The Project Gutenberg eBook, Der Mann im Mond, by Wilhelm Hauff


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Title: Der Mann im Mond

Author: Wilhelm Hauff

Release Date: September 13, 2004  [eBook #13451]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM MOND***


E-text prepared by Delphine Lettau, Jan Coburn, Charles Franks, and the
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DER MANN IM MOND

oder Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme

Nebst der Kontrovers-Predigt ber H. Clauren und den Mann im Mond

von WILHELM HAUFF







INHALT.


ERSTER TEIL.

Der Ball
Ida
Schne Augen
Der Fremde
Die Kirche
Das Souper
Das Urteil der Welt
Der Kotillon
Die Beichte
Das Dejeuner
Der Brief
Operationsplan
Die Mondwirtin
Der polnische Gardist
Der Hofrat auf der Lauer
Der selige Graf
Gute Nachricht
Der lange Tag
Der Tee
Das Stndchen
Die Freilinger
Feindliche Minen
Geheime Liebe
Emils Kummer
Der selige Berner
Entdeckung


ZWEITER TEIL.

Die Heilung
Neue Entdeckung
Das _Tte--tte_
Das Unkraut im Weizen
Das Unkraut wchst
Trbe Augen
Die Grfin agiert
Eifersucht
Der neue Nachbar
Trau--schau--wem?
Der Gram der Liebe
Feine Nasen
Der Herr Inkognito
Emil auf der Folter
Der Rittmeister
Unschuld und Mut
Noch einmal zieht er vor des Liebchens Haus
Das Duell
Fingerzeig des Schicksals
Licht in der Finsternis
Reue und Liebe
Vershnte Liebe
Die Freiwerber
Fortsetzung der Freier
Die Soiree
Die Braut
Prliminarien
Zurstungen
Hochzeit
Der Schmaus
Schlu
Nachschrift
Kontrovers-Predigt



ERSTER TEIL.



DER BALL.

ber Freilingen lag eine kalte, strmische Novembernacht; der Wind
rumorte durch die Straen, als sei er allein hier Herr und Meister
und eine lbliche Polizeiinspektion habe nichts ber den Straenlrm
zu sagen. Dicke Tropfen schlugen an die Jalousien und mahnten die
Freilinger, hinter den warmen Ofen sich zu setzen whrend des
Hllenwetters, das drauen umzog. Nichtsdestoweniger war es sehr
lebhaft auf den Straen; Wagen von allen Ecken und Enden der Stadt
rollten dem Marktplatz zu, aus welchem das Museum, von oben bis unten
erleuchtet, sich ausdehnte.

Es war Ball dort, als am Namensfest des Knigs, das die Freilinger,
wie sie sagten, aus purer Gewissenhaftigkeit nie ungefeiert
vorbeilieen. Morgens waren die Milizen ausgerckt, hatten prchtige
Kirchenparade gehalten und kmmerten sich in ihrem Patriotismus wenig
darum, da die Dragoner, welche als Garnison hier lagen, sie laut
genug bekrittelten. Mittags war herrliches Diner gewesen, an welchem
jedoch nur die Herren Anteil genommen und solange getrunken und
getollt hatten, bis sie kaum mehr mit dem Umkleiden zum Ball fertig
geworden waren.

Auf Schlag sieben Uhr aber war der Ball bestellt, dem die Freilinger
Schnen und Nichtschnen schon seit sechs Wochen entgegengeseufzt
hatten. Schn konnte er diesmal werden, dieser Ball; hatte ihn doch
Hofrat Berner arrangiert, und das mute man ihm lassen, so viele
Eigenheiten er sonst auch haben mochte: einen guten Ball zu
veranstalten, verstand er aus dem Fundament.

Die Wagen hatten nach und nach alle ihre kstlichen Waren entladen;
die Damen hatten sich aus den neidischen Hllen der Pelzmntel und
Schals herausgeschlt und saen jetzt in langen Reihen, alle in
unchristlichem Wichs, an den Wnden hinauf. Es war der erste Ball in
dieser Saison. Der Landadel hatte sich in die Stadt gezogen, Kranke
und Gesunde waren aus den Bdern zurckgekehrt; es lie sich also
erwarten, da das Neueste, was man berall an Haarputz und Kleidern
bemerkt und in feinem, aufmerksamem Herzen bewahrt hatte, an diesem
Abend zur Schau gestellt werden wrde. Daher fllte die erste halbe
Stunde eine Musterung der Coiffren und Girlanden, und das Bebbern
und Wispern der rastlos gehenden Mulchen schnurrte betubend durch
den Saal. Endlich aber hatte man sich satt gergert und bewundert und
fragte berall, warum der Hofrat Berner das Zeichen zum Anfang noch
nicht geben wolle.

Das hatte aber seine ganz eigenen Grnde; man sah ihm wohl die Unruhe
an; aber niemand wute, warum er, ganz gegen seine Gewohnheit,
unruhig hin- und herlaufe, bald hinaus auf die Treppe, bald herein
ans Fenster renne. Sonst war er Punkt fnf Uhr mit seinem Arrangement
fertig gewesen und hatte dann ruhig und besonnen den Ball erffnet;
aber heute schien ein sonderbarer Zappel das freundliche Mnnchen
berfallen zu haben.

Nur _er_ wute, warum alles warten mute; keinem Menschen,
soviel man ihn auch mit Schmeichelwrtchen und schnen Redensarten
bombardierte, vertraute er ein Sterbenswrtchen davon; er lchelte
nur still und geheimnisvoll vor sich hin und lie nur hie und da ein
"werdet schon sehen"--"man kann nicht wissen, was kommt" fallen.

Wir wissen es brigens und knnen reinen Wein darber einschnken:
Prsidents Ida war vor wenigen Stunden aus der Pension zurckgekommen;
er, der alte Hausfreund, war zufllig dort, als sie ankam; er hatte nicht
eher geruht, bis sie versprochen hatte, das ganze Haus in Alarm zu
setzen, das Blondenkleid, in welchem sie bei Hofe war prsentiert
worden, ausbgeln zu lassen und auf den Ball zu kommen. Wie spitzte
er sich auf die langen Gesichter der Damen, auf die freundlichen Blicke
der Herren, wenn er die wunderschne Dame in den Saal fhren wrde;
denn _kennen_ konnte sie im ersten Augenblicke _niemand_.

Wo hatte nur das Mdchen die Zeit hergenommen, so recht eigentlich
bildhbsch zu werden? Als sie vor drei Jahren abreiste, wie
besorglich schaute da der gute Hofrat dem Wagen nach! Er hatte sie
auf dem Arm gehabt, als sie kaum geboren war; bis zu ihrem
vierzehnten Jahre hatte er sie alle Tage gesehen, hatte sie frher
auf dem Knie reiten lassen, hatte sie nachher, trotz dem Schmollen
der Prsidentin, zu allen tollen Streichen angefhrt. Er liebte sie
wie sein eigenes Kind; aber er mute sich vor drei Jahren doch
gestehen, da ihm angst und bange sei, was aus dem wilden Ding werden
solle, das man da in die Residenz fhre, um sie menschlich zu machen.

Denn wollte man ein Mdchen sehen, das zur Jungfrau und frs Haus
vllig verdorben schien, so war es Prsidents Wildfang; einen solchen
Unband traf man auf zwanzig Meilen nicht. Kein Graben war ihr zu
breit, kein Baum zu hoch, kein Zaun zu spitzig; sie sprang, sie
klimmte, sie schleuderte trotz dem wildesten Jungen; hatte sie doch
selbst einmal heimlich ihren Damensattel auf den wilden Renner ihres
Bruders, des Leutnants, gebunden und war durch die Stadt gejagt, als
sollte sie Feuer reiten! Dabei war sie mager und unscheinbar, scheute
vor jeder weiblichen Arbeit, und der einzige Trost der gndigen Mama
war, da sie Franzsisch plappere wie ein Strchen und da, trotz
ihrem Umherrennen in der Mrzsonne, ihr Teint dennoch trefflich
erhalten sei.

Aber jetzt--!

Nein, was war mit diesem Mdchen in den kurzen drei Jahren eine
Vernderung vorgegangen! Wenigstens um einen Kopf war sie gewachsen,
alles an ihr hatte eine Rundung, eine zarte Flle bekommen, die man
sonst nicht fr mglich gehalten htte; das Haar, das sonst, wie oft
man es auch kmmte und an den Kopf hinsalbte, der wilden Hummel in
unordentlichen Strngen und Locken um den Kopf flog, war jetzt der
herrlichste Kopfputz, den man sich denken konnte. Die Augen waren
glnzender, und doch fuhren sie nicht, wie ehemals, wie ein
Feuerrdchen umher, alles anzuznden drohend. Die Wangen bedeckte ein
feines Rot, das bei jedem Atemzug in alle Schattierungen von zartem
Rosa bis ins Purpurrot wechselte; das liebe Gesichtchen war oval und
hatte eine Wrde bekommen, ber die der staunende Hofrat lcheln
mute, so sehr er sie bewunderte.

Dieses Gtterkind, diesen Ausbund von Liebenswrdigkeit, erwartete
der Hofrat; dem guten alten Junggesellen pochte das Herz beinahe
hrbar, wenn er an sein Gold-Idchen dachte. Wie mute sie erst im
Ballkleide aussehen, wenn sie ihn in dem Reiseberrckchen und in der
Haube _ la jolie femme_ beinahe nrrisch machte; wie mute
sie erst strahlen, wenn sie, wie sie ihm versprochen, die Haare nach
dem allernagelfunkelneuesten Geschmack, die schne Stirne und
den schlanken Hals, die wie aus Wachs geformten Partien, welche
die handbreiten Brsseler Kanten umziehen sollten, mit dem
Amethystschmuck schmckte, den sie von ihrer Pate, der Frstin
Romanow, geschenkt bekommen hatte. Ihm, ihm hatte sie mit all jener
Herzlichkeit, mit der sie frher versprochen, einen Spaziergang mit
ihm zu machen oder ihn, den Einsamen, zu besuchen, wenn er krank war,
jetzt als Knigin des Festes die erste Polonse zugesagt.--

Immer verdrielicher wurden die Damen, immer ungestmer mahnten die
Herren den alten _Matre de plaisir_; schon seit einer halben
Stunde stimmten die Musikanten, da man vor dem Quieken der
Klarinette, vor dem Brummen der Bsse sein eigenes Wort nicht hrte,
--er gab nicht nach. Da rasselte ein Wagen ber den Marktplatz her und
hielt vor dem Flgeltor des Museums.

"Das sind sie," murmelte der Hofrat und strzte zum Saal hinaus; bald
darauf ffneten sich die Flgeltren, und der kleine freundliche Alte
schritt am Arm einer jungen Dame in den Saal.

       *       *       *       *       *




IDA.

Aller Augen waffneten sich mit Lorgnetten und Brillen. Wer konnte das
wunderschne Mdchen sein, so hoch und schlank mit dem kniglichen
Anstand, mit dem siegenden Blicke, mit der krftigen Frische des
jugendlichen Krpers? Sie nickte so bekannt nach allen Seiten, als
kme sie alle Tage auf Freilinger Blle und Assembleen; und doch
kannte sie niemand. Doch ja! Da kommt ja auch der alte Prsident,
wahrhaftig! Es kann niemand anders sein als Prsidents Ida!

Aber wie herrlich war dieses Knspchen aufgegangen! "Welcher
Anstand!" bemerkten die Herren. "Welche Figur! Welcher Nacken!
Wahrhaftig, man mchte ein Mckchen oder noch etwas Wenigeres sein,
nur um darauf spazieren zu gehen." "Welcher Schmuck, welche Spitzen,
welche Stickerei an dem Kleid!" bemerkten die Damen und wnschten
sich weit weg; denn wie sollten sie ihre Fhnchen, die sie doch ihr
gutes Geld gekostet, ihre Blumen, die sie selbst gemacht und fr
wundervoll gehalten hatten, neben diesen italienischen Rosen und
Astern, die eben erst aus den Grten der Hesperiden gepflckt zu sein
schienen, neben diesen Kanten sehen lassen, von welchen die Elle
vielleicht mehr wert war als eines ihrer Ballkleider, nebst
Schneiderskonto und Fasson! Nein, Berner, der arge Berner, htte
ihnen keinen schlimmern Streich spielen knnen, als diese Ida gerade
heute einzufhren. Aber man mute sich Gewalt antun; der Prsident
machte das erste Haus in der Stadt, war der gewaltige Herrscher der
Provinz, eine glnzende Aussicht auf _Ths dansants_, Soupers,
Hausblle und dergleichen erffnete sich vor den schnell berechnenden
Blicken der Damen; wehe _der_, die dann nicht mit Ida bekannt
war oder sie sogar kalt empfangen hatte! Man wute, da dies der Herr
Papa Prsident nie verzeihen wrde; man nahm sich zusammen, und in
kurzem war die Gefeierte von allen jungen und alten Damen umringt,
welche Glck wnschten, alte Bekanntschaft erneuerten und nebenbei
dies und jenes von dem hoffhigen Anzug spickten. Alle redeten zumal,
keine wurde verstanden, und die Herren fluchten und schimpften ein
Donnerwetter ber das andere, da sich eine so dichte Wolke vor diese
kaum aufgegangene Sonne gedrngt und sie ihrem Anblick entzogen habe.

Jetzt zog Hofrat Berner das weie Sacktuch, schwenkte es in der Luft
und gab dem Kapellmeister und Stabstrompeter der Dragoner das
Zeichen, und eine herrliche Polonse begann. Im Nu stoben die
Glckwnschenden auseinander und machten Raum fr die Assessoren,
Leutnants, Sekretre, jungen Kaufherren, Jagdjunker, die
glcklicherweise noch nicht versagt waren und sich jetzt um einen
Walzer, eine Ekossse oder gar den Kotillon mit Ida die Hlse brechen
wollten. Sie aber lachte, da die Schneeperlen der Zhne durch die
Purpurlippen heraussahen, behauptete, sich immer nur auf eine Tour zu
versagen, hpfte dem Hofrat entgegen und reichte ihm die kleine Hand.

Selig, gerhrt, begeistert stellte er sich mit seinem holden
Engelskinde an die Spitze der Kolonne und marschierte unter den
mutigen, lockenden Tnen der Polonse stolzen Schrittes gegen das
wohlunterhaltene feindliche Tirailleurfeuer, das von vorn, von den
Flanken, berallher aus den Mndungen der Lorgnetten auf seine
Tnzerin sprhte. Aber diese,--war sie kurzsichtig, hatte sie statt
des Korsettchens einen Krassierpanzer von feinstem Stahl mit der
Musketenprobe um das Herzchen, oder war sie das Feuer so gewohnt wie
die alte Garde, die, Gewehr im Arm, im Paradeschritt durch das
Karttschenfeuer marschierte? Ich wei nicht; aber sie schien gar
nicht auf die schrecklichen Ausbrche der gebrochenen Herzen, auf die
Knallseufzer der Verwundeten zu hren; das Plappermulchen ging so
ruhig fort, als ginge sie, drei Jahre jnger, mit dem guten
Hofrtchen im Wald spazieren.

Da kamen alle die Streiche, die der leichte Springinsfeld
losgelassen, alle jene tausend Suiten des kleinen bermuts aufs
Tapet. Lust und Lachen blitzte wie ehemals aus ihrem Auge, wenn sie
sich erinnerte, wie sie einem Spanferkel Kindszeug angezogen und es
dem Hofrat als Findling vor die Tre gelegt, wie sie dem Oberpfarrer
die Waden voll Stecknadeln gesetzt, da sie aussahen wie der Rcken
eines Stachelschweines, alles, ohne da er es merkte; denn er trug
_falsche_. Der Hofrat wollte seinen Ohren nicht trauen. Es war
ja dasselbe lustige, naive Ding wie frher und doch so wunderherrlich,
so gro, mit so unendlich viel Anstand und Wrde! Er htte sie auf
der Stelle am Kopf nehmen und recht abkssen mgen wie frher,
wenn sie einen rechten Ausbund von Schelmenstreich gemacht hatte.

Es ging ber seine Begriffe! "Wie knnen Sie nur so hartherzig sein,
Idchen," sagte er, "und nicht einen Blick auf unsere jungen Herren
werfen, die zerschmelzen wie Wachs am Feuer? Nicht einmal einen Blick
fr alle diese Exklamationen und Beteuerungen, welche Sie doch gehrt
haben mssen?"

"Was gehen mich Ihre jungen Herren an?" plapperte sie mit der grten
Ruhe fort. "Die sind hier wie berall, unverschmt wie die
Fleischmcken im Sommer. Das knnte kein Pferd aushalten, wollte man
darauf achten. Sie pfeifen in der Residenz ebenso, das wird man
gewohnt; so von Anfang macht es ein wenig eitel. Wenn man aber sieht,
wie sie dieser und jener dasselbe zuflstern, vor der Ursel ebenso
wie vor der Brbel sterben mchten, so wei man schon, was solche
schnackische Redensarten zu bedeuten haben."

Die mu eine gute Schule durchgemacht haben, dachte der Hofrat.
Siebzehn Jahre alt und spricht so mir nichts dir nichts von der
Farbe, als wre sie seit zwanzig Jahren in den Salons von Paris und
London umhergefahren! Er rgerte sich halb und halb ber Mamsell
Neunmalklug und bergescheit; denn es waren just keine unebenen
jungen Mnner, die ihre Seufzer so hageldick losgelassen hatten, und
ihn, der in seiner Jugend wohl so zwanzig Amouren und Amrchen gehabt
hatte, konnte nichts mehr rgern als ein fhlloses Herz.

Aber dieser rger konnte bei seinem Idchen nicht in ihm aufsteigen.
Wenn er in ihr volles, glhendes Auge sah, wenn er den sgewlbten
Mund betrachtete, da dachte er: Nein, dir traue dieser und jener,
aber ich nicht! Wei ich doch von frher her, wie du gerne Flausen
machst und dem guten, ehrlichen Berner gerne ein X fr ein U
unterschiebst. Jetzt willst du dein Schach verdeckt spielen und mir
irgendeinen blauen Dunst vorschwefeln, und das Herzchen ist am Ende
doch in der Residenz geblieben, und Frulein Stahlherz ist nur darum
so sprde gegen die Freilinger Stadtkinder. Aber basta! der Hofrat
Berner hat auch gelebt und geliebt und wettet seinen Kopf: dieses
Auge wei, was Liebe ist, diese frischen Purpurlippen haben schon
gekt, aber anders als nur solche Hofratsksse!

Der gute Alte uerte etwas von diesen Gedanken gegen Ida; sie aber
sah ihm ganz ruhig ins Gesicht und versicherte lchelnd: gefallen
habe ihr schon mancher, geliebt habe sie aber bis diese Stunde noch
keinen Mann als ihren Vater und ihn.

       *       *       *       *       *




SCHNE AUGEN.

"Aber sagen Sie, Idchen," fragte der Hofrat, als er sie wieder an
ihren Platz gefhrt hatte, "ist das etwa ein Cousin oder dergleichen,
der da mit Ihnen kam?"

"Ich kam mit Papa," antwortete die Gefragte, "und sonst war niemand
dabei. Wen meinen Sie denn?"

"Nun, der Bleiche dort kam ja doch wohl mit Ihnen; es kennt ihn
niemand im Saal, und mit Ihnen trat er herein, sonst mte er ja--Sie
wissen, da das Museum geschlossene Gesellschaft ist--sonst mte er
ja eingefhrt sein. Sehen Sie, der dort!" Er zeigte hin. An eine
Sule gelehnt, stand unbeweglich mit bergeschlagenen Armen eine
schlanke Gestalt. Noch konnte Ida das Gesicht nicht sehen, nur die
glnzenden schwarzen Locken des Haares fielen ihr auf; sie wollte
sich eben besinnen, wo sie schon solche gesehen habe, da wandte jener
sich um, und unwillkrlich schrak Ida zusammen. Gespensterhafte
Blsse lag auf diesem feinen, schnen Gesicht, geheimer Gram oder
verschlossenes Kmpfen mit finsterem Leiden schien das muntere,
jugendliche Leben aus diesen tiefen, im schnsten Ebenma geformten
Zgen hinweggewischt zu haben, und ein gemischtes Gefhl drngte sich
bei seinem Anblick auf, neugieriges Mitleid schien sich mit
zweifelhafter Furcht streiten zu wollen.

Kaum hatte des Fremden glhendschwarzes Auge Ida getroffen, als sie
ihren Blick abwandte. berraschung und Verlegenheit machten sie stumm
auf einige Augenblicke; von dem Diadem auf der schnen Stirne, ber
den Liliensamt der blhenden Wange bis herab auf den jungfrulichen
Alabasterbusen flog ein brennendes Rot, das der Hofrat nicht
unbemerkt lie. Er wollte sie eben mit dem pfiffigsten Gesicht nach
der Ursache ihres Rotwerdens fragen; aber eine Unzahl Herren drngte
sich zu, um sie um einen Tanz zu bitten; Vettern und Basen freuten
sich, sie wiederzusehen, und gafften das Wunderkind an. Der Hofrat
aber, welchem daran lag, die Spur, die er aufgefunden zu haben
meinte, zu verfolgen, machte seine Bewegungen wie ein gebter
Feldherr; er fragte sie so laut als mglich, ob es ihr jetzt, wie sie
gewnscht, gefllig sei, zu ihrem Herrn Vater zu gehen, der im
dritten Zimmer sich zu einem Whistchen gesetzt habe, und
Pfiffkpfchen verstand gleich, wo der gute Alte hinaus wollte; sie
beurlaubte sich also mit groer Hast von dem ungeheuern
Kometenschweif, in welchem sie als Kern gesessen, und ging mit Berner
durch den Saal.

Und jetzt nahm sie Berner ins Gebet; zuerst setzte er die
Daumenschrauben des Spottes an, dann untersuchte er die vermeintliche
Herzenswunde seines Gold-Idchens mit der langen Sonde des vterlichen
Ernstes, indem er ihr vorwarf, sehr unklug getan zu haben, ihre
Residenzliebhaber mit nach Freilingen zu nehmen. Sie aber lachte dem
Ratgeber, welcher meinte, seine Sache recht gut gemacht und sie ganz
im Netz zu haben, ins Gesicht und witschte ihm aus.

"Sie geben sich vergeblich Mhe, Hofrtchen," kicherte das lose Ding,
"ganz vergebliche Mhe; ich habe diesen Menschen in meinem ganzen
Leben, auf Ehre, noch nie gesprochen; doch gesehen"--setzte sie
ernster werdend hinzu--"gesehen habe ich ihn, und deswegen kam ich
auch vorhin etwas in Verlegenheit."

"Was da! Zwischen sehen und sehen ist ein groer Unterschied",
antwortete Berner mit einem vllig unglubigen Kopfschtteln. "Da
mssen Sie ihm doch ein wenig gar scharf in die Augen gesehen haben?"

"So hren Sie mich doch, Sie bser Mann!" unterbrach ihn Ida. "Wer
wird denn auch gleich auf den Schein hin verdammen? Ich sage noch
einmal, ich wei nicht, wer er ist; aber das innigste Mitleid habe
ich mit ihm. Als wir gestern durch den Lanzinger Wald kamen, fuhren
wir einer Equipage vor, die ganz langsam im Schritt hinging. Es war
ein prachtvoller Landau mit einem groen Bock, worauf ein alter
Diener in reicher Livree sa; am Wagen zogen vier Postpferde; das
Dach war zurckgeschlagen, und es sa niemand darin als ein groer
Hund. Sie wissen, wie man auf der Reise ist, man interessiert sich um
die Mitreisenden, besonders wenn man glaubt, auf einerlei Station mit
ihnen zu wohnen oder zu speisen. So dachte ich mir jetzt, die
Reisenden, denen der Wagen gehrt, seien vorausgegangen und lassen
ihn langsam nachfahren. Ich sah daher alle Augenblicke aus unserem
Wagen, ob ich noch keine reisenden Englnderinnen oder Franzsinnen
gewahr werden knnte; aber immer vergebens. Endlich, als wir um eine
Waldecke bogen, sah ich auf einmal einen Mann, der unter einer Eiche
sa und zu dem Wagen gehren mute."

"Und war es derselbe, der dort an der Sule steht?" fragte der
Hofrat.

"Derselbe; er war auch ganz schwarz gekleidet wie jetzt, sein Hut lag
neben ihm im Gras, seinen Kopf sttzte er in die hohle Hand. Das
Gerusch unseres Wagens, der jetzt, weil es bergauf ging, auch
langsam fuhr, schien ihn aufzuschrecken; ohne aufzusehen, ging er mit
gesenktem Haupt bis an unsere Wagentre. Da richtete er sich auf, und
Sie knnen sich meinen Schrecken denken, Hofrat, als ich das nmliche
geisterbleiche Gesicht sah, das auch Ihnen aufgefallen ist. Er mute
heftig geweint haben; denn Trnen hingen in den langen schwarzen
Wimpern und gaben dem glhendschwarzen, sinnigen Auge einen ganz
eigenen Reiz."

"So, so? Einen ganz eigenen Reiz!" antwortete lchelnd der Hofrat.
"Wer hat denn meinem Mdchen erlaubt, ber Mnneraugen Betrachtungen
anzustellen? Hat sie das auch bei Madame La Truiaire in der Residenz
gelernt?"

Das lustige Amorettenkpfchen, das sich da, es wute nicht wie,
verbebbert hatte, schlug die Augen nieder und sagte: "Legen Sie nicht
alles so bs aus, Bernerchen! Sie verstanden ja doch sonst Ihre Ida
nicht immer falsch.

"Sehen Sie, was die Augen betrifft, da habe ich nun einmal meinen
eigenen Geschmack. Schne blaue oder schwarze Augen, mitunter auch
recht glnzendbraune, sehe ich an jedermann gern. Daher sind mir auch
alle jungen Herren so zuwider, weil sie selten schne Augen haben;
sie haben ihnen durch die Lorgnetten, Brillen und Gott wei, durch
was sonst, den schnsten Glanz benommen und stieren uns an wie
gestochene Bcke; desto mehr freue ich mich, wenn ich einmal eine
solche Ausnahme treffe. Eine ganz eigene Freude macht mir auch das
Aufschlagen der Augen, das man unter Tausenden kaum einmal so recht
anmutig, sinnig und wie man es gern haben mchte, trifft. Beides sah
ich nun an dem Fremden; darum hat er mir auch so ge--"

Da hatte sich das schnelle Schnbelchen schon wieder verplappert! Der
Hofrat horchte noch immer; aber Idchen blieb still, bi die Lippen
zusammen und spielte mit dem Amethystkreuz am Kollier, das unter dem
Tanzen sich zwischen den Schneehgeln hinabgeschoben hatte und ganz
glhend hei geworden war.

"Ei, ei!" warnte der Hofrat, "ich habe da in zwei Minuten Dinge
gehrt, wovor einem die Haut schaudern knnte; nimm dich um Gottes
willen in acht, Kind, wenn du deine Augenbeobachtungen anstellst! Ich
wei es aus meiner Jugend, da in gewissen Augen Hkchen sitzen, die
uns, wenn man allzu tief schaut, festhalten, da an kein Entrinnen zu
denken ist. Hast du nie etwas von der Augensprache gehrt?"

"Doch," entgegnete der kleine bermut; "ich glaube sie auch zur Not
zu verstehen."--

"Ist gar nicht vonnten; man spricht sie zwar vom Rhein bis zum
Mississippi, vom Don bis zum Ohio; lerne aber nie mehr als etwas
kauderwelsch parlieren! Denn wer sich so gar gelufig ausdrckt und
mit zwanzig zumal in dieser Sprache spricht, gilt nicht mit Unrecht
fr eine Erzgeneralkokette."

"Nun, fr eine solche werden Sie mich doch nicht halten?" sagte Ida
etwas empfindlich.

"Dazu kenne ich mein ses Mdchen zu gut," entgegnete der Hofrat
traulich und drckte ihr das weiche Samthndchen; "was aber den
bleichen Patron dort drben betrifft, so kann er ber allerlei
geweint haben; er kann zum Beispiel seine Mutter, seine Schwester
oder gar sein Mdchen verloren haben."

"Mei--nen Sie?" antwortete Ida gedehnt und unmutig. "Doch nein, da
wrde er ja nicht auf den Ball gehen," setzte sie freudig hinzu; "da
wrde er zu Haus trauern und nicht die Freude aufsuchen."

"Oder," fuhr jener fort, "es gingen ihm vielleicht seine Wechsel aus,
und er hat im Augenblick kein Geld, um seine Reise weiter
fortzusetzen."

"Nicht doch," fiel sie ein, "wie mgen Sie nur diesem interessanten
Gesicht einen so gemeinen Kummer andichten. Sieht er nicht nobler aus
als alle unsere Assessoren, Leutnants und so weiter zusammen? Und er
sollte mit vier Postpferden in einem herrlichen Landau fahren und
weinen, weil er kein Geld hat? Pfui!"

"Ei, wie sich der kleine Advokat vereifert und verdisputiert! Das
Mulchen geht ja, als sollte es einen Proze vor den Assisen fhren!
brigens wollen wir bald sehen, wer der Patron ist; habe ich doch den
Ball arrangiert und daher auch das Recht, Fremden, die sich
eindrngen, auf den Zahn zu fhlen."

"Nun ja, tun Sie das, liebes Hofrtchen; aber ja recht artig und
delikat," setzte das errtende Mdchen mit den sesten
Schmeichelworten hinzu; "wer so tiefen Kummer hat, wie jener zu haben
scheint, mu unter Fremden wie unter Freunden zart behandelt werden!"

       *       *       *       *       *




DER FREMDE.

Unterdessen hatten sich mehrere Herren an Berner gewendet, um zu
erfahren, wer der Fremde sei; allen war es aufgefallen, wie er schon
seit einer Stunde sich nicht vom Platz bewegte und, an seine Sule
gelehnt, so wenig Interesse an dem glnzenden Ball zu nehmen schien.
Der Hofrat ging zu ihm hin und kehrte bald zurck. "Wer ist es? Wie
heit er?" fragten zehn, zwanzig zumal. "Was hat er gesprochen?"

"Nichts hat er gesprochen," antwortete Berner, "sondern mir nur diese
Karte gegeben."

Die Karte ging jetzt von Hand zu Hand, es war aber nichts darauf zu
sehen als ein schn gestochenes Wappen und der Name Emile, Comte de
Martiniz. "Ein Graf also?" Die Neugierde war nur halb gestillt; die
Freilinger, denen die Erscheinung eines fremden Grafen auf ihren
Bllen etwas Seltenes sein mochte, gingen kopfschttelnd umher; sie
htten gar zu gerne gewut, woher er komme, wohin er gehe, warum er
nicht tanze. Man betrachtete das fremde Wundertier von allen Seiten;
doch der Hofrat, der so viel Takt hatte, da er in des Fremden Seele
fhlte, wie peinlich eine so kleinliche Neugierde sein msse, gab das
Zeichen, und die Galoppade, von zwanzig Trompeten vorgetragen,
rauschte durch den Saal hin und rief zum Tanze.

Walzer um Walzer waren getanzt; noch immer stand die fremde
gebietende Gestalt unbeweglich an die Sule gelehnt. Es war, als
htte er sich nur in Schwarz und Wei geteilt und kenne keine andere
Farbe. Sein Haar, sein Auge war so dunkel als das feine glnzende
Tuch seines Kleides; das blendend bleiche Gesicht, wunderschne
Wsche, welche durch ihre Weie, durch ihre zierlichen Fltchen den
Freilinger Damen schon von weitem Bewunderung einflte,
kontraktierten sonderbar mit jener dunkeln Farbe; nur die feinen
Lippen schmckte ein gesundes, freundliches Rot. Er schien ganz ohne
Teilnahme in das bunte Gewhl hineinzustarren; aber dennoch begegnete
nicht leicht einer diesem scharfen Blick, ohne das eigne Auge
berrascht vor diesem furchtbaren Ernst, dieser sprhenden Glut
niederzuschlagen.

Wie es aber zu gehen pflegt, die Damen fingen nachgerade an, nicht
viel von dem Fremden zu halten, weil er nicht tanzte, die jungen
Herren machten sich ber ihn lustig, und beide Teile hatten so viel
an der neuen Erscheinung der wunderlieblichen Ida zu schauen, zu
bekritteln, zu bewundern, da man bald nicht mehr an jenen dachte.
Nur Idas Blicke streiften fter nach jener Sule hinber; ein Blick
zu ihm schien sie fr das Geschwtz der Freilinger Stutzer, die ihr
heute unendlich fade vorkamen, zu entschdigen. Doch betrachtete sie
ihn immer nur von der Seite; denn wenn Auge auf Auge traf, so trieb
es ihr unwiderstehlich die Glut ins Gesicht, und sie war froh, da
die Musik so laut war; denn sie meinte in solchen Momenten, man msse
ihr siedendes, glhendes Blut an ihr Herzchen pochen hren. Waren es
die Trnen, die sie gestern in diesen dunklen Wimpern sah, war es der
wehmtige Ernst auf seinem Gesicht, was sie so rhrte? Hatte der
Hofrat recht mit den Hkchen, die in gewissen Augen sitzen, und hatte
sie zu tiefe Beobachtung angestellt und war geangelt worden und gef--
Nein! lchelte sie schelmisch vor sich hin, gefangen? Da hat es keine
Not! Es ist ja nur das natrliche Mitleiden, was mich immer nach ihm
hinsehen heit.

Elf Uhr war vorber; es sollte noch eine Ekossaise vor dem Souper
getanzt werden. Strmisch drngten sich die Herren um das Wunderkind;
aber Trotzkpfchen Ida blieb fest dabei, diesmal auszusetzen, und
lie die Herren ablaufen. Der Hofrat setzte sich zu ihr, und
unwillkrlich waren sie wieder mitten im Gesprch ber den Fremden.

"Ach, sehen Sie nur," sagte Ida mit der himmlischen Gutmtigkeit
ihres Engelkpfchens, "sehen Sie nur, ich meine, er wird zusehends
immer blsser; wenn er nur nicht krank wird." Der Hofrat fand ihre
Bemerkung richtig, er zeigte ihr aber, wie dieser feste, heldenmige
Krper nicht so leicht von einem Krankheitsanfall gestrt werden
knne; aber Ida wurde immer unruhiger, sie sah, wie Martiniz die
Lippen zusammenprete, als wolle er einen Schmerz verbeien; der
Ernst in seinem Gesicht wurde nach und nach zur Trauer, das
Wehmtige, der trnenschwere Trbsinn in seinem Auge wurde immer
unverkennbarer.

"O Gott, sehen Sie ihn nur an, guter Berner, ist mir doch, als sollte
ich zu ihm gehen und fragen: Was fehlt dir, da du nicht frhlich
bist mit den Frhlichen? Wie gern wollte ich alles tun, dir zu
helfen."--

Der Mensch denkt's, Gott lenkt's!!!

Auch der Hofrat wurde jetzt unruhig; denn mit einem Ruck hatte sich
der bleiche Fremde aufgerafft und stand nun in seiner ganzen Gre,
in gebietender und doch graziser Haltung da; aber sein Auge heftete
sich furchtbar starrend nach der Saaltre. Berner wollte eben
aufstehen und zu ihm hin--

Da ffnete sich die Tr, ein alter, reichgekleideter Bedienter,
derselbe, welchen Ida gestern gesehen, trat ein, ging auf den Fremden
zu und neigte sich schweigend vor ihm. Dieser ri eine Uhr heraus,
warf einen Blick auf sie und einen zweiten voll Wehmut auf Ida
herber und verlie langsamen Schrittes den Saal.

Ehe noch der Hofrat seiner Nachbarin seine Vermutungen ber diesen
sonderbaren Abzug mitteilen konnte, war die Ekossaise zu Ende. Der
Prsident kam und fhrte sein liebes, holdes, wunderherziges
Tchterchen zur Tafel.

       *       *       *       *       *




DIE KIRCHE.

Der alte Kster am Mnster zu Freilingen sa in dieser Nacht nach
seiner Gewohnheit noch lange in seinem kleinen Stbchen; der
Abendsegen war schon vor einer Stunde seiner Ehehlfte vorgelesen, er
hatte sich jetzt hinter die alte Chronik gesetzt und las mit
brummender Stimme halblaut vor sich hin, wie man den herrlichen,
vierhundert Schuh hohen Mnsterturm erbaut und wie solches viel Zeit
und Geld gekostet habe. Eben wollte die Alte den wei- und
blaugestreiften Umhang der zweischlfrigen Himmelbettlade
auseinanderschlagen, um ihren Ehezrter zu ermahnen, sein gewohntes
Lager zu suchen, als man stark an den Fensterladen des niedern
Parterrestbchens pochte. "Macht auf, Meister Kster! Seid so gut und
macht auf!" rief eine tiefe, aber bescheidene Stimme drauen. "Wird
wohl ein Bote von einem Kranken sein," nselte der Kster, "der die
Sakramente noch will." Er legte die Brille ins Chronikbuch, da die
Stelle nicht verblttere; denn er hatte von dem Kalk gelesen, den man
mit Wein angemacht habe, und hatte dabei unmutig an das Dnnbier
gedacht, das seine Ursula ihm, einem Nachkommen dieser Weinmaurer,
tagtglich vorsetzte. Drauen schob er die mchtigen Schlsser und
Riegel der Haustr auf, und herein trat ein kleiner ltlicher Mann in
reichbordiertem Bedientenrock. "Was soll's so spt?" fragte der
Kster.

"Kamerad," antwortete der Bediente, indem er den Kster aus dem
kalten Hausgang in die wrmere Stube hineinzog, "Kamerad, wollt Ihr
mir und noch jemand einen Liebesdienst erweisen?" Zugleich legte er
einen blanken, harten Taler auf den Tisch.

Der Kster wog den Taler in der Hand, lie ihn wieder auf den Tisch
fallen, da es einen wohllautenden Klang gab, und sagte: "Wenn's
nichts gegen Amt und Gewissen ist, warum nicht!"

"So nehmt Eure Schlssel," fuhr der andere fort, "und schliet die
Mnsterkirche auf!"

"Jetzt in dieser Stunde?" rief der Alte mit Entsetzen. "Jetzt in
dieser strmischen Nacht? Geht nicht, Kamerad, so wahr ich--nein, es
geht nicht, mich bringt kein Hund hinber!"

"Beileibe," rief die Ksterin aus dem Bette und ri den Umhang
zurck, da man das ganze Paradiesgrtlein ihres geblmten Bettes
bersehen konnte, "fhre uns nicht in Versuchung! Alter, la dich
nicht betren! Wer wei, was drauen lauert?"

"Htte nicht geglaubt, da Ihr, ein so stattlicher Mann, unter dem
Weiberregimente stndet," sprach der alte Diener. "Glaubt mir, es ist
auch ein Gottesdienst, wenn Ihr mitgeht, und bringt Euch guten Lohn."
Noch einmal wog der Kster den Taler auf der Fingerspitze und schien
sich zu besinnen. "Es wird zwar gleich zwlf Uhr brummen, und da ist
es gar nicht geheuer drben in der Kirche; denn ich wei, was ich
wei, und habe gesehen, was ich gesehen habe; aber weil Ihr sagt, es
sei ein Gottesdienst, so kommt!" Indem hatte er schon die Laterne
zurechtgemacht. Er hing noch einen warmen Mantel um und ergriff die
gewichtigen, wunderlich geformten Schlssel.

"Ei du meine Gte, lt er sich doch verblenden vom Mammon," seufzte
die Alte im Bette. Der Kster aber trat zu ihr mit dem grten seiner
Schlssel: "Du schweigst, Ursel! Der Herr da soll sehen, da
unsereiner nicht unterm Pantoffel steht," brummte er und verlie mit
dem Diener das Haus.

Die Nacht war grimmigkalt, der Himmel jetzt ganz rein, nur einzelne
dunkle Wlkchen tanzten im Wirbel um den Mond. Schweigend schritten
die beiden durch die Nacht der Kirche zu. Wenige Schritte, so standen
sie am Portal des Mnsters. Der Kster schrak zusammen, als dort aus
dem Schatten eines Pfeilers eine hohe, in einen dunklen Mantel
gehllte Gestalt hervortrat. Es war jener Fremde, der Idas Interesse
in so hohem Grade erregt hatte.

"Schlie auf, schlie auf," sprach Martiniz, "denn es ist hohe Zeit!"
Indem er sprach, fing es an zu surren und zu klappern, dumpf rollte
gerade ber ihnen im Turme das Uhrwerk, und in tiefen, zitternden
Klngen schallte die zwlfte Stunde in die Lfte.

"Schlie auf!" schrie Martiniz, "schnell auf! Dort kommt er schon um
die Ecke!"

Seufzend ging die hohe Tre auf; in einem Sprung war jener in der
Kirche. Der Kster schlo behutsam wieder hinter sich ab und ging
dann voraus mit der Laterne; stille folgten ihm die Fremden. In
wunderlichen Schatten und Figuren spielte das schwache Licht der
Laterne an den hohen Sulen des Doms, nur auf wenige Schritte
verbreitete es Helle und verschwebte dann in matte Dmmerung, bis es
sich in der tiefen Nacht des Gewlbes verlor. Manchmal schien es, als
schritten hohe Gestalten in weiten, schleppenden Gewndern hinter den
Sulen ihnen nach. Scheu blickte Emil von Martiniz nach allen Seiten
und ging dann schneller hinter dem Kster her. Dumpf schallten ihre
Schritte auf dem hohlen Boden, unter welchem eine alte Gruft sich
befand, und ein vielfaches Echo gab diese Tne aus allen Ecken
zurck.

So waren sie bis an den Altar gekommen. Martiniz setzte sich dort auf
die Stufen; das Gesicht, das bei dem Schein der trbe brennenden
Laterne auch viel bleicher erschien, sttzte er auf die Hand, da die
glnzend rabenschwarzen Ringellocken darber herabfielen. Der Diener
winkte dem Kster, zog ihn auf eine Bank an der Seite zu sich nieder
und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, da er schweigen und sich
ganz ruhig verhalten mchte.

Tiefe Stille herrschte mehrere Minuten in den groen dunklen Hallen,
tiefe Stille drauen in der Nacht. Nur vom Altar her hrte man ein
leises Wispern; Martiniz schien zu beten. Bald aber erhob sich lauter
die Nachtluft und wehte um die Kirche. Je lauter es wurde, desto
unruhiger wurde Emil. Er seufzte, er blickte einigemal auf und
lauschte nach der Seite hin, wo der Luftzug strker wehte.

Nher und nher heulte der Wind, die Fenster bebten, das Licht der
Laterne wehte seine Schatten her und hin, die alten verblichenen
Banner, die an der Mauer hingen, rollten sich auf und bewegten ihre
zerfetzten Bilder an der schwach beleuchteten Wand.

Jetzt brauste der Sturm auf in gewaltigen Sten. Krachend strzte
ein Fenster des Chors auf die breiten Quader des Bodens, da der
Schall durch die Halle tnte und--mit frchterlichem Lachen des
Wahnsinns fuhr der am Altar auf und sprang die Stufen hinan. Gellend
tnten diese hohlen Tne der Verzweiflung durch die Gewlbe. "Er kann
nicht herein, er kann nicht herein zu mir," schrie er, "darum hat er
die Wolken aufgezumt, auf dem Sturmwind reitet er um die Kirche, a
a! Holla, Antonio--wie schumt das Purpurblut deiner Wunde! Rase,
tobe durch die Lfte, du kannst doch nicht herein zu meiner
Freistatt!"

Der Sturm legte sich, ferner und ferner rollte der Wind, und suselnd
zog die Nachtluft durch die Kirche. Der Mond schien freundlich durch
die hellen Scheiben, und mit des Sturmes Toben schien auch der Sturm
in Emils Brust gewichen zu sein. "Seht Ihr," sprach er wehmtig und
zeigte an die vom Mond beschienenen Fenster hinauf, "seht Ihr, wie er
so ernst und zrnend auf mich herabsieht! Kannst du denn nicht
vergeben, Antonio?"

Immer leiser wurde seine Klage, bis er weinend am Altare niedersank.
Jetzt stand der alte Diener, dem whrend der schrecklichen Szene die
Trnen in den grauen Wimpern gehangen, von seinem Sitze auf und
untersttzte seinen Herrn. Er wischte ihm den kalten Schwei von der
Stirne und die Trnen aus dem gebrochenen Auge und flte ihm aus
einer kristallenen Phiole mildernde Tropfen ein.

Der Ohnmchtige richtete sich wieder auf, hllte sich tiefer in
seinen Mantel und schritt durch die Kirche.

Der alte Diener aber trat zu dem Kster. "Ich danke, Alterle," sagte
er, "du hast jetzt gesehen, da wir nichts Unrechtes in deinem
Gotteshaus gemacht haben; dafr halte aber reinen Mund! Und wenn du
niemand ein Sterbenswrtchen hren lssest von dem, was du hier
gesehen und gehrt hast, so kommen wir vielleicht morgen und manche
Nacht wieder, und du sollst pflichtgem deinen Harten haben."

"Das kann sich unsereiner schon gefallen lassen," antwortete der
Kster im Weitergehen; "so viel merke ich, da Euer Herr entweder
nicht richtig unter dem Hut ist, oder da er mit dem Gottseibeiuns
hier Versteckens spielt. Nun, hier, denke ich, soll er ihn nicht
holen; kommt nur morgen nacht wieder! Was das Stillschweigen
betrifft, so seid auer Sorgen, von mir erfhrt es kein Mensch, vor
allem meine Ursel nicht: denn ich denke: was sie nicht wei, macht
sie nicht hei."

Der alte Diener lobte den Entschlu des Ksters und nahm am Portal
mit einem Hndedruck von ihm Abschied. "Ist doch schade um ein so
junges schnes Blut," brummte dieser vor sich hin, indem er seinem
Huschen zuschritt; "so jung und hat schon Affren mit Herrn Urian.
Nun, er soll ihn immer noch ein Halbjhrchen reiten; um die harten
Taler kann man zur Not so guten Wein kaufen, als die Freilinger
Maurermeister hatten, um den Kalk zu meinem Mnster festzumachen."

       *       *       *       *       *




DAS SOUPER.

Es schlug ein Uhr, als der Fremde und sein Diener von dem Mnster
zurck ber den Marktplatz gingen. An den Fenstern des erleuchteten
Museums drngten sich Gestalten an Gestalten geschftig hin und her,
verworrenes Gemurmel vieler Stimmen tnte herab auf den stillen
Platz, hie und da zeigten laute Ausbrche der Frhlichkeit, mit
Trompeten vermischt, da eine Gesundheit oder ein Toast ausgebracht
worden sei.

"Robert!" begann der Graf, "ich will noch einmal hinaufgehen; die
sen Tne der Flten, die klagenden Klnge der Hrner haben etwas
Beruhigendes fr mich, und mitten im Gewhl der frhlichen Menge
vergesse ich vielleicht auf Augenblicke, da ich unter den
Glcklichen der einzige Unglckliche bin."

Umsonst bat der alte Robert seinen Herrn, er mchte doch seine
Gesundheit bedenken und sich jetzt zur Ruhe legen; er schien es gar
nicht zu hren, schweigend warf er in der Haustre den Mantel ab, gab
ihn dem Alten und eilte die Treppe hinan. Kopfschttelnd folgte ihm
der Diener; hatte er doch seit einer langen, traurigen Zeit nicht
bemerkt, da sein armer Herr Freude an rauschender Lustbarkeit hatte;
es mute etwas Eigenes sein, das ihn noch einmal dahinauf zog; denn
wenn er sich sonst auch in das frhlichste Gewhl gestrzt hatte, so
war er doch immer nach einem halben Stndchen wieder zurckgekommen.
Und heute hatte er ihn sogar an die Stunde mahnen mssen; heute ging
er zu einer Zeit, wo er sonst, erschpft von Kummer und Unglck, dem
Schlaf in die Arme geeilt war, noch einmal auf den Tanzboden. "Gott
gebe, da es zu seinem Heil ist!" schlo der treue Diener seine
Betrachtungen und wischte sich die Augen.

Der Saal war noch leer, als Emil oben eintrat, nur die Musikanten
stimmten ihre Geigen, probierten ihre Hrner und lieen die Schlegel
dumpf auf die Pauken fallen, um zu sondieren, ob das tiefe C recht
scharf anspreche; mittendurch netzten sie auch ihre Kehlen mit
manchem Viertel; denn ein ellenlanger Kotillon sollte den Ball
beschlieen. Lffel- und Messergeklirr, das Jauchzen der Anstoenden
tnte aus dem Speisesaal. Ein schwermtiges Lcheln zog ber Emils
blasses Gesicht; denn er gedachte der Zeiten, wo auch er keiner
frhlichen Nacht ausgewichen war, wo auch er unter frohen, guten
Menschen den Becher der Freude geleert und, wenn kein liebes Weib,
doch treue Freunde gekt hatte und mit frhlichem Jubel in das
allgemeine Millionenhallo und Welthurra der Freude eingestimmt hatte;
unter diesen Gedanken trat er in den Speisesaal. In bunten Reihen
saen die frhlichen Gste die lange Tafel herab; man hatte soeben
die hunderterlei Sorten von Geflgel und Braten abgetragen und
stellte jetzt das Dessert auf. Gewi, man konnte nichts Schneres
sehen, als die Przision, mit welcher die Kellner ihr Dessert
auftrugen; die Bewegungen auf die Flanken und ins Zentrum gingen wie
am Schnrchen, die schweren Zwlfpfnder der Torten und Kuchen, das
kleinere Geschtz der franzsischen Bonbons und Gelees werde mit
Blitzesschnelle aufgefahren; in prachtvoller Schlachtordnung, vom
Glanz der Kristallsters bestrahlt, standen die Gu-, Johannisbeeren-,
Punsch-, Rosinentorten, die Apfelsinen, Ananas, Pomeranzen, die
silbernen Platten mit Trauben und Melonen. Aber Hofrat Berner hatte
sie auch eingebt, und den ungeschicktesten Kellnerrekruten schwur er
hoch und teuer, in acht Tagen so weit bringen zu wollen, da er,
einen bis an den Rand gefllten Champagnerkelch auf eine
spiegelglatte silberne Platte gesetzt, die Treppe heraufspringen
knne, ohne einen Tropfen zu verschtten, was in der Geschichte des
Servierens einzig in seiner Art ist. Wenn die Festins, die er zu
arrangieren hatte, herannahten, hielt er auf folgende Art vllige
bungen und Manoeuvres: Er setzte sich in den Salon, wo gespeist
werden sollte, lie eine Tafel zu dreiig bis vierzig Kuverts decken,
und wie den Rekruten ein fingierter Feind mit allen mglichen
Bewegungen gegeben wird, so zeigte er ihnen auch Prsidenten,
Justizrte, Kollegiendirektoren, Regierungsrte und Assessoren mit
Weib und Tochter, Kind und Kegel und mahnte sie, bald diesem ein
Stck Braten, jener eine Sauciere zu servieren, bald einem Dritten
und Vierten einzuschenken und dem Fnften eine andere Sorte
vorzusetzen; da sprangen und liefen die Kellner sich beinahe die
Beine ab; aber--probatem est--wenn der Tag des Festes herannahte,
durfte er auch gewi sein zu siegen. Wie jener groe Sieger, der nur
mit feierlichem Ernst die Worte sprach: "Heute ist der Tag von
Friedland!" oder "Sehet die Sonne von Austerlitz!" so bedurfte es von
seinem Munde auch nur einiger ermahnenden, trstlichen Hindeutungen
auf frhere Bravouren und gelungene Affren, und er konnte darauf
rechnen, da keiner der zwanzig Kellnergeister ber den andern
stolperte oder ihm die Aalpastete anstie, aber da sie mit Sauce und
Salat einander anrannten, purzelten und auf den Boden die ganze
Bescherung servierten.

Mit dieser Przision war also auch heute die Tafel serviert worden;
der Nachtisch war aufgetragen, die schweren Sorten, als da sind
Laubenheimer, Nierensteiner, Markobrunner, Hochheimer, Volnay, feiner
Nuits, Chambertin, beste Sorten von Bordeaux, Roussillon wrden
weggenommen und der zungenbelebende Champagner aufgesetzt. Hatte
schon der aromatische Rheinwein die Zungen gelst und das
schwrzliche Rot des Burgunders den Liliensammet der jungfrulichen
Wangen und die Nasen der Herren gertet, so war es jetzt, als die
Pfrpfe flogen und die Damen nicht wuten, wohin sie ihre Kpfe
wenden sollten, um den schrecklichen Explosionen zu entgehen, als die
Lilienkelche, bis an den Rand mit milchweiem Gischt gefllt,
kredenzt wrden, wie auf einem Basar im asiatischen Ruland, wo alle
Nationen untereinander plappern und maulen, gurren und schnurren,
zwitschern und nseln, plrren und jodeln, brummen und rasaunen, so
schwirrte in betubendem Gemurmel, Gesurre und Brausen in den
hchsten Fisteltnen bis herab zum tiefsten, dreimalgestrichenen C
der menschlichen Brust das Gesprch um die Tafel.

       *       *       *       *       *




DAS URTEIL DER WELT.

Aber der grte Teil der Konversation, wenigstens am untern Ende des
Tisches, galt Prsidents Ida. Dort gingen die zahnlosen Mulchen der
Tanten und Mtter wie oberschlchtige Mhlen, und die Posaunen-
Seraph-Gesichter der Tchter nickten ihren Konsens aus den kleinen
Kalmckenuglein. Wie hatte doch das Mdchen vor Gott gesndigt und
gefrevelt dadurch, da es so wunderhbsch geworden war! Wre sie
zurckgekommen wie eine wilde Hummel oder wie so manche, die man als
Gagak in die Residenz schickt, um sie Bildung und Blumenmachen lernen
zu lassen, und die als Gagak wiederkehrt, da htte es geheien: "An
der ist Hopfen und Malz verloren, mich dauern nur die Eltern." Jetzt,
wo sie mit ihrem Tannenwuchs, mit ihrer unnachahmlichen Grazie
bescheiden und doch voll so erhabener Wrde hereintrat, das
strahlende Diadem in den geschmackvoll geordneten Ringellocken und
Lckchen, im feuersprhenden Auge Geist und Liebe, verschmolzen mit
schuldloser, anspruchsloser Natrlichkeit, die Wangen von Gesundheit
gertet, in den feinen Grbchen den kleinen, kleinen Schelm, den Mund
so wrzig, so kulich, die aphroditische Schwanenbrust mit dem
frstlichen Schmuck, mit dem Pariser Hofkleid umschlossen--Nein! das
Mdchen durfte nicht schn, durfte nicht unschuldig und tugendhaft
sein--"Ha, ha, ha, Frau Oberforstmeisterin!" lachte die
Kammerdirektorin, ohne darauf zu achten, da sie die acht
unschuldigen Ohren ihrer erwachsenen Tchterlein beleidigen knnte--
"Tugendhaft? Wir kennen die Residenztugend noch aus unserer Zeit! Da
mten sich die Steine umgekehrt haben, die Garde-Ulanen-Rittmeister
mten ihre engschlieende Uniform ausgezogen und die Herren
Archidiakonen und Superintendenten um ihr ehrbares Kostm ersucht
haben, mten in schwarzen Mntelein, weien Beffchen, kurzen Hschen
und seidenen Wdchen, die Bibel unter dem Arm, einhergehen, wenn man
bei siebzehnjhrigen Mdchen Tugend finden sollte in Sodom!"

"Wahrhaftig, Sie haben recht," schnatterte es ber die Tafel herber.
"Und die gerhmte Schnheit? Ist alles Lug und Trug; das kann man
alles dort ums liebe Geld haben; meinen Sie denn, diese Locken dort,
die Zpfe seien echt? Bewahre! Man hat ja gesehen, was fr Haar
Mamsell Sausewind in die Residenz nahm; wo sind die gelben Zhne
hingekommen? Meinen Sie etwa, ein so herrlicher Mund voll, wie jene
hat, schiebe sich im sechzehnten, siebzehnten Jahre noch nach? Lauter
Seehund, nichts als Seehund."

"Ja, Frau Gevatterin," unterbrach eine dritte, "und die handbreiten
Brsseler Kanten, der Amethystschmuck, mit welchem man meinen Torweg
pflastern knnte--von der Frstin Romanow soll er sein! Ha, ha, ha,
man hat auch seine Nachrichten; die Frstin, Gott halte sie in Ehren,
ist eine splendide Frau; auch reich, steinreich, gebe alles zu--aber
so einem naseweisen Kind, das kaum hinter den Ohren trocken ist,
dieses Diadem, diese Ohrenringe, dieses Kollier, dieses Kreuz zu
schenken--nein, dazu ist die Frau Frstin Hoheit doch zu vernnftig.
Haben Sie aber nie von ihrem Neffen, dem Prinzen Ferdinand, gehrt?
Soll ein splendider, artiger Herr sein, der Prinz, und wenn man nur
gegen ihn gefllig ist, ist er es wohl auch wieder, ha, ha, ha--"

Und der ganze Zirkel lachte und stie an auf den geflligen,
splendiden Prinzen.

Nein, wahrhaftig, es war nicht zum Aushalten; ein schnes,
engelreines Geschpf, voll Milde, Sanftmut und Mitleiden so
schonungslos zu verdammen! Emil hatte in einer Fenstervertiefung, wo
er sich hingestellt hatte, um die Tafel zu bersehen, alles mit
angehrt; er htte mgen der Frau Gevatter den einzigen Zahn, den sie
noch hatte, mit welchem sie aber nichtsdestoweniger den Ruf einer
jungen Dame tapfer benagte, ein wenig einschlagen; er rckte, nur um
die giftigen Bemerkungen nicht zu hren, um ein Fenster weiter
hinaus. Aber hier kam er vom Regen in die Traufe. Frau von
Schulderoff setzte dort ihrem Sohn, dem Dragonerleutnant, weitlufig
auseinander, da er, um den gesunkenen Glanz ihres Hauses wieder auf
den Strumpf zu bringen, notwendig eine gute, sehr gute Partie machen
msse, und dazu sei die Ida ganz wie gemacht.

Dem jungen Schulderoff, der neben dem gesunkenen Glanz seines Hauses
bei Juden und Christen einige tausend Tlerchen mehr stehen hatte,
als sein Gageabzug auf siebzig Jahre wahrscheinlicherweise aufwiegen
konnte, schien mit dem Vorschlag ganz zufrieden; nur das Wie wollte
ihm nicht recht einleuchten.

Aber die gndige Mama wute Rat. "Erstens; recht oft mit ihr getanzt,
namentlich im Kotillon recht oft geholt! Das heit Attention
beweisen; das Mdchen wird dann mit dir aufgezogen, sie wird
aufmerksam auf dich. Zweitens: morgens zehn Uhr im kurzen Galopp am
Haus vorbei! Dort verlierst du, im Staunen ber sie, die
Reitpeitsche; du voltigierst ja so gut, hltst also nicht an, sondern
herab vom Gaul, Peitsche ergriffen, wieder hinauf, einen Feuerblick
dem Frulein zugeworfen, und davon im gestreckten Galopp! Wenn nur
ihr Herzchen aus Angst fr dich einmal schneller pulsiert, dann hast
du sie schon im Sack. Drittens: in einer schnen Nacht mit der ganzen
Regimentsmusik vors Haus! Einige mutige Stcke, einige zrtliche
Arien aufgespielt, und sie kommt hinter die Jalousien, darauf wette
ich meinen ganzen Schmuck, der jetzt zufllig bei Levi ist. Einige
Kameraden tun dir schon den Gefallen und gehen mit; sie rufen:
'Schulderoff! Schulderoff! Wo steckst du denn? Ach siehe, der arme
Junge weint.' 'Ach, lat mich, tapfere Kameraden,' antwortest du,
'mir ist so weh und so wohl in ihrer Nhe.' So kommt es in allen
Ritterbchern, wo der Adel noch allein liebte und die dummen
Brgerlichen noch kein Geld hatten."

"Auf Ehre, Mama, Sie haben recht," antwortete der Leutnant und
wichste sich den Schnurrbart; "sehen Sie, dann kann ich auch so angr--"

Emil wurde, er wute nicht warum, ganz bange ums Herz, als er den
Eroberungsplan des Wildfangs hrte; er rckte um einige Fenster
weiter hinauf und war dort dem Gegenstand nahe, den die Schmhsucht
der Weiber zu zerreien, der Eroberungsgeist der Schulderoffs zu
gewinnen suchte.

Obenan sa der Prsident; die feierliche Geschftsmiene war zu Hause
geblieben; er hatte den freundlichen, geflligen Gesellschaftsmenschen
angezogen und tafelte, zum groen Trost der jngern Glieder seines
Kollegiums, wie ein Junger.

Das behagliche runde Gesicht durchblitzte oft schnell wie ein Gedanke
ein satirisches Lcheln, wenn er und der Hofrat Ida zum sen
brsselnden Schaumwein ntigten.

Es war nicht mglich, etwas Liebreizenderes zu sehen, als das
Mdchen, eine ewig junge Hebe, zwischen den alten, frhlichen Herren.
Es war jetzt ganz das whlige, mutwillige Kind wieder wie vor drei
Jahren, wenn es dem Papa oder dem alten Hagestolz Berner auf dem
Schoe sa; Madeirasekt und Xeres hatten ihr, weil Berner keinen der
schweren Weine ber die Purpurbarrieren ihrer Lippen gelassen hatte,
alles Blut in die Wangen getrieben; es zischte und gischte in ihren
Adern so warm und wohltuend, da das Auge von Lust und Liebe strahlte
und die rosige Tiefe des Schelmengrbchens alle Augenblicke sich
zeigte. Der Champagner, den sie auf den Trimadeira setzte, war auch
nicht aus seinen Kreidebergen geholt worden, um ein frhlichglhendes
Engelskpfchen abzukhlen und einen in ewigwechselnder Wonne Flut und
Ebbe wogenden Busen zur Ruhe zu bringen. Wute sie doch selbst nicht,
was sie so frhlich machte! Die Rckkehr ins Vaterhaus allein war es
nicht, auch nicht, da die Blicke der jungen Freilinger Stadtkinder
alle auf sie flogen; es war noch etwas anderes; war es nicht ein
bleiches, wunderschnes Gesicht, das sich immer wieder ihrer
Phantasie aufdrngte, das sie wehmtig durch Trnen anlchelte? Warum
mute er aber auch gehen, gerade als es zur Tafel ging, wo sie ihn
htte sehen und sprechen knnen!--

"Ei, Kind," sagte der Prsident und weckte sie aus ihren Trumen, "da
sitzest du schon eine geschlagene Glockenviertelstunde, starrst auf
den Teller hin, als lsest du in der Johannisbeermarmelade so gut als
im Kaffeesatz deine Zukunft, und lchelst dabei, als machten dir alle
ledigen Herren, unsern Hofrat mir eingeschlossen, ihr Kompliment!"

Die Glutrte stieg ihr ins Gesicht; sie nahm sich zusammen und mute
doch wieder heimlich lcheln ber den guten Papa, der doch auch kein
Sprchen von ihren Gedanken haben konnte. Aber als vollends der
Hofrat ihr von der andern Seite zuflsterte: "Der alte Herr hat
fehlgeschossen; wir alle knnten uns den Rcken lahm komplimentieren
und die Knie wund liegen, mein stolzes Trotzkpfchen gnnte keinem
einen halben Blick oder ein Viertelchen von dem Engelslcheln, das
hier in den Teller ging. Aber da darf nur so ein interessanter
Fremder in einem Landau weinen, so ein Signor Bleichwangioso--"

"Ach, wie garstig, Berner! An den habe ich gar nicht mehr gedacht!"
rief sie, rgerlich, da der Kluge ins Schwarze geschossen haben
sollte. Jener aber wischte seine Brille ab, schaute auf Idas
silbernen Teller und deutete lachend auf den Rand--

"Gar nicht mehr an ihn gedacht? Welcher Graveur hat denn da
gekritzelt, Frulein Lgenhausen? He!"

Nun, da hatte sich das Mdchen wieder vergaloppiert, hatte, ohne da
sie es im geringsten wute, unter ihrer Gedankenreihe das
Dessertmesser in die Hand bekommen, auf dem Teller herumgekritzelt,
und da stand mit hbschen, deutlichen Buchstaben: _Emil v.
Mart_--

"Nein, wie einem doch der Zufall bei bsen Leuten Streiche spielen
kann!" replizierte sie mit der unverschmtesten Unbefangenheit,
kratzte, indem sie sich selbst ber ihre furchtbare Kunst, zu
verdrehen, wunderte, in aller Geschwindigkeit ein Schnirkelchen hin,
wies dem kurzsichtigen Hofrat den Teller und sagte: "Sehen Sie! Da
war irgend einmal eine reisende Prinze hier, welcher man auf Silber
servierte, und um den merkwrdigen Tag ihrer Anwesenheit zu
verewigen, schrieb sie die paar Worte hieher: _Emilie v. Mart._,
heit offenbar: Emilie, am fnften Mrz."

"Gott im Himmel, was httest du fr einen Rechtskonsulenten und
Rabulisten gegeben!" antwortete Berner und setzte vor Schrecken den
frischeingeschenkten Kelch, den er schon halbwegs gehabt, wieder
nieder. "Habe ich nicht gesehen, wie du das Ding da kritzeltest; und
jetzt tte es not, ich deprezierte den falschen Verdacht?" Doch
Engelskpfchen Ida sah ihm so bittend ins Auge, da er unwillkrlich
wieder gut wurde; in den sesten Schmeicheltnen bat sie ihm die
Unart ab, versprach, sich nie mehr aufs Leugnen zu legen, wenn er
gelobe, dem Papa nichts zu sagen, der sie wenigstens acht Tage lang
mit ihrer Silberschrift necken wrde. Er gelobte, mahnte aber, jetzt
sich zum Kotillon zu rsten. "Nur noch ein Viertelstndchen!" bat
Ida, weil sie dem widerwrtigen Kreissekretr habe zusagen mssen.
Aber das Struben half nichts; die Hrner erklangen im Tanzsaal, und
die Tafel rstete sich, aufzubrechen. Da stand der Prsident auf.
"Noch einen Kelch, meine Damen!" rief er ber die Tafel hin, "noch
einen echten Toast aus den guten alten Zeiten: die Glser hoch--der
Liebe und der Freude!" Die Trompeten schmetterten ihren Freudenruf
unter den Jubel; aber mitten durch das Geschmetter, durch das
donnerschlaghnliche Wirbeln der Pauken, mitten in dem schrankenlosen
Hallo der bechampagnerten Gste war es Ida, als hrte sie hinter sich
tief seufzen, und als sie, von einer pltzlichen Ahnung ergriffen,
sich schnell umsah, begegnete sie Emils Auge, der wehmtig,
trnenschwer in das Gewhl der Freude schaute. Alles Blut jagte die
berraschung dem Mdchen aus den Wangen, es hatte keinen Atem mehr,
und doch konnte es um keinen Preis ihr Auge wieder von ihm abwenden.
Doch ehe sie noch ihrer Verlegenheit Meister werden konnte, gerade
als sie der schne junge Mann anreden zu wollen schien, ri ihn das
Gedrnge der Aufstehenden aus ihrer Nhe; der Kreissekretr kam mit
seinem widrigen, sauersen Gesicht, schtzte sich glcklich, den
Kotillon errungen zu haben, und fhrte seine Tnzerin im Triumph
durch die dicken Reihen seiner Neider. Sie aber folgte ihm, noch
immer ber diese Erscheinung, ber die Gewalt dieser dunkeln
Flammensterne sinnend. "Wahrhaftig!" sagte sie zu sich. "Der Hofrat
hat doch recht, es mu Menschen geben, die Hkchen im Auge haben, von
welchen man sich gar nicht losreien kann, und dieser mu einen von
den groen Angelhaken haben."

       *       *       *       *       *




DER KOTILLON.

In rauschenden Tnen klangen die Hrner und Trompeten durch den Saal;
in verschlungenen Gruppen, bald suchend, bald fliehend, hpften die
Paare den frhlichen Reigen, und Idas liebliche Gestalt tauchte auf
und nieder in der Menge der Tanzenden wie eine Nixe, die neckend bald
dem Auge sich zeigt, bald in den Fluten verschwindet. Oft, wenn der
Augenblick es gestattete, wagte sie einen Viertelsseitenblick ber
den Saal hinber nach ihm, zu welchem ein unerklrbares Etwas sie
noch immer hinzog, und wenn die Flten leiser flsterten, wenn die
weichen, gehaltenen Tne der Hrner ses Sehnen erweckten, da
glaubte sie zu fhlen, da diese Tne auch in seiner Brust
widerklingen mssen. In glnzender Kette schwebten jetzt die Mdchen
in der Runde, bis die Reihe sich lste und sie den Saal
durchschwrmten, um selbst sich Tnzer zu suchen. Emil stand wieder
an seine Sule gelehnt. Kaum den Boden berhrend, schwebte eine zarte
Gestalt, auf dem Amorettengesichtchen ein holdes, verschmtes
Lcheln, auf ihn zu--es war Ida. Lchelnd neigte sie sich, zum Tanze
ihn einzuladen; er schien freudig berrascht, eine flchtige Rte
ging ber sein bleiches Gesicht, als er das holde Engelskind
umschlang und mit ihr durch den Saal flog.

Aber ngstlich war es Ida in seinen Armen; kalt war die Hand, die in
der ihrigen ruhte, schaurige Klte fhlte sie aus des Fremden Arm,
der ihre Hfte umschlang; in sie eindringen, scheu suchte ihr Auge
den Boden; denn sie frchtete, seinem Flammenblicke zu begegnen.
Jetzt erst fiel ihr auch ein, da es sich doch nicht so recht
schicke, den ganz fremden Menschen, der ihr von niemand noch
vorgestellt war, zuerst zum Tanze aufgefordert zu haben.

Aber ein freudiges Geflster des Beifalls begleitete sie durch die
Reihen; bedeutender schien des Fremden edles Gesicht, von der
Bewegung des Tanzes leicht gertet, bedeutender erschien seine edle
Gestalt, sein hoher kniglicher Anstand, und dem schnen Mann
gegenber erschien auch Ida in noch vollerem Glanz der Schnheit. Mit
dankendem Blick schied er, als er sie an den Platz zurckfhrte;
wieviel stiller Gram, wieviel Wehmut lag in diesem langen Blick! Ja,
wenn sie sich den Ausdruck seines Auges noch einmal zurckrief,
wieviel Dank lag darin, wieviel Lie--

Sie drckte geschwind die Augen zu, um nur den Gedanken zu entgehen,
die sie unablssig verfolgten; sie tanzte rascher und eifriger, nur
um sich durch den raschen Wirbel zu zerstreuen; aber da wisperte von
der einen Seite der Xeres, von der andern kicherte der Champagner ihr
ins Ohr: er liebt dich, du bist es ja, nach welcher er immer sieht,
wegen dir ist er noch einmal auf den Ball gekommen.--Der Kotillon
hatte jetzt seine glnzendste Hhe erreicht; eine Tour, die in
Freilingen noch nie getanzt worden, sollte eingeschoben werden. Die
Dame, welche die Reihe traf, setzte sich, von ihrem Tnzer gefhrt,
auf einen in die Mitte des Kreises gestellten Sessel; mit einem
seidenen Tuche wurden ihr die Augen verbunden und dann Tnzer
jeglicher Gattung zur blinden Wahl vorgefhrt. Die Ausgeschlagenen
stellten sich als Gefangene und besiegt hinter den Stuhl, der
Erwhlte flog mit der von der Binde erlsten Tnzerin durch den Saal.
Die Tour an sich war gerade nicht so khn erfunden, um durch sich
selbst sehr bedeutungsvoll zu werden; sie ward es aber dadurch, da
der Vortnzer, ein gerade von Reisen zurckgekommener Herr aus
Freilingen, behauptete, in Wien werde diese Tour fr sehr
verhngnisvoll gehalten; denn es gelte dort bei dieser blinden Wahl
das Sprichwort: "Der Zug des Herzens sei des Schicksals Stimme," und
mehr denn hundertmal habe er den Spruch bei dieser Tour eintreffen
sehen. Die Freilinger Schnen machten zwar Spa daraus und
behaupteten, die Wiener Damen werden unter dem Tuch hervorgesehen
haben; doch mochten sie aberglubisch genug sein und wnschen, des
Schicksals Stimme mchte dem Zug ihres Herzens nachgeben und ihnen
den schnen Major oder den Jagdjunker mit dem Stutzbrtchen oder
einen dergleichen vor die blinden Augen fhren.

Auch an Ida kam jetzt die Reihe, sich niederzusetzen; der sauerse
Kreissekretr fhrte sie zum Stuhl, fragte mit schalkhaft sein
sollendem Lcheln, das aber sein Gesicht zur scheulichen Fratze
verzog, ob er den Herrn Hofrat Berner bringen solle, band ihr das
Tuch vor die Augen, und in wenigen Augenblicken standen schon drei
arme Unglckliche, von der sprden, blinden Mamsell Amor-Justitia
verschmht, hinter dem Stuhl. Es war ihr wohl auch der Gedanke an
Martiniz durch das Kpfchen gezogen; aber sie hatte sich selbst recht
tchtig ausgescholten und vorgenommen, ihr Herzchen mge sie ziehen,
wie es wolle, das Schicksal mge noch so gebietend rufen, sie lasse
drei ablaufen und den vierten wolle sie endlich nehmen.

"Numero vier, gndiges Frulein!" meckerte der Kreissekretr. Sie
lie die Binde lsen, sie schlug die Augen auf und sank in Emils
Arme, der sie im schmetternden Wirbel der Trompeten, im Jubelruf der
Hrner im Saal umherschwenkte; die Sinne wollten ihr vergehen, sie
hatte keinen deutlichen Gedanken als das immer wiederkehrende: "Der
Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme." Ach! so htte sie durch
das Leben tanzen mgen; ihr war so wohl; so leicht; wie auf den
Flgeln der Frhlingslfte schwebte sie in seinem Arme hin, sie
zitterte am ganzen Krper; ihr Busen flog in fieberhaften Pulsen, sie
mute ihn ansehen, es mochte kosten, was es wollte. Sie hob das
schmachtende Gesichtchen. Ein ser Blick der beiden Liebessterne
traf den Mann, der ihr in wenigen Stunden so wert geworden war; das
edle Gesicht lag offen vor ihr, wenige Zoll breit Auge von Auge, Mund
von Mund; ach, wie unendlich hbsch kam er ihr vor, wie fein alle
seine Zge, wie schmelzend sein Auge, sein Lcheln; sie htte mgen
die paar Zllchen breite Kluft durchfliegen, ihn zu lieben, zu k--

Klatsch, klatsch, mahnten die ungeduldigen Herren, indem sie die
glacierten Handschuhe zusammenschlugen, da die zarten Nhte
sprangen; will denn dies Paar ewig tanzen? Ach, ihr Kurzsichtigen,
wenn ihr wtet, wieviel namenlose Seligkeit in einer solchen kurzen
Minute liegt, wie die Pforten des Lebens sich ffnen, wie die Seele
hinter die durchsichtige Haut des Auges heraufsteigt, um
hinberzufliegen zu der Schwesterseele--wahrlich, ihr wrdet diesen
Moment des sesten Verstndnisses nicht durch euer Klatschen
verscheuchen.

