aber im Sommer, da drfen
wir sie besuchen, wenn sie in Schruns ist oder in Klobenstein -- Die
Rosalie ist gar nicht mit uns verwandt, aber auch gar nicht, unterbrach
ihn Hans eifrig, und mit einem fragenden Blick auf mich fuhr er zgernd
fort: Unsere Marie sagt, sie kommt nicht wieder und -- und du bleibst
bei uns?!

Ich blieb ihm die Antwort schuldig. Jher Schreck lhmte mir die Zunge.
Ich hatte Brandt nach seiner ersten Frau nie gefragt, hatte geglaubt,
sie sei frh gestorben. Welche Schicksale lasteten auf dem Mann, den ich
liebte -- tglich verzehrender, sehnschtiger --, und rissen die jungen
Seelen dieser Kinder in ihren Wirbeltanz?!

Zrtlich zog ich die Knaben in meine Arme: Seid brav, recht brav, da
der Vater sich an euch freut, dann sollt ihr einen Weihnachtsbaum haben
wie noch nie!

Mit glhendem Eifer, der mich alles andere vergeben lie, bereitete ich
das schnste Fest des Jahres vor. Freude wollte ich um mich verbreiten,
lauter berschwengliche Freude. Mit dem Geld, das ich mir von Brandt fr
seine Kinder erbat, und das er mir verwundert gab -- er hatte an
Weihnachten gar nicht gedacht --, und den Goldstcken, die mir ein paar
Artikel eben eingetragen hatten, kaufte ich einen ganzen Jahrmarkt voll
Spielzeug; und Pfefferkuchen und Marzipan und Schokolade, dazu Schrzen,
Bnder, und ein himmelblaues Kleid fr das Dienstmdchen, das mich mit
ihren kleinen blanken Augen immer so lustig anlachte. Am Morgen des
Weihnachtstages schlo ich mich im Ezimmer ein und putzte die groe
duftende Edeltanne mit lauter blitzendem Kram, mit roten Rosen und
bunten Lichtern. Leuchten sollte sie wie das lebendig gewordene Glck.
Vielleicht wird sie ihm ein einziges frohes Lcheln entlocken! dachte
ich.

Nachmittags mute ich zuerst zu den Eltern. Es wurde frh beschert, weil
alle Familienmitglieder bei Onkel Walters geladen waren. Im Salon stand
wie immer der Baum: farblos, schneewei, sehr khl, sehr vornehm. Und
davor unsere Tische, beladen mit Geschenken. Der Vater hatte sich einmal
wieder nicht genug tun knnen. Er war in letzter Zeit fr mich von einer
Gte, die mir wehe tat, weil ich wute, da sie nur einer Tuschung ihr
Dasein verdankte. Meine wiener Volksversammlungsrede hatte die deutsche
Presse ignoriert, auch sonst mute es ihm scheinen, als zge ich mich
mehr und mehr zurck. Was ich fr die Tagespresse schrieb, -- ich fing
damals an, auch am Vorwrts gelegentlich mitzuarbeiten --, erschien
ohne meine Unterschrift; die wesentlich literarisch-kritischen Artikel
in den Wochenblttern hatten meist seinen Beifall. Ich wollte dir
handgreiflich zeigen, wie zufrieden ich mit dir bin, -- damit
entschuldigte er gleichsam die Flle der Gaben. Da ich das weie Kleid
und den Spitzenschal und die seidenen Strmpfe und zierlichen Schuhe mit
solcher Freude empfing, weil ich allein dessen gedachte, fr den sie
mich schmcken sollten, -- er ahnte es nicht! Nur die Mutter hatte schon
hie und da mitrauisch nach Brandts Gattin gefragt, wenn sie ihn allein
bei mir traf, und zuweilen war uns die Schwester begegnet und hatte uns
mit vielsagendem Lcheln begrt.

Der Vater wollte mich durchaus nicht heimgehen lassen, wollte bei Onkel
Walters absagen: Wenn sie meine Tochter nicht haben wollen, so mgen
sie auch auf mich verzichten. Es kostete Mhe, ihn umzustimmen.

Ich bin ja nicht allein, sagte ich schlielich -- sehnschtig dachte
ich an die erwartungsvollen Knabengesichter, an den stillen Abend mit
ihm --, ich mu noch zur Bescherung im Kinderheim, dabei wandte ich
den Kopf dunkel erglhend zur Seite.

Endlich konnt' ich gehen. Und mein bunter, lustiger Weihnachtsbaum
funkelte und sprhte, ein Fanal der Freude, ein Sonnwendfeuer, ein Gru
an das steigende Licht. Der Jubel der Kinder klang durch die Rume. Du
-- du Zauberin, flsterte eine tiefe Stimme mir ins Ohr.

Still und feierlich, in ihr weiches glitzerndes Schneekleid gehllt,
erwachte die Erde am nchsten Morgen. Der Arbeitslrm des Alltags war
verstummt, und Rderrollen und Menschenschritte klangen gedmpft auf dem
Winterteppich. Es war Feiertag.

Und im Festgewand stand ich und wartete dessen, der kommen mute.

Mein Herzblut, das ich bereit war, restlos fr ihn zu vergieen, hatte
es mit roten Rubinen bestickt, Schnre, an denen die Trnen meiner
Sehnsucht schimmernd gereiht waren, schmckten mir den Nacken, mit
Smaragden der Hoffnung waren die seidenen Schuhe besetzt an meinen
Fen, die ihm entgegengingen, und auf meinen Armen, die ihn umfassen
wollten, funkelten, alle Farben und allen Glanz der Welt in sich
vereinend, die Diamanten meiner Leidenschaft. Und er kam, er sah mich,
-- und die armen kleinen Liebesworte schmten sich ihrer millionenfachen
Entweihung und verstummten.

Nicht wie die Tage, die wie Kugeln am Zhlbrett gleichgltig rechnend
weiter geschoben werden, waren die jenes sonnendurchleuchteten Winters.
Die Nacht gebar einen jeden als Wesen gttlicher Art, ewigen Lebens
voll. Hoch ber die Erde trugen sie uns auf starken Flgeln, und mochte
drunten riesenhaft die schwarze Gestalt der Schuld die Arme drohend
gegen uns recken, -- wir sahen sie nicht. -- Bis einer kam, der hlich
war und neidisch, und mit Faustschlgen an der Tre uns weckte aus
unserem erdenfernen Liebestraum.

Wir kehrten vom Wannsee zurck, wo wir unter blauem Himmel auf
spiegelglattem Eis gemeinsam unsere Kreise gezogen hatten. Mit
ngstlichem Gesicht hielt die gute Marie uns einen Brief entgegen.
Rohrpost -- und Rosaliens Schrift -- Heinrichs Gesicht entfrbte sich.
Ich bin in Berlin und ersuche dich, mich vom Hotel aus abzuholen. Unser
Kind soll im Vaterhause geboren werden, schrieb sie. Noch am Abend traf
sie ein. Ich sah ihren dunklen Schatten hinter den Vorhngen. Ich wute,
was er mir bedeutete: kein Verzichten nach kurzem gestohlenem Glck, wie
ich es einst geglaubt hatte, sondern Kampf um den Einsatz des ganzen
Lebens. Mit dem Recht der Liebe gehrte Heinrich mir. Alles andere
Recht ist nur verschleiertes Unrecht.

Sie verlangte meinen Besuch. Ich fand sie im Bett liegend, vollkommen
ruhig, whrend die Pflegerin damit beschftigt war, das Zimmer
umzurumen. In vierzehn Tagen etwa erwarte ich, sagte sie nach
gemessener Begrung, Heinrich ist natrlich sehr unglcklich, da ich
ihn jetzt schon ausquartiere, mit spttischem Lcheln sah sie zwischen
uns hin und her. Ich verabschiedete mich so rasch als mglich und nahm
mir vor, diese Komdie freundschaftlicher Besuche nicht weiter zu
spielen.

Da es jetzt fr mich an der Zeit gewesen wre, zu gehen, fern von
Berlin in aller Stille die Entwicklung der Dinge abzuwarten, -- das
fhlte ich instinktiv. Aber die Leidenschaft, die mich beherrschte,
machte mich taub fr die leisen Stimmen meines Inneren. Ich konnte ja
gar nicht fort, beruhigte ich mein Gewissen, ich hatte kaum die Mittel,
um zu leben, wie viel weniger, um zu reisen, -- ich war gerade jetzt
unentbehrlich in Berlin, wo der Konfektionsarbeiterstreik tglich
ausbrechen konnte.

Es kamen auch viele einsame Stunden, wo meine Phantasie bse Trume
spann: Ich sah ein winziges Kinderhndchen von unheimlicher Kraft, das
mir den Geliebten entreien wollte. Nein: ich konnte nicht fort!

Er besuchte mich seit Rosaliens Rckkehr nur selten. Sie hatte ihr Bett
und ihren Stuhl am Fenster so gestellt, da sie zu mir herbersehen
konnte. Auch einen kleinen Spiegel hatte sie anbringen lassen, durch den
ihr niemand entging, der den Hof betrat. Oft, wenn ich das Haus verlie,
um ihn zu treffen, war mir, als verfolge mich dies glnzende runde Ding
mit dem bohrenden Auge darin durch alle Straen. Zuweilen bemerkte ich
auch, wie die Pflegerin, eine Johanniterschwester mit einem
ausgemergelten fanatischen Asketengesicht mir von ferne nachschlich. Im
Traum sah ich sie dann auf meinem Bette sitzen und mit hungrigen Augen
die Schrift glutheier Liebe lesen, die mir im Herzen geschrieben stand.

Wir whlten immer andere Orte fr unsere Zusammenkunft: kleine
Weinstuben, stille Konditoreien, wo es nach saurem Wein und altem Kuchen
roch und die Kellner die Wissenden spielten. Es war so widerwrtig, da
wir es schlielich vorzogen, in Wind und Wetter drauen im Wald zu sein,
wo reine Luft unsere Stirnen khlte. Einmal fhrte uns der Weg durch den
Wald nach Paulsborn. Dicht lag der Nebel ber dem See, ein feiner Regen
stubte vom Himmel. Er hatte mit seinem Arm seinen Mantel auch um mich
geschlungen.

Vergi mich, Alix, wenn du kannst, sagte er, la den armen Kerl
laufen, der allen Unglck bringt, die ihm zu nahe kommen.

ngstlich forschte ich in seinen verschlossenen Zgen. Willst du, da
ich gehe? frug ich mit Betonung.

Er zog mich fester an sich. Ich mte es wollen, um deinetwillen! Und
doch, wenn ich mir vorstelle, du ttest es -- lieber brcht' ich dich
um! Zrtlich drckte ich meine Wange an seine Schulter. Wenn das der
Tod ist, den ich allein zu frchten habe, so werd' ich ewig leben.

Weit du denn auch, was dir bevorsteht --? Ja, lchelte ich, dein
Weib werde ich sein, dein glckseliges Weib!

Glaubst du so sicher, da sie in die Scheidung willigt, da sie nicht
vielmehr alles tun wird, um dich, um uns zu verderben?

Ich dachte schaudernd ihrer lauernden Blicke und ihrer Raubtierhnde.
Aber ich verscheuchte das Angstgefhl, das mich zu unterjochen drohte.

Nur die Trennung von dir wre mein Verderben, und die erzwingt sie
nicht. Dir werd' ich gehren, auch wenn ich's vor der Welt nicht darf!

Sie werden alle mit Steinen nach dir werfen --

Hast du mich lieb, bin ich unverwundbar --

Strker strmte der Regen, dicht ber den schwarzen Kiefern schienen die
Wolken zu lagern. Am warmen Ofen im Wirtshaus trockneten unsere Mntel.
An Heimkehr war zunchst nicht zu denken. O, da eine Sintflut uns
umschlsse wie eine Insel und kein Schiff den Weg zurckfnde in die
Welt!

Kaum ein Jahr ist es her, da ich Rosalie heiratete, begann er
nachdenklich, wie heller Wahnsinn erscheint mir heute, was ich tat. In
zarter Rcksicht hast du, Gute, nie gefragt und hast doch ein Recht,
mehr von mir zu wissen, als da ich dich liebe. Nach sechsjhriger Ehe,
-- Jahren steigender Qualen, in denen wir uns immer weiter voneinander
entwickelten, -- verlie mich meine erste Frau. Ich htte es ihr lngst
verziehen -- sie litt ja wie ich! --, aber da sie die beiden kleinen
Kinder im Stiche lie, das begriff ich nicht, werde es nie begreifen. Im
Scheidungsproze wurden sie mir zugesprochen. Und nun begann ein Leben
dauernder Aufregung. Wohl zehnmal am Tage, wenn ich im Redaktionsbureau
sa, packte mich die Angst um die Kleinen. Ich sah sie von den
unzuverlssigen Wrterinnen unbeaufsichtigt gelassen, von der Mutter
heimlich entfhrt, und fuhr gehetzt zwischen der Wohnung und dem Bureau
hin und her. Stndig war ich auf der Suche nach jemandem, dem ich die
Kinder anvertrauen konnte. Ich klagte meine Not einem Freunde. 'Ich
wte eine Dame, mit der Sie das groe Los ziehen wrden,' sagte der,
'aber sie wird eine Stellung kaum annehmen wollen. Sie ist reicher Leute
einziges Kind, ist aus Liebe zur leidenden Menschheit Krankenpflegerin
geworden, und dabei die schnste Frau der Welt.' Ich war wie
elektrisiert. Er mute mir Namen und Adresse nennen, und in der nchsten
Stunde schon war ich bei ihr. Wie ein Geschenk des Himmels schien es
mir, da sie ohne viel berlegung ja sagte. Sie war gut zu meinen
Kindern. Ich konnte ruhig arbeiten. Ich fand ein behagliches Zuhause,
wenn ich heimkam. Da sie weder die schnste Frau der Welt, noch reicher
Leute Kind war, sondern irgendwo im Osten in einer Tagelhnerkate das
Licht der Welt erblickt hatte, war mir eher willkommen, als da es mich
enttuscht htte. Ihre Vorliebe fr seidene Kleider, auf die sie all
ihren Verdienst verwandte, mochte das Mrchen um sie gesponnen haben.
Ich lie es geschehen, da -- da sie mich liebte. Ich hatte Jahre und
Jahre jede Liebe entbehrt und hielt nun meine Dankbarkeit fr Liebe. Nur
daran, mich zu fesseln, dachte ich nicht. Zu schwer lastete die
Erinnerung an die Ehe auf mir. Da warf mich ein heftiges Nervenfieber
aufs Krankenlager. Und whrend ich noch matt und elend zu Bette lag,
erklrte mir Rosalie, mich noch am selben Tage verlassen zu wollen, wenn
ich ihr nicht die Heirat versprche. Ich war emprt, aber viel zu
schwach zu energischem Widerstand. Ich dachte an meine Kinder. Sie ging
schon am nchsten Tage mit unseren Papieren aufs Standesamt, um das
Aufgebot anzumelden. So wurden wir Mann und Frau --. Er schwieg. Und
trotz alledem wirst du mich lieb behalten? fragte er dann leise.

Wenn du mich lieb behltst nach meiner Beichte, antwortete ich und
erzhlte ihm von meiner Jugendliebe. Weit du -- sagte ich zum Schlu
trumerisch, whrend seine Hand leise die meine streichelte, mein Herz
ist wie die Erde: ohne den Frhling wre der Sommer mit seiner glhenden
Sonne und seinen voll erblhten Rosen nicht gekommen. Und darum werde
ich noch im Winter an ihn denken mssen.

Spt kamen wir nach Hause. Vor dem Tore stand die Johanniterschwester.
Wie Fledermuse flatterten ihre schwarzen Haubentcher im Wind.

An meiner Tr empfing mich die Aufwrterin mit grinsender
Untertnigkeit. Herr Reinhard ist da, sagte sie, ich wute nicht, da
gndige Frau so lange fort bleiben wrden -- bei dem Wetter. Ich hrte
seine Krcke hart und heftig aufschlagen.

Fast wre ich wieder gegangen, grollte er, ich -- er legte starken
Nachdruck auf dies 'ich' -- ich habe keine Zeit, um Ausflge zu
machen.

Verzeihen Sie, da Sie warten muten. Htten Sie mir Ihren Besuch mit
einem Worte angekndigt --

Er lachte besnftigt. Schon gut -- schon gut! Wir wollen uns bei
Prliminarien nicht aufhalten. Die Entscheidung steht vor der Tr --, an
eine friedliche denke ich, nach der allgemeinen Stimmung zu urteilen,
nicht mehr. Werden wir auf Sie rechnen knnen?

Selbstverstndlich. Aber da Sie gerade jetzt, wo die ffentliche
Meinung sich mehr und mehr auf Seite der Arbeiter stellt, wo
einflureiche Kreise der Bourgeoisie ffentlich fr sie eintreten, an
einer befriedigenden Lsung verzweifeln, begreife ich nicht.

Welch ein Neuling Sie doch sind! Er schttelte verwundert den breiten
Kopf. Weil einigen brgerlichen Idealisten all das aufgedeckte Elend an
die Trnendrsen geht, darum, meinen Sie, werden die Unternehmer
nachgeben?! Wo der eigene Geldbeutel in Frage kommt, hrt die
Sentimentalitt auf. Immerhin: wir werden bis zum uersten warten,
und -- seine Lippen kruselten sich hhnisch -- hoffen. Bei der
miserablen Organisation, trotz der Hundearbeit der ganzen letzten
Monate, ist es kein Kinderspiel, die Verantwortung fr den Streik auf
sich zu nehmen.

Er erzhlte mir noch von den intimen Verhandlungen mit den Meistern der
Damenmntelkonfektion, von der mhseligen Ausarbeitung eines
detaillierten Lohntarifs, von den Plnen fr die nchste Zukunft, und
empfahl sich, nachdem ich ihm nochmals versprochen hatte, als Rednerin
berall zur Stelle zu sein, wo er mich wrde brauchen knnen. Mein
Gewissen schlug. ber dem eigenen Schicksal war ich nahe daran gewesen,
das Geschick der Hunderttausende zu vergessen. Schon waren Schriften
aller Art erschienen, die das Leben der Konfektionsarbeiter malten, wie
ich es oft genug gesehen hatte. Warum war keine von mir? Und in den
Versammlungen der brgerlichen Frauenvereine wurde pltzlich entdeckt,
da die Not der Arbeiterin grer war als die hherer Tchter, in der
Ethischen Gesellschaft wurden die Mittel zu ihrer Abhilfe lebhaft
debattiert. Und ich allein schwieg!

Von nun an fehlte ich nirgends mehr. Und ich fhlte: je weiter ich mich
von mir selbst entfernte, desto strker wurde ich. In einer Reihe groer
Versammlungen wurden die Forderungen der Konfektionsarbeiter noch einmal
klargelegt, ihre Lage beleuchtet, der sie Abhilfe schaffen sollten. Ich
war in den Feensaal gegangen, wo Martha Bartels sprach. Kaum, da ich
noch Einla fand, denn auf der Strae schon stauten sich die Menschen.
So viel Armut war wohl noch nie aus ihren dunklen Hhlen
hervorgekrochen. Und noch nie hatten sich so viel elegante Frauen in
ihrer nchsten Nhe befunden.

In dem tief eingewurzelten Gefhl, das noch immer hinter dem schnsten
Kleid die grte Respektsperson vermutet, drngten sich die Armen
schchtern an den Wnden entlang. Alte Frauen mit mden, rot gernderten
Augen standen auf, um seidenrauschenden Damen Platz zu machen. Keinen
Blick des Neides sah ich, keinen des Hasses. Als Martha Bartels sprach,
schlicht, fast nchtern, und ihnen die Geschichte ihres eigenen Leides
erzhlte, da weinten viele. Aber es waren nicht die fruchtbaren Trnen
der Erkenntnis, unter deren heier Flut die Kraft des Widerstandes
gedeiht, es waren die Trnen der Verzweiflung, die armseligen Tropfen,
die in den Kirchen flieen, wenn der Pfarrer von der Kanzel die
Ergebenheit in Gottes Willen predigt. Zorn und Leid stritten in mir:
Zorn, -- da Armut und Religion die Menschheit so um ihre Wrde hatten
betrgen knnen, Leid, -- da von dieser Menschen Kampfeslust und
Ausdauer Sieg oder Niederlage abhngen wrde.

Beim Ausgang traf ich meine Mutter. Mit einer Anzahl bekannter Damen
hatte sie der Versammlung beigewohnt. Sie waren alle erfllt von dem
Gehrten. Die Ruhe der Rednerin und der Zuhrer hatte den Eindruck nur
verstrkt.

In weitesten Kreisen, von den Nationalsozialen bis in die Reihen der
Konservativen hinein, schien das Interesse fr die Heimarbeiter rege zu
sein. Meine Mutter war voll Eifer; ich hatte sie um einer solchen Sache
willen nie so erregt, so lebhaft gesehen. Sie zwang mich frmlich, an
einer Zusammenkunft teilzunehmen, die am nchsten Tage bei einem
bekannten berliner Geistlichen stattfinden sollte.

Ich holte sie ab, um mit ihr hinzugehen, und fand selbst meinen Vater
voller Teilnahme. Da ist dein Platz, da kannst du was leisten, sagte
er, mir die Hand schttelnd, da findest du uns alle an deiner Seite,
wenn es gilt, den jdischen Konfektionren, diesen Menschenschindern und
Ausbeutern, das Handwerk zu legen. Eine hnliche Stimmung beherrschte
die Sitzung, wenn auch der Wunsch nach einer friedlichen Lsung des
Konflikts und die bestimmte Hoffnung auf seine Erfllung von dem
Einberufer sehr betont wurde.

Er berichtete von dem Komitee, das sich krzlich auf Anregung der
Ethischen Gesellschaft gebildet hatte, um zwischen den Arbeitern und den
Unternehmern eine Verstndigung anzubahnen. Mnner und Frauen der
verschiedensten Parteirichtungen, deren Namen in der ffentlichkeit
einen guten Klang hatten, gehrten ihm an. Man beschlo, sich ihm
gleichfalls anzuschlieen. Kommt es trotz alledem zum Streik, so
schaffen wir eine Hilfskasse, rief eine lebhafte kleine Dame, deren
Energie beim Durchsetzen ihrer Plne sie bekannt gemacht hatte. Man
stimmte ihr ohne weiteres zu. Wir mssen alle Geschfte boykottieren,
die die Forderungen der Arbeiter nicht bewilligen, erklrte eine
andere, und man berbot sich in steigender Erhitzung in Vorschlgen
zugunsten der Sache. Ich erinnerte mich im stillen des Streiks der
westphlischen Bergarbeiter. Auch damals sprach sich die ffentliche
Meinung, soweit sie mir zu Ohren kam, zugunsten der Kmpfenden aus, aber
sie tatkrftig zu untersttzen, daran wagte noch niemand zu denken. Also
doch ein Fortschritt?! Mein Optimismus regte sich wieder.

Ich berichtete Reinhard von dem Erlebten. Halten Sie die Leute vor
allen Dingen bei ihrem Untersttzungsversprechen fest. Alles andere ist
Mumpitz, sagte er. Und ich lief von einem zum anderen, und lie mir, wo
es irgend anging, schriftliche Zusicherungen geben. Inzwischen
arbeiteten im stillen auch die Vermittler, und zu gleicher Zeit sah ich
Martha Bartels und ihre Gefhrtinnen, wie sie unermdlich nach ihrer
eigenen Arbeit treppauf, treppab stiegen, um die Begeisterung fr den
Kampf anzufachen, der ihnen nicht nur unausbleiblich, sondern erwnscht
war. Sie schimpften laut und leise ber das Zgern und Warten der
Fnferkommission: Wir pfeifen auf alle Vershnungsduselei, bei der wir
doch nur den krzeren ziehen. Wir wollen eine ehrliche Entscheidung auf
dem Schlachtfeld. Die Ereignisse schienen ihnen recht zu geben.

Am Abend des Kaisergeburtstages kam ich durch die menschenwimmelnde
Friedrichsstadt. Nchtern wie immer glnzten die Tausende elektrischer
Birnen an den Geschftshusern, verschlangen sich zur Kaiserkrone, zum
W. II, und nirgends zeigten sich Spuren einer von Liebe befruchteten
Phantasie, die neue persnlichere Huldigungen htte schaffen knnen.
Irrte ich mich, oder waren die Fassaden der groen Konfektionshuser
sogar um einen Schein dunkler als sonst? Das Kaisertelegramm an den
Burenprsidenten Krger schien, so hie es, den Absatz deutscher Waren
nach England lahmzulegen. Und whrend Alldeutsche und Antisemiten
jubelten, ballten die Unternehmer die Fuste im Sack.

Die Versammlung, in die ich kam, bot ein anderes Bild als die letzte: es
war vor allem eine der Mnner. Und die Arbeiterinnen, die erschienen
waren, gehrten zu den besser Bezahlten, zu den Aufgeklrteren, den
Selbstbewuten. Etwas wie Siegeszuversicht schien sie zu beherrschen.
Sie wiesen mit Fingern auf die Herren im Gehrock und Zylinder, sie
tuschelten einander die Namen der Chefs und Zwischenmeister zu, die der
Einladung der Arbeiterkommission heute gefolgt waren, sie warfen
hochmtig den Kopf zurck, wenn einer von ihnen eine vertrauliche
Begrung zu wagen versuchte. Reinhard sprach. Er erluterte die
Forderungen der Arbeiter. Seinem Temperament tat er sichtlich Gewalt an.
Eisige Ruhe begleitete whrend der ersten Viertelstunde seine Rede. Dann
unterbrach ihn eine grhlende Stimme: Bezahlter Agitator --, das war
das Signal fr die anderen. Kein Satz blieb ohne Zwischenruf. Je
dunkler die Flecken auf Reinhards Backenknochen sich rteten, je mehr
die straffen Haarstrhnen ihm an den feuchten Schlfen klebten, und je
heftiger die knochigen Hnde ihm zitterten, desto lauter, roher,
unfltiger wurde das Gebrll der Zuhrer. Er sprach ruhig weiter -- von
den elenden Lhnen der Frauen, von ihrer sittlichen Gefhrdung. Sei man
stille, Quasselkopp, schrie dicht neben mir ein dicker Kerl, mit
Brillantringen auf den roten Wurstfingern, die Mchens wissen schon,
wofr wir jut zahlen. Alles lachte. Frag mal, von wo die Kleene da
ihren sen, roten Lockenkopp hat, rief ein anderer. Von de sittliche
Jefhrdung, brllte aus dem Hintergrund eine lige Stimme. Es war kein
Halten mehr. Man berbot sich in zynischen Witzen. Und die Frauen, die
vorhin so kampfbereit, so unnahbar schienen? Sie kicherten in ihre
Taschentcher, einige lachten kokett die rgsten Zotenreier an.
Reinhard schwieg erschpft. Die Diskussion war von der allgemeinen
Ulkstimmung beherrscht. Nur zuletzt, als es zur Abstimmung gehen sollte,
erhob sich einer der Meister, um eine Programmrede zu halten. Er sprach
vom Mittelstand, dem sittlich gesunden Kern des Volkes, der wahre
Religion und echtes deutsches Familienleben pflegt und hochhlt, und
den die Sozialdemokratie in ihrer Respektlosigkeit angesichts der
heiligsten Gter der Nation vernichten wolle. Auch dieser uns
angedrohte Kampf ist nichts anderes als ein Vorsto der Umsturzpartei
gegen die Staatsordnung, und zum Kanonenfutter lassen die Dummen unter
den Arbeitern sich gebrauchen. Wir aber stehen wie ein Fels im Meer; --
unter dem Bravogeschrei der Zuhrer warf er sich stolz in die Brust und
bewegte pathetisch die Arme. Wir sagen nein und abermals nein und
wissen, da wir trotz dem Geschrei der Gegner, trotz Streikdrohung,
immer noch so viel Arbeiter kriegen, als wir brauchen, -- und wenn wir
sie von den Hottentotten nehmen sollten.

Am Ausgang erwartete ich Reinhard. Ich sah, wie Martha Bartels, von
einer Schar lebhaft gestikulierender Frauen umgeben, erregt auf ihn
einsprach. Es ist kein Halten mehr, sagte er im Nhertreten. Nun
ist's aber auch hchste Zeit, rief ich, noch hei vor Entrstung. Wir
mssen das Eisen schmieden, solange es warm ist, -- in allen Kreisen
findet der Streik Untersttzung. Sachte, sachte, liebe Genossin,
wehrte er ab. Im Augenblick sind uns strkere Knppel zwischen die
Beine geworfen worden, als Ihre hilfsbereiten Damen aufheben knnen.
Wenn England die deutsche Konfektion boykottiert, so knnen wir
einpacken.

Der Termin fr die Antwort der Unternehmer wurde abermals
herausgeschoben. In den Arbeiterkreisen begann es bedenklich zu gren;
es gab Leute, die schon von Intrigen, Schmiergeldern und offenem Verrat
munkelten. In Hamburg, in Erfurt, in Stettin, in Breslau brach der
Streik aus, -- in Berlin zgerte man noch immer, scheinbar um dem
Vermittelungskomitee Zeit fr seine Verhandlungen zu gewhren, in
Wirklichkeit aber, um die Entwickelung der Dinge in England abzuwarten.
Man glaubte an einen Krieg, zum mindesten an einen wirtschaftlichen.
Endlich liefen, so zahlreich wie sonst, bei den groen Konfektionren
die Bestellungen ein; und in einer Versammlung der Ethischen
Gesellschaft wurde, zugleich mit einer rckhaltlosen Sympathieerklrung
an die kmpfende Arbeiterschaft, das vllige Scheitern der
Einigungsversuche mitgeteilt.

Im Bureau der Schneider-Gewerkschaft trat die Arbeiterkommission
zusammen. Es war wie im Hauptquartier eines Krieges. Wir empfingen die
Streikerklrung als unsere Parole und unseren Marschbefehl. In riesigen
Plakaten wurde die Bevlkerung am nchsten Morgen zu den Versammlungen
eingeladen, mein Name stand unter denen der vierzehn Referenten.

Ich sa mit meiner Rede beschftigt am Schreibtisch, als es drauen
zweimal heftig klingelte. Der Vater! -- Dein Name steht auf den
Litfasulen unter lauter Sozialdemokraten, brauste er mich an.

Du bist auf der Seite der Streikenden, wie ich wei, du selbst hast
mich ermuntert. Er lie mich nicht ausreden. Nicht um ein
ungesetzliches Vorgehen zu untersttzen, -- du mut deinen Namen
augenblicklich zurckziehen --. Er stierte mich an mit dem wilden
Blick, den ich so frchtete. Ich lehnte mich zitternd an den
Schreibtisch. Fahnenflchtig?! Nein! Wr' ich's, du wrdest dich bei
ruhiger berlegung meiner schmen mssen. Er umklammerte mein
Handgelenk. Soll ich mein Kind verlieren? stie er hervor, sein Atem
keuchte, die Augen traten aus den Hhlen.

Ich kann mein Wort nicht brechen, -- auch mir selbst gegenber nicht,
flsterte ich. Ein Ruck ging durch seinen Krper, meine Hand stie er
von sich, fate sich ein paarmal mit den Fingern an den Kragen, als
wrde er ihm zu eng, und schritt festen Schrittes, wortlos, der Tre
zu. Ich hrte sie zufallen, -- eine zweite knarrend sich ffnen, --
heftig ins Schlo zurckschlagen; ich lief ans Fenster: ein alter Mann
ging ber den Hof, sehr langsam, tief gebckt, schwer auf den Stock sich
sttzend. O, da er nur ein einziges Mal den Kopf noch wenden mchte, --
aber der starre Nacken bewegte sich nicht. Schluchzend brach ich
zusammen.

Alix! Heinrichs entsetzter Ruf brachte mich wieder zu mir. Er hatte
den Vater fortgehen sehen und war, alle Vorsicht vergessend, zu mir
geeilt. Wirst du heut abend sprechen knnen?! Gewi, -- nun bin ich
ja ganz -- ganz frei! Die Trnen waren versiegt, mir war, als lge mein
Herz zu Eis erstarrt in meiner Brust. Selbst der Geliebte kam mir
pltzlich fern und fremd vor.

       *       *       *       *       *

Fr die Kriegserklrung, die ich heute abzugeben hatte, war es die
rechte Vorbereitung: kein weiches Gefhl konnte mich berwltigen,
eiserne Entschlossenheit beherrschte mich. Zu _einer_ Riesenkraft wollte
ich die schwarze Menschenmasse vor mir zusammenschweien, von _einem_
unbeugsamen Willen beseelt. Und ich richtete die Palste der Unternehmer
vor ihren Augen auf, die ihre Arbeit gebaut hatte, und wies auf ihre
ppigen Tafeln, die ihr Hunger deckte. Ich zeigte ihnen die seidenen
Kleider ihrer Frauen und ihrer Mtressen, an denen der Schwei der
Arbeiterinnen klebte, und ihre Edelsteine, in denen das Augenlicht derer
gefangen war, die es in nchtlicher Arbeit verloren hatten. Ich fhlte:
schon war die Luft erfllt vor unsichtbarem Sprengstoff. Und nun sprach
ich von der kommenden Schlacht, die nichts sei als ein Teil des groen
Krieges zwischen unverschuldeter Armut und schuldbeladenem Reichtum;
sprach von alledem, was der Preis ihres Mutes, ihrer Ausdauer sein
wrde, und doch nur darum von unschtzbarem Werte sei, weil es sie
geistig und krperlich fhig mache, den Menschheitsfeldzug bis zu Ende
zu fhren. Eure Sache ist die Sache der ganzen Arbeiterschaft. Jede
Schwche von euch ist ein Verrat an ihr ...

Eine demagogische Hetzrede, sagte jemand, als ich die Tribne verlie.
Prachtvoll -- versicherte mir ein sozialdemokratischer
Reichstagsabgeordneter hndeschttelnd. Ich sah fragend um mich:
erstaunte, bewundernde, auch trnenfeuchte Blicke begegneten den meinen,
aber vom Fieberfanatismus der Kriegslust bemerkte ich nichts.
Verstndnislose Verlegenheit lag zum Teil auf den abgehrmten Zgen der
Frauen. Was hat sie gemeint? hrte ich flstern. Was sollen wir tun?
Und wie gerade die Damenmntel dann bezahlt werden, sagte sie nicht --
ob wir gleich in die Betriebswerksttten kommen? -- Mir sank der Mut.
Heinrichs Lob -- er hatte sich's nicht nehmen lassen, mich zu begleiten
-- schien mir von Mitleid diktiert.

Zu Hause fiel ich sofort in den Schlaf der Erschpfung. Mitten in der
Nacht fuhr ich entsetzt aus dem Traum; irgendein langgezogener Ton
weckte mich. Ich sprang aus dem Bett. Aus den Fenstern drben drang
helles Licht. Die Schatten vieler Menschen bewegten sich hastig hin und
her. Gellende Schreie klangen ber den Hof.

Jetzt -- jetzt wand sich das unglckselige Weib, das ich betrogen
hatte, in grlichen Schmerzen, -- und das Kind -- meines Geliebten
Kind! -- kam zur Welt. Kalter Schwei trat auf meine Stirne. Das
flackernde Licht von drben malte gespenstische Gestalten in mein
Zimmer. Ein groes Ungeheures beugte sich ber mich, die
zusammengekauert, frostgeschttelt am Fenster hockte. Es griff mir in
den Nacken mit spitzen Krallen, es wuchs -- wuchs, erfllte den ganzen
Raum -- die Wohnung -- das Haus -- die Welt. Ich bin die Schuld --
deine Schuld! gellte es in meinen Ohren mit dem letzten Schrei des
Weibes drben ...

Es steht gut -- Mutter und Kind sind wohl -- Heinrich stand vor mir,
leichenbla; aber du -- er sah mich erschrocken an, wie eine schwere
Krankheit lag die Nacht hinter mir, -- wenn du jetzt schon
zusammenbrichst, wo das Schwerste bevorsteht!

Nachdem ich das berstanden, gibt es nichts Schwereres --

Ich war in der nchsten Zeit fast nie zu Hause. Wenn ich frh erwachte,
mde, als htte ich kein Auge zugetan, so schien mir's, als stnde jenes
groe Ungeheure hinter mir, vor dem ich unaufhrlich die Flucht
ergreifen mute. Nur wenn ich drauen war, fern dem Bannkreis dieses
Hauses, wenn die Not der anderen, die der Streik aufdeckte und gebar,
sich zwischen mich schob und meine Schuld, atmete ich freier.

       *       *       *       *       *

Ich sa auf der Reichstagstribne, als die nationalliberale
Interpellation, die Lage der Konfektionsarbeiterinnen betreffend, zur
Verhandlung kam und alle brgerlichen Parteien ihr arbeiterfreundliches
Herz entdeckt zu haben schienen. Was noch kein preuischer Minister zu
denken gewagt hatte -- da eine Arbeitseinstellung berechtigt sein
kann --, das erklrte Herr von Berlepsch vor der deutschen
Volksvertretung angesichts dieses Streiks. Kein Zweifel: der
Riesenkampf, den die rmsten der Armen kmpften, wird kein vergeblicher
sein, eine neue ra sozialer Reformen bricht an. Und dem Verdikt des
Reichstags werden die Unternehmer sich beugen mssen. Ich verstand
nicht, warum der Redner der sozialdemokratischen Fraktion sich
angesichts dieser Kundgebungen so skeptisch uern konnte. Im ganzen
Reich wurde fr die Streikenden gesammelt. Neben den Bureaus der
Streikkommission, in denen Streikkarten ausgestellt und
Untersttzungsgelder gezahlt wurden, richteten brgerliche Vereine
Hilfsstellen ein, wo Nahrungsmittel und Kleidungsstcke zur Verteilung
kamen.

Stolz, oft bermtig in ihrer Hoffnungsfreudigkeit stellten sich in den
ersten Tagen die Streikenden ein. Von Untersttzung wollten sie nichts
wissen, nur ihre Karten lieen sie sich geben.

Wir halten aus, sagte ein junges, bleichschtiges Mdel, und ihre
Augen blitzten dabei. Die Unternehmer haben uns fr sich hungern
lassen, nun hungern wir mal fr uns selber -- und, ein Liedchen
trllernd, war sie wieder drauen. Selbst auf den Gesichtern alter
mder Frauen lag ein stilles Leuchten. Ein halbwchsiger Bengel, der in
Begleitung seiner Mutter kam, verkndete triumphierend: Wir arbeeten
jetzt for drei, damit Muttern feiern kann, und lchelnd streichelten
ihre zerstochenen Finger seine Wange: Nu kommen ooch janz andere
Zeiten!

Oft standen die engen Bureaurume gedrngt voll Wartender. Dann flogen
Witze hin und her; vom Meester erzhlten sie einander, der mit der
Ollen hnderingend in der leeren Bude stand. Noch janz anders soll
die Gesellschaft winseln! Lat man erst acht Tage ins Land jehen, denn
werden sie zu uns bitten kommen, rief ein krummbeiniges Schneiderlein.
Wir werden ihr Mores lehren, der Rasselbande! fgte zhneknirschend
ein anderer hinzu.

Allmhlich nderte sich das Bild: Blasse Frauen, die unsicher und
ngstlich blickten, mit Kindern auf den Armen und an der Schrze,
drngten sich um die Zahlstellen; das morgens angehufte Geld, das mir
unerschpflich schien, war jeden Abend wieder ausgegeben. Auch Mnner
kamen, Familienvter, mit zusammengepreten Lippen. Die Witze
verstummten. Finstere Entschlossenheit lag in dem Schweigen der
Wartenden. Aber immer noch traten welche an den Tisch, die nichts
verlangten, als die Ausfllung ihrer Streikkarten. Auch Frauen waren
unter ihnen. Eingesunkene Wangen, trockene Lippen, fiebrige Augen
sprachen vom Heldenmut der Hungernden. Verlegen schob sich wohl auch ein
junges Mdel durch die Tre und streckte die Hand nach dem Gelde aus.
Schmst du dir nicht! schrie einer einmal eine hbsche Brnette an,
mit Rosen auf dem kecken Filzhut, und ri sie unsanft zurck, hat noch
so'n Deckel auf'n Kopp und Glacnene an die Finger und will den ollen
Weibern das Brot nehmen?! Kam aber gar ein krftiger Mann, so hagelte
es emprte Schimpfworte: ein Verrter, wer in seinem Opfermut nicht bis
zum uersten ging.

Und dann kamen die Tage, wo sie in dichtgedrngten Scharen bis auf die
Strae hinunterstanden, und keiner mehr war, den der Hunger nicht
bezwungen htte. Viele schmten sich, da sie unterlegen waren; sie
wagten kaum den Kopf zu heben, wenn sie vor den Zahltisch traten.
Zusammengesunken erschienen andere vor Mutlosigkeit. Erreichen wir's?
flsterte fragend der eine, geben sie endlich nach?! der andere.
Trnenumflorte Augen richteten die Frauen auf uns, scheue Blicke voll
Zweifel und Mitrauen die Mnner. Und nichts als Schweigen, als
Achselzucken konnte die Antwort sein. Die Kassen fllten sich langsamer;
der aus rhrseliger Sentimentalitt entstandene Enthusiasmus
brgerlicher Kreise verpuffte wie ein Feuerwerk. Die Unternehmer hielten
aus; sie hatten noch immer genug zu essen. Und die Opferwilligkeit der
deutschen Arbeiterschaft fr die kmpfenden Brder hatte ihre uerste
Grenze erreicht.

Ich sah Reinhard nur flchtig. Die hektische Rte wich nicht mehr von
seinen Backenknochen. Er hatte keine ruhige Minute.

Wir sind am Ende, sagte er mir mit rauher Stimme, als wir uns in einem
der Streikbureaus wieder begegneten. Es traf mich wie ein
Peitschenschlag. Was hatte ich damals denen, die ich zum Streik aufrief,
als sicheren Lohn ihres Ausharrens in Aussicht gestellt! Wrden sie mir
jemals wieder vertrauen knnen?! Die Forderung der Betriebswerksttten
werden wir fallen lassen mssen --. Gerade das?! Die Hauptsache! rief
ich. Das einzige Mittel vielleicht, um dem Elend der Heimarbeit, um der
Ausbeutung der Zwischenmeister ein Ende zu machen! -- Gerade das. Wir
wollen froh sein, wenn sich der Lohntarif durchsetzen lt und der
Reichstag sein Versprechen einer durchgreifenden Gesetzgebung einlst.

Schweren Herzens kam ich an jenem Tag in das Bureau. Es war berfllt,
und lautes Stimmengewirr drang mir entgegen. Die Fhrer verraten uns!
rief einer. Wir knnen hungern, und sie stopfen sich die Taschen --,
brllte ein anderer. Ein paar keifende Weiber hieben mit Fusten auf den
Zahltisch: Betrger seid Ihr, -- Ausbeuter, -- schlimmer als die
Meister, schrien sie den Dahinterstehenden ins Gesicht, die das Geld
abzhlten. Wir haben nichts mehr --, flsterte einer der
Gewerkschaftsbeamten mir hastig zu, -- es war ein Ansturm
ohnegleichen. Ich lief die Treppe wieder hinab, sprang in die nchste
vorberfahrende Droschke und fuhr zur Zentralstelle der Ethischen
Gesellschaft. Heute, so hatte man mir mitgeteilt, sei eine betrchtliche
Summe eingelaufen. Ich lie mir geben, was zur Verfgung stand, -- es
war auch nur ein Tautropfen, der im Augenblick in der durstenden Erde
verschwinden wrde, -- und fuhr zurck, so rasch der arme Schimmel
laufen konnte. Vor dem Bureau stauten sich die Menschen. Ein paar
Polizisten hielten mhsam die Strae frei. Ich sprang aus dem Wagen und
versuchte mich vorzudrngen. Wat, so eene biste, da de erster Jte
fhrst? schrie mich eine rohe Stimme an, und eine Faust stie mich in
den Rcken. Ein paar Burschen, die nach Fusel rochen und mit den
Konfektionsarbeitern sichtlich nicht das Geringste zu tun hatten,
berschtteten mich mit unfltigen Redensarten. Ich versuchte, mir mit
ein paar Ellbogensten freie Bahn zu schaffen, whrend meine Hnde die
Geldtasche angstvoll umklammerten. So loof doch, loof -- wir werden dir
Beene machen, grhlten sie und ich fhlte ihre Fuste wieder auf meinem
Rcken. Ich schrie laut auf. Im Augenblick war ich von bekannten
Gesichtern umgeben, ich hrte noch ein paar Ohrfeigen rechts und links
und war halb getragen, halb geschoben im Zimmer.

Am Abend war auch das letzte Geld verteilt.

In diesem Augenblick der Not kam es zu einer berraschenden Wendung: ein
Teil der Zwischenmeister, emprt darber, da die Unternehmer ihnen alle
Schuld an den schlechten Lhnen zuzuschieben suchten, machten gemeinsame
Sache mit den Arbeitern, und die Fabrikanten, die nunmehr ernstlich in
Gefahr standen, die Einnahmen der Saison zu verlieren, die aber
andererseits auch genug von der Lage der Dinge unterrichtet waren, um zu
wissen, da die Streikenden das Ende ihrer Widerstandskraft erreicht
hatten, riefen offiziell die Vermittlung des Gewerbegerichts an. Die
Fnferkommission der Arbeiter, davon in Kenntnis gesetzt, zgerte nicht,
auch ihrerseits mit dem Einigungsamt in Verbindung zu treten. Im
Brgersaal des berliner Rathauses, vor einem vielhundertkpfigen
Publikum, kam es zur Verhandlung und zur endlichen Unterzeichnung eines
Vertrags, dessen wichtigste Bedingungen die Erhhung der Lhne und die
Gegenseitigkeitsverpflichtungen in bezug auf die Durchfhrung der
Lohntarife waren. Von den Betriebswerksttten war gar keine Rede mehr.

Die Streikleitung berief die Referenten zu einer neuen Sitzung. In
ffentlichen Versammlungen sollten wir das Ende des Streiks verknden.
Ich versuchte, mich frei zu machen. Wir haben Ihr Wort, Genossin
Glyzcinski, sagte einer der Fhrer mit scharfer Betonung. Wie kann ich
diesen Ausgang als einen Sieg verteidigen, wandte ich ein. Darber
mgen Sie denken, was Sie wollen, entgegnete Martha Bartels heftig,
hier haben Sie einfach Ihre Pflicht zu tun, wie wir alle. Flchtig
fuhr mir durch den Kopf, da ich aus meiner Welt dem Zwang der Pflicht
entflohen war, um meiner berzeugung zu folgen, aber ich fhlte mich
viel zu mde, um jetzt darber nachzudenken. Ich fgte mich
stillschweigend. Als eine Wohltat sah ich es an, da ich wenigstens
nicht in demselben Saal, vor denselben Menschen sprechen mute. Weit in
den Osten, in die Andreasstrae, schickte man mich. Sie werden keinen
leichten Stand haben, sagte Reinhard beim Weggehen, es ist das
Hauptquartier der Anarchisten.

Heinrich Brandt begleitete mich auf dem Wege zur Versammlung. Wir hatten
uns in der Zwischenzeit nur immer auf Minuten gesehen. Erst jetzt, wo
Rosalie schon seit einigen Tagen aufgestanden war, schwand unsere Angst
um sie. Das Wochenbett war normal verlaufen; sie nhrte den Kleinen und
schien seelenruhig. Trotzdem war Heinrich heute wortkarg, und sein
ausdrucksvolles Gesicht, das jede Stimmung verriet, erschreckte mich.
Aber soviel ich auch in ihn drang, er meinte, es sei nichts, gar nichts
geschehen, ich solle lieber an meinen Vortrag denken, als ber die
Ursache seiner schlechten Laune nachgrbeln.

Der kleine Saal war schon voll, als ich kam. In allen Hnden sah ich
weie Zettel, mein Auge fiel auf lauter erregt gertete Gesichter. Bei
der Wahl des Bureaus siegte der Fhrer der Anarchisten mit riesiger
Mehrheit ber unseren Kandidaten. Ich empfand es fast wie eine
Erleichterung --, nun werden sie mich gar nicht reden lassen,
flsterte ich Heinrich zu. Aber schon stand der junge blonde Mann mit
den zarten Mdchenzgen auf der Tribne: Ich erteile der Referentin
Frau von Glyzcinski das Wort, und mit einer hflichen Handbewegung
machte er mir neben sich Platz.

Ich sprach schlecht. Keinen Augenblick konnte ich meiner eigenen
Empfindung, meinen innersten Gedanken folgen. Ich war nur ein
Sprachrohr. Trotz der musterhaften Leitung des jungen Anarchisten, der
die Ruhe immer wieder herzustellen suchte, unterbrachen mich Zurufe
aller Art: sarkastische, gemeine, wtende. Dazu Heinrichs Gesicht, auf
dem meine Blicke immer wieder haften blieben --, ich verlor den Faden,
verwirrte mich, wurde ngstlich. Man rief hhnisch Bravo, als ich
geendet hatte. Und dann sprach der Vorsitzende. Seine ganze Rede war ein
feuriger Appell an das Proletariat, eine glhende Anklage der
Streikleitung. Im Moment, wo aus England Millionen an Untersttzung zu
erwarten seien, habe sie sich feige den Kapitalisten unterworfen und die
Sache des Volks verraten. An ihm sei es nun, zu zeigen, da es sich von
keiner Seite knebeln lasse, da es den Kampf nicht nur fortsetze,
sondern ausdehne, bis ein Generalstreik dem Volk die Macht verleihe,
dem Unternehmertum seine Gesetze zu diktieren. In jedem Wort, das er
aussprach, brannte das Feuer seiner berzeugung, und alles jauchzte ihm
zu. Meine Resolution wurde abgelehnt, die seine, die die Fortsetzung des
Streiks erklrte, angenommen. Durch einen Nebeneingang lie man mich
hinaus. Man htte mich sonst vor den Insulten der fanatisierten Menge
nicht schtzen knnen.

Der Streik war trotzdem zu Ende. Die englischen Millionen waren nichts
als ein Mrchen. Ein paar Tollkhne hungerten noch eine Woche lnger --,
das war alles.

       *       *       *       *       *

Wir gingen durch den Tiergarten heimwrts, Heinrich und ich. Die Klte
tat mir wohl. Am liebsten zge ich selbst solch Schneekleid an, um
ganz, ganz kalt zu werden, murmelte ich. Eine groe Hoffnungslosigkeit
hatte sich meiner bemchtigt.

Nun sollst du auch wissen, was mir fehlt, sagte Heinrich, auf dessen
Arm ich mich mde sttzte. Ich hatte heute eine bse Szene mit Rosalie.
Sie will in den Sden -- auf Monate -- mit mir. Um unsere Ehe wieder
herzustellen, wie sie sagt. Ich weigere mich, brauchte lahme Ausreden,
die sie durchschaute. Sie bekam einen Weinkrampf, dann warf sie mir vor,
da ich das Kind tten wolle, indem ich sie, die nhrende Mutter, nicht
schone.

Er blieb aufatmend stehen.

Und du?!

Ich versprach ihr jede Rcksicht, -- nur mit ihr reisen knne ich
nicht. Jetzt fordert sie eine Auseinandersetzung, auch mit dir. Zwei
Tage hat sie mir Zeit gegeben.

Sie hat recht, sagte ich, auch sie zieht ein Ende mit Schrecken dem
Schrecken ohne Ende vor.

Ich zwang mich zur Ruhe, -- seinetwegen.

Die beiden Tage schleppten sich hin wie ebenso viele Jahre, jede Stunde
beladen mit Qualen, mit Selbstvorwrfen, mit Zweifelfragen. Hatte ich
nicht das Leben dieser Menschen zerstrt, hatte den, der mir auf der
Welt der liebste war, in einen Kampf gerissen, der fr ihn vielleicht
des Einsatzes nicht wert sein wrde, hatte dem Kinde schon im
Mutterleibe den Vater gestohlen!

Und dann kam der Tag und die Stunde. Ich wartete von mittags bis abends.
Jeder Schritt auf dem Hof lie mich auffahren, vor jedem Laut, der von
drben klang, zitterte ich. Minuten gab es, in denen ich die Hnde
faltete, wie ein kleines Kind, wenn sinnlose Angst es den schtzenden
Vater im Himmel suchen lie. Aber durfte ich beten -- ich! --, selbst
wenn ich noch glauben knnte?! Die Bilder auf meinem Schreibtisch
starrten mich an und sahen mir nach, wohin ich auch im ruhelosen Auf-
und Abwandern mich wandte: der Vater, der einst einen braven Offizier
seines Regiments fr unwrdig erklrt hatte, weiter des Knigs Rock zu
tragen, weil er das Weib eines andern liebte; die Mutter, deren ganzes
Leben unter dem einen Gesetz der Pflichterfllung stand; -- aber lugte
nicht neben ihr aus dem Rahmen ein stilles, edles Antlitz hervor mit
gtigen dunkeln Augen? Gromama, schluchzte ich leise. O, da ich den
Kopf in ihrem Scho vergraben, ihr beichten und aus ihrem Munde mein
Absolve te hren drfte!

War das nicht sein Schritt? Ich ri das Fenster auf. Klang nicht ein Ruf
zrtlich aus dem Dunkel? Mit angehaltenem Atem horchte ich. Klopfte es
nicht an der Pforte? Oder war es mein eigenes Herz, das ich hrte? Ich
blieb auf dem engen, kleinen Flur, an die Mauer gelehnt, mit krampfhaft
aufgerissenen Augen und pochenden Schlfen. Die Treppe drauen knarrte,
ich griff an die Klinke, die Tre sprang auf --

Alix! Welch ein Ton war in seiner Stimme! Halb bewutlos sank ich in
seine weitgeffneten Arme.

Sie willigt in die Scheidung.




Viertes Kapitel


An einem jener norddeutschen Apriltage, wo Frhling und Winter einander
wie Feinde vor dem Ausbruch des Kampfes lauernd umschleichen, die Sonne
auf hellen Pltzen Sommergre vom Himmel sendet und daneben der
feuchtkalte Wind triumphierend durch schattige Straen fegt, ging ich
zum Abschiednehmen zu den Eltern.

Seit jenem Tage, wo mein Vater mich im Zorn verlassen hatte, war ich
nicht mehr bei ihnen gewesen. Selbst die notwendigen geschftlichen
Auseinandersetzungen, die sich an den Tod einer Verwandten und der mir
und meiner Schwester zugefallenen kleinen Erbschaft knpften, hatte mein
Vater schriftlich erledigt. Jetzt aber hatte er mich vor meiner Abreise
noch einmal sehen wollen.

Er empfing mich ernst und gemessen. Du siehst schlecht aus, sagte er
dann und ein liebevoll besorgter Blick strafte seine uere Strenge
Lgen. Ich wute es: die letzten Monate hatten meine Nervenkraft
erschpft; ich bedurfte der Erholung, aber mehr noch des Fernseins von
Berlin whrend des bevorstehenden Scheidungsprozesses. Die Erbschaft
kommt dir wirklich zustatten, fuhr er fort. Er ahnte nicht, in welchem
Umfang er recht hatte!

Eine konventionelle Unterhaltung entspann sich. Und doch war mir das
Herz so voll: ich allein wute von uns allen, wie weit ich mich
mit diesem Abschied von ihnen entfernte, -- vielleicht auf
Nimmerwiedersehen. Ein Wort der Dankbarkeit, der Liebe htte ich gern
gesagt; -- in der Temperatur, die zwischen uns herrschte, erfror es,
noch ehe es ber die Lippen kam.

Es ist mir nicht recht, da du allein in die Welt hineinreist, sagte
mein Vater, als ich schon an der Tre stand, Ihr Jungen denkt anders
darber, -- Einflu habe ich keinen mehr, -- ich kann nur hoffen, da du
dich stets erinnerst, was du deinem Namen schuldig bist. Seine Augen
ruhten forschend auf mir. Ich reichte ihm stumm die Hand: Lebewohl,
Papa -- Ich zwang meine Stimme, nicht zu zittern. Lebwohl, antwortete
er mit einem Seufzer. Einen Ku gab er mir nicht mehr.

Die Mutter begleitete mich auf den Flur.

Hast du etwas besonderes zu schreiben, sagte sie mit Betonung, so
lege stets einen besonderen Zettel dem Brief an mich bei, damit ich ihn
Hans ohne Schaden zeigen kann. Ich hatte die Empfindung, da mein
Weggehen sie erleichtere. Ilse kam noch bis auf die Strae mit mir.

Du, Schwester, ist es wahr, da Dr. Brandt sich deinetwegen scheiden
lt?! flsterte sie hastig mit glnzenden Augen. Aufs peinlichste
berrascht starrte ich sie an. Sie prete mir strmisch die Hand: Du,
-- das ist furchtbar interessant! Freilich -- und nachdenklich kaute
sie an der Unterlippe -- mit Papa werden wir wieder aushalten mssen!

Ein Regenschauer trieb sie ins Haus zurck. Frstelnd zog ich den
Mantel fester, der Wind zerrte daran und warf mir eiskalte Tropfen ins
Gesicht.

Am Abend fuhr ich nach Mnchen, wo Heinrich den Zug bestieg. Er hatte
seine Shne in Pension, Rosalie und den Kleinen mit der Pflegerin aufs
Land gebracht.

Es gab wieder eine Szene, erzhlte er, ihre innere Stimme, an die sie
nun einmal glaubt, hat ihr gesagt, da du mich unglcklich machen
wrdest. Aus Mitleid wollte sie darum alles verzeihen und mich in Gnaden
wieder aufnehmen. Als ich darauf verzichtete, prophezeite sie mir mit
dem Pathos einer Kassandra, ich wrde noch einmal kniefllig um ihre
Liebe betteln. Und als auch das ohne Eindruck blieb, machte sie allerlei
dunkle Andeutungen ber Zeugenaussagen im Proze, und die Pflegerin
lachte mich dabei so impertinent an, da ich grob wurde.

Nicht umsonst habe ich mich immer vor ihr gefrchtet, sagte ich
trbsinnig.

Mein armer, kleiner Angsthase! lchelte er, halb ungeduldig, halb
belustigt. Im Lexikon seiner Gefhle hatte das Wort Furcht keinen
Platz gefunden. Du bist so tapfer und kannst so feige sein! Haben wir
nicht bisher schon ber alles Erwarten Glck gehabt, und du willst
verzagen -- gerade jetzt, wo wir dem Frhling entgegenfahren?

Voll tiefen Vertrauens lehnte ich mich in den Arm zurck, der mich
umschlang, und sah still den weien Flocken zu, die vor den Fenstern
tanzten, und den in dunkeln Schleiern schwer herabhngenden Wolken, die
der Zug durchschnitt. Es tat so gut, sich in der Obhut des Geliebten zu
wissen, seinen starken Schultern aufzubrden, was ich allein nicht htte
tragen knnen.

Auf dem Brenner glnzte die Sonne ber frisch gefallenem Schnee, aber
von den Bergen strzten schon frhlingsfroh die entfesselten Wasser. In
Gossensa, wo die Bergwnde sich noch einmal finster zusammenschoben,
braute wieder der Nebel um dunkle Fichten und winterstarres Gebsch,
hinter Franzensfeste jedoch stand das breite Tal in blhendem Lenzkleid
und ffnete die Arme weit, um all die frierenden Wanderer an seine warme
Brust zu ziehen. Frohlockend wiesen von allen Hhen weie Kirchlein mit
spitzen Fingern hinauf zur Sonne, die behaglich lachend am blauen Himmel
stand. Auf den knorrigen sten alter Obstbume saen junge lustige rote
und weie Blten. Ohne Ehrfurcht vor dem grauen Alter der Ruinen, der
nchternen Heiligkeit der Klster, fluteten in blauen Kaskaden die
s-sehnschtigen Blumendolden der Glyzinien ber die Mauern, vom
Liebesspiel buntschillernder Kfer umtanzt.

Im brixener Gasthof zum Elefanten machten wir Rast. Nur das riesige Bild
des Rsseltiers, dem er seinen Namen verdankt, erinnerte noch an die
Zeit, wo Kaiser und Knige auf der Romfahrt hier Einkehr hielten. Jetzt
saen nur wenige unscheinbare Leute in dem niedrigen, dunkel getfelten
Gastzimmer. Sicher: hier kannte uns niemand. Aber kaum saen wir vor der
Schssel, die verheiungsvoll nach gut sterreichischer Mahlzeit
duftete, als ein Herr an unseren Tisch trat, Heinrich freudig begrend.
Umsonst, da dieser die abweisendste Miene machte, den Fremden weder
ntigte, Platz zu nehmen, noch ihn mir vorstellte. In seiner Freude,
einen Bekannten zu treffen, besorgte er das ohne weiteres selbst; er
hielt mich fr Heinrichs Frau und kndigte uns mit vielem Gerusch die
Bekanntschaft seiner Familie an. Wir werden nicht bleiben knnen,
sagte Heinrich langsam, als er sich endlich empfahl, es sind Berliner.
Ich zuckte die Achseln. Diesmal bin ich die Mutigere von uns beiden.
Mir ist nichts so gleichgltig als der Klatsch.

Aber ich dulde nicht, da man dich verdchtigt, brauste er auf.

In aller Frhe am nchsten Morgen fuhren wir weiter bis nach Trient.
Hierher kommt keiner unsrer Landsleute, hatte Heinrich gesagt. Und in
der Tat: in den groen Palastrumen des Hotel Trento sprachen selbst die
Kellner nur ein gebrochenes Deutsch. Ob wir uns hier ein paar Wochen
wrden ausruhen knnen? Wir hatten sehr das Bedrfnis danach.

Vor dem Balkon meines Zimmers lag der weite Platz mit dem ehernen
Denkmale Dantes. Mchtig zeichnete sich seine schwarze Silhouette gegen
den blauen Himmel ab, zu beiden Seiten von den starren Felskulissen der
Berge eingerahmt. Aber der Platz zu seinen Fen mit ein wenig Rasen und
ein paar kleinen immergrnen Bschen sah im gelben Licht der Sonne de
aus.

Wir gingen durch die Straen: lauter graue Huser mit verwaschenen
Farben und trben Fenstern, Palste dazwischen mit verblichenen Fresken,
Hfe mit alten ausgetrockneten Brunnen und Sulengngen, unter denen
zerlumpte Wsche hing, stolze wappengekrnte Tore mit Firmenschildern
aus Blech und Anzeigen aus Papier benagelt und beklebt; ein Dom,
geschmckt mit den zierlichsten romanischen Galerien, die hohen Portale
von sulentragenden Lwen bewacht, und darin auf dem ausgetretenen
Estrich, zwischen den Grabmlern edler Geschlechter, ein paar alte
Weiber, die kniend den Rosenkranz durch schmutzige Finger zogen und mit
zahnlosem Munde Gebete plrrten. Und ber der Stadt, sie beherrschend,
der prchtige Renaissancebau des alten frstbischflichen Schlosses, ein
unvergleichlicher Rahmen ppiger Hofhaltungen, -- eine Kaserne heute. In
der dmmernden Loggia auf dem Brunnenhof, wo die Wrdentrger des
frstbischflichen Stuhls in roten und violetten Gewndern beim Gesang
des leise pltschernden Wasserstrahls die kunstvollen Lettern
pergamentgebundener Bcher zu lesen pflegten, saen Soldaten und putzten
Gewehre; in den hohen Slen, von deren gemalten Decken die Gtter des
Olymps auf die tafelnden Priester des Gekreuzigten einst lchelnd
herniedersahen, standen Eisenbetten mit rauher Leinwand gedeckt, an den
Wnden, hinter deren kalkweier Tnche prchtige Bilder schlummern,
hingen in Reih und Glied Kppis und Tornister.

Wir gingen schweigsam zurck. In den Gassen lrmten ein paar Kinder:
Mdchen mit seidenen Schleifen im Haar und zerschlissenen Rckchen ber
den bloen Beinen, Knaben, die gierig um ein paar Kreuzer rauften. Vor
den Wirtshusern auf dem schmalen Trottoir saen in schbiger Eleganz
junge Leute, die lange Virginiazigarre zwischen den schwarzen Zhnen.
Die Sonne schien, aber ihre Strahlen trafen auf keinen Lebenssamen, den
sie htten wecken knnen; die kahlen Mauern, die baumlosen Straen
warfen nur sengende Glut zurck. Frsten erbauten diese Stadt, und
Bettler haben sie daraus vertrieben.

Wir aber suchten den Frhling. Ein Postwagen mit vier Pferden davor
entfhrte uns aus Trient. Je weiter wir uns von der Stadt entfernten,
die wie ein steinerner Sarkophag in der Tiefe schlief, desto lachender
wurde die Natur. Auf den Wiesen blhten Lilien und Glockenblumen, um die
elendesten Htten leuchteten in rosiger Pracht die Mandelbume. In
Caldonazzo, einem stillen Nest am Ende des Sees, der den klaren Himmel
auf die Erde zu zaubern schien, blieben wir. Unter der Laube im
Obstgarten der Trattoria, die von gelben Rosen berwuchert war, wurde
uns gedeckt. Vino santo funkelte goldfarbig in den Glsern, ein kleines
Mdchen mit groen runden Augen, wie geschliffene Kohlen, setzte noch
eine blaue Vase mit weien Lilien mitten auf den Tisch. Dann war es
ganz, ganz still um uns, ein heiliges Abendschweigen, das wir mit keinem
lauten Wort zu stren wagten. Unsere Hnde schlangen sich ineinander,
fester zog mich sein Arm an seine Brust, und sehnschtiger wurden unsere
Ksse.

Schlsselklirrend ging der Wirt durch den Garten. Wir standen auf. Vor
der Tr meines Zimmers blieben wir stehen, stumm, mit herabhngenden
Armen, unsere Augen versanken ineinander, und die ganze verzehrende Qual
unserer Liebe lag in unserem Blick. Gute Nacht! -- er berhrte mit den
heien Lippen nur meine Fingerspitzen.

Ich schlief nicht. Durch das offene Fenster strich die laue Luft und
trug die sen Gerche der Wiesen auf ihren Flgeln. Ich prete die
Zhne zusammen, um nicht den zu rufen, nach dem mein Herz verbrannte,
ich drckte die spitzen Ngel meiner Finger mir ins Fleisch, um mit dem
Schmerz die Qual zu betuben, die mein Blut durch die Adern peitschte.

Drauen im Garten knirschte der Kies, -- das Weinlaub am Fenster bewegte
sich, -- schlich nicht ein Schatten leise vorber? -- O, warum kommst du
nicht, -- sind meine Arme nicht weich, lockt nicht mein Busen wie
Perlmutter glnzend in der Stille der hellen Mondnacht? Was geht mich
die Welt an?! Die sanften Hhen dieses blhenden Tales umschlieen die
meine! Und die Menschen? Da doch niemand ist, als ich und du! Und die
Vergangenheit? Sie gehrt uns nicht mehr! Und die Zukunft? Nichts ist
unser als dieser Frhlingsnacht zauberische Gegenwart! -- --

Aus kurzem, schwerem Morgenschlaf erwachte ich mde und einsam. Wir
trafen uns in der Rosenlaube, und die Spuren nchtlicher Kmpfe lagen
auch auf seinen Zgen.

Der Telegraphenbote ri uns aus der Versunkenheit unserer trben
Stimmung. Eine Depesche von Heinrichs Rechtsanwalt: Frau Brandt
verlangt Schlssel Ihrer Wohnung, kehrt nach Berlin zurck. Stimmung
nach Mitteilung ihres Anwalts wesentlich verndert. Das Telegramm war
uns von Bozen nachgesandt worden und trug das Datum von vorgestern. Ich
mu nach Berlin -- sofort --. Sie kann alles zerstren, knirschte
Heinrich, und du -- du Arme?! Zunchst begleite ich dich, -- alles
weitere besprechen wir unterwegs.

In sausender Fahrt ging es bergab. Die Peitsche des Kutschers pfiff ber
die schweitriefenden Pferde. Wir muten den Schnellzug erreichen.
Unterwegs bekam ich einen Herzkrampf. Als ich wieder zu mir kam,
ratterte der Wagen ber das Pflaster Trients, und Heinrichs
angstentstelltes Gesicht beugte sich ber mich. Wirst du weiter
knnen? Ich nickte. Man hob mich in den Zug. Ich erholte mich soweit,
um ruhig denken zu knnen. Dicht bei Brixen lag unter groen Nubumen
ein kleines Dorf, Vahrn genannt; dort wollte ich bleiben, bis --. Bis
alles gut ist, mein armer Liebling, flsterte er; wenn ich nur sicher
wre, da du deiner Angst, deiner Aufregung Herr wirst, -- fr mich ist
der Kampf ein Kinderspiel -- Der Triumph des Sieges blitzte schon aus
seinen Augen. In Brixen blieben uns noch ein paar Stunden bis zum
Abschied. Auf der Post fand sich ein Brief an mich von der Mutter mit
einer Beilage in verstellter Schrift: Diesen anonymen Wisch bekam ich
soeben. Ich habe ihn, Gott Lob, vor Hans verstecken knnen. Da aber
Wiederholungen, womglich direkt an ihn gerichtete, wahrscheinlich sind,
und ich von deinem Anstandsgefhl doch noch so viel erwarte, da der
Inhalt dieses Schriftstckes eine Verleumdung ist und Dr. Brandt nicht
mit dir reist, so ersuche ich dich, zu veranlassen, da er uns seine
Anwesenheit in Berlin auf irgendeine Weise dokumentiert ...

Bereits morgen wird das geschehen, sagte Heinrich, du stehst, wie
notwendig es ist, da wir das Opfer dieser Trennung bringen. Es wird die
letzte sein!

Mit einem leisen Vorwurf sah ich ihn an: Fast scheint's, als freutest
du dich, da du fort mut!

Ich freue mich der Hindernisse, die sich uns in den Weg legen. Mir wre
bange geworden vor der Gre meines Glckes, wenn sein Besitz keine
Opfer kosten wrde. Ich schmte mich meiner Trauer, und wir nahmen
Abschied voneinander, fast als wre es ein Willkommen.

       *       *       *       *       *

Im Turmzimmer des Gasthofes zu Vahrn zog ich am selben Abend noch ein.
Von meinem Fenster sah ich ins Schalderer Tal mit seinen dunkeln Fichten
am klaren Bach. Stundenlang sa ich hier in wachen Trumen. Zuweilen
folgte ich dem stillen Waldweg bis hinauf nach Schalders. Aber es mute
ein heller Tag sein, sonst frchtete ich mich und sah, wie einst als
Kind, hinter jedem Baum Gespenster lauern. Abends stieg ich nach Salern
hinauf und sa zwischen dem alten Gemuer der Ruine bis breite
Bergschatten das Tal von Brixen verhllten und die Spitzen der Dolomiten
fern am Horizont aufglhten wie verlschende Fackeln.

Des Nachts aber kamen die finsteren Gedanken. Dann las ich wieder und
wieder seine Briefe und suchte zwischen den Zeilen, was er aus Schonung
verschweigen mochte: Rosalie macht Besuche bei allen Bekannten, und ich
sehe an den Mienen der Leute, was sie erzhlt --, sie suchte Zeugen
gegen mich; der Preis der Scheidung wrde die Verhinderung unserer
Heirat sein! Sie hat neuerdings Freunde im Egidyschen Kreis --, sie
suchte eine Verbindung mit den Eltern, sie wird zum Vater gehen, ihm
erzhlen, -- und er ertrge es nicht, so nicht, -- er wrde Heinrich vor
die Pistole fordern!

Noch geschah nichts dergleichen. Meines Vaters Briefe waren erregt,
aber nur ber die Ereignisse des Tages: die Verurteilung Hammersteins
wegen Urkundenflschung zum Zuchthaus, ein Menetekel fr den Adel,
dessen junger Nachwuchs das goldene Kalb umtanzt und dabei unabweisbar
dem Schwindel verfllt, den Austritt Stckers aus der konservativen
Partei, dieses tchtigen Mannes, den die Sozialdemokraten mit ihrer
verdammten Manier der Verffentlichung von gestohlenen Privatbriefen auf
dem Gewissen haben, ber die in seinen Jubilumsreden stets deutlicher
zutage tretenden Weltmachtgelste des Kaisers, die uns vom erprobten
geraden Wege altpreuischer Sparsamkeit und dem bewuten Sichbescheiden
auf den angestammten Boden und seine Bearbeitung in die Politik
abenteuernder Seefahrer hineinreit. Ich mute mein Erinnerungsvermgen
immer erst mhsam auf die Welt auer mir einstellen, wenn seine Briefe
Antwort heischten.

Eines Morgens kam ein Exprebrief von Heinrich, den ich in Erwartung
erfllter bser Trume zitternd ffnete. Deine Liebe soll noch eine
harte Probe bestehen, schrieb er. Rosalie will sich nur unter der
Bedingung scheiden lassen, da ich ihr mein ganzes Vermgen gebe. Es ist
an sich nur klein, wie Du weit, aber es ist alles. Wirst Du stark genug
sein, einen Mann zu heiraten, der nichts besitzt? Der Dir nur seine
Liebe in die Ehe mitbringt und seinen festen Willen, Dir trotz alledem
ein glckliches Leben zu erkmpfen?... Antworte mir nach reiflicher
berlegung. Aus Deiner Hand wrde ich jedes Geschick ohne Murren
empfangen. Frchte nichts von mir, wenn Du nein sagen mut. Das Glck,
das Deine Liebe mir schenkte, war schon so gro, da ich Dir auch dann
noch dankbar bleibe... Ich lchelte, von einem Alpdruck befreit; so
viele Worte um solch eine Kleinigkeit! Nicht einen Augenblick des
Besinnens gab es fr mich. Gib, was sie fordert, telegraphierte ich.
Aber noch immer schien sie nicht genug zu haben. Ein paar Tage spter
verlangte sie eine Summe, die Heinrichs Vermgen bertraf. Und als der
Anwalt ihr vorhielt, da Heinrich Wucherschulden machen msse, wenn er
ihren Wunsch erfllen solle, sagte sie ruhig: Mag sein, -- aber sonst
lasse ich die Scheidung nicht zu. Sie war unersttlich. In meinen
nchtlichen Trumen sah ich sie: gro, dunkel, mit der Schleppe, die wie
eine Schlange hinter ihr her raschelte, und den weien Raubtierhnden.

       *       *       *       *       *

Der Tag der Entscheidung nahte. Am Vorabend fuhr ich nach Mnchen. Die
Stunden schlichen, die Zeiger an der Uhr wollten nicht von der Stelle
rcken. Ich hrte, wie das Leben drauen verstummte, die letzten Pferde
mde zum Stalle trotteten, das letzte Luten der Straenbahn verklang.
Und ich hrte wieder, wie es erwachte, wie die ersten Marktwagen im
Dmmerlicht grauenden Morgens ber das Pflaster ratterten und die Tritte
der Bckerjungen straenweit zu verfolgen waren; wie das Rderrollen
allmhlich anschwoll zu einem brausenden Ton, und kein einzelner Schritt
unter den vielen mehr zu unterscheiden war. Dann kamen die Stunden, die
ber mein Schicksal entschieden. Sie waren wie lebendige Wesen, die mit
meinem Herzen Fangball spielten.

       *       *       *       *       *

Frei! -- Ich hatte das Telegramm dem Boten aus der Hand gerissen, --
ich starrte das Wort an, bis mir die Augen bergingen. Im Zimmer ertrug
ich's nicht mehr. Zu gro war mein Glck. Und selbst als der Himmel sich
ber mich spannte, war mir's, als mte es sein blaues Gewlbe
zersprengen.

Zwei Tage mute ich des Geliebten warten. Nachdem Dein heimlicher
Wunsch, Du emanzipationslsterne Frau, eine freie Ehe zu schlieen, an
meinem reaktionren Eigensinn endgltig zu Schanden wurde schrieb er
neckend, mu ich unserer altmodisch ordentlichen Verbindung auch eine
brgerliche Grundlage schaffen.

Ich lief indessen in der Stadt umher und suchte, meinem bervollen
Herzen Luft zu machen. Ein Bettler stand an der Ecke mit einem Plakat
vor der Brust: Ein armer Taubstummer bittet um eine milde Gabe, ich
drckte ihm ein Goldstck in die Hand, was ihn so verblffte, da er
seiner Stummheit verga und ein Mal ber das andere ein Vergelt's Gott
stammelte. Vor allen Schaufenstern blieb ich stehen, in denen die
Maisonne zrtlich ber Spitzen und Schleier strich. Und das Schnste,
was ich sah, war nur gerade schn genug, um mich fr ihn zu schmcken.

Meines Lebens hohe Zeit stand vor der Tre; kniglich sollte sie
empfangen werden. Niemand durfte ihr begegnen, der Trauergewnder trug.
Keines Menschen Trne durfte den Willkommtrunk verbittern, mit dem ich
sie begren wollte. Und im geschliffenen Kristall des Pokals sollte
sich nur die Sonne spiegeln.

Der Gedanke an die Eltern krampfte mir das Herz zusammen. Ich sah sie
in der dunkeln Wohnung hinter den schweren Vorhngen, die immer an den
Winter glauben lieen. Wrde mein Glck hell genug sein, um
hindurchzudringen? Ich fhlte, wie dumpf die Luft bei ihnen war. Wrde
mein Glck stark genug sein, sie zu zerstreuen?

An einem hellen Morgen, ber den der Himmel leuchtete wie ein
geheimnisvoll gleiender Opal, trug ich ein weies Kleid und Rosen im
Grtel, die lauter Sonnenlicht getrunken hatten und die Bltenkpfe
senkten, schwer von Schnheit. Ich wartete des Geliebten. Durch die
vielen Scheiben der Bahnhofshalle funkelte und sprhte das Morgenlicht
und malte tanzend helle Flecke auf den Asphalt. Wie blasse Mondscheiben,
wenn der Tag noch herrscht, standen die groen, runden Bogenlampen ber
dem hastenden Leben. Hin und her strmten bunte Menschenschwrme.
Reisefieber, das in blaue Fernen treibt, sorgender Ernst, der der
Tagesarbeit entgegenstrebt, lachende Hoffnung, die in die Arme der Liebe
verlangt, bange Angst, die vor der Fremde zittert, malten sich in den
vielen Gesichtern. Die Zge brachten und empfingen sie in unaufhrlichem
Wechsel. Ich allein stand in der Flut ganz still, die Augen auf das
helle riesige Bogenrund gerichtet, in das die groen schwarzen Schlangen
fauchend untertauchten, und aus dem sie, die welterobernden Ungeheuer,
brausend hervorquollen. Endlich! Ein schriller Pfiff aus einer
Lokomotive, die ihre mchtigen, blanken Glieder majesttisch
hereinwlzte, zwei zischende Garben weier Wasserdmpfe --, sie stand.
Lauter Schatten liefen und drngten an mir vorber, ich sah nur ihn, --
und er zog mich in die Arme, ganz fest --, alle Rosen fielen mir aus
dem Grtel, und streuten ihre Bltter um uns, glutrote ...

       *       *       *       *       *

Und unsere Hochzeit, mein Lieb, wo soll sie sein? Irgendwo zwischen
hohen Bergen, im Walde, wo der Dompfaff uns traut --

Und wann, -- wann? hei flsterte seine Stimme an meinem Ohr.

Still mu es um uns sein, ganz still, dann wird die Stunde kommen, der
wir gehorchen mssen ...

       *       *       *       *       *

Wir fuhren nach Augsburg zu Tante Klotilde, meines Vaters Schwester.
Vielleicht, da sie sich fr uns gewinnen lie, da ihr Einflu den
Vater beruhigen knnte. Am Bahnhof trennten wir uns, er ging ins Hotel,
mich fhrte ihr Wagen durch das alte schmiedeeiserne Tor vor das schne
Haus mitten im blhenden Garten. Mit ungewohnter Zrtlichkeit empfing
sie mich: Du hast mir etwas zu sagen, Kind? Frchte dich nicht --, du
weit, ich habe viel an dir gut zu machen. Ich frchtete mich doch, --
aber nicht vor ihr. Wenn sie mich verdammte, so wute ich: das Herz
wrde ihr darum nicht bluten. Um den Vater nur bangte mir, wenn sie die
Verstndigung nicht wrde herbeifhren wollen. Ich erzhlte, da ich
verlobt sei. Ich verschwieg nicht, da er sich hatte scheiden lassen, --
um meinetwillen. Aber von der ersten Ehe erzhlte ich nichts, und nichts
von dem Kinde, das vor wenigen Monden erst geboren worden war. Ich
bekannte ehrlich, da er, wie ich, Sozialdemokrat von Gesinnung sei,
aber ich betonte, da seine Ttigkeit allein auf neutralem
wissenschaftlichem Gebiete liege. Und als sie die Frage stellte, die,
wie ich wute, fr sie von ausschlaggebender Bedeutung war: In welcher
Lage ist er? -- da log ich: In der besten -- Was ging das alles die
anderen an?! Mein Leben war es, fr das ich allein die Verantwortung
trug. Nur dem Vater wollte ich es leicht machen, und die Mutter sollte
sich nicht grmen, und mein blondes Schwesterchen sollte nicht weinen!

Heinrich wurde zum Essen geladen. Seine ruhige, fast hochmtige
Zurckhaltung der Frau Baronin gegenber imponierte ihr. Sie schrieb
noch am Abend einen langen Brief an den Vater. Und am nchsten Mittag
kam seine telegraphische Antwort: Tief gerhrt ber die Liebe, mit der
du Alix in deinen Schutz nimmst, versage ich ihr nicht den Segen ihrer
schmerzbewegten Eltern.

Heinrich reiste nach Mnchen zurck, -- es wre ja nicht passend
gewesen, ein Brautpaar beieinander zu lassen! -- ich blieb noch, um in
ein paar Tagen mit Freunden, -- wie ich vorgab, -- nach Tirol zu gehen.
Inzwischen kamen die Briefe der Eltern. Von der Mutter zuerst. Sehr
liebevoll, aber doch voller Sorge. Ich danke Gott und der lieben
Klotilde, schrieb sie, da Dein Vater die groe unerwartete Sache so
aufnahm und ruhig ist, trotzdem ihm alles furchtbar schwer wird und er
noch nicht imstande ist, an Dich zu schreiben. Wenn nur seine Gesundheit
aushlt, um die ich oft sehr besorgt bin, besonders bei so groen
Erschtterungen ... Ilschen hat sich reizend benommen; ihre kindliche,
zrtliche Art, ihrem Papa alles recht gut und schn darzustellen, ihre
Bitten und Trnen haben ihn tief gerhrt ... Um Deines Vaters willen
bitte ich Dich, Deine Verlobung wenigstens solange geheimzuhalten, bis
er bei Klotilde in Grainau ist, die ihn so freundlich einlud und ihn am
leichtesten wird beruhigen knnen. Auf diese Weise entgeht er am besten
dem Zeitungsklatsch, an dem es wohl leider nicht fehlen wird ... Mir ist
das Herz so bervoll, da ich keine Worte finde. Gott fhre alles zum
Besten ... Und dann kam der erste Brief des Vaters, aus dem ich erfuhr,
da er wute, was ich ihm schonend verschwiegen hatte. Wenn Du lter
geworden sein wirst, hie es darin, so wirst Du verstehen, da ich
nicht Dein Glck stren will, sondern nur mit der Erfahrung eines
Mannes, der am Ende seines Lebens steht, da kein Glck sehe, wo Du
seinen Gipfel glaubst erstiegen zu haben ... Dr. Brandt mute bei mir
und Mama zuerst um die Erlaubnis zur Verbindung mit Dir nachsuchen, es
muten mir ganz klar die ueren Verhltnisse dargetan werden, die zur
Scheidung fhrten, und die Lebenslage, die Dr. Brandt Dir bietet. Von
alledem ist nichts geschehen, und ich bin und bleibe der vor Gott und
den Menschen fr Dich verantwortliche Vater; auf mir, Mama, Ilse bleibt
jeder ffentliche Skandal sitzen. Sage selber, wie soll ich Vertrauen zu
einem Manne haben, der zweimal geschieden ist? Ich kenne die Grnde
nicht, kann also nur bei meinem theoretischen Urteile bleiben, da es
ihm zweimal nicht gelungen ist, seine ihm 'bis der Tod uns trennt'
angetraute Frau an sich zu fesseln. Es kommt hinzu, da selbst roheste
Naturen Piett dafr haben, wenn dem Manne eben von seiner Frau ein
Kind geschenkt worden ist. Diesen Augenblick zur Scheidung zu whlen,
ist gewi nicht feinfhlig. Meine Tochter ist mir zu schade, als da ich
ruhig zusehen knnte, wenn sie in solche Verhltnisse verwickelt
wird ...

Es entspann sich eine erregte Korrespondenz. Ich war viel zu
empfindlich, besonders gegenber Angriffen auf den Geliebten, als da
ich mich wenigstens uerlich htte beherrschen knnen. Mein strahlendes
Glck hatte mich blind gemacht fr die Welt, in der meine Eltern lebten
und dachten. Ich empfand als bittere Krnkungen, was von ihrem
Standpunkt aus sorgende Liebe war. Ich begreife nicht, da Du scheinbar
gar nicht ahnst, wie schwer uns Deine Heirat werden mu, schrieb Mama
in Beantwortung eines meiner Briefe, willst Du denn durchaus nicht die
Wirklichkeit sehen? Mu ich ganz deutlich werden und dir sagen, wie
selbst Dir wohlwollende Menschen ber Dich den Kopf schtteln? Du ahnst
wohl gar nicht, was und wie man ber Euch spricht! Und jetzt erwhnst Du
wie etwas Selbstverstndliches, da Ihr Euch hier in Berlin wollt trauen
lassen. Ich finde den Gedanken unglaublich. Denke doch nur an das
Aufsehen, und was das fr ein Licht auf uns alle werfen wrde! Wir
wollen der Welt gegenber betonen, da Du mit unserem Segen
heiratest --, hier wrde nicht einmal unser Pfarrer, der so streng ber
Scheidungen denkt, Euch trauen wollen ... Heiratet in irgend einem
stillen Ort Sddeutschlands, wohin ich und Ilse zur Trauung kommen
werden, und berlegt vor allem, ob es nicht besser wre, wenn Ihr Euch
dann fern von Berlin niederlat? Fr alle Teile wrde es besser sein,
solange der gemeine Klatsch ber Euch nicht verstummt ist. Ich habe auch
an Deinen armen Vater zu denken, den Du ganz zu vergessen scheinst, und
dem jede neue Aufregung erspart werden mu ...

Ich erwhnte in meiner Antwort der Schwierigkeiten, die eine Heirat an
anderem Orte bereiten wrde. Wir hatten lngst beschlossen, uns ohne
alles Aufsehen trauen zu lassen und gehofft, da die Eltern angesichts
der vollzogenen Tatsache sich um ihr Was und Wie nicht kmmern wrden.
Im nchsten Brief meiner Mutter schrieb sie: Du erwhnst nur der
standesamtlichen Schwierigkeiten, also wollt Ihr wohl die Kirche
umgehen, -- wenn Du mir das noch antust, dann wre es besser, wir sehen
uns nie wieder, denn das kann ich nicht berwinden, das wrde ich nie
verzeihen, und Vater, Schwester und Tante auch nicht! Bedenket wohl, was
Ihr damit tut: Ihr gebt unseren Beziehungen den Todessto ...

Ich war schon wieder abgereist, als mir in Innsbruck berliner Zeitungen
in die Hnde fielen. Sie brachten mit mehr oder weniger hmischen
Randbemerkungen die Mitteilung von Heinrichs Scheidung und meiner
Verlobung. Und gleich darauf kam ein Brief des Vaters: Was zu erwarten
war, ist geschehen: alle Zeitungen beschftigen sich mit Dir und ziehen
meinen guten Namen in die Skandalgeschichte meiner Tochter. Sie sagen,
da Du Dich nun ganz der Sozialdemokratie in die Arme geworfen hast ...
Du nahmst die Gewohnheit an, bei Deinen Handlungen nie an Deine Eltern,
nie an Deine Schwester zu denken. Trotzdem bleibst Du unser Kind, und
wir tragen an Dir mit, gleichgltig welches die Brde ist, die Du uns
auferlegst. Wenn eine Tochter frank und frei erklrt, sie gehre zur
Sozialdemokratie, so bleibt an den Eltern etwas hngen. Ich bin alt und
gebrechlich, meine Tage sind gezhlt, aber ich bin notwendig fr Deine
Mutter und Deine Schwester. Unehre jedoch ertrage ich nicht; wenn man
mich ehrengerichtlich belangt, wegen Deiner Beziehungen zu einer
staatsvernichtenden Partei, so mag man mich begraben. Da die
Sozialdemokratie es jetzt freudig ausbeutet, wenn die adlige Tochter
eines allgemein bekannten Generals sich zu ihr bekennt, das begreife
ich, es ist ihr Vorteil. Wer ein einziges Mal diese gemein aussehenden
Leute im Reichstage gesehen hat und sich vergegenwrtigt, da diese
Rotte unheimlicher Kreaturen von den Pfennigen der Arbeiter sich mstet,
die um so reichlicher flieen, je mehr alles in den Schmutz getreten
wird, was uns heilig ist, der mu am Rande der Verzweiflung stehen, wenn
er die eigene Tochter unter ihnen wei ... Ich antwortete nicht. Wie
viel besser wre der offene Bruch gewesen, als da ich, vom Verstande
unkontrollierten Gefhlen hingegeben, eine Brcke ber Unberbrckbares
zu schlagen versucht hatte. Ich hatte nicht wehe tun wollen --, litten
die Eltern jetzt nicht mehr, wo sie mich von schleichender Vergiftung
befallen glaubten, als wenn ich ihnen ganz gestorben wre?

Am Morgen meines Geburtstages erwartete ich den Geliebten. Stille Wehmut
dmpfte die Freude, mit der ich Heinrich empfing. Vor lauter Glck
bemerkte er meine Stimmung nicht. Ich bringe dir ein schnes
Geburtstagsgeschenk, rief er, mich zrtlich umarmend. Herr Charles
Hall, der Deutschamerikaner, von dessen sozialpolitischen Interessen ich
dir oft erzhlte, hat sich bereit erklrt, meine Zeitschrift zu
untersttzen. Siehst du, nun hab' ich auch das durchgesetzt: die
brgerliche Grundlage unserer gut brgerlichen Ehe! -- Drfen wir nun
nicht Hochzeit feiern?! fgte er leiser hinzu. Ich schttelte den Kopf
und hing mich fest an seinen Arm: La mich erst wieder froh werden,
mein Heinz!

       *       *       *       *       *

An einem regenfeuchten Julitag kamen wir nach St. Jodok, einem kleinen
Bergnest, das die Brennerbahn fauchend umkreist. Morgen fruh scheint d'
Sunn, versicherte der Fhrer, mit dem wir ber unsere Plne
verhandelten, und so beschlossen wir, noch am Nachmittag zur Geraerhtte
zu gehen. Es war ein einfrmig dsterer Weg durch die Wiesen des Valser
Tales mit ihren zahllosen braunen Heuschobern, auf die der Nebel tief
hinunterhing, und dann die Anhhe hinan auf steinigem Pfad, von
schwarzgrauen Bergen umgeben, deren Gipfel sich in den Wolken verloren.
Und in der Nacht tobte der Wind um die Holzhtte, und der Regen
klatschte an die kleinen Fenster, da ich mich frstelnd in die Decken
hllte und eine undurchdringliche Finsternis noch vor mir zu haben
meinte, als der Fhrer morgens an die Tre pochte. Schn wird's, sagte
er mit unerschtterlicher Sicherheit. Wir traten hinaus, dicht vermummt,
wie zu einer Winterreise. Fast wre ich schwindelnd zurckgewichen vor
dem Bilde, das die flackernde Laterne unsicher beleuchtete: wie auf
einer Insel im Wolkenmeer standen wir. Unten im Tal lagen die Nebel
dicht geballt, nur hie und da streckte es sich aus ihnen hervor wie
lange schwarze Arme, die, kaum da sie unsere Hhe erreichten,
verschwanden wie Gespenster beim Glockenschlag. Wir stiegen aufwrts,
Schritt vor Schritt, lange Serpentinen bis zum Alpeiner Ferner.
Frischgefallener Schnee deckte ihn wie ein Leichentuch, nur hie und da
glnzte das Eis hervor in tiefen, dunkelgrnen Spalten, -- geheimnisvoll
lockende Grber. Kein Leben ringsum; selbst der Sturm war verstummt,
unhrbar versanken unsere Fe im Schnee. Mich grauste. War es nicht das
Reich des Todes, das wir betreten hatten?

Da begann der Himmel ber uns sich rosig zu frben; noch einmal sah ich
hinab in das Nebelmeer der Tiefe, dann stieg ich, so rasch meine Fe
mich tragen konnten, um die Hhe zu erreichen, wenn die Sonne kam.

Und sie war da. Glhend in junger Liebe, als ksse sie die Erde zum
erstenmal. In der heien Umarmung ihrer Strahlen ward die keusche Braut
zum Weibe, das sich dem Geliebten schrankenlos hingibt. Sie warf die
dunkeln Schleier von sich, in die sie sich eben noch scheu gehllt
hatte, und auch die letzten weien duftigen Hllen zerri sie. In ihrer
prangenden Schne stand sie vor ihm, die schimmernde weie Stirn stolz
gen Himmel gehoben, den schneeigen Busen rosig berhaucht von dem Gru
dessen, der sie erlste.

Wir standen ganz still und schauten uns an und lasen einander die
Gedanken von den stummen Lippen. Auf dem Weg durch die Nacht und empor
bis hierher, hatten wir die Vergangenheit noch einmal durchlebt,
zusammengedrngt in wenige Stunden. Nun aber war es vorber. Der Gipfel
war unser. Und ber das Schneefeld hinab, der Sonne zu, lag eingebettet
in grne Matten ein kleines, helles Haus. Mit dem Bergstock, dessen
Spitze rote Alpenrosen schmckten und weie Edelweisterne, wies ich
hinab. Dort will ich Hochzeit halten, flstere ich. Da hob mich der
Liebste jubelnd hoch empor, und miteinander sausten wir ber den Schnee
in die Tiefe.

Arg verliabt san's, brummte der Fhrer gutmtig, als wir aufatmend
unten standen.

Zitherspiel und Gesang empfing uns in der Dominikushtte. Ein paar junge
Mnner, Studenten mit blondem Kraushaar und blitzenden Augen, saen um
den Tisch, und ihre Stimmen fllten den Raum mit lauter Frohsinn. Seil,
Steigeisen und Eispickel lagen neben ihnen; die verstaubten Stiefel und
die braunen Gesichter bewiesen: sie waren echte Hheneroberer. Solche
Shne will ich haben --, zog es mir durch den Sinn, als sprche es aus
unbekannter Tiefe meines Wesens.

Feierlich, mit Millionen goldenen Sternen am Himmel, senkte sich die
Nacht in das Tal. Von Wiesen und Wldern ein starker Duft fllte unsre
braune Kammer. Und leise Winde, die von den Gipfeln kamen und noch
keinen Staub getragen hatten, flsterten in den Fichten vor dem Fenster.
Da bin ich sein Weib geworden ...




Fnftes Kapitel


Warme Augustsonne flutete durch alle Zimmer und brtete unten in
gewitterschwangerer Hitze auf den jungen Anlagen des Ltzowplatzes.
Unruhig wanderte ich von einem Raum in den anderen, rckte auf dem
mchtigen Doppelschreibtisch, den wir uns zu gemeinsamer Arbeit hatten
machen lassen, die Bilder der beiden Buben, die nun meine Stiefshne
waren, noch ein wenig in den Vordergrund, ging in ihr Zimmer mit dem
blumengeschmckten Balkon, von dem aus der Blick geradeaus weit ber die
dichtbelaubten Bume am Kanal schweifen konnte und rechts die Strae
hinauf bis in die grne Tiefe des Tiergartens, strich mechanisch die
Bettdecken glatt und steckte den Kanarienvgeln, mit denen ich die
Kinder berraschen wollte, ein paar Kuchenkrmel zu, die ich nebenan vom
reichbesetzten Vespertisch geholt hatte. Immer wieder zog ich die Uhr:
gleich muten sie kommen, schon eine Stunde fast war Heinrich fort, um
sie am Anhalter Bahnhof in Empfang zu nehmen. Ich lief durch unser
Schlafzimmer mit seinen hellen Mbeln und meergrnen Vorhngen auf die
breite Loggia hinaus: von hier wrde ich sie zuerst entdecken, wenn sie
vom Ltzowufer auf den Platz einbiegen wrden. Ich musterte
erwartungsvoll alle Menschen. Von der luftigen Hhe meines vierten
Stockes glichen sie aufgezogenen Puppen, wie sie die Hndler um
Weihnachten auf dem Asphalt laufen lassen. Und der Herkules auf der
Kanalbrcke sah wie ein Knabe aus, der mit seinem Pudel spielt.

Wehte dort nicht jemand grend mit einem weien Tuch? Richtig: es war
der kleine, schwarze Hans, der dem Vater und dem Bruder voranlief. Ich
hatte doch rechtes Herzklopfen. Du wirst sie lieb haben, meine Kinder,
hatte Heinrich gesagt, ehe er ging. Und mein Ja war aus vollem Herzen
gekommen. Nun aber war mir bang. Sie waren bei ihrer Mutter gewesen --,
wrden sie der jungen Frau ihres Vaters nun nicht wie einer Feindin
begegnen? Wrde all meine Liebe, die ich ihnen entgegenbrachte, weil sie
Heinrichs Shne waren, ihr Mitrauen besiegen knnen?

Sie strmten die Treppe hinauf. Fein, da du jetzt die Mama bist! rief
Wlfchen. Hans sah mich nur gro an und kramte in seinem Rucksack nach
einem halbverwelkten Alpenrosenstruchen, das er mir mitgebracht hatte.
Ihr mt recht brav sein, damit Ihr so eine gute Mama verdient, sagte
Heinrich. Ich warf ihm einen flehenden Blick zu. Er sollte mich nicht
loben, -- jetzt, da sie von der eigenen Mutter kamen. Aber ich hatte
ihnen wohl tiefere Empfindungen angedichtet, als sie besaen. Sie waren
vergngt, selbst Hans wurde gesprchig; und als ich sie zu Bett brachte,
waren sie ganz von selbst zrtlich zu mir geworden.

Ich danke dir, Alix, sagte Heinrich mit warmer Betonung. Noch hast du
zum Dank keine Ursache, antwortete ich. Mir war seltsam beklommen
zumute.

Als wir schlafen gingen, ffnete ich gedankenlos die Tr zum Zimmer der
Kinder, -- es hatte mir in den acht Tagen seit unserem Einzug als
Ankleideraum gedient --, erschrocken fuhr ich zurck: Bist du's,
Mutter? rief eine schlaftrunkene Stimme. Ganz leise zog ich die Tre
wieder ins Schlo; auf Zehenspitzen schlich ich ins Bett. Liebste --
Einzigste! flsterte Heinrich und zog mich in seine Arme. Noch waren
wir in den Flitterwochen unserer jungen Ehe, und uns war, als ob jeder
Tag und jede Nacht uns einander aufs neue schenkte. Heute aber wehrte
ich dem Geliebten mit einem ngstlichen Blick auf die Tr, -- kaum da
ich seinen Ku zu erwidern wagte. Wir waren nicht mehr allein.
Zehnjhrige Knaben sind hellhrig.

Am nchsten Morgen ging ich mit ihnen in die Stadt. Ich hatte mich
berzeugt, da sie ganz neu eingekleidet werden muten, auch die
Schulbcher galt es anzuschaffen. In recht gedrckter Stimmung kam ich
nach Hause; die Einkufe hatten ein groes Loch in mein Portemonnaie
gerissen. Siebenzig Mark, -- das war der ganze Rest meiner Erbschaft;
auf unsere Reisen, auf die Wohnungseinrichtung war sie draufgegangen;
Heinrich hatte schlielich auch noch den ganzen Haushalt der
geschiedenen Frau mitgegeben, und es war nun ntig geworden, alles
Fehlende zu ersetzen. Gewi: ich htte weniger ausgeben knnen --; ich
hatte an nichts anderes gedacht, als unserer Liebe ein Heim zu schaffen,
das ihrer wrdig war. Glckselig hatten wir in den Tag hineingelebt; nun
erst schien das Alltagsleben anzufangen, ganz nchtern, ganz prosaisch,
mit seinen tglichen kleinen Forderungen und seinen persnlichen Sorgen,
in deren Schwle der Altruismus so leicht verdorrt und der Egoismus
ppig emporwuchert. Mir sank der Mut: wie wrde Heinrich, der, wie es
schien, an die Unerschpflichkeit meiner Kasse ebenso fest geglaubt
hatte wie ich, die unerwartete Nachricht aufnehmen? Ich war bei Tisch,
-- dem ersten Mittag zu Hause, wir hatten bis dahin wie lustige
Studenten stets irgendwo drauen gegessen, -- nicht gerade redselig.
Gut, da die Buben so viel zu erzhlen wuten!

Als wir uns am Schreibtisch allein gegenbersaen, Korrekturen und
Manuskripte vor uns, bekannte ich Heinrich meine Entdeckung. Er sah mich
ganz entgeistert an. Aber das ist doch nicht mglich! sagte er
schlielich und strich sich mit der Hand ber die heie Stirn. Du hast
dich bestehlen und betrgen lassen --, fuhr er dann los mit einem
Ausdruck und einer Stimme, die ihn mir vollkommen fremd erscheinen
lieen. Entsetzt starrte ich ihn an: so hatte mein Vater ausgesehen,
wenn ich vor dem Ausbruch seines Zorns verngstigt aus dem Zimmer
entfloh. Mir strzten die Trnen aus den Augen. Und nun weinst du auch
noch, -- als ob damit geholfen wre -- rief Heinrich aufgeregt. Ich
drckte mein Taschentuch vor die Augen, stand auf und riegelte
geruschvoll die Schlafzimmertr hinter mir zu. Ich hrte, wie er die
Entreetr krachend ins Schlo warf. Es war die erste, ernste Differenz
in unserer Ehe. Aber schon als ich ihn mit langen Schritten unten ber
den Ltzowplatz gehen sah, war mein Kummer verflogen. Ich htte ihn,
ohne Rcksicht auf die Verwunderung der Menschen, zurckgerufen, wenn
meine Stimme ihn erreicht haben wrde. Nun stand ich weit hinausgelehnt
auf der Loggia und winkte mit dem Tuch, das noch feucht von meinen
Trnen war. Mitten auf dem Platz stand eine alte Frau mit einem Korb
voll Rosen. Seine Schritte verlangsamten sich, als er in ihre Nhe kam.
Zgernd ging er an ihr vorber. Dann aber drehte er um, ganz rasch, als
habe er etwas sehr Wichtiges vergessen; ich sah, wie er der alten Frau
alle Rosen aus dem Korbe nahm, und den Weg hastig zurckging, den er
gekommen war. In diesem Augenblick hob er den Kopf und sah mich. Er
winkte mit der Hand voll Blumen. Ich lief die Treppe hinab, ihm
entgegen. Wir sanken einander in die Arme. Verzeih mir, Geliebte,
verzeih! flsterte er. Was sollte ich dir zu verzeihen haben ...!

Noch am Abend fuhr er nach Frankfurt, um Hall um einen Vorschu zu
bitten; vierundzwanzig Stunden spter depeschierte er: Anstandslos
bewilligt. Sei ohne Sorgen.

       *       *       *       *       *

Nun mssen wir doch wohl ein paar Besuche machen, meinte Heinrich
seufzend, ein paar Tage spter, bei meinem Bruder, bei August, bei dem
Alten --

Wir gingen zuerst zum Vorwrts in die Beuthstrae, in dessen Redaktion
mein Schwager ttig war, Dunkle, schmierige Steintreppen fhrten hinauf.
Nur sprlich drang das Tageslicht in die Redaktionsrume, vor deren
Fenstern ein groes Fabrikgebude mit dem Rattern seiner Maschinen und
den grauen Gestalten, die sich eilig hin- und herbewegten, als stndiges
Menetekel fr die Vertreter der Arbeiterschaft drben aufgerichtet
schien. Zwischen Haufen von Bchern und Zeitungen sa mein Schwager,
bla und abgespannt.

Er war immer berarbeitet, denn zu seiner redaktionellen Ttigkeit
lastete er sich stets noch tausend andere Dinge auf.

Du interessierst dich ja fr die Konfektionsarbeiter, wandte er sich
an mich, Reinhard und ich bereiten eine Enquete vor. Man mu die
ffentlichkeit immer wieder mit der Nase auf die Dinge stoen. Berlepsch
ist abgesgt, die Konfektionre haben ihr Wort gebrochen, ohne da ein
Hahn darnach krhte, jetzt gilt's wieder Spektakel machen, sonst ist's
ganz und gar aus mit der Sozialreform. Ich sicherte ihm freudig meine
Hilfe zu. Und mit jener nervsen Unruhe, die stets das Zeichen geistiger
berreiztheit ist, schnitt er in der nchsten halben Stunde ein Dutzend
anderer Gesprchsthemen an, um schlielich von seinem Bruder bei der
Frage des Vorwrtskonflikts festgehalten zu werden, der gerade die
Gemter in der Partei erhitzte und die Gegner sehr beschftigte, die
berall hoffnungsvoll Unfrieden witterten.

Ihr habt unrecht von Anfang bis zu Ende, erklrte Heinrich
kategorisch. Zuerst in der Ironisierung der Quarckschen Vorschlge und
dann in der unwrdigen Behandlung des alten Liebknecht. Was verstehst
du davon? brummte Adolf.

Erlaube: von Sozialpolitik verstehe ich ebenso viel wie du. Und
Quarcks Vorschlge liefen darauf hinaus, den Gewerkschaften eine
intensivere Beschftigung mit sozialpolitischen Fragen ans Herz zu
legen. Darin hat er recht. Sie sind wichtiger, als leichtsinnig
begonnene Streiks.

Die Regierung wrde auf unsere schnsten sozialpolitischen Kongresse
pfeifen, und die Folge wre nur eine Verwischung des Klassencharakters
der Bewegung -- Adolf redete sich in steigende Erregung hinein; jede
Unterhaltung schien sich in der Familie Brandt zum Streit auszuwachsen;
-- selbst einen verlorenen Streik, der sie trotz alledem strkt, weil
er die Erbitterung steigert, ziehe ich einem Liebugeln mit brgerlicher
Sozialreformerei vor. Und was den Alten betrifft --, ich mchte sehen,
was du ttest, wenn du mit ihm in der Redaktion sest! -- Mich zanken
-- hchst wahrscheinlich! Aber nicht vor der ffentlichkeit! Ich hielt
den Augenblick fr kritisch und stand auf. brigens habe ich noch was
fr dich, Schwgerin, sagte Adolf und begann seine smtlichen mit
Papieren vollgestopften Taschen vor uns auszuleeren. Endlich fand sich
der Zeitungsausschnitt, den er suchte.

Ich las: Zur Palastrevolution im Vorwrts -- cherchez la femme! Wir
erhalten von authentischer Seite folgende interessante Aufklrung ber
die tieferen Beweggrnde der Emprung der Vorwrtsredaktion gegen ihren
Chef, Wilhelm Liebknecht. Frau von Glyzcinski, alias Frulein Alix von
Kleve, heiratete krzlich Dr. Brandt, einen der Vorwrtsredakteure. Ihr
brennender Ehrgeiz, der das Ziel verfolgt, das Zentralorgan der Partei
in die Hand zu bekommen, ist es, der die Intrige anzettelte. Eine
Dynastie Brandt drfte die Dynastie Liebknecht nunmehr ablsen.
Verlogenes Pack! knirschte Heinrich. Adolf lachte. Beruhige dich,
sagte er zu ihm, wir bringen heute schon eine Berichtigung -- Und wir
gehen sofort zu Liebknechts, um der Geschichte die Spitze abzubrechen.

Adolf hielt uns noch einmal zurck: Ich rate euch dringend, den Besuch
zu unterlassen. Der Alte kmmert sich freilich um keinerlei Geklatsch,
aber Frau Natalie erzhlt in allen Parteikaffeekrnzchen
Rubergeschichten ber euch, die sie von deiner geschiedenen Frau gehrt
haben will. Sie ist euch noch feindseliger gesinnt als Leo. Leo?!
wiederholte Heinrich berrascht. So hie jener Freund, auf dessen
enthusiastische Schilderung hin er die Bekanntschaft Rosaliens gesucht
hatte. Das weit du nicht?! staunte Adolf. Jedem, der es hren oder
nicht hren will, zhlt er haarklein deine Snden auf: da du Rosalie
gezwungen habest, nach England zu gehen, um hier -- na, sagen wir:
ungestrt zu sein, da du sie selbst im Wochenbett nicht geschont,
sondern ihr die Einwilligung zur Scheidung durch unaufhrliche Qulerei
erpret httest und sie, kaum da sie aufstehen konnte, mit dem Sugling
aus dem Hause getrieben hast. Heinrich war auer sich. Einer seiner
besten Freunde war Leo gewesen, und er verurteilte ihn, ohne ihn gehrt
zu haben!

Wir gingen schweigsam nach Hause. Auf dem Ltzowplatz sah ich Frau
Vanselow uns entgegenkommen. Sie bemerkte uns, stutzte und bog hastig in
einen Nebenweg ein. Heinrich sah mich forschend an und zog, wie zum
Schutz, meinen Arm durch den seinen. Mach dir nichts draus, Schatz. Es
ist alles Gesindel! Du stehst zu hoch, als da es dich verletzen
knnte. -- Und dich?! fragte ich und zwang mich zum Lcheln. Er bi
sich die Lippen und schwieg.

Fast immer, wenn ich ausging, hatte ich hnliche Begegnungen: Kein
Zweifel, meine alten Gefhrtinnen aus der brgerlichen Frauenbewegung
wollten mich nicht mehr kennen. Frau Schwabach ging mit hoch erhobenem
Kopf vorber, wenn sie mich sah, und ich erfuhr aus den Zeitungen von
den Vorbereitungen zum internationalen Frauenkongre, den einzuberufen
ich im Frhjahr noch mit beschlossen hatte. Man lud mich zu keiner
Sitzung mehr ein, es fehlte nur noch, da man mir das Referat ber die
Arbeiterinnenfrage fort genommen htte, das mir seit Monaten bertragen
worden war. Ich schrieb an Frau Morgenstern, um sie daran zu erinnern.
Sie antwortete in sichtlicher Verlegenheit: Wir glaubten nicht, da Sie
noch Wert darauf legten, geschieht es dennoch, so knnen wir Sie
natrlich nicht hindern.

Nach all diesen Erfahrungen sah ich dem Besuch bei Bebels nicht ohne
Herzklopfen entgegen, obwohl wir zu unserer Hochzeit ein
Glckwunschschreiben erhalten hatten. Vielleicht war das nichts als eine
Hflichkeit gewesen; ich fing an, mitrauisch zu werden, und etwas wie
Verbitterung bemchtigte sich meiner. Um so freudiger war ich
berrascht, als die gute Frau Julie uns herzlich willkommen hie. Vor
Rhrung und Dankbarkeit wre ich ihr fast um den Hals gefallen. Und wenn
ich in Bebel bisher den Vorkmpfer des Sozialismus bewundert hatte, --
von dem Augenblick an, wo er mir mit einem freundlichen: Nun sind Sie
ganz die unsere krftig die Hand schttelte, verehrte ich ihn um seiner
Menschlichkeit willen.

Ich beklagte mich ber die Behandlung durch die vielen anderen, --
selbst durch Parteigenossen. Sie wundern sich noch, da Ihre Geschichte
so viel Staub aufgewirbelt hat?! sagte Bebel. Da kennen Sie unsere
mnnlichen und weiblichen Philister schlecht! In der Theorie lt man
sich allerlei bieten, aber in der Praxis -- nein, das geht doch nicht!
Wo bliebe da die Moral!! Meine Frau und ich haben schon schwer fr Sie
kmpfen mssen --

So la doch, August, -- das erzhlt man doch nicht! wehrte Frau Julie
errtend ab, whrend ich ihr dankbar die mtterlich-weiche Hand drckte.

Warum denn nicht? meinte er. Es ist besser, Brandts sind orientiert,
als da sie tglich aufs neue unangenehm berrascht werden.

Ich hrte, da Leo sich sehr feindselig benimmt? fragte Heinrich.

Und ob! Aber auch mit Singer habe ich mich schon herumgestritten, so
da er mich schlielich fragte, ob ich ihn fr einen Philister hielte,
was ich bejahte. Da Frau Liebknecht gegen Sie beide Partei ergreift,
war bei ihren Anschauungen gar nicht anders zu erwarten. Bei den Frauen
mssen Sie sowieso darauf gefat sein, da sie von einem wahren horror
ergriffen sind. Im Mittelalter htten sie Sie als Hexe verbrannt, heute
werden Sie von hundert Mulern begeifert und auf hundert Federn
gespiet.

Und da lt sich gar nichts machen? Meinem Mann schwollen die Adern
an den Schlfen. Warten Sie's ab, da ist der einzige Rat, den ich
geben kann. In vier Wochen strzen sich die Raubtiere auf irgendeinen
anderen armen Piepmatz, der so vermessen ist, fliegen zu wollen.

Frau Julie fragte nach meinen Eltern. Ich erzhlte freimtig, was wir
durchgemacht hatten. Arme, junge Frau -- arme junge Frau, wiederholte
sie immer wieder und streichelte mir die Wange.

Mach unsere Genossin nicht noch weicher, als sie ist, sagte er -- Sie
mten statt dessen in Drachenblut baden! Aber eins wird Sie trsten:
die Arbeit in der Partei. Damit werden Sie schlielich auch die bsesten
Zungen zum Schweigen bringen.

Wir schieden wie Freunde. Ich fhlte mich neu gekrftigt und voll
Hoffnung. Als wir ein paar Tage spter zu Bebels geladen wurden, sah ich
diesem Ereignis mit erwartungsvoller Freude entgegen. Eine Gesellschaft
freier Geister, die die hchsten Ideale der Menschheit vertreten --
meine Sehnsucht, seit ich denken konnte --, wrde sich bei ihnen
zusammenfinden: unsere Gefhrten auf dem Weg in die Zukunft.

Lautes Stimmengewirr schlug uns entgegen, als wir an jenem Abend ber
die gastliche Schwelle traten. Es verstummte jhlings, sobald die Tre
vor uns aufging. Sie haben eben von uns gesprochen, dachte ich
unwillkrlich. Ich wurde vorgestellt und aufs Sofa gezogen. Auf dem
Tisch davor stand eine blendende Petroleumlampe. Neben mir sa eine
groe, dicke Dame, die sich nicht anlehnen konnte, weil sie zu eng
geschnrt war. Sie war selbstbewut wie anerkannte Schnheiten, warf
ihre braunen Augen siegessicher umher und behandelte mich sehr gndig.
Ein Herr mit einem schwarzen Vollbart, der wie gut gewichste Stiefel
glnzte, rckte ihr mit seinem Stuhl immer nher und schlug sich bei
jedem Witz, den er erzhlte, schallend auf die Schenkel. Er versuchte,
auch mich ins Gesprch zu ziehen. Sie sind ja, Gott Lob, auch eine
vorurteilslose Frau, sagte er und zwinkerte vertraulich mit den Augen.
Ich wandte mich ostentativ zur anderen Seite den Damen zu, die Frau
Bebel an den Tisch fhrte. Aber die Unterhaltung blieb an den
oberflchlichsten Phrasen kleben. Dazwischen hrte ich mit halbem Ohr
das Gesprch der beiden neben mir. Seine Witze wurden immer eindeutiger,
in irgend einer Friedrichsstraen-Bar mochte er sie nicht anders
erzhlen. Endlich ging's zu Tisch; ich hatte den Ehrenplatz neben Bebel.
Man sprach ber die lieben Mitmenschen genau wie bei den sauren Mpsen
schrecklichen Angedenkens, die ich in den verschiedenen Garnisonen
meines Vaters hatte mitmachen mssen, und an Stelle von Regiments- und
Manvergeschichten ber interne Parteiaffren. Da ich nichts von ihnen
verstand, konnte ich die Gesellschaft um so mehr beobachten; die Damen
waren sehr erhitzt, und wenn der Nachbar eine Bemerkung machte,
kicherten sie unaufhrlich. Die Hausfrau ging von einem zum anderen, um
zum Essen zu ntigen. Ich fing an, mich zu amsieren, -- nicht mit den
Gsten, sondern ber sie, -- und schmte mich doch wieder, da meine
Beobachtung so kleinlich an lauter uerlichkeiten kleben blieb. Ich
wute doch von vorn herein: hier waren keine Montmorencys. Aber so etwas
wie eine Gesellschaft bei Madame Roland vor 89 hatte ich mir doch wohl
vorgestellt.

Zwischen Fisch und Braten benutzte ich die Gelegenheit, um meines
Nachbarn Ansicht ber den bevorstehenden Frauenkongre einzuholen. Eine
Notiz in Wanda Orbins Zeitschrift hatte mir zu denken gegeben. Die
Genossinnen haben beschlossen, die Einladung zum Kongre abzulehnen,
hie es darin.

Ich kann Ihnen nur raten, sie ruhig anzunehmen, ohne Rcksicht darauf,
wie Frau Wanda sich stellt, sagte Bebel und warf mit einer lebhaften
Bewegung die widerspenstigen Haare aus der Stirn. Ich befinde mich mit
ihr stets in kleinen Konflikten wegen der ungeschickten Taktik und der
oft recht gehssigen Art, mit der sie die brgerliche Frauenbewegung
bekmpft. Sie kme mit einer sachlichen, ruhigen Darstellung viel
weiter. Haben Sie zum Beispiel gelesen, was sie ber die Resolutionen
schrieb, die hier in vier groen Versammlungen zwischen der zweiten und
dritten Lesung des Brgerlichen Gesetzbuchs zur Annahme gelangten?

Ich nickte: Mich hat berhaupt gewundert, da von seiten der
sozialdemokratischen Frauen so wenig geschah. Das Brgerliche Gesetzbuch
htte zu einer groen Protestbewegung Anla genug gegeben!

Sicherlich! bekrftigte er, und statt den gegebenen Anla zu
benutzen, lehnte Frau Wanda den Anschlu an den Protest der brgerlichen
Damen ab --, nicht etwa wegen dem, was darin steht, sondern wegen dem,
was nicht darin steht! Mich amsiert der Vorgang besonders deshalb, weil
ich selbst den Resolutionen, die Frau Vanselow mir schickte, ihre letzte
Form gegeben habe.

Sie scheinen mir mehr von der brgerlichen Frauenbewegung zu halten,
als ich, die ich aus ihr hervorging, meinte ich lchelnd.

Die Distanz verndert immer das Urteil, antwortete er. Ich mache mir
aber keinerlei Illusionen, finde nur, da es taktisch richtiger gewesen
wre, die Emprung der brgerlichen Damen ber die Haltung des
Reichstags fr uns auszunutzen, als sie so plump, wie Frau Wanda es tat,
vor den Kopf zu stoen. Die Frauen haben tatschliche Fortschritte
gemacht und sind mit ihren mnnlichen Parteigenossen, den Liberalen,
nicht in einen Topf zu werfen.

Ich erinnerte ihn an das erwachende Interesse, das sie seit dem
Konfektionsarbeiterstreik fr die Arbeiterinnenfrage an den Tag legten.
Auch auf dem Kongre wird sie im Verhltnis zu frheren Zeiten einen
breiten Raum einnehmen.

Ein Verdienst Glyzcinskis und Ihrer Zeitschrift --, das werden Sie sich
hoffentlich nicht verhehlen, warf er ein. Im brigen ist das natrlich
die schwchste Seite der Damen und wird es bleiben. Sie knnen ihnen ja
darber tchtig die Leviten lesen. Mit Ausnahme der christlich-sozialen
Frauen jngerer Richtung verstehen sie nicht einen Deut von ihr.

Christlich-sozial, -- das war das Stichwort zur Verallgemeinerung des
Gesprchs. Ghre hatte eben sein Pfarramt niedergelegt, Naumann plante
eine Tageszeitung; die offene Trennung der Gruppe, die sich um ihn
gebildet hatte, von der Stckerpartei, war eine schon fast vollendete
Tatsache. Man stritt mit steigender Lebhaftigkeit ber ihre Ansichten,
ber die Bedeutung, die sie fr die Sozialdemokratie haben knne.

Nichts als ein Unterschlupf fr die Mchtegern- und
Kanndochnicht-Politiker; Offiziere ohne Armee, die mit den Jahren nach
rechts abschwenken, sagte der mit dem schwarzen Bart und zog ihn
schmeichelnd durch kranke, blutleere Finger Es wird unsere Sache sein,
ihnen die Entwicklung zu uns zu ermglichen, hrte ich Heinrichs
Stimme. Sie sind immer ein Ideologe gewesen, lieber Brandt, antwortete
ihm eine andere, sollten wir uns um eine Handvoll Intellektueller die
Beine ablaufen, wo Millionen Arbeiter noch nicht die unseren sind?!
Gerade um die Millionen zu gewinnen, brauchen wir eine solche
Handvoll --, entgegnete Heinrich.

Dafr lassen Sie nur ruhig die Verhltnisse sorgen, sagte Bebel
lebhaft, sie werden uns schneller, als ihr alle glaubt, die Massen
zutreiben. Noch ein paar Jahre Flottenrummel, einige Reden von S. M..

Und wir werden glcklich ein Dutzend Mandate mehr haben --, oder meinst
du wirklich, wir sprngen dann schon mit beiden Beinen in den
Zukunftsstaat?! Der mit gutmtigem Spott gesprochen und bisher fast
immer geschwiegen hatte, war Ignaz Auer. Auf meine rasch entzndliche
Begeisterung, die Bebels Worte ganz anders ergnzte, wirkten die seinen
wie ein kalter Wasserstrahl. Anderen schien es hnlich zu gehen, das
Gesprch verlor seinen allgemeinen Charakter; man stand auf. Nach ein
paar Hflichkeitsphrasen wurde der weibliche Teil der Gesellschaft in
das Wohnzimmer gentigt; die Herren rckten mit ihren Zigarren um den
Etisch zusammen, und durch die Tr klang ihre laute Unterhaltung. Bei
uns drinnen sprach man von Fleischpreisen und Kochrezepten; keine der
anwesenden Frauen schien in der Parteibewegung irgend eine aktive Rolle
zu spielen. Fragen von allgemeinerem Interesse wurden nicht berhrt. Nur
die groe, dicke Frau, deren Schnheit und Geist mir inzwischen
irgendwer gepriesen hatte, stellte sich wie ein Inquisitor kerzengerade
vor mich hin und fragte: Wie denken Sie ber Ibsen? Die anderen
richteten selten ein Wort an mich; im Hintergrund schienen sie ber mich
zu tuscheln, und ich fhlte ihre Blicke, die musternd auf mir ruhten.

Auf dem Heimweg konnte ich mir endlich Luft machen. Das sind ja alles
Philister --, brach ich los, vom Herrn Amtsrichter in Neu-Ruppin htte
ich nichts anderes erwartet. Heinrich lachte.