Der Ball war zu Ende; der Hofrat nahte, Ida den Schal anzulegen und
das wrmende Mntelchen umzuwerfen; er nahm dann ihren Arm, um sie
zur Abkhlung noch ein wenig durch den Saal zu fhren. "Sie haben mit
ihm getanzt, Tchterchen?"--"Ja," antwortete sie, "und wie der
tanzt, knnen Sie sich gar nicht denken; so angenehm, so leicht, so
schwebend!"--"Idchen, Idchen!" warnte der Hofrat lchelnd. "Was
werden unsere jungen Herren dazu sagen, wenn Sie sie ber einem
Landfremden so ganz und gar vergessen?"--"Nun, die knnen sich
wenigstens ber das Vergessen nicht beklagen; denn ich habe nie an
sie gedacht! Aber sagen Sie selbst, Hofrat, ist er nicht ganz, was
man interessant nennt?"--"Ihnen wenigstens scheint er es zu sein,"
antwortete der neckische Alte.--"Nein, spaen Sie jetzt nicht! Ist
nicht etwas wunderbar Anziehendes an dem Menschen, etwas, das man
nicht recht erklren kann?" Der Hofrat schwieg nachdenklich.
"Wahrhaftig, Sie knnen recht haben, Mdchen," sagte er; "habe ich
doch den ganzen Abend darber nachgesonnen, warum ich diesen Menschen
gar nicht aus dem Sinne bringen kann."

"Aber noch etwas," fiel Ida ein; "wissen Sie nicht, wo er so
pltzlich mit dem alten Diener hinging?"--"Das ist es eben!" sagte
jener. "Eine ganz eigene Geschichte mit dem Grafen da; kommt auf den
Ball, tanzt nicht, geht fort, bleibt ber eine Stunde aus, kommt
wieder--und wo blieb er? Wo meinen Sie wohl? Er war im Mnster!!"

"Jetzt eben, in dieser Nacht?" fragte Ida erschrocken und an allen
Gliedern zitternd.

"Heute nacht, auf Ehre! Ich wei es gewi; aber reinen Mund gehalten,
Gold-Idchen! Morgen komme ich dem Ding auf die Spur."

Der Wagen war vorgefahren; der Prsident kam in einer Weinlaune.
"Hofrtchen," rief er, "wenn du nicht anderthalbmal ihr Vater sein
knntest, wollte ich dir Ida kuppeln!"

"Htte ich das doch vor dem Ball gewut!" jammerte der Hofrat; "aber
da gab es allerlei interessante Leute usw." Errtend sprang Ida in
den Wagen, auf den losen Hofrat scheltend, und umsonst gab sich Papa
auf dem Heimweg Mhe, zu erfahren, was jener gemeint habe.
Trotzkpfchen htte mgen laut lachen ber die Bitten des alten
Herrn; es bi die scharfen Perlenzhne in die Purpurlippen, da auch
kein Wrtchen heraus konnte.

Nicht mehr so frhlich als in frheren Tagen und dennoch glcklicher,
legte Ida das Lockenkpfchen auf die weichen Kissen. Es war ihr so
bange, so warm; mit einem Ruck war der seidene Plumeau am Fuende des
Bettes, und auch die dnne Seidenhlle, die jetzt noch brig war,
mute immer weiter hinabgeschoben werden, da die wogende,
entfesselte Schwanenbrust Luft bekam.

Aber wie, ein Gerusch von der Tre her? Die Tre geht auf, im matten
Schimmer des Nachtlichtes erkennt sie Martiniz' blendendes Gesicht;
sein dunkles, wehmtiges Auge fesselt sie so, da sie kein Glied zu
rhren vermag, sie kann die Decke nicht weiter heraufziehen, sie kann
den Marmorbusen nicht vor seinem Feuerblick verhllen; sie will
zrnen ber den sonderbaren Besuch, aber die Stimme versagt ihr.
Aufgelst in jungfruliche Scham und Sehnsucht, drckt sie die Augen
zu; er naht, weiche Fltentne erwachen und wogen um ihr Ohr, er
kniet nieder an ihrem brutlichen Lager, "der Zug des Herzens ist des
Schicksals Stimme," flstert er in ihr Ohr; er beugt das gramvolle,
wehmtige Gesicht ber sie hin, heie Trnen strzen aus seinem
glhenden Auge herab auf ihre Wangen, er wlbt den wrzigen Mund--er
will sie k--

Sie erwachte, sie fhlte, da ihre eigenen heftigstrmenden Trnen
sie aus dem schnen Traume erweckt hatten.

       *       *       *       *       *




DIE BEICHTE.

Am andern Morgen sehr frh stand der Hofrat schon vor des Prsidenten
Haus und zog die Glocke. Er mute ja sein holdes Idchen fragen, wie
es zum erstenmal wieder in Freilingen geschlafen habe. Nebenbei hatte
er so viel zu fragen, so viel mitzuteilen, da er nicht wute, wo ihm
der Kopf stand. Nur soviel war ihm klar, als er den hellpolierten
Handgriff der Glocke in der Hand hielt, da er um keinen Preis von
dem interessanten Herrn von gestern zuerst sprechen werde; sie soll
mir daran, sagte er, sie soll mir beichten. Er tat sich auf seinen
Witz nicht wenig zugut und lchelte noch still vor sich hin, als er
die breite Treppe hinanstieg.

Der Prsident sei schon in die Session gefahren, gaben ihm die
Bedienten auf seine Anfrage zur Antwort, aber gndiges Frulein nehme
ihn vielleicht an, obwohl ihre Toilette noch nicht fertig sei.

Man meldete ihn; er wurde sogleich vorgelassen. In ihrem kleinen,
aufs geschmackvollste dekorierten Boudoir sa Ida auf einer Estrade
am Fenster, das Lockenkpfchen in die Hand gesttzt. War es doch, als
sei das Mdchen in dieser Nacht noch tausendmal schner geworden! Der
Hofrat bekam ordentlich Ehrfurcht vor ihrer Schnheit; es lag so viel
Schmachtendes in ihrem Auge, so viel ernste Sanftmut auf dem lieben
Gesichtchen, das ihn begrte, da er gar nicht wute, woher dies
alles das Wunderkind gestohlen hatte.

Er sagte ihr auch, wie schn er sie finde; sie aber lachte ihm
geradezu ins Gesicht; sie finde, da sie weit bleicher aussehe als
sonst, der Ball knne einesteils daran schuld sein, sagte sie; dazu
komme, da sie heute nacht so dumm getrumt habe und alle Augenblicke
aufgewacht sei. Sie wollte bei dieser Behauptung recht ernst
aussehen; aber das kleine Schelmchen flog ihr doch beinahe unmerklich
um den Mund, als wte es, was dem hbschen Engelskind getrumt habe.

Der Hofrat sprach vom gestrigen Ball, von Herren und Damen, von allen
mglichen Schnen; aber er htte sich lieber die Zunge abgebissen,
ehe er von Martiniz zuerst angefangen htte, obgleich er wohl sah,
da Ida darauf warte.

Er sah sich daher, als alle Tnze und Touren bekrittelt waren und das
Gesprch zu stocken drohte, im Zimmer umher. "Nein," sagte er, "wie
wunderschn Ihnen Papa das Boudoir da dekorieren lie, die bronzierte
Lampe am gewlbten Plafond, die freundliche Tapete! Wie werden sich
Ihre Besucher erfreuen, wenn man sich nicht mehr um den Rang auf dem
Sofa streiten darf! denn jener von hellbraunem Kasimir, der sich an
drei Wnden hinzieht, den eleganten Teetisch von Zedernholz in der
Mitte, kann ja eine ganze Legion von Dmchen in sich aufnehmen. Der
franzsische Kamin mit dem deckenhohen Spiegel scheint aber nicht
sehr warm geben zu wollen; doch Hoffart mu schon auch ein wenig
Schmerz leiden. Die geschmackvolle Etagere dort haben Sie gewi
selbst erst aus der Residenz geschickt; denn hier wte ich niemand,
der solche Arbeit lieferte."

Das ging ja dem alten Herrn aus dem Mund wie Wasser; schade nur, da
er den tauben Wnden predigte; denn Ida schaute stillverklrt durch
die Scheiben und hatte weder Augen noch Ohren fr ihren alten Freund.
Dieser sah sich um, sah das Hinstarren des Mdchens, folgte ihrem
Auge und--drben in der ersten Etage des ehrsamen Gasthofes
"Zum goldenen _Mond_" hatten sich die rot und weien Gardinen
aufgetan, und im geffneten Fenster stand--nein, er machte es gerade
zu, als der Hofrat hinsah, und lie die Gardine wieder herab; das
selige Kind drehte jetzt das Kpfchen, und ihr Blick begegnete dem
lauernden Auge des Hofrats. Die Flammenrte schlug ihr ins Gesicht,
als sie sich so verraten sah; aber dennoch sagte Trotzkpfchen kein
Wort, sondern arbeitete eifrig an einer Zentifolie. Nun, dachte der
Alte, wenn du es durchaus nicht anders haben willst,--auf den Zahn
mu ich dir einmal fhlen, also sei's!

"Sie haben brave Nachbarschaft, Ida," sagte er, "da knnen Sie Ihre
astronomischen Beobachtungen nach den Glutsternen des Herrn von
Martiniz recht kommode anstellen; ich habe zu Haus einen guten
Dolland, er steht zu Diensten, wenn Sie etwa--"

"Wie Sie nur so bs sein knnen, Berner!" klagte das verschmte
Mdchen. "Wahrhaftig, ich habe bis auf diesen Augenblick gar nicht
gewut, da er nur im Mond logiert; und da ich gestern diesen Mann
schon wegen seines ueren gehaltvoller gefunden habe als unsere
jungen Herren hier, um die ich nun einmal kein Flckchen Seide gebe,
--ist das denn ein so schweres Verbrechen, da man es noch am andern
Tage ben mu? Ist es denn so arg, wenn man Mitleiden hat mit einem
Menschen, der so unglcklich scheint?"

"Nun, da bringen Sie mich just auf den rechten Punkt," sagte der
Hofrat; "da der junge Herr im Mond drben gestern nacht in der
Mnsterkirche war, habe ich Ihnen gesagt; aber was er dort tat, das
wissen Sie nicht,--und was bekomme ich, wenn ich es sage?"

"Nun, was wird er viel dort getan haben?" antwortete Ida, vergeblich
bemht, ihre Neugierde zu bekmpfen. "Er hat sich wahrscheinlich die
Kirche zeigen lassen, wie die Fremden auf der Durchreise immer tun?"

"Durchreise? Als ob ich nicht wte, da Herr von Martiniz die drei
Zimmer Ihnen gegenber auf vier Wochen gemietet hat--"

"Auf vier Wochen?" rief Ida freudig aus, erschrak aber im nmlichen
Augenblick ber die laute uerung ihrer Freude. "Vier Wochen?"--
setzte sie gefater hinzu. "Wie freut mich das fr die gute
Mondwirtin! Sie mu immer Schelte hren von ihrem Mann, da ihre
_Table d'hte_ nicht so gut sei wie im _Htel de Saxe_, und
kein Mensch bleibe recht lange; da hat sie nun doch einen Beweis fr
sich."

"Die arme Mondwirtin," spottete der Hofrat, "die gute Seele! Mu sie
jetzt auch noch zur Entschuldigung dienen, wenn man seine Freude
nicht recht verbergen kann! Und, um aufs vorige zurckzukommen, Sie
glauben also, der Mann im Monde da drben habe sich als
durchreisender Fremder unsern Mnster zeigen lassen und dazu die
glckliche Stunde nachts von zwlf bis ein Uhr gewhlt, habe den
Kster mit seiner Laterne alles beleuchten lassen, nur um die
Finsternis desto deutlicher zu sehen?"

Der kleine Schalk lachte verstohlen auf seine Arbeit hin und lie den
Hofrat immer fortfahren--

"Heute in aller Frh war ich beim Kster, dem ich vorzeiten einmal
einen Proze gefhrt und ein Kind aus der Taufe gehoben hatte; gewi,
ohne diese Empfehlung wre ich bei dem Alten nicht durchgedrungen.
'Gevatter!' sagte ich zu ihm, 'Er kann mir wohl sagen, was der
Fremde, der Ihn gestern nacht noch besuchte, im Mnster getan hat.'
Der Mann wollte im Anfang von gar nichts wissen; ich rief aber meinen
alten Balthasar,--Sie kennen ihn ja, wie geschickt er ist, alles
aufzuspren,--diesen rief ich her und konfrontierte beide; der
Balthasar hatte den Bedienten des Fremden in des Ksters Haus gehen
und beide bald darauf mit dem Fremden im Mnster verschwinden sehen.
Er gab dies zu, bat mich aber, nicht weiter in ihn zu dringen, weil
es ein furchtbares Geheimnis sei, das er nicht verraten drfe. So
neugierig ich war, stellte ich mich doch ganz ruhig, bedauerte, da
er nichts sagen drfe, weil es ihm sonst eine Bouteille Alten (seine
schwache Seite) eingetragen htte; da gab er weich und erzhlte--"

"Nun, fahren Sie doch fort!" sagte Ida ungeduldig, "Sie wissen von
frher her, da ich fr mein Leben gerne Geschichten hre, namentlich
geheimnisvolle, die bei Nacht in einer Kirche spielen."

"So, so? Man hrt gerne Geschichten von interessanten,
geheimnisvollen Leuten? Nun ja, hren Sie weiter! Der Kster, der fr
seine Mhe einen harten Taler bekam, fhrte gestern nacht einen
Herrn, der bleich wie der Tod, aber so vornehm wie ein Prinz
ausgesehen haben soll, in den Mnster. Dort habe sich der Fremde auf
die Altarstufen gesetzt und in voller Herzensangst gebetet. Dann sei
ein Sturm gekommen, wie er fast noch nie einen gehrt; er habe an den
Fenstern gerttelt und geschttelt und die Scheiben in die Kirche
hereingeschlagen; der Herr aber habe wunderliche Reden gefhrt, als
reite der Teufel drauen um die Kirche und wolle ihn holen.

"Der Kster glaubt auch daran wie ans Evangelium und weint wie ein
Kind um den bleichen jungen Mann, der schon so frh in die Hlle
fahren solle. Dabei verspricht er aber ganz getrost, wenn der Herr
alle Nacht bei ihm einkehre und sich in den Schutz seines Mnsters
begebe, solle ihm vom Bsen kein Haar gekrmmt werden. Sehen Sie, das
ist die Geschichte; da werde jetzt einer klug daraus! Was halten Sie
davon?"

In ngstlicher Spannung hatte Ida zugehrt; in hellem Wasser
schwammen ihr die groen blauen Augen, die volle schne Schwanenbrust
hob sich unter der durchsichtigen Chemisette, als wolle sie einen
Berg von sich abwlzen; die Stimme versagte ihr; sie konnte nicht
gleich antworten.

"O Gott!" rief sie, "was ich geahnt, scheint wahr zu sein: der arme
Mensch ist gewi wahnsinnig; denn an die trichte Konjektur des
Ksters werden Sie doch nicht glauben?"

"Nein, gewi glaube ich an solche Torheiten nicht; aber auch was Sie
sagen, scheint mir unwahrscheinlich; sein Auge ist nicht das eines
Irren, sein Betragen ist geordnet, artig, wenn auch verschlossen."

"Aber haben Sie nicht bemerkt," unterbrach ihn Ida, "nicht bemerkt,
wie unruhig er wurde, wie sein Auge rollte, als es elf Uhr schlug?
Gewi hat es eine ganz eigene Bewandtnis mit dieser Stunde, und
irgend eine Gewissenslast treibt ihn wohl um diese Zeit, Schutz in
dem Heiligtum zu suchen, das jedem, der mhselig und beladen kmmt,
offen steht."

"Ihr Frauen habt in solchen Sachen oft einen ganz eigenen Takt,"
antwortete der Hofrat, "und sehet oft weiter als wir; doch will ich
auch hier bald auf der Spur sein; denn mich peinigt alles, was ich
nur halb wei, und mein Idchen wei mir vielleicht auch Dank, wenn
ich mit dem Herrn Nachbar Bleichwangioso aufs reine komme; das
greifen wir so an: Der Mondwirt ist mein spezieller Freund, weil ich
gewhnlich abends mein Schppchen bei ihm trinke und mir seit zehn
Jahren das Essen von ihm holen lasse. Ich speise nun die nchsten
paar Tage an seiner Tafel, und er mu mein Kuvert neben das seines
bleichen Gastes setzen lassen; bekannt will ich bald mit ihm sein,
und habe ich ihn nur einmal auf einem freundschaftlichen Fu, so will
ich den alten Diener aufs Korn fassen. Natrlich holt man weit aus
und fllt nicht mit der Tre ins Haus; aber ich habe schon mehr
solche Kuze ausgeholt, es ist nicht der erste."

       *       *       *       *       *




DAS DEJEUNER.

"Das ist herrlich," sagte Ida und streichelte ihm die Wangen wie
ehemals, wenn er ihr etwas geschenkt oder versprochen hatte. "Das
machen Sie vortrefflich; zum Dank bekommen Sie aber auch etwas
Extragutes, und jetzt gleich!" Sie stand auf und ging hinaus; dem
Hofrat pupperte das Herz vor Freude, als er das wunderherrliche
Mdchen dahingehen sah; die zarten Fchen schienen kaum den
trkischen Futeppich zu berhren, der einfache, blendendweie
Batistberrock verriet in seinem leichten Faltenwurf das Ebenma
dieses herrlichen Gliederbaues, diese frische, jugendliche
Krftigkeit! Er versank in Gedanken ber das holde Geschpf, das
allen Lockungen der Residenz Trotz geboten, sich das jungfruliche
Herz frei bewahrt von Liebe und jetzt, als sie in ihre kleine
Vaterstadt zurckkommt, am ersten Abend einen Mann findet, den sie--
nein! sie konnte es nicht leugnen, es war ja offenbar, da sie ihm
mit der hohen Glut der ersten jungfrulichen Liebe zugetan sei. Aber
wie? Durfte er, der gereifte Mann, diese Neigung, die doch
wahrscheinlicherweise kein vernnftiges Ende nehmen konnte, durfte er
sie untersttzen? Konnte nicht der landfremde, wie es schien, sogar
gemtskranke Mensch alle Augenblicke wieder in seinem Landau sitzen
und weiterfahren? Doch der Karren war jetzt schon verfahren.--

Ida trat ein, das Gesichtchen war hochgertet, sie trug einen
silbernen Teller mit zwei Bechern, ein Kammermdchen folgte mit
allerlei Backwerk. "Schokolade mit Kapwein abgerhrt," sagte Ida
lchelnd, indem sie ihm einen Becher prsentierte; "ich kenne den
Geschmack meines Hofrtchens gar wohl, darum habe ich dieses
Frhstck gewhlt, und--denken Sie, wie geschickt ich bei Madame La
Truiaire geworden bin,--ich habe ihn ganz allein selbst gemacht,
Gesicht und Arme glhen mir noch davon; versuchen Sie doch, er ist
ganz delikat ausgefallen."

Sie lftete, ohne sich vor dem alten Freund zu genieren, das leichte
berrckchen; eine himmlische Aussicht ffnete sich, der weie
Alabasterbusen schwamm auf und nieder, da der Hofrat die alten Augen
in seine Schokolade heftete, als solle er sie mit den Augen trinken.
"Hierher sollte einer unserer jungen Herren kommen," dachte er,
"Kapweinschokolade in den Adern, ein solches Himmelskind mit dem
offenen leichten berrckchen vor sich--ob er nicht rein von Sinnen
kme!" Beinahe ebenso groen Respekt als vor ihren entfesselten
Reizen bekam er aber vor der Kochkunst des Mdchens. Die Schokolade
war so fein, so wrzig, das rechte Ma des Weines so gut beobachtet,
da er bei jedem Schlckchen zgerte zu schlucken.

Idchen aber schien ihre Schokolade ganz vergessen zu haben; denn ein
neues Schauspiel bot sich ihren Augen dar. Der wohlbekannte Diener
des Fremden fhrte ein Paar prachtvolle Pferde vor das Portal des
goldenen Mondes. Sie selbst war soviel Reiterin, da sie wohl
beurteilen konnte, da besonders das eine Pferd, ein majesttischer
Stumpfschwanz, Tigerschimmel, von unschtzbarem Wert sei. Auch
Berner, der in allen Stteln gerecht war, stimmte bei und pries die
einzelnen Schnheiten des Schimmels, besonders auch das elegante,
geschmackvolle Reitzeug.

Ida wagte voll Erwartung kaum Atem zu holen; der Mondwirt, ein
stattlicher Vierziger, trat gravittisch aus dem Torweg und
bekomplimentierte sich mit dem alten Diener um die Ehre, die Zgel
des Tigerschimmels zu halten. Als aber dieser sich dieses Geschft
nicht nehmen lie, hielt er den Steigbgel. Emil von Martiniz, in
einem eleganten Morgenberrock, trat jetzt aus der Halle, gefolgt von
dem Oberkellner; er streichelte den schlanken Hals seines Schimmels
und warf ber ihn weg oft seine Blicke zu dem Fenster gegenber, wo
Ida neben dem Hofrat sa.

Indem tnte der Hufschlag eines in kurzem Galopp ansprengenden
Pferdes die Strae herauf; es kam nher, es war der junge Dragoner-
Freier, Leutnant von Schulderoff. Er hatte die gute Uniform an und
von einem seiner Kameraden eine prachtvolle Tigerdecke entlehnt und
langte jetzt in vollem Wichs vor des Prsidenten Haus an.

Nach Vorschrift der gndigen Mama lie er jetzt mit einem Blick auf
die Holdselige seine Reitpeitsche fallen; im Nu war der gebte
Voltigeur herab von seinem Rappen; aber gerade, als er wieder
aufspringen wollte, scheute sein Ro an denen, die vor dem goldenen
Mond standen, machte einen Seitensprung und dann im Karriere davon,
gerade auf einen Kirchplatz zu, wo viele Kinder, die gerade aus der
Schule kamen, ihre unschuldigen Spiele trieben. Der Mondwirt, der bis
letzt noch immer den Bgel gehalten, flog rechts, der alte Diener
links, und _ventre  terre_ flog Martiniz mit Windeseile dem
Rappen nach, berholte ihn noch drei Schritte vor einem Haufen
Kinder, die keinen Ausweg mehr hatten und klglich schrien, ri sein
eigenes Ro herum, packte mit Riesenkraft den Ausreier und brachte
ihn zum Stehen. Alles dies war das Werk eines Augenblicks. Der
liebende Dragoner hinkte auf seinen Freiersfen dem Rappen nach,
murmelte einige Flche, die wie ein Dank lauten sollten, sa auf und
jagte davon. Martiniz aber ritt, ohne auf den tausendstimmigen
Beifall, der ihm von der Menge, die sich versammelt hatte, zugejubelt
wurde, zu achten, zurck, grte ehrerbietig an des Prsidenten Haus
hinauf und zog, gefolgt von dem alten Diener, auf seinem Morgenritt
weiter.

Ida hatte in dem schrecklichen Moment das Fenster aufgerissen; sie
hatte die Gefahr der armen Kleinen, hatte mit steigender Angst den
gefhrlichen Moment gesehen, wo Martiniz in gestreckter Karriere sein
Pferd herumri, auf die Gefahr hin, zu berstrzen; sie htte mgen
mit jener Menge laut aufjauchzen und konnte sich nicht enthalten, als
er vor ihrem Fenster vorbeikam, seinen Gru so freundlich als mglich
zu erwidern. Dieser Moment war entscheidend; in der Angst, die sie
fhlte, ward sie sich bewut, wie teuer ihr der Mann war, der dort
hinflog. Das geprete Herz, die strmisch wogende Brust rang nach
einem Ausweg. Der Hofrat wollte seinen alten Sarkasmus wieder spielen
lassen; aber er drngte ihn zurck, als ihn das Mdchen so bittend
ansah, als sie seine Hand drckte und die hellen, vollen Trnen aus
den sanften Augen herabfielen. "Ich bin ein rechtes Kind, nicht wahr,
Hofrat? Aber ber solche Szenen kann ich nicht anders, mu ich
unwillkrlich weinen. Lachen Sie nur nicht ber mich! Es wrde mir
gerade jetzt recht wehe tun."

"Gott bewahre mich, da ich lache," entgegnete der Hofrat; "wenn
eines im hchsten Fieberparoxismus ist, wie Sie, Goldkind, so lacht
man gewhnlich nicht." Er dankte ihr fr ihre Schokolade, nahm Stock
und Hut und lie das Mdchen mit ihrem siebzehnjhrigen, von dem Keim
der ersten Liebe strmisch bewegten Herzchen allein.

       *       *       *       *       *




DER BRIEF

Als Hofrat Berner nach Tisch wieder in des Prsidenten Haus kam, um
ihn, da er ihn heute frh verfehlt hatte, zu besuchen, traf er Ida
wieder so vergngt und frhlich wie immer. Das ewige Aprilwetter!
dachte er, auch bei ihr bleibt es nicht aus; wenn wir morgens weinen,
so darf man gewi sein, da uns auch der Abend noch traurig oder doch
ernst findet; aber das weint und lacht, klagt und tollt durcheinander
wie Heu und Stroh. Er setzte sich zum Prsidenten, der gewhnlich vor
dem Kaffee noch ein halbes Stndchen tischelte; gegenber hatte er
das liebe Aprillen-Kind und ntigte sie durch sein beredtes
Mienenspiel, wodurch er sie an heute frh erinnerte, alle Augenblicke
zum Lachen oder Rotwerden.

"Apropos! Sie kommen gerade recht, Berner," sagte der Prsident,
"htte ich doch beinahe das Beste vergessen. Sie knnen mir durch
Ihre Umgnglichkeit und Gewandtheit, durch die viele freie Zeit, die
Sie haben, einen sehr groen Gefallen tun. Ich bekam da heute vom
Minister-Staatssekretr ein Brieflein, worin mir unter den grten
Elogen der ganz sonderbare Auftrag wird, neben meinem Amt als
Prsident auch noch den gehorsamen Diener anderer Leute zu spielen.
Da haben Sie," fuhr er fort, indem er einen Brief mit dem groen
Dienstsiegel hervorzog, "lesen Sie einmal vor! Aber da, die
Elogenstelle bleibt weg; ich kann das Ding fr meinen Tod nicht
leiden, wenn man einen so ins Gesicht hinein lobt."

Berner nahm den Brief, der, weil in solchen Fllen der Staatssekretr
von Pranken selbst schrieb, ein wenig schwer zu lesen war, und
begann:

"--Nchstdem wurde mir hheren Orts der Wink gegeben, da, da ein
sicherer Graf von Martiniz den Kreis Ew. Exzellenz bereisen werde,
ihm aller mgliche Vorschub und Hilfe zuteil werden soll. Besagter
Herr von Martiniz wurde unserem Hofe durch den ---schen _Ministre
plnipotentiaire_ aufs angelegentlichste empfohlen. Er hat im
Sinn, bei uns, aller Wahrscheinlichkeit nach in Ihrem Kreise, sich
bedeutende Gter zu kaufen, ist ein Mensch, der seine drei Millionen
Taler hat und vielleicht noch mehr bekommt, und mu daher womglich
im Lande gehalten werden. Ew. Exzellenz knnen, wenn solches gelingen
sollte, auf groen Dank hhern Orte rechnen, da, wie ich Ihnen als
altem Freunde wohl anvertrauen darf, im Fall er sich im Lande
ansiedelte und sein Vermgen hereinzge, die Hand der Grfin Aarstein
Exzellenz demselben nicht vorenthalten werden wird."

Im Anfang dieses Brief es war Ida bei dem Namen Martiniz hoch
errtet; denn sie begegnete dem Auge des Hofrats, der ber den Brief
weg zu ihr hinber sah; als die Stelle von den drei Millionen kam,
wurde die Freude schwcher; ein dreifacher Millionr war nicht fr
Idas bescheidene Wnsche; als aber die Hand der Grfin Aarstein nach
ihrem sanften, liebewarmen Herzen griff, da wich alles Blut von den
Wangen des zitternden Mdchens, sie senkte das Lockenkpfchen tief,
und eine Trne, die niemand sah als Gott und ihr alter Freund, stahl
sich aus den tiefsten Tiefen des gebrochenen Herzens in das
verdunkelte Auge und fiel auf den Teller herab.

Sie kannte diese Grfin Aarstein aus der Residenz her. Sie war die
natrliche Tochter des Frsten .....; von ihm mit ungeteilter
Vorliebe erzogen, mit einem ungeheuern Vermgen ausgestattet, lebte
sie in der Residenz wie eine Frstin. Sie war einmal einige Jahre
verheiratet gewesen; aber ihre allzu vielseitige Menschenliebe hatte
den Grafen Aarstein gentigt, seine Person von ihr scheiden und ihr
nur seinen Namen zurckzulassen. Seitdem lebte sie in der Residenz;
sie galt dort in der groen Welt als Dame, die ihr Leben zu genieen
wisse; wenn man aber nur eine Stufe niederer hinhorchte, so hrte man
von der Grfin, da sie dieses angenehme Leben auf Kosten ihres Rufes
fhre, zehn Liebeshndel, zwanzig Prozesse auf einmal, Schulden so
viel als Steine in ihrem Schmuck habe und eine Kokette sei, die sich
nicht entblde, mit dem Geringsten zu liebugeln, wenn seine Formen
ihr gefielen.

So war Grfin Aarstein. Ein unabweislicher Widerwille hatte schon in
der Residenz die reine jungfruliche Ida von dieser ppigen Buhlerin
zurckgeschreckt; so oft sie zu ihren glnzenden Soirees geladen war,
wurde sie krank, um nur diese frivolen Augen, diese bis zur Nacktheit
zur Schau gestellten Reize nicht zu sehen; und diese Frau, deren
Geschft ein ewiges Gurren und Lachen, Spotten und Persiflieren war,
sie sollte der ernste, unglckliche junge Mann mit dem rhrenden Zuge
von Wehmut, dem gefhlvollen, sprechenden Auge--

Berner hatte schweigend den Brief noch einmal berlesen und legte ihn
dann mit einem mitleidigen Blick auf Ida zurck. "Nun, was sagen Sie
zu dem sonderbaren Auftrag?" fragte der Prsident. "Wahr ist es, der
Martiniz ist nach dieser Beschreibung ein Goldfisch, den man nicht
hinauslassen darf, ja, ja,--man mu negoziieren, da er in unserem
Kreise bleibt. Da knnte er zum Beispiel Woldringen kaufen: um
zweimalhunderttausend Tlerchen ist Schlo, Gut, Wiesen, Feld, Flu,
See, Berg und Tal, alles, was man nur will, sein; und dieser Preis
ist ein Pappenstiel. So, so? Die Aarstein also? Nicht bel gekartet
von den Herren. Sie soll enorme Schulden haben, die am Ende doch der
Frst bernehmen mte; die bekommt der Herr Graf in den Kauf. Du
kennst die Aarstein, Ida? Sahst du sie oft?"

"Nie!" antwortete Ida unter den Lckchen hervor und sah noch immer
nicht vom Teller auf.

"Nie?" fragte der Prsident gereizt. "Ich will nicht hoffen, da die
gndige Grfin meine Tochter nicht in ihren Zirkeln sehen wollte; hat
sie dich nie eingeladen, wurdest du ihr nicht vorgestellt?"

"O ja," sagte Ida, "sie schickte wohl zwanzigmal, ich kam aber nie
dazu, hinzugehen."

"Was der T--! Ich htte geglaubt, du wrest ein vernnftiges,
gesittetes Mdchen geworden; wie kannst du solche Sottisen begehen
und die Einladungen einer Dame, die mit dem frstlichen Hause so nahe
liiert ist, refsieren?"

"Man hat mich deswegen bei Hof nicht weniger freundlich aufgenommen,"
antwortete Ida und hob das von Unmut gertete Gesichtchen empor; "man
hat sich vielleicht gedacht, da es der Ehre eines unbescholtenen
Mdchens wohl anstehe, so fern als mglich von der Frau Grfin zu
bleiben."

"So sieht es dort aus?" fragte der Prsident kopfschttelnd. "Nun,
nun! Heutzutage setzt man sich, wenn man ein wenig Welt hat, darber
weg. Ich mag dir hierber nichts sagen, ihr jungen Mdchen habt eure
eigenen Grundstze; nur wre es wegen der jetzigen Verhltnisse
besser gewesen, du httest sie fter gesehen; denn wenn sie sich hier
in der Gegend ankaufen, nach Freiling kommen sie doch auch alle Jahre
ein paar Mal. Wir machen das erste Haus hier, du sollst in Zukunft
die Dame des Hauses vorstellen; wie kannst du nun die Grf in
Martiniz empfangen, wenn du in der Residenz sie so ganz
negligiertest?"

"Nun, Grfin Martiniz ist sie ja noch nicht," meinte der Hofrat und
lchelte dabei so geheimnisvoll, da es sogar dem Prsidenten
auffiel.

"Nun, Er spricht ja so sicher ber diesen Punkt," sagte dieser, "als
kenne Er den Grafen Martiniz und seine Herzensangelegenheiten aus dem
Fundament."

"Seine Herzensangelegenheiten nun freilich nicht," lchelte Berner;
"aber den Grafen hatte ich die Ehre gestern kennen zu lernen--"

"Wie," unterbrach ihn der Prsident, "er ist schon hier? Und wir
schwatzen schon eine Stunde von ihm, und Sie sagen nichts--"

"Frulein Tochter ist nicht minder in der Schuld als ich," entgegnete
jener; "sie kennt ihn sogar genauer als ich."

"Ich glaube, Ihr seid von Sinnen, Berner, oder mein Laubenheimer hat
Euch erleuchtet. Du, Idchen, du kennst ihn?"

"Nein--ja--" antwortete Ida, noch hher errtend. "Ich habe mit ihm
getanzt, das ist alles."

"Er war also gestern auf dem Ball? Schon bei Jahren, natrlich, ein
ltlicher Mann? Schon in unserem Alter, Berner?"

"Nicht so ganz," sagte dieser mit Hohn, "er mag so seine drei- bis
vierundzwanzig Jhrchen haben. brigens knnen Exzellenz seine
Bekanntschaft recht wohl machen; er logiert drben im Mond."

Der Prsident war zufrieden mit diesen Nachrichten; er sann nach, wie
der junge Mann am besten zu halten sein mchte; denn er trieb alles
gerne nach dem Kanzleistil. Freund und Tochter, die er zu Rate zog,
rieten, ihn einzuladen und ihm so viel Ehre und Vergngen als mglich
zu geben. Der Hofrat nahm es ber sich, die Sache einzuleiten, und
der Prsident ging um ein Geschft leichter in sein Kollegium.

       *       *       *       *       *




OPERATIONSPLAN.

Als er weg war, sahen sich Ida und Berner eine Zeitlang an, ohne ein
Wort zu wechseln. Der Hofrat, dem das lange Schweigen peinlich wurde,
zwang sich, obgleich ihm die wehmtige Freundlichkeit in Idas
Gesicht, ihr trnenschwerer Blick bis tief ins Herz hinein wehe tat,
zum Lcheln. "Nun, wer htte es," sagte er, "wer htte es dem
leidenden Herrn von gestern nacht angesehen, da er drei Millinchen
habe? Wie dumm ich war, da ich glaubte, er weine in seinem Landau,
weil er keine Wechselchen mehr habe! Wer htte es dem trbseligen
Schmerzenreich angesehen, da er bald eine so glnzende, lustige
Partie machen wrde!"

Ida schwieg noch immer; es war, als scheute sie sich vor dem ersten
Wort, das sie vor dem Freund, der ihr Herz so tief durchschaut hatte,
auszusprechen habe.

"Oder wie?" fuhr er fort. "Wollen wir eine Allianz schlieen, mein
liebes Aprillen-Wetterchen, da die Grfin Aarstein ihre Schulden
nicht zahlen kann, da--"

"O Berner, verkennen Sie mich nicht," sagte Ida unter Trnen; "es ist
gewi nur das reine Mitleiden, was mich ntigt, auszusprechen, was
sonst nie gesprochen worden wre. Sehen Sie, dieses Weib ist die
Schande unseres Geschlechts! Sie ist so schlecht, da ein ehrliches
Mdchen errten mu, wenn es nur an ihre Gemeinheit denkt. Prfen Sie
den jungen Mann da drben, und wenn er ist, wie er aussieht, wenn er
edel ist und trotz seines Reichtums unglcklich, so machen Sie, da
er nicht noch unglcklicher wird; suchen Sie ihn aus den Schlingen,
die man um ihn legen wird, zu reien--"

"Das kann niemand besser als mein Idchen," entgegnete jener und sah
ihr recht scharf in das Auge; "wenn mich nicht alles trgt, hngt das
Goldfischchen an einem ganz anderen Haken als dem, womit ihn der
Minister kdern will; nur nicht gleich so rot werden, Kind! Ich will
alles tun, will ihm sein Leben angenehm machen, wenn ich kann, will
ihm die Augen auftun, da er sieht, wohin er mit der Aarstein kommt,
will machen, da er sich in unserer Gegend ankauft und seine drei
Millionen ins Land zieht, will machen, da er mein Mdchen da lie--"

"Still, um Gottes willen," unterbrach ihn die Kleine und prute ihm
das kleine, weiche Patschhndchen auf den Mund, da er nicht weiter
reden konnte. "Wer spricht denn davon? Einen Millionr mag ich gar
nicht; es wre ganz gegen meine Grundstze; nur die Schlange im
Residenzparadies soll ihn nicht haben; vom brigen kein Wort mehr,
unartiger Mann!--"

Verschmt, wie wenn der Hofrat durch die glnzenden Augen
hinabschauen knnte auf den spiegelklaren Grund ihrer Seele, wo die
Gedanken sich insgeheim drngten und trieben, sprang sie auf und an
den Flgel hin, bertnte die Schmeichelworte des Hofrats mit dem
rauschendsten Fortissimo, drckte sich die weichen Knie rot an dem
Saitendmpfer, den sie hinauftrieb, um die Tne so laut und schreiend
als mglich zu machen, um durch den Sturm, den sie auf den
Elfenbeintasten erregte, den Sturm, der in dem kleinen Herzchen
keinen Raum hatte, zu bertuben.

Verzweiflungsvoll ber den halloenden Schmetter dieses Furioso
enteilte der Hofrat dem Salon. Aber kaum hatte er die Tre
geschlossen, so stieg sie herab aus ihrem Tonwetter; die gellenden
Akkorde lsten sich auf in ein ses, flsterndes Dolce, sie ging
ber in die schne Melodie: "Freudvoll und leidvoll"; mit Meisterhand
fhrte sie dieses Thema in Variationen aus, die aus ihrem innersten
Leben herauf stiegen; durch alle Tne des weichsten Moll klagte sie
ihren einsamen Schmerz, bis sie fhlte, da diese Tne sie viel zu
weich machen, und ihr Spiel, ohne seine Dissonanzen aufzulsen,
schnell wie ihre Hoffnung endete.

       *       *       *       *       *




DIE MONDWIRTIN.

Im Goldenen Mond drben ging es hoch her. Drei Zimmer in der Beletage
vorn heraus hatte schon lange Zeit kein Fremder mehr gehabt. Die
Mondwirtin hatte daher alles aufgeboten, um diese Zimmer so anstndig
als mglich zu dekorieren; das mittlere hatte sie durch einen
eleganten Armoir zum Arbeits-, durch ein groes Sofa zum
Empfangzimmer eingerichtet. Das linke nannte sie Schlafkabinett, das
rechte, weil sie ihren ganzen Vorrat berflssiger Tassen und eine
bronzierte Maschine auf einen runden Tisch gesetzt hatte, das
Teezimmer. Auch an der _Table d'hte_, wo sonst nur einige
Individuen der Garnison, einige Forst- und Justizassessoren,
Kreissteuereinnehmer und dergleichen, selten aber Grafen saen, waren
bedeutende Vernderungen vorgegangen. Zum Dessert kam sogar das
feinere Porzellan mit gemalten Gegenden und die damaszierten
Straburger Messer, die sonst nur alle hohen Festtage aufgelegt
wurden.

Da ihr angesehener Gnner und spezieller Freund, der Hofrat Berner,
jetzt im Mond statt zu Haus essen wollte und augenscheinlich dem
Grafen zu Ehren, zog einen neuen Nimbus um die Stirne des letzteren
in den Augen der Frau Mondwirtin. Sie war ganz vernarrt in ihren
neuen Gast. Schon als er in dem herrlichen Landau mit den vier
Postpferden, den aus Leibeskrften blasenden Schwager darauf,
vorfuhr, als der reichbordierte Bediente dem jungen Mann heraushalf,
sagte sie gleich zu ihrem Ehezrter: "Gib acht, das ist was
Vornehmes."

Als sie aber dem Brktzwisl,--so nannte sich der gute alte Diener,--
die Kommoden in den drei Zimmern ffnete, ihm die Kleider und Wsche
seines Herrn aus den Koffern nehmen, sortieren und ordnen half, da
schlug sie vor Seligkeit und Staunen die Hnde zusammen. Sie hatte
doch von ihrer Mutter gewi recht feine, sanfte Leinwand zum
Brauthemdchen bekommen; aber das war grober Zwillich gegen diese
Hemden, diese Tcher--nein, so etwas Extrafeines, Schneeweies
konnte es auf der Erde nicht mehr geben wie dieses.

Es ist kein bles Zeichen unserer Zeit, wo der Edelmann seinen Degen
abgelegt hat und Grafen und Barone im nmlichen Gewand wie der
Brgerliche erscheinen, da die Frauen dem Fremden, der zu ihnen
kommt, nach dem Herzen sehen, das heit nach seiner Wsche. Ist sie
grob, unordentlich oder gar schmutzig, so zeigt sie, da der Herr aus
einem Hause sein msse, wo man entweder seine Erziehung sehr
vernachlssigte, oder selbst _malpropre_ und unordentlich war.
Wo aber der bluliche oder milchweie Glanz des Halstuches, die
feinen Fltchen der Busenkrause und des Hemdes ins Auge fallen, da
findet gewi der Gast Gnade vor den Augen der Hausfrau, weil sie
immer dieses Zeichen guter Sitte ordnet und aufrecht erhlt.

Auch die Freilinger Mondwirtin hatte diesen wahren Schnheitssinn,
diese angeborene Vorliebe fr schnes Linnenzeug in ihrer oft
schmutzigen Wirtschaft noch nicht verloren; daher der ungemeine
Respekt vor dem Gast, als sein Diener ihr die feinen Hemden
dutzendweis, bald mit gelockten, bald mit gefltelten Busenstreifen,
bald mit, bald ohne Manschetten aus den geffneten Koffern
hinberreichte. Und als er vollends an die Unzahl von Hals- und
Sacktchern kam, wovon sie jedes zum hchsten Staat in die Kirche
angezogen htte, da vergingen ihr beinahe die Sinne. "Ach, wie
frstlich ist der Herr ausgestattet! Das hat gewi die gndige Frau
Mama ihm mitgegeben?"

"Der tut schon lange kein Zahn mehr weh," gab Brktzwisl zur Antwort.

"Ist sie tot, die brave Frau, die so schne Linnen machte?" sagte die
mitleidige Mondwirtin. "Aber die gndigen Frulein Schwestern haben--"

"Hat keine mehr. Vor einem Jahre starb die Grfin Crescenz."

"Auch keine Schwester mehr? Der arme Herr! Aber auf solche exquisite
Prachtwsche verfllt kein junger Herr von selbst. Ich kann mir
denken, der gndige Herr Papa Exzellenz--"

"Ist schon lange verstorben," entgegnete das alte Totenregister mit
einem Ton, vor welchem der Wirtin die Haut schauderte.

"Der arme junge Herr!" rief sie, "was hat er jetzt von seinem schnen
Linnenzeug, wenn er nach Haus kommt und trifft keine Mutter mehr, die
ihn lobt, da er alles so ordentlich gehalten, und keine Frulein
Schwester, die ihm das Schadhafte flickt und ordnet. Jetzt kann ich
mir denken, warum der gndige Herr immer so schwarz angezogen ist und
so bleich aussieht,--Vater tot, Mutter tot, Schwester tot, es ist
recht zum Erbarmen."

"Ja, wenn's das allein wre!" seufzte der alte Diener und wischte
sich das Wasser aus dem Auge. Doch, als htte er schon zu viel
gesagt, zog er murrend den zweiten Koffer, der die Kleider enthielt,
heran und schlo auf. Die Wirtin htte fr ihr Leben gerne gewut,
was sonst noch fr Unglck den bleichen Herrn verfolge, da der
Verlust aller Verwandten klein dagegen aussehe. Aber sie wagte nicht,
den alten Brktzwisl, dessen Name ihr schon gehrig imponierte,
darber zu befragen; auch schlo der Anblick, der sich jetzt darbot,
ihr den Mund.

Die schwarze Kleidung hatte ihr an dem ernsten, stillen Gast nicht so
recht gefallen wollen; sie hatte sich immer gedacht, ein buntes Tuch,
ein hbsches helles Kleid mten ihn von selbst freundlicher machen.
Aber da blinkte ihr eine Uniform entgegen--nein! Sie hatte geglaubt,
doch auch Geschmack und Urteil in diesen Sachen zu haben. Sie hatte
in frherer Zeit, als sie noch bei ihrer Mutter war, die Franzosen im
Quartier gehabt, schne Leute, hbsch und geschmackvoll gekleidet;
spter, als sie schon auf den Mond geheiratet hatte, waren die Russen
und Preuen dagewesen, groe stattliche Mnner wie aus Gueisen.
Freilich hatten sie nicht die lebhaften Manieren wie die frheren
Gste; aber die knappsitzenden Spenzer und Kutkas waren denn doch
auch nicht zu verachten. Aber vor der himmlischen Pracht dieser
Uniform verblichen sie samt und sonders zu abgetragenen Landwehr- und
Brgermilizkamislern. Sie hob den Uniformsfrack vom Sessel auf,
wohin ihn Brktzwisl gelegt hatte, und hielt ihn gegen das Licht;
nein, es war nicht mglich, etwas Schneres, Feineres zu sehen als
dieses Tuch, das wie Samt glnzte, das brennende Rot an den
Aufschlgen, die herrliche Posamentierarbeit an der Stickerei und den
Achselschnren.

"Das ist die polnische Garde bei uns zu Haus in Warschau," belehrte
sie der alte Diener, dem dieser Anblick selbst das Herz zu erfreuen
schien. "Mchte man da nicht gleich selbst in die mit Seide
geftterten rmel fahren und das spannende Jckchen zuknpfen? Und,
wei Gott! So wie mein Herr gewachsen, war keiner unter allen! Der
Schneider wollte sich selbst nicht glauben, da die Taille so fein
und schmal sei, gab noch einen Finger zu und brachte unter Zittern
und Zagen, es mchte zu eng sitzen, sein Kunstwerk; aber Gott wei,
wie es zugeht, sie war zwar ber seine breite Heldenbrust gerade
recht, aber hier in den Weichen viel zu weit, und dabei ist an kein
Schnren zu denken, mein Herr verachtet diese Kunststcke. Der
Schneider machte einen Sprung in die Hhe vor Verwunderung; er konnte
es rein nicht begreifen. Die andern Herren beim Regiment lieen sich
Korsette machen mit Fischbein, schnrten sich zusammen, da man htte
glauben sollen, der Herzbndel wolle ihnen zerspringen, und dennoch
rissen die Knpfe alle drei Tage, wenn sie nur ein wenig mehr als zu
viel gegessen hatten--mein Herr war immer der Fixeste, gedrechselt
wie eine Puppe, und alles ohne ein Lot Fischbein, so wahr ich lebe!"

"Es ist unbegreiflich, was es fr herrliche Leute unter den Militrs
gibt," unterbrach ihn die Wirtin, andchtig staunend.

"Und dann, Madame, lassen Sie ihn erst noch die Galabeinkleider da
anlegen, den Federhut aufsetzen, seine goldenen Sporen mit den
silbernen Rdchen an den feinen Abstzchen,--denn Fchen hat er
trotz einer Dame,--lassen Sie mich ihm den St. Wladimir in Diamanten
auf die Brust hngen, den Ehrensbel, den sein Herr Vater vom Kaiser
bekommen und den er aus hoher Gnade als Andenken tragen darf, um den
Leib schnallen--Frauchen, wenn ich ein Mdchen wre, ich flge ihm an
den Hals und kte ihm die schwarzen Locken aus der schnen Stirne.
Und dabei war er so frhlich, die Wangen so rot, das Auge so freudig
blitzend, und alles hie ihn nur den schnen, lustigen Martiniz. Das
alles ist jetzt vorbei," setzte der treue Brktzwisl seufzend hinzu,
indem er die Staatsuniform der Wirtin abnahm und in die Kommode
legte, "da liegt das schne Kleid, nach dem Zehntausend die Finger
leckten; so liegt es seit drei Vierteljahren, und wie lange wird es
noch so liegen!"

"Aber sagen Sie doch, lieber Herr Wiesel,--Sein Vorderteil kann ich
nicht aussprechen,--sagen Sie doch, warum dies alles? Warum sieht
Sein Herr so bleich und traurig? Warum kleidet er sich wie ein junger
Kandidat, da er unsere ganze Garnison in den Boden glnzen knnte?
Warum denn?"

Der Alte sah sie mit einem grimmigen Blick an, als wollte er ber
diesen Punkt nicht gefragt sein. Aber die junge, reinliche,
appetitliche Wirtin mochte doch dem tauben Mann zu zart fr eine
derbe Antwort vorkommen. "Bassa manelka!" sagte er unfreundlich.
"Warum? Weil--ja, sehen Sie, Madame, weil, weil wir, richtig--weil
wir als Zivil reisen," und nach diesem war auch kein Sterbenswrtchen
mehr aus ihm herauszubringen.

       *       *       *       *       *




DER POLNISCHE GARDIST.

Dies alles hatte die Wirtin dem Hofrat erzhlt, der sich in dem
schnen Speisesaal wohl eine Stunde frher als die brigen Gste zur
Abendtafel eingefunden hatte, um so allerlei Nachrichten, die ihm
dienen konnten, einzuziehen. Er hatte sie ganz aussprechen lassen und
nur hie und da seinen Graukopf ein wenig geschttelt; als sie zu Ende
war, dankte er fr die Nachrichten. "Und ihn selbst, Ihren
wunderlichen Gast, haben Sie noch nicht gesprochen oder beobachtet?
Ich kenne Ihren Scharfblick; Sie wissen nach der ersten Stunde
gleich, was an diesem oder jenem ist, und auch ber Leben und Treiben
fangen Sie hie und da ein Wrtchen weg, aus dem sich viel schlieen
lt."

Die Geschmeichelte lchelte und sprach: "Es ist wahr, ich betrachte
meine Gste gern, und wenn man so seine acht oder zehn Jhrchen auf
einer Wirtschaft ist, kennt man die Leute bald von auen und innen.
Aber aus dem da droben in der Beletage werde ein anderer klug. Mein
Mann, der sich sonst auch nicht bel auf Gesichter versteht, sagt:
'Wenn es nicht ein Polack wre, so mute er mir ein Englnder sein,
der den Spleen hat.' Aber nein, wir hatten auch schon Englnder, die
den Spleen faustdick hatten, tage-, wochenlang bei uns; aber die
seien griesgrmig, unzufrieden in die Welt hinein; aber die Frauen,
nehmen Sie nicht bel, Herr Hofrat, haben darin einen feinern Takt
als mancher Professor. Der Graf sieht nicht spleenigt und griesgrmig
aus, nein, da wette ich, der hat wirkliches Unglck; denn die Wehmut
schaut ihm ja aus seinen schwarzen Guckfenstern ganz deutlich heraus.
Denke ich den Nachmittag, du gehst einmal hinauf und sprichst mit
ihm, vielleicht, da man da etwas mehr erfhrt als von dem alten
Burrewisl. Im Teezimmer sitzt mein stiller Graf am Fenster, die
Stirne in die hohle Hand gelegt, da ich meine, er schlft oder hat
Kopfweh. Drben spielte gerade die Frulein Ida auf dem Flgel so
wunderschn und rhrend, da es eine Freude war. Dem Grafen mute es
aber nicht so vorkommen; denn die hellen Perlen standen ihm in dem
dunklen Auge, als er sich nach mir umsah."

"Wann war denn dies?" fragte der Hofrat.

"So gegen vier Uhr ungefhr; wie ich nun so vor ihm stehe und er mich
mit seinem sinnenden Auge ma, da mu ich feuerrot geworden sein;
denn da fiel mir ein, da doch nicht so leicht mit vornehmen Leuten
umzugehen sei, wie man sich sonst wohl einbildet; er ist auch nicht
so ein Herr Obenhinaus und Nirgendan wie unsere jungen Herren, mit
denen man kurzen Proze macht; nein, er sah gar zu vornehm aus. 'Ich
wollte nur geflligst fragen, ob Ew. Exzellenz mit Ihrem Logis
zufrieden seien?' hub ich an.

"Er stand auf, fragte mich, ob ich Madame wre, holte mir,--denken
Sie sich, so artig, als wre ich eine polnische Prinze,--einen Stuhl
und lud mich zum Sitzen ein. Es ist erstaunend, was der Herr
freundlich sein kann; aber man sieht ihm doch an, da es nicht so
recht von Herzen gehen will.

"An dem Logis hatte er gar nichts auszusetzen, und auch die Strae
gefiel ihm. Das Gesprch kam auf die Nachbarschaft und auch auf
Prsidents Haus; ich erzhlte ihm von dem wunderschnen Frulein, die
erst aus der Pension gekommen, und wie sie so gut und liebenswrdig
sei, von dem alten Herrn drben, und da die gndige Frau schon lange
tot sei, und ich hatte mich so ins Erzhlen vertieft, da ich gar
nicht merkte, wo die Zeit hinging, und statt ihn auszufragen, hatte
ich die Gelegenheit so dumm verplaudert!"

"Schade! Jammerschade!" lachte Berner ber die sprachselige Wirtin.

"Und wie gut der Herr ist! Denken Sie sich nur, hinten im Garten, wo
es nun freilich zu jetziger Jahreszeit nicht mehr schn ist, sitzt
mein Luischen,--das Dingelchen ist jetzt acht Jahre und schon recht
vernnftig,--sitzt es im Garten und wei nicht, da ein so vornehmer
Herr hinter ihm steht. Ich war in der Kche und sah alles mit an;
mein Luischen kann allerhand schnackische Lieder, auch ein
schwbisches, ich wei nicht, wer sie es gelehrt hat; wie nun der
Graf hinter ihr steht, fngt der Unband an zu singen:

  "''n bissel schwarz und 'n bissel wei,
    'n bissel polnisch und 'n bissel deutsch,
    'n bissel wei und 'n bissel schwarz,
    'n bissel falsch ist mei Schatz!'

"Ich glaube, ich mu vor Scham in den Wurstkessel springen, da mein
Kind so ungebildetes Zeug singt; was mute nur der Graf von meiner
Erziehung denken! Ihm aber scho das helle, klare Schmerzenswasser in
die Augen; er bog sich nieder, nahm das Dingelchen auf den Arm,
herzte und kte es; da mir brhsiedhei wurde, und fragte, wo sie
das Liedchen her habe.

"Das Kind wei vor Schrecken gar nicht zu antworten; mein Herr Graf
aber langt in die Tasche, kriegt einen blanken Taler heraus und
verspricht, wenn es das Verschen noch einmal deutlich sage und
zweimal singe, so bekomme es den Taler. Ich htte ihm befehlen mgen,
wie ich htte mgen, es htte nicht gesungen. Der Taler aber tat
seine Wirkung; sie sagte ihr Sprchlein ganz mir nichts dir nichts
auf und sang nachher das 'bissel polnisch und 'n bissel deutsch', wie
wenn es so sein mte. Den Taler bekam es richtig; er liegt in der
Sparbchse, in ein Papier geschlagen, und darauf steht deutlich, da
sie es in zwlf Jahren noch lesen und einmal ihren Kindern noch
zeigen kann: _Den 12. November 1825 bekommen vom polnischen
Gardeoffizier, Grafen von Martiniz._"

       *       *       *       *       *




DER HOFRAT AUF DER LAUER.

Die Gste waren nach und nach alle zur Abendtafel herbeigekommen.
Madame trennte sich von dem Hofrat mit dem Versprechen, ihm nchstens
wieder zu erzhlen. Der Hofrat sann nach ber das, was er gehrt; die
Szenen und Winke, die ihm Madame Plappertasche vorgesetzt hatte,
gingen ihm wie ein Mhlenrad im Kopfe herum; sinnend kam er an seinen
Platz und setzte sich nieder. "Vater tot, Mutter tot, Schwestern tot,
und dennoch hatte der alte Diener gesagt: 'Ja, wenn es dies
_allein_ wre!', Was konnte ihm denn sonst noch gestorben sein?
Etwa eine Gel--Nein! Geliebt konnte er nicht haben; denn wie knnte
er nach drei Vierteljahren,--so lange hatte der Diener gesagt, sei er
traurig,--wie knnte er nach so kurzer Frist schon wieder um eine
Grfin Aarstein auf die Freite gehen? Unmglich!--Htte, wenn jenes
doch der Fall wre, htte Ida auf ihn einen solchen Eindruck--"

Ja, was wollte er eigentlich, der gute Hofrat? Ida hatte bestimmt auf
ihn einen groen Eindruck gemacht, das war auf dem Ball ganz und gar
sichtbar; denn er schaute ja nur nach ihr und immer wieder nach ihr,
und sein ernstes Gesicht, wie klrte es sich auf, als sie ihn im
Kotillon holte! Heute frh, hatte er nicht einen Feuerblick gegen sie
heraufgeworfen, als htte er eine Congrevesche Batterie hinter den
Wimpern aufgefahren? War es ihm selbst nicht, als sollte die
Schokolade in seiner Hand, von diesen Brennspiegeln getroffen,
anfangen zu sieden?

Heute abend, wer hatte denn da hinter den roten Gardinen auf des
Mdchens gefhlvolles Spiel gelauscht als er? Wer war so gerhrt
davon, da ihm die hellen Trnen hervorperlten, als der gute Graf
Martiniz? Und Idchen--nun, die war ja rein weg in den Mondgast
verschossen. "Die Aktien stehen gut!" lachte der Hofrat in sich
hinein und rieb sich unter dem Tisch die Hnde; "bin neugierig, ob
diesmal der alte vergessene Hofrat nicht weiter kommt mit seinem
guten, ehrlichen Hausverstand als der Herr Minister-Staatssekretr
Superklug und bergescheit in der Residenz mit seinen diplomatischen,
extrafeinen Kniffen; mir mu das Goldfischchen in das Netz, mir mu--"

"Wenn ich nicht irre, mein Herr, so hatte ich gestern schon das
Vergngen--" tnte dem alten Trumer, der ber seinen staatsklugen
Plnen die Tafel, Nachbarschaft und alles vergessen hatte und jetzt
erschrocken auffuhr und sich umsah, ins Ohr--es war Martiniz, der
sich unbemerkt neben ihn gesetzt hatte. Er htte vor Schrecken in den
Boden sinken mgen; denn sein erster Gedanke war, dieser msse seine
Gedanken erraten haben, besonders da er sich nicht mehr deutlich
erinnern konnte, ob er nicht etwa, was ihm oft passierte, laut mit
sich selbst gesprochen habe.

Die Nhe des Fremden bte eine beinahe magische Gewalt auf den Hofrat
aus, die sinnende, kluge Miene, das neben seinem schwrmerischen
Glanz Verstand und Nachdenken verratende Auge imponierte ihm, jedoch
auf eine Weise, die ihm nicht unangenehm war; es war ihm, als msse
er sich vor dem jungen Manne recht zusammennehmen, um nirgends eine
Ble zu geben oder einen seiner Plne zu verraten. Die gewhnlichen
Fragen, wie sich der Gast hier gefalle, Komplimente ber seine
Reitfertigkeit, mit welcher er heute frh einem Kinde das Leben
gerettet, und dergleichen, waren bald abgemacht, ohne da er ber des
Fremden Gesinnungen nhern Aufschlu bekommen htte. Es kam an die
Gegend des Freilinger Kreises, es wurde gelobt, gepriesen, einzelne
Gter, die durch Lage und Ertrag sich auszeichneten, nher
beschrieben; aber auch hier ging der Gast nicht ein; er verlor kein
Wrtchen, als wolle er sich nur um einen Taler Land mieten oder
kaufen.

Der Hofrat haute sich jetzt einen neuen Weg ins Holz, er lobte die
Residenz, das angenehme Leben dort, die Schnen der Stadt und des
Hofes; jetzt mute er etwas sagen, es mute sich zeigen, ob er die
Aarstein--Der Gast sprach von der Residenz, von den schnen Anstalten
dort, von der Militrverfassung, schien namentlich ber die
Kavallerie sich gerne genauere Aufschlsse geben zu lassen, aber
kein Wrtchen ber die Damen. Endlich, der Hofrat hatte gerade
eine trefflich bereitete _Ortolane  la Provenale_, seine
Leibspeise, am Mund und einen tchtigen Bi hineingetan, da wandte
sich Martiniz zu ihm herber und fragte, ob er nicht in der Residenz
die schne Ar--- schnell wie der Wind fuhr Berner mit seiner Ortolane
auf den Teller, wischte den Mund ab und war ganz Ohr; denn jetzt
mute ja die Grfin aufs Tapet kommen--"ob er nicht die schne
Armenanstalt kenne, die er in solcher Vollkommenheit nirgends gesehen
habe."

Dem Hofrat war es auf einmal wieder froh und leicht um das Herz; denn
solange er ja ber das Verhltnis des Polen zur Grfin Aarstein
nichts Gewisses wute, durfte er immer der Hoffnung Raum geben. Als
die Abendtafel zu Ende war, rief Martiniz nach Punsch und lud seinen
Nachbar ein, mit ihm noch ein Stndchen zu trinken. Berner sagte zu
und hat es nie bereut; denn hatte ihm der interessante junge Mann
zuvor durch seine uere Persnlichkeit imponiert, so gewann er jetzt
ordentlich Respekt vor ihm, da jener, wie es schien, von dem Punsch,
dem die Mondwirtin eine eigene geheimnisvolle Wrze zu geben
verstand, aufgetaut, eine so glnzende Unterhaltungsgabe entwickelte,
wie sie dem Hofrat, obgleich er in seinem Leben vieles gesehen und
gehrt hatte, selten vorgekommen war. Wie freudig war aber sein
Erstaunen, als er nach einer Viertelstunde schon bemerkte, da er und
sein Nachbar die Rollen getauscht zu haben schienen. Der kluge Alte
bemerkte nmlich bald, da der Graf auf allerlei Umwegen sich immer
nur einem Ziele, nmlich Ida, nhere. Er konnte dieses Flankieren dem
Ulanenoffizier gar leicht verzeihen; hatte er doch nicht den Dienst
der schweren Kavallerie gelernt, die, wenn "Marsch, Marsch" geblasen
wird, im Karriere gradaus sprengt, das feindliche Viereck durch ihre
eigene Wucht und Schwere im Chok zu zerdrcken. Der Ulan umschwrmt
seinen Feind, sticht nach ihm, wo er eine Ble entdeckt, und sucht
auf geflgeltem Ro das Weite, wenn der Feind sich zu einer Salve
sammelt. So der Garde-Ulan Martiniz. Aber der tapfere Pole mochte
sich tummeln, wie er wollte, seine Angriffe so versteckt machen, als
er wollte, sein Gegner durchschaute ihn; auf Idchen ging es los, und
dem alten Mann pochte das Herz vor Freude, als er es merkte: auf
Idchen ging es los, sie wollte der Pole rekognoszieren.

Er glaubte den Hofrat drben am Fenster gesehen, auch gestern auf dem
Ball ein engeres Verhltnis bemerkt zu haben; er pries des Mdchens
kniglichen Anstand, der sie vor den brigen Freilinger Damen so hoch
erhebe; er lobte die Zurckhaltung, mit welcher sie die ungestmen
Herren zurckgewiesen habe, pries ihr Spiel und ihren Gesang, womit
sie unbewut sein einsames Zimmer erheitert habe--eine schne Rte
war durch das warmgewordene Gesprch auf den Wangen des jungen Mannes
aufgegangen, jener Zug von Unglck und Wehmut, der sich sonst um
seinen schnen Mund gelagert hatte, war gewichen und hatte einem
feinen, holden Lcheln Platz gemacht, das Auge strahlte von freudigem
Feuer; er ergriff das Glas, als er ausgesprochen hatte, und zog es
bis zum letzten Tropfen so andchtig aus, als htte er in seinem
Herzen einen Toast dazu gesprochen.

       *       *       *       *       *




DER SELIGE GRAF.

"Herzensjunge! liebstes, bestes Grfchen! Shnchen! Goldpolckchen!"
alle Schmeichelnamen htte der Hofrat ausschreien, den trefflichen
Redner an sein Herz reien und mit vterlichen Kssen bedecken mgen
--aber das 'ging nicht; ein Diplomat vom Fach--und das war er ja bei
seinen jetzigen Negoziationen durch und durch--durfte seine Freude
ber eine glckliche Entdeckung, ber einen unverhofften, kstlichen
Fund nicht laut werden lassen; er schluckte alle jene Ausbrche des
Vergngens wieder hinunter, fate den Grafen nur mit einem recht
zrtlichen, seligen Blick und besttigte weitlufig sein treffendes
Urteil. Er beschrieb ihm das Mdchen, wie er es, seit es den ersten
Schrei in die Welt getan, kenne, wie es frher ein lustiger,
frhlicher Zeisig war, wie es jetzt zur ernsten Jungfrau
herangewachsen sei; ihre Anmut, ihre Geschicklichkeit in Sprachen und
allen Dingen, die ein Mdchen zieren, als da sind: Stricken, Nhen,
Schneidern, Sticken, Kochen, Frchteeinmachen, Backen, Blumenmachen,
Zeichnen, Malen, Tanzen, Reiten, Klavier- und Gitarrespielen; wie es
in der Residenz trotz der hohen Stellung, die es in der Gesellschaft
eingenommen, doch immer seinem Sinn fr reine Weiblichkeit gefolgt
sei, wie es seinen reinen, keuschen, kindlichen Sinn auf dem Boden,
wo schon so manches gute Kind ausgeglitscht sei, bewahrt habe.

"Es ist mir unbegreiflich," setzte er, von dem Eifer, der ihn
beseelte, fortgerissen, hinzu, "rein unbegreiflich, wie dieses, fr
alles Schne und Gute glhende Herz sich in der Residenz so vor aller
Liebe bewahrt hat. Unsere jungen Herren schreien gewhnlich bei
solchen Mdchen ber Eisklte und Phlegma; aber Gott wei,
_diesem_ Mdchen kann man dieses nicht nachsagen. Aber unsere
jungen Herren sind meistens selbst daran schuld. Kraft- und marklos
schlendern sie einher auf den Bllen, stehen sie scharweise zusammen,
gucken durch Glser von Nr. 4 und 5, die fr Blinde scharf genug
geschliffen wren, nach den Reizen der Ballschnen, lassen ganze
Reihen sitzen und tanzen nicht, und geben sie sich auch einmal zu
einem Walzerchen und Kotillnchen her, so meint man, sie wollen den
letzten Atem ausschnaufen, so wogt es in den ausgedrrten
Herzkammern. Kann solche Lumperei einem jungen, schnen, in der Flle
der Kraft strotzenden Mdchen, das zwei solcher Flederwische an die
Wand schleuderte, gefallen? Kann man es einem folgen Engelskind, das
sich so gut wie jede andere abends im Bettchen mit verschlossenen
Augen und verstohlenem Lcheln sein Ideal vormalt und vortrumt, kann
man es ihr verargen, wenn sie solche Vogelscheuchen gering achtet und
kalt abweist?

"Ein solches Mdchen soll dann kalt sein wie Eis, soll kein Feuer im
Leib haben! Habe ich doch ber mein Goldmdchen gestern abend solche
Urteile hren mssen; geschossen htte ich mich um sie, wre ich nur
dreiig Jahre jnger gewesen. Sie htte kein Feuer? Habe ich nicht
gesehen, wie sie heute frh, als Sie, Herr Graf, das Kind retteten,
das Fenster aufri und beinahe hinaussprang aus purem Mitgefhl! Und
dies es Mdchen htte kein Feu--"

"Das hat sie getan?" fragte der glckliche Martiniz, bis an die Stirn
errtend. "Sie hat das Fenster ein wenig geffnet und herausgesehen?"

"Was ffnen und heraussehen! Dazu braucht man zwei Minuten; aber
aufgerissen hat sie das Fenster, da sie mir den Schokoladebecher
beinahe aus der Hand schlug, sie war in zwei Sekunden fertig! Sehen
Sie, so ist das Mdchen; Feuer und Leben, wo es etwas Schnes,
wahrhaft Freudiges, Erhabenes gilt, schwrmerisch empfindsam, wenn
sie wahre Leiden der Seele sieht aber kalt und abgemessen, wenn die
leere, schale Alltglichkeit sich ihr aufdrngen will."

Mit einem Feuerblick an die Decke, die Rechte auf das lautpochende
Herz gelegt, trank Graf Martiniz wieder einen stillen Toast, der
nirgends widerklang, als in seinem tiefen Herzen; aber dort traf er
so viele Anklnge, da dieses wehmtige, traurige Herz, das solange
nichts kannte--als die Wehmut und den Kummer heimlicher Trnen, im
stillen, aber vollen Jubel aufschwoll und sich stolz wie vor Zeiten
unter dem Ordensband hob, das es von auen zierte.

Er sagte dem Hofrat, da er, wenn es mglich wre, whrend seines
hiesigen Aufenthalts gerne von einem Empfehlungsschreiben an den
wrdigen Herrn Prsidenten Gebrauch machte, das er heute durch den
Gesandten seines Herrn von dem Minister-Staatssekretr bekommen habe.
Der Hofrat versprach freudig, ihn dort einzufhren und seine Abende
im Umgange mit diesem trefflichen Menschen erheitern zu helfen. Bei
sich lachte er aber ber den Staatssekretr, der seine Sachen so
geschickt einzufdeln wisse; der Graf soll dem Lande bleiben mit
seinen drei Millinchen, aber die Grfin soll ihn nicht bekommen,
dafr steht der Hofrat Berner. Auch trank er jetzt im stillen ein
Toastchen und lie mit einem freundlichen, wohlwollenden Seitenblick
die knftige Frau Grfin leben. Vivat hoch! scholl es in allen
Winkeln. seines alten treuen Herzens, hoch und abermal h--

Da brummte in dumpfen Tnen die Glocke vom Mnsterturme elf Uhr. Mit
wehmtigem Blick sprang Martiniz auf, stammelte gegen den
erschrockenen Hofrat eine Entschuldigung hervor, da er noch einen
Besuch machen msse, und ging. Berner konnte sich wohl denken, wohin
der unglckliche Junge ging. Mitleidig sah er ihm nach und lehnte
sich dann in seinen Stuhl zurck, um ber das, was diesen Abend
besprochen worden war, nachzudenken; der Graf hatte einen tiefen
Eindruck auf ihn gemacht; es hatte ihm nicht leicht ein junger Mann
so wohl gefallen wie dieser; so viel Grazie und Feinheit des Umgangs,
so viele Bildung und Kenntnisse, so viel anspruchslose Bescheidenheit
bei drei Millionen Talern; so hohe mnnliche Schnheit und doch nicht
jenes eitle, gefallschtige Sichzeigenwollen, das schnen jungen
Mnnern oft eigen ist--nein, es ist ein seltener Mensch und gewi
beinahe so viel wert als mein Idchen, dachte er; wenn die beiden erst
einmal ein Paar--Die Mondwirtin unterbrach ihn; mit zornglhendem
Gesichte setzte sie sich hastig auf den Sessel, den Martiniz soeben
verlassen hatte. "Nein, da traue einer den Mnnern!" wtete sie,
"htte ich doch mein Leben eingesetzt fr diesen Herrn Grafen, htte
geglaubt, er wre ein unschuldiges, reines Blut und kein so Bruder
Liederlich, die an jede Schrze tappen--"

"Nun, was ist denn geschehen?" unterbrach sie der aus allen Himmeln
gefallene Hofrat. "Was haben Sie denn, das Sie so aufbringt,
Frauchen?"

"Was ich habe? Mchte da einem nicht die Galle berlaufen? So ein
schner, reicher Herr, wo es sich manche Dame zur Ehre rechnen wrde,
in nhere Bekanntschaft--geht auf nchtlichen, liederlichen Wegen,
glaubt, es sei hier in Freilingen auch so eine grostdtische
Nachtpromenade; tief in seinen Mantel gehllt, ist er zum Torweg
hinausgewischt mit dem alten Kuppler, dem Brktzwisl. Will haben, man
solle das Haus offen lassen bis ein Uhr! Aber die Tre schlage ich
ihm vor der Nase zu; ich brauche keinen solchen Herrn im Hause, der
bei Nacht und Nebel nicht wei, wo er steckt."

"Habe ich doch Wunder geglaubt, was es gibt," sagte der Hofrat,
wieder freier atmend; "da drfen Sie ruhig sein. Der geht nicht auf
schlimmem Wege; er macht noch einen durchaus ehrbaren Besuch; ich
wei wo, darf es aber nicht sagen."