Glaubst du, die politischen Ideale knnten aus ihren Vertretern
gewandte Salonhelden machen?

Das nicht. Aber freiere Menschen.

Darber drften Generationen vergehen. Die Gewohnheit ist wie eine Haut
und lt sich nicht auf einmal abziehen. Du mut unsere Genossen bei der
Arbeit kennen lernen, nicht beim Souper.

       *       *       *       *       *

Die erste Gelegenheit dazu bot sich bald. Adolf lud uns ein, der Sitzung
der Gewerkschaftskommission beizuwohnen, in der die Vorschlge Dr.
Quarcks errtert werden sollten. In einem Lokal der Kommandantenstrae
fand sie statt. Durch die enge Kneipe, wo es nach schlechtem Fett und
slichem Schnaps roch, und den regenfeuchten dunkeln Garten, wo ein
paar verkmmerte Kastanien zwischen haushohen Mauern einen endlosen
Todeskampf fhrten, ging es in die groe, hlzerne Veranda, deren
sprliche Gasflammen die dichtgedrngte Menge unruhig beleuchteten.
Gegen hundert verschiedene Berufe waren durch ihre Delegierten
vertreten, fast lauter ernste, ltere Mnner im Sonntagsrock, die
Zigarre zwischen den Lippen, den Bierkrug vor sich; nur zwei Frauen
unter ihnen: Martha Bartels und Ida Wiemer. Sie sahen uns kommen. Aber
whrend Martha Bartels den leeren Stuhl neben sich hastig aus der Reihe
schob und meinen Gru frostig und fremd erwiderte, kam uns Ida Wiemer
freundlich entgegen und zog uns an ihren Tisch. Haben Sie die Bartels
gesehen? flsterte sie mir zu. Sie hat den Moralkoller, wie alle alten
Jungfern. Mhsam drngte sich Reinhard mit seinem steifen Bein durch
die Reihen, um uns die Hand zu schtteln. So kann ich Ihnen noch
persnlich gratulieren, sagte er herzlich, und uns dazu, weil Sie nun
ganz Genossin sind.

Er war der Referent des Abends. Mit einer Schrfe, die mir die
Wichtigkeit der Sache zu berschtzen schien, wandte er sich gegen die
Vorschlge Quarcks. Erst allmhlich hrte ich das Leitmotiv aus seiner
Rede heraus: den Gewerkschaften die Beratung und Beschlufassung
sozialpolitischer Fragen berlassen, hiee den Frieden zwischen
Gewerkschaft und Partei gefhrden, hiee den Parteitagen, die sich
bisher allein damit beschftigt haben -- den Bedrfnissen und
Interessen der deutschen Arbeiterklasse vollstndig entsprechend --,
Sonderorganisationen gegenberstellen, in die der Einflu brgerlicher
Sozialreformer einzudringen imstande sein wrde. Die folgende
Diskussion verschrfte noch den Eindruck, den ich gewonnen hatte.

Es fielen harte Worte, vor denen ich erschrak, weil sie mir eine
Vorahnung dessen gaben, was mir bevorstehen mochte. Ein Mensch, der in
seiner brgerlichen Existenz Fiasko gemacht hat, will uns, -- lauter
alte erprobte Gewerkschafter, -- auf neue Wege fhren, sagte der eine
unter dem Applaus der Anwesenden. Erst soll er, wie jeder Arbeiter
auch, in die Schule gehen, ehe er das Maul aufreit. -- Eine
Sozialpolitik, wie Quarck sie empfiehlt, ohne Parteipolitik, ist nichts
als jene Politik brgerlicher Reformer, zu denen er im Grunde noch
gehrt, rief ein anderer. Wenn er mit seiner bescheidenen
Parteistellung nicht zufrieden ist, dann htte er lieber gleich sagen
sollen: fr einen so groen Mann wie mich mu eine Extrawurst
gebraten werden, statt seine Wnsche hinter die Forderung eines
Zentral-Gewerkschaftsbureaus zu verstecken, meinte ein dritter Redner,
dem die verbissene Wut aus dem roten Gesicht leuchtete. Erhob sich die
Debatte ber persnliche Gehssigkeiten hinaus, so stand auf der einen
Seite die geschlossene Phalanx derer, die mit leidenschaftlichem Eifer
den Nachdruck auf die Gewinnung der politischen Macht durch die
Gesamtheit der Partei gelegt wissen wollten und den Gewerkschaften den
internen Kampf um bessere Lohn- und Arbeitsverhltnisse als alleinige
Aufgabe zuwiesen, auf der anderen Seite die sehr Wenigen, aus deren
Worten die Unzufriedenheit mit der praktischen Gegenwartspolitik der
Partei leise herausklang, und die vom Einflu der Gewerkschaften auf
die soziale Gesetzgebung ein Wiederaufleben der Sozialreform erhofften.
Ganz nebenbei erwhnte auch jemand, da unsere Vereinsgesetzgebung den
Gewerkschaften aus der Beschftigung mit Sozialpolitik einen Strick
drehen und die Organisierung der Frauen unmglich machen knnte. Keiner
ging weiter auf diese Bemerkung ein, auch die Frauen schwiegen, ich war
zu schchtern, um in diesem Kreis fr mein Geschlecht eine Lanze zu
brechen. Mir schien dieser Grund ausschlaggebend, um die Vorschlge
unausfhrbar zu finden.

Ich fhlte mehr, als da ich verstand: unter diesen Mnnern, die so
eifrig debattierten, die alle so selbstverstndlich nur ein Ziel im Auge
hatten, das Wohl ihrer Klasse, schlummerten Gegenstze, die irgendwann
und -wo an die Oberflche wrden treten mssen.

Wir gingen noch zusammen ins Kaffee: Reinhard, der Schwager, die beiden
Frauen und wir. Martha Bartels hatte sich erst durch Reinhards langes
Zureden dazu bewegen lassen. Wir mssen doch unsere Enquete
besprechen, hrte ich ihn noch sagen, als sie sich uns nherte. Ida
Wiemer stie mich mit dem Ellbogen an und schob dann vertraulich ihren
Arm in den meinen: Sie wissen doch: Genossin Bartels verbreitet, da
Sie nur, um einen Mann zu finden, in die Partei kamen.

Das gab meinem Herzen einen Stich: Martha Bartels war fast die einzige,
die die Motive meines Schritts htte richtig beurteilen mssen. Sie
blieb steif und zurckhaltend und taute erst auf, als Adolf vorschlug,
ein paar Frauenrechtlerinnen, die sich whrend des Streiks bewhrt
hatten, zur Arbeit heranzuziehen. Niemals! rief sie leidenschaftlich.
Wir werden ihnen doch nicht die Beziehungen zur Arbeiterschaft
vermitteln, die sie nur fr ihre Zwecke ausnutzen wrden. Die
Christlich-Sozialen vor allem gehen nur auf den Gimpelfang aus! Es war,
als ob ich Wanda Orbin sprechen hrte. Aber ich konnte nicht anders, als
ihr recht geben. Halb mibilligend, halb verwundert sah Frau Wiemer, die
andrer Ansicht war, mich an, und beim Weggehen sagte sie mit einem
gereizten Ton in der Stimme. Sie stellen sich auf ihre Seite -- nach
allem, was ich Ihnen von ihr erzhlt habe?! Die Reihe, zu staunen, war
jetzt an mir: Hier handelt es sich um die Sache, -- nicht um die
Person!

Auf der Heimfahrt fhlte ich mich pltzlich sehr unwohl. War es der
Tabaksqualm, den ich nicht vertragen konnte, war es die feuchte
Nachtluft, -- ich kam nur schwer die steilen vier Treppen hinauf und
warf mich angekleidet aufs Bett. Heinrich zndete das Nachtlmpchen an.
Es glhte auf dem Tisch wie ein verirrter Stern, -- und die meergrnen
Wnde waren wie ein milder Sommerabendhimmel, auf den das rote Glas der
Lampe rosige Wlkchen malte. Heinrich nahm mir die Schildpattkmme aus
den Haaren --, mein Kopf wurde freier; er zog mir Schuhe und Strmpfe
aus und rieb meine eiskalten Fe zwischen seinen Hnden, von denen
wohlige Wrme mir durch den ganzen Krper strmte. Ist dir jetzt
besser, mein Schatz? fragte er besorgt mit dem weichsten Ton seiner
Stimme. Ich sah ihn dankbar an --, dabei blieb mein Blick ber seine
Schulter hinweg an einem Bilde haften; ich hatte es selbst dorthin
gehngt, ich wollte es immer vor Augen haben, ich hatte verlegen
gelchelt, als Heinrich wissen wollte, warum. Und jetzt -- in
glckseligem Erschrecken prete ich beide Hnde aufs Herz --: glnzte
nicht in den tiefen Dichteraugen des lockigen Ganymed von Watts ein
Funken lebendigen Lebens? Ich sank in die Kissen zurck, Trnen strmten
mir aus den Augen, -- war's mglich, da ich vor der Erfllung meiner
tiefsten Sehnsucht stand?!

Am nchsten Morgen kam die rztin. Sie lachte ber die Erregung, mit der
ich sofort und ganz sichere Auskunft von ihr haben wollte, und sagte
nichts anderes als: Vielleicht! Ich klammerte mich an dies Vielleicht,
ich drehte es jeden Tag hundertmal hin und her, ob es sich nicht doch in
ein Gewi verwandeln knnte. Allerhand gespenstische Vorstellungen
qulten mich: als htte die Frau, die mir hatte Platz machen mssen,
eine geheimnisvolle Macht ber meinen Scho, als knnten ihre
Raubtierhnde das Fnkchen Leben zerdrcken. Mein Mann wurde heftig und
schalt meine Torheit, wenn ich von meinen ngsten sprach. So war ich
denn ganz allein mit ihnen. Htte ich nur eine Freundin, -- oder eine
Mutter --, dachte ich oft.

Um die Zeit kamen Mutter und Schwester aus Pirgallen zurck. Ich mu
Euch, ehe Hans wieder in Berlin ist, allein sprechen, schrieb sie und
kndigte ihren Besuch fr denselben Tag an. Ich war nicht ganz ohne
Furcht: sie hatte es doch wohl bel genommen, da wir ihr Anerbieten,
bei unserer Hochzeit zugegen zu sein, immer wieder abgelehnt hatten.
Zuerst wrde sie darum ein bichen steif sein, aber dann --, sie wrde
doch fhlen mssen, wie es um mich stand! Mit ausgestreckten Hnden ging
ich ihr entgegen, -- ich sehnte mich nach einer Mutter! Aber sie
bersah sie, -- vielleicht weil der Flur dunkel war. Und sie atmete
rasch und war sehr rot, -- vielleicht weil die Treppe sie beranstrengt
hatte. Sie sah sich gar nicht um in unserem Zimmer, -- und ich hatte es
ihr zum Empfang mit lauter leuchtenden Herbstblumen geschmckt.

Willst du nicht ablegen? fragte ich zaghaft.

Nein, antwortete sie schroff und setzte sich auf den uersten Rand
des groen Lehnstuhls, der sonst selbst den Fremdesten zwang, sich
behaglich in seine Polster zu lehnen. Ich komme nur, um eins zu
erfahren, das ber unsere knftigen Beziehungen entscheidet -- die
ruhige khle Frau sprach so rasch, wie ich sie nie hatte sprechen hren.
Meinen brieflichen Fragen seid Ihr ausgewichen, mir ins Gesicht hinein
knnt Ihr nicht lgen: seid Ihr kirchlich getraut? Noch hrter als das
ihre klang jetzt mein Nein. Aus der Tiefe meines verletzten Gefhles
kam es. Die Mutter hatte ich erwartet!! Sie sprang vom Stuhl, blaurot im
Gesicht, mit zitternden Hnden ihren Schirm umklammernd. So ist eure
Ehe ein Konkubinat, und du bist seine Mtresse, schrie sie mit
gellender Stimme. Ich fhlte, wie das Zimmer sich um mich zu drehen
begann und ein krampfhafter Schmerz meinen Leib zusammenzog.

So nehmen Sie doch Rcksicht auf Alix' Zustand --, schonen Sie ihr
Kind! rief Heinrich, mich fest umschlingend, da er sah, wie ich
schwankte. Sie schien einen Augenblick Atem zu schpfen, dann lachte sie
schneidend: Schonen?! Hat sie etwa ihre Eltern je geschont?!

Ich verlor die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich zu Bett.
Ist sie fort?! flsterte ich und sah angstvoll fragend auf den
Geliebten. Er nickte.

Fr diesmal ist es nichts! sagte die rztin ein paar Stunden spter.
In meinem Blick mu meine ganze Verzweiflung gelegen haben, denn sie
streichelte mir die Wange wie einem kleinen Kinde und sagte trstend:
Um so sicherer wird es das nchste Mal sein!

       *       *       *       *       *

Ich erholte mich rasch. Mit der Arbeit versuchte ich gegen den Schmerz
zu kmpfen. Es schien fast, als sollte die Waffe, die so oft
unberwindlich zu machen vermag, an seiner Riesenkraft zuschanden
werden. Nicht einen Augenblick durfte ich sie aus den Hnden lassen, er
htte mich sonst wieder in seine Gewalt bekommen. Ich bereitete meine
Kongrerede vor und studierte alles, was ber die Lage der Arbeiterinnen
irgend erreichbar war; ich arbeitete mit den Kindern und frischte
heimlich lngst vergessene Schulkenntnisse auf, um ihnen helfen zu
knnen, ich versuchte, der Kchin die alten Kochknste beizubringen, die
ich einst zu Hause gelernt hatte.

Wanda Orbin berraschte mich eines Morgens dabei. Was, Sie knnen
kochen?! lachte sie. Ich kann, -- ja, antwortete ich, aber ich sehe,
da die Ausfhrung meiner Kenntnisse teuer ist; ich werde meiner Kchin
das Feld wieder rumen mssen --. Das wird fr beide Teile das Beste
sein. Ich hab's zwar auch jahrelang tun mssen, bin aber dafr nicht als
Generalstochter aufgewachsen. Ein leiser Spott lag in ihren Worten.
Sie werden berhaupt noch viel lernen mssen, Genossin Brandt!

Ich bin davon berzeugt und immer bereit dazu, antwortete ich khl.

Dann wollen wir gleich damit anfangen. Ich fand ihren Namen auf dem
Kongreprogramm --, Sie mssen ihn zurckziehen!

berrascht sah ich auf. Sie hatte mit dem Ton einer Vorgesetzten
gesprochen. Warum?! Bebel hatte gegen meine Teilnahme nichts
einzuwenden!

Bebel! Er sieht die Dinge aus der Vogelperspektive, vor allem die
Frauenbewegung. Die Genossinnen haben beschlossen, die Aufforderung zu
offizieller Beteiligung abzulehnen.

Ich wei, entgegnete ich; im Frhjahr aber, zur Zeit, als ich das
Referat bernahm, bestand dieser Beschlu noch nicht. Ich wrde meinen
Rcktritt, so kurz vor dem Kongre, fr einen Wortbruch halten, der um
so weniger zu entschuldigen wre, als ich selbstverstndlich mein Thema
auf Grund meiner politischen berzeugung behandeln werde und es fr dies
Publikum sehr ntzlich ist, auch diese ihm ganz fremde Seite kennen zu
lernen. Zahlreiche Elemente, die der brgerlichen Frauenbewegung in die
Arme liefen -- die Lehrerinnen, die Handelsangestellten, die
Beamtinnen --, gehren ihrer ganzen Lage nach zu uns. Wir knnen sie nur
gewinnen, wenn wir ihnen bis ins feindliche Lager nachgehen --

Frau Orbin unterbrach mich. Sie irren. Diese Leute kommen fr uns
zunchst gar nicht in Betracht. Und wenn Sie wirklich durch Ihre
berredungsknste -- sie schrzte wieder spttisch die Lippen -- zwei
oder drei gewinnen wrden, stnde der Nachteil, den Ihre Teilnahme an
einer brgerlichen Veranstaltung zur Folge htte, gar nicht im
Verhltnis zu diesem minimalen Gewinn. Ich sah sie fragend an. Sie
stand auf, ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder und blieb dann
dicht vor mir stehen.

Sie sind eben erst die Unsere geworden, sagte sie mit einer Art
mtterlicher Freundlichkeit, Sie sind Aristokratin, -- Grnde genug, um
Ihnen mitrauisch zu begegnen, um Ihnen die Ttigkeit in der Partei, von
der ich so viel erwarte, sehr zu erschweren. Und nun wollen Sie noch als
einzige, -- gegen unseren Beschlu, -- an diesem einseitig
feministischen Kongre teilnehmen! Das verstehen die Genossinnen nicht.
Und wenn Sie dabei mit Engelszungen den Sozialismus verkndigen wrden,
sie hren Sie nicht, -- sie sehen darin doch nichts anderes, als da Sie
eben noch zu jenen gehren. Ich habe gestern Ihretwegen einen schweren
Kampf gehabt: die Genossinnen weigern sich unbedingt, Sie zur internen
Arbeit zuzuziehen, wenn Sie nicht durch Unterwerfung unter unseren
Beschlu Ihre Zugehrigkeit zu uns dokumentieren. Sie zgerte und sah
mich erwartungsvoll an. Als ich noch immer schwieg, legte sie mir beide
Hnde auf die Schultern und fuhr mit eindringlicher Stimme fort: Sie
sind in die Partei eingetreten, um fr sie zu wirken; wollen Sie sich
aus Rcksicht auf die alten Kolleginnen Ihre knftige Stellung
erschweren, wenn nicht gar unmglich machen? Haben die Damen das um Sie
verdient ...? Sie machte abermals eine Pause. Ich erinnerte mich, wie
Frau Vanselow in einen Seitenweg eingebogen war, um mich nicht gren
zu mssen, wie Frau Schwabach mit hochmtig erhobenem Kopf an mir
vorberging. Aber hatte ich durch meinen Brief an Frau Morgenstern das
Referat nicht erzwungen, -- konnte ich unter diesen Umstnden daran
denken, zurckzutreten? Vor allem aber: entsprach es meiner berzeugung?

Sie mgen in allem recht haben, -- nur in der Hauptsache nicht: in
Ihrem Beschlu. Wrde ich Ihnen nicht selbst als eine Heuchlerin, zum
mindesten als ein Schwchling erscheinen, wenn ich mich ihm fgen wollte
wider besseres Wissen und Gewissen?! sagte ich. Auge in Auge standen
wir uns gegenber. Sie ballte die kleinen breiten Fuste, aus ihrem
Gesicht brannten hektische Flecke, ihre roten Haare umgaben es wie mit
einem Feuerkranz. Ich dagegen erschien ganz ruhig, ganz khl; ich wute,
da kein Blutstropfen meine Wangen frbte; und wie um meine sie
berragende Gestalt zu betonen, reckte ich mich gerade auf.

Noch nicht das Abc der Demokratie scheinen Sie gelernt zu haben! rief
sie aus. Auers Worte kann ich Ihnen entgegenhalten, mit denen er in
Frankfurt vor zwei Jahren seinen aufsssigen Landsleuten diente: 'Das
gehrt zum Demokraten und zum Sozialdemokraten, da er sich sagt: Esel
seid ihr zwar, aber ich mu mich fgen'. Mgen Sie uns meinetwegen fr
Esel halten -- der Reichtum Ihrer Erfahrung gibt Ihnen ja wohl ein Recht
dazu! --, wenn Sie aber zu uns gehren wollen, so haben Sie Ihre Person
der Allgemeinheit unterzuordnen. Jetzt war die untersetzte, kleine Frau
doch die berlegene. Ich wandte mich ab und lehnte die heie Stirn an
die khle Fensterscheibe; -- sie sollte nicht sehen, wie schwer es mir
wurde, mich zu unterwerfen. Aber sie folgte mir.

Genossin Brandt --, aus ihrer Stimme war der schrille Ton wieder
verschwunden, der an den Kasernenhof erinnerte, -- wir haben uns alle
opfern mssen -- Ich sah ihr ins Gesicht. Die scharfen Zge waren weich
geworden. So will ich Ihnen nicht nachstehen, antwortete ich. In ihren
Augen leuchtete es auf wie Triumph. Mir war, als ob ihr Hndedruck mich
in neue unsichtbare Fesseln schlge.

So, -- und nun soll Ihnen eine goldene Brcke gebaut werden, damit zog
sie mich neben sich aufs Sofa. Wir erlassen Ihnen den offiziellen
Rcktritt, aber Sie benutzen die kurze Zeit, die Ihnen sowieso nur zur
Verfgung steht, zu einer Erklrung Ihres Standpunktes und berbringen
dem Kongre unsere Einladung zu den Volksversammlungen, in denen die
Arbeiterinnenfrage in einem Umfang zur Errterung kommen wird, der ihrer
Bedeutung allein entspricht. Sie mssen es ja selbst schon als eine
skandalse Zumutung empfunden haben, da man Ihnen dieselben fnfzehn
Minuten zugestand, die man so welterschtternden Fragen wie den
Volkskchen oder den Kleinkinderschulen auch gewhrt hat --. Ich
bejahte, ohne recht hinzuhren, sie sprach weiter, wie ein unaufhrlich
knarrendes Wasserrad, immer rascher, ohne Absatz. Den ersten Vortrag in
unseren Versammlungen bernehmen Sie, -- damit war ihr Redestrom
endlich versiegt. Wir verabschiedeten uns. An der Treppe blieb sie noch
einmal stehen: Ich htte fast die Hauptsache vergessen: Wir haben
morgen eine Sitzung. Holen Sie mich um acht Uhr ab; es wird fr sie
angenehmer sein, wenn ich Sie einfhre.

So war ich also aufgenommen -- endgltig, aber zu einer rechten Freude
darber kam ich nicht. So sehr sich mein Nachgeben begreifen und
entschuldigen lie, so notwendig es vielleicht in der gegebenen
Situation fr mich war, ich wurde das peinliche Gefhl dabei nicht los,
einen Wortbruch begangen zu haben. Was mir zuerst wie eine Erleichterung
schien: die goldene Brcke, -- kam mir nun vollends wie eine Tuschung
vor. Aber ein Zurck gab es nicht mehr.

       *       *       *       *       *

Die sozialdemokratische Frauenbewegung stand damals noch immer im
Zeichen des Kller-Kurses. Ihre Bildungsvereine waren unter den
nichtigsten Vorwnden aufgelst worden; ihre Vorkmpferinnen muten sich
wiederholt polizeilichen Haussuchungen unterwerfen, jede Korrespondenz
mit Gesinnungsgenossinnen, die man auffand, gengte, um sie als
staatsgefhrliche Verbrecher hinter Schlo und Riegel zu setzen. An der
Frauenbewegung blieb daher der Charakter revolutionren
Geheimbndlertums, den die Partei als solche mehr und mehr abstreifte,
noch lange haften. Fr die Zusammenknfte, die notwendig waren, bedurfte
es der grten Vorsichtsmaregeln, und nur ein kleiner Kreis
vertrauenswrdiger Frauen wurde dazu eingeladen. Die Sitzung, zu der wir
gingen, Frau Orbin und ich, fand bei einem kleinen Parteibudiker in der
Linienstrae statt. Wir vermieden es, durch das Lokal zu gehen -- hier
gibt's berall Spitzel, meinte meine Gefhrtin --, und bogen in den
dunkeln Torweg ein, stiegen vorsichtig tastend eine stockfinstere Treppe
hinauf und standen einen Augenblick zgernd vor einer Tr, durch deren
Schlsselloch ein schwacher Lichtschein drang. Ich bemhte mich,
hindurch zu sehen. Drinnen ist niemand, sagte ich, eine Photographie
hngt an der Wand, -- ein Mann mit schwarzem Bart und weien Locken. --
Marx! rief Wanda Orbin, so sind wir richtig. Wir durchquerten den
fensterlosen Raum, dessen stickige Luft mir den Atem benahm, und traten
in die niedrige Stube, die daneben lag. Eine Petroleumlampe hing von der
geschwrzten Decke; mit einem Geruch von schlechtem Tabak schienen alle
Gegenstnde im Zimmer, -- die schmutzigen Vorhnge, die fettigen
Zeitungen, die rotgewrfelte Tischdecke, das alte Klavier im Winkel --,
frmlich imprgniert zu sein. Und dazu hatte der frische September
drauen den Rest stickiger Sommergrostadthitze hier hereingedrngt. Die
Frauen, die um den langen Tisch in der Mitte saen, schwitzten. Ich
wurde vorgestellt. Mein verbindliches Lcheln begegnete
unfreundlich-neugierigen Blicken. Erst als Wanda Orbin mit
ungewhnlicher Wrme von mir sprach, meinen Entschlu, dem Kongre eine
Erklrung abzugeben, statt den angekndigten Vortrag zu halten, mit
groem Nachdruck herausstrich, klrten die Mienen sich auf. Eine kleine
runde Frau, die neben mir sa, streckte mir die arbeitsharte Hand
entgegen: Na, sehen Se mal, det is scheen von Ihnen! sagte sie laut
mit feucht schimmernden uglein. Ruhe, Genossin Wengs! rief die
Bartels vom Tischende hinunter und trommelte mit den Fingerkncheln auf
den Tisch. Man versuchte parlamentarisch zu verhandeln, aber es
entspannen sich immer wieder Privatunterhaltungen. Endlich schien sich
das Interesse auf einen Punkt zu konzentrieren: die Kassenverhltnisse
eines der aufgelsten Vereine wurden errtert. Da man Bcher und
Protokolle aus Angst vor Polizei und Staatsanwalt nicht zu fhren
pflegte und das kleine Rechnungsbuch aus demselben Grunde eilig
verbrannt worden war, so fehlte es an den ntigen Unterlagen, um zu
einem tatschlichen Ergebnis zu gelangen. Es kam zu einer heftigen
Debatte. Die arme Frau, die Kassiererin gewesen war, wurde laut und
leise der Unredlichkeit geziehen --, sie htte unbedingt noch vier Mark
haben mssen und behauptete schluchzend, nichts zu haben.

Zu all die Arbeet un Schreiberei, die ich vor nischt gemacht hab,
heulte sie, soll ich nu noch als Diebin dastehn. In Zukunft macht Euren
Dreck alleene! Und hinaus war sie. Immer drckender wurde die Luft. Das
Fenster durfte nicht geffnet werden, man htte uns vom Hof aus hren
knnen. Ich erstickte fast in dieser Atmosphre. Die anderen schienen an
sie gewhnt zu sein, niemand beklagte sich. Wir mssen unbedingt die
beiden Hauptpunkte unserer Tagesordnung heute noch erledigen, erklrte
schlielich Wanda Orbin, nachdem man sich schon zwei Stunden um lauter
persnliche Dinge hin- und hergezankt hatte. Ich bitte daher ums Wort
zur Frage des brgerlichen Frauenkongresses. Man schwieg, und sie fuhr
fort, indem sie nochmals den Standpunkt der Genossinnen begrndete, --
mit einer Stimme und einer Ausfhrlichkeit, als gelte es eine
Volksversammlung zu berzeugen. Machte sie eine Pause, so gab Martha
Bartels das Signal zu allgemeinem Applaus. Wir sind in der vorigen
Sitzung mit unserer Besprechung zu keinem Abschlu gekommen. Ich frage
die Genossinnen, ob sie sich meinen Antrag, in die Diskussionen des
Kongresses einzugreifen, berlegt haben, und wie sie sich dazu stellen?
Mit dieser mich nicht wenig berraschenden Frage, schlo sie ihre Rede.
Alles blieb still. Martha Bartels sah erwartungsvoll von einer zur
anderen. Wir sind wohl alle einer Meinung, meinte sie dann, und
knnen ohne weiteres zur Abstimmung schreiten. Ich hatte bisher mit
keinem Wort in die Debatte eingegriffen. Man sah mich mibilligend an,
als ich mich jetzt meldete. Wanda Orbin runzelte die Stirne. Ich habe
der Sitzung nicht beigewohnt, in der Sie, scheint's, die Angelegenheit
schon hinreichend besprochen haben, sagte ich, mir fehlen daher, um zu
einem sicheren Urteil zu kommen, Ihre Grnde. Ich mchte mir deshalb nur
die Frage erlauben, ob es nicht eine Inkonsequenz ist, die Beteiligung
am Kongre abzulehnen und die Teilnahme an der Diskussion zu
beschlieen? Allgemeines, stummes Erstaunen. Nur Ida Wiemer, die neben
mir sa, stie mich unter dem Tisch heimlich an und warf mir einen
aufmunternden Blick zu. Mit endlosem Wortschwall suchte Wanda Orbin, vom
Beifallsgemurmel der Anwesenden begleitet, die grundstzliche
Verschiedenheit beider Arten der Beteiligung auseinander zu setzen. Es
hiee das Prinzip des Klassenkampfes preisgeben, sagte sie, wenn wir
mit brgerlichen Elementen irgend etwas gemeinsam unternehmen wollten,
aber es gehrt zum Klassenkampf, da wir in der Debatte ihnen
geschlossen gegenber treten. Niemand hinderte uns, in selbstndiger
Rede dasselbe zu tun --, warf ich noch einmal ein. Meine Worte gingen
im allgemeinen Geschwtz, das wieder entfesselt war, verloren. Wanda
Orbin hatte alle Stimmen auf ihrer Seite, -- auch Ida Wiemer. Wenn man
nicht mittut, wird man gehenkt --, flsterte sie mir sich
entschuldigend zu. Ich enthielt mich der Abstimmung. Wir kommen zum
nchsten Punkt der Tagesordnung: Parteitag, sagte Martha Bartels, die
den Vorsitz fhrte. Genossin Orbin hat das Wort. Der Parteitag in
Gotha ist fr uns ganz besonders bedeutungsvoll, begann sie; die
Frauenagitation steht auf der Tagesordnung. Es ist infolgedessen
wnschenswert, da viele der ttigen Genossinnen als Delegiertinnen
anwesend sind, damit die praktische Erfahrung neben der theoretischen
Schulung zu Worte kommt. Unsere Resolution ist Ihnen durch die
'Freiheit' bekannt; es hat niemand an ihr etwas auszusetzen gehabt, sie
wird ohne Zweifel zur Annahme gelangen, da sie nichts Neues bringt,
sondern nur das bewhrte Alte zusammenfat. Nach anderer Richtung jedoch
drohen uns Kmpfe: es liegen Antrge vor, die die Schaffung einer
besonderen Arbeiterinnnenzeitung bezwecken. Ihre Verfasser sind mit
unserer 'Freiheit' unzufrieden. Es ist notwendig, da die Berliner
Genossinnen klipp und klar dazu Stellung nehmen. Nun entwickelte sich
etwas wie eine Diskussion. Ein paar Frauen, Martha Bartels voran, lobten
die 'Freiheit' in allen Tnen, Frau Wiemer allein sprach mit dem Wunsch
nach etwas populreren Artikeln zugleich einen leisen Tadel aus, den
Frau Orbin dadurch entkrftete, da sie erklrte, die 'Freiheit' sei
gar nicht fr die Massen bestimmt, sondern nur fr die Fhrerinnen. Man
war darnach ausnahmslos entschlossen, jede nderung ihres Inhalts und
jeden Plan eines Konkurrenzunternehmens abzulehnen. Als ich bemerkte,
man mge wenigstens dafr sorgen, da, als wichtiges Mittel unserer
Agitation, die allgemeine Parteipresse der Frauenfrage einen breiten
Raum gewhre, lachte alles. Da kennen Se unsere Mnner schlecht,
meinte die dicke Frau Wengs neben mir, die wollen von uns rein jar
nischt wissen. Die mehrschten erlooben den Frauen nich, da se in ne
Versammlung jehn oder in 'nen Verein. Daheem sollen se sitzen un Strmpe
stoppen, rief eine andere und ein allgemeines Klagelied ber die Mnner
hub an; erst die energische Stimme der Orbin stellte die Ruhe wieder
her: Es ist zwlf Uhr, -- wir mssen zu Ende kommen. Jotte doch,
schon zwlwe, un ick habe soo'n weiten Weg, jammerte Frau Wengs und
erhob sich. Ein paar andere, die schon lange auf ihren Sthlen hin und
hergerckt waren, sprangen auf. So bleiben Sie doch fnf Minuten,
Genossinnen, kommandierte Martha Bartels, wir mssen doch die
Delegiertinnen zum Parteitag noch bestimmen. Frau Wengs ging eilig zu
ihrem Stuhl zurck, mit ihr die anderen; gespannte Neugierde drckte
sich in den Mienen aller aus. Die Bartels fuhr mit erhobener Stimme
fort: Vorgeschlagen sind Genossinnen Stein, Wolf und meine Wenigkeit.
Ein eifriges Geraune und Getuschel setzte ein. Hat jemand andere
Vorschlge?! Sie sah drohend umher. Ein Dutzend Frauen meldeten sich
auf einmal. Immer dieselben! -- Lat doch ooch andere drankommen!
-- Die gewerkschaftlich ttigen Genossinnen werden natrlich
bergangen --! schrie und lrmte es durcheinander. Ick schlage die
Jenossin Brandt vor --, rief Frau Wengs. Es wurde still. Die Frauen
sahen mich an, -- mitrauisch, feindselig. Ich hatte die Situation rasch
erfat. Ich danke der Genossin Wengs fr ihre Freundlichkeit, sagte
ich, aber ich fhle mich noch viel zu jung in der Bewegung, als da ich
solch einen Ehrenposten annehmen knnte. Wanda Orbin nickte mir,
sichtlich erleichtert, zu: Nun aber schnell zur Abstimmung, -- wir
versumen ja noch die Pferdebahn! -- Ich denke, wir bleiben bei unseren
Vorschlgen -- Niemand widersprach, aber kaum war die Sitzung
geschlossen, als die allgemeine Unzufriedenheit sich in lauter
Unterhaltung wieder Luft machte. Man ging in kleinen Gruppen
auseinander, -- lauter feindliche Lager, wie mir schien. Wanda Orbin
legte ihren Arm in den meinen, die Bartels begleitete uns; ihre Stimmung
gegen mich war wieder umgeschlagen. Sie drckte mir herzlich die Hand,
als wir Abschied nahmen.

Mein Mann erwartete mich im nchsten Kaffee. Das hat aber lange
gedauert, meinte er. Wenn die Bedeutung Eurer Beschlsse der Lnge der
Zeit entspricht, die Ihr darauf verwandt habt --! Ich lachte, aber es
war nicht das Lachen glcklichen Humors, der den Ereignissen die
komische Seite abgewinnt und sich dadurch ber sie erhebt. Heute wrde
mich der Humor im Stich gelassen haben, auch wenn ich ihn je besessen
htte. Es war alles so eng gewesen, so drckend, -- wie die schmutzige
Stube und die eingeschlossene Luft in ihr; kein groer Gesichtspunkt
war zutage getreten. Wir Genossinnen sind immer einig, hatte Wanda
Orbin mir gesagt. Konnte sie wirklich fr Einigkeit halten, was nichts
war als die Beherrschung armer Frauen kraft ihres Willens und ihrer
Intelligenz? So wird es also deine Aufgabe sein, diesen Absolutismus zu
brechen, sagte Heinrich. -- Nachdem ich mich ihm selbst schon
unterworfen habe?!

       *       *       *       *       *

Ich schritt die breite Treppe des Berliner Rathauses hinauf. Seit vier
Tagen verhandelte der Frauenkongre in dem festlichen Brgersaal vor
einem Publikum, das immer weniger aus Neugierde, immer mehr aus
Interesse kam. Es war zwar im Grunde nichts als eine Truppenschau, bei
der jede Teilnehmerin ihr Schlachtro in raschem Galopp vorzufhren
hatte. Aber Berlin sah zum erstenmal: Die Frauen konnten reiten. Heute
war der Tag der groen Sensation: Die Arbeiterinnenfrage stand auf der
Tagesordnung; man erwartete eine Schlacht zwischen den brgerlichen
Frauen und den Proletarierinnen, und auch mir persnlich galt ein Teil
der allgemeinen Spannung, -- der Frau, deren Roman von Mund zu Mund
ging, der Renegatin. An der Tre stand Egidy, mein alter Freund. Er
drckte mir die Hand: Ich bin erst eben nach Berlin zurckgekehrt.
Sonst wre ich schon bei Ihnen gewesen. Zwischen uns bleibt alles beim
alten. Ich lchelte dankbar. Bei meinem Eintritt in den berfllten
Saal entstand eine bemerkbare Unruhe: Kleider raschelten, Sthle wurden
gerckt, Kpfe wandten sich nach mir um, man flsterte meinen Namen.
Eine Gruppe russischer Studentinnen, an denen ich vorber mute,
klatschte strmisch. Vom Vorstandstisch mahnte eine scharfe Stimme zur
Ruhe. Die Genossinnen begrten mich; die erwartungsvolle Erregung, in
der sie sich befanden, steigerte ihre Freundlichkeit mir gegenber.
Wanda Orbin ntigte mich auf den Stuhl neben sich. Ich blieb trotzdem
befangen und suchte mit den Augen meinen Mann, als mte ich mich
wenigstens mit den Blicken an ihn klammern.

Eine sterreicherin sprach zuerst ber die Ergebnisse der Wiener
Arbeiterinnen-Enquete. Ich kannte sie. Sie war eine berzeugte
Sozialdemokratin. Die fnfzehn Minuten reichten aus, um ein ergreifendes
Bild schrecklichen Elends zu malen. So hatte ich zu sprechen gedacht!
Eine Englnderin folgte ihr. Sie begrndete die Notwendigkeit der
gewerkschaftlichen Organisation der Frauen in wenigen scharf-umrissenen
Stzen; in langer Rede htte sie kaum mehr sagen knnen.

Frau Alix Brandt hat das Wort, -- tnte jetzt die heisere Stimme der
Vorsitzenden durch den Saal. Ich stand auf und zwngte mich durch die
Stuhlreihen, am dichtbesetzten Tisch der Presse vorbei. Sie wissen --
Scheidungsproze߫ -- Verhltnis -- Unglaublich, -- flsterte es.
Mein Blut begann zu sieden. Ich stand auf der Tribne; -- am
Vorstandstisch zischte jemand, aus einer Ecke des Saales klang
Beifallsgeklatsch und Getrampel. Das Zischen wurde strker. Sekundenlang
kmpften beide Laute miteinander, -- die Vorsitzende rhrte sich nicht.
Helle Emprung bemchtigte sich meiner, -- jetzt war ich bereit, ihnen
meine Verachtung ins Gesicht zu schleudern. Ich begann sehr ruhig,
indem ich erklrte, warum die Vertreterinnen der deutschen
Arbeiterinnenbewegung es abgelehnt htten, sich an den Arbeiten des
Kongresses durch Delegierte zu beteiligen. Fr sie, die auf dem Boden
der Sozialdemokratie stehen, ist die Frauenfrage nur ein Teil der
sozialen Frage, und als solche durch die mehr oder weniger gut gemeinten
Bestrebungen brgerlicher Sozialreformer nicht lsbar. Ich selbst teile
diese Auffassung vollkommen. Meine Stimme hob sich und wurde schrfer;
zu schneidendem Schwert sollte jedes meiner Worte sie schleifen. Wer
vorurteilslos und logisch denkt und sich eingehend mit der Frauenfrage,
-- wohl gemerkt, der ganzen Frauenfrage, nicht mit der Damenfrage, --
beschftigt, der mu notwendig zur Sozialdemokratie gelangen.
Strmische Choruse unterbrachen mich, die der Beifall der Genossinnen
vergebens zu ersticken suchte. Mit anderen Worten: wer es nicht tut,
ist ein Dummkopf oder ein Heuchler?! schrie eine der Damen vom
Pressetisch zitternd vor Aufregung. Ich neigte mit spttischer
Zustimmung den Kopf; sie sprach aus, was zwischen meinen Worten klingen
sollte. Die Unruhe wuchs, ich mute lauter sprechen, um durchzudringen.
Die Wertschtzung und das Verstndnis der brgerlichen Frauenbewegung
fr die Arbeiterinnenfrage wird durch nichts deutlicher charakterisiert,
als durch die Tatsache, da man mir zu einem Vortrag ber sie, die die
grte Masse des weiblichen Geschlechts umschliet, und die entrechtete
und unglcklichste, dieselben fnfzehn Minuten gewhrt hat, wie etwa der
Damenfrage der Mdchengymnasien. Ich verzichte daher auf meinen
Vortrag...

Die Zuhrer schrieen und tobten, ein paar Mnner sprangen auf die
Sthle und drohten mir mit erhobenen Armen, in grter Erregung schwang
die Vorsitzende unaufhrlich die Glocke, deren wimmerndes Klagegeheul
die Melodie zu der Begleitung brllender Stimmen zu sein schien. Endlich
verschaffte ich mir wieder Gehr:

In zwei Volksversammlungen, die von uns einberufen worden sind, soll
den Teilnehmerinnen des Kongresses Gelegenheit geboten werden, die
Arbeiterinnenbewegung kennen zu lernen. Nicht als ob wir des frommen
Glaubens lebten, auch nur eine von Ihnen fr uns gewinnen zu knnen. Zu
tief eingewurzelt ist der jahrhundertelang genhrte Klassenegoismus, zu
einschneidend in das Leben und Denken gerade der abhngigen Frau sind
die Interessen ihrer Klasse, als da sie sich so leicht davon losreien
knnte. Aber vielleicht wird Ihnen eine Ahnung davon aufgehen, da es
ein greres, ergreifenderes Elend gibt, als das der unbefriedigten,
berufslosen Tchter Ihrer Stnde; da auerhalb Ihrer Kreise ein Kampf
gekmpft wird, der ernster, heiliger ist als der um den Doktorhut; da
der Schwung der Begeisterung, der Heldenmut der Aufopferung nur dort zu
finden ist, wo Mnner und Frauen ihre vereinten Krfte fr das eine
groe Ziel einsetzen: Befreiung der Gesamtheit aus wirtschaftlicher und
moralischer Knechtschaft ...

Ich stieg vom Podium. Es war ein Spierutenlaufen. Die eleganten Frauen
Berlins, die in ihren schnen Herbsttoiletten die ersten Reihen besetzt
hielten, hatten ihre ganze gesellschaftliche Haltung verloren. Sie
zischten, sie riefen mir Schimpfworte zu, weibehandschuhte Fuste
erhoben sich in bedrohlicher Nhe. Aber schon war Heinrich neben mir und
reichte mir den Arm. Ein paar Schritte weiter umringten mich die
Genossinnen, Wanda Orbin schlo mich strmisch in die Arme.

Kurz vor dem Ausgang stand eine Gruppe von erhitzten Damen um den
jngsten Philosophen Berlins geschart; er war ein Freund meines Mannes.
Sie haben Gift gespritzt, schrie er mir zu. Mit einem Blick voll Zorn
und Verachtung ma ihn Heinrich. Den nchsten Augenblick trat mir Egidy
entgegen. Sie haben sich schwer versndigt, sagte er, seine blauen
Augen funkelten zornig.

An der Tre zgerte ich. Mir war, als mte ich noch einmal rckwrts
sehen, ber die Menge hinweg in den festlich glnzenden Saal: Von der
Decke herab flutete das Licht in Strahlenbndeln; es schimmerte weich
auf weien Marmorfiguren, es zauberte lebendige blutdurchflossene Adern
in die Sulen von rotem Granit, es funkelte prahlend auf goldenen
Gesimsen, und dem grauen Herbstabend drauen wehrten die hohen farbigen
Bogenfenster den Eintritt.

Langsam gingen wir die breite Steintreppe hinab auf die schmutzige
Strae.

       *       *       *       *       *

Am Sdende der Friedrichstrae, wo das Licht sprlicher wird, lag der
alte Tanzsaal, in dem ich am Abend sprechen sollte. Durch ein paar Hfe,
die nur die glhenden Augen breiter Fabrikfenster erhellten, fhrte der
Weg. Sie waren schwarz voll Menschen. Auf den ausgetretenen Stufen der
Holztreppe bis zum Saal war ein Vorwrtskommen fast unmglich. Ein paar
stmmige Ordner bahnten uns mit Ellbogensten den Weg. Die berliner
Arbeiter wollen Sie alle sehen, Genossin Brandt, sagte der eine. Ich
senkte den Kopf. Wie ich mich freute! ber den Massen, die den Raum
erfllten, in den wir endlich gelangten, lagerte Tabaksqualm und
Menschenschwei in schweren, dunkeln Nebeln. Das Licht von den
verstaubten Kronleuchtern drang nur trbe durch den grauen Dunst.
Rugeschwrzt war die niedrige Decke, von den Wnden brckelte der Kalk,
blinde Spiegelscheiben warfen gespensterhaft verzerrt das Bild der
Menschen zurck, die sich vor ihnen sammelten. Ein paar steile Stufen zu
einer kleinen Bhne ging es empor, auf der grell gemalte Kulissen einen
Wald von Palmen darstellen sollten. Unter mir stand jetzt die Menge Kopf
an Kopf. Siedende Hitze stieg von ihr auf, da der Atem mir sekundenlang
stockte.

So warten sie schon seit zwei Stunden wie eine Mauer, sagte Ida
Wiemer, die den Vorsitz fhrte. Der graubrtige Polizeileutnant
schttelte bedenklich den Kopf. Ich kann nur einen kurzen Vortrag
gestatten, sagte er, wenn ich nicht die Versammlung auflsen soll.
Genossen, rief Ida Wiemer so laut sie konnte in den Saal, macht den
fremden Kongredelegierten Platz, die heute unsere Gste sind --. Eine
Anzahl Arbeiter versuchten, sich langsam hinauszuschieben. Aber die
Scharen, die die Tren belagerten, versperrten den Weg. Das ist
lebensgefhrlich, wiederholte der Polizeileutnant und wischte sich den
Schwei von der Stirne. Fangen Sie an und machen Sie's kurz, -- ein
anderes Mittel gibt's hier nicht.

Ich trat vor. Kirchenstille umfing mich. Ich sprach gegen jene
landlufigen Vorwrfe, durch die die Gegner der Sozialdemokratie sie
tdlich zu treffen glauben: Die Zerstrung der Familie, die Propagierung
der freien Liebe, die Vernichtung der Religion, den blutigen Umsturz.
Und ich zeigte, wie die wirtschaftliche Not es ist, die das
Familienleben zerstrt, wie aus derselben Not die kufliche Liebe
wchst, die nichts gemein hat mit jener Freiheit der Liebe, die wir als
die einzige Grundlage echten Familienglckes den Menschen erobern
wollen; wie es die Kirche ist und der Staat, die die Religion Christi
vernichtet haben, wie die blutige Revolution nicht von uns, sondern von
denen vorbereiten wird, die mit Flinten und Sbeln drohen, die der
wehrhaften Jugend befehlen, auch auf Vater und Mutter zu schieen, die
den Ruf hungernder Arbeiter um ein paar Pfennige mehr Lohn, um ein paar
Stunden weniger Arbeitszeit mit Gewehrsalven beantworten. Ich sah nichts
mehr; zwischen mir und den Menschen da unten hingen dichte Schleier.
Aber ich fhlte ihren heien Atem, ich hrte mit gesteigerten Sinnen ihr
Sthnen, wenn ich ihr Elend malte, ihren Beifall, wenn ich von ihren
Kmpfen sprach, ihren hoffnungsstarken Jubel, wenn ich der Zukunft
gedachte, die unser sein wird.

Ich schwieg erschpft, -- jetzt erst fhlte ich, wie der Kopf mir
brannte und der Atem nach Luft rang. Hundert Hnde streckten sich mir
entgegen, als ich zitternd die Stufen hinabstieg. Die Masse umdrngte
mich. Dank, -- Vertrauen, -- Liebe las ich in ihren Mienen. Ein paar
Frauenrechtlerinnen gingen mit steif erhobenen Kpfen an mir vorbei. Ich
lchelte. Wie hatte ich mich nur je ber ihre Feindseligkeit grmen
knnen?! Ich kam nur langsam vorwrts. Mit lauter Fragen und Bitten
wurde ich aufgehalten: Nicht wahr, Sie sprechen auch bei uns einmal?
-- In unserem Kreis? -- In meiner Gewerkschaft? Und immer wieder
sagte ich freudig ja. Die hier glaubten an mich und erwarteten von mir,
da ich ihnen etwas sein knnte. Im dunkeln Saal war mein Herz wieder
warm und hell geworden.

Wir gingen den weiten Weg durch die Nacht nach Haus. Am Kanalufer
raschelten die gelben Bltter uns zu Fen und tanzten wie goldige
Schmetterlinge in der feuchten Herbstluft.

Warum die Menschen trauern, wenn die Bltter fallen? sagte ich. Sie
machen doch nur den jungen Trieben Platz! Mein Liebster kte mich.
Du, was denken die Leute?! rief ich lachend und lief ihm davon. Die
Wahrheit! sagte er, mich einholend, und prete mir die Hnde mit einem
starken Griff zusammen. Da wir ein Liebespaar sind!

Im Schlafzimmer droben ri ich die Kleider vom Leibe, in denen der Dunst
des Saales noch hing. Das rosige Licht der Lampe umflutete mich; meine
Augen suchten den kleinen Ganymed. Unwillkrlich faltete ich die Hnde.
Auch an diesen Frhling glaubte ich wieder.




Sechstes Kapitel


Goldener Herbst! Ein kniglicher Verschwender bist du. Deiner Geliebten,
der Sonne, gibst du in brennenden Farben zurck, was sie an Sommerglut
der Erde geschenkt hat. Nichts ist dir zu gering, um es mit dem Glanz
deiner Liebe zu berschtten. Auf die desten Mauern zaubert dein Blick
jauchzende Melodien von Gelb und Rot. Aus dem armen Sand mrkischen
Bodens lockst du der Sonnenblumen tropische Pracht hervor und lehrst
sie, ihr Strahlenangesicht deiner Geliebten anbetend zuzukehren. Unter
deinem Hauch reifen die Frchte, und schwer von Segen neigen sich die
ste vor dir. Von entbltterten Blten trgt dein Atem zarte Samenfden
ber die Wiesen und schttelt von den alten Eichen die Hoffnung
kommender Jahre.

Tage, ber die der Himmel leuchtet wie flssiges Silber, lt du in
Nchten untergehen, die tief und dunkel sind, ein zukunftschwangeres
Geheimnis.

Nicht wie die jungen Mdchen den Lenz begren -- schmig errtend und
demutsvoll -- empfing ich dich. Ich forderte von dir, erhobenen Hauptes,
meinen Anteil an deinem Reichtum, Frst des Jahres. Und, siehe, aus
meinem Herzen wuchsen glutrote Blumen, meine Seele wurde zu deinem
Saitenspiel, mein Scho zum Tempel des Lebens -- -- --

Es kam ber mich wie ein einziger groer Feiertag. Er duldete nichts
Dunkles. Aus den Kammern vertrieb ich allen Staub der Vergangenheit, aus
Kisten und Kasten alles, was moderte. Ich badete meine Augen, da sie
klar und hell wurden und die Welt ihnen in einem Glanz erschien, wie sie
ihn nie vorher gesehen hatten. Wie der Herbstwind am Morgen die Nebel
zerstreut, so flohen die Sorgen vor dem Sturm meiner Seligkeit. Ich ging
der Sonne nach. Auch den verlorensten ihrer Strahlen fing ich auf und
barg ihn in der Schatzkammer meiner Seele.

Sonnengesegnet sollte es sein, mein Kind!

Ich war nicht mehr Ich. Das geheimnisvoll neue Leben unter meinem Herzen
hatte von mir Besitz ergriffen. Ich trumte nicht mehr meine engen
Trume, die sich im Kreise um mich selbst bewegten, und lebte nicht mehr
meiner kleinen Hoffnung, die ihren Bogen nur bis zum Friedhofstor des
eigenen Daseins spannte. Wie Wandervgel flogen meine Trume weit ber
mein Gesichtsfeld hinaus, und die Brcke, die die Hoffnung baute,
verband die Zeit mit der Ewigkeit.

Ich ward mir selbst zum Heiligtum. Ich pflegte meinen Krper wie der
Glubige den Schrein, der das Allerheiligste birgt. Und meiner Seele
Eingang hteten goldgepanzerte Wchter; die Schrfe ihres Schwertes traf
jeden bsen Gedanken, ihren Speeren entging kein niedriges Gefhl. Denn
mein Krper und meine Seele nhrten das neue Leben. Kein Tropfen Giftes
durfte in ihnen sein.

       *       *       *       *       *

Ich wnschte mir einen Sohn. Einen, der ein Fhrer und Vorkmpfer werden
knnte. Aber die Erfllung dieses Wunsches schien mir fast zu viel des
Glcks. Und so dachte ich auch der Tochter -- einer, die ein Vollmensch
und darum ein echtes Weib sein sollte. Von nun an stand Watts Ganymed
vor meinem Platz auf unserem groen Schreibtisch und neben ihm ein
ses, blondes Mdelchen nach einem Portrt von Gainsborough. Ich sah
von einem zum anderen, und tief in mein Herz prgten sich die holden
Kindergesichter. Mein Mann brachte mir tglich frische Blumen fr sie.
Einmal aber kam er nach Haus und stellte statt ihrer ein neues Bild
mitten auf den Schreibtisch. Es war Meister Drers furchtloser Ritter,
der seelenruhig, im Schritt, den Kopf erhoben, das Auge gradaus
gerichtet, an allen Schrecken des Daseins vorberreitet.

La kommen die Hll, mit mir zu streiten, ich will durch Tod und Teufel
reiten --, ist sein Wahlspruch. Wenn's ein Bub wird, sagte der
Liebste, so soll's so einer sein.

Du hast recht, antwortete ich und drckte ihm zrtlich die Hand, ich
habe schon zu viel an das Kind und zu wenig an den Mann gedacht, dabei
wies ich lchelnd auf die Wolken weien Linnens, die mich umgaben, und
zeigte stolz die ersten winzigen Hemdchen, die daraus entstanden waren.
Mein Mann hatte zuerst von dieser Arbeit nichts wissen wollen. Du
nimmst einer armen Nherin das Brot und hast selbst weit Besseres zu
tun, war seine Ansicht gewesen. Aber zum erstenmal hatte ich ihm
widersprochen und meinen Willen durchgesetzt. Auf die Stoffe, die meines
Kindes Krper berhren sollten, durften keine Kummertrnen fallen;
Mutterliebe mute die Nadel fhren, Muttertrume sich mit jedem Stich
hinein verweben. Nun kam es freilich vor, da ich im bereifer
stundenlang ber der Arbeit sa und vernachlssigte, was ich sonst zu
tun hatte. Das mu anders werden, Heinz, sagte ich laut und faltete
die Leinwand zusammen. Auch um des Kindes willen darf ich die Welt
auerhalb unserer vier Wnde nicht vergessen, die doch auch seine Welt
sein wird. Schau, hier ist ein Brief von Wanda Orbin --, ich reichte
ihn meinem Mann hinber, der sich an den Schreibtisch gesetzt hatte;
sie beklagt sich, weil ich zu wenig fr die 'Freiheit' schreibe; hier
sind eine Reihe Aufforderungen zu Vortrgen, -- ich war nahe daran, sie
ablehnend zu beantworten --

Und hier, unterbrach er mich, habe ich Bcher, die deiner Besprechung
harren. An den Artikel, den du mir fr mein Archiv versprochen hast,
will ich schon gar nicht erinnern --

Ich stand auf und reckte mich mit einem Gefhl tiefen Wohlbefindens. Du
wirst ihn bekommen! Ich verstehe nicht recht, warum so viele Frauen
jammern, wenn sie guter Hoffnung sind. Ich fhle Kraft fr zwei!

Und mit Feuereifer strzte ich mich in die Arbeit, die ich nur
stundenweise unterbrach, um frische Luft zu schpfen.

       *       *       *       *       *

Ich sollte mir tglich Bewegung machen und vermied den nahen Tiergarten,
weil ich den Eltern zu begegnen frchtete. Ich wute: mein Herz wrde
sich schmerzhaft zusammenkrampfen, und ich wollte mich jetzt nicht
grmen. So fuhren wir denn fast immer in den Grunewald und wanderten um
die stillen Seen, die zwischen entlaubten Bumen und schwarzen Kiefern
dem Winter entgegentrumten, oder gingen auf den gepflegten Wegen der
jungen Kolonie, all die vielen Villen betrachtend, die rascher als die
Mietskasernen auf dem Kurfrstendamm aus der Erde wuchsen. Sie waren
anders als die, die noch vor wenigen Jahren entstanden waren, -- heller,
freundlicher. Die verlogenen Butzenscheibenerker und die altdeutschen
Sprche ber den Tren verschwanden mehr und mehr. Die Zeit wurde
selbstbewuter und schmte sich der erborgten Formen vergangener
Jahrhunderte. Oft freilich sahen wir halb staunend, halb lachend Huser,
die aus lauter Originalittssucht absurd geworden waren. Aber auch das
war im Grunde nichts anderes, als der tolle Ausbruch berschumender
Jugendkraft, und wenn mein Mann spotten wollte, erinnerte ich an Goethes
Wort: Es ist besser, da ein junger Mensch auf eigenem Wege irre geht,
als da er auf fremdem recht wandelt.

Heute blieben wir in Schauen versunken vor einem Huschen stehen, das
aus dem Mrchenbuch ins Leben versetzt zu sein schien: ein tiefes Dach
hing schtzend ber den von rotem Weinlaub dicht umsponnenen Wnden,
hinter kleinen blitzenden Fenstern hingen weie Vorhnge, auf den
braunen Holzaltanen blhten noch rote Geranien, und davor auf dem
glatten Rasenteppich warf ein kleiner Knabe jauchzend den bunten Ball in
die helle Herbstluft. Wenn doch mein Kind wie dieses in Wald und Garten
wachsen knnte, dachte ich. Solch ein Haus mcht' ich euch bauen, dir
und dem Kinde, sagte Heinrich im gleichen Augenblick. Ich lachte ein
wenig gezwungen. Wie sollte das mglich sein, wo unsere Mietwohnung fr
uns schon zu teuer ist! Wenn wir Zinsen statt Miete zu zahlen
htten --, meinte er nachdenklich; Hall hat in dieser Weise schon
mancher Familie die Mglichkeit verschafft, im eigenen Huschen und im
Freien zu wohnen! Wir gingen schweigsam weiter, nur hier und da fiel
eine Bemerkung, die mir zeigte, das er denselben Gedanken weiter spann.

Am Wildgatter nach Hundekehle holte uns eine groe Gesellschaft junger
Radler ein; ihre blanken Rder blitzten, knapp und elegant schmiegten
sich die Sportanzge neuster Mode um die schlanken Gestalten. Ist das
nicht --, rief ich unwillkrlich, und mein Herz klopfte rascher, aber
schon wandte das reizende Mdchen, das dicht an mir vorbei geflogen kam,
dunkelerrtend den Kopf zur Seite. Ilse, -- kein Zweifel, antwortete
Heinrich. Und sie grt mich nicht einmal! Trnen verdunkelten mir den
Blick. Wollen wir umkehren? frug mein Begleiter sanft und zog meinen
Arm fest durch den seinen. Nein, entgegnete ich und versuchte zu
lcheln; sie kann ja nichts dafr, die Kleine! Sie darf mich nicht
kennen.

Unten vor dem Wirtshaus standen die Rder. Wir wollten gerade links
einbiegen, den Weg nach Paulsborn, der fr uns so reich war an
Erinnerungen, als Ilse, nach einem Augenblick des Zgerns, quer ber die
Strae zu uns herberlief. Sie umarmte mich strmisch.

Sei nicht bse, Schwester, rief sie atemlos und zog mich tiefer in den
Wald hinein. Sie wrden mich zu Hause verraten, wenn ich dich gegrt
htte. Zrtlich streichelte ich ihr das erhitzte Gesicht und drckte
ihr kleines Hndchen, das immer noch so weich und zart war, so unfhig
zuzupacken und festzuhalten.

Die Eltern wollen nichts von mir wissen? fragte ich zaghaft.

Wir reden viel von dir, Mama und ich, antwortete sie, aber vor Papa
drfen wir deinen Namen nicht nennen. Trotzdem wei ich, da er sich
bangt nach dir, fgte sie rasch hinzu, als sie sah, wie ich erschttert
war. Wir holen ihn manchmal vom Kasino ab; wenn wir ber den
Ltzowplatz fahren, lt er deine Fenster nicht aus den Augen.

Und Mama, sagst du, spricht von mir?!

Ja. Sie hatte zuerst des Morgens rote Augen, aber jetzt ist sie ruhig.
Es qult sie nur, glaube ich, da sie nicht wei, ob -- ob --, sie
errtete, ein forschender Blick glitt ber meine Gestalt.

Hei strmte es mir zum Herzen, mein ganzes, reiches Glck berkam mich,
und alles Erinnerungsweh verschwand vor ihm. Gre Mama, sagte ich
weich, und sage ihr, da ich guter Hoffnung bin. Ihre Hand lste sich
aus der meinen, ein Schatten schien ber ihre Zge zu huschen, etwas
Fremdes stand auf einmal unsichtbar zwischen uns. Ich mu fort, -- sie
suchen mich sonst, -- lebwohl -- --! und schon war sie wieder jenseits
der Strae.

Verstehst du das? fragte ich meinen Mann, der die ganze Zeit mit
gerunzelter Stirn neben uns gestanden hatte, und sah ihr kopfschttelnd
nach. Nein, sagte er, sie scheint mir aus Widersprchen
zusammengesetzt, deine Schwester.

Auf dem Rckweg ertappten wir uns gegenseitig bei einem verstohlenen,
sehnschtigen Blick nach dem weinumsponnenen Huschen mit dem tiefen
Dach darber. Der Rasenplatz war leer. Ob der Kleine da oben hinter den
zugezogenen weien Vorhngen schlummern mochte? Und ich trumte, whrend
wir heimwrts fuhren, offenen Auges einen gar sen Traum.

Mein Herz war heut bervoll. Als ich abends bei den Knaben sa, um ihre
Arbeiten zu beaufsichtigen, fhlte ich strker als sonst, wie wenig ich
sie eigentlich kannte. Sie waren nachmittags wie gewhnlich im
Zoologischen Garten gewesen. Es kam mir wie ein Unrecht vor, da ich sie
dort allein lie; ich wute nicht, was sie hrten und sahen, welchen
Einflssen sie inmitten der verdorbenen Grostadtjugend unterliegen
mochten. Und doch, nicht mglich wre es gewesen, so groe Jungen auf
Schritt und Tritt unter Aufsicht zu halten.

Ihr Verhltnis zueinander war kein brderliches, sie klagten sich hufig
gegenseitig bei mir an, -- das einzige Mittel, wodurch ich etwas von
ihnen zu erfahren bekam. Htte ich doch ihr volles Vertrauen besessen!
Aber freilich: ich hatte kein Recht darauf; fr sie stand ich nicht
einmal an Stelle der Mutter, denn sie lebte noch. Je erfolgloser mein
Bemhen gewesen war, ihnen nher zu kommen, desto unbegreiflicher war es
mir, da die Mutter sich hatte von ihnen trennen knnen. Ein Kind bedarf
der Mutter, die es besser versteht, als es sich selbst verstehen kann.
Tiefes Mitleid ergriff mich mit den beiden Buben, aber ein noch tieferes
fast mit ihrer Mutter. Welch Schicksal mute sie getroffen haben, da
sich ihr Herz so hatte verhrten knnen? Heinrich sprach nicht gern von
ihr; und meinen Gedanken, ihr zu schreiben, um wenigstens in bezug auf
die Erziehung der Kinder im Einvernehmen mit ihr zu handeln, hatte er
schroff und rgerlich als einen ganz trichten und zwecklosen
zurckgewiesen. Ich hatte ihn trotzdem ausgefhrt -- heimlich, um ihn
nicht zu rgern. Da wir aber im berschwang unseres jungen Eheglcks
einander gestattet hatten, unsere Briefe gegenseitig zu ffnen, so las
er ihre Antwort: ein paar khle hochmtige Zeilen, im Tone der Herrin
gegenber der Gouvernante. Heinrich war damals ernstlich bse geworden,
und -- was mir am tiefsten in die Seele schnitt -- traurig dazu. Ich
kann alles vertragen, hatte er gesagt, nur eins nicht: da du
unehrlich bist mir gegenber. Ich mu dir unbedingt vertrauen knnen,
sonst ist unsere Ehe keine mehr. Seitdem hatte ich die kaum begonnene
Korrespondenz wieder abgebrochen, und die Brcke zum Herzen der Kinder,
auf die ich gehofft hatte, blieb ungebaut. Und nun kam es pltzlich wie
eine Erleuchtung ber mich: ich wute, womit ich sie wrde gewinnen
knnen.

Erzhl uns was, bettelte Wolfgang wie immer, wenn er aufatmend die
Schulbcher zuschlug. Gleich! antwortete ich lchelnd, und ging
hinaus, um mit dem Korb voll weier Leinwand wiederzukommen.

Was meint ihr wohl, was das ist? fragte ich und hielt ein kleines
Hemdchen hoch, soda das Licht der Lampe rosig hindurchschimmerte. Sie
rissen erstaunt die Augen auf. Eurem Brderchen oder eurem
Schwesterchen gehrt es, das ihr bekommen werdet. Habt ihr die Eicheln
gesehen, die von den Bumen fallen? Wenn die Erde sie aufnimmt, und
weich und warm einhllt, damit der Winter ihnen nichts Bses tun kann,
so wachsen im Frhling junge Bumchen daraus ... Und ein Vogelei kennt
ihr doch auch? Da ist zuerst gar nichts drin, wie eine weiliche
Flssigkeit. Wenn's aber eingebettet im Nestchen liegt, und die Henne es
mit ihrem Leib bedeckt, dann entwickelt sich zuerst die gelbe Dotter und
aus ihr ein winziger lebendiger Vogel. Sobald er gro genug ist,
zerbricht er das Ei und ist da! Wir sind so sehr daran gewhnt, da wir
uns des groen Wunders gar nicht mehr bewut werden, -- eines Wunders,
das viel unfalicher ist, als wenn der Storch die kleinen Kinder
brchte, wie man es frher zu erzhlen pflegte. Ich machte eine Pause;
meine Zuhrer rhrten sich nicht, und ich hatte nicht den Mut
aufzusehen. Wute ich doch nicht, was fr Blicken ich begegnen wrde.
Euch ist vielleicht auch einmal das Mrchen vom Storch zu Ohren
gekommen, fuhr ich leiser fort, es ist dumm und albern! Die Wahrheit
ist tausendmal schner: wie die Eichel im Scho der Erde, ruht der
Menschensamen im Mutterleib, und wie das Vgelchen sich entwickelt, so
entwickelt sich das Kind, nur da die Menschenmutter das Ei unter dem
Herzen trgt, bis es zerspringt und das junge Leben geboren wird. Ich
schwieg wieder; es war so still, da ich htte meinen knnen, ich wre
allein im Zimmer. Weil ich euch lieb habe, euch beide --, flsterte
ich und senkte den Kopf tief auf die Arbeit, die meine zitternden Hnde
hielten, -- darum mag ich euch nicht belgen, darum will ich euch
anvertrauen, was mein glckseliges Geheimnis ist: ich werde auch ein
Kind bekommen!

Eine beklemmende Stille; ich konnte die Nadel hren, wenn sie den Stoff
durchstach. Endlich sah ich empor. Die Kpfe gesenkt, mit dunkelroten
Wangen saen die Knaben vor mir. Ein rascher scheuer Blick traf mich aus
Wolfgangs hellen Augen, um seine Lippen zuckte es. Waren es verhaltene
Trnen, oder war es am Ende gar -- Spott? Hans rutschte vom Stuhl auf
die Erde und machte sich, abgewandt von mir, an seiner Dampfmaschine zu
schaffen. Ich wute nur zu gut, wie verdorbene Kinder das Geheimnis des
Lebens ihren Schulkameraden zu erklren pflegen: mit lsternen
Augenzwinkern, mit der Freude am Schmutz. Hatten sie es so erfahren?!
Mir stieg die Schamrte bis unter die Haarwurzeln. Oder hatten sie,
whrend ich sprach, ihrer Mutter gedacht, hatten pltzlich empfunden,
da ich sie nicht so wrde lieben knnen wie mein eigenes Kind? Ich
seufzte tief auf. So war auch das vergebens gewesen; statt eine Schranke
einzureien, hatte ich eine neue errichtet. Ich begegnete ihnen von nun
an mit doppelter Zrtlichkeit; ich suchte ihre Wnsche zu erfllen, noch
ehe sie laut wurden. Aber ihre Scheu berwand ich nicht.

Vor Heinrich lie ich mir nicht merken, was in mir vorging. Er htte
mich miverstehen, htte glauben knnen, da ich seine Bitte, die Kinder
lieb zu haben, nicht zu erfllen vermchte, -- dachte ich. Auch war er
den Kindern gegenber oft so reizbar, da ich Mhe hatte, ihn zu
besnftigen. Das Verlangen, mit mir allein zu sein, uerte er zuweilen
in einer, wie mir schien, fr die unschuldigen Buben empfindlichen
Weise. Ich lenkte ein, -- ich deckte zu, -- ich versteckte mein eigenes
Empfinden, das in derselben Sehnsucht gipfelte wie das seine. Wie viele
warme Worte und heie Blicke und zarte kleine Aufmerksamkeiten, die wie
ein holder Frhlingsflor den Garten junger Ehe schmcken, wagten sich
vor den fremden Augen der Kinder nicht ans Tageslicht. Auch ber das
Glck meiner Mutterhoffnung mut' ich vor ihnen einen Schleier ziehen.

       *       *       *       *       *

Wir lebten damals ganz still. Von geselligem Verkehr war selten die
Rede. Wir scheuten noch immer unliebsame Begegnungen, und unsere
Zurckhaltung, die mir als Hochmut ausgelegt wurde, steigerte nur unsere
Isoliertheit. Es kam vor, da wir im Theater zwischen lauter alten
Bekannten saen und uns doch wie auf einsamer Insel mitten im Meer
befanden. Man musterte uns neugierig, man tuschelte ber uns, man grte
bestenfalls, und ich setzte dazu meine abweisendste Miene auf, um den
Menschenhunger, der mich manchmal berfiel, nicht merken zu lassen.

Zuweilen besuchten uns die Mitarbeiter an meines Mannes Zeitschrift:
Nationalkonomen, Juristen und Politiker aus aller Herren Lnder, die er
mit dem ihm eigenen redaktionellen Geschick unter einen Hut zu bringen
gewut hatte, und die, -- mochten sie sonst in ihren Ansichten noch so
weit auseinander gehen, -- unter seiner Fhrung gemeinsam am selben
Strange zogen.

Ihr Mann ist ein wahres Redaktionsgenie! sagte mir einmal einer von
ihnen, nachdem er sich nach langer Debatte doch wieder unterworfen
hatte, halb rgerlich, halb bewundernd. Meist erdrcken die Autoren den
Redakteur, er nimmt dankbar, was 'bewhrte Mitarbeiter' ihm bringen und
ist eigentlich nur ihr Geschftsfhrer. Ihr Mann aber zwingt uns in
seinen Dienst wie ein Feldherr seine Soldaten. Wenn er will, so mssen
wir alles andere stehen und liegen lassen, uns hinsetzen, die Feder
ergreifen und den gewnschten Aufsatz schreiben.

Ich freute mich jedesmal dieser Gste; denn mochten sie von Ruland oder
Frankreich, von England oder Italien kommen, -- eins war ihnen
gemeinsam: Tatkraft und Hoffnungsfreudigkeit. Ganz richtig uerte sich
einer ber diese innere Einheit, wenn er sagte: Wir sind Leute mit der
Devise 'Ja, also!', im Gegensatz zu der lteren Generation der
kathedersozialistischen Nationalkonomen, die die Mnner des 'Ja, aber!'
gewesen sind. Sie zogen die Konsequenzen ihrer wissenschaftlichen
Erkenntnis und traten rckhaltlos auf Seite der Arbeiter in Fragen des
Arbeiterschutzes. In ihnen sah ich starke Verbndete der
Sozialdemokratie, und es schien mir kein Zweifel, da die Logik der
inneren Entwicklung und der ueren Geschehnisse sie schlielich zu
ihren offenen Parteigngern wrde machen mssen.

Aber noch eine andere Tatsache untersttzte meinen Glauben an den
Fortschritt sozialer Erkenntnis: die Grndung der nationalsozialen
Partei.

Sie war eben in Frankfurt zur Welt gekommen und getauft worden; sie
hatte im Rausch der Festesfreude freilich den Mund sehr vollgenommen,
wie das nun einmal in solcher Situation deutsche Art zu sein pflegt:
Wir stehen als Erben vor der Tre der Sozialdemokratie, hatte Ghre
erklrt. Wir stellen uns an die Spitze der Arbeiterbewegung, denn die
Zeit der Sozialdemokratie ist um, hatte Sohm ihm sekundiert. Aber
solche rednerischen Entgleisungen, die unsere Parteipresse mit einem
bertriebenen Pathos rgte, statt ber sie zu lcheln, wogen leicht
gegenber dem Handeln dieser Mnner und Frauen: sie anerkannten die
Gegenwartsforderungen der Sozialdemokratie, sie stellten sich, bei aller
Betonung nationaler Gesinnung, in bewutem Gegensatz zur Regierung, die
die sozialen Pastoren maregeln lie, -- zum Kaiser, der ihre
Bestrebungen fr strflichen Unsinn erklrte.

Ein Ereignis trat ein, das vollends zwischen rechts und links wie
Scheidewasser wirken sollte: der Hafenarbeiterstreik in Hamburg. Hatte
wenige Jahre vorher die Cholera die Augen der ganzen Welt auf die
grlichen Elendsquartiere der reichen Kaufmannsstadt gerichtet, so
zeigte sich jetzt, da selbst ihr Schrecken nicht imstande gewesen war,
die Brutsttten des Todes aus der Welt zu schaffen. Noch hausten zwanzig
Prozent ihrer Bewohner dicht zusammengedrngt in winzigen Rumen und
engen Gassen, -- zu fnft in einem Zimmer, zu neun in zweien! Und zu
diesen gehrten vor allem die Hafenarbeiter, die bei schwerer Arbeit,
die sie oft Tag und Nacht nicht los lie, nicht genug verdienten, um
sich auch nur in Frieden ausruhen und frische Arbeitskrfte sammeln zu
knnen. Der Eindruck der Tatsachen, die der Streik enthllte, war ein
ungeheurer, und die Haltung der Hamburger Reeder, die sich allen
Einigungsversuchen der Arbeiterorganisationen widersetzten und einen
Kampf um ein paar Groschen mehr Lohn zu einem Kampf um ihre Macht
erweiterten, emprte jeden, der vorurteilslos zu denken vermochte. In
hherem Mae als zur Zeit des Konfektionsarbeiterstreiks nahm die
ffentlichkeit Partei fr die Arbeiter, gefhrt von den jungen
sozialpolitischen Professoren und der nationalsozialen Partei. Das
waren, so schien mir, Symptome fr das Erwachen eines Geistes, der nicht
mehr zu bannen sein wrde. Und die Haltung der Gegner bekrftigte meine
Auffassung: Kleine Nadelstiche, wie die Ausweisungen englischer
Arbeiterfhrer, die, um Frieden zu stiften, nach Hamburg gekommen waren,
-- schroffe Erklrungen der Reichsregierung gegen die Streikenden, --
von ihr unwidersprochene Aussprche, wie die des alten Reaktionrs
Kardorff im Reichstag: Ich freue mich, da man von den bedenklichen
Wegen des Erlasses von 1890 jetzt abgekommen ist, -- Wnsche eines
Stumm und seiner Gesinnungsgenossen, die zur Bekmpfung
staatsgefhrlicher Umtriebe eine nderung der Vereinsgesetze forderten,
-- waren das alles nicht Zeichen der Angst und der Schwche? Und war
nicht die Wandlung, die der Kaiser seit seinen sozialpolitischen
Erlassen durchgemacht hatte, ein unbewutes Eingestndnis schwindenden
Einflusses? Erfllt von seinem Gottesgnadentum, durchtrnkt von der
Vorstellung, die Tradition und Erziehung den Frsten unauslschlich
einprgt: da das Volk ihnen gegenber im Verhltnis des Kindes zum
Vater steht, hatte er ein sozialer Kaiser sein wollen, indem er der
Arbeiterschaft als Geschenk brachte, was ihm gut schien fr sie. Als sie
es ihm nicht dankte, als sie Rechte forderte, statt Gnaden zu erbitten,
sie sogar mit Gewalt ertrotzen wollte, -- da wurde der in seiner
Autoritt verletzte Frst zum zrnenden, strafenden Vater. Und derselbe
Kaiser, der 1890 fr die Schaffung von Schiedsgerichten eintrat, stellte
sich 1896 auf die Seite der Hamburger Reeder und forderte die
Vereinigung aller Arbeitgeber gegen die Arbeiter.

Um diese Zeit besuchte uns mein alter Freund Professor Tondern, der ein
stiller Gelehrter irgendwo an einer Provinzuniversitt geworden war, und
den ich fr unsere Sache fast schon aufgegeben hatte. Er war zur Zeit
des Streiks in Hamburg gewesen, und mein Mann hatte ihn fr das Archiv
zu einer Arbeit darber aufgefordert. Statt aller Antwort kam er selbst,
ganz erfllt von dem Erlebten.

Da bilden wir uns nun wer wei wie viel auf unsere Bildung, unsere alte
Kultur ein, sagte er, und mssen angesichts solcher Kmpfe beschmt
eingestehen, da wir mit all dem lumpigen Rstzeug ihren Forderungen
gegenber jmmerlich Schiffbruch leiden wrden, whrend die in Elend und
Unwissenheit Aufgewachsenen sich wie Helden bewhren. Sie htten nur
sehen sollen, wie tapfer die Frauen, vom kleinen Mdchen bis zum
steinalten Mtterchen, ihren Vtern und Shnen zur Seite standen. Da
steckt ungebrochene Jugendkraft -- Er brach seufzend ab.

Zeugt die arbeiterfreundliche Haltung gewisser brgerlicher Kreise
nicht auch dafr? fragte ich.

Er schttelte heftig den Kopf, da die dnn gewordenen roten
Haarstrhnen flogen. Immer noch die alte Optimistin! murmelte er. Zu
einem guten Teil haben Sie freilich recht -- fgte er dann laut hinzu.
Der Streik hat die Verschlafenen aufgerttelt, hat die
sozialpolitischen Probleme wieder in den Flu der Diskussion gebracht,
hat die brennende Feindschaft, die der Generalstab des Kapitals, das
heit das Kapital in seiner bedrohten politischen Machtsphre gegen die
freie Wissenschaft empfindet, zu hellen Flammen werden lassen, -- und
das kann dem echten, dem kritischen wissenschaftlichen Geist nur heilsam
sein.

Diese Feindschaft mu aber auch mehr und mehr zu uns herbertreiben,
entgegnete ich.

Zur Sozialdemokratie? Nein! Erinnern Sie sich unserer Haltung nach der
frankfurter Tagung der Ethischen Gesellschaft? -- Seitdem hat sich fr
uns nichts verndert. Wir sind sogar nur noch fester an die
Staatskrippe, und damit an den Dienst der kapitalistischen Gesellschaft
geschmiedet, weil unsere Kinder inzwischen grer und anspruchsvoller
wurden. Eine Ausnahme, wie Sie, besttigt nur die Regel. Marx hat keine
grere Wahrheit ausgesprochen als die, da die gesellschaftliche
Umwandlung nur das Werk der Arbeiterklasse sein kann.

Er stand auf. Ich mu eilen, -- meine Frau wartet auf mich, sagte er
hastig, und strich sich gleich darauf mit einer verlegen ungeschickten
Bewegung den roten Bart. Ich verstand. Es war gewissermaen nur ein
Geschftsbesuch gewesen. Mit Damenbesuchen wurde ich nicht verwhnt! Er
schttelte meinem Mann die Hand: Sie bekommen den Aufsatz in sptestens
vierzehn Tagen. Dann wandte er sich abschiednehmend zu mir: Sie drfen
mir auch die Hand geben. Meine Stellung zu Alix Brandt ist genau
dieselbe geblieben wie zu Alix von Glyzcinski.

Kurze Zeit darauf meldete sich einer der geistvollsten
Archiv-Mitarbeiter, Professor Romberg, bei uns an. Ich sah ihm mit
gespannter Erwartung entgegen, denn ihm war ein Buch vorausgegangen, das
ihn wie ein Herold mit Fanfarensten angekndigt hatte. Ein schmaler
roter Band war es nur, aber das Wort Sozialismus prangte in goldenen
Lettern darauf, und sein Inhalt war nichts anderes als eine Verteidigung
der Lehren von Karl Marx, als eine Anerkennung der sozialdemokratischen
Arbeiterbewegung. Das Katheder eines wohlbestallten ordentlichen
preuischen Universittsprofessors hatte sich der Verfasser wohl auf
immer verscherzt, aber eine Zuhrerschaft hatte er sich erobert, aus der
fr die Sache des Sozialismus eine groe Gefolgschaft werden mute.

Mein Mann lchelte ber meinen Enthusiasmus, er spielte sogar ein wenig
den Eiferschtigen, als ich zum Empfang dieses Gastes ganz besondere
Vorkehrungen traf, den Tisch mit buntem Herbstlaub schmckte und eine
Flasche Wein besorgen lie, -- zum erstenmal seit unserer
Hochzeitsfeier.

Als er eintrat, hatte ich jene seltsame Empfindung, die ich als Kind
besonders hufig gehabt hatte: da mir derselbe Mann in derselben
Situation schon einmal begegnet war; selbst die gleichgltige
Begrungsphrase und der Ton seiner Stimme dabei war mir bekannt, ehe er
sie aussprach. Im ersten Augenblick war ich verwirrt und berlie
Heinrich die Unterhaltung, dann musterte ich den Gast, und dabei
verwischte sich das Gefhl langen Bekanntseins wieder, hnlich wie ein
Traum uns um so gewisser entgleitet, je mehr wir ber ihn nachdenken.
Diesen groen, tiefbrnetten Mann mit den lebhaften braunen Augen und
der hochgewlbten Stirn hatte ich gewi noch nie gesehen. War es
Sympathie, die ich fr ihn empfand? Der dunkle Bart beschattete dicke
Lippen, die von stark entwickelter Sinnlichkeit zeugten, die groen
Hnde mit den breiten Fingerkuppen und den abgebrochenen Ngeln
widersprachen der vornehmen Eleganz seiner schlanken Gestalt. Aber diese
Mischung von Roheit und alter Kultur prdestinierte ihn vielleicht
gerade fr die Rolle eines Fhrers der ffentlichen Meinung, die er,
unserer Ansicht nach, zu spielen bestimmt war.

In einer Rede, die von Geist und Wissen sprhte, setzte er meinem Mann
die Ideen auseinander, die er in einer Abhandlung fr das Archiv
zusammenfassen wollte. Wir mssen der Sozialpolitik die Krcken nehmen,
die Ethiker, Christlichsoziale und neuerdings Rassenhygieniker ihr
glaubten geben zu mssen, um sie dem von ihnen willkrlich gesteckten
Ziele entgegenhumpeln zu lassen. Sie kann und mu auf eigenen Fen
gehen, eigene Ziele verfolgen. Ich verlange die Autonomie des
sozialpolitischen Ideals, das nicht nur nicht ethisch, nicht religis,
nicht rassenhygienisch, sondern diesen Idealen direkt entgegengesetzt
sein kann.

Das sei Ihnen in bezug auf das religise Ideal zugegeben, warf mein
Mann ein, aber das ethische, das rassenhygienische?! Die 'Befreiung des
gesamten Menschengeschlechts, das unter den heutigen Zustnden leidet',
ist doch wohl ein ethisches Postulat!

Romberg bewegte lebhaft abwehrend die Hnde: Bleiben Sie mir mit der
Zukunftsmusik des Erfurter Programms vom Leibe! Sie knnten ebenso gut
die 'Vershnung der Klassengegenstze', die die Ethiker unter den
Nationalkonomen der Sozialpolitik als Aufgabe zuschieben, predigen.
Nein: wir stehen im Klassenkampf, wir mssen in diesem Kampf Partei
ergreifen, und zwar nicht fr die Schwachen nach christlicher
Auffassung, sondern fr das hchst entwickelte Wirtschaftssystem, fr
die den wirtschaftlichen Fortschritt reprsentierende Klasse, das heit
auf Kosten der anderen.

Mit anderen Worten: fr das Proletariat? fragte ich. Er wandte sich
mir zu.

Gewi: fr das Proletariat, soweit seine Ideale sich mit dem Ideal der
Sozialpolitik decken: der wirtschaftlichen Vollkommenheit, und, -- er
betonte scharf den letzten Satz, -- soweit sie sich dauernd mit ihm
decken werden. Denn es ist einerseits in dauerndem Flu begriffen und
ist andererseits kein absoluter Endzweck, sondern nur ein Mittel zur
Verwirklichung hherer Zwecke. Das wirtschaftliche Leben ist die
Schranke, in der unser ganzes Dasein, auch in seinen hchsten
uerungen, eingeschlossen ist. Wir mssen sie erweitern, so rasch als
mglich, ohne Rcksicht auf die Bedenken empfindsamer Seelen, um zu
Licht und Luft zu gelangen.

Und mit diesen Ansichten knnen Sie es verantworten, auerhalb unserer
Partei zu stehen! rief ich aus. Er schien erstaunt.

Alles, was ich sagte, was ich schrieb, beweist doch, da ich es
verantworten kann! meinte er langsam. Oder glauben Sie, ich wrde mehr
erreichen, wenn ich mich in Ihr Heer einreihen, Ihre Uniform anziehen
wrde, wenn ich jede meiner Ideen, ehe ich sie auszusprechen mich
getraute, dem Votum Ihres Parteitages unterwerfe?!

Ich verstehe Sie nicht! antwortete ich. Wie reimt sich Ihre Abneigung
gegen die Partei mit diesem Buch zusammen, -- ich hielt ihm den roten
Band entgegen, -- mit Ihrer Verteidigung des Klassenkampfes, mit Ihrer
Prophezeiung der dauernden, der notwendigen Einheit der Bewegung?

Ich mu Ihre Frage mit einer Frage beantworten: Ist die Zugehrigkeit
zur Bewegung abhngig von der namentlichen Einschreibung in einen
Wahlverein? Ist es fr meine Stellung wichtiger, wie ich mich nenne, als
was ich leiste?! Die Frage des Eintritts in die Partei kann fr
unsereinen nur individuell gelst werden. Ich zum Beispiel wrde in dem
Augenblick flgellahm werden, wo ich in _der_ Gesellschaft aushalten
mte.

Fr einen Augenblick vielleicht, aber in dem Moment, wo Sie sich
durchsetzen, wo Sie Einflu gewinnen wrden, htten Sie die Kraft Ihrer
Flgel in doppeltem Mae wieder --, mischte sich mein Mann ins
Gesprch.

Sie berschtzen mich, lieber Freund. ber gewisse Dinge komme ich
nicht hinweg. Sie wissen, mein 'Sozialismus' hat einen ungeahnten
Erfolg; ich brauche mich in meiner Schriftstellereitelkeit wahrhaftig
nicht gekrnkt zu fhlen. Aber die Behandlung, die mir -- mir, der ich
den Sozialismus verteidige! -- von einem Teil Ihrer Presse zuteil
geworden ist, hat mir die ganze Gesellschaft auf lange verekelt!

Der Gegensatz zwischen dem Enthusiasmus, der ihn wenige Minuten vorher
erfllt hatte, und der morosen Stimmung, die jetzt aus Wort und Ton und
Haltung sprach, war so verblffend, da wir verstummten. Aber Romberg
forderte uns zur Antwort heraus:

Sie mibilligen meinen Standpunkt? Fragend sah er von einem zum
anderen.

Ganz und gar! antwortete ich heftig. Glauben Sie, da wir um der
schnen Augen der Parteigenossen willen Sozialdemokraten geworden sind,
-- oder der Partei entrstet den Rcken kehren wrden, weil ein paar
Nasen uns nicht gefallen?! Wir dienen der Sache, nicht den Personen.

Eine so reinliche Scheidung zwischen der Sache und den Personen lt
sich in Wirklichkeit nicht durchfhren, sagte er, sichtlich verletzt.
Es kann sehr wohl der Fall eintreten, da eine Sache durch eine
bestimmte Personengruppierung rettungslos verloren geht, und ich bin der
Meinung, da in Ihrer Partei Leute den Ton angeben, die Ihre Sache
diskreditieren.

Wenn Sie dieser Ansicht sind, mten Sie erst recht in die Partei
eintreten, um die Sache, die doch auch die Ihre ist, vor solchen
Einflssen zu retten!

Er bi sich auf die Lippen und schwieg sekundenlang. Dann lie er sich,
wie ermdet, in den Lehnstuhl fallen und sagte langsam: Sie mgen recht
haben, -- auf Grund Ihrer Individualitt. Ich wrde einfach zugrunde
gehen, wenn ich mit dem Gesindel, das Ihre Partei gro gefuttert hat,
auf gleich und gleich verkehren mte. brigens, er lchelte ein wenig,
Sie sind ja erst seit vorgestern 'Genossin', -- wir wollen unser
Gesprch in zehn Jahren zu Ende fhren! Und Sie, mein lieber Brandt,
sind doch auch nur im Nebenberuf 'Genosse'. Wenn Sie Ihrer Frau
beistimmen, warum treten Sie nicht in die politische Arena?

Mein Mann ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder, ehe er antwortete.
Ich habe nicht Ihre Begabung, die Sie zum Agitator stempelt. Und ich
bin nicht unabhngig wie Sie, was, meiner Ansicht nach, eine wichtige
Voraussetzung ist, wenn man in der Partei Wertvolles leisten will. Das
Archiv ist mein Brotgeber. Es knnte seine wertvollsten Mitarbeiter
verlieren, wenn sein Redakteur politisch hervortrte. Sonst, -- lieber
heute als morgen wrde ich ein ttiger Parteigenosse sein!

Ich hatte Heinrich noch nie so sprechen hren; eine tiefe Unbefriedigung
enthllte sich mir, eine Seite seines Wesens, die sich selbst dem
durchdringenden Blick meiner Liebe bisher versteckt hatte. Ich konnte
den Gedanken daran nicht los werden und verga fast unseres Besuchers
darber.

Beim Abschied reichte ich ihm die Hand. Ein unbehagliches Gefhl berkam
mich: die seine lag, so gro sie war, schwach und leblos in der meinen.
Menschen ohne Hndedruck waren mir immer unsympathisch gewesen. Und
doch zog dieser Mann mich an.

Wollen wir nach all dem Ernst nun nicht Berlin ein wenig genieen?
fragte er. Wir armen Provinzler mssen uns mit Grostadtluft auf Monate
versorgen, wenn wir einmal von unserer Kette loskommen. Wir
verabredeten allerlei, und er ging.

Nun?! fragte Heinrich, als die Tr sich hinter ihm geschlossen hatte.

Ein interessanter Mensch, ob ein Kmpfer?! antwortete ich
nachdenklich. Aber was interessiert mich dies Problem, wo mein eigner
Mann mir eins aufgegeben hat!

Er zuckte lachend die Achseln: Kmmere dich nicht darum, Schatz, es ist
doch zunchst unlsbar. Du wrdest wirklich gern politisch ttig
sein? drngte ich unbeirrt. Wre es dir willkommen? fragte er statt
der Antwort. Mir stieg das Blut in die Wangen. Ich sah den Geliebten an
der Stelle, die ich Romberg zugedacht hatte; ich sah uns beide Schulter
an Schulter im Kampfe stehen. O wie schn wre das! flsterte ich.

Die nchsten Tage nahm uns Romberg sehr in Anspruch. Er war von einer
fast kindlichen Genufhigkeit, dabei voller Interesse fr Kunst und
Literatur, in allem das Gegenspiel des typischen deutschen Professors.

       *       *       *       *       *

Berlin war damals reich an neuem Leben fr den, der es zu finden
verstand. Denn die Oberflche trug noch immer das Stigma geschmackloser
Alltglichkeit. Mein Instinkt war doppelt wach; meine Sinne schienen
geschrft fr alles Werden, und meine Hoffnung umschlang mit ppigen
Ranken jede neue Erscheinung.

Wir sahen Gerhart Hauptmanns Versunkene Glocke, die zum erstenmal zur
Auffhrung kam. Alles stritt um des schnen Mrchens eigentlichen Inhalt
und ri ihm im Streit grausam die Schmetterlingsflgel aus. Den einen
erschien es als das tragische Bekenntnis eigener Schwche: denn die im
Tal gegossene, fr die Hhe bestimmte Glocke Meister Heinrichs strzte
vom Berge hinab in die Tiefe, und als er selbst emporstieg, um droben
ein neues Wunderwerk zu schaffen, zog sie ihn nach sich ins Grab. Den
anderen war es nichts als ein Zeichen geistiger Reaktion: der Dichter
der 'Weber' floh vor dem wirklichen Leben. Ich aber hrte darin das
immer wiederkehrende Leitmotiv der Sehnsucht, das den Glockengieer
emporzog, auch als er an seiner Schwche sterben mute, ich sah die
Sonnenpilger, die den Marmortempel suchten, dessen Baumeister zugrunde
ging, dem aber Krftigere als er Hammer und Kelle aus den toten Hnden
nahmen.

Und dieselbe Sehnsucht, die der Hoffnung Schwester ist, die aus unserer
nchternen, auf praktisch-greifbare Ziele gerichteten Zeit
hinwegverlangt in reichere, blhendere Gefilde, wo die arme gehetzte
Seele nicht mehr zu dursten und zu frieren braucht, schien einer jungen
noch unbekannten Knstlerschaft die Hand zu fhren. Wir sahen Glser,
deren zart schimmernde Blumenkelche in Mrchenfarben strahlten, und
Teppiche, auf denen die ganze Flle des Frhlings ausgestreut erschien.
Wir kamen in eine Ausstellung, die eine Welt fremder Wunder enthielt,
deren Schpfer ein noch Unbekannter war. Staunend stand ich vor dem
schnsten, das sie bot: einem Fenster voll leuchtender Glut, mit den
Gestalten Tristans und Isoldens. In ihren Augen, in ihrer Gebrde
steigerte sich die Sehnsucht zum Verlangen; die Farben waren eine Hymne
des Lebens: das Rot jauchzte, das Blau verging in zrtlichen Melodien,
wie ein mystischer Orgelton stand das Violett dazwischen.

Achselzuckend ging die Masse an alledem vorber. Auch die beiden Mnner,
die mich begleiteten, waren mehr erstaunt als betroffen. Ob wohl nur
eine, die schwanger war, die verborgenen Lebenskeime dieser Zeit zu
schauen vermochte? Ich sog mit allen Sinnen ein, was der Menschenknospe
in meinem Scho zur Nahrung dienen konnte.

Seit ich Sie kenne, begreife ich nicht, wie Sie Genossin werden
konnten, sagte Romberg beim Abschied, mit Ihrem starken
Kulturbedrfnis, ihrem Schnheitsdurst!

Fr mich war das nur ein Motiv mehr, um es zu werden, antwortete ich.
Auch den Seelenhunger der Massen nach hheren Lebenswerten mchte ich
stillen helfen.

Sie haben kaum einen --, meinte er wegwerfend.

Dann ist meine Aufgabe doppelt gro: ich mu sie hungrig machen -- --

       *       *       *       *       *

Mein Zustand hinderte mich zunchst nicht an der Parteittigkeit. Ich
hielt Versammlungen ab, solang es ging, obwohl die schlechte Luft sich
mir immer schwerer auf den Kopf legte; ich besuchte die Sitzungen der
Frauenorganisation regelmig trotz der ekelerregenden Dfte der Lokale,
in denen sie stattfanden. Wenn die Polizei, die uns stndig auf den
Fersen war, gewut htte, wie wenig welterschtternd die Fragen waren,
ber die wir debattierten, sie wrde uns ruhig unserem Schicksal
berlassen haben. Seitdem Wanda Orbin nicht mehr in Berlin war, schien
zwar auch den Nur-Ja-Sagerinnen der Mund geffnet zu sein, aber was sie
vorbrachten, das drehte sich meist um die kleinlichsten Dinge. Derselbe
Zank, derselbe Neid, der mir die brgerliche Frauenbewegung vergllt
hatte, fand sich auch hier, nur da er sich in grberen Formen uerte.
Ich wre bitter enttuscht gewesen, wenn ich nicht allmhlich Einblicke
gewonnen htte, die mir die Dinge in anderem Licht erscheinen lieen.

Ich lernte das Leben dieser Frauen kennen. Da war eine, die tagaus,
tagein in dieselbe elende Zwischenmeisterwerkstatt ging, um, wenn sie
todmde heimkam, von dem betrunkenen Mann mit Schlgen oder
zudringlichen Zrtlichkeiten empfangen zu werden; -- sollte sie nicht
verbittert sein? Da war eine andere, die, obwohl sie einen braven Gatten
hatte, auf ihre alten Tage in die Fabrik zurckgekehrt war, weil sie nur
auf diese Weise ihrem kranken Sohn den Besuch eines Sanatoriums
ermglichen konnte; -- sollte sie die glcklicheren Mtter nicht
beneiden, die die Gesundheit ihrer Kinder nicht so schwer erkaufen
muten? Und ein verblhtes Mdchen war zwischen uns, die ihrer gelhmten
Mutter ihre ganze Jugend hatte opfern mssen, -- war's nicht
begreiflich, da etwas wie Ha in ihren Augen aufblitzte, wenn ich
sprach?

Einmal besuchte ich die kleine dicke Frau Wengs; sie war vor drei Tagen
ihres siebenten Kindes genesen, und ich fand sie schon wieder hinter dem
Waschfa. War es erstaunlich, da sie reizbar war? All diese Frauen
standen in harter Arbeitsfron; war es nicht viel merkwrdiger, da sie
sich dabei die Kraft, den Opfermut, die Begeisterungsfhigkeit erhalten
hatten, die es ihnen mglich machte, ihre sprliche Freizeit, ihre ihnen
so bitter ntige Nachtruhe dem Dienst der Partei zu widmen? Sie
leisteten das uerste, was sie leisten konnten; es war nicht ihre
Schuld, da es trotzdem so wenig war.

Ich grbelte lange nach, wie hier zu helfen wre. Mein alter Plan eines
Zentralausschusses fr Frauenarbeit tauchte wieder auf. Wenn man mit
Hilfe der Partei solch einen Mittelpunkt schaffen, die begabtesten der
Frauen dabei beschftigen, von ihrer Erwerbsarbeit dadurch befreien
knnte? Frau Wengs war nach dem Parteitag zur Vertrauensperson fr ganz
Deutschland gewhlt worden. War es nicht wie ein Hohn auf die
Frauenbewegung, da sie, die kaum Zeit hatte, eine Zeitung zu lesen, fr
die das Schreiben eines Briefes eine fast unberwindliche Aufgabe war,
an ihrer Spitze stehen sollte? Man hatte mir freilich erzhlt, Wanda
Orbin habe ihre Wahl untersttzt, um die Leitung um so sicherer in der
eigenen Hand zu behalten, Wanda Orbin, die uns so fern war, deren
unzureichende Kenntnis der Verhltnisse schon daraus hervorging, da
sie ihre Zeitschrift in einem Tone schrieb, der einen hohen Grad von
Wissen bei dem Leser voraussetzte. Ja, wenn sie in Berlin wre, wenn sie
offiziell die Fhrung in die Hnde bekme, wenn die Gestaltung der
'Freiheit' dem Einflu der Genossinnen zugnglich gemacht werden knnte!
Schon damit, so schien mir, wre viel geholfen. Ich schrieb ihr in
diesem Sinne, ich fragte sie, ob sie kommen wrde, wenn man die
Anstellung einer weiblichen Parteisekretrin durchgesetzt htte. Sie
antwortete ausweichend: es fessele sie vieles, vor allem die Erziehung
ihrer Shne in Stuttgart. Ich gab die Sache noch nicht verloren. Ich
legte meinen Plan der Schaffung eines Sekretariats fr die
Frauenbewegung den Genossinnen vor, ich entwickelte ihn in einem
lngeren Artikel in der 'Freiheit' und htete mich zunchst, Wanda
Orbins Namen zu nennen, da ich wute, da auch sie Gegnerinnen hatte.
Die Wirkung war verblffend: die Frauen gerieten in eine Aufregung, die
in keinem Verhltnis zur Sache zu stehen schien. Man fand es
ungeheuerlich, da ich, die ich noch nichts, aber auch rein gar nichts
geleistet htte, mir herausgenommen habe, an der Arbeiterinnenbewegung
Kritik zu ben; man bekmpfte meinen Plan durch Wort und Schrift, als
bedeute er eine Gefahr fr die Partei. Bei der Abstimmung erhob sich
keine Hand fr ihn. Ich erfuhr erst allmhlich die wahre Ursache dieser
wtenden Gegnerschaft: die Frauen hatten angenommen, da ich fr mich
selbst eine eintrgliche Stellung schaffen wolle. Und Wanda Orbin hatte
sie offenbar in diesem Glauben gelassen. Es gab Momente, in denen diese
Erfahrung mir wehe tat, -- trotz aller Mhe, berall nur das Gute zu
sehen. Und die Entrstung meines Mannes, der jeden Nadelstich, der mich
traf, wie einen Dolchsto empfand, trug nicht dazu bei, mich zu
beruhigen.

Aber die ffentlichen Ereignisse sorgten dafr, Gedanken und Interessen
auf wichtigere Dinge zu lenken, und die Verstimmung zwischen mir und den
Genossinnen in einmtige Kampflust gegen die Feinde, die unsere Sache
von auen bedrohten, zu verwandeln.

Hatten die Parlamentsreden der Herren der Rechten, vom Geiste Stumms
beherrscht, schon kriegerisch genug geklungen, so kndigten die
kaiserlichen Worte auf dem brandenburger Provinzial-Landtag Kampf bis
aufs Messer an: Die Aufgabe, die uns allen aufgebrdet ist, die wir
verpflichtet sind zu bernehmen, ist der Kampf gegen den Umsturz mit
allen Mitteln... Ich werde mich freuen, in diesem Gefecht jedes Mannes
Hand in der meinen zu sehen, er sei edel oder unfrei, hie es darin,
und zum Schlu: Wir werden nicht nachlassen, um unser Land von dieser
Pest zu befreien, die nicht nur unser Volk durchseucht, sondern auch das
Heiligste, was wir Deutsche kennen, die Stellung der Frau, zu
erschttern trachtet.

Kein Zweifel: ein Gewitter stand bevor, das unsere Saaten bedrohte; dem
Blitz, der die Situation grell beleuchtet hatte, folgte der Donner und
der prasselnde Regen in Gestalt einer Vereinsgesetznovelle, die dem
reaktionren preuischen Landtag zur Entscheidung vorlag und nichts
anderes bedeutete, als eine Knebelung des Koalitionsrechts, eine
Auslieferung unserer Organisationen an die Willkr der Polizei. Da war
niemand unter uns, dem nicht das Herz strmisch geschlagen htte, --
vor Emprung ber das drohende Unrecht, vor Freude ber den
aufgezwungenen Kampf. Es gab keinen kleinlichen Zank mehr; man drngte
sich zur Arbeit und bernahm auch die geringfgigste mit dem
Pflichtbewutsein des Soldaten, der seinen Posten bezieht. Ich konnte
der vorgeschrittenen Schwangerschaft wegen nur mit der Feder ttig sein,
und Zorn und Begeisterung fhrte sie. Ich sah eine Zeit nahe
bevorstehen, wo die besten Elemente des Brgertums, wo vor allem die
Vertreter der freien Wissenschaft, vor die Wahl gestellt zwischen der
Reaktion und dem Proletariat, sich auf die Seite der Arbeiter stellen
mten.

Du prophezeist trotz einem Bebel, lachte mein Mann, wenn ich mich
fortreien lie, alles zu sagen, was ich ertrumte, und dann erinnerte
er mich an jene anderen Kaiserreden, die den Dreizack des Meergottes fr
die deutsche Faust verlangten, und den Beifall derselben Mnner fanden,
auf die ich rechnete. Aber ich hrte nicht darauf, ich wollte nicht
hren.

       *       *       *       *       *

Die Fhigkeit, Dunkles zu sehen, war meinem inneren Auge mehr und mehr
abhanden gekommen. Wo immer ich den Blick hinwandte: berall war es
hell, berall strahlte die Welt voll Frhlingsahnen. Und als es drauen
in den Grten und auf den Pltzen wirklich zu blhen begann, da schien
mir's, als wre dies der erste Lenz, den ich erlebte. Ich sa in der
Sonne auf dem Balkon und sah staunend, wie aus den braunen saftig
glnzenden Knospen auf den Kastanienbumen kleine zartgrne Bltter
leise ans Licht strebten. Ich ging am Arm des Geliebten durch den
Tiergarten, den ein starker wrziger Erdgeruch erfllte, und stand vor
dem Wunder still, das in Hunderten bunter Frhlingsblumen aus dem
Rasenteppich emporwuchs. Und die Sonne schien so mild und warm, -- wenn
sie meine Wange traf, war mir, als streichle sie mich. In der Nacht lag
ich oft stundenlang wach; ich war nicht mde. Regte sich dann in meinem
Scho das junge Leben, so strmte es mir durch die Glieder wie Feuer.

Frhzeitig war alles zu seinem Empfang bereit. Oft, wenn niemand es
merkte, schlo ich mich ein in dem hellen Zimmer, wo alles seiner
wartete, und kniete vor dem kleinen Bettchen, und vergrub meine heien
Wangen in seinen khlen Kissen.

Einmal, als ich mit Heinrich am Ufer entlang heimwrts ging, an der
Bucht vorbei, wo die Weiden ihre grnen Schleier tief bis zum Wasser
hinuntergleiten lassen, kam uns ein alter grauhaariger Mann entgegen.
Ich hrte zuerst nur seinen schleppenden Schritt, denn die Abendsonne,
die im Westen verglhte, blendete mich. Aber ich wute: das war mein
Vater. Meine Knie zitterten. Und schon war er vorbei. Er schien in
Gedanken verloren und hatte uns wohl nicht erkannt. Ich wandte den Kopf
nach ihm, -- da stand er wie angewurzelt und starrte mich an, so voll
Zrtlichkeit --! Ich wre ihm fast zu Fen gestrzt, aber er machte
eine rasche, abwehrende Bewegung und ging weiter. An dem Abend weinte
ich. Und ich hatte doch mein Kind vor allem Kummer schtzen wollen!

Wenige Tage spter waren wir wieder zur gewhnlichen Zeit fort gewesen.
Mit geheimnisvollem Lcheln ffnete mir das Mdchen die Tr, als ich
heimkam. Ins Kinderzimmer sollt' ich kommen, sagte sie. Da brannte die
Lampe unter dem Rosenschleier und auf dem weien Tisch lagen lauter
spitzenbesetzte Hemdchen und Jckchen, und kleine Schuhe und
Steckkissen, und lange Tragekleidchen; durch die blauen Bnder, die sie
zusammenhielten, waren Strue duftender Maiblumen gezogen. Das gndige
Frulein brachte alles selbst, berichtete lchelnd das Mdchen und
bergab mir einen Brief von Mama:

Mein liebes Kind! Das alles schickt Dir Dein Vater. Er hat mir und
Deiner Schwester erlaubt, zu Dir zu gehen, und Dir seine Gre zu
bringen. Schreibe mir, wann wir Dich besuchen knnen, schrieb sie. Bald
darauf kam sie selbst. Ich hatte vor Erregung eine bse Nacht gehabt und
empfing sie auf dem Diwan liegend. Sie aber war so ruhig, so
teilnahmsvoll, als lge hchstens eine Reise zwischen ihrem ersten
Besuch und heute. Drohte eine verlegene Pause, so half das Geplauder
Ilschens darber hinweg, die mir von ihren ersten Ballfreuden und ihren
Triumphen nicht genug erzhlen konnte.

Wie geht es dem Vater? fragte ich schlielich zaghaft, da sie zu
vermeiden schienen, seiner Erwhnung zu tun. Er ist recht alt
geworden, antwortete Mama langsam. Aber noch so rstig, fiel die
Schwester ein, und berichtete zum Beweis dafr von den Diners und den
Bllen, zu denen er sie begleitet hatte. Sie nannte Namen, die ich nicht
kannte, und erwhnte Gesellschaftskreise, die er frher auf das
peinlichste gemieden hatte: Tiergartensalons, in denen, wie er zu sagen
pflegte, der jngere Offizier nur als Mitgiftjger, der alte nur als
Tafeldekoration auftritt. Ich fhlte jetzt: er mute sehr alt geworden
sein.

Ehe sie gingen, bat ich Ilschen, nun aber recht oft zu mir zu kommen.
Sie sah, statt zu antworten, ngstlich fragend auf Mama. Allein darf
sie euch nicht besuchen, sagte diese mit dem alten harten Ton in der
Stimme, whrend sich tiefe Falten um ihre Mundwinkel gruben. Als sie
fort waren, trat ich auf den Balkon. Ich hatte das Bedrfnis, frische
Luft zu schpfen. Da fiel mein Blick auf die Strae: mit kleinen,
hastigen Schritten ging der Vater vor unserer Haustr auf und ab, und
als Ilse ihm entgegentrat, wandte er sich ihr mit einer raschen Bewegung
zu, und ich sah, wie sie sprach und sprach, und wie er horchte, den Kopf
ihr zugeneigt, als frchte er, auch nur ein einzig Wort zu verlieren. An
diesem Abend mut' ich wieder weinen.

       *       *       *       *       *

Der Sommer kam. Ich schleppte mich nur noch mhsam die hohen Treppen
herauf und hinunter. Ich zhlte nicht mehr nach Wochen, sondern nach
Tagen. Meine Zimmer standen voll Junirosen.

Ich war noch einmal mit den Kindern in die Stadt gegangen, um zu
besorgen, was ihnen fr die Ferienreise zu ihrer Mutter noch fehlte. Als
ich daheim die Sachen in den Koffer legte, dunkelte es mir pltzlich vor
den Augen. Ein jher Schmerz zog mir den Leib zusammen. Ich schlich ins
Wohnzimmer und fiel meinem Mann, der erschrocken vom Schreibtisch
aufgesprungen war, in die Arme. Nun ist's so weit, flsterte ich und
sah ihn glckselig an. Er schickte zu meiner rztin. Ich aber sa still
im Lehnstuhl und spottete seiner ngstlichkeit. Wie htte ich mich auch
nur einen Augenblick lang frchten knnen! Wenn ich die Augen schlo,
sah ich Gromamas gtiges Antlitz vor mir und hrte sie trstend
wiederholen, was sie mir frher so oft versichert hatte: Ein Kind
gebren ist das leichteste von der Welt. Aber der Abend kam und die
Nacht, -- ich wartete noch immer. Und am folgenden Tag war ich zu
schwach, um vom Bett aufzustehen, und in der Nacht standen zwei
rztinnen um mein Bett, und Heinrich wich nicht von mir. Ich allein
sprte nichts von Angst; wenn ich vor Schmerzen sthnte, so war mir's,
als wre ich's nicht.

Am Morgen des dritten Tages strahlte der Himmel in wolkenloser Pracht;
von der Gedchtniskirche herber klang tiefer Glockenton, und von allen
Seiten antworteten ihm hellere Stimmen. Es will ein Sonntagskind sein,
flsterte ich lchelnd dem Liebsten zu, der neben mir sa, und an den
ich mich klammerte, wenn es gar zu wehe tat.

Und in der Johannisnacht geboren werden, hrte ich wie von ferne
sagen. Mde sank ich in die Kissen. Mir trumte von den Bergen, die zum
Himmelszelt stolz ihre weien Hupter heben, und von grnen Matten, die
sich zart und weich zu Fen grauer Felsen schmiegen. Und ich sah, wie
alle Spitzen zu glhen begannen, als htten sich die Sterne auf sie
herniedergesenkt, und von allen Hgeln die Flammen loderten. Pltzlich
aber war mir, als stnde ich selbst auf dem Scheiterhaufen, -- schon
zngelte das Feuer an meinem nackten Krper empor, -- ich schrie laut
auf -- --

War ich gestorben, -- und darum so seliger Ruhe voll?! Ich schlug die
Augen auf. Heinz! kam es ganz, ganz leise von meinen Lippen. Ich
tastete mit den Hnden auf dem Bett, -- ich fhlte seinen Kopf, -- seine
Schultern, -- warum bebten sie nur so?! Heie Augen, die durch Trnen
leuchteten, richteten sich auf mich. Von der anderen Seite ffnete sich
die Tre, ein breiter Strom von Licht ergo sich in das dunkel
verhangene Zimmer, auf der Schwelle stand eine Frau, ein weies
Bndelchen auf den Armen. Mein Kind --! rief ich. Unser Sohn!
antwortete Heinrich und legte ihn mir an die Brust. Ehrfrchtig
berhrten meine Lippen die von wirren Lckchen dunkel umrahmte Stirn.
Und zwei groe blaue Augen, in denen des Werdens tiefes Geheimnis noch
zu schlafen schien, blickten mich an.




Siebentes Kapitel


Drei Monate spter sa ich an unserem Schreibtisch, in einen Artikel
vertieft, den ich Wanda Orbin versprochen hatte.

Fast schien es, als sollte der Zricher Arbeiterschutz-Kongre den
Beweis erbringen, da die Anhnger der verschiedensten politischen und
religisen Weltanschauungen auf dem Gebiete praktischer Sozialreform zu
gemeinsamen Resultaten gelangen knnten. Die Fragen der Kinder- und der
Sonntagsarbeit riefen keinerlei tiefere Differenzen hervor. Nur hie und
da fiel ein Wort, das wie Wetterleuchten die Abgrnde erhellte, die
tatschlich zwischen den Rednern auseinanderklafften. Aber erst die
Frage der Frauenarbeit vollzog schlielich die Trennung der Geister.
Schon in der vorbereitenden Sektion kam es zu hitzigen Debatten: auf der
einen Seite standen die katholischen Sozialreformer Belgiens und
sterreichs, unter ihnen Mnner in langem Priesterrock und brauner
Mnchskutte, auf der anderen die Fhrer der internationalen
Sozialdemokratie, die Bebel und Liebknecht, die Vandervelde und Geier an
ihrer Spitze. Und als wir uns am nchsten Morgen in dem hohen Saal der
Tonhalle wieder versammelten -- einem Saal, der nur fr Festesfreude
geschaffen schien, -- und der blaue See und die weien Berge durch die
breiten Fenster zu uns hereinstrahlten, ein Bild glcklichen Friedens,
da wuten wir: heute kommt es zur Schlacht. Die Tribnen waren
berfllt: die ganze studierende Jugend Zrichs drngte sich dort oben
zusammen. Erwartungsvolle Erregung brannte auf ihren Wangen. Und unten
sammelten sich die Delegierten um ihre Tische: die Luft schien zu
vibrieren unter dem Einflu all der klopfenden Pulse, all der
kampfheien Blicke. Der katholische Demokrat Carton de Wiart trat hinter
das Rednerpult zur Verteidigung seines Antrags: Verbot der
groindustriellen Frauenarbeit. Mit tiefem Glockenklang erfllte seine
schne Stimme den Riesenraum und steigerte sich zum tragischen Pathos,
wenn sie die zerstrenden Folgen der Frauenarbeit schilderte: 'Der
Sugling verkommt in Hunger und Schmutz, die heranwachsenden Kinder
werden ein Opfer der Strae; vom erloschenen Herdfeuer flieht der Mann
und sucht Trost und Wrme im Trunk ...' Er malte nicht zu schwarz, und
auch aus den Reihen der Gegner htte ihm niemand widersprechen
knnen. Aber whrend die tatschlichen Zustnde ihm und seinen
Gesinnungsgenossen als eine beklagenswerte Verirrung der Menschheit
erschienen, die durch ein gebieterisches 'Zurck!' von dem alten
kleinbrgerlichen Familienleben wieder abgelst werden knnten, sahen
die Sozialdemokraten in ihnen eine notwendige Begleiterscheinung der
kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die nur durch ein 'Vorwrts!' zum
Sozialismus zu berwinden ist. 'Auch wir sind fr die Verkrzung der
Arbeitszeit, fr gesetzlichen Mutterschutz, fr Verbot der Frauenarbeit
in gesundheitsschdlichen Betrieben,' erwiderte Frau Alix Brandt dem
Redner; 'aber fr ein Verbot der Frauenarbeit berhaupt sind wir nicht.
Denn nicht jenes idyllische Bild glcklichen Familienlebens, das Herr de
Wiart in so leuchtenden Farben malte, wrde seine Folge sein, sondern
eine noch grere Zerstrung der Familie, eine noch gefhrlichere
Untergrabung weiblicher Kraft. Weder Laune noch Neigung treibt die
Frauen in Scharen in die Fabriken, sondern Not. Schliet ihnen deren
Tore, und dieselbe Not wird sie in das Elend der Heimarbeit treiben, wo
schrankenlos die Ausbeutung herrscht, wird sie demjenigen Frauenberuf
zufhren, vor dem weder die christliche Sittlichkeit des Staates, noch
die Ritterlichkeit der Mnner das weibliche Geschlecht jemals gehtet
haben: der Prostitution.' Und in einer Rede voll hinreiender
Leidenschaft verteidigte Frau Wanda Orbin die Berufsarbeit der Frau als
die Grundlage ihrer sozialen Befreiung: 'Die Arbeit ist ihre
Menschwerdung. Was sie auf der einen Seite zerstrt, baut sie auf der
anderen wieder auf fr die sittliche und geistige Einheit von Mann und
Frau. Aus den Konflikten zwischen Beruf und Haus erwachsen dem Weibe
zwar die grten Schmerzen, aber auch die grte Kraft. Nicht nur, weil
ein Verbot der Frauenarbeit heute die Not steigern wrde, wie meine
Vorrednerin Ihnen auseinandersetzte, stimmen wir geschlossen gegen den
Antrag Wiart, sondern weil wir Frauen die Arbeit wollen um unserer
Selbstbefreiung willen, um einer knftigen Neugestaltung der Ehe und der
Familie willen, die die konomische Unabhngigkeit des Weibes zur
Voraussetzung hat.' Minutenlang umbrauste der Jubel aus dem Saal
hinauf, von den Tribnen herab die Rednerin. Und als die Baronin
Vogelsang, eine zarte, schlichte Frauengestalt, sie ablste, -- mit
niedergeschlagenen Augen und leise zitternden Hnden, ungewohnt des
ffentlichen Auftretens, -- erschien sie wie die Personifizierung jener
fernen versunkenen Welt, die sie mit leisen, weichen Worten, mit einem
Appell an das Gefhl wieder glaubte heraufbeschwren zu knnen: 'Um der
Kinder willen, denen die Industrie die Mtter raubt, nehmen Sie den
Antrag an --;' ihre erhobenen Blicke flehten und rhrten manch einem ans
Herz, so da die rauhe Wahrheit, die der Verstand erkennt, hinter den
weichen Schleiern, die die Empfindung webt, zu verschwinden drohte ...

Ich legte die Feder aus der Hand und seufzte tief auf. Seit meines
Kindes Geburt waren die Probleme der Frauenbefreiung fr mich keine
bloen Theorien mehr. Sie schnitten in mein eigenes Fleisch, -- und ich
war keine Industriearbeiterin, -- ich brauchte nicht von frh bis spt
in der Fabrik zu schuften, fern meinem Liebling. Mir grauste, wenn ich
daran dachte, da so etwas mglich, ja notwendig sein konnte. Es gab
Augenblicke, in denen meine berzeugungen auf tnernen Fen zu stehen
schienen.

Schon die Reise nach Zrich war mir schwer genug geworden, obwohl ich
mein Kind in bester Obhut zurckgelassen hatte. Meine Phantasie malte
sich tglich neue Schrecken aus, die ihm zustoen konnten. Und wie viele
Stunden des Tages mute ich jetzt fern von ihm sein! Wie oft sprang ich
vom Schreibtisch auf und sah sehnschtig auf den sonnigen Platz
hinunter, wo es, in seinen weien Wagen gebettet, auf- und
niedergefahren wurde. Wie viele Blicke aus seinen blauen Augen, wieviel
krhendes Babylachen von seinem roten Mndchen gingen mir verloren! Und
abends, und nachts: wie oft mute ich, statt an seinem Bettchen zu
sitzen, in Versammlungen sprechen, an Partei-Zusammenknften teilnehmen.

Manche meiner Genossinnen kamen aus der Werkstatt und der Fabrik, auch
sie hatten kleine Kinder zu Hause und kein Dienstmdchen, um sie zu
hten; -- meine Bewunderung fr sie stieg und zugleich mein Verstndnis
fr all die Bitterkeit, den Ha und das Mitrauen, das sich in ihnen
angesammelt hatte. Kann ein Weib der Welt, die den Kindern die Mutter
entreit, mit anderen Empfindungen gegenbertreten? Und doch hatte ich
mich in Zrich mit aller Leidenschaft dafr eingesetzt, die weibliche
Berufsarbeit -- auch die der Mtter -- zu erhalten? Ich zerri den
halbfertigen Artikel wieder und schrieb an Wanda Orbin ein paar
entschuldigende Worte. Ich konnte nicht mehr ber eine Frage sprechen,
ich war auer stande, den Lesern fix und fertige Ansichten aufzutischen,
seitdem sie mir zur persnlichen Angelegenheit geworden war, und ich ihr
fr mich selbst die Antwort noch schuldig bleiben mute.

Mein Mann kam nach Hause. Bist du schon fertig? fragte er mit einem
verwunderten Blick auf den Schreibtisch, dessen Aussehen keine Arbeit
mehr verriet. Ich erklrte ihm die Situation, obwohl ich von vorn herein
wute, da ihm das volle Verstndnis dafr fehlen wrde. Er hatte schon
oft nachsichtig, wie ber eine kindliche Torheit gelchelt, wenn ich den
Konflikt berhrte, in dem ich mich befand; er war sogar hie und da
heftig geworden, hatte mich fr sentimental, fr berngstlich erklrt,
wenn ich die Trennung von meinem Kinde, die meine Berufs- und
Parteipflichten mir auferlegte, so schwer nahm. Auch heute schttelte er
den Kopf und unterdrckte sichtlich eine Antwort, weil er mich nicht
verletzen wollte. Ich glaube, wir haben Grenzpfhle berhrt, die das
Reich des Weibes von dem des Mannes trennen, sagte ich nachdenklich.
Wir sind nicht imstande, wie Ihr, alle Probleme in khler Objektivitt
zu lsen, -- wie eine mathematische Aufgabe.

Gegen Abend besuchte uns Romberg. Wir waren rasch mitten in lebhaftester
Debatte. Das Fernbleiben aller jungen sozialpolitischen Professoren vom
Zricher Arbeiterschutz-Kongre hatte wie eine gemeinsame Demonstration
gewirkt und war mir um so peinlicher aufgefallen, als es im Gegensatz
nicht nur zu meinen groen Hoffnungen, sondern auch im Gegensatz zu
ihren eigenen Wnschen und uerungen gestanden hatte.