Die Wirtin sah ihn zweifelhaft an. "Ist es aber auch so?" sprach sie
freundlicher. "Ist es auch so, und machen Sie mir keine Flausen vor?
Doch Ihnen glaube ich alles aufs Wort, und ich rgere mich nur, da
ich gleich so Schlimmes dachte, aber die Welt liegt jetzt im argen,
unsern jungen Herren ist nicht mehr ber die Strae zu trauen. Sagen
Sie ihm aber um Gottes willen nichts! Ich glaube, er knnte mich mit
einem einzigen Blick verbrennen; es war ja lauter christliche Liebe
zu meinem Nebenmenschen."

Der Hofrat lchelte fein, indem er ihr die Hand zum Versprechen und
zugleich zum Abschied bot, er jagte ihr alle Rte auf die hbschen
Wangen, sie wute nicht, wo sie hinsehen, ob sie lachen oder zrnen
solle; denn schon im Fortgehen begriffen, wisperte er ihr ins Ohr:
"Es war all nichts als lauter christliche, nebenmenschliche--
Eifersucht!"

       *       *       *       *       *




GUTE NACHRICHT.

Man htte glauben sollen, das Haus des Prsidenten sei ein groer
Vogelbauer geworden, in welchem Nachtigallen, Kanarienvgel, Strchen
und alle Gattungen gefiederter Bewohner wren. Es hpfte etwas Treppe
auf, Treppe ab; ein ses Stimmchen hrte man bald in gehaltenen,
wehmtigen Tnen singen, bald in frhlichen, scherzenden Rouladen
jauchzen und jodeln wie die Kanarienhhnchen, bald zwitschern und
plaudern wie Strchen; aber Hhnchen, Nachtigallen und Strchen, sie
alle waren in _einer_ Person, Idchen, das vor Freude, vor
Sehnsucht, vor Langeweile und Geschftigkeit Treppe auf- und abflog,
mit allen Menschen anband, alle auslachte, alle begrte und neckte,
allen zugleich befahl und schalt.

Graf Martiniz hatte dem Vater eine Karte und den Empfehlungsbrief des
Staatssekretrs geschickt; der alte Herr war mit beidem zu ihr
gekommen und hatte sie frmlich um Rat gefragt, was nun zu beginnen
sei: nach seiner Ansicht,--wenigstens war es vor zwanzig Jahren noch
so,--mute man den Fremden zum Mittagessen bitten, zwei Tage nachher
zum Tee, nach zwei Tagen wieder zum Nachtessen, und vor seiner
Abreise mute ihm ein kleiner Hausball gegeben werden.

Das selige Mdchen drckte die Augen zu und bi die
_Purpurlippen_ zusammen, um ihre Freude nicht zu verraten; nach
ihrer Ansicht--und das war endlich doch die vernnftigste--sollte man
ihn auf Mittag zu einer Suppe laden, nachmittags setzte er sich dann
zu ihr ans Klavier, abends trank er mit ihr Tee, und dann konnte ja
ein kleiner Hausball mit einem Souper den seligsten Tag ihres Lebens
schlieen; doch nein; sie nahm sich zusammen und erklrte ihm, wie
sie das in der Residenz ganz anders gelernt habe.

"Es wrde dem guten Grafen ein wenig kleinstdtisch vorkommen,
wollten wir ihn gleich von vornherein zum Mittagessen einladen. Wir
mssen einen Bedienten hinberschicken und ihm sagen lassen, da wir
ihn zur Teestunde erwarten, da wird er dann nicht fehlen; wir bitten
Direktors Pauline und Frulein Sorben, den Hofrat, meinetwegen einen
oder den andern Ihrer jungen Rte dazu. Ich mache die Honneurs beim
Tee, und um neun Uhr marschieren die Herrschaften wieder ab. Dem
Grafen sagen Sie, Sie wnschen ihn fter bei uns zu sehen und
namentlich um die Teestunde. Ist er einigemal dagewesen, so bittet
man ihn, einmal beim Nachtessen zu bleiben; nachher koche und backe
ich eines Tages recht flott und anstndig, Sie, lieber Papa, geben
ihm morgens nur so en passant einen Besuch heim und lassen fallen,
ob er nicht einmal, etwa heute, eine Suppe mit uns essen wolle; es
wre unartig, es auszuschlagen. Die Idee mit dem Hausball ist
recht hbsch, brigens darf nur _er_ allein merken, da es _ihm_
zu Ehren geschieht; wir wrden uns lcherlich machen, wollten wir den
Leuten sagen, da wir dem Grafen Martiniz einen Ball geben; es kann
ja heien, Papa gebe mir einen Einstand in sein Haus."

Papa Prsident war alles zufrieden, nur wollte ihm die neue Sitte,
da man sich stelle, als sei alles Natur, was doch nur immer wieder
die alte Kunst ist, nicht recht einleuchten. Er hatte ihr die
Schlssel des Hauses und alle Gewalt im Boden und Keller bergeben,
und das Mdchen rumorte jetzt als ttige Hausfrau in dem groen
Gebude umher, als sollte sie zwanzig Wagen voll Gste empfangen. Sie
sollte ihn sehen, sie sollte ihn sprechen, er mute, wenn er nur
halbwegs so artig war, als er aussah, jetzt alle Wochen wenigstens
viermal herberkommen--Nein, es war nicht zu sagen, wie himmlisch
selig das Mdchen war! Um zehn Uhr hatte es angefangen zu tollen und
zu rumoren, und schon um zwlf Uhr war das Teezimmer bereitet, wie es
heute abend sein mute. Erschpft von den Haushaltungsgeschften,
warf sie sich in ein Sofa; sie machte die Augen zu, um sich den Abend
schon recht selig zu trumen, sie besann sich, wie man ihm den Abend
recht schn mache, da er recht oft wiederkomme, sie suchte ihre
beste Musik zusammen, um ihn zu erheitern und die Schwermut von
seiner Stirne zu bannen, so--o, es mute einen herrlichen Abend
geben; da fiel ihr auf einmal die Grf in Aarstein ein, und alle
Freude, aller Jubel war wieder hinweggeflogen; Trne auf Trne stahl
sich aus dem Auge, sie klagte alle Menschen an und war auf sich, auf
die Welt bitterbse. Aber Berner, der nachmittags nur im Flug ein
wenig bei ihr einsprach, verscheuchte diese Wolken. Er war zwar
zu vorsichtig, um ihr den tiefen Eindruck zu schildern, den sie
auf den geliebten Fremden gemacht hatte; aber das sagte er mit
triumphierender Miene, da sie vor der Aarstein nicht bange haben
solle; er habe gute, kstliche Nachrichten, die dies vollkommen
besttigen. Weg war er, ehe sie ihn noch recht fragen konnte, und sie
hatte doch so viel, so unendlich viel zu fragen. Er hatte ihr nur von
der Aarstein gesprochen und wollte sich nichts weiter merken lassen,
der gute Hofrat! Aber wo ist ein Mdchen, das die Flamme der ersten,
reinen Liebe im Herzen trgt, wo ist ein solches Engelskind, das
nicht in ein paar Stunden die grten Fortschritte in der Kunst zu
schlieen und zu berechnen gemacht htte? Man sprach so viel von
magnetisierten Schlferinnen und Clairvoyantes, man schrieb viele
gelehrte Bcher ber solche seltene Erscheinungen, und wie gewhnlich
lie man, was am nchsten lag, unbeachtet! Das sind ja die
eigentlichen Clairvoyantes, die Mdchen mit der ersten, kaum
erkannten Sehnsucht in der Brust; wohl haben sie die Augen
niedergeschlagen, aber dennoch sehen sie weiter als unsereiner mit
der schrfsten Brille; die Liebe hat sie magnetisiert, hat ihnen das
Auge des Geistes geffnet, da sie in den Herzen lesen. So auch Ida;
sie merkte dem Hofrat wohl an, da er mehr wisse, als er sagen wolle;
mit der Grfin war es nichts, aber ebensogut mute er wissen, da es
auch mit keiner andern etwas sei, sonst htte er nicht so vergngt,
nicht so schelmisch gelchelt. Er wute,--das sah die neue
Clairvoyante jetzt hell und klar,--er mute sogar wissen, da
Martiniz _sie_--

O! wer das Mdchen jetzt gesehen htte, wie es das Kpfchen in die
Ecke des Sofas barg, wie alles Blut nach dem vom sen Schauer der
ersten Liebe bebenden Herzen hinauf und hinab wogte, wie der
jungfruliche Busen zitterte und hpfte, wie ein nie gekanntes Gefhl
wie eine Mitternachtssonne in den Nchten des Nordpols im Tiefsten
ihres Innern mit ihren zuckenden, blitzenden Strahlen aufging!
Wahrlich, es liegt eine rhrende Zaubermacht in einem solchen
Gesichtchen voll stiller Seligkeit, es ist der Lichtpunkt des
jungfrulichen Lebens, zu dem sie einen kurzen Weg hinauf, von
welchem sie lange, oft traurige Stufen hinabsteigt!

       *       *       *       *       *




DER LANGE TAG.

Aber der Nachmittag war auch gar zu lange, die Stunden gingen so
trge hin! Sie konnte sich ordentlich ber sich selbst rgern, da
sie schon heute frh das Teezeug gerstet hatte; sie fing an zu
arbeiten, zehnerlei nahm sie vor und legte es ebenso schnell zurck.
Sie hatte ein Bukett von Phantasieblumen angefangen, sie hatte sonst
mit Lust und Liebe daran gearbeitet, aber nein! Es war doch auch gar
zu langweilig; erfunden war etwas bald, man malte seine Gedanken
recht artig aufs Papier, aber bis man alle die Bltter und Blttchen
zusammenband--zurckgelegt bis auf weiteres! Sie nhte so
wunderhbsche Tapisserien; sie machte ihre Kreuzstiche so fein und
gleich, als habe sie in den besten Fabriken gelernt, und alles ging
ihr so schnell von der Hand, da es eine Freude war. Ihre Freundinnen
in der Residenz hatten sich immer Stcke von Paris und London kommen
lassen; da waren die schnsten Girlanden von Rosen, Astern, alle
mglichen Blumen und Farben; in der Mitte war leerer Raum gelassen,
da die Damen nach ihrem Belieben hinein nhen konnten, was sie immer
wollten; natrlich stachen meistens die schnen Pariser Girlanden
sonderbar ab gegen die Dessins der Residenzdamen; Ida hatte immer nur
ihr leeres Stickstramin vorgenommen, hatte sich selbst mit gebter
Hand Zeichnungen entworfen und war noch vor ihren Freundinnen fertig,
die Idas Arbeit fr Zauber, fr nicht mglich gehalten htten, wenn
sie nicht unter ihren Augen entstanden und vollendet worden wre. Sie
hatte noch in der Residenz ein prachtvolles Fukissen fr Papa
angefangen; sie nahm es jetzt auch wieder vor; aber sie konnte sich
selbst nicht begreifen, wie sie frher so langweilige Arbeiten
machen, Stich ber Stich und immer wieder Stich um Stich machen
konnte--zurckgelegt bis auf weiteres! Sie zeichnete mit schwarzer
Kreide so fein, so gefllig fr das Auge, da sie der Stolz ihres
Zeichenlehrers war; auch hier war ihre Geduld unermdlich gewesen;
wenn andere ihre Kopien kaum durchgezeichnet und, mit den ersten
Schatten versehen, schon weggeworfen oder dem Zeichenmeister zur
Vollendung auf einen Geburts- oder Namenstag bergeben hatten, so
hatte Ida fortgemacht, und man sah allen ihren wunderlieblichen
Bildern an, da sie _con amore_ ausgefhrt waren; denn hatte sie
einmal etwas angefangen, so mute es auch vollendet werden. Sie hatte
eine angefangene _Madonna della sedia_ mitgebracht; sie ffnete
jetzt die Mappe, breitete das Bild, das schon in seinen Umrissen viel
versprach, vor sich aus, spitzte die Kreide, nahm sich vor, mit recht
viel Geduld zu zeichnen, aber bald gab die Kreide keine Farbe, bald
wurden die Striche zu dick und muten verwischt werden; sie wurde von
neuem gespitzt, aber--war die Spitze zu fein oder die Zeichnerin zu
ungeduldig oder die Kreide zu grobkrnig?--alle Augenblicke brach
sie unter dem Messer ab, und Finger bekam man so schwarz, da sie
kaum mehr rein gemacht werden konnten; sie entsetzte sich wie Lady
Macbeth vor ihren eigenen Hndchen, packte die Madonna schnell ein
und legte sie _ad acta_. Sie setzte sich vor ihre Kommode, zog
alle Schubfcher heraus, whlte in Blonden und Bndern und besah sich
Stck vor Stck, auch der Schmuck wurde hervorgezogen und gemustert;
aber hatte sie dies alles nicht hundertmal gesehen und wiedergesehen?
Schnell Schmuck, Bnder und Blonden in die Fcher und zugeschlossen!
Alle diese Herrlichkeiten wollten das unruhige Herzchen nicht
zerstreuen.

Endlich, endlich schlug es fnf Uhr, und sie konnte sich jetzt doch,
ohne sich von ihrem Zfchen auslachen zu lassen, zum Tee anziehen.
Sie studierte jetzt recht ernsthaft, was sie whlen sollte; einen
vollen Anzug oder ein Hausneglig? In der Residenz htte sie, ohne
sich zu besinnen, das erstere gewhlt. Dort fing ja der Tag
eigentlich erst abends recht an, und zur zweiten Toilette konnte sie
dort kein Neglig whlen; aber hier in Freilingen, wo Morgen Morgen,
der Mittag Mittag, der Abend nur Abend war, hier schien ein Neglig
fr den Abend ganz am Platz, um so mehr, da die paar Frulein, die
sie geladen hatte, wahrscheinlich recht geputzt kommen wrden. Sie
whlte daher ein feines Hausneglig, ein allerliebstes weies
Batistberrckchen, das nach einem Muster, wie man es hierzulande
noch nie gesehen hatte, gemacht war; und wie glcklich hatte sie
gewhlt! Das knappe, alle Formen hervorhebende berrckchen zeigte
den in jugendlicher Frische blhenden Krper; den Teint hob zwar
keine Perle, kein Steinchen, aber er war so schneefrisch, so zart, so
blendend wei, da er ja gar keines Schmuckes bedurfte. Aber das Haar
wurde dafr so sorgfltig, so glnzend als mglich geordnet. Die
seidenen Ringellckchen schmiegten sich eng und zart um Schlfe und
Stirne, die Pracht ihrer Haarkrone war so entzckend, da sie sich
selbst gestand, als sie beim Glanz der Kerzen in den Spiegel blickte,
als sie ihre hher gerteten Wangen, ihr glnzendes Auge sah, mit
Lust und heimlichem Lcheln sich gestand, heute ganz besonders gut
auszusehen.

Und nun musterte sie noch einmal mit Kennerblicken den Teetisch. Der
groe Lster verbreitete eine angenehme Helle ber das ganze Zimmer.
Die Sitze waren im Kreise gestellt; ihr Platz neben dem Sofa; neben
ihr mute der Graf sitzen; die silberne Teemaschine, den Hahn ihr
zugekehrt, dampfte und sang lustige Weisen, die Tassen standen in
voller Parade, die goldenen Lffelchen alle rechts gekehrt. Die Vasen
mit Blumen von ihrer eigenen Arbeit nahmen sich gar nicht bel
zwischen dem Backwerk und den Kristallflaschen mit Arrak und kaltem
Punsch aus. Die kleineren Partien, als Zucker, geschlagener Rahm,
kalte und warme Milch, Zitronen, waren in ihren silbernen Hllen
gefllig geordnet,--es fehlte nichts mehr als--weil es einmal in
Freilingen Ton war, beim Tee zu arbeiten--eine geschickte Arbeit fr
sie; auch diese war bald gefunden, und kaum hatte sie einige Minuten
in Erwartung gesessen, so fuhr ein Wagen vor.

"Wenn dies Marti--" doch nein, er konnte es nicht sein, die paar
Schritte aus dem Goldenen Mond herber machte er wohl ohne Wagen; die
Flgeltre rauschte auf--Frulein von Sorben! "Wenn nur die andern
auch bald kmen," dachte Ida, indem sie das Frulein empfing; denn
diese war nicht die angenehmste ihrer Freilinger Bekannten; sie war
wenigstens acht Jahre lter als Ida, spielte aber doch immer noch das
naive, lustige Mdchen von sechzehn Jahren, was bei ihrer stattlichen
Korpulenz, die sich fr eine junge Frau nicht bel geschickt htte,
schlecht pate. Sie mute brigens von Prsidents mit Schonung und
Achtung behandelt werden, weil sie einigermaen mit ihr verwandt
waren und ihr Oheim in der Residenz eine der wichtigsten Stellen
bekleidete. Sie flog, als sie eingetreten war, Ida an den Hals,
nannte sie Herzenscousinchen und gab ihr alle mgliche se,
verbrauchte Schmeichelnamen. Nachdem sie ihr Haar vor dem deckenhohen
Spiegel ein wenig zurecht geordnet, die Falten des Kleides
glattgestrichen hatte, fragte sie, wer heute abend mit Tee trinken
werde. Kaum hatte Ida zgernd, als wrde er dadurch entheiligt, den
Namen Martiniz ausgesprochen, so machte sie einige mhselige
_Entrechats_ und kte Ida die Hand: "Wie danke ich dir fr
deine Aufmerksamkeit, da du mich zu ihm eingeladen hast! Du
bemerktest gestern gewi auch, wie er mich mit seinen schwarzen
Kohlenaugen immer und ewig verfolgte? Und heute frh, ich hatte mich
kaum frisieren lassen, war schon mein guter Graf zu Pferd vor meinem
Haus, das macht sich herrlich, so ein kleiner Liebeshandel _en
passant_. Lache mich nur nicht aus, Herzenscousinchen! Aber du
weit, junge Mdchen, wie wir, plaudern gern, und die andern nehmen
es nicht so genau, wenn eine eine Eroberung gemacht hat."

Ida hatte zwar auch die Kohlenaugen leuchten sehen, aber nicht nach
der alten, gelblichen Cousine; sie stand noch neben ihr vor dem
Trumeau, sie warf einen Blick in das helle, klare Glas und berzeugte
sich, da Emil nicht nach der Cousine geschaut haben knne. Das "mein
guter Graf" und das "wir jungen Mdchen" aus dem Munde der alten
schnurrenden Hummel kam ihr so possierlich vor, da sie, statt in
Eifersucht zu geraten, des heitersten, frhlichsten Humors wurde. "O
du Glckliche," sagte sie boshaft, "wer auch so im Flug Eroberungen
machen knnte!"--"Es gehrt nichts dazu, mein Kind, als Routine,
nichts als eine gewisse Gewandtheit, die man freilich so schnell
nicht erlernt; die Gewohnheit, der Geist mu sie geben. Du bist
hbsch, Cousinchen, du bist gut gewachsen, an Anstand, an schnen
gesellschaftlichen Formen fehlt es dir auch nicht,--ehe drei Jhrchen
ins Land kommen, angelst du Grafen, als httest du von Jugend auf
gefischt."

Ida brach, weil sie das Lachen nicht mehr halten konnte, in lauten
Jubel aus. "Das wre schn, das wre herrlich, Grafen fangen!" rief
sie, nahm ihre naive Lehrerin unter dem Arm und flog mit ihr im
rasenden Schnellwalzer um den Teetisch.

Von Anfang lie sich die Sorben diese rasche Bewegung gefallen,
obgleich ihr, da sie bei ungemeiner Korpulenz bis zum Ersticken
geschnrt war, der Walzer nicht sehr behagte; aber sie wute, wenn
man nur erst aufhre zu tanzen, so werde man gleich unter das alte
Eisen gezhlt, und gab sich also alle Mhe, leicht zu tanzen. Als
aber das Teufelskind, dem der Schelm aus Augen, Mund und Wangen
hervorsah, immer rasender walzte, immer rascher im Wirbel tollte, da
sthnte sie: "Ich kann nicht mehr--o--h--re auf!" Aber Idchen ri
sie noch einmal herum und lie sie dann, weil sie das Gerusch der
Kommenden hrte, atemlos und bis zum Tod gepret vor der Flgeltre
stehen, die in diesem Augenblicke von zwei Lakaien aufgerissen wurde.

       *       *       *       *       *




DER TEE.

Martiniz und der Hofrat traten ein. War es Emils hoher, krftiger
Tannenwuchs, war es die ungezwungene Grazie seiner wrdigen Haltung,
war es das Geistvolle seines sprechenden Auges, war es der wehmtige
Ernst, der auf diesem schnen Gesichte lag und ihm einen so
unendlichen Liebreiz gab, waren die Trume der Ballnacht wieder
aufgestiegen, um se Erinnerungen zu flstern?--Ida stand
versteinert, als sie den Grafen erblickte. Ach, sie htte viel darum
gegeben, in diesem Augenblicke nicht die Hausfrau machen zu drfen!
Sie htte ganz von ferne ihn betrachten und selig sein wollen. Hofrat
Berner stellte ihn mit einem vielsagenden Blicke seiner Ida vor; aber
diese htte sich in diesem wichtigen Moment selbst Schlge geben
mgen; so links, meinte sie, so albern hatte sie sich noch nie
benommen. Was mute er nur von ihr denken? War sie doch gerade
aus der Residenz gekommen, wo ihre Erziehung nach allen Regeln
vollendet worden war, hatte sich in allen Zirkeln, in den feinsten
Salons ohne ngstlichkeit bewegt, und hier stand sie errtend, mit
niedergeschlagenen Augen--und stammelte recht kleinstdtisch "von der
Ehre, die Seine Exzellenz ihrem Hause erzeige".

Aber bei dem feinfhlenden Manne, der schon frher ihren Anstand,
ihre Wrde, ihre Erhabenheit ber jedes Verlegenwerden bewundert
hatte, erhhte gerade diese se Verlegenheit den Wert des Mdchens.
Mit unendlicher Gewandtheit wute er sie aus der peinlichen
Verlegenheit dieser ersten Minuten herauszufhren; in wenigen
Augenblicken war sie wieder das frohe, unbefangen scheinende Mdchen
wie frher und konnte die Albernheit ihrer Cousine beobachten. Diese
war, als die Flgeltre aufging, dagestanden wie Frau von Loth bei
Sodom, als sie in Steinsalz verwandelt wurde, starr, steif, atemlos,
nur die beiden ungeheuern Fleischmassen ihres aufgepreten Busens
arbeiteten, von dem rasenden Schnellwalzer in Aufruhr gebracht, noch
immer fort. Als ihr Martiniz vorgestellt wurde, war sie noch nicht zu
Atem gekommen; sie lie also nur einen Liebesblick auf ihn
hinberspazieren und verneigte sich hin und wieder. Als sie aber
wieder Atem geschpft hatte, fing sie in ihrer naivsten Manier an zu
kichern und erzhlte, da sie fr ihr Leben gern tanze und da es ihr
und dem kleinen Herzenscousinchen unwiderstehlich in die Fe
gekommen sei. Sie plapperte fort und fort, aber leider schien ihr nur
der Hofrat zuzuhren; denn Martiniz, der neben Ida Platz genommen
hatte, war mit dieser schon in so tiefem Gesprch, da er auf das
Geschnatter der Dicken nicht hren konnte. Sich so vernachlssigt zu
sehen, konnte das fnfundzwanzigjhrige Kind nicht dulden; sie erhob
also ihre Stimme noch lauter und wurde sogar witzig; aber der Graf,
dachte sie, nein, einen so verschmten Anbeter hatte sie noch nicht
gehabt, nicht einmal die Augen wagte er zu ihr aufzuschlagen; aber
der Graf, denken wir, _wie_ konnte sie auch nur verlangen, da
er zu ihr aufsehe? Hatte er denn jetzt nicht gerade alle Augen ntig,
um die unnachahmliche Grazie zu sehen, mit welcher das Engelskind Ida
ihren Tee machte? Wie appetitlich sah es aus, wenn sie in die Tassen
warmes Wasser strmen lie, um sie in dem Gmpchen zu reinigen; wie
allerliebst drehte sie den Hahn in der Maschine auf und zu, wie
verbindlich wute sie die Tasse zu reichen; ach, er htte sich auch
die Butterbrtchen, den Zucker, den Arrak und alle andren Bedrfnisse
viel lieber von ihr reichen lassen als von den fnf reich galonierten
Dienern, die solches umherboten! Mit welchen Augen hing er an ihr, an
allen ihren Bewegungen! Und Ida htte nicht das pfiffige Mdchen sein
mssen, wenn sie nicht in diesem sprechenden Auge das Gefhl bemerkt
htte, das fr sie in seiner Brust lebte.

Die Gesellschaft war nach und nach grer geworden; der Prsident
hatte einige seiner jungen Assessoren und Rte mitgebracht, einige
junge Damen von Idas Bekanntschaft hatten sich eingefunden, und die
Freilinger muten sich alle, mit Ausnahme der Sorben, die sich
schrecklich ennuyierte, gestehen, da sie selten einen so geselligen,
interessanten Abend verlebt hatten. Es kam dies wohl daher, da der
Prsident, der Hofrat und Idchen alles aufboten, um ihren neuen Gast
zu erheitern; dadurch werde das Gesprch allgemein und anziehend. Es
ist eine alte Erfahrung, da der allgemein anerkannte Wert des
Geliebten ihn in den Augen seines Mdchens noch unendlich reizender
macht, ihm noch eine erhabenere Stellung in ihrem Herzen gibt; so
ging es auch Ida. Der Umfang des Wissens, den Martiniz im Gesprch
mit den Mnnern an den Tag legte, seine interessanten Mitteilungen
von seinem Vaterlande, von den vielen Reisen, die er gemacht hatte,
seine feine Gewandtheit, womit er auch die Damen in das Gesprch zog,
die verbindliche Artigkeit, womit er jeder zuhrte und ihr Urteil
weiter auszufhren und unbemerkt so zu drehen wute, da es wie etwas
Bedeutendes klang, sein glnzender, lebhafter Witz, den ihm das immer
rascher fortrollende Gesprch entri--dies alles gewann ihm die
Achtung der Mnner, ri die Herzen der Damen zu dem glnzenden
Fremden hin.

Und Ida--sie war ganz weg! Seine Reden hatten allen, seine
Feuerblicke nur ihr gegolten; ihr Herzchen pochte stolz und froh; wo
die Sorben und die andern Freilingerinnen seinen khnen Ideen nicht
mehr folgen konnten, da fing fr sie erst die rechte Strae an, sie
plauderte, wie ihr das Rosenschnbelchen gewachsen war, lachte,
scherzte in Witz und Schwank, da dem Prsidenten vor Freuden das
Herz aufging, wie gebildet, wie gesellschaftlich sein Kind geworden
war. Er nahm sich in seinem Entzcken vor, gleich morgen ein
Belobungsschreiben an Madame La Truiaire zu schreiben, die ihm eine
so glnzende Weltdame mit ungetrbter Unschuld und Natrlichkeit
erzogen habe. Die gute Madame La Truiaire aber hatte _dieses_
Wunder nicht bewirkt; zwar galt Ida von Sanden in den ersten Husern
der Residenz fr eine sehr feine und anstndig erzogene junge Dame;
doch war sie dort ernst, zurckhaltend, so da, wer sie nicht nher
kannte, ber ihren Geist wenig oder gar nicht urteilen konnte; nein,
eine andere Lehrmeisterin, die reine Seligkeit der ersten erwiderten
Liebe, hatte sie so freudig, so selig gemacht, hatte alle Pforten
ihres tiefen Herzens aufgeschlossen und den Reichtum ihres Geistes
ans Licht gelockt.

Der Hofrat war ein feiner Menschenkenner; von Anfang, als das
Gesprch noch nicht recht fortwollte, hatte er alles getan, um es ins
rechte Geleis zu bringen. Nachher aber hatte er sich zurckgezogen
und nur beobachtet. Da entging ihm denn nicht, da der Graf, je
lnger er mit dem sen Zauberkind sprach, je tiefer er ihm in das
geistvolle Veilchenauge sah, je mehr sich vor ihm diese zarte
Mdchenhaftigkeit, dieser reiche Geist, diese hohe Herzensgte
entfaltete, immer mchtiger zu ihr hingezogen wurde; wie gestern, als
er ihm von des Mdchens gebildetem Geist, seinen stillen Tugenden
erzhlte, so verschwand auch jetzt nach und nach die Wehmut aus
seinen Zgen; eine rosige Laune, die diesem Gesicht unendlichen Reiz
gab, ging an ihm auf; er konnte, was der Hofrat bei diesem
Unglcklichen nicht fr mglich gehalten htte, sogar recht herzlich
lachen; er konnte--Nein, der alte Mann war selbst verliebt in ihn, er
sah ja vor Seligkeit und Liebe aus wie ein verklrter Cherub.

Kam brigens der Graf dem Hofrat wie ein Cherub vor, so sah in ihm
die Sorben den leibhaftigen Satan. Hatte sie sich doch alle
erdenkliche Mhe gegeben, ihm ihre Neigung zu ihm zu zeigen. Hatte
sie nicht die kleinen Kalmuckenaugen aufgerissen, da ihr das Wasser
daran aufstieg, nur um ihm das Feuer zu zeigen, das fr ihn strahle?
Hatte sie nicht alle naiven Knste aufgeboten, um seine
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Aber jetzt sah sie klar: die
kleine, unzeitige Kokette, ihre Cousine, hatte ihr den herrlichen
Mann weggeschnappt. Sie warf allen Ha auf diese; hatte sie sich doch
vorhin so kindisch gestellt, als knnte sie nicht fnfe zhlen. Sie
selbst--o, sie htte sich knnen auf den Mund schlagen fr die
Dummheit--ja, sie selbst hatte offenbar das Mdchen, das eigentlich
noch ein Backfisch war, dazu aufgereizt, den Grafen zu fangen. Wre
sie mit ihrer Anleitung zur Routine zurckgeblieben, das Kind htte
nie daran gedacht, ihr Auge zu dem schnen Fremden zu erheben. So
dachte die Sorben.

Ihr pomeranzenfarbiger Teint rtete sich vor Zorn, sich so
hintangesetzt zu sehen; hatte ja doch, wenn sie recht darber
nachdachte, der Graf sogar ihrer gespottet, als sie glaubte, etwas
recht Witziges gesagt zu haben. Es war davon die Rede gewesen, da
jetzt alles Frulein heie, was man sonst wohl auch schlechthin
Mamsell genannt habe. Man sprach her und hin darber, und um Ida
einen Stich zu geben, die zwar von vterlicher Seite von altem Adel
war, aber eine Brgerliche zur Mutter gehabt hatte, warf sie die
witzige Bemerkung ein: Die Frulein kommen ihr gerade vor wie die
Spitzen. Es heie alles Spitzen, und doch sei ein so groer
Unterschied zwischen den echten und unechten, da jedes Kind die
Feinheit der echten von den grberen unterscheiden knne. Sie hatte
triumphierend ber ihr Bonmot im Kreise umhergesehen; die Antwort des
Grafen machte sie aber stutzen. "Sie haben recht, gndiges Frulein,"
hatte er gesagt, "und die echten unterscheiden sich, wenn ich nicht
irre, hie und da auch durch ihre Farbe von den unechten; wenigstens
habe ich mir sagen lassen, da die ganz echten gelblichbraun
aussehen." Hatte er auf ihre brunliche Haut anspielen wollen? Die
Herren, und namentlich der Hofrat, hatten so hhnisch dabei
ausgesehen. Das Betragen des Grafen, der sie ber Ida gnzlich zu
ignorieren schien, besttigte die Meinung. Sie kochte Rache in ihrer
Brust und schwur sich mit den frchterlichsten Eiden, da der
Backfisch seine Eroberungen nicht weiter fortsetzen solle. Sie war
auch die erste, welche aufstand, und weil es schon ziemlich spt war,
folgten die brigen. Nein, es war ihr unertrglich! An der Tre
noch mute sie mit ansehen, wie der Graf, welcher sich auch
verabschiedete, mit seinen Blicken Ida beinahe verzehren wollte. Sie
mute hren, wie er versprach, recht oft herberzukommen.
Verachtungsvoll wandte sie ihrer Cousine, die ihre Freundinnen zum
Abschied kte, den Rcken, strmte die Treppe hinab und setzte sich,
mit der ganzen Welt zerfallen, in ihren Wagen.

"Herrlicher Mensch, der Martiniz," sagte der Prsident, als die
Gesellschaft auseinander gegangen war, zu Ida und dem Hofrat, die
noch bei ihm saen; "scharmanter Mensch! Wie gewandt, wie fein!
Schade nur, da er sich nicht aufs diplomatische Fach gelegt hat! Wie
er alles so artig zu geben wei; wie er allem, auch dem Trivialsten,
was unsere Damen sagten, mit einer Engelsgeduld zuhrte und gutmtig
ein glnzendes Mntelchen umhing, wenn sie etwas Dummes plapperten.
Er wre eine wahre Zierde des Landes, wenn er sich bei uns ankaufte.
Die Grfin Aarstein mag ich ihm auch ganz wohl gnnen, mchte
brigens wissen, wie weit er mit ihr steht--"

Ida, die dem Lob des Geliebten mit niedergeschlagenen Augen und
fliegender Brust zugehrt hatte, fhlte bei den letzten Worten nicht
nur einen Stich ins Herz, sondern auch einen leisen Druck auf ihr
Fchen. Sie merkte gleich, woher dies kam, und begegnete dem
listigen Auge des Hofrats, der ihr Trost zuwinkte und den alten Papa
ber seine Fehlschsse auszulachen schien. Ja, es stieg reiner, ser
Trost in ihr auf. Zwar sie hatte schon von der hohen Verstellungsgabe
der Mnner gehrt und gelesen; sie wute das Sprichwort solcher
Reisenden: "Ein ander Stdtchen, ein ander Mdchen". Sie erinnerte
sich an die ppigen Reize der Aarstein, an ihre Verfhrungskunst, die
schon so manches junge unerfahrene Mnnerherz betrte, an ihre
wichtigen Verbindungen mit dem Hof, an ihre eigene, nicht ganz streng
stiftsfhige Geburt. Aber was wollte sie denn? Sie wollte ja gar
nicht an das Glck denken, Hand in Hand mit diesem Manne durchs Leben
zu gehen, sie wollte ja nur geliebt sein, und da sie es war, sagte
ihr scharfes Auge, ihr Herz, das jeden Ton der Liebe verstanden
hatte. Aber konnte dieses alles nicht dennoch Verstellung sein? Wer
sagte ihr, da dieser fremde Mann sie nicht betr--

Nein, betrgen konnte dieses edle, reine Gesicht nicht, die Glut
dieser Augen konnte nicht tuschen! Froh dieser berzeugung, die sie
whrend des Auskleidens gewann, hpfte sie in ihr Schlafzimmer und
machte dort vor dem Spiegel einen komischen Knix. "Habe die Ehre,
mich zu empfehlen, Frau Exzellenz, Grfin von Aarstein," sprach die
Mutwillige, "hier steht eine junge Dame, die sich mit Ihnen in den
Kampf um den schnen Polacken einlassen will, welchen Eure Exzellenz
als Sattelpferd an Ihren Triumphwagen spannen mchten. Ich bin zwar
weder so dick, noch so geschminkt als Sie; aber dennoch wagt es meine
Wenigkeit, gegen Hchstdieselben zu streiten." Noch einen Knicks und
dann Unterrckchen und Strmpfchen herunter und mit einem Satz in das
weiche Bettchen! Dort streckte sie das Engelskpfchen noch einmal aus
der Decke hervor, warf ein Kuhndchen nach dem Goldenen Mond hinber
und flsterte: "Gute Nacht, mein armer Emil, schlafe sanft und trume
s, trume auch ein ganz klein wenig von Ida!" Sie schlo selig die
Augen und legte sich zurecht, wollte eben hinberwandern in das
unbekannte Land der Trume; da schttelte sie ein jher Schrecken
wieder auf und jagte sie aus dem Bette.--

       *       *       *       *       *




DAS STNDCHEN.

Dem Oberleutnant von Schulderoff hatte die Demonstration seiner
gndigen Frau Mama zu wohl gefallen, als da er sich durch den
ersten, ziemlich bedeutenden Durchfall, den er berall lieber als vor
Prsidents Haus erlebt htte, abschrecken lie.

Im Gegenteil, wenn er recht darber nachsann, so schien ihm die Sache
eine glcklichere Wendung genommen zu haben, als er dachte. Schon oft
hatte er ja von dem zarten Mitleiden der Mdchen gelesen, und da aus
Mitleid leicht Liebe werde, hatte er an sich selbst erfahren. Einer
seiner Kameraden hatte einen Hund gehabt, eine prachtvolle englische
Dogge. Dieser war der Fu abgefahren worden, und,--wie es mit den
Invaliden zu gehen pflegt,--der Herr Bruder wollte Diana dem Schinder
geben. Schulderoff aber bat, von Mitleiden ergriffen, um ihr Leben,
erhielt sie als Geschenk, und jetzt luft sie auf allen Vieren so gut
als zuvor. Ihr Herr aber liebt sie, wie man nur einen Hund lieben
kann, und das alles aus Mitleiden! So konnte auch ihr Mitleiden bald
in Liebe verwandelt werden. Da sie aber Mitleiden fhle, war gar
keine Frage. War sie nicht, als er die verdammte Mhre nicht
mehr erreichen konnte, ganz bleich mit dem Kopf zum Fenster
hinausgefahren, als wollte sie durch die Tafelscheiben brechen? Hatte
sie nicht seinem Ro mit einem Jammerblick nachgesehen, der ihm
deutlich sagte, da sie den innigsten Anteil an seiner Fatalitt
nehme?

Der erste Coup war solchergestalt unglcklich und dennoch glcklich
ausgefallen; der zweite sollte um so brillanter werden. Mama hatte
auf Nr. 2 im Eroberungsplan die ungemeine Nachtmusik mit den
Regimentstrompetern angegeben, sie hatte ihm noch einmal eingeprgt,
wie er sich dabei zu gebrden habe, und endlich schritt man an das
groe Werk.

Schulderoff hatte einige Kameraden, denen auch Rollen von diesem
neuen Don Juan zugeteilt worden waren, in ein Weinhaus gefhrt, wo
sie sich gtlich taten, bis der entscheidende Moment kam. Je nher es
aber an zwlf Uhr ging, desto besorgter sahen sich die Freunde an;
denn Schulderoff hatte, sie wuten nicht wie, einen kapitalen Hips
bekommen, da er allerlei tolles Zeug untereinander vorbrachte. Aber
die Klte drauen konnte ihn schon zur Besinnung bringen; man brach
also Schlag zwlf Uhr auf, rief die Regimentsmusik aus einem
Bierhaus, wo sie sich versammelt hatte, und fort ging es vor des
Prsidenten Haus. Da man voraussetzen konnte, da Ida schon sanft
entschlafen sei, so werde zum ersten Stck kein Adagio gewhlt,
sondern das rauschendste Fortissimo, das unter den Dragonern
_Tagwache_ oder Reveille genannt wurde, weil die achthundert
Dragoner alle Morgen mit diesem Stck aus ihrem sanften
Morgenschlummer trompetet wurden. Zu dieser Reveille setzten die
zwanzig Trompeter ihre Hrner, Posaunen und Trompeten an, der
Stabstrompeter oder--wie er sich lieber nennen lie--Kapellmeister
winkte, und in rauschendem Geschmetter, als wollten sie den jngsten
Tag anblasen, tnte die Reveille durch die stille Mitternacht zu dem
einsamen Bettchen Idas und weckte sie aus sen Trumen. Diese Art
von Attention war ihr so ungewohnt, da sie von Anfang glaubte, es
brenne irgendwo im Stdtchen; als sie aber nachher deutlich einige
Walzer unterschied, so war kein Zweifel mehr, da es eine Nachtmusik
sei, die ihr gelte.

Es war kalt; sie hllte sich frstelnd wieder in ihre seidene Decke
und dachte unter den lockenden Tnen nach, ob wohl Martiniz auf so
unzarte Weise ihr eine Aufmerksamkeit erweisen wolle. Nein, der
Unglckliche mute ja der Zeit nach jetzt in der Kirche sein; und er,
der sich in allem so zartfhlend, so sinnig bewies, er konnte nicht
diese Trompeten zu Organen whlen, um seine Empfindungen
auszudrcken; in Walzerchen und Polonaisechen, in diesem rauhtnenden
Deideldum und Schnirkeldum konnte Emil seine Liebe nicht ausdrcken.

Jetzt schwieg die Musik; sie hrte Stimmen auf der Strae.

Die Offiziere hatten Schulderoff in den Schein einer Straenlaterne
an eine Mauer gelehnt. Verabredeterweise fingen sie nach dem dritten
Walzer an: "Herr Bruder Schulderoff! Wo steckst du denn? Ich glaube,
die Liebe hat den armen Kerl ganz voll gemacht."

"Ach, Kameraden, mir ist so weh, so weh!" stammelte der begeisterte
Liebhaber, dem nur noch ein Teil seiner Rolle beifiel, und zwar
gerade der Teil, welchen er in seiner jetzigen Lage mit groer
Wahrheit spielte. "Blast, blast!" rief er dann und focht mit den
Armen in der Luft. "Blast! O wren das die schwedischen Hrner und
ging's von hier gerade ins Feld des Todes!"

"Wie der Herr Leutnant befehlen," antwortete der Stabstrompeter.
"Frisch auf, Nr. 62, die Galoppade!" Und jetzt ging der Tanz von
neuem los, da alle Hunde in der Nachbarschaft laut wurden und die
Nachbarn sich beklagten, da man ihre Nachtruhe stre. Ida war kein
Wrtchen des Gesprches entgangen, und sie schmte sich ordentlich,
dem Herrn von Schulderoff, der ihr gerade nicht von der
empfehlendsten Seite bekannt war, diese Musik zu verdanken. Es schlug
ein Uhr, als die Knstler abzogen, und von Idas Augen war aller
Schlaf gewichen. Sie warf sich hin und her; aber es wollte ihr nicht
gelingen, den mohnbekrnzten Gott, den Schulderoff so unzarterweise
verscheucht hatte, zurckzurufen. Sie ging noch einmal die Bilder
dieses Abends und der letzten Tage durch; durfte sie auch mit Recht
hoffen, da sie ihm nicht gleichgltig--

Der Ball? Es ist wahr, er hatte immer nach ihr gesehen; aber das
bewies nur, da auch sie immer nach ihm gesehen hatte; konnte ihm
nicht ihr wiederholtes Hinsehen aufgefallen sein? Konnte er nicht
deswegen so oft nach ihr gesehen haben?--Bei dem Souper, ja, da war
er hinter ihr gestanden, hatte, als sie anstieen auf Liebe und
Freude, tief geseufzt; aber durfte sie dies auch auf sich beziehen?
Konnte ihn, der so unglcklich schien, nicht so manches seufzen
machen?--Nachher bei dem Kotillon,--ja, er errtete, als sie ihn zum
Tanz aufzog; aber etwa nur wegen ihr? Nicht, weil sie die einzige
war, die es wagte, ihn aufzuziehen?--Heute abend, als er beim Tee
neben ihr gesessen, da hatte er oft sonderbare Winke ihr
zugeflstert: einmal, als man ihn fragte, was ihm an der hiesigen
Gegend so anziehend sei, hatte er ihre Hand unter dem Tische gefat,
sie gedrckt und ihr zugeflstert: "Ich wei wohl, darf es aber nicht
sagen." Was konnte er damit gemeint haben? Es war wohl bloe
Galanterie gegen sie, als Dame des Hauses.

Schelmchen Ida wute es wohl, was es war; aber sie belog sich selbst,
um immer wieder aufs neue zu zweifeln und zu hoffen. Sie lchelte
sich selbst aus ber ihren Zweifel. "Nein, der Hofrat mu mir
beichten," sagte sie zu sich und klopfte auf die seidene Decke, "der
mu beichten; hat er doch so geheimnisvoll getan, als habe der Graf
sein ganzes Herz gegen ihn ausgeschttet; da will ich schon erfahren,
ob er mich lie--"

Einige rasche, volle Griffe auf einer Gitarre unterbrachen ihr
Selbstgesprch; sie setzte sich im Bettchen auf, sie lauschte; ein
ses, melancholisches Adagio wurde gespielt; Ida hatte selbst etwas
Weniges klimpern gelernt, sie kannte hinlnglich die Schwierigkeit
dieses Instruments, wenn es ohne Begleitung der Stimme oder eines
andern Instruments die Gefhle in wohlgerundeten vollen Stzen
ausdrcken sollte; aber so hatte sie dieses Instrument nie spielen
gehrt. Es graute ihr vor diesen flieenden Lufen, wenn sie daran
dachte, wie schwer sie seien, und diese vollen, runden Klnge, diese
melodischen Klagen, die den rmlichen sechs Saiten entlockt wurden!
Wer konnte nur in Freilingen so hinreiend, so s spielen? Sie
huschte schnell in die Pantffelchen, zog die seidene Mantille um und
schlich sich ans Fenster; sollte Mart--

Ja, wei Gott! Seine Zimmer waren noch hell erleuchtet, die Gardinen
waren herabgelassen; aber deutlich konnte sie den Schatten eines an
den Fenstern Auf- und Abwandelnden ersphen. Es war Martiniz; und
jetzt gewann sein Spiel erst volle Bedeutung, jetzt verstand sie
seine flsternden Klagen, seine sehnenden bergnge, die se
Melancholie seiner Moll-Akkorde. Er schwieg, er stand--sie sah
deutlich seinen Schatten--er stand ihr gegenber am Fenster. Ein
bedeutungsvolles Vorspiel begann. "O, wenn er auch singen knnte, wie
kstlich, wie wunderschn wre es!" dachte Ida, hllte sich tiefer in
ihr Mntelchen und setzte sich ans Fenster; ihr Herzchen pochte voll
Erwartung.--Er sang; eine tiefe, volle, klare Mnnerstimme trug eines
jener polnischen Nationallieder vor, wie sie schon mehrere gehrt
hatte und die jedes fhlende Herz durch ihre Innigkeit, durch ihre
sanften Klagen so tief ansprechen; er sang,--sie verstand kein
Silbchen von den polnischen Wrtern; aber dennoch fate sie den Sinn
so gut als irgend eine polnische Schne; ach, es waren ja die Tne,
die man auf der ganzen Erde versteht, die Klagen der Liebe, die sich
nach dem geliebten Gegenstande sehnt, die um Erwiderung fleht, die
ihren Schmerz in den flsternden Tnen der Wehmut ausweint. Trnen
strzten dem liebenden Mdchen aus den Augen; sie schlich sich zurck
zu ihrem einsamen Lager; Emils Tne begleiteten sie. Die
geheimnisvolle Stille der Nacht, das rtselhafte Leiden des
interessanten, unglcklichen Mannes, sein Liebe atmender Gesang, der
ja ihr allein in der schweigenden Mitternacht galt, dies alles
erfllte sie mit einer nie gekannten Sehnsucht, es war ein
unaussprechliches, aber ses Gefhl der Wehmut und des Glckes; ja,
sie war geliebt--diese liebewarmen Tne wisperten es ihr in die
Seele--sie war geliebt, wahr und innig, wie auch sie liebte; sie
prete ihre weichen Hndchen auf das lautpochende Herz, auf die
entfesselte Brust, wo es siedete und brannte, als habe das dunkle
Feuerauge des Geliebten das wallende Blut wie drren Zunder
angezndet. Verschmt, als knne er durch die finstere Nacht, durch
ihre dichten Jalousien zu ihr herbersehen, verhllte sie das
pochende Herzchen, zog die Decke bis an den Mund herauf, prete die
uglein zu und flsterte hinber in die weichen Tne seiner Laute
noch ein herzliches: "Schlaf wohl!"

       *       *       *       *       *




DIE FREILINGER.

Die Leute in Freilingen sind wie berall; es vergingen keine acht
Tage, so wute jedes Kind, da Prsidents Ida und der reiche Pole ein
Paar seien. Die Freilinger rgerten sich nur darber, da man ihnen
Sand in die Augen streuen wolle; da die beiden Leutchen einander
vorher schon gekannt hatten, war am Tage; denn wie sollte Martiniz an
gleichem Tage mit ihr ankommen, was sollte er berhaupt in dem
obskuren Freilingen so lange tun, als weil er Ida liebte, die, Gott
wei durch was fr Kunstgriffe, den Goldfisch in ihr Netzchen gelockt
hatte? Papa-Prsident--nun, dem schwefelte man etwas Blaues vor, da
der Herr Graf doch mit Ehren ins Haus kommen konnte; was da beim Tee
vorging, das wute freilich jedermann, weil man hie und da so ein
paar Respektspersonen dazu einlud; aber was vormittags im Zimmer,
nachmittags im Garten, abends nach dem Tee vorging, das wute
niemand; beten werden sie nicht mit einander, sagten die Leute; da
spricht man wohl immer von dem Hofrat Berner, der sei ja hinten und
vorn dabei, da ja nichts Unrechtes geschehen knne; aber man wute
ja von frher her, wie er dem Mdchen alle losen Streiche durch die
Finger sah; jetzt wird es nicht viel anders sein, da sie grer ist.
So urteilte die Welt; sie urteilte aber noch weiter: das Mdchen, die
Ida, tut jetzt so jngferlich und so zimperlich, als wre sie in der
Residenz eine Vestalin geworden, und vorher war sie wild,
ausgelassen, trotzig; das mte ja ein Gott sein, der aus einer
solchen Hummel ein reputierliches Mdchen ziehen wollte. Aber in
allen Instituten ist man seit neuerer Zeit viel pfiffiger geworden;
da sagt man den Mdchen: Ihr knnt alles tun; aber haltet Ma und
treibet es fein! Daher kommt es, da jetzt lauter Tugendspiegel aus
den Instituten kommen. Sonst kamen sie ein wenig affektiert, ein
wenig frei nach franzsischem Schnitt und Ton; jetzt wei man das
ganz anders; sittsam, keusch, ehrbar, alles, was sie sein sollten,
sind sie, da fehlt sich's nicht, vollkommen, wenn man es so von der
Seite sieht. Kommt aber so ein Pole, so ein Graf Weinichtwoher und
Baron Nirgendan, so bewahrt man den Schein, und damit holla! So
urteilten die Freilinger von dem edelsten, besten Mdchen, das in
ihren Mauern war; so urteilten sie, und wie das Bse berall
schneller um sich greift als das Gute, so wute und glaubte schon
nach acht Tagen die ganze Stadt, was ein paar Muhmen bei einer Tasse
Kaffee ausgeheckt hatten. Auch ber den harmlosen Martiniz erging das
nmliche Gericht.

Leute wie die Freilinger knnen nichts weniger leiden, als wenn
Menschen unter ihnen umherwandeln, von denen sie nicht alles vom A
bis zum Z wissen, woher und wohin, was sie fr Plne haben usw. Kauft
einer nicht ein Pferd oder ein Paar Ochsen oder ein paar Hufen
Landes, so ist er ein unertrglicher Geheimniskrmer, der allein das
Vorrecht haben wolle, da die Leute nicht wissen sollen, was an ihm
ist. Dieser Pole vollends versndigte sich auf die impertinenteste
Art an Freilingen. Er schien kein Frauenzimmer zu bemerken als Ida;
und doch gab es viele, die ihm ihre Aufmerksamkeit da und dort
bezeigt hatten; er war reich, gab viel Geld aus, und doch konnte
niemand sagen, was er denn eigentlich im Stdtchen zu tun habe; schon
sein ernstes, bleiches Gesicht war ihnen wie ein verschlossenes Buch,
das sie gar zu gerne durchblttert htten. Das ist ein Bruder
Liederlich, sagten die einen, man sieht es ihm an der Farbe an, ein
Mensch ohne ein Fnkchen Lebensart; sonst wrde er wenigstens seine
Tischnachbarn mit seinen nheren Verhltnissen bekannt machen, wrde
auch in andere anstndige Zirkel kommen als nur zu Prsidents. So
urteilten sie von Martiniz, zuckten die Achseln, wenn sie von ihm und
seinem Verhltnis zu Ida sprachen; darin waren sie aber alle
einverstanden, da der Prsident von seinen Verhltnissen doch etwas
wissen msse; denn er lchelte so geheimnisvoll, wenn man ihn wegen
des Fremden anbohrte.

Alt und jung kannte bald den fremden Grafen, und berall kursierte er
unter dem Namen "der Mann im Mond"; denn sein geisterhaft bleiches
Gesicht, sein Aufenthalt im Goldenen Mond hatte dem Volkswitz Anla
zu diesem Spottnamen gegeben, und selbst Ida, als sie es erfuhr,
nannte ihn nie anders als den "Mann im Mond".

       *       *       *       *       *




FEINDLICHE MINEN.

Wie es brigens zu gehen pflegt: die rgsten Feinde Idas und des
Grafen lieen sich ffentlich am wenigsten ber dies Verhltnis aus.
Frau von Schulderoff und Frulein von Sorben fhlten sich bis zum Tod
beleidigt; aber sie hielten ffentlich an sich und schwiegen.

Beide hatten sich vorher wenig gesehen; denn sie waren etwas ber den
Fu gespannt; der Leutnant Schulderoff hatte einmal einen ganzen
Winter hindurch dem Frulein die Cour gemacht; das Verhltnis hatte
sich aber aufgelst, man wute nicht wie. Jetzt, da sie in
_einem_ Spital krank waren, jetzt nherten sie sich wieder, und
obgleich das Frulein in ihrem Herzen der Frau von Schulderoff schuld
gab, sie habe den Sohn aus ihren Netzen gezogen, so verga sie doch
einstweilen diese Krnkung, um diese neuere besser zu tragen oder zu
rchen. Die Frauen sehen in solchen Sachen feiner und viel weiter als
jeder Mann an ihrer Statt; so hatte die Sorben bald weggehabt, da
das Unglck des Leutnants vor dem Hause des Prsidenten, von dem die
ganze Stadt sprach, wohl nicht so zufllig sei, als man es erzhlte;
sie hatte durch ihre Kundschafter bald weggehabt, da die Nachtmusik,
von den zwanzig Regimentstrompetern aufgefhrt, nicht den Grafen,
sondern Leutnant Schulderoff zum Urheber habe, der, wie die Juden die
Mauern von Jericho, so die Steinwlle und Gueisentore von Idas
Herzen mit Zinken und Posaunen habe niederblasen wollen.

Dies alles fhlte sie recht gut und kalkulierte, was sie _nicht_
wute, so richtig zusammen, da sie ber den ganzen Roman des Herrn
von Schulderoff Rechenschaft geben konnte. Die Mama des verunglckten
Liebhabers, der seit der Nachtmusik nur noch sprder behandelt worden
war,--mochte sie nun ahnen, da die Sorben auch ein wenig verletzt
sei, oder mochte sie nur einen gewissen Verwandtschaftsneid zwischen
dem Frulein und Ida voraussetzen,--sie besuchte von freien Stcken
die Sorben, teilte ihr mit, was sie wute, und lie sich mitteilen,
was das Frulein im stillen erlauscht und erspht hatte. brigens
lebte auch sie in der festen berzeugung, Martiniz und Ida haben sich
schon lange gekannt und er sei ihr nach Freilingen nachgefolgt; denn
von den nchtlichen Leiden des unglcklichen Grafen ahnte niemand
auch nur ein Silbchen, so verschwiegen war der Kster des Mnsters in
dieser Sache.

Unbegreiflich war und blieb es brigens sowohl der Frau von
Schulderoff, als der Sorben, warum der Graf, der doch sein eigener
Herr schien, nicht schon lange bei dem Prsidenten um Idas Hand
gefreit habe; sie, die sich kein anderes Hindernis dachten, sie, die
nur einen Grund sehen wollten, waren einig darber, da es dem Grafen
entweder nicht recht ernst sei, oder da es sonst irgendwo ein
Hkchen haben msse. So hatten beide Damen schon seit vielen
Nachmittagen und Abenden, die sie bei Kaffee oder Tee miteinander
zubrachten, kalkuliert, und immer schien es ihnen, sie haben noch
nicht das Rechte getroffen; da traf es sich, da ein Kammerherr, den
Frau von Schulderoff kannte, durch Freilingen kam und der gndigen
Frau, bei welcher Frulein Sorben gerade auf Kaffee war, whrend man
umspannte, einen Besuch machte.

Wessen das Herz voll ist, des geht der Mund ber. Der Kammerherr
hatte kaum seine Tagesneuigkeiten vom Hof ausgepackt, als Frau von
Schulderoff auch auf Ida und den Grafen kam und den Kammerherrn
fragte, ob sie wohl schon in der Residenz liiert gewesen seien.

Der Kammerherr horchte hoch auf bei dem Namen des Grafen Martiniz.
"Wie ist mir denn?" sagte er. "Ist das nicht der polnische Graf mit
den drei Millinchen, der unsere Grfin Aarstein--Ja, wahrhaftig!
Jetzt fllt es mir erst ein--in dieser Gegend, sagte man, werde er
sich ankaufen, und darum ist er wohl hier. Nein, meine Gndigen, mit
Frulein Ida von Sanden war der Pole in der Residenz nicht liiert;
denn er war noch nie in der Residenz, wird aber dort jeden Tag
erwartet; das Verhltnis, das er hier angeknpft hat,--da knnen Sie
sich auf Ehre darauf verlassen,--ist nur so _en passant_, weil
er vielleicht nichts zu tun hat; nein, der ist nicht fr die Sanden!"

Die beiden Damen warfen sich bedeutende Blicke zu, als sie diese
Nachrichten hrten. "Sie sprachen vorhin von der Grfin Aarstein,"
sagte die Schulderoff, "darf man fragen, wie diese--"

"Die Aarstein will ihn heiraten," warf der Kammerherr leicht hin,
"sie hat es jetzt genug, die Witwe zu spielen; der Hof wnscht sie
wieder vermhlt zu sehen, und zwar soll es, weil der Frst
berdrssig ist, ihre enormen Schulden zu bezahlen, etwas Reiches
sein. Da kommt wie ein Engel vom Himmel dieser Pole ins Land, um sich
hier anzukaufen; er ist von seinem Gesandten der Regierung aufs
dringendste empfohlen; denn man macht hauptschlich wegen seines
Oheims, der Minister in ....schen Diensten ist, ein groes Wesen aus
ihm; kaum hrt die Aarstein von den drei Millionen und dem alten
Oheim, der ihm einmal ebensoviel hinterlt, so erklrt sie mit
schwrmerischer Liebe--Sie kennen ihr liebevolles, ahnendes Herz---:
'Diesen und keinen andern!' Man ist hheren Orts schon gewhnt, ihrem
Trotzkpfchen nachzugeben, und diesmal traf es ja berdies ganz
herrlich mit allen Plnen zusammen; kurz, die Sache ist eingeleitet
und, so viel ich wei, schon so gut als richtig."

"_Est-il possible, est-il croyable?_" tnte es von dem Mund der
erfreuten Damen; die Sorben aber traute doch nicht so ganz. "Ich kann
Sie versichern," sagte sie zum Kammerherrn, "Frulein von Sanden, die
Sie aus der Residenz kennen mssen, ist sehr liiert mit dem Grafen,
und ich frchte, ich frchte, die Grfin kommt nicht zum Ziel!"

"Nicht zum Ziel?" lachte der Kammerherr. "Nicht zum Ziel? Das wre
doch kurios; man spricht ja in allen Cercles von dieser Verbindung;
die Grfin nimmt zwar noch keine Gratulationen an; aber ihr Lcheln,
mit dem sie es ablehnt, ist so gut als Besttigung; und wenn er auch
nicht wollte, er mu sie heiraten; denn er kann doch nicht unsern Hof
vor den Kopf stoen. Was wird er aber nicht wollen? Bedenken Sie, die
Grfin ist so gut als anerkannt von unserem Hof, hat unleugbar mehr
Gewicht als alle brigen zusammen, ist schn, blhend, macht das
beste Haus; er wre ja ein Narr, wenn er nur den leisesten Gedanken
htte, sie auszuschlagen. Und Frulein Ida? Nun, das soll mich doch
wundernehmen, wenn die sich endlich einmal hat erweichen lassen.
Unsere Herren in der Residenz knieten sich die Knie wund vor diesem
Marmorengel, aber alles soll umsonst gewesen sein; zwar erzhlte man
sich allerlei von dem Rittmeister von Sporeneck; sie sollen aber
gebrochen haben, weil sie seine Liaison mit der Aarstein erfuhr. Nun,
Glck auf! Wenn der Graf _die_ zahm gemacht hat, dann pat er zu
der Grfin; und ich sehe nicht ein, was dieses Verhltnis schaden
knnte; die Grfin Aarstein wird als Gemahlin des Polen ihre
Liebhaber nebenher auch nicht aufgeben. Doch was schwatze ich! Ihr
Onkel, Frulein von Sorben, kann Ihnen ber diese Sache die beste
Auskunft geben; denn ich mte mich sehr irren, wenn er nicht die
Hand dabei im Spiel hat." Der Reisewagen fuhr vor; der Kammerherr
empfahl sich und lie die beiden Damen in frohem Staunen und
Verwunderung zurck.

"Arme Ida!" sagte die Sorben spttisch. "So viel Routine hast du denn
doch noch nicht, da du Geschmack daran finden knntest, die Nebenbei
des Grafen Martiniz zu spielen. Nein, wie das Dmchen, das also in
der Residenz die Sprde so schn zu spielen wute, aufschauen wird,
wenn der gute _Mann im Mond_, den sie schon ganz sicher in
Ketten und Banden hat, wenn der amoroso Bleichwangioso auf einmal
morgens verschwunden ist, am nchsten Posttag aber ein Paket einluft
mit Karten, worauf _Graf Martiniz mit seiner Gemahlin, verwitwete
Grfin von Aarstein_, deutlich zu lesen ist."

"Nicht mit Gold ist sie zu bezahlen, diese Nachricht," bemerkte die
Schulderoff mit triumphierender Miene, "und um so mehr wird sie sich
rgern, da es die Grfin Aarstein ist; denn diese hat ihr ja, wie
Sie hrten, auch den herzigen Jungen, den Sporeneck, abgespannt--"

"Sie kennen den Sporeneck, gndige Frau?" fragte die Sorben, und ihr
gelbliches Gesicht schien tief ber etwas nachzusinnen.

"Wie meinen Sohn," versicherte jene; "wie oft war er aus Besuch bei
uns in Schulderoff, als er in Garnison in Tranzow lag! Mich nimmt es
nicht wunder, wenn er Ida kirre gemacht hat; denn wo lebt ein
Mdchen, das er, wenn er es einmal auszeichnete, nicht fr sich
gewann!"

"Herrlich, das mu uns dienen," fuhr das Frulein fort; sie setzte
auseinander, da ihr scheine, als habe der Graf doch etwas zu tief
angebissen bei Prsidents und als wolle er vor der Hand nicht an die
Grfin denken; da wolle sie nun ihren Onkel, den geheimen Staatsrat
von Sorben, gehrig prparieren, und sie stehe davor, da der Graf
die lngste Zeit im Mond logiert haben werde. Am besten wre es, wenn
man die Aarstein selbst in Freilingen haben knnte; doch sei dies bei
dieser Jahreszeit nicht wohl mglich; darum solle auch Frau von
Schulderoff Schritte tun. Sporeneck werde ihr schon die Geflligkeit
erweisen, auf einige Tage hieherzukommen; seine Sache sei es, den
Grafen recht eiferschtig zu machen. Habe man diesen nur erst dahin,
da er nicht so ganz auf die Scheinheiligkeit Idas baue, so sei auch
im brigen bald geholfen.

Frau von Schulderoff umarmte die Rednerin strmisch und ergnzte den
Plan vollends--"und wenn der Graf aus dem Netz ist, wenn man dann
fhlt, da man sich doch ein wenig sehr prostituiert hat, dann ist
auch mein Leutnant wieder gut genug; aber dann soll er mir sie auch
nicht nehmen, die stolze Prinzessin, als bis der Herr Papa-Prsident
mit seinen Friedrichsdors herausrckt und unsern Schulderoff wieder
flott macht; um die zimpferliche Schwiegertochter bekmmere ich mich
dann nicht so viel; die mag sehen, wie sie mit meinem Monsieur
Tunichtgut auskommt."

Der Traktat, der noch einige geheime Artikel enthielt, war gemacht
und beschworen. Schon nach zwei Stunden ging eine Depesche von
Frulein von Sorben an ihren Onkel in die Residenz ab, worin mit
bewunderungswrdiger Klarheit dargetan war, wie die Tochter des
Prsidenten einen jungen Polen in ihre Netze zu ziehen suche, da man
schon von einer Heirat zwischen beiden spreche, und da sie nur
bedaure, da dadurch der Residenz ein glnzendes Haus entzogen werde;
denn Ida scheine darauf zu bestehen, da der polnische Graf sich in
Freilingen niederlasse.

Der Brief, das wute sie, konnte seine Wirkung nicht verfehlen. Wenn
auch der Oheim-Geheime Rat nicht daran gedacht htte, bei der
eingeleiteten Heirat zwischen Martiniz und der Grfin Aarstein seine
Hand im Spiel zu haben, so htte ihn doch der letzte Punkt des
Briefes dazu vermocht, alles aufzubieten, um die Niederlassung des
Grafen in Freilingen zu hintertreiben. Der Gedanke, da ein groes
Haus mehr in die Residenz kommen knnte, war begeisternd fr ihn.
Unter allen Sterblichen schtzte er die am hchsten, welche Huser
machten; darunter verstand er freilich nicht Zimmerleute oder Maurer,
sondern die, welche ihm Schildkrtensuppen, fette Austern, feine
Ragouts, gute fremde Weine vorsetzten, die, welche regelmig einmal
in der Woche des Abends Tren und Tore ffneten, um frohe Gste bei
sich zu sehen, hohe Spiele arrangierten, kstliche Blle zu geben
wuten. Solche Husermacher liebte der alte Sorben; denn er war ein
altes Weltkind und ein feiner Schmecker aller Delizen, sie mochten
tot oder lebendig, vier- oder zweifig sein, mochten dem Gaumen oder
der Nase, dem Ohre, dem Auge oder dem Tastsinne schmeicheln--er war
ein Kenner, und daher mute es in seinen Wnschen liegen, ein
Dreimillionen-Grfchen in die Residenz zu bekommen.

So hatte ihn seine gewandte Nichte, ohne da er es merkte, bei allen
fnf Sinnen zumal nur durch ein paar kleine Worte gefat, und sie
durfte berzeugt sein, er fange Feuer. Aus dem Freiherrlich
Schulderoffschen Palais, das fr jetzt, in Ermangelung eines bessern,
nur aus einigen Mansardenstbchen bestand, lief ein Brief ab, der
keinen geringeren Hagelslrm, kein schwcheres Hallo in die Residenz
machen sollte als die zwanzig Trompeter letzthin, als sie die
Reveille vor Idas Fenster bliesen. Er war an Se. Freiherrliche
Gnaden, den Herrn Rittmeister von Sporeneck, bei Husaren Nr. 3,
berschrieben und lautete wie folgt:

                                          "_Freilingen_, 11. Dez. 1825.
"Herr Bruder!

"In meiner Garnison dahier geht es eigentlich noch immer so ledern zu
wie vordem. Das halbe Dutzend Reitpeitschen habe ich erhalten und
sende hier den Betrag. Sie sind recht schwank und sehen flott genug
aus. Den Sbel erwarte ich noch bestimmt vor Neujahr; vergi nicht,
da der Korb, wie bei den badischen Dragonern, doppelt sei. Dahier
hat sich vor kurzem auch etwas zugetragen, was Dir, Herr Bruder,
vielleicht auch interessiert; die junge Sanden ist mit einem Galan
hier angekommen, der ihr jetzt tglich und stndlich die Cour
schneidet. Begreife brigens nicht, wie sie dazu kommt, da man hier
allgemein sagt, sie habe _Dich_ sehr schnde abgewiesen. Auf
Ehre, Herr Bruder, es tut mir leid; aber ein Kerl wie Du, der seine
vierundzwanzig Liebschaften des Monats hat, sollte nicht so von sich
sprechen lassen. Solltest Du wegen dieser Affre, was ich frs beste
hielte, selbst einige Wrtchen entweder mit dem neuen Courtisan, oder
mit dem Frulein selbst sprechen wollen, so steht Dir mein Logis zu
Dienst. Der junge Herr ist ein Pole, Graf von Martiniz, soll schwer
Geld haben und scheint meines Erachtens der angefhrte Teil; denn sie
hat ihn in der Kuppel, da er weder links noch rechts kann. Lebe
wohl, gre alle Kameraden bei Nr. 1, 2 und 3 und verbleibe in
Bruderliebe Dein
                                       "_Franz von Schulderoff_,
                                        Leutnant bei Knigin-Dragoner."

Dies war das Schreiben, womit die Frau von Schulderoff den Rachegeist
fr Ida beschwor. Noch war des guten, unschuldigen Kindes Himmel rein
und heiter; aber indem es in das reine Blau des thers hineinsah und
sich dessen freute, zog Wolke um Wolke am Horizont auf und drohte ihr
stilles Glck zu suchen und zu zerschmettern.

       *       *       *       *       *




GEHEIME LIEBE.

Aber so gewi die Freilinger alles zu wissen glaubten, so wuten sie
doch nichts. Es ist eine eigene Sache um die Liebe, besonders um die
erste. Es gehen so zwei Menschen neben einander hin, still vergngt,
still selig; sie sehen aus wie Kinder, denen etwas recht Hbsches
trumt, und einem andern kme es grausam vor, sie aufzuwecken. Sie
gehen neben einander hin, sprechen von den gleichgltigsten Dingen
und denken an das, was ihr Herz erfllt; sie wagen es nicht
auszusprechen, und doch verstehen sie sich so gut durch die Augen;
denn sie tragen den Schlssel zu dieser Zeichensprache nebst
Wrterbuch und Formenlehre in ihrem treuen Herzen. So war es auch bei
Martiniz und Ida. Sie wuten, da sie sich liebten; aber noch hatte
der Graf nie deutlich darber gesprochen, noch hatte ihm Ida keine
Gelegenheit gegeben, sich zu erklren.

Der Hofrat Berner sah diesem allem halb freudig, halb unmutig zu. Er
liebte die beiden guten Leutchen, als wren es seine eigenen Kinder;
darum htte er ihnen auch alles Gute und Liebe gegnnt, eben darum
konnte er aber dieses verschmte Treiben nicht leiden. Er war so halb
und halb des Grafen Vertrauter; denn dieser hatte ihm ja alle Tage
von des Mdchens Schnheit, seinem Reichtum an stillen Tugenden
vorgeschwatzt, hatte ihm gestanden, da er glaube, Ida sei ihm gut;
aber dabei blieb es auch, und Berner war zu zart, bei dem Grafen den
Kuppler zu spielen. Auch Idas Vertrauter war er, er kannte ja ihr
Herzchen beinahe, seit es schlug; er wute jede Schattierung in ihren
Lebenssternen zu deuten, er sah ganz deutlich den Schelm mit Pfeil
und Bogen in ihren klaren Pupillen, und doch wollte auch sie nicht
recht voran; doch konnte er es ihr, als einem Mdchen, weniger bel
nehmen als ihm.

"Nein, wer mir je so etwas gesagt htte," dachte er, "dem htte ich
mit Fug und Recht unter die Nase gelacht; ein polnischer Garde-
Ulanen-Rittmeister, mit dem Rang eines Oberstleutnants in der Linie,
und wagt nicht einmal, ein Mdchenherz, das ihm gewogen ist,
anzugreifen." Er htte mgen aus der Haut fahren, wenn er daran
dachte, wie man zu seiner Zeit gelebt und geliebt habe und wie die
Welt in den letzten Jahrzehnten sich so ndern konnte. Aber wie, wenn
Martiniz aus Gewissenh--ja, das war nicht unmglich, es konnte
Gewissenhaftigkeit sein, da er sich nicht erklrte; befand er sich,
der unglckliche junge Mann, ja doch immer noch in demselben
Zustande, wie er hier angekommen war.

Der Kster, der jetzt regelmig nachmittags sein Dpschen hatte,
ohne da seine Frau begreifen und ergrnden konnte, wo er das Geld
dazu herbringe, der Kster hatte dem Hofrat alle morgen referiert,
wie es in der Nacht zuvor mit dem Grafen in der Kirche gegangen sei;
er hrte zwar, da er seit neuerer Zeit weniger stark wte; da er
aber desto mehr weine und jammere. Es war ein eigenes Ding mit diesem
Zustand; es war kein Zweifel, da der Graf jede Nacht um dieselbe
Stunde davon befallen werde, und doch sah man ihm den Tag ber keine
Spur von Wahnsinn an; nur seine zarte Blsse, das Wehmtige, das noch
immer in seinem Wesen vorherrschte, konnte darauf hindeuten, da er
krperlich oder geistig angegriffen sei.

Seinen Entschlu, den alten Brktzwisl um die Krankheit seines Herrn
zu fragen, hatte der Hofrat noch immer nicht ausfhren knnen; je
nher er den jungen Mann kennen lernte, je mehr Achtung er tglich
vor seinem gediegenen Charakter, vor seinem ausgebreiteten Wissen
bekam, desto unzarter schien es ihm, auf diesem Wege in seine
Geheimnisse eindringen zu wollen.

Aber unablssig verfolgte ihn der Gedanke, da er vielleicht, wenn er
das Nhere ber des Grafen Krankheit wte, helfen knnte. So sa er
eines Morgens in seinem Zimmer, dem man die Junggesellenwirtschaft
wohl ansah; der Kster hatte im Vorbeigehen zum Schnapshaus ein wenig
bei ihm eingesprochen und erzhlt, gestern nacht sei der fremde Herr
so zahm gewesen wie ein Lamm, aber geweint habe er wieder, da ein
Tpfer die Hnde darunter htte waschen knnen. Er sann hin und her,
wie man dem Geheimnis benommen knnte; da klopfte es bescheiden an
der Tr, und der alte Brktzwisl trat zu ihm ins Zimmer.

Der Hofrat konnte den alten Diener wohl leiden; er schien so fest an
seinem jungen Herrn zu hngen, schien so vterlich fr ihn besorgt zu
sein, da man sah, er msse ihn schon seit Kindesbeinen gekannt und
gepflegt haben; recht erwnscht kam er daher gerade in diesem
Augenblick, wo Berner so ganz mit Gedanken an seinen Herrn erfllt
war. Der Alte war anfangs ein wenig in Verlegenheit, was er sagen
solle; denn da er nicht aus Auftrag des Grafen komme, hatte Berner
gleich weggehabt. Nachdem er sich in allen Ecken sorgfltig umgesehen
hatte, ob nicht sonst wer im Zimmer sei, trat er nher.

"Mit Exkse, Herr Hofrat," sagte er, "nehmen Sie es einem alten
Dienstboten, der es gut mit seiner Herrschaft meint, nicht ungndig,
wenn er ein Wrtchen im Vertrauen sprechen mchte!"

"Wenn es keine Klagen ber deinen Herrn sind, so rede immerhin frisch
von der Leber weg!" sagte Berner.

"Klagen! Jesus Maria, wie kme ich bei unserem jungen Herrn zu
Klagen; habe ich ihn doch auf den Hnden getragen, als er's
Vaterunser noch nicht kannte, und ihm gedient bis auf den heutigen
Tag, und er hat mir noch kein unschnes Wort gegeben, so wahr Gott
lebt, Herr, und das sind jetzt fnfundzwanzig Jahre. Nein, aber sonst
etwas htte ich anzubringen, wenn es der Herr Hofrat nicht ungndig
nehmen wollen. Ich wei, Sie sind meines Herrn bester Freund in
hiesiger Stadt, ja, ich darf sagen, im ganzen Land hier, und mein
Herr hat mir dies nicht nur zehnmal versichert, ich wei auch vom
Kster, da Sie schon seit dem ersten Tag unseres Hierseins etwas
wissen, das Sie keiner Seele wiedergesagt haben, was Ihnen Gott
lohnen wolle--"

"Nun ja," unterbrach ihn der Hofrat, "und Du willst mir erzhlen, wie
Dein Herr in diesen unglcklichen Zustand kam, da er alle Nacht von
einer Art von Wahnsinn befallen wird, willst mich fragen, ob ich
nicht etwa helfen knne?"

"Ja, das wollte ich," fuhr jener fort, "aber--eine Art von Wahnsinn
nennen Sie das? Ich versichere Sie, es ist ein Wahnsinn von so echter
Art, wie man sie nur im Tollhaus finden kann; aber ich will erzhlen,
wie er dazu kam."

       *       *       *       *       *




EMILS KUMMER.

"Mein Herr war nicht von jeher so, wie Sie ihn jetzt sehen; jetzt ist
er bleich, still, finster, spricht wenig und lacht nie, geht langsam
seine Strae, und wenn er allein ist, so weint er. Ach! Sie htten
ihn sehen sollen, als noch die gndige Frau Grfin und die Frulein
Schwester lebten. Keinen frischeren, krftigeren jungen Herrn gab es
in ganz Polen nicht mehr; das sprang, ritt, tanzte, focht, liebte und
lebte, lachte und tollte, wie man nur in der Jugend sein kann. Keinen
schmuckeren Offizier habe ich mein Tage nicht gesehen, und es traten
mir immer die Trnen in die Augen, wenn er wie ein Hauptmann aus den
himmlischen Heerscharen an der Spitze seiner Schwadron zur Parade
zog, wenn die Trompeter an unserem Hotel aufbliesen, die Ulanen ihre
Fhnlein senkten und der junge Graf zu seiner Frulein Schwester
herauflchelte wie verklrt und seinen Tigerschimmel dazu tanzen
lie.

"Das ging nun so seinen guten Gang, bis der Teufel den Herrn Vetter
Antonio nach Warschau fhrte. Das war ein Schwestersohn von der Frau
Grfin Exzellenz, ein schner, schmucker Italiener mit braunroten
Wangen, blitzenden Augen, und wenn er sprach, glaubte man, er singe.
Der war eigentlich nur so weit herausgekommen aus seinem schnen
Land, um die Familie seiner Frau Mutter zu besuchen; aber ehe man
sich's versah, nahm er Dienste bei uns und blieb; denn er sagte, es
gefalle ihm nirgends so wie in Polen; mu auch so gewesen sein; denn
--wie sich nachher zeigte--er war zum Sterben verliebt in des Grafen
Schwester, die junge Grfin Crescenz. Im Hause hatte ihn jedermann
lieb; absonderlich aber der junge Graf, mein Herr, war ihm mit
bermenschlicher Freundschaft zugetan und tat ihm alles, was er ihm
nur an den Augen absehen konnte.

"Das ging nun lange Zeit gut; kein Mensch merkte, da Herr Baron
Antonio die junge Grfin liebte; denn diese hatte viele Liebhaber,
welche groes Gerusch und Aufsehen machten; der Italiener aber trieb
seine Sache im stillen und kam wohl blder ans Ziel als die andern;
denn er hatte, ich stand dabei, eines Tages einen schnen
Brillantring am Finger, der auch mir bekannt vorkam. Pltzlich fate
Graf Emil seine Hand und fragte: 'Wo hast du den Ring her?' Er aber
sagte lchelnd und ganz gelassen. 'Von deiner Schwester.' Nun wute
ich, was die Stunde geschlagen hatte; der Graf sah ihn mit einem
sonderbaren Blick an, gab ihm die Hand und sprach: 'Ich habe nichts
dagegen, nur sei ihr treu!' Es verging wieder ungefhr ein
Vierteljahr, da kam mein Herr auf einmal nach Hause, wie ich ihn noch
nie gesehen hatte; seine Augen rollten und blitzten schrecklich,
zweimal schnallte er den Sbel um, und ebenso oft warf er ihn wieder
hin. Ich fragte, was ihm wre, er aber gab mir gar keine Antwort, was
er sonst nie getan hatte. Ich habe nachher den ganzen Handel erfahren
und darf ihn wohl erzhlen. Der Graf war an jenem Nachmittag in ein
Kaffeehaus gekommen; da kam ein Offizier zu ihm, nahm ihn auf die
Seite, zeigte ihm einen Ring und fragte, ob er ihn wohl kenne. Der
Graf besah ihn genau und erkannte, da es derselbe Ring sei, den
seine Schwester dem Marchese geschenkt. Er uerte dies aber nicht
gegen den Offizier, sondern fragte nur, woher er den Ring habe. Der
Offizier sagte ihm, da er diesen Ring an Personen gesehen habe, die
dem Grafen Martiniz nahe angingen; er sei daher gekommen, um ihm
freundschaftlich zu sagen, da er diesen Ring auf eine Stunde von
Madame Trizka entlehnt habe, die ihn vom Italiener, seinem Vetter,
zum Prsent bekommen zu haben behaupte.

"Madame Trizka aber war die berchtigte Kurtisane der Stadt und um
Geld zu haben. Der Herr Graf fragte den Offizier auf sein Ehrenwort,
ob alles sich so verhalte, und nahm ihn auf seine Versicherung
sogleich zum Sekundanten an. Er schickte ihn mit dem Ring an seinen
Vetter und lie ihn fragen, ob die Trizka denselben von ihm bekommen
habe. Der Italiener antwortete mit einem kalten einfachen Ja, das
meinen Herrn nur noch wtender machte. Seiner Frulein Schwester
mochte er das Herzeleid nicht antun, ihr etwas von diesem Bubenstck
zu sagen, und beschlo daher, den treulosen Vetter sobald als mglich
aus der Welt zu schaffen.

"In einem Garten der Krakauer Vorstadt schossen sie sich gleich den
Morgen darauf. Mein Herr wurde an der rechten Schulter leicht
gestreift, er aber, der eine sichere Hand hatte und einen Rubel auf
dreiig Schritte traf, scho den Marchese durch die Brust, da er
keine Ader mehr zuckte. Man brachte beide in die Stadt und machte mit
dem Italiener noch einige Versuche, ihn wieder zum Leben zu bringen,
aber alles vergeblich. Es war zwar noch Leben in ihm; aber er lag
ohne Besinnung, und die rzte gaben gar keine Hoffnung.

"Mein Herr, der den Herrn Vetter trotz seiner Schlechtigkeit dennoch
beweinte, war so um ihn besorgt, da er sogar nicht auf seine Rettung
bedacht war, sondern sich an das Sterbebett des Vetters bringen lie.
Dieser lag immer ohne Besinnung und, wie es schien, ohne Rettung.
Mein Herr sa bis tief in die Nacht bei ihm; am Ende gegen zwlf Uhr
hin in der Nacht war niemand mehr zugegen als er, zwei Freunde, der
Wundarzt und ich. Mit dem Schlag zwlf Uhr aber schlug der Italiener
seine grulichen dunkeln Augen auf. Er richtete sich in die Hhe und
sah sich im Zimmer um.

"Uns alle wandelte ein Grauen an; denn man konnte glauben, er sei
schon gestorben, so gestanden und glsern war sein Blick. Endlich sah
er meinen Herrn; wtend ri er seine blutigen Binden von der
durchschossenen Brust, da das Blut herausstrmte. '_Maledetto
diavolo!_' brllte er und warf dem Grafen die Binden an den Kopf,
sank zurck auf die Kissen, und als wir hineilten, um ihn zu
untersttzen, hatte er seinen wilden Geist schon aufgegeben.

"Mein Herr aber war bei dem schrecklichen Fluch des Toten in Ohnmacht
gesunken. Er fiel in eine lange Krankheit, aus der er so unglcklich
wiedererstand, wie Sie ihn jetzt sehen. Als er aber aus seinem
Wahnsinnfieber, in welchem er drei Wochen gelegen, wieder aufwachte,
da ging erst der Jammer von neuem an; denn whrend der Krankheit war
er vollends ganz zur Waise geworden. Die junge Grfin war ein paar
Tage nach dem traurigen Vorfall pltzlich gestorben. Man sagt arge
Sachen in Warschau von Gift und dergleichen, die aber ein alter
Diener nicht glauben darf. Die Frau Grfin Mutter, die immer gesiecht
hatte, berlebte sie wenige Tage; dann trug man auch sie zu Grabe.

"Der junge Herr vernahm dies alles mit groer Fassung; als man ihm
aber einen Brief seiner Schwester brachte, da kam er auer sich, so
da wir frchteten, er komme wieder vom Verstand.

"Ich vermute, der Italiener war doch nicht so schuldig, als wir alle
glaubten; denn der Graf lie sich auf sein Grab fhren, weinte dort
lange und rief mit flehender Stimme in die Erde hinein um Vergebung.
Als ich in der nchsten Nacht neben dem Zimmer des Herrn zum ersten
Male seit langer Zeit ruhig schlief, weckte mich ein schreckliches
Geschrei--es kam aus seinem Zimmer--ich eilte hinein, und sah ihn in
Schrecken und Wahnsinn; denn er glaubte, der Italiener sei in seinem
blutigen Hemde zu ihm gekommen, habe die Binden abgerissen, sie
ihm an den Kopf geworfen und sein _Maledetto diavolo_ dazu
geschrien. Mit dem Schlag ein Uhr hrte auch sein Wahnsinn auf. Aber
seitdem kehrte er jede Nacht wieder. Er bekam wegen des Duells
Begnadigung, mute aber auf einige Zeit sich auer Landes begeben.

"Diese Weisung kam erwnscht; denn die rzte rieten zur Zerstreuung
durch eine Reise. Ach! wir fahren jetzt seit einem Jahr durch ganz
Europa, und dennoch kehrt sein Zustand jede Nacht wieder. Ich glaube
nicht an Gespenster, Herr; aber oft ist es mir doch auch, als habe
mein Herr recht, und der selige Herr Antonio folge uns auf den
Fersen. In Rom, wohin wir auf unserer Irrfahrt kamen, entwischte er
mir in seinem Anfall und lief in eine Kirche; wie es nun sein mag,
von da an behauptet er, der Spuk knne nicht zu ihm herein, wenn er
am Altar sitze.

"Wer war froher als ich ber dieses Auskunftsmittel! Aber auch nicht
jede Kirche war ihm recht; bald ist sie zu gro, bald zu klein, wie
es so mit kranken Leuten geht. Hier geht es nun unbegreiflich gut.
Die Kirche behagt ihm wie beinahe keine, und seit acht oder zehn
Tagen hat er gar nicht mehr gewtet, sondern nur geweint."

Der alte Diener hatte, oft unterbrochen von dem Hofrat, seine
Erzhlung beendigt. Berner konnte kaum seine Rhrung zurckhalten. Es
wollte ihm das Herz abdrcken, da ein Mensch, so schn, mit allen
Gaben des Glckes so reichlich versehen, mit _einem_ Schlage in
so namenloses Unglck strzen sollte. Er war voll Eifer zu helfen;
aber welchen Weg konnte man einschlagen, um dem Grafen seinen
schrecklichen Wahn zu benehmen? Waren nicht gewi alle Mittel schon
versucht worden, ihn zu heilen? Er fragte den Alten, wozu er ihm
behilflich sein knnte bei dieser Sache.

Der alte Brktzwisl lchelte geheimnisvoll vor sich hin und begann
dann: "Wenn ich recht gesehen habe, so ist mein Herr auf dem besten
Wege zur Heilung, und der Herr Hofrat knnen als Arzt dabei dienen.
Vor allem mu ich um Verzeihung bitten, wenn ich etwa nicht recht
gesehen htte. Einem alten Diener, der nur fr das Wohl seines Herrn
besorgt ist, kann man ja schon etwas zu gut halten. Der Herr Onkel
des Grafen, ein steinreicher Mann, der jetzt auch das Vermgen des
Grafen verwaltet, hatte mich mit reichlichen Mitteln versehen, da
ich jeden berhmten Arzt um Rat fragen konnte. berall, wohin wir
kamen und uns auch nur zwei Tage aufhielten, befragte ich gleich die
rzte; die einen wollten dies, die andern jenes, was man schon oft
probiert hatte, die meisten aber rieten Reisen und Zerstreuung.

"In einer kleinen deutschen Stadt, wo ich gar keinen Arzt gesucht
htte, traf ich durch Zufall einen in unserm Wirtshaus. Es war ein
kleiner alter Mann mit einem klugen Gesicht, das mir sogleich
Vertrauen zu ihm einflte. Er gab nicht gleich eine Antwort, sondern
betrachtete den Kranken in seinem Zustand, aber von ihm ungesehen.
Den andern Tag sagte er zu mir: 'Hre, Alter! Dein Herr ist
unheilbar, wenn ihn nicht Liebe heilt, und zwar recht innige, warme
Liebe zu einem Mdchen, das sie erwidert. Hat ihn erst einmal eine
recht gefat, so ist es unzweifelhaft, da sein Wahnsinn sich
zerstreut und nach und nach vergeht.'

"Diese Nachricht war mir nun von Anfang ein Donnerschlag; denn ich
wute, wie wenig er sich aus den Frauenzimmern macht. Wenn er durch
Liebe geheilt werden soll und durch nichts anderes, so ist er
verloren, dachte ich. Denn wo soll er sich verlieben? Er ging an
keinen Ort, wo schne Mdchen waren, in keiner Stadt wollte er ber
einen oder zwei Tage bleiben. Kurz, dieser Rat brachte mich erst
recht zur Verzweiflung. Aber dennoch schrieb ich es treulich dem
alten Herrn Onkel.

"Diesem aber leuchtete das Ding ein. Er schrieb mir, er wolle seinem
Neffen eine rechte gute Partie suchen, und wir sollen einstweilen
hieher ins ----sche gehen.

"Hier in Freilingen geschah nun, was ich fr meine Seele nicht fr
mglich gehalten htte. Er blieb vor vierzehn Tagen bis nach elf Uhr
auf dem Ball, da ich ihn sogar abrufen mute; nach der Kirche geht
er wieder auf den Ball, was er in einem Jahre nie getan, und kommt
ganz still selig nach Haus. Gleich den andern Morgen lt er mich das
Logis im Goldenen Mond auf vier Wochen bestellen; ich glaubte, mir
solle Hren und Sehen vergehen; er merkte auch, da ich mich so
verwundere, und gab vor, da ihm die Kirche so wohl gefallen habe.
Aber wie ich aus unserem mittleren Zimmer einmal hinausschaue, werde
ich in dem Haus drben einen Engel gewahr, der so holdselig
herberlchelte, da mir altem Kerl ganz warm ums Herz wurde. Da ging
mir denn ein Licht auf! Schon aus der Herreise hatten wir dieses
Frulein gesehen; auf dem Ball war sie auch gewesen, und tagelang
schaute jetzt mein Herr hinter dem Vorhang nach dem Fenster im Haus
gegenber.

"Und das ist niemand als die wunderschne Frulein Ida. Meinen Sie,
mein Herr sei frher in Gesellschaft gegangen? Zu keiner Seele,
obgleich ich fr jede Stadt eine Handvoll Empfehlungsbriefe hatte;
aber ich will die Tasse Tee mit Lffel und Stiel aufessen, die er
seit einem Jahre in Gesellschaft getrunken hat, und seit er ins Haus
hinberkommt, geht er alle Abende, die Gott gibt, zum Tee hinber.

"Seit der Zeit lt aber auch sein Zustand mehr und mehr nach; er
raset gar nicht mehr, er richtet sich nicht mehr auf, er bleibt ganz
ruhig am Altar setzen und weint aber nur desto mehr. Ich hatte eine
Freude, als ich dies bemerkte, da ich dem alten Doktor auf der
Stelle mein Hab und Gut geschenkt htte; dem Engelsfrulein aber, das
dies Wunder bewirkte, mchte ich, so oft ich es sehe, vor purer
Freude zu Fen fallen.

"Wenn es nun Gottes Wille wre, da das Frulein meinen Herrn liebte,
ach, da wre ihm geholfen, so gewi ich selig werden will! Und wenn
sie nicht schon einen andern hat, der kann ihr ja doch gewi recht
sein. Lassen Sie ihn nur wieder einmal zu roten Wangen kommen, lassen
Sie ihn nur ein wenig lcheln wie frher, lassen Sie ihn erst einmal
wieder in die Uniform schlupfen statt des schwarzen Zeugs, das er
anhat,--da mu er ja einem Mdel gefallen, und wenn sie einen
Marbelstein in der Brust htte statt eines Herzens. ber das Vermgen
will ich gar nichts sagen; sehen Sie, da ist das herrlich
eingerichtete Hotel in Warschau, da sind die Gter Ratitzka,
Martinizow, da ist Flazizhof, da--"

"La gut sein, Alter," bat der Hofrat, "mit _einem_ davon
knnten wir samt und sonders zufrieden sein. Was deinen Herrn
betrifft, so glaube ich selbst, da er das Frulein gerne sieht; wie
das Frulein ber ihn denkt, wei ich nicht so genau, doch kann sie
ihn nicht bel leiden. Das Ding mu sich brigens bald geben, glaube
mir! Hat dein Herr das Frulein recht von Herzen lieb, so soll er,
merke wohl auf, so soll er es ihr sagen; ich meine, ich knnte dafr
stehen, da sie nicht Nein sagt."

Der alte Brktzwisl war auer sich vor Freude, als er dies hrte.
"Nun, das mu wahr sein, wenn sich vernnftige Menschen miteinander
besprechen, gibt es ein Stck; mein Herr soll dran, soll Hochzeit
haben und wieder frhlich sein, und der alte Brktzwisl will kuppeln,
und all sein vierzigjhriges Dienen soll umsonst sein, wenn er nicht,
ehe acht Tage ins Land kommen, den Herrn Grafen auf der rechten
Fhrte hat."

"Aber meinst du auch, du verdienst dir beim alten Onkel Dank, wenn du
den Herrn Neveu verheiratest? Das Frulein ist eigentlich doch keine
rechte Partie fr einen polnischen Grafen--"

"Wird ihm wohl an ein paar hunderttausend Taler mehr liegen als an
der gesunden Vernunft seines Brudersohnes? Nein, der alte Graf ist
ein rsonabler, nobler Herr, der nicht auf solche Sachen viel sieht.
'Mache mir meinen Emil gesund,' hat er zu mir gesagt, als wir
abfuhren, 'bringe ihn vernnftig zurck _ tout prix_!' Da darf
man ja wohl auch eine Heirat dazu rechnen! Und berdies bekmmern wir
uns eigentlich nicht sehr viel um den alten Herrn; der junge Graf ist
eigentlich sein eigener Herr, und der Onkel hat ihm nicht so viel zu
gestatten oder zu verbieten. Doch besser bleibt besser, und da der
Alte mit Freuden seinen Segen gibt, dafr stehe ich! Ach, wenn er nur
das liebe Engelskind selbst sehen knnte!" Dem alten Mann schien der
Mund zu wssern; er bat den Hofrat noch einmal, recht zu sorgen, und
ging.

       *       *       *       *       *




DER SELIGE BERNER.

Als Brktzwisl fort war, schlug der Hofrat ein Schnippchen nach dem
andern in die Luft. Er hatte sich ja seine Herzensfreude vor dem
klugen Alten nicht merken lassen drfen, und doch htte er dem alten
verwitterten Polacken um den Hals fallen mgen, so recht ins Schwarze
seiner Seele hatte er mit seinen Plnchen getroffen. "Ein kapitaler
Kerl, der Brktzwisl," dachte der Hofrat, "ohne den wren wir doch
samt unserer stillen Liebe und unsern geheimen Plnchen ganz und gar
den Katzen. Beim alten Oheim scheint er einen Stein im Brett zu haben
und nicht nur so einen Bauern oder lausigen Laufer, wie man von der
alten Tressenrockseele glauben sollte, sondern einen gewichtigen
Rochen, der dem ganzen feindlichen Hof, der Knigin Aarstein und dem
Staatssekretr Springer mit seinen Winkelzgen ein verdecktes und
entscheidendes Schach geben soll!" So waren des Hofrats Gedanken; es
war ihm dabei so federleicht und stolz zu Mut wie einem Kandidaten,
der sein letztes Examen im Rcken und vor sich die Aussicht auf eine
fette Pfarre hat, wo er mit Frauchen, Pferdchen, Kindchen, Khen,
Schafen und Schweinen mitten unter seiner lieben Pastoralherde
residieren kann. Ja, es war ihm sogar ein wenig gttlich zu Mut, als
htte er Stangen, Zaum und Trense der Welt unter der Faust und
regiere an geheimen Schicksalsfden das Los des Grafen und seiner
Ida.

Alle Leute blieben auf der Strae stehen, als Berner vorberkam. Man
kannte ihn sonst als einen lieben, freundlichen Mann, der gerne
jedermann grte und hier und dort mit einem sprach; aber heute--
nein, es sah zu possierlich aus, wie der gute alte Herr vor sich hin
sprach und lchelte, alle Mdchen in die Wangen kniff, allen Mnnern
zuwinkte und ein paar Bettelbuben, die sich am Markt prgelten,
einige Groschen schenkte, da sie sich einen vergngten Tag machen
mchten. Den Prsidenten traf er auf der Treppe; er bot ihm einen
guten Morgen, schttelte ihm recht treuherzig die Hand und dachte
sich, wie sich wohl der Alte freuen werde, wenn der polnische Freier
angestiegen komme, um sein eheleibliches Tchterchen zu freien.

"Alte Exzellenz," wisperte er ihm ins Ohr, "aus der Heirat des Polen
mit der Grfin Aarstein wird--nichts."--"Nichts?" fragte der
Prsident mit langem Gesicht. "Nichts? Hat Er Nachrichten, Berner?
Hat etwa der Hof andere Absichten mit dieser Dame?"

"Was der Hof! Was der Staatsminister!" lachte der Hofrat. "Es gibt
noch ganz andere Diplomaten, als die Herren in der Residenz! Meinst
denn du, wenn so ein echter feuriger Pole liebt, da ihm das Feuer
aus den Kohlenaugen herauspfupfert, er werde erst vor dem
Staatssekretr den Hut abziehen und fragen: Erlauben Sie gtigst,
wollen Ew. Gnaden mir einen Gegenstand fr meine zrtlichen Neigungen
rekommandieren? Nein, Herr Bruder! Auf Ehre, wir haben das anders
gehalten anno achtundachtzig, und ich mag es dem guten, reichen
Jungen nicht verdenken, wenn er es auch so macht."--"Wie, so wre der
Graf in eine andere verliebt?" unterbrach ihn der Prsident.

"Verliebt, wie ich sage, und fr die Grfin so gut wie verloren."--
"Ei, ei," sagte der Prsident mit einem klugen Gesicht, indem er die
Finger an die Nase legte; "siehst du, das habe ich mir neulich gleich
gedacht, da das Attachement an die hohe Person nicht so gar gro
sein msse. Du weit von den Auftrgen, die mir in einem
Handschreiben des Staatssekretrs zukamen; ich richtete mich mit
aller Gewissenhaftigkeit nach meiner Vorschrift und bohrte ihn zuerst
ber die hiesige Gegend an; wei Gott, ich meine, der Mensch wird mir
nrrisch, lobt und preist die Gegend bis an den Himmel, hat in den
vierzehn Tagen, wie er mich versichert, mit seinen scharfen Augen
Lokalschnheiten entdeckt, die ihn unwiderstehlich anziehen und
fesseln, ja sogar unser gutes, ehrliches Freilingen, das nun in
meinen Augen eben nichts Apartes hat, liebt er so, da ihm die hellen
Trnen liefen. Nun haben wir ja den Goldfisch, denke ich, ja, ja, der
Freilinger Kreis ist nicht bel; aber die Grfin Aarstein ist
wahrscheinlich der Kder. Ich wende also das Gesprch auf den Hof und
endlich auch auf die Grfin; da ist er aber so kalt und gleichgiltig
wie Eis. Ich frage ihn endlich, als er gar nicht anbeien wollte, ob
er die Grfin denn nicht kenne, und da machte er ein ganz eigenes
Gesicht, wie wenn man beim berzuckerten Kalmus endlich aufs
Bittere kommt, und sagte: 'Nicht anders kenne ich sie als _par
renomme._' Das ist nun freilich bei der Frau Grfin nicht das
beste, das man haben kann. Wenn er sie daher nur und zuerst von
dieser Stelle kennt, so hat der Herr Staatssekretr schlecht
manvriert."

"Wei Gott, das hat er," lachte der Hofrat; "ich knnte dir Dinge
sagen--doch gedulde dich noch ein paar Wochen, und du siehest den
Herrn Grafen als Brutigam! Eine Dame aus der Residenz ist es nicht,
an die er sein Herz verlieren wird; nichtsdestoweniger ist es ein
Landeskind unseres allergndigsten Herrn, und zwar ein gutes, liebes,
schnes--"

"Nun, nun, so arg wird der Engel auch nicht sein," meinte der
Prsident, indem er sich verabschiedete; "aber ordentlich wohl ist es
mir, da es die Grfin nicht ist, denn ich sammelte mir so unter der
Hand Nachrichten ber sie, und die lauteten denn doch gar zu fatal."

War es dem Prsidenten ordentlich wohl, so war es dem Hofrat
auerordentlich selig zu Mut, als er vollends die Treppe hinanstieg,
als er nher und nher an Idas Zimmer kam, als ihn das Mdchen
Wunderhold empfing. Er htte mgen nur gleich mit allem, was er im
Herzen und Gedchtnis hatte, herausplatzen; aber nein! Hand auf den
Mund! So ging's nicht; vor seinem Schicksalspuppenspiel, das er jetzt
dirigierte, wre _das_ Mdchen bis in das Herz hinein errtet
und davongelaufen. Daher lie er seine Gedanken eine kleine
Schwenkung rechts machen, um dem Mdchen mit den Plnklern der
Neugierde und mit den schweren Kavalleriemassen der Rhrung in die
linke Flanke zu fallen und ihr Herzchen zu nehmen. Darum erzhlte er
ihr das Unglck des Martiniz; aus seiner eigenen Phantasie tat er die
rhrendsten Farben hinzu, um den tiefen Jammer des Grafen zu
schildern.

Doch das bedurfte es ja nicht; des innigliebenden Mdchens Trnen
flossen, als er noch nicht zur Hlfte fertig war. Wenn sie sich den
frhlichen, krftigen Jngling dachte, geliebt, geachtet von allen,
und pltzlich so unendlich unglcklich--ja, jetzt hatte sie den
Schlssel zu seinem ganzen Wesen, zu seinem ganzen Betragen.

Jetzt wute sie, warum er damals, als sie ihn zuerst im Walde sah, so
bitter geweint habe; jetzt ward es ihr auf einmal klar, warum er
niemals wieder recht frhlich sein knne. Er hatte seinen liebsten
Freund gettet, und, wie die Erzhlung des alten Dieners merken lie,
unschuldig gettet; je zarter ihr eigenes Gefhl war, desto tiefer
fhlte sie den Schmerz in dieser fremden und ihr dennoch so
verwandten Brust.

Sie weinte lange, und ihr alter, treuer Freund wagte es nicht, dieses
Trnenopfer zu unterbrechen. Noch hatte er ihr aber nichts darber
gesagt, wie der Graf aus seinem Wahnsinn zu retten sein mchte; so
schonend als mglich berhrte er diese Saite, indem er nicht
undeutlich zu verstehen gab, da ihre Nhe wunderbar auf ihn zu
wirken scheine. Sie sah ihn lange an, als ob sie sich besnne, ob sie
auch recht verstanden habe; eine hohe Rte flog ber das liebliche
Gesichtchen, ein schelmisches Lcheln mitten durch die Trnen zeigte,
da sie dies selbst wohl gedacht habe; sie schien zu zgern, das
auszusprechen, was sie dachte, aber endlich warf sie sich an die
Brust des alten Mannes, verbarg ihr glhendes Gesichtchen und
flsterte kaum hrbar: "Wenn er durch warme Teilnahme, durch lautere,
innige Freundschaft zu retten ist, so will ich ihn retten!" Sie
weinte an Berners Brust leise fort und fort; ihre Schwanenbrust hob
und senkte sich, als wolle sie alle sechsunddreiig Schnrlcher des
Korsettchens zumal zersprengen.

Dem Hofrat aber kam dies mitten in seinem Schmerz hchst komisch vor.
Die weint, dachte er, weil sie einen schnen Mann und drei Millionen
verdienen soll! Er konnte sich nicht enthalten, sie, vielleicht auch
um das Mdchen wieder aufzuheitern, recht auszukichern. "Ist es doch,
als ob es Ihnen blutessigsauer wrde, da Sie den schnen, edlen
Grafen aus seinem Wahnsinnsfegefeuer herauslangen sollen! Es ist ja
nicht die Rede von einem solchen leeren Schniffel und Musje
Unausstehlich, wie sie jetzt zu Dutzenden herumschlendern; nein, um
solche wre es nicht der Mhe wert, sich die Hand na zu machen, und
wenn sie im Sumpf bis unter die Nase stken und nicht mehr um Hilfe
schreien, sondern nur ein wenig nseln und rffeln knnten. Aber
nein, da ist der Ausbund von Mnnerschnheit, der Mann mit dem
interessanten, feurigen Auge, mit der zarten Blsse, welche die
Gemter so anzieht, mit dem feinen Brtchen ber den Lippen, das ein
ganz klein wenig sticht, wenn er den wrzigen Mund wlbt zum Ku--"

"Nein, es ist zu arg!" maulte Idchen und tat so ernst und
reputierlich wie eine Karthuserin, und doch mute das lose Ding die
Knie zusammenpressen, um nicht zu lachen. "Zu arg, nicht einmal ein
Fnkchen Mitleiden darf man zeigen, ohne da die bse Welt, den Herrn
Hofrat an der Spitze, gleich darber kritisiert, ob es einem
_schnen_ Herrn gegolten oder nicht."

"Nun, nun," lachte der Hofrat noch strker als zuvor, "es kommt immer
besser; Sie machen ja, wei Gott, ein Gesichtchen, als wollten Sie
mir nichts dir nichts der ganzen Welt ein Pereat bringen; aber im
Hintergrunde lauert doch der Schelm; denn mein Idchen hat es
faustdick hinter den Ohren. Ich mache gewi nicht wie Frulein von
Sorben und Frau von Schulderoff, die groe Stadtklatsche, aus jedem
Maulwurfshaufen einen Himalaya, aber--wer schaut denn immer hinter
dem Vorhang hinber in den Mond, um den Mann im Mond, wie ihn die
bsen Stadtkinder heien, herauszuugeln. Aber freilich, die jungen
Damen machen jetzt gerne astronomische Versuche, sehen nach den
schnen Sternen, welche das schnste Feuer haben,--da mu man ja doch
auch in den Mond sehen; aber Frulein Ida wird nicht, wie jener
scharfsichtige Astronom, Stdte, Festungen, ganze Wlle und
Verschanzungen darin erschauen, sondern hchstens die Besatzung
selbst, den Gr-"

Idchen hielt es nicht mehr aus; sie wurde rter als ein
Purpurrschen, sie prete dem Hofrat die weiche Flammenhand auf den
Mund, da ihm Hren und Sehen verging, und schmlte ihn jetzt so
tchtig aus, wie er frher sie selbst geschmlt hatte, als sie noch
ein ganz kleines unreifes Ding war. "Wie oft habe ich hren mssen,"
eiferte sie, "man soll die schnen Pppchen nicht beschmutzen, und
Sie, bser Hochverrter, machen ja Ihr armes Pppchen Ida ganz
schwarz; wie oft haben Sie gesagt, man solle nicht alles
untereinander werfen, sondern jedes Ding ordentlich an seinem Platz
lassen, wo es steht, und Sie nehmen da und dort etwas, rudeln und
nudeln es recht bunt durch einander wie ein Apotheker und malen die
Leute damit an. Ist das auch recht? Kann das Ihr sonst so geordnetes
Oberbuchhaltergewissen vertragen?"

Der arme Hofrat bat nur durch die Augen um Pardon; denn der Mund war
ihm so verpetschiert, da er nicht einmal ein Ach! oder Au!
hervorgurgeln konnte. Endlich gab sie Pardon; der Hofrat schpfte
tief Atem und sagte endlich: "Das verdient Strafe, und die einzige
Strafe sei, da Sie auf der Stelle ber und ber rot werden!" Ida
behauptete zwar, das lasse sich nicht nur so befehlen; aber es half
nichts. Der Hofrat begann: "So wissen Sie denn, da der Graf seit
einem Jahre Europa durchfliegt, durchrennt, an keinem Orte lnger als
einen, hchstens zwei Tage verweilt, da er auch eigentlich hier nur
einen Rasttag halten wollte--es sind Wochen daraus geworden; ich gebe
Ihnen mein Wort: wegen Ihnen allein ist er hier geblieben." Der
Hofrat hatte seine Strafe richtig beurteilt; sie schrak zusammen, als
er es aussprach.

"Wegen mir wre er hier geblieben? Meinetwill--" sie konnte nicht
weiter; ein holdes Lcheln geschmeichelter Selbstzufriedenheit
schwebte um die roten, frischen Lippen; der zarte Inkarnat ward
berall zur Flamme, und wie von alters her das weibliche Geschlecht
ein tiefes Rtsel fr den Forscher war,--war es Freude, war es
Schmerz?--das berraschte Herzchen machte sich in heien Trnen Luft.
Das hatte der Hofrat nicht gewollt; er wollte wieder von neuem
anfangen, wollte die lindernden Mittel der Frhlichkeit und des
Scherzes auf die Wunde legen, die er so ganz ohne Absicht geschlagen
hatte, wollte das Mdchen aufheitern, zerstreuen; aber war es denn
mglich, war das mglich, wenn man _dieses_ Auge in Trnen sah?
So mit ihrem Schmerz beschftigt, hatte er ganz berhrt, da man
schon zweimal an der Tre geklopft habe; leise wurde sie endlich
geffnet, auf dem weichen Futeppich hallte kein Schritt--Ida war es,
als wehe sie ein khlendes Lftchen an, es war ihr so wunderwohl und
s zu Mut, sie nahm das Tuch von den weinenden Augen und tat einen
lauten Schrei; denn vor ihr stand in voller Lebensgre Graf
Martiniz.

Auch dem Hofrat erstarb das Wort auf den Lippen vor Staunen, gerade
in diesem Augenblick den Mann zu sehen, von welchem er und Ida
gesprochen hatten. Doch der gewandte junge Mann lie sie nicht lange
in diesem peinlichen Stillschweigen; er entschuldigte sich, so
unberufen eingetreten zu sein; er habe aber niemand zum Anmelden
gefunden, und auf sein wiederholtes Pochen habe niemand geantwortet.
Er setzte sich neben Ida und fragte mit der Zutraulichkeit eines
Hausfreundes, ob er den Grund ihres Kummers nicht wissen drfe. Ach!
er war ja der Grund dieses Kummers, ihm galten ja diese Trnen, die
aus den geheimnisvollen Tiefen des liebevollen Mdchenherzens
heraufdrangen.

Sie wollte antworten, die Stimme versagte ihr; sie wollte lcheln,
aber ihre unwillkrlich strmenden Trnen straften sie Lgen; er
hatte so freundlich, so zart gebeten, an ihrem Schmerz teilnehmen zu
drfen, da es sie immer mehr und mehr rhrte. Mit einem
Feldherrnauge schaute der Hofrat in diese wirren Verhltnisse; rasch
muten die Blen bentzt werden. Der Zweck heiliget die Mittel,
dachte er, wirf sie beide in einen wirbelnden Strom, sie werden sich
eher finden, sich vereint an den Strand hinausretten. Er ergriff also
sein Htchen, brach auf und flsterte dem Grafen laut genug, da es
Ida hren konnte, ins Ohr: "Und wenn Sie noch zehn Jahre so dasitzen
und nach ihrem Kummer fragen, sie sagt Ihnen doch nicht, warum sie
weint. Um Sie, bester Graf, weint das Frulein, weil sie meint, Sie
seien unglcklich, und doch nicht helfen kann." Mit schnellen
Schritten witschte er aus dem Zimmer; es war ihm zu Mut wie einem,
der geset hat und doch nicht wei, was aufgehen wird. "Der Wrfel
liegt," sprach er bei sich, als er die Treppe hinabeilte, "er liegt;
zhlet nun selbst die Augen und vergleichet euer Gerad oder Ungerad!"

       *       *       *       *       *




ENTDECKUNG.

Die beiden jungen Leutchen saen sich gegenber wie die lgtzen;
keines wagte von Anfang ein Wrtchen zu sagen, selbst den Atem
hielten sie fest an sich. Dem Frulein hatte der Hofrat durch seinen
gewagten Scherz alles Blut aus den rosigen Wangen gejagt; es war ihr,
als stche ihr einer einen Dolch von Eiszapfen in das glhende Herz,
und ein anderer schtte eine Kufe des kltesten Wassers ber sie
herab, und im nchsten Augenblick war ihr wieder so brhsiedhei zu
Mut, als ob die Feuerflammenbrandung der Lava in ihren Adern siede
und ein Rheinstrom von rotglhendem, flssigem Eisen durch alle ihre
Nerven sich ergsse. Sie wute nicht, sollte sie aufspringen und
davonlaufen, sollte sie lachen oder vor Unmut ber diese Unzartheit
weinen; ein tiefer Seufzer entri sich dem gepreten Herzen--

Und Martiniz--was hilft in solchen Momenten das vollendetste Studium
dessen, was wir Welt nennen? Er war auf Hofbllen von Kaisern und
Knigen gewesen, er hatte mit einer Frstin eine Polonse erffnet
und ihr dabei die Schleppe von der _drap d'argent_'nen Hofrobe
abgetreten, da ihr die Fetzen vom Leibe hingen, und hatte dennoch
dabei die Fassung behalten, obgleich die Durchlaucht einen ganzen
Karttschenhagel aus ihrer Augenbatterie auf ihn spielen lie. Er
hatte--doch was konnte es ihm in diesem sen Augenblicke helfen, da
er sich sonst nicht so leicht verblffen lie? Der Moment ri ihn
hin; sie, die er mit aller Macht heimlicher Glut liebte, sie, die in
seinen Trumen allnchtlich ihm erschien und ihn zum Gott machte, sie
hatte um ihn geweint, weil sie ihn fr unglcklich hielt!

Und als er jetzt zu ihr hinaufblinzelte, als er die rhrende Scham
aus dem engelreinen Gesichtchen, das holde Lcheln um den Mund,
tiefer hinab die Schneepracht des Halses, dieses Nackens, dieser
Brust ansah--er hatte auf seiner groen Tour alle Galerien der Welt,
die Kunstschtze der Malerei, die lockenden, majesttischen,
niedlichen Formen der alten und neuen Bildhauerkunst gesehen, mit
wahrhaftem Kunstflei studiert, und was waren sie, was war Venus und
alle Grazien, was war Madonna und alle die herrlichen, heiligen
Gesichtchen aller Zeiten und Schulen gegen dieses geheimnisvolle
Amorettenkpfchen? Es lag ein Liebreiz in diesem sen Wesen.--Er
hrte sie seufzen, eine groe, helle Perle hob sich unter den
seidenen Wimpern; er ergriff ihre Hand und drckte seinen Mund
darauf; sie zog das weiche Wunderpatschchen nicht weg.

"Knnen Sie zrnen, mein Frulein," hub er an, "da ich zu so
ungelegener Zeit"--er hielt inne, um ihre Antwort zu erwarten--keine
Antwort.

"Wenn ich gewut htte, da ich Sie nicht heiter finden wrde, ich
htte mir gewi nicht die Freiheit"--noch keine Antwort.

"Sie haben einem Unglcklichen eine Trne des Mitleids geschenkt;
zarte Herzen wie das Ihrige verstehen einen tiefen Schmerz viel
frher als andere; mge Gott Ihnen diese Trnen des Mitgefhls
vergelten, die mir so unendlich wohltun"--keine Antwort, nur Perlchen
um Perlchen drngt sich ber den feinen Rand der Wimpern.

"Sie zrnen mir also dennoch," fuhr Martiniz trbe lchelnd fort;
"das beste wird sein, ich nehme mir die Freiheit, Sie ein ander Mal
zu besuchen." Er wollte seine Hand aus der ihrigen ziehen; aber Ida
hielt ihn fest.

"Herr Graf!" flsterte sie leise bittend--

"Warum nennen Sie mich Herr Graf?" antwortete Martiniz. "Wie oft
haben Sie versprochen, Martiniz, und wenn ich recht gut bin, Emil zu
sagen?"

"Martiniz!" flsterte sie wieder.

"O, bin ich denn nicht mehr so gut wie gestern, oder sind Sie nicht
mehr die freundliche, trstende Ida wie frher?"

"Emil!" hauchte sie kaum hrbar; aber in diesem einzigen Wrtchen lag
ein so ser Ton, dem alle Saiten in Emils Brust antworteten; voll
namenloser Seligkeit beugte er sich von neuem auf ihre zarte Hand;
doch er fate sich wieder, und, es war ihm zwar sauer genug, aber
dennoch kam er halb wieder in den rechten Takt der vertrauenden
Freundschaft. Er bat sie, ihn geduldig anzuhren, er wolle ihr sagen,
warum er so trbe und traurig durchs Leben gehe, und vielleicht werde
sie ihn entschuldigen.

Er erzhlte ihr die Geschichte seines unglcklichen Hauses, wie sie
der alte Brktzwisl dem Hofrat erzhlt hatte; aber den schrecklichen
Verdacht, den der alte Diener nur ahnte und sich selbst nicht zu
gestehen wagte, besttigte er. Er erzhlte, da, als er aus jener
langen Krankheit wieder zu vlligem Bewutsein und dem Gebrauch
seiner Verstandeskrfte gekommen sei, habe ihm das Leben und die
ganze Erde so de geschienen, da er seiner Mutter und Schwester die
selige Ruhe im Grabe gegnnt, ja beneidet habe; besonders seine
Schwester habe er glcklich gepriesen; denn, betrogen von dem Manne,
den sie liebte--wie htte sie ferner glcklich leben knnen?

Aufs neue sei damals eine groe Bitterkeit in seiner Seele gegen den
Italiener aufgestiegen, der nur nach dem fernen Norden gekommen
schien, um ein holdes Mdchen auf wenige Stunden glcklich zu machen
und dann zu betrgen, einen Freund zu gewinnen und ihn dann zum
unerbittlichen Rcher zu machen. Da habe man ihm einen Brief
gebracht, den seine Schwester kurz vor ihrem Ende geschrieben habe;
er enthielt das Bekenntnis einer tiefen Schuld, einer unwrdigen
Schande. Antonio habe lange geahnt, da er, obgleich ihr Verlobter,
doch nicht der einzig Begnstigte sei. Er habe sie in einem
Augenblick getroffen, der ihm keinen Zweifel ber die Unwrdigkeit
der Geliebten gelassen. Doch zu edel, sie der Schmach und dem
Unwillen ihrer Familie preiszugeben, habe er ihr erlaubt, seinen
Verlobungsring fortzutragen, in wenigen Wochen wolle er Warschau
verlassen und sie nie mehr sehen; ihren Ring, bei welchem sie ihm mit
den heiligsten Eiden Treue geschworen, wolle er der nchsten besten
Metze schenken.

"Dies war die einzige Strafe," fuhr Martiniz fort, "die sich der
edle, so schndlich betrogene Mann erlaubte. Wie unselig rasch ich
handelte, wissen Sie, mein Frulein. Meinem Sekundanten wollte er die
Schande meiner Schwester nicht anvertrauen, eine persnliche
Zusammenkunft mit ihm schlug ich in meiner Wut aus; so stellte er
sich denn mit seinem ganzen Unglck, mit seinem noch greren Edelmut
vor die Mndung meiner Pistole. Jenen ganzen Tag, da ich die Schuld
meiner Schwester und seine Unschuld erfuhr, wtete ich gegen mich
selbst.

"Ich wurde ruhiger, als es Abend wurde; aber zu derselben Stunde, wo
er verschieden war, fhlte ich auf einmal seine Nhe, sein
blutbedecktes Bild stand vor mir da; meine Seele fate das
Schreckliche nicht, ich verfiel in Wahnsinn. Seit jener schrecklichen
Stunde naht er mir alle Nacht und zeigt mir seine klaffende Wunde,
kein Raum ist ihm zu weit, kein Gebet verscheucht ihn, er wrde mir
im frohesten Zirkel meiner Freunde erscheinen.

"Nur in eine Kirche scheint er sich nicht zu wagen, und meine letzte
Zuflucht ist, mich jede Nacht an den Altar zu retten. Mein Leben ist
fr jede Freude verloren, mir blht kein Frhling mehr; die Natur ist
mir erstorben; ein rastloser Flchtling, eile ich ber die Erde hin,
verfolgt vom Gespenste dessen, den mein unberlegter Rachedurst
erschlug. Ich bin Kain, der seinen edlen Bruder ermordete; ich fliehe
und fliehe, bis sich mir eine frhe Grube ffnet, wohin sein blutiger
Schatten nicht mehr dringt, wo ich ausruhe, ungekannt, unbeweint, der
letzte Sprosse meines Stammes, ohne Denkmal als das der Blumen, die
der Frhling aus meiner Asche keimen lt."--

Ohne Idas Antwort abzuwarten, hatte sich nach den letzten Worten
Martiniz erhoben und war davon geeilt. Er war von seiner eigenen
Erzhlung so ergriffen, da er die laute Teilnahme des geliebten
Mdchens in diesem Augenblick nicht htte ertragen knnen. Ihre zarte
stille Teilnahme, die tausend Zeichen der lautlosen Liebessprache
hatten ohnedies schon so heftig auf ihn gewirkt, da er die rasende
Glut in seinem gepreten Herzen kaum mehr beschwichtigen, da er sich
kaum enthalten konnte, die Trnen, die seinem Unglck flossen, von
den zarten Wangen zu kssen. Wie eine trauernde Andromache sa Ida,
das Engelskpfchen auf ihr schneeweies Hndchen gesttzt, und lie
die Trnen herab in den Scho rollen. Nach und nach schien sie aber
ruhiger zu werden; sie sah oft auf, und dann lag in dem schnen Auge
etwas Schwrmerisch-Sinnendes, da man glauben durfte, sie sinne ber
einen groen Entschlu nach.

So traf sie Berner, der mit einem Armensndergesicht zur Tre
hereinguckte. Es hatte ihm unterwegs, nachdem der erste Kitzel ber
seinen gewagten Feldherrn-Einfall vorber war, doch ein wenig das
Gewissen geschlagen, da er die Leutchen so im heillosen Zappel
zurckgelassen habe. Er mute sich gestehen, da die Sache auf diese
Manier ebenso leicht ganz ber den Haufen gerannt werden konnte.--
Doch, da war er ja der Mann dazu, auch die verzweifeltsten
Verhltnisse wieder zu entwirren. "Haben sie sich auch, wie
ungeschickte Hauderer, ein wenig verfahren," dachte er, "der alte
Berner wei sie schon wieder ins rechte Geleis zu bringen." Als er
aber den Grafen nicht mehr traf, als er sah, da das Mdchen so gar
bitterlich weinte und schluchzte, da es einen Stein in der Erde
htte erbarmen mgen,--da grieselte es ihm doch den Rcken hinauf,
eine Gnsehaut flog ber seinen Kadaver und schnrte ihm die Brust
zusammen.--"Sicher einen dummen Streich gemacht," brummte er vor sich
hin. Da schaute sich Ida nach ihm um. Unter den verweinten Augen
hervor traf ihn doch ein so mildes Lcheln, da es ihm wieder wohl
und warm wurde, als htte er den besten _Extrait d'Absinthe_ vor
den Magen geschlagen.--"Habe ich ein dummes Streichelchen gemacht,
mein Kindchen?" fragte er kleinlaut, machte aber so verschmitzte,
kluge uglein dazu, da Ida, so ernst sie sein wollte, lcheln mute.
Sie gab ihm die Hand und erzhlte ihm, wie sie von Anfang durch seine
doch etwas gar zu indiskrete uerung sehr auer Kontenance gekommen,
da sie ihm aber jetzt nicht genug danken knne; denn der Graf habe
ihr all sein Unglck, sein Leiden erzhlt, und sie sei wie von ihrem
Leben berzeugt, da er von seinem Phantome knne befreit werden.
Jetzt hatte ja der Hofrat Ida auf dem Punkte, wo er sie haben wollte;
jetzt war er mit der ganzen Geschichte auf einmal im klaren und rieb
sich unter dem Tisch vor Freuden und lauter Seligkeit die Hnde. "Sie
knnen und mssen ihn retten, und darum hat mir mein Genius das tolle
Wagestck von vorhin eingegeben. _Sie_ mssen ihn berzeugen,
da alles Ausgeburt seiner Phantasie ist. Sie mssen machen, da er
wieder den Menschen angehrt, der gute Junge, da er bei Tag
freundlich und gesellig ist und nachts nicht mehr in die Kirche
luft. Ich will davon gar nicht sagen, da es fr seine Gesundheit
hchst nachteilig ist, alle Nacht sich vor einem blutigen Gespenst zu
frchten. Aber bedenken Sie nur alle andern Unannehmlichkeiten, die
ein solcher Umstand mit sich fhrt. Der Graf, ist er nun so recht im
Feuer, so recht, was man sagt, im Zug, gibt es dann einen
herrlicheren, angenehmeren Gesellschafter als ihn? Da ist alles
Leben, alles Feuer, das sprudelt von dem feinsten Witz, von der
zartesten Geselligkeit, und um die Zeit, wo gewhnlich, der
Champagnerpunsch, den Sie so trefflich zu bereiten wissen, oder
Kardinal und fr Liebhaber des Roten auch Bischof aufgesetzt werden
soll, wenn man glaubt, jetzt geht es erst recht an, da wird er nach
und nach ernster und stiller, zieht einmal um das andere die Uhr aus
der Tasche oder lt sie in der Tasche repetieren, da man glaubt, er
habe ein Glockenspiel im Magen, und--hast ihn gesehen--schleicht er
sich _sans adieu_ fort und eilt der Kirche zu. Der Mondwirtin
kann ich es, ob ich gleich die heiligsten, frchterlichsten Eide dazu
schwre, noch immer nicht begreiflich machen, da er nicht auf ganz
schlimmen Wegen im Dunkeln schleiche. 'Ich wei das besser,' sagt
sie immer; 'im Dunkeln ist gut munkeln--das mache mir ein anderer
weis!' Und dann, wie unangenehm ist ein solches Verhltnis, wenn
der Herr Graf einmal in den heiligen Stand der Ehe sich begeben soll.
Zur Zeit, wenn da sein Weibchen ihre Tcher und Tchelchen, ihre
Rcke und Rckchen abgeworfen hat, wenn sie im Hemdchen und
Nachtkorsettchen ins Bettchen schlpft--"

"Was wei ein alter Hagestolz wie Sie?" unterbrach ihn das Frulein
eifrig, indem sie ihm mit dem weichen Patschchen, ber und ber
errtend, eines hinter das Ohr versetzte, schelmisch lchelte und
innerlich beinahe platzte. "Was wissen Sie von Nachtkorsettchen und
Schlafhubchen? Solche Dinge gehren ganz und gar nicht in Ihr Fach,
und der Schuster, heit ein altes Sprichwort, der Schuster bleibe bei
seinem Leisten!"

"Leider, Gott erbarm's!" seufzte und knurrte der alte Kater-Murr-Berner
mit komischem Pathos, "leider heit es bei mir: _ne ultra crepitam_,
[Funote: Nicht ber den Leist hinaus!] ich darf nichts sehen als
die hbschen Fchen und hchstens, aller--allerhchstens jahrs
einmal ein hbsches Wd--; doch um wieder auf Martiniz zu
kommen! Ich habe hin- und hergedacht, ich wei nur ein Mittel, wie
man ihn der Welt wiedergeben kann. Wir mgen ber die Torheit des
Gespensterglaubens an ihn hin predigen, so lange wir wollen, er gibt
uns Recht, und in der Nacht sieht er dennoch wieder sein Phantom.
Nein, man mu ihm auf ganz anderem Wege beikommen. Sie, Ida, Sie
mssen in der Stunde der Mitternacht zu ihm an den Altar gehen, bei
ihm bleiben in den Augenblicken der Angst, und ich stehe dafr, er
wird so viel an Sie denken, da das Bild seiner Phantasie
verschwindet." Ida strubte sich vor diesem Hilfsmittel mit
mdchenhafter Scheu. Sie gab dem Hofrat zu bedenken, da das sich
aufbringen heie, was die Welt dazu sagen werde, wenn sie einem
landfremden Menschen in die Kirche nachlaufe, und dies und jenes--
aber der Hofrat, der das Mdchen von seiner Kindheit an kannte, sah
tiefer. Er sah, wie sich in ihr zwar das Mdchenhafte gegen das
Unschickliche, das nach den Begriffen der Welt darin liegen knne,
strube, da aber das Edle und Groe, das sie, nur von wenigen
gekannt, tief in der stolzen, jungfrulichen Brust verschlo, schon
jetzt diesen Rettungsgedanken mit Wrme ergriffen haben msse; denn
in ihrem Auge sah er jenes stille Feuer ernsten Nachdenkens, ihre
Brust hob sich stolzer, wie wenn sie eines groen Entschlusses
mchtig geworden wre. Er trstete sie ber den Gedanken, was die
Welt sagen wrde; unerkannt wolle er sie in der dunklen Nacht in die
Kirche fhren,--"und landfremd," fuhr er mit schalkhaftem Lcheln
fort, "landfremd nennen Sie diesen Menschen? Mir wenigstens ist es in
den vierzehn Tagen geworden, wie wenn ich ihn lange, lange gekannt
htte; und wer war es denn, der in jener Ballnacht, als wir den
landfremden Menschen zum allererstenmal sahen, sagte: ich _mchte
hingehen und fragen, warum bist du nicht frhlich mit den Frhlichen?
Sage mir deinen Kummer, ob ich nicht helfen kann_!"--Es ist etwas
im weiblichen Herzen, das sie in einzelnen Momenten so hoch erhebt,
da sie Entschlsse fassen und ausfhren, wovor ein Mann vielleicht
sich gescheut htte. Auch Idas Herz war nicht unempfnglich fr
solche groe Entschlsse, die der kltere Beobachter mit Unrecht
Schwrmerei nennt; sie lehnte sich an die Brust des alten Freundes
und lispelte mit geschlossenen Augen kaum hrbar, aber fest
entschlossen: "Ich will es tun, denn ich fhle es: _der Zug des
Herzens ist des Schicksals Stimme!_"






ZWEITER TEIL.



DIE HEILUNG

Es war vierundvierzig Minuten auf Mitternacht, als aus des Prsidenten Haus
ein paar dunkle Gestalten traten; die eine, grere, war in einen dicken
berrock geknpft, den Hut tief ins Gesicht gedrckt; die andere, kleinere,
hatte einen Schal von dunkler Farbe um den Kopf geschlagen, war tief in
einen Karbonaro eingewickelt, der aber zu lang schien; denn die Person, die
ihn trug, mute ihn alle Augenblicke aufnehmen. Die beiden Gestalten
schlichen sich dicht an den Husern hin, gingen mehrere Straen entlang und
verschwanden endlich im Portal der Mnsterkirche.

Bald darauf kam ein Mann mit einer Laterne ber den Mnsterplatz; es war
der Freilinger Kster; er schlo schweigend die groe, knarrende Kirchtre
auf und winkte den beiden Gestalten, einzutreten. Die kleinere schien zu
zgern, als scheue sie sich, in den nachtrabenschwarzen Dom zu treten; als
aber der Kster mit seiner Laterne voranleuchtete, schien sie mutiger zu
werden und folgte; doch sah sie bei jedem Schritt unter dem Schal hervor,
als frchte sie, irgend etwas Greuliches hinter den groen Sulen
hervorgucken zu sehen.

Am Altar machten sie Halt. Der Kster zeigte auf einen breit vorspringenden
Pfeiler, von wo aus man den Altar und einen groen Teil der Kirche
bersehen konnte, und die beiden Verhllten nahmen dort ihren Platz; die
Laterne gab brigens so wenig Licht, da man, ohne nher zu treten, die an
dem Pfeiler Sitzenden von dem brigen Dunkel nicht unterscheiden konnte.
Indem hrte man den Glockenhammer im Turme surren und zum Schlag ausholen;
der erste Glockenschlag von Mitternacht rollte dumpf ber die Kirche hin,
und zugleich hallten eilende Schritte den mittleren Sulengang herauf dem
Altar zu. Es war Martiniz mit seinem Diener.

Bla und verstrt setzte sich jener, wie er alle Nacht zu tun pflegte, auf
die Stufen des Altars.

Zuerst sah er still vor sich hin; er weinte und seufzte, und wie in jener
Nacht, da ihn der Kster zum erstenmal gesehen hatte, rief er mit
wehmtiger, bittender Stimme: "Bist du noch immer nicht vershnt? Kannst du
noch immer nicht vergeben, Antonio?" Seine Stimme tnte voll und laut durch
die Gewlbe der Kirche; aber kaum war der letzte Laut verhallt, da rief
eine silberreine, glockenhelle Stimme wie die eines Engels vom Himmel: "_Er
hat vergeben!_"

Freudiger Schrecken durchzuckte den Grafen; seine Wangen rteten sich, sein
Auge glnzte; er streckte seine Rechte zum Himmel hinauf und rief: "Wer
bist du, der du mir Vergebung bringst von den Toten?" Da rauschte es an
jenem vorspringenden Pfeiler, eine dunkle Gestalt trat hervor; der Graf
trat bebend einen Schritt zurck, sein Haar schien sich emporzustruben,
sein Blick hing starr an jeder Bewegung des Nahenden; die Gestalt kam nher
und, nher, der milde Schein der Laterne empfing sie, noch einige Schritte
und--der dunkle Mantel fiel, ein seraphhnliches Wesen--Ida mit der
Taubenfrommheit eines himmlischen Engels schwebte auf den Grafen zu. Dieser
war in ein willenloses Hinstarren versunken; noch immer glaubte er einen
Bewohner hherer Rume zu sehen, bis ihn die se, wohlbekannte Stimme aus
der Betubung weckte.

"Ich bin es," flsterte, als sie ganz nahe zu ihm getreten war, das mutige,
engelschne Mdchen, "ich bin es, die Ihnen die Vergebung eines Toten
verkndigt. Ich bringe sie Ihnen im Namen des Gottes, der ein Gott der
Liebe und nicht der Qual ist, der dem Sterblichen vergibt, was er aus
bereilung und Schwachheit gesndigt, wenn ernste Reue den Richter zu
vershnen strebt. Dies lehrt mich mein Glaube, es ist auch der Ihrige; ich
wei, Sie werden ihn nicht zuschanden machen. Du aber", setzte sie mit
feierlicher Stimme hinzu, indem sie sich gegen das Schiff der Kirche
wandte, "du, der du durch die Hand des Freundes fielst, wenn du noch
diesseits Ansprche hast an dieses reuevolle Herz, so erscheine in dieser
Stunde, zeige dich unseren Blicken oder gib ein Zeichen deiner Nhe!"

Tiefe Stille in dem Gotteshause, tiefe Stille drauen in der Nacht, kein
Lftchen regte sich, kein Blttchen bewegte sich. Mit seligem Lcheln, mit
dem Sieg der berzeugung in dem strahlenden Auge wandte sich Ida wieder zum
Grafen. "Er schweigt," sagte sie, "sein Schatten kehrt nicht wieder,--er
ist vershnt!"

"Er ist vershnt!" jubelte der Graf, da die Kirche drhnte. "Er ist
vershnt und kehrt nicht wieder! O Engel des Himmels, Sie, Sie haben ihn
gebannt; Ihre treue Freundschaft fr mich Unglcklichen, die ebenso hoch,
ebenso rein ist als Antonios Treue und Gromut, sie hat den blutigen
Schatten vershnt. Wie kann ich Ihnen danken--"

"Danken Sie dem, der stark war in mir Schwachen," sagte Ida, indem sie ihm
sanft die Hand entzog, die er gefat und mit glhenden Kssen bedeckt
hatte; "wollen Sie aber mir etwas mehr gnnen als das Bewutsein, dem
Freunde gentzt zu haben, so danken Sie mir dadurch, da Sie sich wieder
den Menschen schenken, da Sie wieder heiter und froh sind, wie es Menschen
gebhrt, denen Gott die schne Erde zu einem Orte der Freude geschenkt
hat."

Sprachlos fate er das zarte Hndchen wieder und drckte es an sein
klopfendes Herz, sein freudiges Lcheln, ein seliger Blick sagten ihr, da
er erfllen wolle, was Sie ihm geheien.

Der Hofrat war indes nher getreten und hatte mit freudiger, zuweilen etwas
schalkhafter Miene die schne Gruppe betrachtet. Man konnte aber auch
nichts Schneres sehen. Der hohe, schlanke, junge Mann mit dem zarten,
sprechenden Gesicht, aus dem jetzt alle Wehmut, alle Trauer gewichen war,
das jetzt nur Freude und Glck aussprach, an seiner Seite die feine
Seraphgestalt mit dem lieblichen Engelskpfchen, das aus den sinnigen,
schmelzenden Augen so freudig, so schmachtend an jenem hinaufsah,--sie
beide umstrahlt von dem ungewissen, milden Schein der Laterne, an den
Seiten und im Hintergrund der Altar und die wunderlich geformten Bogen und
Sulen des majesttischen Tempels. "Nun," dachte Berner, "sei es um ein
paar Wochen, dann sind wir zu guter Tageszeit wieder hier am Altar; dort
auf den Stufen steht dann der Herr Pastor primarius, und weiter unten
mssen mir die beiden Leutchen dort knien: der Herr Pastor spricht dann den
Segen, und sie sind kopu--"

Es zupfte ihn etwas am Rockscho, er sah sich um. Der alte Brktzwisl stand
hinter ihm und wischte sich einmal ber das andere die alten Augen, die vor
seliger Rhrung bergingen. "Das ist Ihr Werk, Herr Hofrat," schluchzte er,
"mge es in Zeit und Ewigkeit--"

"Sei still," flsterte Berner, "dein Werk ist es; denn httest du nicht
endlich geschwatzt, so spukte der Herr Antonio nach wie vor."

Der alte treue Diener nahm aber das Lob nicht an. "Nun, am Ende ist es doch
der Himmelsengel dort," schluchzte er weiter, "der es vollbracht hat, ohne
sie htten wir anzetteln knnen, was wir htten wollen, wir htten doch
nichts zuwege gebracht. Morgenden Tages schreibe ich alles dem alten Herrn
Onkel, und der kann nicht anders, er mu seinen Segen zu der holdseligen,
zuknftigen Frau Grf--" Ein Wink seines Herrn unterbrach ihn; er eilte zu
ihm hin, kte die Hnde des Grafen und den Saum von Idas Gewand und
brachte dann, wie ihm der Graf befahl, Idas Mantel. Scherzend, als ging es
von einem Ball nach Hause, hing Martiniz dem holden Mdchen den Mantel um
und hllte ihr das Kpfchen so tief in den Schal, da nur noch das feine
Nschen hervorsah; der Hofrat fhrte sie, der stillselige Graf ging neben
seiner Retterin her, und Berner wurde gar nicht eiferschtig, da diese das
Gesichtchen immer nur dem Grafen und viel seltener ihm zuwandte.

Brktzwisl und der Kster, der ganz traurig schien, da seine Talerquelle
doch endlich versiegt war, schlossen den Zug. "So Gott will," sagte zu ihm
der alte Diener, als er die Tre schlo, "sind wir zum letztenmal nachts da
drinnen gewesen; dir soll es brigens dennoch nichts schaden, alter Kauz.
Wenn deine durstige Seele nach einem Glas Wein verlangt, so komme nur zum
alten Brktzwisl in den Mond; da setzen wir uns denn hinter den Tisch, die
Frau Wirtin mu alten geben, und wir trinken dann aufs Wohlsein meines
Herrn und des schnen Fruleins."

       *       *       *       *       *




NEUE ENTDECKUNG.

Der alte Brktzwisl kam am andern Morgen mit einem Gesicht, aus welchem man
sich nicht recht vernehmen konnte, zum Hofrat; er wnschte mit freundlichem
Grinsen guten Morgen und zischte doch dabei, wie wenn er Rhabarber zwischen
den Zhnen htte, ein "wenn nur das heilige Kreuz-Donner--" oder "wenn nur
das Mohren-Kraut-Stern-Elementerchen" um das andere heraus. Er
rapportierte, da er einen Brief von der alten Exzellenz, dem Oheim, habe,
worin ihm dies er ankndige, da er seine Briefe nach Fuselbronn, einer
Badeanstalt zwischen Freilingen und der Residenz seitwrts gelegen, zu
schicken habe. "Der Kuckuck!" rasaunte der alte treue Knecht, "htte der
alte Herr nicht die vierzehn Meilen weiter machen knnen? Jetzt wre er
hier in Freilingen und schaute das Glck seines Herrn Brudersohnes mit
leiblichen Augen, knnte nebenbei auch den Hochzeitvater vorstellen! Was
hilft mich das, da er wieder schreibt: 'Brktzwisl, scheue keine Kosten,
wir knnen es ja bezahlen, wenn der Himmel unserem Emil wieder gesunden
Menschenverstand verleihen will!' Was hilft mich das? In allen Nestern von
Italien, Frankreich, Schweden, Norwegen, England, Holland, wo wir
herumfuhren, habe ich keine Kosten gescheut; ich mag gar nicht denken, was
nur die Doktores kosteten, wenn ich allemal die Antwort bekam: 'Reise
weiter! Zerstreuung hilft! Glckliche Reise!'--Jetzt, wo wir hier
Zerstreuung und Freude umsonst hatten, wo ein Engelchen meinen armen Herrn
kuriert hat, jetzt soll ich keine Kosten scheuen? Was hilft da der
verfluchte Mammon? Kann ich dem Frulein sechs Louisdors geben wie einem
Doktor oder Professor?"

So knurrte der alte Kauz bei dem Hofrat; die Worte pullerten ihm nur so
hervor, es war ihm ganz ernstlicher Ernst mit der Sache, und er war auf
sich und die ganze Welt ergrimmt, da er jetzt nicht _stante pede_ eine
Hochzeit herhexen konnte. Der Hofrat sah ihn ganz erstaunt an und hielt
sich den Bauch vor Lachen, so komisch kam ihm des alten Gesellen Wten vor.
"Alter Narr!" rief er endlich, "mu man dir denn die Nase drauf stoen und
eine Brille aufsetzen, da du findest, was du suchst? Kannst du dich denn
nicht hinsetzen und die ganze Geschichte von den letzten vierzehn Tagen
deinem alten Herrn schreiben und dabei einflieen lassen, da dein Herr zum
Sterben in das Mdchen verschammeriert sei? Und wenn der Herr Onkel das
wei, nun ja--das Frulein ist von gutem Adel, ich sehe nicht ein, was fr
ein besonderes Hindernis--"

"Wei Gott, so tu' ich," rief Brktzwisl und setzte vor Freuden den Respekt
so ganz aus dem Auge, da er einen Katzensprung in die Luft machte; "aber
eines fehlt doch immer noch: mein Herr sollte nur erst mit dem Frulein im
reinen sein. Aber geben Sie acht, geben Sie acht, der macht uns einen
Streich! Er ist so blde, so furchtsam--"

Wenn er es nur gewut htte, der alte Brktzwisl! Sein Herr sa, indem sein
Diener von seiner Bldigkeit perorierte, bei Ida auf dem Sofa, der
Prsident, der nur so auf ein Viertelstndchen in seiner Tochter Boudoir
eingesprochen hatte, neben ihm. Was es doch eine eigene freie Kunst um das
Augenparlieren ist! Da schwatzten jetzt die guten Leutchen ein Langes und
Breites mit dem Herrn Papa von Bergen und liegenden Grnden, nebenher
hielten sie sich die schnsten Reden durch verstohlene Blicke mit einer
Beredsamkeit, einem rednerischen Feuer, von dem selbst Cicero in seiner
Rednerkunst keine Aufschlsse gibt und wovon auch kein Wrtchen weder in
der Syntax der deutschen Sprachlehren, noch in den verschiedenen Rhetoriken
und sthetischen Vorlesungen steht, die alljhrlich von den Kathedern
abgehaspelt werden. Der Prsident taute immer mehr auf; denn Martiniz
sprach von einem bedeutenden Gterkauf, den er in hiesiger Gegend im Sinne
habe, und der gute Prsident glaubte nicht anders, als seine Aufmunterungen
haben den Grafen auf diesen vernnftigen Gedanken gebracht, und wenn er es
vollends dazu bringen knnte, da der Graf die Grfin Aarstein--er
gratulierte sich schon im voraus zu einem allergndigsten Handschreiben,
besah lchelnd seine Brust, wo nchstdem das Grokreuz des Zivil-Verdienst-
Ordens paradieren werde, nannte Martiniz seinen neuen Landsmann und sein
liebes Grfchen und zog kichernd und schnalzend ber seine vortrefflich
gelungene Negoziation zum Zimmer hinaus.

       *       *       *       *       *




DAS TETE-A-TETE.

So lange er da war, war es dem Grafen und Ida ziemlich leicht zu Mut; zwar
prickelte es beiden ein wenig ngstlich im Herzen; denn das Wiedersehen
nach einem so wichtigen Moment, wie die gestrige Mitternacht war, fhrt
immer eine kleine, unabweisbare Verlegenheit mit sich; man ist nicht
sicher, den Ton gleich wiederzufinden, in welchem man sich verlassen hat.
Denn das ist keinem Zweifel unterworfen, da man, wie in jedem Gesprch, so
auch in dem Flstern der angehenden Liebe, abends wrmer ist und in einer
Viertelstunde weiter kommt als den Morgen nachher, wo schon der Verstand
mehr mit der Phantasie ber die Haushaltung rechnet. Daher war es Martiniz
auf den ersten Augenblick des Alleinseins mit Ida bange; er war so traulich
von ihr geschieden, er htte ihr gestern abend alles, alles sagen knnen,
wovon sein Herz so voll war--und jetzt, jetzt hatte er wieder allen Mut
verloren. Er hatte mit den ersten Damen von vier groen Reichen gescherzt
und gelacht, ohne sich von den imposantesten Schnen verblffen zu lassen,
--wo war sein Mut, seine Gewandtheit diesem Mdchen gegenber? Es war aber
auch unmglich, bei dem Engelskind die Fassung zu behalten;--erfreute der
herrliche Tannenwuchs, das Ungezwungene, Grazise der Haltung das Auge, war
man beinahe geblendet von dem Lilienschnee der Haut, von der jungfrulichen
Pracht des Alabasterbusens, war man entzckt von dem Rosensamt der
blhenden Wangen, von den zum Ku geffneten Korallenlippen, war man
wunderbar bewegt von dem lieblichen Kontrast, den ihre brand-brand-brand-
raben-raben-kohlen-tinten-schwarzen Ringellckchen und orientalisch
geschweiften Brauen mit den Cyanenaugen machten, war man hingerissen von
dem Zauberlcheln, das die Grbchen in den Wangen, die Perlen hinter dem
schngeformten Mund zeigte, htte man hinfliegen mgen, die zarte Taille
mit dem einen Arm zu umfangen, mit dem andern das Amorettenkpfchen recht
fest Mund auf Mund zu drcken--o! so durfte sie ja nur das Auge
aufschlagen, durfte nur jenen Blick voll jungfrulicher Hoheit auf den
sndigen Menschen und seine Begierden herabblicken lassen, so schlich man
sich so duchs und geschmiegt hinter die Grenzbarrieren der Bescheidenheit
zurck, als haben einen zehn Pavisitatoren und zwanzig; Gendarmen dahinter
zurckgedonnerwettert.