Waren Sie nicht derjenige, der es stets bedauerte, da Gelehrte und
Arbeiter nicht einmal auf dem Gebiet der Sozialpolitik sich begegnen und
miteinander beraten knnten? fragte mein Mann. Und nun bot sich Ihnen
endlich die Gelegenheit, und Sie ergriffen sie nicht! Romberg bi sich
in die Lippen, wie immer, wenn er um eine Antwort verlegen war.

Die Zeit war unglcklich gewhlt, meinte er schlielich zgernd.

Warum sagen Sie nicht lieber gleich, was die linksliberale Presse zu
ihrer Rechtfertigung feierlich erklrte, rief ich emprt, da die
starke Beteiligung unserer Partei den Kongre von vorn herein zu einem
sozialdemokratischen gestempelt habe und preuische Professoren daher
nicht hingehrten!

Er unterbrach mich: Sie wissen genau, da der Vorwurf eines Mangels an
Mut mich nicht treffen kann! Ich dachte an das rote Buch und lenkte
ein. Aber die gegenseitige Verstimmung wich erst allmhlich dem
Interesse am Gegenstand unseres Gesprchs.

Die blutige Wanda hat, wie ich gelesen habe, in Zrich auch die
Frauenfrage gelst, sagte Romberg mit einem sarkastischen Lcheln.

Ich frchte, jede 'Lsung' ist nur der Ausgangspunkt neuer Probleme,
erwiderte ich.

Romberg warf mir einen berraschten Blick zu: Wie, -- auch Sie
beginnen, an der Unfehlbarkeit Ihrer Ppste zu zweifeln?! Das wird ja
immer besser: Schnlank putzt den alten Liebknecht herunter wie einen
Schulbuben und weist ihm nach, da die Verelendungstheorie angesichts
der gestiegenen Lebenshaltung der Arbeiter zum alten Eisen geworfen
werden mu wie das eherne Lohngesetz seligen Angedenkens; Bebel tritt
fr die Beteiligung an den Landtagswahlen ein, was ein Preisgeben eines
mit aller Lungenkraft verteidigten Prinzipes ist, und Alix Brandt wird
zur Antifeministin -- --

Wenn Ihre Zusammenstellung eine Berechtigung hat, so ist es die, da
meine Zweifel ebensowenig zum Antifeminismus fhren, wie Schnlanks oder
Bebels Negationen veralteter Anschauungen zum Antisozialismus.

Also auch hier nur eine Revision des Programmes?

Auf Grund der Revision der Erfahrungen, die wir durchgemacht haben, --
gewi! brigens fehlt es ja der Frauenbewegung noch an jedem Programm,
weil es ihren Problemen an der wissenschaftlichen Formulierung fehlt.

Das wre eine Aufgabe, die Sie lsen mten, meinte Romberg lebhaft.

Damit wrdest du dir und anderen zur Klarheit verhelfen --, fgte
Heinrich rasch hinzu, ein Buch ber die Frauenfrage, das von einer
Darstellung der tatschlichen Verhltnisse ausgehen mte, das die
wirtschaftliche, die soziale und die rechtliche Lage der Frauen zu
behandeln htte, ...

In Ihnen regt sich doch sofort der Redakteur, unterbrach ihn Romberg.
Die vage angedeutete Idee ist unter Ihren Hnden zur Disposition eines
ganzen Werkes geworden.

Das Herz klopfte mir vor Erregung. Der Gedanke an diese Arbeit packte
mich gerade durch seine Selbstverstndlichkeit. Ein zusammenfassendes,
grundlegendes Werk der Art gab es noch nicht. Es fehlte nicht nur mir,
es fehlte der ganzen Bewegung, die auch darum so unsicher hin- und
hertastete.

Ich habe, frchte ich, die ntigen Vorkenntnisse nicht, meinte ich
schlielich zaghaft.

Dafr haben Sie ja einen Nationalkonomen zum Mann, antwortete
Romberg.

Whrend des Abends, den wir im Theater verbrachten, dachte ich nur an
den Plan der Arbeit, die ich entschlossen war auszufhren. Erst auf
Rombergs wiederholtes: Sehen Sie nur! sah ich mich um. In der Reihe
vor uns erschienen zwei seidenrauschende Damen mit goldroten Haaren,
feuchtschimmernden Augen und unnatrlich glhenden Lippen. Wird fr
diese in Ihrem Zukunftsstaat kein Platz sein? flsterte Romberg. Ich
hoffe nicht! sagte ich. Schade! antwortete er lchelnd. In der
Bewunderung fr derlei Erscheinungen ist er wie ein Onkel aus der
Provinz, dachte ich rgerlich. Als wir aber nachher, seiner Gewohnheit
gem, die die Nacht gern zum Tage machte, noch lange bei uns
zusammensaen, kam er auf die Begegnung zurck: Knnen Sie sich
wirklich eine Welt als wnschenswert vorstellen, in der alle Frauen
Berufsphilister werden, wie es heut schon alle Mnner sind; in der sie
keine Zeit mehr haben, ihre Schnheit zu pflegen, kurz, in der alle
duftenden Luxusgrten in Kartoffelfelder verwandelt werden? --

Ich wrde solch eine Welt zerstren und nicht schaffen helfen! Aber
Frauen, wie jene, auf die Sie anspielen, gehren nicht zu den duftenden
Blumen, zu den an sich unntzen, aber unentbehrlichen Reizen des Lebens.
Sie sind verdorbene Speisen fr verdorbene Gaumen.

Sie mgen in dem Einzelfall recht haben; unumstlich aber bleibt fr
mich das Eine: nicht die Berufsarbeiterin, nicht die, nach Ihren
Begriffen freie, emanzipierte Frau wird der Kultur hchste Blte sein,
sondern die femme amante. Er sah mich kampflustig an, er liebte den
Widerspruch und erwartete ihn; der Typus einer Frauenrechtlerin stand
fr ihn ein fr allemal fest, und er glaubte immer wieder, ihn in mir
vor sich zu haben.

Sie hoffen umsonst auf meine sittliche Emprung, spottete ich, meine
Meinung stimmt fast berein mit der Ihren, nur da ich die Existenz der
femme amante leugne, solange nicht die wahrhaft freie Frau ihre
Voraussetzung ist...

Als Romberg uns verlassen hatte, zog mein Liebster mich in seine Arme
und flsterte mir ins Ohr: Htte ich nicht meinem dummen Katzel
widersprechen mssen, das die femme amante wegdisputieren will und
selbst nichts anderes ist? Und nichts anderes sein will, sagte ich
leise und gab ihm seinen Ku zurck.

Ich lag noch lange wach und grbelte. Ob ich ihm anvertrauen knnte, was
mich bewegte? Schon in der kurzen Zeit meiner Ehe war mir klar geworden,
was ich vorher nicht verstanden und darum nur verurteilt hatte: warum
Staat und Kirche nicht die Liebe, sondern die Pflicht zur Grundlage der
Ehe gemacht haben, warum nach ihnen die Zeugung, Erhaltung und Erziehung
der Nachkommenschaft ihre Hauptaufgabe ist. Die Ehe kam mir vor wie eine
moralische alte Jungfer, die der jungen unbndigen Liebesleidenschaft
durch ihre Predigten das Leben stndig vergllt. Die Liebe braucht
Festtagsstimmung, die Ehe braucht den Alltag. Vor jedem rauhen Luftzug,
den die Ehe erzeugt, lt die zarte Blume der Liebe die Bltter hngen.
Die Liebe ist ein Rausch, die Ehe ist nchtern. Lodern auf dem Altar der
Liebe die Flammen, so schmen sich die Opfernden wie arme Snder, wenn
die Ehe sie pltzlich ertappt. Eins aber vor allem wurde mir tglich
gewisser: die Liebe fordert Freiheit, die Ehe Abhngigkeit. Einer mu
sich dem anderen unterordnen, wenn der Frieden des Hauses gewahrt sein
soll, wo aber in der Liebe Unterordnung anfngt, flieht sie selbst.

So trmten sich die Probleme der Frauenfrage, -- meiner Frauenfrage.
Wahrlich, es war eine groe Aufgabe, sie zu lsen.

       *       *       *       *       *

Ich strzte mich mit Feuereifer in die Vorstudien meiner Arbeit; da sie
mich ans Haus, an den Schreibtisch fesselte, war eine willkommene
Begleiterscheinung.

Als der Vortragsaufforderungen gar zu viele wurden, -- und es blieb
nicht bei bloen Aufforderungen, deren Annahme oder Ablehnung der
Entscheidung des Einzelnen berlassen blieb, die Genossinnen verfgten
vielmehr ohne viel zu fragen ber meine Arbeitskraft --, erzhlte ich
von dem Buch, das ich vorbereitete, und das mir eine gewisse
Beschrnkung auferlege. Ich war nicht wenig erstaunt, da dieselben
Menschen, die der Wissenschaft eine fast unbegrenzte Bedeutung zumessen,
ber meine Mitteilung die Nase rmpften und sie nur als einen Vorwand
ansahen, um mich von der Agitation zurckzuziehen. Je mehr ich sie zu
berzeugen suchte, desto weniger verstanden sie mich. Wer so 'ne
Erziehung jehabt hat, wie die Jenossin Brandt, fr den is das Schreiben
doch keen Kunststck, sagte eine von ihnen. Un ieberhaupt: im Erfurter
Programm steht haarkleen allens, wat wir wollen, fgte eine andere
hinzu. Genosse Bebels 'Frau' und Genossin Orbins Artikel in der
'Freiheit' sind als Grundlage fr unsere Bewegung mehr als ausreichend,
sagte Martha Bartels mit einer Schrfe, die sich steigerte, je lter
sie wurde. Ich sah ein, da nichts zu machen war; im Grunde hatten die
Frauen recht, wenn sie sich um ungelegte Eier nicht kmmern mochten.

Nur eine Idee erwhnte ich noch, die ich krzlich als den gesunden Kern
aus der ungeniebaren Schale einer franzsischen Broschre
herausgeschlt hatte: die einer staatlichen Mutterschafts-Versicherung.
Ich wollte ihr eine fest umrissene Gestalt geben und sie in den
Mittelpunkt meines Buches stellen. Die Mutter schtzen, solange sie das
Kind unter dem Herzen trgt, sie dem Kinde erhalten, solange es der
Pflege und Ernhrung durch sie bedrftig ist, -- das schien mir aber
auch ein Ziel, wrdig einer starken Bewegung, es zu erreichen. Ich
schlug vor, in unseren Versammlungen die Frage zur Errterung zu
bringen. Aber seltsam: um unseren Sitzungstisch saen die frh
gealterten, abgehrmten Mtter, und kein Wort, keine Miene verriet, da
der Gedanke sie zu erwrmen vermchte. Alles Neue galt ihnen zunchst
als etwas Feindliches. Diese Revolutionrinnen hatten schon eine
Tradition und waren darum vielfach reaktionr.

Von dem Plan meines Werkes sprach ich mit ihnen nicht mehr. Aber ich
beschlo, alle Zeit, die mir blieb, ihm zu widmen.

Doch auf die Mglichkeit stetiger Arbeit hoffte ich vergebens.

An unserem Schreibtisch saen wir, mein Mann und ich. Wie schn hatten
wir es uns gedacht, das gemeinsame Arbeiten! Aber dieses
Einandergegenbersitzen von zwei Menschen, die sich lieben, die jeden
Ausdruck im Gesicht des anderen sehen mssen und unwillkrlich zu deuten
versuchen, diese Sorge, einander ja nicht zu stren, schufen eine
Atmosphre von Nervositt, die um so unertrglicher wurde, als keiner
den Mut hatte, sie dem anderen zu gestehen. Es kam vor, da ich
aufatmete, wenn mein Mann das Zimmer verlie; und oft ging ich hinaus,
weil ich fhlte, da er allein sein mute.

Tausenderlei Dinge zerrissen die Tage und die Stimmung: Da gab's bei den
Kindern Vokabeln zu berhren und Anzge zu flicken, da waren die
Haushaltssorgen, die mich um so strker in Anspruch nahmen, je weniger
ich von ihnen verstand, und die stndige angstvolle Frage: komme ich
aus? Auf meinen Mann, der fr mich die Gte und Rcksicht selber war,
wirkte sie wie ein rotes Tuch. Ohne irgendeine Erklrung und
Entschuldigung gelten zu lassen, hielt er mich stets fr schuldig, wenn
ich sie nicht bejahend beantworten konnte. Du verschwendest, -- du lt
dich vom Mdchen betrgen --, rief er, whrend die Zornadern ihm auf
der Stirne schwollen. Und doch lebten wir nach meinen anerzogenen
Begriffen ber die Maen einfach. Mich krnkte sein Zorn, den ich als
Ungerechtigkeit empfand. Ich konnte keine gute Hausfrau sein, wenn ich
zu gleicher Zeit meinen schriftstellerischen Beruf ausben wollte. Das
menschliche Gehirn ist auf das Nebeneinander von zwei Gedankenketten
nicht eingerichtet. Und der Haushalt erfordert umsomehr die Gedankenwelt
der Frau, je weniger ihr seine Pflichten zur mechanischen Gewohnheit
geworden sind. Mir blieb kein Ausweg: ich verschwieg meine Sorgen, ich
vermied es soviel als mglich, meinen Mann um Geld zu bitten, was ich
immer als eine Erniedrigung meiner selbst empfand. Wanda Orbin hatte
recht, tausendmal recht: die konomische Selbstndigkeit des Weibes ist
die Voraussetzung einer glcklichen Verbindung der Geschlechter, sie
hilft so manche andere Klippen der Ehe umschiffen. Ich schrieb, neben
der Vorarbeit fr mein Buch, wieder Artikel fr Zeitschriften und
Tagesbltter, um Geld zu verdienen.

Nur wenn ich bei meinem Kinde war, wenn seine Pflege meine Gedanken in
Anspruch nahm, dann empfand ich das nicht wie eine Strung oder wie ein
Ablenken von meiner eigentlichen Ttigkeit. Fhlte ich sein warmes
rundes Krperchen in meinen Armen, so strmte wunschloser Friede mir
tief ins Herz. Lachten mich seine blauen Augen an, so verga ich alles
darber, was es an Glck in der Welt noch geben mochte, und weinte er,
und ich wute nicht warum, so gab es kein Menschenleid, das mir htte
grer erscheinen knnen; klammerten sich seine rosigen, kleinen Finger
fest um die meinen, so fhlte ich, da er fr immer von mir Besitz
ergriffen hatte; da mein Herz dazu da war, um ihn zu lieben, mein
Geist, um ihn zu erziehen, meine Kraft, um ihm den Weg ins Leben bahnen
zu helfen. Kam ich von ihm zu meinem Mann zurck, so war jeder Schatten
von Kummer verschwunden, ich liebte ihn doppelt, weil er meines Kindes
Vater war. Und sah ich meine Stiefshne dann, so tat mir das Herz weh:
ich konnte sie nicht lieben wie mein eigenes Kind; sie muten das
fhlen, wenn ich mich auch noch so sehr bemhte, meine Zrtlichkeit fr
den Kleinen nur zu uern, sobald sie fern waren.

Zuweilen, wenn das Geld wieder einmal recht knapp war, dachte ich nicht
ohne Bitterkeit an die reiche Mutter dieser Kinder. Aber meinem Mann
sagte ich nichts davon. Die Erziehung, die ich zu Hause genossen hatte,
und deren Folgen Georgs sanfte Hand von mir abzustreifen vermochte,
bekam wieder Macht ber mich: ich lernte schweigen, um nicht zu
verletzen, und um Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen.

Meine Mutter kam um jene Zeit hufig zu mir. Seitdem wir unser Kind
hatten taufen lassen, war sie viel milder und herzlicher geworden,
obwohl ich sie ber unsere Beweggrnde nicht im Irrtum gelassen hatte.
Wir haben kein Recht, dies Kind von vornherein in eine Ausnahmestellung
zu zwingen, hatte ich ihr gesagt, als sie in unserer Handlungsweise
einen Ausdruck unseres eigenen Gesinnungswechsels zu sehen glaubte;
ebensowenig wie wir es spter, wenn es selbstndig denken kann, hindern
wollen, zu tun oder zu lassen, was seiner eigenen berzeugung
entspricht.

Aber nach anderen Richtungen htete ich mich um so mehr, sie ins
Vertrauen zu ziehen. Sie hatte mir hufig gesagt: Wenn du einmal
verheiratet bist, wirst du einsehen, da das Leben der Frau aus lauter
Opfern und im Kampf mit lauter Kleinkram besteht! Sie durfte nicht
glauben, da ihre Prophezeiung in Erfllung gegangen wre. Und sie mute
in der Meinung erhalten werden, die sie schlielich allein ber meine
Heirat getrstet hatte: da meine uere Lage die behaglichste sei. An
der Art, wie diese ruhige, anscheinend khle Frau ihre Freude darber
uerte, sah ich erst, wie sehr sie selbst unter den dauernden
pekuniren Sorgen gelitten hatte. Wie oft hatte ich sie um ihrer Hrte
willen im stillen angeklagt. Jetzt bat ich ihr manches ab. Ich erinnerte
mich, wie umsichtig sie den groen Haushalt gefhrt hatte, wie sie
stunden- und tagelang Wsche flickte und uns unsere Kleider nhen half,
-- wie schwer mochte es auch ihr geworden sein, wie viel mochte sie
entbehrt haben!

       *       *       *       *       *

Weihnachten 1897 war es. Zum erstenmal putzte ich fr mein Kind den
Weihnachtsbaum. Erstaunt ri es die Augen auf und streckte die Hndchen
verlangend aus, als es die vielen bunten Lichter sah! Unter der Tanne
lag allerlei Spielzeug fr ihn, darunter ein groer bunter Hampelmann,
den mein Vater geschickt hatte. Mit dem Shnchen auf dem Arm trat ich zu
meinem Weihnachtstisch, auf dem ein geheimnisvoll versiegelter Brief
lag. Ich ffnete ihn, whrend mein Junge frhlich lallend den Hampelmann
hin- und herschwenkte: Ein Huschen im Grunewald stand darin. Vor
berraschung war ich sprachlos. Heinrich umarmte mich und das Kind,
glckselig ber die Freude, die er bereitet hatte. In aller Stille hatte
er mit Hall verhandelt und ihn rasch bereit gefunden, unseren Wunsch
durch die Beschaffung von Baugeld und Hypotheken erfllen zu helfen.
Wie wird unser Kind gedeihen, wie ruhig und friedlich wird meine Alix
dort arbeiten knnen! sagte er.

Werden wir auch die Zinsen aufbringen knnen? meinte ich schlielich,
nachdem der erste Sturm der Freude sich gelegt hatte. Ein Schatten flog
ber seine Zge: Mut du dich immer gleich wieder frchten, -- auch
angesichts solch eines Glcksfalles?! Beschmt senkte ich den Kopf. Die
Lichter waren lngst erloschen, und die Kinder schliefen, unser Liebling
mit dem Hampelmann, fest an sich gedrckt; der se Duft der
Wachskerzen, vereint mit dem starken der Tanne, erfllte das Zimmer; wir
groen Kinder trumten darin unseren Weihnachtstraum: von dem stillen
Huschen im Wald, fern dem Lrm der Grostadt, von einer Heimat, die wir
beide nie gekannt hatten, von unserem Kind, das wachsen sollte wie die
Bume: die Wurzeln im Boden der Mutter Erde, das Haupt erhoben, der
Sonne zu und dem Sturme trotzend.

Am nchsten Morgen, einem echten Weihnachtsfeiertag, ber den der Himmel
all seinen Glanz und seine Farben go, zog ich meinem blonden Buben ein
weies Mntelchen an, packte ihn sorgfltig in die weichen Kissen seines
weien Wagens und schickte ihn zu den Eltern. Meine Gedanken begleiteten
ihn: wie ein helles Licht sah ich ihn auftauchen in dem dunklen Flur,
sah, wie der Grovater ihn feuchten Auges in die Arme nahm, fhlte, wie
der letzte eiserne Reifen um des alten Mannes Herz zersprang.

Das war ein lieber Gedanke von Dir, schrieb die Mutter. Ich habe
Deinen Vater seit Jahren nicht so froh gesehen. Er strahlt noch jetzt
und behauptet, es gbe in der ganzen Welt kein zweites Kind wie seinen
Enkel. Mich hat die Nachricht von Heinrichs Weihnachtsgeschenk noch
besonders beglckt: so hat Gott meine Gebete doch erhrt und alle Strafe
von Dir abgewendet!

       *       *       *       *       *

Unseren wunderglubigen Vorfahren galten die zwlf Nchte, die dem
Weihnachtsabend folgen, fr heilig: in dieser Zeit wurde die Arbeit auf
das notwendigste beschrnkt, nur in Feiertagsgewndern begegneten die
Menschen einander, und die Trume, die getrumt wurden, gingen in
Erfllung. Unter der Schwelle unseres Bewutseins lebt und wirkt auch
heute noch dieser Glaube. In den Straen und in den Herzen ist es
stiller als sonst. Der fieberhafte Pulsschlag des ffentlichen Lebens
stockt. Selbst der heimatloseste Weltenbummler sucht sich einen Winkel
Familienleben, wo er unterkriechen kann. Und wem es recht wohl und warm
ums Herz wird, der wnscht zuweilen, sich auf immer einspinnen zu knnen
in diese Stille.

Aber das junge Jahr wirft alle guten Gaben, die die Greisenhand des
alten zum Abschied spendete, aus seinem Lebenspalast hinaus und ruft mit
schmetternden Fanfaren zu neuen Kmpfen, richtet Ziele auf mit lockenden
Preisen, so da auch die s Schlummernden sich dem Land ihrer Trume
entreien und im grellen Licht des Tages den alten Wettlauf wieder
beginnen.

So erging es auch uns. Sturmzeichen sahen die Wetterkundigen am Himmel
seit jenen ersten Gewitterwolken kaiserlicher Reden im vergangenen Jahr.
Rcksichtslose Niederwerfung jeden Umsturzes hatte die eine gefordert,
als Vaterlandslose hatte die andere diejenigen gebrandmarkt, die den
Flottenforderungen ablehnend gegenberstanden. Inzwischen war die
Flottenvorlage dem Reichstag zugegangen, die ihren Schatten monatelang
vorausgeworfen hatte, und auf sieben Jahre hinaus Millionen und
Abermillionen fr neue Schiffsbauten forderte. Doch die strmische
Entrstung, zu welcher der Philister sonst immer bereit ist, wenn seinem
Geldsack Gefahr droht, war ausgeblieben. Denn in seiner psychologischer
Kenntnis der Menschennatur, die um so berraschender war, als die
Regierungen ihre Vlker mit dergleichen nicht zu verwhnen pflegen,
waren Vorflle, die frher spurlos vorbergingen, -- wie der Streit
eines deutschen Kaufmanns mit den Polizeibehrden der Republik Haiti und
die Ermordung zweier deutscher Missionare in China, -- zu so ernsten
Konflikten mit fremden Mchten aufgebauscht worden, da der furor
teutonicus sich daran zu entznden vermochte. Einmal gereizt, griff der
gute deutsche Michel wutschnaubend nach dem Racheschwert, und in seinen
Trumeraugen brannte pltzlich wieder die alte Sehnsucht nach fernen
fremden Lndern und ihren Mrchenschtzen. Was uns, die wir nchtern
geblieben waren, wie eine romantische Floskel klang, -- die pathetische
Rede des Kaisers an seinen nach China ausziehenden Bruder von dem
Dreinfahren der gepanzerten Faust und dessen Antwort von dem Evangelium
der geheiligten Person Seiner Majestt, das er im Auslande verknden
wolle, -- das entsprach im Augenblick dem fanatisierten Empfinden des
deutschen Brgers. Er, dessen Leben so lange sang- und klanglos
dahingeflossen war, der seit Bismarcks Abschied fr seine
Begeisterungsfhigkeit keinen Gegenstand mehr gehabt hatte, berauschte
sich an der Idee der Weltmacht, und die ungeheure Flottenforderung
schreckte ihn nun nicht mehr.

Aber die Regierung erreichte durch ihre Politik noch mehr als das:
hatte das Interesse eines groen Teiles der Bourgeoisie sich in einer
fr sie bedenklichen Weise in den letzten Jahren der sozialen Frage
zugewandt, so war nunmehr ein Mittel gefunden, es von ihr abzulenken.
Mit schmerzlichem Erstaunen sah ich, wie Mnner, auf die ich noch vor
wenigen Monden fr unsere Sache gerechnet hatte, den Nationalismus ber
den Sozialismus siegen lieen, wie selbst ein Romberg und seine Freunde
die Weltmachtpolitik verteidigten. Da es zwischen ihr und der
Arbeiterpolitik nichts anderes geben knne als unvershnlichen
Gegensatz, schien mir ber allem Zweifel zu stehen. Fr Rombergs
Argumente, der in der Erschlieung neuer Absatzgebiete auch einen
Vorteil fr die deutsche Arbeiterschaft sah, war ich vollkommen
unzugnglich.

Die groe Flutwelle patriotischer Begeisterung trieb nicht nur alte
Freunde von unserer Sache ab, sie trug uns auch neue Feinde zu. Vielen,
die sich um Politik bisher kaum gekmmert hatten, galten wir jetzt als
Feinde des Vaterlandes, die mit allen Mitteln bekmpft werden mten.
Der Weizen Herrn von Stumms, unseres grimmigen alten Gegners, blhte; er
drohte mit der Revolution von oben, wenn die Flottenvorlage im Reichstag
zu Falle kme. Und tatschlich schien ein neues Ausnahmegesetz in
Vorbereitung. Der Vorwrts verffentlichte ein Geheimschreiben des
Staatssekretrs des Innern an die verbndeten Regierungen, worin er ein
Gesetz zum Schutz der Arbeitswilligen in Aussicht stellte, das, nach den
Absichten unserer Gegner, die Koalitionsfreiheit der Arbeiter notwendig
beeintrchtigen, wenn nicht vernichten wrde.

Was die Regierung gewollt hatte, wurde erreicht: eine Mehrheit fr die
Flottenvorlage, eine scharfe Trennung zwischen den brgerlichen Parteien
und der Sozialdemokratie fr die Wahlen zum neuen Reichstag.

Aber auch fr uns schien die Lage gnstig: auf der einen Seite die
Weltmachtpolitik mit ihrer mglichen Folge kostspieliger Kriegsabenteuer
und drckender Steuerlasten, auf der anderen die Bedrohung des
Koalitionsrechtes, -- war das nicht genug, um die proletarischen Massen
zu einem gewaltigen Protest aufzupeitschen?! Warum war die Stimmung in
unseren Versammlungen so flau, warum fehlte auch mir, wenn ich sprach,
jene anfeuernde Kraft der Rede, die frher an ihren Wirkungen zutage
getreten war? Die starke, hoffnungsvolle Freudigkeit war verloren
gegangen, als ob sich zwischen uns und das Ziel, dem wir so
leidenschaftlich zustrebten, ein dunkler Schleier gesenkt htte. Durch
die Einheit, die unsere Kraft gewesen war, ging ein blutender Ri. Das
Instrument der Partei klang verstimmt, als wre eine Saite gerissen.

Langsam und allmhlich, fr die meisten unmerklich, hatte es sich
vorbereitet: mit der Entwickelung der Sozialdemokratie von der Sekte zur
Partei hatte sich zuerst die Taktik ihres Vorgehens leise verndert. Von
der Ablehnung jeder Beteiligung an einem Parlament des kapitalistischen
Staates als eines unmglichen Paktierens mit der Bourgeoisie bis jetzt,
wo sogar von alten bewhrten Fhrern die Teilnahme an den Landtagswahlen
unter dem Dreiklassenwahlsystem empfohlen wurde, war ein weiter Weg. Und
er war gegangen worden. Was einer der wenigen Staatsmnner der Partei,
Georg von Vollmar, nach dem Fall des Sozialistengesetzes unter dem
emprten Widerspruch der radikalen Elemente in der Partei erklrt hatte:
da in dem Mae, in welchem wir einen unmittelbaren Einflu auf den Gang
der ffentlichen Angelegenheiten gewinnen, wir unsere Kraft auf die
nchsten und dringenden Dinge konzentrieren mten und dem guten Willen
die offene Hand, dem schlechten die Faust zu zeigen sei, -- das hatte
sich von Jahr zu Jahr als immer notwendiger erwiesen, und vor der Logik
der Tatsachen wich die radikale Phrase bloer Verneinung Schritt vor
Schritt zurck.

Jetzt aber begann sogar die alt-ehrwrdige Theorie vor dem Ansturm der
jungen Praxis in ihren Grundfesten zu zittern. Im Lichte der
fortschreitenden Zeit erwiesen sich manche Fundamentalstze, wie sie das
Erfurter Programm formuliert hatte, als berholt. Schon die
Beschftigung mit der Agrarfrage hatte gezeigt, da die wirtschaftliche
Entwickelung sich nicht berall mit den von Marx aufgestellten Gesetzen
in Einklang bringen lie, da die Konzentrierung des Kapitals sich nicht
so rasch und nicht so schematisch vollzieht, wie er auf Grund damaliger
Erfahrungen angenommen hatte. Und auch das vom kommunistischen Manifest
mit apodiktischer Sicherheit in Aussicht gestellte allgemeine
Herabsinken der Arbeiter in den Pauperismus war nicht eingetreten; die
Lebenslage des Proletariats hatte sich vielmehr im Laufe des letzten
halben Jahrhunderts gehoben. Und nun trat einer der bewhrtesten
Vorkmpfer des Sozialismus, einer ihrer Mrtyrer, der noch im Exil in
England lebte -- Eduard Bernstein --, auf und errterte in breiter
ffentlichkeit die neuen Probleme des Sozialismus. Er rttelte weder an
seiner Voraussetzung noch an seinem Ziel, aber er zeigte an der Hand der
Tatsachen, da der Weg zwischen beiden lnger ist und anders geartet,
als Marx und seine Schler ihn dargestellt hatten, da wir ihn daher
mehr bercksichtigen, unsere Handlungen mehr auf seine Etappen, als auf
das schlieliche Ende einstellen mten.

Auf uns, die wir durch die Erkenntnis des Elends in der Welt zum
Sozialismus gefhrt worden waren, die wir von ihm in einem in seiner
Wurzel religisen Glaubensberschwang die Erlsung von allem bel
erwartet hatten, wirkte die khle Klarheit der Bernsteinschen
Beweisfhrungen niederschmetternd. Meinem Verstande waren die Grundstze
des Sozialismus so ohne weiteres einleuchtend gewesen, weil mein Gefhl
mit seinem Wollen von vornherein bereinstimmte. Sie kritisch und
wissenschaftlich zu prfen, war mir, wie Tausenden meiner
Gesinnungsgenossen, nie eingefallen. Jetzt war es ein Gebot der hchsten
Tugend, -- der intellektuellen Redlichkeit, -- es nachzuholen.

Die Zeiten meiner religisen Kinderkmpfe schienen wiedergekehrt zu
sein. Nur da ich jetzt mit allen Fasern meines Innern in dem Glauben
wurzelte, dem ich meinen ganzen Lebensbesitz geopfert hatte, aus dem ich
alle meine Krfte sog. Was stand noch fest, dachte ich verzweifelt, wenn
so vieles schwankte? Ernchtert, -- bar jener strmischen Begeisterung,
die mich ausziehen lie, der Menschheit eine neue Welt zu erkmpfen, sah
ich den langen, den Weg vor mir mit all seinen kleinen Hindernissen,
die im Schweie unseres Angesichts berwunden werden sollten, und mit
dem Ziel, das im Nebel der Ferne fast verschwand. Die Naivett jungen
Glaubens, die noch keine Probleme kennt, ist fr die Masse der Menschen
die Voraussetzung ihres Enthusiasmus und damit ihrer Strke. Ich hatte
sie verloren wie viele meiner Genossen; das lhmte uns. Oft kamen
Augenblicke, wo ich die anderen beneidete, die, sei es aus unbewuter
Furcht vor einem inneren Zusammenbruch, sei es aus einer gewissen
Beschrnktheit ihres Denkens, den alten Glauben gegenber der neuen
Erkenntnis aufrecht erhielten und leidenschaftlich verteidigten. Mein
Gefhl war auf ihrer Seite, und nur zu hufig ri es mich wieder mit
sich fort. Vielleicht wre es sogar auf lange Zeit hinaus das
herrschende geblieben, wenn nicht mein Mann immer wieder meinen Verstand
gegen mein Herz zu Hilfe gerufen htte. Und die Tatsachen und die Zahlen
waren unerbittlich: Die Konzentration des Kapitals und die Eroberung der
politischen Macht durch das Proletariat waren die beiden anerkannten
Bedingungen der Verwirklichung des Sozialismus. Aber der Schneckengang
der Entwickelung zum Grobetrieb, der zuweilen sogar ein Krebsgang zu
sein schien, und die Tatsache, da von hundert Wahlberechtigten nur
achtzehn sozialdemokratische Stimmzettel abgaben und mehr als die Hlfte
der erwachsenen mnnlichen Arbeiterschaft der Sozialdemokratie noch
gleichgltig, wenn nicht feindlich gegenberstand, bewiesen, wie weit
wir noch vom Ziel entfernt waren. Eine Selbsttuschung hierber wre ein
Verbrechen an unserer Sache gewesen, -- das sah ich ein. Es galt, den
Kinderglauben ruhig und mutig aufzugeben.

Mit jener rcksichtslosen Leidenschaft, die stets das Produkt der Angst
um die Gefhrdung der Grundlagen des Lebens und Wirkens ist, bekmpfte
die Masse der Arbeiterschaft, an ihrer Spitze all die Fhrer, deren
heibltiges Temperament ber alle Zweifel siegte, und all die klugen
Demagogen, die auf der Seite der Mehrheit blieben, weil ihre Macht von
dieser Mehrheit abhing, die neuen Ideen und ihre Vertreter. Und dieser
ganze Kampf fiel in die Vorbereitung der Reichstagswahlen; er lhmte die
Agitationskraft der einen, die wie ich noch mit sich selbst zerfallen
waren, er lenkte die Interessen der anderen ab, die die Partei vor dem
unheilvollen Einflu der Ketzer glaubten schtzen zu mssen.

Wenn ich in Versammlungen sprach, fhlte ich: meine Worte zndeten
nicht. Einmal traf ich bei solcher Gelegenheit Reinhard wieder. Er
schien mir sehr gealtert. Wir sprachen ber unsere Aussichten. Wir
htten zwanzig bis dreiig Mandate erobern knnen, sagte er, wre das
ganze Getratsch von Endziel und Bewegung uns nicht in die Parade
gefahren.

Hat Bernstein etwa nicht recht?! fragte ich.

Recht! -- Recht! antwortete er heftig. Natrlich hat er recht in dem,
was er sagt, aber da er es sagte, in diesem Augenblick sagte, war ein
Fehler, ein schwerer Fehler. Wir alten Gewerkschafter, die wir mitten im
Leben stehen, sind schon lange seiner Meinung, aber wir machen die
Genossen nicht kopfscheu mit theoretischem Kram, wir handeln einfach,
wie die Verhltnisse es fordern.

So htte er schweigen sollen?

Keineswegs! Er htte nach den Wahlen fnf Jahre zum Reden Zeit genug
gehabt. Aber da er uns jetzt diesen Knppel zwischen die Beine
schmeit --

Ich dachte an Reinhards Worte, als mir ein andermal in der Diskussion
ein rabiater Genosse vorwarf, auch ich htte das Endziel in die Tasche
gesteckt, und verteidigte mich nicht. Solange wir im Kampf gegen den
gemeinsamen Gegner standen, mute die Streitaxt begraben werden. Aber
die Radikalen dachten anders. Es kam vor, da Reichstagskandidaten von
den eigenen Genossen wie Parteiverrter behandelt wurden. Wanda Orbin
vor allem, die immer wieder erklrte, da die Reinheit der Partei ihr
hher stnde als ihre numerische Strke, wurde zur fanatischen Gegnerin
aller derer, die sich nicht unverbrchlich auf die alten Dogmen
einschwuren. Und mehr als je hatte sie die Frauen auf ihrer Seite, --
die Frauen, die nicht auf dem Wege wissenschaftlicher Erkenntnis,
sondern einzig und allein durch ihr Gefhl geleitet zu Sozialistinnen
geworden waren. Mit jener naiven Kraft der ersten Christen, die ihr
ganzes Tun und Denken auf die unmittelbare Wiederkehr des Gekreuzigten
eingerichtet hatten, hofften sie auf die baldige Erfllung ihres
Zukunftstraums.

Als das Resultat der Wahlen bekannt wurde, -- es war in bezug auf die
Zunahme der Mandate, aber noch mehr im Hinblick auf das
Stimmenverhltnis weit hinter unseren Erwartungen zurckgeblieben, --
stieg die Erbitterung gegen die Bernsteinianer, denen man die Schuld
an diesem Ergebnis zuschob, noch mehr.

Ein Symptom fr die allgemeine Stimmung war der Beschlu, der nach
einer strmischen Versammlung im Feenpalast von den Berlinern gefat
wurde. Seinem Wortlaut nach richtete er sich zwar nur gegen eine
Beteiligung an den Landtagswahlen in Berlin selbst, sein Tenor aber war
eine Verurteilung der Beteiligung berhaupt. Sie erschien den Radikalen
als ein bedenkliches Hinneigen zu revisionistischen Ideen.

       *       *       *       *       *

In dem Kreise der Genossinnen uerte sich das gegenseitige Mitrauen
weniger im Streit um Meinungen, als in persnlichen Reibereien. War ich
schon whrend meiner Ttigkeit in der brgerlichen Frauenbewegung zu der
berzeugung gelangt, da diese spezifisch weibliche Art nur durch eine
Zusammenarbeit mit dem Mann sich beseitigen lassen wrde, so war ich
jetzt entschlossen, den Einflu, den ich noch besa, nach dieser
Richtung geltend zu machen.

Wir haben die Gleichberechtigung der Geschlechter auf das Programm
geschrieben, wir mssen sie also zu allererst in der eigenen Partei
durchfhren, erklrte ich, und selbst die Feindseligsten waren in
diesem Gedanken mit mir einig. Bei den Genossen aber werden Sie damit
schn abblitzen! meinte Martha Bartels. Bei denen heit's noch immer,
wenn unsereins den Mund auftut: Kusch dich! zu Hause -- wie in der
Bewegung, sagte eine andere langjhrige Parteigenossin. Sie wissen,
wie wir voriges Jahr behandelt worden sind, -- fgte die dicke Frau
Wengs hinzu, als wir auch nur eine Einzigste von uns in den
allgemeinen Versammlungen als Delegiertin zum Parteitag wollten
aufgestellt haben. 'Wascht man eure dreckige Wsche alleene --,' sagten
uns die Vertrauensleute. So mssen wir eben immer wiederkommen,
entgegnete ich, Na -- fr die schnen Augen von Genossin Brandt tun
sie's am Ende, hhnte Martha Bartels. Schlielich beschlo man,
noch einen Versuch zu machen, und es gelang auf einer der
Parteiversammlungen, zunchst meine Delegation zum Parteitag der Provinz
Brandenburg durchzusetzen. Die Freude der Genossinnen ber diesen Erfolg
war die der Kinder, wenn sie ein neues Spiel beginnen: auf eine Zeitlang
war jeder Streit vergessen.

       *       *       *       *       *

Am Vorabend der Provinzialkonferenz verffentlichte die Presse eine neue
Rede des Kaisers, die er im Kurhause von ynhausen gehalten hatte: Das
Gesetz naht sich seiner Vollendung und wird den Volksvertretern noch in
diesem Jahre zugehen, worin jeder, der einen deutschen Arbeiter, der
willig ist, seine Arbeit zu vollfhren, daran zu verhindern sucht, oder
gar zu einem Streik anreizt, mit Zuchthaus bestraft werden soll ...

Das bedeutete nichts weniger und nichts mehr, als eine Vernichtung des
Koalitionsrechts, das war eine Kriegserklrung an das Proletariat, fr
die es nur eine Antwort gab: einmtiges Zusammenhalten. In der Sitzung
am nchsten Morgen brachte ich eine Protestresolution ein, die zur
einstimmigen Annahme gelangte, und unter dem Eindruck der kaiserlichen
Drohung verlief die Tagung ohne einen Miklang. Martha Bartels
schttelte mir herzlich die Hand, wie seit Monaten nicht, die gute Frau
Wengs lachte ber das ganze runde Gesicht, klopfte mir wohlwollend auf
die Schulter und versicherte: Nun haben Sie uns aber alle miteinander
auf Ihrer Seite.

Zwei Tage spter erfuhr ich, da einer der berliner Wahlkreise bereit
sei, mich zum nchsten Parteitag zu delegieren.

Du bist leicht zu befriedigen! sagte mein Mann mit einem leise
spttischen Ton in der Stimme, als er meine Freude sah.

Es ist doch ein Anfang, antwortete ich. Oder meinst du, ich wre in
die Partei gekommen, um ewig Rekrut zu bleiben?

Gewi nicht, lachte er, ich kenne doch meinen ehrgeizigen Schatz!

Mir stieg das Blut in die Schlfen. War es Ehrgeiz, der mich
beherrschte, oder nicht vielmehr der berechtigte Wunsch nach einem
Wirkungskreis fr meine Leistungskraft? Zu tief empfand ich das Opfer,
das ich brachte, wenn ich mein Haus und mein Kind verlie, als da ich
es dauernd fr berflssige Nichtigkeiten htte bringen knnen. Jetzt
war ich im Aufstieg, und weil ich es war, hatte ich die Sympathie der
anderen fr mich; es galt nunmehr, beides festzuhalten.

       *       *       *       *       *

In der Versammlung, die ber die Parteitagsdelegationen endgltig zu
entscheiden hatte, herrschte von Anfang an Gewitterschwle. Die
schroffsten Gegner saen einander gegenber, und bei jedem Punkt der
Tagesordnung kam es zu hitzigen Wortgefechten. Eines schien von
vornherein klar: die Masse der radikalen Berliner erwartete vom nchsten
Parteitag eine Abrechnung mit den revisionistischen Elementen in der
Partei, ja sie scheuten sich nicht, selbst gegen Bebel Stellung zu
nehmen, weil er in der Landtagswahlfrage nicht auf ihrer Seite stand.
Man forderte schlielich, da smtliche Delegierte sich auf die
Feenpalastresolution verpflichten sollten. Whrend ringsumher alles
durcheinander schrie und tobte, wurden die zur Delegation
Vorgeschlagenen aufgerufen.

Genossin Brandt, stehen Sie auf dem Boden unseres Beschlusses?
berrascht fuhr ich auf, -- ich hatte nicht erwartet, als Erste gefragt
zu werden, -- ich versuchte mir im Moment die Situation zu
vergegenwrtigen. So antworten Sie doch! rief ungeduldig die Stimme
des Vorsitzenden.

Die Genossinnen umringten mich: Sie werden uns doch nicht im Stiche
lassen, flsterte Frau Wiemer von der einen Seite, -- wir haben ja nur
fr Berlin die Beteiligung abgelehnt, zischte mir Martha Bartels von
der anderen ins Ohr. Und ein leises Ja kam zgernd von meinen Lippen.

Gleich darauf hrte ich Reinhards Namen nennen, und im selben Augenblick
seine Antwort: ein scharfes Nein. Ich wurde gewhlt -- er nicht.

Glckwnschend umringten mich die Genossinnen. Aber jedes Wort, das sie
sagten, lie mich dunkler errten. Am Ausgang traf ich Reinhard. Das
htte ich von Ihnen nicht erwartet, sagte er. Sie kannten doch den
tieferen Sinn der Resolution.

Ich schlich nach Hause, mde, schuldbewut. Noch in der Nacht schrieb
ich eine Erklrung fr den Vorwrts, und legte mein Mandat in die
Hnde meiner Whler zurck ...

Die Frauen htten mich am liebsten gesteinigt, die Mnner lachten mich
aus. Ich schwieg. Womit htte ich mich verteidigen knnen?




Achtes Kapitel


Ottoo -- addaa, rief das helle Stimmchen meines Sohnes. Er sa auf
meinen Knieen im Wagen und winkte unermdlich nach rechts und links, als
ob er in seiner Freude alles gren mte, was er sah. Wir fuhren hinaus
in den Grunewald. Es war ein strahlender Sommertag; Scharen von Radlern
flogen an uns vorber; selbst die Dampfstraenbahn fauchte heut wie ein
vergngter Alter, weil sie so viel Jugend in hellen Kleidern ins Grne
fuhr.

Vor einem umzunten Waldwinkel hielten wir. Ich setzte den Kleinen ins
Moos, und verwundert tippte er mit den runden rosigen Fingern jeden
Grashalm an und kroch den schillernden Kfern nach und sah mit einem
jauchzenden Da -- da! den Vgeln zu, die von Zweig zu Zweig hpften.
Die alten dunkeln Kiefern wiegten ihre Hupter im Winde, die Sonne malte
runde goldene Flecke auf ihre braunen Stmme, ein paar kleine blaue
Blmchen reckten neugierig die Kpfe, und ein gelber Schmetterling
tanzte ber ihnen, -- es war eine groe Sommer-Festvorstellung fr mein
Kind.

Wir erwachsenen Leute gingen indessen ernsthaft umher und betrachteten
das grne Erdenfleckchen, auf dem unser Haus stehen sollte. Der
Baumeister war mit uns gekommen. Er war noch jung und ein echter
Knstler; von allen, bei denen wir gewesen waren, hatte er uns am besten
verstanden. Ich hielt das Bild des Huschens in der Hand, das seinen
Namen trug -- Alfred Messel --, und sah es schon lebendig vor mir, mit
seinen blumenbesetzten Fensterbrettern und seinem lachenden roten Dach.
Ein rotes Dach? sagte der Baumeister. Nein! Unter die schwarzen
Kiefern pat nur ein graues. Schwarz und grau? Wie trbe klang das! Ich
sah ihn erschrocken an, -- mir war auf einmal die Freude vergangen.

Schwester Alix! rief es ber den Zaun. Ilse stand an der Tre, die
Hand auf der blitzenden Lenkstange ihres Rades, und neben ihr ein
groer, berschlanker Mann. Errtend stellte sie ihn vor: Professor
Erdmann! Sie hatte mir schon von ihm erzhlt, dem aufgehenden Stern am
Himmel des Kunstgewerbes, der in den Salons des Tiergartenviertels eine
Rolle zu spielen begann, und Messel begrte ihn wie einen lieben
Kollegen. Nach ein paar raschen Worten drngte Ilse zum Aufbruch: Wir
drfen die anderen nicht verlieren, sagte sie. Ich find' es viel
hbscher zu zweien, meinte ihr Begleiter und sah sie mit einem Lcheln
an, das auf ein tieferes Einverstndnis der beiden schlieen lie. Sie
fuhren davon. Das helle Kpfchen meiner Schwester hob sich empor zu ihm,
seine lange Gestalt neigte sich zu ihr, -- so flogen sie nebeneinander
die sonnige Strae hinauf, bis der dunkle Wald sie verschlang.

       *       *       *       *       *

Ottoo -- addaa, klang es wieder aus dem Wagen heraus, als wir
heimwrts fuhren. Aber die Hndchen grten nicht mehr nach rechts und
links; krampfhaft umspannten sie einen Bschel grnes Gras, und
unverwandt hafteten die Augen meines Kindes auf dem bunten Kfer, der
sich gemchlich darin niedergelassen hatte. Auf einmal breitete er seine
schillernden Flgel aus und flog mit surrendem Gerusch davon; entsetzt
starrte mein Kind ihm nach, das Gras entfiel den Fustchen -- ein
sehnschtig-schluchzendes adda -- adda kam von dem zuckenden Mndchen,
und verzweifelt weinte es vor sich hin. Mein Mann lchelte ber den
wilden Schmerz um den entflogenen Kfer. Tut er dem kleinen Seelchen
nicht ebenso weh, wie wenn die groen Leute um den Verlust ihrer
Eroberungen trauern? dachte ich und zog meinen Liebling mitleidig in die
Arme.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen in aller Frhe kam meine Schwester. Sie wollte mich
allein sprechen. Ihr heies Gesichtchen, ihr rascher Atem, drei mhsam
hervorgestoene Worte: ich liebe ihn, sagten mir genug. Und die
Eltern? fragte ich. Sie wissen von nichts, stotterte sie und sah ganz
verngstigt drein.

Ich dachte an meinen Vater: mit welch verchtlichem Nasermpfen hatte er
frher ber Knstlerehen gesprochen. Sollten fr seine Tchter keine
seiner heien Wnsche in Erfllung gehen?

Du wirst dich auf harte Kmpfe gefat machen mssen, -- sagte ich, und
mein Blick haftete auf ihren kleinen, kraftlosen Hnden. Ich laufe
davon, wenn Papa es nicht zugibt, rief sie.

Noch am selben Tage besuchte ich Erdmann. Mein Schwesterchen war einmal
mein Kind gewesen, sie war es mir von dem Augenblick an wieder, wo sie
schutzbedrftig vor mir stand.

Als der Mann, den sie liebte, mir in seinem Atelier entgegentrat, war
mein erstes Gefhl das des Schreckens: wie bleich war er, wie gro und
schmal, wie seltsam durchsichtig waren seine schlanken, langfingrigen
Hnde. Aber die Art, wie er mit mir sprach, lie mich ber den Menschen
seine Erscheinung vergessen.

Ich liebe Ihre Schwester und werde sie heiraten, antwortete er auf
meine Frage. Freilich: Ilse stellte mir eine Bedingung, -- fgte er
lchelnd hinzu, du mut Alix gefallen, sagte sie.

Das drfte weniger schwer sein, als da Sie ihren Eltern, vor allem dem
Vater, gefallen mssen, meinte ich.

Gegen den hrtesten Schdel hat sich noch immer der meine als der
hrtere erwiesen, entgegnete er.

Aber Ilse ist weich; ob sie schweren Kmpfen gewachsen sein wrde?!

Gerade weil sie so zart ist, liebe ich sie, und nehme alle Kmpfe auf
mich, -- nur ihrer Treue mu ich sicher sein. Dabei funkelten seine
Augen. Ein starkes Temperament schien sich hinter den leichten Formen zu
verstecken; wrde die kleine Ilse es ertragen knnen?

Sie ist noch sehr jung, warf ich noch einmal ein. Um so besser, --
ein warmer Glanz echter Freude verschnte seine Zge, -- wir Knstler
brauchen leere Leinwand und unbehauenen Stein.

Vor dem Abschied versprach er mir, sich meiner Mutter zu erklren, damit
sie imstande sei, den Vater vorzubereiten. Ich ging nachdenklich heim.
Ilse war ein leicht zu leitendes Kind gewesen, -- fast zu leicht, denn
mit dem Zuckerbrot der Liebe lie sie sich willenlos hin- und herfhren;
aber hrte sie auch nur eine Peitsche knallen, so erwachte ein
unbndiger Trotz in ihr, und in ihren Augen glhte der Ha gegen den,
der sie meistern wollte. Wrde die Liebe dieses Mannes, der nur aus von
Energie gespannten Nerven und Sehnen zu bestehen schien, die richtige
Grenze zu finden wissen?

Meine Mutter war zuerst auer sich, als Erdmann sich ihr erffnet hatte.
Sie kam zu mir und kmpfte mit den Trnen: Nun bin ich es wieder, die
Eurem Vater standhalten mu! Und ich habe es doch so satt! Dafr wirst
du nachher um so mehr Ruhe haben, suchte ich sie zu beruhigen. Ihre
schmalen Lippen kruselten sich, sie hatte wohl ein bitteres Wort auf
der Zunge, aber sie sprach es nicht aus.

Erdmann verkehrte von nun an bei den Eltern. Denk' nur, er gefllt
Papa! erzhlte mir Ilse ganz glcklich, und die Mutter lebte wieder
auf. Da der Bewerber ihrer Tochter in guten Verhltnissen war,
beruhigte sie vor allem. Und auch ich freute mich dessen; meine
Schwester war ein verwhntes Prinzechen; wie oft hatte nicht die Mutter
vor ihr gekniet, um ihr die Stiefel zuzuschnren, damit ihr nur ja der
Rcken nicht schmerzte! Zu keinerlei Arbeit war sie jemals gentigt
worden, -- ich selbst hatte ihr nur zu hufig die Schularbeiten gemacht,
damit das Kpfchen unter den schweren goldenen Flechten nicht gar zu
mde wurde!

Eines Morgens kam die Nachricht: Papa hat eingewilligt! und daneben
von der Mutter Hand: Hans war ganz ruhig. Nur als Erdmann fort war, hat
er sich stundenlang in sein Zimmer eingeschlossen. Er mute doppelt
gelitten haben, da er sich durch keinen Ausbruch seiner Leidenschaft
mehr zu erleichtern vermochte. Ich konnte mich noch nicht freuen, weil
ich nur seiner gedachte. Ob ich ihm schreiben drfte, -- ob ein
verstndnisvolles Wort von mir ihm zu helfen vermchte?

Im Zoologischen Garten erwartete er tglich mein Kind. Er hatte immer
die Taschen voll fr den Kleinen; war das Wetter schlecht, so lie er
ihn zu sich kommen, setzte sich zu ihm auf den Teppich und baute dem
Enkel Bleisoldaten in Schlachtordnung auf. Und stets lie er mich
gren, sagte das Mdchen. Er wrde einen Brief von mir nicht
zurckweisen! An einem blauen Bndchen knpfte ich ihn meinem Jungen um
den Hals, als er das nchste Mal zu Apapa fuhr. Auf dieselbe Weise
brachte er die Antwort mit zurck:

   ... Hast es richtig getroffen, mein Kind: ein Auge weint, und das
   andere lacht nicht. Ich mu mich selbst berwinden. Wenn man das
   Fahrwasser kennt, dann hat die Hoffnung ihr Recht; aber das
   unbekannte Fahrwasser, in das man sein Letztes lassen mu, das gibt
   an keiner Stelle Ruhe. Da Du mich verstanden hast, erfreut mich und
   macht mich dankbar.

                                                  Dein alter Vater.

Meine Schwester strahlte vor Glck. Mit jener geistigen Beweglichkeit,
die ihr von jeher eigen gewesen war, ging sie vollkommen auf im
Knstlertum ihres Verlobten. Sie schien wirklich die leere Leinwand, der
unbehauene Stein, aus dem erst unter seinen Hnden ein lebendiges Werk
werden sollte. Selbst ihre Kleidung richtete sie nach seinem Geschmack;
sie war eine der ersten, die jene malerischen Gewnder trug, wie sie aus
den Kpfen der jungen Vorkmpfer des aufblhenden Kunstgewerbes
hervorgingen und von den Frauenrechtlerinnen aus hygienischen, von den
Malern aus knstlerischen Grnden geschaffen wurden. Jedes Stck ihrer
knftigen Einrichtung wurde nach den Zeichnungen Erdmanns angefertigt.
Oskars Stil entspricht so vollkommen meinem sthetischen Empfinden,
sagte sie, und ihr Blick flog ein wenig hochmtig ber unsere Mbel
hinweg, da ich in einer anderen Umgebung nicht leben knnte. Sie
hatten nahe dem Kurfrstendamm eine Wohnung gemietet, die nach Erdmanns
Angaben umgestaltet wurde. Kam das junge Paar mit der Mutter zu uns, so
drehte sich das Gesprch um die Zukunftsplne mit all ihren reizvollen
Details. Meine eigenen, die mich so glcklich gemacht, so ganz gefangen
hatten, traten dabei zurck. Du willst uns wohl mit eurem Haus
berraschen, da du so wenig davon erzhlst, meinte die Mutter einmal
und ich nickte dazu.

Die Grnde, warum ich schwieg, waren freilich anderer Art. Das Haus, das
inzwischen immer stattlicher aus der Erde herauswuchs, war zur Quelle
neuer drckender Sorgen geworden. Wir hatten in unserer naiven
Unkenntnis aller realen Forderungen des Lebens vorher nicht berechnet,
da doch auch whrend des Baues Zinsen zu zahlen waren, die unser Budget
auf das Schwerste belasten muten. Ich wute oft nicht ein noch aus;
dabei sah ich, wie mein Mann unter den Verhltnissen litt, und zwar um
so mehr, je mehr er empfand, da ich von ihnen betroffen wurde. Machte
ich einmal irgend eine von der Angst diktierte Bemerkung, so fuhr er
sich mit der Hand nervs durch das weiche, wellige Haar und sagte mit
einem gequlten Ausdruck in den Zgen: Kmmere dich doch nicht darum!
berlasse mir all diese Lappalien. Ich werde dir alles aus dem Wege
rumen.

       *       *       *       *       *

Um jene Zeit kamen die Kinder aus den Ferien zurck. Ich frchtete mich
schon davor, denn noch Wochen nachher pflegten sie mir in naivem
Egoismus zu erzhlen, was alles bei ihrer Mutter besser und schner
gewesen war. Hrte es Heinrich, so schalt er sie, weil er sah, da es
mich krnkte, und eine bleischwere Stimmung herrschte um unseren Tisch.
Diesmal strmten sie besonders eilig die Treppe hinauf; -- so freuen sie
sich doch, nach Hause zu kommen, dachte ich. Wolfgang, der
Leichtfigere, kam zuerst. Kaum lie er sich Zeit, mich zu begren.
Die Mutter lt dir sagen, rief er atemlos, sowas drfte nicht mehr
vorkommen. Mtzen hatten wir, wie sie in sterreich nur Portiers tragen,
und Anzge, ber die die Bauernjungens lachten. Ich fhlte, wie bla
ich wurde. Ich hatte sie wie immer fr die Reise neu eingekleidet, um ja
keinerlei Vorwurf auf mich zu laden. Und diesmal war es mir noch
schwerer geworden als sonst. Bei Tisch fing auch Hans, der stets
zurckhaltender war, zu erzhlen an. Warmes Abendessen ist viel
gesnder, meint die Mutter, sagte er, und es schmeckt auch besser als
immer blo Wurst.

Ich war so berreizt, da ich mit den Trnen kmpfte, und als am
nchsten Morgen auch noch ein Brief aus Wien kam, in dem mir die Mutter
der Kinder ber meine unzureichende Erziehung allerlei Vorhaltungen
machte, war es zu Ende mit meiner Selbstbeherrschung. Konnte ich die
Kinder denn berhaupt erziehen, wo ich stndig frchtete, von ihnen als
die bse Stiefmutter angesehen zu werden und damit jeden Einflu zu
verlieren?! Konnte ich sie strafen, wo ich wute, da sie sich bei der
eigenen Mutter darber beklagen wrden?! Ich zeigte Heinrich den Brief
und schttete ihm, nicht ohne mich selbst all meiner versumten
Pflichten anzuklagen, mein Herz aus.

Und das alles sagst du mir erst jetzt? rief er. All den Kummer
schleppst du mit dir herum und sprichst dich nicht aus? Er schlang den
Arm um mich und kte mir die Trnen aus den Augen. Hier mu grndlich
Wandel geschaffen werden, um deinetwillen ... Vor allem um der Kinder
willen, Heinz, unterbrach ich ihn; so gut geartet, wie sie sind, --
schlielich mssen sie Schaden leiden. Wir berieten, was zu tun sei.

In frheren Jahren hatte die Mutter wiederholt versucht, ihre Shne bei
sich zu behalten, aber immer wieder hatte Heinrich sie zurckgefordert.
Wie konntest du?! sagte ich leisem Vorwurf. Kinder gehren zur
Mutter! Ich war sehr einsam, sehr liebebedrftig; ich hatte im
Scheidungsproze mit Ngeln und Zhnen um die Kinder gekmpft,
antwortete er. Jetzt aber ist die arme Frau viel einsamer als du, --
-- sie zu bemitleiden, habe ich keinen Grund, entgegnete er hart, sie
war es, die zuerst ihre Kinder im Stiche lie! Jetzt darf nur die
Rcksicht auf dich und auf das Wohl der beiden Buben den Ausschlag
geben.

In der Nacht nach unserem Gesprch warf sich Heinrich im Bett schlaflos
hin und her; im ersten Morgengrauen stand er leise auf, und ich hrte,
wie er im Zimmer nebenan auf und nieder ging. Ich htte doch nichts
sagen sollen, dachte ich angstvoll. Er sah mde und vergrmt aus, als er
wieder zu mir hereinkam.

Ich habe mich entschlossen, ihr die Kinder anzubieten, sagte er.

Wollen wir nicht doch lieber alles beim alten lassen, -- ich sehe
vielleicht nur zu schwarz, warf ich ein.

Ich dachte an die Stunde, da er mir mit der Bitte, sie recht lieb zu
haben, seine Shne anvertraut hatte. Er sah so finster drein! Jhe
Furcht beschlich mich um meinen kostbaren Besitz: seine Liebe. Aber er
blieb bei dem einmal gefaten Beschlu.

Sein Anwalt schrieb in seinem Auftrag nach Wien. Die Antwort war keine
rckhaltlos zustimmende: jede Verbindung, so wnschte die Mutter, sollte
zwischen den Shnen und dem Vater abgebrochen werden, sobald sie ihr
Haus betreten wrden. Wochenlang zogen sich die Verhandlungen hin, und
die Korrespondenz nahm eine immer erbittertere Form an. Ich konnte nicht
mehr mit ansehen, wie Heinrich litt, und all die Selbstvorwrfe, die
mich qulten, nicht mehr ertragen.

Eines Abends benutzte ich meines Mannes Abwesenheit und fuhr mit dem
Nachtzug nach Wien. Vom Hotel aus meldete ich mich bei der Mutter der
Kinder an. Herzklopfend stieg ich die steinernen Stufen hinauf. In einem
Salon mit schweren Renaissancembeln empfing sie mich, eine schlanke,
dunkle Frau mit scharf geschnittenen, fast mnnlichen Zgen. Sie gab mir
nicht die Hand, sie zgerte offenbar, mir auch nur einen Stuhl
anzubieten.

Ich komme, weil ich hoffe, da eine mndliche Besprechung leichter zum
Ziele fhren wird, begann ich.

Er schickt Sie? Ihre Stimme hatte einen merkwrdig leblosen, kalten
Ton, als kme sie weit her aus dunkler Tiefe.

Nein! Ich reiste ohne sein Wissen. Wir Frauen, meine ich, werden uns
verstndigen, -- mit einigem guten Willen natrlich, -- denn zwischen
uns steht nichts --

Meinen Sie wirklich, da zwischen uns nichts steht?! Ein Blick voll
Ha streifte mich. Meine Kinder stehlen Sie mir!

Ich?! -- Aufs uerste erstaunt sah ich sie an. Ich, die ich sie
Ihnen wiederbringe?! Aber sie hrte nicht auf mich. In
leidenschaftlicher Erregung kamen die Worte, sich berstrzend, von
ihren Lippen: Habe ich nicht in diesem letzten Sommer tagtglich hren
mssen: 'Die Mama erlaubt das alles, -- die Mama straft uns nicht, --
die Mama schenkt uns dies und jenes'?! Und jetzt soll ich vielleicht
erleben mssen, da meine eigenen Kinder sich fort wnschen von mir?
Oder jedesmal unzufrieden heimkehren, wenn sie, wie ihr Vater es
wnscht, zu den Ferien in Berlin gewesen sind?!

Ich verstand sie, -- so hatte ich auch ihr unbewut Bses getan! Sie
wissen, mein Mann hat fr das erste Jahr schon auf ein Wiedersehen
verzichtet, antwortete ich.

Das ist aber auch das Allermindeste, was ich verlange! Im brigen --,
sie nahm wieder den alten eisigen Ton an und zwang sich zur Ruhe, mu
ich umziehen, ehe die Kinder kommen. Sie sehen hier meine Wohnung --,
sie wies nach dem Ezimmer nebenan, ich habe keinen Platz fr sie.

Keinen Platz fr die eigenen Kinder?! Sie schien zu fhlen, was ich
empfand, denn rasch fuhr sie fort: Ich wnsche, da die durch Unordnung
sowieso schon genug geschdigten Buben gleich in ein regelmiges Leben,
eine zu ernster Arbeit gestimmte Huslichkeit kommen.

Und wann, meinen Sie, drfte das sein? Drngte ich. Die Situation ist
fr alle Teile unertrglich!

Sie lchelte: Finden Sie? Ich habe Schlimmeres ausgehalten! Tiefe
Falten gruben sich auf ihre Stirn, um ihre Mundwinkel. Wieder streifte
mich ein Blick, -- zum Frchten. Warten Sie nur, bis Sie fnf, sechs
Jahre mit ihm gelebt haben werden!

Ich erhob mich, -- fast wre der geschnitzte Stuhl bei meiner raschen
Bewegung zu Boden geglitten. Hier hatte ich nichts mehr zu tun. Sie
geleitete mich hinaus. Und als mte sie mir zuletzt noch ihren Ha
fhlen lassen, sagte sie: Ich werde schwere Mhe haben, -- die Kinder
sind zu schlecht erzogen.

Ich dachte an die Buben, -- an ihre lustigen Knabenstreiche, an die
ungebundene Freiheit, die sie genossen. Noch ein gutes Wort wollte ich
bei der strengen Frau fr sie einlegen und sagte bittend: Sie werden
ihnen nicht zu pltzlich die Wandlung fhlen lassen?

Wie knnen Sie sich erlauben --?! rief sie fassungslos. Wer ist hier
die Mutter: Sie oder ich?!

Krachend fiel die Flurtre hinter mir zu. In der nchsten Nacht fuhr ich
nach Berlin zurck. Nicht das mindeste glaubte ich erreicht zu haben.
Ein Brief des wiener Anwalts folgte mir auf dem Fue. Er enthielt den
unterschriebenen Vertrag und bermittelte den Wunsch, den Kindern mchte
die Reise nach Wien nur als ein Besuch dargestellt werden, damit sie
gerne kommen.

Das war ein Jubel: Der Schule entrinnen, -- und eine Reise nach Wien!
Wir brachten sie zur Bahn und sahen den strahlenden Gesichtern nach, die
grend aus dem Kupeefenster nickten, bis der Zug unseren Blicken
entschwand.

       *       *       *       *       *

Kaum drei Wochen spter kehrten sie zurck, -- still und bla. Wolfgangs
rundes Kindergesicht war schmal geworden, in Hans' dunkeln Augen hatte
sich der Ausdruck von Melancholie noch vertieft. Ihr Aufenthalt in Wien
war wirklich nur ein Besuch gewesen. Ob die einsame Frau das Glck nicht
ertragen hatte? Ob die Forderungen eines Lebens fr andere sie erdrckt
haben mochten? In die grte, die letzte Einsamkeit hatte sie pltzlich
der Tod entfhrt.

Aber noch darber hinaus wirkte ihr Ha: das Testament bedrohte die
Kinder mit Enterbung, wenn sie im Hause des Vaters bleiben wrden. Und
so muten sie wieder fort, da sie der Wrme, der Liebe am meisten
bedurften.

Von einer neuen Schule im Harz hatten wir erfahren, wo die Jugend in
schner Abwechselung von Spiel und Arbeit, von der bung krperlicher
und geistiger Krfte sich frei und frhlich zu entwickeln vermag, einer
Schule, deren Leiter den Mut hatte, dem Geist engherzigen Preuentums
den Eintritt bei sich zu verwehren. Dorthin brachten wir sie. Es war das
beste, das wir hatten finden knnen, und doch so schrecklich wenig fr
die, denen die Mutter gestorben war.

       *       *       *       *       *

Nun war es still bei uns im Hause. Ottochen, der sich inzwischen auf
seinen eigenen Fchen zu bewegen gelernt hatte, lief im Zimmer der
Brder von Stuhl zu Stuhl, guckte in die Schrnke und unter die Betten
und rief vergebens Wof und Ans. Zuerst weinte er, weil sie nicht
kamen, um mit ihm zu pielen, dann erinnerte er sich ihrer nur noch,
wenn er auf meinem Scho am Schreibtisch sa und ich ihm ihre Bilder
zeigte. Er war ein unbndiger kleiner Kerl, der nie lange an einem Platz
aushielt. Ein Sonnenstrahl im Zimmer, eine Fliege am Fenster,
Hundegebell und Pferdegetrappel auf der Strae, -- alles erregte seine
brennende Neugierde; wenn aber gar Soldaten vorbermarschierten, so
zappelte er mit Hnden und Fen vor Freuden, und rief, so laut er
konnte: Daten! daten!

Seitdem der Grovater sich dem Enkel zu Liebe einmal in die alte
Generalsuniform gezwngt hatte, ging er noch einmal so gern in die
Ansbacherstrae. Apapa Dat, Apapa Dat, hatte er mir mit erstaunten
Augen und einem Ausdruck von Ehrfurcht in dem Gesichtchen damals
erzhlt. Und Apapa dehn! schrie er mit Stentorstimme, wenn wir nicht
ruhig genug mit ihm spielten.

Eines Abends im Herbst kam meine Mutter und erzhlte mir, der Vater habe
heute, ohne sie zu fragen, die Wohnung gekndigt. Er will im Grunewald
mieten, fgte sie hinzu, um Ottochen nahe zu sein. Mir wurden die
Augen feucht: so ersetzte ihm der Enkel die Tochter, die er verloren
hatte.

Kurze Zeit darauf bekam ich einen Brief von ihm:

   Liebes Kind! denke doch nicht, da es mir gengt, Deinen Jungen bei
   mir zu sehen. Alte Leute brauchen viel Wrme, darum sagte ich
   Ottochen heute, da er Papa und Mama das nchste Mal mitbringen soll.
   Er sah mich so ernsthaft an, da ich glaube, er hat mich verstanden.

                                               Dein treuer Vater.

Und so trat ich mit meinem Kind auf dem Arm in die alte Wohnung. Die
Schwester kam mir entgegen: Nun wird meine Hochzeit erst ein richtiges
Fest fr mich sein, sagte sie und kte mich strmisch. Sie ffnete die
Tr zum Zimmer des Vaters. Er kommt gleich, flsterte sie und lief
davon. Ich mute mich setzen; die Kniee zitterten mir. Alles hatte ein
Gesicht, ein liebes, vertrautes: die verblichenen Sessel, die so
einladend die Armlehnen nach mir ausstreckten, der alte, grne Teppich,
der sich warm und weich unter meine Fe schmiegte, die dunkeln Bilder
an der Wand, die zu lcheln schienen. Auf dem Schreibtisch lagen wie
einst in Reih und Glied die sorgfltig gespitzten Bleistifte und die
Gnsefedern, die der Vater sich selbst zu schneiden pflegte, und der
Soldatenhort, fr den er schrieb. Und in der Ecke -- die alte
Reiterpistole! Aus dem Zimmer war ich einmal geflohen vor ihr. -- Der
sie auf mich gerichtet hatte, rief mich heut zurck! Nein, -- mich
nicht! Nur dieses sen blonden Kindes Mutter!

Die Tre ging auf. Apapa! rief der Kleine und streckte ihm die rmchen
entgegen. Im nchsten Augenblick fhlte ich uns beide umfat: Die Lippen
zitterten, die meine Stirn berhrten. Wir wollen einander nicht weich
machen, Alix, sagte er leise. Wir wollen so tun, als wrst du gar nie
weg gewesen.

Von nun an sahen wir uns oft. Mhsam, mit schwerem Atem, auf jedem
Treppenabsatz minutenlang innehaltend, kam er immer hufiger zu uns
herauf, und meist um die Stunde, die er frher im Kasino zuzubringen
pflegte. Er hatte stillschweigend auch diese alte Gewohnheit aufgegeben,
und als die Mutter ihn darnach fragte, sagte er: Was soll ich mich
jetzt noch ber Menschen und Zeitungen rgern?!

Mein Mann, der sich nie als Schwiegersohn fhlte, sondern stets sehr
zurckhaltend, sehr frmlich blieb, gefiel ihm. Du ahnst ja kaum, wie
der Frieden auf mich wirkt, schrieb er mir einmal. Ich bin Dir die
Erklrung schuldig, da dein Mann, dessen vollendeter Takt mir so
wohltuend ist, ganz auf mich zhlen kann.

Zuweilen fuhr er mit uns in den Grunewald, wo er zum Frhjahr in unserer
Nhe eine Wohnung gemietet hatte. Er strahlte vor Freude, wenn er unser
Huschen wachsen und werden sah.

Wie mich das glcklich macht, dich so ohne Sorgen zu wissen, sagte er
zu mir, whrend er unermdlich ber die Balken kletterte und jeden Raum
in Augenschein nahm. Dann drckte er Heinrich die Hand: Da du meiner
Alix solch eine Heimat schaffst!

Drauen im Garten freute ihn jeder Strauch, der gepflanzt wurde. Hier
mu Ottochen einen groen Sandhaufen haben, -- meinte er, und eine
Schaukel und eine Kletterstange, damit seine Muskeln straff werden.
Daneben aber baut mir eine Laube, in der ich im Sommer, ohne euch zu
stren, sitzen und mit meinem Jungen spielen kann.

       *       *       *       *       *

An einem dunkeln Sptherbsttag, kurz vor der Hochzeit meiner Schwester,
kam ich nach Hause. Exzellenz ist beim Kleinen, sagte das Mdchen. Ich
nickte lchelnd. Ottochen war nicht ganz wohl und durfte des schlechten
Wetters wegen nicht ausgehen. Nun kam der Grovater zu ihm. Ich trat in
sein Zimmer. Auf dem Teppich sa mein Kind, vertieft in die neuen
Soldaten, die ihm Apapa mitgebracht haben mochte; im Lehnstuhl lag der
Vater tief zurckgelehnt und schlief. Der sonst so lebhafte Junge
bewegte sich leise zwischen dem Spielzeug und sah erschrocken auf, als
ich nher trat. Pst, pst! machte er und legte ein Fingerchen auf die
Lippen. Apapa baba!

Der graue Schatten des frhen Abends kroch durch die Fenster. Schwer lag
er ber den Zgen des Schlafenden, verwischte jede Lebensfarbe, lie
jede Falte tiefer erscheinen. Ich faltete unwillkrlich die Hnde: Wie
alt, wie bla, wie mde sah er aus! Und war doch ein so starker Mann
gewesen und den Jahren nach kein Greis! Ich sank in die Kniee und kte
die herabhngende Hand. Der Kummer um mich war es gewesen, der ihm ein
Stck seines Lebens gekostet hatte.

       *       *       *       *       *

Ende November wurde Ilse im Elternhaus mit Oskar Erdmann getraut. Nur
die nchsten Verwandten waren geladen worden, und auch von ihnen hatten
manche abgesagt, als sie erfuhren, da wir zugegen sein wrden. Meine
Schwester sah aus wie eine Frhlingselfe. Alles Licht im Raum ging von
ihren goldenen Haaren aus, deren Glanz selbst der keusche Brautschleier
nicht zu dmpfen vermochte. Erdmann schien mir noch schmaler als sonst.
Ein unbestimmtes Angstgefhl beschlich mich. Meiner Schwester Ja!
klang so froh, so hell an mein Ohr, da es die Sorge verscheuchte. Als
aber der Geistliche sich fragend an ihn wandte, verschlang ein rauher
Husten, unter dem ich seinen Rcken beben sah, seine Antwort. Mir war,
als wechselten seine Geschwister, die neben uns standen, einen
erschrockenen, vielsagenden Blick. Doch wie das junge Paar sich uns
zuwandte, berstrahlte ihr Glck auch diesen Eindruck.

Vor der Hochzeitstafel berkamen mich alte Trume. Sie stiegen aus den
schlanken Kelchen, die einst aneinanderklangen, whrend Walzermelodien
mich umrauschten, sie schimmerten in den silbernen Jardinieren, in denen
so viel Rosen, -- duftende Zeugen meiner Balltriumphe --, verblht
waren.

Jemand schlug ans Glas. Nun, wute ich, wird meines Vaters klare Stimme
die Luft in rasche Schwingung versetzen, sein Geist und sein Witz wird
alle bezaubern, und alle verdunkeln, die nach ihm reden werden.
Erwartungsvoll sah ich ihn an.

Seine Finger zerdrckten unruhig die Serviette, seine Lippen ffneten
sich einmal -- zweimal, bis da ein Ton sich ihnen entrang, der rauh und
heiser war. Und dann sprach er, -- langsam, schwerfllig, wie
eingelernt. Meine Erwartung verwandelte sich in Staunen, mein Staunen in
Angst. Seine Hand hob sich wie zu einer jener alten Gesten, die so
wirksam zu unterstreichen pflegten, was er sagte, -- gleich darauf sank
sie schlaff herab, die Lippen zuckten, -- der begonnene Satz zerri; --
eine qualvolle Pause; -- dann griff er hastig nach dem Kelchglas, hob es
empor, wobei die Tropfen zitternd ber den Rand spritzten: Die Familie
Erdmann lebe hoch -- hoch -- hoch! -- In den Stuhl sank er zurck;
seine Augen wanderten wie um Verzeihung bittend von einem zum anderen,
und als sein Blick den meinen traf, sah ich die Trne, die ihm in den
Wimpern hing.

       *       *       *       *       *

Im Winter ging es meinem Vater Woche um Woche schlechter. Es duldete ihn
nicht im Hause; schon frh trieb ihn eine unerklrliche Unruhe fort;
versuchte die Mutter, ihn zurckzuhalten, so setzte er ihren Bitten
einen so heftigem Widerstand entgegen, da sie ihn gehen lassen mute.
Er besuchte meine Schwester und schleppte sich bis zu uns herauf, obwohl
es ihm tglich schwerer wurde. Es war, als ob er das Alleinsein mit der
Mutter nicht ertrge. Nur wenn sein Enkel bei ihm war, wich seine innere
Unruhe einem Ausdruck stillen Friedens. Zuweilen verlie ihn das
Gedchtnis, dann nannte er den Kleinen Alix und war noch zrtlicher zu
ihm als sonst. Einmal kaufte er eine Puppe, um sie Alix zu schenken;
als ihn die Mutter auf den Irrtum aufmerksam machte, geriet er in helle
Wut. Alle Freude willst du mir verderben, schrie er und sprach
stundenlang nicht mit ihr. Irgendeine Pflege duldete er nicht; er schlo
sich im Schlafzimmer ein, wenn der Arzt kommen sollte.

Ich sah, wie meine Mutter sich mhte, ihm alles recht zu machen. Aber
die Sorgfalt, mit der sie ihn umgab, hatte etwas Khles, Fremdes, -- als
ob das Herz nicht dabei wre. Sie litt unter seiner Heftigkeit; es kam
vor, da ihre starre Selbstbeherrschung zusammenbrach; dann weinte sie
bitterlich, aber es waren Trnen des Zornes, nicht des Leides. Er ist
so bse zu mir, so bse! kam es krampfhaft zwischen ihren fest
geschlossenen Zhnen hervor. Hilflos stand ich vor der Offenbarung der
Ehetragdie meiner Eltern. Manches Erlebnis, das meine Jugend verbittert
hatte, tauchte in der Erinnerung wieder auf, und ich fand jetzt den
Schlssel dazu.

Die Ehe hat sie zerstrt, sagte ich zu meiner Schwester, als wir
darber berieten, wie ihnen vielleicht noch zu helfen sei.

Ja, -- das glaube ich gern, antwortete sie mit einem grblerischen
Ausdruck, der ihrem weichen Gesichtchen sonst fremd war.

Ich horchte auf; -- kaum zwei Monate war sie verheiratet! Von da an
fhrte mein Weg, wenn ich zu den Eltern ging, regelmig bei ihr
vorber. Ich hatte sie in ihrem jungen Glck nicht stren wollen, jetzt
trieb mich die Sorge, zu sehen, ob es nicht schon gestrt war. Aber ich
fand sie stets heiter inmitten ihrer schnen Huslichkeit, die in Formen
und Farben so harmonisch zusammenstimmte, da eine Vase, ein
Blumenstrau schon strend zu wirken vermochte, wenn sie nicht in
bewutem Einklang damit gewhlt worden waren. Und ich fand ihren Mann
zrtlich um sie besorgt, -- in einer Art freilich, die ich nicht
vertragen htte, die der Natur Ilsens aber zu entsprechen schien. Er
bestimmte ihre Kleidung, er beaufsichtigte die Hauswirtschaft, er
ordnete den Tisch, wenn Besuch erwartet wurde. Und alles nahm unter
seiner Hand den Charakter seines Knstlertums an: der Vornehmheit, die
jedes ueren Schmuckes entbehren konnte, weil sie das Wesen des
Materials zu reinstem Ausdruck brachte; der jedem lauten Ton abholden
Ruhe, die wie Sonnenuntergang am Tage durch die orangeseidenen Vorhnge
klang und am Abend in den Falten der grnen, die sich darber breiteten,
trumte; und der Liebe zur Natur, die sich in allem, was ihn umgab,
widerspiegelte, -- in den dunkelroten Kastanienblttern der Tapete, den
zarten Pflanzen- und Vgelstudien japanischer Stiche, dem Wandteppich
mit dem stillen Waldbach, auf dem die Schwne ziehen. Es war gut sein
bei ihnen, und wer davon ging, dem kam die Welt drauen doppelt hlich,
unharmonisch, laut und herzlos vor. Aber es ging auch etwas wie eine
Lhmung von dieser Umgebung aus, etwas, das vom wirklichen Leben
gewaltsam abzog.

Die Gste des Hauses entsprachen dieser Stimmung; keine der Fragen, die
uns bewegten, traten mit ihnen ber seine Schwelle. Die Kunst stand im
Mittelpunkt all ihres Denkens und Fhlens; nicht jene nebenabsichtslose,
die wchst wie ein Baum, gleichgltig, ob nur einsame Wanderer ihn
finden, oder ob Scharen unter seinem Schatten ruhen, sondern jene
mrchenhafte Treibhausblume, die nur fr die Auserwhlten gezogen wird.
Sie vertraten alle den Individualismus, aber hinter ihrer Forderung der
hchsten Kultur des Individuums verbarg sich nur sein Kultus. Man sprach
mit halber Stimme, man las Bcher, die in numerierten Exemplaren nur fr
einen kleinen Kreis von Freunden gedruckt wurden; am Flgel sa hufig
ein katholischer Priester, der in dem milden Wachskerzenlicht des
zartgetnten Salons Palestrinas feierliche Weisen ertnen lie.

Dieselbe Atmosphre, die sich weich um die Stirne legt, herrschte hier,
wie im Theater, wo Hofmannsthals Hochzeit der Sobide jenen
Haschichrausch hervorrief, der der Welt entrckt. Und am Ende des
Jahrhunderts jauchzte die Jugend den neuen Gttern ebenso strmisch zu,
wie wir die Ibsen und Gerhart Hauptmann empfangen hatten. Flchteten die
Menschen nur im Gefhl ihrer Schwche aus der Wirklichkeit, oder waren
nicht unter denen, die sich abseits des rauhen Lebens in einem weien
Tempel versteckten, auch solche, die als geweihte Priester der
Menschheit wieder aus ihm hervorgehen werden?

Ich htte die Frage nicht entscheiden knnen, aber mein Optimismus
glaubte gern an Keime neuen Werdens, wo andere Fulniserscheinungen
sehen. Auch Erdmanns Persnlichkeit berechtigte dazu. Er selbst wurzelte
zu bewut im Boden der Erde, als da er seine Kunst ihr htte entreien
knnen. Er behandelte die jungen Mnner, die seine genial geknoteten
Krawatten nachahmten, von seinem tiefsten Wesen aber wenig wuten, mit
leiser Ironie. Die l'art pour l'art-Devise war fr ihn nicht das Letzte.

Wir mssen den Snob benutzen, sagte er, als wir einmal unter uns
waren, um allmhlich zum Volk zu kommen. Es ist mit dem Kunstgewerbe
wie mit der Mode: Das Neueste ist zuerst ein Vorrecht der Wenigen und
nach einem Jahr die Gewohnheit der Massen. Lebhaft hin- und hergehend
setzte er uns dann seine Zukunftsplne auseinander: Handwerkerschulen
wollte er schaffen, in denen nicht alte Klischees immer wieder benutzt
werden, sondern die neuesten und schnsten Errungenschaften der Kunst zu
Mustern dienen.

Es ist bewundernswert, wie verstndnisvoll all die kleinen Handwerker,
die ich jetzt schon zusammengesucht habe, meinen Ideen entgegenkommen.
Sie sind in ihrem Geschmack weniger verdorben, sie haben vor allem weit
mehr Gefhl fr das Material, das sie bearbeiten, als die meisten
unserer Kunstgewerbetreibenden, die vor lauter theoretischem Wissenskram
jede persnliche Stellung zu den Dingen verloren haben --. Ein heftiger
Hustenanfall unterbrach ihn, rote Flecken zirkelten sich auf seinen
eingefallenen Wangen ab. Meine Schwester erblate, lief hinaus und
brachte ihm eine Tasse Tee, die er entgegennahm, wie etwas lngst
Gewohntes. Der berliner Winter, -- dies ekelhafte Regenwetter --,
sagte er dann und lehnte sich mde in den Stuhl zurck, whrend seine
Brust sich noch krampfhaft hob und senkte. Ich war um diese Zeit immer
im Sden --, fgte er halblaut wie zu sich selbst hinzu.

Wir gingen. Meine Schwester begleitete uns bis zur Tr. Ich sah sie
fragend an. Sie nickte, um ihren Mund zuckte es verrterisch: Ich wei,
-- wir sollten fort, aber er will nicht. Er kann seine Arbeiten nicht im
Stiche lassen, sagte er. Aber spter, in Jahr und Tag, wenn er sehr viel
verdient haben wird, -- dabei lchelte sie wieder hoffnungsvoll, --
dann wollen wir reisen -- Ilse! klang es ungeduldig von innen. Sie
fuhr erschrocken zusammen: Nun wird er wieder bse sein! und lief,
sich hastig verabschiedend, hinein.

Wochenlang war er an das Zimmer gefesselt. Nun ging meine Mutter
zwischen dem Mann und dem Schwiegersohn unermdlich hin und her.
Ilschen ist viel zu zart fr solch eine Pflege, meinte sie, whrend
sie selbst dabei immer magerer wurde. Bat ich sie, sich zu schonen, so
hatte sie nur die eine Antwort: Solange mir Gott Pflichten auferlegt,
habe ich sie zu erfllen. Dabei rckte der Umzugstermin nher; er mute
pnktlich inne gehalten werden, denn die Wohnung der Eltern war
vermietet. In der Nacht, wenn der Vater schlief, kramte und packte die
Mutter, um ihn nur ja bei Tage damit nicht zu stren.

Bei uns sah es hnlich aus, denn unser Huschen war inzwischen fertig
geworden, und der Tag des Einzugs war festgesetzt. Aber die Freude
fehlte, mit der ich ihm vor Monaten entgegengesehen hatte.

Sind wir erst drauen, so wird alles gut werden, versicherte mir
Heinrich immer wieder, wenn meine sorgenvollen Mienen ihm meine Stimmung
verrieten. Glaubst du, da wir Taler von den Kiefern schtteln knnen,
wie das Kind im Mrchen? antwortete ich. Wertvollere jedenfalls,
meinte er gereizt. Deines Kindes und deine Gesundheit, deine
Arbeitskraft sind doch wohl wichtiger, als die paar blauen Lappen, die
du momentan vermit. Ich zuckte die Achseln. Die Sorgen waren ja meine
Krankheit, und sie gedeihen auch in der besten Luft.

       *       *       *       *       *

Hans geht es schlecht, kommt bitte gleich -- Meine Mutter schickte
diese Zeilen. Wir fuhren in die Ansbacherstrae. Auf seinem Lehnstuhl
sa der Vater, halb angezogen, mit blaurotem Gesicht und
blutunterlaufenen Augen. Gepackte Kisten standen umher, de starrten uns
die vorhanglosen Fenster entgegen, grauer Staub lag auf den abgerumten
Tischen.

Ich will nicht zu Bett, -- ich will nicht, sthnte der Kranke. Der
Mutter liefen die Trnen ber die abgehrmten Wangen.

Er stt mich zurck, wenn ich ihm helfen will, flsterte sie. Der
Arzt trat ein. Mit gewaltsamer Anstrengung erhob sich der Vater, sttzte
sich mit beiden Hnden auf den Tisch vor ihm und schrie, whrend die
Augen ihm aus den Hhlen zu treten schienen: Hinaus -- hinaus! Ich mag
keinen Quacksalber! --

Dann brach er zusammen, krallte die Hand in die linke Seite, -- langsam
wich die Farbe aus seinen Zgen; willenlos lie er sich ins Schlafzimmer
fhren, den Kopf tief gesenkt, schwankend, mit kleinen, unsicheren
Schritten. Im Bett lag er ganz still. Nur die Augen, die merkwrdig gro
und klar geworden waren, sprachen, was die Lippen nicht sagen konnten.

Whrend Heinrich und Erdmann von den neuen Mietern der Wohnung, die sich
zu einem Aufschub des Einzugs nicht verstehen wollten, zum nchsten
Krankenhaus fuhren, um die bersiedlung dorthin vorzubereiten, und die
Mutter mit Ilsens Hilfe drauen das Notwendigste zusammenpackte, war ich
allein bei dem Kranken.

Wir redeten miteinander. Seine Augen bohrten sich forschend in meine
Zge. Du kannst ruhig, -- ganz ruhig sein, lieber Papa. Ich bin
vollkommen glcklich --, versicherte ich. Sie leuchteten auf, um sich
gleich darauf in jher Angst, halb geschlossen, wieder auf mich zu
richten. Ich liebe dich, Papa, ich habe nie aufgehrt, dich zu lieben,
antwortete ich mit trnenerstickter Stimme. Um seine blassen Lippen
zuckte ein leises Lcheln, seine schwache Hand versuchte, die meine zu
umschlieen, die Lider deckten sekundenlang die stahlblauen Pupillen, --
dann zuckten sie schreckhaft wieder empor. Eine einzige, ungeheure,
verzweifelte Frage starrte aus diesen Augen, in die das ganze Leben sich
zu einer letzten Zuflucht zusammendrngte. Ich verstand. Vorsichtig
lste ich meine Hand aus der seinen und ging hinaus -- Mama! rief ich
leise. Sie kam. Ich sah noch zwei Hnde, die sich zitternd ihr
entgegenstreckten, -- dann zog ich die Tre hinter mir ins Schlo ...

Als der Krankenwagen vorfuhr, trat sie aus dem Zimmer, bleich,
regungslos, wie versteinert. Er schlft, sagte sie. Ich beugte mich
ber ihn: wie ein Hauch schwebte der Atem nur noch von seinen Lippen.
Die Augen waren geschlossen, das Gesicht wei und still, beherrscht von
einem Ausdruck feierlichen Ernstes.

       *       *       *       *       *

Zu Hause lief mir mein Kind entgegen. Apapa dehn! schrie es
ungeduldig. Es war die Stunde seiner tglichen Ausfahrt. Ich schttelte
traurig den Kopf. Da fing es an herzbrechend zu schluchzen.

       *       *       *       *       *

Noch zwei Tage atmete der Sterbende. Mit einer Ruhe, von der ich nicht
wute, ob ich sie bewundern oder mich vor ihr entsetzen sollte, ordnete
die Mutter alles an, als wre er schon gestorben.

Angstvoll sah ich hinber zu dem starren Gesicht in den weien Kissen.
Er ist ohne Bewutsein, hatte der Arzt versichert. Zuweilen aber
schien mir, als hrte er noch, als she er mit geschlossenen Augen, als
ginge ein Beben durch seinen Krper.

In der dritten Nacht starb er.

       *       *       *       *       *

Droben an der Hasenhaide, wo der Riesenleib der Stadt sich gigantisch
den Hgeln zu Fen hinstreckt und der Sturm ungehindert durch die alten
Bume pfeift, ist die letzte Garnison der Soldaten. Von den
Schiestnden gren die Flintenschsse herber, von den Kasernenhfen
die Trompetensignale, und vom Tempelhofer Feld klingen zuweilen die
Kriegsmrsche in den Frieden des Kirchhofs.

Dorthin trugen alte Regimentskameraden den Sarg, in dem der Tote
schlief, gehllt in den Mantel, der in allen Feldzgen sein
unzertrennlicher Begleiter gewesen war. Es war ein stilles Begrbnis.
Fr die alten Freunde war er gestorben, als er sich mit mir, der
Abtrnnigen, vershnte.

Auch der Kaiser hatte des Mannes vergessen, der seinem Ahnherrn in
Frankreichs blutgetrnkter Erde die Krone des deutschen Reiches erobern
half.

       *       *       *       *       *

Acht Tage spter verlieen wir die Wohnung, in der die Sonne durch alle
Fenster hatte fluten knnen, in der mein Sohn geboren worden war. Ottoo
-- addaa -- jauchzte er wieder, als wir davonfuhren; aber die Fenster
des Wagens waren geschlossen, und der Frhlingsregen peitschte an das
Glas. Im Walde drauen empfing uns die neue Heimat: Unter dem tiefen
grauen Dach unseres Hauses schauten die kleinen Fenster wie Augen unter
schattenden Wimpern hervor, geheimnisvoll lockend und feindselig
abwehrend zurck. Darber wiegten die Kiefern ihre schwarzen Kronen. Es
war wie ein Stck der stillen, ernsten Natur, die es umgab. Und still
und ernst trat ich ber seine Schwelle.




Neuntes Kapitel


Der Winter des Jahres 1899 wollte kein Ende nehmen. Die Stadt Berlin,
die durch Reinlichkeit zu ersetzen pflegte, was ihr an Schnheit
gebrach, war dem Schnee, der sich auf den Straen bis in den April
hinein in schmutzig-grauen Schlamm verwandelte, nicht gewachsen.
Heerscharen, mit Spaten und Hacke bewaffnet, schickte sie aus, um den
hartnckigen Feind aus den Toren zu treiben, und um die Massen der
Arbeitslosen, die unter seinem Regiment immer strker angeschwollen
waren, zu verringern. Vergebens. Der Schnee ballte sich zu Haufen; vor
den Asylen der Obdachlosen staute sich die Menge. Mehr als je waren
krftige Mnner darunter. Selbst um die am schlechtesten bezahlte
Heimarbeit rissen sich die Frauen; wovon sollten sie die Kinder
ernhren, da die Vter feiern muten und das Fleisch immer teurer wurde?

Der Winter ist mit den Ausbeutern im Bunde, sagte eine blasse, kleine
Parteigenossin, die jedesmal mit entzndeteren Augen in die Sitzungen
kam. Die Agrarier, die Konfektionre und die Kohlenfritzen werden dick
und fett, und wir kriegen die Schwindsucht. Sie stickte Hemden, --
ganz feine aus Battist, mit 'ner Frstenkrone. Ich wnschte man blo,
jeder Stich wre 'ne Nadelspitze, wenn sie den durchlauchtigsten Krper
berhren, fgte sie hinzu. Die Bitterkeit, mit der sie sprach, erfllte
mehr denn je ihre Klassengenossen.

Sie froren und hungerten. Im Reichstag aber bewilligte die Mehrheit der
brgerlichen Parteien eine Militrvorlage, die Millionen und
Abermillionen kostete. Sie suchten vergeblich nach Arbeit, und im
Abgeordnetenhaus brachten die Junker den Plan des Mittellandkanals zu
Fall, der zahllose neue Arbeitsmglichkeiten erffnet htte. berall
siegten die Interessen der Besitzenden gegen die der Arbeiter,
und nun drohte die Zuchthausvorlage, ihnen im Kampf um bessere
Arbeitsbedingungen die letzte Waffe zu nehmen: Das Koalitionsrecht.

Noch zgerte die Regierung mit der Verffentlichung des Wortlautes der
Vorlage, aber sie warf ihre Schatten voraus, so da an ihrem Inhalt
niemand mehr zweifeln konnte.

       *       *       *       *       *

Um diese Zeit erschien Eduard Bernsteins lngst erwartete Broschre:
Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der
Sozialdemokratie. Sie fate zusammen und fhrte aus, was er ein Jahr
vorher in seiner Artikelserie ber die Probleme des Sozialismus gesagt
hatte. Jetzt, wo die erste Erregung hinter mir lag und ich mit ruhigem
Verstand zu lesen vermochte, sprte ich den Einflu der englischen
Fabier, der Webb, der Shaw, der Burns, in deren geistiger Atmosphre
dies Buch entstanden war. Ich sprte aber auch den deutschen Gelehrten,
der der rauhen Luft Preuens seit Jahrzehnten entwhnt war und es in
seiner stillen londoner Studierstube, fern der Heimat, verfat hatte. Er
konnte drben nicht wissen, wie der deutschen Partei im Augenblick jede
Aufnahmefhigkeit fr theoretische Errterungen gebrach, und wie der
Masse der Parteigenossen, die sich von allen Seiten in ihrer physischen
und rechtlichen Existenz bedroht sahen, seine Mahnung, den Liberalismus
nicht zurckzustoen, zu handeln wie eine demokratisch-sozialistische
Reformpartei, als blutiger Hohn erscheinen mute. Wo waren denn die
freigesinnten Elemente der Bourgeoise, auf die es sich verlohnte,
Rcksicht zu nehmen, um mit ihnen gemeinsam demokratische Forderungen
durchzusetzen? Sie entflammten in schner Begeisterung fr
Vlkerfreiheit, -- wenn es sich um den Kampf der Buren gegen die
Englnder handelte. Sie emprten sich wider Unrecht und Vergewaltigung,
-- wenn von Dreyfus und dem franzsischen Generalstab die Rede war. Es
kam sogar etwas wie ein Entrstungssturm zustande, als das Zentrum die
Kunst in die Ketten kirchlicher Moral zu legen drohte, -- aber dem
Urteil von Lbtau, das neun Maurer, die sich mit ihren ber die schwer
errungene zehnstndige Arbeitszeit hinaus arbeitenden Kollegen in eine
Schlgerei verwickelten, mit Zuchthaus bestrafte, standen sie stumm und
kalt gegenber.

So sehr ich mich gentigt sah, der theoretischen Kritik Bernsteins
zuzustimmen, so wenig seiner Auffassung von der Notwendigkeit eines
Paktierens mit dem Liberalismus. Wer nicht mit uns ist, der ist wider
uns --. Getuschte Liebe trgt die Maske brennenden Hasses; darum
urteilt der Renegat ber die Klasse, die er verlie, am schrfsten. Wo
waren all die, auf die ich gerechnet hatte? Ein einziger hatte seitdem
den Weg zu uns gefunden: Ghre. Alle anderen starrten geblendet in die
Fata Morgana deutscher Zukunftsweltmacht.

       *       *       *       *       *

Ich habe den Genossinnen einen Vorschlag zu unterbreiten, begann
Martha Bartels in einer unserer Frauensitzungen. Unter uns ist kaum
eine, die nicht wenigstens die Bernsteindebatten im Vorwrts verfolgt
htte. In engeren Parteikreisen haben wir wohl auch Gelegenheit gehabt,
uns darber auszusprechen und Belehrung durch andere zu empfangen. An
einer groen ffentlichen Auseinandersetzung fehlt es leider noch. Ich
beantrage, Genossin Orbin zu bitten, in ffentlicher Volksversammlung
einen Vortrag ber den Streit, der uns so nahe angeht, halten zu
wollen.

Mit ungewhnlicher Lebhaftigkeit stimmte man ihr zu. Ich wute, da es
Wanda Orbin selbst gewesen war, die ihr diesen Gedanken souffliert
hatte. Sie wtete in der Freiheit gegen Bernstein. Soweit es sich um
die Errterung der praktischen Vorschlge Bernsteins handelt, scheint
auch mir der Antrag annehmbar, sagte ich. Seine Theorien aber sind
doch wohl kein Thema fr eine ffentliche Volksversammlung.

Genossin Brandt hlt uns mal wieder fr zu dumm, hrte ich die
schrille Stimme der rotugigen Stickerin sagen. Bernstein meent ja
ooch, da wir noch nich reif sind, meinte eine andere mit einem
giftigen Blick auf mich, er is nischt als so'n verkappter Bourgeois,
der uns zum St. Nimmerleinstag vertrsten will, damit's ihm nich an den
Schlafrock jeht.

Ich hielt diesem Ausbruch proletarischer Eitelkeit, die die Partei gro
gezogen hatte, ruhig stand. Die apodiktische Sicherheit, mit der die
Partei in ihrer Presse ihre Ansichten vertrat; die verflachende
Popularisierung der Lehren ihrer Vorkmpfer, durch die sie sie den
Massen mundgerecht machte; der Hohn, mit dem sie die uerungen
brgerlicher Wissenschaft berschttete, konnten keine andere Wirkung
haben.

Wie wr's, wenn Genossin Brandt das Korreferat bernhme? fragte Ida
Wiemer, die vor allem gewerkschaftlich ttig war und infolgedessen zu
einer weniger radikalen Auffassung neigte.

Selbst wenn Sie das wnschen, mte ich nein sagen, antwortete ich
rasch; ich bin auer stande, theoretische Fragen zu beurteilen, die
einen Mann wie Bernstein jahrelang beschftigt haben, ehe er eine
Antwort fand. Rings um mich sah ich spttisches Lcheln in den Mienen,
Ida Wiemer senkte errtend den Kopf, als schme sie sich fr mich.

Tatschlich htte ich nicht trichter vorgehen knnen: Nur wer keck
alles zu wissen und zu knnen behauptet, verschafft sich Ansehen in der
ffentlichkeit. Ich hatte mir eine Ble gegeben, die mir nicht
vergessen werden wrde.

Luise Zehringer sprach nach mir, eine Genossin aus Hamburg, eine
Zigarrenarbeiterin mit harten vermnnlichten Zgen. Es fehlte ihr, auch
in dem Klang der Sprache, jede Spur von Weiblichkeit. Ein ernstes
Arbeitsleben von Kindheit an hatte der ganzen Erscheinung jede
Weichheit genommen.

Ich gehre zu denen, die eine energische Zurckweisung der
Bernsteinschen Angriffe auf unsere Grundanschauungen nicht nur fr
notwendig, sondern fr jede von uns, die im Besitze proletarischen
Klassenbewutseins ist, fr mglich hlt, sagte sie. Ich habe keine
vornehme Erziehung genossen, wie die Genossin Brandt, aber meine fnf
Sinne habe ich beieinander. Ich wei darum, ohne jahrelanges Studium,
da Bernstein Marx und Engels Unterstellungen macht, die sie niemals
vertreten haben, da er gegen eine Verelendungstheorie kmpft, die
niemals von uns propagiert worden ist. Wir verstehen unter Proletariat
nicht diejenigen, die mit zerlumptem Rock und knurrendem Magen
umherlaufen, sondern jeden, der abhngig ist vom Kapital. Und diese
Abhngigkeit wchst von Tag zu Tag und damit die Masse des Elends. Und
ist die Zunahme der Erwerbsarbeit proletarischer Hausfrauen und Mtter
nicht ein weiterer, schlagender Beweis fr die Zunahme des Elends?
Glauben Sie vielleicht, Genossinnen, sie verlieen aus Vergngungssucht,
wie die Damen der Bourgeoisie, ihr Zuhause und ihre Kinder?!

Aller Augen hingen an der Sprecherin, die ihre leidenschaftlich
vorgestoenen Worte mit lebhaften eckigen Gestikulationen begleitete.
Ich wei aber noch mehr: ich wei, da die Emprung gegen das Elend mit
ihm wchst, da die Gleichgltigsten, wenn sie hungernd ber den
Jungfernstieg gehen, whrend hinter den Spiegelscheiben der feinen
Restaurants die Protzen schmatzen und saufen, die Fuste ballen lernen
und weniger denn je von einem Techtelmechtel mit den schlauen
Verfhrern der Bourgeoisie, den Liberalen, wissen wollen. Zwischen uns
und ihnen gibt es nur Kampf, -- Kampf bis aufs Messer, -- bis zur
Diktatur des Proletariats, vor dem der behbige, gut genhrte Herr
Bernstein und seinesgleichen solch ein Grausen hat ... Sie schwieg
erschpft; ihre Zge waren noch um einen Schein blasser geworden. Wanda
Orbins Referat war gesichert.

       *       *       *       *       *

Wie stellen sich die Parteigenossen Berlins zu Bernsteins Schrift? Auf
leuchtend gelben Zetteln prangte diese Frage an den Litfasulen. Im
Westen gingen die Spaziergnger achtlos daran vorbei. In der
Friedrichstadt blieben Studenten mit unverkennbar russischem Typus
nachdenklich davor stehen, whrend ihre deutschen Kollegen der Anzeige
der Amorsle ihre Aufmerksamkeit zuwandten. Im Norden und im Osten
dagegen sammelten sich Gruppen von Arbeitern vor ihr, und in die
Kneipen, in die Arbeitssle und in die Wohnungen wurde die Frage weiter
getragen. Als Wanda Orbin die Tribne betrat, erwarteten nur wenige
ihrer Zuhrer von ihr etwas anderes, als die Besttigung der Antwort,
die fr sie selber schon feststand.

Sie verkndete mit priesterlichem Fanatismus den beseligenden Glauben an
die Herrlichkeit des nahe bevorstehenden Zukunftsstaates gegenber der
khlen Beweisfhrung seiner langsamen Entwicklung; sie schrte den Ha
wider die brgerliche Gesellschaft, sie mahnte zum Vertrauen allein auf
die eigene Kraft des Proletariats. Zwischen ihr und der Zuhrerschaft
entstand jene hypnotische Verbindung, durch die der Redner nur als
Sprachrohr der Massen erscheint und die Massen wieder unter der
Suggestion des Redners stehen. Sie war die Stimme des Volkes, das die
Ketzer verdammte, die ihm nehmen wollten, was ihres Lebens einziger
Reichtum, ihres Willens einzige Triebkraft war: den religisen Glauben
des Sozialismus. In ihr lebte die Urkraft der Bewegung, die nur Freunde
und Feinde kannte, die kmpfen wollte, aber nicht paktieren, die im
Eroberungskrieg das Leben jedes einzelnen zu opfern bereit war, nicht
aber die Hoffnung auf raschen Sieg.

Ein alter Mann sa neben mir. Er war mde gekommen; jetzt glnzten seine
Augen, seine Wangen glhten, sein gebeugter Rcken richtete sich auf. An
einem Tische nicht weit davon sah ich eine Gruppe junger Arbeiter; sie
trommelten mit den breiten Fusten auf den Tisch, und Ha und Lust und
barbarische Kampfbegier leuchtete aus ihren Zgen. Unter dem Spiegel an
der Wand lehnten umschlungen ein paar schwarzhaarige Studentinnen; aus
ihren Blicken sprach jene Schwrmerei, die Hirtenmdchen zu Heldinnen
macht. Auch ich war erschttert; was mein Verstand, mir selbst zum
Trotz, Stein um Stein aufgerichtet hatte, das drohten die Pfeile von der
Rednertribne zu zerstren. Aber dann vernahm ich schrille, falsche
Tne, fr die nur mein Gehr fein genug schien: die Rednerin verhhnte
die Kraft ethischer Motive als einen in Rechnung zu stellenden Motor in
der revolutionren Bewegung. Sie berschttete mit Spott jene
brgerliche Intelligenzen, die mit der Gerechtigkeitsidee ins weite
Meer gesteuert und mit gebrochenen Masten in den Hafen der Entsagung
zurckgekehrt sind. Nur der aus seinen Klasseninteressen entstehende
Klassenkampf des Proletariats wird dem Sozialismus die Welt erobern.
Welche Motive hatten denn die Marx und Engels, die Lassalle, die
Liebknecht auf die Seite der Enterbten getrieben? Waren sie nicht
brgerliche Intelligenzen gewesen, wie Wanda Orbin selbst? Mit
frenetischem Beifall nahm das Volk ihren Kniefall vor seiner Majestt
entgegen, whrend mir die Schamrte in die Schlfen stieg. Als sie dann
mit einer Stimme, die nur noch ein Kreischen war, weil nicht mehr das
Feuer der Begeisterung, sondern weibische Rachsucht sie belebte, in den
Saal hinausschrie: Wenn die Gegenstze so schroff zutage treten, wie
zwischen der Masse der Genossen und den Bernstein, den Heine, den David,
den Schippel, so ist eine reinliche Scheidung besser als ein fauler
Friede, und die Zuhrer trampelnd und johlend Beifall klatschten, da
wute ich, da die Partei der Freiheit Scheiterhaufen zu schichten
imstande sein wrde.

Still davon zu gehen, nachdem die Versammlung geschlossen worden war,
wre gewi am klgsten gewesen. Der Wirbelsturm meiner Gefhle, der sich
aus Bewunderung und Emprung, aus Schchternheit und Angst
zusammensetzte, hatte mich gehindert, in der Diskussion zu sprechen,
jetzt aber kochte mir das Blut; ich wollte nicht feige erscheinen, ich
mute mit Wanda Orbin sprechen, die mich noch immer fr ein Glied ihrer
Gefolgschaft hielt. Sie kam meinem Wunsch entgegen.

Wir gingen noch in ein Kaffee, und schon auf dem Wege dahin sprach sie
mich an: Sie waren gegen mein Referat, hrte ich? Ja, und ich bin es
nachtrglich noch mehr, als vorher, antwortete ich. Das ist ja sehr
interessant, meinte sie spitz und wandte sich von mir ab. Ich war den
Rest des Abends Luft fr sie.

Wir verabschiedeten uns mit einer khlen Verbeugung, und whrend sie,
umringt von den Genossinnen, ihrem Absteigequartier entgegenging, fuhr
ich allein nach Hause. Ich kmpfte mit den Trnen. In dem engen Kreise
der Arbeiterinnenbewegung Wanda Orbin als Gegnerin gegenberzustehen,
das bedeutete entweder mein Ausscheiden aus ihm oder einen endlosen
aufreibenden Kampf.

       *       *       *       *       *

Spt in der Nacht kam ich nach Hause. Hier drauen im Grunewald bedeckte
eine feste Schneedecke Straen und Grten, tiefschwarz stiegen die
Kiefern aus ihrer hellen Weie empor; ihre dnnen, drftigen Wipfel
verloren sich im Nebel. Ich frchtete mich. Nacht und Dunkelheit waren
meine schlimmsten Feinde. Dann sah ich, wie in meiner Kindheit, drohende
Gestalten hinter Baum und Busch, und hrte die Tritte Unsichtbarer
hinter mir. Ich lief. Auf dem kleinen Platz wenige Schritte vor unserem
Garten blieb ich stehen. Der Atem wollte versagen. Ich sah hinber:
Grau, dster, als wre es selbst nur ein Gebilde des Nebels, schlief
unser Haus zwischen den schwarzen Stmmen, die es umstanden wie lauernde
Wchter.

Ein kalter Schauer rann mir ber den Rcken: wir hatten hier noch keinen
frohen Tag gehabt. Der Kleine schlief schlecht, -- der Kiefernduft rege
ihn auf, meinte der Arzt, -- er war oft krank gewesen. Und zwischen mir
und meinem Mann richteten die Sorgen sich auf, immer hher und hher,
wie eine trennende Mauer, in die die Kraft unserer Liebe nur hie und da
Bresche schlug. Wir trugen unsere Qualen allein, -- aus Rcksicht; wir
hllten unsere Seelen in den dunkeln Mantel des Schweigens, damit der
Anblick ihrer Not nicht den anderen verletze. Da einer den anderen
berhaupt nicht mehr sehen konnte, blieb uns verborgen. Unausgesprochene
Vorwrfe wirkten auf unsere Gefhle wie frher Frost auf entfaltete
Rosen. Uralte Vorurteile, Traditionen, deren triebkrftige Wurzeln den
Boden umklammern, wenn auch der Baum gefllt ist, nhrten sie.

Unter der Schwelle des Bewutseins lebte in mir, der Emanzipatorin ihres
Geschlechts, die Vorstellung: da der Mann, dem das Weib sich
anvertraute, wie ein Schutzengel ber ihrem Leben stehen msse, da er
verpflichtet sei, sie vor Sorgen zu hten. Statt dessen hatte der meine
-- der Vorwurf whlte in mir -- sie ber mich heraufbeschworen! Und in
dem Grunde der Seele des Mannes, der aus eigener berzeugung meine
Berufsarbeit frderte, lebte der Gedanke: da die Frau das Reich des
Hauses zu regieren habe, da ihr die Pflicht obliege, durch ihr Wirken
die Not von seiner Schwelle zu bannen. Statt dessen verstand die seine
nichts von alledem, und nur zu oft las ich in seinen sprechenden Zgen
den Vorwurf: Du -- du bist schuld.

Ein Licht, das im Erdgescho, wo die Kchin schlief, aufflammte, ri
mich aus meinem Sinnen. Ich eilte der Gartenpforte zu. Da ffnete sich
die Tre zum Kcheneingang, -- auf morgen! hrte ich flstern, ein
Mann trat heraus, kletterte gewandt ber den Zaun und ging, vor sich
hintrllernd, die Strae hinab. Das Licht im Mdchenzimmer erlosch.

Ich schlich hinauf. Mein Mann schlief fest. Wie ich ihn schon um diesen
Schlaf beneidet hatte! Ihn suchte er auf, ich mute ihn mir erst
erzwingen! Heute wollte er sich berhaupt nicht festhalten lassen. Der
Gedanke, da ich morgen die Minna schelten mute, peinigte mich:
dadurch, da ich ihre Arbeitskraft in Anspruch nahm, hatte ich doch noch
kein Recht ber ihre Person. Wie durfte ich verlangen, da sie mir ihre
Liebe opfern sollte? Und doch wrde vermutlich die Konsequenz meiner
Nachsicht nichts anderes sein, als da sie ihren Liebhaber mit ernhrte.
Eine gute Hausfrau nimmt alle Schlssel an sich, -- die des Hauses wie
die der Speisekammer. Ich vermochte es nicht: Konnte ich einen fremden
Menschen einsperren, wie einen Sklaven? Vor einer Hausgenossin alles
verschlieen, als hielte ich sie von vornherein fr eine Diebin? Wieder
rollte sich durch einen geringfgigen Anla ein ganzes Problem vor mir
auf. Ich grbelte ihm nach, ber die kleinen Nte meiner eigenen vier
Wnde hinaus, und fand keine andere Lsung als die radikalste:
Vernichtung des patriarchalischen Haushalts, Entwicklung des
Dienstmdchens, das unter stndiger Kontrolle steht, das Tag und Nacht
dienstbereit sein soll, zur freien Arbeiterin, die stundenweise
beschftigt und entlohnt wird.

Mit dem grauenden Tage kehrte ich wieder zu mir selbst zurck. Die
nchste Zeit stellte starke Anforderungen an mich: der Feldzug gegen den
Zuchthauskurs sollte auf der ganzen Linie erffnet werden, -- ich wrde
hufig abends fort sein mssen. Wenn ich doch irgend jemand htte, der
mich im Hause vertreten knnte. Aber die guten Hausgeister der
Vergangenheit, -- all die unbeschftigten Tanten und Cousinen waren
ausgestorben, hatten sich in selbstndige Berufsarbeiterinnen
verwandelt. Und meine Mutter?!

       *       *       *       *       *

Gleich nach des Vaters Tod hatte sie ihren Haushalt aufgelst und war zu
Erdmanns gezogen. Eine Lungenentzndung hatte Ilse aufs Krankenlager
geworfen, die Mutter war Pflegerin und Haushlterin zugleich gewesen.
Durfte ich sie jetzt, wo sie selbst der Erholung bedrftig war, fr mich
in Anspruch nehmen?

Sie besuchte uns am nchsten Tag. Ottochen lief ihr entgegen. Er suchte
immer noch den Apapa und weinte, wenn er nicht mitkam.

Wie leicht, wie elastisch der Gang der Mutter ist, dachte ich erstaunt,
als ich sie nher kommen sah. Mir war, als wre sie sonst schwer und
hart aufgetreten. Ihre Wangen waren gertet, der bittere Zug um ihren
Mund wie weggewischt, die schmalen, blassen, zusammengepreten Lippen
wlbten sich pltzlich, wie von jungem Blut durchglht.

Nun kann ich reisen! sagte sie mit einem Aufleuchten in den Augen.
Meine Pflicht Erdmanns gegenber ist erfllt, -- sie wollen selbst so
rasch als mglich auf See, um ihre Lungen auszuheilen; da bin ich
frei --, sie dehnte dies letzte Wort, als mte sie es ganz auskosten.

Nach Italien wollte sie zuerst. Sie erzhlte von einem ganzen Sto
kunsthistorischer Bcher, die sie mitnehmen wollte. Ich bin nie zum
Lesen gekommen, meinte sie; wie viel hab' ich versumt, wie viel kann
ich nachholen!

Ich sah sie verwundert an, wie eine Fremde: hatte sie mich nicht so und
so oft aus der Lektre herausgerissen, als ich noch daheim war, und mich
neben sich an den Flickkorb gezwungen? Hatte sie jemals etwas anderes
gelesen als die Zeitung und hie und da einen Roman?

Du bist erstaunt? lchelte sie. Du wirst es noch selbst erfahren, wie
die Pflicht fr andere zu leben uns Frauen fast bis zur
Selbstvernichtung treiben kann. Ich fand keine Antwort. Wie unglcklich
mute sie gewesen sein, -- und wie unglcklich gemacht haben, da sie
fnfunddreiig Jahre lang nur aus Pflichtgefhl die Ketten der Ehe
getragen hatte!

Im nchsten Winter werde ich mich hier in einer Pension etablieren,
fuhr sie fort, du glaubst nicht, wie allein der Gedanke mich beruhigt,
alle Haushaltsqulerei los zu sein! Und sie war scheinbar in ihrem
Haushalt aufgegangen!

Was geschieht aber dann mit den Mbeln? fragte ich, um nur irgend
etwas zu sagen.

Ich habe heute das letzte verkauft -- --

Verkauft?! Ich starrte sie entgeistert an. Wie?! Ohne uns, ihren
Kindern, auch nur eine Mitteilung davon zu machen, hatte sie all die
hundert lieben Dinge, die ein Stck Heimat fr mich gewesen waren,
achtlos in alle Winde verstreut?! Des Vaters Schreibtisch mit den
geschnitzten Eulen, -- den alten Stuhl davor, -- die Reiterpistole! Ich
strich mir mechanisch mit der Hand ber die heie Stirn, um den bsen
Traum zu verscheuchen, -- denn es war doch nur ein Traum!

Auch die grnen Lehnsessel -- und das alte Sofa, das in meinem Zimmer
stand? murmelte ich.

Gewi! antwortete sie mit heller Stimme, aus der der scharfe
ostpreuische Akzent mehr als sonst hervortrat. Ihr alle habt, was ihr
braucht, -- das Germpel htte kaum noch einen Umzug ausgehalten; -- nur
Silber, Glas und Porzellan lie ich bei Ilse auf den Boden stellen. Ich
habe lang genug all dies Schwergewicht mit mir gezogen.

Mir scho das Blut in die Schlfen: So strich sie Jahrzehnte ihres
Lebens aus und mit ihnen die Erinnerung! Schon hatte ich bittere Worte
auf der Zunge. Ich hob den Blick: Der Ausdruck ihrer Zge entwaffnete
mich. Mir war, als she ich pltzlich bis zum Grunde ihres Herzens. Dem
Gtzen der Pflicht hatte sie ihr Leben geopfert und wute nun nicht
einmal, wie gro ihre Snde gewesen war. Jetzt erst trat sie aus dem
Dmmerdunkel seines Tempels ans Tageslicht und grte es, als she sie
es zum erstenmal. Arme Mutter! Keinen Strahl deiner schon leise
sinkenden Sonne will ich dir verdunkeln, dachte ich, und bat ihr im
stillen ab, was ich an heimlichem Groll gegen sie im Herzen getragen
hatte. Als ich sie zum Abschied kte, liebte ich sie, -- mit jener
mitleidigen Liebe, die eine einzige Trennung ist.

Es war gut, da sie ging, -- fr sie und fr mich. Der Glaube, da ihre
Kinder keine materiellen Sorgen hatten, gehrte zu dem Glcksgefhl, mit
dem sie die spte Freiheit geno. Htte ich sie zurckgehalten, ihr in
meine Huslichkeit Einblick gewhrt, er wre doch erschttert worden.
Ich mute selbst mit mir und den Verhltnissen fertig werden.

       *       *       *       *       *

Eine Villa im Grunewald, -- wie oft hrte ich in den Kreisen der
Parteigenossen mit einem mitrauisch-hohnvollen Blick auf mich diese
vier Worte flstern. Sie wuten nicht, da uns kein Stein von ihr
gehrte, da sie aber mit dem Gewicht aller ihrer Steine auf uns
lastete. Die Zinsen, die wir zu zahlen hatten, waren schlielich doch
hher, als die Miete gewesen; Haus und Garten erforderten mehr
Arbeitskrfte, als die kleine Etagenwohnung, und das Leben hier drauen
war auf Rentiers und Millionre zugeschnitten, die den Grunewald
allmhlich bevlkert hatten. Noch mehr als frher war jeder Erste des
Monats ein Schreckenstag fr mich. Und wenn ich am Schreibtisch sa und
meine Gedanken auf das Buch, an dem ich arbeitete, konzentrieren wollte,
kamen die Sorgen grinsend aus allen Winkeln gekrochen und bohrten ihre
Knochenfinger in mein Gehirn und zerdrckten meine Gedanken zwischen
ihnen. Dann lief ich zu meinem Sohn hinauf oder spielte im Garten mit
ihm, -- denn ber seinen Zauberkreis wagten sich die grauen Gespenster
nicht.

Wie hatte die Mutter gesagt, als sie mit jungen Augen von ihrer
Freiheit sprach? Lang genug hab' ich dieses Schwergewicht mit mir
gezogen -- -- Ein Schwergewicht, -- eine Kette am Fu, -- so empfand
ich auf einmal das Haus, in dem ich wohnte. Flgellos machte es mich und
-- alt, alt!

Du hast Falten um Mund und Nase, sagte mein Spiegel, Falten, und trbe
Schleier ber den Pupillen wie all jene Frauen, denen der jmmerliche
Kleinkram des Lebens die Seele zertritt. Ich aber will nicht alt sein,
schrie es in mir; noch braust und schumt der Strom der Jugend in meinem
Innern, der starke Strom, der Felsen hhlt und Riesen des Waldes
entwurzelt, und den die Ehe in ihre gemauerten Kanle zwang.

Heinz, hab' einmal Zeit fr mich, sagte ich eines Abends. Wir saen
fast immer bis zum Schlafengehen arbeitend an unserem Schreibtisch.
Gemeinsame Abende gab's fr uns nicht. Ich hatte unter diesem Mangel im
Beginn unserer Ehe schwer genug gelitten. Er sah von seiner Lektre auf;
ein helles Licht huschte ber seine Zge. Immer, mein Schatz -- nur
leider verlangst du nie danach.

Ich wei, du hast es sehr gut gemeint, begann ich stockend, du hast
nur meinen Wunsch erfllen wollen, als du dieses Haus fr uns bautest.
Keiner von uns hat vorher gewut, da -- da es eine unertrgliche Last
fr uns sein wrde -- --

Aber, Alix, du kommst auf diesen vernnftigen Gedanken, du?!
unterbrach er mich. Du knntest -- du wolltest --?!

Das Haus verkaufen, -- ja! Tausendmal lieber, als in dieser Angst
weiterleben -- Mir strzten die Trnen aus den Augen, trotz aller
Selbstbeherrschung.

Heinrich gehrte zu den wenigen Mnnern, die durch Frauentrnen nicht
weicher, sondern hrter werden. Wozu die Tragik, sagte er rgerlich.
Wenn du einsiehst, was mir lngst klar ist: da wir ber unsere
Verhltnisse leben, so sind wir einig, und die Konsequenzen sind
selbstverstndlich.

Meine Trnen flossen nur noch strker; ich hatte unwillkrlich so etwas
wie ein Lob fr meinen Opfermut erwartet. Erst allmhlich kam ich zur
Ruhe.

Wir saen aneinandergeschmiegt wie in den ersten Zeiten unserer Ehe auf
dem pfauenblauen Sofa und spannen neue Zukunftstrume, als wre durch
unseren bloen Entschlu schon die Bahn fr sie frei.

       *       *       *       *       *

Wochen und Monde vergingen. Niemand fragte nach unserem Haus. Indessen
zog mit blauem Himmel und heier Sonne der Sommer ein, und auch unter
den Kiefern lachten und dufteten Rosen, Nelken und Lilien. Grne Ranken
kletterten bermtig an den grauen Wnden empor, vor allen Fenstern
nickten rote Geranien. Und mitten in all der Pracht blhte mein Kind. Es
spielte den ganzen Tag im Grnen, jeder Busch wurde ihm ein lebendiger
Gefhrte. Und wenn es droben im Giebelstbchen hinter den Blumenbrettern
schlief, dann saen wir noch lange auf der Altane und atmeten den
wrzigen Duft der Nacht und genossen der zauberischen Ruhe des Waldes.
Ich fing an, dies Stckchen Erde zu lieben: es hatte meinem Sohn eine
Heimat werden sollen. Ich trennte mich immer schwerer von dem stillen
Winkel.

Nichts ist gefhrlicher fr den Altruismus, als die mit Egoismusbazillen
gefllte Luft huslicher Gemtlichkeit. Nur die ganz Starken,
Widerstandsfhigen entziehen sich der Ansteckung.

Die Vorkmpfer der Menschheit waren fast immer die Heimatlosen.

Aber auch meine Krperkrfte hinderten mich oft an der agitatorischen
Ttigkeit. War ich gentigt, ein paar Abende hintereinander zu sprechen,
so versagte meine Stimme. Sie drfen sich niemals in Rauch und Staub
aufhalten, sagte dann der Arzt und verordnete mir Schweigen und frische
Luft. Meine robusten Genossinnen, fr die die Atmosphre der
Versammlungssle nicht schlechter war als die ihrer engen Stuben, ihrer
berfllten Werksttten und Fabrikrume, hielten mich fr schulkrank und
mitrauten mir mehr noch als frher.

       *       *       *       *       *

Wir hatten im Winter einen Arbeiterinnenbildungsverein gegrndet, --
einen Notbehelf, da das Gesetz den Frauen die Teilnahme an politischen
Organisationen untersagte und seine Handhabung den Arbeiterinnen
gegenber besonders streng war. Er wurde aber rasch zum Selbstzweck; die
Frauen hatten ein lebhaftes Bedrfnis nach geistiger Aufklrung aller
Art, und es war fr mich eine Erfrischung, seinen Zusammenknften
beizuwohnen. Zwei Abende war schon ber Erziehung gesprochen worden,
und die Debatte bewies, mit wie viel Ernst, mit wie viel Eifer diese
armen Arbeiterfrauen ihre Aufgabe als Mtter erfaten.

Diesmal hatte ich Romberg gentigt, mitzukommen. Er war in bezug auf die
geistige Entwickelungsmglichkeit der Frauen sehr skeptisch, und so sehr
er aus rein konomischen Grnden die Frauenbewegung fr notwendig
anerkannte, so war sie ihm doch nur eine traurige Notwendigkeit; was sie
erstrebte, erschien ihm nicht als Fortschritt, sondern nur als eine
unausbleibliche beklagenswerte Wandelung. Den Bildungshunger der
Waschfrauen und Nherinnen hielt er nun gar fr eine meiner
unverzeihlichen Illusionen. Ich wollte ihm einmal statt Grnde Beweise
liefern. Und allmhlich schien er wirklich erstaunt. Eine kleine, adrett
gekleidete Frau stand jetzt auf dem Podium. Mein Mann ist
Maschinenschlosser, sagte sie, wir haben nur zwei Kinder und soweit
unser Auskommen, so da ich nicht mit zu verdienen brauchte. Aber unser
Junge ist ein heller Kopf. Da hab' ich mir gesagt: Der soll was Besseres
werden als seine Eltern, der soll auch mal wissen, wie schn und wie
reich die Welt ist, und nicht, wie wir, blo durch so'n schmales
Guckloch ein Endchen von ihr zu sehen kriegen. Und nun gehe ich wieder
in die Fabrik, und der Fritze geht dafr aufs Gymnasium. Ich will mich
nicht rhmen, da ich's tu', ich mcht' nur jeder raten, es ebenso zu
machen.

In jener Impulsivitt, die ich so sehr an meinem Mann liebte, stand er
auf, um der tapferen kleinen Frau, die wieder ihrem Platz zuschritt,
die Hand zu drcken. Romberg dagegen sagte: Meinen Sie, da der
'Fritze' als Geistesproletarier glcklicher sein wird!? Auf das Glck
kommt es nicht an, sondern auf den Grad der sozialen Leistung, und die
wird grer sein, wenn seine Begabung zu ihrem Rechte kommt, antwortete
ich rasch.

Ein junges Mdchen trat an unseren Tisch. Genossin Brandt? forschend
sah sie mich an. -- Die bin ich. -- Ich wollte Sie nur mal was
fragen. Ich bin nmlich Dienstmdchen gewesen und habe eine Freundin,
die noch Kchin is, und die hat mich neulich in den Dienerverein
mitgenommen, wo sie jetzt wollen auch die Mdchens aufnehmen. Sie
schimpfen aber dort alle gegen die Sozialen, und da wollt ich gern mal
wissen, ob Sie nich mal knnten hinkommen --

Sie werden doch nicht! flsterte mir Romberg zu. Verpflichte dich zu
nichts, sagte mein Mann leise.

Selbstverstndlich komme ich, entgegnete ich der zaghaft vor mir
Stehenden; ihr Gesicht erhellte sich; wir verabredeten alles weitere.

Beim Heimweg schalt mein Mann: Du lt dich von jeder beschwatzen, und
alle spekulieren schlielich auf deine Gutmtigkeit.

Wenn diese kleine Begegnung zu einer Dienstbotenbewegung den Anla
gibt, so wirst du anders denken.

Mir tut es in der Seele weh, wenn ich Sie in der Gesellschaft seh,
meinte Romberg. Er sah mich mit einem Blick an, der mich errten machte.
Wie tricht, -- dachte ich gleich darauf, zornig ber die eigene
Schwche, und doch blieb ich den ganzen Abend ber im Bann jener
Frauenfreude, die belebend wirkt wie prickelnder Champagner: der Freude
an der Bewunderung. Alix von Kleve stieg aus der Versenkung ernster
Jahre empor und sonnte sich an altvertrauten Triumphen. In meinen
Verkehr mit Romberg trat ein neuer Reiz: er lie es mich fhlen, da das
Weib in mir ihn anzog und nicht nur die neutral-interessante
Persnlichkeit. Es gibt Frauen, die angesichts solcher Erfahrung die
Beleidigten spielen. Sie lgen.

Ich drehe dir den Hals um, wenn du dir von Romberg die Kur machen
lt, grollte Heinrich, als wir zu Hause waren, zwischen Scherz und
Ernst. Ich flog ihm in die Arme. Hast du mich wirklich so lieb? lachte
ich. Er zog mich strmisch an sich: Dich, dich hab' ich lieb,
flsterte er leidenschaftlich, das se Katzel, -- meinen Schatz; --
die berhmte Frau kann mir gestohlen werden ...

       *       *       *       *       *

In der ersten Morgenfrhe weckte mich ein wilder Schrei. Aus Minnas
Stube, -- sagte ich mir und strzte hinunter. Sie lag in ihrem Blut,
und als der Arzt kam, schwand mein letzter Zweifel: sie hatte gewaltsam
die Folgen ihres Liebesverhltnisses beseitigen wollen.

An ihrem Krankenbett studierte ich die Dienstbotenfrage. Sie fate
Vertrauen zu mir. Ich erfuhr von diesem armen Leben, das von Kindheit an
unter fremden Leuten in stndiger Unfreiheit, in ununterbrochener
Dienstbarkeit verflossen war. Was mu unsereiner doch auch haben, --
was frs Herz. Und wenn ich nicht getan htte, was er wollte, -- dann
wr' er fortgegangen, -- dann htte er zehn fr eine gefunden,
schluchzte sie.

Warum heirateten Sie nicht? wagte ich einmal einzuwenden. Heiraten?!
Womit denn?! -- Arbeit hat mein Franz keine, -- meine paar Spargroschen
gab ich ihm, -- und vor so einer Jammerwirtschaft in einem Loch auf'n
Hof mit'n halb Dutzend Ghren graut's mich ... Sie wurde von Tag zu Tag
elender. Ihr Franz fragte nur einmal nach ihr. Als er hrte, da sie
krank sei, kam er nicht wieder. Ich mute sie schlielich der schweren
Pflege wegen, die ihr Zustand ntig machte, ins Krankenhaus bringen.
Dort starb sie.

       *       *       *       *       *

Wir wollen die Harmonie zwischen Dienstboten und Herrschaften wieder
herstellen ... -- die Dienstboten allein knnen nichts erreichen, es
gehren auch die Herrschaften dazu ... -- den Arbeitern fehlt es heute
an tchtigen Hausfrauen, weil die Mdchen lieber in die Fabrik als in
Stellung gehen, wo sie sich dazu vorbereiten knnten ... Das waren die
Leitmotive, unter denen die Versammlungen tagten, die der Dienerverein
veranstaltete. Die wenigen weiblichen Dienstboten, die ihm schon
angehrten, schlugen zwar zuweilen eine schrfere Tonart an, wenn die
Erinnerung an all die erlittene Unbill sie berwltige, aber sie trugen
schwarzweie Kokarden und verwahrten sich nachdrcklich dagegen, mit der
Arbeiterbewegung irgend etwas gemeinsam zu haben.

Ich verhielt mich whrend der ersten Versammlungen nur als Zuhrerin
und erkannte bald, da es dem Verein an Mitteln und Mitgliedern fehlte
und er offenbar nichts wollte, als durch Hinzuziehung weiblicher
Dienstboten diesem bel abzuhelfen. Im Grunde frchtete er schon, die
Geister, die er gerufen, nicht los zu werden, denn sobald ein Mdchen
ihre Erfahrungen gar zu rckhaltlos zum besten gab, trat irgendein
Beschwichtigungsapostel ihr entgegen.

Ich stelle den Antrag, da wir uns der entstehenden Dienstbotenbewegung
mit allem Nachdruck annehmen, sagte ich, als ich wieder einmal mit den
Genossinnen zusammenkam; in jeder Versammlung mssen einige von uns
anwesend sein. Wir drfen die Gelegenheit nicht vorbergehen lassen, um
diese rechtlosesten unter den Arbeiterinnen zum Bewutsein ihrer Klasse
zu erziehen. Wir mssen so bald als mglich eine selbstndige
Organisation grnden, damit sie dadurch dem Einflu dieses
grundsatzlosen Vereins nicht unterworfen bleiben.

Aber je lebhafter ich sprach, desto khler und zurckhaltender waren die
anderen. Genossin Brandt scheint nicht zu wissen, da die Dienstboten
kein Koalitionsrecht besitzen --, meinte Martha Bartels nasermpfend.

Gerade weil ich das wei, empfinde ich um so mehr unsere Verpflichtung,
ihnen zu helfen, ihnen das Rckgrat zu strken, entgegnete ich heftig.

Die Dienstmdchen sind noch lngst nicht reif fr unsere Bewegung, --
berlassen wir sie ruhig sich selbst, sagte eine andere.

Damit sie den Nationalsozialen in die Hnde fallen, die ihre Netze
auslegen, wo immer sie einen Proletariermassenfang erwarten drfen,
antwortete ich, und unterdrckte noch rasch eine Bemerkung ber die
Schdlichkeit dieses fatalistischen Glaubens an die Alleinseligmachung
der konomischen Entwicklung, der uns in geeigneten Momenten die Hnde
in den Scho legen lt.

So werde ich denn allein mein Heil versuchen, erklrte ich
schlielich, als mein Antrag abgelehnt wurde, und verlie die Sitzung.

Von nun an fehlte ich in keiner Dienstbotenversammlung. Mit bunten
Sommerhten und hellen Blusen fllten die whrend der Reisezeit der
Herrschaften dienstfreien Mdchen die glutheien Sle. Zuerst kamen
nur die Gutgestellten, die Jungen, die Handschuhe trugen und zuweilen
vornehmer aussahen wie ihre Gndigen. Sie betrachteten die Sache fast
wie eine Ferienlustbarkeit und kokettierten mit den Mnnern, die hier
auf Abenteuer ausgingen. Aber allmhlich berwogen die lteren, die von
zehn und zwanzig und dreiig Dienstjahren erzhlen konnten, und die
Armen, die Mdchen fr Alles waren, auf deren schmale Schultern die gut
brgerliche Hausfrau die Lasten des Lebens abzuwlzen sucht. Und ihre
Klagen wurden lauter, ihre Worte deutlicher; das Kichern und Lachen
verstummte vor den Bildern des Grams, die sich enthllten.

Es gab welche, die ihre Kolleginnen um den dunkeln Hngeboden ber der
Kche beneideten, weil sie nichts hatten als ein Schrankbett auf dem
offenen Flur oder eine Matratze im Baderaum: Dabei wird unsere gute
Stube nur zweimal im Jahre fr die groe Gesellschaft geffnet ...

Ach, und die schmale Kost bei der harten Arbeit: Eine Stulle mit
Schweineschmalz am Abend, -- whrend der Herr drinnen Rotwein trinkt zu
fnf Mark die Flasche ...

Vor allem aber: Nie ein Stndchen freie Zeit ... Wir schrubbern und
kochen, whrend die Herrschaft spazieren geht, ... wir hten die Kinder,
whrend sie tanzen ...

Dazwischen schchterne Bitten der ngstlichen und Gutmtigen: Nur ein
wenig geregelte Arbeitszeit, -- und freundliche Worte statt des ewigen
Zanks, -- dann wollen wir gern dienen, wollen treu und fleiig sein.

Sie waren wie aufgescheuchte Vgel, die ohne Richtung hin- und
herflattern. Als ich zum erstenmal vor ihnen zu reden begann, hielten
sie mich fr eine Gndige. Nu aber jeht's los! rief kampflustig eine
rundliche Kchin. Alles lachte. Ich sprach von den Gesindeordnungen, den
Ausnahmegesetzen fr die Dienstboten, die sie den Dienstgebern fast
rechtlos in die Hnde liefern, von der erlaubten leichten krperlichen
Zchtigung, von den vielen Grnden zur Entlassung ohne Kndigung und
schlielich von einer jener Schpfungen der preuischen Reaktion, die
den Streik der Dienstboten mit Gefngnis bestraft. Noch hrte man mir
ruhig zu, unsicher, was ich aus den Tatsachen folgern wrde. Nur der
Vorsitzende, der stets aus eigener Machtvollkommenheit das Hausrecht
bernahm, sah beunruhigt zu mir auf.

Fr Sie ist demnach die Zuchthausvorlage, die Deutschlands gesamte
Arbeiterschaft knebeln will, immer Gesetz gewesen, rief ich laut.

Eine Sozialdemokratin! kreischte neben mir eine Frau in hellem
Entsetzen. Ein unbeschreiblicher Lrm erhob sich; auf die Tische
sprangen die Mdchen in hysterischer Erregung, schrieen und winkten mit
den Taschentchern; eine von ihnen drngte sich neben mich, ballte die
Fuste und rief schluchzend: Wir sind knigstreu! Wir sind
gottesfrchtig! Hilflos, mit angstgertetem Gesicht schwang der
Vorsitzende unaufhrlich die Glocke. Aber in der nchsten Versammlung
erwarteten mich schon ein paar Mdchen an der Tre: Sie werden
sprechen, nicht wahr? -- Wir werden Ihnen Ruhe verschaffen!

Und im berfllten Saal waren auer den Dienstboten: Neugierige,
Hausfrauen, brgerliche Frauenrechtlerinnen, Journalisten mit der frohen
Erwartung einer in mglichst vielen Zeilen zu beschreibenden Sensation.
Auch ein paar Genossinnen entdeckte ich: Ida Wiemer und Marie Wengs.
Wir greifen ein, wenn's not tut, sagten sie, nur tapfer! Bis um
Mitternacht lie mich der Vorsitzende nicht zu Worte kommen. Ich ging im
Saal umher, von Tisch zu Tisch. Das ist Recht und Freiheit im
Dienerverein, sagte ich. Jemand rief: Alix Brandt soll reden! und der
Ruf pflanzte sich fort und drhnte schlielich durch den Saal. Als ich
aber auf dem Podium stand, erstickte ihn ein zorniges Zischen; die Kraft
meiner Stimme kmpfte dagegen an, und wie ein Unwetter in der Ferne
verklang es.

Sie wollen eine Verbesserung der Gesindeordnung, als ob auf
verunkrautetes Feld frischer Samen gest werden sollte. Es gibt nur eine
Forderung, die Sie stellen drfen: ihre Abschaffung, damit Sie den
Arbeitern gleichgestellt werden --

Wir sind keine Arbeiterinnen, -- wollen keine sein! rief ein
zierliches Zfchen mit gebrannten Stirnlocken entrstet.

Sie predigen Harmonie zwischen Herrschaft und Dienstboten, und doch
gibt es zwischen ihnen ebensowenig eine Interessengemeinschaft wie
zwischen dem Arbeiter und dem Unternehmer --

Unerhrt! -- Ein paar Damen mit hochrotem Gesicht drngten sich zur
Tre. Die Mdchen lachten hinter ihnen: Sie knnen die Wahrheit nicht
vertragen!

Je mehr Sie Maschinen sind, desto weniger Menschen sind Sie und desto
bessere Dienstboten im Sinne der Hausfrauen ... Sie wollen statt der
endlosen eine beschrnkte Arbeitszeit, Sie tun recht daran. Aber die
Masse der Hausfrauen ist nicht in der Lage, statt eines, zwei und drei
Mdchen fr dieselbe Arbeit anzustellen. Sie wollen statt einer
Schlafstelle ein Zimmer, das ihnen etwas wie ein Zuhause sein kann. Sie
tun recht daran. Aber bei der heutigen Einteilungsart der Wohnungen und
ihren hohen Preisen sind die meisten Frauen nicht imstande, sie Ihnen zu
geben. Sie wollen -- lassen Sie mich aussprechen, was Sie selbst noch
nicht ausgesprochen haben -- Sie wollen mit Ihren Freundinnen verkehren
knnen, Ihren Brutigam sehen, ohne auf die Strae, auf die Tanzbden
gehen zu mssen --

Unglaublich! -- Und wieder leerte sich der Saal um zahlreiche elegante
Zuhrer.

Das ist Ihr gutes Recht. Und wer sich hier entrstet gebrdet, den
frage ich: was emprt sich in Ihnen? Ihre Sittlichkeit?! Ist es
sittlich, junge, lebensvolle Mdchen, die auf Freude dasselbe Recht
haben wie die hheren Tchter, denen die Natur dasselbe Verlangen nach
der Erfllung ihrer Geschlechtsbestimmung verlieh wie diesen, auf
Hintertreppen, auf Schleichwege und zweifelhafte Balllokale anzuweisen,
statt ihnen den Schutz des Hauses zu verleihen ..?

Minutenlanger Beifall unterbrach mich. Dicht um das Podium scharten sich
junge Gestalten und leuchtende Augen hingen an meinen Lippen.

Es ist vielmehr der natrliche Egoismus, der Interessengegensatz der
Hausfrauen zu den Dienenden, der auch die Wohlwollenden unter ihnen
zwingt, fremden Gsten ihr Haus zu schlieen ... Wir werden fr die
Gegenwart eine Reihe von Forderungen an die Gesetzgebung im Interesse
der Dienenden zu stellen haben, deren Erfllung viele Mistnde
beseitigen wird. Aber der Dienst des Hauses wird nur dann den Charakter
des Sklavendienstes verlieren und zur Wrde selbstndiger Arbeit sich
entwickeln, wenn das abhngige Dienstmdchen sich in die freie
Arbeiterin verwandelt hat, die ihre Arbeitskraft nur stundenweise
verkauft, die imstande ist, in Reih und Glied mit dem in der
Sozialdemokratie organisierten Proletariat fr ihre letzten Ziele zu
kmpfen ..

Ich stieg in den Saal hinunter, umbraust von Beifallsrufen und
Schimpfworten.

Von nun an hatte ich die Mehrheit auf meiner Seite. Die Versammlungen
wurden ruhiger, sachliche Beratungen der aufzustellenden Forderungen
wurden ermglicht.

Der Lrm tobte statt dessen auerhalb der Sle weiter. Die Presse schrie
nach der Polizei; Hausfrauenversammlungen nahmen geharnischte
Resolutionen an, durch die sich die Anwesenden verpflichteten, ihren
Dienstboten den Besuch unserer Zusammenknfte zu verbieten. Alles war
von der Angst ergriffen, da mit der Dienstbotenbewegung die Intimitt
des Familienlebens der Sozialdemokratie ausgeliefert sei. Auf mich, die
ich diese Gefahr ber die ruhigen Brger heraufbeschworen hatte,
konzentrierte sich der persnliche Ha. In allen Tonarten wurde ich
beschimpft und verleumdet. Und selbst nahe Freunde, aufgeklrte,
freidenkende Menschen, sprachen mir mndlich und schriftlich ihre
Mibilligung aus. Die ruhigsten Frauen gerieten dabei in
leidenschaftliche Erregung.

Der Kanal, in den Sie den Strom der Dienstbotenbewegung geleitet haben,
wird das 'traute Familienleben' berfluten. Was dann?! schrieb mir
Romberg.

Meine Mutter erfuhr durch die Zeitungen von den Vorgngen in Berlin.
Immer wieder zerstrst Du durch die Malosigkeit Deiner Forderungen
ihren ntzlichen Kern und machst Dir und Deiner Sache die
wohlwollendsten Menschen zu Feinden, hie es in einem Brief von ihr.
Tags darauf folgte ihm ein zweiter, dem ein Schreiben meiner augsburger
Tante beigelegt war. Nach den unerhrten Vorgngen in Berlin bin ich
auerstande, an Alix persnlich zu schreiben. Ich habe sie bisher immer
verteidigt, habe ein Auge zugedrckt, wo ich konnte, aber ihre
unverantwortliche Aufhetzung der Dienstboten, -- denen es im Grunde nur
zu gut geht, -- werde ich weder verstehen, noch verzeihen knnen. Teile
ihr das in meinem Namen mit und sage ihr, was vielleicht nicht ohne
Eindruck auf sie bleiben wird, da auch ihre alten Freunde, die
Grainauer Bauern, emprt ber sie sind ... Ich lchelte unwillkrlich:
wenn ich von der Unfreiheit des Gesindes sprach, muten sie sich
getroffen fhlen.

Aber dann machte ich mir den Ernst der Sache klar: Ich hatte in Gedanken
an das reiche Erbe der Tante nie auch nur einen Bruchteil meiner
berzeugungen preisgegeben, die Selbstndigkeit meiner Entschlieungen
war nie durch sie beeinflut worden. Jetzt aber besa ich einen Sohn,
dessen einzige Zukunftsaussicht vielleicht in Frage stand, -- seine
Eltern hatten nicht das Zeug dazu, Kapitalisten zu werden! -- und ich
wute nur zu gut, was es heit, unter dem Druck stndiger Sorgen zu
leben, ich ahnte, wie frei sich ein Mensch entfalten, wie ungehindert er
seine Krfte in den Dienst der Allgemeinheit stellen kann, der an das
Dach ber dem Kopf, an den Rock auf dem Leib und das tgliche Brot
keinen seiner Gedanken zu verschwenden braucht. Ich schrieb an Tante
Klotilde und versuchte, ihr meine Stellung zur Dienstbotenfrage
auseinanderzusetzen. Ich bekam meinen Brief unerffnet zurck. Meiner
Mutter teilte sie mit, da sie das Geschehene vergessen wolle, wenn ich
nach dieser Richtung auf meine agitatorische Ttigkeit verzichten wrde.

In jenen Tagen erklrte Wanda Orbin in der 'Freiheit', da die
Genossinnen verpflichtet seien, sich der Dienstbotenbewegung anzunehmen.
Wenn sie schon ohne besonderen Beschlu immer hufiger in den
Versammlungen erschienen, so war dies das Signal zur nderung ihrer
Stellung der ganzen Sache gegenber. Die Veranstaltung selbstndiger
Versammlungen wurde beschlossen, und zur Rednerin wurde ich bestimmt.
Ich zgerte: verletzte ich nicht ein hheres Interesse, das meines
Sohnes, wenn ich zusagte?

Lege ihm die Frage vor, wenn er reif genug ist, sie zu verstehen,
sagte mein Mann. Wie er sie beantworten wird, kann ich dir jetzt schon
sagen: Meine Mutter darf niemandem, auch mir nicht, ihre berzeugung
opfern.

Und ich sprach. Die Emprung in der ffentlichkeit wuchs mit jeder
Versammlung. Mit einer gewissen Ostentation zogen sich die Menschen von
mir zurck. Aber die Bewegung war im Flu und durch nichts mehr
aufzuhalten. Wre ich weise genug gewesen, der fachliche Erfolg allein
htte mich befriedigt. Aber noch war ich zu jung, war zu sehr Weib, um
den Menschen und den Ereignissen mit der khlen Objektivitt reifer
Politiker gegenberstehen zu knnen. Im Grunde sehnte ich mich nach
einem warmen, aufmunternden Wort seitens meiner Kampfgefhrten, nach ein
wenig freundlicher Anerkennung. Statt dessen begegneten sie mir stets
mit gleicher Khle, mit gleicher Zurckhaltung. Zu keiner einzigen
entstand ein persnliches Verhltnis; je lnger ich mit ihnen arbeitete,
desto fremder schien ich ihnen zu werden.

Ich bin aus Liebe zu euch gekommen, mit vollem Herzen und ganzer
Kraft, htte ich sagen mgen, warum stot ihr mich zurck?

Ich kmpfte oft mit den Trnen, wenn ihr Mitrauen mir immer wieder
begegnete. Und nachher hrte ich, da man ber meinen Hochmut, meine
Unnahbarkeit schalt. Im stillen hoffte ich, man wrde mich diesmal zum
Parteitag delegieren, aber ich wurde nicht einmal dazu vorgeschlagen.
Martha Bartels sagte nicht ohne Betonung: Wir bleiben natrlich dem
Grundsatz treu, nur bewhrte Genossinnen mit einer Delegation zu
betrauen. Darauf wurde die groe, hagere Frau Resch gewhlt; sie trug
schon seit Jahren unermdlich Flugbltter aus, und ihr Mann war eine
Gre in der inneren Bewegung.

Was kmmerst du dich um die Weiber! meinte mein Mann rgerlich, als
ich ihm klagte. Und Ignaz Auer, der uns an einem schnen
Septembersonntag besuchte, wiederholte dasselbe.

Glauben Sie mir altem Knaster, meinte er, und sein schnes blasses
Gesicht nahm jenen rtselhaften Ausdruck an, der aus Sarkasmus und
Melancholie zusammengesetzt war, glauben Sie mir: solange ich denken
kann, war bei den Frauen stets derselbe Krakehl, und wenn ich schon
lange modere, wird's ebenso sein. Sie haben alle Untugenden der
Unterdrckten in konzentriertester Form, und schwingt man nicht, wie die
Wanda, stndig die Knute, so hat man verspielt. Seien Sie versichert:
schon Ihr Aussehen vergeben Ihnen die Weiber nie.

Und doch sind Sie als Sozialdemokrat fr die Gleichberechtigung der
Geschlechter? wandte ich ein. Er wehrte ab, mit einer vollendet
geformten starken Mnnerhand, die aber durch ihre Blutleere an die eines
Toten gemahnte. Ich werd's ja, gottlob, nicht erleben! sagte er. Nach
der Richtung hat die Wanda recht, wenn sie den Auer mit dem Bernstein,
den Schippel und den Heine in einen Topf wirft: ich bin mehr fr die
Bewegung als fr das Endziel. So waren wir wieder bei dem Thema
angelangt, in das jede Unterhaltung zwischen Parteigenossen zu mnden
pflegte.

Der Parteitag in Hannover wird eine Klrung bringen, meinte ich im
Laufe der Unterhaltung.

Eine Klrung?! Er lachte kurz auf. Ich mu Genossin Bartels wirklich
recht geben: Sie sind noch nicht mandatsfhig! Glauben Sie wirklich, so
tiefgehende Meinungsverschiedenheiten, die auf Unterschieden des
Temperamentes, der Urteilskraft, der Bildung und der Lebenslage beruhen,
lieen sich durch bloes Handaufheben entscheiden?! Wir werden sie auch
mit zehn Parteitagen nicht aus der Welt schaffen. Und wieder fge ich
hinzu: Gottlob nicht! Es wre nur ein Zeichen von Altersschwche, wenn
wir alle ja schrien. Die Hauptsache bleibt die Einigkeit im Handeln. Und
um die ist mir nicht bange, -- die zwingen uns unsere Gegner auf.

Die Meinungsverschiedenheiten wren gewi kein Unglck, wenn nicht die
Unduldsamkeit hinzukme, sagte mein Mann.

Auch die ist noch nicht das Schlimmste. Wenn wir die eigene Ansicht fr
die richtige halten, so mssen wir doch konsequenterweise die falsche
des Gegners bekmpfen, entgegnete Auer. Nur da der Andersdenkende
immer gleich als ein hundsgemeiner Kerl gebrandmarkt wird, -- das ist
bitter. Er verabschiedete sich. Er frchtete sichtlich, sich zu Klagen
und Anklagen hinreien zu lassen. An der Gartentr blieb er stehen, ein
spttisches Lcheln kruselte seine Lippen: Wenn Sie brigens ein
Mandat haben wollen, Genossin Brandt, -- ich verschaff' es Ihnen. Die
liebe Wanda und ihre Leibgarde ein wenig zu rgern, macht mir Spa. Sie
mssen sich nur nachher zur Agitation in dem betreffenden Kreis
verpflichten. Ich schttelte den Kopf. Mir widerstrebte die Sache.

Nimm's an, Alix, mahnte mein Mann, so zeigst du am besten, da du von
der Gnade der berliner Frauen nicht abhngig bist.

Sie knnen's tun, -- ganz ohne Gewissensbisse. Sowas haben auch die
obersten Halbgtter nicht verschmht. Zgernd sagte ich zu. Es war mir
nicht wohl dabei, so sehr ich auch gewnscht hatte, einem Parteitag, und
vor allem diesem, beizuwohnen.

Kurz ehe wir abreisten, kam meine Mutter zurck. Sie schien um ein
Jahrzehnt verjngt. Ich bleibe bei dem Kleinen, whrend ihr fort seid,
sagte sie; das wird mein bedrcktes Gewissen etwas erleichtern, -- nach
diesen selbstschtigen Monaten!

Wir muten ihr nun auch von unserer Absicht, das Haus zu verkaufen,
erzhlen. Das stndige Hin- und Herfahren zerrttet unsere Nerven,
sagte ich leichthin, ich mte auf die ffentliche Ttigkeit
verzichten, wenn wir drauen bleiben wollten.

Sie sah von einem zum anderen in stummer sorgenvoller Frage. Es ist
wirklich so, Mamachen --, versicherte ich lchelnd. Sie schttelte
fast unmerklich den Kopf und fragte nichts mehr.

       *       *       *       *       *

Zwischen schmalen Gassen und engen Hfen, fern jenem modernen Teil der
Stdte, der auch in Hannover ebenso elegant wie charakterlos ist, liegt
eine groe dunkle Halle, der Ballhof genannt. Vor Zeiten warfen hier
Kurfrsten, Prinzessinnen und Knige einander im grazisen Spiel ihre
Blle zu, bis mit schwerem Schritt und ernstem Gesicht einer kam, dem
Spielen fremd war: der Proletarier. Hellere Rume suchten die Frsten
fr ihre Freuden; er nahm fr seine Arbeit, was sie brig lieen: die
dunkle Halle. Mit frischem Grn waren ihre Pfeiler umwunden, hinter
purpurroten Fahnen verschwanden die alten schmucklosen Wnde. Das
Parlament der Arbeiter tagte hier. Drauen lachte die Oktobersonne,
drinnen brannte ber den langen Tafeln knstliches Licht, das auf alle
Gesichter scharfe Schatten zeichnete, soda sie finster und feindselig
erschienen. Dumpf hing die Luft im Raum; der Atem der Jahrhunderte war
hinter den winzigen Fenstern gefangen geblieben. Er beengte die Brust.

Lange vor dem Beginn der Verhandlungen war der Saal schon gefllt.
Anschwellendes Stimmengewirr, Sthlercken, Rascheln von Papier, --
jenem Papier, da alle Sigkeiten und alle Gifte der Welt auszustrmen
vermag, -- bildete die in ihren ungelsten Disharmonien aufreizende
Ouvertre. Zeitungsbltter wurden hin- und hergezeigt: Bernstein
Apostata stand ber dem einen Artikel, Reinliche Scheidung ber
einem zweiten; wir werden mit dem Revisionismus fertig werden, oder
wir sind fertig, hie es an einer rot angestrichenen Stelle, die
Genossen im Reich erwarten eine klare Entscheidung, an einer anderen.
Von der unausbleiblichen Spaltung der Partei sprachen frohlockend
brgerliche Zeitungen; in linksliberalen Blttern begrten
Kathedersozialisten die Anhnger Bernsteins als die ihren.

Bureauwahl. Es hrte kaum jemand zu. Paul Singer war anwesend, das
Prsidium also von vornherein in guten Hnden. Die Begrungsreden der
Auslnder dmpften das Stimmengewirr im Saal. Frankreich, wo der
Dreyfus-Skandal noch im Mittelpunkt des Interesses stand, wo Millerand,
der Sozialdemokrat, mit Jaurs', des Sozialdemokraten, ausdrcklicher
Zustimmung das in den Augen der deutschen Radikalen unverzeihliche
Verbrechen begangen hatte, in das Ministerium einzutreten, -- Seite an
Seite mit Gallifet, dem Mrder der Kommune, -- war nicht vertreten. Des
alten Liebknecht heftige Angriffe auf die Genossen jenseits der Vogesen
mochte an dieser Zurckhaltung nicht ohne Schuld sein.

Die Verhandlungen begannen. Mit ungeduldiger Hast wurde ein Punkt der
Tagesordnung nach dem anderen erledigt. Alles drngte dem Hauptthema des
Parteitages zu. Und selbst mitten in die nebenschlichsten Debatten
hinein blitzte schon das Wetter der kommenden Tage.

Sie stehen bereits mit der Brandfackel an unserem Scheiterhaufen --,
sagte einer der Revisionisten neben uns.

Am Abend, als wir Frauen zu einer internen Besprechung zusammenkamen,
fhlte ich: in Gedanken war die reinliche Scheidung schon vollzogen.
Wir berieten einen Antrag fr den Arbeiterinnenschutz, der unserer
nchsten agitatorischen Ttigkeit Inhalt und Richtung geben, und dessen
Forderungen durch den Parteitag sanktioniert werden sollten. Im Grunde
waren es lauter Selbstverstndlichkeiten. Nur der Schutz der Schwangeren
war neu. Ich hatte dafr gekmpft, obwohl ich wie vor einer Mauer redete
und sie hatten ihn nicht ablehnen knnen, ohne sich selbst ins Gesicht
zu schlagen. Dafr waren sie um so hartnckiger, als ich die
Unterstellung der Dienstboten unter die Gewerbeordnung in den Antrag
aufzunehmen empfahl. Das steht bereits in unserem Programm, hie es.
Aber viele unserer anderen Forderungen standen auch darin. Und gerade
jetzt wre es wichtig gewesen, uns offiziell mit der Dienstbotenbewegung
solidarisch zu erklren. Wir drfen unsere Krfte nicht verzetteln. --
Damit war die Sache abgetan.

Die Frauen rckten nach der Besprechung freundschaftlich zueinander,
unterhielten sich mit wohltuender Herzlichkeit mit all den Genossinnen,
die aus Ost und West hierher gekommen waren; mich streifte zuweilen ein
scheuer Gru, ein fremder Blick; -- ich ging hinaus.

In unserem Gasthof fand ich die Fhrer in erregte Unterhaltung vertieft.
Ihre Augen glhten in jugendlichem Feuer, selbst die Ausbrche ihrer
Leidenschaft bndigte der heilige Ernst, mit dem sie alle fr ihre Sache
kmpften. Bebel war am stillsten; immer wieder strich er sich nervs die
widerspenstige Locke aus der Stirn; auf ihm lastete die Verantwortung
der kommenden Tage.

       *       *       *       *       *

Kalt und grau brach der nchste Morgen an. Im Ballhof kmpften die
elektrischen Lampen umsonst gegen das Dunkel; es hockte um so deutlicher
hinter den Pfeilern und zwischen den Tischen, je heller in ihrem
direkten Strahlenkreis das Licht erschien. Nur langsam fllte sich heute
der Saal, und nur wenige Stimmen wurden laut. Ein gemessener Ernst lag
auf allen Gesichtern und eine zweifelvolle Erwartung. Singer betrat das
Podium:

... zur Verhandlung steht Punkt 4 der Tagesordnung: 'Die Angriffe auf
die Grundanschauungen der Partei'. Das Wort hat der Berichterstatter
Genosse Bebel. Noch ein heftiges Sthlercken, dann tiefe Stille.

Bebels Stimme allein beherrschte den Raum.

Im Gesprchston begann er, ruhig, fast gemtlich. Jeder Zuhrer fhlte
sich unwillkrlich persnlich angeredet. Selbst als er die unbeschrnkte
Freiheit der Kritik an den eigenen Grundanschauungen als die Lebenslust
der Partei bezeichnete, warf er den Satz nicht wie einen Fehdehandschuh
in die Menge, sondern sprach im Tonfall der Konstatierung einer
Selbstverstndlichkeit. Die Fragen der materialistischen
Geschichtsauffassung, der Dialektik, der Werttheorie schaltete er von
vornherein aus, -- der Kongre ist kein wissenschaftliches Konzil,
sagte er, -- um zum Problem des Entwickelungsprozesses der
kapitalistischen Gesellschaft berzugehen, das Bernstein anders
darstellte als Marx und Engels. Eine Flle statistischer Berechnungen
schttete er vor uns aus, um Bernsteins Ansichten zu entkrften, um
festzustellen, da das marxistische Dogma von der Zuspitzung der
wirtschaftlichen Gegenstze, von der relativen Verelendung des
Proletariats noch unerschttert ist.

Und angesichts der verwirrenden Masse des Materials, an der die groe
Menge den Grad der Wissenschaftlichkeit mit, wie sie an der Hufigkeit
der Zitate den Grad der Bildung zu messen pflegt, ging ein Flstern
staunender Bewunderung durch die Reihen, das sich in einem sehr
richtig, einem hrt, hrt wieder und wieder Luft machte.

Bebels Stimme schwoll an, seine Bewegungen wurden lebhafter, seine
kleine Gestalt reckte sich. Er malte die Not des Proletariats. Die
grollende Leidenschaft dessen, dem das Elend Auge in Auge
gegenbertritt, zitterte in seinen Worten, und klein und jmmerlich
erschien dagegen, was Bernsteins nchterne Schreibstubenweisheit von der
gebesserten Lage des Arbeiters zu berichten gewut hatte.

Wie der peitschende Ostwind ber die Baumwipfel, so wehte seine Rede
ber die Kpfe. Und sie neigten sich gedankenschwer, sie wandten sich
einander zu; sie hoben sich wieder, von einem Wort, das sie traf,
emporgerissen. Da und dort stand einer auf, wie magnetisch angezogen von
dem, der sprach. Eine dunkle Gruppe Menschen umringte die Rednertribne.

Auf einmal aber war es der Wind nicht mehr, der in den sten rauscht, --
es war der Sturm. Die jugendstarke Kraft des Revolutionrs, die
begeisterte Schwrmerei des Glaubenshelden donnerte und brauste in den
Worten des Agitators. All der zaghafte Pessimismus, all der unschlssige
Zweifel, all die resignierte Bedenklichkeit, mit denen Bernstein die
Seelen belastet hatte, flog vor ihnen davon wie Spreu und Staub. Und wie
der Geisterbeschwrer aus dem Nebel Gestalten entstehen lt, so
entwickelte sich unter dem Zauberstab des Redners die Erscheinung des
alten Marx. War er es wirklich? Seltsam, -- uns allen, die wir
aufmerksam zusahen, kam es vor, als habe Bernstein manche Farben zu
diesem Bilde gemischt. Was Bernstein wider ihn gesagt hatte, das nahm
Bebel fr ihn in Anspruch: Die Elendstheorie hat an den Tatsachen
Schiffbruch gelitten, sagte Bernstein, -- nie hat Marx sie im Sinne des
absoluten Niederganges aufgefat, erklrte Bebel; der Hinweis auf die
Erlserkraft der Revolution ist vom bel, sagte Bernstein, -- auf die
Evolution hat Marx schon das grte Gewicht gelegt und niemals das Heil
im Straenkampf gesehen, erklrte Bebel. Und whrend er sein
Feuerschwert gegen all die zckte, die vor lauter Wenn und Aber den
rcksichtslosen Kampfmut einzuben im Begriffe standen, traf es auch
die Inquisitoren, die ihn besaen, aber auf die Ketzer im eigenen Lager
zielten.

Die Menge, die sich zuerst auseinandergerissen wie Steine von einem
Felssturz vor ihm ausgebreitet hatte, -- jeder die scharfe Kante
feindselig wider den anderen gekehrt, -- schien wieder ein Marmorbruch,
aus dem er planvoll gewaltige Quadern schlug, die sich zu Grundmauern
zusammenschlieen lieen.

Fnf Stunden sprach er schon. Nun wich der Sturm seiner Rede wieder dem
ruhigen Gesprchston; sich selbst zurckgegeben, atmete die Menge tief
und gesttigt auf. Noch einmal, wie der letzte ferne Donner des
Gewitters, hob sich seine Stimme in ungeschwchter Kraft: Unsere
Grundanschauungen sind nicht erschttert, -- wir bleiben, was wir
waren --. Tobender Beifall verschlang den Schlu.

Minutenlang stand der nchste Redner, Eduard David, an Bebels Stelle,
ehe seine Stimme den Lrm durchdrang. Ich habe den Mut, auch nach
Bebels Referat, Bernstein in seinen Anschauungen zuzustimmen, sagte er.
Irgendwo zischte jemand, aber der Respekt vor dem ehrlichen Bekenntnis
unterdrckte rasch jeden Laut des Mifallens. Khl, fast nchtern sprach
er; wer ihn auch nicht kannte, empfand: er kam mitten aus der Praxis des
politischen Gegenwartslebens, er stand nicht mehr im Bann der Tradition
der Sekte mit ihrer Geheimbndelei, ihrem Mrtyrertum, ihrer
Glaubensseligkeit. Er lie das grelle Licht des Tages auf die durch
Bebel beschworene Geistererscheinung von Marx fallen, und hinter ihr
stand der lebendige Bernstein. Wo Bebels Leidenschaft Gegenstze
verwischt oder sein Zorn die Ansichten des Gegners niedergetrampelt
hatte, da malte er sie gro und deutlich, wie der Lehrer die
Rechenaufgaben vor der Klasse auf die schwarze Tafel. Keiner, der nicht
blind war, konnte sich ihnen verschlieen. Und er rief in die
Wirklichkeit zurck, wo Bebel uns auf den Flgeln seiner Phantasie in
die Zukunft getragen hatte. Die hhere prinzipielle Bewertung der
Gegenwartsarbeit, -- das ist es, was Bernstein uns gibt, und das ist
mehr wert, als was er uns genommen hat, erklrte er und verkndete
gegenber der einseitigen Betonung des Kampfs um die politische Macht --
als des einzigen Mittels, den Sozialismus zum Siege zu fhren -- die
Dreieinigkeit der gewerkschaftlichen, der genossenschaftlichen, der
politischen Bewegung, die durch tgliche Arbeit dem Sozialismus einen
Fubreit Erde nach dem anderen erobern.

Nun erst war der Kampfplatz abgesteckt. Der Alltagsausdruck trat an
Stelle der Begeisterungsglut, die Bebels Rede angefacht hatte, auf die
Gesichter, und ber die Geister herrschten wieder, an Stelle des groen
einigenden Gedankens, all die Streitpunkte der praktischen Politik.

Durfte ich mich deshalb dem Gefhl des Bedauerns berlassen, das mich
momentan berwltigt hatte? Entsprang nicht jenes instinktive Festhalten
an den berkommenen Anschauungen jener Schwerkraft des menschlichen
Geistes, die sich von je im Dogmatismus, im Konservativismus, wie in
Denkfaulheit und Bequemlichkeit geuert hat? Wir, die wir Vorkmpfer
sein wollten, waren verpflichtet, sie zu berwinden.

Bewegte Tage kamen, ein Kampf, der nicht immer ein Kampf der Meinungen
blieb. Und das Kreuzige! tnte am lautesten vom Munde der Frauen.
Wanda Orbin kreischte es in den Saal hinein; Luise Zehringer, die
Hamburger Zigarrenarbeiterin, wiederholte es; eine kleine polnische
Jdin, die eben erst in die deutsche Partei eingetreten war, kritisierte
mit der Sicherheit einer Parteiautoritt die Ansichten und Handlungen
bewhrter Fhrer. Und die Masse klatschte ihr Beifall. Sehen Sie, --
das ist eine Politikerin, sagte ein Journalist, je respektloser sie
die Auer und Vollmar und Bernstein abkanzelt, desto sicherer ist ihr
Erfolg.

Immer deutlicher sonderten die Parteien in der Partei sich voneinander
ab; ber dem tiefer und tiefer whlenden Streit vergaen auch die
Leichtsinnigsten die Vergngungen des Abends; Sitzungen wurden statt
ihrer abgehalten. Es gab dabei Augenblicke, in denen es schien, als
wrden die Radikalen vor dem uersten nicht zurckschrecken. Die
uneingeschrnkte Anerkennung des Parteiprogramms wollten sie fordern,
wie der orthodoxe Priester den Schwur auf das Apostolikum. Und jeder
begann im stillen die groe Abrechnung mit sich selbst.

Zum ersten Mal kam mir zum Bewutsein, was all die Jahre hindurch die
unbekannte Quelle meiner Kmpfe und Schmerzen gewesen war: die Sache
forderte den ganzen Menschen restlos, ich aber wollte im Kampfe fr sie
ich selber bleiben. Und zu gleicher Zeit schien mir, als ob zuletzt kein
anderes als dies Problem all den Kmpfen, die wir fhrten, zugrunde lag.

Warum bist du so stumm? fragte mein Mann, als wir in der Mittagspause
zusammensaen.

Weil ich anfange zu frchten, da ich kein Recht habe, Genosse zu sein.
Ich bin ja auch kein Christ --. Verstndnislos, ein wenig erschrocken,
als zweifle er einen Augenblick an meinen gesunden Sinnen, sah Heinrich
mich an. Ich legte meinen Arm in den seinen. Hab keine Angst, Liebster,
-- ich dachte niemals klarer als jetzt! Hingabe an den Willen Gottes bis
zur Selbstentuerung fordert das Christentum, Hingabe an den Willen
der Massen der Sozialismus. Ob es zwischen dieser Forderung und dem
Persnlichkeitsrecht eine Brcke gibt, das wei ich im Augenblick
ebensowenig, als wir es in der Partei wissen.

Deine Formulierung ist falsch, ganz und gar falsch, entgegnete
Heinrich erregt, nicht an den Willen, sondern an das Wohl der Massen
wird die Hingabe verlangt.

Und doch verlangt Ihr als etwas Selbstverstndliches das Opfer der
berzeugung, unterbrach ich ihn.

Wir traten in den Saal. Mit einer fiebrigen Nervositt, die alle
ergriffen hatte und manche jener robusten sehnigen Arbeitergestalten
tragikomisch erscheinen lie, rissen die Delegierten den austeilenden
Ordnern die neuen Drucksachen aus der Hand. Es war Bebels Resolution in
neuer Fassung. Wir verglichen.

... Nach alle diesem liegt fr die Partei kein Grund vor, ihr
Programm ... las ich. Jetzt heit es: 'ihre Grundstze und
Grundforderungen' zu ndern las Heinrich, damit knnen wir uns ohne
weiteres einverstanden erklren, fgte er hinzu, und mit einem
lchelnden Blick auf mich: Du siehst, die Klippe tragischer Konflikte
ist glcklich umschifft.

Auer kam an uns vorber. In seinem Gesicht wetterleuchtete es. Jetzt
werde ich ihnen einmal zum Tanz aufspielen, sagte er in grimmigem
Scherz. Dabei sah ich, wie seine Finger sich zur Faust zusammenzogen.
Von allen Seiten, schriftlich und mndlich, direkt und indirekt war er
angegriffen worden. Er, der sich zur Bernsteinfrage in der
ffentlichkeit berhaupt nicht geuert hatte, galt als der eigentliche
und der gefhrlichste Fhrer der Revisionisten, als der Abtrnnige.

Die Luft im Saal war immer schwerer geworden. Oder war es nur die
gesteigerte Reizbarkeit der Nerven, die sie so empfand? Irgendeine
Entladung mute kommen. Mit Naturnotwendigkeit schien jeder Redner die
Gegenstze ins Absurde steigern, den Gegner bis zur Lcherlichkeit
herabsetzen zu mssen. Die Zuhrer wurden unruhiger. Man ging ab und zu,
man unterhielt sich.

Da betrat Auer die Tribne. Mit dem leisen Spott der berlegenheit um
die Lippen sah er ber die Menge hinweg. Dann kam die Abrechnung.
Unwillkrlich senkten sich alle Kpfe vor diesem gewaltigen Ausbruch
eines feuerbergenden Kraters. Eine ffentliche Anklage war es, und am
Pranger standen alle, die den befreienden Streik der Gedanken in ein
lhmendes Geznk um Personen verwandelt hatten. Und eine Verteidigung
war es, -- eine Verteidigung des Mannes, den dieselbe Partei, um
deretwillen er aus dem Vaterland verbannt worden war, des Verrats
bezichtigte; -- aber auch eine Verteidigung seiner selbst, des in der
jahrzehntelangen Parteiarbeit aufgeriebenen Kmpfers. Seine breiten
Hnde, -- bestimmt, einen Hammer zu fhren oder ein Schwert, --
umklammerten, zuweilen krampfhaft zuckend, den Rand des Rednerpults. Sie
waren am Schreibtisch, in der eingeschlossenen Bureauluft wei geworden.
Das stolze Germanenhaupt, dem ein Ritterhelm gebhrte, sank leise nach
vorn. Die Sorgen der Partei lasteten schwer auf ihm. Das Antlitz, das
auf den Bergen seiner Heimat, der Sonne am nchsten, braun und rot sich
htte frben mssen, war grau und fahl. Durchwachte Nchte sprachen aus
seinen Augen.

Gereizte Zurufe unterbrachen ihn, -- zu wuchtig fielen seine Schlge.
Und seine Stimme, durch hunderte von Reden, hunderte von
Agitationsreisen abgenutzt, drohte zu versagen. Noch eine die Luft
durchschneidende Bewegung mit der Hand, als wolle er ausstreichen, was
sich doch unauslschlich seiner Erinnerung eingeprgt hatte, noch ein
Witz, den er in die Masse warf, wie der Tierbndiger einen Knochen
zwischen die Tiger, und der Strom seiner Rede erreichte in ruhigem Flu
sein Ziel.

Die Resolution Bebel wurde angenommen, nur ein kleines Huflein
Unentwegter, die noch immer ihr Kreuzige! schrieen, stimmte dagegen.

... Auch auf diesem Parteitag hat es sich gezeigt, da die Partei ber
ihre Grundstze und ihre Taktik einheitlich denkt und auch fernerhin in
voller Einmtigkeit handeln wird ..., sagte Singer zum Schlu. Die
Arbeitermarseillaise brauste durch den Ballhof. Hrte niemand die
Dissonanz? Es waren nicht die Geister der Vergangenheit, die
Prinzessinnen, die Kurfrsten und die Knige, die sie hervorriefen. Es
war der Geist der Zukunft.

       *       *       *       *       *

Mde und erschpft reisten wir heimwrts. Es dmmerte, als wir vom
Bahnhof zum Grunewald fuhren. Wie herrlich die Stille war in den breiten
Alleen! Wie erfrischend der Duft der Kiefern den heien Kopf umstrich!
Statt der vielen Menschenstimmen nur ein abendlich-ses
Vogelgezwitscher! Wer doch im Walde bleiben knnte! --

Mit jenem feinen Taktgefhl, das auf dem Baume alter Kultur eine der
kstlichsten Frchte ist, hatte meine Mutter, kurz ehe wir ankamen, das
Haus verlassen. So konnten wir uns ungeteilt am Wiedersehen mit unserem
Jungen freuen. Mir schien, als wren wir Wochen statt Tage weg gewesen:
war er nicht viel grer und viel klger geworden? Und wie entzckend
ringelten sich die blonden Lckchen um den breiten Schdel! In
bersprudelndem Eifer mute er alles erzhlen, alles zeigen. Seinen
Bauernhof packte er vor mir aus, nahm die Bume und rief: Nu laufen sie
zu dem lieben, duten Mamachen! Aber Bume laufen doch nicht! meinte
ich. Darauf nickte er altklug mit dem Kpfchen und sagte: Doch, Mama;
in der Elektrischen, da laufen die Bume. Und als er zur Feier des
Tages mit uns zu Abend gegessen hatte, rutschte er geschickt von seinem
hohen Sthlchen, stellte sich breitbeinig vor uns hin und rief: Ich bin
satt! Das erste Ich! -- Lachend schlo ich ihn in die Arme: Nun war
mein Kind ein Mensch geworden. Alle Probleme der Welt verschwanden mir
wieder angesichts dieses Wunders.

Am nchsten Morgen sa ich am Schreibtisch und rechnete. Die Angst
trieb mir Schweitropfen auf die Stirn: schon das nchste Vierteljahr
wrden wir die Zinsen nicht zahlen knnen. Wie hatte ich als Mdchen
gezittert, wenn die Rechnungen kamen, die der Mutter Trnen erpreten!
Es war das reine Kinderspiel gewesen im Vergleich mit meiner Situation.
Mach dir doch keine Sorgen, ehe das Unglck da ist, sagte mein Mann
rgerlich, als er sah, wie verstrt ich war.

Ich wurde krank. Die alten unausbleiblichen Schmerzen, die jede Erregung
zur Folge hatte, stellten sich mit erschreckender Heftigkeit wieder ein.
Und abends, wenn ich todmde in die Kissen sank, klopfte mir das Herz
bis zum Halse herauf. Ich war gentigt, ein paar Versammlungen
abzusagen. Ich war froh darber: in einem Zustand geistiger und
krperlicher Erschlaffung verbrachte ich meine Tage.

Wir haben einen Kufer! mit der Botschaft berraschte mich mein Mann
eines Morgens. Ich zweifelte noch. Aber bald darauf kam er selbst, und
in wenigen Tagen war der Kauf abgeschlossen.

Siehst du nun ein, wie tricht es war, sich zu frchten? sagte
Heinrich. Beschmt senkte ich den Kopf. Ich will in Zukunft mutiger
sein, versicherte ich.

Schon im Januar sollten wir das Haus verlassen. Dann wollen wir von
vorne anfangen, dachte ich, und begann eifrig nach einer bescheidenen
Wohnung zu suchen.

Bin ich erst in Ruhe, so werde ich auch gesund werden, sagte ich zu mir
selbst, wenn die Schmerzen nicht weichen wollten und das Herz mich nicht
schlafen lie.

       *       *       *       *       *

Eines Abends nahm ich wieder an einer Sitzung der Genossinnen teil. Wie
die Befreiung von den persnlichen Sorgen mich aus der Erstarrung
aufgerttelt hatte, so elektrisierten mich jetzt die politischen
Vorgnge wieder. Das Zuchthausgesetz war endgltig begraben worden, aber
trotz aller gegenteiligen Versicherungen drohte eine neue gewaltige
Flottenvermehrung.

Unter den Waffen schweigen die Musen, erklrte ich, als wir die
Aufgaben besprachen, die der kommende Winter uns stellte, und einige der
Frauen den Arbeiterinnen-Bildungsverein und seine Veranstaltungen in den
Vordergrund schieben wollten. Wir mssen unsere Krfte konzentrieren:
auf die beschlossene Agitation fr den Arbeiterinnen-Schutz und auf den
Kampf gegen die neue Volksausbeutung.

Wenn wir so sicher wie stets auf Genossin Brandts wertvolle
Untersttzung rechnen knnen, wird der Sieg uns nicht fehlen, spottete
Martha Bartels und berichtete dann, wie ich durch die krzlich
angeblich wegen Krankheit erfolgten Absagen die Sache geschdigt
htte.

Unsichere Kantonisten knnen wir nicht brauchen, sagte Frau Resch, die
seit ihrer Delegation nach Hannover sehr selbstbewut geworden war.

Whrend ich antwortete, drckte ich die Hand krampfhaft in die Seite, wo
die Schmerzen whlten, und suchte, tiefatmend, die wilden Schlge
meines Herzens zu beruhigen. Aber trotz meiner Verteidigung, setzte der
Zank sich fort. Und pltzlich war mir, als drehe sich das Zimmer um
mich --, ohnmchtig brach ich zusammen. Als ich zu mir kam, bersah ich
mit einem einzigen Blick die Situation: Ida Wiemer hielt mich
umschlungen, auf ihren Zgen lag ein Schimmer aufrichtiger Teilnahme;
aber steif und unbeweglich saen alle anderen um den Tisch, die Augen
auf mich gerichtet, voll Hohn und Spott, voll Klte und Mitrauen. Ein
eisiger Schauer lief mir ber den Rcken. Ich prete die Zhne zusammen
und erhob mich. In dem Augenblick kam mein Mann. Der Kellner hatte mich
fallen sehen und ihn, der im Restaurant auf mich wartete,
benachrichtigt. Auf seinen Arm gesttzt, verlie ich das Zimmer. Niemand
erhob sich. Niemand sagte mir Lebewohl.

Wir fuhren noch in der Nacht zum Arzt. Er machte ein bedenkliches
Gesicht. Ein paar Monate im Sden, und Sie knnen genesen, sagte er.
Ich empfand seinen Bescheid wie eine Erlsung. Fort, -- weit fort, wo
ich Ruhe finden, wo ich wieder zu mir selber kommen wrde!

Wir entschieden uns fr Meran. Der berschu, der uns vom Kaufpreis des
Hauses bleiben wrde, ermglichte die Reise. Mein Kind nahm ich mit. Und
eine groe Kiste mit Bchern und Manuskripten. Nun werde ich ungestrt
meine 'Frauenfrage' vollenden knnen, sagte ich hoffnungsvoll.

Wenn der Arzt dir das Arbeiten erlaubt, meinte mein Mann und sah dabei
traurig drein. Ich werde ihn nicht erst fragen, lachte ich; Arbeit
ist fr mich die beste Medizin.

       *       *       *       *       *

Silvester 1899 kamen Erdmanns mit der Mutter zu uns. Als es Mitternacht
schlug, rissen wir alle die Fenster auf und riefen ein schallendes
Prost Jahrhundert! in die sternhelle Nacht hinaus. Da war keiner, dem
das Vergangene nicht wie ein Alp von der Seele gefallen wre. Und unsere
Hoffnungen waren riesenstark. Nur die Mutter sah sorgenvoll von einem
zum anderen: zu Erdmann, dessen eingesunkene Brust nach jedem lauten
Wort trockener Husten erschtterte, zu Ilse, deren Blicke halb
ngstlich, halb verschchtert an ihrem Gatten hingen, zu uns, von deren
Kmpfen sie manches ahnen mochte.

Schatten gingen um. Ich mute sie bannen. Aus dem Bettchen droben, wo es
mit heien Wangen schlief, nahm ich mein Kind und trug es hinunter. Im
Licht der Lampen schlug es die strahlenden Augen auf. Ich hatte es
jubelnd emporheben wollen, nun aber drckte ich es zrtlich ans Herz und
flsterte leise, ganz leise, damit die anderen nichts hrten: Dein ist
das Jahrhundert.

Wenige Tage spter schlo sich die Pforte des grauen Hauses hinter uns.
Die Wipfel der Kiefern bewegten sich leise ber dem Dach. Schwarz
standen ihre Stmme vor den blumenlosen Fenstern. In jubelnder Vorfreude
auf die Reise warf mein Junge keinen einzigen Blick zurck. So wollte
auch ich nur vorwrts sehen.




Zehntes Kapitel


Ein eisiger Wind pfiff aus dem Passeier Tal ber Meran; die
Schneeflocken fielen so dicht, da es aussah wie lauter weie Schleier,
die der Winter, mignstig, einen nach dem anderen der Natur vor das
schne Antlitz zog. Und ich war mit der ganzen Sonnensehnsucht des
Deutschen, der jenseits des Brenners zu jeder Jahreszeit blauen Himmel
und blhende Bume erwartet, gen Sden gefahren!

Du hast mir das Sommerland versprochen, -- ich will ins Sommerland --,
weinte mein Bbchen, als es am ersten Morgen aus dem Fenster unseres
kleinen Zimmers in die weie Welt hinaussah. Whrend ich ihn durch
lauter Hoffnungen zu beruhigen suchte, frstelte auch mich.

Das Sanatorium Iduna, das westlich von Meran einsam zwischen Wiesen
und Obstbumen lag, war uns empfohlen worden. Es nimmt nur eine
beschrnkte Anzahl von Patienten auf, bewahrt daher den Charakter eines
behaglichen Privathauses, hie es im Prospekt. In Wirklichkeit war's
ein altes Landhaus, das, wie so viele seinesgleichen im Sden, mit
dnnen Wnden und zugigen Fenstern den Winter zu ignorieren schien. Ein
paar eiserne Ofen strahlten stundenweise rotglhende Hitze aus, um dann
wieder kalt, schwarz und feindselig dazustehen, als freuten sie sich des
grausamen Spiels mit den armen Bewohnern.

Ich hatte nicht schlafen knnen: der Wind rttelte an den Fenstern, mein
Sohn warf sich unruhig in dem ungewohnten groen Bett hin und her, und
ein hohler Husten, nur von sthnenden Seufzern unterbrochen, klang aus
dem Zimmer unter uns unaufhrlich zu mir empor. Mde und abgespannt ging
ich zum Frhstck in den Esaal, -- einer verglasten Veranda, durch
deren breite Fenster der Winter von allen Seiten hereinsah. In der Mitte
stand der lange schmale weigedeckte Tisch, darauf in nchterner
Regelmigkeit Reihen weier Teller und Tassen. Eine Frau sa daran in
schwarzem Kleid mit vergrmten Zgen, neben ihr im Rollstuhl ihr blasser
Mann, finstere, gerade Falten auf der Stirne, -- einer jener Kranken,
die hoffnungsloses Leiden bse gemacht hat, -- ihm gegenber am
uersten Ende der Tafel ein schmalbrstiger Jngling, dessen Antlitz
nur noch mit der Haut bespannt schien, -- einer fahlen, graugelben --.
Ich zgerte an der Schwelle, mir grauste vor dem Bilde, in dem alle
Farben des Lebens erloschen waren.

Da sprang mein Kind an mir vorbei, im feuerroten Kleidchen, mit frischen
Wangen und glnzenden Augen. Und der ganze Raum war erhellt. Ein
freundliches Lcheln spielte um die blutleeren Lippen des Jnglings; die
Falten auf der Stirn des Gelhmten gltteten sich, nur die Frau im
schwarzen Kleid wandte wie verletzt den Kopf zur Seite.

Ich wre am liebsten wieder fortgezogen. Aber ich war viel zu mde,
viel zu apathisch dazu. Der Arzt, ein gtiger alter Mann mit weichen
Frauenhnden, versprach mir ein anderes Zimmer mit einem Balkon nach
Sden. Das unter Ihnen, sagte er, der Herr reist ab --, dabei
verschleierten sich seine hellen Augen. Dann gab er mir
Verhaltungsmaregeln. Meine wichtigste Verordnung ist: ein
Kindermdchen. Sie mssen Ruhe haben, -- Tag und Nacht, der Bub dagegen
soll sich tchtig Bewegung machen, begann er.

Ruhe, -- schon das Wort war wie einlullendes Streicheln. Am nchsten
Tage brachte er mir ein hbsches, brnettes Landmdchen, das mir gefiel;
sie zog mit dem Kleinen, der sich an die lustige Gefhrtin rasch
gewhnte, in das Zimmer nebenan. Nun erst fhlte ich, wie krank ich war:
den ganzen Tag lag ich still, und bewegungslos wie mein Krper waren
Gedanke und Gefhl. Auch meine Umgebung strte mich nicht mehr; -- wenn
ich nur mein Bett hatte und meinen Liegestuhl.

Nun wird er bald abreisen, sagte der Arzt eines Tages und drckte mit
der Spitze des Zeigefingers in den Augenwinkel, als sei ihm ein
Staubkrnchen hineingeflogen.

Dann soll ich hinunter? fragte ich und dachte entsetzt an die Mhe des
Umrumens. Ja, meinte er, denn nun es tglich wrmer wird, mssen Sie
in der Sonne liegen. In der Sonne?! Ich lchelte unglubig. Seit
einer Woche hatte der Schnee sich in Regen verwandelt.

Die Nacht darauf kam ich nicht zur Ruhe. Ich warf mich im Bett hin und
her, und pltzlich wute ich, was mir fehlte: der regelmige Husten
unter mir war verstummt; die Stille lastete auf mir, die unheimliche
Stille. Bald danach war mir, als gingen Gespenster um: das huschte im
Haus auf leichten Sohlen, das wisperte und flsterte, -- knarrend
ffnete sich unten eine Tr. Ich erhob mich und trat ans Fenster: ein
Leiterwagen stand im Garten; Mnner waren darin, die sich durch Gebrden
mit denen im Hause zu verstndigen schienen; und auf einmal schwebte
etwas in der Luft dicht unter mir, etwas Schwarzes, Groes, -- der Regen
klatschte darauf, -- eintnig. Schon wollt' ich schreien, -- da geriet
das Schwarze in den Lichtkreis der nchsten Laterne: es war ein Sarg.

Ich schwankte ins Bett zurck und verkroch mich zitternd unter der
Decke. So war er abgereist! --

Ich sah wieder die Glasveranda vor mir im Schneelicht, mit den Menschen,
deren Krper im Sterben lagen, oder deren Seelen schon gestorben waren.
Und das Badhaus fiel mir ein mit den dunkeln Holzwannen, in denen das
Wasser aussah, als wre es Schlamm. Willenlos war ich hineingestiegen,
hatte mir Gesundheit holen wollen, wo Krankheit in allen Ritzen und
Fugen lauernd sa. Und mein Kind hatte ich die Pestluft atmen lassen!

Noch in der Nacht fing ich an zu packen. Frh fuhr ich nach Meran und
drber hinaus nach Obermais, so hoch und so weit als mglich. Dort fand
ich neben alten efeuumsponnenen Schlssern ein freundliches Haus
zwischen Nubumen und Weinreben.

Am selben Abend zogen wir ein.

Es war, als ob der Winter uns nicht htte folgen knnen. Die Berge
entschleierten sich. Der Schnee, der eben erst wie ein Leichentuch die
Erde verhllt hatte, blitzte jetzt im Sonnenlicht wie eine
Hochzeitskrone auf ihren Huptern. Errtend entfalteten sich an den
Mandelbumchen die ersten Blten. Ich lag auf der Veranda und lie mich
wie sie von der Sonne durchglhen und fhlte, da auch mir die
Lebensfarbe in die Wangen stieg. Tglich brachte mir mein Shnchen
frische Wiesenblumen.

Ich werde dich fhren, Mamachen, wenn du nicht mehr Auau hast,
schwatzte er, zu den so vielen Vergimeinnicht, und zu den Musikmnnern
auch, wo die Damen und Herren sind. Ich lachte ihn an: wirklich, die
Sehnsucht nach dem Leben regte sich wieder in mir. Liegen sollt' ich,
immer liegen, sagte der Arzt, weil mein Herz noch nicht ruhig genug war.
Dann mt' ich liegen bis ich neunzig Jahr alt bin, antwortete ich
ihm, denn da mein Herz so gegen alle Vorsicht klopft, ist nur ein
Beweis, da ich lebe.

Einmal wachte ich auf nach erquickendem Schlaf, streckte und reckte mich
und blinzelte in die Sonne. Mir war so wohl, -- so wohl! Warum nur?! Und
in mir antwortete es ganz deutlich: weil du frei bist. Ich sah mich
erschrocken um, als knnte irgend jemand dies tiefe Geheimnis, da ich
kaum mir selbst gestand, erkundet haben. Ich war frei -- wirklich frei;
ich konnte tun, was ich wollte, ohne vorher all jene bohrenden Fragen
erst beantworten zu mssen: strt es den Anderen? Verletzt es ihn?
Beeintrchtigt es seine Ruhe, seine Wnsche, seine Liebe? Jetzt, zum
Beispiel, konnte ich aus dem Bette steigen und lustig einen Walzer
trllern, -- lge Heinrich neben mir, ich wrde mich aus Rcksicht auf
seinen Schlaf ganz, ganz still verhalten. Und dann konnt' ich gemchlich
im Wasser planschen, mich ankleiden, mir die Haare ordnen, ohne jene
qulende Scham des Hlichen, des Unstethischen, -- die einzig
berechtigte zwischen zwei Menschen, die einander lieb haben, und die
einzig notwendige, wenn sie ihrer Liebe den Zauber des ersten Rausches
erhalten wollen. Die Ehe der meisten ist ein Erwachen aus ihm, mit einem
bitteren Geschmack auf der Zunge. Sie wissen nicht, da die Liebe eine
zarte, kostbare Blume ist, die sorgsamer Pflege bedarf. Sie pflanzen sie
in den Kchengarten und wundern sich dann, wenn sie eingeht.

Ich war frei -- wirklich frei. Und ich konnte hingehen, wohin ich
wollte! Ganz erstaunlich kam mir das vor, -- gerade, als ob die Welt mir
auf einmal ihre Tore aufschlsse. In den ersten Jahren meiner Ehe hatte
Heinrich mich auf jedem Weg begleitet, -- aus zrtlichster Liebe, nicht
etwa aus Mitrauen oder aus Eifersucht. Und ich hatte keinen anderen Weg
machen knnen, als der ihm recht war. Zuweilen war ich heimlich die
Hintertreppe hinuntergestiegen, nicht, weil ich ein Geheimnis vor ihm
gehabt htte, sondern nur um einmal ohne innere Hemmung in den Straen
herumlaufen zu knnen. Allmhlich hatte unsere verschiedenartige
Ttigkeit dem steten Zusammensein ein Ende gemacht; aber
selbstverstndlich blieb, da ich ihm erzhlte, wo ich gewesen war, was
ich getan hatte. Und da ich ihn nicht unzufrieden machen, nicht rgern
wollte, so stand ich doch stets in seinem Bann. Wenn ich einmal seiner
Empfindung zuwider gehandelt hatte, so kam es vor, da ich -- log.

Kaum, da der Gedanke daran in mein Bewutsein trat, als ich ihn auch
schon, dunkel errtend, zurckweisen wollte. Aber je mehr ich mich
mhte, desto klarer stand er vor mir. Ich mute ihm Auge in Auge sehn:
Es kam vor, da ich meinen Mann belog. Nicht, weil ich ihn
hintergehen, sondern weil ich ihn nicht rgern, nicht erregen wollte.
Aus Liebe also! Oder aus Furcht?! So lernen die Frauen lgen, weil sie
des Mannes Besitztum sind, weil die Ehe ihre Persnlichkeit auslscht
wie ihren Namen. Wie vielen, die gerade gewachsen waren, hat sie das
Rckgrat zerbrochen! Und sie verlieren nach ein paar Jahren der Ehe ihre
Physiognomie, -- sind farblos, zermrbt.

Ein brennendes Verlangen nach Menschen berkam mich. Wie war ich doch
mein Leben lang an den bunten Schwarm um mich gewhnt gewesen! In den
letzten Jahren hatte er sich mehr und mehr verflchtigt. Den alten
Freunden war ich gestorben, seit ich Sozialdemokratin geworden war; neue
hatte ich unter den Genossen nicht gefunden, und von den Knstlern, von
den Gelehrten, die unsere Rume einmal betraten, kamen nur wenige
wieder. Romberg war im Grunde unser einziger Verkehr gewesen. Und der
wohnte nicht in Berlin.

Woher kam das alles? War ich weniger anziehend als die Frauen, die ein
Haus ausmachten? Waren sie geistreicher als ich? Ich schrzte spttisch
die Lippen. Stieen sich die Sittenstrengen noch immer an der Geschichte
meiner Eheschlieung? Sie machten sich doch sonst nichts daraus, mit
Frauen zu verkehren, die eine Vergangenheit hatten, die Gegenwart
geblieben war! Nein, in alledem lag die Ursache nicht. Bei meinem
Manne, schien mir, war sie zu suchen. Er war ein Menschenschwrmer
gewesen, leicht geneigt, zu bewundern und zu verehren und sich den
anderen gegenber gering zu achten. Um so schmerzhafter hatte jede, auch
die leiseste Enttuschung ihn getroffen, und je hufiger sie sich
wiederholte, desto scheuer zog er sich zurck, desto mitrauischer wurde
er. Und fr jenen leichten Verkehr, der wie mit Libellenflgeln nur die
Oberflche des Lebensstromes streift, war er zu schwerbltig. Er hatte
nie getanzt; -- seltsam, da mir das erst heute einfiel. Er hatte nie
gelernt, eine Gesellschaftsmaske zu tragen. Darum fhlten sich immer nur
die Menschen, die er aufrichtig gern hatte, wohl bei uns. Die anderen
stie er ab.

Drauen lachte der Frhlingstag. Zwischen blhenden Bumen und Beeten
von Hyazinthen spielte die Musik frhliche Weisen, die Passer sprang
dazu in entfesselter Wildheit ber Stock und Stein. Ich ging mit meinem
Buben an der Hand zwischen der Menschenmenge hin und her. Ich freute
mich, als wre ich zwanzig Jahr, ber die bewundernden Blicke, die uns
folgten. Tglich wollt' ich von nun an hinuntergehen, Sonnenschein
trinken und Lebenslust. Ich traf Bekannte und geriet durch sie in einen
Kreis frhlicher Weltbummler. Wie gut das tat, einmal wieder
unterzutauchen in Glanz und Freude! Einmal wieder lachen zu knnen aus
Herzensgrund! Bewundernde Blicke zu fhlen! Man brachte mir tglich
Blumen, -- jene groen glhenden Rosen von Meran, deren Duft nicht an
Grten erinnert, sondern an berauschende Essenzen des Morgenlandes. Ich
lie mir gefallen, da man mir huldigte; ich spielte mit heien
Gedanken, wie ein Kind mit rotleuchtenden Giftblumen. Eines Abends,
whrend bunte Lichterkrnze sich an den alten Bumen vor dem Kurhaus von
Ast zu Ast schwangen und die Geigen der Zigeunerkapelle in die laue
Nacht hinein seufzten und lockten, lie ich mich in den Kursaal fhren,
um den Tanzenden zuzuschauen. Se Walzermelodien umschmeichelten meine
Sinne. Der Rausch des Tanzes ergriff mich. Willenlos berlie ich mich
ihm. Erst als der letzte Ton verklagen war, kam ich zu mir und erschrak.
Leichtsinn und Genu, die Zaubergeister, drohten mich in ihre Gewalt zu
bekommen. Das durfte nicht sein!

Meran fngt an, schwl zu werden, schrieb ich am nchsten Morgen an
meinen Mann; so sehr die weiche Luft meiner Gesundheit ntzte, so sehr
schdigt sie meine Arbeitskraft. Und ich wnsche jetzt nichts mehr, als
mich Hals ber Kopf in meine Arbeit zu strzen. Darum mchte ich fort.
Der Arzt verordnet mir Hhenluft; ich selbst fhle, da ich etwas
Starkes, Herbes atmen mte. Wollen wir nicht miteinander irgend ein
stilles Pltzchen suchen? Wir waren lange genug getrennt..

Statt aller Antwort kam er selbst. Ich habe gewartet, bis du mich rufen
wrdest --, es ist mir schwer genug geworden, flsterte er zrtlich,
nun aber wirst du mich nicht mehr los. Dunkel errtend barg ich den
Kopf an seiner Brust.

       *       *       *       *       *

An der Ampezzostrae, sdlich von Cortina, liegt ein kleines Dorf,
Pezzi genannt. Zwischen seinen braunen, rmlichen Htten ragte ein
einzelnes Bauernhaus mit weigetnchten Mauern und groen Altanen
stattlich hervor. ber ein Vierteljahr wohnten wir dort in tiefster
Stille und Zurckgezogenheit. Im Lrchenwald hinter dem Hause spielte
mein Junge mit den braunen Bauernkindern, auf der Altane, angesichts des
weiten blhenden Tals und des gewaltigen schneebedeckten Felsenmassives
der Tofana, fing ich wieder an zu arbeiten. Wenn mir in den vergangenen
Wochen die Aufgabe eingefallen war, die ich mir mit meinem Buch gestellt
hatte, so war sie mir wie ein unbersteigbarer Berg erschienen. Jetzt,
da ich sie aufs neue in Angriff nahm, war mir's, als habe all die Zeit
hindurch eine fremde Kraft unter der Schwelle meines Bewutseins weiter
an ihr gearbeitet.

Oder sollten Gedanken wie Samen sein, die einmal in den Boden des
Geistes gestreut, sich aus eigener Macht weiter entwickeln? Die vielen
Zahlen, die ich in meinen Bchern vor mir hatte -- Ergebnisse der Volks-
und Berufszhlungen europischer und auereuropischer Lnder, Lohn- und
Arbeitsstatistiken --, wurden merkwrdig lebendig, als zuckten in ihnen
die Leiden der Millionen. Immer deutlicher sah ich das Bild, das ich zu
malen hatte: den Zug der Frauen, wie er durch glutheie Wsten und rauhe
Steppen dahinschleicht, jede einzelne in ihm gebeugt unter den Lasten,
die sie zu tragen hat: der Hacke und dem Spaten, der Sichel und der
Spindel, dem einen Kinde auf dem Rcken, dem anderen unter dem qualvoll
klopfenden Herzen. Was mich zuerst nur wie ein Instinkt in die Reihen
der kmpfenden Arbeiterschaft gefhrt hatte, das wurde mir jetzt zur
bewuten Erkenntnis: die Berufsarbeit der Frau, die ihre Entstehung der
Umwandlung der Produktionsweise durch die Maschine zu verdanken hat, ist
immer mehr zu einem notwendigen Bestandteil dieser Produktionsweise
geworden. Aber indem sie sich ausdehnt, untergrbt sie zu gleicher Zeit
die alte Form der Familie, erschttert die Begriffe der Sittlichkeit,
auf denen der Moralkodex der brgerlichen Gesellschaft beruht, und
gefhrdet die Existenz des Menschengeschlechtes, deren Bedingung gesunde
Mtter sind. Es bleibt der Menschheit schlielich nur die Wahl: entweder
sich selbst oder die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufzugeben.
Diese Konsequenz zu scharfumrissenen Ausdruck zu bringen, soda niemand
ihr aus dem Wege zu gehen vermchte, -- das war mein Wunsch.

Das Fieber der Arbeit, das alle Pulse schneller schlagen lt, das ber
jede Mdigkeit hinwegtuscht, das die Gedanken des Tages in den Traum
der Nacht verflicht, hatte mich ergriffen. Und zugleich jener gesunde
Egoismus des Schaffenden, der ihn fr seine Umgebung blind und taub
macht, nur damit das Werk wachsen kann. Dankbar berlie ich der Berta,
dem meraner Kindermdchen, die sich mit solcher Klugheit in jede Lage zu
schicken schien, die Sorge um unseren kleinen Haushalt. Da sie fr uns
kochte und wusch und nhte und eiferschtig jede andere Hilfe abwehrte,
war mir nur ein Beweis fr ihre Tchtigkeit; und da der Kleine mit
solcher Liebe an ihr hing, machte sie mir vollends unentbehrlich.

Wenn ich mit meinem Mann spazieren ging, so sprach ich von nichts
anderem als von meiner Arbeit, von all den Ideen, all den Plnen, die
sie in mir auslste. Und er hrte mir nicht nur ruhig zu, er ging voller
Anteilnahme auf meine Interessen ein und half mir durch seine
Fachkenntnisse.

Da auch er ein selbstndiges Leben hatte, da auch in ihm vieles bohrte
und grte, das nach Ausdruck verlangte, da er um so einsamer wurde, je
mehr ich mich in die Arbeit verlor, -- von alledem wute ich nichts.

Zuweilen stiegen am Horizont drohend die Sorgenwolken empor: was das
Grunewaldhaus uns brig gelassen hatte, war bald verzehrt, die Einnahmen
aus dem Archiv blieben unzulnglich, mein Buch, auf dessen Erfolg ich
rechnete, war noch lange nicht vollendet; wie wrden wir auskommen?! Mit
aller Anstrengung vertrieb ich die bsen Gedanken, ich arbeitete noch
ununterbrochener, um mir selbst keine Zeit zu lassen, ihnen
nachzuhngen.

       *       *       *       *       *

Eines Morgens bekam Heinrich einen Brief, den er mir stumm
herberreichte: Ob er whrend der nchsten Monate fr ein uns
nahestehendes Blatt die Pariser Korrespondenz bernehmen knne? Ihr
bisheriger Leiter sei erkrankt und habe einen lngeren Urlaub
angetreten.

Es berlief mich hei und kalt. Wie der Name Rom auf die Deutschen des
Mittelalters, so wirkt der Name Paris auf die Menschen des zwanzigsten
Jahrhunderts. Aus ihren dunklen Wldern, ihren finsteren Burgen und
engen Stdten sehnten sich unsere Vorfahren nach dem lachenden Himmel
Italiens; und aus dem Ernst unseres strengen Alltagslebens verlangt
alles, was jung ist in uns, nach dem Glanz, nach dem Leichtsinn von
Paris. Aber ich bemhte mich, ruhig zu scheinen und meiner strmisch
aufwogenden Freude Herr zu werden.

Was sagst du dazu? fragte mein Mann. Wir wrden uns rasch
entschlieen mssen. Mit dem internationalen Sozialistenkongre, der in
zehn Tagen zusammentritt, mte meine Ttigkeit anfangen.

Und dein Archiv?! warf ich ein. Du kannst es doch nicht monatelang
von Frankreich aus redigieren!

Ach, -- das Archiv..! meinte er mit einem halb wegwerfenden, halb
rgerlichen Ton, der mich erstaunt aufsehen lie. Das Archiv war seine
Schpfung, sein liebstes Geisteskind.

Das Archiv knnte ich von berall her leiten! In Paris aber scheint mir
jetzt der rechte Ort, um den Sozialismus in seiner neusten Phase zu
studieren, in Paris, wo ein Millerand Minister ist, wo die
Intellektuellen, -- unter ihnen ein Zola, ein France, ein Steinlen, --
mit Jaurs Arm in Arm gehen!.. Wenn du also nichts dagegen hast, so
nehme ich den Antrag an.

       *       *       *       *       *

Paris! Die untergehende Septembersonne umgab die schwarz hingestreckte
Stadt mit rotglhender Glorie. Mir war, als klnge im Rderrollen
unseres Zugs ein rhythmisches Jauchzen, als knne die fauchende
Riesenschlange es nicht erwarten, sich in die lodernde Glut zu strzen.

Am Morgen nach unserer Ankunft wanderten wir durch die Straen. Es war
die vollkommenste berraschung, die mich mehr und mehr verstummen lie.
Ich hatte etwas Lautes, Buntes erwartet, etwas, das bereinstimmt mit
dem Begriff Paris, den wir uns drauen gebildet haben. Und nun sah ich
Huserzeilen in gleichmig feiner zurckhaltender Architektur, hohe
Fenster mit schmalen Gittern davor, sah Mauern, ber die der Efeu kroch,
und Baumriesen, die aus alten verschwiegenen Hfen geheimnisvoll
herberrauschten.

Ich sah, wie sich die vielen Alleen pltzlich in weite, weite Grten
verloren, unter deren Bschen graue Statuen trumten, und unter runden
Lorbeerbumen stille Bassins goldig glitzernd von den vielen kleinen
Fischen darin. An altertmlichen Kirchen kamen wir vorbei mit runden und
viereckigen dicken Trmen, oder dem mystischen Mawerk keuscher Gotik
ber alten Portalen.

Zur Madeleine schritten wir die breite Steintreppe empor und traten aus
der heidnischen Pracht ihrer Sulenhalle in das Dmmerdunkel ihres
Inneren. Eine wunderschne Nonne kniete regungslos am Eingang, die
Sammelbchse vorgestreckt in schmalen weien Hnden. Und als wir uns
wieder zum Gehen wandten, schweifte der Blick ber die zu unseren Fen
sich dehnende Strae und die majesttische Gre der Place de la
Concorde, wo Menschen und Wagen sich verloren wie Spielzeug, bis weithin
zur Kuppel des Invalidendoms. Er htete, was sterblich war an dem
korsischen Riesen, der die Welt formte nach seinem Willen, und der, ein
Lebender, noch heute die Stadt Paris erfllt.

Durch Alleen breiter Kastanienbume, deren dunkle groe Bltter schwarze
Schatten auf die hellen Wege warfen, gingen wir langsam hinauf, wo der
Triumphbogen des Etoile sich, von weichen Morgennebeln umspielt, mit den
Wolken zu verschmelzen schien. Und in den Grten der Tuilerien verloren
wir uns. Zarte Kinder mit knstlich geringelten Locken spielten auf
feinen Pltzen, alte Herren, mit dem roten Bndchen im Knopfloch,
ftterten die Vgel, von einer Schar Zuschauer umgeben, deren Interesse
fast wie Andacht war. Von den Bumen tanzten leise die gelben Bltter;
eine trumerisch se Luft, die Gerusche und Farben dmpfte, spielte
zrtlich um den grauen Knigspalast des Louvre und streichelte sanft die
Gesichter der Vorbergehenden, als wollte sie sie trsten, weil es schon
Herbst geworden war. Und selbst die Bettler auf der Brcke, und die
schmutzigen Savoyardenknaben, die ihre Ware feil boten, und die alten
Buchhndler, die ihre stockfleckigen Schartken auf den Quaimauern
aufbauten, lchelten leise. Der Flu aber wlzte sich lautlos vorber;
seine Wasser schimmerten in gebrochenen Farben wie mde Opale.

Eine vornehme Frau ist Paris, sagte ich nachdenklich, als wir von
unserem ersten Ausgang zurckgekehrt waren, eine vornehme Frau, deren
schne Zge die Wehmut des Alterns umflort ...

Am Abend verlieen wir wieder das Hotel. Jetzt brauste die Weltstadt:
rauschende Kleider, rollende Wagen, girrendes Lachen, wstes
Geschrei --, zu einem einzigen Ton verschmolz das alles. Zwischen den
Bumen der Boulevards strahlten die Laternen wie endlose Lichterketten,
breit quoll das Licht aus den Cafs ber wippende Federhte und
spiegelnde Zylinder. Nur auf dem riesigen Concordienplatz wirkten die
Bogenlampen wie Brillanten auf dem dunkelgrauen Samt der Nacht.

Da pltzlich leuchtete jenseits zwischen den Bumen ein Wunder auf: ein
schimmerndes Tor aus Juwelen erbaut, eine Mrchenstadt dahinter, deren
Mauern Kristall, deren Trme Feuerbrnde waren; die Weltausstellung. Wir
folgten dem wimmelnden Menschenstrom, dessen Rauschen sich aus allen
Sprachen der Welt zusammensetzte. Es war ein einziger Traum aus
Tausendundeine Nacht. Ein Turm, aus strahlenden Goldfden gewoben, trug
auf seiner diamantenen Spitze die schwarze Kuppel des Himmels. In
tiefdunkle Teiche ergossen sich Kaskaden von Licht. Der stille Flu
spiegelte Palste wieder, die allen Glanz der Welt an seinen Ufern
vereinigt hatten. Die Brcken spannten sich ber ihn wie lauter
glckverheiende Regenbogen. Und wer sie berschritt, den empfing
jenseits ein Lachen, ein Singen, ein Jubeln, -- als gbe es nirgends
Trnen mehr. Ein Taumel erfate die Menschen: von den Terrassen
herunter, -- aus den weit geffneten Tren bunter Huser lockte die
Freude in sehnschtigen Geigentnen, in wilden Trompetensten. Dort
tanzte Loie Fuller, die lebendig gewordene Flamme: wenn sie sich
aufwrts schwang, zngelten die Schleier ber ihrem Haupte, wenn sie
sich neigte, leuchtete sekundenlang ihr schneeweier Busen. Drben
trippelte auf Stckelschuhen Sada Yacco, die Japanerin; aus ihren
geschlitzten Augen sprhten Blitze fanatisierter Kunst, auf ihren
Gewndern leuchteten Blumen der Hlle und Vgel des Paradieses. Und
unter dem bunten Zeltdach ringelten sich Schlangen um den halbnackten
Leib der Indierin, zngelten zrtlich um ihre braune Haut, whrend ihre
kleinen Fe, von goldenen Ringen umklirrt, sich im Takte bewegten und
ihre Arme sich ausstreckten -- eine einzige Gebrde verlangender
Lust ...

       *       *       *       *       *

Mitten im Gewhl trafen wir Geier, der zum Sozialistenkongre nach Paris
gekommen war. Ein Riesenvariet, -- nichts weiter, brummte er, im
Grunde widerwrtig. Ich erwachte wie aus einem Traum: die Gesichter der
Tnzerinnen erschienen mir pltzlich fratzenhaft; wo die Schminke sich
verwischte, grinste hinter dem Lcheln der Freude die rohe Sucht nach
Gewinn. Und der lichtgewobene Turm, der den Himmel trug, war aus Eisen;
Menschlein kletterten selbstbewut bis in seine Spitze, und hoheitsvoll
wich die Sternenkuppel weit, weit zurck vor ihnen. Kulissen aus Gips
und Leinwand waren die Palste, Glas die Juwelen im Portal.

Man soll einen Mondschtigen nicht anreden, sagte ich. Schon glaubt
ich mich wirklich auf dem Wege zur Erfllung einer Sehnsucht, die mit
mir geboren zu sein scheint --

Und die wre? fragte Heinrich. Ich zgerte; ich wute, wie falsch ich
verstanden werden knnte.

Bacchantische Lust zu sehen, berstrmende, jauchzende Lebenswonne, --
die dabei eines Gottes wrdig wre. Immer ist Freude so etwas
Armseliges, -- Mutloses.

Dann sind Sie jedenfalls in Paris am rechten Ort. brigens htte ich
Ihrer norddeutschen Prinzessinnenwrde nicht so exotische Phantasien
zugetraut, spottete Geier. Aber immerhin, -- ich, als alter Pariser,
kann Ihnen vielleicht heute noch dienen.

Wir verlieen die Ausstellung, berquerten den Platz bis zur Rue Royal.

Maxim stand in groen Buchstaben ber der Tr des Restaurants, in das
wir eintraten. Auf den hohen Sthlen vor dem Schenktisch der Bar saen
elegante Mnner mit mden, gelangweilten Gesichtern. Aus dem Saal
dahinter klang gedmpfte Musik. Die Frauen unter seinen Spiegelwnden an
den kleinen, blumengeschmckten Tischen flsterten nur hie und da
miteinander. Sie waren alle schn und jung. Hellblond und ppig die eine
im weien Seidenkleid, Perlen in den rosigen Ohren, rieselnde Perlen um
den runden Hals und einen matten Perlenglanz in den groen hellen Augen.
Statuenhaft die andere neben ihr, die prachtvolle Gestalt eng in roten
Samt gehllt, die schmalen Finger von Brillantringen bedeckt, die
nachtschwarzen Haare in glatten Scheiteln um die Schlfen. Und
rothaarige, hinter deren durchsichtiger Haut blaue Adern klopften,
brnette, mit dem brunlich warmen Ton der Sdlnderin, reihten sich
ihnen an, eine schneeweie dazwischen, mit rosigem Antlitz, als wre die
Pompadour aus dem langweiligen Jenseits in ihr geliebtes Paris
zurckgekehrt. Zuweilen standen sie auf und schritten langsam auf und
nieder; ihre Kleider raschelten, als ob schillernde Salamander durch
dichtes Blattwerk schlpften, das aufreizende gleichmige Klipp-klapp
der hohen Abstze ihrer Seidenschuhe tnte dazwischen, in ihren Juwelen
brachen sich hundertfarbig die Lichter, Wolken betubenden Duftes zogen
hinter ihnen her. Sie waren wie exotische Blumen aus fremden Urwldern.

Die Musik ging in Walzermelodien ber. Und durch die offenen Tren kamen
allmhlich die Herren aus der Bar, -- alte und junge Greise. Nchtern,
lustlos, wie der Trainer ein Rennpferd, musterten sie die Frauen. Sie
erwachten erst zum Leben, als der Sekt in den Glsern vor ihnen perlte.
Ihre Blicke wurden zu lsternem Greifen, ihr Lachen wurde gemein. Sie
erschienen wie rohe Barbaren gefangenen Kniginnen gegenber. Und jetzt
begannen die Geigen zu jauchzen, rascher und rascher fllten sich die
Glser und leerten sich wieder, die Paare schwangen sich in rasendem
Tanz; -- dort senkte ein Graubart die zittrigen Kniee vor einer jungen
Schnen und trank aus ihrem weiseidenen Schuh.

Nun?! fragend wandte sich Geier mir zu. Ich zuckte die Achseln:
Nennen Sie das bacchantische Lust?! Wenn Mnner sich erst betrinken
mssen, um fr Frauenschnheit zu entflammen, und Frauen nur durch den
Rausch, der ihre Augen und ihre Sinne umnebelt, den Ekel vor diesen
Mnnern zu berwinden vermgen?!

Wir gingen. ber die Boulevards schob und drngte sich die Menge:
Fremde, mit gespannten Zgen, berall ungeheuerliche Enthllungen der
Snde erwartend, kleine bescheidene Provinzfrauen mit einem dirnenhaften
Funkeln in den Augen, Kinder, bla und bernchtig, immer noch Blumen
verkaufend, den alten wissenden Blick halb neidisch auf die geschminkten
Kokotten gerichtet, die wie Gtzenbilder sich durch die dunkeln Massen
bewegten.

War Paris nicht doch ihresgleichen?

       *       *       *       *       *

Als wir am nchsten Morgen den Sitzungssaal des Internationalen
Kongresses betraten, blieb ich schon an der Tr erschrocken stehen: das
tobte und schrie, pfiff und trampelte, als sollte ein Sensationsstck zu
Fall gebracht werden. Vandervelde, der belgische Volksfhrer, stand auf
der Rednertribne, aber weder seine Autoritt, noch der sonore Klang
seiner schnen Stimme, noch die beschwrenden Gesten seiner
aristokratischen Hnde wurden Herr ber die entfesselte Leidenschaft der
Menge. Drohende Fuste reckten sich zu ihm empor:  bas les
ministriels! tnte es im Takt von der einen Seite, wo sich um Jules
Guesde, den franzsischen Liebknecht, die Anhnger scharten. Wer es
nicht vorher wute, erfuhr es angesichts dieser Versammlung: nur um eine
Kardinalfrage des Sozialismus konnte ein so wster Kampf entbrennen. Die
Vertreter des alten revolutionren Gedankens behaupteten standhaft ihre
Intransigenz: Die Befreiung der Arbeiter kann _nur_ ein Werk der
Arbeiterklasse selbst sein, jedes Paktieren mit der brgerlichen
Gesellschaft ist ein Verrat an der Sache des Proletariats. Von diesen
lapidaren, jedem Arbeitergehirn leicht einzuprgenden Stzen aus,
verurteilten sie notwendigerweise den Eintritt des Sozialisten Millerand
in das Ministerium und forderten vom Kongre eine offizielle Anerkennung
ihres Standpunktes. Wider Vandervelde, der die Vermittlungsresolution
der Deutschen verteidigt hatte, erhob sich der Italiener Ferri; die
schnheitstrunkenen Romanen jubelten schon seiner bloen Erscheinung zu,
und als er mit all den klassischen Worten der Revolution jonglierte, wie
ein geschickter Taschenspieler mit glnzenden Kristallkugeln, und den
Revisionismus von der Landtagswahlbeteiligung der Deutschen bis zum
Ministerialismus der Franzosen als einen Abfall brandmarkte, dankte
ihm brausender Beifall. Die grazisen Franzsinnen auf den
Zuschauertribnen, denen der Kongre dieselben Nervenreize bot wie eine
Premire, schlugen begeistert die weibehandschuhten Hndchen
aneinander, und des Redners dunkler Blick grte dankend die
seidenrauschenden Vertreterinnen des Kapitalismus, gegen den er eben zum
Kampf gerufen hatte.

Dann kam Jaurs, der das moderne republikanische Frankreich in der
Dreyfusaffre gegen Klerikalismus und Militarismus verteidigt hatte, --
eine untersetzte Gestalt, mit dem breiten blonden Kopf eines Germanen.
Er wird es schwer haben, dachte ich angesichts dieser Versammlung, die
ihre Redner stethisch zu werten scheint. Aber schon der erste Laut
seiner Stimme zog die Menge in seinen Bann: sie war wie das Meer;
selbst wenn sie ruhig schien, war Sturm in ihr, und wenn sie anschwoll,
schlug sie donnernd gegen die Mauern, wie die Wogen gegen den Fels. Ich
war nicht imstande auf die Worte zu achten, ich hrte nur den Klang,
jenen musikalischen Tonfall der Sprache, der die Wesensart des ganzen
Volkes enthllt, eines Volkes, das durch logische Schlsse
wissenschaftlicher Deduktionen niemals berzeugt zu werden vermag, wenn
nicht der Knstler in ihm durch die Schnheit der Form, durch das Pathos
des Ausdrucks gepackt wird, eines Volkes, von dem ich pltzlich begriff,
da es die Bastille strmen und Napoleon Bonaparte zu seinem Kaiser
krnen konnte.

Ich war noch wie benommen, als wir abends den Saal verlieen. An der Tr
begrten uns unsere Landsleute. Eine unglaubliche Gesellschaft!
schimpfte der eine. Fr nichts ist gesorgt: nicht mal Bleistift und
Papier gibt's auf den Tischen. -- Und keine Mglichkeit, die Antrge
rechtzeitig drucken zu lassen, fgte ein zweiter hinzu, -- man wei
nich mal, wo man essen jehn soll, brummte ein dritter.

Jetzt fhlte ich mich wieder in Deutschland.

Wir unterhielten uns, als wir zusammensaen, ber die deutsche
Resolution. Sie ist aus Wenn und Aber zusammengesetzt, und einem Fall
Millerand ist zwar die Tr geschlossen, aber das Fenster geffnet, --
rsonierten die Vertreter des sechsten berliner Wahlkreises, fr die der
Eintritt eines Sozialisten in ein brgerliches Ministerium keine
taktische, sondern eine prinzipielle Frage war. 'Die Eroberung der
Regierungsgewalt kann nicht stckweise erfolgen,' las stirnrunzelnd
einer der Wortfhrer des Revisionismus; das ist ein Satz, den wir
unmglich unterschreiben knnen, denn in parlamentarisch regierten
Staaten kann und wird sie nicht anders als allmhlich vor sich gehen.

Am Morgen darauf stimmten die Deutschen trotzdem geschlossen fr die
Resolution, um die Einigkeit der Partei zu dokumentieren, und sicherten
ihr dadurch ihre Annahme. Ich war froh, da ich kein Mandat besa, denn
die vielgerhmte Disziplin unserer Genossen mifiel mir, die die
persnliche Ansicht dem Willen der Mehrheit unterwarf; die
individualistische Haltung der Franzosen schien mir ein Beweis grerer
innerer Strke zu sein. Ich uerte meine Ansicht, als wir mit unseren
nheren Bekannten nachts vor einem Boulevardcaf zusammensaen, und
stie auf heftigen Widerspruch. Unsere Disziplin hat uns gro gemacht,
hie es von allen Seiten. Numerisch gro, -- gewi, antwortete ich,
ob aber entsprechend einflureich?! In England, wo die Partei so
zerrissen ist wie hier, durchdringt die sozialistische Idee alle Kreise,
gehren Sozialisten allen ffentlichen Krperschaften an, in Frankreich
sttzt sich die Republik auf Sozialisten, und ein einziger
sozialistischer Minister ist imstande, in Monaten mehr Reformen auf dem
Gebiete des Arbeiterschutzes durchzufhren, als seine Vorgnger whrend
Jahrzehnten --

Und in Deutschland bernahm unsere Reichstagsfraktion im Kampf gegen
die Lex Heinze die Fhrung und rettete Wissenschaft und Kunst vor
unerhrter Knebelung, unterbrach mich einer der Anwesenden lebhaft; es
geht langsam bei uns, aber es geht, und selbst die Resolution, deren
Annahme durch uns Sie so verurteilen, ist ein Zeichen des
Fortschrittes. Sie hat dem falschen Radikalismus eine seiner Spitzen
abgebrochen indem sie der politischen Taktik freie Hand lie.

Dazu, scheint mir, werden die Verhltnisse Radikale und Revisionisten
stets ohne weiteres zwingen. Die Preisgabe persnlicher berzeugung war
berflssig, antwortete ich.

So halten Sie es fr besser, wenn man um verschiedener Ansichten willen
wie verzankte Kinder nach rechts und links auseinander luft?!

Es scheint mir jedenfalls richtiger, als klaffende Gegenstze mit den
morschen Brettern gegenseitiger Konzessionen berbrcken zu wollen.

Eine augenblickliche Stille trat ein; man sah erwartungsvoll auf Geier,
der eben hinzugetreten war.

Politik besteht aus Konzessionen, erklrte er und strich gleichmtig
die Asche von seiner Zigarre; aber davon versteht ihr Weiber nichts.
Fr das Geschft seid ihr entweder zu gut oder zu schlecht, darum lat
die Finger davon. brigens: -- Ich habe eine Nachricht in der Tasche,
die den Wnschen der Genossin Brandt entgegenkommt: Euer neuer Prophet,
Bernstein, wird Deutschland in persona beglcken drfen.

Von allen Seiten mit Fragen nach dem Wie und Warum bestrmt, fuhr Geier
mit einem spttischen Blick auf mich in seinem Berichte fort: Die
deutsche Regierung hofft auf eine Spaltung der Partei. Es ist Blows,
des neuen Reichskanzlers, erste Heldentat, wenn er das Ausweisungsdekret
gegen Bernstein nicht mehr wiederholt. Viel Glck zu diesem Zuwachs, Ihr
lieben Reichsdeutschen! Damit erhob er sich, flchtig grend.

Wir gingen schweigsam nach Haus, mein Mann und ich, in unsere kleine
mblierte Wohnung, die wir nach langem Suchen endlich gefunden hatten.
Ich fhlte auf diesem Heimweg deutlicher als je, da wir allmhlich auch
innerlich nebeneinander und nicht miteinander gingen. In der Nacht hrte
ich, wie unruhig er sich hin und her warf, und sah im Laternenlicht, das
matt durch die Fensterscheiben drang, wie zerqult seine Zge waren. Er
litt, -- und ich wute nicht warum; ich, die ich ihm am nchsten stand,
hatte ihn allein gelassen! Das Herz krampfte sich mir zusammen. Waren
nicht jene Frauen wirklich die besseren gewesen, die nichts hatten sein
wollen, als ein allzeit offenes Gef fr die Schmerzen und die Kmpfe
des Gatten? Vielleicht waren sie die tiefste Bedingung seiner Kraft.

Heinz, flsterte ich zaghaft und griff nach seiner Hand, warum
sprichst du nicht mit mir? -- Irgend etwas lastet auf dir --.

Er lchelte mich an. Gutes Kind, -- beunruhige dich doch nicht! Du hast
mit dir selbst genug zu tun und mit deiner Arbeit.

Du aber nimmst teil daran, -- du hilfst mir, und ich sollte dir nicht
helfen drfen?! -- Hngt es am Ende damit zusammen, da du dem Archiv
innerlich untreu geworden bist? drngte ich.

Woher weit du das? fuhr er auf.

Ich habe doch Augen im Kopf, -- ich sehe, wie oft du die Korrekturen
ungeduldig zur Seite wirfst --

Du hast recht, antwortete er, ich htte dich nur gern mit meinen
Angelegenheiten verschont, so lange sie mir selbst so unklar sind. Als
ich das Archiv ins Leben rief, war die Sozialpolitik ein unbebautes
Ackerland. Jetzt, wo der Samen aufging, kann jeder Garben schneiden --

Ich verstehe, unterbrach ich ihn lebhaft, wir beide gehren zu denen,
die Wege anlegen, aber nicht die Steine dafr karren knnen.

Wege anlegen --, wiederholte er, ganz richtig! Und dafr ist in der
Partei jetzt die Zeit gekommen. Grlich, angesichts dieser Aufgabe die
Hnde gebunden zu haben! Dem Revisionismus fehlt es an einem geistigen
Mittelpunkt, einem unabhngigen Organ, das an Stelle bloer Verneinung
die Ideen praktischer Politik in die Kpfe der Massen hmmert, das die
geistigen Krfte der Intellektuellen in den Dienst unserer Sache zieht.
Die Lex Heinze hat sie aus dem Schlaf geweckt, -- auch hier mte das
Eisen geschmiedet werden, solange es warm ist.

Und wieso sind dir dafr die Hnde gebunden?! rief ich aus, von den
Gedanken, die er aussprach, gepackt. Der Plan mu ausgefhrt werden!

Bei all deiner Klugheit bist du doch ein ganz dummes Katzel! sagte er.
Oder wchst dir ein Kornfeld auf der flachen Hand?! Kein brgerlicher
Verleger wrde ihn verwirklichen helfen, ein Parteiverlag erst recht
nicht ...

Ich dachte an den Amerikaner Garrison, der seine der Idee der
Sklavenbefreiung gewidmete Zeitschrift selbst schrieb und druckte. Ob
wir nicht diesem Beispiel folgen knnten? Mein Mann lachte mich aus.
Selbst wenn wir unsere ganze Arbeitskraft der Sache opfern wrden, ohne
pekunire Mittel hlfe das nichts. Ich sehe nur eine Mglichkeit, um
zum Ziel zu gelangen --, er brach ab, als habe er schon zuviel gesagt.

Die wre?

Der Verkauf des Archivs. Mit dem Erls knnte man die Zeitung ins Leben
rufen --

Warum versuchst du das nicht?! Ich rgerte mich, da er nur einen
Moment hatte zgern knnen. Er sah mich forschend an.

Ist das Tapferkeit oder Leichtsinn, was aus dir spricht? -- Mit dem
Verkauf des Archivs ist die Sicherheit unserer Existenz preisgegeben.
Wir knnen bei dem neuen Unternehmen alles verlieren --

Darber bin ich keinen Augenblick im Zweifel, antwortete ich ernst.
Aber mir scheint, gegenber der Gre der Aufgabe fallen persnliche
Bedenken nicht ins Gewicht.

Wir waren einig. Von nun an widmete mein Mann all seine freie Zeit der
Verwirklichung seines Gedankens. Er trat mit deutschen Verlegern in
Verkaufsverhandlungen, und wenn ich angesichts ihrer wiederholten
Resultatlosigkeit oft nahe daran war, den Mut zu verlieren, so schien
der seine mit jedem Milingen neu zu wachsen. Er wandte sich an die
bekannteren Revisionisten, und wenn ihre zgernden Antworten mich
deprimierten, so steigerten sie nur seine Energie. Und meine Liebe, die
unter der grauen Asche der Alltglichkeit nur noch leise geglimmt hatte,
glhte auf, wie Waldfeuer im Sturm. Je strker ich die berlegenheit
seines Willens empfand, desto mehr liebte ich ihn. Und gewohnt, mein
eigenes Erleben zu betrachten wie der Forscher ein wissenschaftliches
Experiment, aus dem er bestimmte allgemeine Schlsse zieht, sah ich,
da eine der Theorien der modernen Frauenbewegung sich angesichts der
Erfahrung wieder einmal als leere Konstruktion erwies.

Das geistig entwickelte, seelisch differenzierte Weib ist die
Voraussetzung und Bedingung tieferer und dauernder Beziehungen zwischen
den Geschlechtern, hatte meine alte Gegnerin, Helma Kurz, noch krzlich
in dem ihr eigenen geschwollenen Stil den Lesern ihrer Zeitschrift
verkndet. Sie identifizierte Liebe und Freundschaft, weil sie -- das
einsame alte Mdchen -- wie der Blinde von der Farbe sprach. Weibesliebe
ist Hingabe an den Hherstehenden, gleichgltig ob das Herz, das sie
empfindet, unter dem groben Hemd der Dienstmagd oder dem Talar der
Doktorin beider Rechte schlgt. Darum wird die erotische Treue um so
seltener sein, je strker das Weib sich geistig und seelisch
individualisiert.

       *       *       *       *       *

Mit noch grerem Eifer als frher strzte ich mich in meine Arbeit;
nicht nur, weil der Augenblick schreckhaft nher rckte, in dem ich das
Honorar dafr nicht mehr wrde entbehren knnen, sondern mehr noch, weil
das Buch vollendet sein mute, ehe die neue Aufgabe -- die Zeitschrift
meines Mannes -- an mich herantrat.

Archive, Arbeitsmter und Bibliotheken ffneten sich mir ohne
Schwierigkeit. Vom Minister bis zum Portier verleugnet der Franzose die
Kultur des achtzehnten Jahrhunderts nicht, auch wenn die Dame, die ihm
begegnet, keine Marquise ist; jeder beeilt sich, ihr behilflich zu
sein, ihr entgegenzukommen, kein spttisches Lcheln, keine
herunterhngenden Mundwinkel verraten der arbeitenden Frau, wie der Mann
sie im Grunde wertet.

Je mehr ich mich aber in die Arbeit versenkte, desto hher trmten sich
die Probleme der Frauenfrage um mich auf, -- die sozialen, die
ethischen, die sexuellen entwickelten sich eines aus dem anderen, als
krche ein Drache aus dunkler Hhle hervor, ein Glied um das andere
vorschiebend, langsam, endlos. Wenn ich mich morgens zum Fortgehen
rstete und mein Kind die runden rmchen um meinen Hals schlang und bat
und schmeichelte: Mamachen, bleib doch mal bei mir, -- Mamachen, bitte,
bitte, erzhl' mir nur eine einzigste schne Geschichte --, dann
erschien mir mein eigenes Leben wie jene unheimliche Hhle, und in mein
eigenes Herz bohrte der Drache seinen Giftzahn. Wie glubig hatte ich
frher den alten Vorkmpferinnen der Frauenbewegung gelauscht, wenn sie
von jenen Amerikanerinnen erzhlten, die ihre Pflichten als Mtter,
Hausfrauen und Berufsarbeiterinnen in so unvergleichliche Harmonie
zueinander zu setzen vermochten. Ich erinnerte mich vor allem jener
Advokatin, die neben ihrer groen Praxis sechs Kinder erzogen und einen
groen Haushalt allein geleitet haben sollte.

Infame Lgen alter Jungfern! dachte ich grimmig. Und doch war ich
selbst noch eine Bevorzugte. Kam ich nach Haus, so fand ich mein Kind in
guter Obhut und unseren Tisch gedeckt.

Der Berta, die mit so viel Trnen durchgesetzt hatte, bei mir zu
bleiben, verdankte ich die uere Arbeitsmglichkeit. Ich konnte ihr
nicht dankbar genug sein.

Aber Millionen armer Frauen arbeiten in der Werkstatt und in der
Fabrik, whrend die Strae ihrer Kinder Hterin ist und sie gezwungen
sind, nach der Hast der Arbeit noch die unzureichende Ernhrung fr sich
und die Ihren selbst zu bereiten. So unschtzbar die wirtschaftliche
Selbstndigkeit des Weibes sein mag, sind die Opfer des Mutterherzens
und des Kinderglcks nicht ein zu hoher Preis fr sie? Ich fand aus der
Wirrnis nicht heraus: auf der einen Seite diese Not, auf der anderen
Seite die liebezerstrende pekunire Abhngigkeit des Weibes vom Mann.

Die deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten hatten um jene Zeit eine
Untersuchung ber die Arbeit verheirateter Frauen in der Industrie
angestellt. Die Ergebnisse lagen mir vor: berall war es die bittere
Notwendigkeit, die ihnen zwischen dem natrlichen Weibesberuf und dem
Erwerb auerhalb des Hauses keine Wahl lie. Und alles deutete darauf
hin, da ihre Zahl stndig zunehmen wrde. Nichts schien mir im
Augenblick so wichtig, als die Lsung dieser brennenden Frage. Es galt
auf der einen Seite, dem Sugling die Mutter zurckzugeben, und auf der
anderen, das Weib von der Last doppelter Pflichten zu befreien. Ich
baute meinen alten Plan der Mutterschaftsversicherung aus, -- fest
berzeugt, da ber kurz oder lang die Regierungen gezwungen sein
wrden, ihm nher zu treten. Aber selbst seine Verwirklichung wrde die
notwendige Arbeitsteilung zwischen Hausfrau und Berufsarbeiterin nicht
herbeifhren.

La einmal heut deine Nachmittagsarbeit, sagte Heinrich eines Tages,
als ich in meine Grbeleien versunken nach Hause kam. Wir sind zur
Einweihung eines Arbeiter-Restaurants geladen, -- France und Jaurs
werden dort sein --

Du weit, ich darf mich nicht ablenken lassen, antwortete ich
mimutig.

Diesmal ist aber die Sache interessant genug, um eine Ausnahme von der
Regel zu entschuldigen, meinte er. Eine genossenschaftliche Grndung
der Art liegt auf dem Wege zu unseren Zielen. Ich horchte auf: irgend
etwas, halb Unbewutes, packte mich.

In einer engen Seitenstrae des Boulevard Montparnasse lag ein altes
kleines Haus geduckt zwischen hohen Mietskasernen. In seinem neuen
Anstrich, mit den Girlanden um die Tre und den Fhnchen an den Fenstern
sah es lustig aus wie ein altes Mnnlein, das goldene Hochzeit feiert.
Drinnen um die festlich gedeckten Tafeln herrschte eitel Frhlichkeit.

Da wir es erreicht haben, -- endlich! sagte glckstrahlend einer der
Leiter. Seit Jahren sammeln wir Sou um Sou, um die armen Arbeiter
dieser Gegend von der Ausbeutung der Kneipenwirte zu befreien, und um
den zahllosen arbeitenden Familienmttern ein gutes und billiges
Mittagsmahl zu verschaffen.

Ich reichte dem Manne die Hand und drckte sie herzhaft; er sah mich
verwundert an: er konnte nicht wissen, welch ein Geschenk er mir eben
gegeben hatte.

Die breite Gestalt von Jaurs erschien in der Tre, hinter ihm die
elegante eines vornehmen Graubarts, dessen geistfunkelnde Augen ber die
groe schiefe Nase unter ihnen zu spotten schienen. Anatole France,
stellte Jaurs ihn uns vor. Wir waren sofort in lebhaftem Gesprch.

Ich mag nicht fehlen, wenn die sozialistische Arbeiterschaft irgendwo
einen Fu breit Boden gewinnt, sagte er; je mehr die Bourgeoisie an
Idealismus verloren hat, desto unfruchtbarer ist sie fr uns
Intellektuelle. Wir mssen uns stets zu den Hoffenden und Werdenden
halten, wenn wir nicht selbst absterben wollen.

Unsere deutschen Intellektuellen halten sich lieber zu denen, die zwar
an Hoffnungen arm, aber an Gold und Juwelen um so reicher sind --,
antwortete ich.

Er lchelte unglubig: Wirklich?! In einem Lande, das sprichwrtlich
reich an hungernden Dichtern und arm an Mnnern ist?!

Dann wurde er zerstreut, zog ein Blatt Papier aus der Tasche, berflog
es wieder und wieder und reichte es Jaurs: Ich bin kein Redner und
soll durchaus sprechen. Was meinen Sie, wenn ich das hier sage? Dabei
stieg die Rte der Verlegenheit in das gebrunte Gesicht des berhmten
Mannes.

Wir setzten uns zu Tisch. Ich konnte nicht glauben, da die vielen
Menschen um uns herum mit den selbstverstndlich guten Manieren, dem
freimtigen Ton, der ohne weiteres jeden Abstand der Bildung und des
Milieus ausglich, die rmsten der Armen waren. Ich sah es erst
allmhlich an den hohlen Wangen und sorgfltig vernhten Flicken auf den
Kleidern. Und doch aen und tranken sie, als ob sie alle Tage satt
wrden.

France sprach; stockend, schchtern, aber mit einem so warmen Ton in der
Stimme, da er alle gefangen nahm. Und dann wuten sie auch von ihm:
Unser groer France, flsterte stolz einer dem anderen zu, und ein
paar kleine Nhmdchen mit harten zerstochenen Fingern brachten ihm die
Veilchenstruchen, die sie im Grtel trugen.

Als ich am nchsten Tage wieder bei der Arbeit sa, war mein neuer Plan
fix und fertig: Haushaltungsgenossenschaften nannte ich ihn. In den
Arbeitervierteln der groen Stdte sollte jede Mietskaserne mit einer
Zentralkche versehen sein, die den Bewohnern ihre Mahlzeiten liefert.
In den Husern der Arbeiter-Baugenossenschaften mte der Anfang damit
gemacht werden; Kinderkrippen und Kinderhorte zum Tagesaufenthalt der
Mutterlosen sollten sich anschlieen; die genossenschaftliche
Wirtschaft, der Einkauf im Groen mte, so berechnete ich, die Kosten
fr die anzustellenden Arbeitskrfte aufbringen. Einsichtige Kommunen
wrden sich allmhlich bereit finden, solche, fr die physische und
moralische Gesundheit der Bevlkerung beraus wichtige Huser selbst zu
bauen. Mit der Befreiung von der doppelten Arbeitslast der
Hauswirtschaft und der auerhuslichen Erwerbsarbeit wrde einer der
wichtigsten Teile der Frauenfrage ihrer Lsung entgegengefhrt werden.
Und was fr die Arbeiterin galt, das galt ebenso fr die geistig ttige
Frau. Ich war so erfllt von meiner Idee, da ich vor freudigem
Herzklopfen nchtelang schlaflos blieb. Mit dieser Sache konnte ich bis
zum Erscheinen meines Buches nicht warten. Gerade jetzt, wo das Problem
der Erwerbsarbeit verheirateter Frauen auf der Tagesordnung stand, mute
ich damit hervortreten.

Ich schrieb an Wanda Orbin und teilte ihr mit, da ich an der Hand der
neuesten Fabrikinspektorenberichte eine kurze Broschre ber die fr die
Arbeiterinnenbewegung so wichtige Frage der Beschftigung verheirateter
Frauen in der Industrie schreiben wolle und von ihr nur erfahren mchte,
ob nicht etwa von anderer Seite hnliches geplant wrde. Irgendwelche
Details gab ich ihr nicht.

Sie antwortete mir umgehend, da sie selbst seit lngerer Zeit mit der
Bearbeitung der Frage beschftigt sei. Ich habe mich nunmehr
entschlossen, fuhr sie fort, die einzelnen Teile meiner Arbeit als
selbstndige Broschren erscheinen zu lassen, um sie weiteren Kreisen
leichter zugnglich zu machen. Die erste enthlt die grundstzliche
Auseinandersetzung der Frage der Fabrikarbeit verheirateter Frauen und
des gesetzlichen Arbeitterinnenschutzes, das Manuskript liegt im
wesentlichen bereits fertig vor... Sie werden mir kaum zumuten, auf die
Verffentlichung zu verzichten, weil an anderer Stelle die Behandlung
derselben Frage beabsichtigt wird...

Nein: ich dachte nicht daran, um so weniger, als es mir nichts genutzt
haben wrde. Ich wollte auch nicht mit Wanda Orbin in einen lcherlichen
Konkurrenzkampf eintreten. Mochte ihre Schrift zuerst erscheinen, -- mir
wrde nachher genug zu sagen brig bleiben.

Whrend der Monate, die wir noch in Paris verlebten, erschien sie jedoch
nicht, und die verschiedenen Parteibuchhandlungen wuten nichts von ihr.

       *       *       *       *       *

Schwer und grau hing der Winterhimmel ber Paris. Zuweilen tanzten weie
Flocken in der Luft, und dann schien's, als ob es hell werden wollte;
aber die schmutzige Strae verschlang sie. Die Obst- und Gemseauslagen,
die im Sonnenschein sonst so bunt und lockend den Vorbergehenden
angelacht hatten, sahen welk und unappetitlich aus. Die kleinen Mdchen
mit den schnfrisierten Kpfchen, die vor kurzem noch lachend und
kokettierend mit spitzen Hacken klappernd ber das Pflaster getrippelt
waren, liefen jetzt frstelnd ihres Wegs mit verfrorenen, mimutigen
Gesichtern.

Wer jetzt dicht am Kaminfeuer sitzen und trumen knnte! Aber nach wie
vor ging ich dieselben Wege durch alte enge Gassen und sa mit eisigen
Fen in dunkeln Bureaus. Wute ich noch, da es Paris war, in dem ich
lebte? Lebte?!! War das wirklich Leben?! Hatte nicht am Ende auch mich
die schmutzige Taglhnerstrae verschlungen? Mich, die ich licht und
frei sein wollte? Wenn wir abends zuweilen aus unserem stillen
Stadtwinkel zum rechten Seineufer hinbergingen, wo die Bogenlampen
festlich zu strahlen beginnen, wo hinter glnzenden Spiegelscheiben
Juwelen und Spitzen und mrchenhaft schimmernde Gewnder prahlend ihre
Schnheit entfalten und Equipagen und Automobile hin und wieder rollen,
aus denen schne Frauenkpfe nicken und lcheln wie seltene
Treibhausblumen hinter ihrem Glashaus, -- nur zum Schmuck einer Nacht
gezchtet, -- dann fhlte ich im verborgensten Winkel meines Herzens
einen stechenden Schmerz.

Am Eingang zum Opernhaus standen dicht gedrngt arme junge Mdels; sie
warteten auf die eleganten Damen, die mit seidenbeschuhten Fchen und
langen Schleppen den Wagen entstiegen. Sie lieen sich von den Rdern
mit Kot bespritzen, um vom Glanze des Lebens nur einen Schein zu
erhaschen.