Das ist der Zauber reiner Jungfrulichkeit. Man sage, was man will, von
Verdorbenheit der Sitten und da kein reputierliches Frauenzimmer mehr
allein auch nur eine Meile weit reisen knne! An den Mnnern liegt es
wahrhaftig nicht, sondern an jenen selbst, die ohne den Schutz- und
Geleitsbrief jungfrulicher Reinheit in Blick und Mienen hinausgehen. Der
Graf war kein solcher Geck wie viele unserer heutigen jungen Herren, welche
glauben, jedes Herz, das sie lorgnettieren, msse auch unwillkrlich von
ihrer interessanten Erscheinung hingerissen sein. Nein, seinem scharfen
Auge war es nicht entgangen, wie Ida diese saubern Herren, als sie sich mit
ihrer dreisten, handgreiflichen Unverschmtheit an sie drngten, hatte
ablaufen lassen; wenn auch ihm keine solche Zurechtweisung bevorstand, wenn
er sich auch schmeicheln durfte, von diesem Phnix von Mdchen vor allen
ausgezeichnet worden zu sein, wenn er sich auch eines hheren Wertes bewut
war, wer stand ihm dafr, da nicht dieses Mdchen, das gewi auf ihre
Freundschaft einen hohen Wert legte, sich tief beleidigt fhlen werde, wenn
er zrtlichere Gefhle uerte? Wer stand ihm dafr--zwar der Hofrat hatte
es ihm zu dutzend Malen mit den frchterlichsten Eiden geschworen, da es
nicht so sei; aber was wute der Hofrat von den Heimlichkeiten eines tiefen
Mdchenherzens?--Wer stand ihm dafr, da sie nicht schon einen anderen,
wrdigeren lie--

Nein, er konnte den Gedanken nicht ertragen; die ganze Nacht hatte es ihn
gepeinigt; die guten Betten, ber welche er jenen Morgen der Frau
Mondwirtin viel Schnes gesagt hatte, waren hart und schneidend wie die
Latten, auf welche er sonst seine ungezogensten Ulanen geschickt hatte; die
Kopfkissen--Jakob's Stein mu ein Eiderdunenpfhl dagegen gewesen sein;
denn er konnte ja darauf schlafen und sogar eine Himmelsleiter trumen, die
ihn in den Himmel--es peinigte ihn den ganzen Morgen und Vormittag, bis er
endlich den Riesenentschlu fate, sich _Gewiheit_ zu verschaffen.

Noch auf der Treppe hatte er Lwenmut, er stieg die Stufen hinan, als wren
es die schiefen Seiten einer feindlichen Batterie; noch so lange der Papa
dabeisa, flsterte er sich zu, da er mehr Mut besitze, als er gedacht
habe; ihr Blick schien ihm heute besonders glnzend, schien ihn selbst
aufzumuntern; aber nein, es war ja nur das gewhnliche freundschaftliche
Wohlwollen; er wnschte den Papa zum Henker oder in seine Kanzlei, und doch
htte er ihn, als er ging, beim Frackzipfel nehmen und festhalten mgen;
jetzt Mut!--Aber es schnrte ihm die Kehle zusammen, er konnte nicht
anfangen, alles schien ihm zu gemein, zu trivial fr diese Stunde--

"Warum so still und trbe, Martiniz?" fragte Ida, als der Graf immer noch
keine Worte finden konnte. "Sie sind doch wohl nicht krank?" Wie wohl tat
ihm diese Teilnahme!--Das Gesprch war eingeleitet, und dennoch konnte er
nicht weiter. Da fiel ihm auf einmal ein Gedanke ein--er beschlo ihn
auszufhren; er nahm noch einmal das Thema von vorhin auf und ging die
Landsitze, die ihm angeboten worden waren, einzeln durch; auf allen war
Idchen bekannt, und wie unendlich hbsch stand es dem Mdchen, wenn sie von
der Landkonomie so kunterbunt plapperte, wie ihr das Schnbelchen
gewachsen war. Es war ihm, als se er schon mit ihr abends vor der Tre
seines Schlchens, die Kinderchen alle um ihn her im Gras, wie es auf
seines Vaters Schlo gehalten wurde, und neben ihm, neben ihm Ida als
zchtiges, hbsches, allerliebstes Frauchen; und wie sie dann--nein, es war
zu hbsch, wenn er es sich so vorstellte,--wenn sie dann sorglich die
Kinder hineinschickte--und selbst aufstand--und ihn bei der Hand nahm--und
die andere Hand ihm auf die Stirne legte--und, ja--und dann sagte:
Mnnchen, es macht hier unten schon etwas kalt, wollen wir nicht zu Bet--

"Da sitze ich schon ein gutes Halbviertelstndchen," unterbrach Ida mit
frhlichem Lachen sein Selbstgesprch, "und sehe Ihnen zu, wie Sie so gar
nachdenklich sind, als wollten Sie die Quadratur des Zirkels ausklgeln; wo
haben Sie nur Ihre Gedanken? Gewi saen Sie schon auf irgend einem Landgut
und sannen nach, wie lustig Sie sich dort die Tage vertreiben wollen."

"Ach," antwortete Emil, "so lustig wird es wohl dort nicht werden, wenn man
so allein, so ganz allein auf der Erde ist."

"Nun, das kmmt ja nur auf Sie an, Sie knnen sich die Einde froh machen,
knnen Freunde zu sich bitten--"

"Freunde?" fragte Martiniz mit sonderbarem Ausdruck der Stimme. "Es ist
wohl etwas Gutes um Freunde; aber sie kommen und gehen, und das Herz
verlangt nach etwas Bleibendem."--

"Wer bedenkt," antwortete Ida mit gerhrtem Blick auf den jungen Mann, "wer
bedenkt, wie viel Sie schon verloren haben, wird Sie um diese Ansicht nicht
schelten; Sie haben recht, es ist nichts Bleibendes auf der Erde."

So hatte aber der Graf auch wieder nicht gemeint. "Nein," sagte er, "es
hiee dem Leben seinen schnsten Reiz ablgen, wollte man dies so streng
behaupten. Etwas ist, was dem Mann in jedem Wechsel bleibt. Ihnen darf ich
es sagen, was ich meine, Ihnen, die in dem ersten Augenblick dem
Unglcklichen ihre zarte Teilnahme schenkte, die durch die zarten Bande der
Gastfreundschaft mein Herz wieder fr die edlen Freuden der Geselligkeit
ffnete, die, wenn alle Menschen mich verkannten oder ber mein Unglck
spotteten, mir treue Teilnahme und reichen Trost gewhrte, die mir aus
glubiger, frommer Freundschaft selbst in jene Schreckensstunde, die mich
von den Menschen verbannte, nachfolgte, die den Fluch von mir nahm, der
mich von Land zu Land rastlos fortscheuchte, dir, du reines, holdes, ewig
heiteres Engelskind, darf ich sagen, was mir fehlt, du hast mir ja immer
geholfen, mir fehlt--sei du es mir--ein liebes Weib--"

Mit steigendem Erstaunen war Ida der Rede Emils gefolgt--ihr Auge hing an
seinen Lippen, ihre Hand zitterte in der seinigen; denn sie meinte nicht
anders, als ein neues, noch furchtbareres Geheimnis zu vernehmen. Mit einem
Schrei der berraschung, der Freude, der Verlegenheit flog sie daher vom
Stuhle auf, als er endete. "Herr Graf--Marti--" stammelte sie in steigender
Verlegenheit, ihr Gesicht brannte in den hohen Gluten brutlicher Scham.

"Mein Mdchen, meine Ida!" flsterte Martiniz und zog sie zu sich herab in
seine Arme; er nannte sie mit den sesten Schmeichelnamen. "O la mir noch
_einen_ Glauben, noch _eine_ Hoffnung, la mir noch _einen_ Trost, den
deiner Liebe!"--"Mein Emil!" hauchte sie aus den sen Lippen hervor--und
der Graf prete sie in strmischem Entzcken an die Brust; wollte eben den
ersten, heiligen Ku reiner Lie--

Da schmetterten Posthrner die Strae herab; ein schwerer Reisewagen
rasselte drhnend ber das Pflaster und hielt vor des Prsidenten Haus;
aufgeschreckt wie ein Reh flog Ida aus des Grafen Armen und ri das Fenster
auf; aber erbleichend trat sie zurck.--"Mein Gott im Himmel!" rief sie,
"es ist die Grfin Aarstein."--Die Saat des Bsen reift schnell.

       *       *       *       *       *




DAS UNKRAUT IM WEIZEN

Die hllischen Latwergen und Rhabarbermschen aus der Leumundsiederei
_Schulderoff_ und _Komp._ taten ihre Wirkung vollkommen. Kaum hatte Onkel
Sorben, eine jener Hofseelen, die durch Intrigen geboren, mit Intrigen gro
gezogen werden und sicher einmal in einer Intrige sterben, die sie gegen
den Tod oder den Meister Urian anzetteln--Onkel Sorben hatte kaum den Brief
seiner liebenswrdigen Posaunen-Seraphs-Nichte zu Gesicht bekommen, als er
wie wtend nach seinem Stadtwagen schrie. War doch die Geschichte so
geschickt, so fein eingefdelt gewesen, und Geschenke--vom Herrn eine Dose,
vom Staatssekretr ein Staatssouper, von der Grfin ein Paar Pferde und
sonst noch was, was ein alter Kauz wie er nie verschmht, und dies alles
sollte ihm ein so naseweises Ding, die kaum hinter den Ohren trocken,
wegliebugeln.

Die Rte des Zorns lag noch auf seinem Gesicht, als er bei der Grfin
vorgelassen wurde; er traf sie allein, nur der Rittmeister Sporeneck, ihr
tglicher Gesellschafter, war dort. Der letztere hatte einen Brief in der
Hand, aus welchem er soeben etwas Unangenehmes vorgelesen haben mochte;
denn die Grfin schien mit Mhe sehr heiter zu sein; ihr kolossaler Busen
wogte ungestm auf und ab.

"Exzellenz," krchzte Sorben aus seiner angegriffenen Brust hervor,
"Exzellenz! Da bekomme ich soeben ganz sonderbare Nachrichten von Ihrem
Zuknftigen aus Freilingen."--Die Grfin und der Rittmeister warfen sich
bedeutende Blicke zu; aber der graue Hofmann lie sich nicht merken, da er
es gemerkt habe,--"ja, aus Freilingen; er soll dort _en passant_ ein
galantes Verhltnis mit einer jungen Dame, des Prsidenten v. Sanden
Tochter, angeknpft haben. Solches wre nun unter andern Umstnden ziemlich
gleichgltig; Exzellenz werden sich aber vielleicht noch aus dem Brief aus
Warschau erinnern, da der Herr Graf ein Schwrmer genannt wurde, und einem
solchen, wissen Sie wohl, ist nicht zu tr--"

"Nicht zu trauen, da haben Sie recht, lieber Sorben, da haben Sie recht,
und ich danke Ihnen fr Ihren Eifer. Die Sache ist brigens einmal so weit
eingeleitet, da das Grfchen daran mu, es mag wollen oder nicht;--was
schreibt sein Onkel?"

Diese Querfrage brachte den Geheimrat beinahe ganz auer Fassung; denn sein
Gewissen sagte ihm, da er in dieser Hinsicht ein gewagtes Spiel spiele;
als nmlich Graf Martiniz ins Land kam, als man berall von seinem Reichtum
sprach, der Staatssekretr ihn fr eine gute Prise erklrte und alle Segel
aufspannte, um ihn fr die Grfin zu kapern, da wollte es Sorbens
Glckstern, da ihm eine bedeutende Rolle zufiel.

Er hatte in Karlsbad den alten Onkel Martiniz kennen gelernt und stand
jetzt noch in einiger Korrespondenz mit ihm. Sein Geschft war es daher,
den alten Polen fr die Heirat seines Neffen mit der Grfin Aarstein zu
gewinnen; er hatte sich auch nicht anders gedacht, als er werde leichtes
Spiel haben, der alte Graf wute ja nichts von den fatalen Verhltnissen
der Aarstein, und--ja, es mute gehen; er schrieb dem alten Martiniz und
trug ihm gleichsam die Hand der Grfin fr den Neffen an. Mittlerweile
hatte er, um sich bei der Grfin, die dem regierenden Hause so nahe
verwandt war, wichtig und unentbehrlich zu machen, viel von seinem groen
Einflu peroriert, den er auf seinen Intimus, den alten Martiniz, habe und
jedesmal, so oft auf die Heirat die Rede kam, ganz zuversichtlich gesagt:
"Es fehlt sich gar nicht, der alte Pole mu wollen, was ich will, und damit
holla!"

Das Ding hatte aber doch einen Haken; der Graf hatte seinem Karlsbader
Freund wieder geantwortet, da diese Verbindung mit einer so erlauchten
Dame seinem Neffen wie dem ganzen Hause Martiniz nicht anders als zur
grten Ehre gereichen knne und da er sich unendlich freue, die schne
Grfin einmal als seine Schwiegernice zu umarmen; bis hieher war es nun
ganz gut, jetzt aber kam der Haken,--was brigens sein Votum in der Sache
betreffe, schrieb er weiter, so msse er sich mit Wnschen begngen; denn
er habe den Grundsatz, in solche Affren sich auch nicht im geringsten
einzumischen; sein Neffe kenne ihn auch von dieser Seite vollkommen und
wisse, da er ihm zu keiner Verbindung weder zu- noch abraten werde. Er
solle einmal nach Liebe heiraten, natrlich nicht unter seinem Stand; wenn
er aber diese Grenze nicht berschreite, gebe er seinen Segen zu jeder
Wahl.

Das war nun ein verzweifelter Haken; Sorben hatte sich vorgestellt, der
Alte werde bei einer Grfin Aarstein sogleich mit beiden Hnden zugreifen
und sie dem Herrn Neveu als Frau Gemahlin prsentieren ohne weitere
Sperranzien; wahrhaftig, man mute im Norden noch weit, sehr weit in der
Kultur zurck sein, da man von einer _Heirat nach Liebe_ sprechen konnte;
doch der Karren war schon einmal verfahren und konnte auf dieser Seite
nicht mehr herausgehaudert werden; der alte Herr von Sorben dachte also:
"_Vogue la galre_, der alte Narr _mu_ wollen!" machte gute Miene zum
bsen Spiel und sagte dem Staatssekretr und der Grfin, der alte Martiniz
sei vollkommen damit einverstanden. Ein bses Gewissen behielt er aber bei
der Sache noch immer; wenn ja das Grfchen Goldfischchen doch nicht
anbeien mochte--Nein! Er konnte den Gedanken nicht ausdenken, er wre ja
um Ehre und Reputation gekommen; denn auf _seine_ Nachricht von dem alten
Grafen hin hatte man sich nicht mehr geniert und von der Verbindung als von
etwas, das sich von selbst verstnde, berall gesprochen.

Wie jetzt die Sachen standen, ging ihm das Wasser bis an die Kehle, und die
fatale Querfrage der Grfin: "Was schreibt sein Onkel?" htte ihn beinahe
aus aller Kontenance gebracht. Doch er fate sich und antwortete mit der
heitersten Miene von der Welt: "Der ist, wie ich schon oft gesagt habe,
durchaus damit einverstanden, und diese Verbindung liegt ganz in seinen
Wnsch--"

"Wie? Ganz in seinen Wnschen? Damit einverstanden?--Das sind nicht die
Ausdrcke, die Sie mir frher sagten; erinnern Sie sich, Sie sagten mir: er
schreibe, er sei von selbst auf den Gedanken gekommen, da sein Neffe
mich--"

Hllenangst, Hllenpein nagte in Sorbens Brust; nein! wenn er
kompromittiert wrde! Doch da galt kein Besinnen mehr. "Vollkommen damit
einverstanden, meine Gndige, so vollkommen, sage ich, da er selbst zuerst
auf den glcklichen Gedanken kam."

"Nun, was wollen wir weiter?" fuhr die Grfin ruhig fort. "Mein Grfchen
wird nicht ungehorsames Shnchen spielen wollen; denn die drei Millinchen,
die er von dem Onkel erben soll und die, wie Sie mir sagen, wegfallen, wenn
er mich nicht--"

Sorben schnitt greuliche Gesichter; es war ihm, als sollten ihm die hellen
Trnen hervorstrzen, da er sich so dumm verplaudert hatte, und dennoch
sollte er lcheln und freundlich sein; er grinste daher furchtbar, wie
einer, der _Asa foetida_ oder recht bitteres Salzkonfekt im Mund hat und
doch zuckerhonigs dabei aussehen will.

       *       *       *       *       *




DAS UNKRAUT WCHST

Der Rittmeister hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen; aber die Miene
des alten Fuchses mochte ihm doch nicht so ganz spahaft vorkommen, als sie
aussehen sollte. "Mir scheint es, als drfe man die Sache nicht nur so
gehen lassen, wie sie geht, und am Ende warten, ob der Graf gehorsam sein
will oder nicht; denn hole mich der--verzeihen Sie, gndige Grfin--wenn
ich selbst drei Millionen htte wie der Goldfisch, der jetzt in Freilingen
vor Anker liegt, so tte ich nach meinem Sinn und nicht, wie mein alter
Oheim wollte."

"Das heit also," rief die Grfin pikiert, "Sie wrden Ihrem Kopf folgen,
auch zu den Fen des Fruleins Ida liegen und die Grfin Aarstein
refsieren?"

"Wie Sie nur so reden mgen?" antwortete der Rittmeister empfindlich. "Sie
wissen ja selbst, wie ich mit Ida stehe; aber ich wollte damit sagen, da
der Graf Sie sehen mu. Und hat er Sie nur erst einmal gesehen, nun, so
stehe ich dafr, da er keine weitere Vergleichung anstellt, sondern zu
Ihren Fen liegt."

Die Geschmeichelte schlug ihn mit der Eventaille auf die Hand und meinte
selbst, indem sie einen Blick in den deckenhohen Spiegel warf, da dieser
Rat vielleicht so bel nicht wre. Auch Sorben schien er das einzige
Rettungsmittel in seiner peinlichen Lage. Kommt die nur erst einmal hinter
den Polen, dachte er, dann sei ihm Gott gndig; denn wenn _die_ einen
lieben und von einem geliebt sein will, dann kostet es vierundzwanzig
Stunden, und er ist im Netz.

Sie hielten jetzt groen Kriegsrat. Die Nachrichten, die der Rittmeister
von seinem Kameraden Schulderoff aus Freilingen erhalten und kaum zuvor der
Grfin mitgeteilt hatte, stimmten auf ein Haar mit dem berein, was
Frulein Sorben ihrem Onkel geschrieben hatte. ber den Tatbestand war also
nicht der geringste Zweifel mehr. Aber wie dem Grafen beikommen?

"Ist sie denn wirklich so hbsch?" fragte Sorben, um die feindliche
Stellung recht genau zu rekognoszieren.

"Hbsch?" lachte die Grfin bitter. "Hbsch? Nun, das mssen Sie ihren
_primo amoroso_, den Rittmeister, fragen. Wenn durch einander gefitztes
Rabenhaar, ein Maul voll gesunder Zhne, ein paar rote Bckchen, eine
gedrechselte Hopfenstange von Krper, die mir die Nerven angreift, weil man
sie nicht berhren darf, ohne frchten zu mssen, da man eines der zarten
Gliederchen abknicke,"--bei der kolossalen Riesenkrassierfigur der Grfin
war dies nicht zu befrchten--"wenn dies alles fr hbsch gelten soll, so
ist sie wunderschn! Ha, ha, ha, wunderschn! Nun, und das--mu man ihr
lassen, viel Welt und _bon ton_ hat sie auch. Denken Sie sich, ich lasse
mich herab, sie mir letzten Winter prsentieren zu lassen, lade sie zu
meinen Soirees und Hausbllen ein; aber siehe da, Mamsell Zimperlich setzte
mir keinen Schritt wieder ins Haus. Ob dies nicht eine Sottise ohnegleichen
ist? Und als ich mich einmal bei ihrer Frau Pate, die einen Affen an ihr
gefressen haben mute, als ich mich bei der Frstin Romanow beklagte, warum
die junge Dame sich so impertinent gegen mich betrage, was meinen Sie, da
ich zur Antwort erhielt? Denken Sie sich: das gute Kind sei zu unverdorben
und keusch, als da sie sich in meinen Cercles gefallen knnte! Dergleichen
kann man von der Frstin sich sagen lassen und es ohne Replik einstecken,
aber, _ma foi_! sonst von niemand. Also zu unverdorben und keusch! Nun, der
Herr Rittmeister da wird von ihrer Keuschheit zu sprechen wissen. Wie ist
es damit? Gestehen Sie!"

Der Rittmeister versicherte zwar auf das heiligste, da er Ida immer nur
als ein reines Kind der Natur gefunden habe; aber sein hhnisches
Teufelslcheln bei diesen Schwren, die Art, mit welcher er den Stutzbart
bis an die Ohren zurckri und die Augen einkniff, lie fast erraten, da
er mehr wisse und erfahren habe, als er sagen wolle.

"Nun," sagte Sorben, "wenn die Aktien so stehen, so ist es nicht schwer zu
agieren. Sie, Exzellenz, heben den Grafen durch Ihre Reize aus dem Sattel,
der Rittmeister aber Ida, und zwar dadurch, da er den Grafen eiferschtig
macht. Er darf nur dem sen Schwrmer schwren, da er die Gunst des
Fruleins Engelrein noch nie ganz genossen habe, und dazu ein Gesicht
machen, wie wir es eben gesehen haben, so mu der gute Mann abgekhlt sein,
als sei er nie entbrannt gewesen."

"Aber wie soll dies alles geschehen? Wir knnen doch die Mamsell Zimperlich
nicht mit Extrapost kommen lassen, da sie erst vor vierzehn Tagen die
Residenz verlassen hat, und der Graf ist auch nicht so schnell zu meinen
Fen zitiert, als Sie sich wohl vorstellen."

"Ist gar nicht ntig," replizierte Sorben, indem er seine Karte immer
hbscher mischte, "nicht ntig. Wie wre es--ja, das wre am Ende das
beste, wenn Sie selbst nach Freilingen gingen und dort dem ganzen Spa auf
einmal ein Ende machten!"

Der Gedanke schien der Grfin nicht bel zu gefallen. "Wahrhaftig, es wre
so bel nicht," antwortete sie sinnend; "der alte Prsident--wahrhaftig,
ich quartiere mich selbst bei ihm ein--erst vor einem Jahr hat er mich
eingeladen, wenn ich einmal auf der Durchreise auf meine Gter durch
Freilingen komme, bei ihm abzusteigen. Das wre ein zu hbscher Spa,
Frulein Ida in ihrem eigenen Hause den Galan abzuspannen. Nein, der
Einfall ist gttlich, und ich bin fest entschlossen, ihn auszufhren."
Sorben atmete wieder freier, als er die Grfin auf so gutem Wege sah. Jetzt
konnte, jetzt mute ja noch alles gut werden, und sein Ansehen, seine Ehre
war gerettet. Er tat sich nicht wenig auf seinen Witz zugut, mit welchem er
so hbsch die Volte geschlagen und sein zweifelhaftes Spiel korrigiert
hatte. Noch einmal riet er dringend zur Reise und empfahl sich.

Als er fort war, gestand die Grfin ihrem Cicisbeo, da sie nach Freilingen
reisen werde, und zwar gleich morgen, aber nur unter _einer_ Bedingung,
nmlich er msse sie eskortieren. Einmal wrde ihr die Reise zu langweilig
ohne ihn, und dann habe sie ihn auch hchst ntig, um Ida bei dem Grafen
aus dem Felde zu schlagen. Der Rittmeister sagte freudig zu. Eine Reise mit
einer solchen Frau war eine herrliche Aussicht. Da er als
Reisestallmeister den Wein nicht zu schonen habe, wute er wohl. Nach
Freilingen war es drei Tagreisen; wie angenehm lie es sich bei der Grfin
im Wagen sitzen, wie interessant lieen sich die Verhltnisse weiter
spielen, wenn man abends ins Nachtquartier einrckte.--Und dann, er
kitzelte sich schon mit dem Gedanken, sich an Ida zu rchen, in die er--er
mute es sich zu seiner Schande gestehen--bis zum Tollwerden verliebt war
und die ihm nicht einmal ein Kchen--nein, es war zu unverschmt; bei
andern hatte er nach den ersten Prliminarien beinahe ohne Schwertstreich
gesiegt, und dieses Landpomernzchen hatte ihm so imponiert, da er es
nicht wagte, nachdem sie ihn einmal mit Verachtung abgewiesen hatte, noch
einmal einen Versuch zu machen. Und diese Blme war ausgekommen, man wute
es sogar in dem kleinen Nest Freilingen, zwanzig Meilen von der Residenz,
sein Kamerad Schulderoff, die ehrliche Haut, hatte ihn beschworen, sich zu
rch--. Es mute sein. Rache wollte er nehmen an der stolzen Jungfrau, da
ihr die Haut schaudern sollte.

Am andern Morgen fuhr ein Reisewagen mit dem grflich Aarsteinischen Wappen
zum Tor hinaus. Bald nachher jagte der Rittmeister von Sporeneck mit seinem
Jockei hintendrein, eine Stunde vor der Stadt gab er das Pferd dem Jockei
und setzte sich in den grflichen Reisewagen, und fort ging es ber Stock
und Stein, bis man den Mnsterturm von Freilingen sah. Dort stieg er aus,
kte noch einmal eine schne Hand, die ihm aus dem Wagen geboten wurde,
sa auf und ritt auf einem Umweg in die Stadt, wo er sich im Gasthof zum
Goldenen Mond einquartierte.

       *       *       *       *       *




TRBE AUGEN.

Ida fhlte einen tiefen Stich im Herzen, als sie die Grfin aus dem Wagen
steigen sah. "Nun adieu, Liebes- und Lebensglck!" seufzte sie, indem sie
einen trben Blick ber Martiniz hinfliegen lie und zur Treppe eilte, um
den erlauchten Gast zu empfangen. "Nun adieu, Liebesglck, wenn dieses Weib
in mein Leben greift!"

Sie zerdrckte eine Trne des Unmuts ber ihr Geschick und ging weiter. So
ungefhr mu es jenen unschuldigen Tierchen zu Mut sein, wenn sie die
Riesenschlange erblicken und, von ihrem greulichen Anblick bertubt, nicht
auf ihre Flucht denken, sondern in geduldiger Resignation dem Verderben
entgegengehen.

Mit jener Leichtigkeit und Grazie, die man in hheren Verhltnissen von
Kindheit an studiert, wute die Grfin schnell ber das Unangenehme der
ersten Augenblicke hinberzukommen. Sie war die Freundlichkeit, die
Herzlichkeit selbst. So weit hatte es freilich Ida in der Bildung nicht
gebracht, da sie denen, die sie nicht lieben konnte, wie ihren wrmsten
Freunden begegnete. Auch war _sie_ die berraschte und die Grfin die
berraschende; daher war Ida etwas befangen und zeremonis beim Empfang der
hohen Dame; aber ihr natrlicher Takt sagte ihr, da sie jede andere
Rcksicht beiseite setzen msse, um nur die im Auge zu haben, die Grfin,
die nun einmal ihr Gast war, anstndig und wrdig zu behandeln.

Um wie viel edler waren die Motive, welche Ida bei ihrem Betragen leiteten,
als die der Grfin! So verschieden als Natur und Kunst. Die Aarstein wute
gegen jeden, auch wenn sie ihn bitter hate und ihm htte den Dolch in den
Leib rennen mgen, freundlich und leutselig zu sein. Sie konnte ihm etwas
Verbindliches sagen, wenn sie das bitterste Wort auf der Zunge hatte. Aber
so sind jene Gesellschaftsmenschen, die nichts Hheres kennen, als sich zu
produzieren. Wenn man in ihre Cercles tritt, glaubt man in die alten Zeiten
zu kommen, wo noch alles so brderlich und freundlich war; da ist alles
bertncht, alles hat den schnen Anstrich der Geselligkeit; aber man soll
nur einmal hinhorchen, wie es da ber die ehrlichen Leute hergeht, wie
medisant da alles bekrittelt wird, wie da der Bruder, der Freund gewi sein
darf, von dem, der ihm gerade noch so schn getan, ohne Schonung bitter
bespttelt zu werden.

Aber ist es nicht berhaupt in der Welt so? Sucht nicht immer einer dem
andern so viel als mglich Abbruch zu tun? Wohl dem, der es dahin gebracht
hat, da er ruhig in dieses bse Treiben hineinsieht und dazu lchelt! Mit
Ruhe und dem Bewutsein, Gutes gewollt zu haben, in der zufriedenen Brust,
lache ich ber den Spott meiner Neider, ber die hmischen Bemhungen jener
Falschmnzer, die mit schnder Schadenfreude aus allem, was man je gesagt
und gedacht, nicht gesagt und nicht gedacht hat, Gift saugen und in ihrer
frechen Leumundsiederei ein Gebru zusammenkochen, das sie gerne mir
unterschieben mchten!

Sie sind zu bedauern, solche schlechte Menschen, die, von Neid und
Scheelsucht gestachelt, so ganz den wahren Lebenszweck aus dem Auge
verlieren, glcklich und brderlich untereinander zu wohnen! So denke ich
und viele Tausende mit mir ber jene bsen Mensen in den gesellschaftlichen
Zirkeln und in der Welt berhaupt, so denken wir und lachen; denn _das
Spiel des Lebens sieht sich heiter an, wenn man ein sicheres Glck im
Herzen trgt, und froher kehr' ich, wenn ich es gemustert, zu meinem
schnern Eigentum zurck_.

So dachte auch Ida, als sie an der Hand der Grfin die Treppe hinanstieg;
ein trstender Gedanke lag recht hell in ihrer Seele; sie verglich ihren
innern Wert mit dem ihres Gastes und dachte: wenn Martiniz mich liebt, wie
ich ihn liebe, in wird er diese Frau verachten, und wenn--ach, sie durfte
den Gedanken nicht recht ausdenken, ohne da ihr das Wasser in die Augen
trat!--nun, wenn er an _sie_ verloren geht, so habe ich wenig verloren.

Es gab einen sonderbaren, aber schnen Anblick, wenn man die beiden Damen
so nebeneinander hingehen sah. Grfin Aarstein, eine kolossale Figur,--sie
htte ohne Anstand in jedem Garderegiment dienen knnen,--voll, ppig
gebaut, in ihren Bewegungen lag etwas Imposantes, Majesttisches,
Gebietendes, in ihren Mienen eine Hoheit, die an bermut grenzte. Ihre
dunkeln Augen hatten das holde, mdchenhafte Niederschlagen schon lange
verlernt und rollten mit einem unstten Feuer umher, als suchten sie
lstern einen Gegenstand der Begierde oder als musterten sie alles umher,
ob auch die gehrige Ehrfurcht gegen einen Sprling eines so hohen Hauses
bewiesen werde. Ihr Gang war etwas schwerfllig, weil die korpulente Figur
fr die in die feinsten Pariser Atlasschuhe eingepreten Fe etwas zu
schwer war.

Neben ihr die leichte, schlanke, sylphidenhnliche Gestalt Idas--nein,
dieser Kontrast! Sie hielt sich zwar kerzengerade wie eine Tanne, aber doch
war das holde Lockenkpfchen ein wenig vorwrts gesenkt; das sanfte Auge,
oft niedergeschlagen in Demut, zeigte dennoch, wenn sie es aufschlug, so
glnzenden Mut, so feurige Lust und Liebe, so gebietenden Ernst, da es
durch die sanfte Beredsamkeit berzeugender gebot als das Rollauge der
gebietenden Grfin. Und um wie viel anziehender war das
Schelmengrbchenlcheln des sen Mdchens als das schrankenlose Lachen und
Gurren der Grfin, die durch ihre rauhe; tiefe Stimme jedes Ohr verletzte.
So schwebte Ida neben der Grfin hin, so wie Juno und Hebe traten sie in
das Zimmer.

Martiniz sah finster durch die Scheiben auf den Wagen hinab, der ihn so
unbarmherzig aus dem sesten Moment seines Lebens herausgerasselt hatte.
Er verwnschte den Gast, der gerade jetzt kommen mute, wo er endlich
seinem Herzen Luft gemacht, wo er dem Mdchen, das er liebte, das er
anbetete, seine Gefhle gestanden hatte, wo er Gegenliebe, se verschmte
Gegenliebe in ihren sanften Augen las, wo, wie von Engeln des Himmels
gesungen, "_mein Emil_" von ihren Lippen tnte, wo er, das Engelskind im
Arm, die Seligkeit erwiderter Liebe in der Brust, Himmel und Erde verga
und auf diese wrzigen Purpurlippen, auf die brutlich errtenden Wangen
den ersten, seligen Ku--

       *       *       *       *       *




DIE GRFIN AGIERT.

Die Flgeltren flogen auf, und Ida, hoch errtend beim Anblick des
Geliebten, fhrte die Grfin herein. Sie zitterte, von so vielen
gegeneinander kmpfenden Empfindungen bestrmt; die Stimme wollte ihr
beinahe versagen, als sie den "Grafen Martiniz" der "Grfin Aarstein"
vorstellte. Sie sah die Erz-General-Kokette errten, sie sah, wie sie den
bildschnen Mann mit ihren Feuerrdchen beinahe zu versengen drohte; es
zuckte ihr ganz eisig in das liebende, ngstliche Herzchen hinein, als die
Grfin sich in einer nachlssigen Stellung auf den Sofa warf, ihr zurief,
sie mchte sich doch gar nicht genieren und ihre Arrangements treffen, die
ein so pltzlicher berfall wie der ihrige immer notwendig mache, sie
mchte sich doch durchaus nicht genieren, der Graf werde schon die Gnade
haben, sie zu unterhalten.

"Da sei Gott gndig," flsterte Ida in sich hinein, indem es ihr frstelnd
und doch wieder siedhei durch alle Glieder ging, "wenn die so fortmacht,
so mssen wir ja alle samt und sonders, den Grafen mit eingeschlossen, zu
ihren Fen knien."

Sie nahm ihre Schlssel und ging; aber noch in der Tre warf sie einen
Blick auf Martiniz zurck, so voll Liebe und Besorgnis, als msse sie ihn
bei einem reienden Tier allein lassen.

"Ein liebes Kind, die Ida," wandte sich die Grfin an Martiniz, der
schweigend und gedankenvoll neben ihr Platz genommen hatte, "ein liebes
Kind; schade nur, das; man sie so bald aus der Pension genommen hat, ehe
sie noch die letzte Vollendung, das freiere Sichbewegen angenommen hat.
Nun, das macht sich nachgerade immer noch, wenn auch hier nicht gerade der
Ort ist, wo sie anstndige Vorbilder dazu haben mag; in greren Stdten
findet sich dies eher."

Sie hielt inne, als erwartete sie eine Antwort von dem Grafen; diesem aber
schien sein Kopf mit dem Herzen Ida nachgesprungen zu sein, und jetzt erst,
als die Grfin nicht mehr sprach, nahm er sich zusammen und beantwortete
ihre Frage durch ein leises Kopfnicken.

"Warte, ich will dich schon aufmerken lehren," dachte die Aarstein, der die
Zerstreuung des jungen Mannes nicht entgangen war. "In einer Hinsicht ist
es gut, da das Frulein aus der Residenz wegkam; Sie knnen sich gar nicht
denken, unsere Herren waren ganz rabiat, als sie so lieblich aufblhte; die
Strae vor dem Haus der Madame La Truiaire wurde nicht leer von den
Anbetern, und natrlich--ein solches Mdchen hat denn doch auch ein
Herzchen und fhlt sich durch diese Aufmerksamkeit geschmeichelt. brigens,
das mu man ihr lassen, mit dem grten Anstand wute sie den Herren zu
imponieren und sie sogar zu verscheuchen; da sie nun freilich bei dem
Rittmeister von ....... es nicht ebenso machte, kann man ihr nicht
verdenken."

"So--o?" fragte der Graf, indem ein dunkles Rot seine Wangen berzog. "Der
Rittm--"--"Nun ja," lachte die Grfin, "da ist es auch kein Wunder, da sie
ihn liebte und vielleicht noch liebt; wo ist denn in der Residenz ein
Damenherz, das er zu berwinden sich vorsetzte und das er nicht berwunden
htte? Er hat zwar etwas leichte Grundstze, ist aber sonst ein artiger
Mensch; _au fond_ ist es brigens dennoch gut, da man das Mdchen schnell
aus der Pension nahm; denn sehen Sie--doch, da kommt sie ja selbst," lachte
sie Ida entgegen, die mit liebenswrdiger, wirtlicher Geschftigkeit Tee
fr ihren Gast brachte. Beinahe htte sie das ganze zierliche Dejeuner auf
den Boden fallen lassen; denn der Graf--was mute ihm nur begegnet sein?--
er sa da, bleich wie der Tod, den starren Blick auf sie geheftet--

"Nun, da erzhle ich," fuhr die Grfin Satanas, die mit teuflischer Freude
das zarte Band, das diese liebenden Herzen kaum erst umschlungen hatte, zu
zerreien strebte, "da erzhle ich gerade dem Herrn Grafen Ihre Affre mit
dem Rittmeister, und wie ich die arme Ida bedaure, da man sie so grausam
herausri aus der Wonne der ersten Lie--"

"Gndige Frau!" rief Ida mit den Tnen des Schreckens und setzte die Tasse
nieder, die in ihrer zitternden Hand zu klirren begann.

"Nun, so erschrecken Sie doch nicht so, da ich aus der Schule schwatze;
das nimmt man bei uns nicht so genau; wahrhaftig, der Papa htte auch keine
ungeschicktere Zeit zu Ihrer Zurckberufung whlen knnen--"

"Ich mu Sie bitten, gndige Frau--"

"Ei, so lassen Sie doch die gndige Frau," fiel ihr die Aarstein ins Wort,
"ich kann das Wort Frau nicht ausstehen. Es ist mir gar nicht, als ob ich
Frau wre, und wahrhaftig, ich bin es ja eigentlich gar nicht," setzte sie
naiv und mit einem schalkhaften Lcheln gegen Martiniz hinzu; "ich lebte
nur ein paar Wochen mit meinem Herrn Gemahl, Gott hat uns kein Kind
beschert, und da bin ich ja eigentlich so gut als Mdchen."--

Ida schlugen die Flammen ins Gesicht; solche frivole uerungen muten ihre
unentweihten jungfrulichen Ohren hren, ohne da sie diese wegwerfende
Gemeinheit bestrafen konnte; und dann das dumme Aufziehen mit dem
Rittmeister; es war ja kein wahres Wort an der Sache; sie konnte gar nicht
begreifen, was nur die Grfin damit wollte; hatte sie ihn denn nicht so gut
abgetrumpft wie jeden andern? Was mute nur Martiniz von ihr denken! Sie
nahm sich vor, bei der nchsten Gelegenheit ihn zu berzeugen, da gewi an
der Geschichte mit dem Rittmeister kein wahres W--. Aber nein, wie sah der
Graf aus! Er hatte die Lippen zusammengekneipt, da sie ganz wei wurden,
sein Auge rollte unstt umher, schien sie zu suchen, zu fassen, und doch
schlug er es nieder, so oft er ihrem Blick begegnete. Es war ihr ganz bange
ums Herzchen, als ahne sie irgend ein Unglck; sie klgelte hin und her,
was ihm sein knnte, und fand immer nichts.

Die Grfin zog sich letzt in ihre Zimmer zurck, um sich umzukleiden. Ida
sah ihr mit leichterem Herzen nach; denn sie hoffte--sie gestand es sich
nur so halb und halb, da sie es hoffte--aber sie hoffte, der Graf werde
vielleicht an dem Gesprch von vorhin fortmachen; aber sie tuschte sich
bitter; er sagte kaum ja oder nein, wenn sie ihn etwas fragte, finster sah
er immer vor sich hin, und nach ein paar Minuten sprang er auf und ging.
Was hatte man ihm doch getan? Es war und blieb ihr unbegreiflich. Endlich
aber fiel ihr ein, der Rittm--, ja, das war es: eiferschtig war der gute
Graf. Sie mute lachen, als ihr der Gedanke kam. Sie fhlte sich so rein
und unschuldig, da es ihr ein leichtes schien, den Grafen zu berzeugen;
aber Strafe soll er leiden, der Unartige, nahm sie sich vor; wenn er mir
die Aarstein zu viel ansieht, so will ich immer von dem Rittmeister
sprechen und ihn recht bs machen.

Das gute, frhliche Kind, wie wenig dachte sie daran, was Eifersucht Bses
anrichten knne, wie wenig ahnte sie, was ihrer wartete!

       *       *       *       *       *




EIFERSUCHT.

Das Gift, das die Grfin Natterzunge ausgespritzt hatte, wirkte viel
tdlicher auf Martiniz, als man htte denken sollen. Ein anderer htte
entweder der Grfin keinen Glauben beigemessen, htte gedacht: nun, das ist
so das gewhnliche Sekkieren und wieder Sekkieren unter den Damen, und
damit holla; aber auf sein Gemt, das kaum erst von seinem Trbsinn, von
seinem Mimut, seinem Unglauben an die Welt geheilt war, auf ihn machte es
einen viel tieferen Eindruck, dieses Mdchen, das so hoch stand in seiner
Meinung, auch dieses sollte so leicht wiegen wie alle? Auch sie sollte so
zwanzig, dreiig Liebschftchen und am Ende noch eine recht tchtige Amour
mit einem leichten Rittmeister gehabt haben?

Aber wie? Wenn er sich recht fragte, was ging es denn ihn an, ob ein
Mdchen in der Residenz sich verliebt oder nicht, ob sie einem Rittmeister
viel oder wenig Gehr gibt? Was ging es denn ihn an? Das flsterte ihm sein
tief zerrissenes Herz zu, das, da sie die Maske der hohen, reinen Jungfrau
so knstlich vorhielt, da sie ihn begnstigte, ja, er durfte sagen, an
sich zog, whrend sie noch einen andern, wie es schien, Unwrdigen im
Herzen trug; aber vielleicht, es war ja doch mglich, vielleicht war es
doch nicht wahr, vielleicht hatte jener nur sich eingebildet, von ihr
geliebt zu werden, und er, er war vielleicht doch ihre erste Lie--

"Bitte untertnigst um Vergebung, wenn ich stre," schnatterte ein Jockei,
der whrend des Grafen Selbstgesprch ins Zimmer gekommen war; "der
Rittmeister von Sporeneck--"

Was Teufel! Hatte nicht die Aarstein jenen "Sporeneck" genannt? Sollte er
hier sein?

"--lassen sich Exzellenz zu Gnaden empfehlen," fuhr jener fort, "und ob der
Herr Graf dem Herrn Rittmeister nicht eines Ihrer Zimmer vornheraus
abtreten wollten?"

Da hatte er es ja; ein Zimmer sollte er abtreten, weil gerade gegenber
Idas Boudoir, Besuch- und Schlafzim-- nein, er konnte es nicht tun, diese
Forderung war zu unverschmt--gedankenlos starrte er den Bedienten an, der
ihm die Unglcksbotschaft hinterbracht hatte. Dieser glaubte, der Graf
wolle noch weitere Auftrge von seinem Herrn und schnatterte weiter:

"Die Zimmer im oberen Stock sind zwar auch nicht zu verachten; aber mein
Herr hat gesagt, es sei ihm nur um die schne Aussicht, und da hat er
gemeint, Exzellenz knnten vielleicht eines von den drei--"

"Nein!--" rief der Graf mit einem so schrecklichen Ton und rollte so
finster die Augen dazu, da dem armen Jockei ganz wind und weh dabei
wurde und er sich das Abschiedswinken des Grafen nicht zweimal
vormachen lie.

Da hat er es ja sonnenhell, da ihm das Licht in den Augen weh tat, da hat
er es; der Rittmeister, nichts Gewisseres, war bestellt worden und hatte
jetzt noch die Unverschmtheit, ihm ein Zimmer abzufordern, da er besser
hinber zu seiner Dulcinea--Nein, in diesem Tone _konnte_ es nicht
fortgehen; die Wehmut war strker als die Bitterkeit und wurde Herr ber
sie; er warf sich in seinen Sofa und weinte bitterlich. So war gewi noch
kein Mensch getuscht worden wie er; der Zufall, der blinde Zufall lt ihn
ein Mdchen finden, so hold, so schn, so ganz Unschuld und reine
Jungfrulichkeit; er mu sie lieben, und wie glcklich ist er in dieser
Liebe! Trost, Freudigkeit, Ruhe--Dinge, die er seit langer, langer Zeit
nicht gekannt--ziehen wieder ein in sein Herz, er fhlt sich glcklich, wie
er selbst damals, als noch sein Haus in Flle des Glcks und der Freude
prangte, sich nie gefhlt hatte; er sah, ja, er durfte es sich gestehen, er
sah das Morgenrot der ersten zarten, jungfrulichen Liebe auf ihren Wangen
aufgehen, und diese Liebe galt ihm; mit einem Zauberschlag schuf sie aus
ihm, dem Unglcklichsten der Sterblichen--den Glcklichsten. Jetzt hatte er
ja alles, was die khnsten Wnsche nur verlangen mgen; Gesundheit, Jugend,
hohe Geburt, Ehre und Ansehen, Geld, da er den Markt von Freilingen mit
Talern htte belegen lassen knnen, ohne da er es sonderlich gefhlt
htte; es fehlte ihm nichts mehr als das eine: ein holdes, tugendsames
Weib, und auch dieser hohe Wurf war ihm gelungen; er hielt im seligsten
Moment seines Lebens ein Mdchen im Arm, ein Mdchen, fr dessen Tugend er
sein Leben gegeben htte. Da sendet in dem Augenblick, wo er sein Herz
hingeben will, der Himmel eine Dame, die unwillkrlich den Schleier ein
wenig lftet und ihn das Mdchen ein wenig nher kennen lehrt, die ihn
merken lt, da dieses Auge nicht zum erstenmal von Liebe leuchte, dieser
keusche Mund nicht zum erstenmal gekt werde, die, wenn man es gleich in
der groen Welt nicht so genau nimmt, doch selbst eingestand, da es gut
sei, da man das Mdchen aus einem unschicklichen Verhltnis herausgerissen
--abscheulich! Ein Teufel in Engelsgestalt!--An eine Schlange, an eine
Kokette hat er sein Herz verloren; da, wo er schchtern mit der verschmten
Zartheit erster Liebe um ein einziges Kchen gebeten hatte, da hatten
andere geschwelgt! Er schmte sich wie ein Primaner, der die Rute bekommen
hatte, so betrogen, so schnde angefhrt worden zu sein; er gnnte ihr,
obgleich sein Herz dabei blutete, er gnnte ihr den Rittmeister; es reute
ihn beinahe, da er ihm sein Logis versagt hatte, alle Zimmer htte er ihm
geben sollen, er wollte morgen in alle Weite fortziehen.--Und dennoch
drngte es ihn, noch dazubleiben; wenigstens rchen wollte er sich an ihr,
er wollte hinber zu ihr, wollte sehen, wie sie sich jetzt gegen ihn
betragen wrde, wollte sehen, ob sie jetzt, da der rechte Liebhaber
gekommen, ob sie jetzt noch die Stirne habe, ihn, wie bisher, an der Nase
herumzuziehen. Tausenderlei nahm er sich vor, ihr zu sagen; aber das eine
war ihm zu spitzig und schneidend; er wollte ihr nicht so arg wehtun; da
andere war ihm zu weich, zu gefhlvoll; er wollte ihr nicht zeigen, wie
tief sie sein Herz verletzt habe,--das beste schien ihm, er wollte ganz und
gar nichts mit ihr reden; wollte tun, als ob gar keine Ida in der Welt sei
oder als sei sie ihm wenigstens sehr gleichgltig, wollte ihr zeigen, da
er sie verachte.

Die Stunde, zu der man gewhnlich beim Prsidenten Tee trank, hatte schon
geschlagen; er wischte sich daher schnell die letzte Trne, die er der
Dirne geweint haben wollte, hinweg, besorgte eilends seine Toilette, warf
sich in die Kleider, prete das weichgewordene Herz mit beiden Hnden
zusammen und ging dann den schweren Gang hinber in jene Zimmer, wo er
einst so unendlich glcklich gewesen war.

       *       *       *       *       *




DER NEUE NACHBAR.

Es war, als sei ein feindlicher Dmon mit der Grfin in Prsidents Haus
eingezogen. In wenigen Stunden war alles, das ganze ruhige, stille Leben
des Hauses verndert. Alles rannte und flog, um den hohen Gast zu bedienen;
es war ein Jagen und Treiben, ein Rennen und Laufen, da man glaubte, der
Feind sei vor den Toren. Der rgste war der Prsident selbst; ganz still
verklrt schlpfte er in allen Ecken des Hauses umher, zankte und
hantierte, da die Konfusion nur noch rger wurde und sein Mdchen, das vor
Haushaltungsgeschften und Herzensangelegenheiten nicht wute, wo ihr der
Kopf stand, ihn um Gottes willen bat, sie doch ganz allein machen zu
lassen. Es war aber auch kein Wunder, da er sich ein wenig verrckt
gebrdete. Der Himmel hing ihm voller eigenhndig-durchlauchtigster
Belobungsschreiben, voll groer Verdienstkreuze mit breitem Band ber die
Brust, voll Dotationen und Standeserhhungen; jetzt war er in seinem
_Esse_, jetzt konnte er negozieren und zeigen, da er nicht umsonst in
Regensburg und Wetzlar in seiner frhen Jugend Diplomatie studiert hatte:
Was er mit seinen khnsten Wnschen nicht fr mglich gehalten htte,
fhrte ihm ganz bequem der Zufall in die Hnde. Der Staatssekretr hatte
ihm aufgetragen, dafr zu sorgen, da Martiniz sich ankaufe und fr die
Idee einer Verbindung mit der Aarstein gewonnen werde; es hatte ihm
wahrhaftig schon manche Sorge gemacht, ob er diesen Ausbruch allerhchsten
Vertrauens auch gehrig rechtfertigen werde. Jetzt gab der Himmel der
Grfin ein, auf ihre Gter zu reisen. Was doch nicht der Zufall tut! Ohne
daran zu denken, da es wirklich einmal in Erfllung gehen knne,--denn der
gerade Weg fhrte zwei Meilen seitwrts an Freilingen vorbei,--hatte er
einmal in der Residenz in einem Anfall von galanter Laune der Grfin das
Versprechen abgentigt, einmal auf ihrer Reise bei ihm einzusprechen. Und
wie glcklich fgte es sich jetzt! Sie, die beim Herrn alles galt, die er
behandelte wie seine eigene Tochter und der er alles zu Gefallen tat, sie,
nach deren Wink die ersten Chargen sich richten muten, die, ohne da man
es merkte, an ganz geheimen Fden das Land regierte, sie besuchte _ihn_.

Aber sie sollte auch gehalten werden, als wre sie in ihrem eigenen Hause,
da sie recht viel Schnes und Gutes hheren Orts von ihm und seinem Hause
sagen konnte. Kaum hatte sie geuert, sie finde Idas Zimmer im ersten
Stock so hbsch, so mute das Frulein das Feld rumen und in die zweite
Etage wandern. Es kam dem Mdchen sauer an, als sie so die Pltze wechseln
wute, und in ihrem traurigen, ahnungsvollen Herzen wollte es ihr beinahe
bednken, als sei dies eine schlimme Vorbedeutung. Und es war ihr auch gar
nicht zu verdenken; sie hatte das Fenster mit der Estrade so gerne gehabt;
dort sa sie am liebsten, dort las, dort arbeitete sie; sie durfte ja nur
das Kpfchen ein wenig heben, Den blauseidenen Vorhang nur ein wenig
aufheben, nur einen kleinen Viertelsseitenblick hinberwerfen, so sah sie
ja auch schon ihn; und jetzt sollte sie der verhaten Nebenbuhlerin, die ja
offenbar nur gekommen war, um den Grafen in ihre Fesseln zu schlagen, jetzt
sollte sie dem ppigen Weib, die gewi alle Knste der Fensterkoketterie
aufbieten werde, ihr heimliches Pltzchen am Fenster, ihr lauschiges
Schlafstbchen abtreten und dafr, wei Gott wie lange, in den weiten,
unheimlichen Zimmern des oberen Stockes wohnen. Mit Seufzen richtete sie
ihre kleine Haushaltung oben ein. Der Stickrahmen, die Staffelei, die
Toilette, die paar Kistchen und Kstchen waren bald gestellt; jetzt setzte
sie einen Stuhl ins Fenster; sie probierte, ob man nicht auch von da in den
ersten Stock des Mondes hinabsehen knne; es ging wohl, aber sie sah nichts
als die Wolken seiner Gardinen; er mute schon herausschauen, wenn sie ihn
von diesem Platz aus zu Angesicht bekommen sollte, und das merkte sie
schon, einen steifen Hals konnte sie sich fglich gucken, wenn sie immer
das Kpfchen hinabbog. "Doch was schadet das," lchelte sie, "das tu' ich
ihm schon zu Gef--"

Mit einem Schrei des Entsetzens sprang sie auf; hatte sie recht gesehen?
oder hatte ihr nur die Phantasie diese Gestalt--als sie von der Beletage
des Mondes zurckkehrte und ihr Blick zufllig an den Fenstern des zweiten
Stockes vorbeistreifte, erblickte sie--"Nein, was bin ich fr ein Kind,"
dachte sie. "Wie, wre es mglich? Was knnte er nur hier zu tun haben?"
Sie wagte noch einen Blick--richtig; der Rittmeister von Sporeneck lag
geradeber von ihr im Fenster und bckte und verbeugte sich herber und tat
und lchelte so vertraut und so freundlich, als htte er sie jahrelang
gekannt.

Voll Unmut ber den Unverschmten ri sie an der seidenen Schnur, welche
den Vorhang am Fenster emporhielt, und rauschend rollte derselbe zwischen
sie und den verhaten Lstling. Dieser Mann war ihr der widerwrtigste auf
der Erde; er war ein schner, krftiger Soldat, gebildet, von glnzendem
Witz, angenehm in der Unterhaltung; er wute den Bescheidenen zu spielen,
aber nicht lnger als ein paar Tage; dann--das Mdchen, das er belagerte,
_mute_ ja in dieser Frist kirre gemacht sein--dann kehrte er seine wahre
Seite heraus; sein Auge wurde lstern, seine Reden, lockend, schlpfrig,
muten jedes zarte, weibliche Ohr aufs tiefste beleidigen, wenn es nicht
schon ganz fr ihn gewonnen war. So hatte er sich auch Ida genhert. Das
unschuldige Kind hatte Gefallen an seinen Gesprchen, die ihr ein wenig
mehr Gehalt zu haben schienen als die der brigen jungen Herren; sie ging
oft in seinen Witz, in seine heitere Laune ein. Er aber hatte sich ein
rasendes Dementi bei diesem Mdchen gegeben. Er hatte sie in _eine_ Klasse
gerechnet mit den verdorbenen Kindern der Residenz, die, zur Jungfrau
herangewachsen, unter dem Schleier der Sittsamkeit eine kaum verhaltene
Lsternheit, ein sndiges Sinnen und Begehren verbergen. Diese hatte er
immer bald aufs Eis gefhrt, und waren sie nur einmal in einem Wrtchen
geglitscht und geschlpfert, husch--; so hatte er auch bei Ida endlich,
nachdem er alle edlern Farben hatte spielen lassen, die herausgekehrt, die
jede andere geblendet htte, aber vor dem strengen Blick der reinen
Jungfrau nicht Farbe hielt. Mit Schanden, man sagt sogar mit einer
tchtigen Ohrfeige, war er abgezogen, erklrte Ida berall fr ein
Gnschen, schwor ihr bittere Rache und warf sich in die Arme der Aarstein,
wo ihm ohne langweilige Prliminarien bald wurde, was er bei Ida durch
tausend Knste umsonst gesucht hatte.

"Das ist aber auch zu abscheulich," dachte Ida, "so wenig sich zu
genieren!" Denn da die Grfin ihren Liebhaber mitgenommen, da er auf
keinem anderen Wege nach Freilingen gekommen sei, das hatte sie gleich
weggehabt. Weiter dachte sich aber das gute unschuldige Kind nichts dabei.
Sie kannte zwar die grundlose Schlechtigkeit der Aarstein so ziemlich, sie
wute, da diese gekommen sei, um den Grafen zu gewinnen; aber das ahnete
sie nicht, da man den Rittmeister nur dazu mitgenommen haben knnte, um
sie von Martiniz' Herzen loszureien, um sie in eben jenem Lichte zu
zeigen, in welchem sie die Grfin sah. Nein, an diesen wahrhaft hllischen
Plan dachte das engelreine Herzchen, das allen Menschen gerne ihr Gutes
gnnte, nicht. Und wie sollte sie auch daran gedacht haben? Sie glaubte ja
gar nicht anders, als die Grfin knne von ihrer Liebe zu Martiniz auch
nicht die leiseste Ahnung haben; wute ja sogar sie kaum seit Stunden, da
sie ihn so recht innig liebe, hatte sie ja doch all ihre Sehnsucht, all
ihre Liebe recht tief und geheimnisvoll im Herzchen verschlossen, und
niemand knne, glaubte sie, da hinein sehen als vielleicht hchstens Mart--
ja, er mute ja gefhlt haben, da sie ihm gut sei, sonst htte er wohl
nicht jenes Gestndnis gewagt, da er sie lie--

Aber da schellte es schon zum zweitenmal in des Vaters Zimmer; wahrhaftig,
die Teestunde war da, und noch manches war zu rsten; die Gedanken an Rum
und Zitrone, Zucker und Tee, Milch und Brtchen, Tassen und Lffelchen
verdrngten alle andern; sie flog die Treppe hinab, um schnell alles zu
ordnen. Dort stand schon Papa und flsterte ihr zu: "Schicke dich nur; es
sind allerhand Besuche da, und du knntest leicht mehr Rum brauchen als das
Bouteillchen da!"

       *       *       *       *       *




TRAU--SCHAU--WEM?

Als Ida in das Teezimmer trat, stellte ihr der Prsident--Nein, sie htte
mgen gerade in den Boden sinken--"Siehe da, Ida," sagte er, "ein Bekannter
von dir aus der Residenz, Herr von Sporeneck, hat uns diesen Abend mit
seinem Besuch beehrt. Nun, das wird mein Kind freuen; wenn so einer von
euch Herren in unser kleines Freilingen hereinkommt, ist es gleich ein
Jubel und ein Fest fr alle Mdchen, die nur einmal in der Residenz waren;
da werden dann allemal in Gedanken alle Blle und die kleinsten Touren noch
einmal durchgetanzt und in der Erinnerung viel getollt; ich kenne das,"
setzte der freundliche Alte hinzu, indem er sein Tchterchen in die Wange
knipp, "war auch einmal jung und kenne das." Er ging weiter und lie den
Rittmeister vor Ida stehen.

Diese wurde bald bla, bald rot und zitterte, als sollte sie gerade
umfallen. Dieser Mensch, den sie so schnde abgewiesen hatte, dieser konnte
es wagen, in ihres Vaters Haus zu kommen! Sollte sie ihn nicht ffentlich
prostituieren, ihn einen impertinenten Menschen heien und fortschicken?
Doch nein, sie wute, wie heilig das Gastrecht ihrem Vater war, sie wollte
ihn schonen. So hing sie ihren Gedanken nach und bemerkte nicht, wie der
Rittmeister schon seit einigen Minuten neben ihr stand und an sie hin
sprach. Jetzt kam sie wieder zu sich--was mute nur der Graf denken, wenn
sie so lange bei dem Menschen stand, mit welchem sie die Aarstein bei ihm
so verdchtig gemacht hatte! Ihre Augen suchten den Geliebten--er sa neben
der Grfin; traulich hatte sie ihre Hand auf die seine gelegt, unverwandt
sahen beide nach ihr und dem Rittmeister herber--die Grfin mit hhnischer
Schadenfreude, mit triumphierendem Blick, der Graf starr und finster, als
sehe er etwas, das er gar nicht fr mglich gehalten htte.

Und so war es ihm auch; noch waren immer Zweifel in ihm aufgestiegen, ob
denn auch wirklich alles so sei, wie die Aarstein gesagt hatte, wie sein
Mitrauen ihm zuflsterte; zwar das Hiersein des Rittmeisters--doch er
konnte ja auch in Geschften an das hiesige Regiment geschickt worden sein;
dann die Zumutung, ihm ein Zimmer Ida gegenber abzutreten--nun ja, das war
allerdings stark, und der bse Geist wollte ihm zuflstern, da dies schon
sehr viel beweise. Aber sein besserer Sinn siegte doch wieder; das alles
bewies ja nur hchstens, da der Rittmeister in Ida verliebt sei; von ihrer
Seite hatte er ja keinen Beweis gesehen. Aber recht Achtung wollte er geben
auf Ida; das war sein Entschlu gewesen, als er durch die hellerleuchtete
Enfilade von Prsidents Zimmern ging.

Er war heute einer der ersten und in den hohen, weiten Zimmern beinahe
niemand, den er nher kannte oder mit welchem er in ein Gesprch sich htte
einlassen mgen. Daher ging er allein und in tiefen Gedanken durch die
Zimmer. Da tippte es ihm leise auf die Schultern. "Wenn das Ida" dachte er;
er sah sich freundlich um--es war die Grfin. Sie verwickelte ihn bald in
ein Gesprch, aus welchem er sich nicht so bald herauswirren konnte. Das
Fatalste war, da er dem Redegang der Grfin Plapperinsky immer folgen
mute, um nicht zerstreut zu erscheinen, und doch ging ihm immer der
Rittmeister und sein Logis im Kopf herum.

"Nein, aber sagen Sie selbst, Graf," fuhr sie fort, nachdem sie in einer
Pause wieder Altem geschpft hatte, "sagen Sie selbst, kann man artiger und
aufmerksamer fr seine Gste sein als Ida? Denken Sie sich, meine Coffres
und Vachen waren schon in den obern Stock gebracht worden; es wohnt sich
dort ganz hbsch; zwar sind die Zimmer nicht so elegant eingerichtet wie
hier unten; doch Sie wissen selbst, auf Reisen macht man keine so groen
Ansprche, besonders wenn man so schnell und unangemeldet kommt wie ich.
Ich war also schon ganz zufrieden in meinem Sinn und lie auspacken. Da
kommt das gute, liebe Engelskind, denken Sie sich, und ruht nicht eher, bis
ich von ihrem schnen Boudoir, Schlafzimmerchen und allem hier unten Besitz
nehme, und sie selbst zieht in ihrem Edelmute hinauf in den obern Stock.
Nein, sagen Sie selbst, kann man die Gastfreundschaft weiter treiben als
die gute Ida?"

"Sehr viel, sehr viel!" prete Emil heraus; es war ihm, als schnrte ihm
etwas die Kehle zusammen, als ob eine eiskalte Hand ihm in die Brust fhre
und das warme, liebe glhende, treue Herz umdrehte und schmerzlich hin- und
herreie. Jetzt war es ja sonnenklar, entschieden war jetzt die
frchterliche Verstellungskunst dieser----Dirne, die so schndlich mit ihm
gespielt hatte; da zwischen dem Logis des Rittmeisters und ihrer
ungemeinen Geflligkeit gegen die Grfin ein geheimer Zusammenhang
stattfand, konnte ein Blinder sehen.

Er lachte; es war das Lachen der Verzweiflung, und die ganze Hlle lachte
aus ihm heraus. "Wahrhaftig, ein groes Opfer," sagte er mit schrecklicher
Lustigkeit zu der Grfin, "eine ungeheure Gromut, die ganz allein aus der
allerausgedehntesten _Nchsten_liebe und _Gast_freundschaft hervorgeht!".
Die Grfin Aarstein-Satanas wute wohl, da sie sein Herz mit glhenden
Zangen zwickte, wute auch nur gar zu gut, woher die Logisvernderung kam;
aber so vollstndig, so schnell hatte sie sich ihren Sieg, ihren hllischen
Triumph nicht vorgestellt.

Sie hatte ja nie so recht geliebt; sie wute daher auch nicht, da die
strkste, glhendste Liebe zugleich die schwchste und empfindlichste ist.

Jetzt kam auch der Rittmeister, der mit Empfehlungen an den Prsidenten
reichlich versehen war. Der Graf bebte zurck vor ihm. Dieses gierige Auge,
dieses hhnische Lcheln, diese falsche, schlaue, lauernde Miene, so ganz
ohne hhere Bedeutung, ohne edlere Zge--diesen Menschen konnte Ida lieben?
Er htte jedem unter die Nase gelacht, der ihm so etwas vor zwei Tagen, als
er noch an die Engelsunschuld des lieben Mdchens glaubte, htte weismachen
wollen. Er htte jeden einen Schurken geheien, der _dieses_ heilige,
keusche Geschpf mit diesem Mann, in dessen Gesicht schon alle
Leidenschaften gewhlt hatten, nur im leisesten Verdacht gehabt htte.--
Jetzt mute er ja selbst daran glauben. Wie ein Kind lie er sich von der
Aarstein leiten; sie zog ihn zu sich nieder, sie spielte die Verwunderte,
den Rittmeister hier zu sehen, sie lie manche giftige Bemerkung schlpfen
--er hrte nichts, er sah nichts; nur ein Gedanke beschftigte ihn: er
wollte recht haarscharf acht geben, wenn sie kme, wie sie sich gegen
Sporeneck benehmen wrde. Die Tre ging auf, sie kam. An der Hand des
Vaters ging ihr der Geliebte entgegen, er sah, wie sie ihr Entzcken
unterdrckte, wie Blsse und Rte auf ihrem Gesicht wechselten, wie sie
ganz versunken in Liebe dem Rittmeister zuhrte, und wie glhende Dolche
fuhr die bitterste Eifersucht durch sein Herz.--"Sehen Sie nur hin, Graf,"
flsterte ihm die Aarstein ins Ohr, "sehen Sie nur, wie glcklich die
Leutchen dort sind! Das ist ein Erzhlen, das ist eine Wonne, da man
einander nach ein paar Wochen wieder hat. Da sie sich nicht auf der Stelle
abherzen und kssen, ist alles!"

Dem Grafen wrde grn und gelb vor den Augen.--Jetzt nahte Ida, der
Gesellschaft am Teetisch ihr Kompliment zu machen. Die Rte des Unmuts und
der Verlegenheit lag noch auf dem Gesichtchen und gab ihm einen so eigenen
Reiz, da der Graf nur um so tiefer fhlte, wie schrecklich sich hier die
Natur vergriffen und um ein so falsches, zweideutiges Herz eine so
herrliche Gestalt gezogen. Warum sie gerade ihr, die es so gar nicht
verdiente, diese sanften Taubenaugen, dieses holde Grbchen in den Wangen,
dieses bezaubernde, huldvolle Lcheln gegeben? Sie verneigte sich gegen die
Gesellschaft; die Grfin drohte ihr lchelnd mit dem Finger; sie errtete
von neuem. Sie mute noch die Zuckerdose herbeiholen; sie htte einen viel
nheren Weg gehabt, aber sie machte einen Umweg an Martiniz vorber; er
wagte nur einen leichten Viertelsseitenblick--auf ihn war ihr strahlendes
Auge gerichtet, ihm lchelte sie, ihm flsterte sie im Vorbeigehen kaum
hrbar zu: "Guten Abend, Freund! Warum so ernst und dster?"

Er fhlte den sen Hauch an seiner Wange; ein solcher Gru htte ihn sonst
bis in den dritten Himmel erhoben, ein solches Zauberwort htte sonst alle
Wolken von seiner Stirne gebannt und die traurigsten Falten geebnet. Heute
--er blieb starr und stumm. Nein, eine solche Erz-General-Armee-Kokette
mute es ja auf dem weiten Erdenrund nicht geben! Ist fnf Minuten auer
sich, weil sie den alten Liebhaber wiedersieht, und um es doch mit dem
neuen nicht zu verderben, flsterte sie ihm--nein! jetzt sprudelte das Ma
ihrer Schuld ber. Der reine, wahrheitsliebende Jngling konnte ihr
verzeihen, da sie einem so zweideutigen Menschen, wie dieser Sporeneck
offenbar sein mute, ihr Herz schenkte; er konnte ihr verzeihen, obgleich
es ihm das Herz brechen wollte, da sie mit ihm ein so grundfalsches Spiel
gespielt hatte; er konnte es der schwachen weiblichen Natur beimessen, da
sie sich, als der alte Liebhaber nahte, so ungeheure Blen gab,--er konnte
dies alles verzeihen. Da sie aber auch jetzt noch ihr Spiel fortspielen
wollte, da sie Zweien auf einmal gehren wollte, nein, das ging ber seine
Begriffe. Er mute, seine Natur mochte sich dagegen struben, wie sie
wollte, es war ihm, als msse er sie verachten. Aber sie hatte recht,
obgleich in einem andern Sinn. Seine Ehre forderte es, da er nicht dasa
wie ein armer Snder, ber welchen der Stab gebrochen wurde. Wenn auch
besiegt, durfte er nicht traurig aussehen. Er wollte, er _mute_ lustig
sein, und sollte sein Herz dabei aus allen Wunden bluten.

Der Hohn gegen die ganze Welt, der in der Brust des Tiefgekrnkten
aufstieg, gab ihm Kraft dazu. Eine Lustigkeit bemchtigte sich seiner, die
er seit Jahren nicht gekannt hatte. Er ri das Gesprch an sich, er
strahlte von Witz und Leben, da alle weiblichen Herzen dem herrlichen
Mann, dem schnen, witzigen Grafen zuflogen. Allen galt sein Gesprch; sein
feuriges Auge schien jeder Dame etwas Schnes sagen zu wollen,
ausschlieend aber galt es der Grfin. Er wute selbst nicht, was ihn
antrieb, ihr so sehr als mglich den Hof zu machen; aber es war ein dunkles
Gefhl in ihm, als msse es Ida recht tief verletzen, wenn er die Grfin so
sehr auszeichne, wenn er alle Damen fr sich gewinnen wollte und ihr, ihr
allein keinen Blick, kein Lcheln gnnte, nicht einmal zu hren schien,
wenn sie hie und da ein Wrtchen mit einschlpfen lassen wollte.

Und in der Tat erreichte er seinen Zweck voll--kommen; er hatte es
getroffen, tief bis ins innerste Leben getroffen, dieses treue Herz, das
nur fr ihn, mit dem Feuer der ersten jungfrulichen Liebe nur fr ihn
schlug! Ihr Blick hing an seinen Lippen; sie freute sich anfangs, da er so
frhlich sei, sie glaubte nicht anders, als die paar Wrtchen die sie ihm
zuflsterte, haben ihn aus seiner finstern Laune hervorgezaubert; ihr
kleines Herzchen triumphierte. Als sie aber sah, wie er sich an alle
wandte, nur an sie nicht, wie auch nicht ein Blick der Freundin galt, wie
er nur fr die Aarstein zu leben schien, als sie seinen schneidenden Hohn,
die grelle Lustigkeit, den schillernden Witz, der ihm sonst gar nicht eigen
war, bemerkte, da ahnete ihr wohl, da ihm jetzt ein anderes Gestirn
aufgegangen sein msse, das seinen Einflu auf ihn be. Und wer konnte dies
sein als die, die ihr von jeher feindlich entgegengetreten war--die
Aarstein! Der Glanz der ppigen Rose hatte ihn geblendet,--was konnte es
ihm auch ausmachen, da er nebenbei das Veilchen zertrat? Sie klagte nicht,
sie weinte nicht; aber eine furchtbare Blsse lag auf dem holden
Engelsgesichtchen, ein wehmtiges Lcheln spielte um ihren Mund; sie sah ja
alle die leise geahnten Hoffnungen ihres Herzens; die sie, ach! nur in
einem einzigen seligen Augenblicke, recht klar sich gestanden hatte, sie
sah sie alle mit _einemmal_ versinken und--mit dem Freunde untergehen. Von
Anfang war es ihr noch, als flattere eine Art ngstlicher Eisersucht in
Gestalt einer Fledermaus durch den kaum dmmernden Morgenhimmel ihrer
Liebe. Dann aber war alles stille Nacht in ihr. Es blieb ihr nichts mehr
als ein groer Schmerz. Sie fhlte, da sie diesen ewig, ewig in ihrem
treuen BUSEN tragen werde.

       *       *       *       *       *




DER GRAM DER LIEBE

Wie es an jenem Abend war, ebenso war es auch in den nchsten Tagen. Der
Hofrat htte vielleicht alles bald wieder ins Gleis bringen knnen; aber
das Unglck wollte, da er in wichtigen Angelegenheiten an demselben Abend
verreisen mute, an welchem die Grfin ankam. Die Grfin schrieb, so oft
sie es unbemerkt tun konnte, an den Rittmeister in den Mond hinber und
spornte ihn an, Ida nur noch immer mehr zu verfolgen. Nach den letzten
Briefen schien es zwar wegen ihr selbst nicht mehr ntig zu sein, weil sie
den Grafen schon so umgarnt zu haben glaubte, da an kein Entrinnen zu
denken sei. Dem war aber nicht also. Dem Grafen, der nur durch die Brille
der Eifersucht sah, wollte es trotz seiner Resignation fast das Herz
abdrcken, da Ida in solchen Verhltnissen mit dem Rittmeister sei. Wenn
er bei Prsidents war--ach, es war ja nicht wie ehemals; sonst war sie ihm
wohl bis an die Treppe entgegengesprungen, hatte mit lachendem Mund ihn
geneckt oder ihm eine neue Schnacke aufgetischt, hatte ihn dann unter
Tollen und Lachen hereingezogen ins Zimmer; dort war dann das Mulchen
gegangen wie ein oberschlchtiges Mhlchen, und keine fnf Minuten hatte
sie ruhig sitzen knnen, ohne da sie aufgesprungen wre, dort was zu
holen, hier was zu zeigen; und welche Freude gewhrte es dann, das Mdchen
dahinhpfen zu sehen! Ihr Gang war dann Tanz, alles war Leben, alles Grazie
und Anmut; es war, wie wenn ber die ganze Gestalt ein zauberisches Lcheln
gewoben gewesen wre, und jetzt--und jetzt!

Kalt und ernst sah sie ihn an, wenn er kam; oft wollte es ihn zwar
bednken, sie setze schon an, um ihm wie sonst entgegenzuhpfen, da mute
sie aber wohl an den Sporenecker denken; denn sie neigte sich so
abgemessen, als wre er ihr ganz und gar fremde; oft kam es ihm sogar vor,
als liege etwas so Wehmtiges in dem lieben Gesichtchen, das er sich nicht
anders erklren konnte, als da es sie reue, ihn so am Narrenseil gefhrt
zu haben, da sie sich schme, so unverhofft demaskiert worden zu sein. Zu
Zeiten wnschte er sich auch den Hofrat herbei, um mit ihm ber das Mdchen
und seine grenzenlose Koketterie zu sprechen.

Da doch die Mnner gewhnlich so grausam sind und nicht sehen, was so
offen vor den Augen liegt! Sie lesen in Taschenbchern und Romanen alle
Folgen unglcklicher, verschmhter Liebe, alle Zeichen eines gebrochenen
Herzens; sie knnen es sich auch in der Phantasie recht lebhaft vorstellen,
wie ein gutes, liebes Engelskind mit einem vom Gram der Liebe gebrochenen
Herzen aussehen msse, sie nehmen sich vor, das nicht zu vergessen; aber
wenn es drauf und dran kommt, wenn sie selbst aus bermut oder trichter
Eifersucht ein schnes, nur fr sie schlagendes Herz gekrnkt, geknickt,
gebrochen haben, da merken sie es nicht, sie knnen sogar noch ein recht
unglubiges Hohngelchter der Hlle aufschlagen, wenn man ihnen die stille
Trne im trben Auge, den wehmtig ansprechenden Zug um den Mund zeigt,
wenn man sie aufmerksam macht auf die immer bleicher werdenden Wangen. "Da
wird man seine Grnde haben." lachen sie und gehen ungerhrt vorber und
denken nicht, da man auch ohne Doktor und Apotheker am gebrochenen Herzen
sterben knne.