Wir hatten bei einigen Parteigenossen Besuch gemacht, -- auch bei
Millerand, -- und waren mit einer Liebenswrdigkeit empfangen worden,
als wren wir lngst erwartete alte Freunde. Aber es blieb bei ein paar
frmlichen Einladungen mit oberflchlichen allgemeinen Gesprchen.
Whrend mein Mann einen unvereinbaren Gegensatz in dem Benehmen unserer
Gastgeber empfand, fhlte ich mich pltzlich in die Umgebung meiner
Jugend zurckversetzt und verstand sie.

Der Franzose ist ein geborener Aristokrat, er hat jene Kultur des
Benehmens, jene Liebenswrdigkeit der Form, die zugleich eine
unbersteigliche Mauer ist, hinter der sich das persnlich Menschliche
verbirgt.

Wir gerieten auch in einen literarischen Salon, dessen Herrin tout Paris
um sich zu versammeln verstand. Sie war von unverwstlicher Schnheit,
und ihre Kche war berhmt. Als wir nach Hause gingen, war mein Mann
befriedigt und angeregt und ich schlechter Laune. Hast du dich denn
nicht amsiert? fragte er mich schlielich.

Ganz und gar nicht, antwortete ich, und wenn ich nicht frchten
mte, da meine Ehrlichkeit mich in deinen Augen herabsetzt, --

Aber Alix, lachte er und zog meinen Arm fester durch den seinen, du
weit, da du mich immer entzckst, wenn du du selber bist.

So will ich's drauf ankommen lassen und dir gestehen, da ich die Rolle
des unbeteiligten Zuschauers in jeder Gesellschaft, -- und wre es die
interessanteste, -- unertrglich finde. Es ist ja sicher lehrreich, zu
erfahren, da der Wert der Frau in Paris mit dem Wert ihrer Kosmetik und
ihrer Toilette steigt und fllt, aber da ich auf dem Gebiet nicht
konkurrieren kann --

Heinrich lachte noch lauter. Du liebe Eitelkeit, du, war alles, was er
sagte, whrend die Rte der Beschmung mir noch auf den Wangen brannte.

Ein andermal folgte ich der Einladung einer der fhrenden
Frauenrechtlerinnen in die Redaktion ihrer Zeitung. Ich bewunderte schon
lange die Energie, mit der sie die Frauen -- franzsische Frauen! --
zwang, die politischen Tagesereignisse zu verfolgen, und an der Seite
der Zola und Jaurs an dem Kampf fr Dreyfus teilgenommen hatte. Ich
erwartete unwillkrlich eine typische Feministin: harte Zge, eckige
Bewegungen, mnnliche Kleidung. Schon die Rume, die ich betrat,
berraschten mich; sie hatten alle das Aussehen und das Parfm eines
eleganten Boudoirs. Ein paar Damen gingen vorber, -- sie htten ebenso
beim five o'clock im Grand Hotel erscheinen knnen. Dann kam die
Leiterin selbst. Wenn sie mir bei Maxim begegnet wre, ich htte mich
nicht gewundert. Ihre Schnheit hatte trotz aller statuenhaften Khle,
-- oder vielleicht gerade deshalb, -- etwas Sieghaftes.

Je radikalere Feministen wir sind, desto strker mssen wir unser
Weibsein betonen, sagte sie im Lauf des Gesprchs. Ich stimmte ihr
lebhaft zu und dachte an ihre deutschen Gesinnungsgenossinnen, die den
Gegensatz zwischen der Weltdame und der Frauenrechtlerin nicht genug
glaubten zeigen zu mssen.

Sie vergessen nur eins, fuhr ich fort. Die Pflege der Schnheit
kostet Zeit und Geld. Und die eigentlichen Trgerinnen der
Frauenbewegung, die Frauen, die heute im Kampf ums Dasein stehen, haben
keins von beiden.

Darum mssen wir es ihnen schaffen, warf sie lebhaft ein und fhrte
mich, um ihre eigene Ttigkeit nach dieser Richtung zu illustrieren, in
den Setzersaal, wo lauter junge Mdchen beschftigt waren. Unter den
groen Schrzen lugten zierliche Kleider hervor, die hbschen
Lockenkpfchen htten hheren Tchtern gehren knnen. Ihre Augen
folgten mit schwrmerischer Bewunderung der stolzen Gestalt ihres
weiblichen Chefs, die sich, umgeben von Veilchenduft, mit einem leisen
Wiegen in den Hften durch ihre Reihen bewegte. Ich hrte spter, sie
sei eine grande amoureuse, eine von jenen, deren Herzen kalt bleiben,
wenn ihre Sinne glhen. Ihre Mittel sind unerschpflich, sagte man mir
mit einem vielsagenden Lcheln. Mich interessierte dieser Typus, der mir
in Deutschland nicht wrde begegnen knnen. Ich versuchte, ihr nher zu
treten. Doch auch sie blieb stets dieselbe: geistvoll, liebenswrdig, --
aber unnahbar.

       *       *       *       *       *

Unser Pariser Aufenthalt neigte sich seinem Ende zu. Mein Buch war fast
fertig. Es fing schon an, sich von mir loszulsen und vor mir zu stehen
wie etwas Fremdes, nicht mehr zu mir Gehriges, mit dem ich auch
innerlich abgeschlossen hatte. Es war wie eine erstiegene Hhe, von der
aus ich nun weiter gehen mute. Meine Gedanken kreisten immer enger um
die neue Aufgabe, die wir uns gestellt hatten. Meine Hoffnungen, genhrt
von der Liebe zu meinem Mann, der seine Lebensbestimmung glaubte
gefunden zu haben, bertnten die leise warnenden Stimmen meines
Inneren.

Du kannst nur schaffen, wenn du dich selbst behauptest, sagten sie.

Du wirst die Sache zum Siege fhren, wenn du dich selbst hingibst,
frohlockte die Hoffnung.

Ich glaubte ihr.

Heinrich fuhr voraus nach Berlin. Ich erinnerte mich whrend der letzten
acht Tage, da ich in Paris war. Mein Junge jubelte, weil er nun jeden
Morgen mit Mamachen gehen durfte. Die Berta hatte auf ihren
Spaziergngen mit ihm viel mehr gesehen als ich; der kleine Bub wurde
mir zum Fhrer. Er kam sich dabei sehr wichtig vor. Zuerst zog er mich
in atemloser Eile durch die Tuilerien hindurch zu der Frau, die ein
Soldat war. Ich lchelte: war es doch meiner frhsten Kindheit Traum
gewesen, das Vaterland zu befreien wie sie! Stolz und siegessicher,
Frankreichs Fahne fest in der Hand, erhob sich ihr Standbild vor mir;
sie war den Stimmen in ihrer Brust gefolgt, -- unbeirrt; aus dem
Scheiterhaufen, der ihren Leib verzehrte, erhob sie sich nur noch
grer.

Die Jungfrau von Orleans, -- ist das ein Mrchen? fragte der Kleine,
als ich ihm die Geschichte erzhlt hatte, und sah mit nassen Augen zu
der Reiterin empor.

Nein, es ist Wahrheit, antwortete ich.

Warum verbrannten sie denn die bsen Menschen? Auf seine glatte
Kinderstirn gruben sich tiefe Falten des Zornes.

Sie vertragen nur, was ihresgleichen ist, sagte ich leise, wie zu mir
selbst.

Unter der hohen Kuppel des Invalidendomes standen wir miteinander. Ein
breiter Strom blulichen Lichtes entsprang ihr und wogte tief unten um
den roten Porphyr, der des groen Korsen Gebeine umschliet. Der Gang
ringsum, die Kapellen zur Seite schienen im Dmmer zurckzutreten. Mit
leiser Stimme erzhlte ich von dem armen Knaben aus Ajaccio, der, seinem
Sterne getreu, die Welt eroberte, der das Testament der Revolution
vollzog, und der auf der Felseninsel im Weltmeer starb -- in Ketten.

Auch weil -- weil -- das Kind neben mir suchte nach den Worten, deren
Sinn er nicht verstanden hatte; weil er zu gro war fr die anderen,
ergnzte ich.

Am letzten Tage vor unserer Abreise kmpfte der erste
Frhlingssonnenschein mit den schwarzgrauen Regenwolken; grne Spitzchen
lugten neugierig an Bschen und Bumen aus braunen Hllen hervor; die
Kinder mit den langen gedrehten Locken bevlkerten wieder die Grten.

Ich war stundenlang im Louvre gewesen. Ich hatte die Menschen, die
Welt, die Jahrhunderte durch die Augen der Grten aller Zeiten gesehen
und fhlte meinen Geist heller, mein Herz wrmer werden. In der Kunst
kommt es nicht darauf an, wie die Welt ist, sondern wie die Augen sind,
die sie betrachten. Nur der Knstler hat recht, dem sie immer Objekt
bleibt, der im Hlichen noch das Schne, im Bsen das Menschliche
findet.

Und nun, zum Abschied, nahm ich noch einmal den Kleinen mit mir.

Zur Gttin der Griechen wollen wir, sagte ich ihm, die Odysseus und
Achilles anbeteten.

Die Leute drehten sich um, lchelnd, spottend, entrstet, als sie mich
mit dem Kind an der Hand durch die Sle gehen sahen, bis dahin, von wo
der Venus von Milo weie Gestalt uns entgegenleuchtete.

Warum beten die Menschen nicht? flsterte mein Sohn, der die Mtze vom
Kpfchen gezogen hatte.

In einsamer Herrlichkeit stand sie vor uns, im Bewutsein ihrer Macht
und Schne, zeitlos, beziehungslos. Ihr Blick schweifte hinweg ber die
Menge, gleichgltig, ob sie ihr Opfer zndete oder die Linien ihres
Krpers mit dem Zirkel ma. Sie herrschte, sie begeisterte und belebte,
nicht weil sie vom Sockel stieg in den Dienst der Massen, sondern weil
sie vollendet war in sich.

Droben in den Slen hingen die Bilder aller derer, die die Menschen,
denen sie dienten, gekreuzigt hatten: die Heiligen, die Madonnen, die
Christuskinder. Sollte der Zweck des Daseins nicht doch der Olymp der
Griechen und nicht der Himmel der Christen sein?

Ich strich mit der Hand ber die Stirn. Es war etwas wach geworden in
mir, das schlafen mute.

Ein weiches Hndchen nestelte sich in das meine: Warum hat die Gttin
keine Arme, Mamachen?

Zur Strafe, weil sie die Menschen nicht festhielt, die ihrem Tempel
entliefen.




Elftes Kapitel


Es war ein Sonntag, als wir Berlin wiedersahen. Mir schien, als wren
wir Fremde. Wie klein, wie armselig war das alles: die Linden mit ihren
kraftlosen Bumen und stillosen Husern, der Pariser Platz mit seiner
bedrckenden Engigkeit. Und die neuen Stadtteile: eine gute Brgersfrau,
die sich herausgeputzt hat, und das bichen echte Kultur, das sie besa,
darber vollends verlor. Dazwischen die Feiertagsbummler: Der Kontrast
zwischen ihrer kreischenden Lautheit in Tnen und Farben und dem matten
Grau des Mrztages tat Augen und Ohren weh.

Ich mchte wissen, wo ich zu Hause bin, seufzte ich und legte mich
abends mit jenem Gefhl innerer Leerheit schlafen, das uns zuweilen
berkommt, wenn wir eine Staatssoire hinter uns haben. Mir trumte von
einem riesigen Wasserfall. Noch im Halbschlaf am Morgen hrte ich sein
Rollen und Rauschen, und je wacher ich wurde, desto strker schwoll es
an. Vom Potsdamer Platz herauf klang es; Straenbahnen, Omnibusse,
Lastwagen, eilende Menschenfe waren die Instrumente dieses Konzertes;
Berlin ging auf Arbeit. Da war kein Winkel ohne Leben.

Drben in der Leipzigerstrae waren unter der Spitzhacke alte
Mauern zusammengebrochen, und sieghaft erhob sich jetzt, von
Riesengranitpfeilern getragen, ein mchtiges Warenhaus, wie selbst Paris
es nicht kannte, aus dem mrkischen Sand. Kein Basar, dessen Bau Gotik,
Barock und Renaissance durcheinanderwirft, wie seine reklameschreienden
Schaufenster die Waren, -- ein Stck neuer Kultur vielmehr, die die
Schnheit der Zweckmigkeit erkannte und doch allen Zauber der Kunst
ber sie ausgo. Die Menschen strmten aus und ein. Sie trugen von all
jenen glnzenden Goldblumen und kstlichen Steinreliefs, die seine
inneren Rume schmckten, von den farbenleuchtenden Onyxplatten und
gemalten Holzdecken, von den Feuertropfen und Lichtgirlanden einen
Schimmer von Schnheit mit sich nach Haus.

Jenseits des Platzes waren Baumriesen gestrzt, denn dem Verkehr mute
die Strae sich weiten, und an der Peripherie der Stadt standen
reihenweise die Holzgerste, wie gewaltige Pallisaden, -- Zeichen dafr,
da das alte Kleid ihrem Riesenleibe zu eng wurde.

Ein Emporkmmling ist sie, -- gewi! Aber keiner, den das Glck aufwrts
trug. Vielmehr einer, der sich durch die Kraft seiner Fuste den Weg
bahnte.

Wie die Menschen liefen und hasteten! Sie kannten jenes gemchliche
Schlendern nicht, mit dem Lcheln der Behaglichkeit auf den Lippen und
kokettierenden Blicken hin und her. Aller Zge schienen gespannt von
nervser Eile, von sorgender Angst, von lastenden Gedanken.

Klingendes Spiel, feste Schritte im Takt kndeten das Nahen von
Soldaten. Der Verkehr stockte. Wo in Preuen die bewaffnete Macht
erscheint, gehrt ihr die Strae. Und hypnotisiert durch den Marsch,
durch die Masse, durch wehende Federbsche und blinkende Uniformen,
drngte jung und alt ihr nach, ihr voran.

Die Alexander-Grenadiere bezogen heute ihre neue Kaserne: in nchster
Nhe des Schlosses war sie errichtet worden, eine Zwingburg mit Mauern
und Schiescharten; und vom Lustgarten aus fhrte der Kaiser selbst
seine Garde dem neuen Heime zu, whrend die Polizei in weitem Bogen das
gaffende Volk beiseitedrngte, damit der Herrscher allein blieb mit
seinen Truppen. Ihr seid die Leibwache eures Knigs, sagte er, und
wenn diese Stadt noch einmal wie Anno 48 sich wider ihn erheben wird, so
seid ihr berufen, die Frechen und Unbotmigen mit der Spitze eurer
Bajonette zu Paaren zu treiben.

Frwahr, wenn ich mich bis jetzt wie in einem Traum befunden hatte, nun
wute ich: wir waren in Berlin.

       *       *       *       *       *

Wir gingen mittags zu Erdmanns. Sie waren erst krzlich von einer langen
Seereise zurckgekehrt, die der Arzt ihnen verordnet hatte, und
schienen, nach den Briefen meiner Schwester zu schlieen, befriedigt von
ihrem Erfolg. Und nun standen sie mir gegenber, so anders als ich sie
verlassen hatte. Scharf und eckig traten die Backenknochen aus meines
Schwagers Gesicht hervor, sein Anzug hing um ihn, als wre sein Krper
nichts als ein Knochengerst. Nur sein Geist schien lebensvoller als je
und sprhte Funken. Das Schwesterchen dagegen war ebenso still, wie sie
bla und schmal war. Wo war das runde Kindergesicht und die glnzenden
Augen? Seltsam: auch aus ihren Haaren war der Goldschimmer
verschwunden; es lag wie Asche auf ihnen. Die einstmals lauter Wrme
ausstrmte, hatte eine Atmosphre abweisender Khle um sich. Ihre Lippen
glichen jetzt denen meiner Mutter: scharf, schmal, blutlos. Ich sah, da
sie sich mir nicht ffnen wrden, und forschte in ihren Zgen; aber auch
sie blieben verschlossen. Ob sie unglcklich war, weil sie kein Kind
hatte? Erdmann spielte stundenlang mit meinem Buben, whrend sie ihn
kaum mit einem Blick streifte. Wir sprachen von der Mutter, die den
Winter in Italien verlebt hatte und Briefe schrieb wie ein junges
Mdchen, das zum erstenmal in die Welt sieht.

Sie ist glcklich, seitdem sie allein ist, sagte Ilse. Ein flehender,
gequlter Blick ihres Mannes traf sie.

Was spielst du jetzt? fragte ich, zum Flgel deutend, um das Gesprch
abzulenken.

Ich habe die Musik aufgegeben, sie macht mich nervs, antwortete sie.

Auch die Oper??

Die erst recht! Die offenen Muler und gespreizten Arme all der dicken
Tenre und Primadonnen zerstren jeden Rest von Illusion. Man kann sie
bestenfalls ertragen, wenn man geschlossenen Auges zuhrt. Aber da man
immer den brigen Pbel um sich hat -- --

Sie unterbrach sich und schrzte ein wenig spttisch die Lippen: Ach
so, -- entschuldige! Ich verga, da ich euer proletarisches Empfinden
krnken knnte.

Erdmann lachte. Nun -- nun, meinte er begtigend, der Pbel des
Parketts drfte doch auch in euren Augen mit dem Proletariat nicht
identisch sein. brigens bin ich mit Ilse einer Meinung: der Zirkus und
das berbrettl sind fr unsereins allein noch ertrglich. Hohe Kunst auf
der Bhne ist verletzend fr Menschen von Kultur. Man sollte dafr
Marionettentheater schaffen, oder sechsfache Schleier vor die Darsteller
hngen, damit sie wie Schatten wirken.

Unvergleichliche Wirkungen mten sich dadurch erzielen lassen, sagte
Ilse, etwas lebhafter werdend, zum Beispiel mit herrlichen Sachen, wie
diesen hier. Sie wies auf das neuste Heft der Bltter fr die Kunst,
das dramatische Gedichte von Schlern Stefan Georges enthielt.

Ich lese sie noch immer nicht, entgegnete ich lchelnd; weniger denn
je kann ich heute die hochmtige Abkehr vom Leben vertragen, die das
Kennzeichen all dieser Menschen ist. Sie berauschen sich am Klang der
Sprache und bekommen, wenn es zu handeln gilt, zittrige Hnde wie
Absinthtrinker.

Wir gerieten in eine Debatte, die sich immer schrfer zuspitzte. Ilse
bekam heie Wangen und mitten im Gesprch einen heftigen Hustenanfall,
der mich angstvoll aufhorchen lie. Erdmann sah in diesem Augenblick wie
verstrt drein. Und wie um gewaltsam den Eindruck abzuschtteln,
beschlo er, uns durch den Tiergarten zum Hotel zurckzubegleiten.

Ich bin zu mde --, sagte Ilse.

In der frischen Luft wirst du schon munter werden, damit drngte er
sie hinaus.

Wir begegneten vielen Menschen, die Erdmanns grten. Das stimmte ihn
frhlich. Lauter Leute, die ich einrichte, sagte er. Wenn ich erst
all den Berlin-W.-Protzen zu anstndigem Wohnen verholfen haben werde,
kann ich den ganzen Kram an den Nagel hngen und Pinsel und Palette
wieder vorholen. Was, mein kleines Ilschen?! Und zrtlich schob er
seinen Arm in den ihren. Aber sie senkte den Kopf nur noch tiefer.

       *       *       *       *       *

Als die Mutter zurckkehrte, uerlich und innerlich verwandelt, frisch
und strahlend, dabei mit gesteigertem Lebensdurst, der sich auf alles
strzte, was sich ihr bot, lag Erdmann fiebernd zu Bett.

Er wird sich erholen, sobald es warm wird, sagte sie zuerst, und
erzhlte voll freudigem Eifer von ihren schweizer Sommerplnen. Ein paar
Tage spter sah ich sie wieder: gerade, steif, mit zusammengekniffenen
Lippen, wie damals, als der Vater noch lebte. Die rzte hatten sie
aufgeklrt. Erdmann hatte die Schwindsucht, Ilse schien angesteckt.

Wir nahmen Abschied von Erdmanns. Sie sollten in ein heidelberger
Sanatorium bersiedeln. Die seidene Decke, unter der er lag, bauschte
sich kaum sichtbar ber dem Krper; die mageren Finger fhrten eifrig
den langen Bleistift ber das Papier auf seinem Scho. Ich mu doch fr
Prinzessin Ilse Geld verdienen, und ein leidenschaftlicher Blick traf
die schne junge Frau, die ihm mit gesenkten Lidern, ruhig und
pflichttreu, die Arznei zum Munde fhrte.

Ich kmpfte mit den Trnen, als ich nach Hause kam. Nicht nur, weil
meine Schwester in einem Augenblick, wo ich sie unglcklich wute, mir
fremd, fast feindselig gegenberstand, sondern weil sie das Opfer einer
Ehe war, von der ich sie vielleicht htte zurckhalten knnen. Ich
empfand ihre Khle wie einen Vorwurf.

Vor Kinderschmerzen hast du mich einst gehtet, schienen ihre Augen zu
klagen, warum hast du mich vor dem schlimmsten nicht bewahrt? Und wenn
sie meinen Buben geflissentlich bersah, so wute ich, was sie damit
sagen wollte: Du hast mich ber ihm vergessen.

       *       *       *       *       *

Unser Einzug in die neue Wohnung, -- einem Gartenhaus der Uhlandstrae,
-- war kein frhlicher. All die tausenderlei Dinge, die mit ihm
zusammenhingen, vom Auslsen der Mbel auf dem Speicher bis zu den
Lhnen der Handwerker, hatte unser letztes Geld verschlungen.

So mach dir doch nichts draus, -- qule nicht dich und mich mit
unntzen Sorgen, rief Heinrich heftig, als ich ihm unsere Lage
auseinandersetzte. Ich schwieg verletzt. Er war wie ein geistig
Weitsichtiger, der das Nchste nicht sieht, dem immer nur das Ferne
gegenwrtig ist. Der Plan seiner Zeitschrift beherrschte ihn vllig. So
mute ich mir selber helfen. Ich bat den Verleger meines Buches um mein
Honorar. Er erfllte meinen Wunsch ohne weiteres. Heinrich aber wunderte
sich nicht einmal, wieso ich pltzlich Geld hatte. Fr ihn schienen die
pekuniren Seiten des Lebenskampfes nicht zu existieren, mir dagegen
nahmen sie alle Schwungkraft und machten mich bis zur Grausamkeit bitter
gegen ihn. Bat ihn jemand um ein Almosen oder um ein Darlehn, so gab er,
was er in der Tasche hatte. Wagte ich einen leisen Vorwurf, so gruben
sich seine Stirnfalten noch tiefer, und es kam immer hufiger vor, da
er mir mit einem: Sieh lieber, da deine Berta dich nicht betrgt!
antwortete. Dann erst war die Entzweiung eine vollkommene. Nichts schien
mir ungerechter, als dieses Mdchen zu verdchtigen, das sich fr uns
aufopferte und nicht einmal eine Aufwrterin zu ihrer Hilfe zulie. Da
sie allmhlich in ihrem Aussehen und Benehmen zu einem Frulein
geworden war, schien mir im Interesse meines Jungen nur vorteilhaft,
whrend Heinrich es als Folge meiner Verwhnung ansah und behauptete,
ich verdrbe nur das einst so schlichte Bauernmdchen.

Lange freilich whrten unsere gegenseitigen Verstimmungen nie. Vor den
klaren Augen unseres Kindes, denen nichts entging, schmten wir uns
ihrer. Seine Jugend sollte nicht durch den Unfrieden seiner Eltern
vergiftet werden, wie die meine.

Nu lach doch wieder ein ganz kleines bichen! Damit kletterte er
schmeichelnd auf seines Vaters Knie. Nich wahr, Mamachen, du gibst dem
Heinzpapa gleich einen dicken, runden Ku! Damit lief er zu mir und
legte das weiche Bckchen zrtlich an meine Wange.

Waren wir so vershnt, so fhlten wir den Stachel nicht, der sich
trotzdem immer tiefer in unsere Herzen bohrte.

       *       *       *       *       *

Gleich nach unserer Ankunft hatte ich den Genossinnen meine Rckkehr
mitgeteilt. Auch das war der Anla zu einer kleinen Auseinandersetzung
zwischen uns gewesen.

Willst du dich wirklich wieder in die unfruchtbare Arbeit strzen?!
sagte mein Mann rgerlich.

Gewi, entgegnete ich mit jener Gereiztheit, die mich immer berkam,
wenn ich meine persnliche Freiheit durch ihn gefhrdet glaubte. Ich
sehe die Frauenbewegung mehr denn je als das Gebiet an, auf dem ich
wirken mu.

Du wirst in unserer Zeitschrift genug fr sie tun knnen, -- mehr als
in eurem Kaffeekrnzchen!

Ich zuckte spttisch die Achseln und meinte gedehnt: Wenn ich darauf
warten soll! Im selben Moment aber bereute ich schon, ihn an seiner
empfindlichsten Stelle verletzt zu haben. Es lag wahrhaftig nicht an
ihm, wenn seine Idee noch nicht verwirklicht war.

Unsere Gesinnungsgenossen, mit Einschlu von Bernstein, der sie noch von
London aus in Briefen an meinen Mann lebhaft begrt hatte, stimmten ihr
rckhaltlos zu, aber es fand sich niemand, der auch nur einen Pfennig
fr sie gegeben oder sich sonst um ihre Ausfhrung bemht htte. Da
auch dies nur ein Symptom fr die Uneinigkeit und Unklarheit des
Revisionismus war, empfand jeder von uns. Eine Bewegung war vorhanden,
aber es fehlte ihr die starke Hand eines Fhrers, der sie
zusammenzufassen und ihr Richtung zu geben vermag. Wir erwarteten fr
die Sache wie fr unseren Plan, der ja nur in ihren Diensten stehen
sollte, von dem persnlichen Eingreifen Bernsteins nicht wenig.

An einem Maienabend des Jahres 1901, dessen Luft vom Brodem
lebensschwangerer Erde so gesttigt war, da er selbst mitten in der
steinernen de der Stadt fhlbar wurde, drngten sich die Menschenmassen
in einem engen Saal dicht zusammen; sie trugen in ihren Haaren und
Kleidern den Duft des Frhlings mit herein, und der ganze Raum schien
erfllt von seinem Fieber. Es waren keine Arbeiter. Aber die
intellektuelle Jugend war es. Besann sie sich endlich auf sich selbst?
War sie im Begriff, Ideale aufzurichten, die einer groen Kraft und
eines groen Kampfes wrdig waren? Die sozialwissenschaftliche
Studentenvereinigung Berlins hatte diese Versammlung einberufen und
Eduard Bernstein zum Redner gewhlt. Ihre berhmtesten Lehrer saen
unter ihnen, dazwischen die politischen Fhrer jener Linken, -- die
Barth, die Naumann, die Gerlach, -- die, abgestoen von allen anderen
brgerlichen Parteien, zwischen ihnen und der Sozialdemokratie die
unfruchtbare Rolle des Puffers spielte. Sie alle hofften, -- bewut oder
unbewut, -- da dieser Abend irgendeine Quelle erschlieen wrde, an
der sie nicht nur ihren Durst stillen knnten, sondern deren Wasser sich
zum Strome weiten und alle ihre irrenden Schiffe zu tragen vermchten.

Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus mglich? lautete die Frage, auf
die Bernstein die Antwort geben wollte. Er trat an das Rednerpult.
Hinter den Brillenglsern sahen seine kurzsichtigen Augen mit einem
verlegen-erstaunten Blick auf die Menge der Zuhrer. Dann sprach er.
Mit einer Stimme, die brchig klang. In abgehackten Stzen. Ein Mann,
der an die Enge der Studierstube gewohnt war, nicht an die
Volksversammlung. Schon zog der Schatten der Enttuschung ber den
hoffnungsfrohen Glanz auf den Gesichtern. Schchtern und leise tauchte
hie und da schon die Frage auf: Was hat er eigentlich? -- Was will er?

Da der Sozialismus von spekulativem Idealismus erfllt und darum nicht
Wissenschaft sei, die im voraussetzungslosen Streben nach Erkenntnis
bestehe; da die Arbeiterbewegung vom Wollen eines bestimmten Zieles,
vom Glauben an ein bestimmtes Zukunftsbild getragen sei und nicht vom
Wissen, -- es war kaum mglich, aus der langen Rede etwas anderes
herauszuhren, als diese wenigen, fr den Ausgangspunkt einer neuen
Bewegung viel zu negativen Gedanken.

Zuweilen schien es, als ob der Vortrag nichts wre als das laut
gewordene Grbeln eines Menschen ber Dinge, die ihn selbst noch als
Probleme qulen. Er war so mit sich beschftigt, da er nicht fhlte,
jener elektrische Strom, der ihn zuerst mit den Zuhrern verband, sich
mehr und mehr verflchtigte, statt da er ihn benutzt htte, um die
unerschtterten, befreienden Gedanken des Sozialismus diesen offenen
Seelen einzuprgen, ihnen den Willen zur Tat zu vermitteln, nach dem
ihre junge Kraft sich sehnte.

Wir hatten einen Knder neuer Wahrheit erwartet, und ein Zweifler war
gekommen, dem des Pontius Pilatus Frage Geist und Gewissen bewegte.

Ein feiner durchdringender Regen rieselte hernieder, als wir den Saal
verlieen. Mich frstelte. Ich wre am liebsten still nach Hause
gegangen.

Nun?! In diesem zweieinhalbstndigen Redeflu sind Ihnen wohl alle
Felle weggeschwommen? sagte eine sarkastische Stimme neben mir. Ich sah
in Rombergs lchelndes Gesicht und machte eine abwehrende Bewegung; mir
war nicht zum Scherzen zumute. Und nun rasch, kommen Sie beide mit, in
irgend einen gemtlichen Winkel. Wir haben uns eine Welt zu erzhlen;
damit versuchte er, einen Weg durch die Menge zu bahnen. Seine
aufrichtige Freude ber unser Wiedersehen tat mir in diesem Augenblick,
in dem ich so viel verloren zu haben glaubte, doppelt wohl.

Lassen wir's heute, meinte mein Mann mimutig, wir wrden nur Ihre
gute Laune verderben.

Oder ich Ihre schlechte, da meine die dauerhaftere ist, lachte
Romberg.

Wir gingen zusammen in eins der zunchst gelegenen Restaurants, aber der
gemtliche Winkel, den wir uns aussuchten, wurde rasch zum
Kriegsschauplatz, denn eine ganze Gesellschaft Versammlungsbesucher fand
sich allmhlich ein, und jeder hatte das Bedrfnis seinem Herzen Luft zu
machen. Es zeigte sich nun erst recht, wie unklar Bernstein gesprochen
hatte: je nach der politischen oder philosophischen Richtung, der der
einzelne zugehrte, gab er seinen Worten eine andere Deutung.

Das Todesurteil des Marxismus! triumphierte der Nationalsoziale.

Nein, antwortete scharf einer unserer radikalen Parteigenossen, ein
Todesurteil seiner selbst! Er hat als wissenschaftlicher Sozialist
abgedankt.

Und nun wurden aus seiner Rede einzelne Stze herausgerissen, die der
und jener sich notiert hatte, und betrachtet und zerpflckt. Als eine
Rckkehr zum Utopismus wurde bezeichnet, da er die Wnschbarkeit einer
sozialistischen Gesellschaftsordnung fr den Hebel der Agitation und
die werbende Kraft der Partei erklrt hatte.

Nur alte wunderglubige Weiber lockt man damit hinter dem Ofen hervor,
spottete einer; auch das himmlische Jerusalem war 'wnschbar', und doch
haben wir die Fahrt dahin aufgegeben, weil seine Existenz unbeweisbar
blieb.

Vollends lcherlich, fgte ein anderer hinzu, ist die Behauptung, da
die Einsicht in die grere Gerechtigkeit sozialistischer Einrichtungen
uns zu Sozialisten gemacht hat. Mag sein, da Mitleid mit den Armen,
Emprung gegen die Ungerechtigkeit manch einen zuerst in unsere Reihen
trieb. Aber bloe Empfindungen verflchtigen sich, wenn die Erkenntnis
sie nicht auf realen Boden zwingt. Wrde Bernstein wirklich die Frage
nach der Wissenschaftlichkeit des Sozialismus verneinen knnen, so wre
er so viel wert, als das Christentum bisher gewesen ist.

Romberg hatte zuerst ruhig zugehrt.

Jetzt zerzausen sie den armen Bernstein, weil er ihnen nicht die letzte
Wahrheit gab! sagte er nun, whrend aller Augen sich auf ihn richteten.
Die Wissenschaft ist doch nichts Fertiges, sondern ein ewiges Suchen!
Er sucht, und beweist dadurch, da er denkt. Wissenschaftlich abgedankt
hat nicht er, sondern haben diejenigen seiner Gegner, die jeden Satz im
Lehrgebude des Sozialismus fr ein unersetzliches Glied in der Kette
der sozialistischen Beweisfhrung halten. Dieser Dogmatismus knnte die
Bewegung tten, nicht aber der Revisionismus, auch wenn er sich noch so
tppisch gebrdet.

Bernsteins Kritik vernichtet doch aber geradezu grundlegende Ideen des
Marxismus? wandte der Nationalsoziale ein.

Und wenn schon?! antwortete Romberg. Der Bau des marxistischen
Systems ist so genial, da sich Mauern herausbrechen lassen, ohne ihn zu
gefhrden. Die Tatsache des Klassenkampfes schaffen Sie nicht aus der
Welt, sie allein gengt, um die Naturnotwendigkeit des Sozialismus zu
beweisen. Er trank sein Glas leer und erhob sich mit einem hochmtigen
Blick auf die verdutzten Gesichter der Tischgenossen. Unser Schicksal
ist unentrinnbar, -- damit mu man sich abfinden, sagte er, aber
wnschbar -- wei Gott! -- ist's fr unsereinen nicht. Ich bin blo
froh, da die berhmte 'lutte finale' sich erst auf meinem Grabe
abspielen wird.

Wir gingen zusammen.

Ich danke Ihnen, sagte ich, als wir drauen waren; der niederdrckende
Eindruck der Rede Bernsteins war verwischt.

Im Grunde habe ich ja auch nur fr Sie gesprochen --, es war der
teilnehmende Blick eines Freundes, mit dem er mir bei den Worten in die
Augen sah, -- ich bin so gewohnt, Sie stark zu sehen, da mir Ihr
Kummer frmlich weh tat.

Er begleitete uns bis nach Haus. Mein Mann weihte ihn in unsere Plne
ein.

Und Sie sind einverstanden? Sie wollen am Ende gar mittun?! wandte er
sich an mich.

Mit allen Krften, -- gewi! antwortete ich. Was knnen Sie dagegen
haben, nach all den Gedanken, die Sie heute ber den Sozialismus
entwickelten.

Ich mag Sie mir nicht vorstellen, -- auf dem Drehschemel vor dem
Redaktionspult, -- die Schmierereien anderer Leute korrigierend. Sie
gehren ins achtzehnte Jahrhundert --

Gewi! An die Seite der Madame Roland --! unterbrach ich ihn rasch.

Nach und nach erwrmte er sich fr unseren Gedanken. Mit all dem
Kleinbrgerlichen, Philistrsen in Ihrer Partei werden Sie grndlich
abrechnen mssen, meinte er im Laufe des Gesprchs, weite Horizonte
geben, die ber den Misthaufen des Nachbarn hinausgehen. Und er
verbreitete sich ber die Stellung der Partei zur auswrtigen Politik.

Hier trennen sich unsere Wege, lieber Professor, sagte mein Mann. Sie
werden kaum erwarten, da ich als Sozialdemokrat auf diesem Gebiet Ihre
Wandlungen mitmache.

Wandlungen?! Wieso?! ereiferte sich Romberg. Es entspricht der
Konsequenz meiner Entwicklung, da ich fr den Kolonialbesitz
Deutschlands eintrete und demzufolge fr die Flottenvorlage agitiert
habe. Traurig genug, da ihr Sozialisten euch, scheint es, erst belehren
lassen werdet, wenn ihr die Macht im Staate habt! Das ist, -- verzeihen
Sie, liebe Freundin! -- der unglckselige feministisch-sentimentale
Einschlag in der Sozialdemokratie, der sie fr die notwendigen, groen,
-- wenn Sie wollen -- grausamen Forderungen der Kultur blind und taub
macht. Der Kampf um die Macht ist die Bedingung unserer Entwicklung.
Die Frage, die uns die Weltgeschichte stellt, ist einfach die: soll uns
die Erde gehren oder den Negern und den Chinesen? Die Antwort scheint
mir nicht zweifelhaft.

Ich sah emprt zu ihm auf: So sind Sie fr das Chinaabenteuer mit all
seinem Gefolge von Hunnentum und fr die Kolonialkriege mit all ihrer
Unmenschlichkeit?! Das heit doch nicht, Forderungen der Kultur
erfllen, sondern die Kultur preisgeben, die wir haben!

Ich bin fr die Erschlieung Chinas, die fr unseren Handel eine
Notwendigkeit ist; ich bin fr die Kolonialkriege, die den Boden
gewinnen fr unsere Volksvermehrung, aber daraus folgt doch nicht, da
ich die Greuel des Krieges verteidige. Ich nehme sie nur um der greren
Werte willen in den Kauf, wenn sie unvermeidlich sind ... Wir wrden
heute noch in Urwldern wohnen, wenn wir mit den wilden Tieren Mitleid
gehabt htten.

Eine lebhafte Debatte ber die volkswirtschaftliche Bedeutung der
Kolonien und der offenen Tr Chinas entspann sich zwischen meinem Mann
und Romberg. Ich hrte kaum zu; der Gedanke an die Urwlder und die
wilden Tiere lie mich nicht los und spann sich wie von selber weiter.
Ich horchte erst auf, als Romberg sagte: Wenn die Sozialdemokratie sich
nicht entschliet, die Sache der Starken zu fhren, so wird ihr Sieg
eine Niederlage der Menschheit sein.

Vor unserer Haustr nahmen wir Abschied voneinander.

Was wird denn aber mit dem Archiv? wandte sich Romberg noch einmal an
Heinrich; es wre ein Jammer, wenn es zugrunde ginge!

Mein Mann zuckte die Achseln. Wissen Sie einen Kufer dafr? fragte
er statt einer Antwort.

Einen Kufer? -- Vielleicht! meinte Romberg nachdenklich.

Eine leise Hoffnung stieg in uns auf.

       *       *       *       *       *

An einem der folgenden Tage kam ich zum erstenmal seit meiner Rckkehr
mit den Genossinnen zusammen. Man empfing mich khl, -- fast als bedaure
man, mich berhaupt wieder zu sehen. Ich unterdrckte den aufsteigenden
rger. Bald wrden sie mir ganz anders begegnen. Lag erst mein Buch in
ihren Hnden, -- das Buch, das eine wissenschaftliche Leistung und ein
Bekenntnis war, -- so wrden sie mich alle freudig willkommen heien.

In dem Jahr meiner Abwesenheit waren die Fortschritte der
Arbeiterinnenbewegung nicht erheblich gewesen. Man hatte versucht, durch
Einrichtung von Beschwerde- und Auskunftsstellen einen persnlichen
Zusammenhang mit den der Bewegung noch fremd gegenberstehenden
Arbeiterinnen zu schaffen. Ich lchelte unwillkrlich, als ich davon
hrte. Vorschlge der Art hatte mein so leidenschaftlich bekmpfter Plan
eines Zentralausschusses fr Frauenarbeit enthalten.

Fr den Arbeiterinnenschutz und gegen die Beschrnkung der Fabrikarbeit
verheirateter Frauen war auf Grund eines Parteitagsbeschlusses eine
grere Agitation entfaltet worden. Die Erfolge waren minimal.

Es fehlt uns immer noch an packenden Schriften, die wir verbreiten
knnten, meinte eine der Frauen.

Ist denn Genossin Orbins Broschre noch nicht erschienen? fragte ich
und begegnete erstaunten Gesichtern.

Genossin Orbins Broschre?! wiederholte Ida Wiemer. Von der wissen
wir nichts!

Ich habe doch darauf hin meine eigene Absicht, eine solche zu
schreiben, aufgegeben! rief ich aus, -- noch immer wollte ich nicht
glauben, woran doch nicht mehr zu zweifeln war: sie hatte mich nur an
der Arbeit hindern wollen! Martha Bartels lchelte ironisch. Ich hrte,
wie sie ihrer Nachbarin zuflsterte: Sie will sich nur aufspielen, --
uns glauben machen, da sie auch mal was zu arbeiten die fromme Absicht
hatte --, und ich sah wie ihre Worte von Mund zu Mund gingen und die
Mienen sich klrten.

Wenn Sie sich mit der Frage beschftigt haben, sagte sie dann laut und
hochmtig, so knnen Sie ja ein paar Referate bernehmen.

Ich war bereit dazu.

Vielleicht sprechen Sie auch bei uns? fragte die Vorsitzende des
Arbeiterinnenbildungsvereins; es mte freilich ein anderes Thema
sein.

Gern! antwortete ich und war entschlossen, die Frage der
Haushaltungsgenossenschaft bei der Gelegenheit zur Errterung zu
bringen.

Frauenarbeit und Hauswirtschaft nannte ich meinen Vortrag, der schon
eine Woche spter stattfand. Der niedrige, enge Raum der Arminhallen war
berfllt, als ich eintrat. Eine Anzahl brgerlicher Frauenrechtlerinnen
suchten sich in den Winkeln des Saales zu verbergen. Sie hatten mein
Auftreten bei Gelegenheit des internationalen Frauenkongresses nicht
vergessen und zeigten nicht gern ihr Interesse fr mich.

Ich stellte in groen Zgen die Entwicklung der Frauenarbeit dar, von
ihrer ersten Beschrnkung auf das Haus bis zu ihrer heutigen Ausdehnung
auf alle Berufe, und die parallel laufende Evolution der Hauswirtschaft
von jenen Zeiten an, wo innerhalb ihres Kreises alle Bedrfnisse der
Familie hergestellt wurden, bis zur Gegenwart, wo nichts von ihr brig
geblieben war als der Herd. Ich schilderte die Lage der erwerbsttigen
Familienmtter, die physischen und seelischen Gefahren, denen ihre
Kinder ausgesetzt sind, und ich errterte die Zunahme der Berufsarbeit
verheirateter Frauen nicht nur auf dem Gebiet der manuellen, sondern
auch auf dem der geistigen Arbeit. Die unausbleiblichen Folgen dieser
Tatsachen liegen auf der Hand: entweder bricht der weibliche Krper
unter der doppelten Arbeitslast des Hauses und des Berufs vorzeitig
zusammen und der Geist bt seine Leitungskraft ein, oder die
Huslichkeit wird vernachlssigt, und die junge Generation wird durch
Mangel an Pflege und hygienisch einwandfreier Ernhrung aufs uerste
geschdigt ... Die Gefahr ist zu gro, zu dringend, als da wir uns mit
dem Appell an die Hilfe des Staats gengen lassen drften, wir mssen zu
gleicher Zeit zur Selbsthilfe greifen. Und nun entwarf ich
meinen Plan. Hungernde englische Weber waren die Schpfer der
Konsumgenossenschaften, deren Kauffahrteischiffe heute die Meere
durchziehen; der Wohnungsnot armer Arbeiter entsprang die Idee
der Baugenossenschaften, deren Huser berall aus der Erde
wachsen, -- sollte der Jammer der Frauen und der Kinder nicht die
Haushaltungsgenossenschaft ins Leben rufen knnen?

Ich fhlte die wachsende Erregung, die sich der Zuhrerschaft
bemchtigte. Es war das Zentrum der Interessensphre der meisten, in das
ich getroffen hatte. Aber auf den Sturm, der sich erhob, war ich doch
nicht gefat gewesen. Alle jene Grnde, mit denen die Sozialdemokratie
vor Jahrzehnten der Selbsthilfe der Gewerkschaften entgegengetreten war,
mit denen sie heute noch vielfach den Genossenschaften entgegentritt, --
als Ablenkungen vom Hauptziel, der Verwirklichung des Sozialismus, und
vom allein wichtigen Kampf: dem politischen; als Vershnungen des
Proletariers mit dem Gegenwartsstaat, -- wurden mir wie ein Hagel von
Pfeilen entgegengeschleudert. Es fehlte nicht an scharfen Seitenhieben
auf meinen Revisionismus, der sich darin dokumentiere, da ich innerhalb
der kapitalistischen Gesellschaftsordnung sozialistische Ideen
verwirklichen wolle, wie die alten, berwundenen Utopisten.

Nur wenige untersttzten mich. Die Frauenrechtlerinnen schwiegen.

Bereits am nchsten Morgen ging mein Vortrag durch die Presse,
entstellt, verspottet, beschimpft.

Der Zukunfts-Karnickelstall, wo sich das Familienleben auf das
Schlafzimmer beschrnkt, hie es in der konservativen Presse; von der
Kaserne als Idealzustand sprach die liberale. Als die Spottlust
befriedigt war, kamen die pathetischen Artikel, die angesichts der
drohenden Zerstrung der Familie ihre Kassandrastimme erhoben. Und in
den Sprechslen und Frauenecken zeterten die guten Hausfrauen, deren
einziges Zepter der Kochlffel war. Hatte ich sie schon durch die
Dienstbotenbewegung gegen mich aufgebracht, -- jetzt standen sie mir als
ein Heer gersteter Feinde gegenber. Der Kochherd war wirklich nicht
nur der Inhalt, sondern die Grundlage ihres Familienlebens.

Die Mnner werden berhaupt nicht mehr heiraten, wenn sie keine
Hausfrau brauchen, jammerte eine ehrliche Naive.

Ich wartete vergebens auf die Untersttzung der Frauen, die mir ihre Not
oft selbst geklagt hatten: der Schriftstellerinnen, rztinnen,
Knstlerinnen.

Nur ein Jahr lang sollten unsere mnnlichen Kollegen Suppe kochen und
Strmpfe stopfen, hatte einmal eine von ihnen ausgerufen, und wir
wrden an dem Fehlen groer Leistungen ihre geistige Minderwertigkeit
beweisen knnen!

In den Blttern der Frauenbewegung fand mein Plan keinen Widerhall.
Helma Kurz rief Ach und Wehe ber mich, die ich alle Frauen aus der
trauten Huslichkeit in die Kaserne treiben wolle. Keine der
Fhrerinnen der Frauenbewegung begriff, da die Befreiung der
erwerbsttigen Frau von der Sklaverei der Kche eine ihrer
Programmforderungen sein mte. Nur eine kleine Gruppe Menschen, die in
der ffentlichkeit unbekannt waren, schlo sich mir allmhlich an, und
ein paar Baumeister meldeten sich, die den Mut gehabt htten, ein Haus
nach meinem Plan aufzufhren, -- mit abgeschlossenen kleinen Wohnungen
und Speiseaufzgen aus der Zentralkche. Wir waren berzeugt, nur ein
lebendiges Beispiel wrde gengt haben, um die Bewegung in Flu zu
bringen. Aber wir waren zu wenige, um das Bestehen des Hauses zu
sichern, und mein Name, -- der der Sozialdemokratin, -- schreckte viele
ab. Sie frchteten den kommunistischen Zukunftsstaat im Kleinen.

Inzwischen kam Wanda Orbin nach Berlin und bat mich, da sie krank sei,
in wichtiger Angelegenheit um meinen Besuch. Sie reichte mir nur die
Fingerspitzen, als ich eintrat.

Sie haben die Interessen der Partei auf das schwerste verletzt, begann
sie im Ton eines Inquisitors, und da es nicht das erste Mal geschieht,
so bin ich verpflichtet, Sie zu warnen.

Ich griff mir an die Stirn: was war es nur, was ich verbrochen hatte?!

Ihre Agitation fr die Haushaltungsgenossenschaft -- ich lachte ihr
ins Gesicht; sollte sie mit so strenger Miene scherzen?! Aber sie
runzelte die Stirn, -- es war ihr Ernst, blutiger Ernst! -- hat weitere
Kreise gezogen, als gut ist. Dergleichen verwirrt die Kpfe, strt die
Einheitlichkeit des Vorgehens --

Ich stand auf. Mchten Sie mir wohl noch mitteilen, worin meine erste
Verletzung der Parteiinternen bestand? fragte ich ruhig.

Sollten Sie Ihren Plan eines Zentralausschusses fr Frauenarbeit schon
vergeben haben? rief sie aus.

Und durch ihn habe ich die Partei geschdigt?! -- Sie sind ja jetzt
schon im Begriff, teilweise auszufhren, was ich wollte --!

Wanda Orbins Augen funkelten mich zornig an: Wenn Sie die Unterschiede
nicht verstehen, so beweist das nur wieder Ihren Mangel an
proletarischem Bewutsein --; dabei kreischte ihre Stimme wie auf der
Rednertribne.

Mag sein! entgegnete ich scharf. Mir fehlt das Demagogentalent, um
mich zur Proletarierin aufzuspielen. Damit wandte ich mich zum Gehen,
auf das tiefste verwundet.

Mein Vortrag erschien im Verlag des Vorwrts als Broschre. Wanda
Orbin vernichtete ihn in vier Leitartikeln, und ihre Autoritt war
viel zu gewichtig, als da sich innerhalb der Partei irgendeine Stimme
fr ihn erhoben htte. Wie die Schnecke, wenn ihre Fhlhrner unsanft
berhrt werden, sich in ihr Haus zurckzieht, so hatte ich das
Bedrfnis, mich zu verkriechen.

La deine Ideen erst Wurzel fassen, Liebste, trstete mich mein Mann;
sind sie lebenskrftig, so fllt dir die Frucht von selbst in den
Scho.

Ich lchelte wehmtig ber den Irrtum, in dem er sich befand. Was mich
schmerzte, war nicht das momentane Scheitern eines Planes, sondern da
ich Wanda Orbin so klein gesehen hatte, die mir, auch mit ihren Fehlern,
so gro erschienen war. Und da sie die anderen beherrschte, zum Teil
mit Mitteln, gegen die ich mich waffenlos fhlte!

Nun galt es, statt alle Krfte auf den Kampf fr die gemeinsame Sache zu
konzentrieren, sich fr den eklen Streit im eigenen Lager stets
gewappnet zu halten.

Wenn ich mich abseits stellen, einer jener Eigenbrdler werden knnte,
mit Scheuklappen vor den Augen, immer nur ein Teilchen des allgemeinen
Zieles verfolgend?! Da ich unfhig dafr war, bewies mir die Erfahrung
mit meinem eigenen Plan. Htte ich das Talent und die Zhigkeit des
Organisators gehabt, ich wrde ihn in jahrelanger steter Arbeit,
unbekmmert um die Sptter, haben durchsetzen knnen. Und nun stand ich
da und sah erschrocken auf meine Hnde, die so leer geworden waren und
so kraftlos.

       *       *       *       *       *

Die Sonne brannte auf dem Asphalt, braun und verdorrt hingen die Bltter
an den armen Bumen, zu ihren steingepanzerten Wurzeln drang keine Luft
und kein Tau. Grauer Staub deckte die Bsche wie mit Trauerschleiern.
Wer drauen im Wald den Sommer suchen ging, den empfingen die Kiefern
schwarz und ernst und die blumenlosen Felder. O, da ich empor auf einen
Berg steigen knnte zu reiner Luft und klaren Quellen! Heimweh packte
mich, -- Heimweh nach den schmalen Pfaden zwischen duftenden,
buntblhenden Wiesen, nach dem stillen See im Buchenwald, wo zwischen
Moos und Gestein Mrchenblumen ihre Kelche ffnen. Heimweh nach der
groen Einsamkeit!

Ob nicht der Geist der Frauen verkmmert und ihr Gemt verdorrt, weil
sie nicht einsam sein drfen?

Geh, -- erhole dich, -- ruh' dich aus, und wenn es nur ein paar Tage
sind, -- es wird dir gut tun, sagte mein Mann, dem meine
Schlaflosigkeit, meine Blsse anfiel; ich und die Berta hten den
Jungen.

Es bedurfte keiner berredungsknste, meine Sehnsucht, allein zu sein,
ganz allein, war zu gro. Ich fuhr nach dem Harz. Aber schon unterwegs
packte mich die Unruhe: was konnte dem Kleinen inzwischen nicht alles
geschehen! Tausend Fragen und Sorgen schreckten mich am Tage, ngstliche
Trume verfolgten mich bei Nacht. Und die Berge hier, die mir fremd
waren, blieben mir stumm, und die rauschenden Quellen sprachen eine
fremde Sprache.

Da erreichte mich ein Brief meiner Mutter aus Heidelberg. Erdmann ist
aufgegeben, hie es darin, und Ilse hat Lungenentzndung, deren
Ausgang unabsehbar ist. Sie spricht oft von Dir ...

Am selben Abend schrieb ich an meinen Mann: Liebster! Ich halte es
nicht aus ohne Dich, ohne Otto. Aber ehe ich zurckkehre, mu ich Ilse
wiedersehen. Nach den Andeutungen meiner Mutter ist alles zu frchten.
Du hast mich ausgelacht, als ich Dir einmal sagte, da ich mich ihr
gegenber schuldig fhle. Es kommt ja aber auch nicht darauf an, ob eine
Schuld im Sinne landlufiger Moral besteht, sondern darauf, ob ich sie
empfinde. Ich mu das gut machen, -- damit ich mich nicht qule, wenn
das arme Kind sterben sollte, und damit sie mir wieder vertraut, wenn
sie lebt und meiner bedarf ...

Ich reiste am selben Abend noch ab. Meine Mutter empfing mich am
Bahnhof.

Es geht zu Ende, sagte sie auf meinen fragenden Blick. Und Ilse?
Sie fiebert noch immer! Meine Ahnung betrog mich nicht. Diese
unglckselige Ehe!

Die letzten drei Worte stie sie zwischen den Zhnen hervor. Es war kein
zrtliches Mitleid, das sie empfand, sondern Emprung gegen das
Geschick.

Das ist lieb, da du kommst, gute Schwester, rief mir Ilse entgegen,
als ich an ihr Bett trat. Seit langem hrte ich wieder den alten warmen
Ton in ihrer Stimme, und ihr Gesichtchen hob sich rund und rosig von den
weien Kissen ab, als wre es wieder das des sen kleinen Mdchens von
einst. Wute sie nicht, da ein paar Tren weiter ihr Mann im Sterben
lag? Der Arzt trat ins Zimmer mit den Tropfen und dem Fieberthermometer.
Ich sah, wie ihre Augen jeder seiner Bewegungen folgten, wie sie ihn
anlchelte, voll dankbaren Vertrauens. Und in der Sorgfalt, mit der er
ihr die Kissen rckte und den Vorhang am Fenster weit zurckschlug,
damit die Sonnenstrahlen ihre Haare umspielen konnten, lag tiefere
Empfindung, als die des Arztes. Blhte dem armen Kinde eine Herbstrose
auf dem Totenacker?

Du gehst zu ihm? fragte sie und lehnte sich mit geschlossenen Augen
mde zurck.

Ja, antwortete ich leise. Das Lcheln aus ihrem Antlitz verschwand,
die Lippen preten sich zusammen.

In Decken gehllt, am weit offenen Fenster lag er. Die weien Wnde des
Zimmers, die Betten, das weie Geschirr, von blinkenden Metall
unterbrochen, die weie Schrze der Pflegerin strahlten ber sein
eingefallenes gelbes Gesicht eine grausame Helle aus. Er war so
geistvoll, so lebendig wie je; das htte tuschen knnen, wenn mein Auge
nicht eben auf die Morphiumspritze in der Hand der Diakonissin gefallen
wre.

Sieh nur, wie wunderschn das ist! sagte er und sein Blick umfate in
leidenschaftlicher Liebe das bunte Herbstlaub der Bume drauen. Er
hatte den Scho voll kleiner Skizzen und lie den Pinsel nur aus der
Hand, wenn die Schwche ihn bermannte.

Hast du Ilse gesehen? fragte er schlielich.

Ich nickte.

Sie ist noch viel, viel schner als die Berge und der Wald, flsterte
er sehnschtig.

Am nchsten Tage verlie ich Heidelberg wieder. Eine bleierne Mdigkeit
bemchtigte sich meiner. Ich htte immerfort schlafen mgen. Dabei fand
ich lauter dringende Briefe vor: der Verleger wnschte eine raschere
Erledigung der Korrekturen, der Verein fr Haushaltungsgenossenschaften
lud mich zur nchsten Sitzung, ein paar Parteigenossen erinnerten an die
ihnen bereits zugesagten Vortrge.

Eine mir selbst Fremde stand ich auf der Rednertribne. Jene Glut der
Leidenschaft, die allein fhig ist, den Eisenmantel zu schmelzen, den
Kummer und Not um die Herzen der rmsten schmiedete, jene Klarheit der
berzeugung, die allein das Dunkel des Vorurteils und der Unwissenheit
zu durchleuchten vermag, fehlten mir und lieen sich nicht erzwingen.

Ich bin unfhig, zu sprechen, -- erlassen Sie es mir diesmal, bat ich
einen der Genossen; die Menschen kehren heim, ohne einen Gran Kraft und
Klugheit gewonnen zu haben.

Aber er bestand auf seinem Schein: Ihr Name zieht, und wir brauchen
einen vollen Saal.

Eines Abends sollte ich bei den Textilarbeitern referieren. Als ich kam,
war der Saal leer, und der Wirt erzhlte mir, da die Versammlung schon
vor zwei Tagen stattgefunden und man mich vergebens erwartet habe. Ich
zog die Einladungskarte aus der Tasche: nur das Datum war angegeben,
nicht der Tag, und dieses stimmte. Der Vertrauensmann der Gewerkschaft,
zu dem ich ging, mute mir besttigen, da der Irrtum nicht auf meiner
Seite lag. Wenige Tage spter hrte ich, eine der Genossinnen habe
behauptet, ich htte das Datum geflscht, um mich der Aufgabe zu
entziehen, und habe hinzugefgt, sowas sei bei mir schon fter
vorgekommen. Auf das uerste emprt, verlangte ich eine Untersuchung
der Angelegenheit. Ein Schiedsgericht trat zusammen. In endlosen
Sitzungen wurden Zeugen vernommen, die Einladungskarte geprft,
verglichen. Ich ballte die Fuste unter dem Tisch vor Erregung und
konnte mich doch dem Eindruck nicht entziehen, den die ruhige
Grndlichkeit all dieser Arbeiter auf mich machte. An Ernst und
Objektivitt, an Takt und Wrde standen sie turmhoch ber ihren
weiblichen Klassengenossen, mit denen ich bisher zusammengekommen war.
Eine formelle Ehrenerklrung, die mir schriftlich zuging, war das
Resultat der Verhandlungen. Aber die Empfindung, besudelt zu sein, wurde
ich lange Zeit nicht los.

Ich vertiefte mich in die Korrekturen meiner Frauenfrage. Und die
Genugtuung ber meine Arbeit wirkte wie ein strkendes und reinigendes
Bad.

Mitten in der Arbeit an den letzten Druckbogen besuchte mich die
weibliche Vertrauensperson meines Wahlkreises. Fr eine groe
Volksversammlung, die in den allernchsten Tagen stattfinden und sich
mit den von der Regierung angekndigten Zollerhhungen beschftigen
sollte, hatte man mir den Vortrag zugedacht. Ich lehnte ab. Meine
Besucherin wurde immer dringender.

Sie mssen kommen, erklrte sie schlielich.

Ich mu?! Warum?! fragte ich verwundert.

Wir haben Ihren Namen schon auf die Plakate gedruckt!

Das ist Ihre Schuld, -- nicht die meine, entgegnete ich; selbst wenn
ich Zeit htte, mich binnen zwei Tagen auf ein schwieriges Thema, wie
den drohenden Zolltarif, vorzubereiten, wrde ich bei meiner Ablehnung
bleiben und Sie die Folgen eines so unverantwortlichen Vorgehens tragen
lassen.

Sie warf mir noch einen rachschtigen Blick zu und ging.

       *       *       *       *       *

Mein Buch erschien. Die Aufnahme, die ihm zuteil wurde, entschdigte
mich fr viele Schmerzen und gab mir das Vertrauen in die eigene Kraft
zurck.

Sie haben mehr geleistet, als ich erwartet hatte, und das will viel
sagen, schrieb mir Romberg. Ihr Werk ist eine wissenschaftliche
Leistung, dem keine Kritik und keine Zeit den Charakter eines standard
work nehmen wird, und -- was fr mich seinen grten Wert ausmacht --
der Ausdruck einer starken Persnlichkeit. Die objektive Wissenschaft
ist zweifellos etwas sehr Groes, aber der Mensch bleibt immer das
Allergrte ...

Nur zwei Zeitschriften rissen meine Arbeit herunter: die Monatsbltter
von Helma Kurz und -- die Freiheit von Wanda Orbin.

Alix Brandts Buch ist jeder Mtterlichkeit und jeder
Wissenschaftlichkeit bar, hie es in dem einen Blatt; die Genossin
Brandt htte in der Kleinarbeit der Agitation erst lernen und sich
bewhren mssen, ehe sie etwas fr die Arbeiterinnenbewegung wirklich
Ntzliches htte schaffen knnen, lautete das Endurteil in dem
anderen.

Ich lachte zuerst und dachte daran, wie ich von einer meiner
brgerlichen Gegnerinnen einmal pathetisch als ein Tribnenweib
bezeichnet worden war, deren Lenden nie ein Kind getragen haben, und
eine Genossin mir als schwere Unterlassungssnde die Tatsache
vorgehalten hatte, da ich eine wichtige Parteipflicht -- die,
Flugbltter auszutragen -- noch nicht erfllt htte.

Aber dann verging mir das Lachen. Mein ganzes Ich lag in dem Buch, all
mein Wissen, mein Glauben, mein Hoffen. Meinem Mann und meinem Sohn
stand als Widmung vor dem Titel. Das war keine bloe Form, es war ein
Bekenntnis: ich htte es nicht schreiben knnen ohne das Doppelerlebnis
der Liebe und der Mutterschaft, das aus dem Kinde erst den Menschen
macht, das Schleier von den Augen reit und eiserne Klammern von den
Herzen. Es sind Mnner gewesen, die die Madonna zur Mutter Gottes
erhoben, denn nur der lebendig befruchtete Scho vermag Lebendiges zu
gebren. Und arme Irre waren es, die die Jungfrauschaft mit dem
Heiligenschein krnten. Denn die Voranleuchtenden sind nur, die des
Lebens Tiefen erschpften.

An die Mtterlichkeit hatte ich appelliert mit jedem Satz, den ich
niederschrieb. Aus einem primitiven Empfinden, das ber die Wiege des
eigenen Kindes kaum hinausging, sollte sie zu weltumspannender Kraft
sich entfalten. All die Tausende und Abertausende Hilfloser und
Entrechteter hatte ich aufgeboten, da sie die Mtter suchen sollten.
Einst pochte ihr Murmelgebet: Heilige Maria, bitte fr uns! umsonst an
das Tor des Himmels, -- sollte ihre stumme Not auf der Erde keine
Antwort finden?

Waffen hatte ich geschmiedet fr die Proletarierinnen, Waffen, -- ich
wute es, -- die unzerbrechlich waren. Ich erwartete keinen Dank dafr,
denn da ich sie schaffen konnte, war Dank genug. Nur nehmen, nur
gebrauchen sollten sie meine Klingen und Pfeile.

Warte die Zeit ab, sagte mein Mann. Aber ich fieberte nach Tat, nach
Wirken, -- ich konnte nicht warten.

       *       *       *       *       *

Dem Arbeiterinnen-Bildungsverein und einzelnen der fhrenden Genossinnen
hatte ich mein Buch zur Verfgung gestellt. Eines Morgens bekam ich
einen Brief von Martha Bartels. Schon freute ich mich, -- ich werde sie
wiedergewonnen haben, dachte ich, und erinnerte mich, wie sie mir, der
Fremden, einst entgegengekommen war, als ich noch Alix von Glyzcinski
hie.

Ich lie ihren Brief in den Scho fallen, als ich seine wenigen Zeilen
durchflogen hatte, und lehnte mich mit einem Gefhl von Schwindel in den
Stuhl zurck.

Nachdem Ihre Unzuverlssigkeit in der Ausfhrung bernommener
Parteipflichten wieder offenbar wurde, schrieb sie, haben die
Genossinnen einstimmig beschlossen, Sie zu unseren Sitzungen nicht mehr
einzuladen.

Ein formeller Ausschlu also, -- ohne Grnde anzugeben, -- ohne mich zu
hren! Und das in einer Partei, die die Ideale der Demokratie vertritt!
Ich verlangte, mir zu gewhren, was die Gesetzgeber des kapitalistischen
Staates den Mrdern und Dieben zugestehen: mich vor meinen Richtern
verteidigen zu knnen. Man antwortete mir nicht. Ich erfuhr schlielich,
da jene Genossin, die mich vergebens zu einem Vortrag hatte pressen
wollen, die Sache so dargestellt hatte, als ob ich mein gegebenes Wort
gebrochen htte. Und ich hrte weiter, da meine Flschung jener
Einladungskarte zum Referat bei den Textilarbeitern noch immer in aller
Munde sei. Ich sandte die Ehrenerklrung der Gewerkschaft ein, ich zwang
die Lgnerin, ihre Behauptung zu widerrufen. Es ntzte nichts.

Wir erkennen an, da in diesen beiden Fllen ein Irrtum vorlag,
schrieb Martha Bartels, aber es stehen noch so viele andere fest, wo
Sie sich als unzuverlssig erwiesen haben, da die Genossinnen an ihrem
einstimmigen Beschlu, Ihre Mitarbeit abzulehnen, festhalten.

Ich ging zum Parteivorstand, um die Einsetzung eines Schiedsgerichts zu
fordern. Liebe Genossin, sagte Auer, mir gutmtig die breite Hand auf
die Schulter legend, tun Sie das nicht! Lehren Sie mich unsere Weiber
kennen! Jedes Schiedsgericht wird Ihnen recht geben, -- natrlich! Aber,
glauben Sie, da damit geholfen ist?! Schon am nchsten Tag werden die
Klatschmuler, denen Sie nun einmal ein Dorn im Auge sind, neue, noch
schlimmere Snden ber Sie zu verbreiten wissen, und das modernisierte
Gerichtsverfahren der heiligen Fehme wird alle demokratischen
Schiedssprche umstoen. berlassen Sie der Wanda die Weiber! Fr Ihren
Ttigkeitsdrang ist in der Partei noch Raum genug.

Ich fgte mich seiner Ansicht. Ob aus Einsicht, aus Mdigkeit, aus
Ekel? Ich wei es nicht mehr. Auers Hand umspannte die meine schmerzhaft
fest.

Wollen Sie von mir alten Kerl noch einen Rat auf den Weg nehmen?
fragte er. Wer auf hoher Warte steht, dem sollten die leid tun, die
sich von unten im Schweie ihres Angesichts abmhen, mit Steinen zu
werfen. Er sollte immer ber sie hinwegsehen. Dann hren sie von selber
auf und besinnen sich, da ein Weg da ist, auf dem auch sie
aufwrtssteigen knnten ... Wer die Distanz nicht wahren kann, ist kein
Politiker.

Die Distanz, -- das bedeutet Fernsein, Khle, antwortete ich mit einem
leisen Seufzer, -- ich liebe die Menschen; ich mchte von ihnen geliebt
sein.

Sie lieben die Menschen, -- diese Menschen?! Sie scherzen! Er reckte
sich zu seiner ganzen Gre. Wir wrden sie erhalten, wenn wir sie
lieben wrden. Aber wir wollen sie berwinden -- mit dem gewaltigen
Erziehungsmittel einer neuen Gesellschaftsordnung --, also hassen wir
sie.

Ich schttelte den Kopf. War das eine hohe Warte? Wrde ich sie je
erreichen, -- erreichen wollen?!




Zwlftes Kapitel


Probleme werden nicht durch Resolutionen aus der Welt geschafft. Auch
der beste Wille der Streitenden, -- und es gab Augenblicke, wo selbst
Eduard Bernstein die Schwche dieses guten Willens hatte und
Hervorragende unter seinen Anhngern den Revisionismus als eine neue
Richtung innerhalb der Partei abschworen, -- vermag das Streitobjekt
nicht aus der Welt zu schaffen. Einmal ausgesprochene Gedanken lsen
sich gleichsam von dem, der sie dachte, ab und haben ein selbstndiges
Leben.

Die Beschlsse des Parteitags von Hannover hatten nichts zur Folge, als
einen Waffenstillstand. Bernsteins Rede im sozialwissenschaftlichen
Studentenverein erffnete den Kampf von neuem. In Artikeln, Reden und
Broschren wurde er mit steigender Erbitterung gefhrt. Und die
aufreizenden Zurufe der Zuschauer, die vom nchsten Tage die Spaltung
der Sozialdemokratie erwarteten und erhofften, erhitzte die Kmpfenden
noch mehr. Die wachsende Leidenschaft ttete jede Objektivitt. Keiner
gestand dem anderen die Ehrlichkeit der Gesinnung zu. Hinter jeder
uerung eines Revisionisten entdeckte der orthodoxe Marxist
Parteiverrat, in jeder Verteidigung des radikalen Standpunktes sah der
Revisionist dogmatische Verbohrtheit und bewutes Demagogentum. Er
berhrte geflissentlich die Lehren der Psychologie und der Geschichte,
aus denen er htte folgern knnen, da die Verteidigung der Tradition,
der grundlegenden Dogmen des Sozialismus notwendig zu demselben Ha,
derselben Verfolgung der Angreifer fhren mu, wie einst die des
Heidentums gegen die Christen, der rmischen Kirche gegen die
Reformation.

Aber ein noch merkwrdigeres Zeichen dafr, wie wenig bloe Erkenntnisse
des Verstandes die ursprngliche, nur auf die Einflsse des Gefhls
reagierende Natur des Menschen zu ndern vermgen, war die Haltung der
Radikalen. Sie verleugneten in ihrem Zorn eine der Grundlagen ihrer
eigenen Anschauung: die materialistische Geschichtsauffassung. Es war
die befreiendste Lehre, die Marx hinterlie, zu der sich allmhlich,
bewut oder unbewut, auch Nichtsozialisten bekannten: da, da alles
fliet, auch die Theorien sich entwickeln mssen, entsprechend den
Wandlungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. In diesem Sinne war
der Revisionismus marxistisch und der Radikalismus reaktionr.

Die ernsten Kmpfe zwischen den beiden Richtungen spielten sich zwischen
den geistigen Fhrern ab, von denen die einen die Masse der
Arbeiterschaft hinter sich hatten, die anderen noch Offiziere waren ohne
Armee. In dem harten Schdel der Proletarier sa jeder Buchstabe des
sozialistischen Apostolikums noch fest; wurde der Kampf daher in die
Volksversammlungen getragen, so uerte er sich in wstem Geschimpfe
gegen die Neuerer, die dem Armen das Beste zu erschttern drohten, was
ihnen der Sozialismus gegeben hatte: ihren Glauben. Es kam aber noch ein
anderes hinzu: der Respekt vor der Wissenschaft, zu dem der Sozialismus
sie verpflichtete, ging Hand in Hand mit einem glhenden Verlangen nach
Wissen. Bildungsschulen, wissenschaftliche Vortrge und Kurse kamen
diesem Verlangen entgegen und pfropften auf den lebensschwachen Baum der
Volksschule ein Reis, unter dessen Frchten Dilettantismus und
Bildungsdnkel am besten gediehen. Wozu ernste Denker Jahrzehnte
brauchen, das glaubte der Proletarier in ein paar Abendstunden erreichen
zu knnen. Da er es glaubte, war nicht seine Schuld: die Naivitt
seiner Jugend untersttzte die Partei, die ihm in Wort und Schrift
nichts mehr einprgte als die berzeugung von der Dummheit seiner
Gegner. Als Gegner aber erschienen ihm auch die Revisionisten. Zu seinem
gefhlsmigen Ha gegen die Unruhstifter trat die hochmtige Verachtung
der Akademiker hinzu.

       *       *       *       *       *

Einmal, -- ich war gerade von einer Agitationsreise zurckgekehrt, --
beklagte ich mich darber, als Reinhard gerade bei uns war.

Ich habe Sie sonst fr so verstndig gehalten, sagte er; da Sie nun
auch so nervs, so empfindlich geworden sind! -- Ich kann Ihnen
versichern: mir selbst kommt der Krakehl zum Halse heraus! Er macht
unsere Leute kopfscheu; von jedem Gegner wird er uns aufs Butterbrot
geschmiert. Auerdem haben wir doch jetzt, ein Jahr vor den
Reichstagswahlen und angesichts der Zolltarif-Vorlage Besseres zu tun,
als uns ber die Verelendungstheorie die Kpfe blutig zu schlagen.

Sind wir etwa daran schuld?! fuhr Heinrich auf. Oder nicht viel mehr
die Groinquisitoren der 'Neuen Zeit', die seit Jahr und Tag ihre
Sprhunde auf uns hetzen?! Die jungen Leute, die noch nichts geleistet
haben, als ihnen nachzubeten, gestatten, gegen alte verdiente Genossen,
-- einen Jaurs, einen Auer, einen Vollmar, -- wie gegen Schwachkpfe
oder Verrter vom Leder zu ziehen?!

Die Propheten aus dem Osten nicht zu vergessen, die desgleichen
tun --, unterbrach ihn Reinhard mit einem sarkastischen Lcheln.

Die gehren in dieselbe Kategorie, nur da ihre, -- na, sagen wir
parlamentarisch: Unbescheidenheit noch grer ist. Vom Kothurn ihrer
Unentwegtheit herab fhren sie das groe Wort, und ihr Ziel ist
offensichtlich der Bannfluch, d. h. der Ausschlu aller derer aus der
Partei, die eine selbstndige Meinung haben.

Wenn man Sie so schimpfen hrt, lieber Brandt, knnte man die
Schicksalsfgung segnen, die Sie bisher verhinderte, Ihre Zeitschrift
ins Leben zu rufen, sagte Reinhard. Wenn Sie all Ihre Wut noch in
Druckerschwrze verwandeln wrden!!

Sie irren sehr, wenn Sie glauben, ich werde mein Blatt zum Kampfplatz
fr Theoretiker machen, entgegnete Heinrich ruhig. Mir wrde es in
erster Linie darauf ankommen, praktische Politik zu treiben. Da das auf
allen Gebieten des ffentlichen Lebens notwendig ist, da es endlich an
der Zeit wird, den ruhenden Kolo der Partei in Bewegung zu setzen und
Tagesarbeit verrichten zu lassen, -- das scheint mir das wichtigste
Ergebnis der gegenwrtigen Bewegung.

Reinhard stand auf, stampfte rgerlich mit der Krcke auf den Boden und
sagte: Als ob das alles eine blitzblanke neue Erfindung wre! Was war
es denn, was wir lange vor Bernstein in den Parlamenten, in den
Kommunen, in den Gewerkschaften und Genossenschaften getrieben haben?!
Der ganze Unterschied zwischen den Revisionisten und den Radikalen ist,
da die einen in der Arbeiterschutzgesetzgebung, in der Gewerkschafts-
und Genossenschaftsbewegung, in der allmhlichen Demokratisierung des
Staats nichts als Erziehungsmittel fr das Proletariat erblicken, und
die anderen Sozialisierungen der Gesellschaft, Voraussetzungen des
Sozialismus. Dem Arbeiter aber ist's wirklich einerlei, wie die Dinge
heien, die er bekommt, wenn er sie nur berhaupt kriegen kann. Und
darum -- er ging erregt im Zimmer auf und nieder -- begreife ich die
ganzen Skandale nicht und fhle es meinen Genossen nach, wenn sie euch
Akademiker mitrauisch betrachten. Wir sind ja auf dem besten Wege, --
was werft ihr Steine in unseren Teich?! Sehen Sie sich z. B. mal die
Tagesordnung unseres Stuttgarter Gewerkschaftskongresses an! Sie waren
ja dabei, als man sich wtend an die Gurgeln fuhr, weil der eine die
sozialpolitische Ttigkeit der Gewerkschaften forderte, der andere sie
fr schdlich hielt. Und ich selbst, -- Sie besinnen sich! -- war der
radikalsten einer. An meiner eigenen Entwicklung mgen Sie die
Entwicklung der ganzen Bewegung messen. In aller Stille ist viel Wasser
die Spree hinuntergelaufen, und jetzt sind wir mitten drin in der
Sozialpolitik. Oder betrachten Sie unsere Haltung in der inneren
Politik: denken Sie an die Budgetbewilligung der Badener im vorigen
Jahr, -- Bebel hat sie freilich hinterher heruntergeputzt, -- oder an
die Zustimmung unserer bayrischen Landtagsfraktion zur Wahlreform, --
Bebel wird sie natrlich darum auch noch unter die Lupe des Prinzips
nehmen --. Und, vor allem!, erinnern Sie sich, wie selbst die rgsten
berliner Revolutionre mit dem dreifachen R jetzt stramm und einig zur
Landtagswahl aufmarschieren. Von dem Augenblick an, wo der
Parlamentarismus den Charakter des Krutchens Rhrmichnichtan fr uns
verloren hatte, sind wir folgerichtig weitergegangen.

Ich hatte ihm mit wachsendem Interesse zugehrt. Und was wollen Sie mit
alledem beweisen? fragte ich.

Da der ganze Stank und Zank berflssig ist. -- Sowohl vom Standpunkt
eurer Angst um Versumpfung und Verkncherung der Partei, wie vom
Standpunkt all der radikalen Kassandras mnnlichen und weiblichen
Geschlechts, die um unser sozialistisches Seelenheil zittern.
Wahrhaftig: wenn wir mit der Bourgeoisie paktieren, so doch nur, um fr
uns das Schfchen ins Trockne zu bringen!

Ich folgere aus Ihren Beweisfhrungen etwas ganz anderes, rief ich
aus. Da die Praxis wieder einmal der Theorie vorausgeeilt ist, so mu
die Theorie sich ihr anpassen, sonst kommt der Moment, wo das Band
zwischen beiden zerreit. Die Lehre von der planmigen Demokratisierung
und Sozialisierung der kapitalistischen Gesellschaft mu an Stelle des
Dogmas von der alleinseligmachenden Revolution treten --

Aber das ist doch genau dasselbe! polterte Reinhard. Selbst der
dmmste Radikale denkt doch nicht im Schlaf daran, da er die Hnde nur
in den Scho zu legen und auf die gebratene Taube der politischen Macht
zu warten braucht, die ihm ins Maul fliegen wird! Jeder Rekrut in
unserer Armee sieht alle Tage, wie sie sich jede Handbreit politischer
Macht schrittweise erobern mu. Ebenso wchst ihr Einflu nur nach und
nach, und das berhmte Endziel kann nichts anderes sein als die letzte
Krnung des Gebudes.

Mein Mann lchelte: Ich sage ja: Sie sind Revisionist.

Zum Donnerwetter, nein! -- Ich bin Sozialdemokrat! -- Reinhards Augen
glnzten -- Und ihr seid Rabulisten.

Beim Abschied nahm sein Gesicht wieder den alten, gutmtig-freundlichen
Ausdruck an.

Nichts fr ungut, Genossen! brummte er mit einem leichten Anflug von
Verlegenheit; dann reichte er meinem Mann die Hand. Sie knnen auf mich
rechnen. Wenn Ihr Blatt praktische Politik treiben wird, -- in bewutem
Gegensatz zu unseren Zeitschriften von rechts und links, die sich um des
Kaisers Bart raufen, -- so wird es befreiend wirken und seines Erfolges
bei unseren Genossen sicher sein.

Als er gegangen war, reichte mir mein Mann einen Brief von Romberg.

... Ihre Plne sind mir immer wieder durch den Kopf gegangen, schrieb
er, und der Gedanke, das 'Archiv' selbst zu erwerben, lie mich nicht
los. Trotzdem bin ich zu dem Entschlu gelangt, meine persnlichen
Wnsche nicht nur zu unterdrcken, sondern Ihnen berdies den dringenden
Rat zu geben, die Verkaufsidee berhaupt fallen zu lassen. Sie wissen
selbst, da das neue Unternehmen, dem Sie Ihren Brotgeber, das Archiv,
opfern wollen, in bezug auf seinen materiellen Erfolg ein ganz
unsicheres ist. Stnden Sie allein, so knnten Sie meinetwegen den
Husarenritt unternehmen, aber Sie haben Familie, -- verbeln Sie es
meiner aufrichtigen Freundschaft nicht, wenn mich die Sorge um sie in
diesem Zusammenhang von ihr sprechen lt. Ich wei: Frau Alix zieht in
diesem Augenblick zrnend die Brauen zusammen; sie ist ja noch
fanatischer, noch leichtsinniger wie Sie. Seien Sie darum doppelt klug
fr beide und erhalten Sie sich das Archiv. Es kann einmal die Rolle der
Planke spielen, die Sie vor dem Ertrinken rettet ...

Ich warf den Brief heftig auf den Tisch. Da Romberg solch bourgeoise
Anschauungen hat! rief ich aus. Als ob wir beide nicht im Notfall
schwimmen knnten! Heinrich zog mich zrtlich in die Arme.

Da du so denkst, wei ich, sagte er, trotzdem werde ich handeln wie
ein Bourgeois! Ich wollte auffahren. So hre doch erst zu, ehe du
schimpfst! meinte er lchelnd. Besinnst du dich auf Lindner, den
jungen Dichter, den wir auf dem Pariser Kongre getroffen haben? Ich
nickte. Er tauchte vor kurzem hier auf und besuchte mich, whrend du
weg warst: ein sympathischer Mensch, dessen Schchternheit alle seine
guten Absichten im Keime erstickt. Er mchte in der Partei wirken; aber
auf der einen Seite frchtet er als Akademiker das Mitrauen der
Genossen, auf der an deren Seite stt ihn die Pbelgesinnung zurck,
die ihm vielfach schon begegnete. Er schttete mir sein Herz aus; dabei
erfuhr ich, da er der einzige Sohn reicher Leute ist. Ich sprach ihm
von unserem Plan, er war sofort Feuer und Flamme dafr.

Und gibt die Mittel?! unterbrach ich Heinrich erregt.

Wenn die Eltern, von denen er noch abhngig ist, sie ihm
bewilligen ...

Endlich dem Ziele nah! war der einzige Gedanke, der mich beherrschte;
winzig erschienen ihm gegenber die noch vorhandenen Hindernisse.

Einige Tage spter kam Lindner zu uns: ein lang aufgeschossener blonder
Mensch, mit kurzsichtig zwinkernden blablauen uglein und schlaffen,
feuchten Hnden. Er gefiel mir nicht. Aber ich unterdrckte rasch diese
erste instinktmige Empfindung.

Ich mchte den Arbeitern die Kunst nahe bringen, sagte er im Verlauf
unseres schwerfllig sich hinschleppenden Gesprchs.

Die Freien Volksbhnen erfllen, wie mir scheint, Ihren Wunsch. Sie
haben Tausende von Mitgliedern aus Arbeiterkreisen und leisten
Vorzgliches, antwortete ich.

So meinte ich es nicht, nein --, und die Stimme unseres Gastes, die
noch den Timbre der Knabenstimme hatte, obwohl er lngst ber die
Entwicklungsjahre hinaus war, wurde lebhafter; ich dachte, es mte
mglich sein, das Knstlertum im Proletariat zu erwecken, eine neue
Kunst -- die Kunst der Zukunft -- entstehen zu lassen. Ich wrde das als
meine Aufgabe ansehen.

Ich musterte ihn genauer: er war gar nicht dumm, er hatte sogar einen
originellen Zug.

Ich glaube nicht recht daran, sagte ich dann langsam. Da die Talente
sich durchsetzen, gehrt zu den Fabeln der Menschheit. Der harte Kampf
ums Dasein erstickt die meisten ihrer Keime. Und die davon doch zur
Blte gelangen, verkmmern schlielich im Dilettantismus. Vielleicht
wrden die von Ihnen erhofften Talente statt freier Knstler Hrige des
Proletariats, wie die Talente, auf die wir vor zehn Jahren hofften,
Hrige des Kapitalismus geworden sind..

Mein Junge kam herein und erfllte das Zimmer im Augenblick mit seiner
strahlenden Frische. Wie eine Pflanze, die im Dunkel gestanden hat mit
blassen saftlosen Trieben, wirkte Lindner jetzt auf mich. Er tat mir
leid, und ich wurde darum weicher. Er erzhlte von seinen Eltern. Sie
hatten groe Hoffnungen auf ihn gesetzt, und da er sie immer wieder
enttuschte, machte ihn selbst mutlos. Aber jetzt, -- jetzt wrde er um
seine berzeugung, -- um seine Zukunft mit ihnen kmpfen!

Er gewann Vertrauen zu mir. Und wenn er meine instinktive Abneigung
immer wieder hervorrief, so berwand das Mitleid mit dieser armen
Greisenseele eines Jnglings sie eben so oft. Seine Besuche waren oft
recht unbequem. Wie die meisten Menschen, fr die die Arbeit nur eine
Nebenbeschftigung ist, hatte er keinen Respekt vor der Zeit. Er fhlte
nicht, da er strte, und wenn man es ihm andeutete, so war er gekrnkt.
Nur wenn er mit Ottochen spielen konnte, merkte er nicht, da ich ihn
hatte los werden wollen. Er liebte die kleinen Kinder und lie sich von
meinem fnfjhrigen Wildfang mit einer Gutmtigkeit tyrannisieren, die
rhrend war. Oft hrte ich durch die Tre die hellen Kommandotne meines
Jungen.

Mein Bub'! Da ich nur heimlich, wie aus dem Hinterhalt, sein Geplauder
belauschen durfte! Da ich mir die Stunden fr ihn stehlen mute! Ich
war abermals einem falschen feministischen Lehrsatz auf der Spur. Nicht
der Sugling bedarf der Mutter am meisten. All die vielen, mechanischen
Dienste, die der kleine Krper fordert, versteht eine geschulte
Pflegerin besser als sie. Erst der erwachende Geist braucht die Augen
der Mutter, die jede seiner Regungen sieht, und ihre Sorgfalt, die
allein wei, welche seiner vielen Triebe beschnitten, welche gesttzt,
welche der Sonne und dem Wetter ausgesetzt werden knnen. Und Millionen
Frauen drfen es nicht! Nie erschien mir unsere Gesellschaftsordnung
widersinniger: sie zwingt den Staat, Gefngnisse zu bauen fr die
Verbrecher und Frsorgeerziehungsanstalten fr die verwahrloste Jugend,
der sie die Mtter genommen hat.

Sollten wir wirklich darauf warten mssen, bis sich in hundert und
aberhundert Jahren der Proze der Sozialisierung der Gesellschaft
abgespielt hat? War unsere wirtschaftliche und technische Entwicklung
nicht heute schon so weit vorgeschritten, um durch eine sozialistische
Organisation in Verbindung mit der allgemeinen Arbeitspflicht, die
Herabsetzung der Arbeitszeit auf das geringste Tagesma zu ermglichen
und den Kindern nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater
zurckzugeben? In dem leidenschaftlichen Zorn, der mich gegen die Hter
der bestehenden Ordnung erfllte, konnte ich nicht anders, als sie fr
Heuchler oder fr Dummkpfe zu erklren. Die Frauen galt es, wider sie
zu empren! Mutterliebe ist das strkste Gefhl in der Welt, strker als
die Leidenschaft der Geschlechter, strker als der Hunger. Einmal von
den Fesseln befreit, in die die Tradition sie zwngte, mu sie zum Motor
werden, der die Gesellschaft aus den Angeln hebt.

Ich wandte mich in meinen Reden immer mehr an die Frauen. Ich peitschte
ihre Empfindung auf; ich erklrte sie fr die Schuldigen, wenn ihre
Kinder hungerten an Leib und Geist, wenn sie verkamen, wenn die Maschine
ihre Jugend zerfra, wenn sie im Zuchthaus endeten. Der Zolltarif mit
seiner Verteuerung aller Lebensmittel, der zu gleicher Zeit die
Reichstagsdebatten beherrschte, die Fleischteuerung, die eine Folge der
Schlieung der Grenzen war, -- kurz, die ganze agrarische Reichspolitik,
in die die Regierung eingeschwenkt war, boten mir die Handhabe, um an
die nchsten Interessen der Frauen anzuknpfen, an jene Frage, die je
nach der Bedeutung, die sie fr die Glieder des Volkes hat, ein
Gradmesser der Menscheitskultur sein kann: wie sttige ich meine Kinder?

Von einer meiner Versammlungen war ich fast stimmlos zurckgekehrt.

Sie drfen weder in Rauch noch in Staub sprechen, sagte der Arzt wie
schon einmal vor Jahren.

Ich lachte ihm ins Gesicht, lie mir den Hals ein paarmal einpinseln und
fuhr nach Schlesien. Mit uerster Anstrengung gelang es mir, noch zwei
Reden zu halten. Dann versagte die Stimme ganz.

Jetzt erklrte der Arzt, da ich sobald als mglich fort msse: In
gute reine Luft, am besten ins Gebirge. Ich schttelte den Kopf. Wie
konnte ich an eine Sommerreise denken?!

Die Gesundheit geht allem anderen voraus, sagte mein Mann, heute noch
kannst du packen und morgen in den Alpen sein.

Die Frage, ob solch eine Reise mglich wre, schien ihn keinen
Augenblick zu beunruhigen.

Ich kann den Kleinen nicht wochenlang allein lassen --, wandte ich
ein.

Natrlich: Ottochen nimmst du mit, antwortete Heinrich ohne Besinnen,
auch diesem Stadtpflnzchen wird das Landleben gut tun.

       *       *       *       *       *

Um jene Zeit war mein Schwager Erdmann gestorben. Meine Mutter kam mit
Ilse nach Berlin zurck. Ich erschrak, als ich sie sah. Jetzt erst war
sie wirklich alt geworden, unauslschlich hatten sich die Falten der
Verbitterung um ihre Mundwinkel eingegraben. Zwischen ihre fest
aufeinandergepreten Lippen kam kein Laut der Klage. Aber wenn Ilse
neben ihr stand in all ihrer strahlenden Jugend, mit den Augen, die
sehnschtig die Sonne suchten nach all dem monatelangen Leid, dann
fhlte ich die ganze Qual dieses Zusammenlebens.

Sie kamen hufig allein zu mir, und ich mute immer wieder zwischen
ihnen vermitteln. Endlich fate ich den Mut, der Mutter ehrlich meine
Meinung zu sagen:

Warum lt du sie nicht frei? -- Viele in ihrem Alter stehen allein in
der Welt. Wozu qulst du dich selbst und sie?

Die Mutter wurde hochrot im Gesicht. Da sieht man, wohin eure
religionslose Moral euch fhrt! rief sie. Nicht genug, da du im Lande
umherziehst und die Frauen gegen Kirche und Staat aufhetzst, wie mir
mein Bruder erzhlt, du respektierst nicht einmal mehr die
selbstverstndlichsten Gebote der Mutter- und der Kindespflicht.

Nein, antwortete ich erregt. Eine Pflicht, die kein Gebot des Herzens
ist, eine Pflicht, die sich wie ein antiker Schicksalsspruch durchsetzen
will, auch wenn die Menschen dabei zugrunde gehen, erkenne ich nie und
nimmer an. -- Was Onkel Walter erzhlt, sollte dir brigens nichts Neues
sein: du weit, da ich Sozialdemokratin bin. Da meine Agitation ihm
jetzt, wo sie sich gegen seine speziellen agrarischen Interessen
richtet, besonders antipathisch ist, scheint mir auch nur
selbstverstndlich.

Und ich hatte gehofft, da die Mutter in dir dich allmhlich von diesen
Abwegen zurckfhren wrde --

Die Mutter in mir treibt mich vorwrts! unterbrach ich sie.

Lehrt sie dich auch jede Familienrcksicht ber Bord werfen? Nicht
daran denken, wie du alle kompromittierst, die unseren Namen tragen? Wie
mein Bruder sich sogar gezwungen sieht, ein Mandat fr den nchsten
Reichstag nicht mehr anzunehmen?! Ihr Zorn fing an, mich zu entwaffnen.

Liebe Mutter, das alles wollen wir, denke ich, nicht wieder aufrhren,
sagte ich ruhig. Die Verwandten haben sich lngst in aller Form von
mir losgesagt, und wenn es fr mich Familienrcksicht gibt, so ist es
allein die auf mein Kind.

Gerade an diesem Kind wirst du fr all das Unglck, das du ber uns
gebracht hast, ben mssen! rief die Mutter mit funkelnden Augen.

Ich war von dem drohenden Ton ihrer Stimme betroffen. Was meinst du
damit?! frug ich.

Solltest du fr Otto etwa nicht auf Klotildens Erbe hoffen? entgegnete
sie. Hat sie dich seit deiner Heirat jemals eingeladen?!

Ich stehe dauernd in brieflichem Verkehr mit ihr. Sie hat mir erst
krzlich ber meine 'Frauenfrage' Worte wrmster Anerkennung
geschrieben. Und da sie mich nicht bei sich sehen kann, begreife ich
vollkommen. Ich wrde ihre Freunde vertreiben, an denen sie hngt,
antwortete ich ausweichend.

Nun so la dir von mir gesagt sein, da die Berichte ber deine
agitatorische Ttigkeit sie aufs uerste emprten. Jenny Kleve kam eben
aus Augsburg zurck --

Ich bi mir heftig auf die Unterlippe. Jenny Kleve! Allerdings eine
gute Quelle! Und eine geeignete Vertreterin meiner Interessen! spottete
ich. Bist du es nicht gewesen, die alles daran setzte, um zwischen ihr
und ihren Geschwistern und Tante Klotilde nhere Beziehungen
herzustellen?! Dein eigener Bruder warnte dich damals, dir kein
Kuckucksei ins Nest zu legen!

Ich habe nur meine Pflicht getan, erklrte die Mutter.

       *       *       *       *       *

Tante Klotildens Erbschaft! Der Gedanke bohrte sich mir in Hirn und
Herz. Mit einer Sicherheit, die nie auch nur den geringsten Zweifel
aufkommen lie, hatte ich stets auf sie gerechnet. Ich wute: ihrem
geliebten ltesten Bruder, meinem Vater, hatte sie versprochen, fr mich
sorgen zu wollen; er hatte mir noch kurz vor seinem Tode den Inhalt
ihres Testamentes vorgelesen, und hinzugefgt: Da ich Deine und Deines
Jungen Zukunft gesichert wei, wird mir das Sterben erleichtern. Habe
ich doch selbst gar nicht fr Euch sorgen knnen! ber manche schwere
Stunde hatte die Erinnerung daran mir hinweggeholfen: Mag kommen, was
will, mein Kind wird einmal nicht darben! Sollte sie ihr Wort brechen
knnen?! Ein kalter Schauer erschtterte meinen Krper. Ich wute, wie
es tat, an die jmmerliche Notdurft des Lebens stndig denken zu mssen.
Wie viele junge Menschen hatte ich aus der Flut des Lebens auftauchen
sehen, von einem starken Talent emporgetragen, und nach ein paar Jahren
hatte das Bleigewicht der Not sie niedergezwungen!

Mein Sohn sollte sich frei entwickeln knnen. Ich mute mich selbst
berzeugen, ob die Warnung meiner Mutter berechtigt war.

Mein Mann war bse, als ich davon sprach. Du wirst dich doch nicht mit
den Kleves auf eine Stufe stellen?! rief er aus. Unser Junge hat es
nicht ntig, da seine Mutter sich erniedrigt. Er wird stark genug sein,
sich selbst durchzukmpfen.

Ich war so erregt, da all die verschwiegenen Qualen hervorstrzten wie
ein entfesselter Wildbach: Du freilich wirst nichts davon merken, wenn
er sich grmt, gerade so, wie du nicht merkst, nicht merken willst, wie
mich die Sorgen niederdrcken. Du schiltst, wenn ich nach deiner Ansicht
nicht genau genug auf jeden Wurstzipfel achte, der in die Kche kommt,
aber du fragst nicht danach, woher ich das Geld nehme, wenn du keins
mehr hast und wir leben wollen!

Und ich erzhlte ihm, wie ich im vorigen Jahr den Verleger um Vorschu
hatte bitten mssen, wie ich mein bichen Schmuck heimlich aufs
Versatzamt getragen hatte. Er wurde ganz bla, und sein Gesicht nahm
jenen harten, kalten Ausdruck an, vor dem ich mich immer frchtete.
Tagelang gingen wir stumm nebeneinander her, whrend das gezwungene
Zusammensein uns stets aufs neue reizte.

Die Ehe ist doch eine grliche Einrichtung, sagte Heinrich
schlielich und reichte mir in vershnlicher Stimmung die Hand.

Ich nickte eifrig und meinte lchelnd: Wie stark mu die Liebe sein, um
sie auszuhalten!

Die besten Freunde mssen einander unertrglich werden, wenn sie Tag
und Nacht in denselben Kfig gesperrt sind, ergnzte er.

Ich glaube, es ist Zeit, da wir fr ein paar Wochen in Freiheit
gesetzt werden, wagte ich zgernd auszusprechen; -- ich erwartete jeden
Tag die Antwort von Tante Klotilde auf meinen Brief, in dem ich sie
gefragt hatte, ob es ihr recht wre, wenn ich mit dem Kleinen nach
Grainau kme. Ich wrde mir eine eigene Wohnung nehmen, -- natrlich, --
und sie nur besuchen, wenn sie uns sehen wollte. Mein Mann runzelte zwar
noch die Stirn, aber er meinte dann doch lachend: Mach, da du
wegkommst, damit ich die Gattin los werde und die Geliebte wiederfinde.

Die Antwort kam, -- eine khle, glatte Ablehnung. Die Welt ist gro,
schrieb sie, Du brauchst Deine Sommerferien nicht gerade in Grainau zu
verleben, wo die Situation fr dich, -- ganz abgesehen von der meinen,
auf die Du ja keine Rcksicht zu nehmen scheinst --, eine wenig
gemtliche wre. Die Bauern wrden Dir fremd, wenn nicht feindlich
gegenberstehen. Seit der Dienstbotenbewegung, die Du mit soviel Lrm in
Szene setztest, hast Du ihre Sympathie verloren. Deine stndigen
Angriffe auf unseren allverehrten Kaiser -- hier hrte ich die Stimme
der Kleves, die nur in der Potsdamer Hofluft zu atmen vermochten --
haben den vielleicht noch vorhandenen Rest vollends zerstrt ... Ich
bin eine alte, kranke Frau und brauche innere und uere Ruhe. Im
brigen wird meine Liebe zu Dir durch die rumliche Entfernung eher
erhalten, als beeintrchtigt werden ...

Was nun? Gab es nichts mehr, das mir den Weg zu ihr bahnen knnte?
Gehen Sie ins Gebirge, hatte der Arzt gesagt. Wenn ich nun doch reisen
wrde, -- mit dem Kleinen, -- irgend wohin nicht allzuweit von Grainau,
wo der glckliche Zufall eine Begegnung ermglichen knnte! Ich war
berzeugt: sah sie mein Kind, ihr ganzes Herz wrde gewonnen werden!

       *       *       *       *       *

In Mittenwald, dicht unterm Berg, fand ich bei einem Bauern ein
Giebelzimmerchen und die groe, bunte Wiese, die ich meinem Liebling
versprochen hatte. Den ganzen Tag spielte er dort mit dem kleinen Sohn
des Hauses, dem Hansei, und seine weie Stadthaut brunte sich, und
seine Muskeln wurden straff. Ich sa indessen auf der Altane und schrieb
alle mglichen Artikel und freute mich, wenn das Honorar immer wieder
eine Woche lngeren Aufenthalt mglich machte. Von fernher glnzte und
lockte die Zugspitze bis zu mir herber. Ich sah sie bei Nacht im
Mondschein, wenn die Sterne am dunkeln Himmel sich bewundernd um sie
scharten. Ich sah sie bei Tage, wenn die Sonne sie inbrnstig kte und
ihr doch nichts zu rauben vermochte von ihrer jungfrulichen Reinheit.
Ihr zu Fen war das Stckchen Erde, das ich liebte, wie keins in der
Welt. Wo ich mein Jugendglck fand und -- begrub. Ich verstand, da es
Menschen gibt, die vor Heimweh krank werden.

Auf unseren Spaziergngen suchte ich immer die Wege, auf denen ich dem
weien Berge nher kam, und erzhlte dem aufhorchenden Kleinen von ihm
als der verzauberten Prinzessin und ihrem grauen finsteren Wchter, dem
Waxenstein. Dabei wurden mir wohl auch die Augen feucht. Sei nich
traurig, Mamachen, trstete mich mein Kind. Ein groer Held wird
kommen und die Prinzessin befreien!

Einmal, als wir wieder zu dem stillen See aufwrts gingen, plauderte er
lustig von den Khen und den Blumen. Dann wurde er pltzlich still, ein
grbelnder Zug trat in sein rundes Kindergesichtchen, und seine Wangen
frbten sich dunkler.

Der Hansei will Kutscher auf'n Stellwagen werden, begann er
unvermittelt; ist das nicht dumm?!

Ich nickte zerstreut. Er schwieg wieder.

Als wir uns aber im Walde lagerten, zog er meinen Kopf dicht an den
seinen und flsterte aufgeregt: Ich mu dir ein groes Geheimnis sagen,
-- dir ganz allein. Ich will ein Held werden und alle schlechten Leute
totschlagen!

Ich streichelte seinen Lockenkopf. Das ist nicht leicht, mein Kind,
sagte ich ernst.

Oh, ich wei! Aber was man will, das kann man auch! rief er mit einem
hellen Jauchzen in der Stimme. Ich zog ihn zrtlich an mich. Hatte ich
es ntig, um ihn zu bangen? Brauchte ich zu frchten, da seine Zukunft
von der Gunst der harten Frau dort drben abhngig werden knnte? Ich
verga allmhlich, weshalb ich hierher gekommen war. Ich sah nicht mehr
erwartungsvoll die weie Strae hinauf, wo ich vor Zeiten so oft mit der
Tante gefahren war.

Es fiel von meiner Seele wie lauter dunkle Schleier. Die Sonne und die
freie Bergluft berhrten sie wieder. Zuweilen kam ich mir selbst wie
verzaubert vor: als sei all mein Trumen, mein Hoffen und Sehnen aus mir
herausgetreten und lebendig geworden in der Gestalt dieses Kindes.

An den Wiesenwegen standen berall Kruzifixe, Wahrzeichen jener
Verneinung des Lebens, die uns gelehrt hat, Armut und Unglck nicht als
unsre rgsten Feinde, sondern als gottgewollt anzusehen.

Ich kann einen angenagelten Gott nicht anbeten, sagte mein Sohn.

Unser Aufenthalt ging zu Ende. Ich mute zum Parteitag nach Mnchen.
Aber ich konnte nicht fort, ohne drben gewesen zu sein, wo auf dem
Hgel die kleine weie Kirche steht und der grne Badersee im Walde
trumt, mit dem Bilde der Zugspitze im Herzen. Wir fuhren nach Garmisch
und wanderten ber die Wiesen, an den braunen Heuschobern vorbei,
dorthin, wo sich in leisen Wellenlinien das Tal erhebt, Hgel an Hgel
von alten Baumriesen bekrnt und blhenden Bschen. Glnzend wie ein
Silberstreifen schlngelt sich der Weg durch die Grnde, -- braune und
rote Dcher tauchen auf, -- schon pltschert der Bergbach, der ganz,
ganz oben in den Furchen und Spalten dem Felsen entspringt und vom
Schnee sich nhrt und vom Eis: Das war Grainau --. Und nun, Bubi, pa
auf: nun kommen die blauen und goldgelben Huser mit den lustigen
Heiligenbildern daran und den vielen, vielen Nelken auf den Altanen.

Wo denn, Mamachen?!

Ich sah mit groen Augen um mich. Wo waren sie nur? Die Erinnerung malte
mir wohl ihr Bild, aber die Zeit hatte ihre Farben verlscht, und
berall standen neue Huser mit kalkweien Wnden, -- ohne den heiligen
Florian in den Nischen, -- blumenlos. Wie verschchterte Bauernkinder
vor den Stdtern verkrochen sich die alten scheu in den Winkeln. Ich
beschleunigte meine Schritte. Der Wald war derselbe geblieben, und
zwischen den Buchenstmmen leuchtete schon der See. Dort wollt' ich
stille Andacht halten! -- Mein Fu stockte: ein groes Hotel erhob sich
an seinem Ufer. In seine kristallklare Flut hatte man eine Nixe aus
Bronze versenkt; auf den Khnen drngten sich die Menschen um sie und
starrten hinunter. Aber den Badersee sahen sie nicht. Der lag ganz still
und sah zum Himmel empor in groer, groer Einsamkeit. Und hinter
dunkeln Wolken versteckten sich die Berge, als schmten sie sich der
Welt unter ihnen.

Ich kmpfte mit den Trnen. Meine Jugend hatte ich gesucht, -- war ich
nicht statt dessen pltzlich uralt geworden? Ich mochte nichts mehr
sehen, auch das Rosenhaus nicht. Aber mein Junge gab nicht nach.

Lange lagen wir auf dem Moose im Wald, den kleinen Rosensee uns zu
Fen, am jenseitigen Ufer das traute grnumrankte Haus. Hier hatte sich
nichts verndert. Und all die Bilder von Glck und Leid, die dieser
Rahmen einst umschlo, zogen an mir vorber. Die Jahre zwischen damals
und heut wren mir wie ein Traum erschienen, wenn nicht das Kind neben
mir mich an die lebendige Gegenwart erinnert htte. Ich stand auf und
reckte den Krper. Der Abschied von diesem Haus, diesem See, diesem Wald
war der erste Schritt in das neue Leben gewesen. Ich bereute ihn nicht.
Dankbar sah ich noch einmal hinber. Trotz alledem: dieser Erdenwinkel
blieb mein.

Eine weihaarige Frau, die den schweren Krper nur mhsam am Stock
vorwrts bewegte, trat aus der Tr in den Garten. Uns entgegen auf dem
schmalen Steg kam hastig ein hellgekleidetes Mdchen. Dicht vor mir
blieb sie sekundenlang mit weit aufgerissenen Augen stehen. Es war Jenny
Kleve. Dann sah ich noch, wie sie hinberlief, mit erregten Gesten auf
die alte Frau einsprach, und wie diese dem herbeigerufenen Diener eine
Weisung erteilte. Ich lachte auf: jetzt hat sie Befehl gegeben, mich
nicht vorzulassen, dachte ich; -- Jenny Kleve, auf diesen Triumph freust
du dich umsonst!

       *       *       *       *       *

In Mnchen erwartete uns Berta, mit der der Kleine nach Berlin
zurckreisen sollte.

Htte ich nur mit ihnen heimreisen knnen! All der Staub der Stadt, der
meine Lunge erfllt, der grau und schwer die Glut meines Herzens fast
erstickt hatte, war vom Bergwind weggeweht worden. Mein Kind, -- mein
Geliebter, -- waren sie nicht der Inhalt meines Lebens? Mein Geliebter,
-- nicht mein Gatte, an dessen Seite nichts mich zwang als ein Stck
Papier. Die geluterte Moral der Zukunft wird die Roheit unserer
Gesittung nicht verstehen, schrieb ich an Heinrich, die die
Beziehungen der Geschlechter, wie die zwischen Unternehmer und Arbeiter,
zwischen Herrn und Diener, mittelst eines formulierten Vertrages regeln
wollte, die die Frau ntigte, als Symbol des Auslschens ihrer
Persnlichkeit, den eigenen Namen mit dem des Mannes zu vertauschen.
Liebe sollte immer ein Geheimnis sein, eins, um das nur die
Allernchsten wissen. Die Ehe schreit es in alle Welt hinaus und erzhlt
zynisch jedem Gassenbuben: sieh, dieses Weib gehrt jenem Mann!.. Ich
sehne mich nach Dir. Mit tieferer, heierer Sehnsucht, als da die Liebe
mir nur ein Traum war. Ich mchte untertauchen bis auf den Grund ihres
Ozeans, denn mir ist, ich wre bisher nur auf der Oberflche gefahren,
und in der Tiefe warteten Schtze auf mich von unermebarem Wert. Aber
wenn ich an unsere laute Strae denke, an die engen Zimmer, in die
unsere groe Liebe sich sperren lie, um Magddienste zu tun, -- dann
sinkt meine Sehnsucht in sich zurck, wie ein Springbrunnen, der eben in
Milliarden Wassertropfen der Sonne entgegenflog und nun, da der Grtner
den Hahn abdreht, pltzlich verschwindet ... --

Du hast recht, antwortete er, tausendmal recht! Aber glauben kann ich
Dir erst, wenn Du Deine Empfindung nicht nur aussprichst, sondern ihr
folgst ... Komm, und wir wollen in irgend einem stillen Winkel, wo uns
niemand kennt, Hochzeit feiern, wie einst ... Der Parteitag braucht Dich
nicht. Dieser Augenblick jedoch ist vielleicht der einzige, der in uns
beiden die Erinnerung an die Ehe auslscht ...

Aber ich ging nicht. Ich war unfrei. Nie htte ich es mir eingestanden,
und doch war es so: ich stand, wie die Mutter, noch unter dem kalten
Gesetz der Pflicht. Ich durfte die Aufgabe nicht im Stiche lassen um
meiner Wnsche willen! Am wenigsten jetzt, wo ihre Erfllung mir
widerstrebte.

       *       *       *       *       *

Wie schn hatte ich es mir einst gedacht, wenn zu den Kongressen der
Partei die Gesinnungsgenossen von Ost und West, von Nord und Sd
zusammenkommen wrden, ungleich nach Beruf und Alter und Geschlecht, und
doch ein einiges Heer, von derselben Kraft durchdrungen, von demselben
Willen beseelt, neue Kreuzfahrer, die auszogen, der Menschheit heiliges
Land zu suchen. Und jetzt?

Schon im Hotel, wo die meisten Delegierten untergekommen waren, musterte
man sich mitrauisch, begrte sich khl. Und Gruppen bildeten sich, die
berieten, ob und wie man die Ansichten der anderen Gruppen berstimmen
knne.

Dem Parteitag ging eine Frauenkonferenz voraus. Als ich in den Kreis der
fnfundzwanzig Genossinnen trat, fhlte ich die abweisende Klte, die
mir entgegenstrmte. Nur Ida Wiemer schttelte mir herzhaft die Hand.
Was sagen Sie nur zu dieser Tagesordnung?! flsterte sie erregt.

Ich lachte spttisch: Sie wollen offenbar in anderthalb Tagen die ganze
Frauenfrage lsen. Arbeiterinnenschutz, Kinderschutz, gesetzliche
Regelung der Heimarbeit, politische Gleichberechtigung, -- ein
imponierendes Programm! Es ist ja aber auch eine hbsche Zahl von
Jasagern beisammen. Die schlucken die Resolutionen unbesehen.

Aber Krach gibt's auch, antwortete Frau Wiemer. Ihnen mten die
Ohren geklungen haben, so giftig ist die Bartels auf Sie.

Auf mich?! Ich habe ja gar nichts getan! meinte ich verwundert.

Aber die dsseldorfer Genossinnen haben einen Antrag auf Anstellung
einer Parteisekretrin eingebracht. Man meint, Sie mten
dahinterstecken --

Darum also die bsen Gesichter!

Und dann: da Sie als Einzige von uns morgen im Kindlkeller sprechen!

Darum also die gekrnkten Mienen!

Die arme Dsseldorferin wute offenbar nicht, in was fr ein Wespennest
sie mit ihrem Antrag gestochen hatte, und konnte die Erregung, die er
hervorrief, nicht begreifen. Ich kam ihr zu Hilfe und go nur l ins
Feuer. Alles fiel ber uns her. Martha Bartels sah in dem Antrag ein
Mitrauensvotum gegen ihre Ttigkeit als Zentralvertrauensperson und
spielte die persnlich Gekrnkte, Luise Zehringer gab der offenbar
allgemeinen Meinung, wonach ich mir auf diese hinterlistige Weise eine
fette Pfrnde schaffen wollte, drastischen Ausdruck, indem sie mit einem
wtenden Blick auf mich erklrte:

Die Genossinnen, die nur ab und zu von sich hren lassen, sonst aber
praktisch gar nicht arbeiten, knnen wir fr solche Stelle nicht
brauchen. Die haben unser Vertrauen nicht.

Dabei begann sie krampfhaft zu schluchzen und kreischte, wie ich es von
ihr noch nie gehrt hatte. Aller Klang und alle Weichheit waren aus
ihrer Stimme verschwunden. Ob das das unausbleibliche Schicksal aller
Agitatorinnen war?!

Die Bartels sekundierte ihr: Uns knnen nur Frauen ntzen, die Fleisch
von unserem Fleische sind ... Keine akademisch gebildeten Damen, die nur
mal, um sich zu zeigen, ab und zu in einer groen Versammlung einen
Vortrag halten --. Ich stand dicht vor ihr und sah ihr gerade ins
Gesicht. Solche Paradepferde knnen wir nicht brauchen, schrie sie.

Mein Nachbar, ein belgischer Genosse, schttelte verwundert den Kopf:
Es scheint, die ganze Konferenz richtet sich gegen Sie. Was haben Sie
nur getan?! fragte er.

Ist's nicht Verbrechen genug, da ich berhaupt da bin?! antwortete
ich bitter.

Als im weiteren Verlauf der Debatte die Frage des Arbeiterinnenschutzes
besprochen wurde, nahm ich die Gelegenheit wahr, abermals die
Forderungen einer umfassenden Mutterschaftsversicherung zu verteidigen.
Ein paar Beifallsrufe wurden laut, die meisten der Frauen jedoch, ihr
Leben lang gewohnt, sich unterjochen zu lassen, waren durch die
Anwesenheit so anerkannter Parteiautoritten, wie Wanda Orbin und Martha
Bartels, viel zu verschchtert, als da sie ihnen htten opponieren
knnen. Kaum hatte ich geendet, als Wanda Orbin sich zum Worte meldete.

Sie sprach mit einer Leidenschaft, als gelte es, die hchsten Prinzipien
des Sozialismus zu verteidigen, und mit einer Stimme, als htte sie eine
Riesenvolksversammlung vor sich: Der Gedanke, welcher der
Mutterschaftsversicherung zugrunde liegt, sagte sie, ist der Gedanke
der menschlichen Solidaritt in seiner weitesten Form. Die
Verwirklichung dieses Prinzips aber steht in so schreiendem Gegensatz zu
dem Wesen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, da wir sie auf
ihrem Boden nicht erreichen werden ... Sie kann erst zur Verwirklichung
gelangen, wenn das Recht des lebenden Menschen ber den toten Besitz zur
Geltung gebracht sein wird, -- in einer sozialistischen
Gesellschaft ... Ihre Stimme berschlug sich, Schweitropfen standen
auf ihrer Stirn. Von allen Seiten klatschte man enthusiastisch.

Bisher hat es nur als ein Kennzeichen der brgerlichen Frauenbewegung
gegolten, aus Opportunittsgrnden mglichst wenig zu fordern, um
berhaupt etwas zu erreichen, antwortete ich in ruhigem Gesprchston.
Wir verlangen im Gegenteil Alles, und nehmen nur als Abschlagszahlung,
was davon stckweise errungen wird. Haben wir etwa jemals aufgehrt, fr
den Achtstundentag zu agitieren, weil der Gegenwartsstaat ihn nicht
gewhren wird? Mit noch grerem Recht knnen wir von ihm die
Mutterschaftsversicherung fordern, denn ein gut Teil ihrer Ziele mu er
im eigensten Interesse verwirklichen. Er braucht gesunde Mtter,
arbeitsstarke Mnner, kriegstchtige Rekruten.

Wanda Orbin erhob sich noch einmal. Die Forderung der
Mutterschaftsversicherung ist durchaus nicht so radikal sozialistisch,
wie Frau Brandt meint ..., rief sie. Ringsum klatschte man wieder.
Weder sie noch ihre Zuhrerinnen hatten bemerkt, da sie, um mir zu
widersprechen, sich innerhalb weniger Minuten selbst widersprochen
hatte.

Als ich ins Hotel zurckkam, mde und verrgert, trat mir berraschend
mein Mann entgegen. Ich errtete dunkel. Er kte mir nur die Hand.

Ich wute, da du Kmpfe haben wirst, sagte er, und da ein Freund
dir fehlen knnte. Mit tiefer Dankbarkeit sah ich ihm in die Augen.

Der Geist, der in der Frauenkonferenz umgegangen war, herrschte auf dem
Parteitag.

Wir brauchen die Akademiker nicht! war die Parole, unter der er stand.
Wenigstens die nicht, die sich erlauben, eine andere Meinung zu haben
als wir.

Ein Antrag besonders war von symptomatischer Bedeutung; er verlangte
nichts weniger, als da die Mitglieder der Partei verpflichtet werden
sollten, Kritiken ber schriftliche oder mndliche uerungen von
Parteigenossen nur in Parteiblttern, das heit solchen Zeitungen und
Zeitschriften, die der Parteikontrolle unterstehen, zu verffentlichen.
War es nicht ein grotesker Widerspruch zu den grundlegenden Prinzipien
der Partei, da solch ein Antrag auch nur ernsthaft diskutiert werden
konnte? Da es Sozialdemokraten gab, die die Einheitlichkeit der
Partei dazu mibrauchten, um die Meinungsfreiheit niederzukntteln?

Ich habe geglaubt, die Leute htten sich in der Adresse geirrt, sagte
Vollmar und reckte sich zu seiner ganzen Riesengre auf, soda er
turmhoch und turmsicher ber der brandenden Woge der Menge stand. Das
ist ein Antrag fr die Zentrumspartei, fr die Kirchenorgane mit dem
Zensor obenan, wo nur eine Meinung gilt. Es gengt nicht, ihn zu
bekmpfen, ihn niederzustimmen. Bis auf seine Wurzeln, gilt es, ihn zu
verfolgen, sonst kehrt er in der und jener Form alljhrlich wieder und
berwuchert unser Erdreich. Es ist der ewige Geist der Kontrolle, der
Geist der Kasernenhofdisziplin, dem er entspringt. Und gegen ihn mssen
wir uns wenden. Nicht die freie Meinung unterdrcken, was eine Schwche
verraten wrde, die nur dem Tode, das heit der Versteinerung einer
Bewegung vorangehen kann, sondern sie frdern, ist unsere Aufgabe.
Sollte der Versuch unternommen werden, selbstndige Menschen mundtot zu
machen, so wre der kein echter Sozialdemokrat, der es fertig bekme,
sich solcher Zensur zu unterwerfen. Es wre wahrhaftig nicht der Mhe
wert, die Fesseln der brgerlichen Gesellschaft von sich zu werfen, um
sie nur mit neuen zu vertauschen!

Ich sah mich um im Saal. Es waren nur bestimmte Gruppen, die Beifall
klatschten. Reihenweise saen die Genossen an den langen Tafeln mit
verschlossenen oder gleichgltigen Mienen. Unwillkrlich lief mir ein
Schauer ber den Rcken. Die Diktatur des Proletariats, -- wird sie
die Freiheit sein?

Sie wrde ein rasches Ende nehmen, wenn sie etwas anderes wre, sagte
einer unserer Genossen, als wir am Abend zusammen waren und ich die
Frage ausgesprochen hatte.

Whrend der letzten Tage des Kongresses, deren Verhandlungen sich um die
praktischen Fragen der Arbeiterversicherung und der Kommunalpolitik
drehten, legten sich die Wogen der Erregung wieder. Und als August Bebel
von den kommenden Reichstagswahlen sprach und seine braunen
Jnglingsaugen unter dem grauen Haarschopf immer feuriger glnzten, je
drastischer seine Darstellung der inneren und ueren politischen Lage
wurde, je weitgehendere Hoffnungen er fr den Wahlkampf daran knpfte,
da jubelte alles ihm einmtig zu; jener zndende Funke der Begeisterung
sprang von einem zum anderen, derselbe Funke, den eine Kriegserklrung
fr alle waffenfhigen Mnner bedeuten mag. Sie werfen ihr Werkzeug
beiseite, sie treten in Reih und Glied, und zum guten Kameraden wird der
Nachbar, mit dem sie eben noch in kleinlichem Hader lebten.

Noch erging sich die brgerliche Presse in langatmigen Betrachtungen
ber den Bruderzwist in der Partei, um Hoffnungen fr ihre Sache
daraus zu schpfen, und schon standen wir in Reih und Glied dem
gemeinsamen Feind gegenber.

       *       *       *       *       *

Am Tage unserer Rckkehr nach Berlin ging ich zur Mutter. Drei Monate
hatte ich sie nicht gesehen. Ihre Briefe, die kurz und freudlos waren,
lieen mich nichts Gutes ahnen. Sie wohnte mit Ilse in einer Pension am
Ltzow-Ufer. Als ich aus dem hellen Tageslicht in das dunkle Zimmer
trat, -- die Huser hier traf nie ein Sonnenstrahl, -- lste sie sich
langsam, wie ein Schatten, aus dem tiefen Stuhl, in dem sie gesessen
hatte. Ihre Hnde nur leuchteten wei und berschlank aus dem schwarzen
rmel des Kleides. Sie war sehr verndert.

Streifen weien Haares zogen sich durch ihre blonden Scheitel. Auf ihrem
schmalen Gesicht wechselte fahle Blsse mit fliegender Rte. Die
Pupillen in ihren Augen standen keinen Augenblick still. Ein Gefhl von
Zrtlichkeit berkam mich. Ich kte ihre beiden Hnde.

Es ist nicht leicht --, sagte sie.

Was denn, Mamachen? fragte ich so sanft, als htte ich eine Kranke vor
mir.

Weit du noch, wie ich Ilse die Stiefel zuschnrte, als sie ein Kind
war? Vor ihr auf den Knieen, -- nur damit sie sich nicht bcken sollte?
begann sie langsam, traumverloren. Dann pflegte ich ihren Mann zu Tode,
-- und nun lt mir die Angst keine Ruhe, da sie wieder in ihr Unglck
rennt -- Sie lie sich nicht beruhigen. Es war, als ob eine fixe Idee
sie beherrschte.

Eines Abends schickte Ilse nach mir.

Um Gottes willen -- rasch --, rief sie mir schon vor der Haustr
entgegen, ich frchte mich so! Oben fand ich die Mutter im Bett
zusammengekauert, die Augen starr ins Wesenlose gerichtet. Hans -- Hans
-- tu mir nichts! wimmerte sie. Du hast ja mein Versprechen -- Und
dann streckte sie wie lauschend den Kopf vor. Hier meine Hand
darauf -- flsterte sie ruhiger werdend, und ihre weien Finger griffen
in die leere Luft, um etwas zu umschlieen, das niemand sah als sie.

Der Arzt erklrte ihren Zustand fr Nervenberreizung und verlangte die
Trennung von Mutter und Tochter. Aber erst nach Wochen voller innerer
und uerer Qualen lie sie sich berreden, ohne Ilse nach Montreux zu
gehen. Ich hatte ihr versprechen mssen, die Schwester zu mir zu nehmen,
und sie selbst berwachte noch ihre bersiedlung in eine zufllig leere
Wohnung neben uns.

       *       *       *       *       *

Es war um die Weihnachtszeit; jene Zeit voller Geheimnisse und voller
Freuden; jene Zeit, die ein Gott der Liebe wirklich geweiht zu haben
scheint. Ich hatte dann immer alle Hnde voll zu tun. In den Laden gehen
und kaufen, das kann jeder, der einen vollen Beutel hat, auch im Alltag
des Jahres. Aber den Wnschen derer, die man liebt, nachspren, und sie
mit eignen Hnden zu erfllen suchen, das kann nur, wer Festtagsstimmung
hat.

Eine Gtterburg baut' ich meinem Buben auf mit Wodan und Baldur, mit
Loki im roten Feuerkleid und den Walkren in Schwanengewndern. Stets
fehlte noch irgend was: ich mute weit umherlaufen, um die Silberflgel
fr die Helme der Schlachtjungfrauen oder den goldenen Eber fr Freyrs
Wagen zu finden. Und ich war so mde, so schrecklich mde! Es war, als
ob mein Krper tglich schwerer auf den Fen lastete. Endlich war alles
fertig. Ich lag erschpft auf dem Sofa.

Wie schwach mir war und wie glhend hei dabei! Mit einer letzten
Kraftanstrengung schlich ich ins Schlafzimmer und legte mir den
Fieberthermometer unter den Arm: 39 -- Ich rief nach Berta und schickte
zum Arzt. Dann wute ich nichts mehr von mir.

Erst allmhlich sah ich schattenhaft Gestalten um mein Bett -- Heinrich
-- den Arzt -- die Pflegerin in der weien Haube und -- die Mutter! Wie
hatte man sie nur rufen knnen, die arme, kranke Frau?! Oder, -- eiskalt
packte mich die Angst, -- sollte ich sterben mssen?! Ich durfte doch
gar nicht! Ich mute den Weihnachtsbaum putzen fr mein Kind!
Unaufhaltsam liefen mir die Trnen ber die Wangen.

Ich genas. Auf dem Sofa lag ich jetzt wieder, und ber meine Decke lie
Ottochen alle Gtter und alle Walkren reiten.

Wie kam es nur, wandte ich mich zur Mutter, die, noch schmaler
geworden, im Stuhl neben mir lehnte, wie kam es nur, da du so
pltzlich hier warst? Heinrich gab mir sein Wort, da er dir nichts von
meiner Erkrankung geschrieben hat, -- und Ilse auch.

Ein stilles Lcheln glitt ber ihre Zge.

Nein, niemand schrieb mir, -- aber ich sah, da der Tod neben dir
stand. Ihr mgt noch so sehr zerren wie an einer Kette, das Band
zwischen Mutter und Kind ist strker als Ihr.

Am nchsten Tage reiste sie ab. Sie hatte den alten schwarzen Mantel an,
den ich seit Jahren an ihr kannte, und auf ihrem dunkelgrauen Hut sa
ein kleiner grnschillernder Kfer, -- ich wei noch alles ganz genau.
An der Tr zgerte sie und sah mich an, -- mit einem langen, langen
Blick. Ich wollte mich aufrichten und sie noch einmal umarmen. Aber ich
war viel zu schwach dazu.

Acht Tage spter war sie tot.




Dreizehntes Kapitel


Genosse Weber aus Frankfurt a. O. -- meine Frau. Ich war gerade zur
Tre eingetreten, als Heinrich mir seinen Gast vorstellte, einen kleinen
lebhaften Menschen mit blanken, braunen Augen und kahlem Schdel.
Verwundert sah ich von einem zum anderen: sie waren beide hei und rot
vor Erregung.

Helfen Sie mir, Genossin Brandt, sagte der Fremde und trommelte mit
den Fingern auf der Tischplatte. Komisch, was fr einen breiten, nach
auen gebogenen Daumen er hat, wie bei der Spinnerin im Mrchen, dachte
ich zerstreut, whrend meine Augen gewohnheitsmig an seinen Hnden
hngen blieben.

Weber bietet mir die Kandidatur seines Wahlkreises an, erklrte
Heinrich. Nun erst horchte ich auf.

Und er zgert, sie anzunehmen. Bringt lauter Wenn und Aber vor. Und
will Bedenkzeit. Als ob es jetzt noch was zu bedenken gbe! Jeder von
uns mu ins Geschirr, -- so oder so, rief unser Gast, und seine Worte
berstrzten sich vor Eifer. Machen Sie kurzen Proze, -- schlagen Sie
ein!

Schade, da Sie mich nicht brauchen knnen, -- ich tte es
besinnungslos, antwortete ich und legte meine Hand in die seine, die
er noch vergeblich meinem Mann entgegenstreckte. Weber hielt sie fest.

Ein Weib -- ein Wort, lachte er. Sie sollen sehen, wie wir Sie
brauchen knnen, -- zuerst mssen Sie uns den Kandidaten und dann den
Wahlkreis erobern helfen!

Aber mein Mann blieb fest, trotz allen Zuredens.

In vierundzwanzig Stunden werden Sie meine Antwort haben... sagte er.

Als Weber gegangen war, schalt er mich: Du bist unberlegt wie ein
Kind! Glaubst du, da das Archiv nicht sehr geschdigt wird,
wenn ich fr die Partei kandidiere, oder gar als Mitglied der
sozialdemokratischen Fraktion in den Reichstag komme?!

Ich machte eine wegwerfende Bewegung: Ach, -- das Archiv und immer das
Archiv! Lindner wird sich ber kurz oder lang entscheiden mssen, und
wenn du erst eine ausgesprochen sozialistische Zeitschrift leitest, so
wird das auf das Archiv nicht anders wirken, als wenn du Abgeordneter
bist...

Einen Augenblick lang schwieg ich und sah ihn erwartungsvoll an, aber er
blieb am Schreibtisch sitzen mit gesenkten Augen und zusammengekniffenen
Lippen, whrend seine Hand unruhig mit dem Bleistift spielte.

Heinz --, fuhr ich mit weicherer Stimme fort, Heinz, das bist nicht
du, den ich unschlssig vor mir sehe! Alle Wetterzeichen deuten auf
einen groen Kampf, und du knntest abseits bleiben, wenn man dich zu
den Waffen ruft?! Du, den ich liebe um seiner Khnheit willen, der all
die tausend jmmerlichen Rcksichten des Alltagsmenschen nicht kennt --


Ich sage dir, wie schon einmal, da ich an euch zu denken habe, an dich
und das Kind, unterbrach er mich, aber seine Stimme hatte keinen Ton
dabei.

Hat Romberg, der den Freien spielt und im Grunde nichts ist als ein
Philister, so viel Macht ber dich?! antwortete ich heftig. Soll auch
fr uns die Familie der Gtze sein, dessen Unersttlichkeit wir das
Beste opfern: unsere Freiheit, unsere berzeugung, unser Menschentum?!
Sie wre wert, da wir sie zerstrten, wie unsere Gegner es von uns
behaupten, wenn dem so wre!

Heinrich erhob sich und reichte mir die Hand. Seine Augen glnzten
wieder. Du bist mein tapferer Kamerad, sagte er, -- nichts weiter. Und
ich stellte keine Frage mehr an ihn.

Am nchsten Morgen gingen wir in den Reichstag. Seit Wochen tobte hier
der Kampf um den Zolltarif. Mit eiserner Konferenz hatte die
sozialdemokratische Fraktion es bisher durchgesetzt, da ber jeden
einzelnen Zollsatz beraten und namentlich abgestimmt wurde. Wenn sie die
schlieliche Annahme der Vorlage auch nicht verhindern konnte, -- sie
hatte eine geschlossene Mehrheit gegen sich; von den brgerlichen
Parteien wagte es nur die kleine freisinnige Vereinigung unter Fhrung
von Theodor Barth mit ihr zusammen gegen die drohende Verteuerung aller
Lebensmittel Front zu machen --, so wollte sie wenigstens nichts
versumen, um ihre Folgen abzuschwchen, oder, -- das war die Hoffnung
der Optimisten in ihrer Mitte, -- die Entscheidung so lange
hinauszuschieben, bis die neu gewhlten Volksvertreter sie zu fllen
haben wrden. Sie wuten genau: wenn sie mit dem Zolltarif als
Agitationsmittel vor die Whlermassen treten knnten, so wrde eine
verstrkte Opposition in den Reichstag zurckkehren. Aber ihre
politischen Gegner frchteten diese Entwicklung der Dinge ebenso sehr,
als die Sozialdemokraten sie wnschten. Schon hatten sie versucht, durch
eine Umnderung der Geschftsordnung die Verhandlungen zu beschleunigen,
-- umsonst. Die Sozialdemokraten begegneten ihnen mit vier- und
fnfstndigen Dauerreden, mit immer neuen Antrgen. Die Emprung stieg
bis zur Siedehitze. Und jetzt, -- darber war kein Zweifel, -- hatten
die Vertreter der Rechten und des Zentrums nach langwierigen Beratungen
ein Mittel gefunden, das den Einflu der Opposition endgltig lahmlegen
sollte.

In der langen grauen Wandelhalle, die der dunkle Novembertag noch der,
noch farbloser erscheinen lie, warteten wir auf unsere Tribnenkarten.
Abgeordnete eilten an uns vorber, in schwarzen Rcken oder in Soutanen,
schwere Mappen unter den Armen, mit mden, berwachten Gesichtern, oder
sie gingen flsternd zu zweien und blieben in den Ecken stehen, die
Kpfe zueinandergeneigt, wie Verschwrer. Erhob sich ihre Stimme im
Eifer des Gesprchs, so hallten abgerissene Worte durch den hohen Raum
und schwebten wie verirrt in der Luft. Ein langsamer fester Schritt
nherte sich uns: Ignaz Auer.

Sie haben eine gute Nase, Genossin Brandt, lachte er, indem er uns
krftig die Hnde schttelte; heute platzt hier irgend eine Bombe. Und
da mssen Sie dabei sein, was?! Er fhrte uns in den Wandelgang, der
den Sitzungssaal umschliet, und mit seinem weichen Teppich und seiner
braunen Tfelung behaglich gewirkt htte, wenn nicht ein unaufhrliches
hastiges Hin und Her die Luft in stndiger nervser Schwingung erhalten
htte. Wir setzten uns.

Mir ist die Kandidatur fr Frankfurt-Lebus angeboten worden. Was halten
Sie davon? wandte sich mein Mann an Auer. Der strich sich nachdenklich
mit der breiten Hand den Bart, whrend ein leiser Spott seine Lippen
kruselte.

Also wieder ein Akademiker! Was werden unsere Berliner sagen?! --
brigens, fgte er lauter hinzu, ich kenne den Wahlkreis: cker,
nichts als cker, und Bauern- und Rittergter, wenig Industrie, -- kurz,
ein bser Winkel.

Aussichtslos? fragte Heinrich.

Aussichtslos? Nein! antwortete Auer. Nur erleben wir beide seine
Eroberung nicht. Ich bi mir rgerlich die Lippen, -- ich hatte
erwartet, da er zureden wrde.

Ein heller Glockenton klang durch das Haus. Die Sitzung war erffnet.
Wir stiegen zur Tribne hinauf. Jeder Platz war besetzt. Gespannte
Erwartung lag auf allen Zgen. Man zeigte einander flsternd die
Hauptfhrer im Kampf. Allmhlich fllte sich unten der Saal. Das
gelbgraue Licht, das von den farblosen Wnden und der tiefen Glasdecke
ausstrahlte, lie alle Gesichter gleichmig fahl erscheinen.

Ein vornehmer Raum! sagte eine Dame neben mir. Da man so oft fr
vornehm hlt, was nur khl, nur leblos ist! Die Architekten ffentlicher
Gebude sollten den psychologischen Einflu der Farben auf die Menschen
studieren. Vielleicht wrden dann manche Parlamentsverhandlungen und
Gerichtsbeschlsse anders ausfallen.

Hinter dem Rednerpult stand ein Abgeordneter, der mit einfrmiger
Langsamkeit ber die Petitionen zu den Vieh- und Fleischzllen
berichtete. Niemand hrte auf ihn. In Gruppen standen die Mitglieder der
Rechten und des Zentrums beieinander. Hier und da eilte einer von ihnen
zur Tr, um bald darauf achselzuckend wiederzukommen. Irgend etwas
sehnlich Erwartetes fehlte. Die Linke nur sa scheinbar ruhig auf ihren
Pltzen, und auf dem Prsidentenstuhl lehnte Graf Ballestrem in
erzwungener Gelassenheit den weien Kopf an die hohe Lehne. Der
Berichterstatter schlo. Graf Ballestrem erhob sich: Wir treten nunmehr
in die Beratung des Zolltarifs ein ...

In diesem Augenblick stieg Herr von Kardorff, der greise Fhrer der
Rechten, mit jugendlicher Elastizitt die Stufen zur Estrade empor. Ein
weies Papier zitterte in seinen Hnden. Die Stimme, mit der er scharf
und hell seine Worte in den Saal hinausstie, vibrierte:

In wenigen Minuten wird dem Hause ein Antrag vorliegen, der dahin geht,
in Paragraph 1 der Gesetzesvorlage die Enbloc-Annahme des Zolltarifs
auszusprechen ...

Ein Hohngelchter bertnte jedes weitere Wort. Die Linke sprang auf und
umdrngte die Estrade.

Eine Guillotinierung! klang es aus dem schwarzen Menschenknuel.

Sie haben uns selbst auf diesen Weg gedrngt ..., rief Kardorff. Er
ballte die Faust um das weie Papier, reckte die berschlanke Gestalt
hoch auf und ma mit einem hochmtigen Blick die Gegner unter ihm.

Man wartete auf die Verteilung des Antrages. Eine lange, atemlose Pause.
Endlich traten die Diener ein. Man ri ihnen die bedruckten Bltter aus
der Hand. Dicht unter der Rednertribne, auf der Kardorff noch immer
aushielt -- gerade, starr, scheinbar gleichgltig --, warf einer der
Sozialdemokraten in fanatischem Zorn das zusammengeballte Blatt zu
Boden. Um den heftig gestikulierenden Bebel sammelte sich die Linke.

Zur Geschftsordnung! rief Singers tiefe Stimme immer wieder dem
Prsidenten zu.

Und dann sprach er. Aber durch den frenetischen Beifall der Linken und
die emprten Zwischenrufe der Rechten und des Zentrums klangen nur
abgerissene Stze zu den Tribnen empor.

... Dieser Antrag ist der Ausflu des persnlichen Interesses, welches
die Herren Gesetzgeber an der Zolltarifvorlage haben ... Sie frdern den
Umsturz, Sie propagieren die Revolution, indem Sie die Interessen des
Volkes mit Fen treten... Neunhundert Positionen, von denen jede
einzelne die wirtschaftliche Existenz Tausender bedroht, wollen Sie in
einer Abstimmung zur Entscheidung bringen ... Sie frchten sich, die
Beute knnte Ihnen entgehen ... Sie sind die Schleppentrger der
Agrarier und die Regierung ist ...

Ihr Zuhlter! kreischte eine Stimme dazwischen.

Der Prsident erhob sich und schwang die Glocke. Aber das Wort sa fest;
flsternd ging es schon durch die Menschenreihen auf den Tribnen.

Noch einmal bertnte Singers Rede den Sturm im Saal: Mehr denn je
wird das Recht der Minoritt, sich gegen Vergewaltigungen zu wehren, zur
heiligen Pflicht, wo es sich darum handelt, dem Volke ein Gesetz zu
ersparen, das es der Not ausliefert, whrend es Ihre Taschen fllt ...

Seine Fraktionskollegen umringten den Redner; einen Augenblick lang lag
die Hand Theodor Barths in der seinen.

Das Wort zur Geschftsordnung hat der Herr Abgeordnete von Kardorff.

Schon hatte sich Singer seinem Platz wieder zugewandt. Wie er den Namen
hrte, drehte er sich um und blieb zwischen den Seinen stehen, gro,
schwer, breitschultrig. ber ihm auf einer der Stufen, die zur Estrade
fhrten, stand Bebel, die dunkelglhenden Augen fest auf den Redner
gerichtet, whrend seine Finger sich nervs bewegten, sich spreizten und
wieder zusammenzogen, als prften sie ihre Kraft.

Ruhig, mit der ganzen Selbstbeherrschung des alten Aristokraten, begann
Kardorff zu sprechen: Wir sind der berzeugung, da der vorliegende
Antrag das einzige Mittel ist, um die Tarifvorlage, deren Erledigung wir
fr ein groes vaterlndisches Interesse halten ...

Vaterlndisch?! fragte jemand ironisch; ein schallendes Gelchter
antwortete.

Der Redner gab sich nicht die Mhe, den Lrm zu berschreien.
Gleichgltig sah er ber die Menge hinweg und wartete, bis der Prsident
die Ruhe wieder hergestellt hatte. Dann sprach er weiter, ohne die
Stimme zu erheben, ohne Pathos. Er gab sich nicht die Mhe, berzeugen
zu wollen; in seiner ganzen Art lag eine souverne Verachtung des
Gegners.

...Da die Mehrheit wichtige Gesetzesvorlagen auch gegen den Willen der
Minoritt durchsetzt, ist eine grundlegende Forderung unseres
konstitutionellen Lebens...

Tosender Lrm unterbrach ihn. Aus dem dichtgedrngten Haufen, der sich
allmhlich immer nher zur Rednertribne emporschob, erhoben sich
geballte Fuste. Ruber! -- Taschendieb! -- Volksverrter! --, wie
Peitschenhiebe pfiff und sauste es durch die Luft. Die Mitglieder der
Rechten erhoben sich und besetzten wie zum Schutz die andere Seite der
Treppe. Kardorff sprach weiter. Sein Gesicht war um einen Schein blasser
geworden, und seine schmalen Hnde umklammerten krampfhaft das Pult.
Hier stand nicht mehr der einzelne, der um einen momentanen Vorteil
kmpft, -- in diesem Mann erhob sich vielmehr die alte Welt wider die
neue und umgab seinen scharf geschnittenen Aristokratenkopf mit dem
dunklen Glanz tragischer Gre.

Als wir gingen, stritt man sich noch immer in endlosen Reden ber die
Zulssigkeit des Antrags.

Acht Tage lt sich die Sache wohl noch hinziehen, meinte einer
unserer Reichstagsabgeordneten, den wir in der Wandelhalle trafen, dann
ist der Zolltarif angenommen. Ein Pyrrhussieg fr die Rechte, -- der
Nagel zum Sarg fr die Nationalliberalen!

Und hundert Mandate fr uns! fgte ein anderer frohlockend hinzu; das
wird ein Wahlkampf werden, der seinesgleichen nicht hatte!

In einem Kaffee der Potsdamerstrae erwartete uns Weber. Fragend sah er
von einem zum anderen. Mein Mann reichte ihm die Hand.

Hier haben Sie mich, wenn Sie noch mgen. Auer sagt, wir wrden die
Eroberung von Frankfurt-Lebus nicht erleben, -- das gab den Ausschlag.
Die gebratenen Tauben, die in den Mund fliegen, schmecken mir nicht. Wir
wollen uns zusammen ein Wild erjagen.

Wir blieben noch lange beieinander. Weber erzhlte von seinem eigenen
Leben: wie er als armer Schustergeselle in die Welt hinausgewandert war,
sich schlielich sehaft gemacht hatte und anfing, sich emporzuarbeiten.

Eine verbissene Zhigkeit gehrt dazu, wenn's gelingen soll, meinte
er, dieselbe Zhigkeit, die wir haben mssen, soll die Partei vom
Flecke kommen. Nur ein paar solcher Genossen haben wir in Frankfurt, die
seit Jahren den steinigen Boden beackern, unermdlich, in tglicher
Kleinarbeit, gegen den Ha und die Verfolgungssucht des ganzen
bourgeoisen Klngels, -- und doch sind wir ein gut Stck weitergekommen.
Seit zwanzig Jahren schau ich mir die alte rote Fahne an, die seit dem
ersten Lassalleschen Arbeiterverein eingerollt im Winkel steht. Der
schnste Tag meines Lebens wr's, wenn ich sie einmal flattern sehen
knnte! Und mit dem breiten Schusterdaumen wischte er sich einen
feuchten Tropfen aus dem Augenwinkel.

       *       *       *       *       *

Mit jedem neuen Tage wurde der Kampf im Reichstage brutaler; selbst die
politisch Gleichgltigen wurden aufgerttelt und verfolgten ihn mit
gespannter Aufmerksamkeit. Durch Nachtsitzungen versuchte die Mehrheit
die Kraft der Minderheit zu erschpfen, aber mit trotziger Ausdauer
hielt sie stand, und schob die Entscheidung durch endlose Reden immer
wieder auf Tage und Stunden hinaus. Der gegenseitige Ha zerri in
zgelloser Leidenschaft alle Bande uerer Gesittung. Konservative
Abgeordnete bezeichneten die Arbeiter Berlins, die in riesigen
Versammlungen gegen den Umsturz der Geschftsordnung durch den Antrag
Kardorff protestierten, als skrophulses Gesindel, und ihre Presse
forderte von der Regierung: der Bestie den Zaum anzulegen. Die
Bestie blieb ihre Antwort nicht schuldig. Die grten Sle der
Millionenstadt konnten die Menge nicht fassen, die nichts mehr war, als
ein Wille: nieder mit der Reaktion! und eine Hoffnung: der Rachefeldzug
der nchsten Wahlen. Und mehr und mehr tauchten Menschen in den
Versammlungen auf, die nicht zum Proletariat gehrten. Bewunderung fr
die wilde Energie der kleinen Schar Belagerter ri so manchen aus dem
politischen Schlummer, und der Groll fhrte andere hierher; sie fhlten
ihre liberalen Interessen durch ihre eigenen Vertreter im Reichstag --
die Bassermann, die Richter -- schmhlich verraten. Zu frh vernarbte
Wunden brachen auf: die Erinnerung an die Lex Heinze erwachte, durch die
Kunst und Wissenschaft tdlich getroffen worden wren, wenn die Roten im
Reichstag sie nicht so wtend verteidigt htten; und die Rede des
Kaisers klang lauter, als da sie gehalten wurde, in die Ohren derer, die
sich bisher vom Getmmel der Schlacht scheu vor ihre Staffelei und ihren
Schreibtisch zurckgezogen hatten. Eine Kunst, die sich ber die von
mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst
mehr, hatte er angesichts der vollendeten Standbilder in der
Siegesallee erklrt, und die groen Eroberungen neuer knstlerischer
Mglichkeiten, wie sie denen um Manet und van Gogh, um Liebermann und
Klinger gelungen waren, als ein Niedersteigen in den Rinnstein
bezeichnet. Jetzt rtete das Schamgefhl manchem die Wangen, der den
Streich ruhig empfangen hatte. Wahrlich, es gilt mehr als den
Zolltarif, sagte mir einer aus dem Kreise der Sezession, es gilt die
Verteidigung der ganzen modernen Entwicklung. Wenn es zu diesem Ende
nichts anderes gibt, als den Stimmzettel, so werden auch wir uns seiner
zu bedienen wissen. Eine Revolte der Intellektuellen stand bevor, und
im stillen hoffte ich wieder, da sie zu einer Revolutionierung der
Geister fhren wrde.

Aber auch die Gegner auerhalb des Reichstages rsteten sich schon fr
die kommenden Wahlen. Was der Adel Preuens vor zwanzig Jahren noch fr
unmglich gehalten hatte, das geschah. Junker und Fabrikant vereinigten
sich, da der gemeinsame Feind drohte: die Sozialdemokratie. Und der
Kaiser selbst wurde in diesem Kampf der erste Agitator: Zerreit das
Tischtuch zwischen Euch und diesen Leuten, die Euch aufhetzen gegen
Thron und Altar, um Euch zugleich auf das rcksichtsloseste auszubeuten
und zu knechten --; wie auf Windesflgeln durcheilten diese seine
Worte, die er an eine Deputation von Arbeitern gerichtet hatte, das
Reich, denn jeder Sozialdemokrat trug sie weiter. Und lauter, immer
lauter wurde der Groll: Wer anders beutet uns aus als die Zollwucherer,
die uns das Fleisch vom Tisch nehmen und das Brot verteuern? Wer anders
knechtet uns als die Sttzen von Thron und Altar, die das Joch der
Fronarbeit auf unsere Schultern laden?

Whrend die Folgen der schweren Krankheit mir die agitatorische
Ttigkeit noch unmglich machten, stand mein Mann schon mitten im
Wahlkampf. Er kam jedesmal hoffnungsvoller wieder, denn an der neuen
Aufgabe wuchs seine Energie. Ich benutzte die Stunden der
Alleinherrschaft ber unseren Schreibtisch zur Abfassung einer
Agitationsbroschre, in der ich die politische Situation vom Standpunkt
der Frau aus beleuchtete. Fr den kommenden Wahlkampf sollte sie die
Arbeiterinnen aufklren, anfeuern, mit Waffen versehen. Das Huflein
ihrer offiziellen Vertreterinnen hatte mich zwar hinausgeworfen, aber
Hunderttausende gab es, zu denen ich sprechen konnte.

Jetzt mache ich auch mit Lindner kurzen Proze, sagte Heinrich eines
Abends, als er eben von Frankfurt zurckkehrte. Gehen wir aus dem
Wahlkampf in der Strke hervor, wie wir es hoffen drfen, so treten die
Aufgaben praktischer Politik mit zwingender Notwendigkeit an uns heran,
und meine Zeitschrift hat einen Wirkungskreis ohnegleichen ...

Lindner kam. Mit Wnschen und Hoffnungen und ohne Entschlossenheit, wie
immer.

Sie haben mich lange genug genarrt, fuhr ihn Heinrich an; im
Vertrauen auf Sie habe ich gewartet und immer wieder gewartet. Nun aber
verlange ich ein Ja oder Nein.

Lindners schmale Gestalt sank frmlich in sich selbst zusammen. Halb
verlegen, halb gekrnkt versprach er eine rasche Entscheidung.

Wie kannst du nur! rief ich, als die Tre sich hinter ihm schlo. Nun
wird er ganz gewi zurcktreten!

Und wenn schon! lachte Heinrich frhlich, glaubst du, die Zeitschrift
hinge von ihm allein ab?

Drei Tage spter war der Vertrag abgeschlossen, die Zeitschrift
gesichert. Lindner schien umgewandelt; die Aufgabe, die er vor sich sah,
wirkte auf ihn wie Morphium auf Hysterische: sie gab ihm Kraft,
Tatendurst, Selbstbewutsein.

Nun fehlt nur noch die notarielle Beglaubigung, sagte er, nachdem er
seinen Namen unter das Schriftstck gesetzt hatte, und morgen kann die
Arbeit losgehen!

Mein Mann legte ihm die Hand mit einer bevormundenden Bewegung auf den
Arm: Arbeiten mssen wir tchtig, alle drei, aber ber den geeigneten
Zeitpunkt des Erscheinens wollen wir noch andere hren. Und eine
notarielle Beglaubigung? -- Er lachte -- Ich denke, solche Scherze
schenken wir uns. Unser Wort gengt, auch wenn wir es nicht schriftlich
gegeben htten.

An einem der nchsten Abende folgten die Fhrer der Revisionisten
unserer Einladung. Wie zu einem Feste hatte ich unser Zimmer geschmckt
und unsere Tafel bereitet. Und festlich war mir zumute, -- wie den
Soldaten nach der Kriegserklrung. Die frankfurter Fahne fiel mir ein,
die eingerollt im Winkel stand, -- eine im Sturme immer voran flatternde
sollte unsere Zeitschrift werden!

Unsere Gste gratulierten uns, -- aber sie hatten doch viel Bedenken, ob
unser Plan durchfhrbar sei. Sie anerkannten die Wichtigkeit der
Aufgabe, die wir uns gestellt hatten, -- aber an der Strke der Wirkung
zweifelten sie. Ihre rege Mitarbeit versprachen alle, -- aber ohne den
Enthusiasmus fr die Sache, den ich erwartet hatte. Der Name der
Zeitschrift wurde bestimmt: Die Neue Gesellschaft; die Zeit ihres
Erscheinens wurde festgesetzt: nach den Wahlen, nach dem Parteitag. --
Es war eine ntzliche und verstndige Besprechung, die wir hatten, aber
wir feierten kein Fest. Die vielen Blumen auf meinem Tisch taten mir
leid.

Was ich schon oft empfunden hatte, das verstrkte sich jetzt: der
Revisionismus besa den Verstand und die Einsicht des Alters, das Feuer
der Jugend war ihm jedoch darber verloren gegangen. Wer aber die
Zukunft erobern will, der mu es erhalten, mu es mit seiner Liebe,
seinem Ha, seiner Hoffnung nhren, damit es weithin leuchtet und wrmt,
und die Fackeln derer, die ihm folgen, sich daran entznden knnen.

       *       *       *       *       *

An einem frhen Mrzmorgen des Jahres 1903 war ich zu meiner ersten
Wahlagitation von Berlin weggefahren, das grau und grmlich, jenseits
aller Jahreszeit, den Schlaf noch in den Augen hatte. In Gusow verlie
ich den Zug. Auf dem Bahnsteig stand ein Mann, die Schirmmtze keck auf
ein Ohr gezogen, eine Nummer unserer mrkischen Parteizeitung in der
Hand -- unser Erkennungszeichen. Er lachte mich frhlich an.

Ich bin der Jenosse Merten, sagte er. So was war noch nich da in
Jusow und Platkow. Alles, aber auch alles lauert auf Ihnen --

Wir stiegen in ein klappriges Wgelchen und fuhren zwischen Weiden und
Erlen die Strae hinauf. berrascht sah ich um mich. Ich hatte es gar
nicht gewut, da es schon Frhling geworden war!

Welch eine Luft! sagte ich mit tiefen Atemzgen.

Nich war, jut ist sie! antwortete mein Begleiter mit einem Stolz, als
wre sie sein eigenstes Werk. Wenn die nich wre, wir gingen lngst auf
und davon. Aber wenn wir -- meine Kollegen und ich -- Sonnabends von der
Arbeet aus Berlin nach Hause fahren und unsere Kinder kommen uns
entgegen, nich so bla und dnn wie die berliner Jhren, und wir knnen
im Jarten in der Laube sitzen, an unserem eigenen Jemse rumpusseln und
an unseren Obstbumen, -- dann vergessen wir gern die Plackerei der
ganzen Woche. Wir begegneten vielen Fugngern. Er grte nach rechts
und links. Kommst du ooch nach Platkow? redete er sie an.

Jawoll -- Natierlich, riefen sie.

Sind das alles Maurer? fragte ich.

Wo denken Sie hin, antwortete er, da sind Landarbeeter mang, sogar
Bauern. Heute kommt alles zu uns. Die haben ja nie in ihrem Leben 'ne
Frau reden jehrt.

Mitten auf der Strae, wo die Aussicht am freiesten war, lie er den
krftigen Braunen halten.

Das ist das Oderbruch, erklrte er und wies nach links, wo sich das
Land weit, endlos weit in der Ferne verlor, und darauf verstreut, wie
Spielzeug, zwischen knorrigen Bumen, rotbedachte Huschen und Kirchen
mit breiten Trmen hervorsahen. Blablau, wie von durchsichtigem
Kristall, wlbte sich die Himmelsglocke ber der Ebene. Aus den dunkeln
Ackerfurchen stieg lebenverkndend ein wrziger Geruch. Vergessene
Geschichten fielen mir ein: vom alten Fritz, der dies fruchtbare Land
dem Wasser abgetrotzt hatte, von all den mrkischen Junkern, den
Itzenplitz, den Marwitz, den Finkenstein, die hier ringsum seit
Generationen die Herren waren. Mein Begleiter zeigte nach rechts, wo der
Boden sich hob und Wlder den Horizont begrenzten.

Hier oben sind die Rittergter, da sitzen lauter Agrarier, -- unsere
rgsten Feinde, erzhlte er. Die sind schlau gewesen, von Anfang an.
Haben sich die guten Stellen gesichert, wo das Wasser sie nicht
erreichen konnte; whrend die Bauern unten alljhrlich drauf gefat sein
muten, da es ihre arme Kate davontrug. Sie kennen doch die Jeschichte,
die unsere Kinder in der Schule lernen mssen: 'Hier habe ich in Frieden
eine Provinz erobert,' soll Knig Friedrich gesagt haben, als er mal
hier in die Jegend kam. So'n Mumpitz! Als ob es nich arme Luders wie wir
gewesen wren, die die Kanle gruben und die Dmme aufwarfen!

Aber den Gedanken hat doch der Knig gehabt, meinte ich.

Ein mitrauischer Blick streifte mich. Fr'n Knig mag das freilich
ooch schon 'ne Anstrengung gewesen sein! spottete er.

Eine breite Kastanienallee fhrte in das Dorf Gusow. Einstckige
Huser, mit weien Vorhngen an blanken Fenstern, umgaben in weitem
Bogen den Dorfteich, seitwrts ffnete sich der kiesbestreute Weg zum
Schlo, dem einstigen Besitztum des alten Derfflinger, und zur Kirche,
unter deren Altar seine Gebeine ruhten. Mein Begleiter sah nach der Uhr.

Was meinen Sie, wenn wir zu Fu durch den Park gingen? Sie glauben
nich, wie schn der ist! Dabei bekam sein breites Gesicht einen fast
schwrmerischen Ausdruck.

An dem stillen Schlo vorbei betraten wir den Park. Weite Rasenflchen
dehnten sich vor der Terrasse, mit einem lichten Schimmer jungen Grns
berzogen. Zu Fen uralter Eichen, die schwarz gegen den hellen Himmel
standen, guckten Schneeglckchen neugierig aus der Erde hervor und
Krokusblten schlugen verwundert ihre blauen Augen auf. Ein schmaler
Pfad wand sich zwischen hohem Gebsch, das pltzlich zur Seite wich, um
dem Wunder fremdartig mrchenhafter Bume Platz zu machen; grau
schimmerten ihre Stmme wie Granit, und graue Wurzeln krochen knorrig
ber das dunkle Moos des Bodens.

Zedern sind es, sagte mein Begleiter, Zedern vom Libanon; und
blickte bewundernd auf den Traum des Sdens. ber uns in den Kronen der
Bume brauste der Frhlingssturm. Nach seiner Melodie wiegten sich
schlanke Birken, und krachend splitterten von Eichen und Linden die
drren ste.

Mein Begleiter kannte jeden Platz im Park und jede Pflanze, -- mit
scheuer Zrtlichkeit strichen seine rissigen Hnde ber die ersten
kleinen Knspchen an den Struchern.

Da Sie in der Stadt arbeiten, wo Sie das Land so lieben! staunte ich.

Er schttelte sich: Landarbeeter?! Nee! Das is nischt for unsereens!

Wir nherten uns Platkow, dem nahen Ziel unserer Fahrt.

Sehen Se mal hier die wackeligen Buden an, sagte Merten, Strohdcher,
-- Fenster, wie Mauselcher, Tren, da sich ein ordentlicher Mann
bcken mu, -- wahrscheinlich, damit man's nich verlernt! Nischt als
Leisetreter gab's hier, die die Mtze bis auf die Erde zogen, wenn die
herrschaftliche Kutsche sie mit Dreck bespritzte! Aber nu wird's anders,
sage ich Ihnen, janz anders -- dabei strahlte er frmlich -- sehen Sie
dort, das Weie, das ist unser Gewerkschaftshaus!

Mitten in diesem agrarischen Winkel, der der Agitation der Partei so gut
wie unzugnglich gewesen war, weil kein Lokal ihren Versammlungen zur
Verfgung stand, hatten die Bauarbeiter sich ihr eigenes Haus errichtet.
Die Ortspolizei verweigerte ihnen zwar die Schankkonzession, aber sie
hatten ein Dach ber dem Kopf, einen freien Raum zu freier Rede.

Sie htten die Bauern sehen sollen, wie unser Haus eins -- zwei --
drei, haste nich jesehn! aus der Sandkule herauswuchs! erzhlte Merten.
Wir hatten ja nur Sonntags Zeit zur Arbeet, aber die Steene flogen man
so. An eenem Sonntag in aller Frhe, als sie nach Jusow zur Kirche
fuhren, fingen wir zu buddeln an, und als sie nach dem letzten Amen
wieder vorbeikamen, sahen die Mauern schon aus der Erde!

Der Wagen hielt. Der ganze Platz stand voll Menschen. Sie schoben sich
hinter mir in den kleinen Saal; auf den Bnken an den Wnden saen schon
die Frauen mit heien Gesichtern.

Ich sprach vom Sturm, der drauen den Staub von den Dchern fegte und
alles Morsche zu Boden ri. Und von dem Sturm des Sozialismus. Ich
schilderte die politische Lage Deutschlands und zhlte die Snden der
Regierung und der Reichstagsmehrheit auf vom Zuchthauskurs bis zum
Zollraub, ich erzhlte von den Milliarden, die dem armen Mann in Gestalt
von indirekten Steuern, Zllen und Liebesgaben aus dem schmalen Beutel
gezogen werden, whrend sein Weib daheim im kleinen Haushalt seufzend
mit jedem Pfennig rechnen mu. An der Hand der Untersuchungen
brgerlicher Gelehrter wies ich nach, wie die Verteuerung der
Lebensmittel auf die Steigerung des Alkoholismus, der Kriminalitt, der
Lungentuberkulose wirkt. Ich zog die rztlichen Forschungen heran, um zu
zeigen, wie ganze Volkskreise entarten, wenn die Ernhrung eine
unzureichende ist: Schwcherer Wille, schneller versagende
Aufmerksamkeit, raschere Erschpfung sind die Folgen einer Politik, die
das Wohl des Volks, die Liebe zum Vaterland stndig im Munde fhrt, in
der Tat aber die Leistungsfhigkeit der Arbeiter untergrbt, und unsere
Stellung auf dem Weltmarkt erschttert. Die wirtschaftliche Krise, unter
der wir alle leiden, die Zunahme der Arbeitslosigkeit mit ihrem Gefolge
von Kinderjammer und Frauenausbeutung sind ein Beweis dafr. Keine
'gepanzerte Faust' kann uns davor retten ... Einmal im Laufe von fnf
Jahren ist es jedem Deutschen vergnnt, Urteil zu sprechen ber die, die
sein Schicksal sind. Des Volkes Not und Unterdrckung liegt auf der
einen Schale der Wage, des Volkes Glck und Freiheit auf der anderen.
Wir, die 'Vaterlandslosen', wir, die 'Elenden', wir, die 'Rotte von
Menschen, nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen', machen unser Urteil
davon abhngig, welche Seite der Wage schwerer wiegt ...

Man hatte mir bewegungslos zugehrt, die Frauen, mit den Hnden gefaltet
im Scho, die Mnner, ohne den Blick von mir zu wenden. Nur hie und da
sah ich ein zustimmendes Nicken. Das Volk dieser kargen Erde trug sein
Herz nicht auf den Lippen und wute nichts von der Reaktion
empfindlicher Nerven, worin oft der ganze Beifall des Stdters besteht.
Aber nachher, als ich nicht mehr ber ihnen stand, ging ein Fragen und
Erzhlen an, das mehr als jedes Hndeklatschen bewies, wie jedes Wort
vom durstenden Boden ihres Innern aufgenommen worden war. Freilich: im
engsten Kreise eigenen Lebens drehten sich ihre Interessen, aber ein
jeder umschlo das groe Leid der Welt.

Ich wurde in Arbeiterhuser gefhrt: so klein, so arm, so eng. Und hier
is doch so ville Sand, auf dem jut noch zehn Huser stehen knnten!

Sie zeigten mir das Armenhaus: in einem winzigen Raum hauste ein uraltes
Paar mit vier kleinen Enkelkindern. Das einzige Bett nahm fast die
Hlfte der Stube ein.

Immer, von kleen auf, haben wir hier uf'n Jut jearbeetet, sagte der
Mann, eine zusammengeschrumpfte Gestalt mit einem kleinen braunen
Gesicht wie eine Wurzelknolle, nu essen wir's Jnadenbrot --, dabei
kicherte er halb verlegen, halb hhnisch. Det Schlo aber, det hat woll
an die fufzich leere Zimmer ...

Wir gingen durch das nachtdunkle Dorf zum Bahnhof. Einer, der jngste
der Schar, begann mit heller Stimme zu singen. Allmhlich fielen die
anderen ein. Die Tren der Huser, an denen wir vorberkamen, ffneten
sich. Einige der Bewohner traten neugierig bis zur Schwelle. Andere
lockte das Lied und die feuchtwarme Mrznacht, -- sie folgten uns. Und
so ging es im Takt auf die Strae hinaus und immer, immer lnger wurde
der Zug singender Menschen.

    Wir hmmern jung das alte morsche Ding, den Staat,
    Die wir von Gottes Zorne sind, -- das Proletariat -- das Proletariat --

klang es schmetternd hin ber das schlafende Bruch.

Allmhlich, je mehr ich dem Land und seinen Bewohnern nhertrat, gewann
ich es lieb, und die weite Ebene enthllte mir all ihre verborgene
Schnheit, und die Menschen ihr weiches, trotziges Herz. Sie fhlten
noch nicht die Distanz zwischen sich und mir, darum begegnete mir
nirgends Neid oder Mitrauen. Fingen sie doch kaum an, das
Allerhandgreiflichste zu empfinden: wie etwa den Gegensatz ihrer Htte
zum Herrschaftsschlo. Und gerade an diesem Punkt ihres Wesens sah ich,
wo ich eingreifen mute.

Wer andere Zustnde schaffen soll, mu doch erst den Druck der eigenen
empfinden lernen, sagte ich zu Romberg, der mir meine agitatorische
Ttigkeit durchaus verleiden wollte.

Ich kann Sie mir nun einmal nicht vorstellen, in einer Dorfkneipe
Unzufriedenheit predigend, antwortete er rgerlich.

So berzeugen Sie sich durch eignen Augenschein, da ich es kann,
meinte ich. Auf meiner nchsten Fahrt kam er mit. Diesmal war es ein
Leiterwagen, der uns in strmendem Regen ber aufgeweichte Landwege nach
einem kleinen Drfchen fuhr, Lehmannshfel mit Namen.

Wie wird's mit unserer Versammlung bei dem Wetter? fragte ich den
alten Genossen, der uns an der Bahn empfangen hatte.

Jut, -- sehr jut, entgegnete er. Was unser oller Pfarrer is, der hat
vorichte Woche die Weiber ufjehetzt. Sie sollten man blo nich in die
Versammlung jehn, hat er jesagt, so wat jinge sie jar nischt an, am
wenichsten, wenn 'ne Frau reden tut, die lieber zu Haus det Mittagbrot
kochen und mit die Kinder beten sollte. Nu knnen Se sich denken, da se
justament in die Versammlung jehn. Proppenvoll war's schonst heut
morjen.

Radfahrer begegneten uns, von oben bis unten bespritzt, Fugnger mit
aufgeweichten Sohlen, denen das Wasser von der Mtze tropfte. Wir luden
auf, so viel der Wagen fassen konnte. Seit dem Morgengrauen hatten sie
Flugbltter ausgetragen. Voll guten Humors erzhlten sie ihre Abenteuer.
Auf manchem Hof hatten sie ber Zune klettern mssen, weil das Tor vor
ihnen verschlossen wurde; der eine war als reisender Handwerksbursche
bis in die Gesindestuben der Rittergter vorgedrungen, der andere hatte
mit demtigem Gesicht, als wr's ein Trakttchen, den Kirchgngern die
Zettel in die Hand gedrckt; im Vorbersausen hatte der Radler sie
geschickt durch offene Tren und Fenster geworfen.

In der Wirtsstube von Lehmannshfel glhte der eiserne Ofen. Nasse
Mntel und Stiefel trockneten daran. Tabaksqualm zog in schweren
Schwaden an der niedrigen Decke. Mein Platz war mit Kiefernzweigen
umwunden. Vor mir auf dem Tisch standen rechts und links zwei
Blumenstrue in flachen weien Papiermanschetten.

Von den Tagelhnerinnen aufs Jut --, erklrte dunkel errtend ein
junges Mdchen, das als letzten Rest der alten Tracht die strohblonden
Flechten unter dem schwarzseidenen Kopftuch verborgen hatte. Wie in der
Kirche saen die Leute vor mir: rechts die Mnner, links die Frauen, --
lauter Gesichter, in die kein anderer Gedanke als der an die nchste Not
des Daseins seine Zeichen gegraben hatte. Noch nie war eine Versammlung
hier gewesen. Ob ich den Ton finden wrde, der zu ihnen drang? Ich
erzhlte von ihrem eigenen Dasein, wie es in ewigem Gleichma
dahinfliet, nach der alten eintnigen Melodie: Leben, um zu arbeiten,
arbeiten, um wieder leben zu knnen. Wie Freude fr sie nur ein kurzer
Rausch ist mit bsem Erwachen -- ein Alkoholrausch, ein Liebesrausch --
und die Sorgen allein sie nie verlassen. Wie die Welt voll Glanz und
Schnheit ist; wie das grte und schnste, was die Menschheit in
Jahrhunderten gedacht und empfunden, in Tausenden von Bchern und
Statuen und Bildern aufbewahrt wurde fr ihre Nachkommen. Aber eine
Mauer baute man ringsum, und nur wer den goldenen Zauberstab besitzt,
dem ffnet sich die Pforte ...

Ein junger Mann, der ein bichen stumpfsinnig vor mir gesessen hatte,
sah pltzlich auf -- mit ein paar Augen, in deren Tiefe die Sehnsucht
flammte.

Das Kind der armen Tagelhnerin hat vielleicht die Seele eines
Dichters, -- mit vierzehn Jahren schon mu es Kartoffeln buddeln und
Rben ziehen, und die Arbeit tritt mit ihren eisenbeschlagenen Fen
seine Seele tot ...

An der Tr drben sah ich ein altes Mtterchen, das den weien Kopf
schluchzend in den knochigen Hnden vergrub.

Fr diese Welt ist Armut ein Verbrechen, das mit lebenslnglicher
Zwangsarbeit bestraft wird ... Trnen darber sind genug vergossen
worden. Vor lauter Jammern haben wir das Handeln vergessen. Von der
Kanzel herab haben sie gepredigt, da die Ergebung in das Geschick eine
Tugend ist. Ich sage Euch, sie ist ein Laster. Denn an all dem Elend in
der Welt sind wir schuld, -- wir mit unserer Demut, unserer
Unterwrfigkeit, unserer Trgheit ... Jeder Blick in das bleiche
Gesichtchen ihres Lieblings, jede jammernde Bitte um Nahrung sollte der
Frau nicht Trnen fruchtlosen Leids erpressen, sondern sie anspornen,
ihrem Kind die Zukunft erobern zu helfen ... Wo die Mutter unfrei und
furchtsam ist, wchst ein Geschlecht von Knechten mit knechtischer
Gesinnung empor, und der Wert einer Mutter wird in Zukunft nicht blos
daran gemessen werden, ob sie ihre Kinder gewaschen, gekleidet und
genhrt hat, sondern ob sie sie zu Kmpfern erzog und ihnen mit dem
Vorbild tatkrftiger Begeisterung voranging.

An Beispielen des tglichen Lebens suchte ich ihnen klar zu machen, wie
jeder Einzelne, auch der Bescheidenste, an dem groen Befreiungsfeldzug
des Sozialismus teilnehmen kann, wie er nie zum Ziele fhren wrde ohne
die Arbeit des einzelnen. Mir war, als hrte ich die Atemzge der
Menschen vor mir und ihre Seufzer. O, da ich sie doch ins Herz
getroffen htte!

Feuchte Nebel hingen wie lange Trauerschleier ber den Feldern. Wir
fuhren stumm zurck. Frostgeschttelt lehnte ich mich in die Kissen, als
wir endlich den Zug nach Berlin bestiegen hatten.

Wie Sie das verantworten knnen! brach Romberg los, der bis dahin kein
Wort gesprochen und den armen Leuten, zwischen denen er gesessen hatte,
sein Unbehagen so deutlich fhlen lie, da ich schon bedauerte, ihn
mitgenommen zu haben. Jetzt fuhr ich aus dem Halbschlaf auf.

Ich verstehe Sie nicht! sagte ich.

Um so schlimmer! rief er. Sie nehmen diesen Menschen das einzige, was
sie besitzen, was ihnen das Leben ertrglich machte: ihre Unwissenheit,
ihren Stumpfsinn, -- ohne ihnen irgend etwas dafr geben zu knnen.

Wie, das Erwachen aus der Lethargie wre nichts?! entgegnete ich
heftig. Sich durch die Teilnahme an dem Befreiungswerk der
Klassengenossen ber sich selbst und sein kleines Schicksal
hinauszuheben, -- das wre nichts?! Von Ihnen hrte ich zuerst das Wort
von der Politik der Starken. Das ist mein Leitmotiv. Ohne die
Disharmonien des aufwhlenden Schmerzes, ohne die Grausamkeit der
Erkenntnis gibt es nicht den starken Akkord ihrer Lsung.

Und wie steht's mit denen, die daran zugrunde gehen?!

Sie wren auch am Leben zugrunde gegangen!

Mit einem fremden Blick, der mir zu meinem eigenen Erstaunen wehe tat,
streifte er mich.

Ist Weichheit und Schwche auch fr Sie noch ein Attribut der
Weiblichkeit? fragte ich, und das Herz klopfte mir, als frchtete ich
die Antwort.

Ich wei selbst nicht recht --, meinte er zgernd. Aber daran soll
unsere Freundschaft nicht Schiffbruch leiden.

Haben Sie gar keine Zeit mehr fr mich? fing er nach einer Pause
wieder zu sprechen an, als der Zug sich Berlin schon nherte. Ich sah
auf. Ich mchte, da Sie wenigstens zwischendurch wieder ein
Kulturmensch werden!

Ohne rechte Lust, nur um ihn nicht wieder zu verletzen, versprach ich
ihm, mich am nchsten Tag seiner Fhrung zur Kultur anzuvertrauen. Am
Bahnhof empfing uns Heinrich, der eine Stunde frher aus einer anderen
Gegend seines Wahlkreises zurckgekehrt war. Wir waren beide so erfllt
von unseren Erlebnissen, da wir im Eifer des Erzhlens Romberg fast
vergaen. Er verabschiedete sich steif und verstimmt.

Bildung und Politik sind fr mich schwer vereinbare Begriffe --, sagte
er am nchsten Morgen, als wir zusammen in die Stadt gingen.

Sie scheinen einem Wechsel der Stimmungen unterworfen, der bisher nur
einer Frau gestattet war, entgegnete ich rgerlich. Es ist noch nicht
lange her, da Sie mit einer Begeisterung, die ich nicht vergessen
habe, die Sozialdemokratie als die bedeutsamste Erscheinung der Zeit
feierten.

Er lchelte. Frauenlogik! Es tut mir ordentlich wohl, diesen weiblichen
Zug bei Ihnen zu finden! Was hat mein Urteil ber den Klassenkampf des
Proletariats mit meiner Meinung ber die Beteiligung des Gebildeten an
der Politik zu tun?! Wir sollten um hhere Werte ringen --

Gibt es hhere, als die Befreiung der Menschheit von all den Fesseln,
die sie an die Erde schmieden und ihren Hhenflug hemmen?! unterbrach
ich ihn erregt.

Freiheit, Gleichheit, Brderlichkeit, -- die alte Parole, unter der
schon die Bastille gestrmt wurde, entgegnete er mit spttischem
Lcheln; fgen Sie noch das Ideal des Christentums, -- die
selbstentsagende Nchstenliebe hinzu, so beweist das alles, wie
unsglich arm eine Zeit sein mu, die selbst einer so gewaltigen
Bewegung wie der des Proletariats keine neuen Ideale hat schaffen
knnen.

Seine Worte begegneten einem noch unklaren Empfinden, das ich um so
energischer zu unterdrcken gesucht hatte, als mir die Wege dunkel
erschienen waren, zu denen es htte fhren knnen.

Wir traten in den modernsten Kunstsalon Berlins. Der Holzbogen der
Eingangshalle, der in seinen geschwungenen Linien alle Sprdigkeit des
Materials siegreich berwunden hatte, empfing mit weit ausgebreiteten
Armen die Besucher. In hellen Vitrinen, durch unsichtbare Lichtspender
von innen strahlend, lagen auf grauem Samt Grtel, Schnallen, Armreifen
und Diademe; Vogelgefieder und Schmetterlingsflgel aus durchsichtigem
Email vereinten sich mit dunklem Gold, mattem Silber; Perlen in
phantastischen Formen standen neben Edelsteinen von unerhrter
Farbenpracht --

Ein Schmuck fr Mrchenprinzessinnen, von einem Dichter geschaffen,
sagte Romberg bewundernd und versenkte sich in den Anblick. Er mochte
weier Arme gedenken und schimmernder Nacken und holder Frauenkpfe mit
lachenden Lippen und duftenden Locken. In meinen Augen aber hafteten
andere Bilder: rissige Hnde, gebeugte Rcken, sorgendurchfurchte
Gesichter --, ich wandte mich ab, im Innersten verletzt.

Der nchste Raum war voll sanften Lichtes und tiefer, weicher Sessel.

Wie wohltuend, wie ruhig! meinte jemand. Eine schne alte Frau mit
sehr weien stillen Hnden mte ihren Lebensabend hier vertrumen.
Aber die Armenstube von Platkow sah ich vor mir.

Vor ein groes Bild traten wir dann: auf weichem, blumendurchwirktem
Rasenteppich, der sich im stillen Wald verlor und zrtlich eine Quelle
umgab, die diesen Frieden mit keinem Pltscherlaut stren mochte, kniete
ein Jngling, den dunkeln Dantekopf andachtsvoll zu der Jungfrau
erhoben. Aus der Sulenhalle des Tempels tretend, krnte sie ihn; lange,
schmale, durchsichtig bleiche Finger hielten den Kranz. Mdchen, so
schlank und hoheitsvoll wie sie, standen zur Seite. Und das alles
leuchtete in mystischem Blau, in trunkenem Purpur, in sattem Grn, --
weitab allen grauen Tnen der Wirklichkeit. Fast nahm die fremde
Wunderwelt mich schon gefangen. Da tauchte der sturmdurchpeitschte Park
vor mir auf und der rauhe Mann, der mit harten Arbeitshnden zrtlich
die kleinen Knospen streichelte. Ich war sehr einsilbig.

Wir beschlossen den Tag im Theater, wo Maeterlincks Pelleas und
Melisande unter der Direktion eines jungen Revolutionrs der Bhne zur
Auffhrung kam. Bcklins Landschaften schienen lebendig geworden:

Der Zauberwald und die Felsen, die finsteren Schlotrme und der weie
Marmorbrunnen verschmolzen mit den schwebenden Gestalten, dem
Sonnenglanz und dem Mondlicht zum reinen Rhythmus bewegter Kunst.

Die lrmende Strae drauen zerstrte den Traum. Mit schmerzhafter
Klarheit empfand ich die ghnende Kluft zwischen all der sthetischen
Kultur, die um uns her zu blhen begann, und dem Leben, dem Denken und
Wnschen der Millionen, die erst anfingen, um die Befriedigung
ursprnglichster Triebe zu kmpfen. Rombergs Gedanken begegneten den
meinen.

Fhlen Sie nicht selbst, wie weltenfern Sie denen stehen, deren ganzes
Bedrfen in etwas mehr Zeit, etwas mehr Brot gipfelt? sagte er. Sie
mssen Ihre Sinne, Ihre Nerven, an deren subtiler Verfeinerung
Generationen arbeiteten, gewaltsam abstumpfen, um ihr Sprachrohr werden
zu knnen.

Meine ganze Freudigkeit kehrte mir wieder.

Wie eng Sie denken! lachte ich. Nicht abstumpfen, steigern mu ich
meine Empfnglichkeit, damit ich immer wei, wie gro das Entbehren ist
und wie ungeheuer der Gewinn unseres Kampfes.

Machen Sie sich denn gar nicht klar, da, wenn die Masse erreichen
sollte, was Sie heute haben, Sie und Ihresgleichen ihr wieder um
tausend Jahre voran sind?! sagte Romberg. So wird die Kluft bleiben,
-- immer bleiben, und die Gleichheit ist eine Chimre.

Ich fordere auch nur die Gleichheit der Lebensbedingungen; wie der Baum
aus diesem Boden wchst, darber entscheidet seine eigene Kraft,
antwortete ich.

Wir brachen ein Gesprch ab, das uns nur voneinander entfernen mute.
Aber einen Gedanken hatte es wachgerufen, der sich von nun an nicht mehr
einschlfern lie. Wenn er mich qulte und ich ihn abschtteln wollte,
so bohrte er sich nur noch tiefer in Hirn und Herz. Hrbarer, als da die
Vlker wanderten, um sich neuen Heimatboden zu erobern, drhnte die Erde
unter den Tritten der Millionen, die sich in Bewegung gesetzt hatten, um
dem Elend zu entfliehen. Aber ihrem Wollen fehlte die einheitliche
Formel. Im Dreigestirn der Revolutionsideale lag sie nicht. Und was Marx
ihnen gegeben hatte, das waren wissenschaftliche Erklrungen ber die
Art, das Tempo und das Ziel der Bewegung gewesen, die nur so lange ber
den Mangel hinwegtuschen konnten, als sie unerschttert waren.

Ein Ereignis bestrkte mich in meiner Idee. Mitten im Wahlkampf, der all
unsere Krfte auf ein Ziel, -- die Niederwerfung des Gegners, -- htte
konzentrieren mssen, entspann sich ein wster Krieg zwischen den
Parteigenossen selbst. Er wre unmglich gewesen, wenn nicht jenes
Fehlen der inneren Einheit gegenseitiges Mitrauen zur Folge haben
mute. Was der eine ruhigen Gewissens tat oder lie, das erschien dem
anderen als ein Versto gegen die Partei.

Ein halbes Dutzend Parteigenossen, -- ich gehrte zu ihnen, -- hatten
seit Jahr und Tag an einer brgerlichen Wochenschrift mitgearbeitet, die
eine Tribne war, auf der alle Richtungen ungehindert zu Worte kamen.
Die literarischen und knstlerischen Kritiken, die ich darin
verffentlicht hatte, -- Augenblicksarbeiten, denen ich gar kein
lngeres als ein Augenblicksinteresse beima, -- hatten oft weniger dem
Bedrfnis nach Aussprache, als dem Erwerbszwang ihr Entstehen zu
verdanken. Die Parteipresse stand mir nur selten zur Verfgung, und um
so seltener, je mehr ich des Revisionismus verdchtig war. In hnlicher
Lage wie ich waren die meisten derer, die mit mir 'gesndigt' hatten.
Zwei von ihnen standen als Reichstagskandidaten im heftigsten Feuer der
Wahlkampagne. Aber das hinderte einige radikale Wortfhrer nicht, uns in
breitester ffentlichkeit als Schleppentrger der gegnerischen Presse zu
verdchtigen.

Kaum hatte ich den betreffenden Artikel gelesen, als ich schon am
Schreibtisch sa, um uns dagegen zu verteidigen. Die Ansicht, da wir
jede Tribne bentzen mssen, von der aus wir gehrt werden knnen,
hatte sich in mir seit der Zeit, wo ich sie, von Wanda Orbin beeinflut,
angesichts des Frauenkongresses verleugnet hatte, nur befestigt. Unsere
Presse, unsere Versammlungsreden erreichten immer nur dieselben Kreise,
und abseits standen Hunderttausende, die uns nur aus den Darstellungen
der Gegner kennen lernten. Ich legte meine Erklrung den Mitbetroffenen
vor. Sie sollte in derselben Zeitung erscheinen, die uns angegriffen
hatte. Ich wurde daran verhindert; man wnschte die Ausdehnung des
Zwists zu vermeiden, indem man die ffentliche Antwort, wie ich sie
beabsichtigt hatte, in eine Zuschrift an den Parteivorstand verwandelte.
Dieser aber sah sich nicht mehr imstande, auf eine interne
Auseinandersetzung einzugehen, -- die ganze Presse hatte sich schon der
Sache bemchtigt, unsere politischen Gegner schlachteten sie gegen uns
aus --, er verffentlichte seine Entscheidung: kein Parteigenosse darf
an einer Zeitschrift mitarbeiten, die die Sozialdemokratie in hmischer
oder gehssiger Weise kritisiert. Die ganze Provinzpresse druckte
natrlich die lapidaren Stze des Vorstands ab. Wir waren gebrandmarkt
vor den Genossen, in deren Mitte wir wirken sollten; den Gegnern waren
die Waffen in die Hand geliefert, um uns vor ihnen zu diskreditieren.
Darber verging uns das Lachen, das im Grunde die richtigste Antwort
gewesen wre. Wir sahen in der Entscheidung, die es jedem Parteifhrer
an die Hand gab, miliebige Bltter auf den Index zu setzen, einen
weiteren Schritt zum Papismus, wir emprten uns, da gerade diejenigen,
die in der Partei in Amt und Brot waren, den freien Schriftstellern, die
dem Verdienst nachgehen muten, die Zugehrigkeit zur Partei unmglich
zu machen suchten, und eine ihrer Grundlagen schien uns in dem Angriff
auf die Freiheit der Meinungsuerung verletzt. Wir berlufer aus der
Bourgeoisie, die im Kampf gegen alle Autoritten, -- die der Familie,
der Bildung, der Religion, des Staats --, den Weg zur Sozialdemokratie
gefunden hatten, wren die letzten gewesen, eine neue Autoritt, -- die
des Parteivorstands, -- anzuerkennen. Und mein Mann, der seine
Frondeurnatur am wenigsten verleugnen konnte, wurde unser Wortfhrer
gegen ihn: in einem geharnischten Artikel verteidigte er die Freiheit
der Meinungsuerung. Nun erst entbrannte der Kampf, der seit dem
Mnchener Parteitag schon im stillen die Geister erhitzt hatte, auf der
ganzen Linie, -- mit all jener Bitterkeit, die entsteht, wenn Freunde zu
Feinden werden.

Im stillen frchteten wir, was unsere politischen Gegner hofften: da
die Wahlen dadurch zu unserem Nachteil beeinflut werden knnten.

       *       *       *       *       *

Am ersten Mai, dem Weltfeiertag der Arbeit, sollte ich in Frankfurt
a. O. die Festrede halten. Mir war im Augenblick wenig festlich zumute:
mit so viel Hoffnungsfreudigkeit hatte ich die Agitation begonnen, --
sollte sie vergebens gewesen sein?! Sollte ich am Ende an ihrer
Erfolglosigkeit mitschuldig sein, weil ich -- es klang wie der dumme
Witz eines Possenreiers -- in einer brgerliche Zeitschrift ber Halbes
Theaterstcke und Laura Marholms Frauenbcher geschrieben hatte?! Aber
schon als der Zug die letzte berliner Bahnhofshalle verlie und statt
der hohen grauen Huser sich drauen Laube an Laube reihte, von dem
ersten jungen Grn berhaucht, mit bunten Fhnchen lustig bewimpelt, und
Menschen in Festtagskleidern auf der Chaussee zwischen den jungen
Birken, die grend die grnen Schleier ihrer ste bewegten, den
Versammlungen entgegeneilten, in denen ihres Frhlingsglaubens
Auferstehungsbotschaft gepredigt werden sollte, verschwanden all meine
trichten kleinlichen ngste. Was hatten die dogmatischen Znkereien
der Priester mit der Religion der Massen zu tun?

Zwei kleine Mdchen empfingen mich am Bahnhof, mit blauen Bndern in den
Zpfchen und frisch gewaschenen weien Kleidern, die sich um sie
bauschten, so da sie aussahen wie Riesenglockenblumen. Sie fhrten mich
hinunter in die Stadt ber den Platz mit seinen geharkten Wegen, seinen
artigen Rasenfleckchen und den kleinen drftigen Beeten darauf, an
Husern vorber mit nchternen Fassaden und ablehnend verhangenen
Fensterscheiben. Die Glocke der Elektrischen wirkte hier wie
erschreckender Lrm. Als wir aber um die Ecke bogen, wo die Kastanien
ber das holprige Pflaster schon breite Schatten warfen, da schien das
Leben der trumenden Stadt erwacht: in Trupps zu vieren und fnfen, mit
weien und braunen und gelben Kinderwgelchen dazwischen, die Mnner im
Sonntagsrock, die Frauen mit nickenden Blumen auf hellen Hten, so zogen
sie durch die Strae. Und an jeder Gassenmndung gesellten sich andere
hinzu, und wo die Grten grer und die Huser kleiner wurden, kamen
Landleute mit Stulpenstiefeln, Mdchen mit Kopftchern ber die
Feldwege. Alles grte einander mit dem Blick frohen Erkennens. Weit
hinunter bis zu dem silbernen Band der Oder dehnten sich, von alten
Weiden umrahmt, ppige Wiesen; in goldgelben Flecken, wie auf die Erde
gebanntes Sonnenlicht, glnzten Butterblumen daraus hervor. Von der
anderen Seite des Wegs, wo der Boden sich hob, nickten ber
Weidornhecken rosig blhende Bume; darber klang der langgezogene
Sehnsuchtston der Stare, das Kwiwitt der Rotkehlchen, das vielstimmige
Zwitschern buntgefiederter Meisen.

Nun hatten sich die Wandernden zu einem Zuge zusammengeschoben, und eins
war ich mit ihnen. Aus dem Garten, durch dessen laubumwundene Pforte wir
zogen, tnte Musik. Auf der Bhne der Festhalle, die wir betraten,
warteten schon die Snger. Ich stieg die Stufen hinauf. ... Ein Sohn
des Volkes will ich sein und bleiben... sang der Chor. Durch die hohen
weit geffneten Fenster strmte die Sonne in breiten Wogen; ihre
Strahlen trugen den Duft des Frhlings mit herein und berhrten all die
braunen und blonden Scheitel der andchtig lauschenden Menge.

Dicht unter der Bhne hatten sich die Kinder zusammengeschart, die
kleinsten in ihren bunten Kleidchen, wie ein Beet farbenfroher
Sommerblumen, am weitesten nach vorn. Ein kecker kleiner Kerl war bis
auf die Rampe geklettert, ein strohblondes Mdchen schmiegte sich
schchtern an sein Knie, und die beiden Augenpaare -- ein schwarzes und
ein blaues -- hingen an mir wie eine groe verwunderte Frage.

Sehr feierlich war mir zumute, als stnde ich, ein geweihter Priester,
zum erstenmal auf der Kanzel. Aber es war nicht die Religion der Liebe,
die ich predigte, -- jener Liebe, die den Ha der Welt in sich trgt, es
war nicht die ewige Seligkeit, die ich verkndigte, -- jene Seligkeit,
in die nur Eingang findet, wer zu kriechen und den Kopf zu bcken
gelernt hat. Was als unklare Empfindung in den Herzen unserer Vter
lebte, die die Sonne anbeteten, deren Feste Sonnwendfeiern waren, die
dem steigenden Licht im Lenz die Neugeborenen weihten, -- das ist die
Grundlage unserer Religion. Nicht wer am nachhaltigsten seine Sinne
abttet, sondern wessen Augen am klarsten sind, wessen Ohr am
feinhrigsten ist, um alle Schnheit der Welt in sich aufzunehmen, der
ist der Heiligste unter uns. Und ein Anrecht auf unser Himmelreich
gewinnt nicht, wer leidet und duldet, sondern wer handelt und geniet.
Dulden und leiden kann jeder, aber nur der Sohn einer reifen Kultur
vermag zu genieen, nur der Wissende handelt.

Wenn sich die Arbeiter der ganzen Welt Jahr um Jahr in der Forderung
des Achtstundentages zu diesem Frhlingsfest vereinigen, so tun sie es,
weil sie wissen, da sie damit ihre Menschwerdung fordern. Zeit ist die
Voraussetzung fr Wissen und Genu ...

Halb enttuscht, halb erwartungsvoll sahen die Frageaugen der Kinder
noch immer zu mir empor. Mit demselben Ausdruck bettelte mein eigen Kind
um eine Geschichte, wenn wir im Walde gingen, wo die Bume und die
Blumen ihm noch stumm waren. Auch diese Kleinen hier sollten nicht
vergebens warten: von den Bettelkindern erzhlt' ich ihnen, die
auszogen, ihre verlorenen Knigskronen wiederzufinden ...

Drauen im Garten kamen sie dann alle und dankten mir. Die Kinder hatten
die Fustchen voll Wiesenblumen und legten sie mir in den Scho. Die
Alten luden mich an ihren Tisch. Sie wuten nicht, da ich ihnen zu
danken hatte. Ich war wieder stark und froh, ich hatte in ihnen die Erde
berhrt, die kraftspendende.

       *       *       *       *       *

Der Tag der Entscheidung rckte nher. Immer leidenschaftlicher wurden
die Angriffe unserer Gegner in ihrer Presse, in ihren Flugblttern. Mit
dem alten Mrchen vom gewaltsamen Teilen suchten sie den Bauern, der an
seiner Scholle hngt, den kleinen Handwerker, der sich an den klglichen
Rest seiner Selbstndigkeit klammert, in ihre Gefolgschaft zu fesseln.
Mit der Autoritt des Kaisers sttzten sie ihre Angriffe auf die
sozialistischen Agitatoren.

Zerreit das Tischtuch zwischen Euch und jenen Leuten, -- dieses
kaiserliche Wort machten sie zu ihrem Schlachtruf. Weite Kreise des
Volkes, denen der Thron noch so heilig war wie der Altar, scharte er
unter ihre Fahnen, aber grere noch, emprt ber die Stellungnahme des
Staatsoberhaupts im Kampf der Parteien, trieb er zu uns herber. Hochauf
loderte der Zorn in unseren Reihen. Was sich in Jahren angesammelt hatte
an bitterer Enttuschung und stillem Groll, das brach flammend hervor.
Zu Regimentern, die wider den Gegner aufmarschierten, wurden die
vielstelligen Zahlen, die Milliarden, die Armee und Flotte, China und
Afrika verschlungen hatten; als Raubritter und Ausbeuter wurde
gestempelt, wer je dazu ja gesagt hatte. Malten sie drben mit blutigen
Farben das Bild der Revolution und rissen dadurch den Gleichgltigen aus
dem verschlafenen Winkel seines Daseins, so beschworen sie hben alle
Gespenster der Not und des Hungers herauf und schreckten mit ihnen die
Stumpfen aus ihrem Arbeitsleben. Der ehrliche Kampf mit offenem Visier
auf freiem Felde wurde zum Guerillakrieg mit heimtckischen Listen und
nchtlichen berfllen. Und durch die feindlichen Lager hin und her auf
leisen Sohlen schlich die Verleumdung; wen das Schwert nicht
niederstreckte, den vergiftete sie.

Ich hatte dem Gegner gegenber gerecht bleiben, mich als einzelne
behaupten wollen, gegenber der Suggestion der Masse. Aber je lnger ich
im Kampfe stand, desto schwerer wurde es, ihrer Gewalt zu widerstehen.
War ich nicht auch nur ein Soldat im Heere, dessen Fe von selbst im
Takt der anderen marschieren, der die gleichen Waffen trgt, und, vom
Rausch des Krieges berwltigt, einen persnlichen Feind in jedem Glied
des gegnerischen Heerbannes sieht?

       *       *       *       *       *

Der Gegenkandidat meines Mannes war ein alter Reaktionr, den der Bund
der Landwirte auf seinen Schild erhoben hatte. Der Zolltarif galt ihm
als ein gigantisches Werk; die Arbeitslosenversicherung, die in diesem
Jahre wirtschaftlicher Depression fr uns eine immer dringendere
Forderung geworden war, erklrte er fr unmoralisch; dem gesetzlichen
Arbeiterschutz, dessen Ausbau auf dem Wege zu unseren Zielen lag, msse,
so sagte er, ein Stopp entgegengerufen werden, und wider den
Grokapitalismus, dessen Entwicklung eine Voraussetzung des Sozialismus
war, galt es, den Mittelstand mobil zu machen. Als der typische
Konservative war er der willkommenste Gegner, weil sich hier, klar
voneinander geschieden, zwei Weltanschauungen gegenberstanden. Zwischen
ihnen schwankten, als das Znglein an der Wage, die Liberalen des
Kreises hin und her. Sie wollten nicht glauben, da wir ein gut Stck
Weges zusammengehen konnten und es einer Verleugnung aller liberalen
Grundstze gleichkam, wenn sie den Konservativen Gefolgschaft leisten
wollten.

Meinen Mann sah ich immer seltener. Trafen wir uns zu Hause, so
schrieben wir zusammen Flugbltter und Artikel, wobei er mit der ruhigen
Sachlichkeit seiner Beweisfhrung die Gegner zu entwaffnen und ich mit
dem Feuer, das mich durchglhte, Anhnger zu werben versuchte. Hie und
da trafen wir uns in Versammlungen, dann hrte ich, da er sprach, wie
er schrieb: er wandte sich an den Verstand, er suchte zu berzeugen, wo
ich an das Gefhl appellierte. Er hatte die Sprache des Dozenten, nicht
die des Agitators. Wen er dem Sozialismus gewann, der wurde zum
Bekenner. Was ich entzndete, mochte nur zu oft nichts als ein Feuerwerk
sein.

In den letzten Tagen fuhren wir von Ort zu Ort. Schon blhten
Pfingstrosen in den Grten, und von Flieder und Hollunder dufteten die
Lauben. ber den staubigen Chausseen brtete die Sommersonne. Die
Menschen in den engen Slen atmeten rasch und schwer wie im Fieber. In
den Drfern gab's Schlgereien. War einer als Genosse bekannt, so spieen
die Bauern vor ihm aus, und seinem Weibe gingen die Nachbarinnen aus dem
Wege. Die Kinder aber in der Schule lie der Lehrer mit besonderer
Vorliebe patriotische Lieder singen. Sle, die uns zur Verfgung
gestanden hatten, wurden uns genommen; breitspurig, ein Herr der
Situation, stand der Gendarm vor der Tre, wenn wir den Eingang
erzwingen wollten. Kamen wir auf freiem Felde zusammen, der Sonne und
dem Regen trotzend, so lste er die Versammlung auf, hatten wir irgendwo
einen Raum fr sie gefunden, so erklrte er ihn fr feuergefhrlich, kam
ich als Rednerin in irgend ein abgelegenes Nest, so hie es:
Frauenspersonen drfen nicht sprechen. Aber die Genossen waren immer
wieder erfinderischer als er. So fuhren wir einmal in ein kleines Dorf,
das weltverlassen zwischen zwei blauen Seen in der Niederung liegt. Nur
arme Schiffer wohnten hier und kleine Bauern, die elender lebten als der
Fabrikarbeiter in der Stadt. Einer von ihnen hatte seine ganze arme Kate
ausgerumt, um die Versammlung zu ermglichen. Das Hausgert stand auf
dem Hof, die Sonne enthllte unbarmherzig all seine Armseligkeit. Die
leeren Stuben faten trotzdem die Menge nicht, das Grtchen stand noch
voll von ihnen. Selbst auf den Gemsebeeten trampelten schwere Stiefel,
aber als ich ein Wort des Bedauerns uerte, sagte des Schiffers Frau
mit glnzenden Augen: Wenn's auch mit Erbsen nischt is dies Jahr,
wenn's man mit die Stimmen fr den Sozi wat sein wird!

       *       *       *       *       *

Am Vorabend der Entscheidung kamen wir in Frankfurt an. Im Hauptquartier
der Partei herrschte fieberhaftes Leben: hier meldeten sich Radfahrer,
um zum morgigen Dienst ihre Marschorder in Empfang zu nehmen, blutjunge
Leute unter ihnen, die sich mit um so grerem Enthusiasmus in den
Dienst der Sache gestellt hatten, als sie selbst noch nicht whlen
durften; dort stellten sich Frauen zur Verfgung, um die Sumigen an
die Urnen zu holen, und in spter Nachtstunde kamen andere hungrig, hei
und verstaubt von der letzten Verteilung der Wahlflugbltter zurck. Als
die Stadt schlief, huschten die Unermdlichen noch durch die Straen,
und am Morgen leuchtete in weien und roten Lettern ein Whlt Brandt!
an den Zunen und auf dem Trottoir.

Wir gingen durch die Wahllokale. Vormittags stellten sich allmhlich die
Brger ein, ruhigen Schrittes, ohne sonderliche Erregung; mit dem
Zwlfuhrglockenschlag wurde es auf den Straen lebendig, und durch die
Tren schoben sich die Arbeiter, beschmutzt, verstaubt, wie die Fabrik
und der Bau sie entlassen hatte. Die Bezirksleiter notierten jeden, der
sich meldete, strichen an, wer noch fehlte, gaben Weisung an die ihrer
Aufgabe wartenden Frauen. Und die suchten dann die Sumigen in den
Wohnungen, auf den Arbeitssttten. Nachmittags lag wieder sommerliche
Stille ber der Stadt. Dann aber, als der Himmel sich schon mit rosigen
Wolken berzog, hallte das Pflaster wider von raschen Tritten. Sie kamen
in Scharen: die jungen, rstigen voran, und zuletzt, von Frauen, von
Kindern gefhrt, Alte, Kranke und Krppel. Der Zettel in ihrer Hand, das
war ihr einziges, freies Mannesrecht, damit waren sie an diesem einen
Tage die Gestalter ihres Geschicks.

Es dmmerte. In den Wahllokalen saen unter sprlichen Gasflammen, vor
rauchenden Petroleumlampen die Zhler. Wenn wir eintraten, bedurfte es
keiner erklrenden Worte, die leersten Gesichter waren sprechend
geworden: Furcht und Hoffnung, Zorn und Siegeszuversicht drckte sich
in ihnen aus.

Schon brannten die Laternen in den Straen. Im Hause, wo die Partei ihr
Bureau aufgeschlagen hatte, waren alle Fenster erleuchtet. Im Saal oben
war es noch leer; nur der Vorstand des Wahlvereins harrte vor dem Tisch
mit dem groen Tintenfa und den unbeschriebenen weien Blttern der
kommenden Dinge. Sie grten uns kopfnickend, sie waren bla und
schweigsam vor Erregung. ber Webers Stirn standen helle Schweitropfen,
seine blanken Augen waren verschleiert. Wir setzten uns. Nach und nach
fllte sich der Raum. Lauter Schweigende. Die Minuten schlichen wie
ebenso viele Stunden. Endlich der erste Radler! Gleich darauf der
zweite, der dritte, der vierte -- die Wahlbezirke der Stadt.

Schlecht steht's! knirschte der eine und warf den Zettel auf den
Tisch.

Der Westen Frankfurts --, sagte Weber, immerhin: zum erstenmal
Stimmen fr den Sozi! -- Das Zentrum, -- na, besser htt's sein drfen!
-- Und die Vorstadt, pfui Teufel, das sind die Eisenbahner, die auf
Kommando whlten! -- Aber hier --, sein Gesicht strahlte -- das reit
die ganze Stadt heraus!

Hurra! rief einer und schwenkte die alte Soldatenmtze zum offenen
Fenster hinaus.

Bravo! antwortete es vielstimmig von unten.

Wieder verrannen Viertelstunden. Schon waren alle Pltze an den langen
Tischen besetzt.

Warum dauert das nur so lang --, seufzte ich.

Die Radler aus dem Oderbruch knnen noch nicht hier sein --, sagte
Weber, der wieder und wieder nach der Uhr sah.

Telegramme! schrie jemand. Der Postbote drngte sich durch die Reihen.

Mit bebenden Fingern ri Weber sie auf: Berlin erobert! -- Ganz Sachsen
unser --!

Ein Jubelruf, der sich wieder bis auf die Strae weiterpflanzte, aber
rasch verklang. Das Schweigen war eine einzige Frage. Und wir?! --
Jetzt aber tnte von unten ein donnerndes Hoch! Wir strzten zum
Fenster: ber das Pflaster sprangen Lichter in langer Kette, Rder
blitzten auf --, die Treppen strmte es empor: atemlos, blaurot, mit
zitternden Knien standen sie vor uns, die Mnner aus dem Oderbruch. Sie
waren keines Wortes mchtig, aber die Trnen, die hellen Freudentrnen
tropften ihnen ber die Wangen. Mit einer fast feierlichen Gebrde
breitete Weber die Botschaften vor uns aus. Hunderte von Stimmen hatten
wir gewonnen. Dicht unter den Augen der Gegner, auf Gutshfen, in
Drfern hatten die Landleute fr uns gestimmt. Stumm streckte ich dem
Maurer Merten die Hand entgegen. Er hielt sie lange zwischen seinen
harten Fingern.

Jetzt standen die Menschen schon Kopf an Kopf. Noch fehlten die
entferntesten Bezirke, -- Buckow, Frstenwalde. Entschieden ist noch
nichts, murmelte Weber angstvoll.

Wieder ein Lrm auf der Strae. Die Oderzeitung bringt ein Extrablatt!
schrieen sie zu uns empor. In weitem Bogen flog es von der Tr ber die
Kpfe hinweg auf unseren Tisch: Depeschen aus Sddeutschland --
Mnchen, Nrnberg, Bayreuth, Stuttgart, Darmstadt -- alles unser!

Und nun lste ein Depeschenbote den anderen ab; jede Siegesnachricht
steigerte die elektrische Spannung, selbst die Nachtluft drauen schien
erfllt von ihr.

Zu elf dumpfen Schlgen holte die Uhr auf der Marienkirche aus.

Im Haus der Oderzeitung lschen sie die Lampen, -- rief ein junger
Bursche, und brach sich mit Ellbogensten freie Bahn in den Saal. Die
Gesichter ringsum erhellten sich.

Eine Grtnersfrau, der ausdauerndsten eine im Heranholen sumiger
Whler, nahm aus ihrem bis dahin sorgfltig gehteten Korb einen groen
Strau roter Nelken und stellte ihn vor uns auf den Tisch. -- Ist's
nicht zu frh?! -- Ein Brausen lag in der Luft, -- war's nicht das
pochende Blut in meinen Schlfen? Oder waren's die vielen Stimmen vor
dem Haus?

Die ganze Strae steht schwarz voll Menschen, flsterte ein baumlanger
Arbeiter neben mir in scheuer Angst. Es war hei, -- glhend hei im
Saal, und doch schien mir, als mten alle frieren wie ich.

Da -- Frstenwalde! und wie ein Echo: Buckow! Weber war wei im
Gesicht, -- sekundenlang bohrten sich seine Augen in das Papier. Wir
hielten den Atem an, -- dann stie er mit rauher Stimme ein einziges
Wort hervor: Gesiegt!

Einen Augenblick war es noch still. Einem alten Mann, den ich nicht
kannte, und der bis zu mir vorgedrngt worden war, drckte ich
krampfhaft die Hand. Dann brach es los wie Gewittersturm. Das schrie,
das jauchzte, das schluchzte --, alte Mnner fielen einander um den
Hals, Frauen verbargen die Gesichter an den Schultern der Nchsten. Und
drauen zerri ein einziger Jubelruf die Stille der Nacht. Sie riefen
nach ihrem Gewhlten.

Auf die Fensterbrstung trat er. Nicht mir dieses Hoch,
Parteigenossen --, und seine tiefe Stimme klang voll und warm und die
Luft selbst schien sie weiter und weiter zu tragen, -- Euch vielmehr,
die ihr den Sieg erkmpftet, und unserer groen Sache vor allem, die die
Siegesgewiheit in sich trgt! Ein Hoch der Sozialdemokratie, ein
dreifaches Hoch! Und wieder brauste es, als schlgen orkangepeitschte
Wellen an Felsenriffe.

Inzwischen war Weber still beiseite gegangen. Nun kam er zurck. Er trug
die alte Fahne, von grauen Tchern umwunden. Dicht vor dem Fenster nahm
er langsam die Hlle ab, hob die schwere Stange hinaus, und das rote
Tuch rollte auseinander und wehte, aufglhend, wo das Licht es traf, wie
entfachte Flammen ber die stumme Menge.

Genossin Brandt! -- -- Alix Brandt! -- Riefen sie mich?! -- Man schob
mich zum Fenster, -- man hob mich empor, -- ich sah keine Menschen, ich
sah nur ein wogendes Meer, -- ohne Anfang, ohne Ende. Und ich streckte
die Arme weit aus --




Vierzehntes Kapitel


Alle Vorbereitungen fr das Erscheinen der Gesellschaft waren getroffen.
Es sollte eine Zeitschrift groen Stiles werden. Hervorragende
Parteigenossen des In- und Auslandes hatten uns ihre Mitarbeit zugesagt.
Eine junge Knstlerin, von der Idee, die uns leitete, gepackt, hatte den
Umschlag gezeichnet: schwarze Fabriken, aus deren Essen die Feuerflammen
der kommenden Zeit emporschlagen. Es gab Leute, die angesichts der
schnen Ausstattung, des niedrigen Preises und der hohen Honorare, die
wir festgesetzt hatten, bedenklich die Kpfe schttelten. Aber der
Dreimillionen-Sieg der Partei hatte den Glauben an unsere Sache, den wir
von jeher besessen hatten, nur noch gestrkt. Jetzt war wirklich die
Zeit gekommen, wo die Sozialdemokratie eine Macht im Staate zu werden
begann, wo sie vor der Aufgabe stand, selbstndig praktische Politik zu
treiben. Breite Schichten der Arbeiterschaft, die erstarkten
Gewerkschaften an der Spitze, verlangten danach, und die Masse der
Mitlufer, die unseren Sieg hatte vergrern helfen, war zweifellos
nicht durch die ferne Aussicht auf den Zukunftsstaat zu uns gekommen,
sondern durch die Hoffnung auf Reformen der Gegenwart.

Eines Morgens kam Heinrich verrgert aus dem Bureau: Der Lindner luft
umher wie die Jungfrau von Orleans: 'und mich, die all dies Herrliche
vollendet, mich freut es nicht, das allgemeine Glck'. Sollten die
Schwarzseher ihn schon beeinflut haben?! Das knnte mir passen!

Wir hrten eine Woche lang nichts von ihm. Dann kam ein Brief; --
whrend mein Mann ihn berflog, vernderten sich seine Zge: Hier hast
du den Wisch, rief er wtend und warf die Tre hinter sich ins Schlo.

Da ich mich berzeugt habe, da ein gedeihliches Zusammenarbeiten
zwischen uns nicht erreichbar sein wird, trete ich von unserem Vertrag
zurck --, las ich.

Das ist doch nicht mglich, -- das kann doch nicht sein, fuhr es mir
durch den Kopf; wie kann er sein Wort brechen, jetzt, in diesem
Augenblick, wo er wei, das damit alles steht und fllt!

Heinrich war beim Rechtsanwalt gewesen. Nichts zu machen, knirschte
er, als er nach Hause kam, mein Anstand, oder sagen wir lieber meine
Dummheit, die mich hinderten, den Vertrag notariell zu machen,
ermglichen diesen erbrmlichen Rckzug.

Was nun?! Heinrichs trotzige Energie hatte auf diese Frage nur eine
Antwort: Erst recht!

Ich fhlte mich im ersten Augenblick wie gelhmt und war geneigt, im
Rcktritt Lindners etwas zu sehen, das einem Wink des Schicksals oder
einem Gottesurteil gleichkam. Aber die Ereignisse innerhalb der Partei
zerstreuten den Nebel, der meinen Blick vorbergehend verdunkeln wollte.

berall hatten nach den Wahlen Siegesfeiern stattgefunden. Hunderte von
Rednern hatten das Unser die Welt! in die berfllten Sle
hinausgeschmettert und ein vieltausendstimmiges Echo gefunden. Dann aber
war der Rausch verflogen, und jenes erwartungsvolle Schweigen war
eingetreten, das jedem groen Ereignis zu folgen pflegt. Man konnte sich
nicht vorstellen, da nun der Alltag wieder da ist, -- genau so wie
vorher; es mute irgend etwas folgen, das dem Ungeheueren entsprach, das
wir erlebt hatten! Doch es geschah nichts. Nur der Sommer war gekommen
mit seiner Blumenpracht, -- wie immer. Ein unbestimmtes Gefhl der
Enttuschung erkltete die eben noch glhenden Herzen. Die durch den
Kampf aufgepeitschten Nerven erschlafften pltzlich; eine nrgelnde
Empfindung der Unzufriedenheit entstand; kaum einer war, der sich ihr
entziehen konnte, und wer am leidenschaftlichsten um den Sieg gerungen
hatte, den packte sie mit doppelter Gewalt.

Einige der fhrenden Geister in der Partei waren sich bewut, da die
nervse ungeduldige Frage der Massen nach dem Preise des siegreichen
Kampfes Antwort heischte. Aber sie empfanden nicht, da die Antworten,
die sie gaben, angesichts der Gre der Erwartungen wie eine Verhhnung
wirken muten. Kautsky, der Theoretiker des Radikalismus, versuchte ihr
als der Vorsichtigere aus dem Wege zu gehen, indem er sich nur mit den
Wahrscheinlichkeiten der knftigen Haltung unserer Gegner beschftigte,
und im brigen die Gemter durch den Hinweis auf die alte, bewhrte
Taktik der Partei zu beruhigen suchte. Eduard Bernstein dagegen, der
Revisionist, hatte in dem Bestreben, zu momentanen praktischen
Resultaten zu gelangen, acht Tage nach dem Siege auf die Frage: was
folgt aus dem Ergebnis der Reichstagswahlen? keine andere Antwort als
die: ein sozialdemokratischer Vizeprsident im Reichstag! Was in ruhigen
Zeiten vielleicht zu einer Errterung innerhalb der Fraktion gefhrt
htte, das wurde jetzt das Signal zum Aufruhr.

Wie, darum haben wir monatelang unsere Haut zu Markte getragen, darum
haben drei Millionen Deutsche einundachtzig Sozialdemokraten in den
Reichstag geschickt, damit einem von ihnen die Gelegenheit geboten wird,
vor dem Kaiser zu katzbuckeln, -- dem Kaiser, dessen Faust wir von Essen
und Breslau her noch auf unserer Wange brennen fhlen?! So tnte es von
allen Seiten.

Vergebens, da Vollmar von Mnchen aus versuchte, der khlen Vernunft zu
ihrem Rechte zu verhelfen, indem er die tatschlichen Vorteile der
Vertretung der Partei im Prsidium hervorhob und die Haltlosigkeit der
prinzipiellen Gegnerschaft zu dem Hofgang dadurch illustrierte, da
die Parteigenossen in den Einzelstaaten es mit ihrer republikanischen
Gesinnung vereinigen mssen, dem jeweiligen Landesherrn Treue zu
schwren, der Eid aber doch bedeutungsvoller sei, als ein offizieller
Besuch im Kaiserschlo, -- bis nach Norddeutschland drang seine Stimme
nicht. Zu tief empfanden Alle die unbewute Verhhnung ihrer Hoffnungen
und ihres Glaubens in Bernsteins Antwort auf die Frage, die sie bewegte.
Und auch ich konnte mich dem niederdrckenden Eindruck nicht entziehen.

Die Emprung ber Bernstein verdichtete sich zur allgemeinen Wut auf die
Revisionisten, die sie ihrerseits mit einem Ungeschick, das sich nur
aus ihrer Temperamentlosigkeit erklren lie, schren halfen.

Wir mssen die liberalen Parteien ersetzen --, erklrte der eine; die
aufgeregten Massen lasen daraus: wir mssen unsere sozialdemokratischen
Grundstze in die Tasche stecken.

Ein proletarischer Klassenkmpfer sein, das heit nicht auf die
brgerliche Gesellschaft unterschiedslos drauflos prgeln --, sagte ein
anderer; die Arbeiter ergnzten: wir sollen mit ihr liebugeln.

Sie hatten unrecht -- zweifellos --, wie jeder unrecht hat, den die
Leidenschaft nicht nur dem Ziel entgegen vorwrts reit, sondern blind
und taub macht fr alles, was rechts und links geschieht. Aber weit
grer war das Unrecht derer, die imstande gewesen waren, an dem
Siegesfeuer, dessen himmelauflodernde Flammen die Begeisterung der
Kmpfer entfacht hatten, ihr armseliges Sppchen zu kochen und es den
Andchtigen, deren Glauben noch glhender brannte als das Feuer, als
sttigende Speise darzureichen.

Ein mchtiger Helfer erwuchs ihrem Zorn, einer, der noch immer
wunderglubig gewesen war, wie sie; einer, den, wie sie, der Sieg
trunken gemacht hatte: August Bebel. In einer Erklrung, die dem
Pronunziamento des Nachfolgers Christi auf dem apostolischen Stuhle
gleichkam, verurteilte er Bernstein und die Seinen und drohte berdies
mit der Entscheidung des nchsten Parteitages. Nun erst, nachdem der
Fhrer gesprochen, entbrannte der Bruderkrieg in vollem Umfang. Was
Bebel nur hatte ahnen lassen, das sprachen andere aus: fort aus der
Partei, wer uns den Sieg verekelt.

Ich frchtete das Schlimmste. Meine persnlichen Besorgnisse
verschwanden wie Tautropfen im Meer. Jetzt galt es, den Bedrohten einen
Mittelpunkt schaffen, der zum Ausgang einer starken, jungen Bewegung
werden knnte. Aus tiefster berzeugung wiederholte ich Heinrichs: Erst
recht!

       *       *       *       *       *

Der Verkauf des Archivs war der erste Schritt zu unserem Ziel. Heinrich
wandte sich an einen der grten Verleger, der seine Bereitwilligkeit
aussprach, das Archiv zu bernehmen, wenn der alte Herausgeber ihm
erhalten bliebe. Er bot ein Redaktionshonorar dafr, das uns zeitlebens
der Sorgen enthoben htte. Wir besannen uns keinen Augenblick, seine
Vorschlge zurckzuweisen.

Nun bliebe noch Romberg, sagte ich zgernd; ich wute, seit jener
ersten Anfrage war eine leise Entfremdung zwischen den beiden Mnnern
eingetreten.

Damit er mich wieder behandelt, wie der hochmgende Vormund, brauste
Heinrich auf.

Noch am selben Abend schrieb ich an Romberg. Wenige Tage spter war er
in Berlin. Ich setzte ihm die Lage auseinander.

Ich appelliere lediglich an Ihr Interesse fr die Zeitschrift, sagte
ich, die heute eine der angesehendsten ihrer Art ist. Es lag Ihnen
daran, sie in die Hand zu bekommen; -- Sie sprachen seinerzeit davon,
als von einem Ersatz der ordentlichen Professur.

Er machte eine abwehrende Handbewegung. Wenn ich nun aber statt meines
persnlichen Interesses, das sich nicht verndert hat, meine
Freundschaft entscheiden liee?! rief er aus. Mir scheint, ich mte
Sie vor einem Unglck bewahren!

Das lassen Sie meine Sorge sein, antwortete ich herb. Er schwieg
verletzt, und als gleich darauf mein Mann eintrat, stellte er sich auf
einen ausschlielich geschftlichen Standpunkt und verhandelte nur mit
ihm.

Kurze Zeit darnach war die Angelegenheit entschieden: Mit zwei anderen
Herren bernahm Romberg das Archiv.

Ich hatte im Augenblick meine ganze Zuversicht wiedergewonnen und lud
ihn ein, den Abschlu frhlich mit uns zu feiern. Aber er war schon
abgereist.

Dann geben wir uns allein ein Fest, meinte mein Mann; wir haben
Ursache genug dazu als selbstndige Inhaber der Neuen Gesellschaft!
Doch es schien, als sollte es nicht sein. Zuerst verschlang die Arbeit
unsere Zeit, und dann kam die Stimmung nicht wieder.

       *       *       *       *       *

Der Hader in der Partei nahm immer bsartigere Dimensionen an. Was Bebel
an Erklrungen und Artikeln verffentlichte, das klang so malos, da
die Vizeprsidentenfrage und die Mitarbeit der Parteigenossen an
brgerlichen Blttern unmglich die einzige Ursache seines Vorgehens
sein konnte. Er mute irgendwo Parteiverrat wittern, wenn er alle
politische Klugheit so vllig zu vergessen vermochte und den Gegnern die
bittere Pille der Wahlniederlage durch den Kampf in den eigenen Reihen
verste.

Die Zeit des Vertuschens und Komdienspiels ist vorbei --, rief er;
jetzt heit es Farbe bekennen, jetzt gibt's kein Ausweichen mehr --,
was hie das anders, als da Elemente in der Partei vorhanden waren, die
nicht hinein gehrten, die entfernt werden muten?

Die Masse der Parteigenossen halte die Augen auf! mahnte er; was
bedeutete das anders, als da sich Verrter in ihrer Mitte befanden?
Aber whrend Bebels Zorn vom Feuer der Leidenschaft noch immer verklrt
erschien, sekundierten ihm die Zionswchter des Radikalismus mit der
Klte systematischer Verfolgungssucht. Und nun erwachte im Proletariat,
auf dessen rohe Instinkte sie spekulierten, der Pbel. Er warf sich
keifend auf alles, was nicht mit ihm lrmte.

Wir, die wir dem Revisionismus eine selbstndige Zeitschrift schaffen
wollten, standen, das zeigte sich bald, mit auf der ersten Seite der
Liste der Konskribierten. Noch ehe die erste Nummer unseres Blattes
erschienen war, wurde es als ein kapitalistisches Unternehmen
gebrandmarkt; von Mund zu Mund ging der Klatsch, da wir einen reichen
Gnner gefunden htten, der es wie einen Sprengstoff in die Partei
werfen wollte, und in einer der wild erregten Versammlungen, die dem
Parteitag vorangingen, fiel zum erstenmal das verchtliche Wort, das
wohlgefllig weitergetragen wurde: Geschftssozialisten.

Es traf mich wie ein Keulenschlag. Eben erst hatten wir eine gesicherte
Existenz von uns gewiesen, -- und nun dies Wort!!

Ich brtete stumm vor mich hin. Ich ging nicht auf die Strae, denn ich
fhlte mich wie beschmutzt.

Was ich erlebte, war nur ein Teil dessen, was allen begegnete, die unter
dem Namen Revisionisten zusammengefat wurden. Das zahnlose alte Weib,
der Klatsch, ging um mit den ewig beweglichen Lippen und den drren
Fingern, die in jeder Gosse gierig whlen. Als Mandatsjger wurde der
eine verdchtigt, als lgnerischer Verleumder Bebels der andere. Und
wessen wir bisher flschlich beschuldigt worden waren, -- eine
geschlossene Gruppe zu sein, -- das machte die Verfolgung aus uns. Den
Kopf umnebelt von den giftigen Dnsten, die rings um uns aufstiegen,
erschien uns der Ha der Personen, die uns bekmpften, als das Primre;
kaum einer war, der noch wute, da es der Gegensatz der Anschauungen
war, der ihn zeugte, und niemand gab zu, da Bebel recht hatte, wenn er
an kleinen Symptomen die ganze Richtung erkannte, -- die Richtung, die
seinen tiefgewurzelten Prophetenglauben, aus dem er die ganze
Schwungkraft seiner Lebensarbeit sog, erschttern mute, wenn sie zur
allgemeinen Anerkennung kam.

Wie sich sein Zorn und derer um ihn auf die Einzelnen entlud, die im
Augenblick als die Snder erschienen, so entlud sich der unsere auf
einen Mann, der seit Jahren das Feuer schrte, das uns verbrennen
sollte, der, ohne sich jemals in das Gewhl der Volksversammlung zu
wagen, von der Abgeschiedenheit seiner Studierstube aus Jeden verfolgte,
der kein Buchstabenglubiger des Marxismus war. Seine glnzende
journalistische Fhigkeit hatte ihm seine Stellung geschaffen; die
fanatische Rcksichtslosigkeit, mit der er seine Gegner verfolgte, hatte
sie erhalten helfen. Niemand wagte, sich ihm entgegenzustellen. Selbst
seine Gesinnungsfreunde frchteten ihn, denn er hate heute, was er
gestern noch liebte.

Er ist das bse Prinzip der Partei, hie es in unserem Kreise, whrend
tatschlich nur der konservative Radikalismus mit all seiner
Unduldsamkeit, all seinem Dogmenglauben in ihm Fleisch geworden war.

Wenn wir die Partei von ihm befreien knnen, so haben wir sie
gerettet, erklrten unsere Freunde.

Meinen Mann packte der Gedanke wie keinen. Noch immer hatte seine
berschumende Willenskraft sich an Aufgaben erproben wollen, die
niemand sonst bernahm. Er hrte um so weniger auf die warnenden
Stimmen, die sich erhoben, als ich ihn in seinem Vorhaben nur bestrkte.
Die Partei aus der inneren Zerrttung erretten, in der sie sich befand,
sie einer neuen gesicherten Einheit entgegenfhren, -- keine Aufgabe
wre mir im Augenblick grer erschienen.

       *       *       *       *       *

Es war am Abend vor unserer Abreise nach Dresden, wo der Parteitag
stattfand.

Es wird ein Kampf bis aufs Messer, sagte Heinrich; aber was auch
kommen mag, mich soll's nicht krnken, wenn ich nur deiner sicher bin!

Ich legte beide Arme um seinen Hals: Du kannst es, Heinz! Noch niemals
liebte ich dich so wie heut! Und zrtlich schmiegte ich meinen Kopf an
seine Schulter, whrend mein Auge in demtiger Liebe an dem seinen hing.

Ihr trichten Frauen wollt in den Mnnern immer nur Helden sehen,
meinte er. Seine Lippen brannten auf meinem Mund. Wir vergaen der Ehe,
wie in allen glcklichen Stunden unseres Lebens; -- der Ehe, die alle
Geheimnisse schamlos ihrer Schleier beraubt, so da die Liebe, die nur
von Sehnsucht lebt, sterben mu.

Gegen Morgen weckte mich ein Schrei. Ich fuhr entsetzt aus dem Schlaf.

So bleib doch, Liebste, flsterte Heinrich traumbefangen. Aber schon
war ich im Nebenzimmer am Bett meines Kindes. Seine Wangen glhten,
verstndnislos irrten seine Augen an mir vorbei. Und wieder lste sich
ein Schmerzensruf von seinen trockenen Lippen. Ich wickelte den
zuckenden Krper in nasse Tcher und schickte die Berta zum Arzt. Jetzt
erst erwachte mein Mann und erschien an der Tre.

Papachen, sagte der Kleine und verzog den Mund mhsam zu einem
Lcheln.

Was ist denn nur?! rief Heinrich mit gerunzelter Stirn und
ungeduldiger Stimme; komm doch ins Bett, -- du erkltest dich ja!

Ich lief ins Schlafzimmer zurck, um mir einen Mantel zu holen.

Du siehst doch, -- Ottochen ist krank, flsterte ich ihm im
Vorbergehen zu.

Krank! wiederholte er laut und trat nher. Nicht wahr, mein Junge,
dir fehlt nichts, -- du trumtest nur schlecht, -- du siehst ja rund und
rosig aus, wie's liebe Leben!

Mit einem ngstlich fragenden Blick sah der Kleine von einem zum
anderen.

Gewi, Papa, gewi, sagte er dann mit stockender Stimme, jetzt ist
schon alles wieder gut. Aber seine trnenumflorten Augen, die flehend
zu mir aufsahen, sein heies Hndchen, das krampfhaft meine Finger
umschlo, strafte seine Worte Lgen. Ich drngte Heinrich hinaus. Wo
nur die Berta blieb? Warum der Arzt nicht kam? -- Im Wohnzimmer schlug
die Uhr sieben.

Es ist die hchste Zeit, da du dich anziehst, Alix, rief Heinrich.
Wir hatten uns mit unseren Freunden fr den Achtuhrzug verabredet. Ich
wechselte rasch die Kompresse auf der brennenden Stirn meines Kindes und
ging ins Schlafzimmer.

Selbstverstndlich bleibe ich hier, sagte ich, die Stimme dmpfend.

Das wre noch schner! antwortete er heftig. Wegen eines Schnupfens,
den der Junge im schlimmsten Fall kriegen wird, willst du in diesem
Augenblick mich und die Sache im Stiche lassen!

Ich fhlte, wie das Blut mir siedendhei in das Antlitz scho: So
sprich doch wenigstens leise --

Aber Heinrich wollte nicht hren: Du weit, was auf dem Spiele steht,
-- du kommst mit, schrie er mich an, und seine Hand umkrallte meinen
Arm.

Und wenn die ganze Partei darber zugrunde ginge, -- ich bleibe hier,
zischte ich, auer mir vor Emprung.

Mama, -- Mama! rief eine se weinende Stimme. Der Kleine stand auf
der Schwelle, mit angstvoll aufgerissenen Augen, wie im Schwindel auf
den bloen Fchen hin und her schwankend. Auf meinen Armen trug ich ihn
ins Bett zurck und riegelte die Tr hinter uns zu. Nach kurzer Zeit
hrte ich Heinrich das Haus verlassen. Ich fhlte keinen Schmerz, -- nur
eine ungeheure Leere in meinem Herzen. Darber nachzugrbeln, war ich
nicht imstande: in wilden Fieberphantasien wlzte sich mein Kind auf
seinem Lager.

Kaum in Dresden angekommen, telegraphierte mir mein Mann: Verzeih. Wie
geht es? Mute ich ihm nicht jetzt, wo er so schweren Stunden
entgegenging, die Wahrheit schonend verschweigen?! Aber warum diese
Rcksicht?! War er doch mehr als schonungslos, war grausam gewesen! Nie
wrde ich ihm das verzeihen knnen!

Otto schwere Blinddarmentzndung, antwortete ich kurz, dem Ergebnis
der rztlichen Untersuchung entsprechend.

Zwei Tage vergingen und zwei Nchte. Noch immer stieg das Fieber; der
kleine Krper krmmte sich vor Schmerzen. Die Schreie der Angst wurden
schwcher; an ihre Stelle trat ein Wimmern -- jammervoll,
ununterbrochen. Ich wich nicht von dem kleinen Bett. Wenn ich die Hand
auf das heie Kpfchen des Kranken legte, schien er fr Augenblicke
ruhiger, wenn ich mich ganz dicht an ihn schmiegte, verlor sein Blick
den Ausdruck tiefen Entsetzens. Einmal glaubte ich schon beglckt, er
schliefe. Da ri er sich ungestm aus meinen Armen, richtete sich hoch
auf, starrte mich verstndnislos an und schrie: Mama, -- Mama, -- warum
bist du so weit, -- so weit weg, -- ich sehe dich gar nicht mehr -- und
in verzweifeltem Schluchzen bebten seine Schultern. Das Herz krampfte
sich mir zusammen, -- und doch hatte ich noch Kraft genug ihm beruhigend
zuzulcheln, whrend ich den kleinen Krper wieder in nasse Tcher
hllte. Er wurde still, er schlo die Augen, er atmete regelmiger.
Aber in meinen Ohren drhnten seine Worte: warum bist du so weit weg! Er
hatte mich angeklagt, -- und ich sprach mich schuldig: War ich nicht
Tage, Wochen, Monde lang von meinem Sohn weit weg gewesen?! War nicht
auf seinen Gedankenwegen mit ihm gegangen, -- hatte nicht mit seinem
Herzen gefhlt, -- mit seinen Augen gesehen? Wenn er nun mich verlassen
wollte?! Ich dachte den Gedanken nicht zu Ende. An seinem Bette sank ich
in die Kniee; ich faltete die Hnde auf seinen Kissen; -- ich betete.
Nicht zu den Schutzengeln, die mir ein Mrchen waren, nicht zu dem
Christengott, den ich nicht kannte. Mein Gebet war voll Frmmigkeit, ob
es auch keine Worte hatte, mein Gebet war voll Glauben, ob es auch
glaubenslos war, mein Gebet war voll Kraft, denn es richtete sich nicht
gen Himmel, -- es brachte dem Heiligtum des Lebens mich selbst zum Opfer
dar ...

Der grauende Tag kroch durch die Fenster. Mein Kind schlief mit einem
Lcheln um die blassen Lippen. Ich kte es leise. Mir war, als wre ich
erst in der letzten Nacht seine Mutter geworden.

Drauen lutete es. Es war der Telegraphenbote: Wie geht es? Rege dich
ber Zeitungen nicht auf. Ich mute den zweiten Satz noch einmal lesen;
gab es noch irgend etwas in der Welt, ber das ich mich nach dieser
Nacht htte aufregen knnen?! Ja so! Der Parteitag, -- ich hatte nichts
gelesen. Otto besser. Bin ruhig. Wnsche dir das Beste, antwortete
ich.

Whrend Berta mich bei dem Kranken vertrat, las ich die Berichte. Ich
erschrak, als ich sah, da Heinrich entgegen seiner Absicht, durch den
Artikel eines schsischen Parteiblattes herausgefordert, in der
Diskussion ber die Mitarbeit von Genossen an der brgerlichen Presse
als Erster gesprochen hatte. Die ganze Erregung ber unser
Auseinandergehen, die wachsende Sorge um das kranke Kind mute ihn
beherrscht, seine Stimmung beeintrchtigt haben. Und ich fhlte zwischen
jeder Zeile der Rede die Bitterkeit seines Herzens, die qulende Angst.
ber jenen Mann hatte er gesprochen, der sich herausnahm im Kampf gegen
uns den Ton anzugeben, der uns um einiger Artikel in einer brgerlichen
Zeitschrift willen wie Verrter verfolgte; und er hatte ihn
gekennzeichnet, als das, was er war: ein doppelter Renegat, in der
Jugend Sozialdemokrat, gleich darauf der Verfasser einer der giftigsten
Schmhschriften gegen die Sozialdemokratie, nach wenigen Jahren wieder
Mitglied der Partei, und jetzt: ihr unfehlbarer Sittenrichter. Keiner,
so schien mir, wrde sich dem Eindruck der Rede meines Mannes entzogen
haben, wenn nicht in jedem Ton die Aufregung gezittert htte, deren
Ursache niemand kannte als ich. Immer wieder hatte ihn Bebel
unterbrochen, mit stets gesteigerter Heftigkeit, und jeder Zuruf mute
meinen Mann, dessen ganze Seele wund war, doppelt schmerzhaft treffen.
Und dann waren sie alle ber ihn und uns hergefallen, und am tollsten
hatten uns, die freien Schriftsteller -- frei wie der Lohnarbeiter,
der seinem Verdienst nachgehen mu --, die Genossen geschmht, die in
sicheren Parteipfrnden saen. Ein Gefhl von Ekel stieg mir bis zum
Hals. Wie hatte doch Romberg einmal gesagt? Durch eine bestimmte
Personengruppierung kann eine Sache rettungslos verloren gehen. War
diese Gesellschaft wtender Proleten wirklich noch der wrdige Trger
der menschheitbefreienden Gedanken des Sozialismus?

In einem kurzen Brief, den ich von Heinrich erhielt, hie es: ... Die
Lage der Dinge ist unbeschreiblich. Die eingeschlossene Luft in diesem
engen halbdunkeln Saal scheint gefllt mit Sprengstoff. Das gezwungene
dicht Nebeneinandersitzen erhht die Reizbarkeit ... Bebel ist selbst
fr Freunde, die ihn beruhigen wollen, unnahbar. Er hat sich stundenlang
in sein Hotel zurckgezogen und hat den Ausdruck eines Rachegottes, wenn
er wieder erscheint. Warum? Niemand wei es. Er soll sich whrend der
Wahlkmpfe beranstrengt haben, sagen die einen; die Erbschaft, die ein
bayerischer Offizier ihm hinterlie, und das, was an Prozessen mit den
Verwandten dieses Offiziers darum und daran hngt, soll ihn aufregen,
meinen die anderen. Jedenfalls kommt mehr denn je alles auf seine
Haltung an; und sein Benehmen mir gegenber lt wenig Gutes hoffen.
brigens scheint er auf uns beide ganz besonders wtend zu sein. Als
Wanda Orbin die Mitarbeit an brgerlichen Blttern als todeswrdiges
Verbrechen kennzeichnete und dabei von den sndigen 'Genossen' sprach,
rief er wiederholt mit starker Betonung dazwischen: 'Und Genossinnen!'
Damit bist Du in erster Linie gemeint ... Man spricht von einer
Resolution, durch deren Unannehmbarkeit die Revisionisten hinausgedrngt
werden sollen ...

Seltsam, wie khl, fast gleichgltig ich dieser Mglichkeit gegenber
blieb.

Gegen Abend fieberte mein Kind wieder. Es phantasierte von Riesen, die
das Zimmer fllten, und am Morgen war mir, als ob ich die ganze Nacht
mit ihnen htte ringen mssen, um sie vom Bett meines Lieblings
fernzuhalten. Ich fhlte mich zu Tode erschpft.

Wir sind noch nicht ber den Berg, sagte der Arzt mit einem ernsten
Gesicht, aber Sie sollten sich trotzdem schonen --.

Ich bin die Mutter, unterbrach ich ihn.

Gerade darum, antwortete er.

Aber wie konnte ich von meinem Sohne weichen, solange seine Augen sich
trbten, wenn ich den Platz an seinem Bett verlie!

Whrend er ein paar Bleisoldaten auf den weien Berg seiner Kissen
klettern lie, berflog ich zerstreut den neuen Parteitagsbericht. Erst
Bebels Rede fing an, mich zu fesseln. Er zhlte die Snden jener
Wochenschrift auf, fr die wir fnf Angeklagten geschrieben hatten: Vor
genau zehn Jahren hatte deren Herausgeber ihn als rote Primadonna
verulkt. Ich staunte: sollte Bebel, der groe Bebel, von so kleinlicher
Empfindlichkeit sein, da er dergleichen Nebenschlichkeiten als
unauslschliche Krnkungen empfand?! Und im vorigen Jahre whrend des
Zollkampfes hatte derselbe Redakteur sich gegen die Obstruktionspolitik
der Sozialdemokraten ausgesprochen. War das nicht sein gutes Recht?
Sollte er selbst mit seiner berzeugung hinter dem Berge halten, wenn er
allen seinen Mitarbeitern die vollste Meinungsfreiheit gewhrte?

Ich las weiter. Ich rieb mir die Augen, -- vielleicht war ich es jetzt,
die fieberte, -- der Kopf fing an, mir zu brennen. Ich las noch einmal.
Aber ich irrte mich nicht. Hier stand es, ganz deutlich, und noch
unterstrichen durch den strmischen Beifall, mit dem es begrt worden
war: Es gibt unter uns Marodeure, die ein solches Blatt
untersttzen --, Elemente, die moralisch tief gesunken sind --,
ihnen gebhrt nichts anderes, als ein krftiges Pfui!

Griff mir nicht eine rohe Faust an die Kehle --, traten die Augen nicht
schon aus ihren Hhlen? Und der Boden unter mir, auf dem ich stand,
schwankte er nicht? -- -- Meine Familie, meine Freunde, meine Existenz,
-- alles hatte ich der Partei geopfert, -- und jetzt kam dieser Mann und
beschimpfte mich, weil ich ein paar literarische Kritiken in ein Blatt
geschrieben hatte, das ihm nicht pate?! Er, dieser Ritter der Frauen,
hatte den traurigen Mut, mich vor der ganzen Welt fr ehrlos zu
erklren?! Ich sprang vom Stuhl, -- verga mein krankes Kind, -- und
lief ins Nebenzimmer. Dort in der alten Truhe lag sie noch, -- meines
Vaters Pistole! Wenn ich ein Mann wre --! Meine Hand krampfte sich um
ihren Griff, mein Finger suchte den Hahn. Wenn mein Vater noch lebte!
Vor ihre Mndung wrde er den Ruber meiner Ehre fordern!

Mama! rief es von nebenan. Ich strich mit der Hand ber meine heie
Stirn und warf mit einem spttischen Achselzucken ber die romantische
Anwandlung, die ich eben gehabt hatte, die alte Pistole in die Truhe
zurck. Ich stehe ja nicht allein, dachte ich; mein Mann, der auf die
kleinste Krnkung, die mir angetan wird, mit hellem Zorn reagiert, hat
mich in diesem Augenblick schon verteidigt, und die anderen alle, die
getroffen wurden, genau wie ich, werden zu flammendem Protest einmtig
zusammenstehen.

Aber schon, da die Diskussion ohne Unterbrechung ihren Fortgang
genommen hatte, machte mich stutzig. Freilich, der eine der
Angegriffenen, der eben einen Wahlkreis erobert hatte wie wir,
verteidigte sich in aufflammender Emprung.

Auch dem Parteifhrer, der die Ehre eines Menschen beschmutzt, gebhrt
ein Pfui, rief er aus. Aber mitten in seiner Rede war er imstande
gewesen, mit sentimentaler Rhrung von der Verehrung zu erzhlen, die er
fr den Beleidiger empfunden hatte! Ich schmte mich, auch nur mir
selbst solch ein Gefhl zuzugeben. Und als Bebel nachher ein paar
vterliche Worte der Anerkennung fr ihn aussprach, bedankte er sich
dafr!

Der andere stimmte seine Rede auf denselben Ton und sprach von der ganz
besonderen Verehrung, die er fr den Veteranen der Partei stets
empfunden habe. Der Dritte endlich brauste zwar in jugendlichem Eifer
auf, hatte aber schon vorher reumtig abgebeten. Ich schttelte mich.
Wer sich so behandeln lie, war wert, da er so behandelt wurde. Mein
Mann, dachte ich triumphierend, wird anders zu sprechen wissen!

Jetzt endlich fand ich seinen Namen unter den Rednern. Unwillkrlich
suchte ich zuerst nach den Zwischenrufen, nach den wilderregten Szenen,
die sein Zorn hervorrufen mute; -- und da stand es ja schon:
strmische Unterbrechungen -- groe Unruhe -- Skandal. Aber das
bezog sich gar nicht auf eine Zurckweisung der Beleidigungen Bebels.
Meine Hnde, die das Blatt hielten, begannen zu zittern.

Wie?! Auch was er sagte, klang wie eine halbe Entschuldigung?!

Wir sind entschlossen, an der fraglichen Wochenschrift nicht mehr
mitzuarbeiten, da das Interesse der Partei es fordert ... Und dann:
Ich erwarte von Bebel, da er das schwere und bittere Unrecht, das er
begangen hat, einsieht und durch eine Erklrung gut zu machen sucht.
War das alles? Wirklich alles?! Ich ballte die Hnde und drckte die
Ngel ins Fleisch, ich prete die Zhne aufeinander, da sie knirschten.
Nur nicht weinen, nur jetzt nicht weinen, -- wiederholte ich immer
wieder. Die groe Uhr ber dem Schreibtisch tickte laut und vernehmlich,
-- meines Vaters Uhr, die ich vor fremden Hnden gerade noch gerettet
hatte.

Er hat dich nicht verteidigt, -- nicht verteidigt --, sagte sie
unaufhrlich; oder war es des Vaters Stimme? -- Nicht verteidigt --

Ich schrieb an den Vorsitzenden des Parteitags und forderte ihn auf,
Bebel zu einer Rcknahme seiner Beleidigung zu veranlassen. Mein Wunsch
wurde abgelehnt. Ich verlangte ein Schiedsgericht, das ber meine Ehre
entscheiden sollte. Wegen der Meinungsuerung eines Genossen ber den
anderen kann ein solches nicht angerufen werden, lautete die Antwort.
Jetzt also war ich vogelfrei; ausgestoen aus meiner alten Welt, als
Ehrlose gebrandmarkt in der neuen!

Ich wurde merkwrdig ruhig. Ich spielte lchelnd mit meinem Sohn, der
sich langsam erholte. Es gab Stunden, in denen ich dem Schicksal dankbar
war, das mich an diese Stelle zwang, das es mir deutlicher sagte, als
Worte es je vermocht htten: dein Kind allein ist deine Welt.

Fast mechanisch, interesselos, fing ich wieder an, die Berichte zu
lesen.

Inzwischen war die Abstimmung ber die Erklrung des Parteivorstandes
zur Frage der Mitarbeit von Genossen an brgerlichen Preunternehmungen
vor sich gegangen. Mit berwltigender Mehrheit war sie zur Annahme
gelangt. Ich lachte unwillkrlich laut auf. So orthodox war bisher nicht
einmal die Kirche gewesen! Sie war viel zu klug dazu; sie benutzte jede
Tribne, wenn es galt, auch nur eine Seele zu gewinnen.

Nicht darauf kommt es an, _wo_ Parteigenossen schreiben, sondern _was_
sie schreiben. Je mehr sie mit ihrer berzeugung und ihrer Person in die
Reihen der uns noch feindlich Gesinnten eindringen, desto besser ist es
fr unsere Sache, denn wir sind keine Sekte, die sich zu ihrem
Gottesdienst in ihrer Kapelle verschliet, sondern eine Bewegung, die
der ganzen Menschheit dienen und die Welt erobern will ...

Das wre eine unserer sozialistischen Grundstze wrdige Erklrung
gewesen. Niemand beantragte sie. Nur vierundzwanzig -- unter ihnen mein
Mann, Ghre, Vollmar -- hatten den Vorstandsbeschlu abgelehnt.

Und nun stand der zweite Streitpunkt: die Taktik der Partei, die
Vizeprsidenten-Frage, auf der Tagesordnung.

Bebel referierte. Nach allem Vorhergegangenen erwartete ich eine wtende
Philippika. Aber das, was er sagte, bertraf jede Erwartung. War das
derselbe Bebel, der in Hannover so klug und so einsichtig gewesen war?

Nie und zu keiner Zeit waren wir in der Partei uneiniger als jetzt --;
das erklrte er, nachdem wir eben einmtig den grten politischen Sieg
erfochten hatten! So geht's nicht weiter, -- jetzt mssen wir endlich
reinen Tisch machen, und: Wer nicht pariert, der fliegt hinaus! War
das noch die Sprache des Fhrers einer demokratischen Partei, oder nicht
vielmehr die eines Diktators? Er sprach von den Revisionisten als von
den Leuten, die mit der Bourgeoisie liebugeln, und verlangte, da man
sie ffentlich denunzieren msse, damit die Genossen sich vor ihnen
hten knnten. Er erklrte auf der einen Seite, um einen
Gewerkschaftsantrag zu Falle zu bringen, da es fr die Fraktion viel zu
schwierig sei, ganze Gesetzesvorlagen auszuarbeiten, und versicherte auf
der anderen, da, wenn die Partei heute zur Herrschaft im Staate kme,
sie schon morgen wissen wrde, was sie zu tun habe. Der heimliche Ha
gegen die Akademiker, durch den er die Masse des Proletariats
unzerreibar mit sich verband, ohne zu fhlen, da er dem ersten
Grundsatz des Sozialismus dadurch ins Gesicht schlug, durchglhte seine
Rede.

Seht Euch die Akademiker dreimal an, ehe Ihr ihnen Vertrauen schenkt!
Strmischer Beifall stand daneben. Und doch waren es Akademiker
gewesen, die dem Proletariat die Organisation, seiner Bewegung die
Grundlage und das Ziel gegeben hatten. Schlielich warnte er noch vor
dem anderen Teil der Revisionisten, den Proletariern in gehobenen
Lebensstellungen. Und niemand lachte ihm ins Gesicht, -- und niemand
wies mit Fingern auf die, die Beifall jauchzten: Gastwirte, Redakteure,
Parteibeamte, lauter ehemalige Proletarier in gehobenen
Lebensstellungen, -- und ihn selbst, der ein wohlhabender Mann geworden
war. Fielen denn heute lauter Schleier von meinen Augen, oder war ich
nur vorher blind gewesen?