Die Eifersucht macht blind; nirgends schien dieser Ausspruch besser in
Erfllung zu gehen als hier bei Martiniz und Ida.

Fr ihren trnenschweren Blick, fr ihren wehmtigen Ernst wute er tausend
Grnde anzugeben, wute sich mit wieder tausend Vermutungen zu qulen und
zu hrmen; die rechten fand er nicht. Es war eine wunderbare Vernderung
vorgegangen mit diesem Mdchen in den paar Tagen. Sonst das Leben, die
Frhlichkeit selbst, jetzt ernst und abgemessen. Die bleicheren Wangen, das
trbere Auge, das ja so deutlich von trnenvollen Nchten, von
gramerfllten Trumen sprach, wollte niemand verstehen, am wenigsten der,
um welchen diese stillen Trnen flossen. Es war ihr oft zu Mut, als sollte
sie nur eben die heien, ausgeweinten Augen zuschlieen und sich in das
Grab legen lassen; dort, wenn die Erde so khl um die vier Bretter und zwei
Brettchen, welche die arme Ida umschlieen, sich legen werde, dort, wo sie
nicht mehr gefoltert werde von dem Anblick, wie ihr geliebter Jngling
nher und nher, enger und enger in die Schlingen jener Sirene sich
verwickle,--dort, dachte sie, msse es gut schlummern sein. Denn das war
ihr ja das rgste nicht, da sie zurckgesetzt war; nicht da sie es war,
die er verlie, um sich dem Triumphzug der allgemeinen Siegerin
anzuschlieen, nicht das brach ihr das Herz. Zwar, es hatte ihr Mhe und
Trnen gekostet, bis sie es dahin gebracht hatte, da sie nicht mit
Bitterkeit daran dachte, da er, als kaum das Gestndnis seiner Liebe ber
seinen Lippen war, schon andern Sinnes sein konnte; aber sie hatte
berwunden; sie war tief in sich eingekehrt; aus den geheimnisvollen,
unergrndlichen Tiefen der heiligen jungfrulichen Brust hatte sie Mut
heraufgeholt, um den Gedanken zu ertragen, da der, den sie liebe, einer
andern angehren knne.

Aber dagegen strubte sich mit aller Macht ihr keusches, brutliches Herz,
da er _jene_, auf welche die Kinder in der Residenz mit Fingern deuteten
und sich ihre Schandtaten erzhlten, da er an _jene_ verloren gehen
sollte. Wre er ein Mann gewesen, der frech mit ihrem armen, unerfahrenen
Herzchen gespielt htte, sie htte es ertragen, da er bei der Grfin dafr
ben sollte; aber Emil,--ihr feiner, weiblicher Takt, der darin so weit
und so scharf sieht, sagte ihr, da er noch ein Neuling in der Liebe sei,
da er sein Herz frei bewahrt, bis sie ihn kennen gelernt habe, da sie
seine erste Neigung gewesen sei; und doch--er, der so namenloses Unglck
schon erduldet hatte, auch er sollte durch dieses Weib unglcklich werden?
Ach, wie oft wnschte sie sich ihren alten Freund, den Hofrat, herbei! Ihm
htte sie alles, alles vertraut, auch jenen Augenblick der seligen Liebe,
wo er ihr gestand, da er sie liebe, wo er sie umschlang und an sein
pochendes Herz drckte, wo er sie mit den sesten Schmeichelnamen der
Zrtlichkeit genannt, wo ihr Mund sich schon zum ersten heiligen Ku der
Liebe ihm entgegengewlbt hatte. Dies _alles_ war ja lngst vorber, war
begraben, tief, tief in ihrem Herzen, mit aller Hoffnung, aller Sehnsucht,
die es einst erweckt hatte; aber Berner durfte es wissen, ihm htte sie
alles gesagt und ihn dann zum warnenden Schutzgeist fr den Grafen
aufgerufen.

Aber er war noch nicht zurck; darum verschlo sie ihren Schmerz in die
Seele; aber mit Angst und Zittern sah sie, wie der Graf um die Aarstein
flatterte wie die Fliege um das Licht. Alle Beispiele von den sinnlichen
Lockungen dieser Sirene, die man sich in der Residenz in die Ohren
geflstert, fielen ihr bei; wie leicht konnte er in einem unbewachten
Augenblick, hingerissen von den verfhrerischen Reizen der ppigen,
buhlerischen Dame Potiphar--sie errtete von dem Gedanken und prete die
Augen zu, als sollte sie was Schreckliches sehen. Wenn etwas solches
geschah--dann war er der Grfin und dem Satan auf ewig verschrieben.

       *       *       *       *       *




FEINE NASEN.

So verdeckt hier jedes sein Spiel spielte, so geheim alle diese Fden
gesponnen, angeknpft und nach und nach zu einem dichten Gewebe
verschlungen werden, so merkte man doch hin und wieder, was vorging.
Frulein Sorben und die alte Schulderoff wurden von Tag zu Tag durch die
getreuen Rapporte des Rittmeisters von Sporeneck ber den Stand der Dinge
belehrt. Ihre scheelblickenden Augen glnzten vor Freude, wenn sie wieder
neues erfuhren. Der Graf war ihnen ein verlorener Posten, den Frulein Ida
weder mit Trnen, noch Gebet wieder heraushauen knnte.

Nichts war ihnen aber greres Labsal als das Frulein von der traurigen
Gestalt selbst, wie sie Ida nannten. Da sie ernster, blsser, trber war
als sonst, war weder ihrem, noch des Rittmeisters Scharfblick entgangen,
und eine wahrhaft teuflische Schadenfreude, die sich in einem vierstimmigen
Gelchter Luft machte, befiel sie, als Sporeneck erzhlte, da er sie durch
seinen Tubus, mit welchem er hinter seinen Gardinen nach Idas Fenster
visierte, bitterlich habe weinen sehen.

Aber Frulein von Sorben sorgte auch dafr, da Ida in ihrer Verzweiflung
sich nicht dem Rittmeister in die Arme werfen konnte; sie hatte alle ihre
Geistes- und Krperreize teils vor ihm entfaltet, teils durchschimmern
lassen, und ihrem scharfsinnigen Auge konnte es nicht verborgen bleiben,
da er ganz bezaubert davon war. Es ist nur schade, da er auf die Liebe so
trefflich eingeschult war, da er sechs oder acht der zrtlichsten
Liebschaften zumal haben konnte und jede die Betrogene war. So hatte also
die beleidigte Dame dem naseweisen Backfisch, der sich erdreistet hatte, in
ihrer Gegenwart Grafen in sich verliebt zu machen, zwei Liebhaber auf
einmal weggeputzt. "Da kann man sehen," sagte sie zu sich, "was die
Routine macht. Das armselige Ding ist kaum sechzehn Jahre gewesen, ich habe
sie noch in den Windeln gesehen, und sie will sich mir gleichstellen! Aber
das Affengesicht hat jetzt seinen Lohn, man hat dem unreifen Ding den Mund
sauber abgewischt, hat ihr die verliebten ugelein ausgeputzt, da sie
sieht, da in der ganzen Welt vierundzwanzig vor sechzehn kommt."

Aber auch der alte Brktzwisl, die gute ehrliche Seele, hatte das Ding so
ein wenig gemerkt. Als sie damals mit einander aus der Kirche gekommen
waren--seitdem hatte der schreckliche Wahnsinn seinen Herrn kein einziges
Mal mehr befallen--damals hatte er sich ein Herz gefat und zu dem Grafen
gesagt: "Wie doch das Frulein so hbsch, so tausenddonnernett aussah am
Altar. _Bassa manelka_, wie mte sie erst aussehen bei Tag und als
Brutchen--!" Dem Grafen schien der Gedanke nicht bel einzuleuchten; denn
er hatte zufrieden gelchelt und gesagt: "Nun, was nicht ist, kann noch
werden." Er aber hatte sich folgenden Tages gleich hingesetzt und an den
alten Herrn Grafen geschrieben: "So und so, und dem gndigen Frulein und
sonst auf Gottes weitem Erdboden niemand ist man die Rettung meines Herrn
schuldig. Es kann aber auch in sechs Herrenlndern kein solches Wunderkind
mehr geben. Die selige Komtesse war doch auch nicht, mit Respekt zu
vermelden, aus Bohnenstroh; aber, Gott wei, sie reichte dem schnen
Frulein das Wasser nicht. Und vornehm sieht sie aus, als wre sie
allerwenigstens ein Stck von einer Prinze. Der junge Herr ist aber auch
rein in sie verschossen, und ich meine, da es nicht menschenmglich
gewesen wre, ihn zu kurieren, auer durch so groe Inbrunst und
Liebhaberei. Das hat ja auch schon der deutsche Doktor prophezeit, wie ich
Euer Exzellenz, meinem gndigsten Herrn Grafen, vermeldet habe."

So lautete die Freuden-Epistel an den alten Onkel, worin die Errettung vom
Wahnsinn gemeldet werde. Die Freude wollte dem alten Diener beinahe die
Herzkammertre zersprengen, bis er die Buchstaben alle aufs Papier gemalt
hatte. Bisher hatte er allwchentlich Bericht erstatten mssen. Da hatte es
denn aus Italien, Frankreich, Holland, vom Genfersee, am Rhein, an der
Seine und an der Nordsee immer geheien: "Der Herr Graf befindet sich noch
im alten Zustande."--"Die Krankheit scheint zuzunehmen."--"Die rzte wuten
wieder nichts."--"Die rzte geben ihn auf."

Hier, in dem unscheinbaren Stdtchen, hier endlich sollte das Heil, der
Stern des Segens aufgehen. Er konnte sich die Freude des alten Herrn
denken, der so ganz an Emil wie an einem Sohn hing; er sah schon im Geiste,
wie der Herr Graf lcheln, die Hnde reiben und rufen werde. "Nun, in Gotts
Namen, macht Hochzeit!"

Aber jetzt mute der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt haben; denn
sein Herr--der sah gar nicht mehr so glcklich und selig aus wie damals,
als jene Freudenbotschaft abging--er war niedergeschlagen, traurig; fragte
der alte Brktzwisl, dem aus alten Zeiten eine solche Frage zustand, was ihm
denn fehle, so erhielt er entweder gar keine Antwort, oder der Graf sthnte
so schmerzlich, da es einen Stein htte erbarmen mgen, und sagte, dabei:
"Du kannst mir doch nicht helfen, alte Seele!"

Es wollte ihm nun gar nicht recht gefallen; er klgelte hin und her, was es
denn wohl sein knne, das seinen Herrn auf einmal so stutzig und trutzig
mache--da ist ein Gast drben bei Prsidents, eine Groe, Dicke, so halb
Jungfer, halb Frau, hat die vielleicht Unkraut gestr--

Ja, das konnte sein, das schien dem alten Brktzwisl sogar wahrscheinlich;
wenn er aber dieser nachlief und das schne Frulein im Stich lie--nein,
er wollte seinem Herrn nichts Bses wnschen, aber da soll ihm doch das
siedende Donnerwetter auf den Leib--er schlug zu diesem Gedanken so grimmig
auf seines Herrn Rock zu, den er im Hausgang ausklopfte, da der Staub in
dichten Wolken umherflog. "Ja, da wollte ich," rief er in seinem
Selbstgesprch weiter und klopfte immer schrecklicher, "wenn du die dicke
Trutschel nimmst und das schne Frulein, die dich aus den Klauen des
schwarzen Teufels herausklaubte, wenn du die fahren lt, alles siedende
Schwefelpech des Fegefeuers soll dich dann kreuzmillionenmal--"

"Wen denn?" fragte eine tiefe Stimme hinter ihm. Er sah sich um und glaubte
nun gleich in den Boden sinken zu mssen. Ein groer ltlicher Mann, mit
seinen, klugen Gesichtszgen, in einem schlichten Reiseberrock, dem nur
ein vielfarbiges Band im Knopfloch einige Bedeutung gab, stand vor ihm.
"Alle guten Geister!" stammelte endlich Brktzwisl, indem er den Fremden
noch immer mit weit Aufgerissenen Augen anstarrte--"wie kommen Ew. Ex--"

"Halt jetzt dein Maul von dergleichen!" sagte der Herr mit dem Ordensband
freundlich, "ich reise inkognito und brauche diesen Firlefanz nicht; wo ist
dein Herr?"

Starr und stumm bckte sich der alte Diener mehrere Male, fhrte dann den
fremden Herrn den Korridor entlang zur Tre seines Herrn, erwischte dort
noch einen Rockzipfel, kte diesen mit Inbrunst und sah zu seiner groen
Herzensfreude, wie sein junger Herr mit einem Ausruf der Freude dem Fremden
in die Arme sank.

Der Fremde war aber niemand anders als----Doch gerade fllt uns ein, da
der Herr, wie er sich gegen Brktzwisl uerte, inkognito reiset, und es
wre daher auch von uns hchst indiskret, wenn wir dieses Inkognito frher
verrieten, als der fremde Herr selbst fr gut findet, es abzulegen.

       *       *       *       *       *




DER HERR INKOGNITO.

Ein stiller, aber scharfer Beobachter erschien jetzt auf dem Schauplatz; es
war der fremde Herr, den der Graf unter dem Namen eines Herrn von
Ladenstein bei dem Prsidenten einfhrte. Die Empfehlung eines
Hausfreundes, wie der Graf war, htte schon hingereicht, ihn in diesem
Hause willkommen zu machen; aber die vom Alter noch nicht gebeugte Gestalt
des alten Herrn voll Wrde und Anstand, sein sprechendes Gesicht erwarben
ihm Achtung, und als vollends der Prsident, ein Kenner in solchen Dingen,
das Theresienkreuz auf seiner Brust wahrnahm, stieg seine Achtung zur
Verehrung. Er wute, da, wer dieses Zeichen trug, ein Ritter im vollen
Sinn des Wortes war und da ein solcher sich gewi einer Tat rhmen durfte,
die nicht die Laune des Glcks oder Hohe Protektion zu einer glnzenden
erhoben, sondern die, _aufgesucht_ unter der Gefahr, hohen Mut und tiefe
Einsicht bewhrte.

Vorzglich Ida fhlte sich von diesem Mann wunderbar angezogen. Seit der
Spannung zwischen ihr und Martiniz hatte sie immer mit geheimem Widerwillen
der Teestunde, sonst ihre liebste im ganzen Tag, entgegengesehen. Der Graf
kam entweder gar nicht, oder sehr spt, oder unterhielt er sich mit der
Aarstein. Die Sorben und andere dergleichen Frulein und Damen kamen ihr
schal und langweilig vor, da sie glaubte, nicht eine Stunde bei ihnen
sitzen zu knnen; der Rittmeister, dessen Geschfte beim hiesigen Regiment
noch immer nicht zu Ende gehen wollten, war ihr am fatalsten von allen.

 Sein erstes war immer, da er sich mit seinem Stuhl neben sie drngte und
dann so bekannt und vertraut tat, als wren sie Zeltkameraden; er half ihr
Tee einschenken, Arak und Milch umherreichen und verrichtete alle jene
kleinen Dienste, die einem begnstigten Liebhaber von seiner Dame erlaubt
werden. Dabei nahm er sich oft die Freiheit, ihr in die Ohren zu flstern,
aber die gleichgltigsten Dinge, etwa: ob sie noch mehr Milch oder noch
mehr Zucker bedrfe, sah aber dabei aus, wie wenn er die zrtlichste
Liebeserklrung gewagt htte.

Daher kam ihr der alte Ladenstein sehr zu statten. Sie sorgte dafr, da er
neben sie zu sitzen kam, und nun durfte sie doch fr diesen Abend sicher
sein, da der Rittmeister nicht ihr Nachbar wrde.

Und wie angenehm war seine Unterhaltung! Alles, was er sagte, war so tief
und klar gedacht, so angenehm und interessant, und trotz seines grauen
Haares, trotz seiner sechzig Jhrchen, die er haben mochte, war eine Kraft,
ein Feuer in seinen Reden, das einem Jngling keine Schande gemacht htte.
Aber auch dem alten Herrn schien das Mdchen zu behagen; sein ernstes
Gesicht heiterte sich zusehends auf, seine lebhaften Augen werden
glnzender--solch ein Mdchen hatte er selten getroffen, und er war doch
auch ein bischen in der Welt gewesen. Diesen klaren Verstand, dieses
richtige Urteil, diese Gutmtigkeit neben so viel Humor und Witz--er war
ganz entzckt. Und berall war sie zu Haus; er bewunderte die
wunderherrlichen Blumen, die sie machte; man kam von diesen auf die
natrlichen Blumen, auf seltene Pflanzen. Er beschrieb ihr eine Blume, die
so wunderschn aussehe und die sich zu Girlanden gar hbsch ausnehmen
wrde, aber der Name fiel ihm nicht ein. Kaum hatte er die Form der Bltter
erwhnt, so sagte sie ihm auch schon, da die Blume _Calla aethiopica_
heien msse, wei blhe und auch thiopische Drachenwurz genannt werde. Er
bekam ordentlich Respekt vor dem holden Kind, das so gelehrt sein konnte;
aber da war nicht jenes Prahlen mit Kenntnissen, das man bei gelehrten
Damen so oft findet. Nein, als die Blume abgemacht war, sprach sie auch
kein Wrtchen mehr von Botanik, und es war, als habe sie nie davon
gesprochen.

Er kam auf die neueste Literatur und pochte da an; wahrhaftig, sie hatte
alles gelesen, und zwar nicht nur, was man so aus Leihbibliotheken bekommt
oder in einem Almanach findet; nein, sie hatte interessante Geschichtswerke
gelesen und eigentlich studiert. Aber auch daraus machte sie nichts Groes.
Je wichtiger das Werk war; desto bescheidener war ihr Urteil, und dabei tat
sie so unbefangen, als ob jedes Mdchen dergleichen gelesen htte. Und als
sie auf auslndische Literatur kamen, als sie von Lord Byron, seinen
herrlichen Gedichten und seinem unglcklichen Ende sprachen, als der alte
Herr mit dem Theresienkreuz ihn dennoch glcklich pries, weil sein Geist
sich hher als alle andern geschwungen, weil er den Menschen und die ganze
Natur so tief erkannt habe, da antwortete ihm--nein, es ging ber seine
Begriffe--antwortete ihm die kleine Wetterhexe mit Byrons eigenen Worten,
als htte sie seinen Manfred eben erst gelesen:

    "The tree of knowledge is not that of life." [1]

Er war ganz selig, der alte Herr; ein solches Mdchen hatte er in
vielleicht zwanzig Jahren nicht gefunden. Und das schnepperte und bepperte
mit seinem lieben hbschen Schnbelchen so unschuldig in die Welt hinein,
das blickte ihn mit seinen frommen Taubenaugen, in welchen doch wieder ein
wenig der lose Schalk sa, so wundervoll an! Er war ganz weg und dankte dem
Grafen tausendmal, als sie wieder in den Mond zurckgekommen waren, da er
ihn mit einem so interessanten Geschpf bekannt gemacht habe.

    [Funote 1] Erkenntnisbaum ist nicht des Lebens Baum.

       *       *       *       *       *




EMIL AUF DER FOLTER.

Dieser sah ihn wehmutig an und seufzte. "Glauben Sie mir," sagte er, "auch
ich war einst erfllt von diesem Himmelskind; auch mir war sie eine
Erscheinung wie aus Jenseits, wie des groen Dichters Mdchen aus der
Fremde; ich sah, wie sie mit ungetrbtem Frohsinn und dennoch mit einer
Wrde, einer Hhe jedem eine Gabe reichte; mir, whnte ich, mir habe sie
der Gaben schnste aufbewahrt--ach! da gewahrte ich, da schon ein anderer
diesen Kranz zerpflckt--"

"Nein, ich kann's nicht glauben," rief der ehrwrdige Theresienritter;
"dieses Mdchen kann nicht so niedrig denken, kann nicht das tiefe,
herrliche, jungfruliche Herz an einen Windbeutel verlieren, wie der
Sporeneck ist, dessen seichtes Wesen, dessen Gemeinheit ihr ja gleich den
ersten Augenblick nicht verborgen bleiben konnte!"

"Aber, mein Gott," rief Emil ungeduldig, "habe ich Ihnen nie gesagt, was
mich die Grfin merken lie, was ich mit eigenen Augen sah? Nehmen Sie doch
nur zum Beispiel, da sie ihm gleich in den obern Stock nachzog, um ihn
recht vis--vis zu haben--"

"Beweist viel, recht sehr viel, und doch wieder nichts, gar nichts; denn
ein so kluges Mdchen wie die Ida trgt ihre Liebe nicht so schamlos zur
Schau."

"Aber die Grfin sagt mir ja, die Grfin--"

"Eben die Grfin sagte dir alles, Freundchen, und eben der Grfin traue ich
nicht; dazu habe ich meine vollkommen gegrndeten Ursachen. Ich habe
sechzig Jahre in der Welt gelebt, du erst deine zwanzig; darum darf ich
auch meinem Blick trauen; denn ich bin unparteiisch und schaue nicht durch
die grne Konversationsbrille der Eifersucht. Ich habe diesen Abend Dinge
gesehen, die mir gar nicht gefielen; doch der Erfolg wird lehren, da ich
recht hatte."

So sprach der alte Theresier mit dem Grafen; doch auf ihn schien es wenig
Eindruck zu machen; denn er murmelte. "Wei alles, und ist alles gut, wenn
nur der verdammte Rittmeister nicht wre!"

       *       *       *       *       *




DER RITTMEISTER.

Was doch oft an einem kleinen, unscheinbaren Zufall das Glck der Menschen
hngt! So fragte an diesem Abend der Kellner die beiden Fremden, ob sie
unten an der Tafel oder hier oben in ihren Appartements speisen wollen. Der
Graf, der seit des Hofrats Reise abends selten mehr hinabgekommen war,
stimmte dafr, auf dem Zimmer zu speisen, indem er die schlechte
Unterhaltung unter den Offizieren, Assessoren, Ober- und Unterjustizleuten
versprach. Der ltere Herr aber redete ihm zu; man sehe und hre doch
manches unter den Gsten, was zum Nachdenken oder zur Augen- und Ohrenweide
dienen knne;--sie gingen. Gerade an diesem Abend hatte der Rittmeister von
Sporeneck einige Freunde der Garnison zu sich auf ein Abendbrot in den Mond
gebeten.

Sie hatten schon auf seinem Zimmer mit Rheinwein angefangen und waren
bereits ganz kordial. Der Rittmeister hatte auch alle Ursache, ein kleines
Sieges- und Jubelfest zu veranstalten. Die Grfin hatte ihm, wie
gewhnlich, durch ihre Zofe, die mit seinem Bedienten in telegraphischer
Verbindung stand, geschrieben, da Idas Niederlage jetzt vollkommen sei.
Der Graf sei nie so warm gegen sie gewesen wie diesen Abend, und sie sehe
nchstens einer Erklrung von seiner Seite entgegen. Das hatte der
Rittmeister seinen Vertrauten, dem Leutnant von Schulderoff und einigen
anderen, vorgetragen; man stie an auf das neue grfliche Paar und auf den
galanten Hausfreund, und so kam man auch, wei nicht wie, darauf, ob man
nicht den Grafen auch einmal ein wenig schrauben sollte. Sie stimmten alle
darin berein, da dies sehr dienlich wre, um Unterhaltung fr den
heutigen Abend zu haben, und sie machten sich auch gar kein Gewissen
daraus. "Ja, wenn er Soldat wre, dann wre es etwas anderes; einen
Kameraden schraubt man nicht gerne; aber solch ein ziviles Grfchen, das in
der Welt umherreist, um den Damen schn zu tun und sein Geld auf die
langweiligste Manier totzuschlagen--nun, das kann man mit gutem Gewissen."

Mit diesem lblichen Vorsatz hatten sich die Marsshne nicht weit von der
Stelle placiert, wo Martiniz gewhnlich zu sitzen pflegte, und harrten, ob
er nicht komme. Er kam und mit ihm der andere Gast, aber diesmal ohne
Ordensband; denn er hatte nur einen unscheinbaren Oberrock an. Martiniz und
der ltere Herr unterhielten sich flsternd mit einander; um so lauter
waren die Kriegsgtter; die Pfropfen der Champagnerbouteillen fingen an zu
springen, und in kurzem waren die Herren allesamt kreuzfidel und erzhlten
allerlei Schnurren aus ihrem Garnisonsleben. Die brigen Gste hatten sich
nach und nach verlaufen. Das Kapitel der Hunde und Pferde war schon
abgehandelt, und der Rittmeister hielt es jetzt an der Zeit, die _Schraube
anzuziehen_. Er gab also Schulderoff einen Wink, und dieser ergriff sein
Champagnerglas, stand auf und rief: "Nun, Bruder Sporeneck, eine Gesundheit
recht aus dem Herzen--deine Ida!"

 Auf flogen die Dragoner von ihren Sitzen, tippten die feinen Lilienkelche
aneinander und sogen den weien Gischt mit einer Wollust aus, als htte die
Gesundheit ihnen selbst gegolten. Martiniz bi die Lippen zusammen und sah
den Theresienritter an.

"Auf Ehre, ein Gtterkind, Herr Bruder," fuhr Schulderoff fort; "ich wre
selbst imstande gewesen, sie zu lieben, htte ich nicht deine frhern
Rechte gewut und mich daher bescheiden zurckgezogen."

"Auf Ehre, ich htte es ihr wohl gnnen mgen," antwortete der gromtige
Liebhaber; "wenn man so einen Winter allein zubringen soll, ist es fr ein
junges, warmes Blut immer fatal, wenn es sich nicht Luft machen soll. Einen
braven Kerl, wie du bist, htte ich ihr zum Intermezzo wohl gewnscht; wre
mir lieber gewesen, als hren zu mssen, da mir so ein fremder
Gelbschnabel ins Nest habe sitzen wollen."

Das Herzblut fing dem Grafen an zu kochen. In solchen Ausdrcken von einem
Mdchen reden zu hren, das er liebte und ehrte--es war beinahe nicht zu
ertragen; doch hielt er an sich; denn er wute, wie schlimm es ist, in
einem fremden Lande ohne ganz gegrndete Ursache Hndel anzufangen.

"Hattest du bange?" lachten die Reiter den Rittmeister an.

"Nicht im geringsten," replizierte dieser; "ich kenne mein Tubchen zu gut,
als da ich htte eiferschtig werden sollen; wenn auch zehn solcher Wichte
ins Nest gesessen wren, sie htte sich doch von keinem andern schnbeln
lassen als von ihrem Hhnchen."

Allgemeines Gelchter applaudierte den schlechten Witz. Der Graf--es war
ihm kaum mehr mglich, anzuhalten; er sah voraus, es werde so kommen, da
ihm nur zwei Wege offen stehen wrden, entweder sich zu entfernen, oder
loszubrechen.

       *       *       *       *       *




UNSCHULD UND MUT.

Das erstere war jetzt nicht mehr mglich; seine Wrde als Abkmmling so
tapferer Mnner lie einen solchen Rckzug nicht zu, und was wrden seine
Ulanen gesagt haben, wenn er so vom Kampfplatz sich weggestohlen htte? Die
nchste schickliche Gelegenheit mute entscheiden.

"Nun, Brderchen," sagte ein anderer zum Rittmeister, "wir sind hier so
ziemlich unter uns;--gib weich, beichte uns ein wenig! Wie stehst du mit
der kleinen Prsidentin?" Der Rittmeister spielte von Anfang den Zarten,
Zurckhaltenden; endlich aber auf vieles Zureden gab er wirklich weich und
--rhmte sich heimlich von ihr erhaltener Begnstigungen, die Emils Blut zu
Eis erstarren lieen. Pltzlich aber, wie eine Erleuchtung von oben, trat
ihm das Bild des unschuldigen, engelreinen Kindes mit ihrem sanften Blick,
mit ihrem keuschen, jungfrulichen Errten vor das Auge--Nein! nein! rief
es mit tausend Stimmen in ihm, es kann ja nicht wahr sein, so weit verfehlt
sich der Himmel nicht, da er die heiligste Unschuld auf die Zge einer
Metze malte. Er stand auf und stellte sich dicht vor den Rittmeister. "Von
wem sprechen Sie da, mein Herr?" fragte er ihn. Der Rittmeister konnte sich
nichts Erwnschteres denken, als da endlich die Engelsgeduld von dem
zivilen Grfchen gewichen sei. Er wollte ihn mit _einem_ Blicke
einschchtern und setzte daher an, die Augen recht an ihn hinrollen zu
lassen; da kam er aber an den Falschen.

Er begegnete einem jener Glutblicke, die dem Grafen so eigen waren; Hoheit,
Mut, Zorn--alles sprhte auf einmal wie mit einem Feuerstrom aus diesen
Augen auf ihn zu, da er die seinigen betroffen niederschlug. "Was fllt
Ihnen ein? Was kmmert Sie unser Gesprch? Es ist hier niemand, der darnach
zu fragen htte."

"Sie haben," fuhr der Graf mit groer Migung fort, "Sie haben dem ganzen
Zimmer hier mit vernehmlicher Stimme Ihre Sottisen erzhlt; es hat also
auch jeder das Recht, zu fragen, von wem Sie sprachen, und _ich frage_
jetzt!"

"Mein Herr, das kommt mir schnackisch vor," lachte, der Rittmeister; "es
kann doch wahrhaftig jeder von seinem Schtzchen reden, ohne da ein
anderer sich dareinzulegen htte. Wenn Sie brigens durchaus uns mit Ihrer
Gesellschaft beehren wollen--Kellner, noch einen Kelch hierher fr den
Herrn da!"

"Ist unntig," rief der Graf, "es ist mir durchaus nicht um Ihre werte
Gesellschaft zu tun, sondern nur die Frage, die ich an Sie tat, mchte ich
gerne beantwortet haben."

"Nun ja," schnarrte Sporeneck, "wenn Sie sich durchaus in meine
Herzensangelegenheiten mischen mssen, was ich brigens nicht sehr delikat
finde,--ich habe von Frulein Ida von Sanden, meiner Nachbarin,
gesprochen."

"Und von dieser Dame wagen Sie auf so freche Weise zu sprechen, wie Sie
vorhin taten?"

"Wer will es mir wehren?" lachte der Rittmeister und ma den Grafen von
oben bis unten, wobei er brigens sich htete, seinem Auge zu begegnen.
"Wer will es mir wehren? Ein jeder kann zu seinem Heu Stroh sagen!"

"Sie beharren also auf dem, was Sie von der Dame aussagten!"

"Dame hin oder her," antwortete der Rittmeister, "Sie fangen an, anmaend
zu werden; ich werde vor Ihnen und zehn solcher--Polacken behaupten, was
ich sagte."

"Nun ja," sagte der Graf, indem er sich stolz aufrichtete und an die
brigen Offiziere, die bisher mit gespannter Aufmerksamkeit zugehrt
hatten, wie der Graf geschraubt wrde, sich wandte, "nun ja, so, mu ich
nur _Sie_ bedauern, meine Herren, da Sie sich auf diese Art unterhalten
lassen von diesem erbrmlichen Lgner."

"Donner und alle Teufel!" fuhr der Rittmeister auf, "wie kommen Sie mir
vor, Herr! Ich glaube, Sie haben Platz zwischen den Rippen fr blaue
Bohnen."

"Tun Sie, was Ihnen beliebt," sagte der Graf, "ich wohne hier und bin auf
Nr. 2 zu finden." Er ging, der alte Theresienritter mit ihm. "Das ist
spaig," lachte der Rittmeister, obgleich es ihm nicht recht frei von der
Brust wegging, "das ist spaig, da ich in Freilingen einen kleinen Gang zu
machen habe!"

Die Dragoner saen noch ganz verdutzt ber den schnellen Ausgang der
Schrauberei. "Hol' mich der Teufel" sagte ein alter Leutnant, "das
Kerlchen nahm sich doch so bel nicht bei der Sache; er hat einen
verfluchten Anstand, und es ist, als wre er schon mehr dabei gewesen!"

Man beriet sich jetzt, was zu tun sei; man verteilte die Rollen.
Schulderoff sollte des Rittmeisters Sekundant sein; den alten Leutnant
bestimmte man, Martiniz denselben Dienst zu leisten, wenn er nicht sonstwo
einen Sekundanten auftreiben knnte. Der Rittmeister zeigte eine ungemeine,
spaige Frhlichkeit, meinte, es msse sich ganz herrlich ausnehmen, wenn
so ein Herrchen vom Zivil eine Pistole losbrenne; den brigen war es
brigens nicht so ganz wohl zu Mut; das schnelle Ende des Streites hatte
aus allen Kpfen den Champagnerdampf weggeblasen, man dachte doch ernstlich
an die Affre, und manchen wollte es bednken, da sie doch im heillosen
bermut herbeigefhrt worden sei. Man uerte dies auch unverhohlen gegen
Sporeneck, und auch er schien so etwas zu denken; doch versteckte er diese
Gedanken hinter lustigem Lachen und beauftragte Schulderoff, sogleich zum
Grafen zu gehen, um die Sache ins reine zu bringen. Nach einer
Viertelstunde kam dieser wieder sehr ernst zurck und sagte: "Sporeneck,
morgen frh acht Uhr, auf Pistolen."

Diese lakonische Meldung machte einen ganz eigenen Eindruck auf die
Gesellschaft; es war allen, als sei doch etwas Ungerechtes vorgefallen, und
keinem war es recht behaglich, an morgen zu denken. Man bestrmte
Schulderoff mit Fragen, wie der Graf es aufgenommen, und dergleichen; er
erzhlte:

"Die beiden Fremden seien in ziemlich ruhigem Gesprch miteinander im
Zimmer auf- und abgegangen, als er eingetreten sei. Sie haben ihn sehr
hflich und zuvorkommend empfangen, er aber habe seinen Auftrag
ausgerichtet und den Grafen zuerst gefragt, ob er seine Beleidigung
zurcknehmen wolle. Dieser habe ganz ruhig mit 'Nein' geantwortet, worauf
er ihn gefordert; sie seien auf Pistolen einig geworden und haben die Wiese
hinter dem Gottesacker zum Kampfplatz ausgewhlt. Fr einen Sekundanten
lasse er danken; der alte Herr, der bei ihm sei, werde ihm sekundieren."
Der Rittmeister schien vor Freude auer sich zu sein, da er seinem Rivalen
mit guter Manier eins auf den Pelz brennen knne; er wollte mit dem
Champagner weiter machen, die nchtern gewordenen Kameraden lieen es aber
nicht zu, baten ihn, auf morgen recht fest auszuschlafen, und versprachen,
um sieben Uhr allesamt bei Schulderoff zu frhstcken.

       *       *       *       *       *




NOCH EINMAL ZIEHT ER VOR DES LIEBCHENS HAUS.

Als Ida am Morgen, der zu dem Duell festgesetzt war, kaum aufgestanden,
eben sich mit der Toilette beschftigte, hrte sie Pferdegetrappel
gegenber am Mond; sie trat ans Fenster und schob den Vorhang ein wenig
zurck. Es standen drei Pferde vor dem Wirtshaus, wovon sie das eine
bestimmt fr das von Martiniz erkannte. "Wo er nur hinreiten mag an diesem
kalten Tag, ob er--" der Gedanke an eine pltzliche Abreise ohne Abschied
durchblitzte sie, da ihr die hellen Perlen in den zarten Wimpern hingen.
Doch sie hatte ja darber einen Trost, der sie zugleich tief betrbte; die
Grfin war ja noch hier, sie wute nichts von seiner Abreise; er konnte
also doch nicht so schnell reisen. Endlich glaubte sie Emils Stimme aus dem
Torweg herauf zu hren: "Adieu, Madame, adieu!" galt offenbar der
Mondwirtin; o wie gerne wre sie in diesem Augenblicke die Ehehlfte des
Mondwirts gewesen, um ihn zu sehen und das freundliche Adieu von seinen
Lippen zu hren!

Der alte Brktzwisl, die gute, treue Seele, sprang hervor, ergriff den Zgel
von Martiniz' Pferd und stellte ihn zum Aufsitzen zurecht; jetzt kam Mart--
nein, ein Offizier in fremder glnzender Uniform. Jetzt kam auch der alte
Herr von Ladenstein, der sie gestern so trefflich unterhalten hatte; wo
blieb aber nur Emil? Der alte Herr, heute mit vielen Orden behngt,
schwingt sich auf sein Pferd; jetzt auch der Offizier. "Eine schne,
geschmackvolle Uniform;" dachte Ida; wenn sie nicht irrte, eine polnische
oder russische, vielleicht ein Bekannter von Martiniz; aber die Gestalt kam
ihr so bekannt vor; wie? sollte etwa Em-- doch nein, er war ja nicht Soldat
und trug auch keinen Orden, und diesem glnzte der Wladimir in Diamanten
auf der Brust--wenn er--eine kleine Neugierde ist ja verzeihlich--wenn er
doch nur den hohen Ulanen-Kalpak ein wenig hintersetzte, da sie sein
Gesicht sehen knnte.

Jetzt war alles in Richtigkeit, der alte Herr schaute am Haus herauf und
stie den Offizier an; er richtete das Haupt auf, er sah herauf--es war
Emil von Martiniz.

Wie schn, wie gtterschn war dieser Mann! Wie herrlich kleidete ihn die
Uniform! Wie hingegossen sa er auf seinem stolzen Ro; die dunkeln Locken
stahlen sich unter dem Sturmband des Tschapkas hervor und beschatteten die
blendend weie Stirne; das dunkle Auge voll hohen Ausdrucks hatte heut eine
Bedeutung, die sie beinahe noch nie an ihm gesehen; stolz und frei, als
wollte es in einem Blick eine Welt ermessen, schweifte es her und hin; er
klopfte den zierlichen, schlankgebogenen Hals des schnen Tieres, das er
ritt, er sah so kampflustig, so mutig aus, als halte er an der Seite seiner
Ulanen und es werde in schmetternden Tnen Marsch, Marsch! geblasen; sie
konnte nicht mehr anders, sie dachte nicht mehr an ihr Neglig--sie ffnete
das Fenster und sah heraus. Man konnte nichts Schneres sehen als das
Mdchen, wie es hier im Fenster stand. Die uglein sahen so klar und
freundlich aus dem Kpfchen, die Bckchen von der kalten Morgenluft
gertet, das Mulchen so s und kulich, um das feine, liebe Gesichtchen
ein zartes, reinliches Nachthubchen, der Hals frei und dann ein
Spenzerchen, so wei wie frischgefallener Schnee, ber Nacken und Brust
herab. Tausend Lckchen und Strnge, die, vom mutwilligen Morpheus
entfesselt, unter dem Hubchen sich durchgestohlen hatten--das ganze
Wunderkind sah aus wie ein ser Morgentraum--

Noch einmal sah der Graf nach diesem Engelsbild herauf: das in der Glorie
der jungfrulichen Unschuld, mit der Wehmut gekrnkter und doch
verzeihender Liebe zu ihm herabsah--noch einmal, vielleicht das letzte Mal
hienieden, warf er einen seiner Feuerblicke zu ihr hinauf, und eine Trne
blitzte in seinem Auge; jetzt aber stie er seinem Pferde beide Sporen in
den Leib, da es wuterfllt kerzengerade aufstand; unwillkrlich bog sich
seine Hand nach dem Mund, er warf ihr einen herzlichen Ku zu: "_Adieu mon
coeur_!" rief er, und dahin flogen die Reiter; in einem Augenblicke war
nichts mehr von ihnen zu sehen.

 "Was war das? Wem galt das?" fragte sich Ida, als sie sich ein wenig von
ihrem Staunen erholt hatte. Er sah so zrtlich herauf--er warf einen Ku
herauf--wem flog er zu? Ihr oder der Gr-- konnte diese nicht auch im
Fenster gestanden sein? Konnte er nicht ihr den Ku zugeworfen--Sie mute
Gewiheit haben; sie schickte schnell hinab, zu fragen, ob die Grfin schon
aufgestanden sei.--Exzellenz lagen noch schuhtief in den Federn und
schliefen. "Also mir, mir,--" lchelte das stillselige Mdchen vor sich
hin, schaute hinaus und zehnmal wieder hinaus nach dem Fleckchen Erde, wo
er gehalten, wo er ihr seinen Gru, seinen Ku zugewinkt hatte. Aber wie,
konnte er nicht nach der Grfin Fenster gewinkt haben? Konnte er nicht ihr
seinen Ku geschickt haben, nur um sie, die er doch gesehen haben mute, zu
krnken? Doch nein; _ihr_ hatte ja sein Blick gegolten, sie hatte tief in
seine dunkeln Liebessterne hineingeschaut, nach ihrem Fenster hatte er
gegrt, sie, sie war die Glckliche; wie weit er sich auch verirrt hatte,
sie fhlte, da sein besserer Sinn ihn dennoch zu seiner Ida zog.

Jetzt versank sie in angenehme Trume; sie wiederholte sich, wie
engelhbsch er ausgesehen habe! Sie nahm sich vor, wenn sie wieder recht
gut miteinander wren, ihn recht auszuschmlen, da er sich nie vor ihr in
der Kleidung hatte sehen lassen, die ihm so wunderschn stand. So trumte
sie, das liebliche brutliche Mdchen; sie ahnte nicht, welchen
gefhrlichen Gang der Geliebte ging und da die Parze so schnell den Faden
ihres Glcks zerreien knne, da dann das Herz, an dem sie so gerne ruhte,
fr immer ausgeschlagen haben wrde, da die khnen, liebesprhenden Augen
schnell sich zu jenem eisernen Schlummer schlieen knnten, aus welchem
auch die seste Stimme, das zrtlichste Klagen der Liebe nicht aufweckt.

       *       *       *       *       *




DAS DUELL

Vor der Stadt hatten die drei Reiter ihre Pferde angehalten und lieen sie
jetzt im Schritt dem bestimmten Ort zugehen; sie schwiegen eine Zeitlang,
und jeder schien seinen besondern Gedanken nachzuhngen. Emils Brust
erfllte die Qual aller Zweifel an Ida. Es war ihm da einmal, als stehe
sie, wie er sie eben gesehen hatte, in blendend reiner Unschuld vor ihm und
flsterte ihm mit sanfter Stimme Vorwrfe zu, da er auch nur einen
Augenblick habe an ihr zweifeln knnen; dann kamen wieder alle Qualen der
Eifersucht ber ihn; er wiederholte sich alles, was er zwischen ihr und
Sporeneck bemerkt hatte, und das Billett von gestern--"Nein! _Sie ist
schuldig_," rief er laut und unmutig. Gestern abend nmlich, als
Schulderoff sie verlassen hatte, war Brktzwisl gekommen und hatte einen
kleinen Zettel gebracht, der wahrscheinlich dem Rittmeister entfallen sein
msse. Er war offen, Emil konnte sich nicht enthalten, einen Blick
hineinzuwerfen, und ward wei wie die Wand. Schweigend reichte er
Ladenstein das Billett, und dieser las:

"Du mut noch das Strumpfband haben, das Du mir letzthin mutwilligerweise
abgebunden hast; ich brauche es notwendig; ist Dir brigens an einem
Zeichen Deiner Dame gelegen, so kannst Du etwas anderes haben. Willst Du
eine Busenschleife? Willst Du ein Schnrband von meinem Korsettchen?"

"Das ist freilich stark," hatte Ladenstein gesagt, nachdem er gelesen,
"kennst Du die Handschrift?"--"Von wem soll es sein als von ihr, die mich
um mein Lebensglck betrogen? Htte ich den Wisch da um eine Stunde frher
gehabt, ich htte den Rittmeister wahrhaftig nicht getadelt, da er von
seinem zrtlichen Liebchen so ausdrucksvoll sprach!"

"Kennst du Idas Handschrift?" fragte der alte Herr noch einmal. "Es kommt
hiebei sehr viel darauf an, da du sie genau kennst."

Emil mute gestehen, da er noch nichts von Idas Hand gesehen; es knne es
ja aber doch gar niemand anders geschrieben haben; denn die Adresse lautete
ja an Herrn von Sporeneck. Der alte Herr hatte den Kopf dazu geschttelt
und gesagt, da dieses Billett der ganzen Sache eine andere Wendung geben
knnte; jetzt sei er aber schon einmal gefordert, und darum knne vor
Ausgang des Duells nicht mehr davon gesprochen werden; nachher werde sich
vielleicht manches aufklren. Dieses Billett war nun auch auf dem Wege zum
Kampfplatz Emil in den Sinn gekommen und hatte ihm jenen lauten Ausruf:
"Sie ist dennoch schuldig," entlockt.

Der Alte reichte ihm die Hand hinber und sagte freundlich ernst: "Urteile
nicht zu frhe! Du gehst einen gefhrlichen Weg, nimm nicht die Schuld mit
dir, ungehrt verdammt zu haben. Du bist der letzte Martiniz. Schlgt eine
Kugel hier unter den Wladimir, so ist es vorbei mit dir und dem
Heldenstamm, dessen Namen du trgst. Du schlgst dich fr die Ehre einer
Dame; so lange du fr sie kmpfst, darfst du nicht an ihrer Tugend
zweifeln, sonst ist deine Sache nicht gut. Denke dir: das Mdchen, so hold
und engelrein, wie du sie sahst, als wir zu Pferde stiegen, wie du ihr, von
ihrem heiligen Anblick bermannt, dein zrtliches Lebewohl zuriefst--und du
wirst freudiger streiten."

Emil hrte nur mit halbem Ohr; seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Platz
gerichtet, dem sie sich nahten. Sie bogen um die Ecke der Mauer des
Gottesackers. Sein Gegner war schon auf dem Platz; er nahm sein Ro
zusammen und sprengte majesttisch im kurzen Galopp an.

Sporeneck und sein Begleiter waren auf einem andern Weg herausgeritten und
hatten auf der Wiese den Grafen erwartet. Sie hatten ihre besten Uniformen
angezogen, alles gewichst und gebrstet, als ginge es zur Hochzeit; denn
sie wollten dem Grafen und seinem Begleiter durch Glanz und militrische
Wrde imponieren. Wer beschreibt ihr Erstaunen, als sie den
strahlenblitzenden, in den schnsten Farben schimmernden Ulanen ansprengen
sahen? Sie trauten ihren Augen kaum, wie gewandt, wie flink das zivile
Grfchen vom Sattel sprang, mit welchem Anstand er die Zgel seinem Diener
zuwarf, sich dann zu ihnen wandte und seine Honneurs machte. Die Diamanten
des Wladimir, der goldene, vom Vater ererbte Ehrensbel glnzten im
Morgenrot; der ganze Mann hatte etwas Gewaltiges, Gebietendes, Knigliches,
das sie beinahe mit Ehrfurcht bewunderten.

"Alle Teufel, wer htte das gedacht?" flsterte Sporeneck. "Htte ich das
gewut--wei Gott, die Uniform der polnischen Garde, wo jeder Rittmeister
fr einen Obersten in der Linie zieht! Nein, wenn ich gewut htte, da er
Soldat ist, dann wre es wohl etwas anderes gewesen."

"Und alle Wetter," fuhr ein anderer fort, "sieh nur den alten Graukopf, wie
der behngt ist, eins--zwei--drei--sieben Orden hat das Kerlchen und noch
obendrein einen Stern! Siehe, des Theresienkreuz--und wei Gott, den
Kommandeur der Ehrenlegion! Das mu ein fixer Kerl sein."

Der alte bekreuzte und besternte Herr nahte sich Schulderoff, zog ganz
gelassen und kaltbltig eine reich mit Brillanten besetzte Uhr heraus.
"Herr Kamerad," sprach er, "wenn's gefllig ist!"

Dieser hatte sich von seinem Staunen kaum erholt. Er hatte die uerung des
Rittmeisters gehrt, da, wenn er gewut htte, da der Graf Soldat wre,
er die Sache vielleicht nicht so weit getrieben htte. Er versuchte daher
noch einmal mit dem alten Herrn zu parlamentieren. Doch die Unterhandlungen
zerschlugen sich an dem harten Sinn des Grafen; man ma die Schritte ab,
man schttete frisches Pulver auf die Pfannen--fertig!

Sporeneck hatte den ersten Schu. "Nun, wenn es denn einmal sein mu,"
sagte er, drckte ab und--den Kalpak ri es dem Grafen von dem Kopf; mitten
durch war die Kugel gegangen; er stand unverletzt. Ein sonderbares Feuer
sprhte aus seinem Auge, als er jetzt die Pistole aufnahm. Es war ihm, als
stehe Antonios blutende Gestalt vor dem Rittmeister und wehre ihm ab;
zweimal setzte er an, zweimal lie er das Pistol wieder sinken. Da rief der
Rittmeister mit bitterem Lachen: "Wird's bald, Herr Kamerad?" Und in
demselben Augenblicke krachte es; Sporeneck schwankte und fiel.

Er hatte genug; gerade unter der Brust hatte die Kugel durchgeschlagen. Der
Regimentsarzt der Dragoner machte ein bedenkliches Gesicht und gab wenig
Hoffnung. Man brachte ihn in die Wohnung eines der Offiziere, der vor der
Stadt wohnte. In tiefem Ernst, schweigend ritt der Graf und sein Begleiter
zur Stadt zurck.

       *       *       *       *       *




FINGERZEIG DES SCHICKSALS.

Die Dragoner waren seit der Entdeckung, da der Graf Offizier sei, die
Artigkeit selbst. Alle Stunden kam einer, um zu rapportieren, wie der
Verwundete sich befinde. Aus ihren Reden, die sie hie und da ber die
Geschichte fallen lieen, wurde man zwar nicht ganz klug; aber so viel
merkte Martiniz und der alte Herr, da der Rittmeister, indem er sich
geheimer, von Ida erhaltener Begnstigungen rhmte, gewaltig gelogen habe.
Von dem Duell war brigens bis jetzt noch nirgends etwas bekannt geworden.
Den Reitknecht des Rittmeisters hielt man in dem Haus vor dem Tore fest,
da nicht etwa durch ihn etwas auskme; die brigen hatten sich das
Ehrenwort gegeben, nichts zu verraten.

Mehr denn achtmal war die Kammerzofe der Grfin im Mond gewesen und hatte
heimlich nach dem Rittmeister gefragt und allemal den Bescheid erhalten, er
sei auf der Jagd. Endlich kam auch, wahrscheinlich auf der Grfin
Anstiften, ein Diener von Prsidents, um den Grafen zu bitten, nachmittags
hinber zu kommen. Er schlug es ab; denn er war noch zu aufgeregt von dem
blutigen Morgen, als da er mit der Grfin, die ohnehin ihn immer sehr
langweilte, htte konversieren mgen.

Endlich, als es schon Abend war, kam Schulderoff, der jetzt auch wie ein
umgekehrter Handschuh war, und brachte bessere Nachricht. Man hatte die
Kugel herausgenommen, die rzte behaupteten, es sei kein edlerer Teil
verletzt. Zugleich lud er den Grafen und Herrn von Ladenstein ein, mit ihm
zu gehen und den Kranken, dem es gewi Freude machen wrde, zu besuchen.
Sie gingen mit.

In einem der letzten Huser der Vorstadt lag der Rittmeister. Als die
beiden Fremden mit Schulderoff die Treppe hinaufkamen, gerieten die brigen
Offiziere augenscheinlich in einige Verlegenheit. Sie flsterten etwas mit
Schulderoff, das ungefhr lautete, als sei der Kranke nicht recht bei sich
und phantasiere allerhand verwirrtes Zeug, das nicht wohl fr einen Fremden
geeignet sei. Leutnant Schulderoff besann sich aber nicht lange. Er
erklrte, da er es auf die Gefahr hin, seinen Freund zu beleidigen, ber
sich nehmen wolle, die Fremden einzufhren, weil der Kranke es vor einer
Stunde selbst noch gewnscht habe.

Sie traten ein. Der Rittmeister war sehr bleich, sonst aber nicht
entstellt, nur da sein Auge unstet umherirrte. Sie hatten ausgemacht, da
zuerst Ladenstein ans Bett treten solle, um zu probieren, ob ihn der Kranke
erkenne. Es geschah so. Sporeneck sah ihn lange an und fate dann hastig
seine Hand: "Ach, sind Sie es, Herr Geheimrat von Sorben?" rief er. "Was
schreibt der Alte aus Polen? Darf der Graf die Aarstein heiraten?"

Die Anwesenden waren alle hchst betreten, als der Verwundete so aus der
Schule schwatzte. Schulderoff gab dem alten Herrn zu verstehen, es mchte
doch vielleicht besser sein, wenn er zu einer andern Zeit wiederkme. Es
scheine, der Kranke erhitze sich zu sehr. Der alte Herr schien es aber
nicht verstehen zu wollen. Sein Auge nahm einen sonderbaren Ausdruck von
forschendem Ernst an, der den Leutnant unwillkrlich zum Schweigen brachte.
Der Kranke aber fuhr fort: "La dich nicht von diesem da forttreiben,
lieber Sorben, du kannst mir jetzt einen groen Dienst erweisen. In meinem
Zimmer ist ein Koffer, in diesem eine Kassette; la dir von Schulderoff die
Schlssel geben und schlie auf! Dort findest du ein Strumpfband mit
goldenem Schlo--" er hielt inne, als ob er nachsnne; der Graf aber trat
in der hchsten Spannung nher, um jedes Wrtchen zu verschlingen, das er
sprechen wrde,--"und richtig, _Honny soit qui mal y pense_ ist drauf
gestickt: Das bringst Du der Grfin, sie hat den Kameraden dazu am linken
Bein, und sagst, das sei das Band, um welches sie mir geschrieben habe, ich
knne heute nicht selbst kommen. Ja--und weiter sage ihr, mit der Ida sei
es nichts, ich habe es satt, dem sprden Ding die Cour zu schneiden, nur um
das Grfchen eiferschtig--ja, halt, bei dem Grafen fllt mir ein--sage
ihr, den Grafen soll sie mir in Ruhe lassen, er sei kein Ofenhocker,
sondern ein braver Soldat, und wenn sie ihm ferner noch was anhaben wolle,
so habe sie es mit mir zu tun."

Erschpft sank er auf die Kissen zurck, als er so gesprochen hatte.
Schulderoff stand in einer Ecke und schalt sich selbst aus, so tricht
gehandelt und die Fremden in diesem kritischen Momente zu dem Rittmeister
gefhrt zu haben. Gern htte er in seinem Unmut den beiden etwas Hartes
gesagt; aber der Graf hatte ihm durch sein Betragen und seinen Stand, der
alte Herr durch seine vielen und bedeutenden Ordenszeichen so imponiert,
da er nicht wagte, sich ihnen anders als mit der zuvorkommendsten
Hflichkeit zu nahen. Die brigen Dragoner waren aber von beiden ganz
entzckt. In des Grafen Uniform verliebten sie sich ganz und gar, und wie
geehrt und gehoben fhlten sie sich, da ein Kommandeur der Ehrenlegion,
ein alter Ritter des Theresienordens, sie mit der grten Freundlichkeit
"Herr Kamerad" titulierte.

Es dauerte aber keine fnf Minuten, so war auch Schulderoff ganz von dem
Alten gewonnen. Dieser fhrte ihn nmlich in eine Ecke und machte ihm unter
der Bedingung, da er es nicht als Krnkung aufnehme, die Proposition, ob
er nicht fr den Rittmeister, der jetzt doch so entfernt vom Haus sei, ein
kleines Anlehen von ihm annehmen wolle.

"Lieber Gott," sagte er, "ich wei, wie es in der Garnison ist, habe auch
lange gedient; mit dem besten Willen bringt man es selten so weit, da man
immer einen groen Notpfennig in Bereitschaft hat. Einer mu immer dem
andern aushelfen, und da ich jetzt gleichsam auch hier in Garnison liege,
Herr Kamerad--ich denke, wir knnten darber einig sein."

Der herzliche Ton, mit welchem dies Anerbieten gemacht wurde, rhrte den
Leutnant zu Trnen; es konnte ihm nichts mehr zustatten kommen als ein
solches Anlehen; er hatte kein Geld, die Mama hatte kein Geld, die
Kameraden hatten auch kein Geld, und er wre am Ende gentigt gewesen, sich
an die Grfin zu wenden, und doch war ihm diese in der tiefsten Seele
zuwider; lieber htte er sein Pferd verkauft--da kam ihm nun das Anerbieten
des alten Kameraden sehr erwnscht; es war so natrlich und ehrenvoll
angetragen, da er ohne Bedenken einschlug, und von dieser Stunde an wre
er, und wenn ihn Frau Mama, Frulein Sorben, die Grfin und alle
Hllengeister am Kollet gepackt htten, fr die beiden Fremden durchs Feuer
gegangen.

       *       *       *       *       *




LICHT IN DER FINSTERNIS.

"Nun, was sagst du zu dieser Geschichte?" sprach der alte Herr zu Martiniz,
als sie wieder in ihrem Zimmer waren. "Was sagst du zu der schnen
Strumpfbandgeschichte?" "Nun, was werde ich dazu sagen!" antwortete Emil
nachdenklich--"da er mit der Grfin in einem sehr unanstndigen Verhltnis
steht. Aber erklren Sie mir nur, was plauderte er nur von einem alten
Sorben und von einem Grafen, der die Grfin Aarstein heiraten solle?"

"Das will ich dir schwarz auf wei zeigen," sagte jener und zog einen Pack
Briefe hervor, den er Emil zur Durchsicht gab. Es waren jene Briefe, welche
der alte Sorben an den lteren Grafen Martiniz geschrieben hatte, um
womglich eine Heirat zwischen Emil und der Aarstein zu bewirken. Immer
eifriger las Emil, immer zorniger und dsterer wurden seine Zge; der alte
Herr ging indessen auf und ab und betrachtete den Lesenden. Endlich sprang
dieser auf und rief: "Nein, das ist zu arg! Das ist nicht auszuhalten! Mit
mir ein solches Spiel spielen zu wollen! Was sagen Sie zu diesen Briefen?
Wie reimen Sie dies alles zusammen?"

Der alte Herr setzte sich zu Emil nieder, legte seine Hand zutraulich auf
seine Schulter und sprach: "Ich habe dir letzthin gesagt, da ich sechzig
Jahre habe und du zwanzig, da ich also auch manches klter betrachte und
darum schrfer als du. Schon damals ahnte ich manches; jetzt durch die
Irrereden des Rittmeisters ist mir auf einmal alles klar. Da dich in
diesen Briefen die Grfin durch den schlechten Kerl, den alten Sorben, zu
angeln sucht, siehst du wohl ein; sie hrt nun durch Kundschafter, oder wie
es sonst gegangen sein mag, du seiest hier, und, wie du nicht leugnen
kannst, in einem zrtlichen Verhltnis mit Ida; da der Grfin daran lag,
dich oder vielmehr dein Vermgen nicht hinauszulassen, kannst du dir
denken. Daher kam sie eilends hieher, um dich zu erobern; dazu gehrte aber
auch, da sie Ida von deinem Herzen losri, und wie konnte dies besser sein
als durch den Rittmeister? Wie dieser mit der Grfin stand, wissen wir aus
dem Strumpfbandbillett, das also von _ihr_ ist; wie er aber mit Idchen, dem
keuschen, reinen Engel, stand--und hat er sein ganzes Leben hindurch
gelogen, so war er wenigstens in seinem Wundfieber wahr--erinnerst du dich,
da er mir auftrug, der Grfin zu sagen, da mit dem sprden Mdchen nichts
anzufangen sei? Da hast du jetzt den ganzen Plan, Freundchen; so und nicht
anders verhalten sich die Sachen. Was sagst du nun dazu?"

Ganz versunken in Schmerz und Wehmut sa der Graf neben ihm. Er hatte sein
Gesicht in das Taschentuch gedrckt und weinte heftig. "O Ida, wie tief
habe ich dich beleidigt!" flsterte er. "Was war ich fr ein Tor, wie war
ich so stockblind, um nicht gleich alles einzusehen! Wie war ich so grausam
und konnte das gute, sanfte Engelskind, das mir so gut war, das mich so
lieb hatte, so tief krnken und beleidigen!"

Dem alten Herrn wurde angst und bange, Emil mchte, wenn die Reue sein
Gemt zu sehr angreife, wieder in seinen Wahnsinn verfallen, aus welchem
ihn das Mdchen so wundervoll errettet hatte. "So lange man lebt, kann man
alles wieder gut machen," sagte er zu dem Weinenden, "und namentlich ist
nichts leichter zu schlichten als kleine Katzbalgereien unter Liebenden.
Sei darum getrost und glaube, es wird sich alles noch gut machen!" Und nun
setzte er dem Grafen auseinander, da er sich so bald als mglich mit
seinem Mdchen vershnen msse; aber dabei drfte er nicht stehen bleiben;
er zeigte ihm, wie viel er diesem Mdchen schuldig sei, wie sie ihn zuerst
mit der Welt wieder ausgeshnt habe, wie sie nachher, erhaben ber alle
mgliche falsche Deutung, jenes unglckbringende Gespenst seiner Phantasie
entfernt, wie sie mit unendlicher Freundschaft allem aufgeboten habe, ihn
zu zerstreuen und zu erheitern. "Wahrlich," schlo er, "diesem Mdchen bist
du mehr schuldig, als da du ihr den argen Verdacht mit dem Rittmeister
abbittest--du bist, ich sage es offen, du bist ihr deine Hand schuldig, so
sehr sich auch," setzte er schalkhaft lchelnd hinzu, "so sehr sich auch
dein Herz dagegen struben mag!"

Es hat selten ein geistlicher Witwentrster, wenn er auch noch mit zehnmal
grerer Salbung sprach, mit so groem Effekt sein "Amen, gehe hin und tue
also!" gesagt, als der alte Herr auf dem Sofa neben dem Grafen. Die Trnen
waren schnell getrocknet von den glhenden Strahlen, die aus dem dunkeln
Auge sprhten; ein holdes Lcheln spielte um seinen Mund, das ganze Gesicht
war anmutig verklrt, er sprang auf, er ergriff die Hnde des guten Alten
und prete sie an sein lautpochendes Herz, an die glhenden Lippen. "O, wie
Herrliches verheien Sie mir! Sie, Sie muntern mich dazu auf, wozu mich
mein Herz schon lange zog; o, wie kann ich Ihnen danken, mein vterlichen
Freund, mein guter, teurer O--" doch halt, beinahe htten wir das Inkognito
des Herrn von Ladenstein gebrochen und Namen genannt und Dinge geplaudert,
die jetzt noch verschwiegen werden mssen. Der alte Herr schlo Emil in die
Arme und ging dann an die Tre: "Brktzwisl, alter Kerl, komm herein und
teile die Freude deines Herrn; er will Hochzeit machen, und das so bald als
mglich!"

Der alte Diener machte ein sauerses Gesicht, als ob er ein
Rhabarbertrnklein im Mund htte und sollte es als den trefflichsten Xeres
loben. "So--o?" sagte er, "nun, da mu ich ja gra--tulieren!" "Nun wie,
alter Kauz," sagte Ladenstein, "du scheinst dich nicht recht zu freuen?
Gefllt dir denn die Braut nicht, die sich dein Herr erlesen?"

"Nun," antwortete Brktzwisl, "sie ist schn, die Frau Grfin--"

"Wer spricht denn von der Grfin?" sagte sein Herr, "Frulein Ida meinen
wir!"

"Was?" rief der alte Diener und gebrdete sich wie wahnsinnig; denn jetzt
hatte er wirklich sen Xeres im Mund. "Das Wunderengelskind? Also hat Gott
Ihr Herz gelenkt zum Guten? Frulein Ida soll meine Frau Exzellenz werden?
Hurra, das ist einmal schn!"

Man mute seinem Jubel Einhalt tun; er wre sonst spornstreichs durch die
Straen gerannt und htte die Nachricht an allen Ecken verkndigt. Das
helle Wasser der Freude stand der alten, treuen Seele in den Augen; er
kte dem alten Herrn und dem Grafen die Rcke, und beiden war es ein neuer
schner Beweis, wie das Mdchen Wunderhold alle Herzen bezauberte; hatte
sie ja doch, die holde Frhlingssonne, den alten, eingeschnurrten,
winterlichen Eisbren aufgeweicht und zum tollenden Kinde gemacht.

       *       *       *       *       *




REUE UND LIEBE.

"Und nun noch eine Bitte," sagte der glckliche Graf zu seinem Retter und
Ratgeber; "jetzt noch eine Bitte! Ich habe dem armen Kind diese Tage her so
wehe getan; ich sah es ihr an, wie ich ihr Herzchen gebrochen habe,--lassen
Sie es mich heute noch gut machen!"

Der alte Herr meinte zwar, es mchte heute schon zu spt sein, und er solle
seine Ungeduld bis morgen zgeln; aber der Graf bat immer dringender. "Kann
ich es dulden, da sie noch eine Nacht mir bse ist, da sie auch nur noch
eine Trne ber mich weint? Nein, heute abend noch bitte ich ihr ab, was
ich gefrevelt habe; aber in dem Salon, wo die Grfin, die an allem Unheil
ganz allein schuldig ist, auf mich lauert, macht sich eine solche
Vershnung nicht gut. Sie mssen mir schon dazu helfen. Gehen Sie hinber!
Wenn ich nicht irre, hat Ida versprochen, Ihnen ihre Zeichnungen zu zeigen.
Ich schleiche nach, wenn sie mit Ihnen hinaus geht, und vor Ihnen habe ich
mich ja nicht zu genieren."

"Will dir auch den Platz ganz und gar nicht versperren. Nun, in Gottes
Namen, komm!--wenn so ein Herzchen von vierundzwanzig Jahren siedet und
hmmert, da hilft es nichts mehr, zu raten und zu predigen. Das Hammerwerk
geht fort, ob so ein alter Meister Dietrich 'halt' sagt oder nicht. Aber
das sage ich dir: den fatalen Frack da ausgezogen und dein Kollett an, den
Familienehrensbel umgehngt, da du auch etwas gleichsiehst! darfst dich
wei Gott, vor Knig und Kaiser darin sehen lassen; darum tritt als Soldat
auf, wenn du dein Mdchen zum ersten Male ans Herz drckst!"

"Zum erstenmal ist es nun nicht," lachte der Graf, indem er den goldenen
Sbel umschnallte; "aber leider war die erste Umarmung gleichsam das
unterbrochene Opferfest unserer Liebe; denn die Grfin kam dazwischen, als
ich schon den Mund zum ersten Kchen spitzte."

"Kamerad, das hast du schlecht gemacht," belehrte ihn schmunzelnd der alte
Theresienritter; "wenn man einmal so weit ist, so mu ausgekt werden, und
wenn eine Karttschenkugel zwischendurch fahren wollte; so stand es
wenigstens im Reglement zu meiner Zeit; denn es ist in der Natur nichts
Schdlicheres und Frchterlicheres als ein unterbrochener Ku."

Der Graf versprach, folgsam zu sein und sich ein andermal streng an das
Reglement des alten Herrn zu halten.

In Prsidents Haus war man beim Tee versammelt, als der alte Herr von
Ladenstein hinber kam. Die Grfin wollte ihn sogleich ins Gebet nehmen und
schmlen, wo denn die Herren heute alle bleiben; er aber gab ihr kurz zur
Antwort, da die Bewohner des Mondes und einige andere Herren auf der Jagd
gewesen seien. Sie fragte sehr witzig, ob man doch keinen Bock geschossen
habe, und wollte sterben vor Lachen ber ihr eigenes Bonmot. Der Alte aber
dachte: "Lache du nur immer zu; wenn du wtest, wie nahe dich der Bock
angeht, der geschossen worden ist, du wrdest nicht lachen; doch wer
zuletzt lacht, lacht am besten!"

Er erinnerte Ida an ihr Versprechen, ihm ihre Zeichnungen und Malereien zu
zeigen. Sie nickte freundlich ein Ja und flog vor ihm die Treppe hinan, da
er kaum folgen konnte. Es sah etwas kunterbunt in dem Zimmer aus, das sie,
weil sie der Grfin Platz machen mute, einstweilen bewohnte. Sie
entschuldigte sich daher bei dem alten Herrn. "Machen Sie doch nur keinen
falschen Schlu auf meine Ordnungsliebe, lieber Ladenstein," sagte sie;
"aber die Grfin hat uns aus aller Ordnung herausgejagt, und besonders mir
kam sie gar nicht sehr geschickt; denn sie hat mich aus meinen vier Wnden,
die ich so hbsch eingerichtet hatte, herausgejagt und nicht eher geruht,
bis ich hier heraufzog."

"So, das hat die Grfin gewollt?" sagte der Alte, dem es immer klarer
aufging, da jene ein falsches Spiel spiele; er schrieb es sich _ad notam_,
um den Grafen noch mehr zu berzeugen. Sie schlo jetzt ihre Mappe auf und
breitete ihren Schatz vor ihm aus. Der Alte verga auf einige Augenblicke,
da er ja dies alles nur als Vorwand gebrauchen wollte; er war Kenner und
ein wenig streng gegen die gewhnlichen Dilettantinnen in der Kunst; er
konnte es nicht ausstehen, wenn man die grellsten, fehlerhaftesten
Zeichnungen, wenn sie nur von einer schnen Hand waren, "wunderschn und
genial gedacht" fand; er hatte hundertmal gegen diese Allgemeinheit der
Kunst geeifert, wodurch sie endlich so gemein wrde, da ein jeder Sudler
ein Raphael oder jede Dame, die den Baumschlag ein wenig nachmachen konnte,
ein Claude Lorrain wrde. Aber hier bekam er Respekt; da war nichts
bersudelt oder schon als Skizze weggeworfen; nein, es war alles mit einem
Flei behandelt, mit einer Sorgfalt ausgefhrt, die man leider heutzutage
selten mehr findet und die man gerade an den grten Kunstwerken alter
Meister so hoch schtzen mu.

Des Mdchens trnenschwere Miene, die seit einiger Zeit sie selten verlie,
heiterte sich unwillkrlich auf, als sie sich von einem so tiefen Kenner,
als welcher der alte Herr sich zeigte, belobt, sogar bewundert fand; er
stie auf Kartons, zu denen sie sich als Urheberin bekannte, und sie waren
alle meisterhaft; er wandte das letzte Blatt in der Mappe um und hielt
berrascht inne; sie wollte ihm die Zeichnung entreien, sie bat, sie
flehte--es half nichts; es war ein zu bedeutendes Aktenstck, als da er es
htte unbetrachtet aus den Hnden gelassen. Es stellte eine ihm unbekannte
Kirche vor, am Altar stand eine hohe, erhabene Figur--bei Gott, bis zum
Sprechen hnlich--Emil; der tiefe, wehmtige Ernst, der sonst in seinen
Zgen lag, war herrlich aufgefat und wiedergegeben. Man frchtete, wenn
man in diese Zge sah, ein namenloses Unglck zu erfahren, das auf den
feinen Lippen schwebte: zur Seite standen zwei Mnner, wovon er nur den
einen kannte, es war der alte Brktzwisl; auch in diesem, nichts weniger als
malerischen Gesicht war die ehrliche Gutmtigkeit, die innige,
ergebungsvolle Teilnahme an dem Schicksal seines Herrn trefflich
ausgedrckt; weiter im Hintergrund sah man zwei Figuren, die, weil sie im
Schatten standen, kaum flchtig angedeutet waren; doch glaubte er in der
einen die Zeichnerin selbst zu erkennen. An dem Bilde war auer der
hnlichkeit der Gesichter und der gelungenen Anordnung der Gruppen auch die
Verteilung des Lichtes hchst genial ausgefhrt; es war nmlich Nacht in
der Kirche, und die Helle ging nur von einer trbe brennenden Laterne aus,
so da nun die wunderherrlichen Licht- und Schattenpartien, das Verschweben
der Helle im Dunkel auf ergreifende Weise angegeben war.

Die Zeichnung an sich htte seine innigste Bewunderung erregt; aber er
kannte auch gar wohl den Moment, der hier dargestellt war; er kannte die
Gestalt, die sich so bescheiden ins Dunkel gestellt hatte; es war die
Retterin seines geliebten Jnglings; gerhrt sah er zu ihr herab; auch sie
war tief ergriffen. War es der furchtbare Moment des Wahnsinns, wie sie ihn
erlebt und gesehen hatte, war es der Gedanke, da der, den sie rettete, der
nachher, aufgelst von Dankbarkeit, nur ihr gehrt hatte, da dieser auf
die ersten Lockungen einer Kokette sie verlassen hatte?--Sie stand, das
holde Amorettenkpfchen tief gesenkt, voll Wehmut da; Trne um Trne stahl
sich aus ihren Augen und rieselte ber die Wangen herab.

Er sah sie einige Augenblicke an und teilte stillschweigend ihren Kummer.
Doch er konnte ja alles gut machen, er konnte die Trnen in Lcheln
verwandeln. "Seien Sie nur ruhig, gutes herziges Kind; der tolle Patron da,
den Sie so gut getroffen haben, der soll Ihnen abbitten, soll alles wieder
gut machen."--

Sie sah fragend an ihm hinauf und schttelte dann wehmtig lchelnd das
Kpfchen, als wollte sie sagen: "Das ist jetzt alles vorbei und hat ein
Ende." Er aber lie sich nicht aus seinem Konzept bringen. "Wetten wir
diese Zeichnung," sagte er, "der undankbare Junker Obenhinaus mu heran und
mu wieder brav und mild sein und seine Ida lieb--"

Das Mdchen ward feuerrot. "Herr von Ladenstein," sagte sie, zwischen
Wehmut und Unmut kmpfend, "ich htte nicht geglaubt, da Sie--"

"Nun, wenn Sie nicht glauben, so mu ich Ihnen den Glauben in die Hnde
geben." Damit schritt er zur Tre und ri sie auf.

       *       *       *       *       *




VERSHNTE LIEBE.

Das Mdchen war sprachlos vor Staunen; es wute nicht, wie ihm geschah, und
traute seinen Augen nicht. In glnzender Uniform, schn und freundlich wie
der Tag, ganz hingegossen in reuevoller Zrtlichkeit lag Emil vor ihr auf
den Knien, hatte ihr Hndchen gefat und prete heie, glhende Ksse der
Liebe darauf, Sie wollte die Hand zurckziehen, sie zog ihn mit herauf, und
ehe sie sich es recht versah--doch das konnte man doch nicht sagen--sie sah
sich mit einem blitzschnellen Viertelsseitenblickchen nach Ladenstein um;
doch der schien gar nicht auf sie beide zu achten; denn er schaute
unverwandt durch die Scheiben in die Nacht hinaus--also ehe sie sich kaum
recht versah, lag sie in des Grafen Armen, fhlte sie seine Lippen auf
ihren Lippen und--"_Solch_ ein Ku, das ist ein Ku!"

Und nun bat der arme Snder um Verzeihung; er sagte ihr, wie ihn die Grfin
so eiferschtig gemacht hatte, wie er geglaubt habe, der Rittmeister mache
ltere Rechte geltend, wie er in der Verzweiflung der Grfin die Cour
gemacht, wie er--nun, er hatte sich stark versndigt, aber sie lie ihn
nicht weiter reden; mit dem ersten Wort seiner Reue war ja auch ihr Kummer
verschwunden. Sie legte ihm das weiche, zarte Flaumenhndchen auf den Mund
und wisperte ihm errtend zu, da sie alles vergeben und vergessen wolle;
und jetzt ging es von neuem los. Da wollte er erstens ein kleines Kchen
zum Zeichen der Vergebung, dann den greren Vershnungsku, dann einen
langen dito, da sie ihm nimmer bs sei, dann einen noch lngeren, da sie
ganz gewi nimmer zrne, dann den ganz ellenlangen zur Erlaubnis, da er
morgen zum Papa gehe und um sie anhalte.

"Aber Kinder, es wird spt," sprach endlich schon zum drittenmal der alte
Herr und tippte Ida auf das rmchen, das den reuevollen Geliebten
umschlungen hielt, da sie erschrocken und ber und ber bepurpurt
aufsprang und nicht wute, wohin sie sehen sollte; denn an diesen Zeugen
hatte sie in ihrer Seligkeit gar nicht mehr gedacht.--"Kinder, es wird
spt, und die Bilder knnten alle schon zehnmal gezeigt sein; wir mssen
hinunter zur Gesellschaft."

"Nur ich nicht," bat Martiniz; "mir graut, vom Himmel, in dem ich war,
herabzusteigen in einen nchternen irdischen Tee."

Es wurde ihm zugestanden, aber unter der Bedingung, da er morgen recht
bald kommen solle. Ladenstein versprach, ihn selbst hinber zu spedieren,
und trieb immer wieder zum Aufbruch. Nun, so unbarmherzig konnte er doch
nicht sein, den allereinzigen Gutenachtku mute er gestatten. Er wrde in
zwlf kleine Portionen verteilt und nach alter Vorschrift eingegeben, und
jetzt endlich trennte man sich.

Idchen war es ganz schwindlig zu Mut; tausend Gedanken stiegen in ihr auf
und nieder; sie hatten gar nicht alle recht Platz in dem Kpfchen und
drngten und trieben sich daher wirbelnd um und um. Nur _eines_ war ihr
recht klar und deutlich, da sie recht glcklich, unendlich glckselig sei,
da er sie gek-- Sie errtete vor dem Gedanken, und dennoch spitzte sie das
Mulchen und probierte es noch einmal im Geiste, wie sie es gemacht hatten,
da es so wunders schmeckte.

Nein, so ging es nicht, sie mute sich zusammennehmen, ehe sie zur
Gesellschaft ging; es war ihr, als sollte sie allen Menschen um den Hals
fallen und ihnen ihr stilles Glck verknden. So ging es nicht, da mute
man es gleich merken; sie stellte sich vor den deckenhohen Spiegel und
probierte recht ernsthafte oder gleichgltige Gesichter; aber sie mochte es
machen, wie sie wollte, immer guckte wieder ein lustige Kpfchen mit einem
spitzigen Mulchen aus dem reinen, hellen Glas. Endlich schalt sie sich
selbst recht aus, nannte sich einen Kindskopf, einen Wildfang und alles
mgliche, und siehe, da ging es endlich; mit dem gleichgltigsten Gesicht
von der Welt trat sie wieder ins Zimmer und behielt zu ihrer eigenen
Verwunderung die gleichgltige Miene, bis man sich verabschiedete.

Doch nein, einmal wre sie beinahe herausgeplatzt, und sie hatte zu beien
und zu schlucken, da kein Kichern hervorkam.

Die Grfin beklagte sich noch einmal gegen die Sorben, die jetzt ihre
Gesellschaftsdame spielte, da der Graf heute sich gar nicht habe sehen
lassen. "Das verzeihe ich ihm in den nchsten zwei Tagen nicht," setzte sie
prezis hinzu, indem sie die arme Ida dabei fixierte und dachte: "Die
verberstet vor Neid," whrend es nur unterdrcktes Lachen war, was dem
lustigen Amorettenkpfchen um die Lippen zuckte,--"wenn er morgen frh mich
zu besuchen kommt, wird er nicht angenommen, nachmittags--nicht angenommen,
und abends--nun, da will ich ihm ein so saures Gesicht machen, da er nicht
mehr daran denkt, uns einen ganzen Tag zu negligieren."

"Der arme Graf, wie ihn das mitnehmen wird!" lchelte Frulein von Sorben
mit einem schadenfrohen Blick auf Ida.

"Der arme Graf," dachte sie und lachte still in sich hinein; sie konnte
sich denken, wie arg dieser schreckliche Vorsatz ihn angreifen werde.

       *       *       *       *       *




DIE FREIWERBER

Schon seit einer langen halben Stunde hatte am andern Morgen Ida an ihrem
Fenster gelauscht. Um neun Uhr, ehe der Vater in die Session ginge, hatte
Martiniz kommen wollen, um mit ihm zu sprechen; es war ein Viertel, er kam
noch nicht. Da der Vater ihn erwarten wrde, wute sie wohl; denn der Graf
hatte sich anmelden lassen; aber sie frchtete, der Prsident mchte bler
Laune werden, wenn er so lange warten msse. Ihr Herzchen pochte so
ungeduldig, alle Augenblicke wechselte das Rot auf ihren Wangen, der
brutliche Busen flog auf und nieder voll banger Erwartung. Es kann aber
auch fr ein Mdchen keine erwartungsvollere Stunde geben als die, wenn der
Geliebte zum Vater oder zur Mutter gehen will, um sein Mdchen anzuhalten.
Freude und Angst, Besorgnis und frohe Hoffnung wechseln dann auf dem
lieblichen Brautgesichtchen, ein tiefer Seufzer, wohl auch ein leises Gebet
entsteigt dann dem kindlichen Herzen, das zum erstenmal geteilt ist
zwischen der Anhnglichkeit an die Eltern und der Liebe zu dem, der sie zu
seinem Frauchen machen will.

Zwar konnte Ida nicht zweifeln, da der Vater diese Partie fr sie sehr
anstndig finden wrde; aber sie kannte ihn, wie er alles nach den
Dienstverhltnissen abwog. Konnte er nicht aus Furcht vor der allerhchsten
Ungnade nein sagen, weil man in der Residenz den Grafen fr eine andere
bestimmt hatte? Und dann der Onkel des Grafen,--sie hatte vom Hofrat
gehrt, da es einen solchen gebe, einen ltlichen, etwas grmlichen Mann,
von dem der Graf sehr abhngig sei; wird er auch seine Einwilligung
geben?--

Auch vor der Grfin war ihr bange. Zwar, es lag kein geringer Triumph
darin, die Gegnerin, die alle Hllenknste aufgeboten hatte, Emils Herz von
ihr abzureien, berwunden zu haben; aber sie scheute sich doch beinahe
ebenso sehr vor dem Zorn der Gewaltigen, als sie sich freute, zu sehen, was
sie fr ein Gesicht machen werde, wenn man ihr es ankndige.

Endlich--ja, er war es; in seiner glnzenden Uniform wie gestern trat er
heraus,--mit ihm Ladenstein; nein, wie aber dieser geputzt war! Sie hatte,
als sie sich bei Hof prsentieren lie, einmal einen ....schen Gesandten
gesehen, gerade so war er gekleidet; der Frack starrte von goldener
Stickerei, ein handbreites Ordensband ging ihm ber die Brust quer herab,
auf der Brust--was tausend! Da hatte er ja sogar einen Stern! "Nun, das mu
doch ein vornehmer Herr sein, der Herr von Ladenstein," dachte Ida und
machte groe Augen, "und sonst sieht er doch ganz schlicht aus."

Es kam die Treppe herauf, es pochte an ihrer Tre; gewi wollte Emil noch
einmal--nein, es war nur Ladenstein, aber auch dieser war ihr willkommen.
Aber so freundlich er lchelte, so war es ihr doch, als knne sie heute
nicht so ungeniert sein als frher. Sie machte einen tiefen, tiefen Hof-
Gala-Knix, als er so bebndert, besternt und bergoldet zu ihr eintrat, und
wute nicht gleich recht, wie sie ihn empfangen sollte; er aber lachte ihr
gerade ins Gesicht: "Ich wei wohl, woran es liegt, da mich Frulein Ida
nicht empfngt wie einen alten Freund; die paar Ellen Band da! Ei, ei, das
htte ich doch nicht gedacht, da sich eine junge Dame dadurch gleich so
einschchtern liee!" Sie sammelte sich und lachte sich jetzt selbst recht
aus, da sie ihn so steif und frmlich wie eine ungeheure Respektsperson
empfangen habe; er zog sie zutraulich zu sich auf den Divan und erzhlte,
da Emil in diesem Augenblick mit seiner Werbung vor dem Papa stehe und sie
hoffentlich recht bald als Brutchen umfangen werde.--

Das Mdchen ward feuerflammrot; sie hatte sich noch von keinem Menschen
Braut nennen hren, es war ihr ein so ungewohntes Wrtchen, und doch kam es
ihr selbst wieder vor, als sei es ihr recht brutlich zu Mut.--

Er selbst, fuhr der freundliche Alte fort, sei als Reservebataillon und
Hinterhalt aufgestellt; er habe sich darum mit all seinem Flitterputz
angetan, um damit dem Herrn Papa-Prsidenten, wenn er etwa noch einiges
Bedenken tragen sollte, ber den Hals zu fallen.

Ida ward recht nachdenklich, als sie aus Ladensteins Mund hrte, da es
denn doch fehlen knne, und sagte: "Ach, vor meinem Vater ist mir nicht so
bange, der gibt am Ende schon nach, wenn ich ihn recht schn bitte; aber
der Onkel--"--"Nun, was fr ein Onkel ist denn das?" fragte Ladenstein
aufmerksam und neugierig.

"Emils Onkel, wissen Sie denn nichts von dem? Ach Gott! Das soll ein gar
bser alter Herr sein,"--Ladensteins Gesicht zog sich immer mehr in die
Lnge bei diesen Nachrichten--"das hat mir Hofrat Berner, der den jungen
Grafen und seine Verhltnisse kennt, gesagt; von ihm hngt Emil ab; denn er
soll ihn so lieb haben wie seinen Vater, und der alte Herr soll auch sehr
viel an dem Neffen tun--"--es zuckte wie tiefe Rhrung in Ladensteins
Gesicht--"wenn nun dieser die Sache erfhrt," setzte sie traurig hinzu,
"wenn er dem Grafen eine Schnere, eine Bessere ausgesucht htte, wenn er
_nein_ sagt--"

"O, er sagt nicht nein, er kann keine Bessere finden," unterbrach sie der
alte Herr voll wunderbarer Rhrung.

"Eine Treuere wenigstens nicht, keine, die ihn mehr ehren wrde; ach, wenn
man nur den erweichen knnte! Sehen Sie, Ladenstein," sagte sie unter
Trnen lchelnd, "ich habe mir eine kleine List ausgedacht, es ist zwar
eine Kriegslist, aber doch wohl eine erlaubte, und Sie habe ich dazu
ausersehen, da Sie mir dabei helfen. Sie kennen die Szene aus der Kirche,
die ich Ihnen gestern zeigte; die habe ich nun ganz eigentlich fr den
alten Martiniz entworfen. Sehen Sie, wenn er etwa zweifelt, da ich seinem
Neffen so recht von Herzen gut bin, so--das tun Sie mir schon zu Gefallen,
und Sie kennen den alten Herrn gewi--so zeigen Sie ihm die Gruppe da,
sagen Sie ihm, ich sei es gewesen, die seinen Emil von dem schrecklichen
Wahn befreite; wollen Sie?"

Der alte Herr nickte ihr stumm seine Einwilligung zu, die hellen Trnen
rollten ihm durch die gefurchten Wangen, er war so tief gerhrt, da er
nicht sprechen konnte; er fate ihre Hand und zog sie an seine Lippen.
Endlich fate er sich doch wieder; er wischte die Trnen hinweg, er war
freundlich wie zuvor und fand auch die Sprache wieder.

"Ich will es ihm geben, dem alten Gesellen," sagte er lchelnd, "ich kenne
ihn so gut wie mich selbst und darf sagen, da ich sein innigster--bester
Freund bin; haben Sie keine Sorgen, Tchterchen, der Alte schlgt mit
Freuden ein; aber das Bild da soll er haben, und wie ich ihn kenne, wird er
es hoch anschlagen, es wird sein bestes Kabinettsstck sein."

       *       *       *       *       *




FORTSETZUNG DER FREIER.

Sie wurden von Emil unterbrochen, der in strmischer Eile Ladenstein zum
Prsidenten hinabrief. Dieser ging und lie die beiden allein. Emil sagte
seinem Mdchen, da der Papa durchaus nicht abgeneigt scheine; nur habe er
bange, was der Hof dazu sagen werde. Er fr seinen Teil knne diese
Bedenklichkeiten nicht begreifen; denn offenbar gehe es den Hof nicht im
mindesten etwas an, wen er heiraten wolle. Ida konnte wohl ahnen, was ihr
Vater unter diesen Bedenklichkeiten wegen des Hofes verstand; aber sie
scheute sich, den Geliebten darber zu belehren. Es wre aber auch Snde
gewesen, ihn in seinem Glck zu stren. Er sa so selig neben dem
brutlichen Mdchen, er war so trunken von Wonne und Glck, da er nichts
anderes mehr zu hren und zu denken schien als sie.

Man konnte aber auch nichts Holderes, Lieblicheres sehen als das Mdchen.
Ihr Auge glnzte voll Liebe und Seligkeit, auf den Wangen lag das heilige
Frhrot der brutlichen Scham, um den Mund spielte ein reizendes Lcheln,
das bald Verlegenheit ber den ihr so ungewohnten Stand einer Braut, bald
Wonne und Freude verriet.

"Mein holdes, einziges, mein brutliches Mdchen," rief der glckliche
Martiniz, nachdem er sie lange mit seinen trunkenen Blicken angeschaut
hatte. "Mein lieber, guter Emil," lispelte sie und sank in seine Arme und
barg ihr tief errtendes Kpfchen an seiner Brust. Aber obgleich es ihm
Freude machte, das Engelskind so an sein treues Herz geschmiegt zu sehen,
das schne Haar mit seinen Ringellckchen zu betrachten und in den herrlich
gewlbten Nacken, so rein und wei, so glnzend wie aus Wachs geformt,
niederzublicken, so machte ihm doch die Kehrseite mehr Freude. Er fate das
Engelskpfchen an dem sanften Kinn und hob es aufwrts. Wie mild, wie treu
blickten ihn diese Augen an, wie wrzig wlbten sich die Purpurlippen ihm
entgegen! Er schlang den Arm um den schlanken Leib, er prete sie an sich
und sog in langen, langen Kssen das seste Leben in sich ein.

Nein, wahrhaftig, so sonderbar war ihr in ihrem ganzen Leben nicht zu Mut
gewesen wie in diesen Augenblicken. Es prickelte und zuckte ihr durch alle
Nerven, durch alle Glieder und Gliedchen, bis hinaus in die Fingerspitzen,
bis hinab in den groen Zehen. Es war ihr so wohl, so wonnig zu Mut, als
sollte sie, aufgelst in innige Liebe, vergehen. Sie wollte ihn ansehen und
hatte doch das Herz nicht dazu, sie wollte sich schmen und schalt sich
wieder aus ber die Torheit; denn es war ja ihr Brutig--; nein, das fiel
ihr eben siedendhei ein, es war noch nicht ihr Brutigam, Papa hatte ihm
seine Einwilligung noch nicht zugesagt--es schickte sich doch nicht so
recht; sie wand sich verschmt aus seinen Armen und wollte eben sagen, da
er doch ein wenig einhalten--

Da ging die Tre auf und mit freudestrahlendem Gesicht, den lchelnden
Prsidenten an der Hand, schritt Ladenstein herein. "Ich gratuliere," rief
er, "der Herr Papa willigt ein." Ida flog an den Hals ihres Vaters. Sie
weinte, sie lachte in einem Atem, sie streichelte seine Wangen und kte
ihn und war ein so munteres, whliges Kind, als habe er ihr eine hbsche
Puppe zum Weihnachten oder als Geburtstagsangebinde geschenkt.

Auch Emil war aufgestanden und zum Prsidenten getreten. Er fragte ihn voll
Freude, ob es ihm erlaubt sei, ihn Vater zu nennen.

Der Prsident lchelte und zeigte auf Ladenstein. "Nach dem, was Seine
Exzellenz, Ihr Herr O--" ein Wink des alten Herrn machte, da er sich
schnell korrigierte--"was Herr von Ladenstein mir sagte, ist durchaus kein
Zweifel mehr in mir, der dieser Verbindung entgegen wre."

Die Glcklichen sanken sich in die Arme, sie umarmten sich, den Vater, den
guten Ladenstein, ja, es schien fast, als mchten sie noch mehr Zeugen
ihres Glckes. Und nun ging es an ein Akkordieren wegen der Hochzeit; der
Graf wollte lieber heut als morgen und htte gerne sein liebes Brutchen
nur so im Hauskleidchen, wie sie dastand, ins Mnster gefhrt. Aber dagegen
strubte sie sich selbst. Sie sah gar zu naiv aus, als sie so ernsthaft
sagte--"Nein, wenn es einmal sein mu, so mu es auch recht sein. Im
Hausberrckchen traut man kein reputierliches Frulein." Der Prsident
stimmte bei; er sagte: "Sie haben ja noch gar nichts, wo sie nur ihr Haupt
hinlegen knnten, keine Wohnung, keinen Stuhl, kein Bette!"

Aber dagegen protestierte wieder Ladenstein feierlich: "Ein Vierteljahr ist
viel zu lang, und was den Ort betrifft, wo sie ihr Haupt hinlegen knnten,
da habe ich ein so anstndiges Pltzchen ausersehen, wie man es nur
wnschen kann. Da ist--" er zog eine groe Schreibtafel hervor, nahm
mehrere Papiere heraus und entfaltete sie--"da ist ein gerichtlich
ausgefertigter Kaufbrief von Schlo und Herrschaft Gro-Lanzau, drei
Viertelstunden von hier, angekauft fr den Herrn Grafen Emil von Martiniz,
wenn Sie ihn kennen, und ihm von seinem Oheim zur Morgengabe bermacht,
kann heute schon bezogen werden, wenn es ihm gefllig ist."

Die drei machten groe Augen. Emil strzte dem alten Herrn an den Hals.
"Mein teurer vterlicher--"

"Still, still, ist schon gut," unterbrach ihn der alte Herr, indem er ihm
die Hand auf den Mund legte, "bedenke dein Versprechen. Ich habe hier nur
den Geschftstrger gemacht, danke deinem Onkel, wenn er einmal da ist!"--
"Ach, wo ist er denn, der gute Onkel," rief Ida, "da ich ihm danken kann
fr seine unendliche Gte?"

"Wird auch kommen zu seiner Zeit," antwortete Ladenstein, indem ihm eine
Trne der Rhrung im Auge blinkte, "er wird schon kommen und eine Freude an
seinem holden Tchterchen haben; einstweilen soll ich Idchen in seinem
Namen kssen." Er gab ihr einen recht vterlichen Ku auf die schne
Stirne.

Der Prsident hatte indessen die Papiere durchgesehen. Je lnger er las,
desto grer und staunender wurden seine Augen. Ehrfurchtsvoll faltete er
die Papiere zusammen und sagte: "Nein, das ist zu arg, das ist zu viel;
bedenket, Kinderchen, nicht nur das herrliche Gro-Lanzau mit dem schnen,
neuen Schlo, ganz durch und durch elegant ausmbliert, mit Stallung und
Pferden, mit Scheunen und Knechten, mit Wldern und Feldern, wei Gott,
seine zweimalhunderttausend Taler unter Brdern wert, nein, bedenkt auch
noch--"

"Still, alter Herr," unterbrach ihn Ladenstein. "Macht kein solches Wesen
von dem Zeug! Ihr wit, der alte Martiniz kann es geben und gibt es gern.
Da ist auch noch etwas in den Papieren fr das liebe Brutchen, nmlich ein
kleines Schlchen, hart am Flu, ein Stndchen von hier. Man hat mir
gesagt, da Idchen immer gerne an jenem Pltzchen gewesen sei, und deswegen
hat es der Herr Onkel seiner lieben Nichte erb- und eigentmlich zum
Brautgeschenk bermacht."

Voll freudigen Schreckens schlug das Mdchen die Hnde zusammen. "Doch
nicht mein liebes Blauenstein?" rief sie. "Ebendasselbe," antwortete
Ladenstein und berreichte ihr die Schenkungsakte.

Sie konnte es nicht fassen, sie tanzte mit dem groen Brief im Zimmer umher
wie nrrisch und rief immer: "Mein Blauenstein, mein liebes, herziges
Blauenstein!" da die drei unwillkrlich ber die possierliche Freude des
Mdchens lachen muten.

Es ist aber auch wahr, man kann nichts Schneres sehen als dieses
Blauenstein. Ein allerliebstes Schlchen mit fnf bis sechs elegant
eingerichteten Zimmern und einem Salon, auf drei Seiten von einem schnen
Wald umgeben und die vierte Seite, die Fassade des Schlchens, gegen den
schnen Flu geffnet, und eine paradiesische Aussicht hinber in Tler und
Berge--und dieses lauschige, liebliche Pltzchen ihr ganz eigen, ihr, dem
frhlichen Brutchen, und dort zu wohnen als Frauchen mit ihrem Emil--
gewi, ein solcher Gedanke htte manche andere tanzen gemacht!

 Und jetzt hatte der Prsident auch nicht das geringste mehr einzuwenden,
und die Hochzeit wurde vor den Ohren des errtenden Mdchens auf die
nchste Woche festgesetzt. Heute abend aber wollte Papa Prsident groe
Gesellschaft geben und dort das junge Paar als Braut und Brutigam
prsentieren.

       *       *       *       *       *




DIE SOIREE.

"Was aber der Prsident Sanden dick tut!" sagten die Freilinger, als jetzt
die Lakaien in der Stadt umherflogen und zum Souper einluden. Die meisten
dachten, es geschehe der Grfin Aarstein zu Ehren, bei welcher er sich auf
alle mgliche Weise zu insinuieren suche, um spter einmal Minister zu
werden.

Als man aber abends in den Salon des Prsidenten trat, wurde man noch mehr
von diesem "Dicketun" berzeugt. Auer den prachtvollen Lstres, die
gewhnlich bei Gesellschaften angezndet wurden, war eine ganze Galerie der
geschmackvollsten Wandleuchter von Bronze angebracht, und Walratlichter, so
durchsichtig und klar wie Glas, eine ganz nagelneue Erscheinung fr
Freilingen, strahlten ein Feuermeer von sich. Die Wnde waren mit Festons
von Blumen und grnen Zweigen geschmckt, die sich in den deckenhohen
Spiegeln zu einem ganzen Wald von Krnzen und Girlanden vervielfltigten.
Ein ganzer Hausrat der prchtigsten Kristalls, Vasen, Teller, Becher,
Platten, Schsseln, Bouteillen blinkte mit seinen geschliffenen Figuren in
tausend vielfarbigen Lichtern. Das schwerste Silber an Bestecken und
Leuchtern ward heute aufgesetzt, und jedermnniglich war erstaunt ber
diese Pracht.

Einige aber, die feinere Nasen hatten als die brigen, legten die Finger
daran und klgelten hin und her, was dies alles zu bedeuten habe; denn man
wute so ziemlich allgemein, da der alte Sanden ohne Not und wichtige
Ursache nicht so viele Umstnde mache. Doch aus seinem Gesicht konnte man
nicht recht vernehmen, was er in petto habe, Er empfing seine Gste hchst
freundlich, aber zeremonis, sprach mit keinem sehr viel und lange, sondern
teilte sich berall und allen mit. Die Grfin--nun, die kam endlich, sah
aber nicht danach aus, als ob ihr das Fest gehre; denn sie war wie
gewhnlich prachtvoll, aber nicht gerade festlich gekleidet.

Die einzigen von allen Gsten, die mit ihren Erwartungen so ziemlich am
nchsten ans Ziel trafen, waren wohl Leutnant Schulderoff und seine
Kameraden. Sie waren seit der Duellgeschichte die eifrigsten Freunde des
Polen geworden und hatten ihre geheime Schadenfreude daran, da der
Goldfisch wahrscheinlich der Aarstein, welche die Garnisonoffiziere sehr
ber die Achsel angesehen und ganz obenhin behandelt hatte, entschlpfen
wrde. "Wenn die Ida doch keinem von uns gehren soll," hatte Schulderoff
geuert, "so gnne ich sie am liebsten dem Martiniz; er ist Soldat und,
das mu man ihm lassen, brav wie der Teufel; stand er doch da, als die
blaue Bohne auf ihn zusurrte, als wre es ein Schneeglckchen; so kalt und
fest habe ich in meinem Leben keinen sich schieen sehen. Und am Ende hatte
er doch recht; denn Sporeneck rsonierte doch ber die Ida, da es mir
selbst das Herz im Leibe hat zerreien wollen. Das kommt aber von niemand
her als von der Aarstein, die den guten Jungen, den Sporeneck, zum Teufel
modelliert hat, und nebenbei kommt es auch von meiner Frau Mama mit ihrer
ewigen Planmacherei, mich unter die Haube zu bringen, und nebenbei auch von
der falschen Katze, der Sorben, die gegen jedermann ergrimmt ist, der nicht
von ihren Reizen hingerissen wird."

So urteilte der Leutnant und mit ihm seine Kameraden, so sehr hatte die
Uniform und der Orden auf Martiniz' Brust die ganze Sache verndert.

Endlich war die ganze Gesellschaft beisammen. Man konversierte in dem
festonierten Saal, ehe man zu den Spieltischen ging, und die Grfin hatte
den grten Hof um sich; denn man dachte nicht anders, als sie msse doch
vielleicht die Knigin des Festes sein. Es fehlte niemand mehr; doch ja,
Martiniz und Ladenstein fehlten noch; die Grfin suchte vergebens mit ihren
rastlosen Blicken nach dem ersteren. Sie hatte eine tchtige Schelte
einstudiert, um ihn fr seine Vernachlssigung zu strafen; berhaupt hatten
sich ihr heute so sonderbare Gedanken aufgedrngt--der Graf, der sich doch
sonst an sie angeschlossen, dem sie so merklich als mglich ihre Neigung zu
ihm gezeigt hatte, war zwei Tage gar nicht fr sie sichtbar; sie wute, da
er heute im Haus gewesen, und doch hatte er sie nicht besucht; der
Rittmeister--der war ihr nun ganz unbegreiflich, und sie war bitterbse auf
ihn. Im ganzen war er ihr gleichgltig; denn ihre Neigungen waren sehr
flchtiger Natur; auch war ihr der Graf jetzt bei weitem interessanter, und
sie gestand es sich selbst, sie htte ein Wohlwollen zu ihm, das beinahe
Liebe war,--aber dennoch sollte der Rittmeister noch immer der _Cavaliere
servente_ sein, und dennoch konnte er es wagen, zwei Tage sich nicht mit
einem Blick sehen zu lassen. Wenn er auf die Jagd geritten war, wie die
brigen Offiziere uerten, so htte er wenigstens ein Billett an sie
hinterlassen knnen--aber sie wollte es ihm entgelten.

Der Arme! er lag gerade jetzt auf seinem Schmerzenslager und fluchte die
frchterlichsten Flche, da er sich jemals in die Dienste dieser Sirene
begeben habe.

       *       *       *       *       *




DIE BRAUT.

Auch Ida fehlte noch in der Gesellschaft; nun, sie hatte wahrscheinlich
noch manches fr die Bewirtung zu sorgen und zu rsten. Endlich--der
Prsident hatte sich heimlicherweise weggeschlichen--endlich ging die Tre
auf, ein allgemeines Flstern der Erwartung rauschte durch den Saal--herein
trat ein groer, ltlicher Herr in reicher, prchtiger Kleidung, mit
Sternen und Orden best--wir kennen ihn schon--, an seinem Arm ein holder;
verschmter Engel voll Huld und Anmut, demtig und doch voll wunderbarer
Majestt--Ida.

Aber wie _das_ Mdchen heute geputzt war, das Blondenkleid--man hatte noch
nichts so Feines, Zartes, Geschmackvolles gesehen. Um den Schwanenhals ein
Perlenschmuck, der--es waren scharfe Kenner in dem Saal, aber sie schwuren
hoch und teuer, mit den frchterlichsten Flchen, er sei unschtzbar und
nicht in diesem Lande gekauft! Im zierlich geordneten Haar einen Solitr--
die Grfin htte heulen mgen, da sie den ihrigen hatte in der Residenz
lassen mssen--er war in Kost und Logis bei Salomon Moses Shnen und doch
htte er gegen _dieses_ Wasser, gegen die funkensprhende Kraft _dieses_
Steins verbleichen mssen!

Hatten die Gste schon dieses Paar mit weit aufgerissenen Augen angestarrt,
so riskierten sie jetzt, vor Verwunderung den schwarzen Star zu bekommen;
denn jetzt trat der Prsident ein, an der Hand fhrte er einen Jngling,
hoch und schlank, in prachtvoller, pompser Uniform, den Diamantorden auf
der stolz gewlbten Brust, an der Seite einen mit flunkernden Steinen
berseten Sbel, in der Hand seinen Kalpak, woran die Agraffe, ein
Familienstck, von Kennern auf zweimalhunderttausend Taler geschtzt wurde;
der Prsident mit seinem strahlenden Jngling trat nher, es war Emil.

Der Kreis der erstaunten Gste ffnete sich--der Prsident empfing aus
Ladensteins Hand sein Idchen; so trat er mit dem Prchen in den Kreis--die
Grfin mochte ahnen, was vorging; denn sie scho wtende Blicke auf die
drei, ihr Busen flog auf und nieder; tief und bescheiden neigte sich Ida,
das Engelskind, und errtete ber und ber; der Graf aber schaute frhlich,
stolz mit seinem siegenden Glutblick im Kreise umher, der Prsident
verbeugte sich und begann: "Verehrte Freunde, ich habe Sie eingeladen, ein
glckliches Ereignis meines Hauses mit mir zu begehen--meine Ida hat sich
heute verlobt mit dem Grafen Emil von Martiniz." Von Anfang tiefe, tiefe
Stille; man htte eine Mcke knnen trappen hren--unwillkrlich flogen die
Blicke der erstaunten Gste nach der Grfin; denn _sie_, _sie_ mute ja
nach ihren Kalklen die Braut sein; dann ffneten sich die Schleusen der
Beredsamkeit, ein ungeheurer Strom von Gratulationen, gegenseitigen
Lobpreisungen brach ber die Dame herein; man hrte sein eigenes Wort
nicht, so gingen wie in einer Windmhle, wenn der Nordost blst, die Muler
und Mulchen.

Endlich fand auch die Grfin Worte; sie hatte, das bersah sie mit _einem_
Blick, das Schlachtfeld verloren; jetzt galt es, sich geordnet
zurckzuziehen und dem Feind, wo sie eine Ble ersphen knnte, noch eine
tchtige Schlappe zu geben. Sie hatte schnell gefunden, was sie wollte. Sie
eilte auf Ida zu, umarmte sie herzlich und wnschte ihr Glck zu ihrer
Verbindung. "Aber dennoch, Kinderchen," setzte sie hinzu und wollte
freundlich aussehen, obgleich ihr das grne Neidfeuer aus den Augen sprhte
und ihr Mund krampfhaft zuckte, "dennoch wei ich nicht, ob ihr ganz klug
getan habt. Idas Mutter war, soviel ich wei, aus keinem alten Haus, und
Sie selbst, Graf, mssen wissen, wie Ihr Oheim; der Minister, darber
denkt; wenigstens so viel ich mir von ihm habe sagen lassen, wird er diese
Verbindung nun und nimmermehr zugeben."

Ida war ganz bleich geworden; sie dachte im Augenblick nicht daran, da nur
bslicher Wille und Neid die Grfin so sprechen lasse; das Wasser scho ihr
in die Augen, sie warf einen bittenden, hilfesuchenden Blick auf Ladenstein
und Martiniz. Jener stand auf der Seite und sah ernst, beinahe hhnisch,
der Grfin zu; Emil aber sagte ganz kalt und gelassen: "Wissen Sie das so
gewi, gndige Frau?" Diese Gleichmut reizte sie noch mehr; eine hohe Rte
flog ber ihr Gesicht, die Augen strahlten noch tckischer. "Ja, ja, das
wei ich gewi," rief sie, "ein Freund Ihres Herrn Onkels, der Geheimrat
von Sorben, hat mir ber diese Sache hinlnglich Licht gegeben, da ich
wei, da er diese Mesalliance nie genehmigen wird; Sie werden es sehen!"

"Und dennoch hat er sie genehmigt," antwortete eine tiefe, feste Stimme
hinter ihr. Erschrocken sah sie sich um; es war der alte Ladenstein, der
sie mit einem hhnischen, sprechenden Blicke ansah; sie konnte seinen Blick
nicht aushalten und ma ihn daher mit stolzem Lcheln, hinter das sie ihre
Wut verbarg, von oben bis unten. "Das mte doch sehr schnell gegangen
sein," sagte sie und schlug eine gellende Lache auf, "noch vor fnf Tagen
lauteten die Nachrichten hierber ganz anders; der Herr von Sorben sagt
mir--"

"Er hat Sie belogen," entgegnete der alte Herr ganz ruhig.

"Nein, das wird mir zu stark," rief die hohe Dame gereizt, "von einem Mann
wie Herr von Sorben bitte ich in andern Ausdrcken zu sprechen; wie knnen
_Sie_ wissen, was der alte Herr von Martiniz--"

"Er steht vor Ihnen, gndige Grfin," sagte der alte Herr und beugte sich
tief, "ich heie--mit Ihrer Erlaubnis--Dagobert, Graf von Ladenstein-
Martiniz."

Ehe er noch ausgesprochen hatte, lag Ida an der besternten Brust des
Oheims, vergo Trnen der Freude und der Wonne und suchte vergeblich nach
Worten, ihr Entzcken auszusprechen. Die Grfin stand da, wie zu einer
Sule versteinert; doch hatte sie, sobald Sie wieder Atem hatte, auch
Fassung genug zu sprechen; so freundlich und herablassend als mglich
wandte sie sich an das junge Paar: "Nun, da wnsche ich doppelt Glck, da
ich mich geirrt habe. Htte es Sr. Exzellenz frher gefallen, seine Maske
abzunehmen, so wrde ich Ihr Glck auch nicht auf einen Augenblick gestrt
haben."

Sie ging, von auen ein Engel, im Herzen eine Furie; sie wnschte in ihrem
wutkochenden Herzen alles Unglck auf das Haupt der unschuldigen Ida.
Wtend kam sie zu der Sorben, die mit Frau von Schulderoff in einer
Fenstervertiefung bei einem Glas Punsch sich von dem Schrecken erholte, der
ihr in alle Glieder gefahren war. "An allem Unheil ist Ihr sauberer Herr
Onkel schuld, Frulein Sorben," rief die Wtende, "warum hat er uns mit
falschen Nachrichten bedient? Warum hat er uns nicht gesagt, da der alte
Narr hier herumspukt unter falschem Namen? O, ich mchte--" Der
orangefarbene Teint von Frulein Sorben war ins Erdfahle bergegangen; sie
hatte die stille Wut und machte sich hie und da nur durch ein
unartikuliertes Kichern Luft, indem ihr das helle Trnenwasser in den Augen
stand.

"Und keine Hufe Landes sollen sie mir kaufen, das Polenpack, solange mein
Oheim noch Herr im Land ist; nach ihrem Polen mgen sie ziehen, und das
Affengesicht, den naseweisen, drren Backfisch, mgen sie mitnehmen und
dort meinetwegen fr Geld sehen lassen!"

"Ach, das ist ja gerade das Unglck," seufzte Frau von Schulderoff, "da
wir sie in der Nachbarschaft behalten; denken sich Exzellenz, wie der alte
Narr sein Geld zum Fenster hinauswirft; zum Hochzeitgeschenk, erfahre ich
soeben, hat er ihnen Gro-Lanzau und das freundliche, nette Blauenstein
gekauft!"

"Gekauft?" prete die Grfin zwischen den Zhnen, die sie ganz verbissen
hatte, heraus, "gek--"

"Denken Sie sich, gekauft um dreimalhunderttausend Taler und ihnen
geschenkt; ob man etwas Tolleres hren kann!"

"Das fehlte noch!" knirschte die Grfin und rauschte weiter.

       *       *       *       *       *




PRLIMINARIEN.

Indessen war Ida glcklich, selig zwischen dem Geliebten und dem Oheim.
Dieser Oheim, sie hatte sich ihn als einen grmlichen, alten Herrn
vorgestellt, dieser war es, der hie und da in Gedanken ihr Glck noch
gestrt hatte. Sie wute ja, wie Emil an ihm hing, wie es ihn betrben
wrde, wenn jener sein Verhltnis zu Ida ungnstig ausnhme. Und jetzt--
nein, sie wute sich nicht zu fassen vor lauter Seligkeit! Der freundliche,
gtige Ladenstein hatte sich wie durch einen Zauberschlag in die gestrenge
Exzellenz den Minister Grafen von Martiniz verwandelt, und doch blieb er so
freundlich, vterlich, traulich wie zuvor; sie wute nicht, wem von beiden
sie das nette, lustige Amorettenkpfchen zuwenden sollte. Sie lachte und
tollte, gab verkehrte Antworten und schnepperte, wie ihr das Schnbelchen
gewachsen war. Es war das glckseligste Kind, die holdeste, vollendetste
Jungfrau und das lieblichste, anmutigste Brutchen unter der Sonne in
_einer_ Person.

Einer der Glcklichsten im Saal war aber Hofrat Berner. Heute abend erst
war er zurckgekommen, hatte sich nur schnell in die Toilette geworfen und
schnurstracks zu Prsidents, und das erste war, als er in den Salon trat,
da er hrte, wie der Prsident seine Kinder prsentierte; er htte mgen
aus der Haut fahren vor teilnehmendem Jubel seines alten treuen Herzens.
"Das ist _mein_ Werk," lchelte er vor sich hin, "ganz allein mein Werk; es
konnte nicht anders gehen, nachdem es einmal eingefdelt war." Aber wie ri
er die Augen auf, als er von einer Grfin Aarstein, von einem alten Grafen
Martiniz, welche auch hier seien, hrte. "Nun, da mu es was Tchtiges
gesetzt haben," dachte er; "das beste wird sein, ich frage Idchen selbst."

Das Brautpaar empfing ihn mit Jubel, und Martiniz stellte ihn sogleich dem
alten Grafen vor; denn er hatte ihm viel von diesem alten Freund und
Ratgeber ihrer Liebe erzhlt. Ida gestand ihm, da sie ihn oft schmerzlich
vermit habe; auch Martiniz uerte dies und versprach, ihm alles so bald
als mglich zu erzhlen.

"Lassen wir die Brautleutchen, alter Freund," unterbrach Graf Martiniz
seinen Neffen, indem er den Hofrat am Arm nahm und mit sich fortzog;
"lassen wir sie! Uns Alten liegt es ob, fr das Glck der Jungen zu sorgen.
Man hat mir gesagt, da Sie, lieber Hofrat, sich so trefflich darauf
verstnden, ein Festchen zu arrangieren. Ich war in frheren Jahren einmal
Oberhofmeister; das fgt sich nun ganz vortrefflich. Da wollen wir nun, wir
zwei, beide miteinander etwas zusammenschustern, wie man es hierzulande
noch nicht sah."

Der Hofrat war es zufrieden, und der Graf machte ihm jetzt seine
Vorschlge. Morgens sollten sie getraut werden. "Nicht zu Haus, das kann
ich fr meinen Tod nicht leiden; die Hauskopulationen reien jetzt so ein,
da sie fast zur Mode werden, als wre eine vornehme Ehe nicht dieselbe wie
eine geringe, als wre der Altar Gottes nicht fr alle und jeden; aber der
Fluch kommt gewhnlich bald nach. Hat man sich in den gewhnlichen Zimmern,
wo man sonst tollte und lachte, wo man, sobald der Altar weggerumt ist,
tafelt und tanzt, hat man sich da trauen lassen, so kommt einem auch das
neue Verhltnis so ganz gewhnlich vor, da man bald davor keine Ehrfurcht
mehr hat."--Also in der Kirche; nachher sollten die Gste hinausfahren nach
Blauenstein.

Der Hofrat machte groe Augen, und als er hrte, da dies die neue
Besitzung des lieben Prchens sei und da Gro-Lanzau auch noch dazu
gehre, er htte, wenn es sich nur halbwegs geschickt htte, ein paar
Kapriolen in die Luft gemacht--nach Blauenstein, dort mute das Schlo
festlich geschmckt sein und zum Essen, was man nur Feines und Gutes haben
kann! Nachher--die beiden Alten sahen sich an und beiden zuckte der kleine,
sarkastische Schelm um den Mund; denn beiden fiel ein, da sie noch
Junggesellen seien--"Nun, nachher," fuhr der Graf fort, "mu das Brautpaar
eine kleine Reise machen, und wir beide gehen als _garde de dame_ auch mit,
bestellen die Pferde auf den Stationen, da die jungen Eheleutchen in ihrem
Landau nicht inkommodiert werden, wir beide aber spiegeln und erfreuen uns
an dem Glck, das wir, ich und Sie, lieber Hofrat, zusammen gemacht haben."

Dem Hofrat, obgleich er lcheln wollte, stand doch eine Trne der Rhrung
im Auge; er drckte dem edelmtigen Polen die Hand und erklrte sich
bereit, mit ihm selbst um die Erde zu reisen. "Und wann soll die Hoch--"

"ber acht Tage soll die Hochzeit sein," rief der alte Herr; und der
Prsident, der gerade hinzugetreten war, rief es nach und lud smtliche
versammelte Gste dazu ein.

       *       *       *       *       *




ZURSTUNGEN.

Es war ein sonderbarer Anblick, den des Prsidenten Haus in diesen Tagen
gewhrte. Das Rennen und Laufen der Schneider und Schneiderinnen,
Nherinnen, Schuster, Schreiner, Schlosser, Kster, Bcker, Fleischer,
Kche, Kaufleute usw. wollte gar kein Ende nehmen. Beinahe in jedem Zimmer
sah man, auf jeder Treppe stie man auf einen Handwerker, und alle taten,
als ob von ihrer Nadel oder Pfriemen die ganze Hochzeit abhinge.

Machten aber diese schon wichtige Gesichter--hu! da grauste einem
ordentlich, es lief wie eine dicke Gnsehaut ber den Krper, wenn man den
Hofrat sah. Er war in diesen Tagen der Vorbereitung viel magerer und
bleicher geworden, seine Augen lagen tief und entzndet, ein Zeichen, da
er viel bei Nacht wachte; und es war auch so; bei Tag lief er sich beinahe
die Fe ab wie die Hndin des Herrn von Mnchhausen aufschneiderischen
Angedenkens; da war zu bestellen und zu besorgen, er lief hin und her in
alle Ecken und Enden der Stadt; ja, man will ihn an mehreren Orten zugleich
gesehen haben.

Bei Nacht--nein, es war ein Wunder, da der Mann nicht schon lngst tot
war! Nachdem er sich mde gelaufen, mde gesorgt, mde gesehen, mde
geschwatzt, mde gescholten, mde erzhlt hatte, kam erst kein Schlaf ber
ihn.

Er streckte sich ins Bett, lie zwei Wachskerzen und einigen Glhwein auf
den Nachttisch setzen, in einem groen Korbe standen vor ihm Bcher, ein
ganzer Schatz von Festen. Da war das seltene Werk: "Wahrhafte und akkurate
Beschreibung des solennesten Festins am Hofe Ludwigs XIV." Ferner: "Der
allzeitfertige _Maitre de plaisir_, fr Hofleute, vornehme Festlichkeiten
und anderen Kurzweil." "Der galante Junker, oder wie Tnze, Schmuse,
Hochzeiten, Kindtaufen usw. am schnsten zu arrangieren." Sogar das
Festbchlein von Krummacher hatte er sich aus dem Buchladen kommen lassen;
denn er dachte nicht anders, als es mssen darin allerhand neue und nie
gesehene Festivitten erzhlt sein. Er soll sich brigens sehr gergert
haben, als dem nicht also war.

Aus dieser Festbibliothek nun, die er Stck fr Stck mit der grten
Geduld und Aufmerksamkeit durchlas, machte er sich Randglossen und Auszge;
er kam aber dadurch am Ende selbst mit sich in Streit; denn das sah er ein,
wenn man alle die schnen Sachen, die er sich aufnotiert hatte, ausfhren
wollte, so mute man vierzehn Tage lang Hochzeit halten, und doch konnte er
nicht mit sich einig werden, was er weglassen sollte. So lebte er in einem
ewigen Zappel; ja, es war ordentlich rhrend anzusehen, wenn er hie und da
bei Ida, bis zum Tode ermdet, in einen Sofa sank, den brechenden Blick auf
sie heftete, als wollte er sagen: "Sieh, fr dich opfere ich mein Leben
auf."

Und Ida? Habt ihr, meine schnen Leserinnen, je ein geliebtes Brutchen
gesehen, oder waret ihr es einmal, oder--nun, wenn ihr es selbst noch seid,
gratuliere ich von Herzen--nun, wenn ihr ein solches ses Engelskind kennt
mit dem brutlichen Errten auf den Wangen, mit dem verstohlenen Lcheln
des kulichen Mundes, der sich umsonst bemht, sich in ehrbare
Matronenfalten zusammenzuziehen, mit der sen, namenlosen Sehnsucht in dem
feuchten, liebetrunkenen Auge, wenn ihr sie gesehen habt in jenen
Augenblicken, wo sie dem geliebten Mann, dem sie nun bald ganz, ganz
angehren soll, verstohlen die Hand drckt, ihm die Wange streichelt, wenn
sie den weichen Arm vertrauungsvoll um seine Hfte schlingt wie um eine
Sule, an der sie sich anschmiegen, hinaufranken, gegen die Strme des
Lebens Schutz suchen will, wenn sie mit unaussprechlichem Liebreiz die
seidenen Wimpern aufschlgt und mit einem langen Blick voll Ergebenheit,
voll Treue, voll Liebe an ihm hngt, wenn die Schneehgel des wogenden
Busens sich hher und hher heben, das kleine, liebewarme Herzchen sich
ungeduldig dem Herzen des Geliebten entgegendrngt--kennet ihr ein solches
Mdchen, so wit ihr, wie Ida aussah. Kennet aber ihr ein solches
Engelskind, ihr Tausende, die ihr einsam unter dem Namen Junggesellen ber
die Erde hinschleicht, ohne wahre Freude in der Jugend, ohne Genossin eures
Glckes, wenn ihr Mnner seid, ohne Sttze im Alter--wit ihr eine solche
frische Hebeblte und ein frhliches Amorettenkpfchen, das etwa auch so
warme Kchen, auch so liebevolle Blicke spenden knnte wie Ida, o, so
bekehret euch, solange es Tag ist, wenn sie sich euch vertrauungsvoll im
Arme schmiegt, wenn sie das Lockenkpfchen an eure Brust legt, aus milden
Taubenaugen zu euch aufblickt, mit dem weichen Sammetpatschchen die Falten
von der Stirne streichelt,--ihr werdet mir danken, euch den Rat gegeben zu
haben.

Und Emil? Nun, ich berlasse es meinen Leserinnen, sich einen recht
bildschnen Mann aus ihrer Bekanntschaft zu denken, zu denken, wie er den
Arm um sie schlingt, ihnen recht sinnig ins Auge blickt und sie k--

Nun, erschrecken Sie nur nicht! Es tut nicht weh; Sie haben sich einen
gedacht?--Ja?--Nun, gerade _so_ sah Emil von Martiniz als Brutigam aus.

So sah ihn auch die Grfin; das Herz wollte ihr beinahe bersten, da der
herrliche Mann nicht ihr gehren sollte. Eines Morgens, ehe man sich's
versah, sagte sie adieu, lie packen und---weg war sie.

       *       *       *       *       *




HOCHZEIT.

Und endlich war der schne Tag gekommen.

Was nur halbwegs laufen konnte, war heute in Freilingen auf den Beinen, und
der polnische Graf und Frulein Ida von Sanden waren in aller Mund. Vor der
Kirchtre schlugen und drngten sich die Leute als wie vor einem
Bckerladen in der Hungersnot. Alle Sthle in der Kirche waren besetzt, und
von Minute zu Minute wuchs der Andrang.

Aber zum Hauptportal, den Gang hinauf bis an den Altar durfte kein Mensch,
das hatte sich ein Mann ausgewirkt, der heute stille, aber tief an dem
Glck des Brautpaares teilnahm; dieser Mann war der Kster. Er htte viel
darum gegeben, wenn er der versammelten Menge htte sagen drfen: "Sehet,
der Herr Brutigam, es war just nicht ganz recht richtig mit ihm; er hatte
allerhand Affren mit Herrn Urian, der ihn allnchtlich hieher in die
Mnsterkirche trieb; da herein konnte er aber nicht; und ich, der Kster
von Freilingen, habe ihm allnchtlich zu seiner Freistatt verholfen, war
auch dabei, wie das Wunderkind, das jetzt seine Braut ist, ihn erlset hat
von dem bel, das mir, nebenbei gesagt, alle Tage einen harten Taler
einbrachte; habe ich es nicht gleich damals zu dem alten Polacken gesagt,
da die beiden Liebesleutchen noch einmal in meine Kirche und vor meinen
Altar kommen wrden?"

So htte er gerne zu den Freilingern gesprochen; es juckte ihn und wollte
ihm beinahe das Herz abdrcken, da er sich nicht also in seiner Glorie
zeigen durfte; aber--er tat sich doch auch wieder nicht wenig darauf zugut,
da er, was nicht jeder kann, so gut das Maul halten knne. Aber seine
Attention hatte er dem Prchen bewiesen, da es eine Freude war. Vom Portal
bis zum Altar waren Blumen gestreut, er hatte es sich etwas kosten lassen
und keine kleine Hatz deswegen mit seiner Liebsten gehabt; aber diesmal
hatte er doch durchgedrungen und seinen eigenen Willen gehabt.

Jetzt kam Gerassel die Strae herauf; dem alten Kster schlug das Herz,
jetzt--ja, sie muten es sein,--der groe Glaswagen des Prsidenten fuhr
vor; darin saen der Prsident und Emil. "Ach, der schne Offizier!"
schrien die Freilinger und machten lange Hlse. "Wie prchtig, wie
wunderhbsch!" flsterten die Mdchen, denen das Herz unter dem Mieder
lauter pochte; aber man konnte auch nichts Schneres sehen.

Er hatte die Staatsuniform angelegt; sie schlo sich um den herrlichen,
schlanken, heldenkrftigen Krper, wie wenn er damit geboren worden wre;
das sonst so bleiche, ernste Gesicht war heut leicht gertet und
verherrlicht durch einen Schimmer von holder Freundlichkeit; sein stolzes,
glnzendes Auge durchlief den Kreis, es traf den Kster, der in einem fort
Bckling ber Bckling machte; gerhrt und freundlich reichte er ihm die
Hand und stellte sich neben ihn unter das Portal.

Jetzt rasselte es wieder die Strae herauf. Ein Wagen, noch glnzender,
geschmackvoller als der erste; er gehrte zu der neuen Remise des Grafen
und war heute von Blauenstein hereingefahren worden. Der alte Brktzwisl,
der in hchster Gala mit noch einem Kameraden hintendrauf stand, sprang ab,
ri die Glastre auf, schlug klirrend den Tritt herab--jetzt regt sich kein
Atem mehr in der ganzen groen Menge; jedes Auge erwartungsvoll auf die
geffnete Tre geheftet. Der alte Graf, angetan mit all seinen Orden, der
Hofrat mit dem himmlischen Ehrenzeichen der Freundschaft auf dem Gesichte,
stiegen aus und postierten sich an den Schlag. Jetzt wurden ein Paar
glacierte Handschuhe sichtbar, jetzt ein Fchen, es war nicht mglich,
etwas Kleineres, Niedlicheres zu sehen als die winzigen weiseidenen
Schuhe--jetzt--ein Lockenkpfchen, ein Paar selig glnzende Augen, ein Paar
berpurpurte Wangen, ein lchelnder Mund--hbsch stand das Brutchen
zwischen den alten Herren. Ein Kleid von schwerem, weiem Seidenzeug
schlang sich um den jugendlich-frischen Krper; wie darber hingehaucht war
ein Oberkleid vom feinsten Spitzengrund, ein Geschenk des Oheims, und mit
der reichen Blondengarnierung, in welche es endigte, mit der
Diamantenschnalle und dem aus Venezianerketten geflochtenen Grtel, welcher
den wunderniedlichen Blusenleib zusammenhielt, wenigstens seine achttausend
Taler wert, und die Bracelets mit den groen Steinen und das Diadem, um das
sich der Myrtenkranz schlang! Nein, wer sich auch nur ein wenig auf Steine
verstand, dem mute hier der Mund wssern; aber war nicht alles dies im
Grund unbedeutende Fasson, um den herrlichsten Edelstein, das Wunderkind
selbst, einzufassen?

Sie traten in die Kirche; das in Seligkeit schwimmende Brutchen verga
nicht, im Vorbergehen dem Kster einen recht freundlichen Gru zuzuwinken,
da ihn die Menge ehrfurchtsvoll angaffte und nicht begreifen konnte, wie
der alte Schnapsbruder zu so hoher Bekanntschaft gelangt sei. Ernster und
ernster wurden die Zge Idas, als sie sich dem wohlbekannten Altar nherte.
Ihr Auge begegnete dem Auge Emils, des Grafen und des Hofrats, die mit
Blicken des Dankes und der Rhrung an ihr hingen. Hier war ja ihr
Siegesplatz, wo das mutige Mdchen mit hingebender Liebe gegen den bsen
Feind der Schwermut und des Trbsinnes gekmpft und gesiegt hatte.

Mhsam rang sie nach Fassung, die Freude, da sich alles so schn gefgt
hatte, wurde zur heiligen Rhrung in ihr; noch einmal durchflog sie die
Erinnerung an den ersten Blick des Grafen bis hieher zu dieser Sttte, und
ihr Auge wurde feucht von Entzcken. Als aber die Trauung begann, als der
wrdige Diener der Kirche, dem man das Geheimnis anvertraut hatte, in einer
kurzen, aber gehaltvollen Rede von den wunderbaren Fgungen Gottes sprach,
der oft aus Tausenden sein Werkzeug zur Beglckung vieler whle, da
strmten ihre Trnen ber. "Ja," dachte sie bei sich selbst, "es ist
erfllt, was damals ahnungsvoll meine Seele fllte: _der Zug des Herzens
ist Gottes, ist des Schicksals Stimme_." Und viele Trnen flossen; denn
auch die Augen derer, die einst den Jammer des edlen Jnglings gesehen
hatten, gingen ber.

Wie ein Engel Gottes kam sie dem alten Oheim vor, als sie am Altar ihre
Hand in die seines Neffen legte, wie ein Engel, der mit freundlichem Blick,
mit treuer Hand den Menschen aus der dunkeln Irre des Lebens zu einem
schnen, lichten Ziele fhrte.

       *       *       *       *       *




DER SCHMAUS.

Schnurstracks von der Kirche ging es hinaus nach Blauenstein. Eine ganze
Karawane von Wagen und Reitern zog dem wohlbekannten Landau, in welchem die
neugebackenen Eheleute saen, nach. Der Hofrat war vorangeeilt, um alles zu
leiten. Sechs Bller riefen ihnen Freudengre entgegen, als sie in die
Grenze ihres Eigentums einfuhren. Ein donnerschlaghnliches Wirbeln von
Pauken und Trompeten empfing sie am Portal des schnen Schlosses, und als
alle Wagen aufgefahren waren, als Emil sein Weibchen auf den Balkon
herausfhrte, um die herrliche Gegend zu bersehen, da gab der Hofrat das
Zeichen, und ein schrankenloses Vivat, Hurra und Hallo erfllte die Luft.

Paar und Paar zog man jetzt durch das Schlo, um alles in Augenschein zu
nehmen. Es wandelte die Gste beinahe ein Grauen an vor dem Hexenmeister,
dem alten Martiniz. Das Schlo--es war zwar niedlich, geschmackvoll, bequem
gebaut, lag wunderschn und hatte Grten und Felder, wie man sie selten
sah; aber vor vierzehn Tagen war dies alles noch leer gestanden, Tapeten
waren abgerissen herabgehangen, im Saal war Hafer ausgeschttet gewesen,
kurz, man hatte gesehen, da es eine gute Weile nicht bewohnt war, und
mancher Kufer htte nicht geglaubt, innerhalb eines halben Jahres mit der
Restauration fertig werden zu knnen. Und jetzt, die behaglichste Eleganz,
die man sich denken konnte; diese Trumeaus--ein Gardist mit sieben Fu
htte sich, und htte er noch einen ellenlangen Federbusch auf dem Hut
gehabt, perfekt am ganzen Leib von der Zehenspitze bis zum uersten
Federchen darin sehen knnen. Diese breitarmigen Lstres, diese
Kristallampen, diese geschmackvollen Sofas, Teetische, Toiletten; Etageren,
diese Pracht von Porzellan, Beinglas, Kristall, Silber an Servicen,
Leuchtern, Vasen, an allem, was nur die feinste Modedame sich wnschen
kann; gar nichts war vergessen! Die Freilinger wandelten wie in einem
Feenpalast umher, und die Mdchen und die Frauen--Ida wandelte zwar wie
eine Knigin in dieser Herrlichkeit, als htte sie von Jugend auf darin
gelebt; aber man hrte doch so manches Sprchlein vom blinden Glck und
Zufall, die einen im Schlafe heimsuchen.

Jetzt riefen die Trompeten zur Tafel, und da war es, wo Hofrat Berner seine
Lorbeeren erntete. Die neue Dienerschaft des jungen grflichen Paares hatte
er schon so instruiert, da alles wie am Schnrchen ging, und zwar alles
auf dem hchsten Fu; denn wenn einer der Gste nur vom silbernen Teller
ein wenig aufsah oder mit seinem Nachbar konversierte, husch! war der
Teller gewechselt, und eine neue Speise dampfte ihm entgegen. Aber auch in
der Kche hatte er gewaltet; und es htte wenig gefehlt, so htte er aus
lauterem Eifer, alles recht delikat zu machen, sich selbst zu einem Ragout
oder Hachee verarbeiten oder zu einer Gallerte einsieden, wenn nicht gar
mit einer Zutat von Zucker zu einer Marmelade oder Gelee einkochen lassen.
Auch ihn hielten die Damen fr einen zweiten Oberon, der eine ewig
reichbesetzte Tafel aus dem Boden zaubern kann. Denn solche Speisen zu
dieser Jahreszeit, und alles so fein und delikat gekocht!

Da war:

Schildkrtensuppe.
Coulissuppe von Fasanen mit Reis.

_Hors d'oeuvres_.

Pastetchen von Brielein mit Salpicon.
Kabeljau mit Kartoffeln und _Sauce hollandaise_.
_Du boeuf au naturel_.
Englischer Braten mit _Sauce espagnole_.

 _Gemse_.

Spargeln mit _Sauce au beurre_.
Grne Erbsen mit gersteten Brielein.

_Entres_.

Junge Hhner mit _Sauce aux fines herbes_.
Financire mit Klen.
Schinken _ la broche au vin de Malaga_.
Feldhhnersalmy.
Kalbskopf _ la tortue_.
_Fricandeau  la Provenale_.

_Braten_.

Kalbsschlegel.
Rehbraten.
Feldhhnerbraten.
Kapaunenbraten.
_Dindon  la Perigord_.

_Salat vielerlei_.

_Se Speisen_.

Sulz von Malaga.
Crme von Erdbeeren.
_Compote mle_.
_Crme panache mle_.
Punschtorte mit Frchten.
_Tartelettes d'abricots_.
_Tourte de chocolat monte_.
Gutorte.

_Dessert_.

Punsch _ la glace_.
_Crme de Vanille_.

       *       *       *       *       *




SCHLUSS.

Als das Dessert aufgetragen wurde, entschlpfte, unbemerkt von den
bechampagnerten Gsten, die junge Frau. Sie warf den schweren Hochzeitstaat
ab und erwhlte unter der reichen Garderobe ein allerliebstes
Reisekleidchen; denn nach der Tafel sollte gleich eingesessen und ein wenig
in die Welt hinausgefahren werden; so wollte es der alte Graf.

Sie erschrak selbst, als sie in den Spiegel sah, nein, so
wundergrazienhbsch hatte sie noch nie ausgesehen; das berrckchen schlo
so eng und passend, das Reisehubchen, die hervorquellenden Lckchen gaben
dem Kpfchen einen wundervollen Reiz. Die Bckchen waren so rosig, die
uglein glnzten so hell und klar im Widerschein ihres brutlichen Glckes,
kleine, kleine Schelmchen saen in ben Grbchen der Wangen und schienen
allerlei wunderbare Geheimnisse zu flstern von Sehnsucht und Erwartung;
das Mulchen so spitzig wie zum Kssen zeigte immer wieder die Perlen, die
hinter dem Purpur verborgen waren.

Die sechs Kammerjungfern, Lisette, Babette, Trinette, Philette, Minette,
und wie sie alle hieen, schlugen vor Verwunderung ber ihre
wunderniedliche gndige Frau die Hnde zusammen. "Diese herrliche,
jugendliche Frische! Dieser Alabasterbusen, der alle Nestel des
Korsettchens zu zersprengen droht!" sagte Minette. "Diese weien Arme!"
flsterte Philette. "Diese Fchen," dachte Trinette weiter, "diese Wd--"

"Der Herr Graf wird ganz selig sein," wisperte Lisette der Babette zu, doch
nicht so leise, da es den Ohren der jungen Grfin entging. Sie wollte tun,
als htte sie nichts gemerkt, aber ward feuerflammrot von der Stirne bis
herab in das Halstuch, und als vollends Babette, die das schneeweie
Nachtzeug in die Vache packte, mit einer hchst naiven Frage in die Quere
kam, da hielt sie es nicht mehr aus; ganz dunkel berpurpurt entschlpfte
sie den sechs dienstbaren Geistern und lief wie ein gescheuchtes Reh in den
Speisesaal.

Allgemeiner Jubel empfing die holde Reisende. Alles war darin
einverstanden, da ihr diese Tracht noch besser stehe als der Brautstaat;
kein Wunder! es war ja das Pilgerkleid, in welchem sie ins gelobte Land der
Ehe reiste.

"Warum bist du nur so ber und ber rot?" fragte Emil sein holdes Weibchen,
indem er sie nher an seine Seite zog. "Hat dir jemand etwas getan?"

Sie wollte lange nicht heraus. "Die Babette," flsterte sie endlich und
errtete von neuem, "die Babette hatte so dumm gefragt."

"Nun, was denn?" fragte der neugierige Herr Gemahl. Aber da stockte es
wieder; zehnmal setzte sie an; sie wollte gerne eine Lge erfinden; aber
das schickte sich denn doch nicht am Hochzeittag, und doch--es ging nicht;
er mute bitten, flehen, drohen, betteln sogar; endlich, nachdem er hatte
versprechen mssen, die Augen recht fest zuzumachen, flsterte sie ihm ins
Ohr: "Sie hat mein Nachtzeug eingepackt, und da hat sie gefragt, ob sie das
deinige auch dazu packen soll." Selig schlo der Graf sein Engelsweibchen
in die Arme; er wollte antworten, aber seine Antwort verhallte im Gerusch
der aufbrechenden Gste.

Die Wagen waren vorgefahren, man verabschiedete sich. Der Graf nahm sein
Idchen um den Leib und trug sie schnell hinab in den Wagen; denn dort
beschlo er, ihr zu antworten.

Auf dem Balkon drngten sich die Gste, die Champagnerglser in den Hnden;
sie riefen, vermischt mit den neuen Untertanen des Grafen, ein
tausendstimmiges Vivat in den Wagen hinab. Ida drckte ihr Kpfchen an die
Brust des Geliebten. Er winkte, die Pferde zogen an, und dahin fuhr Emil
und seine glckliche Ida.

       *       *       *       *       *




NACHSCHRIFT.

Es ist ein schner Brauch unter guten Menschen, die sich lieben und
getrennt sind, da sie gewisse Tage des Jahres festsetzen, an welchen sie
sich von nahen und entfernten Orten her sammeln, sich wiedersehen und die
Strahlen ihrer Liebe von neuem an der allgemeinen Flamme anznden. So halte
ich es seit langen Jahren mit meinen Freunden, die das Schicksal nach Ost
und nach West verschlagen. Auch heuer war ich hingereist an den Ort, den
wir zu unserem Rendezvous bestimmt hatten. Als ich an dem stattlichen
Weien Hirsch in B. vorfuhr, lagen schon manche Fenster voll, und wie wohl
tut da das freundliche, jubelnde: "Er ist's, er ist's," das von schnen
Lippen herab dem Freunde entgegentnt!

Ich traf sie alle, alle meine Lieben; da war meine holde, sinnige Doralice
und ihr Stern, da war die lose, naive Vally und ihr geheimer Kriegsrat, da
war Graf Law und seine Clementine, da war meine se Mimili, da war Herr
von Estavayer mit seiner Elsi, da war mein russisches Lisli; selbst
Sponseri, mein lieber Sponseri, ich hie ihn nur immer den Grnmantel,
hatte sich aus Venedig eingefunden und Emilie Mellinger mitgebracht; da war
auch Fanny und ihr Graf, der Generalbevollmchtigte, Kilian mit Julchen. Da
war Molly und ihr Justizrat, da war die herzige Pina und ihr Gatte, Agnes
und Rose, Rosamunde und der Graf Oliva, das liebe Dijon-Rschen, Klotilde
und ihr Sekretr.--Meine Freude war unaussprechlich, ich flog wie ein Ball
von einem Arm in den andern, und das Kssen wollte gar kein Ende nehmen.

Endlich fate man sich, da es doch zu einem vernnftigen Gesprch kam.
Freilich trbte der Tod unsrer Magdalis und ihres treuen Willibald, die uns
im Leben so nahe standen und auch nach ihrem Tode so innig verschwistert
mit uns fortleben, die ersten Augenblicke des Wiedersehens; aber nachdem
wir ihnen das Totenopfer inniger Trnen geweiht, kehrte die holde Freude
wieder bei uns ein.

Wir tollten, lachten und schkerten, der Weie Hirsch fate kaum so viel
Gste, und manches Prchen mute sich mit _einem_ Bettchen behelfen.

So lebten wir schon seit zwei Tagen in Saus und Braus und brachen dem
Weien Hirschwirt beinahe das Haus ab; da--wir saen gerade beim Kaffee--da
fuhren Wagen vor; wir drngten uns alle an die Fenster und schlugen den
fremden Menschenkindern ein Schnippchen; denn--gut Essen und Trinken
konnten sie wohl bekommen, aber Betten,--Logis,--ohne unsere Bewilligung
kein Fleckchen, und landfremde Leute mochten wir gerade nicht gerne unter
uns haben. In einem prchtigen Landau, mit vier Postpferden bespannt, sa
ein Herr und eine junge Dame; sie hoben die Kpfe in die Hhe--

"Mein Gott, das ist ja Graf Martiniz," rief ich, und zugleich rief Vally:
"Ei der Tausend, das ist ja Ida Sanden!" Ich sprang gleich hinab, um sie
heraufzufhren; sie folgten willig nebst noch drei andern ltlichen Herren,
welche der zweite Wagen entladen hatte. Ida und Vally flogen einander in
die Arme; sie hatten sich in der Residenz, wo Vally lebt, kennen gelernt
und liebten einander innig. Der Graf zog mich zu den beiden jungen Damen,
um welche die brigen schon einen dichten Kreis geschlossen hatten. "Sehen
Sie," sagte er zu mir, "das ist seit gestern mein liebes Frauchen."

Da fanden sich also alte Bekannte zusammen. Ich hatte den Grafen in Hamburg
kennen gelernt. Damals fate ich tiefe Zuneigung zu ihm, sie wurde zur
Freundschaft, und er gestand mir seine schrecklichen Leiden. So wenig ich
an solche Visionen glaubte, so war ich doch der Meinung, da ihn Liebe zu
einem guten, reinen Mdchen zerstreuen, retten knnte; und wie herrlich
hatte sich dieses gemacht! Er war frhlich, selig, war durch die Liebe
dieses Engels der Menschheit wiedergeschenkt.

Auch in den drei andern Gsten--der Leser wird unschwer den alten Martiniz,
den Prsidenten und den Hofrat in ihnen erkannt haben--lernte ich wackere,
liebenswrdige Mnner kennen. Schon den ersten Abend war es uns allen, als
htten wir das holde Prchen schon jahrelang gekannt, so trefflich paten
sie zu unserem Sinn, zu unserem ganzen Wesen. Der junge Graf erzhlte uns
seine Geschichte, und wenn wir bedachten, wie zufllig er nach Freilingen,
wie zufllig er auf jenen Ball, wo er Ida fand, gekommen war, wie ebenso
zufllig der alte Oheim auf einer Geschftsreise diese Gegenden berhrt,
dem Neffen eine berraschung bereiten wollte und als _Deus ex machina_
mitwirkte und die Rnke der bsen Aarstein vereiteln half--wahrlich, wir
muten diese Fgungen bewundern und fanden den alten Spruch besttigt:

_"Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme."_

Noch zwei Tage blieb das junge Paar unter uns und reiste dann, als auch wir
alle uns wieder nach Ost und nach West zerstreuten, weiter.

Noch in der letzten Stunde erlaubte mir Emil, seine Geschichte der Welt zu
erzhlen.

Es soll mich innig freuen, wenn ihre innige, treue Liebe Beifall findet,
sie sind es wert; alle, die sie kennen, lieben sie, und ich darf sagen, sie
sind _ein_ Herz, _eine_ Seele mit mir; sie sind auch wieder durch den Zug
des Herzens ganz die Meinigen geworden.

H. Clauren.



     *     *     *     *     *     *     *     *     *     *     *



KONTROVERS-PREDIGT

ber

H. CLAUREN UND DEN MANN IM MOND

gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827

von

WILHELM HAUFF




Text: Ev. Matth. VIII, 31-32



Allen Verehrern

der

CLAURENSCHEN MUSE

widmet diese Bltter

in bekannter Hochachtung

           DER VERFASSER




EHRWRDIGE VERSAMMLUNG, ANDCHTIGE ZUHRER!

Die Apostel, besonders der heilige Paulus, als er zu Rom predigte,
verschmheten es nicht, auch husliche, brgerliche Angelegenheiten der
Gemeinde zu Gegenstnden ihrer Betrachtungen zu machen. Es lt sich zwar
mit vieler Wahrscheinlichkeit annehmen, da sie belletristische Gegenstnde
nicht berhrt haben, da sie literarische Streitigkeiten nicht, wie man zu
sagen pflegt, auf die Kanzel brachten; denn sie hatten Wichtigeres zu tun;
nichtsdestoweniger aber geschah dies einige Jahrhunderte spter, und man
trifft in den Kirchenvtern nicht undeutliche Spuren, da sie ber
allerhand literarische Subtilitten, sogar ber die Tendenz und den Stil
ihrer Gegner auf dem kirchlichen Rednerstuhl gesprochen haben.

Berhmte Kanzelredner neuerer Zeit haben oft und viel zum Beispiel ber das
Theater gepredigt oder ber das Tanzen am Sonntag oder ber das Singen
unzchtiger Lieder, andere wieder ber das Spielen, namentlich das
Kartenspielen, und einen habe ich gehrt, der in einer Vesperpredigt das
Schachspiel in Schutz nahm und nur bedauerte, da es ein Heide erfunden.

Und wenn es die Pflicht des Redners ist, meine Freunde, der Gemeinde
darzutun, welchen Irrtmern sie sich hingebe, welche bsen Gewohnheiten
unter ihr herrschen, wenn es die Natur der Sache erfordert, bei einer
solchen Aufdeckung von Irrtmern und bslichen Gewohnheiten bis ins
einzelne und kleinste zu gehen, weil oft gerade dort, recht ins Auge
fallend, der Teufel nachgewiesen werden kann, der darin sein Spiel treibt,
so kann es niemand befremden, wenn wir nach Anleitung der Textesworte mit
einander eine Betrachtung anstellen ber:

DEN MANN IM MOND

von

H. Clauren;

und zwar betrachten wir:

I.
Wer und was ist dieser Mann im Mond? Oder--was ist sein Zweck auf dieser
Welt?

II.
Wie hat er diesen Zweck verfolgt? und wie erging es ihm auf dieser Welt?




I.