Nach ihm sprach Vollmar. Er zeigte, wie die Partei seit Jahren
angesichts der praktischen Forderungen des Tages ein Vorurteil nach dem
anderen habe fallen lassen, wie zum eisernen Bestand ihrer Taktik
geworden sei, was kurz vorher als hochverrterische Forderung
gebrandmarkt worden war. Dann aber wandte er sich persnlich gegen
Bebel, -- der erste und der einzige, der es mit der Autoritt seines
Namens zu tun vermochte.

Ein ungezgeltes Temperament schadet nicht nur auf Frstenthronen,
sondern auch auf denen der Partei, rief er aus. ... In welchem Ton hat
Bebel sich an die ganze Partei gewandt? 'Ich werde nicht dulden ...',
'Ich werde den Kopf waschen ...', 'Ich werde Abrechnung halten'. Ich,
ich, ich -- so hat der Lordprotektor Cromwell zum langen Parlament
gesprochen ...

Ich atmete tief auf. Auch eine Verteidigung meiner Ehre war diese
Anklage gewesen. Nur eins verstand ich nicht: er betonte die innere
Einheit der Partei mit derselben Schrfe, wie Bebel sie geleugnet hatte.
Wie konnte er nur?! Wren all die Wutausbrche dieses Parteitages
mglich gewesen, wenn eine innere Einheit bestanden htte? Sie waren
doch nichts anderes als Symptome der Zerrissenheit. Aber die
Revisionisten schienen sich das Wort gegeben zu haben, Vollmars Ansicht
nicht nur zu teilen, sondern zu unterstreichen. Dieselben Mnner,
die stndig und, wie mir schien, mit Recht diese und jene
Programmforderungen der Sozialdemokratie kritisierten und einer
Umnderung fr bedrftig hielten, erklrten pltzlich, da prinzipielle
Gegenstze nicht vorhanden seien. War das Feigheit oder nur Schwche? --
Schwche, die in ihren Folgen viel gefhrlicher ist als sie? Und ich
befand mich pltzlich in bereinstimmung mit einem der schroffsten
Radikalen in der Partei: Das ist ja der Jammer des deutschen
Revisionismus, da er nie mit einem bestimmten Programm hervorkommt,
sagte Kautsky, nachdem er versucht hatte, den auch seiner Ansicht nach
vorhandenen Gegensatz als den zwischen der Zusammenbruchs- und der
Evolutionstheorie zu kennzeichnen; die einen erwarten die Befreiung von
der sozialen Revolution, die anderen von der allmhlichen Entwicklung.

Mein Mann schrieb mir noch einmal: Fr die Partei wird diese traurige
Tagung mit ihren zahllosen Hintergrnden von Gemeinheit, Klatsch und
Verhetzung schlielich noch zum guten Ende fhren. Der Resolution des
Parteivorstandes zur Frage der Taktik sind ihre schrfsten Spitzen, auf
denen wir gespiet werden sollten, genommen worden, und ihre einmtige
Annahme scheint danach gesichert, was den Frieden in der Partei wieder
herstellen wird.

Ich antwortete umgehend: Ich verstehe Dich und die anderen nicht.
Selbst wenn die Resolution ihrem Wortlaut nach annehmbar wre, so ist
sie es ihrem Sinn nach nicht, und Euer Ja bedeutet keinen Frieden,
sondern Unterwerfung. Ich bedaure, bei der Abstimmung nicht zugegen zu
sein. Ich wrde, -- und wenn ich die einzige bliebe, -- laut und
deutlich Nein sagen.

Als ich den Wortlaut der Resolution zu Gesicht bekam, wurde mir die
Haltung der Revisionisten vollends unverstndlich. Wie viele unter ihnen
hatten dem Eintritt des Sozialdemokraten Millerand in das franzsische
Ministerium zugestimmt, hatten eine allmhliche Eroberung der
Regierungsgewalt berall fr mglich, ja fr wahrscheinlich erklrt,
und jetzt beugten sie sich einer Resolution, in der es hie: Die
Sozialdemokratie kann einen Anteil an der Regierungsgewalt innerhalb der
brgerlichen Gesellschaft nicht erstreben. Wie viele verurteilten laut
und leise die lediglich negierende Haltung der Partei gegenber der
Kolonialpolitik, und jetzt verpflichteten sie sich selbst zum
energischen Kampf gegen sie. Aber da dreihundert ja sagten, traf mich
immer noch nicht so tief, als da Heinrich unter ihnen war.

       *       *       *       *       *

Mein Kind lag noch immer. Den Genesenden zu beschftigen, kostete fast
noch mehr Zeit als den Kranken zu pflegen. Herrisch verlangte der kleine
Tyrann immer wieder nach Mama, wenn Berta mich ablsen wollte. Aber
meine Gedanken waren doch wieder frei, und wenn er zur Ruhe gebracht
worden war, konnte ich, wenn auch mit mattem Blick und mden Hnden, in
den Trmmern meines Lebens suchen, was zu neuem Aufbau noch stark genug
war. Und ich fand eine unerschtterte Grundmauer: meine politische
berzeugung. Vor der Partei konnte ein Bebel mich diskreditieren, konnte
mir die Arbeit in ihren Reihen kraft seines Bannfluchs unmglich machen.
Aber erschpfte sich denn der Sozialismus in der Partei?

Mein Verstand war befriedigt, und doch blieb es so kalt, so leer in mir.
Ich sah mich suchend um, -- war die Wrme und die Farbe aus meinem Leben
gewichen? Ach, im Garten meiner Liebe waren alle Blumen geknickt! Hatte
der eine rohe Griff meines Gatten so viel vernichten knnen? Oder war es
nur ein letzter Herbststurm gewesen, der die schon lange heimlich
welken endgltig von den Stielen ri?

Eines Abends, ganz pltzlich, ffnete sich die Tre, und Heinrich stand
vor mir. Wie sah er aus! Aschfahl, die Augen tief in den Hhlen, dunkel
umschattet, die ganze Gestalt gebeugt.

Heinz! schrie ich auf und schlang die Arme um ihn.

Wenn du mich nur noch liebst -- du, flsterte er und bedeckte mein
Antlitz mit Kssen. Ich frchtete mich vor der Heimkehr, weil ich
dachte, ich knnte auch dich verloren haben, -- aber nun ist alles gut,
-- nun mgen sie mich steinigen. Ich fhle nichts, nichts als Seligkeit,
weil deine Liebe mich unverwundbar macht!

Mir strzten die Trnen aus den Augen, -- Trnen der Reue, des
Schmerzes. Er sollte nicht umsonst an meine Liebe geglaubt haben. War es
nicht Liebe, die wieder erwachte, da er so zerschlagen vor mir stand?

Ich erfuhr allmhlich, was geschehen war. Artikel, Erklrungen, Briefe
legte er mir vor, voll wtender Angriffe auf ihn, den Urheber des
Dresdener Parteitages, den geistigen Vater eines nie dagewesenen
Parteiskandals, voll niedriger persnlicher Verleumdungen. Selbst in
unserem Leben whlten fremde Hnde, und unter ihrem Griff wurde auch das
Reinste schmutzig.

Es war ein grauer Herbstabend mit tiefhngenden Wolken und langen
Schatten in den Zimmern. Ich kauerte in der Ecke des Sofas, unfhig,
mich zu rhren, wie zerprgelt. Heinrich ging auf und nieder, rastlos,
-- hie und da griff er mit der Hand nach seinem Kopf, als ob er sich
vergewissern msse, da er noch lebe.

Nach meiner ersten Rede schon sagte mir Victor Geier: 'Das ist
politischer Selbstmord'. Als ich dann Bebel antworten wollte, wie es
nach seinem Angriff allein richtig gewesen wre, -- so hatte mich
Heinrich doch verteidigen wollen! -- da haben sie mich alle bearbeitet,
haben im Namen des Parteiinteresses an mich appelliert, und ich war so
tricht, durch all die widerwrtigen Szenen so erschpft, da ich mich
wirklich unterwarf. Was ntzte es?! Nichts! Der Skandal nahm seinen
Fortgang. Und auf der Strecke bleibe schlielich ich allein!

Einige Tage spter kam Geier zu uns. Die erste Nummer der Neuen
Gesellschaft war eben in hunderttausend Exemplaren verbreitet worden.

Ich mu mit Ihnen reden, Genossin Brandt, sagte er nach einer raschen
Begrung. Sie haben sich, fern von Dresden, hoffentlich so viel khle
berlegung bewahrt, um eher Vernunft anzunehmen als Ihr Mann.

Und dann setzte er mir auseinander, was seiner Meinung nach geschehen
msse. Zunchst habe sich Heinrich dem Schiedsspruch eines
Parteigerichts zu unterwerfen.

Vielleicht einem so objektiven Richter wie Bebel --, warf ich bitter
ein.

Stehen Sie erst einmal am Ende der Laufbahn und mssen zusehen, wie
andere den ganzen Gewinn Ihrer Lebensarbeit in Frage ziehen! rief Geier
heftig, um sich gleich darauf wieder zur Ruhe zu zwingen. Ohne eine
Rge wegen seiner Dresdener Rede wird es natrlich nicht abgehen, fuhr
er fort, im brigen aber, dafr lege ich jetzt schon meine Hand ins
Feuer, werden sich alle Verleumdungen als solche erweisen, und Heinrich
wird nachher eine gesichertere Stellung haben als zuvor.

Du weit, da ich die Einsetzung eines Schiedsgerichts in meinem
Wahlkreis bereits selbst veranlat habe, unterbrach ihn mein Mann,
wozu also das Gerede?! Komm lieber gleich zur Sache!

Wie du willst, antwortete Geier ruhig und wandte sich wieder mir zu.
Er hat Sie, wie es scheint, von meiner anderen Forderung noch nicht
unterrichtet: das Erscheinen der Neuen Gesellschaft einzustellen.

Ich fuhr auf: In diesem Augenblick sollen wir unsere einzige Waffe von
uns werfen?!

Eine nette Waffe! hhnte Geier. Solange das Dresdener Spektakelstck
noch in aller Munde ist, werden vielleicht ein paar Dutzend Leute euer
Blatt kaufen. Aber ber kurz oder lang bleibt euch von der Waffe nichts
mehr als eine zerbrochene Klinge.

Wir haben schon ein kleines Vermgen in die Sache hineingesteckt --,
murmelte ich mit gepreter Stimme.

Kann mir's denken, meinte Geier und kruselte spttisch die Lippen;
vorsichtige Geschftsleute seid Ihr offenbar nicht. Aber so rettet
wenigstens, was zu retten ist!

Heinrichs Gesicht hatte sich mehr und mehr gertet. Jetzt blieb er dicht
vor Geier stehen.

Du benutzt unsere Notlage, um die Partei von einem revisionistischen
Blatt zu befreien, zischte er ihn an.

Mit einer heftigen Bewegung sprang Geier vom Stuhl und hieb mit der
Faust auf den Tisch: Ich komme nach Berlin gereist, um euch einen
Freundschaftsdienst zu erweisen, und du begegnest mir so --. Strze
dich denn meinetwegen kopfber in dein Verderben -- Und hinaus war er.

Wir gingen tagelang schweigsam nebeneinander her. Inzwischen fanden
berall Parteiversammlungen statt, die sich mit den Dresdener
Ereignissen und ihren Folgen beschftigten. In den Angriffen auf die
Revisionisten, ganz besonders auf meinen Mann, bertrafen sie noch den
Parteitag. Und stets wurde vor der Zeitschrift gewarnt, mit der wir uns
auf Kosten der Partei bereichern wollten. Es gab keinen Ausweg mehr,
als sie zunchst aufzugeben. Wir hatten die Mittel nicht, um sie gegen
die herrschende Stimmung in der Partei durchzusetzen.

Alle freiheitlichen Elemente hatten sich am 16. Juni um Ihre Fahnen
geschart, schrieb mir Romberg, weil sie, von den brgerlichen Parteien
im Stiche gelassen, bei der Sozialdemokratie den Schutz der
Geistesfreiheit, den Hort des Kulturfortschritts zu finden glaubten.
Dresden hat diesen Wahn zerstrt, hat gezeigt, da der Dogmatismus, die
Verfolgungssucht Andersdenkender, kurz die ganze Seelenverfassung der
Inquisitoren, nirgends in so krasser Form zu finden ist, als bei den
privilegierten Menschheitsbefreiern. Wir sind nun wieder vogelfrei. Und
Sie?!

       *       *       *       *       *

In der Nacht, nachdem unsere zweite und letzte Nummer erschienen war und
wir wieder schlaflos den huschenden Wolken drauen und der wachsenden
Mondsichel zusahen, sagte Heinrich zu mir: Was meinst du, wenn ich
ginge?

Zuerst verstand ich ihn nicht, -- dann aber packte ich mit aller Kraft
seine beiden Hnde und sah ihm mit stummem Entsetzen in das blasse
Gesicht.

Ich warnte dich schon einmal, -- vor Jahren, fuhr er leise und langsam
fort. Ich bringe Allen Unglck, -- dir, -- der Partei. Mir scheint, ich
habe hier nichts mehr zu tun.

Ich stammelte in heller Angst tausend Liebesworte, ich schmiegte mich an
ihn, als ob ihm aus meiner Lebenswrme Lebensmut zustrmen knnte. Aber
er blieb ernst und fest und wute immer neue Grnde nicht nur fr die
Berechtigung, sondern fr die Notwendigkeit seiner Absicht vorzubringen.

Nach alter Gewohnheit pochte morgens unser Bub an die Tre und sprang
herein, ohne unsere Aufforderung abzuwarten. Es war das erstemal nach
seiner Krankheit, da er so frh schon aufstehen durfte. Er kletterte
eilig auf Heinrichs Bett und sah ihn an, halb berrascht, halb
erschrocken. Mit jenem rtselvollen Scharfblick des Kindes schien er das
Fremde, Dunkle erkannt zu haben, das von der Seele seines Vaters Besitz
ergriffen hatte. Er legte ihm das Hndchen auf den Kopf; so hat Mama
auch gemacht, wie ich krank war, erzhlte er wichtig, und dann kte
und streichelte er den lieben, guten Papa, bis sich doch noch ein
Lcheln um dessen festgeschlossene Lippen stahl.

Hast du wirklich hier nichts mehr zu tun?! fragte ich leise, als der
Kleine wieder davongelaufen war. Soll dein Sohn einmal von dir glauben
mssen, da du dich feige davonstahlst?!

Er drckte mir die Hand, fest und lang. Ich wute: wenn die Gespenster
der Nacht auch nicht auf immer gebannt waren, so wrden sie doch keine
Macht mehr gewinnen ber ihn.

       *       *       *       *       *

Die Schiedsgerichts-Verhandlungen zogen sich wochenlang hin. Es war eine
seelische Folter fr meinen Mann, und wenn er nach Hause kam, gab ich
mir alle Mhe, ihn nicht merken zu lassen, wie ich selber litt.

Drauen entwickelte sich wieder in der alten Weise der politische Kampf:
Radikale und Revisionisten arbeiteten scheinbar einmtig zusammen. Es
galt diesmal den Landtagswahlen. Mich rief niemand zu Hilfe. Zu keiner
der zahllosen Versammlungen forderte man mich auf. Ich war die
Gezeichnete. Und nirgends schien eine Lcke entstanden, weil ich fehlte.
Ich war wie die Welle, die im Meere aufsteigt und zurcksinkt, ohne eine
Spur zu hinterlassen.

Zuweilen trafen wir mit unseren politischen Freunden zusammen, --
zufllig nur, denn die Revisionisten schienen sich nach Dresden noch
mehr aus dem Wege zu gehen, als vorher. Einmal kamen wir in eine
ernstere Unterhaltung, und ich verurteilte unumwunden ihre Annahme der
Dresdener Resolution.

Mir ist es sogar fraglich, sagte ich, ob ihre Ablehnung nicht von
einem gemeinsamen Austritt aus der Partei htte begleitet werden
mssen. Aber ich stie auf allgemeinen Widerspruch.

Damit htten die Radikalen erreicht, was sie wollten, rief der eine.

Wegen einiger Gegenstze in taktischen Fragen werden wir doch die
Partei nicht im Stiche lassen, sagte der andere.

Es wre nichts als Fahnenflucht, erklrte einer der Gewerkschafter.

Und wir wrden zurckbleiben, als Offiziere ohne Armee, meinte mein
Mann. Ich lie mich nicht berzeugen.

Sie haben trotz allem Bekenntnis zum historischen Materialismus aus der
Geschichte nicht allzu viel gelernt, entgegnete ich. Noch immer ist
die Entwicklung die gewesen, da eine groe Bewegung aus sich heraus
neue Bewegungen zeugt, deren Trger zunchst nichts sind als ein paar
Vorlufer, als Offiziere ohne Armee. Und was nun gar die Gegenstze
betrifft, so glauben Sie doch nicht ernsthaft an ihre Geringfgigkeit.

Nein, antwortete einer der anderen, aber ich glaube, und habe nach
unserer bisherigen Entwicklung ein Recht dazu, da unsere Ideen sich im
Proletariat von unten herauf durchsetzen. Wir schlieen
Lohntarif-Vertrge mit den Unternehmern, und niemand zeiht uns deshalb
eines Vertuschens der Klassengegenstze; wir arbeiten in den Gemeinden,
in den Landtagen, und keiner wagt uns deshalb wegen des Paktierens mit
der brgerlichen Gesellschaft anzuklagen. Unsere Genossenschaften fangen
an, wie unsere Gewerkschaften zu einer wirtschaftlichen Macht zu werden,
und kein Radikalinski hat uns noch vorgehalten, da das gegen die
Zusammenbruchstheorie verstt und wir damit bis zum groen
Kladderadatsch warten mten.

Ich schwieg. Der Mann der praktischen Arbeit mochte gegenber meinen
unklaren Theorien doch wohl recht haben.

       *       *       *       *       *

Kurz vor Weihnachten legte das Schiedsgericht von Frankfurt-Lebus dem
Parteitag des Kreises die Resultate seiner Untersuchungen vor, und die
Genossen erteilten ihren Abgeordneten daraufhin einstimmig das
Vertrauensvotum.

Und du freust dich gar nicht?! sagte mein Mann, als er nachts aus
Platkow zurckkam, wo die Versammlung stattgefunden hatte.

Gewi freue ich mich, -- aber im Grunde ist doch das alles
selbstverstndlich und macht das Geschehene nicht ungeschehen,
antwortete ich und dachte an die Zeitschrift, mit der wir unsere
Aufgabe, wie mir schien, geopfert hatten, an die ungeshnte Krnkung,
die noch immer wie eine schwrende Wunde an mir fra, an das
verstmmelte, beschmutzte Bild der Partei, das einst in so leuchtenden
reinen Farben vor mir gestanden hatte, an die groe Flamme meiner
Liebesleidenschaft, die ber dem Aschenhaufen nur noch leise glimmte.

Aus meines Mannes Wahlkreis wurde ich wieder zu Vortrgen aufgefordert.
Seltsam genug: es gab noch Genossen, die mir vertrauten, obwohl der
erste unter ihnen mich fr ehrlos erklrt hatte! In diesen Kreisen
schien das Verstndnis fr eine Empfindung zu fehlen, die eine
Reminiszenz an meine aristokratische Herkunft sein mochte, und offenbar
zu jenen Eierschalen der Vergangenheit gehrte, ber die in der Partei
so oft gespottet wurde. Aber wenn auch die anderen alle darber
hinwegsehen konnten, ich konnte es nicht. Ich lehnte ab. Meine
Zurckhaltung wurde falsch gedeutet. Meine Bemerkung ber den Austritt
aus der Partei mochte irgendwie durchgeackert sein. Ich sah, da ich die
Stellung meines Mannes, die trotz des Vertrauensvotums eine schwierige
geblieben war, noch mehr erschwerte. Und ich hatte mir vorgenommen, ihm
nach wie vor ein treuer Kamerad zu bleiben.

Sie knnen wieder ber mich verfgen, schrieb ich nach Frankfurt und
strzte mich in die Arbeit, von der ich hoffte, da sie sich als
Morphium fr die Schmerzen meiner Seele erweisen wrde. Und so lange ich
am Schreibtisch ber den Zeitungen und Broschren sa, hielt sie, was
ich von ihr erwartet hatte.

       *       *       *       *       *

Die Ereignisse schienen mit besonderem Eifer dafr zu sorgen, da wir
nicht im Bruderzwist aufgehen konnten. Der Riesenstreik der
Textilarbeiter von Crimmitschau, die nun schon seit Wochen mit einer
Ausdauer ohnegleichen um den Zehnstundentag kmpften und dem lockenden
Gold der Unternehmer ebenso standhielten wie den Verfolgungen der
Polizei, lie uns fhlen, da wir gegen den Feind so einig waren wie
immer. Und die russische Revolution, die wie ein vom Sturm gepeitschter
Brand von einem Ende des Riesenreichs zum anderen bersprang, entzndete
in uns allen eine Hoffnung, als ginge der Stern der Menschheitserlsung
nun wirklich im Osten auf. Da Preuen-Deutschland sich zum
Schleppentrger des Zarismus erniedrigte, da russische Polizisten im
Verein mit den unseren die russischen Gste der Hauptstadt verfolgen
konnten, da ein Minister die Reichstagstribne benutzte, um die
russischen Studenten der Berliner Universitt samt und sonders als
Anarchisten zu verdchtigen und ihre weiblichen Kollegen der
Unsittlichkeit zu zeihen, da der Reichskanzler von ihnen als von
Schnorrern und Verschwrern sprach, -- das lste einen Schrei der
Entrstung aus. Die Partei stand wieder auf dem Posten als die einzige,
die leidenschaftlichen Protest erhob. Und wenn die politischen
Ereignisse nicht auszureichen schienen, um das Bewutsein ihrer
Zusammengehrigkeit in den Genossen aufs neue zu festigen, so sorgten
unsere Gegner dafr. Sie schufen den Reichsverband zur Bekmpfung der
Sozialdemokratie, aber die Kette, die sie schmiedeten, um uns damit zu
fesseln, verband uns nur.

Ich sah das alles. Ich schpfte Hoffnung daraus nicht nur fr den Kampf
nach auen, sondern auch fr die innere Entwicklung, die um so krftiger
zu sein pflegt, je unbeachteter sie ist.

Aber als ich zum erstenmal wieder in Frankfurt auf die Rednertribne
trat und all die vielen Augen sich auf mich richteten, da versagte meine
Kraft. Das Blut brannte mir in den Wangen; -- sahen die Menschen mir
den Schlag nicht an, den ich empfangen hatte?! Und ich fhlte
feindselige Blicke, spttisches Lcheln, ich sprach wie gegen ein Tor
von Erz. Meine Zuhrer blieben kalt.

Was fehlte dir nur? fragte Heinrich mich kopfschttelnd. Ich gab eine
ausweichende Antwort.

Noch ein paarmal machte ich hnliche Versuche. Von nervser Aufregung
geschttelt, die mir sonst fremd gewesen war, trat ich schon vor die
Versammlung. Und dann sprach ich, da ich mich selbst nicht wieder
erkannte.

       *       *       *       *       *

La mich eine Zeitlang irgendwo zur Ruhe kommen, bat ich eines Tages,
mit den Trnen kmpfend, meinen Mann, der in mich drang, ihm die Ursache
meiner tiefen Verstimmung anzuvertrauen. Das alles war ein wenig viel
fr mich ...

Er stimmte mir ohne Besinnen zu. Wenn es nichts weiter ist, als da du
Ruhe brauchst! sagte er aufatmend und entwarf mir die schnsten
Reiseplne. Ich wrde dir den Weg auf den Mond bahnen wollen, wenn ich
sicher wre, da meine Alix wieder gesund und froh wrde. Und in alter
Zrtlichkeit zog er mich an sich.

Doch ich wollte weder auf den Mond, noch nach Italien, noch an die See.

Ich mchte nach Grainau --, bat ich zaghaft, denn ich wute, es regte
sich immer eine leise Eifersucht in ihm, wenn die Sehnsucht mich dorthin
trieb, wo so viele Erinnerungen geweckt wurden. Ilse wei von Tante
Klotilde, da sie diesen Sommer in Augsburg bleibt, -- die Bahn ist also
frei, und ein Zimmer find' ich schon irgendwo fr mich und den Kleinen.

Der Bub soll mit? fragte er mibilligend. Dann hast du ja keine
Stunde Ruhe!

-- Ich htte keine, wenn er nicht bei mir wre, antwortete ich.

Eine Woche spter fuhren wir den Bergen entgegen. Ich bi mir die Lippen
wund, um die Trnen zu unterdrcken, als ich im blauen Dunst der Ferne
die ersten weien Spitzen aufsteigen sah. Wie hatte ich so lange leben
knnen ohne sie!

Es war frh im Jahr. In Garmisch fingen sie gerade an, die Betten zu
lften und die Fenster weit aufzureien. Vier Wochen noch, dann kamen
erst die Fremden. Jetzt war's so still! Kein Radler, kein Wanderer
begegnete uns auf dem Wege nach Grainau. Die Wiesen standen voll bunter
Frhlingsblumen, voll goldgrner Spitzen die Bume, und aus dem Walde
kam der erste se Maiblumenduft.

Im Dorf, hinter dem Kirchlein, wo der Weg empor zum Eibsee fhrt, stand
ein neues blitzblankes Haus mit einer groen himmelblauen Madonna in der
Mauernische. Der Hof vom Brenbauern sah daneben ganz alt und
griesgrmig aus.

B-cke-rei, buchstabierte mein Junge, der auf seine Leseknste sehr
stolz war; hurra! -- da gibt's immerzu weie Brtchen, rief er und
machte einen Luftsprung -- Semmeln waren sein Leibgericht, -- dahin
ziehen wir!

Und schon lief er am Gartenzaun entlang, mit dem groen schwarzen Hund
dahinter um die Wette. In der Tr erschien der Meister, dicht hinter
seinem breiten Rcken lugte neugierig der kleine Lehrling hervor, beide
mehlbestaubt, und an ihnen vorbei trat grend, den gewichtigen
Schlsselbund ber der weien Schrze, die blonde Hausfrau. Eben erst
hatten sie das Haus gebaut, erzhlte sie lebhaft, als wir die
blankgescheuerte Treppe hinaufstiegen, und schon htten sie die
Kundschaft der ganzen Gegend. An der feinen Wohnung im ersten Stock
gingen wir vorber, trotz der neuen stdtischen Mbel, die sie uns
anpries.

Hier droben in den Stuben steht halt nur der alte Bauernkram, meinte
sie entschuldigend und stie die Tre auf. Ein blauer Schrank mit roten
Herzen darauf, eine alte Pendeluhr mit blumenbestreutem Zifferblatt und
einem kreuztragenden Christus darber, eine breite gewichtige Truhe voll
bunter Heiligenbilder lachten uns an, wie die Wiesen drauen, so
farbenfroh. Einem Vogelnest hnlich hing ein kleiner Balkon vor der
Glastr, und durch die Fenster guckte der Waxenstein mit seinem faltigen
Felsengesicht.

Da bleiben wir, sagte ich, und mein Junge lief durchs Haus in den
Garten, und den Hgel hinauf zum Wald und wieder hinunter auf die Wiese,
als msse er von allem ringsum Besitz ergreifen.

Wie gut es war, wieder schlafen zu knnen und die mden Augen in lauter
Grn und Blau gesund zu baden! Von den Bauern im Dorf erkannte mich
keiner. Nur der Sepp, mein alter Spielkamerad, rckte mit einem
flchtigen Aufblitzen des Erkennens in den Augen an seinem verblichenen
grnen Hut. Morgens, whrend mein Junge sich unten am See aus Moos und
Steinen einen kunstvollen Hafen baute, sa ich auf der alten Bank, dem
Rosenhaus gegenber, das sich mit seinen geschlossenen Lden und
blumenlosen Altanen still und verzaubert im grnen Wasser spiegelte.
Alle Rosenbsche vor der Terrasse waren fort.

Letzten Herbst hat die alte Frau Baronin sie ausgraben lassen,
erzhlte meine Hausfrau. Sie wird wohl nimmer wiederkommen, fgte sie
hinzu.

Warum nicht?! fragte ich erstaunt.

Schon wie sie wegfuhr, war sie nicht zum Erkennen. Auch so arg brummig
und bs. Der alte Doktor von Garmisch meint, sie macht's nimmer lang.

Ich erschrak. Von ihrer Krankheit wute ich, aber nicht, da es so
schlimm um sie stand.

Das Frulein von Kleve ist allweil um sie, Tag und Nacht, berichtete
die kleine blonde Frau weiter, die froh war, wenn sie schwatzen konnte,
aber die Theres', die alte Kchin, hat mir kurz vor der Abreis' noch
erzhlt, da die Frau Baronin Herzweh hat nach einer anderen, -- dabei
traf mich ein neugierig-forschender Blick -- einer, die sich grad so
schreibt, wie Sie --

Ich antwortete nicht ... Mit meiner Ruhe war es wieder vorbei. Alles
wurde lebendig, was unter diesen Buchen, an diesem See, angesichts
dieser Berge an Ha und Liebe, an Sehnsucht und Verzweiflung, an
Trennungsweh und Zukunftshoffnung geweint und gejauchzt, geseufzt und
gelchelt hatte. Ich war nie mehr allein, und es war nie mehr still um
mich. Wo ich ging und stand, -- meine ganze Vergangenheit umringte mich,
und wenn ich schlafen wollte, flsterte es mir ins Ohr: anklagend,
hhnend, drohend.

Eines Vormittags, -- ich sa wieder am alten Platz, mit dem Buch im
Scho und sah zu dem toten Haus hinber, -- kam der Bub vom Brenbauern
mir nachgelaufen:

A Depeschen wr da fr Sie -- Ich ri sie ihm aus der Hand, sie
besttigte nur, was ich erwartet hatte: Baronin Artern heute morgen
verschieden. Ihr sofortiges Kommen erwnscht.

Wir reisten noch am selben Tage nach Augsburg. Mich erfllte nur ein
Gefhl: da ich ihr viel zu verdanken hatte und sie im Kummer um mich
gestorben war.

In voller Sommerpracht blhte der Garten um das schne Haus. Weinend
empfing mich die Theres'.

Warum sind's blo nit a Wochen frher gekommen --, sagte sie immer
wieder. Ich vertraute meinen Sohn ihrem Schutz. Du herzig's Buberl,
schluchzte sie, wenn die Frau Baronin nur dich gekannt htt'! Ich fing
an zu begreifen, und jetzt erst fiel mir ein, da der Tod dieser Frau
meines Sohnes ganze Zukunft sichern sollte.

Einen Augenblick lang frstelte mich. Aber nein: wie konnt' ich nur
zweifeln, -- auch die alte Theres' sah in ihrer Liebe zu mir nur
Gespenster. Meinem Vater hatte die Tote ihr Wort verpfndet. Ich wandte
mich zur Treppe.

Gn' Frau wollen doch nicht --, rief die Theres' und griff nach meinem
Arm.

Selbstverstndlich, antwortete ich und nahm den Strau frischer
Maiglckchen vom Grainauer Wald aus ihrer Hlle.

Sie sind alle oben, -- die Herren Leutnants und das Frulein,
flsterte sie ngstlich.

Ich warf den Kopf zurck und richtete mich gerade auf. Hier bin ich zu
Hause gewesen, nicht sie, sagte ich laut und schritt die Stufen empor.
Hinter der Tre des Ezimmers hrte ich Stimmengewirr.

Sie wird nicht kommen --, sagte einer. Ich trat ein. Wie vor einer
Geistererscheinung sprangen sie von den Sthlen, meine Vettern und
Basen, die sich hier huslich niedergelassen hatten. Ich ging ohne Gru
an ihnen vorber, durch die Flucht der Zimmer mit ihren kostbaren
Teppichen und seidenen Mbeln, die mir alle so lebendig schienen, so
vollgesogen von Vergangenheit. Im Musiksaal, vor der letzten Tre
zgerte ich. Mir klang in den Ohren, was die Tote vor Jahrzehnten aus
diesem Flgel hervorgezaubert hatte. Ich war ein Kind gewesen damals;
die Tne waren an mir vorbeigerauscht; jetzt erst verstand ich sie:
wieviel Leidenschaft, wieviel ungestillte Sehnsucht hatte das Herz der
Frau bewegt, die nun auf immer verstummt war.

Sie lag aufgebahrt, vom betubenden Duft unzhliger Blumen umgeben, auf
ihrem Lager. Ich stand wie erstarrt. Ich konnte nicht in die Kniee
sinken und nicht den Blick losreien von ihr: das war sie doch gar
nicht, -- das war eine Fremde! Nie hatte ich um ihren Mund diesen
grausamen Zug gesehen und auf ihrer Stirn diese vielen finsteren Falten.
Die ich gekannt hatte, die mich liebte, war eine andere gewesen. Ich
hielt den Strau Maiglckchen noch in der Hand, als ich das Haus
verlie.

Wir geleiteten sie zu Grabe. All jene alten augsburger Familien mit den
berhmten Namen und unberhmten Nachkommen folgten ihrem Sarge. Aber vor
der dunkeln Pforte des Erbbegrbnisses der Artern weinten von allen, die
es umgaben, nur zwei: die alte Theres' und ich. Und von denen, die mir
einst nahe gestanden hatten, grte mich nur einer: mein alter Lehrer,
der Pfarrer.

Er besuchte mich am Nachmittag im Hotel, und erzhlte mir von seinem
letzten Zusammensein mit der Verstorbenen. Vor kaum zwei Monaten war es
gewesen; sie hatte ihn zu sich bitten lassen, um von mir zu sprechen.

Sie hat Ihretwegen mehr gelitten, als sie sich merken lie, sagte er.

Meinen Sie?! fragte ich zweifelnd und dachte an das fremde Gesicht,
das ich auf dem Totenbett gesehen hatte.

Ich bin dessen sicher, antwortete er; sie wird es Ihnen auch noch
beweisen, fgte er bedeutungsvoll hinzu.

Dann kam ihr Bankier, um mir ber den Zeitpunkt der Testamentserffnung
Mitteilung zu machen. Frau Baronin hat mich ausdrcklich beauftragt,
Sie, als ihre Haupterbin, um Ihre Anwesenheit zu ersuchen, erklrte er.

Etwas wie Freude begann heimlich von meinem Herzen Besitz zu ergreifen,
und Dankbarkeit lschte alle Erinnerung an die grausamen Zge der Toten
aus. Sie hatte mir, da sie lebte, oft bitter weh getan, und nun nahm sie
die schwere Sorgenlast des Lebens auf einmal von mir!

Es krnkte mich, da die Theres' mich so mitleidig ansah.

Ich wei, was ich wei --, sagte sie, die da oben -- und sie ballte
die Faust nach dem Zimmer, wo die Kleves mit dem Testamentsvollstrecker
verhandelten, -- waren immer bei ihr, -- ich hab' oft genug gehrt,
wie sie von Alix Brandt erzhlten --.

Acht Tage spter versammelten sich die Erben zur Testamentserffnung im
Gerichtsgebude. Ein nchterner Raum mit kahlen Wnden. Kastanienbume
vor den Fenstern, durch die kein Sonnenstrahl drang. An den Pulten der
graukpfige Richter, der krumme Schreiber. Auf den steifen Sthlen wir
alle in schwarzen Kleidern. Zwei Schriftstcke aus verschiedenen Zeiten
wurden verlesen. Das erste entsprach der Mitteilung ihres Bankiers. Das
zweite, -- sie hatte es sechs Wochen vor ihrem Tode auf dem Krankenbett
geschrieben, -- enthielt nur ein paar Zeilen: Hiermit enterbe ich meine
Nichte, Frau Alix Brandt, geborene von Kleve, weil sie in Wort und
Schrift der Umsturzpartei dient.

Es wurde ganz still im Zimmer. Die Kpfe all derer, die neben mir saen,
senkten sich; mich aber berkam ein Gefhl des Triumphes. Mit fester
Hand setzte ich als Erste meinen Namen unter das Protokoll und verlie
das Zimmer, an den anderen vorbeigehend, die scheu zur Seite wichen,
erhobenen Hauptes.

Jetzt war meiner berzeugung auch das letzte zum Opfer gefallen. Die
Schmach von Dresden war ausgewischt. Das Schicksal selbst zwang mich auf
meine eigenen Fe. Nun war ich stark genug, allein zu gehen.




Fnfzehntes Kapitel


Drauen auf dem Asphalt brannte die Sommersonne. Ein Geruch von Pech und
Staub erfllte die gewitterschwere Luft. In dem dunkelsten Winkel einer
jener den Straen Berlins, die keine anderen Farben haben als die
grellbunten der Firmenschilder, die kein neugierig flanierendes Publikum
kennen, weil ihnen die Anziehungskraft glnzender Schaufenster fehlt,
hatte der Sommer sein ganzes Fllhorn ausgeschttet: Ein enger Hof war
zum Blumenteppich geworden, eine graue Eingangshalle zum Laubengang. Und
ffnete sich die Doppeltr des hohen Gebudes dahinter, so schlug
Sommerblumenduft dem Eintretenden entgegen. War er von der nchternen
Strae in einen Palast geraten? Zwischen blhenden Bschen standen weie
Bnke, auf den Tischchen davor rote Rosen in Glsern von geschliffenem
Kristall. Eine Flucht frstlicher Rume schlo sich daran, mit weichen
Teppichen auf dem Estrich und Gobelins an den Wnden und tiefen Sesseln
vor den Kaminen. Frauenbildnisse hingen in den langen Galerien daneben;
ein Rascheln und Knistern von Frauenkleidern, ein Wispern und Flstern
von Frauenlippen war darin. In den groen Slen saen dicht gedrngt von
frh bis spt lauter Frauen und lauschten mit sehnschtigen Augen und
heien Wangen den Rednerinnen, die ihnen vom Kampf und Sieg, vom
Wnschen und Hoffen ihres Geschlechts erzhlten.

Das Weltparlament der Frauen tagte hier. Whrend acht Tagen wurde in
vier Sektionen zugleich verhandelt. Kunst und Wissenschaft, Erziehung
und Unterricht, Recht und Sitte -- nicht ein Gebiet, das das Leben des
Weibes berhrt, blieb unerrtert. Die Groen sprachen und die Kleinen,
die Vorsichtigen und die Draufgnger, die Weiten und die Engen. Es war
eine Revue der Frauenbestrebungen, ein neutraler Boden fr alle
Richtungen, eine freie Bahn, um einander kennen zu lernen. Nur die
Sozialdemokratie Deutschlands hatte sich selbst ausgeschlossen, obwohl
die Leitung des Kongresses ihr alle Referate ber die Arbeiterinnenfrage
hatte berlassen wollen und ihr damit die Gelegenheit geboten worden
wre, das Elend der Massen zu schildern, das sonst in diese Sle keinen
Eingang fand, und die Lehren des Sozialismus zu verknden, die die
Hunderte und Tausende, die hierher kamen, nur in den Zerrbildern seiner
Gegner gesehen hatten.

Vor acht Jahren hatte ich mich diesem Beschlu gefgt: die christliche
Idee der notwendigen Einheit von Glaubensdienst und Selbstaufopferung,
die ich durch ein Leben der Selbstbehauptung glaubte berwunden zu
haben, hatte in dem Augenblick wieder von mir Besitz ergriffen, wo ich
mich der Sozialdemokratie anschlo. Die Sache war die mystische Macht
gewesen, die ber mir gestanden hatte. Sie war bei mir, wie bei
Hunderttausenden meiner Genossen, -- als wolle Gott, der von uns
verlassene, sich an uns rchen, -- an seine Stelle getreten. Nun aber
war der Bann gebrochen. Da ich den zur Hochburg der Frauen verwandelten
Musikpalast Berlins betrat, war ein erstes Zeichen innerer Befreiung.

Ich sprach berall, wo die Interessen der Arbeiterinnen zur Debatte
standen. Und allmhlich strmten die Frauen mir nach, wenn ich von einem
Saal zum anderen ging, und manche Diskussion, manche persnliche
Unterhaltung bewies mir besser als Beifallssalven, die oft nur der
Freude an der Sensation gelten mochten, da der Samen des Sozialismus
auf guten Boden gefallen war. Gewi, solche Wirkungen lassen sich nicht
messen, sie kommen nicht in den Zahlen der Partei- oder
Gewerkschaftsmitglieder zu sichtbarem Ausdruck, aber auch sie rufen in
Haus und Schule, in Gesellschaft und Staat jene Krfte hervor, die von
innen heraus an der allmhlichen Umwandlung der Geistesrichtung der
Menschen ttig sind. Whrend ich hin und herging und diese und jene
hrte, sah ich wie gro die Wandlung schon war, die die Frauenbewegung
im Laufe des letzten Jahrzehnts durchgemacht hatte.

Damals hatten sie sich vor mir gefrchtet, als ich in ihrem Kreise der
Sozialdemokratie Erwhnung tat, heute stimmten die meisten von ihnen in
ihren wesentlichen Gegenwartsforderungen mit denen der Partei berein.
Damals war es innerhalb der brgerlichen Frauenbewegung eine vereinzelte
Tat gewesen, als ich das Frauenstimmrecht in ffentlicher Versammlung
forderte, heute wurde in den Mauern Berlins der Bund fr
Frauenstimmrecht gegrndet So ging es doch vorwrts, auch da, wo meine
Parteigenossen nichts als Stillstand sahen, nichts anderes bemerken
wollten, weil sie meinten, den dunkeln Hintergrund einer einheitlichen
Reaktion ntig zu haben, um sich selbst in um so hellerem Licht zu
sehen, statt auch aus leisen Tnen den Siegesmarsch des Sozialismus
herauszuhren. Mein Mann hatte ein wenig spttisch den Mund verzogen, --
zu einem wirklichen Lcheln kam es bei ihm kaum mehr, -- als ich an dem
Kongre teilnahm.

Du bist ein Trotzkopf, hatte er gesagt; du bersiehst in dem Eifer,
mit dem du dich dem Beschlu der Genossinnen entgegenstemmst, die
Folgen, die solch eine Handlungsweise fr dich haben kann. Man wird dich
vollends boykottieren.

Ich zuckte die Achseln.

Solltest du wirklich schon so weit ber den Dingen stehen?! fragte er
zweifelnd. Ich wandte mich ab. Er sollte nicht sehen, da ich schwcher
war, als ich mich zeigte.

Als ich sichtlich erfrischt aus den Verhandlungen nach Hause kam, meinte
er unmutig: Vor acht Jahren gefielst du mir besser als jetzt, wo du
dich freust, weil dieselben Leute dir Beifall klatschen, die damals
sittlich entrstet waren --

Ich unterbrach ihn heftig: Wie kannst du mich so miverstehen! --
Gewi, ich bin nicht von Stein, ich freue mich, wenn ich hre, wie die
Ideen meiner 'Frauenfrage' Verbreitung gefunden haben, ich
freue mich, da die Mutterschaftsversicherung, da selbst die
Haushaltungs-Genossenschaft aus dem Stadium des Bewitzelns in das
ernster Errterung getreten ist, und ich leugne auch gar nicht, da
Anerkennung mir wohl tut, als trpfle mir jemand ein schmerzstillendes
Mittel in eine unheilbare Wunde, -- aber das Alles ist doch nicht die
Ursache meiner Befriedigung. Mein Glaube an die Entwicklung im Sinne des
Sozialismus ist das einzig Feste, was mir noch nach all dem
Zusammenbruch geblieben ist. Wenn ich nur das Geringste entdecke, was
ihn zu sttzen, zu krftigen vermag, so macht mich das strker.

Du bist doch noch sehr jung und sehr bescheiden! warf Heinrich ein.
Ich unterdrckte einen Seufzer. Seine morose Stimmung war imstande, jede
Spur erwachter Freudigkeit wieder zu zerstren, wie der Flu, wenn er im
Frhjahr aus seinen Ufern tritt, mit der weiter Wasserflche die
blhenden Wiesen bedeckt. Ich fhlte, wie auch meine Arbeitskraft
darunter litt, wie Gedanke und Gefhl erstarrten, sobald sie in die
eisige Atmosphre seiner Deprimiertheit gerieten.

Leise, unmerklich zunchst und doch von Tag zu Tag mehr, lste ich mich
von ihm. Das Problem der Ehe wuchs, eine ppige Schlingpflanze, und
drohte zu berwuchern, was noch an Liebe zu blhen verlangte.

       *       *       *       *       *

Fr die Frauenbewegung war der Kongre neuer Wind in die Segel gewesen.
Alle Fragen, die sie umfate, standen wieder im Mittelpunkt der
ffentlichen Diskussion. Das Fr und Wider wurde leidenschaftlich
errtert, und in der konservativen kirchlichen Presse erhoben sich
lauter als frher die Stimmen derer, die mit dem Feldgeschrei: Erhaltung
der Ehe und der Familie! den Emanzipationsbewegungen des weiblichen
Geschlechts gegenbertraten. In einer Versammlung, die von einem der
brgerlichen Frauenvereine einberufen worden war, sollte diesen
Angriffen begegnet werden. Ich ging hin. Mehr aus Neugierde, und weil es
mich belustigte, da lauter ehelose alte Mdchen sich fr berufen
hielten, ber diese Probleme zu urteilen, als in der Absicht selbst zu
sprechen.

Die Referentin verteidigte zuerst die Frauenbewegung als die Begrnderin
eines neuen, schneren, festeren Ehe- und Familienlebens:

Gerade der Bund zwischen zwei gleichen, geistig und sittlich gereiften
Menschen ist der glcklichste, dauerndste, sagte sie. Der Mann wird in
der Frau nicht mehr nur die Geliebte, die Mutter seiner Kinder sehen,
sondern eine Kameradin, die seine Interessen teilt und frdert. Das
Familienleben wird sich dadurch erneuern, denn der Mann braucht nicht
mehr auerhalb seines Hauses geistiger Anregung, geistigem Austausch
nachzugehen...

Mich reizte der salbungsvolle Ton, mit dem sie sprach, und die Art, wie
sie die Wogen der Frauenbewegung durch das l unbeweisbarer
Prophezeiungen zu besnftigen suchte. Ich meldete mich zum Wort.

All Ihre schnen Argumente, rief ich aus, beruhen auf einem
Trugschlu: der Instinkt der Sinne ist doch nicht identisch mit dem
geistigen Verstndnis! Nichts gibt die Gewhr dafr, da zwei geistig
reiche Individualitten, die einander in heier Liebe begehren, nun auch
mit all den feinen Regungen ihres Seelen- und Geisteslebens
zusammenstimmen, Regungen, die um so differenzierter sind, je hher
entwickelt der Einzelne ist. Und wer vermag zu sagen, ob nicht trotz
geistiger bereinstimmung die Liebe erkaltet oder sich auf einen anderen
Gegenstand richtet? Denn auch die Liebesgefhle und das Liebesbegehren
ist vielgestaltiger, differenzierter geworden und nicht mehr so leicht
und so unbedingt zu befriedigen ... Nein, meine Damen, lassen Sie sich
nicht einlullen durch falsche Prophezeiungen, sammeln Sie vielmehr Ihre
Krfte durch die klare Erkenntnis neuer Probleme. Mit dem durch die
Angst um die Gefhrdung alten geliebten Besitztums geschrften Sprsinn
des Feindes haben die Gegner bald empfunden, was ihnen droht: Je mehr
sich das Weib zur selbstndigen Persnlichkeit entwickelt, mit eigenen
Ansichten, Urteilen und Lebenszielen, desto mehr ist die alte Form der
Ehe bedroht. Ihr Glck beruhte nicht auf Gleichheit, sondern auf
Unterordnung, nicht auf Arbeitsgemeinschaft, sondern auf Arbeitsteilung.
Fr den Mann war die Ehe von einst, an der Seite einer von den Kmpfen
der Zeit unberhrten, nur der Sorge des Hauses lebenden Gattin, der
Hafen der Ruhe. Heute findet er daheim neben der ihm geistig
ebenbrtigen Frau dieselbe Nervositt, dasselbe geistig angespannte
Leben wie drauen. Fr die Frau war er das einzige Symbol alles ueren
Lebens, allein von ihm empfing sie glubig die Botschaften der Welt, die
Ansichten und Urteile ber sie. Jetzt kennt sie das Leben aus eigener
Anschauung, sie denkt selbstndig, sie bersteht ihn vielfach; sie
findet in ihm so wenig den Schpfer ihres inneren Lebens, als er in ihr
die Quelle der Ruhe und des Behagens findet. Was frher einte: das
Zusammenleben, kann heute schrfer trennen, als jede uere Trennung es
vermag ... Es kommt aber auch gar nicht darauf an, da wir mit heiem
Bemhen die Ehe retten; mag sie an der Entwicklung zerschellen, wie
manche andere Lebensform, wenn nur der Kern erhalten bleibt: die Liebe.

Man hatte mir mit steigender Erregung zugehrt. Ich sah, wie eine Frau
nach der anderen sich mit hochrotem Gesicht zum Worte meldete. Sie
berfielen mich frmlich. Als eine Vertreterin der freien Liebe, eine
mit deren Ideen ihre Begebungen nicht das mindeste zu tun htten,
griffen sie mich an.

Ihre Verteidigung ntzt Ihnen nichts, antwortete ich nochmals. Die
ersten Trger einer Entwicklung sind nur in seltenen Fllen zugleich die
Propheten ihrer letzten Konsequenzen gewesen. Als Luther seine 93 Thesen
an die Schlokirche zu Wittenberg schlug, glaubte er, die Zyklopenmauer
der katholischen Kirche, die hier und da abzubrckeln begann, fester
aufzubauen. Als Montesquieu seinen 'Esprit des lois' und Rousseau seinen
'Emile' schrieb, glaubten sie einige dunkle Gebiete des Staats und der
Gesellschaft aufzuhellen. Keiner von ihnen wute, da sie die
Brandfackel in das ganze Gebude warfen. Auch Sie propagieren Reformen
und werden zu Trgern der Revolution...

Als ich geendet hatte, kmpfte lautes Zischen mit vereinzeltem Beifall;
als ich aber den Saal verlie, leuchteten mir aus jungen Gesichtern
dankerfllte Blicke entgegen; es war nicht nur mein eigenes Erleben
gewesen, das ich in Worte gefat hatte.

An der Tre traf ich meinen Mann, der mir, ohne da ich es wute,
gefolgt war. Ich errtete unwillkrlich.

War das ein Bekenntnis? fragte er. Ich nickte. Wollen wir nicht auch
unsere Liebe retten? fuhr er leise fort und zog meinen Arm durch den
seinen. Mir wurde warm ums Herz: wie gut er war! Ein tiefes
Schuldbewutsein bemchtigte sich meiner: Waren es nicht im Grunde
lcherliche Kleinigkeiten, die uns voneinander entfernten, war es nicht
frevelhaft, aus selbstischen Motiven den groen Schatz der Liebe aufs
Spiel zu setzen? Ein bser Zauber hatte ihn in die Tiefe versenkt, war
er es nicht wert, da ich ihn durch meine Hingabe erlste?

Ich wute, was meinen Mann bedrckte, aber ich hatte es bisher nicht
sehen wollen. Je mehr er litt, desto schweigsamer wurde er; nur an den
gefurchten Zgen, an den finsteren Blicken, und hie und da an einem
hingeworfenen Wort erkannte ich, da er sich in selbstqulerischen
Vorwrfen verzehrte. Die Schatten des Dresdener Kongresses fielen noch
breit ber den Weg der Partei, -- er fhlte sich mitschuldig daran. Und
er hatte in einem Moment fortgeworfen, wodurch er der Partei wieder
htte helfen knnen, die Schatten zu bannen: die Neue Gesellschaft.

Das Aufgeben der Zeitschrift war heller Wahnsinn, sagte er zuweilen.
Aber war nicht der Verkauf des Archivs schon Wahnsinn gewesen? Und ich
hatte ihn darin bestrkt, ich war mitschuldig, wenn er Schiffbruch litt!
Und in diesem Augenblick hatte ich ihn im Stiche lassen wollen! Hatte
mich bitter gekrnkt gefhlt, weil er seine Stimmung nicht beherrschte,
weil er es an Liebesbeweisen fehlen lie!

Ich wute auch, was ihm helfen wrde. Oft genug sprach er davon: die
Neue Gesellschaft wollte er wieder erscheinen lassen. Aber wenn er mich
dabei fragend ansah, so schwieg ich, und ein heftiges Wort schwebte mir
jedesmal auf der Zunge. Richtete er eine direkte Frage an mich, so
uerte ich rcksichtslos meinen Widerspruch.

Nicht drei Monate wrden wir mit dem bichen, was wir aus dem
Zusammenbruch gerettet haben, die Zeitschrift halten knnen, sagte ich,
und ich habe schon zu viel an Sorgen ertragen, um sehenden Auges dem
vollstndigen Ruin entgegenzugehen.

       *       *       *       *       *

Wenn Graf Blow im Reichstag ber den Dresdener Jungbrunnen hhnte,
wenn jedes ernste Wort unserer Fraktionsredner im Gelchter der
brgerlichen Parteien erstickte und die Kraft unserer 81 Abgeordneten
lahmgelegt blieb seit Dresden, so waren das nicht vereinzelte
Erscheinungen, sondern Symptome der allgemeinen Stimmung der Partei
gegenber. Und ein Wochenblatt sollte imstande sein, sie zu zerstreuen?
Immer deutlicher rckte alles ab von uns, was uns nahegestanden hatte.
Noch kam ich zuweilen in Knstler- und Literatenkreise, aber ich fhlte
sogar ein persnliches Sichzurckziehen. Das Interesse wandte sich
augenscheinlich ganz anderen Gebieten zu. Die l'art pour l'art-Stimmung
breitete sich aus. Mit dem Verschwinden der Arme-Leute-Bilder und Dramen
verschwand die oppositionelle Gesinnung. Dichter und Maler, die noch vor
kurzem wenigstens durch lange Haare, Samtjacken und fliegende Krawatten
den Bohemien markiert hatten, exzellierten jetzt in tadellos
weltmnnischen Allren und beurteilten den lieben Nchsten nach seinem
Schneider. Wie vor wenigen Jahren noch der Weg ins Volk die Parole der
knstlerisch-literarischen Jugend gewesen war, so wurde jetzt die
Vornehmheit Trumpf. Nicht jene echte der Bewegung und Gesinnung, die der
Gefahr des Kopiertwerdens nicht ausgesetzt ist, sondern die mde der
Dekadenz, die sich jeder aneignen kann, dessen Finger gengend lang,
dessen Gestalt gengend schmal und dessen Charakter gengend biegsam
ist.

Und von diesem drren Boden glaubst du ernten zu knnen?! fragte ich
meinen Mann.

Nein, entgegnete er, aber ich bin optimistisch genug, um auch ihn fr
bearbeitungsfhig zu halten.

Wir widersprachen einander immer. Nur wenn die Ereignisse in der
Sozialdemokratie die feindliche Haltung gegen die Revisionisten gar zu
deutlich hervortreten lieen, kam es vor, da er selber sagte:

Es ist doch vielleicht noch zu frh!

Jeder geringfgige Anla gengte, um in der Partei den heftigsten Streit
hervorzurufen. So war einem der in die Dresdener Skandale verwickelten
Revisionisten die Kandidatur eines schsischen Wahlkreises angeboten
worden. Alle hheren Parteiinstanzen erklrten sich dagegen; die
Vernichtung der bisher geltenden Autonomie der Wahlkreise war die Folge,
und nun entspann sich eine leidenschaftlich erregte Diskussion in der
Presse, die auch in Volksversammlungen ihr Echo fand.

Die Minderheit hat sich der Mehrheit zu fgen, hie es kategorisch auf
Seite der Radikalen.

Die Sozialdemokratie hat jede Art von Machtentfaltung, die die
Minderheit in ihrer Existenz bedroht, zu bekmpfen, also zu allererst
die in den eigenen Reihen. Es ist Despotie und nicht Demokratie, wenn
die Rechte der Minderheit schutzlos sind, lautete die Antwort auf Seite
der Revisionisten.

In einem anderen Fall vertrat ein Parteigenosse in bezug auf die
Zollfragen theoretisch von den Ansichten der Partei abweichende
Meinungen. Er wurde einem hochnotpeinlichen Verhr unterzogen, und sein
Ausschlu aus der Partei war die Forderung vieler. Wortglaube,
nicht Geistesglaube war fr die Dogmatiker Voraussetzung der
Parteizugehrigkeit.

Ich hrte berall dieselbe Dissonanz heraus, die in mir tnte:
Selbstbehauptung gegen Selbsthingabe, -- Individualismus gegen
Sozialismus, -- dieselbe Dissonanz, die dem Dresdener Konzert
zugrundegelegen und keine Auflsung gefunden hatte. Ob mein Mann und mit
ihm seine politischen Freunde wohl im Rechte waren, wenn sie
behaupteten, da die Einheit in der praktischen Tagespolitik ber diese
inneren Gegenstze hinweghelfen wrde?

Wenn ich meine Zweifel uerte, so war es Reinhard vor allem, der sie
auf Grund seiner Erfahrungen zu entkrften suchte.

Sie sollten bei uns in den Gewerkschaften lernen, sagte er; da
besteht diese Einheit tatschlich und ist die Grundlage unseres
wachsenden Einflusses geworden.

Ich erinnerte mich dann der Zeiten, wo er unter den Politikern der
radikalsten einer gewesen war, und ich konnte mich der Empfindung des
Bedauerns nicht erwehren: damals durchglhten die Ideale des
Sozialismus seine Reden, heute schien nicht nur sein Handeln, sondern
auch sein Denken den Horizont des Auges nicht mehr zu berschreiten.
Arbeiterrechte und Freiheiten rang er mit eiserner Energie dem
Unternehmertum ab und richtete den Blick bei jedem Schritt vorwrts
konsequent nur auf den nchsten Schritt. Darin lag vielleicht seine
Kraft. Aber die Stimmung praktischer Nchternheit, die ihn beherrschte,
war nicht die Atmosphre, in der die umfassenden Ideen der
Menschheitsbefreiung sich entfalten.

Mein Mann, der gerade in dieser Richtung auf die Forderungen des Tages
das Heilmittel fr die inneren Schden der Partei zu finden glaubte,
beschftigte sich viel mit den Gewerkschaften.

Das sind die Kerntruppen, meinte er, ihre Wnsche und Bedrfnisse
mssen wir kennen, wenn wir einmal mit unserer Zeitschrift wirken
wollen.

Wir besuchten ihre Versammlungen. Ruhige Arbeit herrschte hier. Mit
tiefgrndiger Kenntnis wurden sozialpolitische Fragen behandelt,
besonders die des Heimarbeiterschutzes, die damals im Mittelpunkt des
Interesses standen. Es war bezeichnend fr den Geist der
Gewerkschaftsbewegung gewesen, da fast zu gleicher Zeit, wo die
Einladung zum Frauenkongre von den Sozialdemokratinnen abgelehnt
worden war, die Generalkommission der Gewerkschaften den
Heimarbeiterschutz-Kongre einberufen und die Interessenten aus
brgerlichen Kreisen zur Teilnahme aufgefordert hatte.

Aber wenn die bewute Beschrnkung der Bewegung auf der einen Seite
einen erstaunlichen Grad von Wissen, von Energie, von Zielsicherheit
zeitigte, so entwickelte sich auf der anderen Seite eine gewisse
Engigkeit, ein Organisationsegoismus, der vom Standesdnkel alter Zeiten
nicht zu weit entfernt war. Ich agitierte selbst fr die Gewerkschaften;
ich verfocht in Versammlungen die Forderungen zum Heimarbeiterschutz,
die wir im Kongre aufgestellt hatten, ich wute, wie notwendig das
alles war, aber ich htte darin nicht aufzugehen vermocht, und es schien
mir nicht unbedenklich, da so viele tchtige Krfte, von der
politischen Bewegung angewidert, mehr und mehr darin aufgingen. Tnte
nicht der starke Pulsschlag der Zeit nur gedmpft hierher, wo sich
Krfte und Gedanken im engen Kreis der Organisationsarbeit, der
Sozialreform bewegten? Lagen hier nicht die Keime einer gefhrlichen
Entwicklung von Egoismus gegen Sozialismus?

Allmhlich war's, als ffneten sich mir immer neue Tore mit weiten
Ausblicken auf unbekannte Gebiete der Arbeiterbewegung. Eine
Schulvorlage, die von der preuischen Regierung schon lange in Aussicht
gestellt war und auf Einfhrung konfessioneller Schulen hinauslief, rief
in der Presse und in Versammlungen eine lebhafte Kontroverse ber
Erziehungsfragen hervor. Der bloe selbstverstndliche Protest dagegen,
die bloe Forderung der Trennung von Schule und Kirche gengte nicht
mehr. Wer sich aus Arbeiterkreisen an den Debatten beteiligte, der hatte
sich auch mit den Details der Frage beschftigt, und ein Verlangen nach
weiterer Aufklrung wurde laut. In einer kleinen Versammlung vor den
Toren Berlins hrte ich einen alten Arbeiter von Pestalozzi sprechen. Er
hatte ihn nicht nur gelesen, sondern in sich aufgenommen und schilderte
die Arbeitsschule der Zukunft, die an Stelle der Paukschule der
Gegenwart treten wrde, mit demselben Enthusiasmus, wie ein anderer sich
ber den Zukunftsstaat verbreitet haben wrde. Auf solche und hnliche
Erfahrungen hin wagte ich es, die pdagogische Provinz, Goethes
Erziehungsutopie, zum Gegenstand eines Vortrags zu machen. Ein
Riesenauditorium, das nur aus Arbeitern bestand, folgte mit gespannter
Aufmerksamkeit allem, was ich sagte, und in der Diskussion zeigte sich
nicht nur, da ich verstanden worden war, sondern auch wie viele ihren
Goethe gelesen hatten. Jetzt fing ich an, mit erwachtem Interesse den
nicht politischen Versammlungen nachzugehen, und ich entdeckte mit
wachsendem Staunen suchende Menschen, nicht nur fordernde. Wo religise,
wo philosophische Fragen angeschnitten wurden, war das Interesse am
strksten. Jener brutale philosophische Materialismus, der alles
leugnete, was sich nicht mit Hnden greifen lie, und fr die Masse der
Sozialdemokraten um so mehr an die Stelle kirchlich-dogmatischen
Glaubens getreten war, als sie ihn in naheliegender Begriffsverwirrung
mit dem Grundprinzip des Marxismus, dem historischen Materialismus,
zusammengeworfen hatten, beherrschte nicht mehr so uneingeschrnkt wie
frher die Gemter. Der Unglaube, der geblieben war und neben alles
Unabweisbare sein Fragezeichen aufrichtete, schien erfllt von Sehnsucht
und Heimweh.

Junge und alte Mnner begegneten mir, die in ihrer freien Zeit
verschlangen, was ihnen an philosophischen Schriften erreichbar war:
neben Kant und Schopenhauer das seichteste Gewsch sogenannter
Popularphilosophie, neben Dietzgen, dem Parteiphilosophen, allerhand
theosophische, selbst spiritistische Schriften. In der Qual, mit der sie
immer wieder versuchten, die geistige Vernachlssigung ihrer Jugendjahre
zu berwinden, die Grundlagen des Denkens und Wissens, die ihnen
fehlten, nachzuholen, lag eine grere Tragik als in der leiblichen Not.

Wir sind alle gute Sozialdemokraten, sagte mir einmal ein
lterer Mann, der es vom einfachen Arbeiter zum einflureichen
Gewerkschaftsbeamten gebracht hatte, und der Sozialismus ist das, was
uns zusammengeschweit hat, uns im Kampf gegen die Feinde unberwindbar
macht; aber nun will doch jeder auch etwas fr sich sein.

Das war der Wunsch nach Persnlichkeit, der sich regte, die Reaktion
gegen die geistige Nivellierung, die die Strke und die Schwche des
Sozialismus war.

Und alles Wnschen und Suchen ging in die Irre. Niemand antwortete
darauf, niemand sprang hinzu, um Taumelnde zu halten, Blinde zu fhren.
Eintnig, wie die Zukunftsprophezeiungen der ersten Christen, klang
ihnen aus dem Munde ihrer Fhrer immer dieselbe Formel entgegen:

Die berwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung durch den
Klassenkampf bringt allen Erlsung.

Sie fhlten mehr, als da es ihnen deutlich zum Bewutsein kam: ber die
Befreiung von Not und Elend hinaus mu es ein persnliches Ziel geben,
fr das die Erreichung dieses ersten, rohesten nichts als der
Ausgangspunkt ist. Wrden sie im Suchen danach nicht auf Abwege geraten,
sich nicht entfernen vom Wege, der notwendig zuerst zu jener ersten
Etappe fhren mute?

       *       *       *       *       *

In Ruland warf die Revolution ihre Brandfackel in Stdte und Drfer.
Die Blte der Jugend, die geistige Elite des Landes trugen die Fahne
voraus, und die schwerfllige Masse des Riesenvolkes geriet in eine
ungeheure Bewegung. Selbst die Bauern in ihren einsamen Steppen grten
das Licht, das sie flammen sahen, als ihren Befreier. Hunderte fielen,
Hunderte verschwanden im grausigen Dunkel russischer Zitadellen,
Hunderte wurden in Ketten in die Bergwerke Sibiriens verschleppt, aber
Tausende fllten die Lcken wieder aus, die ihr Verschwinden gerissen
hatte. Die Zeit forderte Helden, und sie wuchsen empor; das Leben galt
ihnen nichts mehr, wo der Tod die Saat der Freiheit war. Das groe
Reich, der Hort der europischen Reaktion, schien in seinen Grundvesten
erschttert. Vor Arbeitern und Bauern, vor Studenten und Frauen streckte
der Absolutismus die Waffen. Wir sahen, wie der Himmel ber der Grenze
sich rtete. Und vielen, auf deren Seelen der hliche Parteizank
lastete, die sich ernchtert fhlten durch den langen staubigen Weg, den
sie an Stelle des Schlachtfeldes gefunden hatten, wurde der Glanz zu
einem Hoffnungsschimmer.

Von der Weltenwende der russischen Revolution, von dem Zusammenbruch des
Zarismus sprachen prophetisch die Redner in unseren politischen
Versammlungen.

Wir leben in den Tagen der glorreichen russischen Revolution --,
damit wurden die Nrgler und Zweifler niedergeschlagen.

Sehen Sie nicht, da die Zeit gekommen ist, die Marx voraussah, wo die
Evolution in die Revolution umschlgt --?

Daran entflammte sich die Begeisterung der Massen. Meine Empfindung,
meine Phantasie war auf ihrer Seite, meine Hoffnung entzndete sich
daran.

       *       *       *       *       *

Oft, wenn ich als Kind am Weihnachtsabend erwartungsvoll im dunkeln
Zimmer sa, hatte der Lichtstrahl, der aus dem Raum daneben, wo die
Mutter den Baum putzte, durch das Schlsselloch drang, mir die ganze
Seele erhellt und alle Angst vor der Finsternis um mich vertrieben. So
war mir jetzt zumut: es drang ein Lichtstrahl in das Dunkel. Noch kannte
ich seine Quelle nicht; nur da er da war, bannte die Furcht.

Heinrich hatte recht: es gab fr uns nur eine Aufgabe: die Neue
Gesellschaft wieder ins Leben zu rufen, durch sie zusammenzufassen, was
in der Arbeiterbewegung nach allen Richtungen auseinanderzuflieen
drohte: den geistigen Hunger der Massen, die praktische Arbeit der
Gewerkschaften und Genossenschaften, die Schwungkraft der kmpfenden
Partei. Und wie sie auf dem Wege zu einer neuen tieferen Einheit
Richtung geben sollte, so sollte sie im Kreise der intellektuellen
Jugend dem Sozialismus Anhnger werben. Wir bedurften dieser Jugend, das
lehrte uns Ruland, das predigten uns die stummen Lippen all der
Suchenden, die der geistigen Fhrer entbehrten. Die Wissenschaft und
die Arbeiter, -- ein Kind dieses Bundes war der Sozialismus gewesen,
ihn zu zerstren und zu verleugnen war der eigentliche Parteiverrat.

Nun war es nicht mein Mann, nun war ich es, die zuerst wieder von
unserer Zeitschrift sprach. Und was ich so lange entbehrt hatte,
geschah: Heinrichs verdsterte Zge erleuchteten sich wie von innen
heraus. Jetzt endlich kamen die Stunden innerer Gemeinschaft zurck, und
im berschwang der Freude glaubte ich das Mittel wieder gefunden, das
auch die klaffenden Wunden unserer Ehe schlieen wrde. In gemeinsamer
Arbeit, mit demselben groen Ziel vor Augen wrden wir enger,
unauflslicher zusammenwachsen.

Ein Umstand half uns, mit etwas grerer Zuversicht an die Arbeit zu
gehen. Meine Schwester, eine der sechs Erben der verstorbenen Tante,
hatte, emprt ber die mir widerfahrene Ungerechtigkeit, versucht, die
Annullierung des letzten Testaments, das meine Enterbung aussprach,
durchzusetzen. Und als die Verwandten einmtig erklrt hatten, den
letzten Willen der Toten respektieren zu mssen, tat sie allein, was sie
von den anderen verlangt hatte, und verzichtete in Anerkennung meines
Anspruchs auf den sechsten Teil ihres Erbes zu meinen Gunsten. Es war
zunchst nur wenig, was ich bekam, -- der grte Teil des Vermgens lag
in Grundstcken fest, -- aber fr uns, die wir von Anfang an mit einer
so geringen Summe rechnen muten, da kaum ein anderer daraufhin den Mut
gehabt htte, eine Zeitschrift zu grnden, war es eine willkommene
Hilfe. Nur ganz flchtig dachte ich daran, die paar tausend Mark fr
meinen Jungen festlegen zu wollen, -- ich errtete dabei ber mich
selbst. Drben, im Osten, opferten sie ihr Leben ihrer Sache, und ich
knnte mit dem lumpigen Gelde knausern!

       *       *       *       *       *

Es war ein frohes Arbeiten damals. Wir fanden Mitarbeiter im eigenen
Lager, die unsere Ideen teilten, wir fanden aber auch Knstler und
Schriftsteller, die nicht abgestempelte Genossen waren und mit Freuden
die Gelegenheit ergriffen, einmal zum Volk zu sprechen. Und zuerst
leuchteten uns berall die aus den schwarzen Schornsteinen glutrot
aufsteigenden Flammen der Neuen Gesellschaft entgegen.

Da innerhalb der Parteiorganisationen schon gegen uns gehetzt, vor
einem Abonnement unserer Zeitschrift gewarnt wurde, da uns die Genossen
wieder als Geschftssozialisten ffentlich an den Pranger stellten, --
dafr hatten wir nur ein Achselzucken. Sie glaubten, wir wollten whlen,
kritisieren; sie wrden sich bald eines Besseren belehren lassen, denn
wir dachten nur daran, aufzubauen. Am Himmel der Zeit stiegen
Sturmwolken auf, und wer wetterkundig war, der sah dahinter erfrischte
Luft, zu neuem Segen durchtrnkte Erde.

Der Strom der russischen Revolution, der drben alles mit sich ri,
schien zuerst an Deutschland vorberzubrausen, als wre die Grenze ein
Felsengebirge. Allmhlich aber begannen seine Fluten Tunnel zu bohren,
und die deutsche Reaktion warf angstvoll Wlle auf. In den Einzelstaaten
kam es zu Wahlrechtsverschlechterungen, und die Angriffe auf das
allgemeine Reichstagswahlrecht wurden lauter. Unter dem Deckmantel der
scheinbar harmlosen Schulvorlage ging der preuische Landtag darauf aus,
mit den Seelen der Kinder die Zukunft dem Fortschritt zu entwinden. Doch
das Proletariat lernte von den russischen Freiheitskmpfern. Zum
erstenmal in Deutschland eroberten sich die Arbeiter die Strae zu
gewaltigen Massendemonstrationen. In Leipzig, in Dresden, in Chemnitz
durchzogen Tausende und Abertausende, dem Polizeiaufgebot trotzend, die
Stadt. Und wenn sie auch der Hartnckigkeit der Regierung nichts
abzutrotzen vermochten, sie fhlten sich nicht geschlagen, denn die
Siege jenseits der Grenzen strkten immer wieder ihren Mut: in dunkeln
Massen, dicht gedrngt, mit einem Schweigen, das mehr als drohende Rufe
von finsterer Entschlossenheit zeugte, war die wiener Partei vor dem
Parlament aufmarschiert, whrend in ganz sterreich die Arbeit ruhte,
und eroberte im gleichen Augenblick eine Wahlreform, die vor wenigen
Wochen noch von der Regierung abgelehnt worden war. Und angesichts der
blutgetrnkten Straen Petersburgs, der rauchenden Trmmer baltischer
Schlsser versprach der russische Zar dem Volke die Verfassung.

Jetzt galt es auch in Preuen, gegen die Hochburg der Reaktion Sturm zu
laufen: gegen den Landtag. Wir schrten in unserer Zeitschrift mit allen
Mitteln den Brand.

Trotz aller Anerkennung des stark pulsierenden Lebens, das in den
Spalten der Neuen Gesellschaft herrscht, schrieb mir Romberg damals,
bleibt Ihre Schornsteinzeitung mir unsympathisch, -- jetzt vollends, wo
ich mit aufrichtiger Trauer sehe, da Sie jene Vornehmheit preisgeben,
deren Aufrechterhaltung durch alle Fhrnisse proletarischer Versuchung
mir bisher so bewundernswert erschien. Den ganzen giftigen Zorn der
Renegaten schtten Sie ber Ihre eigenen Klassengenossen, die Junker,
aus.

ber Ihren Geschmack streite ich nicht mit Ihnen, antwortete ich, er
fhrt uns, frchte ich, weit voneinander. Aber mir die Preisgabe der
Vornehmheit vorzuwerfen, dazu haben Sie kein Recht. Gerade weil ich
Aristokratin war und blieb, wei ich zu scheiden zwischen dem Adligen
und dem Junker. Die Hutten und Berlichingen, die Mirabeau und Lafayette,
die Struve und Krapotkin, -- das waren Aristokraten, das heit freie
Herren, keine Frstenknechte, keine Sklaven des Herkommens. Ich bin
stolz, zu ihnen zu gehren und werde, wie sie, bis zum letzten Atemzug
gegen die Junker, das heit die Dienstmannen, kmpfen.

Im Abgeordnetenhause erklrte Graf Roon: Wenn jemals die Regierung
daran denken sollte, uns in Preuen die geheime Wahl zuzumuten, so
wrden wir zur schrfsten Opposition bergehen.

Auf das nachdrcklichste lege ich dagegen Verwahrung ein, da das
allgemeine geheime Wahlrecht als Wahlrecht der Zukunft hingestellt
wird, sekundierte ihm Herr von Manteuffel. Hben und drben schlossen
sich die Reihen der Kmpfer. Sollte die Schlacht schon bevorstehen?

In den Kpfen der Parteigenossen spukte diese Frage, der die andere auf
dem Fue folgte: wie bereiten wir uns vor? Das Mittel immer wiederholter
Arbeitseinstellungen hatte sich in Ruland als das eindrucksvollste
erwiesen. Es wurde nun auch in der deutschen Partei errtert. Es trennte
die Geister nach einem Schema, auf das die Bezeichnung Revisionisten und
Radikale nicht mehr passen wollte. Mein Temperament ri mich rckhaltlos
auf die Seite derer, die den Massenstreik verteidigten; mein Mann stand
im entgegengesetzten Lager, wo die Gewerkschafter sich vereinigt hatten.
Auch die Ansichten unserer Mitarbeiter gingen auseinander.

Glauben Sie, es lt sich beschlieen, bermorgen nachmittag um vier in
den Massenstreik einzutreten? hhnte Reinhard. Revolutionen sind keine
Paraden, die vorher einexerziert werden.

Aber die Truppen mssen dafr vorbereitet sein wie fr die Kriege,
entgegnete einer unserer Mitarbeiter; wir mssen den Gedanken in die
Kpfe hmmern, damit er zur rechten Zeit zur Tat reift.

Von unseren drei Millionen Whlern sind nur viermalhunderttausend
politisch organisiert, und von zwlf Millionen Arbeitern nur anderthalb
Millionen gewerkschaftlich! rief Reinhard aus. Mir scheint, wir mssen
zuerst die Kpfe _haben_, ehe wir daran denken knnen, eine Idee in sie
hineinzuhmmern.

Das Feuer meiner Begeisterung verflog angesichts des neu entfachten
theoretischen Streites, der bei uns Deutschen so oft an Stelle des
Handelns tritt. Die Demonstrationen gegen den preuischen Landtag
beschrnkten sich auf ein paar groe Versammlungen, denen erst das
Aufgebot von Polizei und Militr Bedeutung verlieh. Die Schulvorlage
wurde angenommen. Graf Blows Politik der Ablenkung des Volksinteresses
bewhrte sich wieder einmal: die Blicke aller derer, die nicht zu
unseren Kerntruppen gehrten, richteten sich wie hypnotisiert auf die
internationalen Verwickelungen. Von der feindseligen Verstimmung sprach
der Reichskanzler, als die neue Flottenvorlage dem Reichstag zuging:
Deutschland mu stark genug sein, sich im Notfall allein behaupten zu
knnen!

Von dem Ernst der Zeit, von der Notwendigkeit, eine stets schlagbereite
Armee zu haben, sprach der Kaiser. So wurde gegen die revolutionre die
patriotische Stimmung ausgespielt.

       *       *       *       *       *

Wir hatten gearbeitet, den Blick krampfhaft vorwrts gerichtet,
besinnungslos. Wir hatten unser Programm erfllt, waren jeder tieferen
Volksregung nachgegangen; es hatte an aufrichtiger Anerkennung nicht
gefehlt, und trotz allen lauten und leisen Whlens gegen uns war in
kurzer Zeit ein Stamm von Lesern gewonnen worden. Aber die Kosten der
Zeitschrift berstiegen bei weitem die Einnahmen. Wir konnten nicht
lnger die Augen davor verschlieen, da unsere Mittel auf einen
winzigen Rest zusammengeschmolzen waren.

Drei Jahre mssen Sie aushalten knnen, dann haben Sie sich
durchgesetzt, sagte uns ein treuer Genosse, der zugleich ein guter
Geschftsmann war.

Drei Jahre! wiederholte ich in Gedanken. Wo wir kein Vierteljahr mehr
gesichert sind!

Wir drfen die Flinte nicht ins Korn werfen, heute weniger als je,
erklrte mein Mann; denn jetzt schdigen wir dadurch die Sache.

Die Furcht flsterte mir zu: Gib auf, solang es noch Zeit ist.

Heinrich ertrge es nicht, antwortete die Stimme meines Herzens.

       *       *       *       *       *

Um jene Zeit kam meine Schwester nach Berlin zurck. Sie war in einem
Sanatorium gewesen und hatte dann eine lange Seereise gemacht.

Nun bin ich heil und gesund, damit trat sie wieder vor mich hin, und
jetzt komme ich zu dir und will arbeiten. Mit unglubigem Lcheln sah
ich sie an. Meinst du etwa, ich hielte auf die Dauer solch zweckloses
Leben aus? schmollte sie, weil ich sie nicht ernst nehmen wollte.

Im Sanatorium war einer mein Tischnachbar, der ein heimlicher Genosse
ist, fuhr sie zu plaudern fort. Er holte nach, was du zu tun
versumtest; gab mir Bcher und Zeitungen und klrte mich auf. Ich bin
berzeugte Sozialdemokratin.

Aber Ilse! lachte ich. Du?! Die sthetin?! Du mit deinem Grauen vor
dem Pbel?!

Nun wurde sie wirklich bse. Ist es so unwahrscheinlich, da man sich
entwickelt? -- Bist du vielleicht als Genossin auf die Welt gekommen?!
-- Ich bildete mir ein, dir mit dieser Nachricht eine besondere Freude
zu machen, und nun glaubst du mir nicht! Aber ich werde dir beweisen,
wie ernst ich es meine: noch heute will ich mich dem Vertrauensmann
meines Wahlkreises vorstellen, ich werde sogar Flugbltter austragen,
wenn er mich brauchen kann.

Ich war noch ganz benommen von der erstaunlichen Wandlung meiner
Schwester, als Heinrich sie begrte. Er fand sich rascher in die
vernderte Situation.

Da htten wir ja eine neue Mitarbeiterin, sagte er lebhaft.

Ja, -- ob ich aber schreiben kann?! meinte sie zgernd.

Sind nicht alle ihre Briefe druckreifes Manuskript? wandte er sich an
mich. Und prdestiniert sie nicht ihre ganze Vergangenheit, gerade das
wichtige, noch so sehr vernachlssigte Gebiet der knstlerischen
Volkserziehung zu dem ihren zu machen?

Alles Fremde, das seit Jahren zwischen uns gestanden hatte, war jetzt
vergessen. Die kleine Ilse war wieder mein Kind, wie einst, da sie
nichts so gerne hrte wie meine Geschichten, mit nichts spielen mochte
als mit den Spielen, die ich erfand. Ich streckte ihr beide Hnde
entgegen:

Du brauchst keine Flugbltter auszutragen, um zu beweisen, da du zu
uns gehrst. In der Partei ist viel Raum fr Krfte wie die deinen.

Am Abend sah ich an Heinrichs grblerischem Gesichtsausdruck, da
irgendein Gedanke ihn beschftigte. Er ging schweigsam im Zimmer auf und
nieder. Endlich blieb er vor mir stehen: Was meinst du, wenn wir Ilse
aufforderten, sich an der Neuen Gesellschaft mit einem Kapital zu
beteiligen?

Ich hob die Hnde, als gelte es einer Gefahr zu begegnen.

Um Gottes willen nicht! rief ich aus.

Du scheinst deiner Schwester wenig zuzutrauen, entgegnete er
stirnrunzelnd. Da wir alles aufs Spiel setzen, ist dir
selbstverstndlich; da Ilse einen Bruchteil ihres Vermgens opfern
soll, kommt dir unmglich vor. Und doch knnte das ihr geben, was ihr
fehlt: einen ernsten Lebensinhalt, einen Antrieb zur Arbeit, die mehr
ist als Laune und Spielerei.

Ich widersprach auf das heftigste: Was wir tun und lassen, ist unsere
Sache, aber die Verantwortung fr Ilse drfen wir nicht auf uns nehmen.
Niemals ertrg' ich's, sie in unseren Ruin hineinzuziehen!

Heinrich brauste auf. Wie kannst du von Ruin sprechen, wo uns nichts
fehlt als die Mittel, noch einige Zeit auszuhalten, -- wo wir in zwei,
drei Jahren ber das schlimmste hinaus sein werden! Hast du so gar
keinen Glauben an die eigene Sache?

Ich habe ihn, Heinz, ich hab ihn gewi --, meine Hnde preten sich
flehend ineinander, -- aber lieber will ich mir die Finger blutig
schreiben, lieber will ich von Ort zu Ort gehen, um die Mittel fr die
Neue Gesellschaft zusammenzubringen, als da ich mich an Ilse wende.

Mit gerunzelten Brauen sah Heinrich mich an. Ich finde deinen
Standpunkt kleinlich, -- deiner und deiner Schwester unwrdig. Sie wird
sich freuen, mit einem Teil ihres berflusses etwas Ntzliches leisten
zu knnen.

Aber ich lie mich nicht berzeugen. La uns wenigstens noch versuchen,
ob sich nicht auf anderem Wege Hilfe schaffen lt, bat ich. Heinrich
schwieg, sichtlich verletzt.

Alle Schritte, die er in den nchsten Wochen unternahm, waren umsonst.
Immer nher rckte die Zeit, die uns vor die letzte Entscheidung
stellte. Mich schauderte im Gedanken daran.

Als ich ihn eines Abends wieder von einer vergeblichen Reise
zurckkehren sah, -- so mde, so gebrochen, da hielt es mich nicht
lnger: Geh zu Ilse, sagte ich.

       *       *       *       *       *

War es der Leichtsinn der Jugend, war es die berzeugungskraft der
Reife, die Ilse ohne einen Augenblick des berlegens dem Vorschlag
Heinrichs entsprechend handeln lie? Wie kam es nur, da in dem
Augenblick, wo sie sich nicht nur im Denken, sondern auch im Handeln mit
mir vereinte, ein kalter Reif auf die kaum wieder entfaltete Blume
meiner Schwesterliebe fiel? Irgendeine Fessel, die die freie Bewegung
meiner Glieder hemmte, wurde schmerzhaft angezogen.

Eine Unrast der Arbeit packte mich, die mich jede ruhige Stunde als
Unterlassungssnde empfanden lie. Selbst in den Augenblicken, wo die
Sache, der ich diente, mich ganz zu packen schien, fiel mir ein, da ich
arbeiten mute, um das Geld meiner Schwester nicht zu verlieren. Da die
Arbeitsgemeinschaft mit meinem Mann unsere Liebe zueinander festigen
sollte, -- daran dachte ich kaum mehr. Kam mir in heien Nchten nach
gehetzten Tagen die Erinnerung daran, so grauste mich's. Ich sa meinem
Mann gegenber, tagaus, tagein, ber Manuskripte und Korrekturen
gebeugt. Ich hatte keine Gedanken mehr, mich fr den Geliebten zu
schmcken, keine Zeit mehr fr das se Spiel der Liebe, fr Suchen und
Finden, Zurckstoen und Wiedererobern. Nur fr mein Kind stahl ich mir
morgens und abends noch eine Stunde; aus der Frische seines Denkens und
Fhlens flo mir der Tropfen Lebensfreude, den ich brauchte, um weiter
schaffen zu knnen.

Meinen kleinen Haushalt berlie ich nun schon lange der Berta. Zuweilen
wunderte ich mich wohl, da er bei seiner Einfachheit so kostspielig
war. Aber jede Spur von Mitrauen lag mir fern. Opferte die Berta uns
nicht ihre ganze Arbeitskraft? War sie es nicht, die unter Hinweis auf
die entstehenden Kosten jede fremde Hilfe ablehnte und alles allein
besorgte?

Eines Tages sah ich ein goldenes Armband auf ihrem Nhtisch liegen.
Mein Onkel hat es mir zum Geburtstag geschenkt, sagte sie.

Bald darauf brachte die Portierfrau, als sie abwesend war, ein Paket fr
Frulein Berta, die Uhrkette sei darin, die sie sich durch sie habe
besorgen lassen, fgte sie erklrend hinzu. Ich wurde stutzig und lie
mich in ein Gesprch mit ihr ein.

Auch das Armband hat mein Mann besorgt, schwatzte sie, es kostete nur
sechzig Mark. Und Frulein Berta kann sich wohl mal was selber gnnen,
nachdem sie immer das viele Geld nach Hause schickt.

Nach Hause?! dachte ich verblfft, ihr Vater war doch, wie sie oft
genug erzhlt hatte, in behbiger Lage. Nun verfolgte ich erst
aufmerksam ihr Tun und Lassen. Im Lauf einer Woche hatte ich alle
Beweise in der Hand: seit Jahren war ich von ihr betrogen worden. Im
ersten Gefhl der Emprung wollte ich ihre Unterschlagungen zur Anzeige
bringen. Aber dann schmte ich mich. War ich nicht die Schuldige
gewesen? Ich, die ich dem einfachen Bauernmdchen eine Freiheit
gelassen, eine Selbstndigkeit aufgebrdet hatte, der sie geistig und
moralisch nicht gewachsen war; ich, die ich sie aus Dankbarkeit mit
Geschenken berhuft hatte, die ihre Eitelkeit, ihre Habsucht erwecken
muten? Sie war fr die Lebenssphre, in die sie zurcktreten mute, bei
mir und durch mich verdorben worden.

Ich entlie sie; ich bekannte meinem Mann meine Schuld. Von nun an mute
ich mich um die tglichen Sorgen des Haushalts kmmern, mute vor allem
die Zeit erbrigen, um mit meinem Buben ins Freie zu gehen. Ich war viel
zu ngstlich, um ihn sich selbst zu berlassen. Wie mde fhlte ich
mich, wenn ich abends schlafen ging! Wie zerschlagen, wenn ich morgens
erwachte! Wie lange noch wrde ich aushalten knnen?!

Und mehr denn je verlangte unsere Arbeit die ganze Nervenkraft, die
volle Anspannung des Willens. Ein neuer Parteiskandal forderte
gebieterisch unsere Stellungnahme. Die Auseinandersetzungen ber den
Massenstreik hatten in einem Teil unserer Tagespresse wieder die Formen
persnlichen Geznks, gegenseitiger Verdchtigungen angenommen. Zur
Emprung der radikalen Berliner vertrat das Zentralorgan der Partei den
Standpunkt der Gewerkschaften, und obwohl der Jenaer Parteitag eine
wenigstens uere Verstndigung zwischen beiden Richtungen herbeifhrte
und auch die Prefehde zu schlichten schien, lie sich Groll und
Mitrauen nicht durch Resolutionen beseitigen. Trotz aller gegenseitigen
Versicherungen blieb die Mehrheit der Vorwrts-Redaktion, die ihre
Ansichten weder dem Votum der Masse unterwerfen, noch sich zu einem
Inquisitions-Tribunal hergeben wollte, des Revisionismus verdchtig.
Kaum war der Parteitag vorber, als der Parteivorstand mit den Berlinern
in Verhandlungen eintrat, deren Resultat die Entlassung und der Ersatz
eines oder mehrerer Redakteure und die Neugestaltung der
Mitarbeiterschaft ber den Kopf der Redaktion hinweg sein sollte. Hinter
verschlossenen Tren, mit strengstem Schweigegebot fr die Teilnehmer
und -- unter Ausschlu der Angeklagten ging das alles vor sich. Ein
Fehmgericht nach demselben Prinzip wie das, dem ich einmal seitens der
Frauen unterworfen worden war. Wo war hier die Gleichheit, wo die
Brderlichkeit?! Als die Redaktion trotz aller Vorsichtsmaregeln von
den Vorgngen erfuhr und der Parteivorstand ihren Protest gegen ein
allen Grundstzen der Demokratie hohnsprechendes Verhalten schroff
zurckwies, handelte sie, wie organisierte Arbeiter handeln, wenn der
Unternehmer ihre Kameraden ohne sie zu hren mit Aussperrung bedroht:
sie erklrte sich in ihrer Mehrheit solidarisch, reichte ihre Entlassung
ein und begrndete ihre Handlungsweise vor der ffentlichkeit. Mit
gezckten Schwertern standen einander nun wieder zwei Richtungen in der
Partei gegenber. Aber die Masse vertrat nicht die Prinzipien der
Demokratie, sondern die der Despotie.

Wie knnen wir noch mit freier Stirn unsere Ideale gegenber der
Willkrherrschaft monarchischen Absolutismus verteidigen, schrieben wir
in der Neuen Gesellschaft, wie knnen wir die Selbstherrlichkeit des
Unternehmertums, seinen rcksichtslosen Herrenstandpunkt gegenber dem
Arbeiter angreifen, wenn der Gegner uns mit den eigenen Waffen zu
schlagen vermag? Wie knnen wir an den endlichen Sieg unserer Sache
glauben und uns unterfangen, andere davon berzeugen zu wollen, wenn die
Ansichten einzelner, -- hier des Parteivorstands, ganz besonders die
Bebels, -- zum Kredo erhoben werden und jeder Andersglubige der
Ketzerei beschuldigt wird, -- ungehrt, wie bei den Hexenprozessen? ...
Die Redakteure haben ihre Schuldigkeit getan, tun wir die unsere! ...

Wie der Stein, der in den Teich geworfen wird, nicht nur weite und immer
weitere Kreise zieht, sondern auch den Grund aufwhlt, soda dieser
pltzlich in das klare Wasser schwarz und schlammig emporsteigt, so war
es hier. Man hatte vergessen, den Grund zu subern und auszumauern, ehe
der frische Quell des Sozialismus hineingeleitet wurde. Die Moral der
brgerlichen Gesellschaft, die ihr das Christentum mit Feuer und Schwert
und Verfolgung eingeimpft hatte, beherrschte alles menschliche Denken
und Fhlen.

Besser unrecht leiden, als unrecht tun, predigten salbungsvoll unsere
Parteibltter; also sich beugen, sich der Macht unterwerfen, Demut und
Unterwrfigkeit fr der Tugenden grte erklren, -- konnte, durfte das
die Ethik des Sozialismus bleiben?

Ich empfand das alles nur dumpf, wie einen Traum; ich hatte keine Zeit,
Gedanken zu formen; ich hatte auch keine Kraft.

Sonderbar, wie elend ich mich fhlte. Als stnde mir eine groe
Krankheit bevor. Ich ballte die Hnde, soda die Ngel mich in der
Handflche schmerzten: ich durfte nicht krank werden. Oft wenn ich mit
meinem Sohn durch die Straen ging, berfiel mich ein Schwindel. Dann
lehnte ich mich an irgend eine Mauer, und er blieb vor mir stehen, die
groen ernsten Augen ngstlich auf mich gerichtet. Und wenn ich abends
mit irgend einer notwendigen Nharbeit bei ihm war, und er mir mit all
dem berzeugten Pathos des Kindes vorlas, -- Mrchen und Gedichte, die
feierlichsten am liebsten, -- dann brauste es mir vor den Ohren, soda
ich kaum seine Stimme noch hrte. Was war das nur?

Meinem Mann verschwieg ich meinen Zustand. Mein Junge war mein
Vertrauter und mein Verbndeter zugleich. Er hatte mir versprechen
mssen, dem Vater nichts zu sagen.

Papachen hat soviel rger, er soll sich nicht auch noch um mich Sorge
machen! -- Und dies erste Zeichen eines freundschaftlichen Vertrauens
seiner Mutter hatte ihn sichtlich reifer gemacht.

Aber dann kam ein grauer Tag; der Regen klatschte unaufhrlich an die
Scheiben; um meinen Kopf lag es wie ein Band von Eisen. Pltzlich aber
mute ich vom Stuhle springen, auf dem ich zusammengekauert gesessen
hatte; ein Gedanke traf mich, blendend wie ein Blitz. Wie hatte ich nur
so lange fragen knnen, was mir fehlte: ich war guter Hoffnung. Guter
Hoffnung?! Sehnschtig hatte ich mir oft noch ein Kind gewnscht, hatte,
wenn ich meinen Buben ansah, es fast als ein Naturgebot empfunden, mehr
seinesgleichen zu gebren. Und jetzt? Wie anders fhlte ich mich, als da
ich ihn unter dem Herzen trug: schwach, schwermtig, arbeitsunfhig. Und
ich mute doch arbeiten!

Seit wir in dem letzten Parteikampf so energisch die Rechte der
Minderheit vertreten hatten, regnete es Angriffe auf das
parteischdigende Treiben der Neuen Gesellschaft. Auf wessen Tisch die
rotleuchtende Flammenschrift unseres Blattes entdeckt wurde, der
erschien schon verdchtig.

Wenn meine Schwester kam, wurde mir hei und kalt. Etwas wie
Schuldbewutsein machte mich ihr gegenber immer scheuer. Wir muten uns
durchsetzen, -- um jeden Preis! -- Und ich bi die Zhne zusammen und
trug schweigend meine Qual, bis ich nicht mehr konnte.

Meine rztin machte ein ernstes Gesicht: Sie mssen sich vollkommen
ruhig halten, sich vor jeder Aufregung hten, sagte sie mit scharfer
Betonung.

Ich verzog den Mund zu einem Lcheln und ging heim, als schleppte ich
eine Zentnerlast mit mir. Und wenn ich mich in irgend einen Erdenwinkel
htte verkriechen knnen, sie wrde weiter drckend auf mir liegen. Wen
einmal die Sorge umstrickt, den hlt sie fest.

Eine krankhafte Angst bemchtigte sich meiner. Ich frchtete mich vor
dem keimenden Leben in mir wie vor einem Mrder. Ich malte mir in
dunkeln Nachtstunden den Augenblick schreckhaft aus, wo der Ruin vor der
Tre stand.

Und dann brach ich zusammen. Ehe das Kind in meinem Scho Leben gewesen
war, starb es. Whrend der langen dunkeln Stunden, die ich nun
regungslos auf dem Rcken lag, richtete das Ungeborene zwei starre Augen
auf mich, anklagend, richtend. Und ich beweinte es, als htte es schon
in meinen Armen gelegen.

Als ich wieder aufstehen durfte, nahm ich aus meiner Gromutter
Zeichenmappe ein kleines, in zarten Farben gemaltes Bild: ein Kpfchen
mit weien Rosen bekrnzt, -- ihr jngstes Kind, das gestorben war, ehe
seine Lippen das erste Mutter zu lallen vermochten. Ich stellte es auf
den Schreibtisch vor mich hin. Es sollte mich zu jeder Stunde daran
erinnern, da mein Kind zum Opfer gefallen war.

Ich erholte mich schwer. Mir fehlte der Wille zur Kraft.

Eines Abends sa ich mit meinem Sohne zusammen unter der grnumschirmten
Lampe. Er war in das Buch vertieft, das aufgeschlagen vor ihm auf dem
Tische lag.

Das mut du hren, Mama, rief er aus; seine Augen glnzten vor
Entzcken.

    Nun geht in grauer Frhe
    Der scharfe Mrzenwind,
    Und meiner Qual und Mhe
    Ein neuer Tag beginnt ...

las er. In den Stuhl zurckgelehnt, hrte ich ihm zu.

    Kein Druen soll mir beugen
    Den Hochgemuten Sinn;
    Ausduldend will ich zeugen,
    Von welchem Stamm ich bin..

Ich richtete mich auf. Ausduldend will ich zeugen, von welchem Stamm
ich bin, wiederholte ich leise, nahm meines Kindes Kopf zwischen beide
Hnde und kte ihn auf die Stirn. Es war ein Gelbnis.




Sechzehntes Kapitel


Wie die Hasen auf der Treibjagd werden die Revolutionre von den
Soldaten zusammengeschossen, -- fnfzehntausend Gefallene bedecken
Straen und Barrikaden --, so meldete der Telegraph aus Moskau; die
Regierung hat uns betrogen! Der Zar hat sein Versprechen gebrochen! Die
Knute der Kosaken herrscht wieder ber uns, -- so klangen die
Verzweiflungsschreie der Freiheitskmpfer ber die Grenze. Und schwer
und dumpf grten die Glocken das Jahr 1906.

Auf den eroberten Gebieten des Absolutismus halten unsere russischen
Brder ihre Siegeszeichen aufgepflanzt, und an ihnen waren die ppigen
Ranken unserer Hoffnung wuchernd emporgewachsen. Jetzt lagen sie am
Boden. Die Soldaten der Reaktion traten darauf.

       *       *       *       *       *

Und doch bedurften wir in dem Kampf, den wir fhrten, der
Siegeszuversicht. Ein rocher de bronce war Preuen noch immer, dem er
galt, denn als die Frage der Abnderung des Dreiklassenwahlrechts im
Landtag endlich zur Besprechung kam, da erklrte die Regierung: das
Reichstagswahlrecht ist unannehmbar, und fgte der Absage durch den
Mund des Ministers von Bethmann Hollweg die versteckte Drohung hinzu:
das Gefhl der Unlust besteht ja auch im Reiche, wo wir noch dieses
angeblich ideale Wahlrecht besitzen. Noch! -- Wir hatten achtzig
Abgeordnete im Parlament, und doch wrde Preuens Reaktion sie mit einer
Handbewegung beiseite schieben. Es klang wie ein Hohn unserer Ohnmacht,
wenn der Kanzler die Machtmittel des Staats fr ausreichend erklrte, um
Pbelexzesse zu verhindern. Er hatte recht. Es kam zu keinen Exzessen.

       *       *       *       *       *

Die Einfhrung des Zolltarifs stand vor der Tre. Mit neuen Steuern und
Abgaben drohte eine Reichsfinanzreform. Im Hintergrund lauerte das
Raubtier des Kriegs, und die Diplomaten, die mondelang in Algeciras
beisammensaen, um es in Ketten zu legen, schienen es statt dessen gro
zu fttern. Fr neue Kriegsschiffe agitierten die Regierungsparteien und
malten den Weltbrand glutrot auf die leere Leinwand der Zukunft. Aber
das Volk hrte gleichgltig zu, als ginge es das alles nichts an. Wo es
im Laufe der letzten Jahre bei Nachwahlen zum Reichstag um sein Verdikt
gefragt worden war, hatte es Junkern und Junkergenossen das Feld
berlassen.

Mir ist eine kleine Schar berzeugter Genossen lieber, als eine groe
Menge unsicherer Mitlufer, hatte Bebel wiederholt gesagt. Das sollte
ein Trost sein und war bei Licht besehen nur die Konstatierung einer
Tatsache, denn der Zuzug aus brgerlichen Kreisen hatte sich verlaufen.
Freiheit, Gleichheit, Brderlichkeit, -- das war der Trunk gewesen, an
dem sich deutsche Trumer von jeher berauscht hatten. Diesmal war er von
der Sozialdemokratie kredenzt worden. Als sie aber erwachten und die
Welt noch immer nicht ihren Dichteridealen entsprach, und die Genossen
die Ritter vom heiligen Gral nicht waren, die sie in ihnen gesehen
hatten, da versanken sie wieder in politische Gleichgltigkeit.

In die Maienpracht junger Hoffnungen war der Reif der Enttuschung
gefallen. Es schien fast, als ob alle Knospen daran sterben sollten.

An jenem roten Sonntag, der in ganz Preuen der Demonstration gegen
das Dreiklassenwahlrecht gewidmet war, sprach ich in einem kleinen
Fabrikort Brandenburgs. Es war ein trber Abend; der Saal lag abseits
zwischen hohen Mauern in einem feuchten Grunde. Mein Appell an die
Begeisterung, an die Widerstandskraft verhallte wirkungslos. Und es war
nicht nur meine Schuld, da das Feuer nicht brennen wollte. Regenschauer
hatten das Holz na gemacht, so da es nur knisterte. Wir protestierten
gemeinsam gegen die preuische und gegen die russische Reaktion, aber
mir schien, als stnde hinter diesem Protest nicht der Wille zur Tat,
sondern ein resigniertes Gefhl der Ohnmacht.

       *       *       *       *       *

Die Neue Gesellschaft fhrte die Sprache der Kraft. War sie nicht mehr
die der Massen, da sie sie nicht hren wollten?

Frhling und Sommer zogen an unseren Fenstern vorbei. Wir saen gebckt
am Schreibtisch und wagten nicht, einander in das Antlitz zu schauen.
Zuweilen war mir wie einem, der in eine Htte mit blinden Scheiben
gesperrt ist und nichts sieht als den Staub und die Drftigkeit der
nchsten Nhe. Dann durstete ich so sehr nach Luft und Sonne, da ich
jeden Hauch, der durch die Tre drang, jeden Strahl, der sich hinein
verirrte, wie einen Boten der Erlsung begrte.

Meine Schwester hatte sich verlobt.

Jetzt erst wei ich, was Liebe ist, hatte sie mir mit glhenden Wangen
und heien Augen zugeflstert. Das Leben war ihr viel schuldig
geblieben, darum glaubte ich freudig daran, und ihr Glck lie mich ihr
gegenber freier atmen, darum unterdrckte ich jeden Zweifel. Sie fhrte
uns ihren Verlobten zu, einen jungen Arzt, hinter dessen auffallender
Schweigsamkeit ich den Menschen zu sehen mich zwang, den sie lieben
konnte. Sie heirateten bald. Auf den Hhen der Schwbischen Alb bernahm
er die Leitung eines Sanatoriums. Sie schrieb Briefe, die ein einziger
Jubel waren, und sandte Bilder mit Bergen und Wldern und weiten Blicken
ber friedliche Tler. Aber es fiel auf meine Seele nur wie ein
Sonnenstrahl aus dem Gewlk, das sich danach nur noch dichter und
dunkler zusammenzog.

       *       *       *       *       *

Um jene Zeit erging von einem aus den Anhngern der verschiedensten
Parteien bestehenden englischen Komitee, dem unter anderen auch eine
groe Zahl englischer Parlamentsmitglieder angehrte, an die Zeitungen
aller deutschen Parteien die Einladung zu einem Besuch nach England.
Angesichts der gewissenlosen Hetze und der Kriegstreiberei
hfisch-militrischer Kreise und ihrer Werkzeuge in der Presse sollte
diese Veranstaltung dazu dienen, die wahre Gesinnung des englischen
Volkes kennen zu lernen und die freundschaftlichen Beziehungen der
beiden Lnder wieder frdern zu helfen. Keir Hardie, der Fhrer der
englischen Arbeiterpartei, hatte die Einladung mit unterzeichnet. Auch
bei der Redaktion der Neuen Gesellschaft lief sie ein, von einem Brief
meines alten Freundes Stead begleitet, der die Hoffnung aussprach, wir
wrden ihr Folge leisten.

England! Wieviel Erinnerungen wurden in mir wach! Es war mir das
Sprungbrett des neuen Lebens gewesen. Vielleicht, da es mich nun aus
seinem Labyrinth wieder ins Freie zu fhren vermchte! Meine Hoffnung
sah einen Weg aus der Not und der Enge heraus, -- und wenn's nur ein
flchtiges Aufatmen wre in freier Luft! Mein Mann legte die Einladung
beiseite wie etwas selbstverstndlich Abgetanes.

Meinst du nicht, da ich sie annehmen knnte, -- in unserem Namen,
fragte ich zgernd. Ich mchte fort, -- hinaus, ein einziges Mal nur!
--

Er sah verwundert von der Arbeit auf. Wenn dir soviel daran liegt,
bedarf es gar nicht der tragischen Gebrde! antwortete er ruhig.

Nun erschien mir mein Wunsch doch im Lichte strflicher
Vergngungssucht. Ich mute mich und ihn beruhigen, der nicht anders
denken mochte: Ich werde Berichte schreiben, -- neue Beziehungen
anknpfen. Vielleicht verschaffe ich mir sogar bei der Gelegenheit die
Korrespondenz fr ein englisches Blatt.

Der Gedanke besonders elektristerte mich: das wre doch eine Sicherheit,
wenn die Neue Gesellschaft zusammenbrche.

Kurz vor meiner Abreise besuchte uns Reinhard. Ich lese Ihren Namen
unter denen der Journalisten, die nach England fahren, begann er
erregt.

Gewi, entgegnete ich, und was haben Sie dagegen? Keine der berhmten
bindenden Parteitagsresolutionen hindert mich daran!

Aber Ihr Gefhl mte es tun, brach er los; wollen Sie sich denn
gewaltsam jeden Vertrauens berauben?! Kein Genosse wird es begreifen,
da Sie mit einer Reihe unserer rgsten Gegner gemeinsame Sache machen!

Schlimm genug, wenn dem wirklich so sein sollte! rief ich aus. Haben
wir nicht auf dem Heimarbeiterschutzkongre mit Gegnern zusammen
gearbeitet, tun wir es nicht dauernd im Parlament? Und mir sollte es
verdacht werden, wenn ich mich an einer Reise beteilige, deren Zweck
durchaus im Interesse der Partei liegt? Wir Mitreisenden sollen uns doch
nicht untereinander verbrdern; uns wird nichts als die Gelegenheit
geboten, es mit aufrichtigen Friedensfreunden in England zu tun.

Das mag alles so sein, wie Sie sagen, antwortete er, trotzdem drfen
Sie -- gerade Sie, deren Stellung doch schon schwierig genug ist --
nicht als einzelne der Empfindung der Massen entgegenhandeln.

Ich warf den Kopf zurck. Jetzt erst wute ich, da diese Reise nicht
nur meine persnliche Angelegenheit war. Ich verstehe Ihre gute
Absicht, sagte ich, aber wenn etwas mich in meinem Vorhaben noch
bestrken knnte, so sind es die Grnde, durch die Sie mich davon
abbringen wollen. Nichts ist mir von jeher so verchtlich gewesen wie
Lakaiengesinnung, gleichgltig ob sie vor dem einzelnen oder vor der
Masse zum Ausdruck kommt --.

Ich mute Ihnen doch nicht Lakaiengesinnung zu! unterbrach er mich
heftig.

Was ist es anderes, wenn Sie verlangen, ich sollte mich der Empfindung
der Masse beugen, nicht weil sie die rechte, sondern weil sie die
herrschende ist?! Wir kommen nie vom Fleck, wenn wir unsere bessere
Einsicht nicht zur Geltung bringen; wir erziehen dadurch im Volk nur
einen noch beschrnkteren, noch despotischeren Herrscher, als unsere
Frsten es sind.

Im Grunde bin ich ja Ihrer Meinung, lenkte er ein; es handelt sich
doch in diesem Fall nur um eine kleine Konzession, fr die Sie grere
Werte eintauschen werden.

Ich lachte spttisch auf: Meinen Sie?! Man wird mir nicht mehr
vertrauen und mich nicht weniger verleumden, wenn ich auf die Reise
verzichte. Aber man wird wissen, da ich kein Zeug zum Demagogen habe,
wenn ich auf meinen Entschlu beharre, -- auch jetzt, wo mir die Folgen
klar sind.

Reinhard verabschiedete sich khl und fremd. Er war einer der Besten
und Selbstndigsten unter den Genossen. Ich frchte, wir haben ihn
verloren, sagte mein Mann. Ich unterdrckte einen schweren Seufzer.

       *       *       *       *       *

Mitte Juni reisten wir ab. Schon im Zuge, der uns nach Bremerhaven
fhrte, freute ich mich der Gegenwart Theodor Barths; -- ein freier
Mensch und ein Gentleman, also einer der Seltenen, mit denen sich ber
alle trennenden Schranken der Politik verkehren lt. Auf dem Schiff
fanden sich die brigen Reisegefhrten ein: neunundvierzig Journalisten,
unter denen ich die einzige Frau war. Ich empfand, wie meine Anwesenheit
sie beunruhigte. Sollten sie mich als Dame oder als Sozialdemokratin
behandeln? Sie entschlossen sich in der Mehrzahl, ihrer politischen
Gesinnung auch auf dem neutralen Boden unseres Dampfers unverflschten
Ausdruck zu geben. Offenbar strte es sie nur, da ich ihnen durch mein
Benehmen keinen besseren Anla dazu bot.

Ich kmmerte mich wenig um sie; mit durstigen Zgen atmete ich die
frische Salzluft ein, und mit jeder Meile, die wir uns von der Kste
entfernten, fiel mehr und mehr von mir ab, was lastend und qulend mein
Herz bedrckte. Ich stand lange am Zwischendeck, wo sie beieinander
hockten, all die Mnner, Frauen und Kinder, die das Vaterland
ausgestoen hatte. In dem Antlitz der meisten blitzte etwas wie
Zukunsfshoffnung auf. Fast dnkte es mich beneidenswert: das alte Leben
hinter sich zu lassen und nur mit dem leichten Bndel unter dem Arm
einem neuen entgegen zu gehen.

In London hatte Beerbohm Tree in seinem Theater fr die deutschen Gste
den ersten Empfang bereitet. Ich ging nicht hin; unsere heimische
Bhnenkunst hat uns den Geschmack fr ein Komdiantentum verdorben, das
vielleicht vor fnfzig Jahren auch bei uns noch das herrschende war. Ich
erwartete statt dessen Stratfords Besuch.

Wissen Sie noch, wie wir damals voneinander gingen? fragte er nach der
ersten Begrung.

Ich nickte lchelnd: Ein Mann, wie Sie, gehrt der Sache des
Sozialismus, sagte ich Ihnen.

Wren nur nicht der Fesseln so viele, antwortete ich, und Sie riefen
mir zu: 'wir werden sie beide zerbrechen mssen' -- nun haben wir sie
zerbrochen!

berrascht sah ich ihn an.

Ich kandidiere als Vertreter der Arbeiterpartei fr das Parlament,
fgte er mit einem Aufleuchten in den hellen Augen hinzu.

Ich drckte ihm die Hand.

Er schien einen Ausdruck grerer Freude erwartet zu haben. Haben Sie
das Kettenbrechen bereut?! fragte er zweifelnd.

Nein, lieber Freund, antwortete ich mit starker Betonung, nein! Ich
erinnerte mich nur der wunden Hnde, die es kostet.

Am nchsten Morgen sprach ich John Burns auf der Themseterrasse des
Parlaments. Mir schien, als sei es gestern gewesen, da er mir auf den
Marmortisch die Situation der deutschen Sozialdemokratie aufgezeichnet
hatte.

Habe ich nicht recht behalten? fragte er im Laufe des Gesprchs.

Nicht ganz, entgegnete ich; der Druck von auen pret uns zwar
zusammen, aber er hindert nicht nur die Wirkung ber seinen Ring hinaus,
er trgt auch dazu bei, da wir unsere Krfte im gegenseitigen
Kleinkrieg verzetteln.

Sie bertreiben, meinte er leichthin. Jeder Kampf ist Leben und weckt
Leben! Sie sind wie der Akteur auf der Bhne, der das Ganze nicht
bersehen kann, whrend wir, die Zuschauer, von fern mit unserem
Opernglas Handlung und Szenerien begreifen. Der deutsche Revisionismus
siegt nicht nur, -- er hat schon gesiegt.

Ich lchelte ein wenig von oben herab zu seinen apodiktischen Stzen und
lenkte die Unterhaltung auf sein eigenes Wirken.

Ich bin nach wie vor Sozialist, gerade weil mich keine Arbeit schreckt,
wenn es gilt, meiner berzeugung auch nur einen Fu breit Boden zu
gewinnen, sagte er, ich scheue nichts, wenn der Preis dafr mehr Macht
ist. Wer immer nur zuschaut und schimpft und kritisiert und dazwischen
moralische Bomben wirft, ist in meinen Augen Anarchist.

Einer der deutschen Englandfahrer nherte sich in respektvoller Haltung.
Unser langes Gesprch setzte ihn offenbar in Erstaunen. Er wartete
darauf, vorgestellt zu werden. Und erst jetzt fiel mir ein: der John
Burns von heute war ja Minister!

Der Gastfreundschaft, mit der uns die Englnder empfingen, entzog ich
mich von da an nur selten. Ich hatte meine leise Freude an den
verblfften Gesichtern meiner Reisegefhrten, die allmhlich einsahen,
da im Lande alter Kultur nur die Erziehung, nicht aber die politische
Stellung des Einzelnen gesellschaftliche Unterschiede herbeifhrt, und
ich merkte erst jetzt, wo ich einmal wieder als Gleiche von Gleichen
behandelt wurde, wieviel ich entbehrt hatte.

Eines Vormittags besichtigten wir den Tower. Schon als ich aus dem Hotel
trat, war mir aufgefallen, da die photographischen Kameras der
englischen Reporter sich pltzlich auf mich richteten.

Auf dem Wege kam Bernard Shaw mir entgegen und reichte mir mit einem
sarkastischen: Da haben Sie wieder einmal ein unverflschtes Zeugnis
der deutschen Sozialdemokratie, ein englisches Morgenblatt.

Es enthielt ein Telegramm aus Berlin: Der 'Vorwrts' beschuldigt Frau
Alix Brandt, die einzige Vertreterin der sozialdemokratischen Presse bei
der Englandreise deutscher Journalisten, des Parteiverrats und kndigt
ihr an, da sie ihres unbotmigen Verhaltens wegen zur Rechenschaft
gezogen werden wrde.

Ich ballte das Blatt Papier heftig zusammen und schleuderte es zu Boden.
Das glaube ich nicht, stie ich zornig hervor.

Shaw lachte: Und doch ist nichts gewisser, weil nichts folgerichtiger
ist! Die deutsche Partei ist von nichts freier als von -- Freiheit. Sie
ist die konservativste, die respektabelste, die moralischste und die
brgerlichste Partei Europas. Sie ist keine rohe Partei der Tat, sondern
eine Kanzel, von der herab Mnner mit alten Ideen eindrucksvolle
Moralpredigten halten. Mit Millionen von Stimmen zu ihrer Verfgung,
widersteht sie den Lockungen des Ehrgeizes und denen realer Vorteile,
die ein ffentliches Amt mit sich bringt, und bezeichnet denjenigen, der
sich von den Freuden tugendhafter Entrstung zu den Arbeiten praktischer
Verwaltung wendet oder auch nur an einer allgemeinen Veranstaltung in
ffentlichem Interesse teilnimmt, als einen Abtrnnigen und Verrter.
Freiheit vom Dogmenglauben ist eines der Grundprinzipien des echten
Sozialismus, -- die Deutschen sind dogmatischer als die Kirchenvter.
Der Wille zur Macht ist ein anderes, -- die Deutschen machen den Willen
zur Phrase daraus. Die Herrschaft des Geistes ist ein letztes, im
Gegensatz zur Herrschaft des Kapitals, -- die Deutschen stellen das auf
den Kopf und verlangen die Unterwerfung unter die Herrschaft der Masse.

Ich hatte seinen raschen Redeflu, den der Zorn diktierte, nicht
unterbrochen. Ich hrte den gleichen Ton heraus wie bei den Worten von
Burns, und in mir begann eine Saite, die schon lange leise tnte,
lebhaft mitzuschwingen.

Noch am selben Abend bekam ich einen Brief von Keir Hardie.

... Ich bin ganz auerstande, zu begreifen, welches der Grund sein
konnte, Ihre Teilnahme an der Englandreise zu verurteilen, hie es
darin. Es ist fr uns Sozialisten in England eine selbstverstndliche
Gewohnheit, gelegentlich mit Nichtsozialisten zusammenzugehen, wenn es
im Interesse der Frderung einer groen und guten Sache gelegen ist.
Unsere Erfahrung hat uns bewiesen, da der Sozialismus dadurch nur
gestrkt werden kann. Ich will damit nicht behaupten, da unsere
deutschen Genossen unserem Beispiel unbedingt folgen mten, aber im
vorliegenden Fall bleibt ihre Haltung Ihnen gegenber mir vollstndig
unverstndlich ...

Ich stand nun pltzlich im Mittelpunkt des Interesses und wurde von
Interviewern belagert, die von der ganzen Sache keine andere Auffassung
hatten, als da die groe deutsche Arbeiterpartei sich dadurch dem
Gelchter der Welt ausgesetzt habe. Und ich gab ihnen stets die gleiche
Antwort: Die Sozialdemokratie, der ich stolz bin anzugehren, hat mit
den Quertreibereien einzelner von preuischem Polizeigeist durchseuchter
Genossen nichts zu tun. Als aber mein Mann mir die Zeitungen schickte,
-- nicht nur den 'Vorwrts', sondern eine ganze Anzahl anderer
Parteibltter, -- da schmte ich mich und ging den Interviewern so weit
als mglich aus dem Wege, um nicht reden zu mssen. Und doch war es
weniger die beleidigende Form der Angriffe, die mich verletzte, als die
Gehssigkeit, die dabei zum Ausdruck kam. Wie stark mute sie sein, um
alle Klugheit, alle Rcksicht auf das Ansehen der Partei beiseite zu
schieben? Oder gab es etwas Lcherlicheres, als meine Reise, --
gleichgltig, ob man sie verurteilte oder nicht, -- zu einem
Parteiskandal aufzubauschen? Nur eine tiefe, innere Krankheit konnte
solche Symptome zeitigen. Ich kmpfte noch mit mir, ob es nicht meiner
unwrdig wre, mich gegen Ausbrche der Pbelgesinnung zu verteidigen,
als ich die Antwort erhielt, die mein Mann der Parteipresse hatte
zugehen lassen. Das waren Rutenstreiche, -- es blieb mir nichts zu
sagen brig. Seltsam nur, da die Ritterlichkeit, mit der er fr mich
eintrat, eine alte Wunde aufs neue bluten machte, statt sie zu
schlieen.

Der Schatten, der sich mir ber Englands schne Sommertage breitete,
wich nicht mehr.

       *       *       *       *       *

Ich hatte immer gegen Massen-Museumsfhrungen, gegen Gesellschaftsreisen
und dergleichen eine ausgesprochene Abneigung gehabt. Wem Kunst und
Natur mehr sein soll als ein Gesprchsthema, der mu ihnen Auge in Auge
still und allein gegenberstehen. Und wer vor den Heiligtmern der
Menschheit seine Andacht verrichten will, der kann es nur in Gegenwart
derer, die seine Nchsten sind.

Wir traten zusammen an Shakespeares Grab, -- es war wie ein Sakrileg.
Wir kamen in sein Geburtshaus und in die blumenumrankte, strohgedeckte
Htte seiner Liebsten, -- aber Shakespeares Geist floh vor uns.

Wir kamen nach Cambridge, jener alten Universitt, die sich den Typus
der mittelalterlichen Klosterstadt noch erhalten hat. Wer ihre
Sulenhallen um alte Grten allein betreten knnte, dem mten die Bume
in den Weisen derer rauschen und flstern, die hier dichteten: eines
Marlowe, Milton, Byron. Und wer sich still an einen alten Pfeiler lehnen
und in die dmmernden Bogengnge blicken drfte, dem wrde aus dunkel
geschnitzten Pforten Erasmus von Rotterdam entgegentreten, und Cromwell,
und Newton.

Wir sahen nur freundliche Professoren und Photographen und hrten Reden
und Tellergeklapper.

       *       *       *       *       *

Als die Mehrzahl der Geladenen England wieder verlassen hatte, sprach
ich meinen Freund Stead, der als Reisemarschall der Gste unaufhrlich
in Anspruch genommen gewesen war, zum erstenmal allein.

Ihnen geht es gut, sagte er, als wir einander in seinem Heim gegenber
saen.

Woher wissen Sie das? fragte ich mit einem bitteren Gefhl im Herzen.

Sollten Sie etwa noch den alten Glcksbegriffen huldigen? fragte er
dagegen.

Jeder hat seine persnlichen, antwortete ich ausweichend.

Und sollte nur einen haben, aus dem sich alle anderen entwickeln:
leistungsfhig zu sein, ergnzte er. War ich schon so alt, da er mir
solch einen Glcksbegriff zumutete, der mir nur mit uerster
Selbstverleugnung Hand in Hand zu gehen schien?

Sie miverstehen mich, meinte er. Ich begreife darunter die strkste
Selbstbehauptung: die Entwicklung aller Fhigkeiten zum uersten Ma
ihrer Leistungskraft ... Wir wurden unterbrochen; es war gut so, denn
um so strker prgten sich mir seine Worte ein.

Nun blieb mir noch brig, ehe ich heimfuhr, zu erreichen, was ich mir
vorgenommen hatte. Ich verhandelte mit verschiedenen Redaktionen wegen
der bernahme einer deutschen Korrespondenz. In den Briefen meines
Mannes sprte ich immer deutlicher den schweren Atem der Sorgen. Um
irgend eine ihrer Lasten erleichtert, mute ich nach Hause kommen. Aber
so oft ich auch durch die glutheien Straen Londons von einem Bureau
zum anderen ging, meine Abreise immer wieder aufschiebend, weil eine
neue leise Hoffnung mich festhielt, das Ergebnis blieb ein negatives.
Inzwischen war auch die brgerliche Presse Deutschlands meiner Reise
wegen ber mich hergefallen, -- die vereinzelten Stimmen der
Verteidigung waren im Chor der Schreier verhallt, -- das mochte die
hflich ablehnende Haltung mit verursachen. Ich mute mich entschlieen,
mit leeren Hnden zurckzukehren. Nur einer Einladung wollte ich noch
Folge leisten.

In Warwick, einem Stdtchen am Avon, das von den dicken Trmen einer
uralten Burg berragt wird, fand eines jener historischen Festspiele
statt, an denen sich alljhrlich in den verschiedenen Gegenden Englands
die ganze Bevlkerung beteiligt. Ich fuhr hin und sah im Park des
Schlosses die Darstellung jenes glanzumflossenen Teiles der englischen
Geschichte, von der seine Mauern noch erzhlen. Auf der weiten, von
mchtigen Bumen zu beiden Seiten abgeschlossenen Rasenflche, mit dem
Flu in der Mitte, der zwischen blhenden Rosenbschen und hngenden
Weiden lautlos vorberzieht, und dem Hintergrund einer sanft
verschwimmenden Hgellandschaft zogen Jahrhunderte vorber. Und zuletzt
vereinigten sich noch einmal zweitausend Menschen zu Fu und zu Pferde
in den Rstungen und Gewndern aller Zeiten. Nun kommt die
Schluapotheose, dachte ich, mit der Bste des Knigs und einem Rule
Britannia aus allen Kehlen. Ich erhob mich, um zu gehen.

Aber da sah ich, wie die Ritter und Edeldamen, die Frsten und Knige
langsam und leise hinter Bumen und Bschen verschwanden. Nur einer
blieb zurck, allein, weltbeherrschend, als wre die jahrhundertelange
Entwicklung nur notwendig gewesen, um diesen einen hervorzubringen, der
grer ist als alle: William Shakespeare.

       *       *       *       *       *

Der Wille zur Macht, -- die hchstmgliche Entwicklung der
Persnlichkeit als Ziel des einzelnen, -- der bermensch als Ziel der
Menschheit --: zu einem einzigen vollen Akkord vereinigten sich
pltzlich die Klnge, die mir diesmal in England entgegengetnt hatten.
Mein Herz schlug zum Zerspringen wie das eines Gefangenen, dem die
Ketten vom Fue gelst werden und die Pforten sich ffnen zur freien
Wanderschaft. Er sieht nichts wieder als die alte vertraute Welt seiner
Jugend, und doch erscheint sie ihm wie ein Wunder so neu. Ein halbes
Kind war ich gewesen, als ich aus Nietzsches Frhlicher Wissenschaft den
ersten Ruf persnlicher Befreiung vernahm: Das Leben sagt: Folge mir
nicht nach; sondern dir! sondern dir! -- Galt nicht derselbe Ruf heute
der Menschheit?

       *       *       *       *       *

Am letzten Tage meines londoner Aufenthalts traf ich auf der Strae eine
Kapitnin der Heilsarmee, die mich herzlich begrte.

Sie kennen mich wohl nicht mehr? fragte sie lchelnd; aber der Nacht
in Whitechapel vor elf Jahren erinnern Sie sich gewi.

Im Augenblick sah ich das Weib wieder vor mir, die, von den Gefhrten
ihres Jammers umringt, im Schmutz der Gasse geboren hatte. Ich streckte
meiner einstigen Fhrerin erschttert die Hand entgegen.

Sie wrden mir heute, nach all den Reformen des Grafschaftsrats, nichts
hnliches zeigen knnen, sagte ich.

Man hat aufgerumt, -- gewi, antwortete sie ruhig, und an Stelle
mancher elenden Huser neue gebaut, aber das Elend ist immer dasselbe.
Die einen sterben, andere wandern zu ...

Entsetzlich! rief ich aus. Wie knnen Sie das nur ertragen?!
Erscheint Ihnen nicht Ihre ganze Arbeit hoffnungslos?!

Sie lchelte freundlich: Ich habe viele Seelen gewonnen, denen fr
allen Erdenjammer der Himmel offen steht.

Noch nie war mir der Christenglaube so grausam erschienen als in diesem
Augenblick. Wie eine Zyklopenmauer richtete er sich auf zwischen den
Menschen und ihrer Erlsung. Ich verabschiedete mich rasch. Den vollen
Akkord, den ich eben noch vernommen hatte, durchtnte eine schrille
Dissonanz. Ich war der schaffende Knstler nicht, der die einheitliche
Lsung htte finden knnen. Als ich aber dann heimwrts fuhr,
beherrschte mich nicht mehr jene niederdrckende Empfindung, mit leeren
Hnden zu kommen.

       *       *       *       *       *

Mein Mann empfing mich mit wehmtiger Zrtlichkeit, soda ich ihm
angstvoll forschend ins Auge sah. Es ist nichts, Kind, nichts! wehrte
er in nervser Erregung ab. Ich bin nur abgespannt, -- nur mde. Aber
allmhlich erfuhr ich doch, was geschehen war: eine Gruppe von
Parteigenossen seines Wahlkreises forderte von ihm die Niederlegung
seines Mandats, weil -- ich mich an der Englandreise beteiligt hatte,
und ein auerordentlicher Kreistag sollte darber entscheiden.

Glhende Sommerhitze brtete ber der Mark; an den Bumen in den Straen
hingen die Bltter schon gelb und tot; kein Lftchen rhrte sich, und
doch umgaben dichte Staubwolken den Wagen, der uns von Gusow nach
Platkow fhrte. In dem kleinen Saal herrschte unertrgliche Schwle. Er
war schon gefllt, als wir kamen: von lauter schweigenden Menschen mit
harten Zgen und finsteren Blicken. Unsere alten Kampfgefhrten rhrten
kaum an die Mtze bei unserem Eintritt. Einen Augenblick lang
umklammerte ich den Arm meines Mannes, -- auer ihm hatte ich hier
keinen Freund mehr. Die Anklage wurde verlesen. Es war die Sprache des
Vorwrts, den sie fhrte. Das hat Berlin diktiert! rief Heinrich.
Die Falten auf der Stirn unserer Richter vertieften sich.

Mein Mann antwortete zuerst. Er erinnerte daran, wie hufig schon
hervorragende Parteigenossen sich mit politischen Gegnern zu gemeinsamer
Arbeit vereinigt htten, wie es auch an Beispielen fr das harmlosere
Zusammensein zu geselligen Zwecken nicht gefehlt habe. Und als einer
wtend dazwischen schrie: Die Monarchentoaste! erklrte er, da die
Teilnahme an dieser Form internationaler Hflichkeit um so weniger als
eine Verleugnung der republikanischen Gesinnung angesehen werden knne,
nachdem wir uns den viel ernsteren Treueiden der Landtagsabgeordneten
unterwerfen mten. Als er geendet hatte, hoben sich ein paar Hnde zu
schchternem Applaus; die Mehrzahl der Genossen aber verharrte weiter in
finsterem Schweigen. Die nach ihm sprachen, hatten ihre Reden alle auf
einen Ton gestimmt: da die Partei durch uns geschdigt worden sei.

Fr uns jibt's nur ein rechts und links, rief der Maurer Merten; die
Akademiker, die nich Fleisch sind von unserem Fleisch, die zieht's eben
immer wieder zu den Bourgeois. Ich aber sage Euch, Jenossen -- dabei
hieb er mit der breiten Faust auf den Tisch -- sowas drfen wir uns
nich lnger gefallen lassen, am wenigsten von unserem Abgeordneten. Was
wre verloren, wenn die Jenossin Brandt nich nach England jefahren
wre?! Es wre ooch noch so! Nu aber, wo sie hinfuhr, sehen wir, da sie
kein proletarisches Bewutsein hat; da sie den Klassenkampf in
Harmonieduselei verwandeln mchte und statt gegen die Gegner neben uns
zu stehen mit ihnen bei Schampagner un Braten techtelmechtelt ...

Bravo, Bravo -- klang es von allen Seiten, whrend mein Mann wtend
vom Stuhl sprang und ein Unverschmt! zwischen den Zhnen hervorstie.
Mich packte ein jher Schreck, als habe sich pltzlich vor mir die Erde
gespalten: standen wir allein auf der einen Seite und jenseits die
selbsterwhlten Gefhrten?!

Die Genossin Brandt hat das Wort, hrte ich wie von weit her sagen.
Ich sammelte mich rasch. Aller Augen sah ich auf mich gerichtet.

Mein Vorredner, begann ich, hat einen konsequenten Standpunkt
vertreten, er htte nur hinzufgen mssen, warum bei uns zum Verbrechen
gestempelt wird, was anderen kein Hrchen krmmte: wir sind des
Revisionismus verdchtig. Das Schauspiel, das Sie hier auffhren, wre
noch klglicher, als es so wie so schon ist, wenn nicht im Hintergrund
tiefere Differenzen schliefen. Sie stehen auf dem Boden des
Klassenkampfes, -- wir auch; Sie hassen die kapitalistische
Wirtschaftsordnung, -- wir auch. Aber ihrer selbst unbewut, fhren Sie
den Klassenkampf im Sinne des Krieges; Sie wollen den Gegner
niederzwingen, Sie wollen sein Land erobern. Sie, die Sie seit
Jahrtausenden die Lasttrger der Menschheit sind, wrden es schon als
gerecht empfinden, wenn nur die Rollen der Unterdrcker und
Unterdrckten vertauscht wrden. Sie sehen in jedem Vertreter der
herrschenden Gesellschaft einen Feind, weil Sie ihm als die Abhngigen,
Unfreien gegenberstehen, weil Sie ihm schon das bloe Sattsein neiden
mssen. Wir knnen Ihren von der Bitterkeit des eigenen Herzens
genhrten Ha nicht mitfhlen, denn nicht persnliches Leiden machte uns
zu Ihren Genossen. Uns ist das Ziel des Kampfes nicht die vernderte
Herrschaft von Menschen ber Menschen, sondern die uneingeschrnkte
Herrschaft der Menschheit ber die Natur. Die Erde wollen wir erobern,
um gleiche Entwicklungsbedingungen fr alle zu schaffen, nicht
Feindesland, das Unterworfene beackern sollen ...

Ein unwilliges Gemurmel erhob sich. Im Saal fing es an zu dmmern. Ich
unterschied nur noch die Zunchstsitzenden. Sonst war alles eine
schwarze Masse, aus der nur hie und da ein kahler, breiter Schdel, ein
weier Bart, der glhende Punkt einer Zigarre herausleuchtete.

Die Diktatur des Proletariats! klang es mit tiefer Stimme drohend aus
dem dunkelsten Winkel.

Die Jakobiner! antwortete es in meinem Innern. Ich fhlte, die Luft war
geladen mit Sprengstoff gegen mich.

Den Faden meiner Rede hatte ich verloren, und unsicher und leise fuhr
ich fort: Ich habe Schulter an Schulter mit Ihnen gekmpft, -- was
bedeutet das gegenber der Tatsache, da ich mit politischen Gegnern auf
demselben Schiff nach England fuhr! Wir haben zusammen diesen Wahlkreis
erobert, und in jener Nacht, da die alte rote Fahne als Zeichen des
Sieges ber uns flatterte, hat uns ein starkes Gefhl, wie ich glaubte,
auf immer verbunden, -- aber was bedeutet das gegenber dem Verbrechen
der Kaisertoaste! Der Zweck der Reise war nichts anderes, als was im
Interesse des Sozialismus gelegen ist, -- was bedeutet das gegenber der
Snde, mit Nichtsozialisten an einem Tische gesessen zu haben! Dafr
ist's nicht genug, da unsere Presse mich beschimpfte, wie kein
brgerliches Blatt jemals zuvor, -- nein, es mu auch noch ein Exempel
statuiert werden: der Genosse Brandt mu fallen! ... Nicht um
unsertwillen, denn nicht wir sind die Unterlegenen, wenn Sie den
vorliegenden Antrag annehmen, sondern im Interesse der Partei erwarte
ich von Ihnen seine Ablehnung. Leisten Sie ihm Folge, so enthllen Sie
eine schwrende Wunde, und das in einem Augenblick, wo die brgerliche
Welt gierig darauf wartet, uns bei einer Schwche ertappen zu
knnen ...

Keine Hand rhrte sich. Die Petroleumlampe, die von einem roten
Papierschirm umgeben, von der Decke herabhing, flammte auf und warf ein
unsicher flackerndes Licht ber heie Gesichter.

Mein Mann sprach noch einmal, -- kalt, zornig. Ich verlange nicht nur,
da Sie den Antrag ablehnen, sondern da Sie ihn zurckziehen, sagte
er.

Der Geruch der qualmenden Lampe machte mich schwindeln. Whrend der
Pause, die die Genossen zur internen Beratung anberaumt hatten,
verlieen wir den Saal. Drauen empfing uns die stille, mondhelle Nacht.
Das Armenhaus gegenber warf einen breiten, schwarzen Schatten auf den
Sand.

Der Antrag, den Genossen Brandt zur Niederlegung seines Mandats zu
veranlassen, ist zurckgezogen, erklrte der Vorsitzende, als wir
wieder eintraten.

Die Versammlung ging ruhig auseinander. Wir verabschiedeten uns mit
einem frmlichen Gru. Auf unserem Wege nach der Station geleitete uns
niemand.

Kaum waren wir ein paar Tage lang in unsere Arbeit wieder vertieft, als
ich erfuhr, da die Berliner Parteileitung mich aus der offiziellen
Rednerliste der Partei gestrichen habe. Ich legte Protest ein und
verlangte, gehrt zu werden.

Man lud mich vor. Rings um den Saal saen die Mnner, in der Mitte an
einer langen Tafel die Frauen, Wanda Orbin an ihrer Spitze. Sie waren
meine Anklger gewesen. Martha Bartels war der Staatsanwalt. Sie zhlte
alle meine Snden auf, von einer Agitationsreise an, die ich vor vier
Jahren hatte absagen mssen, bis zur Englandfahrt. Aber auch meine
Verteidigung war eine Anklage: ich verschwieg nichts. Mitten in meiner
Rede erhob sich Wanda Orbin ungestm von ihrem Platz; ich sah, wie ein
Zittern ihren Krper durchlief, wie der Zorn ihre Zge verzerrte. Im
nchsten Augenblick stand sie vor mir und erhob die Faust, -- einer der
zunchst sitzenden Genossen sprang dazwischen.

So diskutieren wir nicht! rief er emprt.

Der Beschlu, meinen Namen von der Rednerliste zu entfernen, wurde
aufgehoben. Das Verhalten Wanda Orbins mochte die Genossen stutzig
gemacht haben. Trotzdem war mein Sieg nur ein scheinbarer; in seinen
Folgen blieb der Beschlu bestehen.

Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemchtigte sich meiner. Jeder Kampf um
Ideen wirkt erfrischend, selbst wenn er mit den schrfsten Waffen
gefhrt wird. Aber was ich erlebte, war so eng, so klein, hinterlie
einen so arm, mit einem so bitteren Geschmack auf der Zunge. Nicht
Gewitterschwle war's, die lastend auf mir ruhte und die Hoffnung auf
Blitz und Wolkenbruch weckt, sondern feuchtwarmer Nebel, ganz dichter,
undurchdringlicher. Und er umschlang mit seinen langen Armen, die sich
nicht greifen, noch weniger zurckstoen lassen, die ganze Partei.

       *       *       *       *       *

Unter dem Zeichen der siegreichen russischen Revolution hatte der Jenaer
Parteitag gestanden, eine tiefe Erregung, die nach Taten schrie, hatte
sich aller bemchtigt; die Resolution zum Massenstreik hatte angesichts
dieser Stimmung, so vorsichtig sie gefat war, wie eine Fanfare
geklungen. Und nun war der Rausch vorber; die Ernchterung allein
blieb. In kleinlichem Hader, in gegenseitigen Vorwrfen machte sie sich
Luft.

Mit steigendem Mibehagen empfanden die Nur-Politiker den leisen Hohn,
mit dem die Gewerkschafter ihnen begegneten. Sie hatten von jeher dem
Theoretisieren ber den Massenstreik skeptisch gegenbergestanden, und
auf ihrem Kongre in Kln sprachen sie sich rckhaltlos aus; von der
Unfruchtbarkeit der Partei, von dem stagnierenden Sumpf der
gegenwrtigen Situation, von der klglichen Lage, in die wir durch die
wirkungslos verpuffte Landtagswahldemonstration gekommen seien, von dem
Miverhltnis zwischen Worten und Taten war viel die Rede. Nicht ohne
berechtigten Stolz wiesen sie darauf hin, da die anderthalb Millionen
gewerkschaftlich Organisierter eine strkere Macht reprsentierten als
die viermalhunderttausend Mitglieder der sozialdemokratischen
Wahlvereine.

Ich habe die Mglichkeit einer Spaltung der Partei immer weit von mir
gewiesen, sagte einer der gewerkschaftlichen Fhrer; aber wenn die
Dinge sich weiter entwickeln wie jetzt, dann reit uns, wei Gott, die
Geduld! Die Radikalen, die, wenn man den Firnis abkratzt, nichts sind
als gewhnliche Spieer, bilden sich ein, wir tanzen nach ihrer Pfeife,
blo weil sie so laut ist. Sie sollen sich wundern!

Auf dem Parteitag zu Mannheim kam es zu einem Duell zwischen Bebel und
Legien. Keiner war unbestrittener Sieger, Wunden trugen beide davon, die
sogenannte Einigungsresolution war nichts als ein Pflaster. Und die
schweren Nebelschwaden senkten sich tiefer.

Pltzlich aber erhob sich ein Sturm, den kein Wetterkundiger
vorausgesehen hatte: die Regierung forderte einen Nachtragsetat fr den
Krieg gegen die Hereros, der im Verhltnis zu den Millionen, die die
Reichstagsmehrheit bisher fr die Kolonien bewilligt hatte, eine
Lappalie war. Von den Rednern des Zentrums und der Sozialdemokratie
wurde dabei die ganze Kolonialpolitik mit ihren Gewaltmaregeln, ihren
Grausamkeiten aufgerollt, und zu allgemeiner berraschung wurde der
Kredit fr Sdwest-Afrika abgelehnt. Das erschien der Regierung als der
geeignete Moment, dem Volke durch die Tat zu beweisen, da der
Konstitutionalismus in Deutschland nur auf dem Papiere steht: nicht der
Kanzler und die Minister danken ab, wenn die Volksvertreter sie
desavouieren, sondern die Volksvertreter werden mit einem Futritt
hinausgeworfen, wenn sie das persnliche Regiment nicht jasagend
anerkennen.

Wir erfuhren die Nachricht der Reichstagsauflsung, als wir mit Romberg
im Kaffee des Kaiserhofs saen. Und hier, wo eine Anzahl der politischen
Berichterstatter grerer Zeitungen zu verkehren pflegten, rief sie
einen Aufruhr hervor, wie ihn Berlin sonst nicht kannte.

Eine unglaubliche Dummheit der Regierung! rief der eine stirnrunzelnd,
der andere frohlockend.

Nun geht's in den Kampf -- Ich mute an mich halten, um es nicht
jubelnd herauszustoen. Ich sah wieder entwlkten Himmel, weiten
Horizont.

Wenn die Partei sich selbst zerfleischt, so ist noch immer die
Regierung zugesprungen, um die Wunden zu heilen, sagte mein Mann.
Romberg zuckte die Achseln:

Die Kolonialfrage als Wahlparole?! Ich frchte, Sie tuschen sich ber
ihre Bedeutung.

       *       *       *       *       *

Der Winter war ungewhnlich hart damals. Gerade die Not, die ihn zum
Gefolge hat, macht ihn zu unserem Agitator, dachte ich. Alle unsere
Gegner, an ihrer Spitze der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie und
der Flottenverein, rsteten sich bis an die Zhne wider uns. Ich war
berzeugt: das steigere nur unsere Kampflust und festige unsere
Einigkeit wieder. Frst Blow selbst trat auf das Schlachtfeld und rief
die staatserhaltenden Krfte gegen die Sozialdemokratie auf. Dieses
Eingreifen des hchsten Staatsbeamten wird selbst unsere lauen Anhnger
zu hellem Zorn entflammen, -- dessen war ich gewi.

Und der Kampf begann. ber knirschenden Schnee flog der Schlitten, der
mich von einem Dorf zum anderen trug. Oft bestieg ich ihn, glhhei von
der eben gehaltenen Rede, und die Luft, die mir den Atem am Munde
gefrieren lie, schien mir eine Wohltat. In den niedrigen Slen fanden
sich die Menschen ein wie sonst, aber der Sturm, der in den
Schornsteinen heulte, der Schnee, der in dichten Flocken gegen die
Fenster flog, trieb ihnen khle Schauer ber den Rcken.

Je nher der Tag der Entscheidung rckte, desto fieberhafter arbeiteten
wir. Den Husten, der mir des Nachts den Krper erschtterte, suchte ich
zu ersticken, meine Stimme, die versagen wollte, zwang ich unter meinen
Willen. Wir glaubten an den Sieg. Und in Augenblicken selbstvergessener
Hoffnung, wo die bsen Geister der Sorge vor unserer Zuversicht die
Flucht ergriffen, wo alle Furcht sich verkroch wie Schakale vor der
aufgehenden Sonne, da fhlte ich, wie mein Herz hei wurde und der
Aberglaube Gewalt ber mich bekam: von der Entscheidung hngt auch
unsere Zukunft ab.

       *       *       *       *       *

Wieder, wie vor vier Jahren, saen wir am Abend der Wahl im
Gewerkschaftshaus zu Frankfurt. Und wieder hatte die Grtnersfrau den
Korb voll roter Nelken neben sich, und die Fahne lehnte eingerollt an
der Wand. Aber die Genossen, die sich allmhlich hereindrngten, machten
ernste Gesichter, und die Boten, die kamen, brachten lauter Hiobsposten.
Kein Ort, ohne einen Rckgang unserer Stimmen! Dazwischen die Depeschen
aus anderen Kreisen: Verlust um Verlust. Noch ehe die letzten
Nachrichten gekommen waren, leerte sich die Strae unter unseren
Fenstern, und aus dem Saal schlich sich leise einer nach dem anderen. Es
schlug Mitternacht, -- die Nelken welkten schon im Korbe. Wir waren nur
noch ein Huflein in dem groen den Raum, -- wir wollten uns nichts
ersparen: die Schlacht war endgltig verloren.

Wenige Tage spter -- in der Nacht nach den Stichwahlen -- gingen wir
durch die Straen Berlins: da kamen sie in langen Zgen, unsere
berwinder -- kein Polizeisbel, kein Schutzmannskordon hielt sie auf.
Vor dem Knigsschlo sammelten sie sich in schwarzen Massen. Heil dir
im Siegerkranz -- brausend stiegen die Tne durch die klare Winterluft
zu dem hellen Fenster empor, an dem der sich zeigte, der heute in
Wahrheit der Sieger war: der Kaiser.




Siebzehntes Kapitel


Vor einem halben Menschenalter war's. Ich stand allein auf Bergesspitze
im Gewittersturm. Dicht ber mir hingen die Wolken, aus denen das Wasser
brausend in die Tiefe scho, unter mir ballten sie sich zusammen und
verdeckten jeden Ausblick auf stille Drfer und freundliche Heimsttten.
Der Donner rollte; die Berge antworteten ihm, -- ein Gelchter der
Riesen ber das kleine Menschengeschlecht. Jeder Blitz ffnete die
Wolkenwand; das Himmelsgewlbe dahinter stand in Flammen.

Ich aber konnte nicht vor, -- nicht zurck. Ich mute mich dem Wetter
preisgeben, -- und ich frchtete mich -- --

       *       *       *       *       *

Wir lagen nchtelang wach. Jeder tat, als schliefe er, aus Schonung fr
den anderen. Unsere Arbeit lhmte Hoffnungslosigkeit. Wir lchelten, als
wren wir froh, um dem anderen nicht wehe zu tun.

Ilse meldet sich an --, sagte Heinrich, als er eines Morgens die Post
durchsah.

Jetzt?! rief ich erschrocken. Sie kam schon am nchsten Tage, hatte
einen seltsam verngstigten Zug im Gesicht und ein erzwungen
leichtsinniges Lcheln um die Lippen.

Ich mu einmal wieder Grostadtluft atmen, meinte sie; die Stille bei
uns ist oft schaurig.

Mir schien, als zittere sie dabei. Von nun an war der Telegraphenbote
unser hufigster Gast. Zuerst glaubte ich, ihres Mannes besorgte,
sehnschtige Liebe kme in diesem Depeschenwechsel zum Ausdruck. Warum
hatte sie denn nur jedesmal rote Augen, wenn ein Telegramm gekommen war?

Da, eines Morgens, strmte einer in unser Zimmer, die Haare zerzaust,
die Augen rot unterlaufen, -- der Gatte meiner Schwester. Vor seinen
Verfolgern sollten wir ihn schtzen, schrie er verzweifelt und barg den
dunkeln Kopf in Ilsens Scho, die mit erloschenem Blick auf ihn
niedersah, die kleinen schwachen Hnde auf seinem Haar. Noch am selben
Tage kam er ins Irrenhaus. Er war tobschtig. Dann brach auch Ilse
zusammen; aber sie weinte nicht, sie sprach nicht ber ihr Schicksal,
sie war nur wie erstarrt. Auch als sich herausstellte, da ein groer
Teil ihres Vermgens am Sanatorium ihres Mannes verloren gegangen war,
zuckte sie nur die Achseln.

Um so furchtbarer traf es uns. Bisher wre der Verlust des Geldes, mit
dem sie sich an der Neuen Gesellschaft beteiligt hatte, keine ernste
Frage fr sie gewesen. Jetzt war sie es. Hatte ich vor ihrem Kommen
geglaubt, zusammenzubrechen, jetzt kam mir die Kraft zurck, eine des
Fiebers.

Wir mssen aushalten, Heinz, wir mssen! sagte ich, und wenn eine
seiner vielen Bemhungen, Hilfe zu schaffen, wieder vergeblich gewesen
war, so trieb ich ihn zu immer neuen Versuchen an. Und hie und da
glckten sie. Fr ein paar Monate konnten wir weiter schaffen, konnten
leben. Aber jedesmal, wenn wir Hoffnung schpften, erschien sicherlich
irgendein Hetzartikel in der Parteipresse gegen uns, oder in den
Wahlvereinen wurden wir von radikalen Genossen einer neuen Ketzerei
beschuldigt, oder der alte Vorwurf des Geschftssozialismus wurde laut.
Wir sprten das alles an der Abnahme der Abonnenten.

Wie kann ich Geld schaffen, -- wie?! Die Frage beherrschte meine
Gedanken immer mehr. Ein freier Schriftsteller war ich, -- einer von
den Tausenden, die ausziehen, ihre Feder zu fhren wie ein Schwert. Aber
die Not heftet sich an ihre Fe, zuerst ein Zwerg, und dann ein Riese,
der sie in seine Dienste zwingt.

Lieber sterben! sthnte ich.

Doch dann sah ich mein Kind, -- wie es bla war, welch forschende Augen
es auf mich richtete! Ich ri es in meine Arme:

Unter jedes Joch beuge ich meinen Nacken fr dich, dachte ich
verzweifelt.

Ich beschlo, Vortrge zu halten gegen Entree. Das war nichts
Erniedrigendes. Jeder Dozent an der Universitt bekommt ein Honorar fr
die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die er den Hrern vermittelt.
Trotzdem widerstrebte es mir. Ein Gefhl grenzenloser Scham trieb mir
den Angstschwei jedesmal auf die Stirn, wenn ich die Rednertribne
betrat. Ich hatte immer einen vollen Saal. Ich zog, -- ich war eine
Sensation. Wie ein gezhmter Lwe im Zirkus. Gegen ein paar Mark
Eintritt konnte sich nun die beste Gesellschaft, ohne sich etwas zu
vergeben, die berchtigte Sozialdemokratin ansehen, -- mit dem Opernglas
sogar. Meine Zuhrer trugen rauschende Kleider und viele Brillanten an
den weien Hnden, mit denen sie Beifall klatschten, um zu erzwingen,
da ich mich vor ihnen verbeugte.

Unglaublich von einer Genossin, in diesem goldstrotzenden Saal zu reden
und sich von diesem Publikum bezahlen zu lassen --, sagte eine
Besucherin, als ich gerade an ihr vorber ins Freie trat. Ich prete die
Lippen zusammen, um nicht heftig aufzufahren --.

Sobald ich sprach, erschrak ich vor der Stimme, die nicht mehr die meine
war. Im letzten Wahlkampf hatte sie ihren Klang verloren, war heiser und
rauh geworden. Und ich hatte sie geliebt, weil sie meine Worte so leicht
und willig bis in jeden Winkel trug. Doch: -- was bedeutete das jetzt?!
Es war mehr verloren gegangen als der helle Ton meiner Stimme.

Ich fing an zu reisen; von einer Stadt in die andere. Zuweilen auf die
Einladung irgendeines literarischen Vereines hin. In Hannover sagte mir
der Vorsitzende:

Nicht wahr, Sie richten sich darauf ein, da Offiziere unter unseren
Mitgliedern sind.

In Kln hie es: Wir rechnen darauf, da Sie auf unsere jungen Mdchen
Rcksicht nehmen.

Htte ich ihnen doch den Rcken kehren knnen!

Wenn ich nach Hause kam, umklammerte mich mein Sohn mit berstrmender
Zrtlichkeit. Wie ich ihm fehlte! Niemand hatte Zeit fr ihn! Und doch
bedurfte er immer mehr der Freundschaft der Eltern! ber hundert
Rtselfragen des Daseins begann er in seinen vielen einsamen Stunden
nachzugrbeln. Und seine Phantasie, deren ppige Ranken ohne Sttze
blieben, ohne die Hand des Grtners, der sie zur rechten Zeit zu
beschneiden versteht, berwucherten sein Gefhl. Er frchtete sich oft
vor seinen eigenen Trumen, so da ich ihn des Nachts zu mir betten
mute.

Du verzrtelst den Jungen --, sagte Heinrich dann rgerlich. Und fr
bertriebene Sentimentalitt hielt er es, wenn ich von der Atmosphre
des Unglcks sprach, die sichtlich auf des Kindes Seele lastete. So
lernte ich schweigen, auch ber das, was mir am tiefsten das Herz
bewegte. Und in sehr dunkeln Stunden bemchtigte sich meiner ein
fremdes, bses Gefhl. Dann hufte ich auf meinen Mann alle Schuld.

In solch einer Stimmung traf mich Romberg. Er war voll aufrichtiger
Teilnahme.

Lange halte ich es nicht mehr aus, sagte ich, den Kopf in den Hnden
vergraben. Er sollte nicht sehen, da meine Kraft nicht einmal mehr
ausreichte, um die Trnen zurckzuhalten.

Ich wte eine Hilfe, begann er dann langsam, eine, durch die Sie
frei wrden und sorgenlos.

Ich hob den Kopf; alles Blut strmte mir zum Herzen. Eine Hilfe! Er
zgerte. Dann sah er mich an mit einem festen warmen Blick, der die
Freundschaft langer Jahre in sich schlo und sagte, jedes Wort betonend:

Trennen Sie sich von Ihrem Mann.

Als Minuten vergingen, ohne da ich antwortete, erhob er sich.

Zrnen Sie mir? fragte er.

Nein, antwortete ich, ihm die Hand entgegenstreckend. Dann berliefs
mich kalt. Auch jetzt lag die seine schlaff und kraftlos zwischen meinen
Fingern.

Ich berlegte seinen Rat und erschrak nicht einmal vor der khlen Ruhe,
mit der ich es zu tun vermochte. Er hatte recht: allein mit meinem Sohn,
der Last der Zeitschrift ledig, die das meiste verschlang, was ich
verdiente, wrde ich, wenn auch noch so bescheiden, von meiner Arbeit
leben knnen. Und ich wre frei, -- frei! Unwillkrlich streckte ich die
Arme weit aus, als gelte es, die Welt zu umfassen. Aber dann sah ich
ihn: meinen Mann, meinen Kampfgefhrten, meinen Leidensgenossen, -- den
Vater meines Kindes! Ich fing an, ihn zu beobachten. Wie er leiden
mute. Und wie er mich liebte!

Er brachte mir tglich ein paar Blumen mit, und wenn es nur wenige
Veilchen waren. Das schlimmste suchte er mir aus dem Wege zu rumen, so
lange es ging. Er hatte eine ritterliche, zurckhaltende Zrtlichkeit
fr mich. Und mein Junge hing an dem Vater.

Ich kann nicht, lieber Freund, sagte ich mit einem wehen Lcheln, als
Romberg wiederkam. Er runzelte die Stirn und wandte sich ab. Ich legte
ihm die Hand auf den Arm.

Sie mssen versuchen, mich zu verstehen, Sie vor allem! bat ich.
Haben Sie mich nicht selbst verspottet, als ich einmal die freie Liebe
predigte, weil ich berzeugt war, das Eheproblem dadurch lsen zu
knnen? Heute wei ich, da der Zettel auf dem Standesamt nicht die
strkste Fessel ist, die sie unfrei macht. Ich habe Frauen gesehen, die
sich voll Idealismus dem Mann ihrer Wahl vermhlten, ohne ihren Bund
nach auen sanktionieren zu lassen. Nach kurzer Zeit sind sie
bedauernswertere Sklavinnen geworden als die staatlich abgestempelten
Ehefrauen. Ihre und ihres Kindes Existenz war von ihrem Manne abhngig,
und jeden Tag konnte er sie verlassen. Darum klammerten sie sich an ihn,
unterwarfen sich ihm, ertrugen seine Brutalitt, seine Launen, seine
Treulosigkeiten. Ich erkannte, da die wirtschaftliche Selbstndigkeit
der Frau die Voraussetzung des freien Liebesbundes sein mu..

Nun -- und sind Sie etwa wirtschaftlich abhngig?! Sie, mit Ihrer
Begabung, Ihrer Arbeitskraft? unterbrach er mich heftig.

Nein, gewi nicht, entgegnete ich; diese Fessel trag' ich nicht mehr,
und keine Frau brauchte ihre Menschenwrde von ihr erdrosseln zu lassen,
wenn sie arbeiten gelernt hat. Aber es gibt andere Fesseln, -- zart und
weich wie Seide, -- die unzerreibar sind. Mein Sohn liebt seinen Vater.
Wie kann ich sein Kinderherz verwunden, solch einen Zwiespalt in seine
Seele tragen?

Ein Kind berwindet rasch, antwortete Romberg mit einer wegwerfenden
Handbewegung.

Ich verstummte. Er, der mir so nahe gewesen war, rckte pltzlich weit,
weit von mir ab. Ihm von Heinrichs Liebe, von seinem Unglck und den
anderen fr mich unzerreibaren Fesseln zu reden, wre mir wie eine
Preisgabe vorgekommen.

Und doch: irgend etwas mute geschehen.

Bald, -- bald reise ich nicht mehr fort ohne dich, hatte ich immer
wieder beim Abschiednehmen mein Kind getrstet.

Wann bleibst du wieder bei mir, Mamachen? fragte es, und jedesmal
wurde der Ausdruck seines Gesichtchens qulender.

       *       *       *       *       *

Meine nchste Vortragsreise fhrte mich nach Leipzig. Dort wohnte einer
jener stillen Genossen, der fr den Revisionismus eine offene Hand zu
haben pflegte. Als mein Mann sich im Interesse der Neuen Gesellschaft
einmal schriftlich an ihn gewandt hatte, war seine Antwort ein
unfreundliches glattes Nein gewesen. Trotzdem hoffte ich noch auf die
Wirkung einer persnlichen Unterredung. Es galt einen letzten
verzweifelten Versuch.

Ich werde die Reise nie vergessen, nie den Augenblick, wo ich, zitternd
vor Scham und Angst, in des reichen Mannes Zimmer trat. Er mochte ahnen,
da ich als Bittende kam. Es dauerte Sekunden, ehe er mich zum Sitzen
ntigte. Vielleicht wrde er es gar nicht getan haben, wenn er nicht
gesehen htte, da mir die Kniee bebten. Ich hatte einen Mantel an.
Whrend der Zeit, die ich bei ihm war, nahm er ihn mir nicht ab. Er lie
mich reden, ohne eine Miene zu verziehen. Und dann sprach er -- langsam,
jedes Wort betonend, soda es mir weh tat, wie lauter Schlge: Ihr
Mann ist ein guter Redakteur; das hat er am Archiv bewiesen. Aber er ist
ein schlechter Geschftsmann, sonst htte er das prosperierende Archiv,
das ihm eine sichere und angesehene Stellung bot, nicht hingegeben, um
ein aussichtsloses Unternehmen zu beginnen. Ich mag nicht Wasser in ein
hohles Fa schpfen.

Und doch erkannten Sie, wie ich hrte, selber an, da die neue Aufgabe,
die er sich stellte, wichtig, ja notwendig war, wandte ich ein.

Ja. Fr einen Mann, der ausreichende Mittel hat, um die Sache
durchzufhren. Damit erhob er sich.

Ich war entlassen. Mir klebte die Zunge am Gaumen. Nun war der Moment,
der einzige, der mir noch blieb. Ich war ja nicht gekommen, um einen
Rechtsanspruch durchzusetzen, -- ich mute bitten -- bitten. Ich fhlte
die Trnen der Aufregung mir hei die Augen fllen. Nur nicht weinen, --
jetzt nicht weinen, dachte ich und bi die Zhne aufeinander. Da aber
sah ich pltzlich mein Kind vor mir -- ganz deutlich: mit dem ernsten
Blick und der sehnschtigen Frage auf den Lippen. Mein Kind! Glhende
Schweitropfen bedeckten meine Stirn, der Atem stockte. Mit einer
raschen Bewegung warf ich den schweren Mantel von mir und ri das
Fenster rcksichtslos weit auf. Ein konvulsivisches Schluchzen, dessen
ich nicht Herr werden konnte, erschtterte meinen Krper. Dann wandte
ich mich um und hob den Mantel von der Erde auf.

So will ich gehen --, kam es tonlos ber meine Lippen, -- ich konnte
nicht bitten, ich konnte nicht!

Setzen Sie sich! -- Es war wie ein Kommando. Die Erschpfung, nicht
der Gehorsam zwang mich, ihm zu folgen.

Ich werde Ihnen helfen, -- Ihnen persnlich, -- dieses eine Mal --

Ich kehrte zum Hotel zurck. Pltzlich fiel mir ein, da ich die khle
Hand mit meinen Fingern dankend umschlossen hatte. Die Hand des Mannes,
vor dem ich mich so erniedrigt hatte!

       *       *       *       *       *

Und nun ging es zu Ende. Unweigerlich. Trotzdem ich noch hergab, was ich
eben empfangen hatte. Ein einziges Mal noch stieg unsere Hoffnung hoch
auf, wie eine Leuchtkugel. Heinrich erhielt von einem, der helfen
konnte, ein festes Versprechen. Er schlo darauf hin aufs neue mit dem
Drucker ab und mit dem Papierlieferanten. -- Aber die Leuchtkugel
zerplatzte, und es wurde ganz, ganz dunkel.

Ich verlangte Klarheit von meinem Mann, -- rckhaltlose. Er gab sie mir
mit einer Ruhe, von der ich glaubte, da sie eine erzwungene sei: Alles
war verloren. Da wir den Konkurs vermeiden wollten, blieb uns eine
Schuldenlast, an der wir Jahre zu tragen haben wrden. Um die
allernchsten Zahlungen leisten und selbst leben zu knnen, gab es nur
einen Ausweg.

Wir verpfnden unsere Mbel --, sagte Heinrich, mit einem Ton, als
sprche er von dem Gleichgltigsten von der Welt.

Bisher hatte ich zusammengekauert auf dem groen Stuhl gesessen, der mir
immer wie etwas Lebendiges gewesen war, weil seine Lehne den mden Kopf
sttzte, seine Arme sich schtzend an mich schmiegten.

Jetzt fuhr ich auf. Das Letzte soll ich hergeben?! Und du meinst, ich
tte das so kaltbltig wie du es aussprichst?! rief ich, vor Entrstung
am ganzen Krper zitternd. Das hier ist der Rest Heimat, den ich habe.
Fast jedes Stck erinnert mich an den Vater, -- die Gromutter, -- an
Georg, an meine Jugend -- Trnen erstickten meine Stimme.

Mein Mann ma mich mit einem khl-erstaunten Blick. Stellung, Vermgen,
Familie, -- alles hast du geopfert ohne ein Wort der Klage, und nun
jammerst du um diesen Trdel, sagte er kopfschttelnd. Mein Verstand
gab ihm recht, aber mein Herz blutete, als wre ihm die schwerste Wunde
geschlagen worden.

In der Nacht darauf ffnete sich die Tr zu meines Sohnes Zimmer, er
strzte auf mich zu, umschlang meinen Hals und schluchzte verzweifelt:
Warum weinst du nur so? Warum weinst du nur so?!

In diesem Augenblick wute ich, da ich ein Opfer bringen mute wie
keines zuvor. Ich weinte nicht mehr. Ich war ganz still und ganz
entschlossen. Otto darf den Zusammenbruch nicht mit erleben, sagte ich
zu meinem Mann. Schon jetzt ist er wie vergiftet, -- gar kein Kind
mehr --

Ich erwartete eine heftige Szene.

Statt dessen erhellten sich Heinrichs Zge. Nun bist du wieder meine
tapfere Alix -- damit drckte er mir die Hand, so herzlich wie seit
Monden nicht -- natrlich ist das fr alle Teile das Beste. Wir beide
bauen ungehindert ein neues Leben auf, und er wird irgendwo auf dem Land
wieder ein starker, froher Junge ...

Ich hrte seine Stimme nur noch wie ein fernes Brausen. So nahm er auf,
wovon ich nie gesunden wrde: -- fast froh! Ich starrte ihn an; die
schreckliche Erregung verzerrte mir sein Bild, als htte ich ihn noch
nie gesehen. Mit diesem Mann hatte ich mein Leben verknpft, -- und eben
noch den Gedanken an eine Trennung weit, weit von mir gewiesen?! Mir
schien, als wre die Trennung vollzogen, lange schon, sonst htte er in
dieser Stunde, da mein ganzes Leben zusammenbrach, so nicht zu mir
sprechen knnen, -- so nicht!

       *       *       *       *       *

Ich schrieb an einen Freund Egidys, den ich seit der Zeit, da ich ihn in
dessen Hause traf, hie und da wiedergesehen hatte. So selten das gewesen
war, mit einem Gefhl warmer gegenseitiger Anteilnahme waren wir uns
immer begegnet. Jetzt leitete er eine Schule hoch oben im Thringer
Wald. Ich sprach ihm rckhaltlos von der Lage, in der wir uns befanden.
Mein Sohn leidet darunter, halb unbewut, und ich will ihm das
Schlimmste ersparen, will seine Jugend nicht hineinreien in den Strudel
unseres knftigen Lebens. Sie sehen, es ist ein Freundschaftsopfer das
ich von Ihnen erwarte --, hier zitterte mir die Hand und versagte den
Dienst.

Er antwortete umgehend, mit einem zarten Takt, der mir wohltat: Ihr
Sohn soll uns von Herzen willkommen sein. Und kein drckendes Gefhl
darf Ihnen daraus entspringen. berlassen Sie ruhig der Zukunft die
materielle Seite der Sache. Da er Ihr Kind ist, wird er unserer Schule
mehr geben, als er erhlt und sich durch Gold aufwiegen lt..

Zu Ostern wollte ich ihn hinbringen, aber ich verschob es von Tag zu
Tag, mit ihm davon zu sprechen; er war so glcklich, da ich auf einmal
immer bei ihm war, mit ihm spielte, mit ihm spazieren ging, ihm
Geschichten erzhlte wie in der schnen alten Zeit.

       *       *       *       *       *

Indessen erschien die letzte Nummer der Neuen Gesellschaft, mit einem
kurzen Abschiedswort an die Leser. Keiner von unseren Gesinnungsgenossen
hatte ein Wort des Bedauerns dafr, niemand von denen, fr deren
berzeugung sie gekmpft hatte, ohne sich durch gehssige Angriffe und
gemeine Verleumdungen vom Wege ablenken zu lassen, der ihr als der
rechte erschien, kmmerte sich um uns. Keinem konnte es ein Geheimnis
sein, da wir alles verloren hatten, aber kaum ein einziger hatte auch
nur eine teilnehmende Frage danach. Wir waren abgetan, -- fertig. Die
Genossen gingen ber uns hinweg wie die Soldaten im Krieg ber die
gefallenen Kameraden auf dem Schlachtfeld.

Damals hatte ich dafr nur eine verchtliche Gebrde. Groe Schmerzen
sind ein Palliativmittel gegen die kleinen.

Nur eins erfllte mich mit tiefer Bitterkeit: da auch Romberg nicht
wiederkam. Er hatte eine Auseinandersetzung mit meinem Mann gehabt, bei
der seine lange im stillen herrschende Feindschaft gegen ihn zu offenem
Ausbruch gekommen war. Ich erfuhr nicht viel davon. Aber um mich mochte
sich's gehandelt haben und darum, da Romberg meinem Mann vorwarf, unser
Unglck verschuldet zu haben, und dieser sich jede Einmischung in unser
Tun und Lassen verbat. War das Grund genug, um mich gerade jetzt im
Stich zu lassen? Und an seine aufrichtige Freundschaft hatte ich
geglaubt!

       *       *       *       *       *

Ein Ostermorgen war es, hell und leuchtend. Ein Auferstehungsfest, das
die geflgelten Musikanten der Natur mit hundertstimmigem Gesang
begrten. Mit lauter lustigen goldgelben Flecken bedeckte die Sonne den
Erdboden unter den Kieferstmmen. Wir gingen durch den Grunewald nach
Schildhorn, mein Sohn und ich. Wie er sich freute! Jedes armselige
Blmlein, das der karge Sand hervorsprieen lie, bewunderte er. Und die
Luft, die ein Odem erwachenden Lebens war, sog er ein mit tiefen
durstigen Zgen.

Ich hasse die Stadt, sagte er mit der ganzen Energie seiner zehn
Jahre. Warum knnen wir nicht auf dem Lande leben?

Das war der rechte Augenblick, um ihm von Waltershof zu sprechen, der
Schule im Thringer Wald. Mit stockender Stimme begann ich, und erzhlte
von dem freien Leben dort und den vielen Kindern.

Seine Augen glnzten. Das denke ich mir riesig fein! rief er.

Mchtest du am Ende gar selber hingehen? fragte ich zgernd.

Er machte einen Luftsprung. Natrlich! Aus der scheulichen Stadt
heraus auf die Berge, -- was gibt es Schneres!

Ich htte mich freuen mssen, -- aber die Trnen traten mir in die
Augen. So wrde ihm der Abschied nicht allzu schwer werden!

       *       *       *       *       *

Ein paar Tage spter reisten wir ab. Er war wie umgewandelt; in
leuchtenden Farben malte er sich das Leben aus, das seiner wartete.
Zuweilen schien er zu stutzen, wenn er mich ansah.

Und du besuchst mich oft, sehr oft, nicht wahr, Mamachen? Und zu den
Ferien komme ich immer nach Haus? sagte er dann, im Gefhl, mich
trsten zu mssen.

Von der Station fuhren wir mit dem Wagen bergauf durch dichte
Tannenwlder. Mein Sohn verstummte und schmiegte sich an mich. Ob ihn
nun der Abschiedsschmerz packen wrde? Das Herz klopfte mir
erwartungsvoll. Ein bichen geniere ich mich doch vor den fremden
Jungens, meinte er.

Oben auf der Hochebene, wo der Wind ber freie Felder strich und mit den
kleinen runden Frhlingswlkchen spielte wie ein Kind mit dem Fangball,
verlor er seine scheue Stimmung wieder.

Wie wunder -- wunderschn das ist, sagte er mit einem Blick in die
Ferne.

In stiller groer Einsamkeit reihte sich Berg an Berg; die kleinen
grauen Menschenwohnungen verschwanden in den tiefen Tlern.

Der Direktor begrte uns wie vertraute Freunde. Die Schler
betrachteten aus gemessener Entfernung den Ankmmling. Er umfate wie
schutzsuchend meine Hand. Jetzt, -- jetzt wird er bei mir zu bleiben
verlangen! -- Da trat ein brauner Bursche aus der Schar.

Sieh mal die Wiese dort, sagte er zu meinem Jungen und wies auf den
gelbblhenden Abhang, der sich hinter dem Hause in die Tiefe senkte;
willst du da hinunter mit mir um die Wette laufen?

Und im selben Augenblick, -- kaum da er Zeit gefunden hatte, mir Mantel
und Mtze zuzuwerfen, -- flog er mit ihm davon. Wie heller Sonnenschein
tanzten ihm die blonden Locken um den Kopf. Ich starrte ihnen nach. Mir
gingen dabei die Augen ber. Hinter den Fichtenstmmen, -- weit, weit im
Tal, erloschen sie.

Er wird sich rasch zu Hause fhlen, sagte der Direktor.

Er wird sich rasch zu Hause fhlen --!

Ich verlie Waltershof schon am nchsten Morgen. Jede Stunde, die ich
blieb, kam wie ein verschlagener Ruber und stahl mir stckweise mein
Liebstes.

Ehe ich in den Wagen stieg, umarmte mich mein Sohn mit strmischer
Heftigkeit. Nun endlich wird es ihn bermannen --! Ich prete ihn an
mich, ich hielt ihn fest. Dieser Scho hat dich geboren, an diesem
Herzen wuchsest du empor, -- schrie es in mir, -- nur ein Wort der Liebe
sag mir, ein Wort der Sehnsucht, und ich verteidige deinen Besitz gegen
Hlle und Himmel! Aber er schwieg. Seine Augen blieben hell. Ringsum
standen die Lehrer und die Schler --. Ich nahm seinen Kopf zwischen
meine Hnde und kte ihn. Ich grte noch einmal lchelnd nach rechts
und links. Dann zogen die Pferde an --

       *       *       *       *       *

Damals, vor einem halben Menschenalter, als ich im Gewittersturm auf dem
Berge stand, dem Wetter preisgegeben, frchtete ich den Tod. Was htte
ich jetzt noch frchten knnen?




Achtzehntes Kapitel


In Schleier aus durchsichtigem Silber gewoben hllte sich der blaue
Frhlingshimmel. Milde lchelnd glnzte sein groes Sonnenauge. Und die
kleinen weien Wolken standen ganz still wie erwartungsvoll staunende
Kinder, ehe der Vorhang vor dem Mrchenspiel aufgeht. Die Luft
streichelte mit weichen Hnden die Erde, als wre sie sehr, sehr krank.

Jetzt trugen sie den letzten Hausrat aus der alten Wohnung. Der groe
gelbe Wagen vor der Tr wartete darauf, ihn in die neue hinberzufahren.

Ich sah mich um in den leeren Rumen: auf dem Boden lag Papier und Stroh
und Scherben, in den Winkeln Staub in groen grauen Flocken. Zgernd,
als hielte eine unsichtbare Hand mich zurck, ffnete ich die Tr zu
meines Sohnes Zimmer. Von seinen unruhigen Fchen war die Diele
zertreten. Dunkel zeichnete sich der Platz am Boden ab, wo sein Bett
gestanden hatte; -- wie oft, seitdem er fort war, hatte ich den Kopf in
die leeren Kissen vergraben --

Eine Hand berhrte meine Schulter.

Komm, Alix, sagte Heinrichs weiche, tiefe Stimme hinter mir. Auf
seinen Arm gesttzt, mit tief gebeugtem Nacken ging ich die Treppen
hinab. Auf der Strae versagte mir der Atem; mein Begleiter hatte einen
so raschen, elastischen Schritt, da ich ihm nicht zu folgen vermochte.
Er trug auch den Kopf ganz hoch, wie einer, der noch als Eroberer ins
Leben tritt. Und waren wir nicht Geschlagene?! Ich hatte meinen Gedanken
laut werden lassen. Heinrich blieb stehen.

Hast du die Waffen gestreckt?! fragte er stirnrunzelnd mit scharfer
Betonung. Ich nicht! Was uns nicht umbringt, das macht uns strker.

Ich senkte den Kopf noch tiefer; eine jhe Rte scho mir in die
Schlfen.

Er hatte die Tre zu unserer neuen Wohnung mit Blumen bekrnzen lassen.
Da ich sie nicht abri, geschah nur, um ihm nicht wehe zu tun. Drinnen
empfingen uns schon die stummen vertrauten Gefhrten unseres Lebens.
Aber an dem groen Schreibtisch stand jetzt nur noch ein Stuhl. Ich
hatte ein eigenes kleines Zimmer.

Das ist der erste Schritt zur Ehetrennung, lchelte mein Mann, mit
einem Blick auf mich, in dem eine ernste Frage lag. Ich blieb ihm die
Antwort schuldig.

Freust du dich denn gar nicht, da all der Kram dir nun doch erhalten
blieb?! sagte er nach einer Pause in einem erzwungen leichten Ton. Wie
hast du darum gezittert, du armer Angsthase du! Und wieder stieg mir
das Blut ins Gesicht. Ich schmte mich, da ich so hatte empfinden
knnen.

Dem, der mir dazu verhalf, werde ich immer dankbar sein, sagte ich
leise, -- es war keiner der alten Freunde, keiner der offiziellen
Vertreter der Brderlichkeit gewesen! -- Aber mehr darum, weil ich
doch noch einen Menschen mit warmem Herzen gefunden habe, als um der
Sthle und Schrnke und Kisten und Kasten willen ...

Heinrich drckte mir die Hand. Dann nahm er eine der letzten Nummern der
Neuen Gesellschaft aus dem Bcherschrank.

'Solchen Menschen, welche mich etwas angehen, wnsche ich Leiden,
Verlassenheit, Mihandlung, Entwrdigung, -- ich wnsche, da ihnen das
Elend der berwundenen nicht unbekannt bleibt: ich habe kein Mitleid mit
ihnen, weil ich ihnen das einzige wnsche, was heute beweisen kann, ob
Einer Wert hat, oder nicht, -- da er standhlt ...' las er. Diese
Worte Nietzsches habe ich abgedruckt, weil sie meine eigene tiefe
berzeugung aussprechen.

Seine Kraft verletzte mich fast. Ich wollte nicht berwinden. Es kam mir
wie ein Verrat an meinem Kinde vor, wenn auch mich ein Gefhl ergriff,
als ginge ich gestrkt einem neuen Leben entgegen. Ich pflegte mein Leid
mit selbstqulerischer Wollust. Ich liebte es.

Aber -- seltsam --: Je lnger es neben mir herging, desto mehr wandelte
sich sein grliches Medusenhaupt in das stille, ernste Antlitz eines
Freundes. Es nahm mich bei der Hand und fhrte mich langsam, Schritt vor
Schritt, -- mein Herz ertrug es nicht anders, -- einen hohen Berg
hinauf. Und von da oben sah ich in das Tal meines Lebens. Ich erkannte
seine groen Umrisse und geraden Linien, aber all die Hindernisse auf
den Wegen -- den Unrat auf den Straen -- sah ich nicht mehr.

       *       *       *       *       *

Eines Tages trat mein Mann mit einem groen Strau duftender Rosen in
mein Zimmer.

Zum Zeichen, da ich dir wieder Blumen bringen kann, sagte er
lchelnd. Nun erfuhr ich erst von seiner Arbeit, von den Plnen, die
ihrer Verwirklichung entgegengingen, -- rein geschftlichen
Unternehmungen, denen er neben seiner literarischen Ttigkeit all seine
Krfte widmete, ohne sich eine Stunde der Ruhe, eine Pause der Erholung
zu gnnen, -- nur das eine Ziel im Auge: die drckenden Schulden zu
zahlen, uns eine Existenz zu grnden und -- er sprach es so leise aus,
als ob er sich scheue, daran zu rhren -- dir dein Kind zurckzugeben.

Heinz! rief ich, -- die Trnen strzten mir aus den Augen, -- ich
griff nach seinen beiden Hnden und drckte sie zwischen den meinen.

Was meinst du, wenn du den Buben holen gingst?! Und vorsichtig, als
wre ich etwas sehr Zerbrechliches, zog sein Arm mich an sich.

Ich fuhr schon am nchsten Morgen nach Waltershof. Wie langsam schlich
der Zug durch die blhende Sommerpracht, wie endlos hielt er sich an all
den vielen Stationen auf! Endlich, endlich kam ich an. Droben auf der
Hhe, wo jetzt das Korn in hohen Garben stand und alle hren grten und
nickten, als wten sie um mein Glck, kam mir mein Junge
entgegengelaufen -- --

Wie gro und wie braun, und wie stark und wie froh er war! Sonderbar,
da irgend etwas dabei mich schmerzte. Er kte und herzte mich immer
wieder, -- aber nicht mit dem Bedrfnis nach Schutz, nach Anlehnung,
wie die kleinen Kinder, wenn sie sich an die Mutter schmiegen. Ich sah
ihn dann im Kreise der Kameraden auf der grnen Wiese, im Tannenwald:
wie er seine Krfte an den ihren ma. Ich dachte an unsere Strae,
unsere enge Wohnung; -- ich wagte noch nicht, ihm zu sagen, warum ich
gekommen war. Und als ich am nchsten Vormittag dem Unterricht
beiwohnte, in Klassen, wo kaum mehr als zehn Kinder beieinandersaen und
der Lehrer imstande war, sich mit jedem einzelnen zu beschftigen, auf
seine Interessen und Fhigkeiten einzugehen, -- da dachte ich an die
berfllten stdtischen Gymnasien mit all ihrem Gefolge von Krankheit
und Laster und Stumpfsinn; ihre unglckseligen Opfer fielen mir ein, die
den Martern des Geistes und Krpers den Tod vorzogen. Mich schauderte:
hatte ich ein Recht, ber mein Kind zu verfgen nach meinem Gefallen?
Kein Zweifel: sein Instinkt hatte fr Freiheit und Natur entschieden.

Ich komme morgen nach Haus, und komme -- allein, schrieb ich an meinen
Mann. Otto ist ein selbstndiger Mensch geworden, und ich habe hier
gelernt, was keine pdagogische Buchweisheit mir htte beibringen
knnen: da auch die Kinder sich selbst gehren, nicht uns; da die
Kindheit einen Wert an sich hat. Es mute so sein, wie es ist. Wenn
unser Sohn stark genug ist, um auch neben uns ein Eigener zu bleiben,
wird er vielleicht freiwillig zurckkehren ... Ich schreibe das Alles so
hin, und die Worte sehen aus, als kosteten sie mich nichts. Ich glaube,
ich brauche Dir nicht erst zu sagen, was ich berwinden mute. Es wird
noch lange dauern, bis ich von meiner Mutterliebe abgestreift haben
werde, was jeder Liebe eigentmlich ist: den Willen zum Besitz. Seitdem
Du mich fhlen lieest, da auch Du unser Kind entbehrst, wei ich: Du
wirst Geduld mit mir haben.

Jetzt erst wurde ich mir der ganzen Leere meines Lebens bewut: war ich
schon so alt, um nur noch in philosophischer Ruhe seine Resultate zu
ziehen? Um abseits zu stehen wie Zuschauer am Schlachtfeld?

       *       *       *       *       *

Als mir von seiten der Gewerkschaften die Aufforderung zuging, einige
ausschlielich Bildungszwecken dienende Vortrge im internen Kreise
organisierter Arbeiter zu bernehmen, ergriff ich die Gelegenheit, von
der ich glaubte, da sie mir wenigstens eine befriedigende Ttigkeit
erffnen wrde. Seit dem Jahre 1906 hatten die Partei und die
Gewerkschaften, einem Beschlu des Mannheimer Parteitags folgend, den
Bildungsbestrebungen tatkrftigeres Interesse zugewandt. Auer der
Partei- und Gewerkschaftsschule in Berlin und hnlichen Einrichtungen in
den greren Provinzstdten, wo eine beschrnkte Zahl ausgewhlter
Schler systematischen historischen und nationalkonomischen Kursen
regelmig folgte, wurden Referate gehalten, die Allen zugnglich waren,
die ihre Mitgliedschaft zu einer Arbeiterorganisation nachweisen
konnten. Die Lehrer der Parteischule waren Radikale strengster
Observanz. Sie sprachen von brgerlicher Wissenschaft, brgerlicher
Kunst, zu der die vom Zukunftsstaat zu erwartende in scharfem Gegensatz
stnden. Sie waren Geist vom Geist des preuischen Kultusministers, der
einen Privatdozenten abgesetzt hatte, weil er Sozialdemokrat war. In
ihrem Kreise waren die khnen Stze gefallen, da die Philosophie eine
ideologische Begleiterscheinung der Klassenkmpfe und ihre Geschichte
eine Geschichte brgerlichen Denkens sei.

Die Gewerkschaften standen zu ihnen in einem leisen aber darum nicht
weniger starken Gegensatz, der auch in der Wahl ihrer Referenten zum
Ausdruck kam. Schon als ich zum erstenmal sprach, -- vor einer
Zuhrerschaft von ein paar hundert Arbeiterinnen, -- wurde mir erzhlt,
wie emprt die fhrenden Genossinnen seien, da man mich dazu
aufgefordert habe.

Durch Fragen, durch Bitten um Ratschlge fr ihre selbstndige
Fortbildung, durch Bcher, die ich auslieh, und die mir persnlich
zurckgebracht wurden, kam ich in Berhrung mit Mnnern und Frauen, die
noch nicht zu den gehobenen Existenzen gehrten. In der Nchternheit
des Alltagslebens, fern der Begeisterung, die Feste und Kmpfe
entznden, lernte ich ihr Leben, ihr Denken und Fhlen kennen. Es stand
fast ausnahmslos unter dem Zeichen der Unzufriedenheit, des Mangels an
einem Inhalt, der ber die Misere des Daseins hinaus stark und
hoffnungsfroh macht. Eine gewisse seelische Leere kam vielen zum
Bewutsein, etwa wie ein Gefhl dauernden Frierens. Die Ideale des
Sozialismus hatten, da ihre Verwirklichung so fern gerckt war, fr das
persnliche Leben viel von ihrem Feuer verloren.

Aber gerade in der zum Ausdruck kommenden Unzufriedenheit mit den
ueren Erfolgen und den inneren Werten der Partei lag eine starke
latente Kraft, die bereit war, jeden Augenblick alles Lastende,
Hindernde fortzuschieben, wenn nur irgendwo der Weg ins Freie sich
zeigte.

Nach einer meiner Versammlungen begrte mich Reinhard. Er war zuerst
ein wenig verlegen, als ich aber harmlos und freundlich blieb, taute er
auf. Ich erzhlte ihm von meinen Beobachtungen. Ich bilde mir natrlich
nicht ein, da sie magebend sind, aber ich halte sie doch fr
Symptome.

Er gab mir recht. Wir befinden uns zweifellos in einer inneren Krisis,
sagte er, die sich immer wieder nach auen bemerkbar macht. Jetzt
beginnt der Zank schon wieder. Diesmal um die Frage der
Budgetbewilligung. Sobald wir versuchen durch eine Politik, die immer
mehr oder weniger auf Konzessionen beruht, Schritte nach vorwrts zu
tun, Vorteile oder Einflu zu gewinnen, kommen die anderen und schwenken
mit Geschrei die angeblich von uns verratene Fahne des Prinzips. Ich
mchte wissen, was geschehen soll, wenn wir einmal in den Parlamenten
eine Vertretung haben, mit der gerechnet werden mu? Ob wir dann das
prinzipienfeste Neinsagen unseren Whlern gegenber verantworten knnen?
-- Ich sehe schwarz in die Zukunft, Genossin Brandt, sehr schwarz! Ich
frchte, wenn erst einmal unsere Alten tot sind, dann fllt die Partei
auseinander.

Und wre das wirklich so frchterlich? wandte ich ein. Er fuhr auf.
Seine Augen blitzten mich an wie frher.

Genossin Brandt! rief er entrstet. Sollten die Leute recht haben,
die von Ihnen behaupten, da Sie nicht mehr die unsere sind?!

So --, sagte ich gedehnt, das also erzhlt man von mir?! Und Ihnen
erscheint es mglich, weil ich eine Spaltung der Partei nicht fr den
schrecklichsten der Schrecken halte?! Es zeugt fr ein sehr geringes
Vertrauen in die Notwendigkeit der Entwicklung zum Sozialismus, wenn wir
annehmen wollten, da solch ein Ereignis einen mehr als vorbergehenden
Nachteil nach sich zge. Unser Ziel bleibt doch unverndert dasselbe, in
wie viel Heerscharen wir ihm auch entgegenmarschieren!

Reinhards Gesicht frbte sich dunkelrot. Sie scheinen ja ein solches
Unglck fast zu wnschen! sagte er mit verbissenem Grimm.

Davon bin ich ebensoweit entfernt wie Sie, antwortete ich. Ich suche
nur, Sie und mich von der Angst davor zu befreien. Dabei frage ich mich,
ob es nicht viel korrumpierender fr den einzelnen und lhmender fr die
Aktion der Masse ist, wenn immer wieder um der ueren Einheit willen
Resolutionen angenommen werden, die fr sehr viele nur auf dem Papiere
stehen, und das Erfurter Programm krampfhaft aufrecht erhalten wird,
obwohl immer weitere Kreise von Genossen ganze Stze daraus fr
unrichtig halten. Die Radikalen, die in der Form des Ausschlusses aus
der Partei eigentlich nichts anderes wollen als eine Spaltung, gehen
dabei von einer ganz richtigen Empfindung aus: da die innere Einheit
die Voraussetzung der ueren sein mu. Nur da sie wie Kurpfuscher an
den Symptomen herumkurieren.

Und Sie wten ein Mittel, die Krankheit zu heilen? Dabei sah Reinhard
mich an, als erwartete er eine Offenbarung von mir.

Ich lachte. Wenn ich ein Mittel wte, glauben Sie, ich htte es nicht
schon lngst auf allen Gassen ausgeschrien?! Nur einen Weg dahin glaube
ich zu wissen. Die bel, unter denen wir leiden, lassen sich alle auf
eine Ursache zurckfhren: die fehlende richtige Grundlage unserer
Bewegung. Was bisher als solche galt, hat sich zu einem Teil als falsch
oder nicht ausreichend erwiesen.

Er machte ein enttuschtes Gesicht: Also ein neues Programm! Wenn es
weiter nichts ist!

Ich las gestern in einem Brief von Hegel einen Satz, der sich mir ins
Gedchtnis geprgt hat, fuhr ich fort, 'die theoretische Arbeit bringt
mehr in der Welt zustande als die praktische; ist das Reich der
Vorstellung revolutioniert, so hlt die Wirklichkeit nicht stand'.
Gerade wir Revisionisten haben diese tiefe Wahrheit fast vergessen. Sie
auch, wie ich sehe. Und doch glaube ich, htten wir ein Programm, das
alle inzwischen zweifelhaft gewordenen Theorien beiseite liee, alle
praktischen Forderungen den Entscheidungen des Tages anheimgbe und nur
den Ausgangspunkt feststellte, -- den Klassenkampf, -- und das Ziel, --
die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln; wir wrden
weniger zerrttende Kmpfe in unseren Reihen haben, und Millionen
Auenstehender wrden nicht Mitlufer, sondern Parteigenossen werden.

Ich wundere mich, da Sie bei Ihrem grndlichen Aufrumen den
Klassenkampf nicht auch zum Fenster hinauswerfen, spottete Reinhard mit
einem Anflug von rger.

Sie sind hellsehend, lieber Genosse, entgegnete ich, denn die Form,
in die er vor einem halben Jahrhundert gezwngt wurde, ist freilich
unbrauchbar geworden. Leute wie ich zum Beispiel haben keinen Platz in
ihr. Man redet uns ein, und wir glaubten es, da wir aus reinem
selbstlosen Edelmut in die Partei eintraten; wir blieben infolgedessen,
als nicht recht dazu gehrig, unsichere Kantonisten in den Augen der
geborenen Klassenkmpfer. Ich bin inzwischen schon fr mich allein von
dem Kothurn dieses Edelmuts herabgestiegen und habe gefunden, da ich
mit demselben Recht wie der Arbeiter im Klassenkampf stehe. War ich
nicht, mittellos, auf meine Arbeit angewiesen? War ich nicht abhngig
von meiner Familie, also unfrei? Der hungernde Arbeiter sucht freilich
in erster Linie Brot; aber das knnte ihm auch eine vernnftige
brgerliche Sozialreform sicherstellen. Er ist Sozialdemokrat, weil er
mehr will: Freiheit. Genau dasselbe, wonach ich verlangte, als es mich
in die Partei trieb; genau dasselbe, wonach Hunderttausende sich sehnen,
-- lauter Abhngige, -- lauter geborene Klassenkmpfer, die die Partei
mit ihrem engen: 'die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der
Arbeiter selbst sein', mit der 'Diktatur des Proletariats' als
notwendiges Befreiungsmittel zurckstt, im besten Falle nur
duldet ...

Wir waren vor der Tr meiner Wohnung angekommen.

Selbst wenn Sie recht htten, -- was ich nicht wei --, sagte
Reinhard; die radikale Tradition ist viel zu stark innerhalb der
Arbeiterschaft, als da solch eine Programmnderung mglich wre. Mir
scheint auch, es wrde immer noch etwas fehlen --

Ich nickte. Es fehlt noch immer etwas, -- ja --, meinte ich
nachdenklich. Dann trennten wir uns.

       *       *       *       *       *

Als mein Vortragskursus zu Ende war, bekam ich keine Aufforderungen
mehr. An meinen Zuhrern lag das nicht; ihr regelmiges Erscheinen, ihr
wachsendes Interesse zeugte dafr. Aber der Einflu der Zionswchter des
Radikalismus war strker als sie.

Nun haben sie dich wieder an der Arbeit verhindert, sagte mein Mann
rgerlich.

Es ist vielleicht fr mich das beste, meinte ich. Zuviel
Zweifelfragen sind in mir wach geworden. Jahrelang hat das Fieber der
Tagesforderungen sie immer wieder unterdrckt. Jeder denkende Mensch
sollte eigentlich die Mglichkeit haben, sich hie und da von der Welt
zurckziehen zu knnen, um zu sich selbst zu kommen. Trappistenklster
fr Unglubige, -- das wre eine erlsende Einrichtung.

Mchtest du den Schleier nehmen?! fragte er, -- etwas wie Besorgnis
sprach sich in seiner Frage aus.

Fr ein paar Monate, ja! entgegnete ich. Um als ein starkes und
frohes Weltkind zurckzukehren.

Aber wenn ich ihn ansah, schmte ich mich, solche Wnsche zu haben. Er
war abgespannt und mde. Er bedurfte mehr als ich einer Zeit der Ruhe.
So wenig er von sich selber sprach, ich erfuhr doch, da das Milingen
sich mit grausamer Hartnckigkeit an seine Fersen heftete.

Die Sorgen, die er hatte von unserer Tre fernhalten wollen, krochen
durch die Fenster herein; aber wenn ich sah, wie er ruhig blieb, wie
neue Hindernisse nur immer neue Widerstnde in ihm entwickelten, dann
berkam mich das Bedrfnis, mich an ihn zu schmiegen, ganz dicht,
geschlossenen Auges, voll tiefen Vertrauens ...

Im Herbst begann ich meine Vortragsreisen wieder. Ich mute Geld
verdienen. Und was dies Publikum verlangte: ein wenig Anregung, ein
wenig Sensation, war ich fhig zu geben. Es wurde mir diesmal leichter
als sonst. Viele Menschen kreuzten meinen Weg, und was mir bei den
Proletariern begegnet war, das fand ich in anderer Form wieder: wer
nicht im Genuleben ertrank oder im Kampf ums Dasein zerrieben wurde,
den beherrschte ein Gefhl brennender Unzufriedenheit, ein unbestimmtes
Suchen.

Es war die Zeit, wo Frst Blow, in der Hoffnung auf diese Weise die
Steuerforderungen der Regierung durchzusetzen, die unnatrliche
Verbindung zwischen Liberalen und Konservativen herbeigefhrt hatte. Wer
noch vom echten Liberalismus einen Blutstropfen in sich fhlte, mute
sich dieser Paarung schmen.

Die besten Elemente des Brgertums waren politisch obdachlos. Ihr
steuerloses Schiff nherte sich unwillkrlich wieder der Flut des
Sozialismus.

Den Kulturwert der Arbeiterbewegung erkennt wohl jeder von uns an,
sagte mir ein junger Gelehrter in einer kleinen Universittsstadt. Und
da ihr konomisches Streben zugleich ein sittliches ist, wird kein
objektiv Denkender bestreiten. Sie ist im Kampf gegen die Reaktion auch
die Hoffnung derer, die nur zusehen mssen.

Der Kreis der modernen Snobisten, die aus der Erkenntnis der
Notwendigkeit sauberer Wsche und reiner Ngel eine Weltanschauung
konstruiert und Rombergs Ausspruch, da Bildung und Politik unvereinbare
Begriffe wren, zu dem ihren gemacht hatten, schrumpfte sichtlich
zusammen.

Und auch auf anderen Gebieten geistiger Interessen wuchs die
Innerlichkeit, der Ernst. Aus einer Spielerei miger Stunden wurde die
Kunst zu einer Angelegenheit persnlichen Lebens, -- eine Kunst, die von
den Gttern und Madonnen zur Erde herabgestiegen war, die den
charakteristischen Stempel innerer Notwendigkeit allem aufprgte, -- vom
geringfgigen Gebrauchsgegenstand bis zum hamburger Bismarckdenkmal. Aus
einer Tradition, der man sich nur an jedem Feiertag erinnerte, wurde die
Religion zu einer die Gemter erregenden Bewegung; daneben drngten
pdagogische und sexuelle Probleme sich mehr und mehr in den
Vordergrund, und neben den alten Werten der Schule, der Ehe, der
Familie, erschienen wie aus Flammen gebildet riesengroe Fragezeichen.

Als eine reaktionre Masse wurde die Bourgeoisie nach altem Rezept von
der Partei bezeichnet. Die Wirklichkeit strafte sie Lgen. Was ich sah,
war wie ein Strom, dessen Wassermassen der alten Dmme zu spotten
schienen und sich nun wahllos, ziellos ausbreiteten. Es fehlte nur das
neue Bett, um ihre groe Kraft zu vereinen und nutzbar zu machen.

Ich fhlte, wie ich froh wurde angesichts der neuen Erkenntnis, wie
meine Hoffnung ihre Flgel regte und berzeugungen, die im Sturm der
Zweifel geschwankt hatten, nur noch tiefere Wurzeln schlugen.

Aber es war, als stnde unser Leben unter einem bsen Zauber: Sahen
junge Triebe der Freude mit einem hellen Frhlingslcheln aus dem
Erdboden hervor, so prasselten Hagelkrner vom Himmel und schlugen sie
grausam nieder.

Mitten in einer Vortragsreise versagte meine Stimme vllig. Was die
rzte schon lange vorausgesagt hatten, geschah: von einer Ttigkeit wie
der bisherigen konnte keine Rede sein.

       *       *       *       *       *

Was nun? Ich sa vor meinem Schreibtisch, -- einem ganz alten aus hellem
Birnbaumholz mit schwarzen Sulchen, der frher irgendwo in einem Winkel
gestanden hatte, -- und lehnte mich mde in den tiefen Stuhl zurck.
Gromutters Stuhl! Mir war, als she ich sie vor mir: das schmale,
dunkle Gesicht mit den groen Augen, und einem Lcheln um die feinen
Lippen, das ber alles Erdenleid zu triumphieren schien. Viel, viel zu
frh hatte ich sie verloren! Pltzlich fielen mir die Papiere ein, die
ich von ihr besa: Briefe, Tagebuchnotizen, Stammbcher. Sie hatte sie
mir hinterlassen, mir allein. Als ob sie mir sich selbst habe schenken
wollen. Ich suchte sie hervor und las und las. Aus den vergilbten
Blttern duftete der Frhling berauschend, und die Sonne schien bis tief
hinein in das winterstarre Herz, und aus schweren dunkeln Wolken strmte
warmer Regen, segenspendender. Und eine weiche Hand streichelte mich,
als wre auch ich krank, sehr krank.

Ihr Leben war voll stiller Kmpfe gewesen, und aus einem jeden war sie
strker hervorgegangen. Es hatte ihr den Geliebten ihrer Jugend, hatte
ihr Freunde und Kinder geraubt, und ihr Herz war bei jedem Verlust nur
reicher geworden an Kraft und Liebe. Dann war sie einsam
zurckgeblieben, zwischen lauter Fremden, und war doch nicht bitter
geworden, und verstand auch den Fernsten und den rmsten. Nur eins
berwand sie nie: das unverschuldete Elend in der Welt --.

Ich ging jeder Regung ihrer Seele, jeder Spur ihres Daseins nach. Dabei
entdeckte ich ein Gewebe feiner Fden, das sich von ihr bis zu mir
herberspann, eine ununterbrochene Folge von Ursache und Wirkung, eine
eherne Gesetzmigkeit.

Nun schrieb ich das Buch von ihr, weil ich es schreiben mute. Von frh
bis spt arbeitete ich. Es war dabei sehr still um mich und in mir. Nur
wenn ein Brief von meinem Kinde kam, -- einer jener kurzen, frohen,
lebensprhenden Zeichen seiner Jugendkraft, -- nahmen meine Gedanken
eine andere Richtung an. Aber sie trieben mir nicht mehr die Trnen in
die Augen: denn mein Sohn lebte, mein Sohn blieb mir nah, auch wenn er
fern war. Meiner Gromutter Kinder waren ihr fern gewesen, wenn sie sie
mit Hnden hatte greifen, mit Augen hatte sehen knnen. Und auch daran
war sie nicht zugrunde gegangen. Sie hatte standgehalten.

Ich schrieb wie im Fieber. Die Arbeit war wie eine Wnschelrute. Sie
schlo in meinem Innern lauter verschttete Quellen auf.

Von dem glhenden Abendhimmel der klassischen Periode Weimars war der
Gromutter Jugend umstrahlt gewesen; die geistigen Heroen des
neunzehnten Jahrhunderts hatten auf ihren Lebensweg breite Schatten
geworfen. Je deutlicher mir der geistige Werdegang der Vergangenheit
entgegentrat, zu desto klareren Bildern schoben sich die scheinbar wirr
durcheinanderlaufenden Zeichen der Gegenwart zusammen. Unter dem Gesetz
dieses groen Entwicklungsprozesses stand auch ihr Leben; das gab ihm
seine Bedeutung, so eng, so still es an sich auch gewesen war.

Mein Buch erschien. Und pltzlich schien die Gromutter nicht nur fr
mich lebendig geworden. Sie stand da, mitten in der Welt und redete mit
den Menschen. Selbst aus den verstimmten Instrumenten der Seelen lockte
sie wie einst Melodien hervor. Viele kamen und dankten mir, als ob ich
sie geschaffen htte!

Nur in der Parteipresse gab es Leute, die mich beschimpften; es war in
dem Buch auch von Frsten und Aristokraten die Rede, die keine Schufte
waren. Als ich es las und mein Herz dabei nicht einmal schneller
klopfte, erschrak ich: Sollte ich so stumpf geworden sein? Oder stand
ich den alten Genossen so fern? Erst allmhlich fing ich an, mich selbst
zu verstehen.

Geht es dir so nahe, da du nicht darber zu sprechen vermagst? fragte
mich mein Mann.

Es rgert mich nicht einmal, antwortete ich.

Sein Gesicht leuchtete auf: So stehst du endlich ber den Dingen und
wertest die Menschen, wie sie es verdienen.

Du verstehst mich nicht ganz, wandte ich ein. Nicht nur weil ich
wei, da sie mir in Wahrheit nichts anhaben knnen, grme ich mich
nicht mehr ber Urteile wie diese, sondern weil ich sie verstehe --

Er sah mich unglubig lchelnd an.

Ja, ich verstehe sie, wiederholte ich. Uns trennt ein
unberbrckbarer Abgrund: der der inneren Kultur. Wie die Genossinnen
sich stndig ber mein ueres rgerten, -- weil ich eben anders war als
sie, -- so mu der Durchschnitt der Genossen an meinem Wesen Ansto
nehmen.

Hm --, machte mein Mann, das klingt --

Sehr hochmtig, vollendete ich. Ganz gewi! Und doch ist es weit von
jedem Hochmut entfernt. Was ich wurde, bin ich anderen schuldig: Nicht
nur meinen Vorfahren, sondern auch den vielen Tausenden, die deren
gesicherte Existenz, deren geistige Entwicklung durch ihr sklavisches
Arbeitsleben erst mglich machten.

Folgerst du nun aus deiner Behauptung, da Menschen wie du sich von der
Partei fern halten mten? Da also der Satz: 'Die Befreiung der
Arbeiterklasse kann nur ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein' im
Sinne der radikalen Genossen, die heute jeden berlufer zurckweisen
mchten, aufgefat werden darf? fragte Heinrich interessiert.

Damit wrde ich mich selbst negieren, rief ich lebhaft. Ich folgere
zunchst etwas rein Persnliches: da ich den Genossen unrecht tat, wenn
ich ihnen ihre Feindseligkeit zum Vorwurf machte; da es himmelblauer,
allen realen Erfahrungen spottender Idealismus war, wenn ich von ihnen
Anerkennung, Verstndnis, Anteilnahme erwartete. Sind sie uns denn in
ihrer Masse persnlich anziehend? Stren uns nicht schon eine Menge
bloer uerlichkeiten? Verstehen wir sie denn so gut?

Du vergit, wie mir scheint, warf Heinrich ein, da eine Reihe
Akademiker ganz im Proletariat aufging --

Ich glaube es nicht, so demagogisch sie sich auch gebrden mgen, um
den Anschein zu erwecken, es wre so, entgegnete ich. Wenn ihre Kultur
nicht nur Tnche ist, so rcht sich ihre Heuchelei in stillen Stunden
bitter an ihnen. Weit du --, fgte ich langsam hinzu, sobald ich mir
Wanda Orbins frh gealterte, durchfurchte Zge vergegenwrtige, bin ich
gewi, da sie empfindlich darunter leidet --

Heinrich runzelte die Stirn: Du gehst denn doch ein wenig weit in
deinem Mitgefhl. Willst du vielleicht auch ihr Verhalten gegen dich
beschnigen?

Beschnigen -- nein; erklren -- ja! Sie mu herrschen, um die
Preisgabe der inneren Freiheit ertragen zu knnen. Infolgedessen
beseitigt sie jeden, der ihr im Wege steht, -- ganz abgesehen davon, da
ich ihrem fanatischen Radikalismus als Schdling erscheinen mute!

Das Endresultat deiner Erwgungen, sagte mein Mann mit einem leisen
Spott im Ton der Stimme, ist demnach ein erhaben christliches: Liebet
eure Feinde, segnet, die euch fluchen --

Ich hob abwehrend beide Hnde. Nein, nein, nein! rief ich aus und
stand auf, um mit raschen Schritten im Takt meines Herzschlages auf und
ab zu gehen. Vom Christentum bin ich weiter entfernt denn je. Die tief
eingewurzelte christliche Auffassungsweise ist es ja, die uns zu so
falscher Stellungnahme getrieben hat. Da ist zunchst die christliche
Idee der Selbstaufopferung. Keiner von uns berlufern, mich selbst
eingeschlossen, hat sich nicht zuweilen mit einer Art pfffischer
Selbstzufriedenheit an seinem eigenen Opfermut berauscht, hat sich nicht
innerlich vorgerechnet, was er alles um der Sache willen aufgab, hat
sich nicht das Leben in dem Gefhl verbittert, da die Genossen dieses
Opfer nicht zu wrdigen verstehn. Wenn ich schon als Kind auerstande
war, den Opfertod Christi als solchen zu empfinden, -- nicht nur, weil
er als Gottessohn die Gewiheit ewigen Lebens besa, sondern weil es mir
nicht so heldenhaft erschien, in der Ekstase des Glaubens fr die
Erlsung der ganzen Menschheit zu sterben, -- so wei ich jetzt, da
unser Opfer gar kein Opfer ist, sondern im Gegenteil Selbstbehauptung.
Es wre ein Opfer gewesen, -- und eine Snde wider den Geist wie jedes
'Opfer', -- wenn ich mich nicht zum Sozialismus bekannt htte. Seiner
berzeugung nicht folgen, die Stimmen seines Innern nicht hren wollen,
-- das allein sind Opferungen; die sie bringen, sind arme
Lebensschwache. Auch ich habe mich solcher Snden schuldig gemacht: als
ich mich einmal Wanda Orbin unterwarf, als ich Forderungen meines
Geistes und Herzens zum Schweigen brachte.

Auch des Herzens? unterbrach mich mein Mann.

Weit du nicht mehr, -- damals, -- als meine Sehnsucht nach dir rief --
und ich sie unterdrckte!

Er nickte mit gesenktem Kopf. Ich habe mir schweren Schaden getan,
bekannte ich, als sprche ich jetzt nur mit mir selber, die Liebe ist
eine Quelle der Kraft. Da so viele Frauen so klein sind und so
armselig, liegt wohl nur daran, da sie sich selbst verurteilen, daneben
zu stehn, whrend die anderen die freien Glieder in ihrem brausenden
Strome baden.

Heinrich sah auf. Sein Blick forschte in meinen Zgen. Hast du -- noch
andere Opfer gebracht? Herzensopfer -- meine ich, fragte er langsam.
Ich prete die Handflchen krampfhaft aneinander.

Mein Kind --, kam es mhsam ber meine Lippen.

Wir schwiegen beide. Ich mute mir ein paarmal mit der Hand ber die
Stirne streichen; mit schweren, grauen Schwingen strichen die Vgel
meiner Schmerzen mir um das Haupt.

Ich habe dich aus deinem Gedankengang gerissen, -- verzeih! knpfte
Heinrich das Gesprch nach einer langen Pause wieder an. Von der
christlichen Idee der Selbstaufopferung gingst du aus --

Mit ihr haben wir nur immer uns selbst irre gefhrt, fuhr ich fort,
aber mit den anderen fhren wir die Massen irre: mit der Gleichheit
aller im Sinne gleichen Wertes und gleicher Entwicklungsfhigkeit, mit
der Brderlichkeit im Sinne gegenseitigen Verstndnisses. Als ob die
Natur, die jeden Grashalm vom anderen unterschied, den Menschen nicht
eine noch reichere Mannigfaltigkeit ermglichen sollte; -- als ob wahre
Brderlichkeit nicht immer seltener, dafr aber immer tiefer wrde, je
mehr wir uns entwickeln! Natrliche Schranken respektieren, statt sie
niederzureien, -- Distanzen anerkennen, statt sie mit Phrasen zu
berbrcken, -- kurz, im Sinne der Entwicklung handeln, die stets vom
Einfrmigen zum Vielfachen schreitet, -- das wre unsere Aufgabe! Statt
dessen ziehen wir unter der Maske der Brderlichkeit den Dnkel gro,
rotten die Ehrfurcht vor den Heroen des Geistes aus, so da schlielich
jeder Hans Narr einen Goethe Bruder nennt. Von dem Dreigestirn der
Forderungen, das die Revolution vom Christentum bernahm und der
Sozialismus von beiden, wird nur eins brig bleiben: die Freiheit!

Es wurde wieder sekundenlang still zwischen uns. Vielleicht begegnen
wir einander allmhlich in unseren Gedankengngen und knnten dann
wenigstens noch zu jener seltenen Brderlichkeit gelangen --, sagte
Heinrich schlielich.

Mit einer raschen Bewegung nherte ich mich ihm und legte den Arm um
seinen Hals. Der Klang seiner Stimme tat mir zu weh. Er lste sich sanft
aus der Umschlingung. Nicht so, Alix --, sagte er leise; weit du
noch, wie du einmal zu mir sagtest: der Stunde sollten wir warten, der
wir gehorchen mssen?! -- Ich frchte, sie ist noch fern --! Und in
ruhigem Gesprchston fuhr er fort: Du wirst dich darber in keiner
Tuschung befinden: Alles, was du sagtest, ist fr die heutige
Sozialdemokratie Ketzerei. Ich nickte.

Noch kennt sie niemand als du. Aber sollten die losen Gedanken sich zur
Kette zusammenschieben, so werde ich den Schatz nicht in meine Truhe
legen.

Auch wenn sie dich bezichtigen, falsches Gold zu fabrizieren?!

Ich warf den Kopf zurck. Ein heies Gefhl der Kampflust strmte mir
durch die Adern und bewies mir, da ich lebte. Auch dann!

       *       *       *       *       *

Das Erbe meiner Gromutter befreite mich von einem gut Teil uerer
Sorgen. Und jetzt erst, da die Not, dieser Sklavenhalter, nicht mehr
hinter mir stand, fhlte ich alle Striemen, mit denen ihre
Peitschenschlge meinen Krper gezeichnet hatten. Ich sah die Blsse
meiner Wangen, die Falten um meinen Mund, die mden Augen. Und doch
wollte ich nicht alt sein, denn noch lag ein Leben vor mir, und ich
wollte nicht hlich sein, denn eine tiefe, tiefe Sehnsucht trieb mir
heies Blut durch die Adern.

Ich ging in ein Sanatorium in die Nhe von Dresden, um gesund zu werden.
Unter dem Menschenschwarm aus der alten und neuen Welt, der sich dort
ein Stelldichein zu geben schien, traf ich auch einen Bekannten:
Hessenstein. Meinen alten Tnzer, einen der glnzendsten Kavaliere der
Westflischen Gesellschaft, htte ich in dem grauhaarigen Mann mit dem
gebeugten Rcken kaum wiedererkannt.

Merkwrdig, sagte er nach der ersten Begrung, Sie sind immer noch
Alix von Kleve! -- Eben las ich Ihr Buch. Daraus erfuhr ich, da Sie
auch innerlich noch Alix von Kleve sind, oder -- besser gesagt -- da
Sie heimkehrten.

Wie meinen Sie das? fragte ich lchelnd. Ich brauchte nicht
heimzukehren, denn ich war immer bei mir!

Auch als Sie noch zu den Singer, Stadthagen, Luxemburg, und wie die
Zierden der Partei alle heien mgen, gehrten?!

Ich war und bin Sozialdemokratin, -- damit gehre ich meiner
berzeugung, nicht den Menschen, antwortete ich merklich khler
werdend.

Wie, Sie sind nicht aus der Partei ausgetreten und konnten dies
schreiben --, er zog das Buch von der Gromutter aus der Tasche,
-- das Werk eines vollendeten Aristokraten --

Sie haben einmal andere Ansichten gehabt, Herr von Hessenstein,
unterbrach ich ihn.

Wer von uns htte nicht trichten Trumen nachgehangen?! meinte er.

Wir sahen einander oft, und es tat mir wohl, einem teilnehmenden
Menschen von meinem Leben zu erzhlen.

An einem khlen Herbsttag, -- dem letzten vor meiner Abreise, wanderten
wir auf die Heide hinaus. Ich liebe sie, sagte Hessenstein, sie geht
mit so stiller Wrde dem Winter entgegen, ohne sich durch berflssige
Strme ber die Hoffnungslosigkeit der Situation aufzuregen.

Nun wei ich endlich, warum ich sie nicht liebe, antwortete ich;
diese Ergebung in das Schicksal wird mir immer fremd sein. Ich wrde
mich an den Sommer klammern, wenn es Winter werden wollte.

Er sah mich kopfschttelnd an: Nach all Ihren Erfahrungen diese
Lebenskraft?! Nachdem all Ihre Opfer nutzlos waren?!

Ich schwieg betroffen still. Die Frage, ob ich genutzt hatte oder nicht,
hatte ich mir selbst nie gestellt. Ich berlegte: all die Reformen, fr
die ich in hartem Kampf gegen die Genossen eingetreten war, kamen mir
jetzt, aus der Vogelperspektive, nicht mehr so welterschtternd vor.
Aber immerhin; sie hatten sich durchgesetzt. Die Dienstbotenbewegung
war im Gang, die Mutterschaftsversicherung war zur Forderung der Partei
geworden; die Haushaltungsgenossenschaft stand wenigstens
auf dem Diskussionsprogramm; selbst jene Zentralstelle der
Arbeiterinnenbewegung, deren Forderung mir fast den Hals gekostet hatte,
war vor ein paar Jahren geschaffen worden und funktionierte
vortrefflich. Und wie viele mochte ich dem Sozialismus gewonnen haben?
Ich sah wieder glnzende Augen auf mich gerichtet, fhlte den Druck
schwieliger Hnde, hrte den Siegesjubel mich umbrausen --.

Nein, sagte ich hell und laut, meine Arbeit ist nicht nutzlos
gewesen! Es gibt kein Wort, das nicht die Luft in Schwingung versetzt,
keinen Gedanken, der sich nicht weiterpflanzt! -- Und da ich in der
Partei aushalte?! Meinen Sie denn, es wrde an meiner berzeugung irgend
etwas gendert werden, wenn ich ihr nicht offiziell angehrte, oder wenn
sie, -- was ich nicht fr unmglich halte, -- mich noch einmal gehen
heit? Gewi, ich zweifle an der Richtigkeit mancher ihrer
Programmforderungen, ich halte ihre Taktik sehr oft fr falsch, ich
sehe, da sie von hundert Schnheitsfehlern behaftet ist, -- aber all
das vermag die Hauptsache nicht zu erschttern. Der Sozialismus ist das
einzige Mittel, um die Menschheit aus dem Zustand der Barbarei auf die
erste Stufe der Kultur zu erheben --

Er legte beschwichtigend seine schmale, blaugederte Hand auf die meine.
Sie sind in keiner Volksversammlung, sagte er; sie brauchen nicht so
starke Farben aufzutragen --

Ich trage sie nicht auf. Ich spreche in ruhigster berlegung, fuhr ich
fort. Oder ist es etwa keine Barbarei, da die berwiegende Masse der
Menschheit, da Millionen, viele Millionen, von Kindheit an bis zum
Greisenalter zu hrtestem Frondienst verurteilt sind, da sie von dem
einzigen Sinn des Lebens, der Entfaltung der Persnlichkeit zur hchsten
Potenz ihrer Leistungs- und Genukraft, durch den Zufall der Geburt und
des Besitzes ausgeschlossen sind?! Die Befreiung des Menschen von den
blinden Gesetzen des Schicksals, die vollkommene Unterjochung der
Materie unter den Geist, -- das ist uns das Ziel; einer fernen Zukunft
aber wird es zweifellos erst als der Anfang der Menschheitsentwicklung
erscheinen.

Mein Begleiter blieb stumm. Erst als wir droben von der Heide in den
herbstbunten Wald schritten, sprach er wieder. Ich bewundere Ihren
Glauben. Sollte wirklich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel
solchem Ziel entgegenfhren?! Dann wre es allerdings strflich, sich
ihrer Durchsetzung entgegenzustemmen!

Ich sehe zunchst kein anderes, antwortete ich. Freilich: ein
aktuelles Problem ist sie nicht. Aber so etwas wie eine regulative Idee.
Im brigen: ich schwre ja nicht darauf. Ich kann mir vorstellen, da
sie einmal durch andere Forderungen ergnzt werden mte. Aber das Ziel
ist fr mich unverrckbar.

Wir nherten uns wieder dem Sanatorium. Sie gehen nach Java zurck?
fragte ich, ehe wir uns trennten. Nein, entgegnete er. Dreizehn Jahre
habe ich da unten gelebt, -- eine bse Zahl! -- Ich bin dabei ein
reicher Mann geworden. Aber kein glcklicher. Jetzt will ich --, er
schrzte in bitterer Selbstverhhnung die Lippen, -- mein Leben als
Europer genieen. Sie sehen: Ihre ersehnte Beherrschung der Materie ist
keine zuverlssige Grundlage des Glcks.

Glcklichsein -- im Sinne der Befriedigung unserer Triebe ist doch auch
nur ein Herdenideal. Wessen Leben es ausfllt, der ist entweder ein
Schwchling oder ein Greis --

Er drckte mir die Hand. Sie sind eine merkwrdige Frau. Vielleicht
komme ich nach Berlin und lerne auf meine alten Tage noch leben. Nur
eins geben Sie mir bitte jetzt schon auf den Weg: Sind Sie so kalt, da
Sie das Glck ganz auszuschalten vermgen, und -- wenn nicht -- was
verstehen Sie darunter?

Ich atmete tief auf. Ich sah mich an einem Tage wie diesem mit dem
Geliebten im Wald, -- die Sehnsucht packte mich, so hei, so stark, da
ich erschauerte. Aber dem fremden Mann, der erwartungsvoll vor mir
stand, htte ich nicht sagen knnen, was mich bewegte. Kampf, --
Kraftentfaltung, -- Widerstnde beseitigen, -- sie aufsuchen, wenn sie
sich nicht von selbst ergeben, -- darin kulminiert das Lebensgefhl der
Starken, sagte ich.

Er verabschiedete sich. Ich sah ihn im Hause verschwinden, mit gebeugtem
Rcken, sehr mde.

       *       *       *       *       *

Auf der Heimfahrt klopfte mir das Herz unruhiger als sonst. Ich dachte
an Heinrich. Seine Lebensauffassung war's, der ich Worte geliehen, an
der ich mich selbst zuerst aufgerichtet hatte, und die nun wie
ein Fluidum in meine Seele gestrmt war. Ein Gefhl tiefer
Zusammengehrigkeit berkam mich, das ich noch nie empfunden hatte, --
am wenigsten dann, als wir, an den gleichen Pflug gespannt,
unzertrennlich waren. Vielleicht, da Freunde so miteinander leben und
arbeiten knnen; -- Liebende nicht, sicher nicht! Aber sind es nicht die
besten Ehen, die zur Freundschaft werden? Oder ist das nicht auch eine
jener alle Natrlichkeit knechtenden Anschauungen, die wir armen
Menschen uns von der Moral des Christentums einpauken lieen, einer
Moral, fr die die Sinne und die Snde identisch waren, der ihre
berwindung als der Tugend Krone erschien?! Ehe ist der Bund zweier
Liebenden; wo sie zur bloen Freundschaft wurde, sind die Sinne tot oder
ugen sehnschtig nach anderer Befriedigung.

Die Ehe von einst beruhte auf der Autoritt des Mannes gegenber der
Frau, der Autoritt der Eltern gegenber den Kindern, -- ein Staat im
kleinen mit Herren und Knechten. Jetzt aber stehen Individualitten
einander gegenber. Das Leben von einst lt sich ihnen wohl noch
aufzwingen, aber sie zerbrechen daran. Zur Herdflamme wird die Liebe
nicht mehr. Aber zum lodernden Opferbrand an den hohen Festen des
Lebens!

Fr die Liebe ist der sicherste Tod die Unfreiheit. Sie wchst mit dem
Pathos der Distanz.

Wie ein kleines Mdchen, das zum ersten Male liebt, wagte ich kaum mir
selbst zu gestehen, was ich fhlte. Als mein Mann mich am Bahnhofe
empfing und mir die Hand kte, errtete ich. Und abends ertappte ich
mich dabei, wie ich im Spiegel forschend meine Zge musterte und die
Haare anders zu stecken versuchte. -- Er war jetzt immer so frmlich,
so ritterlich zu mir! Ob ich am Ende zu alt war: -- Zweiundvierzig
Jahre! In Paris hatte ich Frauen gesehen, die lter waren als ich und
doch noch schn. Freilich: das Leben hatte mich gezeichnet! -- Ganz
heimlich -- ich htte mich sonst vor ihm zu sehr geschmt! -- fing ich
an, mich mehr zu pflegen als sonst, die Farbe meiner Kleider, die Form
meiner Hte sorgfltiger auszuwhlen. Ich verschwendete fast. Ganz, ganz
in der Ferne sah ich einen neuen Sommer voll Glanz und Glut. Noch lag er
im Zauberschlaf, tief unten in der winterstarren Erde. Aber meine
Sehnsucht trog mich nicht: er mute kommen.




Neunzehntes Kapitel


In Eis gepanzert, einen langen Mantel von Schnee um die Schultern, trat
das neue Jahr seine Herrschaft an. Gleichgltig sahen seine kalten Augen
ber die Menge hinweg, die jammernd die Arme zu seinem Thron erhob.

Die Not war gro. Brot und Fleisch waren teuer, und fr die
Menschenkraft, die sich billig anbot, gab es keine Arbeit. Der Winter
trieb die Arbeitslosen in Scharen in die Wrmehallen; vom frhen
Nachmittag an drngten sich die Obdachsuchenden vor den Asylen. Wer in
ihre Nhe kam, den trafen Blicke, in denen der Ha gegen die
Herrschenden, der Groll mit dem Schicksal flammte. Das waren keine
Almosen heischenden Bettler mehr, keine in ein gottgewolltes Geschick
Ergebenen.

Das Proletariat fllte den ganzen Winter ber die Sle, um gegen eine
Politik zu protestieren, die zwar mit den Insignien des
Konstitutionalismus prunkte, aber nur ein Werkzeug des Absolutismus war.
Es wute von den Millionen neuer Steuern, die drohten, es hatte
erfahren, da es gegen die geeinte Reaktion machtlos war, da die
eiserne Hand Preuens auf ihm ruhte, wenn es sich aufrichten wollte. Es
erkannte, da es Mauern und Grben zu bewltigen galt, ehe die feste
Burg, der Staat, ihm zufiele. Junker und Pfaffen hielten sie besetzt,
bereit, nur ber ihre Leichen den Weg frei zu geben.

Der erste Akt des Dramas begann.

       *       *       *       *       *

Vor dem Abgeordnetenhaus in Berlin eine dichtgedrngte Menschenmasse.
Polizisten zu Fu und zu Pferd, den Revolver im gelben Grtel, halten
die Zufahrt frei. Und hinter ihnen stehen Tausende, Mnner, Frauen,
Kinder. Sie warten. Sie besetzen die Auffahrt des gegenberliegenden
Kunstgewerbemuseums. Sie halten Umschau von oben. Und pltzlich biegt in
scharfem Trabe eine Karosse um die Ecke der Prinz Albrechtstrae. Der
Reichskanzler! gellt es laut. Die Menge flutet ihm entgegen, ihm nach,
eine einzige dunkle Welle. Und brausend tnt es um ihn: Hoch das freie
Wahlrecht! Dann wieder Stille. Sie wartet weiter.

Und auf der Rednertribne des Abgeordnetenhauses erscheint Frst Blow
zur Beantwortung des freisinnigen Antrags: Einfhrung des allgemeinen,
gleichen und direkten Wahlrechts mit geheimer Stimmabgabe fr den
preuischen Landtag. Mit unterschlagenen Armen, ruhig und selbstbewut,
den harten Ausdruck geborener Herrscher auf den Zgen, sitzt die
Mehrheit vor ihm. Sie wei, was sie zu erwarten hat; dieser Mann ist ein
Erwhlter des Kaisers, nicht des Volkes, und der Kaiser ist der Ihre.

... Fr die Knigliche Staatsregierung steht es nach wie vor fest, da
die bertragung des Reichstagswahlrechts auf Preuen dem Staatswohl
nicht entspricht und daher abzulehnen ist. Auch kann die Knigliche
Staatsregierung die Ersetzung der ffentlichen Stimmabgabe durch die
geheime nicht in Ansicht stellen.

Scharf, ohne die liebenswrdigen Floskeln des Weltmannes, ohne das
verbindliche Lcheln des Diplomaten, klingt die Erklrung durch den
Saal.

Das Volk drauen wartet. Da nahen neue Schutzmannspatrouillen; hart
schlgt ihr Tritt auf den Asphaltboden auf, Pferdehufe klappern
dazwischen, -- die Begleitung zum Text des Kanzlerliedes.

Das Volk zieht sich zurck.

       *       *       *       *       *

Zwei Tage spter. Ein heller Wintersonntag. Mittags Unter den Linden das
gleiche Bild wie immer: flanierende Damen und Herren, Offiziere und
Studenten, hinter den Spiegelscheiben der Kaffees neugierige
Sonntagsbummler.

Wir gehen langsam dem Schloplatz entgegen. Schutzleute erscheinen. Aus
allen Nebenstraen blitzen ihre Helmspitzen auf. Im Zeughaus, vor dem
Museum, am Dom und rings um das Schlo -- lauter Pickelhauben. Mit
klingendem Spiel zieht die Wache auf, bunt und glnzend, eine Augenweide
fr alle Farbenfrohen. An der Kreuzung der Friedrichstrae stockt der
Zug der Soldaten, ein anderer berschreitet seinen Weg, ein einfrmig
dunkler: Arbeiter, die aus dem Innern der Stadt kommen, wo heute die
Wahlrechtsversammlungen tagen. Schweigend zieht er vorber. Es ist, als
ob er auf alle Gesichter seinen Schatten geworfen habe.

Da -- Signaltne aus der Hupe. Die Spaziergnger stutzen; drei gelbe
Automobile rasen vorbei, dem Schlosse zu. Der Kaiser. Kein Hurra, kein
Gru, alles bleibt still, -- wie benommen.

Und pltzlich, als htte die Erde sie ausgespieen, wimmelt es auf der
breiten Strae von Menschen; im selben Augenblick bildet sich vor dem
Schlo eine Mauer von Polizistenleibern. Die Menge mit ihre Gegner mit
dem spttischen Blick der berlegenheit: Wenn wir wollten --! Aber sie
wollen nicht. Sie haben strkere Mauern zu strmen.

Aus der Ferne klingen Tne, wie Donnerrollen. Sie schwellen an. Sie
begleiten den gleichmigen Tritt Tausender: -- soweit das Auge die
Friedrichstrae hinunter gen Sden reicht -- ein Meer von Menschen. Es
berflutet die Linden. Rechts und links weichen die Spaziergnger
zurck. Noch nie hat die Allee der Frstentriumphe solch einen Aufzug
gesehen! Eine Schwadron Berittener sprengt den Demonstranten entgegen,
mitten in ihren Zug hinein. Ein Aufkreischen ngstlicher Weiberstimmen,
-- dann gewitterschwangere Stille.

Einsam liegt das Knigsschlo. Leer gefegt ist der weite Raum ringsum.
Schwer hngt die Kaiserstandarte in der unbewegten Luft. Hier hlt das
Leben seinen Atem an.

Aber ringsum, von Norden und Osten, von Sden und Westen, strmen sie
jetzt herbei in hellen Scharen. Sie singen. Niemand hat den Taktstock
geschwungen, sie sehen einander nicht einmal, und doch ist es dasselbe
Lied, das aus den Kehlen aller dringt, das die Bastille gestrmt hat und
die Barrikaden: die Marseillaise. Es schlgt gegen die Mauern der
Kirchen und der Palste, -- und ihr Echo mu es wiedergeben. Es braust
sieghaft hinweg ber die Ketten der Hter der Ordnung. Hoch ber dem
Knigsschlo fluten seine Tne zusammen, -- es klingt wie das Klirren
scharfer Klingen, -- wie Wotans gespenstisches Heer.

Und nun hllt der Abend die Stadt in seinen dunkeln Mantel. Der Gesang
verstummt. Das Pferdegetrappel der Polizisten, das Geschrei der
Verfolgten tnt nur noch von weit her.

Mir aber ist, als she ich in einen unermelichen Saal. An seinen Wnden
prangen die Bilder verflossener Jahrhunderte: die Geschichten von den
Knigen und den Kriegen; Marmorstatuen stehen ringsum: Feldherrn und
Frsten, Priester und Propheten. In der Mitte aber auf goldenem Stuhl
thront Er. Um das Haupt den Krnungsreif wie einen Heiligenschein; die
Finger der Linken um den Reichsapfel gespannt, -- die Weltenkugel; in
der rechten das Zepter, -- eine Peitsche, um Nacken zu beugen,
Widerspenstige zu zhmen; auf der Brust ein groes leuchtendes Kreuz.
Ich staune ihn an: Alles Vergangene lebt in ihm. Alles, was uns tot ist,
umgibt ihn. Gegen die Nacht, die nur sein Glanz erhellt, erscheint das
Licht des Tages grau und kalt.

Er ist kein einzelner. Er ist die Welt, die wir berwinden mssen.

       *       *       *       *       *

Eine kleine Gruppe von Parteigenossen fand sich in einem Restaurant der
Friedrichstadt in der Nacht nach den Wahldemonstrationen zufllig
zusammen. Die Erregung, die in allen noch nachzitterte, verscheuchte
jede Mdigkeit. Groe Ereignisse lsen die Lippen. Auch die Khlen waren
warm geworden. Man diskutierte lebhaft: ber die heutige Eroberung der
Strae, ber die knftige Entwickelung der Bewegung, ber die
Mglichkeit, in diesem Augenblick, wo es sich nicht um die Aufrichtung
des Zukunftsstaates, sondern um die Niederwerfung der Junkerherrschaft
handelte, das liberale Brgertum und alle Schmollenden, die unsicher
abseits standen, mobil zu machen. Ein Riesenkampf gegen die Reaktion,
-- das ist's, was die stagnierenden Gewsser in Flu bringen wrde!
sagte einer.

Er wrde die Geister scheiden, wie nichts zuvor --, ergnzte
enthusiastisch ein anderer.

Sie glauben wirklich, da das Ziel des allgemeinen Wahlrechts fr den
preuischen Landtag solch weltbewegende Krfte entfesseln knnte?
fragte ich. Mein Spott rtete die Gesichter der Begeisterten noch mehr.

Und gerade Sie waren vor einer Stunde bis zur Stummheit ergriffen!
meinte vorwurfsvoll mein Nachbar.

Ich bin es noch, antwortete ich; mir war, als htte ich wirklich den
Flgelschlag der neuen Zeit gefhlt. Ich frchte nur, sie rauscht an uns
vorber.

Das aber liegt doch an uns! rief ber den Tisch herber ein jungem
Literat, der darauf brannte, sich die politischen Sporen zu verdienen.
Wir mssen sie festhalten, wir mssen das Eisen schmieden, solange es
warm ist.

Womit, wenn ich fragen darf? --

Die Antworten schwirrten von allen Seiten durcheinander: Durch die
Aussicht auf eine wahrhaft liberaldemokratische ra, -- auf
wirtschaftliche Reformen groen Stils, -- Verminderung der Steuern,
-- der Militrlasten, -- Trennung von Kirche und Staat --

Lauter Einzelforderungen, die groe, heute noch indifferente Massen
kaum begeistern, die heterogene Elemente nicht zusammenschweien werden,
die, vor allen Dingen, kein sicher wirkendes Scheidewasser sind, sagte
ich ruhig.

So nennen Sie es, wenn Sie es wissen!

Ich sah mich scheu im Kreise um. Sobald ein Gesprch Fragen berhrte,
die mir sehr nahe gingen, berkam mich oft eine gewisse verlegene
Unbeholfenheit. Stnde ich vor einer Volksversammlung, so wrde es mir
leichter werden als vor all Ihren forschenden, erwartungsvollen und --
lchelnden Mienen, meinte ich.

So wollen wir streng parlamentarisch verfahren, sagte mein Nachbar
sichtlich belustigt; wir sind die letzten Gste, beherrschen also im
Moment die Situation. Silentium, meine Herren! Frau Alix Brandt hat das
Wort.

Ich sah zu meinem Mann hinber. Er nickte mir zu. Ich klammerte meinen
Blick an den seinen und erhob mich. Was mir diese Nacht zum erstenmal
klar vor Augen gestanden hatte, das sollte ich in Worte fassen. -- Mir
war die Kehle wie zugeschnrt. Und doch fhlte ich, es mute sein.
Nicht um dieser Tafelrunde willen, -- sondern meinetwegen. Der Gedanke
zerflattert, wenn er nicht in die Form der Sprache gepret wird.

Mir scheint, begann ich zgernd, da es nicht so sehr darauf ankommt,
einzelne praktische Ziele zu setzen. Das haben die Parteien schon lngst
getan und sind ber die Verschiedenheit ihrer Einzelforderungen in
Gruppen und Grppchen auseinander gefallen. Alle groen entscheidenden
Weltbewegungen sind von _einem_ Geist getragen worden -- Und die
materialistische Geschichtsauffassung?! unterbrach mich ein Genosse.

Von _einem_ Geist --, fuhr ich unbeirrt fort, der sich
selbstverstndlich erst aus den allgemeinen wirtschaftlichen und
sozialen Verhltnissen heraus entwickeln konnte und immer erst dann
entstand, wenn der Widerspruch der Gegenwart zur Vergangenheit berall
schmerzhaft fhlbar geworden war. Das gilt fr das Christentum, -- den
Muhamedanismus -- die Revolution, rief einer dazwischen.

Nein, antwortete ich. Es gibt Zeiten, in denen der Geist der
Verneinung, wie ich ihn einmal nennen will, nicht zu reinem, vollem
Ausdruck kommt, wo er nur beschrnkte Schichten des Volkes ergreift, --
wie zur Zeit der Renaissance, der Revolution, -- und wo er darum
schlielich gezwungen wird, mit dem Geist der Vergangenheit zu
paktieren. So baute die Renaissance christliche Kirchen, und die
Revolution bernahm die Phraseologie des Christentums. Auch wir
versuchen mit jener Geistesfaulheit, die sich scheut, zu Ende zu denken,
neuen Wein in alte Schluche zu gieen. Ich erinnere an die Bemhungen,
die Kirche zu modernisieren, an das Bestreben, in der Partei die Ethik
Kants fr den Sozialismus in Anspruch zu nehmen.

Hier unterbrach mich mein Nachbar, ein begeisterter Kantianer, und
verga im Eifer des Widerspruches die von ihm selbst gewollte
parlamentarische Ordnung.

Der kategorische Imperativ, von seiner transzendentalen Herkunft
losgelst, ist tatschlich der dirigierende Geist, auf den Sie offenbar
hinauswollen, rief er.

Das bestreite ich. Schon weil er sich von dieser transzendentalen
Herkunft nicht loslsen lt, weil er Geist vom Geist des Christentums
ist, weil wir auf Grund unserer Kenntnis der historischen Entwicklung
und Umwandlung sittlicher Ideale wissen, da es ein allgemein gleiches,
verpflichtendes Sittengesetz nicht gibt, weil nicht einmal zwischen
Einzelindividualitten eine quivalenz der Handlungen besteht --

Ich hre Alix Brandt, und es ist Friedrich Nietzsche! spottete jemand.
Die anderen lchelten vielsagend.

Sie haben mir vorgegriffen, entgegnete ich ruhig. Ich htte den Namen
des Mannes genannt, der zwar nicht der Erlser, wohl aber sein Prophet
sein kann.

Aber, Genossin Brandt, Sie verirren sich, hrte ich entrstet rufen;
wie vermgen Sie Ihre sozialdemokratische Gesinnung mit dem Nachbeten
Nietzschescher Lehren zu vereinigen?! Denken Sie doch an seine
Vergtterung der 'Herrenmenschen', an seine Verhhnung jedes
'Sklavenaufstands'!

Diesen Einwand mute ich erwarten. Ich erinnere Sie demgegenber
zunchst nur daran, da es derselbe Nietzsche war, der anerkannte, da
die einzelne starke Individualitt am leichtesten in einer
demokratischen Gesellschaft sich erhalten und entwickeln knne. Aber
diese Idee ist zwischen uns, wie ich glaube, schon so sehr zum
unbestreitbaren Gemeinplatz geworden, da ich nicht weiter darauf
einzugehen brauche. Natrlich gebe ich _den_ Nietzsche preis, der unsere
groe soziale Bewegung weder kannte, noch kennen wollte. Und ich kann
das um so leichter, weil er unbewut selbst im Flusse dieser Bewegung
schwamm, weil er dem Sozialismus das gab, was wir brauchen: eine
ethische Grundlage.

Von allen Seiten wurde mir heftig widersprochen, aber jetzt, da ich mir
selbst immer klarer wurde, strte mich das nicht mehr.

Alle seine groen Ideen leben in uns: der Trieb zur Persnlichkeit, die
Umwertung aller Werte, das Jasagen zum Leben, der Wille zur Macht. Wir
brauchen die blitzenden Waffen aus seiner Rstkammer nur zu nehmen, --
und wir sollten es tun. Mit dem Ziel des grten Glcks der grten
Anzahl, -- an das ich glaubte, wie Sie alle, -- schaffen wir eine
Gesellschaft behbiger Kleinbrger.... Und spren Sie den Geist der
Verneinung nicht in allem, was heute lebenskrftig ist und vorwrts
will? Kunst und Literatur, Wissenschaft und Politik setzen ihr Nein der
Vergangenheit entgegen, die noch Gegenwart sein will. Was ihr Tugend
war, -- Unterwrfigkeit, Demut, Ergebung in das Schicksal, Ungehorsam
gegen sich selbst, wenn der Gehorsam gegen Obere es fordert, --
erscheint uns mindestens als Schwche, wenn nicht als Unrecht. Der
Glaube an die gottgewollten Zustnde von Armut und Reichtum, von
Herrschaft und Dienstbarkeit ist weit ber die Kreise der Partei hinaus
zerstrt. Und mit alledem, das wir unbewut und bewut von uns geworfen
haben, panzert sich der Riese der Reaktion. Vor neunzehnhundert Jahren
unterwarf die Moral des Christentums die heidnische Welt. Vergebens hat
die Renaissance und die Revolution sich gegen sie emprt, -- die Zeit
war noch nicht reif. Heute aber ist sie es; der Sozialismus hat ihr den
Boden bereitet. Wre ihre Fahne voll entfaltet, so wrden sich vor ihr
die Feigen von den Mutigen, die Schwachen von den Starken sondern, und
alles wrde ihr zustrmen, was jungen Geistes ist, was Zukunft in sich
hat. Den Weg zu unserem Ziel finden wir nur, wenn die Idee der ethischen
Revolution der Idee der konomischen Umwlzung Flgel verleiht....

Die Tre ging auf. Ein verschlafener Kellner musterte mimutig die
sehaften Gste. Ich erwachte wie aus einem Traum. Die anderen blieben
stumm. Ob aus berraschung, aus Emprung, aus Mdigkeit? Ich mchte
heim, sagte ich leise zu meinem Mann. Wir gingen allein und schweigsam
nach Hause.

Ich hrte danach, da man mich verspottete: Die Sozialdemokratin und
Verknderin der Herrenmoral! Mir schien, als gingen mir die Genossen
noch mehr als sonst aus dem Wege. Aber es krnkte mich nicht.

       *       *       *       *       *

Ein feuchter Mrzwind strich durch die Straen. Die Bume und Bsche
zitterten in seiner Umarmung, denn er flsterte ihnen vom Frhling die
frohe Botschaft zu. Auch um meine Stirne wehte sein weicher Atem. Hatte
ich nicht geglaubt, da ich den Lenz wie alte Leute gren wrde:
versunken in Erinnerungen? --

Ich sa am Fenster und las meines Sohnes Briefe. Seit einiger Zeit
schrieb er mir oft: Seiten und Seiten voller Fragen und erregter
Gestndnisse. Zum erstenmal stand sein junger Geist in offenem Kampf mit
der Wahrheit und den Autoritten. Und er unterwarf sich nicht. Er war
mein Kind.

Noch immer hatte ich mich gescheut, Heinrich zu zeigen, was er schrieb.
Wir waren frher heftig aneinander geraten, weil ich schon des kleinen
Kindes Selbstndigkeit respektierte. Und jetzt hatte ich mehr zu
frchten als nur den vterlichen Zorn. Ein Prfstein wrde es sein auch
fr unsere Beziehungen. Ich liebte meinen Mann. Viel mehr, viel tiefer
als zu jener Zeit, da ich mich ihm zuerst verband. Denn damals kannte
ich ihn nicht. Aber meine Liebe war zu gro, um Unterwerfung ertragen zu
knnen. Wenn er das Kind nicht verstand, so wrde er auch mich nicht
verstehen. Wieder aneinander gebunden sein, so da jeder selbstndige
Schritt des einen den anderen ins Fleisch schneiden mu; die Blume der
Liebe, die nichts als der Persnlichkeit reichste Entfaltung ist,
abpflcken, nur damit sie die Brust des anderen schmckt, zu frhem
Welken verurteilt, -- das vermochte ich nicht mehr --

Es lutete drauen, lang und heftig. Ich sprang auf, beide Hnde auf das
wild klopfende Herz gepret. Wer lrmte zu frher Morgenstunde so
ungeduldig an der Tre? Wer?! Schon sprang sie auf, und ins Zimmer flog
es herein wie ein Wirbelwind, und zwei Arme umschlangen mich, und ein
glhendes Gesicht mit zwei glnzenden Augen hob sich zu mir empor. Mein
Kind! Mein Kind! --

Der Rucksack flog im Bogen von den Schultern. Davongelaufen bin ich --
bei Nacht und Nebel, -- ich hielt's nicht lnger aus, sprudelte es
hervor, atemlos, triumphierend.

Ich hrte kaum, was er sprach, ich sah nur, da er da war, wirklich da
war!

Ein fester Tritt auf dem Flur weckte mich aus meiner Versunkenheit. Der
Vater! rief ich angstvoll und legte wie schtzend den Arm um meinen
Sohn. Der aber ri sich los, lachte mich an und lief mit einem: Ich
frchte mich nicht! dem Kommenden entgegen.

Ich stand wie angewurzelt. Ich hrte einen Wortwechsel, dann ein langes,
ernstes Gesprch. Frage und Antwort. Hand in Hand kamen sie zu mir ins
Zimmer. Nun werden wir den Schlingel doch wohl behalten mssen,
lchelte mein Mann, und heute soll fr uns drei ein Feiertag sein.

Wir gingen durch den Wald nach Paulsborn. Die Kiefern standen schwarz
gegen den hellen Himmel, und lichtgrn schmiegten sich die Bsche ihnen
zu Fen. Auf dem See tanzten die Sonnenstrahlen. Und weit voraus sprang
unser Sohn.

Weit du noch?! sagte Heinrich.

Ich wei! Damals schttelte der Sturm die Bume. Mich fror, und du
schlugst deinen Mantel um mich --

Und habe dich doch nicht schtzen knnen --

Ich danke es dir, denn dadurch wurde ich stark.

So stark, da du allein zu gehen vermagst --, seine Stimme schwankte
dabei. Mich traf's wie blendendes Licht, -- ich sah auf dem Wasser
nichts mehr als die goldene, schimmernde Sonnenstrae.

Damals warnte ich dich vor mir, fuhr er fort.

Ich aber lie dich nicht --

Und heute?! --

Du siehst: ich gehe auf eigenen Fen, aber neben dir --

Wo die dunkle Allee sich der weiten, sonnenbeglnzten Wiese ffnet,
tauchte die schlanke Gestalt unseres Sohnes auf. Er hielt einen Zweig
jungen Grns in der hochgehobenen Hand. Der wehte ber ihm wie eine
Fahne.

       *       *       *       *       *

Und dann kam das Leben wieder und der Alltag, und sein Pfad blieb rauh.
Aber ich hatte ihn freiwillig gewhlt, und meines Herzens Glut schtzte
mich vor dem Frost. Er blieb einsam. Aber ich wute vorher: wer eigene
Wege sucht, findet wenig Gefhrten. Und ber das Donnern der Sturzbche
hinweg flog siegreich hin und her der Gru der Liebe.

Einmal, als der Fhn mich umheulte und die Steine meine Fe
verwundeten, sah ich forschend zurck. Und ich erkannte, da ich nicht
irre gegangen war.





End of Project Gutenberg's Memoiren einer Sozialistin, by Lily Braun

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN ***

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and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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