_Andchtige Zuhrer_! Kontroverspredigern, namentlich solchen, die vor
einer so groen Versammlung reden, kommt es zu, den Gegenstand ihrer
Betrachtung so klar und deutlich als mglich vor das Auge zu stellen, damit
jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit besonderer Einsicht gesegnet hat,
die Sache, wie sie ist, sogleich begreife und einsehe. Es hat in unserer
Literatur nie an sogenannten _Volksmnnern_ gefehlt, das heit an solchen,
die fr ein groes Publikum schrieben, das, je allgemeiner es war, desto
weniger auf wahre Bildung Anspruch machen konnte und wollte. Solche
Volksmnner waren jene, die sich in den Grad der Bildung ihres Publikums
schmiegten, die eingingen in den Ideenkreis ihrer Zuhrer und Leser und
sich, wie der Prediger Abraham a Sancta Clara, wohl hteten, jemals sich
hher zu versteigen, weil sie sonst ihr Publikum verloren htten. Diese
Leute handelten bei den grten Geistern der Nation, welche dem Volke zu
hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten sie nach ihrem Geschmack
zurecht und gaben sie wiederum ihren Leuten preis, die solche mit Jubel und
Herzenslust verschlangen. Diese Volksmnner sind die Zwischenhndler
geworden und sind anzusehen wie die Unternehmer von Gassenwirtshusern und
Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den groen Handlungen, wo er
ihnen echt und lauter gegeben wird; sie mischen ihn, weil er dem Volke
anders nicht munden will, mit einigem gebrannten Wasser und Zucker, frben
ihn mit roten Beeren, da er lieblich anzuschauen ist, und verzapfen ihn
ihren Kunden unter irgend einem bedeutungsvollen Namen.

Diese Gassenwirte oder Volksmnner treiben aber eine schndliche und
schdliche Wirtschaft. Sie fhlen selbst, da ihr Gebru sich nicht halten
wrde, da es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten knnte, wenn er
nicht auch _berausche_. Daher nehmen sie Tollkirschen und allerlei
dergleichen, was den Leuten die Sinne schwindelnd macht; oder, um die Sache
anders auszudrcken, sie bauen ihre Dichtungen auf eine gewisse
Sinnlichkeit, die sie, wie es unter einem gewissen Teil von Frauenspersonen
Sitte ist, knstlich verhllen, um durch den Schleier, den sie darber
gezogen haben, das lsterne Auge desto mehr zu reizen. Sie kleiden ihr
Gewerbe in einen angenehmen Stil, der die Einbildungskraft leicht anregt,
ohne den Kopf mit berflssigen Gedanken zu beschweren; sie geben sich das
Ansehen von heiterem, sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmtigen
Natrlichkeit, die lebt und leben lt; sie sind arglose Leute, die ja
nichts wollen, als ihrem Nebenmenschen seine "oft trben Stunden erheitern"
und ihn auf eine natrliche, unschuldige Weise ergtzen. Aber gerade dies
sind die Wlfe in Schafskleidern, das ist der Teufel in der Kutte, und die
Krallen kommen frhe genug ans Tageslicht.

Wem unter euch, meine Andchtigen, sollte bei dieser Schilderung nicht vor
allem _jener_ beifallen, der alljhrlich im Gewande eines unschuldigen
Blumenmdchens auf die Messe zieht und "Vergimeinnicht" feilbietet. Ich
wei wohl, da dort drben auf der Emporkirche, da da unten in den
Kirchsthlen manche Seele sitzt, die ihm zugetan ist, ich wei wohl, da er
bei euch der Morgen- und Abendsegen geworden ist, ihr Nhermdchen, ihr
Putzjungfern, selbst auch ihr sonst so zchtigen Brgerstchterlein, ich
wei, da ihr ihn heimlich im Herzen traget, ihr, die ihr auf etwas Hheres
von Bildung und Geschmack Anspruch machen wollet, ihr Frulein mit und ohne
Von, ihr gndigen Frauen und andere Mesdames! Ich wei, da er das A und
das O eurer Literatur geworden ist, ihr Schreiber und Ladendiener, da ihr
ihn bestndig bei euch fhrt, und wenn der Prinzipal ein wenig beiseite
geht, ihn schnell aus der Tasche holt, um eure magere Phantasie durch
einige Ballgeschichten, Champagnertreffen und Austernschmuse anzufeuchten;
ich wei, da er bei euch allen der Mann des Tages geworden ist; aber
nichtsdestoweniger, ja, gerade darum und eben deswegen will ich seinen
Namen aussprechen, er nennt sich CLAUREN. _Anathema sit!_

Vor zwlf Jahren laset ihr, was eurem Geschmack gerade keine Ehre machte,
Spie und Cramer, mitunter die kstlichen Schriften ber Erziehung von
Lafontaine; wenn ihr von Meiner etwas anderes gelesen als einige
Kriminalgeschichten &c., so habt ihr euch wohl gehtet, es in guter
Gesellschaft wiederzusagen; einige aber von euch waren auf gutem Wege; denn
Schiller fing an, ein groes Publikum zu bekommen. Gewinn fr ihn und fr
sein Jahrhundert, wenn er, wie ihr zu sagen pflegt, in die Mode gekommen
wre; dazu war er aber auch zu gro, zu stark. Ihr wolltet euch die Mhe
nicht geben, seinen erhabenen Gedanken ganz zu folgen. Er wollte euch
losreien aus eurer Spiebrgerlichkeit, er wollte euch aufrtteln aus
eurem Hinbrten mit jener ehernen Stimme, die er mit den Silberklngen
seiner Saiten mischte; er sprach von Freiheit, von Menschenwrde, von jener
erhabenen Empfindung, die in der menschlichen Brust geweckt werden kann,
--gemeine Seelen! Euch langweilten seine herrlichsten Tragdien, er war
euch nicht allgemein genug. Was soll ich von Goethe reden? Kaum, da ihr es
ber euch vermgen konntet, seine Wahlverwandtschaften zu lesen, weil man
euch sagte, es finden sich dort einige sogenannte pikante Stellen,--ihr
konntet ihm keinen Geschmack abgewinnen, er war euch zu vornehm.

Da war eines Tages in den Buchladen ausgehngt: "Mimili, eine
Schweizergeschichte." Man las, man staunte. Siehe da, eine neue Manier zu
erzhlen, _so angenehm, so natrlich, so rhrend_ und _so reizend_! Und in
diesen vier Worten habt ihr in der Tat die Vorzge und den Gehalt jenes
Buches ausgesprochen. Man wrde lgen, wollte man nicht auf den ersten
Anblick diese Manier _angenehm_ finden. Es ist ein lndliches Gemlde, dem
die Anmut nicht fehlt; es ist eine wohltnende, leichte Sprache, die
Sprache der Gesellschaft, die sich zum Gesetz macht, keine Saite zu stark
anzuschlagen, nie zu tief einzugehen, den Gedankenflug nie hher zu nehmen
als bis an den Plafond des Teezimmers. Es ist wirklich angenehm zu lesen,
wie eine Musik angenehm zu hren ist, die dem Ohr durch sanfte Tne
schmeichelt, welche in einzelne wohllautende Akkorde gesammelt sind. Sie
darf keinen Charakter haben, diese Musik, sie darf keinen eigentlichen
Gedanken, keine tiefere Empfindung ausdrcken; sonst wrde die arme Seele
unverstndlich werden oder die Gedanken zu sehr affizeren. Eine angenehme
Musik, so zwischen Schlafen und Wachen, die uns einwiegt und in se Trume
hinberlullt. Siehe, so die Sprache, so die Form jener neuen Manier, die
euch entzckte!

Das _Zweite_, was euch gefiel, hngt mit diesem ersteren sehr genau
zusammen: diese Manier war so _natrlich_. Es ist etwas Schnes, Erhabenes
um die Natur, besonders um die Natur in den Alpen. Schiller ist auch einmal
dort eingekehrt, ich meine, mit Wilhelm Tell. Sein Drama ist so erhaben als
die Natur der Schweizerlande; es bietet Aussichten, so kstlich und gro
wie die von der Tellskapelle ber den See hin; aber nicht wahr, ihr lieben
Seelen, der ist euch doch nicht natrlich genug? Zu was auch die Seele
anfllen mit unntzen Erinnerungen an die Taten einer groen Vorzeit? Zu
was Weiber schildern wie eine Gertrude Stauffacher oder eine Bertha, oder
Mnner wie einen Tell oder einen Melchthal? Da wei es Clauren viel besser,
viel natrlicher zu machen! Statt groartige Charaktere zu malen, fr
welche er freilich in seinem Kasten keine Farben finden mag, malt er euch
einen Hintergrund von Schneebergen, grnen Waldwiesen mit allerlei Vieh;
das ist _pro primo_ die Schweiz. Dann einen Krieger neuerer Zeit mit
schlanker Taille von acht Zollen, etwas bleich (er hat den Freiheitskrieg
mitgemacht), das eiserne Kreuz im Knopfloch &c. Das ist der Held des
Stckes. Eine interessante Figur! Nmlich _Figur_ als wirklicher Krper
genommen, mit Armen, Taille, Beinen &c., und _interessant_, nicht wegen des
Charakters, sondern weil er etwas bleich ist, ein eisernes Kreuz trgt und
so ein Ding von einem preuischen Husaren war. Neben diesen Helden kommt
ein frisches, rundes "Dingelchen" zu stehen mit kurzem Rckchen, schnen
Zwickelstrmpfen usw. Kurz, das Inventarium ihres Krpers und ihres Anzuges
knnt ihr selbst nachlesen oder habt es leider im Kopfe. Das Schweizerkind,
die Mimili, ist nun so natrlich als mglich; d. h. sie geniert sich nicht,
in Gegenwart des Kriegers das Busentuch zu lften und ihn den Schnee und
dergleichen sehen zu lassen, da ihm "angst und bange" wird. Einiger
Schweizerdialekt ist auch eingemischt, der nun freilich im Munde Claurens
etwas unnatrlich klingt. Kurz, es ist nichts vergessen, die Natur ist
nicht nur nachgeahmt, sondern frmlich kopiert und getreulich
abgeschrieben. Aber leider ist es nur die Natur, so wie man sie mittelst
einer _Camera obscura_ abzeichnen kann. Der warme Odem Gottes, der Geist,
der in der Natur lebt, ist weggeblieben, weil man nur das Kostm der Natur
kopierte. Zeichnet die nchste beste Schweizer Milchmagd ab, so habt ihr
eine Mimili, und freilich alles so natrlich als mglich.

Das _Dritte_, was euch so gut mundete an dieser Geschichte war--das
_Rhrende_. Wann und wo war der Kummer der Liebe nicht rhrend? Es ist ein
Motiv, das jedem Roman als Wrze beigegeben wird wie bittere Mandeln einem
sen Kuchen, um das Se durch die Vorkost des Bitteren desto angenehmer
und erfreulicher zu machen. Ihr selbst, meine jungen Zuhrerinnen, und ich
habe dies zu fteren Malen an euch gergt, versetzt euch gar zu gerne in
ein solches Liebesverhltnis, wenn nicht dem Krper, doch dem Geiste nach.
Wenn ihr so dasitzet und nhet oder stricket und ber eure Nachbarn gehrig
geklatscht habt, kommt gar leicht in eurer Phantasie das Kapitel der Liebe
an die Reihe, und ihr trumet und trumet und vergesset die Welt und die
Maschen an eurem Strickstrumpf. Wenn man nachts durch den Wald geht, so
denkt man gerne an arge Schauergeschichten von Mord und Totschlag. Gerade
so machet ihr es. Je greulicher der Schmerz eines Liebespaares ist, von
welchem ihr leset, desto angenehmer fhlet ihr euch angeregt. Da wollet ihr
keine Natrlichkeit, da soll es recht arg und trkisch zugehen, und wie
den spanischen Inquisitoren, so ist euch ein solches Autodaf ein
Freudenfest. Je lnger die Liebenden am langsamen Feuer des Kummers braten,
je mehr man ihnen mit der Zange des Schicksals die Glieder verrenkt, desto,
rhrender kmmt es euch vor, und doch habt ihr dabei immer noch den Trost
_in petto_, da der Autor, der diesen Jammer arrangiert, zugleich Chirurg
ist und die verrenkten Glieder wieder einrichtet, zugleich Notar, um den
Heiratskontrakt schnell zu fertigen, zugleich auch Pfarrer, um die guten
Leutchen zusammenzugeben. Ihr habt recht, ihr guten Seelen! Ihr wollet
nicht gerhrt sein durch tiefere Empfindungen, man darf bei euch nicht jene
Mollakkorde anschlagen, die durch die Seele zittern. Wer wollte auch mit
einer olsharfe auf einer Kirchweihe aufspielen! Da ist der schnarrende
Konterba Meister, und je grlicher es zugeht, desto rhrender ist es.

Ich komme aber auf den _vierten_ Punkt der Mimilis-Manier, nmlich auf--das
_Reizende_. Die drei andern Punkte waren das Schafskleid; das ist aber die
Kralle, an der ihr den Wolf erkennet, der im Kleide steckt; jenes war die
Kutte, unter welcher er unschuldig wie der heilige Franziskus sich bei euch
einfhrt; aber siehe da, das ist der Pferdefu, und an seinen Spuren wirst
du ihn erkennen. Und was ist dieses Reizende? Das ist die Sinnlichkeit, die
er aufregt, das sind jene reizenden, verfhrerischen, lockenden Bilder, die
eurem Auge angenehm erscheinen. Es freut mich zu sehen, da ihr da unten
die Augen nicht aufschlagen knnet. Es freut mich zu sehen, da hin und
wieder auf mancher Wange die Rte der Beschmung aufsteigt. Es freut mich,
da Sie nicht zu lachen wagen, meine Herren; wenn ich diesen Punkt berhre.
Ich sehe, ihr alle verstehet nur allzu wohl, was ich meine.

Ein Lessing, ein Klopstock, ein Schiller und Jean Paul, ein Novalis, ein
Herder waren doch wahrhaftig groe Dichter, und habt ihr je gesehen, da
sie in diese schmutzigen Winkel der Sinnlichkeit herabsteigen muten, um
sich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte es wirklich wahr sein, da
jene edleren Geister nur fr wenige Menschen ihre hehren Worte aussprachen,
da die groe Menge nur immer dem Marktschreier folgt, weil er kstliche
Zoten spricht und sein Bajazzo possierliche Sprnge macht? Armseliges
Mnnervolk, da du keinen hheren geistigen Genu kennst, als die
krperlichen Reize eines Weibes gedruckt zu lesen, zu lesen von einem
Marmorbusen, von hpfenden Schneehgeln, von schnen Hften; von weien
Knien, von wohlgeformten Waden und von dergleichen Schnheiten einer Venus
Vulgivaga. Armseliges Geschlecht der Weiber, die ihr aus Clauren Bildung
schpfen wollet! Errtet ihr nicht vor Unmut, wenn ihr leset, da man nur
eurem Krper huldigt, da man die Reize bewundert, die ihr in der raschen
Bewegung eines Walzers entfaltet, da der Wind, der mit euren Gewndern
spielt, das lsterne Auge eures Geliebten mehr entzckt als die heilige
Flamme reiner Liebe, die in eurem Auge glht, als die Gtterfunken des
Witzes, der Laune, welche die Liebe eurem Geiste entlockt? Verlorene Wesen,
wenn es euch nicht krnkt, euer Geschlecht so tief, so unendlich tief
erniedrigt zu sehen, geputzte Puppen, die ihr euren jungfrulichen Sinn
schon mit den Kinderschuhen zertreten habt, leset immer von andern
geputzten Puppen, bepflanzet immer eure Phantasie mit jenen
Vergimeinnichtblmchen, die am Sumpfe wachsen, ihr verdienet keine andere
als sinnliche Liebe, die mit den Flitterwochen dahin ist!

Siehe da die Anmut, die Natrlichkeit, das Rhrende und den hohen Reiz der
Mimilis-Manier! Lasset uns weiter die Fortschritte betrachten, die ihr
Erfinder machte! Wie das Unkraut ppig sich ausbreitet, so ging es auch mit
dieser Giftpflanze in der deutschen Literatur. Die Mimili-Manier wurde zur
Mimili-Manie, wurde zur Mode. Was war natrlicher, als da Clauren eine
Fabrik dieses kstlichen Zeuges anlegte und zwar nach den vier
Grundgesetzen, nach jenen vier Kardinaltugenden, die wir in seiner Mimili
fanden? Bei jener Klasse von Menschen, fr welche er schreibt, liegt
gewhnlich an der _Feinheit des Stoffes_ wenig. Wenn nur die Farben recht
grell und schreiend sind! Mochte er nun selbst diese Bemerkung gemacht
haben, oder konnte er vielleicht selbst keine feineren Fden spinnen, keine
zarteren Nancen der Farben geben, sein Stoff ist gewhnlich so
unknstlerisch und grob als mglich angelegt; ein fadengerades
Heiratsgeschichtchen, so breit und lang als mglich ausgedehnt; von
tieferer Charakterzeichnung ist natrlich keine Rede; Kommerzienrte,
Husarenmajors, alte Tanten, Ladenjnglinge _comme il faut, etc_. Die Dame
des Stckes ist und bleibt immer dasselbe Holz- und Gliederpppchen, die
nach Verhltnissen kostmiert wird, heie sie nun Mimili oder Vally,
Magdalis oder Doralice, spreche sie Schweizerisch oder Hochdeutsch, habe
sie Geld oder keines, es bleibt dieselbe. Ist nun die Historie nach diesem
geringen Mastabe angelegt, so kommen die _Ingredienzien_.

Bei den _Ingredienzien_ wird, wie billig, zuerst Rcksicht genommen auf das
Frauenvolk, das die Geschichte lesen wird. Erstens einige artige Kupfer mit
schnen "_Engelskpfchen_", angetan nach der "_allernagelfunkelneuesten_"
Mode. Diese werden natrlich in der Fabrik immer zuvor entworfen, gemalt
und gestochen und nachher der resp. Namen unten hingeschrieben.
Sndigerweise bentzt der gute Mann auch die Portrts schner frstlicher
Damen, die er als Quasi-Aushngeschild vor den Titel pappt. So hat es uns
in der Seele wehe getan, da die Grofrstin Helena von Ruland, eine durch
hohe Geistesgaben, natrliche Anmut und Krperschnheit ausgezeichnete
Dame, bei dem Tornister-Lieschen (im Vergimeinnicht 1826) gleichsam zu
Gevatter stehen mute.

Zweitens, ein noch bei weitem lockenderes Ingredienz ist die Toilette, die
er trotz den ersten Modehndlerinnen zu machen versteht. Wer wollte es
Virgil bel nehmen, wenn er den Schild seines Helden beschreibt? Wer
lauscht nicht gerne auf die kriegerischen Worte eines Tasso, wenn er die
glnzenden Waffen seines Rinaldo oder Tankred besingt? Es sind Mnner, die
von Mnnern, es sind edle Snger, die von Helden singen. berwiegt aber
nicht der Ekel noch das Lcherliche, wenn man einen preuischen Geheimen
Hofrat hrt, wie er den Putz einer Dame vom Kopf bis zu den Zehenspitzen
beschreibt? Es kommt freilich sehr viel darauf an, ob auf dem hohlen
Schdel seiner Mimilis ein italienischer Strohhut oder eine Toque von Seide
sitzt, ob die Federn, die solche schmcken, Marabout- oder Straufedern
oder gar Paradiesvgel sind; und dann die niedlichen "Schelchen" von
Ohrgeschmeide, Halsbndern, Bracelets _et cetera_, da "einem das Herz
puppert," und dann die Brsseler Kanten um die wogende Schwanenbrust und
das gestickte Ballkleid und die durchbrochenen Strmpfe und die seidenen
Pariser Ballschuhe oder ein Neglig, wie aus dem leichtesten Schnee
gewoben, und dieses berrckchen und jenes Mntelchen und dieses
Spitzenhubchen, aus dem sich die goldenen Ringellckchen hervorstehlen. _O
sancta simplicitas_! Und ihr kneipt, um mich seiner Sprache zu bedienen,
ihr kneipt die Knie nicht zusammen, meine Damen, und wollet euch nicht halb
zu Tode lachen ber den kstlichen Spa, da ein preuischer Geheimer
Hofrat eurer Zofe ins Handwerk greift und euch vorrechnet, was man im
Putzladen der Madame Prellini haben kann? Leider, ihr lachet nicht! ihr
leset den allerliebsten Modebericht mit groer Andacht, ihr sprechet: das
ist doch einmal eine Lektre von Geschmack; nichts berirdisches,
Romantisches, _tout comme chez nous_, bis aufs Hemde hat er uns
beschrieben, der delizise Mann, der Clauren!

Ein drittes Ingredienz fr Mdchen sind die magnifiken Blle, die er
alljhrlich gibt. Hu! wie da getanzt wird, da das Herzchen "im
Vierundsechzigstel-Takt pulsiert!" Wie schn! Vornehme Damen, die bei
Prsidents A., bei Geheimrats B., bei dem Bankier C. oder gar bei Hofe
Zutritt haben, finden alles "haarklein" beschrieben von der Polonse bis
zum Kotillon. Arme Landfrulein, die nur in das nchste Stdtchen auf den
Kasinoball kommen knnen, lesen ihren Clauren nach; ihre Phantasie trgt
sie auf den herrlichen Ball bei Hof, und "der Himmel hngt ihnen voll
Geigen." Putzjungfern, welche Ballkleider verfertigen, ohne sich selbst
darin zeigen zu knnen, Kammermdchen, die ihre Dame zu dem Ball
"aufgedonnert" haben, nehmen beim Scheine der Lampe ihren Clauren zur Hand,
treten unter dem Tische mit den tanzlustigen Fen den Takt eines
Schnellwalzers und trumen sich in die glnzenden Reihen eines
Fastnachtballes! Treffliches Surrogat fr tanzlustige Seelen, kstliche
Stallftterung fr Schafe, die nicht auf der Weide hpfen knnen!

Als ein viertes treffliches Hauptingredienz fr liebevolle weibliche Seelen
ist das vollendete Bild eines Mannes, wie er sein soll, zu rechnen, das
Clauren zu geben versteht. In der Regel zeichnen sich diese Leute nicht
sehr durch hohe Verstandesgaben aus; doch wir wollen diesen Fehler an
Clauren nicht rgen; wo nichts ist, sagt ein altes Sprichwort, da hat der
Kaiser das Recht verloren. Statt des Verstandes haben die
Vergimeinnichtmnner herrliche Rabenlocken, einen etwas schwindschtigen
Teint, der sie aber schmachtend und interessant macht, unter fnf Fu sechs
Zoll darf keiner messen; krftige, mnnliche Formen, sprechende Augen, die
Hnde und Fe aber wie andere Menschen. Sie sind gerade so eingerichtet,
da man sich ohne weiteres auf den ersten Augenblick in sie verlieben mu.
Dabei sind sie meistens arm, aber edel, stolz, gromtig und heiraten
gewhnlich im fnften Akt. Auf welche edle weibliche Seele sollte ein
solcher Held neuerer Zeit nicht den wohltuendsten Eindruck machen, wenn sie
von ihm liest? Sie schnitzelt das Bild des Obergesellen oder Jagdschreibers
oder Apothekergehilfen, das sie im Herzen trgt, so lange zurecht, bis er
ungefhr gerade so aussieht wie der Allerschnste im allerneuesten
Jahrgange des allerliebsten Vergimeinnicht.

Fnftens: von schimmernden Lsters, von deckenhohen Trumeaus, von
herrlichen Sofas, von feengleicher Einrichtung, von Sepiamalerei und
dergleichen wre hier noch viel zu reden, wenn es die Mhe lohnte.

Gehen wir, andchtige Versammlung, ber zu den Ingredienzien und Zutaten
fr _Mnner_, so knnen wir hier leicht zwei Klassen machen: 1) Zutaten,
die das Auge reizen, 2) Zutaten, die den Gaumen kitzeln.

Unter Nro. 1 ist vor allem zu rechnen die Art, wie Clauren seine Mdchen
beschreibt. Um zuerst von ihrem geistigen Wert zu sprechen, so gilt hier
dasselbe, was von den Mnnern gesagt wurde; eine tiefe, edle, jungfruliche
Seele wei kein Clauren zu schildern, und wenn er es wte, so hat er ganz
recht, da er nie eine Thekla, eine Klotilde. oder ein Wesen, das etwa ein
Titan oder Horion lieben knnte, unter seiner Affenfamilie mittanzen lt.
Was das uere betrifft, so macht er es wie jener griechische Knstler, der
aus sieben schnen Mdchen sich eine Venus bilden wollte. Aber er vergit
den hohen Sinn, der in der Sage von dem Knstler liegt. Sechs zogen vorber
und zeigten dem entzckten Auge stolz die entfesselten Reize ihrer Jugend.
Die siebente, als die Gewnder fallen sollten, errtete und verhllte sich,
und der Knstler lie jene sechs vorbergehen und bildete nach diesem
Vorbild jungfrulicher Hoheit seine Gttin. Nicht also Clauren; die sechs
hat er wohl aufgenommen, der siebenten, als sie verschmt, verhllt,
errtend nahte, hat er die Tre verschlossen.

Und jetzt, meine Herren, setzet euch her, macht es euch bequem! Der groe
Meister gibt ja das Panorama aller weiblichen Reize. Siehe die entfesselten
Locken, die auf den Alabaster der Schultern niederfallen, siehe--doch wie?
Soll ich alle jene erhabenen, ausgesuchten Epitheta wiedergeben, die sich
mit Schnee, mit Elfenbein, mit Rosen gatten? Ich bin ein Mann und errte,
errte darber, da ein Mann aus der sogenannten guten Gesellschaft die
sittenlose Frechheit hat, alljhrlich ein ausfhrliches Verzeichnis von den
Reizen drucken zu lassen, die er bei seinem Weibe fand!

Als Tasso jene Strophen dichtete, worin die Gesandten Gottfrieds am Palast
der neuen Circe die Nymphen im See sich baden sehen, glaubet ihr, seine
reiche, glhende Phantasie htte ihm nicht noch lockendere Bilder,
reizendere Wendungen einhauchen knnen als einem Clauren? Doch er dachte an
sich, er dachte an die hohe, reine Jungfrau, fr die er seine Gesnge
dichtete, er dachte an seinen unbefleckten Ruhm bei Mit- und Nachwelt, und
siehe, die reichen Locken fallen herab und strmen um die Nymphen und
rollen in das Wasser, und der See verhllt ihre Glieder. Aber, _si parva
licet componere magnis_, was soll man zu jener skandalsen Geschichte
sagen, die H. Clauren in einem frheren Jahrgang des Freimtigen, eines
Blattes, das in so manchem huslichen Zirkel einheimisch ist, erzhlt?

Rechne man es nicht _uns_ zur Schuld, wenn wir Schndlichkeiten aufdecken,
die jahrelang _gedruckt_ zu lesen sind. Eine junge Dame kmmt eines Tages
auf Claurens Zimmer. Sie klagt ihm nach einigen Vorreden, da sie zwar seit
vierzehn _Tagen_ verheiratet, und glcklich _verheiratet_, aber durch einen
kleinen Ehebruch von einer Krankheit angesteckt worden sei, die ihr Mann
nicht ahnen drfe. H. Clauren erzhlt uns, da er der engelschnen Dame
gesagt, sie sei nicht zu heilen, wenn sie ihm nicht den Grad der Krankheit
_et cetera_ zeige. Die Dame entschliet sich zu der Prozedur. Ich dchte,
das Bisherige ist so ziemlich der hchste Grad der Schndlichkeit, zum
mindesten ein hoher Grad von Frechheit, dergleichen in einem
belletristischen Blatt zur Sprache zu bringen. Eine Dame, _glcklich_
verheiratet, seit vierzehn Tagen ein glckliches Weib und Ehebrecherin!
Aber nein! Der Faun hat hieran nicht genug; er ladet uns zu der Prozedur
selbst ein; er rckt den Sessel ans Fenster, er setzt die Dame in Positur,
er beschreibt uns von der Zehenspitze aufwrts seine Beobachtungen!!!

Ich wiederhole es, man kann von einem solchen Frevel nur zu sprechen wagen,
wenn er offenkundig geworden ist, wenn man die Absicht hat, ihn zu rgen.
Warum in einem ffentlichen Blatte etwas _erzhlen_, was man in guter
Gesellschaft nicht _erwhnen_ darf? Aber das ist H. Clauren, der geliebte,
verehrte, geachtete Schriftsteller, der Mann des Volkes. Schande genug fr
ein Publikum, das sich Schndlichkeiten dieser Art ungestraft erzhlen
lt!

In die eben erwhnte Kategorie von _berechnetem_ Augenreiz fr Mnner
gehren auch die Situationen, in welchen wir oft die Heldinnen finden. Bald
wird uns ausfhrlich beschrieben, wie Magdalis aussah, als sie zu Bette
gebracht wurde, bald weidet man sich mit Herrn Stern an Doralicens Angst,
zu _zwei_ schlafen zu mssen, bald hrt man Vally im Bade pltschern und
mchte ihrer naiven Einladung dahin folgen, bald sieht man ein
Kammermdchen im Hemde, das kichernd um Pardon bittet; der glhenden, durch
alle Nerven zitternden Ksse, der Blicke beim Tanze abwrts auf die
Wellenlinien der Tnzerinnen u. dgl. nicht zu gedenken; Honigworte fr
Leute, die nichts Hheres kennen als Sinnlichkeit, kstlich kandierte Zoten
fr einen verwhnten Gaumen, treffliches Hausmittel fr junge Wstlinge und
alte Gecken, die mit ihrer moralischen und physischen Kraft zu Rande sind,
um dem Restchen Leben durch diese Reizmittel aufzuhelfen!

Ein _zweites_ Reizmittel fr Mnner sind jene Zutaten, die den Gaumen
kitzeln. "Heda, Kellner, hieher sechs Flaschen des brsselnden Schaumweins!
Ha, wie der Kork knallend an die Decke fhrt! Eingeschenkt, lat ihn nicht
verrauchen! Jetzt fr jeden zwei, drei Dutzend Austern draufgesetzt!" Ist
diese Sprache nicht herrlich? Wird man nicht an Homer erinnert, der immer
so redlich angibt, was seine Helden verspeisten; freilich gab er ihnen nur
gewhnliches "Schweinefleisch", und die Weinsorten rhmt er auch nicht
besonders; aber ein Clauren ist denn doch auch etwas anderes als Homer; wer
wollte es bel nehmen, wenn er die Korke fliegen lt und Austern schmaust,
fnfhundert Stck zum ersten Anfang?

Ich kannte einen jener bedauernswrdigen Menschen, die man in glnzendem
Gewand, mit zufriedener Miene auf den Promenaden umherschlendern sieht. Ihr
haltet sie fr das glcklichste Geschlecht der Menschen, diese
Pflastertreter; sie haben nichts zu tun und vollauf zu leben. Ihr tuschet
euch; oft hat ein solcher Herr nicht so viel kleine Mnze, um eine einfache
Mittagskost zu bezahlen, und was er an groem Gelde bei sich trgt, kann
man nicht wohl wechseln. Einen solchen nun fragte ich eines Tages: "Freund,
wo speiset Ihr zu Mittag? Ich sehe Euch immer nach der Tafelzeit mit
zufriedener Miene die Strae herabkommen, mit der Zunge schnalzend oder in
den Zhnen stochernd; bei welchem berhmten Restaurant speiset Ihr?"

"Bei Clauren," gab er mir zur Antwort.

"Bei Clauren?" rief ich verwundert. "Erinnere ich mich doch nicht, einen
Straenwirt oder Garkoch dieses Namens in hiesiger Stadt gesehen zu haben."

"Da habt Ihr recht," entgegnete er; "es ist aber auch kein hiesiger,
sondern der Berliner, H. Clauren--"

"Wie, und dieser schickt Euch kalte Kche bis hieher?"

"Kalte und warme Kche nebst etzlichem Getrnke. Doch ich will Euch das
Rtsel lsen," fuhr er fort; "ich bin arm, und was ich habe, nimmt jhrlich
gerade das Schneiderkonto und die Rechnung fr Zuckerwasser im Kaffeehause
weg; nun bin ich aber gewhnt, gute Tafel zu halten; was fange ich in
diesen Zeiten an, wo niemand borgt und vorstreckt? Ich kaufe mir alle Jahre
von ersparten Groschen das herrliche Vergimeinnicht von H. Clauren, und
ich versichere Euch, das ist mir Speisekammer, Keller, Fischmarkt,
Konditorei, Weinhandlung, alles in allem. Ihr mt wissen, da in solchem
Bchlein auf zwanzig Seiten immer eine oder zwei, wie ich sie nenne,
Tafelseiten kommen. Ich sehe mich mittags mit einem Stck Brot, zu welchem
an Festtagen Butter kmmt, nebst einem Glase Wasser oder dnnem Biere an
den Tisch, speise vornehm und langsam, und whrend ich kaue, lese ich im
'Vergimeinnicht' oder in 'Scherz und Ernst.' Seine Tafelseiten werden mir
nun zu delikaten Suppentafeln; denn mein Teller ist nicht mehr mit
schlechtem Brot besetzt, meine Zhne malmen nicht mehr dieses magere
Gebck, nein, ich esse mit Clauren, und der Mann versteht, was gute Kche
ist. Was da an Fasanen, Gnseleberpasteten, Trffeln, an seltenen Fischen,
an--"

"Genug!" fiel ich ihm ein; "und Eure Phantasie lt Euch satt werden? Aber
knntet Ihr hiezu nicht das nchste beste Kochbuch nehmen? Ihr httet zum
mindesten mehr Abwechslung."

"Ei, da ist noch ein groer Unterschied! Sehet, das versteht Ihr nicht
recht; in den Kochbchern wird nur beschrieben, wie etwas gekocht wird;
aber ganz anders im Vergimeinnicht; da kann man lesen, wie es schmeckt.
Clauren ist nicht nur Mundkoch und Vorschneider, sondern er kaut auch jede
Schssel vor und erzhlt: so schmeckte es; und wie natrlich ist es, wenn
er oft beschreibt, wie diesem die Sauce ber den Bart herabgetrufelt sei,
oder wie jener vor Vergngen ber die Trffelpastete die Augen geschlossen!
berdies hat man dabei den herrlichsten Flaschenkeller gleich bei der Hand,
und wenn ich das Glas mit Dnnbier zum Munde fhre, schiebt er mir immer im
Geiste Trimadera, Bordeaux oder Champagner unter."

So sprach der junge Mann und ging weiter, um auf sein groes Claurensches
Traktement der Verdauung wegen zu promenieren.

Was ist Rumford gegen einen solchen Mann? sprach ich zu mir. Jener bereitet
aus alten Knochen krftige Suppen fr Arme und Kranke; ist aber hier nicht
mehr als Rumford und andere? Speist und trnkt er nicht durch eine einzige
Auflage des "Vergimeinnicht" fnftausend Mann? Wenn nur die Phantasie des
gemeinen Mannes etwas hher ginge, wie wohlfeil knnte man Spitler, ja
sogar Armeen verproviantieren! Der Spitalvater oder der respektive Leutnant
nhme das "Vergimeinnicht" zur Hand, liee seine Kompanie Hungernder
antreten, liee sie trockenes Kommisbrot speisen und wrde ihnen einige
Tafelseiten aus Clauren vorlesen.

Doch von solchen Torheiten sollte man nicht im Scherz sprechen; sie
verdienen es nicht; denn wahrer, bitterer Ernst ist es, da solche
Niedertrchtigkeit, solche Wirtshauspoesie, solche Dichtungen _ la carte_,
wenn sie ungergt jede Messe wiederkehren drfen, wenn man den gebildeten
Pbel in seinem Wahn lt, als wre dies das Manna, so in der Wste vom
Himmel fllt, die Wrde unserer Literatur vor uns selbst und dem Auslande,
vor Mit- und Nachwelt schnden!

Doch ich komme, meine verehrten Zuhrer, noch auf einen andern Punkt, den
man weniger Ingredienz oder Zutat, sondern _Sauce piquante_ nennen knnte;
das ist die _Sprache_. Man wirft nicht mit Unrecht den Schwaben und
Schweizern vor, da sie nicht sprechen, wie sie schreiben; aber wahrhaftig,
es gereicht H. Clauren zu noch grerem Vorwurf, da er so gemein schreibt,
wie er gemein und unedel zu sprechen und zu denken scheint. Man hat in
neuerer Zeit manches verschrobene und verschrnkte Deutsch lesen mssen;
waren es Wendungen aus dem fnfzehnten Jahrhundert, waren es Stze aus
einer spanischen Novelle, es wollte sich in unserer reichen, herrlichen
Sprache nicht recht schicken. Ohrzerreiend waren auch die Kompositionen,
die Vo nach Analogie Homer's vornahm; aber man kann Mnner dieser Art
hchstens wegen ihres schlechten Geschmacks bedauern, anklagen niemals;
denn es lag dennoch ein schner Zweck ihrem wunderlichen Handhaben der
Sprache zugrunde. Was soll man aber von der geflissentlichen Gemeinheit
sagen, womit der Erfinder der Mimilismanier seine Produkte einkleidet!
Knig Salomo, wenn er noch lebte, wrde diesen Menschen mit einem
Freudenmdchen vergleichen. Sie geht einher im Halbdunkel, angetan mit
kstlichen Kleidern, mit allerlei Flimmer und Federputz auf dem Haupte. Du
redest sie an mit Ehrfurcht; denn du verehrst in ihr eine wohlerzogene Frau
aus gutem Hause; aber sie antwortet dir mit wieherndem Gelchter, sie
gesteht, sie msse lachen, da "_sie der Bock stt_"; sie spricht in
Worten, wie man sie nur in Schenken und auf blauen Montagstnzen hren
konnte; sie enthllt sich, ohne zu errten, vor deinen Augen und spricht
Zoten und Ztchen dazu. Wehe deinem Geschmack, wehe dir selbst und deinem
sittlichen Wert, wenn dir nicht klar wird, da die, welche du fr eine
anstndige Frau gehalten, eine feile Dirne ist, bestimmt zum niedrigsten
Vergngen einer verworfenen Klasse!

Wozu ein langes Verzeichnis dieser Sprachsnden hieher setzen, da ja das
Buch, ber welches wir sprechen, der "Mann im Monde", ein lebendiges
Verzeichnis, ein vollstndiger Katalog seiner Worte, Wendungen, Farben und
Bilder ist? Es ist die Sauce, womit er seine widerlichen Frikasseen
anfeuchtet, und je mehr er ihr jenen echten Wildbretgeschmack zu geben
wei, der schon auf einer Art von Fulnis und Moder beruht, desto mehr sagt
sie dem verwhnten Gaumen seines Publikums zu.

Noch ist endlich ein Zuttchen und Ingredienzchen anzufhren, das er aber
selten anwendet, vielleicht weil er wei, wie lcherlich er sich dabei
ausnimmt; ich meine jene rhrenden, erbaulichen Redensarten, die als auf
ein frommes Gemt, auf christlichen Trost und Hoffnung gebaut erscheinen
sollen. Als uns der Fastnachtsball und das erbauliche Ende der Dame
Magdalis unter die Augen kam, da gedachten wir jenes Sprichworts: "Junge
H...n, alte Betschwestern"; wir glaubten, der gute Mann habe sich in der
braunen Stube selbst bekehrt, sehe seine Snden mit Zerknirschung ein und
werde mit Pater Willibald selig entschlafen. Das Tornister-Lieschen,
Vielliebchen und dergleichen berzeugten uns freilich eines andern, und wir
sahen, da er nur _per anachronismum_ den Aschermittwoch _vor_ der
Fastnacht gefeiert hatte. Wie aber im Munde des Unheiligen selbst das Gebet
zur Snde wird, so geht es auch hier; er schndet die Religion nicht
weniger, als er sonst die Sittlichkeit schndet, und diese heiligen,
rhrenden Szenen sind nichts anderes als ein wohlberlegter Kunstgriff,
durch Rhrung zu wirken; etwa wie jene Bettelweiber in den Straen von
London, die alle Vierteljahre kleine Kinder kaufen oder stehlen und mit den
unglcklichen Zwillingen seit zehn Jahren weinend an der Ecke sitzen.

Zum Schlusse dieses Abschnittes will ich euch noch eine kleine Geschichte
erzhlen. Es kam einst ein fremder Mensch in eine Stadt, der sich Zutritt
in die gute Gesellschaft zu verschaffen wute. Dieser Mensch betrug sich
von Anfang etwas linkisch, doch so, da man manche seiner Manieren
bersehen und zurechtlegen konnte. Er hielt sich gewhnlich zu den Frauen
und Mdchen, weil ihm das Gesprch der Mnner zu ernst war, und jene
lauschten gerne auf seine Rede, weil er ihnen Angenehmes sagte. Nach und
nach aber fand es sich, da dieser Mensch seiner gemeineren Natur in dieser
Gesellschaft wohl nur Zwang angetan hatte; er sprach freier, er schwatzte
den Ohren unschuldiger Mdchen Dinge vor, worber selbst die lteren htten
errten mssen. Wie es aber zu gehen pflegt: das Lsterne reizt bei weitem
mehr als das Ernste, Sittliche; zwar mit niedergeschlagenen Augen, aber
offnem Ohr lauschten sie auf seine Rede, und selbst manche Zote, die fr
eine Bierschenke derb genug gewesen wre, bewahrten sie in feinem Herzen.
Der fremde Mann wrde der Liebling dieses Zirkels. Es fiel aber den Mnnern
nach und nach auf, da ihre Frauen ber manche Verhltnisse freier dachten
als zuvor, da selbst ihre Mdchen ber Dinge sprachen, die sonst einem
unbescholtenen Kinde von fnfzehn bis sechzehn Jahren fremd sein mssen.
Sie staunten, sie forschten nach dem Ursprung dieser schlechten Sitten, und
siehe, die Frauen gestanden ihnen unumwunden: "Es ist der liebenswrdige,
angenehme Herr, der uns dieses gesagt hat." Viele der Mnner versuchten es
mit Ernst und Warnung, ihn zum Schweigen zu bringen; umsonst, er schttelte
die Pfeile ab und plauderte fort. Die Mnner wuten nicht, was sie tun
sollten; denn es ist ja gegen die Sitte der guten Gesellschaft, selbst
einen verworfenen Menschen die Treppe hinabzuwerfen. Da versuchte einer
einen andern Weg. Er setzte sich unter die Frauen und lauschte mit ihnen
auf die Rede des Mannes und merkte sich alle seine Worte, Wendungen, selbst
seine Stimme. Und eines Abends kam er, angetan wie jener Verderber, setzte
sich an seine Seite, lie ihn nicht zum Worte kommen, sondern erzhlte den
Frauen nach derselben Manier, mit nachgeahmter Stimme, wie es jener Mann zu
tun pflegte. Da fanden die Vernnftigeren wenigstens, wie lcherlich und
unsittlich dies alles sei. Sie schmten sich, und als jener Mensch dennoch
in seinem alten Ton fortfahren wollte, wandten sie sich von ihm ab; er aber
stand beinahe allein und zog beschmt von dannen.

"Wo Ernst nicht hilft, da nimm den Spott zur Hilfe," dachte jener, und wohl
ihm, wenn es ihm gelang, den Wolf im Schafskleide zu verjagen!

Meine Freunde! Dasselbe, was in dieser Geschichte erzhlt ist, dasselbe
wollte auch der "Mann im Mond", und das war ja unsere erste Frage: er
wollte den Erfinder der Mimili-Manier zu Nutz und Frommen der Literatur und
des Publikums, zur Ehre der Vernunft und Sitte lcherlich machen.

Wie er diesen Zweck verfolgte, ob es ihm gelingen _konnte_, ist der
Gegenstand der folgenden Fragen.




II.

Haben wir bisher nachgewiesen und darber gesprochen, welchen Zweck der
"Mann im Monde" zu verfolgen hatte, indem wir den Gegenstand, gegen welchen
er gerichtet war, nach allen Teilen auseinandersetzten, so kommt es uns zu,
andchtig miteinander zu betrachten, wie er diesen Zweck verfolgte.

Es gibt verschiedene Wege, wie schon in der Parabel vom angenehmen Mann
angedeutet ist, verschiedene Wege, um ein Laster, eine bse Gewohnheit oder
unsittliche Ansichten aus der sittlichen Gesellschaft zu verbannen. Das
erste und natrlichste bleibt immer, einen solchen Gegenstand mit Ernst,
mit Grnden anzugreifen, seine Anhnger von ihrem Irrtum zu berfhren,
seine Ble offen vor das Auge zu bringen. Diesen Weg hat man auch mit dem
Claurenschen Unfug zu wiederholten Malen eingeschlagen. Ihr alle, meine
Zuhrer, kennet hinlnglich jene ffentlichen Gerichte der Literatur, wo
die Richter zwar, wie bei der heiligen Feme, verhllt und ohne Namen zu
Gericht sitzen, aber unverhllt und unumwunden Recht sprechen; ich meine
die Journale, die sich mit der Literatur beschftigen. Wie es in aller Welt
bestechliche Richter gibt, so auch hier. Es gab einige freilich an
Obskurantismus laborierende Bltter, welche jedes Jahr eine Fanfare bliesen
zu Gunsten und Ehren Claurens und seines Neugeborenen. Dem Vater wie dem
Kindlein wurde gebhrendes Lob gespendet und das Publikum eingeladen,
einige Taler als Patengeschenk zu spendieren. Doch zur Ehre der deutschen
Literatur sei es gesagt, es waren und sind dies nur einige Winkelbltter,
die nur mit Modeartikeln zu tun haben.

Bessere Bltter, bessere Mnner als jene, die um Geld lobten, scheuten sich
nicht, so oft Claurens Muse in die Wochen kam, das Produkt nach allen
Seiten zu untersuchen und der Welt zu sagen, was davon zu halten sei. Sie
steigerten ihre Stimme, sie erhhten ihren Tadel, je mehr die Lust an jenen
Produkten unter euch berhand nahm; sie bewiesen mit triftigen Grnden, wie
schndlich eine solche Lektre, wie entwrdigend ein solcher Geschmack sei,
wie entnervend er schon zu wirken anfange. Manch herrliches Wort wurde da
ber die Wrde der Literatur, ber wahren Adel der Poesie und ber euch
gesprochen, die ihr nicht errtet, ihm zu huldigen, die ihr so verstockt
seid, das Hliche _schn_, das Unsaubere _rein_, das Kleinliche _erhaben_,
das Lcherliche _rhrend_ zu finden. Woran lag es aber, da jene Worte wie
in den Wind gesprochen scheinen, da, so oft sich auch Mnner von wahrem
Wert _dagegen_ erklrten, die Menge immer mehr Partei _dafr_ nahm? Man
mte glauben, der Herr habe ihre Herzen verstockt, wenn sich nicht noch
ein anderer Grund fnde.

Jene Institute fr Literatur, die kein Volk der Erde so allgemein, so
grndlich aufzuweisen hat wie wir, jene Journale, wo auch das Kleinste zur
Sprache kommt und nach Gesetzen beurteilt wird, die sich auf Vernunft und
wahren Wert der Kunst und Wissenschaft grnden,--sie sind leider nur fr
wenige geschrieben! Wer liest sie? Der Gelehrte, der Brger von wahrer
Bildung, hin und wieder eine Frau, die sich ber das Gebiet der
Leihbibliothek erhoben hat. Ob aber Clauren fr _diese_ schreibt? Ob seine
Manier _diesen_ schdlich wird? Ob sie ihn nur lesen? Und wenn sie ihn
lesen, wird ihnen die Stufe von Bildung, auf welcher sie stehen, nicht von
selbst den Takt verleihen, um das Verwerfliche einzusehen? Und wenn unter
hundert Menschen, welche lesen, sogar zehn wren, die sich aus jenen
Instituten unterrichten, verhallt nicht eine solche Stimme bei neunzig
andern?

So kam es, da Clauren zu wiederholten Malen angegriffen, getadelt,
gescholten, verhhnt, bis in den Staub erniedrigt wurde; er--schttelte den
Staub ab, antwortete nicht, ging singend und wohlgemut seine Strae. Wute
er doch, da ihm ein groes, ansehnliches Publikum geblieben, zu dessen
Ohren jene Stimmen nie drangen; wute er doch, da, wenn ihn der ernste
Vater mit Verachtung vor die Tre geworfen wie einen rudigen Hund, der
seine Schwelle nicht verunreinigen soll, das Tchterlein oder die Hausfrau
eine Hintertre willig ffnen werde, um auf die Honigworte des angenehmen
Mannes zu lauschen, der Ernst und Scherz so lieblich zu verbinden wei, und
ihm von den ersparten Milchpfennigen ein Struchen Vergimeinnicht
abzukaufen.

Man knnte sich dies gefallen lassen, wenn es sich um eine gewhnliche
Erscheinung der Literatur handelte, die in Blttern ffentlich getadelt
wird, weil sie von den gewhnlichen Formen abweicht oder unreif ist oder
nach Form und Inhalt den sthetischen Gesetzen nicht entspricht. Hier kann
hchstens die Zeit, die man der Lektre einer Gespenstergeschichte oder
eines ehrlichen Ritterromans widmete, bel angewendet scheinen, oder der
Geschmack kann darunter leiden. Solange fr die jugendliche Phantasie, fr
Sittlichkeit keine Gefahr sich zeigt, mgen immer die Richter der Literatur
den Verfasser zurechtweisen, wie er es verdient; das allgemeine Publikum
wird freilich wenig Notiz davon nehmen. Wenn aber nachgewiesen werden kann,
da eine Art von Lektre die grtmgliche Verbreitung gewinnt, wenn sie
diese gewinnt durch Unsittlichkeit, durch Lsternheit, die das Auge reizt
und dem Ohr schmeichelt durch Gemeinheit und unreines Wesen, so ist sie ein
Gift, das um so gefhrlicher wirkt, als es nicht schnell und offen zu
wirken pflegt, sondern allmhlich die Phantasie erhitzt, die Kraft der
Seele entnervt, den Glauben an das wahrhaft Schne und Edle, Reine und
Erhabene schwcht und ein Verderben bereitet, das bedauerungswrdiger ist
als eine krperliche Seuche, welche die Blte der Lnder wegrafft.

Ich habe euch vorhin ein Bild entworfen von dem Wesen und der Tendenz
dieses Clauren, nach allen Teilen habe ich ihn enthllt, und wer unter euch
kann leugnen, da er ein solches Gift verbreite? Wer es kann, der trete auf
und beschuldige mich einer Lge! Mnner meines Volkes, die ihr den wahren
Wert einer schnen, krftigen Nation nicht verkennt, Mnner, die ihr die
Phantasie eurer Jnglinge mit erhabenen Bildern schmcken wollt, Mnner,
die ihr den keuschen Sinn einer Jungfrau fr ein hohes Gut erachtet, ihr,
ich wei es, fhlet mit mir. Aber ihr mt auch gefhlt, gesehen haben, da
jene ffentlichen Stimmen, die den Marktschreier rgten, der den
Verblendeten Gift verkauft, nicht selten in eure Huser gedrungen sind. Ich
habe gefhlt wie ihr, und der Ausspruch jenes alten Arztes fiel mir bei:
_"Gegen Gift hilft nur wieder Gift."_ Ich dachte nach ber Ursache und
Wirkung jener Mimili-Manier, ich betrachtete genau die Symptome, die sie
hervorbrachte, und ich erfand ein Mittel, worauf ich Hoffnung setzte. Aus
denselben Stoffen, sprach ich zu mir, mut du einen Teig kneten, mut ihn
wrzen mit derselben Wrze, nur reichlicher berall, nur noch pikanter; an
diesem Backwerk sollen sie mir kauen, und wenn es ihnen auch dann nicht
widersteht, wenn es ihnen auch dann nicht wehe macht, wenn sie an _dieser_
"Trffelpaste", an _diesem_ "Austernschmaus" keinen Ekel fassen, so sind
sie nicht mehr zu kurieren, oder--es war nichts an ihnen verloren.

Zu diesem Zweck scheute ich nicht die Mhe, die reiche Bibliothek von
"Scherz und Ernst", die ppig wuchernde Sumpfpflanze "Vergimeinnicht" nach
allen ihren Teilen zu studieren. Je weiter ich las, desto mehr wuchs mein
Grimm ber diese nichtige Erbrmlichkeit. Es war eine schreckliche Arbeit;
alle seine Kunstworte (_termini technici_), alle seine Wendungen, alle
seine Schnrkel und Arabesken, jene Kostms, worein er seine Pppchen
hllt, alle Nancen der Sinnlichkeit und Lsternheit, jenen feinen,
durchsichtigen Schleier, womit er dem Auge mehr _zeigt_ als _verhllt_,
alle Schattierungen seines Stils, jenes kokettierende Abbrechen, jenes
Hindeuten auf Gegenstnde, die man verschweigen will, dies alles und so
vieles andere mute ich suchen, mir zu eigen zu machen. Ich mute einkehren
auf seinen Bllen, bei seinen Schmusen, ich mute einkehren in seiner
Garkche und die rauchenden Pasteten, den dampfenden Braten, den
schmorenden Fisch beriechen, alle Sorten seiner Weine mut' ich kosten,
mute den Kork zur Decke springen lassen, mute die "_brsselnden Blschen
im Lilienkelchglas auf- und niedertanzen_" sehen--und dann erst konnte ich
sagen, ich habe den Clauren studiert.

Dann erfand ich eine Art von Novelle in der Manier, wie Clauren sie
gewhnlich gibt, etwas mager, nicht sehr gehaltvoll und dennoch zu zwei
Teilen lang genug. Notwendiges Requisit war nach den oben angedeuteten
Gesetzen 1. ein junger, schmchtiger, etwas bleicher, rabengelockter Mann,
unglcklich, aber steinreich; 2. die Heldin des Stcks, ein tanzendes,
plauderndes, naives, schnes, lsternes, mitleidiges "Dingelchen", dem das
Herzchen alsbald vor Liebe "puppert", dem die Liebe alles Blut aus dem
Herzen in die Wangen "pumpt". (Welch gemeines Bild, von einem Weinfa
entlehnt, eines Kfers wrdig!) 3. ein _Spiritus familiaris_, wie wir ihn
beinahe in allen Claurenschen Geschichten treffen, ein altes, freundliches
"Kerlchen", das den Liebenden mit Rat und Tat beisteht; 4. ein neutraler
Vater, der zum wenigsten Prsident sein mu; 5. ein paar Furien von
Weibern, die das bse, eingreifende Schicksal vorstellen; 6. einige
Husarenleutnants und Dragoneroffiziere, nach seinen Modellen abkonterfeit;
7. ein alter Onkel, der mit Geld alles ausgleicht; 8. Bediente, Wirte _et
cetera_. So waren die Personen arrangiert, das Stck zu Faden geschlagen,
und jetzt mute gewoben werden. Hier mute nun hauptschlich Rcksicht
darauf genommen werden, da man sein Dessein immer im Auge behielt, da man
immer daran dachte, wie wrde er, der groe Meister, dies weben? Das Gewebe
mute locker und leicht sein, keiner der Charaktere zu sehr herausgehoben
und schattiert. Es wre z. B. ein leichtes gewesen, aus Ida eine ganz
honette, wrdige Figur zu machen; der Charakter des Hofrat Berner htte mit
wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden knnen; man htte aus der ganzen
Novelle ein mehr gerundetes, wrdiges Ganze machen knnen! Aber dann--war
der Zweck verfehlt. So flach als mglich muten die verschiedenen
Charaktere auf der Leinwand stehen, steif in ihren Bewegungen, bertrieben
in ihrem Herzeleid, grell in ihren Leidenschaften, sinnlich, _sinnlich_ in
der Liebe. Jene Novelle an sich hat keinen Wert, und dennoch hat es mich
oft in der Seele geschmerzt, wenn ich eines oder das andere der gesammelten
"Zuttchen" einstreuen, wenn ich von keuschem Marmorbusen, stolzer
Schwanenbrust, jungfrulichen Schneehgeln, Alabasterformen _et cetera_
sprechen mute, wenn ich nach seinem Vorgange von schnen von sen "K--"
(was nicht _Kche_ bedeutet), von wollstigen Trumen schreiben sollte,
wenn die Liebesglut zur Sprache kam, die dem "jungfrulichen Kind" wie
glhendes Eisen durch alle Adern rinnt, da sie alle andern Tcher wegwirft
und die leichte Bettdecke herabschieben mu! Ich habe gelacht, wenn ich
nach Anleitung seines _Gradus ad Parnassum_ als Beiwort zu den Haaren
"kohlrabenschwarz" oder "Flachspercke" setzen mute, wenn man statt der
Augen "Feuerrder" oder "Liebessterne" hat, "Korallenlippen",
"Perlenschnre" statt der Zhne, Schwanenhlse samt _dito_ Brust, Knie, die
man zusammen "kneipt", weil man vor Lachen "bersten" mchte; Wd--und
Fchen zum K--und dergleichen lcherlich gemeine Worte. Nachdem gehrig
_getollt, gejodelt, getanzt, geweint, abgehrmt_ war, nachdem, wie
natrlich, das Laster besiegt und die Tugend in einem herrlichen
Schleppkleide, mit Brsseler Kanten, Blumen im Haare, auf die Bhne gefhrt
war, wurden als Morgengabe mehrere Millionen Taler, einige Schlsser,
Parks, Grnde _et cetera_ aufnotiert und Hochzeit gehalten. Da gab es nun
ein "erschreckliches Hallo, da man nicht wute, wo einem der Kopf stand";
es wurde trefflich gespeist und getrunken und das selige Liebespaar beinahe
bis in die Brautkammer befrdert.

Das ist der Ur- und Grundstoff, wie zu jedem Claurenschen Roman, so auch
zum "_Mann im Mond_"; auf diese Art suchte er seinen Zweck zu erreichen,
durch bersttigung Ekel an dieser Manier hervorzubringen; die Satire
sollte ihm Gang und Stimme nachahmen, um ihn vor seinen andchtigen
Zuhrern lcherlich zu machen. Mit Vergngen haben wir da und dort bemerkt,
da der "Mann im Mond" diesen Zweck erreichte. Jeder vernnftige,
unparteiische Leser erkannte seine Absicht, und, Gott sei es gedankt, es
gab noch Mnner, es gab noch edle Frauen, die diese ffentliche Rge der
Mimili-Manier gerecht und in der Ordnung fanden.

ffentliche Bltter, deren ernster, wrdiger Charakter seit einer Reihe von
Jahren sich gleich blieb, haben sich darber ausgesprochen, haben gefunden,
da es an der Zeit sei, dieses geschmacklose, unsittliche, verderbliche
Wesen an den Pranger zu stellen. Tadle mich keiner, ehrwrdige Versammlung,
da ich, ein junger Mann ohne Verdienste, ohne Ansprche auf Sitz und
Stimme in der Literatur, es wagte, den Hochberhmten anzugreifen. Steht
doch jedem Leser das Recht zu, seine Meinung ber das Gelesene, auf welche
Art es sei, ffentlich zu machen; steht doch jedem Mann in der brgerlichen
Gesellschaft das Recht zu, ber Erscheinungen, die auf die Bildung seiner
Zeitgenossen von einigem Einflu sind, zu sprechen.

Ich bin weit entfernt, mich mit dem groen jdischen Knig und Harfenisten
_David_ vergleichen zu wollen; aber hat nicht der Sohn Isais, obgleich er
jung und ohne Namen im Lager war, dem Riesen Goliath ein steinernes
_Vergimeinnicht_ an die freche Stirne geworfen, ihm in _Scherz_ und
_Ernst_ den Kopf abgehauen und solchen als _Lustspiel_ vor sich hertragen
lassen? Mir freilich haben die Jungfrauen nicht gesungen: "Er hat
Zehntausend geschlagen" (worunter man die Zahl seiner Anhnger verstehen
knnte); denn die Jungfrauen sind heutzutage auf der Seite des Philisters;
natrlich, er hat ja, wie Asmus sagt,

  "--Federn auf dem Hut
   und einen Klunker dran."

Selbst die jdischen Rezensenten haben sich undankbarerweise gegen mich
erklrt. Leider hat ihre Stimme wenig zu bedeuten in Israel.

Gehen wir aber, in Betrachtung, wie es dem Mondmann auf der Erde erging,
weiter, so stoen wir auf einen ganz sonderbaren Vorfall. Als dieses Buch,
dem neben der Weise und Sprache des Erfinders der Mimili-Manier auch sein
angenommener Name nicht fehlen durfte, in alle vier Himmelsgegenden des
Landes ausgegeben wurde, erwarteten wir nicht anders, als Clauren werde
"geharnischt bis an die Zhne" auf dem Kampfplatz der Kritik erscheinen,
uns mit Schwert und Lanze anfallen, seine Knappen und dienenden Reisigen
zur Seite. Wir freuten uns auf diesen Kampf; wir hatten ja fr eine gute
Sache den Handschuh ausgeworfen. Vergebens warte ten wir. Zwar erklrte er,
was schon auf den ersten Anblick jeder wute, dieser "Mann im Mond" sei
nicht sein Kind; aber statt, wie es einem berhmten Literator, einem
namhaften Belletristen geziemt htte, wie es sogar seine Ehre gegenber von
seinen Anbetern und Freunden verlangte, ffentlich vor dem Richterstuhl
literarischer Kritik, nach sthetischen Gesetzen sich zu verteidigen,
begngte er sich, als Gegengewicht das "Tornister-Lieschen" auf die
Wagschale zu legen, und ging hin, vor den _brgerlichen Gerichten zu
klagen, man habe seinen Namen gemibraucht. Hatte man denn die paar
Buchstaben _H. Clauren_ angegriffen? War es nicht vielmehr seine heillose
Manier, seine sittenlosen Geschichten, sein ganzes unreines Wesen, was man
anfocht? Konnten Schppen und Beisitzer eines brgerlichen Gerichts ihn
rein machen von den literarischen Snden, die er begangen? Konnten sie mit
der Flut von Tinte, die bei diesem Vorfall verschwendet wurde, ihn
reinwaschen von jedem Fleck, der an ihm klebte? Konnten sie ihm, indem sie
ihm ihr brgerliches Recht zusprachen, eine Achtung vor der Nation
verschaffen, die er lngst in den Augen der Gutgesinnten verloren? Konnten
sie, indem sie genugsam Sand auf das Geschriebene streuten, das, was er
geschrieben, weniger schlpfrig machen?

Wenn aber, andchtige Versammlung, der Gerichtshof H. Clauren als wirklich
vorhanden angenommen hat, so hat er damit nur erklrt, da man Claurens
Namen nicht fhren drfe, da es unrechtmigerweise geschehen sei,
da man die acht Buchstaben, die das _non ens_ bezeichneten,
H. C. l. a. u. r. e. n., in derselben Reihenfolge auch auf ein anderes
Werk gesetzt habe. In einer andern Reihenfolge wre es also durchaus nicht
unrecht gewesen, und wie viele Anagramme sind nicht aus jenen mystischen
acht Buchstaben zu bilden! z. B. _Hurenlac_ oder _Harnceul_. Der Geheime
Hofrat Carl Heun bezeugt eine auerordentliche Freude ber diesen Spruch
und glaubt, somit sei die ganze Sache abgetan und _er habe_ recht. Wie
tuscht sich dieser gute Mann! War denn jene Satire, "der Mann im Mond",
gegen seinen angenommenen Namen gerichtet?--Namen, Herr, tun nichts zur
Sache; der Geist ist's, auf den es abgesehen war. Und die Richter vom
Elinger Gerichtshof konnten und wollten _diese_ entscheiden, ob die
Tendenz, die Sprache, das ganze Wesen von Seiner Wohlgeboren Schriften
sittlich oder unsittlich sei, ob sie Probe halten vor dem Auge, das
nach kritischen Gesetzen urteilt und nach den Vorschriften der sthetik,
in welches Gebiet doch die Schriften eines Clauren gehren? Der _Name_,
nicht die _Sache_ konnte nach brgerlichen Gesetzen unrecht sein; aber
versuche er einmal, nachdem er mit Glck seinen _Namen_ verfochten,
auch seine _Sache_, den Geist und die Sprache seiner Schriften zu
verteidigen!--Bedenke:

  "Auch das Schne mu sterben, das Menschen und Gtter entzckte;
   Doch das Gemeine steigt lautlos zum Orkus hinab."

Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz so manchem Vergimeinnicht
_vergessen_ sein wird; denn nach wenigen Jahrzehnten verschwindet der
_Scherz_, und _ernst_ richtet die Nachwelt. Da wird man fragen, von welchem
Einflu war dieser Name aus seine Mitwelt? Was hat er fr die Wrde seiner
Nation, fr den Geist seines Volkes getan? Und--man wird nach Werken, nicht
nach Worten richten.

Bei den alten gyptern war es Sitte, wenn man die Knige der Erde
wiedergab, Gericht zu halten ber ihre Taten. Man hat in unseren Tagen
diese schne Sitte erneuert, so oft einer unter den Dichtern, den Knigen
der Phantasie, hinbergegangen war. ber Jean Paul vernahmen wir das schne
merkwrdige Wort. "Gute Bcher sind gute Taten!" Wird man von Clauren
dasselbe sagen?

Doch genug davon! Noch hat weder Clauren, noch ein Gerichtshof der Erde den
"Mann im Mond" nach seinem innern Wesen widerlegt; wir sind begierig, ob
und wie es geschehen werde.

Und nun zum Schlusse noch ein Wort an euch, verehrte Zuhrer! Habt ihr bis
hierher mir aufmerksam zugehrt, so danke ich euch herzlich; denn ihr
wisset jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen wrde es mich brigens, wenn
ihr mich dennoch nicht verstndet, nicht recht verstndet. Es mchte
vielleicht mancher mit unzufriedener Miene von mir gehen und denken: der
Tor predigt in der Wste; sollen wir denn jeglichem heiteren Geistesgenu
entsagen, sollen wir so ganz asketisch, leben, da unsere Taschenlektre
Klopstocks Messias werden soll?

Mitnichten! und es wre Torheit, es zu verlangen; als der Schpfer dem
Sterblichen Witz und Laune, Humor und Empfnglichkeit fr Freude in die
Seele go, da wollte er nicht, da seine Menschen trauernd und stumm ber
seine schne Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten groe Geister gegeben,
die es nicht fr zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen die Natur
verlieh, die Welt um sich her aufzuheitern. Nein, gerade weil sie den
tiefen Ernst des Lebens und seine hohe Bedeutung kannten, gerade deswegen
suchten sie von diesem Ernste--trben Sinn und jene Traurigkeit zu
verbannen, die alles, auch das Unschuldigste, mit Bitterkeit mustert.
Wirkliche Tiefe mit Humor, Wahrheit mit Scherz, das Edle und Groe mit dem
heiteren Gewand der Laune zu verbinden, mchte auf den ersten Anblick
schwer erscheinen. Aber England und Deutschland haben uns seit
Jahrhunderten so glnzende Resultate gegeben, da wir glauben drfen, wenn
nur der Geschmack der Menge besser wre, der Geister, die sie wrdig und
angenehm zu unterhalten wten, wrden immer mehrere auftauchen. Welchen
Mann, der nicht allen Sinn fr Scherz und muntere Laune hinter sich
geworfen hat, welchen Mann ergtzt nicht die Schilderung eines sonderbaren,
verschrobenen Charakters? Wer erfreut sich nicht an heiteren Szenen, wo
nicht der _Verfasser_ lacht, sondern die Figuren, die er uns gezeichnet?
Wem, wenn er auch jahrelang nicht gelchelt htte, mten nicht Jean Pauls
Prgelszenen ein Lcheln abgewinnen? Auf der Stufenleiter seines Humors
steigt er herab bis in das unterste, gemeinste Leben; aber sehet ihr ihn
jemals gemein werden, wie Clauren auf jeder Seite ist? Walter Scott, der
Mann des Tages, der aus manchem Herzen selbst die Wurzel des
"Vergimeinnicht" gerissen hat, Walter Scott treibt sich in den gemeinsten
Schenken des Landes, in den schmutzigsten Hhlen von Alsatia umher; aber
sehet ihr ihn jemals gemein werden? Wei er nicht, wie jene
niederlndischen Knstler, sogar das Unsauberste zu malen, ohne dennoch
selbst unreinlich und schlpfrig zu sein? Knnet ihr nicht seine
Schilderungen, selbst an das Gefhrliche streifende Situationen, jedem
Mdchen von Zucht und Sitte vorlesen, ohne sie dennoch errten zu machen?

Solche Mnner kommen mir vor wie anstndige Leute, die durch eine
schmutzige Strae in gute Gesellschaft gehen sollen. Sie treten leise auf,
sie wissen mit sicherem Fue die breiten Steine herauszufinden und treten
reinlich in den Hausflur, whrend Menschen wie Clauren, wilden Jungen oder
Schweinen gleich, durch dick und dnn laufen und, nicht zufrieden, sich
selbst beschmutzt zu haben, die Vorbergehenden besudeln und mit Kot
bespritzen.

Noch gibt es, Gott sei es gedankt, solcher reinlichen Leute genug in
unserer Literatur, gibt es der Mnner viele, die mit Wahrheit und Wrde
jene Anmut, jene Laune verbinden, die euch in trben Stunden freundlich zu
Hilfe kommt. Oder solltet ihr vergessen haben, da uns ein Goethe, ein Jean
Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzhlungen gaben, die sich mit jeder
Dichtung des Auslandes messen knnen? Hat euch der Vergimeinnicht-Mann so
gnzlich gefesselt, da ihr die schnen Blten zahlreicher anderer Erzhler
nicht einmal vom Hrensagen kennt? Freilich, diese Mnner verschmhten es,
ihre Blumen am Sumpf zu brechen oder ihre Farben mit dem Wasser einer
Pftze zu mischen; sie fhlten, da der Entwurf ihrer Gemlde anziehend und
interessant, da die Stellung der Gruppen nach natrlichen Gesetzen zu
ordnen sei, da selbst das Neue, berraschende angenehm fr das Auge sein
msse. Zeichnung der Landschaft, nicht der Spiegel und Sofas, Schilderung
der Charaktere, nicht der Hte und Gewnder, der Geist einer Jungfrau,
nicht der ppige Bau ihrer Glieder war ihnen die Hauptsache. Und darum
knnen wir auch ihre Bilder, wie jedes gute Buch, alle Jahre mit erneuertem
Vergngen lesen, whrend uns der _Berhmte_ schon nach der ersten
Viertelstunde anekelt.

Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England angefangen, unsere
Literatur hochzuschtzen. Die Englnder fanden einen Ernst, eine Tiefe, die
ihnen bewunderungswrdig schien. Die Franzosen fanden eine Anmut, eine
Natrlichkeit in gewissen Schilderungen und Gemlden, die sie selbst bei
ihren ersten Geistern selten fanden. Faust, Gtz und so manche herrliche
Dichtung Goethes sind ins Englische bertragen worden, seine Memoiren
entzcken die Pariser, Tiecks und Hofsmanns Novellen fanden hohe Achtung
ber dem Kanal, und Talma rstet sich, Schillers tragische Helden seiner
Nation vor das Auge zu fhren. Wir Deutschen handelten bisher von jenen
Lndern ein, ohne unsere Produkte dagegen ausfhren zu knnen. Mit Stolz
drfen wir sagen, da die Zeit dieses einseitigen Handels vorber ist.

Aber mssen wir nicht errten, wenn es endlich einem ihrer bersetzer,
aufmerksam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfllt, ein
"Vergimeinnichtchen" ber ein Bndchen von "Scherz und Ernst" zu
bertragen? Mit Recht knnt' er in einer pompsen Anzeige sagen: "Das ist
jetzt der Mann des Tages in Deutschland, er macht Furor, _den_ mt ihr
lesen!" Meinet ihr etwa, man sei dort auch so nachsichtig gegen
Lcherlichkeit und Gemeinheit, um diese Geschichtchen nur ertrglich zu
finden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von unserem soliden
Geschmack bekommen, wenn sie den ganzen Apparat einer Tafel oder ein
Mdchen mit eigentmlichen Kunstausdrcken anatomisch beschrieben fanden?
Oder, wenn der bersetzer in unserem Namen errtet, wenn er alle jene
obsznen Beiworte, alle jene kleinlichen Schnrkel streicht und nur die
interessante Novelle gibt, wie Herr N. die Demoiselle N. N. heiratet, was
wird dann brig sein?

Schneidet einmal dieser Puppe ihre kohlrabenschwarzen Ringellckchen ab,
pret ihr die funkelnden Liebessterne aus dem Kopfe, reit ihr die
Perlenzhne aus, schnallet den Schwanenhals nebst Marmorbusen ab, leget
Schals, Hte, Federn, Unter- und Oberrckchen, Korsettchen _et cetera_ in
den Kasten, so habt ihr dem lieben, herrlichen Kinde die _Seele_ genommen,
und es bleibt euch nichts als ein hlzerner Kadaver, das Knochengerippe von
Freund Heun!

Und wenn ihr euch nicht vor fremden Nationen schmet, wenn ihr ber das
deutsche Publikum nicht errten knnet, so errtet vor euch selbst! Schmet
euch, ihr Mnner, wenn ihr eure Langweile nicht anders tten knnet als mit
Hilfe dieses Clauren! Schmet euch, ihr Frauen, wenn ihr Gefallen finden
knnet an dieser niedrigsten Darstellung eures Geschlechtes! Schmet euch,
ihr Jnglinge, wenn ihr wahre Liebe in diesem Handbuche der Sinnlichkeit
wiederfinden wollet! Errtet, wenn ihr es in seiner Schule nicht verlernt
habt, errtet vor euch selbst, ihr Jungfrauen, eure Phantasie mit diesen
lsternen Bildern zu schmcken! Es gibt eine moralische Keuschheit, eine
holde, erhabene Jungfrulichkeit der Seele. Man darf darauf rechnen, da
ein Mdchen sie verloren hat, wenn sie Claurens Erzhlungen gelesen.

berlasset seine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu verlieren
ist. Man wird es ihnen so wenig belnehmen, wenn sie ihn lesen, als den
Handwerksburschen, wenn sie auf der Strae unzchtige Lieder singen.

Meine Zuhrer! Ich habe also vor euch gesprochen, weil ich nicht anders
konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge ist
vielleicht so tief gesunken, da sie nicht mehr an solche Worte glaubt;
meine Stimme verhallt vielleicht in dem tausendstimmigen Hurra, womit man
in diesem Augenblick einen frischen Strau "Vergimeinnicht" empfngt.

Doch, wenn meine Worte auch nur auf einem Antlitz jene Rte der Scham
aufjagten, die wie die Morgenrte der Bote eines schneren Lichtes ist,
wenn auch nur zwei, drei Herzen entrstet sich von ihm abwenden, so habe
ich fr mein Bewutsein genug getan! Wei ich doch, da es in diesen Landen
noch Mnner gibt, die mir im Geiste danken, die mir die Hand drcken und
sagen: "Du hast gedacht wie wir!" Amen.



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM MOND***


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